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Romantische Bibliothek - Folge 003

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Spiel nicht mit der Liebe, Karen
  4. Vorschau

Spiel nicht mit der Liebe, Karen

Wird sich der Leichtsinn einer jungen Frau rächen?

Von Aurelia Sander

Wenn die hübsche Friseurin Jasmin den Lebenswandel ihrer älteren Schwester betrachtet, wird ihr angst und bange! Unbefangen flirtet Karen mit wohlhabenden Männern, von denen sie glaubt, dass sie ihr eines Tages ein angenehmes Leben in Reichtum ermöglichen werden. Jedem dieser Herren gaukelt Karen tiefe Gefühle vor, dabei geht es ihr doch bloß darum, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen! Das kann nicht gut gehen, ist sich Jasmin sicher.

Als Karen den charmanten Falk von Wiesenthal kennenlernt, scheint sich doch noch alles zum Guten zu wenden. Der Graf ist so verzaubert von der jungen Frau, dass er sie auf der Stelle heiraten will, und auch Karen scheint dieses Mal echte Liebe zu empfinden. Doch dann stellt sich heraus, dass Karen aus einer vorherigen Liaison ein Kind erwartet …

„Es macht dreizehn Mark und zwanzig.“

Karen Thoma lächelte ihrer an der Kasse sitzenden Schwester kurz zu, dann wandte sie den Kopf und blickte auf den neben ihr stehenden Mann. Ihr Lächeln veränderte sich, es wurde hingebungsvoll und strahlend.

„Es bleibt also dabei?“, fragte sie halblaut.

„Selbstverständlich. Ich freue mich auf den Abend mit Ihnen, Karen“, versicherte er, dann wandte er sich lässig an Jasmin und sagte: „Der Rest ist für Sie.“

„Danke schön!“ Die junge Dame nahm die fünfzehn Mark und legte sie gelassen in die Kasse. Schon längst war sie es gewohnt, Trinkgelder anzunehmen, obwohl es ihr anfangs doch recht schwergefallen war.

Ihre Schwester Karen begleitete den hochgewachsenen Mann zur Tür, öffnete sie ihm und reichte ihm zum Abschied die Hand.

„Was sagst du zu ihm?“, fragte Karen Thoma gespannt, als sie sich neben ihre Schwester stellte. „Ein toller Mann, findest du nicht auch? Er ist ein richtiger Graf mit Schloss und allem, was dazugehört.“

„Und eine neue Freundin hat er auch, vergiss das nicht zu erwähnen.“ Jasmins junges, sehr hübsches Gesicht wirkte einen Moment fast vergrämt. „Er war doch heute zum ersten Mal hier, nicht wahr?“

„Ja. Und hat mich sofort gefragt, ob er mich einladen darf.“

„Und du hast natürlich sofort Ja gesagt.“ Jasmin schüttelte den Kopf und seufzte verhalten. „Findest du es eigentlich richtig, fast jeden Abend auszugehen?“

„Natürlich! Soll ich etwa hier im Geschäft versauern?“ Karen Thoma schob missmutig die Unterlippe vor. „Ich bin jung und will etwas vom Leben haben.“

„Es gibt abends immer noch genug zu tun“, erinnerte Jasmin. „Und einer muss sich ja schließlich um das Geschäft kümmern.“

„Das tust du wirklich vorbildlich. Ich werde das nie schaffen, Jasmin. Ich vergesse immer die Hälfte. Also, du glaubst gar nicht, wie ich mich auf den heutigen Abend freue. Ein richtiger Graf …“

„Und du hattest nichts Eiligeres zu tun, als dich ihm an den Hals zu werfen“, fiel Jasmin ihr bitter ins Wort. „Er scheint ein Angeber zu sein, wenn er so mit seinen Besitztümern geprahlt hat.“

„Überhaupt nicht. Ich habe ihn gefragt, und er brauchte nur zu antworten. Ich liebe Männer, die hier etwas haben.“

Sie schlug sich an die Brust, wo bei ihren Kavalieren die Brieftasche zu stecken pflegte.

„Heute muss ich pünktlich Feierabend machen“, erklärte sie dann. „Nimm für mich keinen Kunden mehr an, hörst du? Was ziehe ich nur an? Ich werde einmal eine gute Partie machen, warte nur ab. Ich bin doch nicht blöd und heirate einen einfachen Mann. Für mich kommt nur ein großes Vermögen infrage. Vielleicht beißt der Wiesenthal ja an …“

„Und die Liebe? Bedeutet sie dir gar nichts?“, fragte Jasmin erschüttert. So offen wie eben hatte Karen bisher noch nie gesprochen.

„Was heißt schon Liebe?“, fragte ihre schöne Schwester und zuckte die Achseln. „Aber jetzt muss ich weitermachen. Mein Gott, wie ich diese Arbeit hasse!“

„Ich habe Angst um dich“, gestand Jasmin. „Es kann mit dir nicht gut gehen. Du bist so hart.“

„Und du ein kleines Schäfchen. Du träumst sicherlich davon, dass die große, viel besungene Liebe eines Tages mal vor dir steht, und nach dem Einkommen fragst du nicht. Na ja, wir haben ja unseren Salon, der ernährt schon eine Familie. – Aber jetzt muss ich wirklich gehen. Gibst du mir noch zweihundert Mark?“

„So viel? Du hast diesen Monat doch schon …“

„Sei doch nicht so kleinlich, Jasmin. Ich weiß selbst, dass ich meinen Anteil schon entnommen habe, aber du brauchst ja nichts für dich. Und wenn ich erst verheiratet bin, dann kannst du den Laden hier gern behalten. Gib deinem Herzen schon einen Stoß.“

Ich dürfte es eigentlich nicht, dachte Jasmin, als sie die Kasse aufzog und das Geld herausnahm.

„Einmal Haare waschen und legen, zwölf Mark“, sagte Wilma Menzel hinter ihnen.

Die Kundin kramte in ihrer Handtasche, um das verlangte Geld herauszunehmen.

„Warte heute Abend nicht auf mich. Es kann spät werden“, warf Karen ihrer Schwester noch hin, die der Kundin das Wechselgeld herausgab.

Hingerissen starrte Wilma Menzel ihr nach. Sie beneidete die Chefin um ihre Schönheit und ihr sicheres Auftreten. Heimlich träumte sie davon, einmal zu werden wie sie. Hübsch war sie schon auch, die kleine Friseuse, aber die angeborene Selbstsicherheit einer Karen Thoma fehlte ihr. Sie war immer ein wenig schüchtern und befangen.

„Danke schön“, sagte sie und machte einen schulmädchenhaften Knicks, als die Kundin ihr das Trinkgeld in die Hand schob. Dienstbeflissen hielt sie der fülligen Dame die Tür auf.

„Gehen Sie in den Herrensalon, man braucht Sie dort“, ordnete Jasmin Thoma an. „Meine Schwester ist leider verhindert.“

„Ich weiß. Sie ist mit dem tollen Mann verabredet. Wie sie das nur immer so schafft … Aber ich glaube, wäre ich ein Mann, ich würde mich auch in Fräulein Karen verlieben.“

„Verlieben Sie sich lieber in Ihre Arbeit, Wilma“, erwiderte Jasmin lächelnd. „Das ist besser.“

Wilma Menzel war davon nicht überzeugt.

***

Jasmin war froh, als sie abends die Tür abschließen konnte. Solch ein Tag war immer lang, denn zu ihren Pflichten gehörte es, die Mädchen einzuteilen und ihre Arbeit zu überwachen. Sie selbst sprang nur in Notfällen ein, wenn jemand krank wurde oder ein besonders prominenter Kunde nicht warten sollte.

Die Idee für den Schönheitssalon Thoma stammte übrigens von Karen. Nach dem Tod der Eltern hatten sie ein kleines Vermögen geerbt, und Karen war nicht dafür gewesen, es auf der Bank zu lassen, wo es bescheidene Zinsen tragen würde.

„Wir müssen etwas damit machen“, hatte sie damals gesagt. „Und ich weiß auch schon, was: Wir nehmen reichen Leuten das Geld ab. Schön sein wollen sie alle, und das lassen sie sich etwas kosten.“

Als Jasmin die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufging, die über den Geschäftsräumen lag, erinnerte sie sich noch genau an ihre anfängliche Abwehr. Das Risiko war ihr zu groß gewesen. Sie hatten etwas über zwanzigtausend Mark gehabt, aber ungefähr fünfzigtausend benötigt.

Karen hingegen hatte keinerlei Bedenken gehabt, einen Kredit aufzunehmen.

„Und wenn es schiefgeht?“, hatte Jasmin damals gefragt.

„Irgendwie wird es schon klappen.“ Karen war eine geborene Optimistin und hatte außerdem Energie für zwei, wenn es darauf ankam. Es machte ihr nichts aus, zwölf Stunden am Stück zu arbeiten. Dafür drückte sie sich dann, wenn es andere gab, die die Arbeit für sie erledigen konnten.

Sie ist eine Frau voller Widersprüche, dachte Jasmin. Automatisch schaltete sie das Radio ein, um den Straßenlärm zu übertönen.

Sie machte sich eine Schnitte zurecht und setzte sich dann ins Wohnzimmer. Dieses Ruhen im Sessel tat ihr gut. Sie entspannte sich völlig, nur ihre Gedanken konnte sie nicht ganz abschalten.

Zehn Minuten später hörte sie schon das Klappen der Tür. Karen stürmte ins Wohnzimmer, sie sprühte vor Temperament und Energie.

„Ich habe das Kleid für mich gefunden“, überfiel sie Jasmin. „Ich muss morgen noch hundertachtzig Mark bringen, das Geld hat nicht gereicht, aber das Kleid ist seinen Preis wert. Warte einen Moment, ich ziehe es sofort an. Du wirst Augen machen!“

Wie unvernünftig sie ist, dachte Jasmin. Es wäre doch viel besser, sie würde einmal ans Sparen denken …

Aber Karen war mehr dafür, den Überschuss aus dem Salon möglichst rasch auszugeben.

„Was sagst du nun?“ Karen kam zurück, und Jasmin musste zugeben, dass das Kleid ihr wirklich ausgezeichnet stand. „Wiesenthal wird Augen machen“, meinte sie selbstgefällig und drehte sich einmal um sich selbst. „Als ich das Kleid sah, musste ich es einfach kaufen. Du bist mir doch nicht böse deshalb?“

„Es würde ja doch nichts ändern“, meinte Jasmin mit einem müden Lächeln. „Du hast einen sehr guten Geschmack.“

„Ich weiß“, bestätigte Karen ohne falsche Bescheidenheit. „Und ich glaube, Wiesenthal sucht kein Abenteuer. Ihm gegenüber werde ich spröde sein, zurückhaltend. Das erwartet er von Frauen, glaube ich. Er scheint da noch so altmodische Ansichten zu haben, und ich muss mich danach richten.“

„Gefällt er dir denn als Mensch?“, fragte Jasmin.

„Doch, er scheint recht nett zu sein. Aber darauf kommt es erst in zweiter Linie an. Drück mir beide Daumen, Jasmin, dass es diesmal klappt.“ Es hatte an der Tür geläutet. „Also dann tschüss, Jasmin – und arbeite nicht mehr zu viel.“

Jasmin Thoma hörte Karens Lachen noch auf der Treppe.

Es muss eigentlich schön sein, wenn man das Leben so leicht nehmen kann wie sie, dachte sie.

Manchmal beneidete Jasmin ihre lebenstüchtige Schwester, aber andererseits wünschte sie sich auch nicht, so zu sein wie sie.

Ich weiß selbst nicht, was ich will, schloss sie ihre Gedanken ab und griff nach einem Buch.

***

Warum klingelt Karen?, fragte sich Jasmin, als die Wohnungsglocke anschlug. Hat sie etwa wieder ihren Schlüssel vergessen?

Außerdem war es noch nicht spät. In der Regel pflegte ihre Schwester viel länger fortzubleiben.

Mit einem bedauernden Blick auf ihr Buch klappte sie es zu und legte es auf den Tisch. Aber es war gar nicht ihre Schwester, die draußen stand, sondern Herr Pape, der Meister im Herrensalon.

„Entschuldigen Sie die späte Störung, Fräulein Thoma. Ich wusste niemanden, zu dem ich gehen konnte. Es handelt sich um meine Tochter Ute. Sie hat plötzlich Fieber bekommen, und ich dachte, Sie als Frau … Der Arzt war schon da. Sie soll Wadenwickel bekommen.“

Verlegen drehte der Mann seinen Hut in der Hand.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, einmal nach der Kleinen zu sehen?“, bat er. „Sie jammert nach ihrer Mutti, und … wenn Sie da sind … Sie werden ja gut mit Kindern fertig …“ Es gelang ihm nicht, in vollständigen Sätzen zu sprechen. Schüchtern blickte er zu Jasmin empor. „Wenn Sie natürlich etwas anderes vorhaben … Es war ja nur so ein Gedanke von mir. Aber seitdem meine Frau tot ist, da …“ Er brach hilflos ab.

„Warten Sie einen Moment, ich ziehe mir nur rasch einen Mantel über.“ Jasmin wusste, dass Dietrich Papes Frau vor etwa einem Jahr überraschend gestorben war. Seitdem wirtschaftete der Friseurmeister allein und versuchte so gut wie möglich, seine kleine Tochter Ute zu betreuen.

„Es ist nett von Ihnen, dass Sie mitkommen“, sagte der Mann, als sie die Haustür ins Schloss drückte. „Ich weiß nie so recht, was ich tun soll.“

„Sie müssten noch einmal heiraten“, riet Jasmin freundlich, während sie ihren Schritt seinem anpasste. „Sie sind doch ein gut aussehender Mann. Es dürfte Ihnen eigentlich nicht schwerfallen, eine Frau zu finden.“

Dietrich Pape räusperte sich. „So einfach, wie Sie denken, ist das auch wieder nicht“, bekannte er dann stockend. „Ich möchte nur eine Frau haben, die ich … nun, die ich sehr gernhabe.“

„Sie werden schon die Richtige finden“, beruhigte Jasmin ihn freundlich.

Beim Treppensteigen entschuldigte er sich immer wieder für die Mühe, die er ihr machte.

„So, jetzt haben wir es geschafft. Sehen Sie nicht auf die Unordnung, Fräulein Thoma. Ich bin heute noch nicht zum Aufräumen gekommen.“

„Das verstehe ich vollkommen!“, versicherte Jasmin. Sie schätzte Dietrich Pape sehr. Er hatte kein einziges Mal gefehlt und war bei der Arbeit unermüdlich.

Aus dem Schlafzimmer hörte sie Kinderweinen.

„Sie weiß, dass ich fortgegangen bin, und fürchtet sich wohl“, äußerte Dietrich bedrückt. „Aber jetzt sind Sie ja da. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee kochen oder sonst etwas anbieten?“

„Danke, nein. Wenn ich abends Kaffee trinke, kann ich die ganze Nacht hindurch nicht schlafen.“ Sie beugte sich über das Kinderbett.

Utes Gesicht war gerötet, ihre Augen glänzten fiebrig. Bei Jasmins Anblick verzog sie den Mund, als wolle sie gleich wieder zu weinen beginnen, besann sich dann aber eines Besseren.

„Das ist Tante Jasmin, die kennst du doch. Nun sei ruhig, mein Kleines, es wird ja alles gut.“

Jasmin strich über die Stirn des Kindes und erschrak darüber, wie heiß diese war.

„Bringen Sie mir bitte eine Schüssel mit kaltem Wasser und ein Handtuch.“

„Sofort, Fräulein Thoma.“ In seinem Eifer, ihren Wunsch zu erfüllen, stolperte Dietrich Pape fast über seine eigenen Beine.

„Tut dir etwas weh?“, wollte Jasmin wissen. Sie hatte die Hände des Kindes in ihre genommen und lächelte auf Ute hinab.

„Hier“, sagte die Kleine kläglich und zeigte auf eine Stelle ihres Bauches.

Jasmin runzelte die Stirn.

„Wann war der Arzt da?“, fragte sie den Mann, der gerade wieder ins Zimmer trat.

„Ich habe ihn gleich nach Dienstschluss kommen lassen. Er weiß auch nicht, was ihr fehlt.“

„Wenn es nun eine Blinddarmentzündung ist … Es wäre besser, Sie würden den Arzt noch einmal rufen.“

„Um diese Zeit? Ob er kommen wird?“ Dietrich Pape war kein Mann mit großem Selbstvertrauen. Außerdem scheute er sich, einen Arzt womöglich einer Kleinigkeit wegen aus dem Bett zu holen.

„Ich werde ihn anrufen. Haben Sie seine Nummer?“

„Nein. Das heißt … doch. Aber ich habe kein Telefon, Fräulein Thoma.“ Hilflos schaute der Mann sie an.

„Ich laufe schnell zurück und telefoniere von mir aus. Bleiben Sie bei Ute. Tante Jasmin kommt gleich zurück“, erklärte sie der Kleinen, die großäugig zu ihr emporschaute.

„Fein“, sagte Ute leise und lächelte gequält.

Zehn Minuten später kam Jasmin zurück. Der Arzt hatte versprochen, sofort zu kommen, und ein paar Minuten nach ihr betrat er schon Papes Wohnung.

Seine Untersuchung war nur kurz.

„Blinddarmentzündung“, stellte er fest. „Das Kind muss sofort ins Krankenhaus. Von wo kann ich hier anrufen?“

„Ich habe kein Telefon …“

„Dann fahre ich das Kind hin. Kommen Sie mit? Es ist vielleicht besser. Kinder ängstigen sich nicht so, wenn die Eltern dabei sind.“

Er hält uns für ein Ehepaar, dachte Jasmin. Aber sein Irrtum war ihr nicht wichtig genug, um ihn aufzuklären.

Eine Stunde später war die kleine Ute schon operiert.

„Es wurde auch allerhöchste Zeit“, versicherte der diensthabende Arzt. „Wenn Sie wollen, dürfen Sie bei Ihrem Kind bleiben. Es wird bald aus der Narkose erwachen, und dann ist es gut, wenn es vertraute Gesichter sieht.“

Jasmin nickte. Sie zog sich einen Stuhl an die Seite des Bettes. Dietrich Pape folgte ihrem Beispiel.

„Er glaubt, wir seien verheiratet“, wisperte er ihr zu. „Und eigentlich … ich meine, ich habe auch etwas gespart … zehntausend sind es jetzt, und einen Bausparvertrag habe ich. Das ist natürlich nicht viel im Vergleich zu dem, was Sie besitzen …“

Mit steigender Verwunderung hatte Jasmin ihm zugehört.

Er hat doch nicht etwa die Absicht, mir einen Heiratsantrag zu machen?, dachte sie. Aber die Schüchternheit des Mannes sprach eigentlich dafür.

„Ich werde wohl nicht heiraten“, sagte Jasmin bestimmt. „Auf jeden Fall will ich mir damit noch Zeit lassen, bis der Richtige kommt. Und Sie werden eines Tages bestimmt die passende Mutter für Ihre reizende Ute finden.“

„Sie mögen Ute“, sagte der Mann still. „Es ist vielleicht unbescheiden von mir, aber ich habe schon lange darüber nachgedacht. Mir fehlte eigentlich immer nur der Mut, aber wenn man es sich richtig überlegt, dann wäre es doch nur vernünftig. Und Fräulein Karen könnten wir auszahlen. Dann machen Sie den Damensalon und ich die Herrenabteilung. Der Herrensalon ließe sich übrigens noch ausbauen. Ich würde noch einen Gehilfen einstellen …“

Das ist ein Heiratsantrag, dachte Jasmin. Wie bringe ich ihm nur bei, dass er kein Mann für mich ist?

Sie mochte ihn wirklich gern, deshalb wollte sie ihn auch nicht vor den Kopf stoßen. Aber Sympathie allein erschien ihr nicht ausreichend für eine Ehe.

„Ich habe Sie sehr gern, Herr Pape. Aber sehen Sie, wenn ich einmal heirate, dann muss es aus Liebe geschehen. Ich weiß Sie zu schätzen, aber die Liebe …“

„Was heißt schon Liebe?“, fragte Dietrich Pape leise.

Genau das Gleiche hat Karen mir schon einmal gesagt, schoss es Jasmin durch den Kopf. Glauben denn alle Menschen, Liebe sei nur eine Erfindung, eine Illusion?

Sie hatte Liebe kennengelernt. In ihrem Elternhaus hatte die Liebe gewohnt.

„Sie sind mir doch nicht böse?“ Bittend legte sie ihre Hand leicht auf Papes Arm. „Suchen Sie sich ein anderes Mädchen, zum Beispiel Fräulein Wilma aus unserem Salon.“

„Vielleicht überlegen Sie es sich ja noch einmal“, wiederholte der Mann beharrlich. Es schien, als habe er Jasmins Worte gar nicht in sich aufgenommen. „Ich warte. Und Ute verdankt Ihnen vielleicht ihr Leben.“

Die Kleine schlug die Augen auf.

„Mama“, sagte sie leise und bewegte schwach die Hände.

Dietrich Papes Augen wurden feucht. „Haben Sie es gehört?“

„Sie ist noch nicht ganz bei Bewusstsein. – Wie geht es dir, mein Liebling?“

Ute schloss die Augen. Sie fühlte sich gar nicht gut, und die Narkose war noch nicht vorbei.

Mama – wie sie das gesagt hat. Hat sich da in Ihrer Brust nicht etwas gerührt, Fräulein Thoma? So ein Kind braucht doch eine Mutter. Und ich meine, Sie könnten … Sie wären …“

„Ich glaube, ich kann jetzt gehen. Sie bleiben am besten noch, Herr Pape. Morgen brauchen Sie nicht zu kommen, es wird auch einmal ohne Sie gehen. Grüßen Sie Ute von mir, wenn sie wach wird.“

„Fräulein Thoma …“ Dietrich hielt ihre Hand fest.

„Ja?“, fragte Jasmin freundlich und entzog sie ihm.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nichts. Ich wollte nichts sagen“, murmelte er und ließ die Schultern hängen.

Jasmin schloss leise die Tür hinter sich.

Hoffentlich habe ich ihn nicht verloren, dachte sie. Ein Mitarbeiter wie er würde nicht leicht zu ersetzen sein.

***

Vor der Haustür stießen Karen und Jasmin zusammen.

„Du warst auch noch unterwegs? Seit wann bist du eine Nachtschwärmerin?“ Karen lachte leise. „Ach, es war ein herrlicher Abend. Du, ich glaube, Wiesenthal meint es ernst. Tatsächlich, wie er sich mir gegenüber benimmt, das lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu.“

Jasmin schüttelte den Kopf. „Ich war bei Herrn Pape“, erklärte sie dann. „Seine Tochter war krank, und er wusste sich nicht zu helfen.“

„Warum bist du nicht gleich bei ihm geblieben?“, fragte Karen lässig. „Der gute Dietrich ist doch bis über beide Ohren in dich verliebt.“

Länger konnte sie sich nicht auf die Erlebnisse ihrer Schwester konzentrieren. Sofort wanderten ihre Gedanken zurück zu dem, was ihr selbst widerfahren war.

„Morgen Abend will er mich wieder abholen. Ach, ist das ein Mann! So ein bisschen erinnert er mich an Vater, nur dass Wiesenthal natürlich viel charmanter ist. Und was der schon alles von der Welt gesehen hat … Ach, Jasmin, wenn es doch klappen würde! Und was für Komplimente er mir gemacht hat …“

Beim Sprechen waren sie die Treppe hinaufgegangen und setzten sich jetzt in die bequemen Sessel des Wohnzimmers.

„Ich sei viel zu schade, um berufstätig zu sein, hat er gesagt. Und er bewundert den Mut, mit dem ich mir eine Existenz aufgebaut habe. Er mag Frauen, die nicht zimperlich sind, glaube ich. Natürlich hat er keine Ahnung, dass ich früher auch schon mal … ausgegangen bin. Ich habe ihm gesagt, dass ich grundsätzlich keine Einladungen annehme.“

„Das wird ihm sehr einleuchten“, äußerte Jasmin bissig. „Er hat bei dir bloß angetippt, und du hast sofort Ja gesagt.“

Karen lachte ihr leises, angenehmes Lachen.

„Das kommt eben von der großen Liebe“, sagte sie, und in ihren Augen zuckte es humorvoll auf. „Ich habe ihm klargemacht, was für eine Sonderstellung unter allen Männern er für mich einnimmt.“

„Ich glaube nicht, dass ein Graf Wiesenthal dich heiraten wird. Du solltest dir keine übertriebenen Hoffnungen machen, Karen. So einer wie der kann doch ganz andere Mädchen haben.“

„Eine Karen Thoma gibt es nur einmal, und das hat er gemerkt. Und was ist gegen mich vorzubringen? Ich stamme aus einer erstklassigen Familie, schlage mich solide durchs Leben, habe beruflich beachtliche Erfolge. Die Arme einer jeden Schwiegermutter müssen doch wie von selbst auseinandergehen, wenn der liebe Sohn ihr solch ein Töchterchen ins Haus bringt.“

„Ich beneide dich um deinen Optimismus“, gestand Jasmin ehrlich.

Bewundernswert war, dass Karen ihn auch bei Rückschlägen nie verlor. Nicht zum ersten Mal schwärmte sie ihr ja von einem Manne vor, der vermögend genug war, um sie zu begeistern.

„Eigentlich bist du das, was man leichtfertig nennt“, äußerte Jasmin grübelnd. „Und wenn dein Graf das herausbekommt …“

„Das darf er eben nicht. Jedenfalls nicht, bevor wir verheiratet sind. Und was heißt schon leichtfertig? Ich genieße mein Leben, ist das ein Verbrechen?“

„Du gehst ein bisschen weit mit dem Genießen. Aber das sind deine Angelegenheiten. Du bist alt genug, um zu wissen, was du tun darfst und was nicht.“

„Stimmt genau!“ Karen nickte friedfertig. „Du bist eben noch nicht alt genug, um das zu wissen. Du solltest dir an mir ein Beispiel nehmen.“

„Hat er auch einen Beruf?“, fragte Jasmin.

Karen stutzte. „Einen Beruf, ein Mann mit so viel Geld? Er hat Güter, und die werfen wohl genügend ab. Nach seinem Beruf habe ich ihn nicht gefragt. Männer werden immer schrecklich langweilig, wenn sie von ihrer Arbeit erzählen. Er hat mich gefragt, wann ich Urlaub mache und ob ich dann vielleicht Lust hätte, auf seiner Segeljacht im Mittelmeer herumzukutschieren.“

„Woraufhin du sofort Ja gesagt hast.“

„Sehe ich so blöd aus?“, fragte Karen und schmunzelte. „Ich muss doch an meinen guten Ruf denken. Was würden die Leute sagen, wenn ich mich von einem Junggesellen zu solch einer Fahrt einladen lassen würde? Ich brauche Bedenkzeit, und wahrscheinlich muss ich ablehnen. Tja, so ist das, wenn man ein überaus anständiges Mädchen ist.“

Karen lachte. Abends war sie nie müde, dafür schlief sie lieber morgens länger. Sie übersah das verstohlene Gähnen ihrer Schwester.

„Und wie seine Augen aufgeleuchtet haben, als ich meine Argumente vorbrachte! Fast wäre er vor lauter Achtung aufgestanden, glaube ich. Nicht einmal einen Kuss wollte er von mir haben, und dabei hat er wirklich etwas springen lassen.“

„Ich möchte jetzt ins Bett. Erzähl mir morgen, was ihr gegessen habt“, fiel ihr Jasmin ins Wort und stand auf.

„Wie kann man bloß immer so müde sein?“ Karen schüttelte den Kopf.

„Ich werde jetzt ins Bett gehen, und du solltest es auch tun. Das lange Aufbleiben ist nicht gut für den Teint, das hast du doch gelernt.“

Karen gähnte. „Ich erzähle es auch den Madames jeden Tag, wenn ich sie behandle. Aber soll man sich denn an die ganzen Rezepte halten, die man gibt? Wenn ich verheiratet bin, stehe ich vor dem Mittagessen bestimmt nicht auf.“

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