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Romantische Bibliothek - Folge 001

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Die Falsche ging zum Standesamt
  4. Vorschau

Die Falsche ging zum Standesamt

Ein Liebesroman, der ihr Herz rührt

von Ina Ritter

 

Nein, sie wird niemals heiraten! Davon war die bezaubernde Komtess Silke von Steenken ein Leben lang überzeugt, und das weiß jeder, der sie kennt. Umso härter trifft es sie, dass ausgerechnet ihr geliebtes Tantchen in ihrem Testament verfügt hat, dass Silke zwar alles erben wird, aber nur unter einer Bedingung: Sie muss zuvor Markus von Fernauen heiraten – einen Grafen, dem Silke noch niemals begegnet ist!

Tagelang hadert die schöne Komtess mit ihrem Schicksal, doch dann hat sie eine Idee: Warum soll sich nicht ihre beste Freundin Tina, ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen, als Silke von Steenken ausgeben und den fremden Grafen heiraten? Natürlich würde sie der Freundin dafür ein hübsches Sümmchen von ihrem Erbe abgeben. Tina ist einverstanden, und so tauschen die beiden jungen Frauen die Rollen. Dabei ahnen sie noch nicht, auf welche dramatische Weise sie das Schicksal dadurch herausfordern …

„Willst du dich denn gar nicht umkleiden?“, fragte Gräfin Fernauen mahnend, als ihre reizende Nichte wie ein Wirbelwind die Treppe heruntergelaufen kam und sie in der Halle einfach in den Arm nahm.

Silke von Steenken schaute an sich hinab.

„Gefalle ich dir denn so nicht, Tantchen?“, fragte sie lachend.

Frau von Fernauen schmunzelte. „Du gefällst mir schon, Kleines. Aber du weißt doch, dass sich Graf Bruneck angekündigt hat“, fuhr sie, ernster werdend, fort. Sie legte ihre schmale, gepflegte Hand leicht auf die Schulter des entzückenden Mädchens. „Er liebt dich, und er hat mir gegenüber angedeutet, dass er heute um deine Hand anhalten will.“

„Kannst du ihm nicht beibringen, dass er mich in Ruhe lässt?“, fragte Silke hoffnungsvoll.

„Kind!“ Sehr ernst schaute die alte Dame in das rosig überhauchte Gesicht des Mädchens. „Du wirst einmal heiraten. Wie viele Körbe hast du eigentlich schon verteilt?“

„Weiß ich nicht, ich habe sie nicht gezählt“, erklärte Silke seelenruhig. „Ich denke jedenfalls nicht daran, mich freiwillig zur Sklavin irgendeines Mannes zu machen. Ich will frei leben.“

„Du brauchst einen Mann, der dich liebt“, sagte Frau Geraldine nachdrücklich. „Und Bruneck liebt dich von ganzem Herzen.“

„Aber ich will keinen Mann! Sag dem Bruneck, er möge sich eine andere suchen, es gibt doch so viele. Und nun sprechen wir nicht mehr von ihm. Was meinst du, ob ich nach dem Essen schnell ins Städtchen fahre und mir eine Badekappe kaufe?“

„Ich verlange von dir, dass du hier bist, wenn Graf Bruneck kommt. Er ist kein Bettler, den man vor der Haustür abweist. Und du wirst dich auch umkleiden, baden kannst du ein anderes Mal.“

Selten nur schlug Frau Geraldine diesen strengen Ton an. Wenn sie es tat, dann wusste Silke, dass jeder Widerspruch zwecklos war. Sie zog zwar einen Schmollmund, aber sie gehorchte.

Immer diese Männer, dachte sie.

Sie würde nicht heiraten, niemals. Sie war ja reich – genauer gesagt, ihre Tante war reich, aber das war ja dasselbe. Sie würde später einmal Schloss und Gut Fernauen erben, und der Verwalter sorgte schon dafür, dass reiche Erträge hereinkamen.

So sah Silke von Steenken ihr Leben und ihre Zukunft. Sie kleidete sich widerstrebend um, wählte ein blaues Kleid mit spitzem Ausschnitt, drehte sich vor dem bis auf den Boden reichenden Spiegel ein paarmal herum, dass der weite Rock in die Höhe flog, und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus.

„Und das alles für diesen Bruneck“, murmelte sie, als sie ihr hübsches Jungmädchenzimmer verließ.

Frau Geraldines Augen leuchteten unwillkürlich auf, als ihre Nichte das Esszimmer betrat.

Wie schön sie doch ist, dachte die alte Dame fast ehrfürchtig. In ihrem Leben war Silke der Sonnenschein geworden. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte Gräfin Fernauen sie zu sich genommen und aufgezogen.

Nicht einen einzigen Tag lang hatte sie ihren hochherzigen Entschluss bereut. Selbst Witwe, hatte sie ihre ganze Liebe an Silke von Steenken gehängt. Und Silke erwiderte diese Liebe.

„Schmeckt es dir nicht?“, fragte Silke, als sie beim Essen saßen. „Tantchen, du isst in letzter Zeit sehr wenig. Fühlst du dich krank? Du solltest einen guten Arzt konsultieren.“

Frau Geraldine schüttelte den Kopf.

„Alte Leute brauchen nicht mehr so viel“, meinte sie abweisend.

Sie wusste nicht, wie lange sie noch leben würde. Der Arzt hatte es ihr nicht sagen wollen, aber Gräfin Fernauen spürte, dass ihre Zeit auf Erden bald herum sein würde.

Den Mokka tranken die Damen im kleinen Salon. Silke hing ihren Gedanken nach, und das Lächeln, das dabei um ihre schön geschwungenen Lippen lag, verriet, dass es angenehme Gedanken sein mussten, die sie bewegten.

Frau Geraldine rührte gedankenverloren den Zucker in der Tasse.

***

„Darf ich jetzt schwimmen gehen?“, fragte Silke am Spätnachmittag.

„Es wundert mich, dass dir der Sinn jetzt danach steht.“ Gräfin Fernauen schaute ihre schöne Nichte ernst an. „Tut Graf Bruneck dir nicht leid?“

„Nein“, äußerte Silke mit einem gleichmütigen Blick auf den herrlichen Blumenstrauß, den ihr Bewerber mitgebracht hatte.

Er stand in einer kostbaren Vase und verströmte einen wundervollen Duft.

Graf Bruneck war als gebrochener Mann davongefahren. Mit einem Korb hatte er nicht gerechnet.

„Manchmal glaube auch ich, dass du kein Herz hast“, murmelte Frau Geraldine.

„Aber Tantchen, rede doch nicht solch einen Unsinn! Ich kann mich nun einmal nicht für Männer begeistern, ist das denn so schlimm? Wir sehen uns dann beim Abendessen. Und denk nicht mehr an Bruneck. In vier Wochen hat er mich vergessen und sich ein anderes Mädchen angelacht.“

Sie glaubte es wirklich, und deshalb konnte Tante Geraldine ihr auch nicht böse sein. Silke wusste ja nichts von dem wundersamen Zauber ihrer Persönlichkeit, der allen Menschen unvergesslich blieb, die jemals mit ihr zusammengekommen waren.

„Ich wünsche dir viel Vergnügen beim Baden. Sei vorsichtig, der See hat seine Tücken.“

„Mir passiert schon nichts“, meinte Silke unbekümmert. „Du weißt doch, Unkraut vergeht nicht.“ Sie lief hinaus, und der weite Rock schwang dabei graziös um ihre schlanken, wohlgeformten Beine.

Tante Geraldine seufzte noch einmal tief.

War ich zu nachsichtig mit ihr?, fragte sie sich. Hätte ich dafür sorgen müssen, dass sie schon früher den Ernst des Lebens kennenlernt?

Sie wusste die Antwort auf diese drängende Frage nicht. Und bis vor Kurzem war das ja auch noch nicht wichtig gewesen. Bis diese ziehenden Schmerzen aufgetreten waren, hatte sie sich gesund gefühlt.

Niemand wusste davon, nur ihr Arzt und sie. Frau Geraldine konnte schweigen, sie würde Silke das Herz nicht unnötig schwer machen.

Gedankenverloren ging sie in ihr Zimmer. Es war ein trauliches Gemach, so recht zum Wohlfühlen geschaffen. Hier hatte sie die glücklichsten Stunden ihres Lebens verbracht, bis ihr geliebter Mann gestorben war.

Sie zog eine Schublade auf und nahm das altmodische Fotoalbum heraus. Lange Jahre hindurch hatte sie es nicht mehr in der Hand gehabt. Die Erinnerung tat noch immer weh, aber heute spürte sie das Verlangen, stumme Zwiesprache mit ihrem guten Mann zu halten.

Als sie das Album aufschlug, stieg ein leichter Duft zwischen den vergilbten Blättern empor. Lavendel. Diesen Strauß hatte er ihr einmal geschenkt, als sie so jung gewesen war wie Silke heute. Sie hatte die Blüten gepresst und aufgehoben wie eine Kostbarkeit. Noch immer dufteten sie, und für Geraldine war es, als seien vierzig Jahre plötzlich wie ein Tag gewesen.

Sie schloss die Augen, und sie sah ihn wieder vor sich stehen, den jungen, stets gut gelaunten Mann, der damals wie ein Wirbelwind in ihr Leben eingebrochen und ihre Liebe im Sturm erworben hatte.

Sie blätterte weiter, Hochzeitsbilder, ein Foto seines Bruders Erland. Lange schaute sie auf das Bild. Die beiden Brüder waren sich sehr ähnlich gewesen – zumindest äußerlich. Im Charakter waren sie ganz verschieden gewesen.

Erland hatte sich irgendetwas zuschulden kommen lassen und das väterliche Schloss damals bei Nacht und Nebel verlassen müssen. Er war irgendwo im Ausland gestorben.

Eine Karte. Seine Heiratsanzeige. Ein fremder Frauenname. Frau Geraldine hatte ihre Schwägerin niemals kennengelernt. Die Verbindung zu Erland war damals vollkommen abgerissen.

Ein Jahr später hatte er ihnen die Geburt eines Sohnes angezeigt. Er hatte ihn Markus genannt. Auch der Brief lag im Fotoalbum, brüchiges Papier, vom Alter gelb geworden, die Schrift verblasst.

Behutsam falteten die Hände das Schreiben auseinander.

Wir sind sehr glücklich, meine Frau und ich, hatte Erland seinem Bruder geschrieben. Unser Sohn gedeiht prächtig. Er ist ein echter Fernauen.

Was mag aus ihm geworden sein?, fragte sich Gräfin Geraldine. Ein echter Fernauen … Ob er wohl ihrem toten Mann glich?

Ich möchte ihn gern kennenlernen, dachte sie. Vielleicht ist er wie Ingo, und vielleicht geht es ihm schlecht, und ich könnte ihm helfen.

Sie schlug das Buch zu.

Seltsam, es ist fast, als hätte ich es nur hervorgeholt, um an Markus erinnert zu werden, dachte sie.

Sie bat eine Auskunftei, den Aufenthaltsort des Grafen Markus zu erforschen. Ein paar Tage später erhielt sie die Nachricht. Er arbeitete als Verwalter auf einem Gut irgendwo in Schleswig-Holstein.

***

Als Silke am Abend dieses Tages zurückkam und wie üblich die Freitreppe hinauflief, fand sie ihre Tante beim Packen vor.

Wie angewurzelt blieb sie stehen.

„Willst du verreisen?“, fragte sie kopfschüttelnd. „Wohin wollen wir denn?“

Es war für Silke einfach selbstverständlich, dass die Tante sie mitnahm. So war es immer gewesen, und so musste es auch bleiben.

„Ich fahre allein, Kleines.“ Gräfin Fernauen lächelte wehmütig. „Morgen früh.“

„Und wohin?“

„Ich fahre in die Vergangenheit. Sei nicht so neugierig, Kleines, ich erzähle dir später davon. Vielleicht komme ich schnell zurück, vielleicht bleibe ich auch ein paar Tage fort, ich weiß es selbst noch nicht. Du wirst es schon merken.“

„Das klingt ja richtig geheimnisvoll! Du, willst du vielleicht einen alten Jugendfreund besuchen? Erzähl doch schon. Gibt es vielleicht einen alten Verehrer in deinem Leben, der dich nicht vergessen hat? Hat er dir vielleicht geschrieben?“

„Ich erzähle es dir später.“

„Puh, das finde ich gemein von dir. Erzähl doch schon“, bettelte Silke mit ihrem reizendsten Lächeln.

Aber diesmal blieb Tante Geraldine hart.

„Kleine Kinder brauchen nicht alles zu wissen“, gab sie zurück, um einen scherzhaften Ton bemüht. Sie zeigte nicht, wie unruhig sie war.

Seltsam, dachte sie, ich habe Erlands Sohn all die Jahre hindurch vollkommen vergessen, und gerade jetzt fällt er mir wieder ein.

Sie versuchte, sich an die Affäre zu erinnern, wegen der Erland, der eigentliche Erbe des Schlosses und Gutes, damals seine Heimat verlassen musste. Sein Bruder Ingo, ihr Mann, hatte an seiner Stelle die Liegenschaft Fernauen übernommen.

Ingo hat eigentlich nie über Einzelheiten gesprochen, dachte Gräfin Geraldine. Und damals hatte sie auch nicht nach Einzelheiten geforscht, verliebt und jung, wie sie gewesen war. Es war ja so herrlich gewesen, auf Fernauen zu leben, die Herrin dieses schönen Schlosses zu sein! Und ihren Schwager hatte sie kaum gekannt.

Früh am nächsten Morgen verließ sie im großen Wagen das Schloss. Es war eine lange Reise, die vor ihr lag, aber ihr verging sie schnell.

In ihrem Gepäck befand sich auch das Fotoalbum mit den alten Bildern. Markus würde staunen, wenn er sie sah.

***

„Herr Verwalter, im Herrenhaus ist jemand, der Sie sprechen möchte“, richtete ein Knecht aus.

Markus von Fernauen warf einen Blick auf die Uhr und runzelte die Stirn.

„Reite du zu den Leuten hinaus, und sag ihnen, dass sie bis heute Mittag den Roggen aufgeladen haben müssen. Sonst komme ich selbst und mache ihnen Beine.“

„Werde ich sagen, Herr Verwalter“, erwiderte Gustav. Er hatte – genau wie die anderen Leute – einen unbändigen Respekt vor dem jungen Mann, der breitbeinig vor ihm stand.

Markus von Fernauen machte eine ganz andere Figur als der eigentliche Besitzer des Gutes. Der war klein und dick und ließ Gott einen guten Mann sein, wie er sich ausdrückte. Die Arbeit erledigte sein Verwalter für ihn.

„Mit dem Fernauen habe ich Glück gehabt“, pflegte er seinen Freunden anzuvertrauen. „Der Kerl ist ehrlich bis auf den letzten Pfennig, und er rackert sich ab, als gehöre der ganze Krempel ihm selbst. So einen wie den muss man mit der Lupe suchen. Er ist ja sehr hochmütig, aber das nehme ich schon in Kauf.“

Dass sein Verwalter ein Graf Fernauen war, das wussten weder er noch die Leute auf dem Gut. Für sie war Markus der Herr Verwalter. Man schätzte an ihm sein Gerechtigkeitsgefühl, und vor allem verstand er alle Arbeiten besser als seine Leute. Er ließ sich von niemandem etwas vormachen.

Als Markus auf das niedrige, lang gestreckte Herrenhaus zuging, blickte Gustav bewundernd hinter ihm her.

Kein Wunder, dachte er, dass alle Mädchen verrückt nach ihm sind. Wenn der wollte, der könnte an jedem Finger zehn haben.

Aber auch darin unterschied der neue Verwalter sich vorteilhaft von seinem Vorgänger. In seinem Leben gab es keine Frauengeschichten. Er hielt sich sehr zurück, und es störte ihn nicht, dass die Mädchen ihn hochmütig nannten. Es lag ihm einfach nicht, diese billigen Eroberungen auszunutzen.

In der Halle stand sein Chef und nickte ihm gönnerhaft zu.

„Besuch für Sie, Fernauen. Ich habe die Dame in den Salon geführt. Sagen Sie mal, gibt es in Ihrer Familie eine Seitenlinie, die den Grafentitel führt? Die Dame hat sich als Gräfin Fernauen vorgestellt.“

„Ich weiß es nicht“, erklärte Markus in der knappen Art, die er auch seinem Chef gegenüber hatte.

Einen Moment wartete er noch, ob Herr Uhlmann ihm noch mehr zu sagen hatte. Als das nicht der Fall war, verneigte er sich dankend und ging dann auf die Tür zu, die in den Salon führte.

Das wäre ein Mann für meine Tochter, dachte der dickliche Herr Uhlmann, und seine Tochter war ganz seiner Meinung. Leider verstand der Verwalter die mehr als deutlichen Hinweise nicht, dass das Glück sozusagen vor seiner Nase wartete.

Gräfin Fernauen richtete sich steif im Sessel empor, als sie das kurze, harte Pochen an der Tür hörte.

„Herein“, rief sie mit belegter Stimme.

Und herein kam Ingo. Sie stand auf, beugte den Oberkörper vor und schüttelte den Kopf.

„Ingo“, flüsterte sie und taumelte auf den jungen Mann zu.

„Sie wollten mich sprechen, gnädige Frau?“ Die kühle und unpersönliche Stimme riss Gräfin Geraldine jäh in die Wirklichkeit zurück. Ingo war ja tot!

„Verzeihen Sie, ich hatte Sie mit jemandem verwechselt, der mir einmal sehr nahestand“, brachte sie hervor. „Mein Name ist Fernauen, Geraldine von Fernauen … Ich war mit Ihrem Onkel Ingo verheiratet, dem Bruder Ihres Vaters.“

Kein Muskel regte sich im Gesicht des jungen Mannes. Scheinbar unbeteiligt blickte er auf die zierliche alte Dame hinab, die vor Erregung zitterte.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er höflich, aber mit spürbarer Zurückhaltung.

Er hat mich nicht recht verstanden, dachte Frau Geraldine. Er hat noch nicht begriffen, dass ich seine Tante bin.

Noch immer fiel es ihr schwer, ihren Blick von ihm abzuwenden. Ein verlorenes Lächeln schwebte um ihren alten Mund.

„Mein Mann und dein Vater waren Brüder. Du bist doch Markus, nicht wahr?“

„Allerdings. Würden Sie mir jetzt bitte sagen, was Sie von mir wünschen, Frau Gräfin? Ich bin Angestellter und kann deshalb nicht frei über meine Zeit verfügen.“

„Ich bin deine Tante. Du bist mein Neffe. Hat dein Vater nie von uns erzählt?“

Markus’ Blick glitt von ihrem Gesicht fort und heftete sich auf einen bunten Druck an der Wand.

„Doch“, sagte er. „Mein Vater hat mir von seinem Bruder erzählt. Aber weshalb wollen wir die alten Geschichten noch einmal aufwärmen? Für ihn kommt jede Wiedergutmachung zu spät. Mein Vater ist arm gestorben. Aber richten Sie Ihrem Gatten aus, dass er ihm verziehen hat. Mein Vater war nicht nachtragend, er war ein großer Mann.“

„Wieso? Ich verstehe nicht … verziehen, sagten Sie? Was verziehen?“, stammelte Frau Geraldine.

Der junge Mann runzelte die Stirn. „Wissen Sie denn gar nicht, was damals geschehen ist?“, fragte er, und zum ersten Mal bemerkte seine Tante ein äußeres Zeichen seiner inneren Anteilnahme.

„Nein“, flüsterte sie. „Ihr Herr Vater … hat sich damals etwas zuschulden kommen lassen. Was, das weiß ich nicht. Er musste Fernauen verlassen.“

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Markus fast brutal. Eine steile Falte stand auf seiner Stirn, und er hatte die Augenbrauen finster zusammengezogen – genau wie Ingo, wenn ihm etwas nicht passte, dachte Frau Geraldine.

„Was ich von dir will?“, wiederholte sie hilflos. „Ich wollte dich kennenlernen. Ein besonderes Ziel hatte ich nicht. Wir sind doch Verwandte, Markus. Und … ich meine … vielleicht hast du Lust, zu uns zu kommen? Das Schloss ist groß genug, es hat auch Platz für dich. Und eigentlich gehörst du auch dorthin. Hätte dein Vater seine Heimat damals nicht verlassen müssen, dann wärest du jetzt der Besitzer.“

„Ich weiß. Aber er hat seine Heimat verlassen. Und Sie sind die Besitzerin. Soll ich dort Angestellter sein, wo ich Herr sein müsste? Ich danke Ihnen für Ihr Angebot, es ist sicher gut gemeint, aber für mich kommt es nicht infrage.“

„Du bist sehr stolz. Ich wollte dich nicht kränken. Es tut mir leid, falls du diesen Eindruck bekommen haben solltest. Wirklich, das lag mir fern. Bindet dich irgendetwas Persönliches an diese Gegend?“, fragte Geraldine plötzlich.

„Eine Frau, meinen Sie? Nein. Ich halte nicht viel von Frauen. Ich habe leider Gelegenheit gehabt, Frauen kennenzulernen. Es waren keine schönen Erlebnisse. Ich glaubte einmal an Liebe und Treue. Aber das wird Sie nicht interessieren, Gräfin.“

Es tat Markus schon leid, dass ihm seine Zunge durchgegangen war. Bisher hatte er noch mit niemandem über das gesprochen, was sein Herz bewegte.

Ob er Silke gefallen würde?, fragte sich Frau Geraldine plötzlich. Dieser Mann würde ihr keine törichten Komplimente machen. Er würde ihr auch nicht nachlaufen und ihr anbieten, sie zu verwöhnen und auf Händen zu tragen. Dieser Mann weiß, was er will.

„Weshalb musste dein Vater damals seine Heimat verlassen?“, fragte sie plötzlich.

Markus kniff die Augen bis auf einen schmalen Spalt zusammen.

„Warum sollte ich es Ihnen eigentlich nicht sagen?“, murmelte er. „Mit meinem Vater hat auch niemand Mitleid gehabt.“

Frau Geraldines Herz schlug schwer in ihrer Brust. Sie bereute plötzlich ihre Frage, dabei hätte sie nicht einmal sagen können, warum …

„Gut. Sein Bruder Ingo hat ihn verleumdet. Sein Bruder hat ihn in den Verdacht gebracht, Geld unterschlagen zu haben. Und mein Großvater jagte seinen Lieblingssohn davon. Der jüngere hatte sein Ziel erreicht. Er durfte Fernauen übernehmen und dort mit seiner jungen Frau glücklich leben. Und nun kommen Sie und wollen mir etwas Gutes tun, indem Sie mir anbieten, im Schloss zu wohnen.“

„Das ist nicht wahr“, stöhnte Frau Geraldine, doch sie wusste, dass dieser junge Mann nicht log. So konnte nur jemand sprechen, der von der Wahrheit seiner Behauptungen völlig überzeugt war.

Und hatte Ingo nicht manchmal im Schlaf gestöhnt? War er nicht manchmal hochgeschreckt und hatte nach Erland gefragt?

Ihr Kopf sank vornüber. Ihr war sterbenselend zumute.

„Verzeih mir“, hörte sie da eine warme, herzliche Stimme. „Ich war gemein und grausam. Ich hätte es dir nicht sagen dürfen, Tante Geraldine, du konntest ja nichts dafür. Bitte, verzeih mir.“

Als die Gräfin den Kopf hob, sah Markus erschüttert, dass große Tränen aus ihren Augen rannen. Sie tropften auf die Seide des dunklen Kleides.

„Ich habe dir nichts zu verzeihen, Markus“, sagte Frau Geraldine leise. „Ich musste einmal die Wahrheit wissen. Glaub mir, dein Onkel Ingo hat unter seinem Verhalten gelitten. Jetzt erst verstehe ich manches, was ich vorher nicht begreifen konnte.“

„Du hast ihn sehr geliebt, nicht wahr?“, wollte der Verwalter wissen.

„Ja“, sagte Frau Geraldine schlicht. „Ich werde auch nie aufhören, ihn zu lieben, solange ich lebe. Ingo hat mich geliebt. Und meinetwegen wird er damals … diese Sache gemacht haben. Er wollte, dass ich Schlossherrin werde. Als wenn mir auch nur das Geringste daran gelegen hätte! Wie schrecklich, dass durch solche Irrtümer das Leben deines Vaters so grau und düster gewesen ist.“

Markus nahm ihre zitternden Hände und umschloss sie mit seinen starken Fingern.

„Wir haben kein Recht, über Vergangenes zu urteilen. Ich freue mich, dass du den Weg zu mir gefunden hast, Tante Geraldine.“

„Wirklich, mein Junge?“, schluchzte die alte Dame.

Der Mann nickte. „Mein Vater hat immer nur gut von dir gesprochen. Er mochte dich gern. Sei mir nicht böse, dass ich anfangs so hässlich zu dir war, aber die Erinnerungen …“

„Ich verstehe. Auch ich freue mich, dich kennengelernt zu haben. Ich verstehe, dass du nicht als Angestellter nach Fernauen zurückkehren willst.“ Sie lächelte bei ihren Worten, wenn es auch ein sehr schmerzliches Lächeln war. „Und nun will ich dich nicht länger von deiner Arbeit abhalten.“

Markus ließ es sich nicht nehmen, die Gräfin an ihren Wagen zu begleiten.

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