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Romantische Bibliothek - Folge 025

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wen liebst du, kleine Baroness?
  4. Vorschau

Wen liebst du, kleine Baroness?

Warum die junge Regine zwischen zwei Männern stand

Ina von Hochried

Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit dem neuen Verwalter Arno Berg bleibt dem Baron von Groning nichts anders übrig, als geschlagen das Feld zu räumen. Wütend steigt er in die Kutsche zu seiner Verlobten und treibt die Pferde mit heftigen Peitschenhieben an. Baroness Regine stößt spitze Angstschreie aus, als das Gefährt in halsbrecherischem Tempo über den holprigen Weg hinwegdonnert. Da geschieht, was geschehen muss: In einer Kurve verlieren die Räder den Bodenkontakt, die Kutsche kippt um, und Regine von Wilmenau wird hart auf die staubige Straße geschleudert.

Als die Baroness ihren Blick hebt, schaut sie geradewegs in die sanften Augen des neuen Verwalters, der sofort zur Stelle ist, um ihr aufzuhelfen. Das darf doch nicht wahr sein! Ausgerechnet Arno Berg, der Erzfeind ihres Verlobten, reicht ihr die Hand! Stolz wirft Regine den Kopf zurück und steht ohne seine Hilfe auf. Nein, denkt sie entschlossen, sie hat zu ihrem Verlobten zu stehen! Dabei bröckelt Regines innerer Widerstand schon längst …

„Du hast keine Lust mehr? Dir ist das Leben hier zu hart? Du willst kneifen, mein Junge?“, fragte der alte Graf von Elberspergg lauernd.

„Ich will nicht kneifen, Vater. Ich möchte nur, dass … Kurz gesagt: Ich sehne mich nach der Heimat. Das mag in deinen Ohren lächerlich klingen, aber es ist so. Ich habe immer mehr das Gefühl, als müsse ich hinüber. Es ist wie ein Zwang, wie ein Ruf, der mir in den Ohren gellt. Die Heimat ruft mich, und ich muss sie finden.“

„Du kennst deine Heimat gar nicht, Arno. Mit vier Jahren hast du sie verlassen. Ein Jahr zuvor haben wir unser Gut schon aufgeben müssen. Wie also kann die Heimat dich rufen?“

„Heimat – das ist die Erde, das Schloss. Das ist der Hof, das sind die Menschen dort. Unsere Vorfahren haben für diese Erde gekämpft und sie bewirtschaftet. Haben wir das Recht, das alles ein für alle Mal aufzugeben?“

„Die Heimat will von uns nichts wissen“, beharrte der alte Graf. „Sie hat uns dementsprechend behandelt.“

„Vater, du bist verbittert.“

„Jawohl, das bin ich! Und deshalb werde ich meinen Fuß nie mehr auf den Boden dort drüben setzen. Ganz abgesehen davon, dass heute andere Leute auf unserem Hof sitzen. Irgendwelche Fremde! Vielleicht haben sie das Gut sogar aufgeteilt, vielleicht existiert es gar nicht mehr. Nein, Junge, ich bleibe. Hier ist meine Heimat, hier habe ich die Kraft meines Lebens investiert, den Boden mit meinem Schweiß gedüngt, und diesem Boden habe ich die sterbliche Hülle deiner Mutter anvertraut. Dort drüben ruht sie, Arno, vergiss das nicht.“

„Ich vergesse es nicht, Vater. Ich respektiere das. Trotzdem solltest du mir zugestehen, dass ich meine eigene Meinung zu den Dingen habe.“

Der Graf war Arno nicht böse, dazu hatte dieser viel zu sehr mitgearbeitet und geholfen. Arno war ein echter Elberspergg, hart, willensstark, ein Kämpfer, der keine Scheu und kein Verzagen kannte. Er war jung, mit seinen dreiunddreißig Jahren hatte er noch das Recht, irgendwelchen Ideen und Idealen nachzujagen. Man durfte ihm das nicht restlos rauben.

„Hör zu, mein Junge“, fing der alte Graf nach einer Weile von Neuem an. „Warten wir die Ernte ab. Dann sollst du, in Gottes Namen, nach Deutschland gehen.“

„Vater, ich danke dir!“, rief Arno freudig überrascht.

„Danke mir nicht zu früh“, wehrte der alte Graf ab. „Denn ich knüpfe zwei Bedingungen an die Reise. Erstens: Nach vier Monaten spätestens kommst du zurück. Wenn dann deine Meinung von der Heimat noch ungebrochen ist, wollen wir weitersehen. Zweitens: Ich bezahle dir die Reise und bewillige dir ein Zehrgeld – mehr nicht. Du sollst die Heimat, von der du so sehr schwärmst, nicht als Urlauber kennenlernen. Nur so weißt du am Ende wirklich, wie sie tatsächlich ist. Das sind meine Bedingungen.“

„Ich nehme mit Freuden an, Vater!“

„Das habe ich mir gedacht“, brummelte der alte Graf, und im Innern war er stolz auf seinen Sohn.

***

Die Ernte ging vorüber. Sie brachte zwar etwas kleinere Mengen als im Vorjahr, dafür aber eine überragende Qualität. Absatzsorgen gab es also nicht. Im Gegenteil, der Kaffee wurde dem alten Grafen förmlich aus den Händen gerissen.

Ja, und dann kam der Tag, an dem Arno von der Farm und von seinem Vater Abschied nahm. Sie drückten sich stumm die Hände.

„Mach es gut, mein Junge“, sagte der alte Graf und zerquetschte Arno beinahe die Hand.

„Du kannst dich auf mich verlassen, Vater“, versicherte der junge Mann, bevor er in das farmeigene Flugzeug kletterte. Der englische Verwalter der Farm sollte die Maschine zurückbringen.

Vater und Sohn wechselten einen letzten Blick, ein Blick des Vertrauens, in dem auch Abschiedsschmerz lag, dann brüllte das Flugzeug auf, holperte über den kurzen Rasen, gewann rasch an Fahrt und erhob sich schwankend in den blauen Himmel. Eine Runde drehte es noch in der heißen Luft über dem Vater und der Farm, dann nahm es Kurs auf die Küste, wo die Hauptstadt lag. Endlos dehnten sich unten die Hügel, die Täler, die Schluchten und der Urwald.

Am nächsten Morgen stieg Arno in das mächtige, silberne Flugzeug, das ihn von Südamerika über das Meer bis nach Europa bringen sollte. Zum ersten Mal seit der Ankunft seiner Familie verließ er diesen Kontinent.

Arno war aufgeregt. Was erwartete ihn? Was würde er erleben? Mit welchen Ansichten würde er wiederkehren? Eine große innere Spannung erfüllte ihn, während das Flugzeug in den Himmel stieg, ihn in den Sessel presste und die Düsenmotoren leise sangen.

Damals, vor vielen Jahren, waren die von Elbersperggs ganz anders über den Ozean gekommen. Mit einem billigen Frachtschiff hatten sie die weite Reise gemacht: der seelisch verwundete Graf, die gebrochene Gräfin und das ahnungslose Kind. Das Geld für die Überfahrt hatten wohlmeinende Freunde der Familie von Elbersperggs geliehen. Sie hatten es ihnen schenken wollen, doch der Graf hatte es nicht angenommen.

Trübe, schwere Wochen waren der Ankunft gefolgt, bis der Graf das Glück hatte, von der Regierung ein Stück Wildnis in Pacht zu erhalten. Ein deutscher Farmer, steinreich und gut im Geschäft, hatte der Familie Kaffeepflanzen und ein paar erfahrene Leute überlassen.

Harte Jahre waren in das Land gegangen, unendlich harte Jahre. Zunächst hatte der Graf sein Augenmerk ganz allein darauf gerichtet, sich von dem Bodenertrag selbst ernähren zu können. Das war ihnen gelungen. Die Vegetation war üppig, alles schoss nur so unter ihren rissig gewordenen Händen aus dem Boden.

Nach fünf Jahren hatten sie den ersten Kaffee verkaufen können. Zehn Tage lang war ein Lastwagen, den sie geliehen hatten, damit unterwegs gewesen. Der alte Graf hatte selbst hinter dem ausschlagenden Lenkrad gesessen. Als er wiedergekommen war, hatten seine Augen geleuchtet. Sein Kaffee hatte sich als außerordentlich hochwertig erwiesen. Er hatte einen Bankkredit aufgenommen und ganze Arbeiterfamilien eingestellt.

Nun war es rasch aufwärtsgegangen. Rückschläge hatte es kaum gegeben. Fünf Jahre später waren die Elbersperggs so weit gewesen, dass sie keine Sorgen mehr kannten. Und weitere fünf Jahre später – in der Zwischenzeit war die Farm immer weiter in den Urwald hineingewachsen – hatte der Graf alles Pachtland aufgekauft und noch Neuland hinzuerworben. Neue Leute waren gekommen, Straßen gebaut worden, Fahrzeuge angeschafft. Das dritte Herrenhaus hatten die Elbersperggs nun schon bezogen, und es war beinahe genauso groß wie das heimatliche Schloss, das sie hatten aufgeben müssen.

Nach zwanzig Jahren waren die Elbersperggs reiche Leute. Und nun, nach neunundzwanzig Jahren, wussten sie nicht mehr so recht, wie viel ihnen eigentlich gehörte. Neben dem Kaffeeanbau hatten sie eine Rinderzucht aufgenommen und vieles andere mehr. Ihr Grundbesitz war riesengroß, aus einer Farm waren fünfzehn geworden, die von der Stammfarm aus regiert wurden. Ja, regiert – das war das richtige Wort. Anders konnte man die Arbeit des Grafen nicht mehr bezeichnen.

Vor sechs Jahren war die Gräfin gestorben, still und leise. Ein feines, etwas wehmütiges Lächeln hatte auf ihrem Gesicht gelegen, als sie sie in ihrem Lehnstuhl gefunden hatten. Wehmütig, weil sie die Heimat nie vergessen hatte, lächelnd, weil sie dem Schicksal dankbar war, dass es ihnen die Kraft und die Gunst geschenkt hatte, ein neues Leben zu beginnen, ein Leben der Gnade und des Erfolgs.

Der Tod der Gräfin hatte im Herrenhaus eine schwere Lücke gerissen, die sich nur sehr, sehr langsam schloss. Der alte Graf musste von nun an ohne seine treue Lebensgefährtin auskommen, der junge Graf ohne die Mutter. Beide hatten sich in die Arbeit geworfen, um den Schmerz zu betäuben.

Erst ganz allmählich hatten sie sich an den neuen Zustand gewöhnt. Eine zuverlässige Frau des Personals war zur Hausverwalterin ernannt worden, der äußere Ablauf war damit geordnet. Das Leben ging weiter.

Jetzt, während Arno im Flugzeug saß und unter ihm grau verschleiert der schier endlose Ozean dahinzog, dachte er darüber nach, ob er wohl drüben in Deutschland eine hübsche und liebevolle Frau finden würde, die bereit wäre, ihm in seine Wildnis zu folgen, und die wieder Licht und Wärme und Fröhlichkeit in ihre stille Männerklause brächte.

Arno erwärmte sich an dieser schönen Vorstellung. Dann wanderten seine Gedanken wieder zu dem deutschen Stammschloss, das sein Vater wegen einiger aufeinanderfolgender Missernten und einer anschließenden Fehlspekulation ohne einen Pfennig Geld hatte verlassen müssen.

Die beiden alten Tanten des jungen Grafen waren tot. Zu den entfernteren Verwandten bestand kein Kontakt. Wie würde Arno alles vorfinden?

Die Flugbegleiterin, ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen, schreckte Arno aus seinen Gedanken auf. Sie brachte das Mittagessen.

„Können Sie mir sagen, wie es drüben in Europa aussieht?“, fragte Arno sie, während sie servierte.

„Sie waren noch nie dort?“, wollte das Mädchen wissen.

„Als Kind, aber das ist lange her.“

„So lange gewiss auch wieder nicht“, erwiderte die Flugbegleiterin geschickt. Sie lächelte charmant. „Nun, wie soll es dort aussehen? Es ist nicht so warm wie bei uns, und alles ist eher in Pastellfarben gehalten. Die Menschen haben wenig Zeit und sind schrecklich nüchtern.“

„Und die jungen Damen?“, fragte der Graf augenzwinkernd und lachte.

„Oh, ich kann mir kein Urteil erlauben. Viele sind sehr hübsch, elegant und selbstsicher …“

„So hübsch wie Sie?“

„Sie schmeicheln mir, mein Herr.“

„Ich schmeichle nicht, blicken Sie nur in den Spiegel. Ich verspreche Ihnen, dass ich die Damen stets mit Ihnen vergleichen werde. Wenn eine Sie an Schönheit übertrifft, dann heirate ich sie.“

Das Mädchen aus Südamerika lachte.

„Sie fliegen also nach Europa, um …“

„Nein, verehrtes Fräulein, nicht in erster Linie deswegen“, unterbrach der Graf sie sanft. „Aber man weiß ja nie, was das Schicksal mit sich bringt …“

***

Als die schwere Maschine in Frankfurt aufsetzte, regnete es. Von oben hatte das Flugzeug die Wolken durchstoßen, und darunter war alles grau in grau. Es troff vor Nässe, und es war kühl. Arno fröstelte, als er das Flugzeug verließ und sich mit einem Taxi zu einem Hotel bringen ließ.

Am nächsten Tag versuchte sich der junge Graf, auf Europa umzustellen. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne brach durch die Wolken. Nun sah alles schon ein wenig freundlicher aus. Aber die Flugbegleiterin hatte recht gehabt: Hier gab es keine leuchtenden Farben und keine üppige Vegetation wie daheim. Alles war kleiner, nüchterner, kühler, sachlicher.

Die Menschen waren schlicht gekleidet, die Bauwerke einförmig und grau, die bunte Vielfalt Südamerikas fehlte. Während sich die Menschen drüben vor allem im Freien aufhielten und auf den Straßen auflebten, zog man sich hier lieber in die Häuser zurück. Die Gesten waren knapp, das Blumige fehlte.

Arno fühlte sich unter diesen Menschen recht fremd, obwohl sie der gleichen Nation angehörten wie er selbst.

Am zweiten Tag zog der junge Graf eine Auskunftei zurate. Innerhalb von zwei Stunden hatte er alle gewünschten Antworten beisammen:

Auf Gut Elberspergg saß jetzt eine Familie von Wilmenau. Das war seit etwa fünfzehn Jahren der Fall. Zuvor war das Gut nach einem wechselvollen Schicksal durch einige Hände gegangen, nicht immer zu seinem Vorteil. Unter den kundigen Händen des Barons von Wilmenau dagegen war es zu alter Pracht erblüht.

Von dem Rest seines Geldes kaufte Arno einen gebrauchten Kleinwagen. Er packte seine Sachen ein, auch die, die er in Frankfurt neu hinzugekauft hatte – einen Regenmantel zum Beispiel und einen Schirm, denn solche Dinge hatte er daheim nie benutzen müssen. Dann kehrte er der großen Stadt den Rücken und fuhr seiner alten Heimat entgegen.

Er tat das ohne größere innere Erregung. Dazu kannte er zu wenig von Gut Elberspergg. Vielmehr beflügelte ihn eine starke Neugier, was er vorfinden würde und wie sich die Dinge wohl entwickeln würden. Er wollte seine Heimat als Fremder aufsuchen, und um Fremder zu bleiben, hatte er beschlossen, seinen wahren Namen nicht preiszugeben. Arno Berg wollte er sich stattdessen nennen.

Nun beschlich ihn doch ein seltsames Gefühl, als am Straßenrand ein gelbes Schild mit dem Dorfnamen „Elberspergg“ auftauchte. Der Name seines uralten Geschlechts! Ihn hatten die Ereignisse und die Jahre nicht auslöschen können. Hier also war er daheim.

Er sah die behäbigen Bauernhöfe, die schwerfälligen Menschen, die Trecker in den Scheunen, die drei Gastwirtschaften und die Kirche mit ihrem spitzen Turm und dem vergoldeten Wetterhahn darauf. Kinder verfolgten Arno mit aufmerksamen Blicken und riefen ihm etwas zu, als er durch das Dorf rollte. Er verstand es nicht.

Ehe Arno es sich versah, hatte er das Dorf durchfahren. Ein Stückchen weiter draußen wendete er in der Einfahrt eines vereinzelt stehenden, kleineren Hofes. Der junge Graf wollte schon in die entgegengesetzte Richtung zurückfahren, da sah er einen älteren Mann am Zaun des Hofes arbeiten. Arno stellte den Motor ab und stieg aus. Er grüßte den Alten freundlich.

„Ich suche Gut Elberspergg“, erklärte er. „Können Sie mir den Weg beschreiben?“

„Schon. Mitten im Dorf nach rechts. Dort drüben bei dem Hügel, da steht das Schloss. Gleich daneben liegt der Hof. Was wollen Sie denn da, junger Herr?“

Arno zuckte mit den Schultern.

„Mal sehen, vielleicht gibt es dort Arbeit für mich“, erwiderte er, einer plötzlichen Eingebung folgend.

Der Alte musterte ihn aufmerksam von oben bis unten.

„Sie sind nicht von hier, wie?“, fragte er dann in der etwas direkten Art der Landleute.

„Nein. Ich komme aus Südamerika und möchte hier in Deutschland meine landwirtschaftlichen Kenntnisse erweitern.“

„Aus Südamerika? So. Man sieht es Ihnen an. Aber Sie sind Deutscher, wie?“

„Meine Familie ist vor vielen Jahren ausgewandert“, erklärte Arno bereitwillig.

„Verstehen Sie etwas von der hiesigen Landwirtschaft, junger Herr?“

„Ein bisschen, denke ich. Als Verwalter oder so, das traue ich mir schon zu.“

„Da hätten Sie Glück, junger Herr. Die Baronin sucht einen Verwalter. Der bisherige hat geheiratet, eine feine Dame aus der Stadt, und der schmeckte das Landleben nicht. Hätte er vorher bedenken müssen.“

Arno dachte schnell nach. Eine spontane Eingebung hatte ihn die Idee mit dem Verwalter äußern lassen. Er bedankte sich bei dem alten Mann und fuhr davon.

Jetzt war er schon wesentlich rascher unterwegs, und je mehr er über seinen Plan nachdachte, umso besser gefiel er ihm. Geld hatte Arno kaum noch, irgendwie musste er ohnehin für seinen Lebensunterhalt sorgen, das war mit seinem Vater so abgemacht. Warum also dann nicht als Verwalter?

Zwar war zu befürchten, dass Arno sich durchaus nicht auf allen Gebieten der hiesigen Agrarkultur auskannte, aber dieses ihm fehlende Wissen konnte er sich rasch aneignen. Wozu gab es Fachbücher? Und wie konnte er seine ehemalige Heimat besser kennenlernen? Nun bot sich ihm vielleicht sogar die Möglichkeit, dass er auf dem Hof seiner Ahnen leben und wirken sollte – war das nicht der direkteste und gründlichste Weg?

Arno dachte an seinen Vater. Was würde der wohl dazu sagen, dass ein Graf von Elberspergg auf dem früheren Besitz der Grafenfamilie eine Stelle als unbedeutender, namenloser Verwalter annahm? Der Graf würde toben, Arno wusste es ganz genau. Der Stolz seines Vaters hätte das nicht ertragen. Aber sein Vater war nicht hier, und Arno war nicht wie sein Vater.

„Ich versuche es!“, sagte der junge Graf entschlossen zu sich selbst.

Nachdem er das Dorf verlassen hatte, fuhr er eine kurze Weile zwischen Feldern hindurch, ehe er den Gutsbereich erreichte. Arno stieß auf die hohe, steinerne Mauer, die den Schlosspark umgab. Er fuhr daran entlang, bis er an die Pforte kam. Große Pfeiler mit steinernen Löwen standen rechts und links davon. Das Tor, das aus schwarz gestrichenem Schmiedeeisen gefertigt war, stand weit offen.

Arno fuhr hindurch, und sogleich sah er das Schloss. Es lag breit am Fuße der Anhöhe. Die ausladenden Fassaden, die sich rechts und links an den um zwei Stockwerke höheren Hauptbau anschlossen, waren hellbraun gestrichen. Ein turmähnlicher Aufbau krönte den Mitteltrakt. Eine große Freitreppe führte über viele Stufen zum Portal hinauf. Stolz sah das Schloss aus, reich und bedeutend. Es war im achtzehnten Jahrhundert in dieser Form errichtet worden, nachdem man den alten, burgähnlichen Bau abgerissen hatte.

Vor dem Schloss erstreckten sich sehr schöne, weite Parkanlagen. In der Mitte gab es einen großen Brunnen mit vielen steinernen Figuren, hohen, silbern blitzenden Fontänen und einem weit ausladenden Becken. Wie Arno später sah, schwammen zahlreiche Goldfische darin herum.

Langsam fuhr der junge Graf bis vor die Schlosstreppe. Aufmerksam schaute er sich um. Mächtige alte Eichen breiteten ihre knorrigen Äste über die Grasflächen, als wollten sie sie schützen. Drüben, neben einem künstlichen Bach, stand ein zierlicher, runder Pavillon.

Arno erkannte, dass ihm aus seiner frühen Kindheit keine Erinnerungen geblieben waren. Nichts von alledem löste Erkennen in ihm aus. Er kam als Fremder.

Das half ihm, seine Sache richtig anzugehen. Er hielt vor dem Portal und stieg die Treppe hinauf. Als er oben angekommen war, schaute er in den Park zurück. Es war eine mächtige, reiche Anlage, sehr gut gepflegt und absolut herrschaftlich, daran bestand kein Zweifel.

„Wollten Sie uns besuchen, Herr Dinter?“, fragte eine weibliche Stimme hinter ihm.

Arno drehte sich überrascht um. Er war verwundert, dass man ihn mit einem ihm völlig unbekannten Namen ansprach. Er stand einer älteren Dame gegenüber, die ein helles Sommerkostüm trug. Die Frau war zierlich, hatte silbergraues Haar und ein gutes, freundliches Gesicht. Ein breites, goldenes Armband war ihr einziger Schmuck.

Die Dame erkannte, dass sie Arno mit einem anderen verwechselt hatte.

„Entschuldigen Sie, mein Herr, ich habe Sie für jemand anderen gehalten“, meinte sie lächelnd.

„Arno Berg“, stellte sich der junge Graf vor. „Ich habe gehört, dass hier ein Verwalter gesucht wird, und da wollte ich …“

„Sie schickt der Himmel!“, rief die Dame und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Kommen Sie herein, mein Freund, kommen Sie! Wir brauchen so dringend einen tüchtigen jungen Mann. Aber niemand hat sich bisher gemeldet. Ich bin die arme kleine Frau, auf deren Schultern alles lastet. Kommen Sie!“

Die Baronin von Wilmenau, denn um diese musste es sich zweifelsfrei handeln, führte Arno in das Schloss. Sie traten in eine mächtige Halle, an deren Flanken alte Ritterrüstungen standen. An diese erinnerte sich Arno nun doch.

Er hatte als Kind anfangs befürchtet, sie würden irgendwann einmal zum Leben erwachen, bis er seine Scheu verloren und sich ein Vergnügen daraus gemacht hatte, hinter die stählernen Männer zu kriechen und sich dort zu verstecken. Wenn die Mädchen vorbeigekommen waren, hatte der kleine Wicht mit den Metallteilen gerasselt, sodass die Mädchen erschreckt zusammengefahren waren.

Von oben hing ein gewaltiger Kristalllüster herab. Er war so groß, dass er im Wohnzimmer einer durchschnittlichen Stadtwohnung keinen Platz finden würde, denn er hätte das Zimmer zur Gänze ausgefüllt. Wahrscheinlich hätten ihn die dünnen Decken der neuzeitlichen Häuser auch gar nicht tragen können.

An den Wänden hingen zahlreiche altersdunkle Bilder von längst verblichenen Ahnen. Auf dem Boden lagen unglaublich große, echte Teppiche. Die hohen Fenster wurden von schweren Samtvorhängen umrahmt.

Die Baronin führte den Gast in einen hellgelb gehaltenen Salon, der mit zierlichen Rokokomöbeln gefüllt war.

„Setzen Sie sich, Herr Berg. Ich lasse Ihnen Tee kommen. Seien Sie mir herzlich willkommen! Wann können Sie anfangen?“

Die Baronin war ganz aus dem Häuschen. Sie redete und klingelte zugleich und war nicht eher zufrieden, bis Arno im besten Sessel saß. Sie war eine wirklich nette, feine alte Dame, lebhaft und vor einer rührenden Betulichkeit.

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