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Romantische Bibliothek - Folge 026

Birgitt, das Pflegekind

Bewegender Roman um eine schwere Schicksalsprüfung

Josefine Wächter

Kann man seinem Herzen die Liebe verbieten? Immer wieder beschäftigt sich Gerda von Tieken mit dieser Frage, die sie fast an den Rand der Verzweiflung treibt. Sie selbst weiß wohl, dass sie nur ihrer wahren Liebe nachgegeben hat, die anderen aber deuten mit Fingern auf sie. Jetzt steht Gerda allein in der Welt, denn sie ist schwanger und kennt noch nicht einmal den Vater ihres Kindes. Um die Schande, wie man ihren Zustand beschreibt, nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen, wird ihr die kleine Birgitt gleich nach der Geburt weggenommen. Sie wird als Pflegekind in eine andere Familie gegeben, ohne dass die junge Mutter sie auch nur einmal halten darf. Gerda glaubt zu zerbrechen, und sie empfindet tiefen Hass für den Mann, der sie in dieses Unglück gestoßen hat. Dabei tut sie Dr. Bachler bitter Unrecht, denn der engagierte Kinderarzt weiß gar nicht, dass er Vater geworden ist …

Gerda von Tieken saß wie erstarrt. Sie blickte mit entsetzt aufgerissenen Augen auf den Arzt, der sie beruhigend anlächelte.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, gnädige Frau. Sie sind gesund, es wird alles normal verlaufen. Kommen Sie in drei Monaten wieder zu mir, schonen Sie sich nach Möglichkeit.“

Die junge Frau hörte ihn gar nicht.

Es konnte doch einfach nicht sein, es durfte nicht sein! Sie musste träumen. Sie hob den Kopf und schaute auf den Arzt. Ihre Lippen zitterten.

„Sagen Sie, dass Sie scherzen. Sie müssen sich irren.“

Der erfahrene Arzt wurde ernst. Er ahnte jetzt, was diese junge Frau bewegte. Sein Blick glitt zu ihrer rechten Hand. Kein Ring war auf dem schlanken Finger. Diese Frau war nicht verheiratet! Dr. Moosbach stand auf und ging zum Waschbecken. Sorgfältig wusch er sich die Hände, nur um seine Patientin nicht anschauen zu müssen, als er seine Diagnose wiederholte.

„Ein Zweifel ist vollkommen ausgeschlossen, gnädige Frau. Aber Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen. Nichts ist so schlimm, wie es am Anfang aussieht, und ein Kind ist immer ein Segen. Glauben Sie mir, auch Sie werden später Freude empfinden, wenn Sie das werdende Leben unter Ihrem Herzen spüren.“

Hatten seine Worte überhaupt das Bewusstsein der jungen Frau erreicht? Der Arzt bezweifelte es, als er in ihr Gesicht blickte, das wie versteinert war. Er legte seinen Arm um ihre schmalen Schultern.

„Fassen Sie sich, gnädige Frau.“ Seine Stimme war so warm und gütig, dass der Schatten eines Lächelns um Gerdas Mund huschte.

Sie kämpfte mit einem verzweifelten Entschluss. Sollte sie ihn bitten …Würde er ihr helfen? Wenn sie ihm alles erklärte … Er sah so verständnisvoll aus, er musste doch einfach verstehen, dass sie das Kind nie und nimmer zur Welt bringen durfte.

„Es ist keine Schande, einem Menschen das Leben zu geben“, fuhr der Arzt fort, bevor sie etwas sagen konnte. „So viele Frauen sind in Ihrer Lage. Kümmern Sie sich nicht um das Gerede der Welt, sondern stehen Sie zu dem Kind.“

Gerda schluchzte auf. Der Arzt konnte gut reden. Sie war schließlich nicht irgendwer. Ihre Eltern besaßen eines der größten Güter der Umgebung, waren geachtet und beliebt. Und sie, ihre Tochter, sollte ein uneheliches Kind bekommen?

„Helfen Sie mir!“, flehte Gerda mit erhobenen Händen. „Ich bin nicht verheiratet!“

Sie stockte und wandte den Kopf zur Seite. Wie schämte sie sich, dass das Erlebnis einer Stunde solche Folgen haben sollte. Der Ball war vor einem Vierteljahr gewesen, ein rauschendes Fest voller Freude und Jubel. Damals hatte sie den Fremden kennengelernt, den Mann im dunklen Domino. Sie hatte mit ihm getanzt, und …

Sie durfte es niemanden erzählen. Kein Mensch würde verstehen können, dass sie nicht leichtsinnig gewesen war, sondern dass sich etwas ganz anderes als nur eine flüchtige Aufwallung in ihr geregt hatte, als sie sich dem Fremden ganz hingegeben hatte.

Gerda kannte nicht einmal seinen Namen. Sie wusste auch nicht, wie er aussah, denn noch vor der Demaskierung hatte er den Ball verlassen.

„Ich darf kein Kind bekommen, Herr Doktor, es geht einfach nicht! Meine Eltern würden mich aus dem Haus werfen. Sie würden mich verstoßen! Helfen Sie mir!“

„Wissen Sie, was Sie von mir verlangen?“ Der Arzt schaute ernst und durchdringend auf die junge Frau, die ihre Hände vor das Gesicht schlug und schluchzte. „Ich rate Ihnen, keinen Versuch zu machen, das werdende Leben zu zerstören“, fuhr der gütige Arzt fort. „Sprechen Sie mit ihren Eltern. Tragen Sie ihnen den ganzen Fall vor, und Sie werden sehen, dass sich noch eine Möglichkeit ergibt, die Sie in ihrer jetzigen Aufregung vergessen haben. Verschieben Sie alle Entschlüsse, bis das Kind zur Welt gekommen ist. Erst dann, wenn es ruhig atmend neben Ihnen liegt, sind Sie imstande, das richtige Urteil zu fällen.“

Waren seine Worte auf fruchtbaren Boden gefallen? Dr. Moosbach hoffte es von ganzem Herzen, als sich seine Patientin erhob und er ihr in den kostbaren Mantel half.

„Ich danke Ihnen, Herr Doktor“, flüsterte Gerda von Tieken die Abschiedsworte mit leiser, müder Stimme.

Sie war wie betäubt, als sie die Stufen des Hauses hinunterging und in den hellen Frühlingstag hinaustrat. Wie war es nur möglich, dass die Menschen alle so froh und heiter aussahen, während solch ein großes Unglück sie getroffen hatte? Mit einem Schlag war alles vorbei. Der Fluch einer leichtsinnigen Stunde würde sie das ganze Leben verfolgen.

Gerda stöhnte auf und taumelte. Sie griff Halt suchend nach dem Gitter eines Vorgartens.

Da nahm eine einfache Frau in abgetragenem Mantel resolut ihren Arm.

„Kommen Sie, Fräulein, ich koche Ihnen eine Tasse Kaffee. Ich glaube, Sie haben eine Stärkung nötig.“

Gerda schaute die Fremde an und nahm sie doch nur halb wahr. Sie sah zwei gütige, dunkle Augen und nickte willenlos. Schweigend ließ sie sich mitziehen und betrat bald darauf die kleine Wohnung der Frau. Gerda ließ sich auf einen Stuhl gleiten und beobachtete, wie die andere Wasser aufsetzte. Die Küche war blitzsauber und aufgeräumt. Alles in dem Raum zeugte von der Sorgfalt und Liebe der Frau, die geschickt mit den Geräten hantierte, den Kaffee durchmahlte und tat, als wäre sie allein.

Ihr Verhalten tat Gerda gut. Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf müde gegen die Wand. Wenn sie jetzt schlafen könnte und beim Aufwachen feststellte, dass alles nur ein Traum gewesen war!

„So, Fräulein, trinken Sie. Es wird ihnen guttun!“

Gerda von Tieken schreckte hoch und nahm dann verwirrt die Tasse entgegen. Langsam schlürfte sie das heiße Getränk und spürte, wie es sie belebte. Ganz allmählich ordneten sich ihre Gedanken.

Frau Nentwig sah mit Freude, dass wieder etwas Farbe in die Wangen ihrer Besucherin kam.

Gerda lächelte. Es war ein schmerzliches, zaghaftes Lächeln, aber immerhin, es war doch schon der erste Schritt ins Leben zurück.

„Geht es Ihnen wieder besser, Kindchen?“ Mitleidig strich Frau Nentwig über den Handrücken des Mädchens. „Als ich mein erstes bekam, ging es mir auch manchmal so wie Ihnen jetzt. Da ist es schön, wenn sich jemand findet, der einem eine Tasse Kaffee gibt.“

Eine dunkle Röte schoss in Gerdas Gesicht. Konnte ihr schon jeder ansehen, was mit ihr war?

„Ich … ich muss wieder gehen.“ Verwirrt erhob sie sich, aber ihr wurde schwarz vor den Augen. Mit leisem Ächzen sank sie wieder zurück.

„Sie dürfen nicht verzagen, junge Frau. Auch ich habe Kinder, zwei reizende Jungen, und mein Mann ist schon seit vielen Jahren tot. Ein fahrlässiger Autofahrer hat ihn totgefahren. Ich beziehe nur eine winzig kleine Rente, die nicht zum Leben reicht, und muss mich mit meinen beiden Buben durchschlagen. Hätte ich meine Kinder nicht, wäre ich schon längst am Leben verzweifelt. Sie glauben gar nicht, wie viel Freude man an ihnen hat. Sie sind zwar auch eine Last, denn ich käme allein viel besser durchs Leben. Aber trotzdem möchte ich um keinen Preis der Welt auf sie verzichten.“

Gerda schaute die andere aus großen Augen an. Sie wusste, was diese einfache Frau mit ihrer Erzählung erreichen wollte. Sie wollte ihr Trost und Zuversicht einflößen.

Stockend begann Gerda zu erzählen. Der Blick der Frau, in dem keine Neugierde, sondern nur Anteilnahme lag, brachte sie wie von selbst dazu. Es tat ihr gut, sich einmal den ganzen Kummer von der Seele reden zu können.

Frau Nentwig hatte die Hand auf ihren Arm gelegt und schaute die Erzählerin nur an.

Gerda glaubte, ein einmaliges Erlebnis gehabt zu haben. Aber geschah es nicht sehr oft, dass ein Mann aus dem Leben eines Mädchens verschwand, ohne seine Adresse zu hinterlassen?

„Es ist wirklich nicht so schlimm, wie Sie meinen“, tröstete Frau Nentwig ihren Gast. „Dem Mann dürfen Sie nicht nachtrauern, er ist es bestimmt nicht wert. Sie werden ein Kind bekommen. Und wenn es erst da ist, werden Sie es nicht mehr hergeben wollen.“

„Das ist alles so leicht gesagt“, erwiderte Gerda müde. „Doch wenn man es selbst erlebt, dann sieht alles anders aus. Meine Eltern werden mich enterben. Sie werden mich aus dem Haus jagen …“

Unwillkürlich begann Frau Nentwig zu lächeln.

„Kindchen, was Sie da sagen, ist Unsinn. Sicher, im ersten Moment werden sie toben. Sie werden sich auf eine unangenehme Stunde gefasst machen müssen. Doch dann, wenn sie die Neuigkeit verarbeitet haben, wird alles anders werden. Ich möchte einmal die Eltern sehen, die ihr Enkelkind nicht lieben, egal, ob es nun einen Vater hat oder nicht.“

Ihre Worte klangen so überzeugend, dass Gerda tatsächlich neuen Mut schöpfte. Sie wünschte sich so sehr, dass diese Frau recht hatte.

„Die Zeit der Tragödie wegen eines unehelichen Kindes ist vorbei“, fuhr Frau Nentwig fort. „Heutzutage urteilt man anders, wenn ein Mädchen einmal Unglück gehabt hat.“

Gerda streckte ihr die Hand hin. „Ich danke Ihnen“, sagte sie einfach. „Sie haben mir neuen Mut gemacht.“

Als die Spannung von ihr abgefallen war, fand Gerda ihren Gleichmut wieder. Besonders als Frau Nentwigs Söhne eintraten, zwei Buben im Alter von sechs und acht Jahren, vergaß sie den Kummer.

Die beiden waren auch zu drollig und überhaupt nicht befangen. Gleich hatten sie Kontakt mit der fremden Dame, und der ältere, Ernst, machte seinem Namen alle Unehre. Er war geradezu übermütig und erzählte in sich überstürzenden Worten von der Schule und dem neuen Lehrer, den sie gerade bekommen hatten.

Bald lachte Gerda hell auf.

Der jüngere saß auf ihrem Schoß und hatte seinen Arm unbefangen um ihren Hals gelegt.

„Kommst du bald einmal wieder, Tante Gerda?“, fragte er und rieb seine Wange schmeichelnd an ihrer. „Du kannst so nett lachen, und unsere Mutter ist manchmal so traurig.“

Gerda warf Frau Nentwig einen scheuen Blick zu. Diese Frau hatte also selbst Kummer genug. Sie stand nicht auf der Sonnenseite des Lebens und hatte trotzdem Verständnis für die Nöte einer anderen!

Ganz plötzlich, bevor Gerda es noch verhindern konnte, schossen ihr Tränen in die Augen. So lange es noch Menschen wie Frau Nentwig gab, war sie nie allein. Und darauf kam es doch schließlich an.

Auf dem Gut der Eltern war sie isoliert, wurde vom Gesinde als die junge Herrin respektiert, und auch zu den Nachbarn stand sie nur in einem nicht zu engen Freundschaftsverhältnis. Anteilnahme und Hilfsbereitschaft gab es kaum. Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun oder benutzte dies als Vorwand, um nicht helfen zu müssen. Doch diese einfache Frau, die selbst Kummer und Sorgen genug hatte, verstand Gerda und zeigte ihr ein warmes, mitfühlendes Herz.

„Ihr könnt stolz auf eure Mutti sein“, sagte Gerda von Tieken halblaut zu den Kindern.

„Das sind wir auch!“, kam es im Chor zurück.

„Bringt mich nicht in Verlegenheit“, brummelte Frau Nentwig mit gerötetem Gesicht, aber sie freute sich doch.

***

Zwei Stunden später saß Gerda in ihrem Wagen und fuhr nach Tiekenhof zurück. In ihr war alles ruhig. Die Stunden, die sie in Gesellschaft der Nentwigs verbracht hatte, hatten ihr ein vollkommen anderes Bild von dem Ausmaß ihres vermeintlichen Unglücks gegeben.

Wenn sie einmal genauso einen lieben Sohn bekam wie den kleinen Georg oder den größeren Ernst …War das denn wirklich ein Unglück?

Als sie den Wagen vor dem großen Portal des Gutshauses parkte, begann ihr Herz allerdings stark zu klopfen. Gerda fürchtete sich vor den kommenden Minuten, denn sie hatte sich entschlossen, die Aussprache mit den Eltern nicht länger hinauszuschieben.

Die Mutter, eine große, weißhaarige Dame, kam ihr mit leuchtenden Augen in der Halle entgegen.

Gerda sah, wie sehr sie sich über ihr Kommen freute. Es versetzte ihr einen Stich ins Herz, als sie daran dachte, welche Nachricht sie ihr jetzt überbringen musste.

Die Mutter schaute Gerda nachdenklich an, als ihre freundliche Begrüßung nur zögernd erwidert wurde. Sie ahnte, dass ihre Tochter etwas auf dem Herzen hatte. Mit gewollter Munterkeit umfasste sie ihre Schultern und führte sie zum Diwan.

„Nun, Kleines, was gibt es? Sprich dir deine Sorgen vom Herzen. Du weißt, dass ich stets Verständnis für dich habe.“

Gerda atmete schwer, als sie ihren Kopf gegen die Schulter der Mutter lehnte. Tränen traten in ihre Augen, und nur sehr langsam hob sie wieder den Kopf und schaute Frau Mathilde an.

„Ich war heute Vormittag beim Arzt, Mutter.“

Frau Mathilde zog ihre Tochter etwas enger an sich.

„Und, mein Kind, was hat er gesagt? Du bist doch nicht krank, oder?“

Bang schaute sie auf Gerda, deren Wangen sich mit einer glühenden Röte überzogen.

„Ich bin nicht krank, Mutter. Nur …“ Sie konnte einfach nicht weitersprechen. Wenn sie in das besorgte Gesicht ihrer Mutter schaute, fehlten ihr die Worte. Sie konnte ihr nicht sagen, dass sie eine leichtsinnige Tochter hatte, die das Kind eines Mannes unter dem Herzen trug, den sie gar nicht kannte.

Der ganze Mut, den Frau Nentwig ihr eingeflößt hatte, drohte Gerda wieder zu verlassen, und je länger sie wartete, desto geringer wurde er. Gerda merkte es mit Entsetzen. Zögerte sie nur noch wenige Minuten, würde sie das furchtbare Bekenntnis nicht mehr über die Lippen bringen. Deshalb machte sie sich gewaltsam aus Frau Mathildes Armen frei und sprang auf.

„Ich bekomme ein Kind, Mutter.“ Gerda drehte ihr den Rücken zu und starrte mit zusammengebissenen Zähnen aus dem Fenster.

Hinter sich hörte sie einen ächzenden Laut. Sie wagte nicht, sich umzuschauen. Sie hörte nur Frau Mathildes schweres Atmen, das fast schon ein Keuchen war.

Wie schwer musste die Eröffnung ihre Mutter getroffen haben! Ein heißes Mitleid mit der Frau, der sie so etwas Furchtbares antun musste, erfasste Gerda. Sie schnellte herum, wollte auf ihre Mutter zustürzen und blieb doch mitten in der Bewegung stehen. Wie hatte sich Frau Mathilde verändert! War das noch ihre Mutter, die sie mit solch entsetzten Augen anschaute? Das Mädchen begann unter diesem starren Blick zu frösteln.

Keine Miene änderte sich in dem Gesicht der alten Dame. Wie auf ein hässliches Tier schaute sie auf ihre Tochter, die den geachteten Namen Tieken besudelt hatte, die sie zum Gespött der gesamten Umgebung machen würde.

Endlich löste sich Gerdas Erstarrung.

„Mutter!“, rief das Mädchen aus und eilte auf Frau Mathilde zu. Beide Arme legte Gerda um ihren Hals und versuchte ihren Kopf an sich zu ziehen.

Es war vergeblich. Wie eine Statue saß Frau Mathilde da. Nur ihre Augen brannten in dem farblosen Gesicht und klagten die Tochter an, die sich in einer leichtsinnigen Stunde vergessen hatte.

„Geh!“, keuchte sie mit heiserer Stimme.

Gerda taumelte zurück. Das konnte ihre Mutter doch nicht ernst meinen. Sie konnte sie doch jetzt nicht fortschicken! Gerda griff sich ans Herz.

Noch immer hatte sich Frau Mathilde nicht gerührt. Nie hätte sie gerade ihrer Tochter zugetraut, dass sie sich einmal vergessen könnte.

Gerda hob den Blick, senkte ihn aber sofort wieder, als sie die Augen der Mutter auf sich gerichtet sah.

„Verzeih mir“, flehte das Mädchen leise, doch es erhielt keine Antwort.

Eine eisige Furcht ergriff Gerdas Herz. Wenn selbst die Mutter sie nicht verstand …

In sich überstürzenden Worten erzählte sie alles. Es war eine lange Erzählung. Gerda versuchte, die Stimmung, die sie damals umfangen gehalten hatte, mit ihren Worten wiederzugeben.

In Frau Mathildes Herzen regte sich Mitleid. Sie verstand ihre Tochter schon, auch wenn sie ihr Verhalten niemals verzeihen konnte. So etwas tat man nicht, man zeigte Selbstbeherrschung und Disziplin!

„Und bei der Demaskierung war er nicht mehr da. Niemand kannte ihn, er schien fremd zu sein. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört!“

Als Gerda ihr letztes Wort gesprochen hatte, rührte sich Frau Mathilde nicht. Sie spürte jetzt selbst, dass alles, was sie sagen konnte, keine Entschuldigung für sie war.

„Geh, mein Kind, ich will mit deinem Vater sprechen. Warte in deinem Zimmer, bis ich dich rufen lasse.“ Die Stimme der Mutter war verändert, sie war weicher als vorher.

Das Mädchen hob sein tränenüberströmtes Gesicht. Eine schwache Hoffnung glomm in Gerdas Herzen.

Es war mehr gewesen als nur der Rausch einer Leidenschaft. Mit unwiderstehlicher Gewalt hatte etwas in ihr sie zu dem Mann hingetrieben. Es war eine Macht, der sie einfach nicht gewachsen war. Doch konnte man so etwas einem anderen Menschen klarmachen?

Einen Augenblick blieb Gerda vor der Mutter stehen, bevor sie sich umwandte und mit schweren Schritten das Zimmer verließ.

Noch war Frau Mathilde nicht so weit, dass sie mit ihr sprechen konnte, noch waren die Worte ihrer Tochter zu frisch in ihrem Gedächtnis. Sie musste sie erst still für sich verarbeiten, bevor sie darüber sprechen konnte.

Die Tür fiel leise hinter Gerda ins Schloss. Frau Mathilde hob den Kopf nicht. Eine seltsame Leere war in ihr. Es fühlte sich so an, als sei ihr heute etwas Unersetzliches genommen worden. Wie stolz war sie immer auf das Vertrauen ihrer Tochter gewesen. Nie hätte sie erwartet, dass sie so von ihr enttäuscht werden würde.

Frau Mathilde erinnerte sich noch gut an den Ball. Damals war Gerda mit Bekannten dorthin gegangen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie selbst auf dem Fest gewesen wäre und ihrer Tochter zur Seite gestanden hätte.

Jetzt aber kamen alle Überlegungen zu spät. Gerda würde ein Kind bekommen. Alles, worauf Frau Mathilde stolz gewesen war, hatte jetzt ein Ende. Nicht nur, dass man mit Fingern auf sie zeigen würde, auch ihre Selbstachtung hatte einen Stoß erhalten, den sie nicht so schnell überwinden würde.

Und ihr Mann … Wie würde er die Eröffnung hinnehmen? Er war jähzornig, es würde eine große Szene geben. Aber hatten sie eine andere Wahl als gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Sie hatten keine. Gerda war und blieb ihre Tochter, sie konnten sie nicht einfach auf die Straße setzen.

Stunde um Stunde verging. Die Schatten der Dämmerung schlichen sich inzwischen herein, und noch immer saß Frau Mathilde da, ohne sich gerührt zu haben.

Der Eintritt ihres Mannes riss sie aus ihren Gedanken. Dark strahlte über das ganze Gesicht, als er auf sie zueilte und sie in die Arme schloss.

„Rate einmal, was für eine Nachricht ich heute bringe!“, sagte er schmunzelnd. „Aber du errätst es ja doch nicht, ich will es lieber freiwillig sagen. Stelle dir vor, ich war heute bei Graf Sanden, unserem neuen Nachbarn, der Gut Kandidden gekauft hat. Eine imposante Persönlichkeit. In den zwei Jahren, die er hier in der Gegend wohnt, hat er Kandidden zu einem Musterbetrieb gemacht.“

Dem frohen Mann fiel das ernste Gesicht der Gattin gar nicht auf. Er hatte sie losgelassen und ging jetzt mit langen Schritten im Raum auf und ab. Ab und zu blieb er stehen und schaute auf Frau Mathilde, wenn er glaubte, dass seine Worte besonders wirkungsvoll seien.

„Was meinst du, was er mich heute gefragt hat? Mathilde, er hat mich gefragt, ob er mir als Schwiegersohn willkommen sei.“ Es sah fast aus, als wolle Dark von Tieken einen Luftsprung machen. Er blieb vor seiner Frau stehen und zog sie übermütig in seine Arme. Schließlich aber fiel ihm doch auf, dass Frau Mathilde seine Fröhlichkeit nicht teilte. „Du schaust so ernst in die Welt. Passt dir Graf Sanden nicht?“

Frau Mathilde nickte. „Doch, er passt mir schon sehr gut …“

„Dann ist ja alles in bester Ordnung. Ist Gerda schon zurück?“

Als die Mutter nickte, stürmte Dark aus dem Zimmer. Auf dem Flur rief ihren Namen.

Die Dienerschaft, die den Herrn sonst ganz anders kannte, schüttelte verstohlen den Kopf.

Man wisperte allerhand in der Küche, als Gerda mit schleppenden Schritten die Treppe herunterkam.

„Unsere kleine Braut!“, rief der Vater ihr entgegen. „Du wirst dich bald verloben, mein Kind! Heute hat ein sehr netter und sehr liebenswürdiger Mann um deine Hand angehalten. Graf Sanden!“

Auf halber Höhe der Treppe blieb das Mädchen stehen. Gerda wusste jetzt, dass sie dem Vater sehr viel Schmerzen bereiten musste. Schon oft hatte er von dem Grafen Sanden und seiner Tüchtigkeit erzählt, ihn in den höchsten Tönen gelobt. Sie ahnte, was sein Antrag für ihn bedeuten musste. Der Vater war so froh. Was würde er jetzt sagen, wenn er erfuhr, dass durch ihre Schuld die Verbindung nicht zustande kommen konnte?

Gerda seufzte schwer und krampfte ihre Finger um das Geländer der Treppe. Die Mutter hatte noch nichts gesagt, sie selbst musste ihm also die furchtbare Eröffnung machen.

Vater Dark stutzte, als er das verdüsterte Gesicht seines Kindes betrachtete. Was mochte Gerda haben? Passte ihr etwa Graf Sanden nicht? War sie in einen anderen Mann verliebt? Er ging ihr zwei Schritte auf der Treppe entgegen und legte seinen Arm um ihre Taille.

„Fühlst du dich nicht gut, mein Liebling? Du bist so seltsam blass. Werde mir nur jetzt nicht krank! Komm in den Salon, Mutter wartet schon auf uns.“

Mit hängenden Schultern folgte seine Tochter ihm.

Vater Dark wurde unruhig.

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