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ROMANA JUBILÄUM BAND 3

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Auf der Jacht des Millionärs

1. KAPITEL

Sara Andropolous beugte sich vor, um das Gebäck von allen Seiten zu begutachten. Es sah perfekt aus. Lächelnd arrangierte sie die zarten, luftigen Waffeln auf einen der hauchdünnen Porzellanteller und sprenkelte ein wenig Honig darüber. Zwei Blättchen Pfefferminze als Verzierung, fertig. Sie fühlte sich beschwingt. Noch fünf weitere Dessertteller waren herzurichten.

Sie arbeitete rasch und konzentriert und war im Nu fertig. Mit weniger als Perfektion gab sie sich nicht zufrieden.

Seit den frühen Morgenstunden war sie auf den Beinen. Dennoch fühlte sie sich so frisch, als hätte sie gerade erst mit der Arbeit begonnen. Nichts bereitete ihr größere Freude, als Köstlichkeiten zu erschaffen. Dabei vergaß sie die Zeit und alles andere um sich herum.

„Mal sehen, wie das Ihren Gästen schmeckt“, murmelte sie, als stünde ihr Chef Nikos Konstantinos, auf dessen Jacht sie arbeitete, neben ihr.

Vor vier Monaten war Sara nach Griechenland gekommen, um als Köchin im Windsong Hotel zu arbeiten, das einige Kilometer von Thessaloniki entfernt lag. Schon lange hatte sie versucht, in Griechenland Fuß zu fassen. Als sich ihr diese Möglichkeit bot, ergriff sie ihre Chance. Sie hatte einen Untermieter für ihre Wohnung gesucht, sich von ihren Freunden verabschiedet und war in die Ägäis aufgebrochen. Im Kopf nur den einen Gedanken – ihre Großmutter Eleani Konstantinos zu finden.

Während die Jacht sanft auf dem Meer schaukelte, fragte sich Sara zum wiederholten Mal, ob sie ihrem Ziel wirklich näher gekommen war. Es war ihr wie ein Wink des Schicksals erschienen, als ihre Freundin Stacy herausbekommen hatte, dass Eleani zum zweiten Mal verheiratet war und auf einer Privatinsel in der Ägäis lebte. Ohne einen Augenblick zu zögern, hatte Sara sich daraufhin auf eine Stelle in der exklusiven Hotelanlage beworben, die dem Enkel des zweiten Ehemannes ihrer Großmutter gehörte. Wie erstaunt war sie, als sie bereits zwei Wochen nach dem ersten Bewerbungsgespräch eine Zusage erhielt. Sicher war es von Vorteil gewesen, dass sie selbst Griechin war und die Sprache beherrschte. Doch sie wollte trotzdem glauben, dass es ihre Leistungen waren, die ihren Arbeitgeber überzeugt hatten. Das hervorragende Gehalt, das ihr geboten wurde, bewies, dass man sich nur mit höchster Kochkunst zufriedengeben würde.

Bisher war alles besser als erwartet verlaufen. Es erschien ihr wie ein kleines Wunder, dass sie bereits nach vier Monaten eine befristete Stelle auf der Luxusjacht von Nikos Konstantinos bekommen hatte. Mit etwas Glück würden sie irgendwann die Privatinsel der Familie anlaufen, wo auch ihre Großmutter lebte. Wie es dann weitergehen sollte, darüber war sich Sara noch nicht im Klaren. Dennoch, sie war ihrem Ziel noch nie so nahe gewesen und war sicher, mit der Zeit würde sich alles fügen.

Sie streckte sich kurz, bevor sie die Nachspeisen auf einem eleganten Silbertablett anrichtete und es dann in die Durchreiche stellte. Von dort würde der Steward es zu den Gästen in den Speisesalon bringen. Es war nach neun Uhr, und sie hatte ihre Arbeit für diesen Tag erledigt. Obgleich sie am Morgen bereits vor sechs aufgestanden war, um das Frühstück vorzubereiten, fühlte sie sich munter und kein bisschen müde.

Der reguläre Koch der Jacht hatte eine akute Blinddarmentzündung bekommen, und sie sollte bis zu seiner Genesung für ihn einspringen. Vom Chefkoch der Hotelanlage, der sie für die Stelle empfohlen hatte, hatte sie erfahren, dass Nikos Konstantinos, der Eigentümer des Hotelkomplexes, einige Gäste zu einer einwöchigen Kreuzfahrt durch die Ägäis eingeladen hatte. Nun wurde jemand gebraucht, der erfahren genug war, sämtliche Mahlzeiten einschließlich der Nachspeisen zuzubereiten. Sara konnte es kaum fassen, dass der Chefkoch sie vorgeschlagen hatte, obwohl sie erst so kurz zum Team gehörte. Wenn sie weiterhin in diesem Tempo vorankam, würde sie noch vor Ende des Monats ihre Großmutter sehen.

Von ihrem persönlichen Geheimdienst, wie sie ihren Freundeskreis in London nannte, hatte sie in Erfahrung gebracht, dass ihre Großmutter auf der Privatinsel der Konstantinos’ in der Ägäis lebte, auf die man nur als Gast der Familie gelangen konnte. Dieser Weg stand ihr nicht offen. Also hatte sie versucht, schriftlich Kontakt aufzunehmen. Doch der Brief, den sie ihrer Großmutter geschrieben hatte, war ungeöffnet zurückgekommen. Am Telefon hatte man sie nicht durchgestellt, und eine E-Mail-Adresse gab es nicht. Da sie befürchtete, Nikos Konstantinos würde sie sofort feuern, hatte sie ihn nicht in dieser Angelegenheit angesprochen. Sie musste selbst einen Weg finden, auf die Insel zu gelangen.

Nur so konnte sie Eleani Konstantinos vom Tod ihrer Tochter Damaris berichten, deren letzter Wunsch es gewesen war, sich mit ihren Eltern zu versöhnen. Dafür hatte die Zeit nicht mehr gereicht, denn Damaris Andropolous war kurze Zeit später gestorben.

Sara wünschte sich nichts sehnlicher, als den Zwist, der die Familie vor nahezu dreißig Jahren gespalten hatte, aus der Welt zu schaffen. Über ein Jahr lang hatte sie darauf hingearbeitet, den letzten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen.

Sie war ihrer Mutter unendlich dankbar dafür, dass sie ihr Griechisch beigebracht hatte. Die meisten ihrer Londoner Freunde hatten ihre Wurzeln in Griechenland. Sara wusste, dass sie ohne ihre fließenden Griechischkenntnisse die Stelle im Hotel nicht bekommen hätte. Es fiel ihr nicht schwer, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen, die sie als angenehmen Kontrast zum verregneten London empfand. Voller Freude hatte sie sich in die Arbeit gestürzt, und es hatte sich ausgezahlt.

Während sie die benutzten Töpfe und Pfannen zum Einweichen in die Spüle stellte, überlegte sie, was sie zu ihrer Großmutter sagen sollte, wenn sie ihr erst gegenüberstand. Sie wusste, dass ihr Großvater vor einigen Jahren gestorben war und Eleani einige Jahre später Spiros Konstantinos geheiratet hatte, den Besitzer der legendären Konstantinos-Reederei. Ohne großen Erfolg hatte sie versucht, mehr über die Familie herauszufinden. Offensichtlich legte man viel Wert auf Privatsphäre.

„Ich habe mich verspätet, Entschuldigung. Wird nicht mehr vorkommen“, sagte Stefano und hob mit Schwung das Tablett mit den Desserts hoch. Sara hatte sich daran gewöhnt, dass der Steward mindestens einmal am Tag zu spät kam. Wenn Nikos Konstantinos nichts dagegen hatte, ihr machte es bestimmt nichts aus.

„Sieht köstlich aus, wie immer. Ich bringe es den Gästen.“ Er sprach so schnell, dass sie manchmal Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen. Sara überprüfte noch einmal, ob er alles hatte, was er für die Gäste brauchte, dann stellte sie das Essen für die Schiffsbesatzung auf ein großes Tablett.

Als Stefano zurückkam, lehnte er sich an die Tür und atmete hörbar aus. „Es sieht so aus, als sollten sich die entzückende Gina Fregulia und unser Chef auf diesem Trip besser kennenlernen. Sie lässt ihren Charme spielen und ihr Vater Andeutungen über eine Hochzeit fallen. Und es hat nicht den Anschein, als würde Nikos sich widersetzen.“

„Und woher willst du das wissen?“, fragte Sara und arbeitete weiter. Sie hoffte, er würde weiterreden. Je mehr ich über die Konstantinos’ weiß, umso besser kann ich meinen Plan umsetzen, dachte sie.

„Es ist kein großes Geheimnis. Der Mann ist vierunddreißig. Höchste Zeit zu heiraten und eine Familie zu gründen. Wer soll sonst das ganze Geld erben?“

Der Kommentar ließ sie aufblicken. „Du bist fünfunddreißig. Bist du verheiratet?“

Stefano lachte. „Bei mir ist das etwas anderes. Ich sehe jeden Tag schöne Frauen. Segele kreuz und quer durch die Ägäis. Vielleicht binde ich mich irgendwann. Aber ich habe kein doppeltes Vermögen zu vererben.“

„Ein doppeltes Vermögen?“

„Nikos ist nicht in die Fußstapfen der Familie getreten und arbeitet nicht für die Reederei. Trotzdem ist er der einzige Erbe. Gleichzeitig hat er mit der Ferienanlage ein eigenes Vermögen gemacht. Ich wünschte, ich hätte nur einen Teil des Geldes.“

„Das wünschen wir uns wohl alle. Und wir kriegen ja auch etwas davon ab, indem wir ein gutes Gehalt für unsere Arbeit erhalten.“ Sie schenkte dem Steward ein Lächeln.

„Ich meine, es ausgeben zu können, ohne dafür zu arbeiten. Ich bin gespannt, wie sich das Verhältnis zwischen der jungen Dame und dem Boss entwickelt.“

„Bezweifelst du, dass etwas daraus wird?“, fragte Sara neugierig. Dutzende von Fragen brannten ihr auf der Zunge, doch sie wollte keinen Verdacht erregen.

Stefano zuckte die Schultern. „Ich habe gehört, dass Nikos seine erste Verlobte sehr geliebt hat. Wie es genau zu der Trennung kam, habe ich nie erfahren. Jedenfalls war seine Laune danach für lange Zeit kaum zu ertragen. Auch wenn arrangierte Ehen uns heute ziemlich altmodisch vorkommen, in der Welt der Superreichen sind sie nicht so ungewöhnlich. Ich glaube, Nikos wird eine wohlüberlegte Ehe eingehen. Zum Besten seines Unternehmens und um sicherzustellen, dass er Erben bekommen wird. Die Fregulias sind wohlhabende Weinhändler aus Italien. Ihr Vermögen ist sicher so groß wie seines. Zumindest weiß er in diesem Fall, dass er nicht des Geldes wegen geheiratet wird. Ich tippe auf eine Vernunftehe.“

„Vielleicht.“ Sara legte letzte Hand an die Nachspeisen für die Besatzung. „Ich wünsche ihnen viel Glück.“ Ein glücklicher Nikos würde leichter zugänglich sein, falls sie je seine Hilfe brauchen sollte, um zu ihrer Großmutter zu gelangen.

„Gina Fregulia ist jedenfalls am Ziel, wenn sie Nikos’ Millionen in die Finger kriegt.“

„Ich dachte, sie sei reich?“

„Ihr Vater verfügt über das Geld. Das ist ein kleiner Unterschied. Und sie hat es auf Nikos abgesehen.“

Sara folgte Stefano zum Achterdeck, wo der Tisch für die Besatzung gedeckt war. Man hatte ihr einen Platz am Ende des Tisches freigehalten. Mit Ausnahme von Stefano war der Rest der Besatzung um einiges älter als sie. Die meisten fuhren vermutlich bereits seit Jahren auf der Jacht der Konstantinos’.

Nun endlich konnte sie sich ein wenig entspannen. Sie hatte ihre Pflicht für den Tag erfüllt. Die sanfte Brise, die sie umwehte, während die Jacht die Wellen durchschnitt, machte den Aufenthalt an Deck noch angenehmer. Die Kühle tat gut nach der Hitze in der Küche. Der Himmel verdunkelte sich, und nach und nach begannen die Sterne zu funkeln. Nur die Positionslampen des Schiffes und die Beleuchtung aus dem Salon durchbrachen die samtige Dunkelheit.

Als sie ihre Mahlzeit beendet hatte, überlegte Sara, ob sie sich in einen der Liegestühle legen und die Sterne betrachten sollte. In London hatte sie nie so viele gesehen.

Bald würden sie ankern, und wie jede Nacht würde das Ägäische Meer die Jacht sachte auf und ab wiegen. Sara liebte dieses sanfte Schaukeln. Vielleicht sollte sie sich um eine dauerhafte Stelle auf einem Schiff bewerben, wenn sie ihre Aufgabe hier erfüllt hatte.

„Danke“, sagte einer von der Besatzung. „Das Essen war sehr gut.“

Einer nach dem anderen erhoben sich die Männer und bedankten sich bei ihr. Sara strahlte vor Freude. Schließlich stand auch Stefano auf, um den Tisch abzuräumen. Er nahm das benutzte Geschirr mit und ließ nur Saras Wasserglas zurück.

Sara genoss eine Weile die Nachtluft, dann ging sie zurück in die Kombüse, um nachzusehen, ob alles für das Frühstück vorbereitet war. Danach würde sie zu Bett gehen.

Sie war länger auf dem Achterdeck geblieben, als sie gedacht hatte. Die Kombüse blitzte. Stefano hatte ganze Arbeit geleistet und war bereits gegangen. Sie hätte sich über ein wenig Gesellschaft gefreut, während sie im Geiste die Liste der Zutaten durchging, die sie brauchte, um für das Frühstück verschiedene kleine Quiches zu backen. Außerdem wollte sie süßes Hefegebäck und frisches Obst anbieten. Auf der eleganten Jacht fehlte es an nichts, um selbst die wählerischsten Gäste zufriedenzustellen.

Als sie die Tür hinter sich aufgehen hörte, zuckte Sara erschrocken zusammen und drehte sich rasch um. Überrascht hielt sie in der Bewegung inne. Kein Zweifel, vor ihr stand Nikos Konstantinos.

Sie hatte sich bereits daran gewöhnt, dass viele Männer in Griechenland sehr attraktiv waren. Doch der Mann, der soeben hereingekommen war, stach alle aus. Verwirrt und schüchtern wie ein Schulmädchen, wusste sie nicht, was sie sagen sollte, und blickte ihn nur stumm an. Er hatte welliges schwarzes Haar, und seine tiefe Bräune zeugte von langen Aufenthalten in der ägäischen Sonne. Mit dunklen Augen musterte er sie ernst. Er wirkte durchtrainiert, und die breiten Schultern wurden von der perfekt geschnittenen weißen Smokingjacke betont. Der elegante Abendanzug erschien Sara fast ein wenig übertrieben für eine Schiffsreise, doch sie musste zugeben, dass er hervorragend darin aussah. Dann aber riss sie sich von seinem Anblick los und rief sich zur Ordnung. Er würde sie für strohdumm halten, wenn sie nicht bald etwas sagte.

„Kann ich etwas für Sie tun?“ Für einen Augenblick fühlte sie sich wie von unsichtbaren Fäden zu ihm hingezogen.

„Sie sind der Ersatz für unseren Chefkoch?“, fragte er ungläubig.

Seine tiefe, etwas raue Stimme klang so sexy, dass Sara am liebsten die Augen geschlossen und ihn gebeten hätte weiterzusprechen, nur damit sie ihm lauschen konnte. Doch das war natürlich unmöglich. So neigte sie nur leicht den Kopf, ignorierte ihr hämmerndes Herz und antwortete höflich lächelnd: „Ja, das bin ich.“

Sei vorsichtig, rief sie sich in Erinnerung, dieser Mann kann dir dazu verhelfen, zu deiner Großmutter zu gelangen. Verdirb es dir nicht mit ihm. Doch dann war ihr Kopf wieder wie leergefegt, und sie fühlte sich magisch von dem umwerfend aussehenden Griechen angezogen.

Nikos kniff leicht die Augen zusammen. „Ich hatte keine so junge Frau erwartet“, sagte er scharf.

„Leistung hat nichts mit dem Alter zu tun“, entgegnete Sara heftiger als beabsichtigt. Warum sollte eine Frau von Ende zwanzig nicht eine ebenso gute Köchin sein wie eine fünfzigjährige? Hatte sie diesen Mann eben noch attraktiv gefunden? Nun stand sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität. Er kam aus der Gesellschaft, die ihre Mutter vor dreißig Jahren grausam verstoßen hatte. Was wusste er von Unglück, Entbehrungen und gebrochenem Herzen? Oder wie es sich anfühlte, sich halb tot zu schuften, um voranzukommen? Sie hatte lange und hart dafür gearbeitet, um den Ruf als Köchin zu erlangen, den sie inzwischen besaß. Das Alter hatte nichts damit zu tun. Entschlossenheit und Hartnäckigkeit waren der Schlüssel zum Erfolg.

„Ich muss mich entschuldigen. Das wollte ich damit nicht andeuten. Ich war nur überrascht, das ist alles. Ich wollte Ihnen ein Kompliment für das heutige Abendessen machen. Meine Gäste waren voll des Lobes. Das Lamm war butterzart.“

Sara freute sich über das Kompliment und war überrascht, dass ihr neuer Boss sich die Zeit nahm, die Köchin persönlich zu loben.

„Ich bin Nikos Konstantinos“, stellte er sich vor. Als ob sie das nicht wüsste.

„Ich bin Sara Andropolous.“

„Ist in der Küche alles vorhanden, was Sie brauchen?“

„Ja. Die Kombüse ist perfekt.“

„So wie Ihre Mahlzeiten.“

Freude wallte in ihr auf. Sie hatte hart für ihre Ziele gearbeitet, und notfalls würde sie um ihren Job kämpfen. Doch das schien heute nicht nötig zu sein.

„Ich gebe ein verdientes Lob gern weiter, damit die Betreffende weiß, dass ihre Arbeit gewürdigt wird“, fuhr er fort.

Sie erwiderte seinen Blick. Außer einem kurzen „Danke“ wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Er nickte ihr kurz zu und ging.

Unser beider Herkunft hätte nicht unterschiedlicher sein können, überlegte Sara. Sie war in sehr einfachen Verhältnissen groß geworden, hatte als Köchin in einem Imbiss gearbeitet und nebenher stundenlang in einer Spülküche geschuftet, um die zusätzliche Ausbildung bei den besten Köchen finanzieren zu können. Entschlossenheit und Durchhaltevermögen, ja sogar eine Portion des halsstarrigen Stolzes ihrer Mutter hatten ihr zum Erfolg verholfen.

Nikos hingegen hatte sich den Bau seines Hotels sicher nicht vom Mund absparen müssen. Jetzt nenne ich ihn in Gedanken schon Nikos, ging es ihr durch den Kopf. Wir sind keine Freunde und werden auch niemals welche werden, rief sie sich in Erinnerung.

Wenn seine Gäste mit dem Essen zufrieden sind, wird er sich freuen und mich vielleicht länger an Bord behalten, ging es Sara durch den Kopf. Wenn das Schicksal ihr wohlgesonnen war, dann würden sie auch die Privatinsel anlaufen.

Voller Optimismus ging sie kurze Zeit später in ihre winzige Kajüte. Sie hatte ihren Chef kennengelernt, und er war zufrieden mit ihr. Das ließ sich doch gut an.

Sie wusste, dass sie großes Glück gehabt hatte, vom Chefkoch für diesen ruhigen Job empfohlen worden zu sein. Außer ihr waren noch fünf weitere Besatzungsmitglieder an Bord. Zusammen mit Nikos und den Gästen waren sie zwölf. Ein himmelweiter Unterschied zur Arbeit in der Hotelküche, wo sie täglich Dutzende von Gerichten zubereiten musste.

Als sie die Jacht zum ersten Mal gesehen hatte, war sie in ehrfürchtiges Staunen verfallen: ein elegantes, strahlend weißes Schiff mit einem hohen Bug. Auf dem Achterdeck hätte man gut und gern eine Party mit fünfzig Gästen abhalten können. Der Schiffseigner hatte seinen Angestellten gestattet, dort ihre Freizeit zu verbringen, was Sara sehr großzügig fand.

Sie runzelte die Stirn, denn sie wollte Nikos Konstantinos nicht so viele gute Eigenschaften zubilligen. Auch wenn er einer der attraktivsten Männer war, die sie je getroffen hatte, für sie stellte er nur ein Mittel zum Zweck dar. Das durfte sie nicht vergessen. Außerdem hatte Stefano angedeutet, dass während der Kreuzfahrt mit einer Verlobung zu rechnen sei. Es klang nach einem sehr nüchternen Arrangement. Und es erinnerte sie an die Situation, in der sich ihre Mutter vor vielen Jahren befunden hatte. Auch sie hatte aus Vernunftgründen heiraten sollen. Allerdings schien das Paar, um das es hier ging, nichts gegen eine Zweckehe einzuwenden zu haben.

Sara war erstaunt, wie sehr sie sich zu ihrem Chef hingezogen fühlte. Sie war sogar kurz in Versuchung geraten, mit ihm zu flirten. Ein gut aussehender Mann, eine einsame Frau, der perfekte romantische Hintergrund.

Es wäre garantiert schiefgegangen.

2. KAPITEL

Nikos verließ die Kombüse und ging zu seiner Suite, die ihm als Büro und Schlafzimmer diente. Seine Köchin hatte sich als Überraschung erwiesen: erstaunlich jung und attraktiv. Aus dem welligen dunklen Haar, das sie zurückgebunden trug, hatten sich Strähnen gelöst, die ihr Gesicht weich umrahmten. Die großen braunen Augen hatten ihn mit unerklärlicher Besorgnis angeblickt. Er war es gewohnt, dass man ihm mit Respekt begegnete. Doch ihr Verhalten hatte sich von der Höflichkeit, mit der man ihm üblicherweise begegnete, unterschieden. Seine Bemerkung über ihr Alter hatte sie verärgert. Nikos hätte beinahe gelächelt. Empfindlich – aber waren sie das nicht alle, die großen Köche? Bislang hatte er nur männliche kennengelernt. Eine Köchin war etwas Neues. Zumindest hatte sie nicht sofort versucht, mit ihm zu flirten und ihn für sich einzunehmen.

Er war der vielen koketten Frauen längst überdrüssig geworden, denn er hatte früh lernen müssen, dass die meisten Frauen nur eines wollten – ein Leben in Luxus. Finanziert von einem reichen Mann. Seine eigene in die Brüche gegangene Verlobung bewies es.

Als wäre das Leben ein Glücksspiel und er einer der Preise.

Die nächste Verbindung, die er einging, würde auf Vernunft basieren und so Bestand haben. Er würde sich nie mehr von verlogenen Liebesschwüren den Kopf verdrehen lassen. Er fand Gina Fregulia attraktiv, war jedoch nicht in sie verliebt. Sie hatte Stil und bewegte sich in seinen Kreisen. Mit ihren exzellenten Weinkenntnissen und den Kontakten ihrer Familie wäre sie ein wirklicher Zugewinn für sein Hotel.

Nikos öffnete die Tür zur Suite, zog seine Smokingjacke aus und beschloss, sich noch ein wenig um das Geschäftliche zu kümmern, bevor er zu Bett ging.

Als Stefano am nächsten Morgen pünktlich um acht Uhr das Frühstück brachte, hatte Nikos bereits eine Stunde gearbeitet. Über Satellit war er mit der Hotelanlage verbunden und jederzeit erreichbar. Jetzt sprach er gerade mit seinem Vater am Telefon.

„Hast du in letzter Zeit von deinem Großvater gehört?“, fragte Andros.

„Gibt es Probleme?“, wollte Nikos wissen. Es kam nur selten vor, dass sein Vater ihn in Familienangelegenheiten sprechen wollte. Die Leitung einer Reederei war noch zeitaufwendiger als die eines Hotels, und so war er stets überaus beschäftigt. Seit er denken konnte, hatte sein Vater ausschließlich für sein Unternehmen gelebt.

„Er hat es sich in den Kopf gesetzt, sich ein neues Boot zuzulegen. Er meint, das alte sei nicht mehr gut in Schuss.“

„Es läuft perfekt.“ Nikos sorgte dafür, dass alle Privatboote der Familie regelmäßig gewartet wurden.

„Ich denke, er will ein kleineres, das er noch selbst steuern kann. Dabei ist er schon vierundachtzig. Viel zu alt, um noch allein über die Ägäis zu schippern“, bemerkte Andros verärgert.

„Hast du ihm das gesagt?“ Nikos kannte die Antwort bereits.

„Hältst du mich für verrückt? Ich dachte, du könntest ihn vielleicht besuchen und ihn dazu bringen, das Schiff mit der Besatzung zu behalten. Bitte sorge dafür, dass er keine Dummheit begeht.“

„Mein Großvater neigt nicht zu Dummheiten“, erwiderte Nikos mit sanftem Nachdruck. Hin und wieder kam es vor, dass sein Vater ihn um Vermittlung bat. Es war das Äußerste an Gefühlen, was er der Familie gegenüber zeigte.

„Wann warst du das letzte Mal dort?“

„Vor einem Monat“, antwortete Nikos.

„Kannst du dich bald freimachen?“

Nikos blickte aus dem breiten Fenster auf das glitzernde Meer. „Sobald meine Gäste abgereist sind. Ich habe die Fregulias und die Onetas zu Besuch.“

„Dann nächste Woche. Gib mir Bescheid.“ Ohne Abschiedsgruß beendete Andros den Anruf.

„Interessiert es dich, wie mein Geschäft läuft?“, murmelte Nikos, als er auflegte. Sein Vater brachte nur Interesse für seine eigene Branche auf. „Oder willst du wissen, ob Gina und ich heiraten werden?“ Sei’s drum, er wusste, dass sein Vater sich nicht mehr ändern würde. Ebenso wenig wie sein Großvater. Wenn der alte Herr ein Motorboot wollte, das er selbst steuern konnte, dann würde er sich eines zulegen. Und ich werde es ihm nicht ausreden, dachte Nikos. Er hoffte, mit vierundachtzig noch ebenso so rüstig zu sein wie sein Großvater.

Er schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und nahm erst jetzt das Frühstück wahr, das aus einer kleinen Quiche, hausgemachtem Fruchtkompott und zwei Scheiben frischem Walnussbrot bestand. Wie früh ist Sara aufgestanden, um das alles vor sieben Uhr zuzubereiten?

Er gestand sich ein, dass seine neue Köchin ihn neugierig gemacht hatte. Eine Frau, die so schnell in einer Männerdomäne aufgestiegen war. Der Chefkoch hatte sie ausdrücklich empfohlen. Dass sie außerdem noch hübsch war, konnte natürlich nicht schaden.

Kopfschüttelnd nahm er die Reservierungsliste für den kommenden Monat zur Hand. Er hatte anderes zu tun, als an seine Angestellte zu denken.

Gegen Mittag suchte er den Kapitän auf und besprach mit ihm einen Zwischenstopp auf einer der kleineren, nahe gelegenen Inseln. Das würde seinen Gästen die Gelegenheit bieten einen Eindruck von der Schönheit der ägäischen Inseln zu bekommen. Er wies den Kapitän an, der Crew den Nachmittag freizugeben. Um sieben Uhr würden sie dann wieder auslaufen.

Kurz nachdem die Insel in Sicht gekommen war, erhielt Nikos eine Nachricht aus dem Hotel. Sein Assistent teilte ihm mit, dass es in der gesamten Anlage zu einem Stromausfall gekommen war.

Nikos ließ seinen Gästen ausrichten, ohne ihn an Land zu gehen. Er wolle nachkommen, sobald es ihm möglich war. Unruhig trommelte er mit den Fingern auf den Schreibtisch. Es machte ihn nervös, nicht vor Ort zu sein und sich selbst um den Notfall kümmern zu können. Mit dem Telefonhörer am Ohr ging er zu einem der großen Kabinenfenster, von dem aus er auf den Markt am Hafen blicken konnte. Die wenigen Einwohner der kleinen Insel schienen alle anwesend, um ihre Einkäufe zu tätigen. Er wandte den Blick ab von den Ständen mit den bunten Markisen und beobachtete, wie Gina mit ihren Eltern und den Onetas beschwingt die Gangway hinabging.

Eine Viertelstunde später konnte man ihm die Ursache des Stromausfalls mitteilen. Ein Kabel war bei Bauarbeiten am Rand der Anlage beschädigt worden. Die Generatoren waren in Betrieb genommen worden, und der Großteil des Hotelkomplexes verfügte wieder über Strom. Nikos wies seinen Assistenten an, ihn auf dem Laufenden zu halten. Mehr konnte er vom Schiff aus nicht erreichen.

Er wollte bereits aufbrechen und seinen Gästen nachgehen, als ihm einfiel, dass keiner der Besatzung außer dem Kapitän von Bord gegangen war, solange er am Fenster gestanden hatte. Er hatte ihnen doch den Nachmittag freigegeben. Er verließ seine Suite und ging nachsehen, ob sich jemand in der Küche aufhielt. An der Tür blieb er stehen und erblickte Sara. Jetzt im Tageslicht fand er sie noch hübscher.

Sie deckte gerade eine Platte mit Folie ab, während Stefano, gegen eine der Arbeitsflächen gelehnt, mit ihr plauderte. Als er Nikos erblickte, richtete er sich sofort fast stramm auf.

„Kann ich etwas für Sie tun?“

Sara sah auf. „Möchten Sie etwas zu essen? Ich war fast fertig, als ich von den geänderten Plänen erfuhr. Sind Sie hungrig?“

Er betrachtete die kunstvoll auf einer Platte angerichteten Sandwiches. Er trat näher, nahm sich eines unter der Folie heraus und biss hinein. Guter griechischer Käse und Oliven. Dazu schmeckte er einen Hauch eines ihm unbekannten Gewürzes. Einfach köstlich.

„Tatsächlich habe ich noch nichts gegessen. Vielleicht können Sie mir einen Teller herrichten und nach oben bringen.“ Er würde etwas zu sich nehmen, bevor er das Schiff verließ, um seinen Gästen zu folgen. Es wäre schade um das gute Essen und um die Arbeit, die sie sich gemacht hatte.

„Ich bringe es Ihnen sofort“, sagte Stefano.

Nikos richtete seinen Blick auf Sara. „Vielleicht könnten Sie das übernehmen. Es wäre eine Möglichkeit, mehr vom Schiff zu sehen. Der Kapitän ist an Land gegangen. Ich könnte Ihnen die Kommandobrücke zeigen, falls Sie Interesse haben.“

Sara und Stefano tauschten einen überraschten Blick.

„Danke, sehr gern. Ich kann Ihnen den Teller in zehn Minuten bringen“, antwortete sie. „Die Crew hat beschlossen, an Bord zu essen. Danach wollen wir alle an Land gehen.“

Nikos nickte kurz und entfernte sich. Er wusste nicht genau, warum er ihr das Angebot gemacht hatte. So etwas hatte er noch nie getan. Andererseits hatte er auch noch nie einen weiblichen Koch gehabt. Er fragte sich, was in ihn gefahren war, die hübsche junge Frau zu einer Besichtigung der Jacht einzuladen. Er stand doch kurz davor, Gina Fregulia einen Heiratsantrag zu machen. Mit Sara Andropolous hatte er nicht einmal zehn Minuten verbracht. Und doch schob er das Treffen mit Gina hinaus, um einer Fremden das Schiff zu zeigen. Es war völlig gegen seine Prinzipien, ein Mitglied der Besatzung zu bevorzugen. Aber irgendetwas faszinierte ihn an dieser Frau.

Genau zehn Minuten später klopfte Sara an seine Tür.

Er öffnete. „Kommen Sie herein.“ Er trat einen Schritt zur Seite und ließ sie mit dem Tablett eintreten.

Sie sah sich um und ging dann zu dem niedrigen Tisch vor dem Sofa, wo sie das Tablett vorsichtig absetzte. Dann richtete sie sich auf und strahlte, als sie den großartigen Blick aus dem Fenster wahrnahm. „Fantastisch. Von hier hat man einen tollen Blick auf den Hafen. Welche Insel ist das?“

„Theotasaia, eine kleine Insel, deren Einwohner hauptsächlich vom Fischfang leben. Heute ist Markttag. Die perfekte Abwechslung für meine Gäste.“

Nikos stellte sich neben sie. Vor ihnen breitete sich der bunte Markt aus. Einige Händler priesen lautstark ihre Waren an. Dann wandte er sich dem Teller mit den Sandwiches zu. Die Anzahl war reichlich bemessen.

„Haben Sie schon gegessen?“

„Ich habe beim Zubereiten ein wenig genascht. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich aufs Oberdeck gehe? Ich warte dort, während Sie essen.“

„Ich komme in ein paar Minuten.“

Sara verließ die Kabine und eilte in Richtung des oberen Vorderdecks. Die Gegenwart von Nikos Konstantinos machte sie nervös. Sie war auf ihn angewiesen, wenn sie zu ihrer Großmutter gelangen wollte. Aber er brachte sie eindeutig aus dem Gleichgewicht. Sie schwankte zwischen dem Bedürfnis, ihn zu meiden, aus Angst, ihre wahren Pläne zu verraten, und dem Wunsch, ihn besser kennenzulernen. Oberflächlich betrachtet war er genau der Typ Mann, vor dem ihre Mutter davongelaufen war – vermögend, selbstbewusst und vielleicht eine Spur arrogant. Und auch er plante, eine vermögende Frau zu heiraten. Wollte Gina Fregulia wirklich eine solche Ehe?

Als sie das Deck betrat, spürte Sara den warmen Wind im Gesicht. Die Sonne strahlte von einem wolkenlos blauen Himmel. Sie ging zur Reling und blickte auf die kleine Insel.

Was wäre wohl geschehen, wenn ihre Mutter nach den Wünschen ihrer Eltern geheiratet hätte? Hätte sie dann auch solche Luxusreisen durch die Ägäis gemacht? Nach der Flucht mit Saras Vater war sie schnell von der Realität eingeholt worden. Doch ihr Stolz hatte es ihr verboten, ihren Fehler einzugestehen und nach Hause zurückzukehren.

Sara war noch immer tief in Gedanken versunken, als Nikos sich wenig später zu ihr gesellte.

„Kommen Sie. Der Kapitän ist nicht auf der Brücke. Wir können uns alles ansehen, ohne dass er davon erfährt“, sagte er und grinste jungenhaft.

Sie lachte. Seine vergnügte Art gefielt ihr. „Sie haben doch nicht etwa Angst vor Ihrem Kapitän, oder?“, fragte sie, während sie ihm folgte.

„Er findet, dass die Kommandobrücke keine Sehenswürdigkeit für Gäste ist. Und ich lasse ihm seinen Willen“, antwortete er.

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er sich vor irgendetwas fürchtete. Seine ganze Haltung strömte so viel Kompetenz und Selbstsicherheit aus. Er würde mit jeder Situation fertig werden. Interessant, dass er seinem Kapitän so sehr entgegenkam.

Von der Brücke aus hatte man einen grandiosen Blick in alle Richtungen.

„Das ist einfach fantastisch“, rief sie begeistert.

Nikos stellte sich dicht neben Sara und deutete nach Westen. „Da drüben liegt Thessaloniki.“ Er bewegte den Arm ein Stück weiter. „Und Athen ist in dieser Richtung.“

„Aber ziemlich weit weg“, bemerkte sie, um irgendetwas zu sagen. Die Wärme seines Körpers und der maskuline Duft seines Aftershaves weckten erotische Gefühle in ihr. Am liebsten wäre sie noch näher an ihn herangetreten, um herauszufinden, wie ihr Körper dann reagieren würde.

Erschrocken trat sie einen Schritt zu Seite. Wie konnte sie nur so dumm sein. Neben ihr stand der sagenhaft reiche Erbe der Konstantinos-Reederei und vermögende Besitzer einer Hotelanlage.

Welten trennten sie, und sie durfte sich keine Gefühle für ihn erlauben!

„Erzählen Sie mir mehr über die kleine Insel“, bat sie ihn und sah zu dem hügeligen Eiland hinüber. Weiße Häuser mit roten Ziegeldächern umringten die Hafenbucht. Auch ein Stück weit den Hang hinauf war das Dorf gebaut worden. Einige in die Jahre gekommene Fischerboote schaukelten in der Nähe. Die meisten waren vermutlich draußen auf dem Meer.

„Hier legen erst seit kurzem Schiffe an. Noch vor zehn Jahren konnte der Hafen nur von kleinen Fischerbooten angesteuert werden, nicht von Jachten wie die Kassandra. Inzwischen komme ich gerne mit Freunden hierher. Die Insel ist noch nicht vom Tourismus überlaufen.“

Sara nickte und suchte nach einem neuen Gesprächsthema. „Haben Sie das Problem in der Hotelanlage gelöst?“

„Fürs Erste. Die Hauptleitung muss noch repariert werden. Bis dahin reichen die Generatoren aus.“

„Dann sollte ich Sie nicht länger aufhalten“, sagte sie und drehte sich zu ihm um. Er war gleichzeitig einen Schritt auf sie zugegangen, sodass sie fast zusammengestoßen wären. Ihr Körper sandte Alarmsignale aus. Er stand zu dicht bei ihr. Sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen.

„Kommen Sie doch mit, dann zeige ich Ihnen den Marktplatz“, sagte Nikos spontan. „Meine Gäste kann ich später immer noch finden. Wir laufen erst um sieben wieder aus.“

Sara blinzelte. Meinte er das ernst? Der Eigentümer der Jacht wollte den Nachmittag mit der Aushilfsköchin verbringen? Irgendetwas stimmte doch hier nicht.

„Halten Sie das für klug?“ Ihre Stimme klang plötzlich heiser. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie glaubte, er müsse es hören.

„Warum denn nicht?“

„Vielleicht weil ich ihre Köchin bin?“ Und weil er sich mit Gina verloben wollte? Sie musste vorsichtig sein, wenn sie sich keinen Ärger einhandeln wollte.

„Es ist doch nur ein gemeinsamer Landgang. Ja oder nein?“

Sie nickte, ohne Nikos anzusehen. Vielleicht konnte sie so mehr über seine Familie und die Privatinsel erfahren.

„Ich würde gern den Markt besichtigen. Um fünf Uhr muss ich allerdings zurück sein, um das Abendessen vorzubereiten.“

„Kein Problem. Kommen Sie, Sara.“

Falls Ari, der für den Wachdienst an der Gangway stand, um sicherzustellen, dass kein Unbefugter das Schiff betrat, es ungewöhnlich fand, dass sein Chef mit der neuen Köchin an Land ging, so war ihm jedenfalls nichts anzumerken. Er tippte sich nur an die Mütze und grinste Sara zu.

Kurz darauf befanden sie sich an Land und mischten sich unter die Marktbesucher. Alte Frauen ganz in Schwarz trugen Einkaufsnetze voller Lebensmittel. Ein kleiner Junge, der neben seiner Mutter herging, hielt vorsichtig ein in Papier gewickeltes frisches Brot. Kinderlachen vermischte sich mit den lauten Stimmen der Händler.

Sara liebte die lockere Atmosphäre und dachte, wie gut es ihrer Mutter hier gefallen hätte. Es versetzte ihr einen Stich, als sie daran dachte, wie wehmütig ihre Mutter immer von ihren Kindheitserinnerungen erzählt hatte. Sara nickte den Verkäufern zu, probierte von den angebotenen Süßigkeiten und sprang rasch zur Seite, als eine Horde Kinder auf sie zugerannt kam.

Nikos griff nach ihrem Arm, damit sie nicht stolperte. Die Berührung ging ihr durch und durch. Atemlos sah sie ihn an. „Danke.“

Oh Gott, diese dunklen Augen blickten unergründlich. Sein markantes Gesicht wirkte unglaublich männlich. Das vom Wind zerzauste Haar verlieh ihm jedoch ein jungenhaftes Aussehen. Sie wünschte, sie wären sich unter anderen Umständen begegnet.

Welche anderen Umstände? Wenn sie es sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, auf seine Privatinsel zu gelangen, wären sie einander in tausend Jahren nicht begegnet. Sie lebten in völlig verschiedenen Welten.

„Oh, Nikos, ist der Notfall schon behoben?“ Eine große dunkelhaarige Frau stand plötzlich neben Sara, und sie spürte, wie Nikos ihren Arm losließ.

„Gina.“ Besonders erfreut klang das nicht, und für einen Moment glaubte Sara, so etwas wie Resignation in seinem Blick erkannt zu haben. Aber sie musste sich getäuscht haben. Das war doch seine Zukünftige.

Gina hakte sich bei ihm unter und lehnte sich leicht an ihn. „Ich habe Mama und Papa verloren. Da hielt ich es für das Beste, zur Jacht zurückzukehren. Aber jetzt kannst du mir ja die Sehenswürdigkeiten zeigen. Ich bin an einer ganz entzückenden Kirche vorbeigekommen. Die würde ich mir gern ansehen.“

Sara sah den beiden zu und wünschte sich Stacy an ihre Seite. Ihr wäre sicher eine beißende Bemerkung über das Spiel, das diese Gina trieb, eingefallen. Wie hätten sie zusammen darüber gelacht. Sie scheint sich ihrer Sache sehr sicher zu sein, dachte Sara entmutigt. Sie hätte es wissen müssen, dass ein Nachmittag mit einem fantastischen, reichen Mann nicht wahr werden konnte.

„Gina, darf ich dir Sara vorstellen. Sie kocht die wundervollen Gerichte, die wir jeden Tag genießen.“

„Oh, die Quiche heute Morgen war einfach köstlich. Ich konnte sie natürlich nicht ganz essen. Ich muss auf meine Figur achten. Aber alles, was ich probiert habe, war himmlisch. Ich bewundere Sie sehr. Ich kann überhaupt nicht kochen.“

Sie lächelte geziert und blickte zu Nikos auf. „Aber das brauche ich auch nicht zu können. Wir haben einen Koch. Ich habe andere Talente.“

„Da bin ich mir ganz sicher“, sagte Sara liebenswürdig auf Englisch und stellte sich vor, über welche Talente die sinnliche Italienerin wohl verfügte.

Ihr Blick begegnet dem von Nikos. Er wirkte amüsiert. Sie hatte sich bestimmt getäuscht, als sie vermutete, so etwas wie Resignation in seinem Blick gelesen zu haben.

„Tja, dann kaufe ich jetzt noch ein paar frische Sachen für das Abendessen“, sagte Sara forsch und wandte sich ab.

„Sara“, rief Nikos ihr nach.

Sie drehte sich um.

Es zögerte einen Moment, Gina am Arm. „Lassen Sie es anschreiben. Sagen Sie, es ist für die Jacht. Die Händler wissen dann schon, was zu tun ist.“

Mit einem fröhlichen Winken wandte Sara sich um und mischte sich unter die Menge. Sie wollte so schnell wie möglich außer Sichtweite sein, bevor ihr künstliches Lächeln verblasste und man ihr die Enttäuschung ansah. Es hätte mir Spaß gemacht, mit jemandem, der sich auskennt, die Insel zu besichtigen, redete sie sich ein. Dass es noch einen anderen Grund gab, wollte sie sich nicht eingestehen.

Sara beendete den Nachmittag in einer kleinen Taverne am Hafen. Sie beobachtete, wie die Fischerboote vom Meer hereingefahren kamen. Sofort begannen sie auszuladen und ihren Tagesfang an Land zu bringen. Spontan entschloss sie sich, ihr geplantes Menü abzuändern und frischen Fisch zu kaufen. Leicht gedünstet und mit einer passenden Sauce würde er hervorragend schmecken. Sie bezahlte ihren Kaffee und traf ihre Auswahl an einem Stand.

Als sie zurück an Bord ging, sah sie Nikos in eine Unterhaltung mit seinen Gästen vertieft an der Reling stehen.

Bevor sie wegschaute, sah er auf, und ihre Blicke begegneten sich. Lange sah er sie einfach an. Dann hob er langsam sein Glas und prostete ihr wortlos zu.

Jemand – vermutlich Gina – sagte etwas, und er wandte sich wieder ab. Mit klopfendem Herzen eilte Sara weiter. Würde er sie noch einmal ansprechen, bevor die Reise zu Ende war?

Warum sollte er?

3. KAPITEL

Als die Jacht am späten Abend ankerte, wurde Sara von einer inneren Unruhe ergriffen. Die Nachtluft war nicht mehr so mild, und sie hatte sich ein Sweatshirt umgehängt. Die Brise, die über das Oberdeck wehte, war erfrischend, aber kühl. Sie hörte den Gesprächen der anderen Crewmitglieder zu, ohne selbst viel beizusteuern. Nun, da das Dinner vorbei war, fragte sie sich, ob Nikos wieder vorbeischauen und sich für das Essen bedanken würde. Heute Abend hatte sie sich noch mehr ins Zeug gelegt, und der frische Fisch war ihr hervorragend gelungen.

Bestimmt kam er nicht. Er hatte sich nur aus Freundlichkeit am vergangenen Abend bei ihr bedankt. Er erwartete herausragende Leistungen, und sie erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen. Sie nahm nicht an, dass er der Crew regelmäßig Beachtung schenkte. Selbst wenn er sie sprechen wollte, so würde er es bestimmt nicht hier auf dem Achterdeck tun, wo das ganze Team zuhörte.

Von der Crew erhob sich einer nach dem anderen und wünschte eine gute Nacht. Als sich nur noch Sara und der Kapitän an Deck befanden, setzte sie sich neben ihn, um ihm ein paar Fragen zu stellen. Sie hoffte, einiges über die Privatinsel der Konstantinos in Erfahrung zu bringen.

„Sind Sie schon lange Kapitän auf der Jacht?“

„Seit sie vom Stapel gelaufen ist. Davor war ich Kapitän auf einem Schiff, das Andros Konstantinos gehörte. Er ist der Vater unseres Chefs. Ich arbeite seit beinahe zwanzig Jahren für die Familie.“

„Dann sind Sie die ganze Zeit in der Ägäis unterwegs?“

„Oh, manchmal segeln wir auch weiter ins westliche Mittelmeer. Vor Jahren bin ich mit Andros Konstantinos und seiner zweiten Frau nach Spanien und Marokko gesegelt. Eine wunderbare Kreuzfahrt.“

Die zweite Frau, das musste ihre Großmutter sein. „Wann war das?“, erkundigte sie sich gespannt.

„Das ist viele Jahre her. In jüngerer Zeit waren wir in Ägypten und Italien.“ Er schaute sie freundlich an. „Sind Sie denn schon viel gesegelt?“, fragte er.

„Nein, das ist mein erstes Mal.“

„Dann haben Sie Glück, dass Sie nicht seekrank werden.“

„Ja, das wäre ein echtes Malheur“, sagte Nikos, der unbemerkt von hinten herangetreten war.

Der Kapitän drehte sich um und begrüßte ihn mit einem Nicken. „Nikos. Brauchen Sie noch etwas?“

„Nur eine kurze Pause von der nie enden wollenden Arbeit. Außerdem wollte ich meiner Köchin für das außergewöhnliche Abendessen danken. Jeder Gang war äußerst gelungen.“

Sara wischte unauffällig ihre feuchten Hände an der Hose ab und versuchte, gleichmäßig zu atmen. „Es freut mich, dass es Ihnen und Ihren Gästen gut geschmeckt hat.“

„So wie uns allen“, flocht der Kapitän ein. „Wir können froh sein, dass Aeneas Sara empfohlen hat. Paul kocht sehr gut, aber Sara hat neue Gerichte auf den Tisch gebracht, und die ganze Crew freut sich darüber.“

Nikos ging zur seitlichen Reling. „Morgen werden wir auf einer anderen Insel anlegen. Unsere Gäste scheinen sich schnell zu langweilen.“

„Das kann ich zwar nicht verstehen“, meinte der Kapitän, „aber wenn es früh losgehen soll, dann ziehe ich mich jetzt zurück.“

„Nicht vor neun. Ich will vor dem Frühstück schwimmen“, sagte Nikos.

„Wie Sie wünschen.“ Der Kapitän verabschiedete sich von beiden.

Nun war Sara allein mit Nikos auf dem Achterdeck. Sie fühlte sich befangen.

„Schwimmen Sie jeden Morgen, bevor wir den Anker lichten?“, fragte sie schließlich und blickte auf das Meer, auf dem sich das Licht der Sterne spiegelte.

„Wenn ich Zeit habe und das Wetter es erlaubt. Hätten Sie Lust, mir dabei Gesellschaft zu leisten?“ Er drehte sich halb zu ihr um und sah sie an.

Sara erschrak. Dann dachte sie einen Moment darüber nach. Sie würde kaum Zeit zum Schwimmen haben, wenn sie das Frühstück rechtzeitig fertig haben wollte. „Lieber nicht. Ich möchte morgen Omelettes machen und noch einmal das frische Walnussbrot. Das braucht seine Zeit.“

„Kommen Sie doch für eine Viertelstunde. Sie werden es schon schaffen. Außerdem bin ich derjenige, der früh isst. Meine Gäste haben das Frühstück noch nie vor neun oder zehn Uhr eingenommen, seit sie an Bord sind.“

„Also gut. Nein, warten Sie. Leider geht es doch nicht. Ich habe keinen Badeanzug dabei.“ Schade, dachte Sara. Zu gern wäre sie am Morgen im Meer geschwommen. Mit Nikos …

„Wir haben einige Badeanzüge für Gäste an Bord. Ich lasse Ihnen einen von Stefano bringen.“

„Danke.“ Hoffentlich glaubte der Steward nicht, dass mehr hinter der Einladung steckte. Sie wollte nicht, dass man über sie tratschte. Das könnte ihre Chancen, länger an Bord zu bleiben, beeinträchtigen.

„Meistens schwimme ich um sieben für eine halbe Stunde und fange nach dem Frühstück an zu arbeiten“, teilte er ihr mit.

„So früh“, murmelte sie. Es war bereits kurz vor Mitternacht.

„Ich habe es mir so angewöhnt.“

„Schwimmen Sie auch jeden Morgen, wenn Sie im Hotel sind?“

„Bei gutem Wetter, ja. Manchmal im Meer, manchmal in einem der Pools.“

Vielleicht sollte ich auch öfter versuchen, Zeit zum Schwimmen zu finden, dachte Sara.

Nikos betrachtete sie in der schwachen Beleuchtung der Positionslampen. „Wie haben Sie sich an das Leben auf See gewöhnt? Sie sagten, Sie würden nicht seekrank.“

„Es ist eine Herausforderung, auf kleinem Raum zu kochen. Aber der Kapitän steuert sehr ausgeglichen, sodass mir nie etwas überschwappt. Und in einen Sturm sind wir ja noch nicht geraten“, scherzte sie. „Nach den Mahlzeiten räumt Stefano die Küche auf. Ehrlich gesagt, fühle ich mich sehr wohl hier an Bord.“ Auch wenn sie die Stelle allein aus dem Grund angenommen hatte, ihre Großmutter zu finden, so machte ihr die Arbeit doch sehr viel Spaß.

„Das freut mich“, sagte er.

Sie wandte den Blick von ihm ab. Spürte er, wie stark sie sich zu ihm hingezogen fühlte?

„Es ist schon spät. Wir sehen uns dann morgen früh um sieben“, sagte er abschließend.

„Gute Nacht“, antwortete sie. In wenigen Stunden würde sie ihn wiedersehen. Sie würden zusammen schwimmen, und dann wartete die Arbeit in der Kombüse auf sie.

Sara fand lange keinen Schlaf. Als der Wecker klingelte, glaubte sie, gerade erst eingeschlafen zu sein.

Um halb sieben hatte sie immer noch keinen Badeanzug. Sollte sie die Sache einfach auf sich beruhen lassen und ihre normale Arbeitskleidung anziehen? Eine kakifarbene Hose, dazu die dunkelblaue Bluse mit dem Logo der Ferienanlage. Vermutlich hatte Nikos es sich anders überlegt, nachdem er darüber geschlafen hatte.

Das leise Klopfen war kaum hörbar. Sie sprang aus dem Bett, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Grinsend hielt Stefano ihr eine kleine Schachtel hin. „Mit den besten Grüßen vom Chef. Er sagt, du sollst ihn an Deck treffen, wenn du fertig bist.“

Sie nahm die Schachtel, dankte ihm und schloss die Tür. Rasch hatte sie den funkelnagelneuen Badeanzug in einem wunderschönen dunklen Türkiston ausgepackt und schlüpfte hinein. Er saß perfekt. Sie band sich das Haar zusammen und hängte sich ihren Morgenmantel um. Dann ging sie aufgeregt zum Achterdeck. Würde es die anderen von der Besatzung stören, dass sie mit dem Boss schwimmen ging? Oder war gar nichts dabei, und sie spielte alles nur in Gedanken hoch?

Nikos stand schon an der Reling. Als er sie kommen hörte, drehte er sich um und wandte die Augen nicht von ihr ab. Sie ging barfuß auf ihn zu. Ohne Schuhe, die ihr sonst immerhin noch ein paar zusätzliche Zentimeter verliehen, war sie sich mehr denn je seiner Körpergröße bewusst.

Sie versuchte, nicht zu sehr auf seine breiten Schultern und seine muskulöse Brust zu starren. Doch es fiel ihr schwer, ihre Fantasie zu zügeln. Wie würde es sich anfühlen, in seinen Armen zu liegen? Am liebsten hätte sie seine gebräunte Haut ganz zart mit den Fingerspitzen gestreichelt, um seine Wärme und Kraft zu spüren.

„Fertig?“, fragte er.

„Ja.“ Die Luft war noch kühl. Wie sich das Wasser so früh am Morgen wohl anfühlte? Sie ließ ihren Bademantel fallen und beugte sich über die Reling. „Springen wir von hier?“, wollte sie wissen. Sie befanden sich zwei oder drei Meter über dem Wasserspiegel.

„Nein.“ Er öffnete ein Türchen in der Reling und deutete auf eine Trittleiter, die in die Bootswand eingelassen war. „Wir klettern zu der kleinen Badeplattform hinunter. Von dort können wir bequem ins Wasser.

Die Plattform war weniger als einen halben Meter breit und lief die ganze Länge der Jacht entlang. Nikos zeigte Sara, wie sie am besten die Leiter hinunterkam, und kurz darauf stand sie neben ihm auf der Rampe.

„Los“, rief er und sprang ins kristallklare Wasser.

Sara holt tief Luft und sprang ihm nach.

Es war himmlisch. Das Meer war erfrischend, aber nicht kalt. Das Erste, was sie beim Auftauchen sah, waren die zartrosa leuchtenden Schäfchenwolken. Sie blickte zurück. Um sie herum gab es nichts außer Himmel und Meer und Jacht.

Vor ihr war Nikos aus dem Wasser aufgetaucht und schwamm jetzt mit kräftigen Zügen. Sara lächelte vor lauter Freude über diesen perfekten Augenblick. Dann schwamm sie ihm nach. Im Wasser war sie in ihrem Element.

Als sie sich fragte, ob sie besser umkehren sollte, sah sie, dass Nikos auf der Stelle trat und auf sie wartete. Mit einem glücklichen Lächeln schwamm sie zu ihm hin.

„Das ist fantastisch. Warum schlafen Ihre Gäste noch? Sie wissen gar nicht, was sie versäumen.“

Nikos blickte sie einen Augenblick an, dann sah er zur Jacht hinüber. „Ich weiß es nicht, und es spielt auch keine Rolle. Ich hoffe, meine Gäste haben ihren Spaß, auch wenn wir uns an unterschiedlichen Dingen erfreuen.“

„Was ist mit der Crew? Einige von ihnen schwimmen doch sicher gern.“

„Manchmal tun sie es auch, wenn wir ankern zum Beispiel. Aber eher selten.“ Die anderen Mitglieder der Besatzung waren ihm in diesem Moment egal. Es gefiel ihm, wie sehr Sara das frühmorgendliche Bad im Meer genoss. Sie zeigte ihre Freude so offen. Ohne Hintergedanken, ohne zu flirten.

Sie hatte offensichtlich Freude an ihrer Arbeit, und er hatte nicht den Eindruck, dass sie nach mehr strebte. Sie löcherte ihn nicht mit Fragen über sein Privatleben, seine Vorlieben und Abneigungen. Sara nahm jeden Augenblick, wie er kam. Jetzt genoss sie das Bad im Meer, und man sah es ihr an. Was für eine Abwechslung nach all den blasierten Frauen, die er gewöhnlich auf Empfängen und Partys traf.

Sie war sehr weiblich und dabei völlig ungekünstelt. Ihren graziösen Bewegungen merkte man an, dass sie mit sich und ihrem Körper im Einklang war. Gerade strich sie sich die nassen Strähnen, die sich aus ihrem Knoten gelöst hatten, aus dem Gesicht, ohne ihrer Frisur aber darüber hinaus Beachtung zu schenken. Stattdessen blickte sie mit einem hingerissenen Ausdruck in den Augen um sich.

Normalerweise trennte Nikos Geschäft und Vergnügen strikt. Auch wenn er Saras Gegenwart noch so sehr genoss, so vergaß er doch nicht, dass sie seine Angestellte war. Er verstand immer noch nicht ganz, wie es dazu gekommen war, dass er sie zum gemeinsamen Schwimmen eingeladen hatte. Wie auch immer, er war froh, es getan zu haben. Ihre offensichtliche Freude wirkte ansteckend auf ihn.

„Ich würde Sie ja gern zu einem Wettschwimmen zurück zum Boot herausfordern, aber ich bin sicher, Sie sind schneller als ich“, sagte sie. „Das Wasser ist so herrlich. Kann ich jeden Morgen schwimmen gehen?“

„Wenn Sie wollen.“ Er schwamm langsam zurück. „Im Hafen würde ich es allerdings nicht empfehlen. Das Wasser ist dort nicht sehr sauber. Wir laufen heute wieder eine Insel an. Den Damen hat der gestrige Ausflug sehr gefallen. Die Insel, die wir heute besuchen, hat keinen Markt, aber es gibt Läden und Cafés. Oben auf dem Steilufer befinden sich die Überreste eines antiken Forts; von dort hat man eine herrliche Aussicht.“

„Werden wir vor dem Mittagessen dort anlegen?“

„Ja, Sie brauchen nichts vorzubereiten. Ich lade meine Gäste zum Essen in eines der Cafés am Hafen ein.“

Ein wehmütiger Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Dachte sie daran, wie es wäre, wenn sie gemeinsam den Tag verbrächten? Plötzlich wünschte er sich einfach ein paar freie Tage. Wie schön wäre es, einmal die Arbeit und alle Pflichten hinter sich zu lassen und die Zeit mit Sara zu verbringen. Vielleicht konnte er das tun, wenn die Kreuzfahrt vorbei war. Wenn er sich bis dahin nicht mit Gina verlobt hatte. Warum erschreckte ihn der Gedanke plötzlich? Schließlich hatte er die Reise zu diesem Zweck angetreten. Die Verbindung war für sie beide vorteilhaft. Trotzdem hatte er für einen Augenblick seine Zukunftspläne vergessen und nur an Sara gedacht.

Sie waren fast beim Schiff angelangt. Er wusste, dass Sara, wenn sie erst an Bord waren, sofort verschwinden würde, um sich umzuziehen und mit ihrer Arbeit zu beginnen. Den Tag über würde er sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Es sei denn, sie hielt sich nach dem Essen auf dem Achterdeck auf. Dann konnte er ihr wieder sagen, wie gut den Gästen ihr Essen geschmeckt hatte.

Als Nikos sich wenig später in seiner Kajüte angezogen hatte, ging er zu seinem Schreibtisch und fuhr den Laptop hoch. Er wollte seine E-Mails checken und zu seinem Assistenten Kontakt aufnehmen. Der Stromausfall müsste inzwischen behoben sein. Sicher gab es andere Dinge, um die er sich kümmern musste. Während er arbeitete, brachte Stefano ihm das Frühstück. Ein Omelett, luftig und leicht, dazu Champignons und Tomaten. Das Walnussbrot auf dem Teller daneben war noch warm, der Kaffee heiß und stark. Während er aß, stellte er sich vor, wie Sara die Speisen zubereitete. Er hatte keine Ahnung, wie eine Köchin arbeitete. Irgendwann würde er in die Kombüse gehen und ihr zusehen.

Das Klingeln seines Handys unterbrach seine Gedanken.

„Nikos, hier ist dein Großvater.“

„Ich weiß. Ich erkenne deine Stimme.“ Nikos lächelte. Als Kind hatte er oft die Sommermonate auf der Insel verbracht, während seine Eltern auf Reisen waren.

„Ich habe von deinem Assistenten erfahren, dass du eine Kreuzfahrt machst. Wo bist du gerade?“

Nikos sagte es ihm und wartete. Wenn sein Großvater sich so früh am Morgen bei ihm meldete, musste es einen wichtigen Grund geben. In seiner Familie rief man sich nicht einfach so an, nur um einen kleinen Schwatz zu halten.

„Ich möchte ein neues Boot kaufen.“

„Oh?“

„Ich würde mich freuen, wenn du es dir vorher ansiehst. Und sag jetzt nicht, ich sei zu alt dafür. Eleani und ich wollen damit allein losfahren. Sonst haben wir nirgendwo unsere Ruhe.“

Nikos schüttelte den Kopf, doch insgeheim verstand er den alten Herrn. Ihm selbst war am vergangenen Abend bewusst geworden, dass er und Sara keinen Moment lang allein waren.

„Ich bin noch drei Tage hier gebunden. Dann bringe ich meine Gäste ins Hotel zurück. Danach kann ich kommen.“ Er warf einen Blick auf seinen Kalender. In der folgenden Woche hatte er keine dringenden Termine.

Auf der Insel seines Großvaters fiel es ihm immer leicht, zu entspannen und abzuschalten. Er war schon länger nicht mehr dort gewesen und freute sich darauf, seine Großeltern wiederzusehen und ein paar Tage Ferien zu machen.

„Gut, wir würden uns freuen, wenn du länger bleiben könntest. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.“

„Ich freue mich auch. Grüß Eleani von mir.“

Nikos legte auf. Warum sollten sich sein Großvater und seine Frau nicht ein kleineres Boot zulegen? Sie waren zwar schon älter, aber immer noch völlig selbständig. Als seine richtige Großmutter starb, war er noch ein Junge gewesen. Spiros hatte später die verwitwete Eleani geheiratet, die mit ihrem herzlichen Wesen sofort Zugang zum Kreis der Familie gefunden hatte.

Allerdings konnte er es sich nach seinen Erfahrungen nicht vorstellen, so lange verheiratet zu sein und seine Frau immer noch zu lieben.

Du darfst nicht alle Frauen über einen Kamm scheren, rief er sich zur Ordnung. Aber seit Ariana tat er genau das. Bei ihrer Verlobung hatte sie geschworen, ihn ewig zu lieben. Dann hatte er sie mit einem anderen im Bett erwischt. Sie hatte nur sein Geld und seinen Einfluss gewollt und sich weiter mit anderen Männern getroffen, egal ob reich oder arm, jung oder alt. Sie war nicht wählerisch gewesen – ein schwerer Schlag für einen verliebten jungen Mann. Seitdem wusste er, dass er nur eine Frau heiraten würde, die ebenso vermögend war wie er selbst.

Gina war in dieser Hinsicht perfekt. Kultiviert und mit vorzüglichen Kontakten stellte sie eine echte Bereicherung für einen Geschäftsmann dar.

Und doch zögerte er. Wenn es nach ihm ginge, würde er gar nicht heiraten. Das Familienleben wurde überschätzt. Das wusste er aus eigener Erfahrung. Vielleicht konnte er sich mit der Entscheidung noch etwas Zeit lassen.

Er überflog seine Mails. Dann klappte er den Laptop zu und stand auf, um zu seinen Gästen zu gehen. Er würde sie kurz darüber informieren, was es auf der Insel, an der sie heute anlegen wollten, alles zu sehen gab.

Vier Stunden später musste sich Nikos eingestehen, dass dieser Ausflug nicht so erfolgreich war wie der Marktbesuch des vergangenen Tages. Die drei Paare waren durch die kopfsteingepflasterten Gässchen der Altstadt geschlendert, hatten in verschiedene Läden hineingeschaut, aber nichts gekauft. Der Vormittag ging bereits zu Ende. Sie hatten gerade noch Zeit für einen schnellen Besuch der antiken Ruinen und ein spätes Mittagessen. Allerdings schienen seine Gäste keine rechte Lust auf weitere Besichtigungen zu haben.

Signor Fregulia strebte auf eine Taverne zu, da seine Frau aus der Sonne wollte. Nikos wusste, was Gina wollte: ihn. Doch je stärker sie ihr Interesse bekundete, desto abwehrender reagierte er. Handelte es sich nur um das normale Zögern eines Mannes, der Angst hatte, sich zu binden?

„Es ist so heiß“, beschwerte sie sich zum zehnten Mal.

„Vielleicht sollten wir zurück an Bord“, schlug Nikos vor.

„Nein, lasst uns in eine Taverne gehen. Ein Glas Wein im Schatten und dabei die Menschen beobachten, das gefällt mir. Auf dem Schiff werde ich zu leicht seekrank“, erklärte Signor Fregulia und steuerte eines der Straßencafés an.

„Ich möchte mir noch einige der Geschäfte ansehen“, widersprach Signora Fregulia und warf ihrer Freundin einen auffordernden Blick zu. Signora Oneta stimmte ihr sofort zu.

Gina schmollte, und Nikos hätte sie alle am liebsten geschüttelt. Leider war er ihr Gastgeber. Warum ging ihm der Ausflug plötzlich so sehr auf die Nerven?

„Gina?“ Ein junger Mann kam über die Straße auf sie zu und redete in schnellem Italienisch auf sie ein. Nikos verstand nicht alles, aber er entnahm dem Gespräch, dass der Mann ein alter Freund war, den Gina lange nicht mehr gesehen hatte.

„Bitte entschuldigt meine Manieren“, unterbrach sie den Redefluss des Fremden und hakte sich bei ihm ein. „Pietro, das ist unser Gastgeber Nikos Konstantinos. Nikos, das ist mein Freund Pietro aus Rom.“

„Kommt, lasst uns ein Glas Wein trinken. Von hier hat man einen schönen Blick auf den Hafen“, schlug sie vor und zog Pietro zur Taverne. „Nikos kann uns alles über diese hübsche kleine Insel und die Menschen, die hier leben, erzählen.“

Ihre Absicht war offensichtlich, doch er hatte nicht vor, auf ihr Spiel einzugehen und zuzulassen, dass sie ihn gegen ihren italienischen Freund ausspielte. Falls sie glaubte, ihn eifersüchtig machen zu können, so irrte sie sich.

Signor Fregulia winkte Nikos zu sich heran.

„Ich weiß, dass Sie sehr beschäftigt sind. Wir können den Nachmittag auch gut allein verbringen. Wann sollen wir wieder auf der Jacht sein?“

„Um sechs.“ Würde es tatsächlich so einfach werden zu entkommen und den Nachmittag für sich zu haben?“

„Dann sehen wir uns später.“ Mit diesen Worten nahm er seine Frau beim Arm und entfernte sich in Richtung der Taverne.

Nikos sah ihnen nach. Es wäre seine Pflicht gewesen, sich um seine Gäste zu kümmern. Es war unhöflich, seinen Geschäftspartner zu vernachlässigen. Zudem wäre es klug, die Zeit zu nutzen, um Gina ein wenig besser kennenzulernen. Doch er verspürte nur einen Wunsch – den Rest des Nachmittags allein zu sein.

Er drehte sich um, ging zurück zum Hafen und freute sich darauf, die nächsten Stunden arbeiten zu können.

Als er an der Pier ankam, sah er Sara auf sich zukommen. Sie trug einen Hut mit breiter Krempe, der ihr Gesicht beschattete, und ihre nackten Arme waren leicht gebräunt. Interessiert betrachtete sie beim Gehen die verschiedenen Stände. Als sie Nikos erblickte, leuchtete ihr Gesicht auf. Dann wich das Strahlen einem besorgten Blick.

„Hallo. Haben Sie etwas vergessen?“, fragte sie im Näherkommen.

„Nein. Wohin gehen Sie?“

„Ich sehe mir die Insel an. Der Kapitän hat uns bis sechs Uhr freigegeben. Das ist doch richtig, oder?“

„Ja. Wir laufen erst nach sechs aus. Abendessen um acht.“

„Ich bin um sechs wieder da. Kein Problem. Bis dann.“ Sie ging langsam weiter.

Bevor sie drei Schritte gegangen war, sagte er impulsiv: „Hätten Sie Lust, die antiken Ruinen auf der Anhöhe zu besichtigen?“

Er war nicht sicher, wer überraschter war, Sara oder er selbst. Vergessen war die Arbeit. Verflogen die Sorge um seine Gäste. Es hatte Spaß gemacht, mit Sara zu schwimmen. Jetzt wollte er ihr etwas von der Insel zeigen. Ihr die Geschichte nahebringen, die Teil der griechischen Kultur war. Kurz, er wollte mit einer Frau zusammen sein, die nicht von ihm erwartete, dass er ihr in der nächsten Minute einen Heiratsantrag machte.

„Sehr gern. Haben Sie denn so viel Zeit?“

„Ich habe heute Nachmittag nichts vor. Es würde mir Freude machen.“ Er bedeutete ihr vorauszugehen in Richtung Straße, wo zwei Taxis standen. Die Fahrer waren ausgestiegen und unterhielten sich.

Nikos winkte einen der Männer herbei, und kurz darauf fuhren sie durch die kleine Stadt und die Anhöhe hinauf. Die saftig grünen Sträucher am Straßenrand bildeten einen schönen Kontrast zum tiefen Blau des Meeres und des Himmels.

Nikos betrachtete Sara, die gebannt aus dem Fenster blickte.

„Wie schön es hier ist. In solchen Momenten wünschte ich, Fotografin oder Malerin zu sein, um diese Eindrücke einzufangen.“

„Sie müssen sie in Ihrer Erinnerung bewahren.“

Sie nickte. „Das werde ich ganz bestimmt. Vielen Dank für diesen Ausflug.“

Sara spürte, wie sich ihr Herz zusammenschnürte, als Nikos sie anlächelte. Rasch wandte sie den Blick ab und sah wieder aus dem Fenster. Es war ungefährlicher, das Meer zu betrachten, als sich in seinen Augen zu verlieren. Mit einem Mal fühlte sie sich befangen und wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. Sie durfte sich nicht in ihn verlieben. Er lebte in einer anderen Welt und war unerreichbar für sie.

Wie war er nur auf die Idee gekommen, ausgerechnet sie zu den antiken Stätten mitzunehmen? „Hatten Ihre Gäste keine Lust auf einen Ausflug?“

„Nein. Sie wollten sich lieber in ein Straßencafé setzen und das bunte Treiben beobachten.“

„Klingt gut“, erwiderte sie höflich. Unter anderen Umständen vielleicht. Sie selbst sah lieber etwas von der Insel, als die ganze Zeit in der Taverne zu verbringen.

Sie waren jetzt fast am Ziel, und die Vegetation wurde spärlicher. An vielen Stellen sah der nackte Fels durch. Vor ihnen tauchten die verfallenen Mauern aus der Antike auf. Das Taxi hielt auf dem fast leeren geschotterten Parkplatz. Die Atmosphäre des Ortes entzückte Sara. Die Ruinenstätte war so weitläufig, dass sie kaum auf andere Menschen treffen würden.

Nikos gab ihr die Hand und half ihr beim Aussteigen. Warm und kräftig umschlossen seine Finger die ihren. Trotz der Wärme durchlief ein leichtes Zittern ihren Körper. Rasch ließ sie seine Hand wieder los, denn sie fühlte sich flatterig und nervös wie ein Teenager.

Nikos unterhielt sich beim Bezahlen kurz mit dem Taxifahrer, der gleich darauf den Wagen wendete und zurück Richtung Stadt fuhr.

„Erzählen Sie mir von diesem Ort. Der Blick aufs Meer ist jedenfalls atemberaubend“, sagte sie, als Nikos sie eingeholt hatte und neben ihr auf die Einfriedung zuging.

„In der Antike befand sich hier ein römischer Vorposten. Allerdings kein strategischer. Die Archäologen sind der Ansicht, es sei ein Ort zur Entspannung und Erholung gewesen. Ein Teil der äußeren Umfriedung ist noch erhalten, wenn auch nur in Bruchstücken.“

Die riesigen Felsblöcke waren ohne Mörtel aufeinandergeschichtet und schimmerten in einem warmen Rosaton. Sie wurden allein durch ihr Gewicht zusammengehalten. Sara betrachtete sie mit Ehrfurcht und fragte sich, wie die Menschen vor zweitausend Jahren wohl diese Quader aufeinandergetürmt hatten.

Als sie an die Brüstung traten, hielt Sara den Atem an, so unglaublich schön war der Ausblick über die Insel und das Meer.

„Wenn ich ein römischer Soldat gewesen wäre, hätte ich mir keinen schöneren Ort zur Entspannung aussuchen können. Stellen Sie sich auch manchmal vor, wie das Leben wohl damals war?“

„Als Kind habe ich das öfter getan“, antwortete er. „In Griechenland begegnet man der Geschichte auf Schritt und Tritt. Ich wünschte mir damals, ein Spartaner zu sein.“

Sie sah ihn rasch von der Seite an. „Sie wären sicher ein guter Kämpfer gewesen.“

„Wie kommen Sie darauf?“ Seine Augen funkelten amüsiert.

„Nur so eine Ahnung. Natürlich müsste ich zuerst sehen, wie geschickt Sie mit dem Schwert umgehen, bevor ich ein endgültiges Urteil abgebe.“

Nikos lachte. „Ich fürchte, da hapert es noch.“

Sara lächelte und blickte wieder aufs Meer hinaus. Sie fühlte sich immer stärker zu diesem Mann hingezogen. Jetzt stellte er einen Fuß auf die niedrige Mauer und folgte ihrem Blick. Sie spürte die Wärme seines Körpers. Sollte sie näherrücken oder zur Seite treten? Sie tat keines von beidem, sondern genoss den Augenblick und Nikos’ Anwesenheit, während sie sich gleichzeitig bemühte, einen einigermaßen kühlen Kopf zu bewahren.

Einige Kinder kamen schreiend und lachend durch die Ruinen gelaufen. Sara sah zu ihnen hinüber. Wie viel Spaß sie hatten! Ein Paar stand ruhig in der Nähe und betrachtete die Rabauken nachsichtig. Eine Erinnerung durchzuckte Sara. Ihre Mutter hatte auch Ausflüge mit ihr gemacht, zu denen sie eine Freundin mitnehmen durfte. Sie waren damals ebenso laut und vergnügt gewesen wie diese Kinder.

Ihre Mutter fehlte ihr. Für einen Augenblick fiel ein dunkler Schatten über den schönen Tag.

„Was für ein Lärm“, sagte Nikos, nahm den Fuß von der Brüstung und sah zu den Kindern hinüber.

„Sie haben ihren Spaß“, erwiderte sie. „An solche Familienausflüge erinnert man sich ewig. Wäre Ihnen der Ort ohne Kinder lieber?“

Er sah der Meute eine Weile schweigend zu, dann wandte er sich ab. „Es fällt schwer, sich in die Antike zurückzuversetzen, wenn überall Kinder herumlaufen und schreien.“

„Eines Tages werden Sie Ihre eigenen Kinder hierherbringen. Haben Sie denn keine Kindheitserinnerungen dieser Art?“

„Nein“, antwortete er leise.

Überrascht blickte Sara ihn an. „Wie kann das sein?“

„Nicht jeder denkt an eine glückliche Kindheit und gemeinsame Urlaube, wenn er eine Familie sieht.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Nichts. Haben Sie genug gesehen?“

„Noch lange nicht. Wenn wir einmal außen herumgelaufen sind, möchte ich mir das seltsame Gebäude in der Mitte ansehen.“

„Dort waren wahrscheinlich die Schlafstätten der Truppen. Die Aussicht ist übrigens von überall gleich.“

„Das stimmt nicht. Wenn Sie zu müde sind, um mir alles zu zeigen, können Sie gerne schon losfahren. Ich finde bestimmt ein Taxi, das mich zurück in die Stadt bringt.“ Sein plötzlicher Stimmungswechsel hatte sie überrascht. Von einer Sekunde auf die andere war er kühl und abweisend geworden. Hatte sie ihn gekränkt? Sie versuchte sich an jedes Wort zu erinnern, das sie gesagt hatte, doch ihr fiel nichts Bemerkenswertes ein.

„Nein. Ich habe Sie hergebracht, also bleibe ich auch.“

„Welch überschwängliche Begeisterung. Gehen Sie ruhig. Ich bleibe.“ Plötzlich kam sie sich vor wie ein lästiges Anhängsel.

Sie ließ ihn stehen und ging zur gegenüberliegenden Seite der Anlage. Auch von hier hatte man einen grandiosen Blick über die grüne Insel, die weißen Strände und das azurblaue Meer, doch sie nahm nichts davon wahr. Zorn flackerte in ihr auf. Sie hatte solchen Spaß an dem Ausflug gehabt. Aber schließlich war sie ja nicht in Griechenland, um sich zu amüsieren, sondern um ihre Großmutter zu finden.

„Rom liegt in dieser Richtung“, erklang seine tiefe Stimme neben ihrem linken Ohr. Sara drehte sich um und stieß fast mit Nikos zusammen.

„Ich habe mich oft gefragt, ob die Soldaten Heimweh hatten oder ob sie bereitwillig überall hingingen, wenn der Kaiser sie sandte“, fuhr er fort. „Diese kleine Insel ist so weit entfernt von Rom und allem, was die Großstadt zu bieten hat. Glauben Sie, dass sie sich einsam fühlten?“

„Bestimmt. Sicher hatten sie Sehnsucht nach ihrer Familie.“

Sara spürte, wie er zusammenzuckte. Aha, Familie scheint das Schlüsselwort zu sein, dachte sie.

Sie drehte sich zu ihm um. Er stand immer noch direkt hinter ihr, so dicht, dass ihre Schulter seine Brust berührte. „Mögen Sie keine Familien?“, fragte sie ohne Umschweife.

„Ich habe nichts gegen sie“, antwortete er gelassen.

„Sie haben Glück, dass Sie noch Ihre Eltern und Großeltern haben. Ich habe niemanden mehr.“

„Nicht immer geht es so heiter und innig zu, wie Sie es sich vorstellen“, meinte Nikos. „Ich habe mich oft gefragt, warum meine Eltern überhaupt ein Kind wollten.“

„Dann haben Sie also keine Geschwister?“

Er schüttelte den Kopf. „Und es ist sicher gut, dass es keine weiteren Kinder gab, die sie beiseiteschieben oder gelegentlich vorzeigen konnten, um mit ihnen anzugeben.“ Er schüttelte die Erinnerungen an seine Kindheit ab. Er war seinen Weg gegangen und erfolgreich geworden, und seine Arbeit machte ihm Freude. „Sie sind noch sehr jung und haben schon keine Verwandten mehr?“

Sie zuckte die Schultern. „Zumindest keine, die ich kenne. Ich bin allein, bis ich einen ganz besonderen Mann kennenlerne, mich verliebe und heirate.“

„Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin.“ Nikos holte tief Luft. Normalerweise ging er mit mehr Fingerspitzengefühl vor, wenn er eine Frau abwies, die auf eine Heirat anspielte. Allerdings spielte Sara auf nichts an. Sie flirtete noch nicht einmal mit ihm. Nein, er dachte an Gina. Die Zweifel, ob eine Ehe mit ihr das Richtige sei, wurden immer stärker.

„Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht ändern Sie irgendwann Ihre Meinung, wenn Sie sich verlieben.“

Wenn sie wüsste.

„Andererseits wird die Liebe oft überbewertet. Manche haben Glück, für andere endet es tragisch“, fügte sie hinzu.

Wie kommt sie darauf? Ist sie einmal verliebt gewesen und verletzt worden? Wenn es so ist, dann hat sie sich davon erholt. Ihr Optimismus ist ungebrochen.

„Ja, manche haben Glück“, gab er zögernd zu. „Mein Großvater und Eleani sind dafür das beste Beispiel.“

„Oh?“

„Sie haben vor etwa zehn Jahren geheiratet und sind immer noch ein glückliches Paar. Mein Vater will, dass ich demnächst bei ihnen nach dem Rechten sehe.“ Er fragte sich, warum er das erwähnte. Er hatte nicht einmal mit Gina darüber gesprochen.

„Gibt es ein Problem?“

„Nein. Aber mein Großvater hat einen verrückten Einfall, und mein Vater will, dass ich ihm die Idee ausrede. Wenn Sie jemals meinen Vater und meinen Großvater zusammen gesehen hätten, würden Sie verstehen, warum ich als Vermittler fungieren soll. Aber ich habe es langsam satt.“ Verwundert hielt er inne. Es war so gar nicht seine Art, mit einer Fremden über Familienangelegenheiten zu sprechen. Und erst recht nicht mit einer Angestellten, von der er nicht einmal wusste, ob sie tratschte.

Ein merkwürdiger Ausdruck huschte über Saras Gesicht. Dann drehte sie sich um.

„Ich kenne einen Pfad, der hinunter zu einem der Dörfer an der Küste führt. Falls Sie noch Lust auf weitere Entdeckungen haben.“ Er wollte sie nicht mit Familiengeschichten langweilen. Die Sonne stand hoch, und trotz der leichten Brise war es sehr warm geworden. „Der Weg ist zum großen Teil schattig“, fügte er hinzu. „Oder soll ich lieber den Taxifahrer anrufen, damit er uns zurück in die Stadt fährt?“

„Es ist sicher netter, hinunterzulaufen. Wollen Sie etwas Wasser, bevor wir losgehen? Ich habe zwei Flaschen dabei.“ Sie wühlte in ihrer Umhängetasche und reichte ihm eine Flasche. Die zweite öffnete sie und trank einen großen Schluck.

„Warm, aber nass“, sagte sie und grinste.

Nikos trank die ganze Flasche aus. Er fragte sich, wie Gina sich wohl in dieser Situation verhalten hätte. Sicher hätte sie sich darüber beklagt, dass der steinige Untergrund ihre Schuhe ruiniere, das Wasser zu warm sei und die Sonne zu heiß.

Allerdings hatte er auch nicht vor, mit ihr hierherzukommen. Doch wenn er den Kindern zusah, die immer noch begeistert herumrannten und sich schreiend unterhielten, dann spürte er, dass er seinen Kindern das alles zeigen wollte, falls er je welche hätte. Sie sollten die Geschichte seines Landes ebenso kennen und lieben lernen wie er. So sehr er es auch versuchte, er konnte sich nicht vorstellen, mit Gina Kinder zu haben.

Mit Sara schon.

Der Gedanke erschreckte ihn. Sara steckte so voller Begeisterung. Sie würde die Kinder anfeuern und selbst alles über diesen Ort wissen wollen, um es ihnen mitzuteilen. Wahrscheinlich würde sie sich Geschichten ausdenken über die Menschen, die hier gelebt hatten, und sie ihnen erzählen.

Der Weg in die Ortschaft war gut markiert und breit genug, um nebeneinander gehen zu können. Nur wenige Meter unterhalb der Ruinen wuchsen die ersten Bäume, in deren kühlem Schatten sie bergab gingen.

„Wunderbar“, sagte Sara, als die Stille sie empfing. Das Kindergeschrei war nach der ersten scharfen Kurve verstummt. Zahlreiche Spitzkehren ermöglichten es, den steilen Abhang mühelos hinauf- oder hinunterzugelangen. „Ich könnte mir vorstellen, dass der Weg noch von den Römern stammt. Sicher haben die Soldaten hier ihre Vorräte aus dem Dorf hochgetragen“, sagte Sara und stellte sich die bepackten Männer vor.

„Gut möglich. Hätte es Ihnen Spaß gemacht, für eine Garnison zu kochen?“

„Die meisten Männer freuen sich über gutes Essen. Ich hätte die besten Mahlzeiten im ganzen Kaiserreich zubereitet, und die Soldaten hätten sich darum gerissen, hier stationiert zu werden.“

„Und ich hätte meine Schwertkünste verbessert, um mit dabei zu sein.“

Sara lachte. „Nicht nötig. Ich koche auch so für Sie auf der Kassandra.“

„Und ich genieße Ihre Kochkünste.“

„Oh, wie galant. Hätten Sie mir dieses Kompliment auch gemacht, wenn ich Ihnen zum Frühstück Porridge servieren würde?“

„Kommt darauf an. Ich nehme an, Ihr Porridge wäre um Klassen besser als das, was ich an der Uni in den USA vorgesetzt bekam.“

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