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Romantische Bibliothek - Folge 032

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Doch ihre Liebe war nichts wert
  4. Vorschau

Doch ihre Liebe war nichts wert

Hat Romy ihr Herz dem Falschen geschenkt?

Von Antonia Jakob

Der aus Amerika angereiste Laurent König staunt nicht schlecht, als die junge Romy Winter ihm bei seinem Besuch in Deutschland um den Hals fällt und ihn herzt und küsst, als gäbe es kein Morgen. Er ahnt nicht, dass sie in ihm ihren „Verlobten“ sieht – und er hat auch nicht vor, dieser zu werden. Laurent ist nämlich ehescheu und kann sich nicht vorstellen, dass sich daran etwas ändern könnte …

Romy zog die Tür ins Schloss und drehte den Schlüssel vorsichtshalber einmal herum. Es war an und für sich gar nicht ihre Art, ihr Zimmer abzuschließen, aber diesmal hielt sie es doch für besser.

Mit einem weichen Lächeln auf ihrem Jungmädchengesicht ging sie zur Kommode. Sie öffnete das Schubfach. Der Briefumschlag, den sie jetzt hervorzog, war zugeklebt.

Sie wog ihn einen Augenblick in der Hand. Ihre Augen strahlten, als ihre Finger fast zärtlich über das raue Papier glitten.

Dieser Briefumschlag enthielt sein Bild. Sie hatte es dem Vater einfach stibitzt, als Herr König es seinem Brief beigelegt hatte. Und seltsamerweise hatte sie nicht einmal Gewissensbisse dabei. Laurent würde ihr Mann werden, sie hatte schließlich einen Anspruch darauf, auch ein Bild von ihm zu besitzen.

Der Umschlag war unversehrt. Romy wusste genau, dass weder die Eltern noch das Personal so indiskret sein würden, ihn zu öffnen.

Eine volle Minute genoss sie die Vorfreude. Jedes Anschauen des gut getroffenen Fotos kostete sie einen Briefumschlag, und den musste sie mit viel List und Tücke aus dem Arbeitszimmer des Vaters – nennen wir es einmal – „organisieren“.

Noch einmal strich sie über den Umschlag, der nichts von seinem Inhalt verriet, und dann griff sie zum Messer, um ihn vorsichtig aufzuschlitzen.

Laurent würde sicher bald kommen. Heute Vormittag hatte der Vater Post von den Königs aus Amerika bekommen, aber sie schrieben noch nichts von einem Besuch. Doch sie wusste, dass es jetzt nicht mehr lange dauern konnte, bis sie ganz nach Deutschland zurückkehrten.

Ihre Finger bebten ein wenig, als sie das Bild hervorzog und sich dann in die Betrachtung des Männerantlitzes versenkte. Es sah gut aus.

Er war schon ein Mann, von dem ein Backfisch träumen konnte. Und er würde ihr Mann werden, ihr richtiggehender Mann mit Standesamt und Kirche. Und bald würde er kommen! Nach acht Jahren Trennung würde sie ihn wiedersehen!

Die Eltern hatten es bestimmt, dass sie sich heiraten sollten. Sie besaßen eine große Schokoladenfabrik, die Königs ausgedehnte Kakaoplantagen in Mittelamerika. Eine Ehe war geschäftlich für beide ein großer Vorteil, und da sie von Jugend an wusste, dass er ihr zukünftiger Mann war, hatte sie nicht einmal im Traum daran gedacht, eine Ablehnung des Wunsches überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Und außerdem – ihre Augen hingen selbstvergessen an dem Bild – hatte sie ihn schon geliebt, als sie zehn Jahre alt war. Damals war er fünfzehn und ein großer Junge, aber schon ein vollendeter Kavalier gewesen. Sie erinnerte sich noch gut, wie er sie gegen die Nachbarskinder in Schutz genommen hatte, die sie verprügeln wollten.

„Ich liebe dich, Laurent“, flüsterte sie dem Bild zu.

Eine unsanfte Stimme vor der Tür weckte sie aus ihren Träumen.

Hastig warf sie den Umschlag in die Kommode, nahm sich aber trotz aller Eile die Zeit, sie wieder sorgfältig zu verschließen, bevor sie zur Tür eilte.

„Was sind das für neumodische Sitten?“, grollte Mamsell Mariechen und warf ihr einen finsteren Blick zu. „Seit wann schließt du dich ein? Du sollst zum Kaffee herunterkommen, lässt der Herr Vater sagen. Er ist schön ärgerlich, du weißt doch, dass er Pünktlichkeit liebt.“

Schuldbewusst senkte Romy den Kopf.

„Ich komme ja schon“, sagte sie leise und wollte an der behäbigen Mamsell vorübereilen.

„Und die Finger? Willst du mit solchen Tintenfingern Kaffee trinken? Dein Herr Vater …“

Romy schaute auf ihre Hände. Tatsächlich, Mariechen hatte recht, die Spitzen waren blau. Sie pflegte ihr Tagebuch mit Tinte zu schreiben, und da der Füllhalter manchmal etwas kleckste …

„Kindskopf“, murmelte Mamsell Mariechen für sich und schaute voller Liebe auf das graziöse Mädchen, das jetzt mit einer Bürste versuchte, die Flecken zu entfernen.

„Jetzt kann ich aber gehen?“ Romy stand vor der Mamsell und ließ deren prüfenden Blick über sich ergehen.

„Ja“, gestand sie gnädig zu. „Aber beeil dich, dein Herr Vater …“ Sie sprach den Satz nicht zu Ende, denn das Mädchen war schon hinter einer Biegung der Treppe verschwunden.

Immer vor sich hin brummend, räumte Mariechen das Zimmer auf.

„Entschuldigt bitte.“ Romy stürzte in den Salon des Erdgeschosses und versuchte ein entwaffnendes Lächeln, das ihr aber nicht recht gelingen wollte.

Vater Winter zog umständlich seine Taschenuhr aus der Weste. Mit emporgezogenen Augenbrauen schaute er erst lange auf das Zifferblatt, dann in das Gesicht seiner Tochter, als wolle er dort auch die Zeit ablesen.

„Zwölfeinhalb Minuten zu spät. Mein Kind, ich muss doch sehr bitten …“

„Sei doch nicht so streng mit ihr, Konrad, es kann doch mal vorkommen, dass sie sich verspätet“, suchte Frau Charlotte zu vermitteln.

Vater Konrad brummte vor sich hin.

Mutter und Tochter wechselten einen verschmitzten Blick. So war es nun immer. Die Vermittlungsversuche der Mutter hatten stets Erfolg. Herr Winter war im Grunde seines Herzens ein sehr gutmütiger Mensch, der um nichts in der Welt seine Frau betrüben wollte.

„Nun lang schön zu, du bist so dünn. Es mag ja modern sein, aber gesund ist es bestimmt nicht, und ich glaube, Laurent mag Bohnenstangen auch nicht leiden. Ein richtiger Mann hat lieber etwas Fülliges.“

Vater Konrad brummte zustimmend, während Romy ein sehr nachdenkliches Gesicht zog.

„Meinst du wirklich?“ Sinnend strich sie sich mit den Händen über ihre Taille. Sie war sehr schlank, aber nicht mager. „Hat Laurent euch mal etwas in diesem Sinn geschrieben?“, versuchte sie eine genaue Auskunft zu bekommen.

Frau Charlotte schmunzelte. Sie freute sich jedes Mal über die Nachgiebigkeit ihrer Tochter, wenn sie Laurent König ins Treffen führte. Er mag dies nicht, und er mag das nicht, war ein Argument, das stets genügte, um ihre Tochter zu ihrer Meinung zu bekehren.

Romy führte einen kurzen Kampf gegen ihren Wunsch, der Mode der schlanken Taille zu folgen, und dem anderen, bei Weitem größeren, dem Zukünftigen in allem zu gefallen, und griff gehorsam zum Brötchen.

„Hoffentlich mag er mich auch“, seufzte sie, als sie mit gesundem Appetit in das Brötchen biss. „Es ist ja schade, dass ich so wenig von ihm weiß. Er schreibt so ungern Briefe …“

„Er hat anderes zu tun“, erklärte Frau Winter kurz. „Aber gefallen, mein Kind, gefallen dürftest du jedem Mann.“

„Besonders einem, der unter lauter Wilden gelebt hat“, grunzte Mariechen, die gerade mit einer Kaffeekanne in den Raum trat. „Der kann froh sein …“

Frau Charlotte schüttelte verweisend den Kopf. Mariechen war ein Faktotum des Hauses, sie durfte sich schon einmal etwas herausnehmen, was Frau Charlotte anderen nicht gestattete, aber diesmal …

„Maria!“ Frau Winter richtete sich noch steiler auf ihrem Stuhl auf und versuchte, sehr streng zu gucken. „Ich muss doch sehr bitten!“

„Ich habe nur gesagt, was ich denke.“ Dann stampfte sie hinaus. Sie hatte wieder einmal das letzte Wort behalten.

Frau Winter schaute ihren Gatten an.

„Sag du doch auch einmal etwas, Konrad. Du sitzt da, als wenn dich alles gar nichts anginge. Es ist doch unmöglich, dass Maria sich solch einen Ton uns gegenüber herausnimmt. Muss ich denn immer alles sagen, auf mir ruht die ganze Last des Haushaltes.“

Vater Konrad seufzte.

„Ich kann ja mal mit ihr sprechen“, stieß er widerwillig hervor, aber der Ton seiner Worte verriet seiner erfahrenen Gattin schon, wie das Gespräch aussehen würde.

„Höre nicht auf sie“, wandte sie sich an Romy. „Laurent ist kein Halbwilder. Er ist ein sehr netter, sehr lieber und höflicher junger Mann, der dich bestimmt lieben und auf Händen tragen wird. Du sollst einmal sehen, ihr beide werdet sehr glücklich. Ach, wie ich mich auf sein Kommen freue!“

Vater Konrad räusperte sich zu spät, der inhaltsschwere Satz war seiner Frau schon herausgerutscht. Er hörte das Scharren eines Stuhles, den Romy rücksichtslos zurückstieß, als sie aufsprang.

„Er kommt?“ Mit zwei Schritten war sie um den Tisch herum und bei ihrer Mutter. „Laurent kommt, und davon sagt ihr mir nichts? Wann kommt er? Kommt er allein? Nun rede doch, spann mich doch nicht auf die Folter! Sicherlich doch mit einem Flugzeug. Hoffentlich stürzt er nicht ab, man liest jetzt so viel von Unglücken in der Zeitung. Ach, Mutter, ich bin ja so aufgeregt!“

Frau Winter schob erst einmal ihre Tochter von sich, die ihr geradezu die Luft abpresste, und räusperte sich.

„Sag du es ihr“, befahl sie dann ihrem Mann kategorisch.

Der schien nichts zu hören, er las die Zeitung.

„Konrad, sprich mit deiner Tochter! Erkläre ihr, wie alles zusammenhängt!“

„Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss in die Fabrik. Adieu.“

Zwei Frauen stellten sich ihm in den Weg, eine davon hängte sich vorsichtshalber noch an seinen Hals.

„Papachen“, flüsterte eine betörende Stimme an seinem Ohr, und eine samtweiche Wange rieb sich gegen seine, „Papachen, nun sag es mir doch. Wann kommt er?“

Konrad räusperte sich. Er machte einen, allerdings vergeblichen Versuch, sich von ihr zu lösen, und warf seiner Frau einen Blick zu, der nicht gerade freundlich zu nennen war.

„Nun sag es doch schon, ich bin ja so gespannt!“ Romy schüttelte resolut die Schultern des Vaters hin und her. „Oder zeig mir doch einfach den Brief!“

„Um Himmels willen!“, entfuhr es dem Vater entsetzt. Als er den erstaunten Blick seiner Tochter bemerkte, verbesserte er sich sofort. „Ich meine, ich habe ihn nicht mehr“, brachte er mit sichtlicher Anstrengung hervor. „Kann doch mal passieren, dass ein Brief verloren geht. Wer hebt denn alles auf?“, versuchte er Vorwürfe zu entkräften, die noch niemand erhoben hatte.

„Irgendetwas stimmt nicht“, stellte Romy ahnungsvoll fest. Sie krauste nachdenklich die Stirn. „Weshalb wollt ihr es mir nicht sagen? Es ist doch eigentlich kein Geheimnis, oder …“

Vater Konrad schaute sie gespannt an. Würde sie es erraten?

Aber nein, seine Tochter war weit entfernt, der Wahrheit auch nur nahe zu kommen.

„Ihr wolltet mich nicht unnötig ängstigen, weil sie mit dem Flugzeug kommen“, meinte sie dann und strahlte ihren Vater an. „Stimmt es, Paps?“

Herr Winter nickte dreimal hintereinander mit dem Kopf.

„Stimmt, stimmt ganz genau.“ Seine Worte klangen wie ein Seufzer der Erleichterung. „Du bist ein kluges Kind, Romy.“ Er zog sie an sich und warf der Mutter über ihre Schulter hinweg einen verständnisvollen Blick zu. Die hatte die Augen anklagend zur Decke gerichtet.

„Den Tag musst du mir aber noch sagen.“ Romys Arme fuhren schmeichelnd um den Hals des Paps. „Ich freue mich ja schon so sehr auf ihn!“

„Ach, den genauen Tag habe ich ganz vergessen, du weißt, dass ich kein Gedächtnis für Daten habe …“

„Vergessen?“ Romy trat verblüfft einen Schritt zurück und musterte ihn.

„Ja, vergessen. Darf ich denn nicht auch einmal etwas vergessen? Du vergisst immerzu etwas, vergisst stets die Hälfte von dem, was man dir aufträgt, und wenn ich einmal …“ Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Tassen klirrten.

„Du willst es mir nur nicht sagen“, weinte seine Tochter plötzlich auf. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt, stürmte die Treppe zum Obergeschoss hinauf und warf sich angezogen auf ihr Bett, um ihren Kummer in Tränen verströmen zu lassen.

„Was nun?“, forschte Vater Konrad und legte seine Stirn in Falten. „Aber schuld daran bist nur du. Wer hat dem Kinde immer eingeredet, dass Laurent es heiraten will? Du warst es, du ganz allein! Nun sieh zu, wie du dich aus dieser Situation wieder herauswindest.“

Frau Charlotte suchte eifrig nach einem Taschentuch.

„Jetzt trage ich wieder die Schuld daran“, meinte sie, als sie das Tüchlein schließlich gefunden hatte und es schützend vor die Augen halten konnte. „Ich habe es doch nur gut gemeint“, stieß sie schluchzend hervor.

Sie riskierte einen kleinen Seitenblick auf Konrads Gesicht, der ihr ungehalten zuhörte.

„Niemand von uns hat doch geglaubt, dass die Königs wirklich einmal in absehbarer Zeit nach Deutschland zurückkehren würden. Schau, Konrad“, ihre Stimme wurde drängend, „durch Laurent hat unsere Tochter ein sehr hohes Männerideal bekommen. Ich habe mir gesagt, dass sein Bild in dem Augenblick verblassen wird, in dem der richtige Mann in ihren Gesichtskreis tritt. Sie wird höchste Ansprüche stellen, sie wird niemals imstande sein, so herumzuflirten, wie es andere Mädchen in ihrem Alter zu tun pflegen. Und war sie nicht bisher auch in allem ein Mädchen, wie es sein soll?“

Schluchzend brach sie ab. Sie hatte es wirklich nur gut gemeint und niemals damit gerechnet, dass Romy Laurent so kennenlernen würde, wie er war.

Vater Konrad schaute ergrimmt zur Seite. Tränen mochte er nicht.

„Nun hör doch auf zu weinen. Ich kann das gar nicht mehr mit ansehen.“ Konrad legte behutsam seinen Arm um ihre zuckenden Schultern und machte Anstalten, ihre Augen zu trocknen.

Seine Frau kam ihm zuvor.

„Immer trage ich die Schuld“, schluchzte sie. „Dabei meine ich es nur gut mit euch. Romy hat wirklich noch keinen anderen Mann angeguckt. Kannst du nicht stolz auf sie sein? Ich muss schon sagen, ich freue mich über sie! Sie hat ein hohes Ideal.“

„Das jetzt ankommen wird und sich als Mensch entpuppt, und dann, meine Liebe, was ist dann?“

„Dann …“, dehnte Frau Charlotte das Wörtchen, „ja dann … vielleicht gefällt er ihr wirklich so gut, wie sie jetzt glaubt?“, schlug sie als geborene Optimistin die einfachste Lösung vor. „Er ist doch bestimmt ein netter Kerl, jedenfalls nach dem zu urteilen, was sein Vater von ihm schreibt. Warum sollen die beiden sich nicht lieben?“

Herr Winter seufzte.

„Ich glaube, du hast zu viele Romane gelesen, Charlotte. So einfach ist das nicht, wie du das glaubst. Versuche doch, dich in Romys Lage zu versetzen. Seit Jahren lebt sie in dem Glauben, jenseits des Ozeans wäre ein Mann, der sie zur Frau begehrt, der sie liebt. Und sie ist Kindskopf genug, Charlotte, das wirklich zu glauben.“

„Was sollen wir denn tun? Er kommt doch schon Montag in einer Woche! Sie vielleicht einfach wegschicken? Irgendein Vorwand wird sich schon finden.“

„Dank deiner, deiner … ich meine, infolge deines Verplapperns weiß sie doch, dass er bald kommen wird. Glaubst du wirklich, dass sie sich jetzt einfach fortschicken lässt? Sie ist nicht dumm, Charlotte, vergiss das nie.“

Konrad nickte nachdenklich zu seinen Worten. Das Leben war manchmal sehr kompliziert, wenn man mit einer Frau verheiratet war, die zu viel Fantasie besaß.

***

Während die „Braut“ auf den Mann wartete und schon die Tage bis zu seiner Ankunft zählte, befand der sich noch quietschvergnügt auf seiner Plantage und ahnte nicht, wie ungeduldig er erwartet wurde.

Er saß auf der Veranda des großen Hauses, hatte die Beine auf die Brüstung gelegt und rauchte mit Genuss eine Zigarette.

„Eigentlich habe ich gar keine Lust“, sagte er zu seinem Freund Bob Jenkins, der die Königs begleiten wollte.

Bevor Bob antworten konnte, knurrte schon Vater König dazwischen. Er brummelte etwas von Heimat und vom Land der Väter, während Laurent bei seinen Worten, die ihm reichlich veraltet vorkamen, belustigt die Mundwinkel nach unten zog.

„Ich verstehe dich nicht“, wandte Bob ein. „Ich stelle es mir herrlich vor, eine Reise durch Deutschland zu machen. Man hört so viel … Die Frauen auf dem alten Kontinent sollen auch ganz anders sein als die Amerikanerinnen, gar nicht so verwöhnt und viel netter.“

„Schweig mir von Frauen“, winkte Laurent gelangweilt ab. „Ich werde mich nach dem ersten Schlaganfall vielleicht bereitfinden, meine Krankenschwester zu heiraten, aber bis dahin … Du schwärmst ja für Deutschland, deshalb will ich dir ein deutsches Sprichwort zitieren: Abwechslung ist das halbe Leben.“

„Das gilt aber nicht für Frauen“, fuhr Vater König dazwischen und richtete sich in seinem Korbstuhl auf. „Du solltest allmählich wirklich vernünftig geworden sein und erkennen, dass unsere Plantage unbedingt wieder eine Herrin braucht. Du solltest dich in Deutschland wirklich nach einer Frau umschauen.“ Er blickte bei seinen Worten interessiert den Rauchringen nach, die er kunstvoll in die Luft blies, aber Bob, der ihn aufmerksam beobachtete, ahnte schon, dass der gute Mann an ein ganz bestimmtes Mädchen dachte.

Nur Laurent war völlig unbefangen. „Mal abwarten“, erwiderte er lässig. „Aber ich glaube nicht, dass mich irgendeine zum Standesamt schleifen kann. Ich habe Angst vor diesen langhaarigen Geschöpfen, die doch nur dumm und anspruchsvoll sind und in dem Mann nur eine gute Versorgung sehen. Ehe heißt für sie, nicht mehr arbeiten zu müssen. Falls sie es überhaupt jemals getan haben.“

Bob begann zu kichern. Und auch Vater König, der anfangs ein sehr verdrossenes Gesicht gemacht hatte, stimmte in seine Heiterkeit an. Es war aber auch zu komisch, diesen jungen Mann auf der weltabgelegenen Plantage Worte tiefster Frauenkenntnis äußern zu hören.

Laurent war nicht gekränkt. Er schaute zwar anfangs recht verblüfft, fand sich aber dann mit gutem Humor in die Lage und lachte mit.

„Bin ja gespannt, was die Winters sagen, wenn wir einfach früher auftauchen. Ich bin an und für sich gar nicht böse, dass wir den Dampfer verpasst haben und das Flugzeug nehmen müssen. Zehn Tage auf solch einem Kahn sind doch nur langweilig.“

Vater König nickte und schmunzelte in Gedanken an die verblüfften Gesichter, die seine Freunde in Deutschland machen würden, wenn er zwei Tage früher als angemeldet im Türrahmen auftauchen würde.

***

Es war großer Ball in dem Haus des Schokoladenfabrikanten, den er nicht mehr verschieben konnte, weil die Einladungen schon herausgegangen waren, bevor er den Brief der Königs erhalten hatte.

Es tat besonders Romy leid, an diesem ersten Ball ihres Lebens nicht Laurent zum Tischherrn zu haben, aber als verständiges Mädchen schickte sie sich darin und wandte ihr Interesse voll und ganz auf das Kleid, das geradezu ein Gedicht geworden war.

Mariechen strich zärtlich über das seidenweiche Gelock, das im Licht der Lampe flimmerte und gleißte, und hatte dann noch hier etwas zu zupfen und dort eine Falte anders zu legen.

„Nun hör schon endlich auf“, drängte Romy, die es eilig hatte, in die Halle hinunterzukommen. Verschiedene Autos waren schon vorgefahren, es mussten schon Gäste da sein. Sie zappelte von einem Fuß auf den anderen und gab Mariechen, als die ihre Worte nicht beachtete, einen kleinen, scherzhaften Nasenstüber und wirbelte hinaus.

Romy stellte sich neben ihren Vater. Sie strahlte die wenigen Menschen, die schon erschienen waren, herzlich an. Sie war stolz, neben den Eltern stehen zu können, war stolz, wenn sie sah, wer alles zu einem Ball in ihrem Vaterhause erschien. Die Winters bedeuteten etwas in der Gesellschaft, und sie war die Tochter der Winters!

„Du siehst bezaubernd aus!“ Dorothea Isenberg, von ihren Freunden nur Dolly genannt, schaute sie bewundernd an. Ihr eigenes Kleid war zwar auch nicht gerade ärmlich zu nennen, hielt aber keinen Vergleich mit dem Romys aus.

Es zeigte sich eben doch, dass die Isenbergs jetzt arm geworden waren. Nach dem Tode des Vaters war das Vermögen zusammengeschrumpft und nur so wenig übrig geblieben, dass es ihnen noch gerade erlaubte, den äußeren Rahmen aufrechtzuerhalten.

„Findest du wirklich?“ Romy hob den weiten Rock ihres Kleides empor und machte eine graziöse Drehung.

Dolly lächelte ihr zu.

„Die richtigen Komplimente wird dir wahrscheinlich ein anderer machen“, prophezeite sie. „Du hast es eigentlich gut, dass du deinen Zukünftigen auch gernhast. Er sieht nett aus, hat Geld … passt also ganz fabelhaft zu dir.“

„Du tust gerade so, als wären die Männer mit Geld selten“, gab Romy zurück. „Du kannst doch an jedem Finger zehn haben, wenn du nur willst.“

Dolly schaute zur Seite und lächelte wehmütig.

„Sicher, ich könnte an jedem Finger zehn Männer haben, du ahnst nicht, wie sehr bei einer Ehe gerechnet wird. Ja, wenn ich noch Vermögen hätte wie früher …“

„Du findest bestimmt einen Mann, der dich gernhat.“

„Er muss vor allem Geld besitzen.“ Dolly versuchte ein Lächeln, das ihr nach dem letzten, harten Satz nur schwer gelingen wollte. „Du staunst, Romy, aber ich meine es tatsächlich so, wie ich es gesagt habe. Liebe ist nicht so wichtig, viel wichtiger ist das Geld. Du kannst es nicht so ermessen, du hast nur Luxus und Wohlleben kennengelernt und weißt nicht, wie einem Menschen zumute ist, der sich einschränken muss, der sich nicht alles erlauben kann, was er gern haben möchte.“

Die Freundin blieb einen Moment still und schaute nachdenklich in das schöne Gesicht Dollys, dann schlang sie impulsiv ihre Arme um deren Nacken und schmiegte ihren Kopf einen Augenblick an die Wange des Mädchens.

„Du findest ihn bestimmt“, tröstete sie.

Dolly schob sie zurück und antwortete nicht. Romy war noch ein rechtes Kind, das glaubte, die Geschichten in den Märchenbüchern wären dem wirklichen Leben entnommen.

Dolly kannte die Geschichte von diesem ominösen Laurent König und seiner Absicht, die Freundin zu heiraten. Sie war kein Backfisch mehr wie Romy und hatte sich schon ihre eigenen Gedanken über den jungen Mann gemacht.

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