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Romantische Bibliothek - Folge 043

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Sie war die Schönste auf dem Ball
  4. Vorschau

Sie war die Schönste auf dem Ball

Glück und Tragik eines unschuldigen Mädchenherzens

Von Angelika Graf

Daniela von Birkensee ist unglücklich in den jungen, gut aussehenden Grafen Wulfried von Tassingen verliebt. Doch der Schürzenjäger ist bereits mit Sieglinde von Ebenstein verlobt. Die wiederum ahnt nicht, dass er es nur auf die hübsche Mitgift abgesehen hat und sein Bruder Hartwig derjenige ist, der sie unsterblich liebt.

Die Situation spitzt sich zu, als es auf einem rauschenden Ball im Hause Tassingen zu einem tragischen Unfall kommt, in dessen Folge Daniela von Birkensee unvermittelt in Wulfrieds Armen landet. Mitten in der Nacht und nur mit einem Nachthemd bekleidet …

Der Skandal ist perfekt. Um nicht das Gesicht zu verlieren, sieht sich Wulfried gezwungen, Daniela einen Antrag zu machen – und damit beginnt das Chaos erst recht.

„Ist etwas Wichtiges dabei?“, fragte Gräfin Birkensee ihren Mann, der die Post entgegengenommen hatte.

Sie war neugierig, und obwohl sie sich dieser Schwäche bewusst war, konnte sie sie beim besten Willen nicht unterdrücken.

Prompt zuckte das kleine Lächeln um die Lippen des Grafen, das Gräfin Julia nicht besonders liebte. Es zeigte ihr nämlich, dass der Mann, der ihr immer noch unendlich viel bedeutete, sie bisweilen nicht ganz ernst nahm.

„Ich habe die Post gerade erst in Empfang genommen, meine Liebe“, gab Graf Friedrich gemessen zurück. „Ein Brief von den Tassingens.“ Er wog den Umschlag einen Moment in der Hand.

„Öffne ihn schon!“, drängte seine Gattin. „Vielleicht geben sie einen Ball und laden uns dazu ein. Ich habe gehört, dass Dagobert erwogen haben soll, ein größeres Fest zu veranstalten.“

„Hoffentlich nicht“, äußerte Friedrich von Birkensee ahnungsvoll, als er den Umschlag aufschlitzte. „Leider hast du recht, Julia. Die beiden geben sich die Ehre …“

„Und wann?“ Gräfin Julia konnte kaum noch sitzen, so aufgeregt war sie. „Hoffentlich bleibt uns genügend Zeit, alles vorzubereiten.“

„In drei Wochen. Am besten wäre es, wir würden uns eine hübsche Krankheit zulegen und absagen.“

Graf Birkensee legte den Umschlag zurück auf das silberne Tablett. Sein Gesicht wirkte düster und fast verdrossen.

„Aber warum denn? Denkst du gar nicht an Daniela? Das Kind hat so selten Gelegenheit, unter Menschen zu kommen. Könnten wir es uns nur erlauben in Berlin zu leben. Alle verbringen den Winter in Berlin, nur wir nicht.“

Friedrich von Birkensee seufzte. Seine gute Julia wusste schließlich genauso gut wie er, warum sie während des langen, tatsächlich recht trostlosen Winters hier auf dem Lande wohnten. Er besaß nicht das Geld, um in Berlin ein Haus zu mieten. Wann würde Julia das endlich begreifen?

„Vielleicht lernt Daniela auf dem Ball einen passenden Mann kennen“, spann seine bessere Hälfte den Faden weiter. „Nicht, dass ich fürchte, sie würde eine alte Jungfer werden, aber es wäre doch schön, hätten wir den Trost, sie gut versorgt zu wissen.“

„Hoffst du immer noch auf eine gute Partie für Daniela?“ Vielleicht war es unhöflich, aber er konnte das Kopfschütteln nicht unterdrücken. „Jeder weiß, dass sie keine Mitgift zu erwarten hat. Es sei denn, du willst unsere Schulden als solche bezeichnen“, setzte er ironisch hinzu.

„Sie ist so hübsch … Sie hat solch ein liebenswürdiges Wesen und spielt so nett Klavier – und ihre Singstimme erst. Wäre sie nicht unsere Tochter, sie hätte zur Bühne gehen und in einer Oper singen können.“

Graf Friedrich zuckte die Achseln. Er wusste es besser. Seine einzige Tochter hatte eine hübsche Stimme, aber für eine künstlerische Karriere reichte sie kaum aus.

„Was sollen wir anziehen?“, murmelte Julia von Birkensee. „Wir müssen nach Berlin fahren. Nur dort bekommt man Kleider, die wirklich schick sind.“

„Mir kommen sie hauptsächlich teuer vor“, sagte ihr Gatte und dämpfte damit sofort ihre Begeisterung. „Wir können uns keine unnötigen Ausgaben erlauben. Sieh es endlich ein! Am Ersten sind schon wieder die Hypothekenzinsen fällig. Ich werde Mühe haben, sie aufzubringen.“

„Du wirst es schon schaffen.“

Gräfin Julia nahm seine Sorgen nicht recht ernst. Sie hatte völliges Vertrauen in seine Fähigkeiten, alle Schwierigkeiten zu meistern. Dass ihre Haltung den Mann manchmal reizte, ahnte sie nicht.

„Blau steht Daniela am besten zu ihrem blonden Haar“, fuhr sie ungerührt fort. „Rot ginge natürlich auch. Nicht dieses blasse Rot, meine ich, sondern mehr Purpur. Oder findest du es für ein junges Mädchen zu auffällig? Weiß wäre natürlich auch möglich, wenn sie ein bisschen Farbe aufs Kleid brächte. Einen Schal vielleicht. Wann wollen wir fahren?“

„Gar nicht. Ihr könnt keine neuen Kleider bekommen. Ich habe einfach nicht das Geld!“ Ohne es zu wollen, war seine Stimme schärfer geworden. „Es tut mir leid, Julia“, lenkte er sofort versöhnlich ein. „Ich weiß, wie viel dir daran liegt, den Ball auf Tassingen zu besuchen. Nur können wir es uns einfach nicht erlauben, dafür neue Kleider zu kaufen. Wir werden uns mit einer Grippe oder Magenverstimmung entschuldigen.“

Gräfin Julias Augen, die noch immer hübsch waren, füllten sich prompt mit Tränen.

„Ich verstehe dich nicht, Friedrich“, schluchzte sie. „Denkst du gar nicht an das arme Kind? Wie soll Daniela jemals einen Mann finden, wenn sie nicht unter Menschen kommt? Oder willst du, dass sie eine alte Jungfer wird? Wenn wir einmal nicht mehr sind. Hast du dir schon überlegt, wie sie dann dasteht? Ganz allein und einsam.“

Sie besaß eine lebhafte Fantasie und konnte sich das schwere Schicksal ihrer geliebten Tochter so deutlich vorstellen, dass ihre Stimme gefährlich zu schwanken begonnen hatte.

Ihr Gatte schaute zur Decke. Es war nicht das erste Mal, dass er so etwas hörte, und deshalb beeindruckten ihn die Worte seiner Frau nicht. Er machte sich genug Sorgen um Danielas Zukunft, und er sah diese Zukunft viel klarer als seine Frau.

Eines Tages würde Daniela vielleicht vor dem Nichts stehen. Die Verwaltung eines Gutes war Männersache, und wenn sie auf einen bezahlten Verwalter angewiesen war, der nicht dasselbe Interesse daran hatte wie der Besitzer, würden die Erträge bestimmt sinken. Und jetzt reichten sie gerade aus, um Birkensee über Wasser zu halten.

„Könnt ihr nicht irgendwelche Kleider umarbeiten?“, fragte er freundlich. „Ihr habt doch genug. Soweit mir bekannt ist, hängt dein Schrank voll von hübschen Kleidern.“

In ungespielter Empörung funkelte Gräfin Julia ihn an. „Ich kann doch kein Kleid zu einem Ball auf Tassingen tragen, das man schon kennt!“

„Deine Sorgen möchte ich haben“, murmelte Graf Friedrich.

„Von Kleidern verstehst du nichts. Die Mode wechselt jedes Jahr. Man würde über uns sprechen, kämen wir in Sachen, die vor drei Jahren modern waren.“

„Man spricht sowieso über uns. Am besten wäre es, Daniela würde einen netten, tüchtigen jungen Mann heiraten.“

„Natürlich. Aber sie wird ihn nur auf einem Ball kennenlernen, wo sonst?“

„Ich dachte an einen Akademiker, einen Arzt oder Juristen.“

„Nein“, flüsterte Gräfin Julia ungläubig. „Das kann nicht dein Ernst sein. So weit würde sich Daniela nie herablassen. Ein Bürgerlicher in unserer Familie? Ausgeschlossen!“

„Bürgerliche sind auch Menschen.“

„Natürlich, ich habe auch nichts gegen Bürgerliche, absolut nicht. Ich meine nur, man muss in seinen Kreisen bleiben. Sie wie wir. Ein Bürgerlicher – unsere Daniela eine einfache Frau Müller …“

„Noch ist sie jung und hübsch, noch hat sie Heiratschancen. Später …“

„Wie viel Geld kannst du uns für die Kleider geben?“, sagte Gräfin Julia und kam hartnäckig auf ihr Problem zurück.

„Du wirst nicht nach Berlin fahren. Entschuldige mich jetzt bitte, ich habe zu tun, liebe Julia.“

Die ungelesene Post warf Graf Friedrich zu der Einladungskarte der Tassingens auf das silberne Tablett zurück. Er wollte seine Ruhe haben, und aus Erfahrung wusste er, dass er die nur fand, wenn er seiner Frau aus dem Gesichtsfeld kam. Er fürchtete ihre Beharrlichkeit, an der alle Einwände abprallten. Es schien manchmal, als sei sie taub für die Vernunftgründe, die er vorbrachte.

„Du bist ein Rabenvater, Friedrich! Das Glück deines Kindes ist dir völlig gleichgültig!“

Gräfin Julia legte die Hände theatralisch vors Gesicht. Tränen konnte ihr Gatte nicht sehen, und deshalb setzte sie sie häufig als Waffe ein. Sie vergaß nur, dass Waffen, die man zu oft gebraucht, an Wirkung verlieren.

Wortlos warf ihr Graf Birkensee sein Taschentuch auf den Schoß und stürmte hinaus.

„Barbar“, flüsterte Gräfin Julia erstickt, als sie ihm nachschaute.

Natürlich würde er neue Kleider bezahlen müssen, das stand für sie fest. Weshalb nur machte er vorher immer solch ein Theater? Sie verstand ihren Mann wieder einmal überhaupt nicht.

Auf dem Korridor wäre Graf Friedrich fast mit seiner Tochter zusammengestoßen, die gerade in den Salon gehen wollte. Er fing sie auf, damit sie nicht hinfiel.

„Entschuldige, Kleines, ich hatte es eilig“, sagte er. „Hast du dir wehgetan?“

Daniela lachte zu ihm hoch. „Natürlich nicht, Papa.“ Ihre ganze Liebe für ihn lag in ihrem Blick.

Wie immer fiel es dem Vater schwer, sie nicht fest in den Arm zu nehmen. Ihre Zerbrechlichkeit weckte seinen Beschützerinstinkt, und niemand wusste besser als er, wie nötig sie einen männlichen Schutz hatte.

„Wolltest du zu Mama?“

„Ja, um ihr ein Buch zu bringen.“ Daniela hob es auf. „Du weißt, wie gern Mama liest.“

Graf Friedrich runzelte die Stirn, als er den Titel sah. Das Buch war nicht nach seinem Geschmack. Eine romantische Liebesgeschichte. Sie sollte lieber einen Blick in meine Geschäftsbücher werfen, dachte er in einem Anflug von Ungerechtigkeit. Dabei wäre er der Erste gewesen, der sich jede Einmischung in sein Leben verbeten hätte. Und würde er finanziell nicht so schlecht dastehen, er hätte nicht das Geringste an seiner Frau auszusetzen gehabt.

„Daniela.“ Noch einmal zögerte der Mann, während er seine Tochter nachdenklich anschaute. Es lag ihm nicht, zu intrigieren. „Die Tassingens haben uns eingeladen. In drei Wochen geben sie einen Ball. Ich habe versucht, deiner Mutter klarzumachen, dass wir nicht hingehen können, weil ich euch keine neuen Kleider kaufen kann. Es tut mir furchtbar leid, aber ich habe das Geld nun einmal nicht.“

„Tassingen“, flüsterte Daniela. Ein entrücktes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. „Sie geben einen Ball. Wulfried wird mit mir tanzen.“

Ihr Vater bekam schmale Lippen, als er hörte, wie sie den Namen des jungen Grafen Tassingen aussprach. Eine Welle der Zärtlichkeit schwang in ihrer Stimme mit.

„Du hast dich hoffentlich nicht in ihn verliebt?“, fragte er mit vorgetäuschter Barschheit. „Für Wulfried kommst du nämlich überhaupt nicht als Ehefrau infrage. Die Tassingens brauchen eine Schwiegertochter mit Mitgift.“

„Heiraten – natürlich habe ich nie ans Heiraten gedacht“, log Daniela tapfer. „Nur …“

Sie stockte, weil sie nicht weiterwusste. Nur liebe ich ihn, hätte sie sagen müssen, wäre sie ehrlich gewesen.

„Kind, sei vernünftig. Fange nicht an zu träumen wie deine Mutter! Die Welt ist anders als in den Büchern, die deine Mama liest. Ein Mädchen ohne Mitgift hat heutzutage nicht viele Heiratschancen. Wer kann sich schon eine arme Frau erlauben? Liebe hin, Liebe her.“

„Natürlich hast du recht, Papa“, stimmte Daniela ihm höflich zu.

Ganz glaubte sie ihm nicht. Am Schluss siegte immer die Liebe, das meinte sie zu wissen.

***

„Ach, Kind.“ Gräfin Julia führte dramatisch das Taschentuch ihres Gatten an die Augen und tupfte die nicht vorhandenen Tränen ab. „Armes Kind“, sagte sie dann wieder mit bewegter Stimme.

Unberührt von diesem Gefühlsausbruch setzte sich Daniela ihr gegenüber in einen Sessel. Sie stellte keine Fragen, aus Erfahrung wusste sie, dass ihre Mutter auch ohne Aufforderung sprechen würde. Sie täuschte sich nicht.

„Dein Papa liebt dich nicht“, stieß Gräfin Julia hervor.

Danielas Brauen zogen sich fragend in die Höhe.

„Er will dir nicht erlauben, den Ball auf Tassingen zu besuchen, stell dir das nur vor!“

„Tatsächlich?“, wunderte sich die junge Dame.

„Ja. Er will uns kein Geld geben. Als ob zwei neue Kleider die Welt kosten würden. Wir waren so lange nicht mehr in Berlin. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich danach sehne, unsere schöne Reichshauptstadt einmal wiederzusehen. Es ist ein erhebendes Gefühl, in der Nähe unseres Kaisers zu logieren. Aber dein Papa versteht das nicht. Er führt sich auf seiner Klitsche am wohlsten, glaube ich.“

„Er wird kein Geld haben, die Reise zu finanzieren“, mutmaßte Daniela vernünftig. „Wir müssen nun einmal sparen, Mama. Am besten ist es, wir lassen ein altes Kleid umarbeiten.“

„Umarbeiten?“, wiederholte ihre Mutter, als glaubte sie, einem Hörfehler zum Opfer gefallen zu sein. Sie legte sogar die Rechte hinter die Ohrmuschel und beugte den Kopf vor. „Du kannst nicht ernsthaft meinen, dass wir mit alten, ein wenig veränderten Kleidern zu einem Ball nach Tassingen gehen könnten? Ausgeschlossen. Völlig ausgeschlossen!“

„Man sieht es den Kleidern nicht an, dass sie geändert worden sind. Wenn das deine ganze Sorge ist, Mama …“

„Manchmal verstehe ich dich nicht, Kind“, beklagte sich Gräfin Julia. „Ist dir völlig gleichgültig, was du trägst?“

„Oh nein, keineswegs. Ich finde nur, ich habe genug hübsche Kleider. Bitte, lass Papa in Ruhe, was die Berlinreise angeht. Die Hypothekenzinsen sind bald fällig.“

„Dann sollen sich die Leute gefälligst etwas gedulden. Unsere Kleider sind schließlich wichtiger als diese dummen Zinsen. Die Leute können sicher sein, dass sie ihr Geld bekommen werden.“

„Dummerweise legen sie nur Wert darauf, ihr Geld pünktlich zu bekommen“, meinte Daniela freundlich. „Wollen wir einmal nachsehen, welche Kleider für eine Änderung infrage kommen?“

„Ich werde nie, hörst du, niemals in einem geänderten Kleid einen Ball besuchen! Ich würde mich ja zu Tode schämen.“

„Dann müsste Papa mit mir allein gehen.“

„Du hast kein Herz, Daniela. Niemand versteht mich hier.“

„Das Taschentuch liegt auf deinem Schoß“, erinnerte Daniela, als ihre Mutter dramatisch aufschluchzte. „Mir macht es jedenfalls nichts aus, ein Kleid zweimal zu tragen, besonders dann nicht, wenn es ein bisschen verändert ist. Und Papa braucht sich ja keine Sorgen zu machen, er hat seinen Frack oder seine Uniform.“

„Er wird wieder den Frack anziehen wollen. Er mag Uniformen nicht. Kannst du das verstehen? Dabei stehen sie ihm so gut.“

„Ich denke, du solltest es ihm überlassen, was er anziehen will. Ich habe da doch noch ein blaues Kleid. Man müsste vielleicht ein anderes Oberteil schneidern lassen. Oder einfach den Ausschnitt verändern. Einen anderen Kragen.“ Daniela hatte die Augen halb geschlossen. Im Geiste sah sie das geänderte Kleid schon vor sich. „Natürlich, das würde gehen, und es kostet so gut wie nichts. Niemand würde das Kleid wiedererkennen.“

„Es würde vielleicht gehen“, rang sich Gräfin Julia widerwillig ab. „Aber dass dein Papa uns nicht einmal neue Kleider gönnt.“

„Könnte er es sich erlauben, er würde dir so viele Kleider kaufen, wie du willst.“

„So schlecht kann es uns gar nicht gehen“, meinte Danielas Mutter.

Sie war überzeugt, dass das Schicksal es niemals wagen würde, ihnen übel mitzuspielen. Sie war von ihrer gesellschaftlichen Stellung durchdrungen und hielt sich für unverwundbar, was Schicksalsschläge anging.

Eine halbe Stunde später hatte sie ihren Kummer allerdings vergessen. Die Schränke in ihrem Ankleidezimmer waren prall gefüllt, und die Wahl des zu ändernden Kleides fiel ihr ausgesprochen schwer und würde ihre Gedanken die nächsten Tage vollauf beschäftigen. Daniela hatte es leichter. Sie war erst kürzlich in die Gesellschaft eingeführt worden und verfügte deshalb nur über ein knappes halbes Dutzend festlicher Gewänder.

„Du wirst auf diesem Ball bestimmt dein Glück finden“, äußerte Gräfin Julia in ungebrochenem Optimismus, als Daniela das blaue Kleid übergezogen hatte und sich darin im Spiegel anschaute. „Kein Mädchen wird schöner sein als du. Du wirst die Herzen der Herren im Sturm erobern. Sie werden dir zu Füßen liegen.“

„Keiner wird mir einen Antrag machen.“ Einen Moment glitt ein Schatten über Danielas liebliches Gesicht. „Ein Mädchen ohne Mitgift …“

„Du bist eine Komtess Birkensee, das bedeutet schließlich viel und ersetzt für manche ein Vermögen“, belehrte ihre Mutter sie geradezu empört. „Ob es stimmt, dass Wulfried von Tassingen die kleine Ebenstein heiraten soll?“

Daniela schnellte herum. „Wer sagt das?“, fragte sie heftig.

Sie war blass geworden, und auf ihren Wangen zeichneten sich deutlich zwei kreisrunde Flecken auf der weißen Haut ab.

„Lili hat es mir erzählt.“

„Also Dienstbotengeschwätz“, knurrte Daniela.

„Lili weiß immer recht gut Bescheid, was in der Umgebung Wichtiges geschieht“, verteidigte ihre Mutter die Zofe. „Ich kann sie ja fragen, woher sie es hat. Die kleine Ebenstein ist die einzige Tochter, bekommt eine schöne Mitgift und später einmal ein Riesenerbe. Mich würde es nicht wundern, fiele Wulfrieds Wahl auf sie.“

„Aber mich.“ Temperamentvoll ballte Daniela die Rechte zur Faust. „Oder findest du die Ebenstein hübsch?“ Mit flammenden Augen schaute sie ihre verblüffte Mutter an.

„Hübsch?“ Gräfin Julia hatte die Angewohnheit, ein Wort einer Frage zu wiederholen, wenn sie nach der Antwort suchte. „Hübsch? Nun – also wenn ich ehrlich sein soll, ich finde sie recht niedlich.“

„Dann hast du einen merkwürdigen Geschmack, liebe Mama“, stellte Daniela in ungebrochener Empörung fest. „Sie ist fade und nichtssagend und … Hätte sie nicht ihre Mitgift zu erwarten, kein Mann würde sie ein zweites Mal ansehen.“

„Warum regst du dich so auf?“, wollte ihre Mutter wissen.

„Ich rege mich nicht auf. Ich finde es nur unverständlich, dass du die Ebenstein hübsch findest.“

„Aber wenn sie es doch ist. Du hast deinen Geschmack, ich weiß – aber die anderen … Die Männer mögen ihr Aussehen, das kannst du mir ruhig glauben. Natürlich bist du viel hübscher. Ein Glück, dass du äußerlich in meine Familie schlägst. Meine Mutter war zu ihrer Zeit eine gefeierte Schönheit. Sie war natürlich bei Hof eingeführt, und Seine Majestät hatte eine ausgesprochene Schwäche für sie.“

Daniela war im Augenblick nicht an ihrer Großmutter interessiert. „Wulfried hat einen viel zu guten Geschmack, um auch nur daran zu denken, Sieglinde zu heiraten. Wie kann ein Mädchen Sieglinde heißen?“

„Was hast du gegen den Namen?“ Gräfin Julia fand ihn sehr apart.

„Ich finde ihn albern. Genauso albern, wie sie selbst ist. Man sollte gar nicht auf das Geschwätz der Dienstboten hören. Wulfried und die Ebenstein.“

„Man sagt, die Tassingens bräuchten wieder einmal Geld. Du weißt, sie mussten immer reich heiraten, durch alle Generationen hindurch. Sie waren ungewöhnliche Männer … Ich erinnere mich noch an den Großvater von Wulfried. Mit siebzig hat er es noch geschafft, dass sich junge Mädchen in ihn verliebten. Aber das ist kein Thema für dich. Sein Vater hat eine gute Partie gemacht …“

„Dann braucht sein Sohn schließlich nicht wegen Geld zu heiraten“, parierte Daniela hitzig.

„Das Geld ist weg, ausgegeben. So charmant sie sind, die Männer von Tassingen, mit Geld umgehen konnte keiner. Sie hatten immer die besten Pferde und die teuersten Frauen.“ Die Gräfin schlug die Hand vor den Mund. „Vergiss, was ich gesagt habe!“

„Ich bin kein Kind mehr, ich weiß, dass sich Männer Geliebte halten. Meistens Mädchen vom Ballett.“

„Kind, du schockierst mich. Von so etwas solltest du nichts wissen.“

„Unter uns können wir doch offen sprechen. Mama.“ Daniela lächelte verkrampft. „Weißt du eigentlich, ob Wulfried …?“

„Ob er was?“, wollte ihre Mutter wissen. Kombinieren war nicht ihre Stärke.

„Ob er auch ein Mädchen vom Ballett hat?“

„Eine? Man spricht von mehreren. Er hat in Berlin eine Wohnung, und sein Diener hat Lili erzählt … Aber an Dienstbotenklatsch bist du ja nicht interessiert.“

Diese kleine Bosheit hatte sie sich nicht versagen können. Es kam selten vor, dass sie ihrem Gatten oder Daniela gegenüber ein Gefühl der Überlegenheit hatte.

„Was hat er Lili erzählt?“ Mit einer Handbewegung wischte Daniela den Einwand ihrer Mutter weg.

„Die Primaballerina selbst. Und du kannst dir vorstellen, wie teuer sie sein muss. Seine Majestät, der Kaiser, selbst …“

„So, die Ballerina“, murmelte Daniela.

„Und nicht sie allein. Da gibt es noch andere. Er ist ein junger Mann, und Männer sind nun einmal so“, setzte sie abgeklärt hinzu.

„Ob sie hübsch ist?“

„Wer?“

„Die Ballerina natürlich.“ Die Begriffsstutzigkeit ihrer Mutter machte Daniela manchmal ein bisschen nervös. „Hat Lili dir darüber etwas erzählt?“

„Sie soll sehr schön sein, nur sehr dünn. Diese Tänzerinnen sind meistens sehr dünn. Ich wundere mich, dass Männer so etwas mögen.“

Allerdings hatte sie es schon längst aufgegeben, die Gefühle und Gedanken der Männer verstehen zu wollen. Sie hatte gelernt, sich mit ihnen abzufinden wie mit dem Wetter. Man musste sie nehmen, wie sie waren, ändern ließen sie sich nicht.

Daniela drehte sich zum Spiegel um und betrachtete sich forschend. „Meine Taille ist sehr dünn. Und wenn ich sie ordentlich schnüre …“

„Ich habe gelesen, es soll gar nicht gesund sein“, warf ihre Mutter ein.

„Das ist mir egal. Es ist ja nur für ein paar Stunden. Ob sie schöner ist als ich?“

Diesmal wenigstens wusste ihre Mutter, mit wem ihre Tochter sich verglich.

„Bestimmt nicht“, versicherte sie mit mütterlichem Stolz.

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