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ROMANA JUBILÄUM BAND 2

VIOLET WINSPEAR

Im Banne des Orients

Kalif Zain sucht eine Frau. Für ihn als Mann wäre die schöne Engländerin Sybil genau richtig. Doch das Exmodel kommt aus einer anderen Welt. Wird sie ihm trotzdem in seinen Traum aus 1001 Nacht folgen?

ANNE MATHER

Eine Insel für unsere Liebe

Als Laura wieder Kontakt mit ihm aufnimmt, glaubt Jason, dass sie ihm eine zweite Chance gibt. Aber sie braucht nur dringend seine Hilfe. Noch immer glaubt sie, dass er sie damals betrogen hat ...

CHAROLLTE LAMB

Verliebt in Griechenland und dich

Der reiche Reeder Alex Lefkas ist davon überzeugt, dass Sophie es nur auf das Geld seiner Mutter abgesehen hat. Als er ihre Pläne durchkreuzen will, funkt ihm sein eigenes Verlangen dazwischen ...

EMMA DARCY

Rote Sonne – heiße Küsse

Dante Rossini will seine Cousine nach Capri holen, um den Wunsch seines Großvaters zu erfüllen. Jedoch weckt die Schöne auch Wünsche in ihm. Umso besser, dass sie gar nicht die ist, die sie zu sein scheint ...

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

40 Jahre ROMANA – das ist ein Grund zum Feiern! Mit diesem Jubiläumsband möchten wir uns für Ihre Treue bedanken, denn Sie haben diesen runden Geburtstag erst möglich gemacht. Deshalb laden wir Sie hiermit ein zu einer zauberhaften (Zeit-)Reise – mit den schönsten Liebesgeschichten aus den letzten vier Jahrzehnten.

Seit 40 Jahren entführt Sie ROMANA an die schönsten Orte der Welt und lässt Sie wahre Liebe vor traumhaften Kulissen erleben. Schwärmte man in den 1970ern noch von exotischen Helden aus 1001 Nacht, so wurden in den 1980ern sonnige Inseln wie Hawaii zum Ziel der Träume und des internationalen Jetsets. Doch für unser Lieblingsziel muss man gar nicht um die halbe Welt fliegen – denn am liebsten reisen wir doch ans Mittelmeer. Und genau dorthin bringen uns die Romane aus den 1990er und 2000er Jahren.

Aber nicht nur die Reiseziele, sondern auch die Heldinnen und Helden sowie ihre Geschichten haben sich verändert. Wie in der Gesellschaft wurden die Frauen in unseren Romanen immer unabhängiger und eigenständiger. Das unschuldige Fräulein entwickelte sich zur selbstbewussten Lady, die dem Mann auf Augenhöhe begegnet.

Doch einige Dinge ändern sich nie: die Sehnsucht nach der großen Liebe und einem unbeschwerten Leben unter strahlend blauem Himmel. Davon träumen wir wohl alle – und bei ROMANA werden Träume immer wahr …

Viel Liebe und Sonne

wünscht Ihnen

Ihre ROMANA-Redaktion

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Im Banne des Orients

1. KAPITEL

Sybil hatte es sich auf ihrem kleinen Balkon in einem der Korbstühle bequem gemacht und blätterte leicht gelangweilt in einer Illustrierten, als ihr Blick plötzlich wie hypnotisiert hängen blieb.

„GESUCHT: Junge Dame, gebürtige Engländerin, die bereit ist, als Gesellschafterin im Haushalt eines begüterten Herrn zu leben.“

Sybil überlegte kurz. Die Anzeige kam ihr eigentlich vor wie ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Damals pflegten ja verarmte junge Damen wirklich mit dem Dampfschiff in ferne Länder zu fahren, um den Frauen und Töchtern der Pflanzer oder den Kolonialbeamten zu dienen.

Aber jetzt, im Düsenzeitalter, war das doch ein wenig aus der Mode gekommen. Es muss ein Witz sein, dachte Sybil. Aber nein – was sie in der Hand hielt, war eine durchaus seriöse Zeitschrift, die einen billigen Witz auf Kosten ihrer Leser nie zulassen würde.

Junge Dame, die bereit ist, im Ausland zu leben … Um welches Land es sich handelte, wurde allerdings nicht verraten. Interessenten wurden gebeten, sich unter Angabe einer Chiffre-Nummer direkt bei der Zeitschrift zu melden.

In die grünen Augen von Sybil Innocence trat ein nachdenklicher Ausdruck. Erstaunlich altmodisch, dieses Stellenangebot – eine Gesellschafterin. Der Köder war offenbar der Hinweis auf den begüterten Herrn. Irgendwo hatte die Geschichte bestimmt einen Haken. Auf so eine Anzeige antwortete nur eine Frau, die dringend einen Job brauchte – oder die so verzweifelt unglücklich war, dass ihr wirklich alles egal war.

Die Sonne war schon fast untergegangen, als sich die Balkontür öffnete und eine Frau in weißblauer Schwesterntracht zu Sybil hinaustrat. „Es wird Zeit, dass Sie hereinkommen, Miss Innocence.“ Wenn man in einer teuren Privatklinik arbeitet, ist es Ehrensache, den Patienten gegenüber stets heiter und aufgeräumt zu sein. „Wir wollen uns doch nicht zu allem andern jetzt noch eine Erkältung holen, nicht wahr?“

Über das ‚wir‘ musste Sybil lächeln. Sie redet mit mir, als wäre ich ein Kind, dachte sie. Dabei war sie eine junge Frau von vierundzwanzig Jahren, hatte gerade eine körperliche und seelische Krise hinter sich und war unglücklich und enttäuscht. Das Leben war sehr gut – zu gut – zu ihr gewesen. Und jetzt musste sie dafür zahlen: keine Stellung, kein Geld … Nach Begleichung ihrer Klinikrechnung war sie so gut wie mittellos. Um sich über Wasser halten zu können, würde sie wohl oder übel Stück für Stück all die hübschen Dinge in ihrer Wohnung verkaufen und sich von dem kostbaren Inhalt ihrer Kleiderschränke trennen müssen.

Sybil erhob sich und folgte der Schwester ins Krankenzimmer. Die Blumen auf dem Nachttisch begannen zu welken. Die Abendschatten sammelten sich in den Ecken des Raumes, in dem sie während der letzten Wochen so viel Schmerz und Kummer hatte über sich ergehen lassen müssen.

„Was werden Sie anfangen, wenn Sie uns verlassen?“, fragte die Schwester. Sie hob eine der hohen Vasen hoch und schnupperte an den duftenden Blüten.

„Vielleicht suche ich mir eine Stellung im Ausland.“

Die Krankenschwester wandte sich mit einem Ruck um und warf Sybil einen verwunderten Blick zu. Das Mädchen lächelte ihr mit leisem Spott zu. Die Überraschung der Schwester war verständlich. Sie hatte ihre Patientin in Tränen aufgelöst vorgefunden, nachdem der Arzt ihr eröffnet hatte, dass ihre Karriere als Modell endgültig vorbei war. Sie hatte auch Peters Ring aufgehoben, den Sybil auf den Fußboden gefeuert hatte. Es war ein Ring mit einem in Perlen gefassten Jadestein gewesen. Passend zu deinen grünen Augen und zu deiner weißen Haut, hatte er gesagt. Und dabei hatte er geschworen, dass er sie liebte. Aber – was hatte er in Wirklichkeit geliebt? Ihr Lächeln, ihre Bewegungen – und ihren Erfolg als Topmodell.

Sybil war während eines Besuches in Peters Landhaus vom Pferd gestürzt. Die nervöse Stute hatte sie gegen einen Baum geschleudert und schwer verletzt. Nach mehreren Operationen war zwar das Schlimmste überstanden, aber der linke Fuß würde steif bleiben. Unwiderruflich dahin war der lässig-elegante Gang, der in ihrem Beruf unabdingbar war. Ein hinkendes Mannequin? Das war etwa so wie Wiener Walzer in einer Diskothek.

„Machen Sie kein so fassungsloses Gesicht“, sagte Sybil zu der Schwester. „Glauben Sie, ich wäre zu nichts anderem zu gebrauchen, als Modell zu spielen oder allenfalls noch Peter Jamesons Ehefrau zu werden? Damit ist es allerdings ein für alle Mal vorbei, aber es gibt schließlich noch andere Chancen. Der Markt ist groß. Ich verkaufe das, was ich zu verkaufen habe: mich selbst.“

Die Schwester legte erschrocken eine Hand an den Mund. „Das können Sie uns doch nicht antun, nachdem wir uns alle solche Mühe gegeben haben, Sie wieder gesund zu machen. Das meinen Sie doch nicht ernst, nicht wahr?“

„Oh, doch, mir ist es ganz ernst.“ Sybil setzte sich auf das Bettende und betrachtete ihr schlankes linkes Bein, dessen Knöchel noch fest bandagiert war. „Ich bin sechs Jahre lang Modell gewesen. Ich habe viel Geld verdient – und es mit vollen Händen wieder ausgegeben. Die Arbeit war schwer, aber sie hat Spaß gemacht. Der Spaß ist vorbei, und finanziell bin ich so ziemlich am Ende. Irgendwie muss ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen. Wenn ich bei dieser Gelegenheit möglichst weit von England fortkomme – warum nicht? Gebrochene Knochen heilen schneller als gebrochene Herzen. In meinem Beruf ist man – das haben wir mit Sängern und Schauspielern gemeinsam – immer nur so gut wie die letzte Vorstellung. Dass ich hinke, wäre ja nicht so schlimm, wenn nicht …“

Sie unterbrach sich. Um ihre Lippen zuckte es. Peter Jameson war aus ihrem Leben gegangen, und im Grunde ihres Herzens wünschte sie ihn sich auch gar nicht mehr zurück. Als sie ihn gebraucht hatte, war sie von ihm im Stich gelassen worden. Ihn hatte nur ihr schlanker, makelloser Körper fasziniert. Das Mädchen mit dem Hinkefuß ließ er in der Ecke stehen.

Sybils grüne Augen blitzten in dem schmalen Gesicht. Es waren Züge, von denen die Fotografen träumen. Ausdrucksvoll, sehr individuell und ungeheuer wandlungsfähig. Sie konnte die Garbo-gleiche Lady im Zobel ebenso gut spielen wie die kesse Göre mit nassem Haar und nasser Haut an einem wellengepeitschten Strand.

Ach, sie konnten ihr alle gestohlen bleiben, Peter und seinesgleichen. Dieser Art von Liebe trauerte man nicht nach, es lohnte nicht. Sie schwor sich, von jetzt ab ihr Herz für sich zu behalten. Keinem Mann würde sie mehr erlauben, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Gefühle sind eben Luxus, dachte sie bitter.

Junge Dame, gebürtige Engländerin … Gesellschafterin im Haushalt eines begüterten Herrn … im Ausland, vielleicht sogar in einem fernen Winkel der Erde, in dem der Himmel blau war und die Sonne warm … Sie hätte in diesem Augenblick alles Mögliche dafür gegeben, sich von einem Düsenriesen weit, weit weg tragen zu lassen. Fort von den Erinnerungen an den unglückseligen Ritt, an die Schmerzen in ihrem engen Krankenzimmer. Fort auch von dem Gedanken, dass eine andere ihren Platz im Rampenlicht der Modewelt einnehmen würde.

Nein, sie würde nicht hierbleiben, wo sie doch nur mitleidige Blicke und die bedauernden Absagen der Agenturen zu erwarten hatte. Dass sie aus dem Rennen war, wusste sie nur zu gut. Die Zeit, als sie in Samt und Seide über den Laufsteg schritt, als sie im Bikini an sonnigen Stränden posierte, war endgültig vorbei. Früher einmal hatte sie durch ihre Aufnahmen allen nur denkbaren Luxusartikeln zu hochschnellenden Verkaufszahlen verholfen – vom teuren Parfüm bis zu den erlesenen Designerschuhen. Damit war es also aus.

Es drängte sie fort aus dieser Welt, weit, weit fort. Aber so eine Flucht kostete Geld, und das besaß sie nicht mehr. Es würde gerade noch für ein einfaches Apartment in einem grauen, tristen Londoner Vorort reichen. Von ihrer eleganten Hochhauswohnung würde sie für immer Abschied nehmen müssen. Was blieb ihr sonst noch an Möglichkeiten? Die Rückkehr in den Nähsaal, die Akkordarbeit an der ratternden Maschine, bis der Stoff ihr vor den Augen verschwamm und die Schulten schmerzten … Nein, das kam nicht infrage.

Es war eine ähnliche Situation wie seinerzeit, als sie sich mit achtzehn Jahren darangemacht hatte, die Modewelt zu erobern. Damals wie heute reizte sie die Herausforderung. So schnell gab eine Sybil Innocence sich nicht geschlagen.

Wo mochte dieser unbekannte begüterte Herr wohnen, der eine Gesellschafterin suchte? Und wem sollte sie Gesellschaft leisten? Seiner Frau vielleicht? Kränkelte sie, konnte sie nicht reisen, brauchte sie jemanden, der ihr vorlas und sie über den neuesten Klatsch auf dem Laufenden hielt?

Nun, das konnte sie haben. In ihrem früheren Beruf hatte die Luft nur so geschwirrt von Klatsch, Tratsch und Gerüchten. Ein steifes Fußgelenk war bei so einer Tätigkeit sicher nicht hinderlich. Der Arzt hatte ihr nach der Operation ganz offen gesagt, dass sie deutlich sichtbar hinken würde. Alle medizinische Kunst hatte das bei der Schwere der Verletzung nicht verhindern können. „Aber Sie können froh sein, dass es nicht Ihr Hals war“, hatte er hinzugefügt.

Auf Peters Grundstück war es passiert. Peter hatte sie es zu verdanken, dass sie diese launische Stute hatte reiten müssen. Allein der Gedanke an diesen Mann war ihr inzwischen so zuwider, dass sie sein Foto zerrissen und die Fetzen von ihrem Balkon hatte flattern lassen. Romantik ade, dachte sie. Verlieben werde ich mich nie mehr im Leben.

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie sich im Ausland eine Stellung suchen wollten“, wiederholte die Krankenschwester halb neugierig, halb zweifelnd. „Sie haben sich in den letzten Tagen so viel Sorgen um die Zukunft gemacht. Da dachte ich, Sie hätten überhaupt noch keine Pläne. Arbeiten Sie dort auch wieder als Fotomodell?“

„Nicht direkt.“ Sybil zwang sich zu einem sorglosen Lächeln. „Ich weiß ja auch noch nicht, ob ich den Posten bekomme. Aber es wäre durchaus eine Arbeit, der ich mich gewachsen fühle und bei der mein Hinkefuß nicht hinderlich ist. Was hält mich schon in England?“

Die Schwester ließ ihren Blick bewundernd über das rote Haar gleiten, das Sybil bis auf die Schultern fiel. „Ich freue mich wirklich, dass Sie wieder Mut gefasst haben. Nur gut, dass Sie sich durch die Trennung von Ihrem Verlobten nicht haben unterkriegen lassen.“

Sybil lachte spöttisch auf. „Das wäre ja noch schöner! Im Gegenteil – ich muss dem Schicksal fast noch dankbar sein. Von romantischen Anwandlungen bin ich für alle Zukunft geheilt.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie sich nicht mehr für eine Ehe interessieren?“

„Genau das“, bestätigte Sybil. „Männer interessieren sich nicht für die Person, sondern nur für die schöne Hülle. Wenn die angekratzt wird, setzen sie sich ab. Sie sind wie ungezogene kleine Jungen. Die Frauen sind für sie ein Spielzeug, mit dem sie glauben, machen zu können, was sie wollen. Wenn mir noch einmal so ein Herr der Schöpfung in die Quere kommt, kann er was erleben!“

Sybil legte sich in die Kissen zurück. Kampflustig funkelten ihre grünen Augen im Licht der Nachttischlampe. Verachtung trat in ihren Blick. „Ich möchte nicht wieder zurück an die Nähmaschine“, erklärte sie. „Nach einer erfolgreichen Laufbahn als Fotomodell könnte ich das nicht ertragen. Ja, Schwester, ich habe als Näherin angefangen. Nach dem Tod meiner Mutter bin ich bei meiner Großmutter aufgewachsen. Als ich sechzehn war, hat sie mich in einer Kleiderfabrik untergebracht. Genau zwei Jahre habe ich es dort ausgehalten. Inzwischen war der Babyspeck weg, ich war rank und schlank geworden. Außerdem besaß ich eine ganz schöne Portion Ehrgeiz. Ich wusste, dass vor mir schon andere Mädchen aus einfachen Verhältnissen eine Modell-Karriere geschafft hatten.“

„Ein bisschen Glück kam natürlich dazu. Ich lernte einen Fotografen kennen, der meinte, ich hätte genau die richtige Figur für den Beruf. Sechs erfolgreiche Jahre liegen hinter mir. Bei den Partys der Westend-Schickeria war ich sehr gefragt. Dort habe ich auch Peter kennengelernt, meinen falschen Edelmann …“

„Dass er mich bewundert, hat er mir erzählt, dass er mich anbetet. Können Sie sich so was vorstellen? Ich kleines Dummchen habe ihm das natürlich abgenommen. Ich kam mir vor wie im Märchen vom Aschenbrödel. Aber jetzt passt der silberne Schuh nicht mehr an meinen Hinkefuß, und der sehr ehrenwerte Herr hat sich schleunigst verzogen.“

Sybil lag einen Augenblick ganz still und schaute schweigend in die tiefer werdende Dunkelheit vor ihrem Fenster. Dann rann es ihr plötzlich kühl den Rücken herunter. Wie würde ihre Zukunft aussehen? Nach dem Tod der Großmutter gab es keinen Menschen mehr, der ihr nahe stand. Sie hatte entfernte Verwandte von Seiten ihres Vaters, die in Schottland wohnten und die sie noch nicht einmal persönlich kannte. Das war alles …

Sybil seufzte leise. „Sie haben mich sicher für ein Mädchen aus besseren Kreisen gehalten, Schwester. Stimmt’s? Seien Sie ehrlich.“

„Ich – ja, also nach Ihrem Aussehen und Ihrer Sprache und nach Ihrem sicheren Auftreten, Miss Innocence … Ist übrigens ‚Innocence‘ Ihr richtiger Name? Er ist ungewöhnlich, wenn ich das sagen darf.“

„Ja, so heiße ich wirklich. Der Fotograf, der mir beim Start meiner Karriere geholfen hat, redete mir zu, den Namen zu behalten, er fand ihn irgendwie wirkungsvoll. Innocence – das heißt ja Unschuld … Er und seine Frau Jane sind sehr gut zu mir gewesen. Von ihnen habe ich das richtige Sprechen und das richtige Benehmen gelernt. Sie war früher Schauspielerin und hat in berühmten Shakespeare-Aufführungen in Stratford on Avon mitgewirkt. Ich werde den beiden immer dankbar sein.“

„Könnten Sie sich jetzt nicht wieder an sie wenden?“, fragte die Schwester. „Wenn das Ehepaar so nett ist, könnte man Ihnen doch dort vielleicht mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie dürfen auf keinen Fall eine überstürzte Entscheidung treffen …“

„Sie meinen, weil ich im Ausland mein Glück versuchen will?“ Sybil zuckte die Schultern. „Nein, Jane und Harry haben selber genug Sorgen mit ihrem Sohn. Ich möchte sie nicht noch mehr belasten. Außerdem hat in Harrys Bekanntenkreis alles etwas mit Mode zu tun, und diese Welt, damit muss ich mich abfinden, ist mir ein für alle Mal verschlossen.“

„Aber Sie haben so wunderschönes Haar, Miss Innocence. Sie könnten zum Beispiel Reklame für Shampoos machen.“

„Ich glaube nicht, dass ich damit Erfolg hätte. Meine Wirkung beruhte auf meinem Gang, auf meinen Bewegungen – damit habe ich die Artikel ‚verkauft‘, für die ich Werbung machte. Jetzt bin ich lahm und kann das nicht mehr. Entweder gehe ich zurück in einen stickigen Maschinensaal, oder ich arbeite für einen Mann, dem es nichts ausmacht, dass ich kein Ausbund an Vollkommenheit bin.“

„So dürfen Sie nicht reden, Miss Innocence.“ Die Schwester machte ein bestürztes Gesicht. „Eine Dame wie Sie … Wir bewundern Sie alle sehr, weil Sie sich so tapfer mit Ihrer Behinderung abgefunden haben.“

„Nein, Schwester! Ich bin keine Dame. Ich bin eine Wildkatze, die am liebsten Peter Jameson die Augen auskratzen und sich auf einem Dach verkriechen würde, um all dem, was sie verloren hat, nachzuheulen.“

„Das ist ja verständlich. Aber wenn man ein bisschen Geduld hat, regelt sich früher oder später manches ganz von selbst.“

„Schön wär’s ja“, meinte Sybil skeptisch. „Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass man sich seine Wünsche selber erfüllen muss, und zwar, indem man sich mit aller Energie dafür einsetzt. Sonst kommt man nie zu etwas. Nein, ich möchte heraus aus dieser Enge, aus dieser Welt, die mir jetzt nichts mehr zu bieten hat.“

„Und Sie glauben, Sie könnten im Ausland zufriedener werden?“

„Ich hoffe es.“

„Wollen Sie es sich nicht noch einmal überlegen, Miss Innocence? Im Ausland kann man die sonderbarsten Dinge erleben. In England wären Sie bestimmt besser aufgehoben. So wie Sie aussehen, sollte es Ihnen doch nicht schwer fallen, eine passende Stellung zu finden. Könnten Sie es nicht im Büro versuchen?“

Sybil verzog das Gesicht. Jeden Morgen mit dem Stenoblock brav beim Chef antanzen, höfliche Lügen ins Telefon flöten, kurz, in allem die tüchtige Sekretärin spielen … Nein, das war nichts für sie. „Wenn man als Fotomodell gearbeitet hat, ist man für Alltagsberufe ziemlich verdorben. In einem Büro würde ich es nicht eine Woche aushalten, davon bin ich überzeugt. Und als Verkäuferin oder Empfangsdame falle ich mit meinem steifen Fuß auch aus. Ich könnte nicht den ganzen Tag hinter einem Ladentisch stehen.“

„Haben Sie denn gar keine eigenen Mittel?“ Der Blick der Krankenschwester glitt über die teuren Kosmetikartikel auf dem Ankleidetisch und blieb dann auf der zierlichen juwelenbesetzten Uhr ruhen, die auf dem Nachttisch lag. „Sie haben doch sicher gut verdient. Fotomodelle, so hört man, werden gut bezahlt. Bestimmt besser als Krankenschwestern.“

„Ja, ich habe gut verdient. Aber ich habe auch gut gelebt. Jetzt muss ich die Brosamen aufheben, die von des reichen Mannes Tisch fallen, wie das Sprichwort sagt. Vorausgesetzt, ich finde erst einmal so einen reichen Mann. Schauen Sie mich nicht so entsetzt an, Schwester. Ich bin ein Arbeiterkind, nicht eine der High-Society-Töchter mit den schicken Blazern und den teuren Seidentüchern, die in eleganten kleinen Boutiquen arbeiten – oder wenigstens so tun – und darauf warten, dass ein netter Junge mit einem reichen Daddy sie von dort wegheiratet.“ Sybil biss die Zähne zusammen und holte tief Atem. „Aber ich will nicht dorthin zurück, woher ich gekommen bin.“

Entschlossen blitzten die grünen Augen. Auch früher waren ja Frauen in die Fremde gefahren, um sich dort Arbeit zu suchen. Auch sie hatten in den meisten Fällen ihren künftigen Arbeitgeber nicht gekannt. Natürlich war es ein Risiko, aber durchaus eins, das sich lohnen konnte. Nein, sie würde sich nicht von pessimistischen Warnungen ins Bockshorn jagen lassen. Wahrscheinlich war es besser, wenn sie von jetzt ab ihre Pläne für sich behielt. Wenn sie auf die Anzeige schrieb, würde sie es niemandem erzählen. Schließlich war es ja ihr Leben, um das es ging.

„Bitte seien Sie vorsichtig“, flehte die freundliche Schwester. „Nach einem Schock ist man immer ein bisschen deprimiert. Wenn wir Schwierigkeiten haben, scheint das Leben immer voller Schatten.“

„Es ist lieb von Ihnen, dass Sie sich so viel Mühe mit mir geben“, meinte Sybil. „Aber ich bin kein Teenager mehr, der den Kopf voll rosiger Träume hat. Ich weiß nur, dass ich das Rattern von hundert Nähmaschinen und die vier Wände einer schäbigen Einzimmerwohnung nicht ertragen könnte. Nicht nach dem Leben, das ich in den letzten sechs Jahren geführt habe: Aufnahmen am laufenden Band, Fernsehen, Werbespots … Zugegeben, es war eine Scheinwelt, aber ich habe sie genossen. Ich habe die elegantesten Kleider getragen. Ich habe einen Haufen schicker Freunde gehabt. Ich habe ‚gehabt‘, denn eine Weile würden sie noch voller Mitleid angerannt kommen, aber dann würden sie doch wegbleiben, weil ich nicht mehr zu ihrer Clique gehöre. Nein, lieber mache ich gleich einen dicken Schlussstrich unter mein bisheriges Leben und fange etwas ganz Neues an. Drücken Sie mir die Daumen, Schwester!“

Die Krankenschwester betrachtete ihre Patientin nachdenklich.

„Was denken Sie jetzt?“, erkundigte sich Sybil lächelnd.

„Dass Sie Ihren Namen vielleicht nicht ganz zu Unrecht haben.“

„Eine Art Unschuld vom Lande, was?“

„Machen Sie sich nicht über mich lustig, Miss Innocence. Sie haben wirklich sehr viel von einem unschuldigen jungen Mädchen an sich.“ Die Krankenschwester biss sich auf die Lippen. „Vielleicht hätte ich das nicht sagen dürfen. Aber wir spüren so etwas, wenn wir einen hilflosen Menschen vor uns haben.“

„Sie meinen – dass mich noch kein Mann gehabt hat?“

„Ja.“

„Und finden Sie das so erstaunlich?“

„Das flotte Leben in der Modebranche ist ja bekannt. Und wenn jemand so aussieht wie Sie, werden die Männer nicht gerade weggesehen haben.“

„Merkwürdigerweise haben sich viele Männer an meiner Unnahbarkeit gestört, wie Sie es nannten. Nur vor der Kamera, da schmolz das Eis. Und auf den Fotos und auf dem Bildschirm, da hatte ich die Ausstrahlung, die vielen vielleicht eine ganz falsche Vorstellung von mir gegeben hat. Vielleicht habe ich wirklich ein kaltes Herz. Ich spüre nämlich nichts – außer kalter Wut –, wenn ich daran denke, wie mein sogenannter Verehrer mich hat fallen lassen, als er hörte, welche Diagnose mein Arzt gestellt hatte.“

Sybil warf einen verächtlichen Blick auf ihre linke Hand. „Ich kann mir kaum mehr vorstellen, dass ich einmal seinen Ring getragen, dass ich eingewilligt habe, seine Frau zu werden. Wahrscheinlich hatte ich mich in sein Landhaus verliebt. In ihn jedenfalls nicht. Liebe, das ist doch angeblich etwas Unvergängliches, nicht?“

„Wenn es sich um den Richtigen handelt, Miss Innocence.“

„Meinen Sie?“ Sybils Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, aber in den grünen Augen glitzerte es kalt. „So viel Romantik hätte ich von Ihnen gar nicht erwartet bei all dem Elend, das Sie in Ihrem Beruf zu sehen bekommen.“

„Jetzt werden Sie zynisch“, schalt die Krankenschwester sanft. „Aber es ist bald Zeit fürs Abendessen. Ich lasse Sie jetzt allein, damit Sie sich in Ruhe zurechtmachen können. Ziehen Sie das grüne Bettjäckchen an, das passt so gut zu Ihrem Haar.“

„Und dann sitze ich hier allein in einsamer Pracht und verzehre das Vier-Gänge-Dinner einer Luxusklinik, die ich mir kaum leisten kann. Meinen Sie, der Aufwand lohnt sich? Aber Sie haben recht, es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Wenn ich Glück habe, schaut eine Bekannte für eine halbe Stunde zu einem Schwatz herein.“

„Sie sind selber schuld, dass Sie keinen Besuch mehr bekommen. Sie wissen ganz genau, dass Sie Ihre Freunde am Telefon nicht eben freundlich abgefertigt haben.“

„Und deshalb sind diese Feiglinge gleich weggeblieben! Vielleicht ist es besser so, Schwester. Sie wissen, dass ich nie wieder zu ihrer wilden Musik werde tanzen können. Ich bin nun mal unwiderruflich gehbehindert.“

„Ja, dann ist es wirklich gescheiter, wenn Sie allein bleiben“, meinte die Schwester vernünftig. „Essen Sie in aller Ruhe, und dann lesen Sie schön Ihren Krimi, damit Sie auf andere Gedanken kommen.“

„Und Sie gehen zu Ihren weniger schwierigen Patienten und vergessen am besten, dass Sie mich je gekannt haben.“

„Als ob ich Sie je vergessen könnte.“ Die Schwester lächelte dem Mädchen liebevoll zu. „Die Kleine mit den apfelgrünen Augen“ hatte das Klinikpersonal sie getauft. Allen hatte das schöne Mädchen leidgetan, dem das Schicksal so übel mitgespielt hatte und das so einsam war. Vielleicht war Sybil Innocence zu attraktiv. Die Männer bildeten sich ein, sie könnten sich diese lebende Puppe greifen und in ihren Spielschrank stellen. Und dann merkten sie, dass es ihnen nicht einmal gelang, sie anzufassen. Der eine, dem sie es erlaubt hatte, war feige davongelaufen, als ihr schöner Körper einen Makel zeigte. Männer können grausam sein. Hoffentlich fiel Sybil nicht noch einmal in falsche Hände.

Die Schwester seufzte leise, während sie das Krankenzimmer verließ. In ein paar Tagen würde das Mädchen mit den apfelgrünen Augen die schützenden Mauern der Klinik verlassen und in den rauen Alltag zurückkehren.

Sybil bereitete sich auf einen weiteren einsamen Abend vor. Sie wusch sich die zarte Haut, bürstete das rote Haar, fuhr sich mit einem Lippenstift über die noch immer ein wenig blassen Lippen. Sie betrachtete die schrägen grünen Augen, die sie aus dem Spiegel ansahen. Stand eine Spur von Furcht in ihnen? Sie trat zurück. Der Fuß, den sie schwer nachzog, erinnerte sie wieder nachdrücklich an ihre Behinderung.

Zum tausendsten Mal erlebte sie jene schrecklichen, schicksalhaften Stunden. An einem Freitagabend hatte Peter bei ihr angerufen. „Hör mal, Kleines. Ich habe ein paar Freunde fürs Wochenende eingeladen, die dich kennenlernen sollen. Sie reiten gern morgens aus, um sich tüchtig Appetit fürs Frühstück zu machen. Also bring deine Reithosen mit und ein paar Pullover. Zum Glück hast du ja die Figur dafür.“

Ihre Figur, ihr Sitz auf dem Pferd – das waren die Vorzüge, die in Peters Augen wichtig gewesen waren. Dass sie aus einfachen Verhältnissen stammte, hatte er dafür großzügig übersehen.

Sybil legte die Hände an ihr schmales Gesicht. Wäre sie ein unscheinbares, rundliches kleines Ding gewesen, hätte sie sich nicht als Fotomodell versucht. Sie hätte sich mit der Arbeit zufrieden gegeben, die ihr die Großmutter besorgt hatte. Nach dem süßen Leben, das sie geführt hatte, schmeckte die Enttäuschung jetzt umso bitterer.

Zuerst, noch schwach von den Schmerzen und der gerade erst überstandenen Operation, hatte sie geweint. Aber dann waren die Tränen zu Eis gefroren. Sybil hatte ihre Gefühle gleichsam unter Verschluss gelegt.

Als das Essen abgeräumt war, las Sybil noch einmal die lockende Anzeige. Dann holte sie ihre Schreibmappe hervor und zog die Kappe von ihrem Füller. Sie sei gebürtige Engländerin, schrieb sie, ledig, gesund, und habe den Wunsch, im Ausland zu arbeiten.

Dann holte sie mit einem kleinen spöttischen Lächeln ein neueres Foto von sich hervor. Darauf trug sie ein sektfarbenes Seidenkleid mit einer weißen Fuchsstola über den Schultern. Das leuchtende rote Haar war hochgesteckt. Um den schlanken Hals trug sie die sensationelle Kette aus schwarzen Perlen, die sie im Auftrag einer Herzogin zum Verkauf anbot. Angeblich hatte die Perlen ein Ritter König Richards, des „Schwarzen Prinzen“, aus dem Morgenland mitgebracht. Man munkelte, er habe sie einer sarazenischen Edeldame geraubt.

Sybil betrachtete das Foto wie das Bild einer Fremden. Ja, dachte sie, das mochte jenem begüterten Herrn gefallen, der es sich leisten konnte, per Anzeige eine Gesellschafterin zu suchen. Für so einen Posten war ihm sicher eine junge, selbstsichere, strahlend schöne Frau lieber als eine scheue alte Jungfer, die vom Leben übergangen worden war.

Es war eine seltsam reizvolle und ein bisschen unwirkliche Situation. Als Sybil den Umschlag zuklebte, hoffte sie so halb und halb, sie würde nie mehr etwas von dieser Angelegenheit hören. Äußerlich gleichmütig, legte sie den fertig adressierten und frankierten Umschlag auf ihren Nachttisch und versuchte einzuschlafen. Eine Weile schlummerte sie leicht und unruhig. Dann fuhr sie hoch und war mit einem Schlag hellwach. Im Zimmer herrschte tiefe Stille. Sie dachte an die Trennung von Peter. Er war ein paar Tage nach der Operation bei ihr erschienen und hatte ihr verkündet, dass er auf eine Safari gehen würde. Sie sollten als gute Freunde voneinander Abschied nehmen, hatte er gemeint. Zu einer Ehe reichte es wohl doch nicht …

„Behalt den Ring, Kleines“, hatte er großzügig gesagt. „Er ist ziemlich wertvoll. Einen Teil der Klinikkosten deckt er bestimmt.“

„Denk bloß nicht, dass ich auf deinen blöden Ring angewiesen bin!“ Die Sprache der High Society war vergessen, endlich konnte sie wieder einmal reden, wie ihr der Schnabel gewachsen war. „Meine Rechnung bezahle ich schon selber. Wie geht’s übrigens deiner Stute Grey Lady? Ich hoffe, die Eskapade hat ihr nicht geschadet?“

„Grey Lady ist von Rasse – im Gegensatz zu einer gewissen anderen jungen Dame“, hatte die boshafte Antwort gelautet. „Du bist eben nicht im Sattel groß geworden, Kleines.“

„Nein, ich bin in einem Arbeiterviertel groß geworden“, hatte sie ihn angeschrien. „Und jetzt mach, dass du aus meinem teuren Klinikzimmer kommst. Geh mir aus den Augen. Und nimm deinen Talmiring mit.“

„Sag mal, wie redest du denn mit mir? Du hast wohl vergessen, dass du nur ein kleines Nähmädchen bist? Ja, ich merke selber, dass die Trennung das einzig Richtige ist. Meine Eltern waren sowieso nicht gerade erbaut über unsere Verlobung. Diesen unerfreulichen Auftritt hätten wir uns sparen können, wenn du die Pille geschluckt hättest wie eine Dame.“

„Ich werde dir was zu schlucken geben!“ Sybil hatte sich das Glas mit Pfefferminztee gegriffen, das auf ihrem Nachttisch stand, und ihm den Inhalt in das arrogante Gesicht geschleudert. Nass und wütend, war er hinausgestürmt.

Nach dem anfänglichen Gefühl des Triumphes hatte sie die Fassung verloren und hemmungslos geweint. Der Ring lag noch dort, wo sie ihn hingeschleudert hatte, die Perle hell wie eine Träne, die Jade dunkelgrün wie ihre nassen Augen.

Die Schwester, die bald darauf hereinkam, hatte Sybil gebeten, den Ring einzupacken und an die Adresse ihres früheren Verlobten zu schicken. „Bitte gleich, Schwester“, flehte sie. „Ich kann das Ding nicht mehr sehen.“

Sybil starrte mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit. Sie war froh, dass sie die Kraft gehabt hatte, sich von dem teuren, aber jetzt bedeutungslos gewordenen Schmuckstück zu trennen. Wenn sie den Ring verkauft hätte, wäre ihre eigene Kasse wesentlich weniger strapaziert worden. Aber mit dem Schmuck hätte sie auch ihren Stolz verkauft.

Und ihr Stolz bedeutete Sybil sehr viel. Weil sie zu stolz war, sich auf Affären einzulassen, die bei ihren Kolleginnen an der Tagesordnung waren, hatte Peter sich entschlossen, ihr einen Heiratsantrag zu machen. „Lieber verhungern, Kind“, hatte die Großmutter ihr eingeschärft, „als von deinen Grundsätzen abgehen! Wenn du einmal deinen Ruf aufs Spiel gesetzt hast, schaut kein anständiger Mann dich mehr an. Selbstachtung ist das Wichtigste für eine Frau.“

Sobald ein Mann eine Frau begehrt, dachte Sybil, wird er automatisch zum Lügner. Liebe ist nur eine Illusion. Wie gut, dass ich das jetzt weiß …

Nach einer Weile trug der Schlaf sie wieder fort, und diesmal schlief sie tief und fest bis zum Morgen.

2. KAPITEL

Als sie aufwachte, stand eine Tasse Tee auf ihrem Nachttisch, und der Brief, den sie am vergangenen Abend geschrieben hatte, war fort.

Ihr Herz zog sich schnell und schmerzhaft zusammen. Jetzt, bei Tageslicht, hätte sie ihr Schreiben bestimmt zerrissen, hätte sich den dummen Gedanken, im Ausland ihr Glück zu versuchen, schleunigst aus dem Kopf geschlagen. Aber der Brief war unterwegs zur Post. Sie musste damit rechnen, in ein, zwei Tagen eine Antwort zu erhalten. Und wenn der Mann, der die Anzeige aufgegeben hatte, nun ein Verbrecher war, dem es nur darum ging, eine Frau in seine Gewalt zu bringen?

Sybil trank ihren Tee und versuchte, nicht mehr an den Brief zu denken. Der Tag verging, und fast gelang es ihr auch. Der Chirurg, der sie operiert hatte, kam zu einer letzten Visite. Er war ein gut aussehender Mann. Beruhigend hielt er ihre Hand, während er ihr versicherte, dass ihr Leben als Frau durch die leichte Behinderung nicht beeinträchtigt sein würde. Nein, dachte Sybil, aber mein Leben als Modell. Sie sprach es nicht aus. Der Arzt war stolz darauf, dass er sie gerettet hatte, und er hätte ihren Einwand bestimmt als unwichtig beiseitegeschoben.

„Sie waren sehr tapfer“, sagte er. „Verlieren Sie Ihren Mut nicht dort draußen in der großen, bösen Welt.“

„Ich will’s versuchen. Und ich danke Ihnen sehr für alles, was Sie für mich getan haben.“

„Aber das tut man doch gern. Besonders für eine so bezaubernde junge Dame wie sie.“ Seine grauen Augen streiften ihr flammendes Haar. „Haben Sie schon Zukunftspläne gemacht?“

„Ein bisschen schon“, antwortete sie leichthin. „Auf jeden Fall werde ich in Zukunft einen großen Bogen um Pferde machen. Schon der Gedanke ans Reiten macht mich schaudern.“

„Da verhalten Sie sich völlig falsch! Man darf keine Angst haben vor dem, was einem einmal wehgetan hat. Im Gegenteil, man muss die Gefahr herausfordern, sich ihr stellen. Dann vergeht die Angst ganz von selbst. Reiten ist ein gesunder Sport. Und ich kann mir vorstellen, dass Sie im Sattel sehr gut aussehen.“ Er lächelte ein wenig, dann drückte er ihr die Hand und stand auf. „Sie verlassen morgen die Klinik?“

Sie nickte mit klopfendem Herzen. Die Welt draußen schien groß und bedrohlich – und so leer ohne ihr altes Leben, die hektischen Termine, das Surren der Filmkameras, die Einladungen zu Partys, die Tanzereien in den Clubs und auf den Decks der Themsejachten.

Sybil spürte eine tiefe Beklommenheit in sich aufsteigen.

„Also dann alles Gute“, sagte der Chirurg. „Sie werden sicher noch Urlaub machen? Nach den schweren Wochen, die Sie hinter sich haben, können Sie das gewiss gebrauchen.“

„Vielleicht … ich weiß noch nicht“, stammelte sie. Dabei wusste sie ganz genau, dass der Stand ihrer Finanzen ihr im Augenblick keine Vergnügungsreise gestattete. Sie musste sich jetzt erst einmal um eine einfache kleine Wohnung kümmern und den Umzug aus ihrem Luxusapartment hinter sich bringen. Es waren trübe Aussichten.

„Versuchen Sie das auf jeden Fall“, riet ihr der Arzt. „Ich verabschiede mich schon heute von Ihnen. Morgen habe ich im OP zu tun. Kommen Sie in etwa sechs Wochen in meine Praxis, dann schaue ich mir Ihren Knöchel wieder an. Wie ist es mit dem Gehen? Tut es noch weh?“

„Ein bisschen, aber es ist schon viel besser geworden. Nur an das Hinken kann ich mich noch nicht gewöhnen. Ich habe den Eindruck, dass alle mich anstarren.“

„Unsinn! Man merkt kaum etwas. Und wie gesagt, junge Frau, Sie hätten sich ebenso gut den Hals anknacksen können. Das hätte Sie das Leben gekostet – oder Sie wären zeitlebens an den Rollstuhl gefesselt gewesen. Da ist ein steifer Knöchel doch wirklich das kleinere Übel, finden Sie nicht?“

„Natürlich.“ Sie schauderte bei dem Bild, das er ihr ausmalte. Hilflos auf fremde Unterstützung angewiesen zu sein – das wäre wirklich furchtbar gewesen. Aber schlimm genug war es schon jetzt – ohne Arbeit und ohne Geld, als einzige Aussicht die Rückkehr in die Fabrik vor Augen.

„Na also!“, sagte der Arzt. „Kopf hoch, Mädchen. Fahren Sie ein paar Wochen ans Meer und pumpen Sie sich die Lungen voller Seeluft. Das wird Ihnen gut tun.“

Von der Tür her lächelte er ihr noch einmal zu, dann war er verschwunden. Er war ein viel beschäftigter Mann, er hatte seinen festen Platz im Leben. Er konnte sich gewiss nicht vorstellen, was für ein Gefühl es war, ziellos dahinzutreiben ohne Anker, der einen hielt. Gewiss, sie war wieder gesund, sie war jung und konnte noch einmal von vorn anfangen.

Aber nichts änderte etwas an der Tatsache, dass ein hinkendes Modell ausgestoßen war aus jener Glitzerwelt des schönen Scheins, in der Eleganz und Grazie so wichtig waren wie die Flügel für den Schmetterling.

Der Tag verrann viel zu schnell. Sybil packte ihre Sachen zusammen, und als der Abend kam, nahm sie eine Tablette, um schlafen zu können.

Am nächsten Morgen schrieb sie den Scheck für die Krankenhausrechnung. Damit war ihr Konto bis auf einen kläglichen Rest erschöpft.

Die Sekretärin der Klinik quittierte den Empfang. „Ich hoffe, es hat Ihnen bei uns gefallen, Miss Innocence“, sagte sie – wie die Empfangsdame in einem Luxushotel. „Sicher sind Sie jetzt froh, dass es wieder heimgeht?“

„Natürlich.“ Sybil hob tapfer den Kopf und versuchte zu verbergen, wie elend ihr zu Mute war. Sie schaute auf ihre Schuhspitzen. Auch die Zeit der eleganten, hochhackigen Schuhe war vorbei. Eine der Schwestern hatte ihr ein Paar flache, bequeme Treter aus weichem Leder besorgt. Ach, der verlorene Schuh vom Aschenbrödel …

Sybil verabschiedete sich, verteilte die kleinen Geldgeschenke an die netten Pflegerinnen, die sie so lieb betreut hatten, und stieg ins Taxi. Tränen verschleierten ihren Blick. Es fiel ihr unendlich schwer, sich aus der Wärme und Geborgenheit der Klinik zu lösen. Aber dann fuhr das Taxi an. Das Krankenhaus verschwand hinter ihr.

Sie kam in eine leere Wohnung zurück, in der niemand auf sie wartete. Erschreckend laut knirschte der Schlüssel im Schloss. Als sie die Tür öffnete, empfing sie nur der leise Duft ihres Lieblingsparfüms, das sie sich in Zukunft nicht mehr würde leisten können. Und auf dem Läufer an der Tür lag ein schmaler weißer Umschlag. In klarer Maschinenschrift standen ihr Name und ihre Adresse auf der Vorderseite.

Sybil stellte ihren Koffer ab und hob den Brief auf. Sie wusste sofort, dass er von der Zeitschrift kam. Die Antwort des begüterten Herrn …

Ich werde ihn gar nicht erst aufmachen, dachte Sybil. Aber es schien, als bewegten sich ihre Finger von selbst. Sie schoben sich unter die schmale Lasche und rissen das Papier auf. In der kleinen Diele blieb sie stehen und überflog die wenigen sauber getippten Zeilen. Der Bogen trug als Briefkopf das Wappen eines bekannten Hotels im Westend von London.

Sie wurde gebeten, sich am nächsten Morgen um zehn im Hotel zu melden. Ihr Gesprächspartner würde ein gewisser Sidi Kezam Zabayr sein. Man bat um Pünktlichkeit.

Es hörte sich an – ja, es hörte sich an, als wollte man ihr tatsächlich die Stellung anbieten.

Sie trafen sich in der palmenbestandenen Halle des Hotel „Fitzroy“. Der distinguiert wirkende Araber in teurem grauem Anzug bestellte Kaffee und Kuchen für zwei.

Dann setzte er sich auf das Rattansofa gegenüber von Sybils Sessel und betrachtete sie etwa eine Minute lang aus durchdringenden dunklen Augen. „Ja, Sie sehen fast genauso aus wie auf dem Foto“, stellte er schließlich fest. „Sie stammen aus guter Familie, nicht wahr? Ihre Figur ist ausgezeichnet, und ich sehe an Ihren Händen, dass Sie keine manuellen Arbeiten verrichten.“

„Aber ich …“ Sybil erstarben die Worte auf den Lippen. Warum eigentlich nicht? Sollte er ruhig glauben, dass Sie eins dieser reichen, müßiggängerischen Jetset-Geschöpfe war. Sie würde sich einfach der Rolle entsprechend verhalten. Es handelte sich ja sowieso nur um ein Spiel. Denn früher oder später würde sie einen Rückzieher machen. Sie war nur aus reiner Neugier gekommen … Das versuchte Sybil sich jedenfalls einzureden, während der Kellner den Kaffee brachte und einschenkte.

„Sie essen doch auch ein Stück Kuchen? Oder halten Sie wie so viele europäische Frauen aus lauter Angst um ihre schlanke Linie ständig Diät?“

„Nein, ich habe noch nie zu fasten brauchen“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Offenbar verbrauche ich sehr viel Energie. Jedenfalls bleibe ich schlank, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Das ist ein großes Glück in meinem …“

Sie biss sich auf die Lippen und widmete sich hastig ihrem Pfirsichtörtchen. „Das ist ein großes Glück in meinem Beruf“, hatte sie sagen wollen. Schrecklich – sie vergaß doch immer wieder, dass sie eben kein gefeiertes Fotomodell mehr war, sondern eine lahme Ente. Sobald Sidi Kezam Zabayrs scharfe Augen ihre Behinderung entdeckt hatten, würde er sie mit einer höflichen Verbeugung fortschicken und zusehen, wie sie hinkend die Halle des Fitzroy-Hotels verließ. Dann würde sie wieder allein auf der belebten Straße stehen und auf einen Bus warten – weil sie sich Taxis nicht mehr leisten konnte.

„Die Frauen meines Landes lieben Süßigkeiten“, erklärte er halblaut. Er lehnte sich zurück und beobachtete sie über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg. „In den Serails pflegte man die Neuzugänge mit viel Sahne und Couscous regelrecht aufzupäppeln. Sagen Sie, Miss Innocence, waren Sie schon einmal in Marokko?“

„Nein. Es ist ein sehr exotisches und farbenfreudiges Land, nicht wahr?“

„Es ist vor allem ein sehr großes Land. Einige Provinzen werden noch heute, wie in den alten Zeiten der Rifpiraten, von einem Feudalherrn regiert. Sie sind, nach Ihrer Garderobe und Ihrer Frisur zu urteilen, eine sehr moderne junge Frau … Die Haarfarbe ist echt, ja? Oder stammt sie aus der Flasche?“

„Natürlich nicht!“ Sybil machte ein empörtes Gesicht. „An mein Haar ist noch kein Krümel künstlicher Farbe herangekommen.“

„Ausgezeichnet.“ In den dunklen Augen blitzte es belustigt auf. Es schien ihm Spaß zu machen, das sprichwörtliche Temperament der Rothaarigen in ihr herauszufordern. „Darf ich hoffen, dass auch sonst nichts künstlich an Ihnen ist? Man kann heutzutage nie wissen … Eine Vorspiegelung falscher Tatsachen bei gewissen Teilen der weiblichen Anatomie ist ja nichts Ungewöhnliches mehr. Aber soweit ich sehe, scheint auch in dieser Beziehung alles echt zu sein. Eine gute Figur, wenn auch ein bisschen schmal.“

„Besser als zu üppig. Das wäre mir grässlich.“

„Ja, ich sehe es an dem Funkeln Ihrer grünen Augen. Schon ein paar Gramm Übergewicht würden Sie wahrscheinlich aus der Fassung bringen. Schlankheit ist ein europäisches Schönheitsideal, nicht wahr?“

„Ja. Europäische Männer haben entschieden lieber schlanke als dicke Frauen.“

„Der Mann, dessen Vermittler ich bin, Miss Innocence, ist kein Europäer. Diese Mitteilung wird Sie inzwischen nicht überraschen …“

„Ich – ich wusste nicht recht, woran ich bin.“ Die grünen Augen waren forschend auf das braune Gesicht des Arabers gerichtet. „Er ist Marokkaner?“

„Er ist Berber wie ich.“ Die tiefe, kehlige Stimme klang stolz und streng. Plötzlich kam ihr dieser Mann trotz seines fast akzentfreien Englisch und seines europäischen Maßanzuges sehr fremdartig vor. Eine Falte grub sich zwischen die schwarzen Brauen. „Wir reinen Berber unterscheiden uns wesentlich von den Mischrassen in Casablanca, in Fez und einigen anderen Regionen Marokkos. Wir haben unsere eigene Kultur und unsere eigene Geschichte, und als Wüstenbewohner sind wir von der sogenannten Zivilisation des Stadtlebens noch wenig abgekränkelt.“

„Berber …“, wiederholte sie. „Ist das Wort nicht gleichbedeutend mit ‚Barbar‘?“

Die schmal gewordenen Augen des Sidi glitzerten. Sybil hatte plötzlich das Gefühl, dass die Luft in der Hotelhalle hier im Herzen Londons gefährlich vibrierte. Es war, als hätte sie ein Hauch aus großer Ferne angerührt. Sie dachte an palmbestandene Oasen, an streng abgeschlossene Serails, durch die der Duft des schwarzen Kaffees zog.

„Ganz recht, Miss Innocence“, bestätigte Kezam Zabayr. „Sie haben also doch etwas über uns gelesen, auch wenn Sie unser Land noch nicht besucht haben.“

„Wohl die meisten Frauen haben irgendwann einmal etwas über die Wüste gelesen“, gab sie zurück. „In Romanen, in Zeitungsartikeln, in Reisebeschreibungen. Mich hat besonders ein Buch sehr gefesselt, ein gewisser Burton hat es verfasst. Er war Forscher und hat eine Weile wie ein Araber gelebt.“

„Das ist richtig. Auch ein anderer berühmter Engländer hat das getan. Lawrence von Arabien, der große Held mit den blauen Augen. Er pflegte seine Feinde zu töten, wie die Araber es tun. Gnadenlos, mit einem glatten Schnitt durch die Kehle.“

Sybil schauderte. Worauf hatte sie sich da eingelassen? Plötzlich war dieses Gespräch kein Spiel mehr. Am liebsten hätte sie sich ihre Handtasche gegriffen und wäre aus der Hotelhalle geflohen. Dort draußen gingen die Menschen ihren alltäglichen Geschäften nach, dort ging alles seinen gewohnten, vernünftigen Gang. Aber hier unter den Topfpalmen hatte sich plötzlich alles mit Gestalten aus einem anderen Raum und einer anderen Zeit bevölkert. Burton und Lawrence. Brennende Augen und wallende weiße Gewänder. Wilde Gefolgsleute zu Pferd und auf dem Rücken der Kamele. Endlose Ritte in der grenzenlosen Weite der Wüste.

Sie hatte die Hände schon um die Tasche gelegt und sich halb erhoben.

„Sie werden doch nicht weglaufen?“, meinte der Sidi spöttisch. „Von einer rothaarigen Frau hätte ich mehr Courage erwartet! Sie werden sich doch nicht von den Geistern längst Verstorbener abschrecken lassen? Haben Sie etwa Angst vor der Wüste – und vor dem, was Sie dort erwartet?“

„Und was erwartet mich dort?“

„Ich bin kein Hellseher. Nur so viel kann ich Ihnen sagen, dass Sie für die Stellung im Haushalt des Kalifen der Berber vom Stamme der Beni Zain in die engere Wahl gezogen wurden. Ob er sich endgültig für Sie entscheidet, darüber wird er selbst das letzte Wort sprechen.“

Sybil sah Kezam Zabayr in die dunklen Augen. Sie spürte ihr Herz rasch und erregt schlagen. „Hat es Ihr Herr und Meister nötig, seine Mitarbeiter durch Zeitungsanzeigen zu suchen?“, fragte sie.

„Eine Gegenfrage, Miss Innocence. Haben Sie, eine schöne, junge Frau, es nötig, sich auf eine solche Anzeige hin zu bewerben? Warum haben Sie geschrieben?“

„Aus … aus Spaß!“

„Aus Spaß?“

„Natürlich. Meinen Sie, ich interessierte mich ernsthaft für diese Stellung?“

„Das nehme ich Ihnen nicht so ganz ab, Miss Innocence. Und ich glaube, Sie belügen sich selbst mit dieser Behauptung. Meiner Meinung nach fesselt Sie der Gedanke, in ein fremdes Land zu gehen. Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass Sie durchaus Freude am Geldausgeben haben, aber zurzeit etwas knapp bei Kasse sind.“ Sein scharfer Blick war ihr unbehaglich. Sie hatte fast das Gefühl, als könnte er ihre Gedanken lesen.

Sie wandte den Kopf ab, sodass er nur noch ihr schönes Profil sah. Trotzdem spürte sie, wie er sie unablässig beobachtete – wie ein Forscher, der einen besonders schönen Schmetterling auf seine Nadel gespießt hat.

„Seien Sie ehrlich, Miss Innocence. Oder wollen Sie mir wirklich weismachen, es hätte keinen Reiz für Sie, in die Dienste eines begüterten Mannes zu treten? Warum auch nicht? Sie sind eine schöne Frau, und Schönheit verkauft sich gut.“

„Auf dem Sklavenmarkt eines Berberstammes?“, stieß sie hervor.

„Auch das. Ihr Typ – attraktiv, intelligent, temperamentvoll, modern – ist in unserem Winkel der Erde schwer zu finden. Zwar kommen genug Touristen nach Fez und Casablanca, aber unter ihnen ist nichts Brauchbares. Außerdem sind die meisten dieser Frauen in Begleitung ihrer Ehemänner, die sie mit ihren lauten, fordernden Stimmen herumkommandieren.“

„Nein, die Touristen entsprechen in keiner Weise den Vorstellungen meines Herrn. Die Beni Zain, Miss Innocence, sind ein Stamm, der ein weites Gebiet der Berberwüste bewohnt, und in den Adern unseres Herrschers kämpft das Piratenblut mit dem des Sarazenenlöwen. Es war sein Gedanke – er hat eine gewisse Neigung zu einem etwas ironischen Humor –, die Anzeige in eine Ihrer Zeitschriften zu setzen. ‚Wir werden entweder eine alte Jungfer mit Pferdegesicht an Land ziehen‘, sagte er, ‚oder eine blonde Abenteurerin‘ …“

Sybil warf dem Beauftragten des Kalifen ein schmales Lächeln zu. „Stattdessen ist Ihnen eine rothaarige Abenteurerin ins Netz gegangen. Schön, ich gebe zu, dass ich pleite bin. Ich besitze nicht mehr als ein paar Pfund, und ich möchte England verlassen. Aber – so schlecht, dass ich mich zu irgendeinem alten Kalifen in die Wüste flüchten müsste, geht es mir dann doch noch nicht.“

„Alt?“ Kezam hob eine schwarze Augenbraue. „Der Kalif Zain Hassan ist ein Mann in der Blüte seiner Jahre mit vielen Aufgaben und einer großen Verantwortung für sein Volk. Dass er diesen etwas ungewöhnlichen Weg gewählt hat, um eine Mitarbeiterin für einen nicht unwichtigen Posten in seinem Haus zu finden, erklärt sich daraus, dass er seit jeher viel von England und den Engländern gehalten hat. Er findet, dass Frauen Ihres Landes überdurchschnittlich intelligent sind. Deshalb hat er mich beauftragt, ihm eine junge Engländerin mitzubringen. Nachdem ich Sie kennengelernt habe, möchte ich Sie meinem Herrn vorstellen. So einfach ist das.“

Sie sah ihn erstaunt an. „Einfach nennen Sie das? Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal in so eine komplizierte Geschichte hineinschlittern würde!“

„Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.“ Die Augenbraue zuckte wieder. „Es handelt sich um eine Vertrauensstellung, und die Dame, auf die die Wahl des Kalifen fällt, kann sich das als hohe Ehre anrechnen. Der Stamm wird die Entscheidung des Herrschers akzeptieren. Was in seinem Zelt geschieht, darüber hat einzig und allein er zu entscheiden.“

„Er wohnt in einem Zelt?“, vergewisserte sich Sybil einigermaßen fassungslos. Vor ihren Augen stand das Bild jener dunklen Nomadenbehausungen im Wüstensand, die sie oft auf Fotos gesehen hatte: raucherfüllte, schwarze Spitzzelte, in denen eine unabsehbare Kinderschar zwischen den aufgerollten Teppichen herumspielte, die des Nachts als Lager dienten.

„Nur, wenn er durch die Wüste reist. Seine Residenz in Beni Zain ist eine Kasba“, erklärte der Sidi. „In England würden Sie so etwas eine Festung nennen.“

Sybil griff wie Hilfe suchend nach ihrer Kaffeetasse. Es kam ihr vor, als sei sie soeben in die Traumwelt von Tausendundeiner Nacht versetzt worden. Ihr begüterter Herr war also Berber. Wer garantierte ihr, dass es ihm nicht nur darum zu tun war, seinem Harem eine Weiße einzuverleiben? In der Blüte seiner Jahre, hatte Sidi gesagt. Der Mann konnte demnach ebenso gut fünfzig wie siebzig sein. Dass Orientalen sich noch bis weit ins Alter hinein lebhaft für das weibliche Geschlecht interessieren, war ja hinlänglich bekannt.

„Diese Schilderung scheint Ihnen die Sprache verschlagen zu haben“, bemerkte Kezam Zabayr trocken.

„Das ist noch milde ausgedrückt.“ Sybils Fuß begann zu schmerzen. Das erinnerte sie nachdrücklich daran, dass dieses fantastische Angebot die ersehnte Sicherheit bedeutete. Die Aussicht, in diesem fremden Land zu arbeiten, war irgendwie unwirklich, sogar ein wenig beängstigend. Trotzdem erschien sie ihr weniger schlimm als die Vorstellung, im grauen Häusermeer Londons in einer tristen Wohnung zu sitzen und auf die Sozialhilfe angewiesen zu sein.

„Schreckt Sie der Gedanke so sehr, Marokko kennenzulernen, Miss Innocence? Sie haben von mir erfahren, dass Ihr künftiger Arbeitgeber Berber ist und ein Wüstenreich regiert. Ist Ihnen deshalb der Spaß, wie Sie es nannten, unheimlich geworden?“

„Sie haben es wohl darauf angelegt, mich in Verlegenheit zu bringen.“ Sybil öffnete ihre Handtasche, um eine Tablette herauszuholen. Die Schmerzen in dem versteiften Gelenk waren stärker geworden. Der Sidi deutete die Bewegung falsch und streckte ihr sein goldenes Zigarettenetui hin.

„Nein danke, ich rauche nicht.“ Hastig schloss sie die Tasche wieder. Gerade noch rechtzeitig war ihr eingefallen, dass sie vor den Augen dieses Mannes keine Schmerztablette nehmen durfte. Damit hätte sie sich alle Hoffnung auf diese fantastische Stellung verscherzt. Denn dann hielt er sie womöglich für drogensüchtig – oder für krank. Und krank war sie nicht mehr. Nur der gelegentliche Schmerz belästigte sie noch immer.

„Sie sind nervös.“ Er sah sie nachsichtig an und zündete sich selbst eine Zigarette mit Goldmundstück an. Bedächtig stieß er den Rauch aus und blies ihn höflich an ihr vorbei. „Das ist verständlich. Immerhin hatte ich den Brief an Sie mit meinem vollen Namen unterschrieben. Sie konnten daraus ersehen, dass Sie es mit einem Orientalen zu tun haben würden. Machen wir uns nichts mehr vor: Sie sind nicht aus Spaß gekommen, sondern weil Sie statt Brot und Käse lieber Käsekuchen essen. Stimmt’s?“

„Natürlich liegt mir an einem gut bezahlten Job“, gab sie zu. „Der Kalif braucht also eine Gesellschafterin für seine Frau – oder seine Frauen?“

Die dunklen Brauen zuckten, der Sidi schien sich zu amüsieren.

„Der Kalif ist Witwer. Aber er wünscht, dass seine Schwestern eine weltgewandte Gesellschafterin bekommen.“

„Seine Schwestern?“ Sybil machte ein erstauntes Gesicht. „Leben sie etwa in einem Harem? Und müsste ich ebenso leben wie sie?“

„Die Schwestern des Kalifen bewohnen das Serail, die Frauengemächer der Kasba. Aber alle Räume des Hauses stehen ihnen frei, und Sie dürfen mir glauben, dass es sich um ein großes Haus handelt. Wenn Sie es erforschen wollten, würden Sie eine Woche oder länger dazu brauchen.“

„Ich verstehe.“ Trotz ihrer Zweifel und Bedenken begann Sybil das Angebot zu reizen. „Gehen sie etwa verschleiert? Man liest doch so viel von diesen gehegten und gehätschelten orientalischen Mädchen, die in strenger Abgeschlossenheit aufwachsen und zu Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit erzogen werden. Meinen Sie nicht, dass ich auf solche Geschöpfe einen schädlichen Einfluss ausüben könnte?“

„Das wäre nicht unmöglich. Ich frage mich auch, ob es wirklich klug wäre, Sie meinem Herrn Zain Hassan vorzustellen.“

„Warum nicht? Ist er so ein Tyrann, dass er ein bisschen Temperament und Feuer beim anderen Geschlecht nicht ertragen kann?“

Wieder wurden die dunklen Augen schmal. Das belustigte Funkeln in ihnen erlosch. Auch die Lippen unter dem strichdünnen Schnurrbart pressten sich zusammen. „Ja, so sind die europäischen Frauen. Sie haben scharfe Zungen und boshafte Gedanken. Vielleicht sind Sie doch nicht geeignet, Miss Innocence … Ich denke, wir beenden unser Gespräch.“

„Wen verlässt jetzt die Courage?“, spottete Sybil. „Wenn Zain Hassan ein solcher Supermann ist, dürfte er keine Angst davor haben, dass eine Frau gegen ihn aufbegehrt. Es war schließlich seine Idee, eine europäische Gesellschafterin für seine Schwestern zu suchen. Wenn er sie weiter in Unfreiheit halten will, darf er eben keine weltgewandte Frau zu ihnen lassen. Damit scheucht er ja geradezu die Katze ins Mauseloch.“

„Und Sie haben grüne Katzenaugen“, meinte Kezam nachdenklich. „Könnten Sie die Autorität eines Mannes voll und ganz akzeptieren, Miss Innocence? Es ist ein Gebot des Korans, dass die Frau demütig, bescheiden, gehorsam und zärtlich sei.“

„Und die Männer?“, wollte Sybil wissen. „Die haben wohl das Recht, arrogant, herrisch, willkürlich und ein bisschen grausam zu sein?“

„Wer achtet einen Mann, wenn er kein Tiger ist?“

„Wer wagt es, sich einem Mann zu nähern, der ein Tiger ist?“

„Eine kluge Frau bringt einen Tiger zum Schnurren.“

„Daraus schließe ich, dass Zain Hassan sich nicht am Schnurrbart führen lässt?“

„Sicher nicht!“ Das klang sehr abschließend.

„Ist er schrecklich reich?“, erkundigte sich Sybil.

„Reich genug.“ Die dunklen Augen gingen von dem roten Haar zu den schlanken Händen. „Sie lieben dezente Eleganz, habe ich recht? Ihr Kostüm ist maßgeschneidert, Ihr Parfüm ist diskret, Ihre Hände sind gepflegt. Und Ihre Ohrringe sind echter Schmuck. Sie passen genau zu Ihren Augen.“

Sein Blick ruhte auf den kleinen Jadetropfen, die sie von ihrem letzten Honorar als Fotomodell gekauft hatte.

„Ein Jammer, dass Ihre Ausdrucksweise weit weniger dezent ist …“

„Soll das eine höfliche Abfuhr sein?“

Er betrachtete sie stirnrunzelnd. Offenbar waren Frauen, die man sah, aber nicht hörte, eher nach seinem Geschmack.

„Sie sind doch, wie Sie sagten, nur aus Spaß hergekommen und hatten überhaupt nicht ernsthaft die Absicht, sich als Gesellschafterin zu bewerben …“

„Ich hatte keine Ahnung, dass es sich bei meinem künftigen Arbeitgeber um einen orientalischen Fürsten handeln würde. Ich hatte eher an einen Pflanzer gedacht. In den Tropen zum Beispiel gibt es die doch noch – oder? Vielleicht habe ich zu viele Romane gelesen …“

„Lenken Sie nicht ab, Miss Innocence. Ich möchte wissen, weshalb Sie sich entschlossen haben, sich um den Posten zu bewerben.“

„Weil – aus Langeweile“, stieß sie hervor. Sie war ein wenig nervös geworden. Die Aussicht auf eine ungewisse Zukunft schien ihr schrecklicher denn je. Hier bot sich zumindest eine Abwechslung, eine Herausforderung. „Außerdem muss ich an mein leeres Bankkonto denken …“

„Sie sind unberührt?“, fragte er plötzlich.

„Ja.“ Sybil warf ihm einen empörten Blick zu. „Aber was geht das Sie an?“

„Die Gesellschafterin, die mein Herrscher für seine Schwestern auswählt, muss auch moralisch über jeden Zweifel erhaben sein. Wären Sie bereit, das zu beschwören, was Sie mir eben gesagt haben, Miss Innocence?“

Die grünen Augen sprühten, aber sie schluckte die scharfe Antwort herunter, die ihr schon auf der Zunge lag. „Natürlich!“

„Wenn man es mit einer emanzipierten Europäerin zu tun hat, ist das gar nicht so natürlich.“ In seiner Stimme schwang eine Spur von Verachtung. „Ich will Ihnen glauben. Haben Sie sich für einen reichen Mann aufgespart?“

Sybils Augen funkelten vor Zorn. Hätte sie es sich doch leisten können, diesem Mann ihre Meinung zu sagen! Dass er der Wahrheit so nahe gekommen war, traf sie am meisten. Sie dachte an Peter Jameson mit seinem Landhaus, mit seinem leitenden Posten in einer Londoner Großbank, an seine lässig-elegante Art, sein gutes Aussehen. Ja – ihm hatte sie sich geben wollen. Aber gereizt hatte sie eigentlich nicht der Mensch Peter, sondern sein Reichtum.

„Und – wäre das ein Verbrechen?“, fragte sie herausfordernd. „Was ist dabei, wenn man aus seinem Aussehen auch Kapital schlagen, der täglichen Plackerei entfliehen will?“

„Was wissen denn Sie von Plackerei …“

„Bisher noch gar nichts“, schwindelte sie rasch. „Aber ein leeres Bankkonto verheißt keine sehr rosige Zukunft, sofern man sich nicht an den ersten Besten verkaufen will.“

„Aber dagegen, für einen begüterten Herrn zu arbeiten, hätten Sie keine Bedenken …“, meinte er gedehnt. „Natürlich nicht – sonst hätten wir uns nie kennengelernt. Die Frage ist, ob ich Sie dem Kalifen vorstelle oder Sie wieder wegschicke. Dass Sie noch unberührt sind, Miss Innocence, spricht für Sie.“

„Danke“, sagte sie kalt. „Es war keine geplante Entscheidung. Sie tun ja, als hätte ich überhaupt keine Gefühle. Ich bin schließlich kein Roboter!“

„Für Araber spielen die Gefühle einer Frau nur eine untergeordnete Rolle. Unsere Frauen sollen uns Freude schenken – aber sie haben keine Seele.“

„Wie reizend. Sie sind Puppen, die man ins Regal zurückstellt, wenn man nicht mehr mit ihnen spielen will …“

„Eine Frau ist bei uns ein Geschöpf, das verwöhnt, gehegt und gepflegt wird. Wenn sie einen Sohn zur Welt bringt, kann sie sicher sein, dass ihr Mann sich nie von ihr trennen wird, selbst wenn sein Auge auf eine andere fällt. Sie verstehen?“

„Durchaus!“ Sybils Stimme klang eisig. Am liebsten wäre sie jetzt aufgestanden und fortgegangen. Aber dazu hatte sie weder genug Mut noch – genug Geld. Außerdem war sie von all dem, was sie gehört hatte, wie hypnotisiert. Sie kam nicht mehr davon los.

„Sie müssen sich darüber klar sein, Miss Innocence, dass Sie sich den Weisungen meines Herrn völlig unterzuordnen hätten. Könnten Sie das?“

Nein, hätte sie ihm am liebsten entgegengeschleudert. Ich würde mich wehren mit Klauen und Zähnen.

„Das müsste ich wohl“, sagte sie stattdessen so liebenswürdig wie möglich. „Ich hoffe nur, dass die Abgeschiedenheit nicht zu schwer zu ertragen ist. Dürfte ich denn zum Einkaufen gehen und das Dampfbad besuchen? Soweit ich gehört habe, gehört das zu den Vergnügungen orientalischer Frauen.“

Um seine Lippen zuckte jetzt wieder ein belustigtes Lächeln. „Man würde Sie nicht als Gefangene halten, so viel kann ich Ihnen versprechen. Da Sie Europäerin sind, würde man Ihnen sicher gewisse Zugeständnisse machen, um Sie – bei Laune zu halten.“ Seine Augen funkelten, als wüsste er, dass sie sich Mühe gab, nett zu ihm zu sein.

„Und Sie wollen mich tatsächlich Ihrem Herrn und Meister vorstellen?“

„Vielleicht. Sie sind jung und können, wenn es Ihnen passt, sehr reizend sein. Den Schwestern des Kalifen würden Sie wahrscheinlich gefallen.“

„Wann würde die Vorstellung stattfinden und wo?“

„In Beni Zain. Dort würden Sie zusammen mit den anderen Damen dem Kalifen vorgeführt werden …“

„Mit den anderen Damen?“, unterbrach sie ihn. „Wie viele Konkurrentinnen hätte ich denn?“

„Etwa ein halbes Dutzend.“

„Das ist ja tatsächlich wie auf dem Sklavenmarkt“, empörte sich Sybil. „Ich glaubte, ich sei die einzige Bewerberin …“

„Das haben Sie sich eingeredet, Miss Innocence.“ Er klopfte sorgfältig die Asche von seiner Zigarette. „Es ist doch bei einer Bewerbung ein durchaus übliches Verfahren, dem künftigen Arbeitgeber eine gewisse Auswahl zu bieten. Mein Herr ist viel zu stark von seinen Geschäften in Anspruch genommen, um persönlich die Vorauswahl zu treffen. Aber Sie sind die einzige Engländerin im Angebot.“

3. KAPITEL

Sybil schloss sekundenlang fassungslos die Augen. Was kam da auf sie zu? Eine Fleischbeschau für einen unbedarften Berberhäuptling?

„Nein!“ Sie schüttelte den roten Schopf. „So etwas liegt mir nicht.“

„Ich habe mir schon gedacht, dass Sie die Nerven verlieren würden“, meinte er spöttisch. „Das habe ich von Anfang an kommen sehen, Miss Innocence. Ein Jammer, dass Sie nicht genug Mut haben, gegen die anderen Damen anzutreten. Es wäre durchaus möglich, dass das Auge des Kalifs gerade auf Sie gefallen wäre. So eine gute Figur und ganz ungewöhnliche Augen für eine Engländerin. Haben Sie kein Vertrauen zu Ihrer eigenen Ausstrahlung?“

„Sie tun, als handelte es sich um eine Misswahl! Muss denn die neue Gesellschafterin eine ausgemachte Schönheit sein? Die ganze Geschichte ist – barbarisch. Sechs Frauen, die sich zur Besichtigung für einen einzigen Mann aufstellen. Was bildet er sich eigentlich ein?“

„Der Stammesfürst einer Provinz, die so groß ist wie diese Insel, die Sie so gern verlassen möchten, kann schon besondere Bedingungen stellen, meinen Sie nicht? Ein großes Abenteuer wird Ihnen geboten, Miss Innocence! Reizt Sie das nicht?“

Sidi Kezam Zabayr lehnte sich zurück und betrachtete sie aus verhüllten dunklen Augen.

Ein Abenteuer, dachte sie. Das sagte sich so leicht … Wie konnte sie, eine lahme Ente, mit jenen anderen Frauen aus allen Teilen der Welt konkurrieren? Was mochten diese Mitbewerberinnen alles an Fähigkeiten und Talenten mitbringen … Sie, die mit sechzehn die Schule hatte verlassen müssen, konnte da natürlich nicht mithalten. Das war die Reise nicht wert. Dieser Kalif Zain Hassan würde eine reife, abgeklärte Persönlichkeit erwarten. Damit konnte sie nicht dienen. Ihre wahre Natur zu verleugnen, das brachte sie nicht fertig. Und dass sie einen Fuß nachzog, ließ sich auf die Dauer auch nicht verheimlichen.

„Sie fliegen bis Casablanca – das Ticket ist bereits bezahlt. Vom Flughafen werden Sie mit dem Wagen zur Bahn gebracht und in den Marokko-Express gesetzt. Der Zug bringt sie dann nach Beni Zain. Wenn die Wahl nicht auf Sie fällt, wird Ihnen auch der Heimflug bezahlt. Das lohnt doch die Reise, selbst wenn Sie im Wettbewerb unterliegen, finden Sie nicht?“

Sybil spürte eine seltsame Erregung in sich aufsteigen. Wieder traf sie der Hauch der Wüste, in der ein Berberchef seinen Vertrauten ausschickte, um in Europa eine Frau für ihn zu besichtigen.

„Es ist doch durchaus möglich“, sagte sie sachlich, „dass dem Kalifen mehrere der Frauen gefallen. Was tut er in einem solchen Fall?“

Der Sidi betrachtete die Spitze seiner Zigarette. „Benötigt wird nur eine Gesellschafterin. Die Wahl fällt auf die geeignetste Persönlichkeit.“

„Ich verstehe.“ Sybil sah ohne Furcht in diese dunklen, wissenden, so fremden Augen. „Eigentlich schade um die teuren Reisekosten. Die zweite und dritte Siegerin könnte man doch ohne weiteres in den Harem des Kalifen stecken.“ Sie schaute angelegentlich auf den Tisch hinunter und erkundigte sich wie nebenbei: „Er hat doch einen Harem, nicht wahr?“

„Nein, Miss Innocence. Zain Hassan hat keinen Harem. Er ist ein Mann, für den das Wohl seines Volkes an erster Stelle steht. Seine eigenen Interessen haben davor zurückzutreten. Außerdem ist er ein Krieger. Er misst lieber seine Kräfte mit unseren alten Feinden, als sich den verweichlichenden Einflüssen des Serails auszusetzen. In vieler Hinsicht ist er ein ungewöhnlicher Mann. Aber es gibt niemanden im Stamm der Beni Zain, der ihm seinen Führungsanspruch streitig machen würde. Weil er sich so ausschließlich für die Belange des Stammes interessiert, überlässt er gewisse Probleme eben mir.“

„Wo sie sicherlich in guten Händen sind …“

„Das hoffe ich. Die Mitarbeiter von Zain Hassan tun gut daran, alle Kräfte anzuspannen. Für Mittelmäßigkeit hat er nichts übrig.“

„Er scheint ein harter Mann zu sein. Witwer ist er, sagen Sie. Aber dürfen Mohammedaner nicht drei Frauen haben?“

„Ja, das stimmt. Aber der Kalif hat nur einmal Zeit zum Heiraten gefunden, und diese eine Frau hat er leider früh verloren. Deshalb wünscht er eine Gesellschafterin für seine Schwestern. Wenn Zain Hassan sich wieder eine Frau nimmt, dann nur, damit sie ihm Söhne für den Stamm der Beni Zain schenkt. Allerdings ist auch das schon Ehre genug für jedes Mädchen.“

„Sie meinen, es wäre für so eine Frau reine Zeitverschwendung, auf Liebe zu hoffen?“ Es war unter diesen Umständen eine kühne Frage. Aber Sybil hatte plötzlich die Neugier gepackt, wenn sie an dieses Volk und ihre so unterschiedliche Lebensweise dachte.

Sidi Kezam Zabayr sah sie schweigend an; das war Antwort genug.

Sybil tupfte sich mit einer Serviette die Lippen. Der Gedanke an diesen barbarischen Zain Hassan, der eine Frau auswählte wie andere Männer einen Mantel oder eine Krawatte, ließ sie nicht mehr los. Es war unglaublich. Wenn sie heimkam, würde sie über diese seltsame Episode lachen. Oder?

Sie sah, wie der Botschafter des Kalifen seine Brieftasche herauszog und ihr einen Umschlag entnahm. „Hier habe ich ein einfaches Ticket nach Casablanca. Für morgen Abend. Möchten Sie es haben, Miss Innocence?“

Sybil betrachtete den Umschlag in der dunklen Hand. Ihr Herz klopfte heftig. Der Flug lockte – der Urlaub, den ihr der Arzt so dringend empfohlen hatte.

„Es klingt sehr verführerisch“, gestand sie. „Damit haben Sie tatsächlich meine schwache Stelle getroffen.“

„Das ist meine Spezialität. Sie möchten Ihre Heimat verlassen? Gut – der Flugschein in meiner Hand ermöglicht Ihnen das. Ich möchte wohl wissen, welches Erlebnis der Anlass zu dieser Flucht war. Hat Ihnen ein Mann das Herz gebrochen?“

„Das Herz nicht. Aber meinem Selbstbewusstsein hat er einen schweren Stoß versetzt. Fast hoffe ich, dass Ihr Herr und Meister mich übergeht und eine meiner Mitbewerberinnen vorzieht. Ihr Land würde ich sehr gern sehen, aber ich glaube, zur Gesellschafterin tauge ich nicht. Dafür bin ich wohl nicht ausgeglichen genug.“

„Spielen Sie, Mademoiselle?“

„Manchmal“, gab sie zu.

„Haben Sie Glück am Spieltisch?“

„Ab und zu habe ich ein bisschen gewonnen – aber reden wir denn jetzt vom Geld?“

„In gewisser Weise schon. Sie fragten, ob der Kalif ein reicher Mann ist. Demnach suchen Sie nach der Sicherheit, die der Reichtum bieten kann. Der Flugschein könnte Ihnen den Zugang zu diesem Reichtum und damit zu einer gewissen Freiheit erschließen.“

„Ich bin eher der Meinung, dass die größte und tiefste Sicherheit für eine Frau darin liegt, geliebt zu werden. Aber das klingt für Sie sicher sentimental. Die Liebe – das ist ein weiter Begriff. Sehr wenige finden sie wirklich, und ich habe diese Hoffnung inzwischen aufgegeben. Und deshalb – hätte ich fast Lust, nach dem Flugschein zu greifen.“

„Ich komme Ihnen gern ein Stück entgegen.“ Er streckte den Umschlag über den Tisch. „Geben Sie sich einen Ruck. Nehmen Sie das Ticket! Beweisen Sie, dass Sie Feuer nicht nur im Haar, sondern auch in den Adern haben!“

„Ich kann aber nicht versprechen, wie ich reagieren würde, wenn Zain Hassan mich – begehrt …“

„Lassen Sie dem Schicksal seinen Lauf, Miss Innocence, und betrachten Sie dieses schmale Heftchen als einen fliegenden Teppich, der Sie in das ferne Berberland trägt.“

„Sie sprechen wie ein Dichter, Sidi Kezam.“

„Viele Wüstensöhne sind Dichter. Wussten Sie das nicht?“

„Und gleichzeitig Krieger, die den Kampf lieben, nicht wahr?“

„Lieben Sie selbst nicht auch den Kampf?“ Seine Zähne blitzten auf, als er lächelte. „Seien Sie nicht so sicher, dass Zain Hassan so viel an einer gefügigen Frau liegt …“

„Aber Sie sagten, dass er eine Frau braucht, die sich gehorsam allen seinen Forderungen unterwirft – oder so ähnlich.“

„Ich sagte, Miss Innocence, dass der Koran von einer Frau Gehorsam verlangt. Fürst Zain Hassan ist in vielem völlig anders als seine Stammesgenossen. Selbst den Menschen, die ihm am nächsten stehen, ist er manchmal ein Rätsel. Er hat wohl viel von seinem Vater, einem tapferen Krieger, dem seine Kampfgenossen die größte Hochachtung zollten. Zain Hassans Mutter aber war nicht mit ihm verheiratet, sondern mit dem damaligen Kalifen der Beni Zain. Nach der Geburt des Sohnes hat er sie erdrosseln lassen …“

„Wie bitte?“ Sybil sah den Sidi fassungslos an.

„Sie hatte Ehebruch begangen, Miss Innocence. Darauf steht eine strenge Strafe.“

„Eine barbarische Strafe, meinen Sie wohl!“, brauste Sybil auf.

„Das ist die Gerechtigkeit der Wüste.“ Gelassen legte er den gelben Umschlag neben ihren Teller.

Sybils Instinkt warnte sie, ihn aufzuheben. Wenn sie ihn einfach übersah, wenn sie aufstand und weglief … Aber sie konnte plötzlich kein Glied rühren. Indessen schien der Umschlag vor ihren Augen immer größer zu werden. In ihren Ohren rauschte es. War es der Wüstenwind, der ihr das schicksalhafte Ticket hergeweht hatte?

Mit einer schnellen Bewegung griff Sybil zu und fühlte den Umschlag zwischen den bebenden Fingern. Das wirst du noch bereuen, flüsterte eine leise Stimme in ihr – und verstummte sofort. In ihrer Hand hielt sie ein Ticket nach Casablanca, dem Tor zur Wüste, in der die Frauen keine Seele haben und die Männer die unumschränkten Herren sind.

„Und jetzt habe ich noch andere Dinge zu erledigen.“ Der Sidi erhob sich. „Bleiben Sie ruhig noch ein bisschen. Ich lasse Ihnen frischen Kaffee kommen. Wir sehen uns ja sicher wieder.“

Ein leichtes Lächeln. Dann berührte er in der Grußgeste der Orientalen mit den Fingerspitzen seine Stirn, seine Lippen und seine Brust – und war verschwunden.

Sybil blieb allein mit einem Flugschein, der ihr die weite Welt erschließen würde, wenn sie den Mut hatte, ihn zu benutzen.

Nachdenklich rührte sie in dem starken, schwarzen Gebräu, das vor ihr stand. Vor einer Stunde hatte sie sich zu diesem Gespräch hier eingefunden, voller Spannung, zu erfahren, was für ein Mann diese Anzeige wohl aufgegeben hatte. In dieser ganzen Zeit hatte Kezam Zabayr nicht bemerkt, dass sie körperlich behindert war.

In Sybils grünen Augen blitzte es fast ein wenig boshaft auf. Ihre Hände waren jetzt ganz ruhig, als sie den gelben Umschlag in die Handtasche steckte. Gemächlich trank sie ihren Kaffee aus und trat hinaus auf die Straße. Es regnete leicht. Sie sah zu dem grauen Himmel auf, der sich über der Stadt spannte, und spürte die Nässe auf ihrem Gesicht.

Tiefblau würde der Himmel über der Wüste sein und heiß die Sonne über dem Sand. Warum sollte sie diesen kostenlosen Urlaub nicht genießen? Der Hinkefuß würde sie hinreichend vor dem herrischen Berberfürsten schützen.

Langsam ging Sybil zur Bushaltestelle. Was hätte wohl Großmutter zu den Plänen der Enkelin gesagt? Von fremden Ländern hatte sie nie viel gehalten. Dass ihre Sybil freiwillig an einer Sklavenauktion teilnahm – denn anders konnte man diese Auswahl wohl kaum nennen –, wäre ihr sicher nicht in den Kopf gegangen.

Die Sonne brannte von einem wolkenlosen Himmel, als die Passagiere den Flughafen verließen. Sie wurden von Freunden abgeholt oder von den wartenden Taxis schnell davongefahren. Die redegewandten Fahrer hatten einen guten Instinkt für die dollarschweren Touristen. Die schlanke junge Frau, die anscheinend niemand erwartete und die sich offensichtlich in dem Lärm und der Hitze nicht zurechtfand, war Luft für sie.

Sybil umklammerte ihren Koffer und ihre Handtasche und blieb auf dem Gehsteig vor dem Empfangsgebäude stehen. Wo war ihr Schwung geblieben, der sie bis nach Casablanca gebracht hatte?

Ihr Kostüm war zerknittert. Im linken Strumpf hatte sie eine Laufmasche. Eine hoch gewachsene Nigerianerin ging lässig an ihr vorbei zu einem wartenden weißen Wagen. Sie sah sehr kühl und unnahbar aus in ihrem farbenfrohen Kleid mit den schaukelnden Goldohrringen. Einige Männer starrten ihr in unverhohlener Bewunderung nach. Ach, wenn sie doch auch so viel Haltung, so viel Selbstbewusstsein haben könnte …

Um Sybil kümmerte sich kein Mensch. Sie hatte ihr Haar zu einem Knoten zusammengebunden und trug eine Sonnenbrille. Als sie ein Stück weiter bis zu dem spärlichen Schatten einer hohen Palme ging, sah man sehr deutlich, dass sie hinkte. Sie kam sich nun klein und jämmerlich vor. Ob man vergessen hatte, sie abzuholen? Ein Wagen würde am Flugplatz auf sie warten, hatte in dem Telegramm gestanden. Aber der Parkplatz leerte sich schnell. Schon war sie fast die letzte Reisende, die noch übrig geblieben war.

Unruhe erfasste sie. Sie musste von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, dass sie sich auf diese Reise eingelassen hatte. Aber das Ticket von Sidi Kezam Zabayr hatte gelockt. Wenn nur jemand kommen und sie unter dem dünnen Palmwedel wegholen würde …

Sie sehnte sich nach einem Glas kühlen Ananassaft und seufzte leise auf. In diesem Augenblick fiel ein Schatten über sie. Sie hob den Kopf und schnappte überrascht – oder erschreckt? – nach Luft.

Ein Mann stand vor ihr und sah sie aus sehr klaren blauen Augen an. Er trug den traditionellen Kopfputz der Araber, einen Leinenkittel, der locker am braunen Hals zugebunden war, schwarze Reithosen und Lederstiefel, die bis zum Knie gingen. Ein Raubtierbändiger, dachte Sybil unwillkürlich.

Sie war ein paar Schritte zurückgewichen. In den blauen Augen stand deutlicher Spott, von Bewunderung keine Spur.

Der scharfe Blick des Mannes registrierte den zerknitterten Rock, die Laufmasche, die glänzende Nase, die unkleidsame Sonnenbrille. Vielleicht hatte er auch schon gemerkt, dass sie hinkte. Dass so etwas besonders auf gut aussehende Männer sofort ernüchternd wirkt, wusste Sybil inzwischen nur zu gut.

„Sie sind Miss Innocence?“ Sein Englisch war fehlerfrei, aber es klang seltsam drohend, kehlig und ein wenig ungeduldig. „Ich soll Sie zum Zug bringen.“

„Sind Sie der Beauftragte des Sidi Kezam Zabayr?“, fragte sie misstrauisch. Immer wieder las man, dass allein reisende Frauen in die Wüste verschleppt worden und auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren. Von diesem Mann ging etwas Bedrohliches aus, das sie sofort in Verteidigungsbereitschaft versetzte.

„Ich bin kein Sklavenhändler, wenn Sie das denken sollten“, meinte er ironisch. „Ich weiß genau über Sie Bescheid, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mir eine Gesellschafterin für zwei behütete junge Mädchen eigentlich anders vorgestellt.“

„Für einen Dienstboten sind Sie ziemlich unverschämt“, warf Sybil ihm empört an den Kopf. Sie spürte, dass das Wort Dienstbote ihn beleidigen musste. „Wenn Sie mich zum Zug bringen sollen, dann tun Sie es. Im Übrigen kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigenen Angelegenheiten.“

„Auch noch Launen! Das dürfte bei einer guten Gesellschafterin kaum erstrebenswert sein. Ich frage mich, ob Kezam Zabayr klug daran getan hat, Sie unserem Herrn zu empfehlen. Wahrscheinlich waren Sie die einzige Engländerin, die sich beworben hat.“

„Vermutlich.“ Sybil hob ärgerlich das Kinn. Dabei wäre ihr beinahe die große Sonnenbrille von der glänzenden Nase gefallen. Gereizt griff sie danach und rückte sie wieder zurecht. Früher hätte sie nicht gezögert, diesem Berber deutlich die Meinung zu sagen. Das konnte sie sich in ihrer jetzigen Situation nicht mehr leisten. Bitterkeit stieg in ihr auf. Ja, ein Berber musste er sein, trotz der brennend blauen Augen in dem braunen, von der Wüstensonne gegerbten Gesicht.

„Wahrscheinlich gibt es außer mir keine Engländerin, die so verrückt war, sich auf dieses Abenteuer einzulassen“, meinte sie reuevoll. „Vermutlich war ich von allen guten Geistern verlassen, als ich in London in dieses Flugzeug gestiegen bin, um mich auf dem Sklavenmarkt feilbieten zu lassen.“

„So sehen Sie das also?“, fragte er gedehnt. „Mir scheint, da ist Ihre Fantasie mit Ihnen davongelaufen. Wenn Sie all das bereits in London vermutet haben, möchte ich wohl wissen, weshalb Sie nicht dort geblieben sind. Dann säßen Sie jetzt in Sicherheit und wären nicht in die Hände dieses schrecklichen Berbers gefallen … Wahrscheinlich aber konnten Sie der Faszination der braunen Wüstensöhne nicht widerstehen.“

„Unfug! Sie bilden sich doch nicht ein, ich wäre nach Marokko gekommen, um mich von einem Mann in sein Zelt schleppen zu lassen?“

Er sah sie schweigend an. Sybil hätte sich vor diesem durchdringenden Blick am liebsten in ein Mauseloch verkrochen. Er sah aus, als habe er sie längst durchschaut.

„Es war sehr dumm von dir, dass du dich hergewagt hast, Fremde. Ich habe einige der anderen Frauen gesehen. Sie sind viel älter und erfahrener als du. Legst du es denn darauf an, dass dich ein Mann hier in diesem heißen Land mit Gewalt nimmt?“

Sybil stockte der Atem. Das durfte doch nicht wahr sein … Sie träumte nur …

„Jetzt fall mir nicht um!“ Er griff nach ihrem Arm. Als die sonnengebräunte Hand sie berührte, hätte sie fast aufgeschrien. „Du bist an unsere Sonne nicht gewöhnt. Komm mit, ehe du hier auf dem Gehsteig eingehst wie eine Blume ohne Wasser.“

Der herrische Berber hielt sie fest, packte ihren Koffer und führte sie über die Straße zu einer großen schwarzen Limousine, die im Schatten eines Torbogens wartete. Dabei gelang es ihr nicht, das Hinken zu verbergen. Er öffnete die Wagentür, schob sie in den Fond und stellte den Koffer daneben. Dann setzte er sich ans Steuer und ließ den Motor an.

Als der Wagen anrollte, erwachte Sybil aus ihrer Erstarrung. „Lassen Sie mich heraus! Ich komme nicht mit!“, schrie sie auf und griff nach der Türklinke.

„Wenn du herausspringst, wirst du dich verletzen, und ich müsste dem Kalifen beschädigte Waren liefern“, rief er ungerührt über die Schulter, während er den Wagen wendete. Sie rollten in schnellem Tempo über die breite Straße, an der links und rechts ragende Palmen standen wie schweigende Wächter.

„Ich hab’s mir überlegt“, stieß Sybil hervor. „Ich will nicht zum Zug, ich will wieder heim.“

„Dafür ist es jetzt ein bisschen spät. Außerdem habe ich meine Befehle. Du möchtest doch nicht, dass ich deinetwegen von meinem Herrn einen Verweis einstecken muss?“

„Doch, das möchte ich sogar sehr gern! Drehen Sie sofort um und bringen Sie mich zurück zum Flughafen!“

„Spar dir deine Worte“, entgegnete er gelassen. „Es gibt nichts Unerfreulicheres als ein kreischendes, schwitzendes, weibliches Wesen. Das ist unwürdig. Jetzt pudere dir schön die Nase und nimm dich ein bisschen zusammen.“

„Unverschämtheit! Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen zu gefallen. Ihr Geschmack sind zweifellos fette Bauchtänzerinnen mit Mandelaugen. Ich – ich besteige diesen Zug nicht. Ich mache nicht mehr mit.“

„Man hat mir schon gesagt, dass du unter Umständen ein bisschen schwierig sein würdest.“ Vor den Wagenfenstern zogen würfelförmige weiße Gebäude vorbei. Wie riesige Zuckerstücke sahen sie aus, die in der Sonne leuchteten. „Aber so ist das leider mit den Frauen aus den sogenannten emanzipierten Ländern. Sie wissen nicht genau, ob sie selber herrschen oder beherrscht werden wollen. Geraten sie an einen Mann, der ihnen weitgehend den Willen lässt, sind sie frustriert. Ist er herrisch, zeigen sie ihm sofort die Krallen. Die Bauchtänzerin ist zumindest bestrebt, ihr Publikum zu erfreuen. Sie hat bedeutend mehr Würde als eine Europäerin, wenn sie in einem schmierigen Nachtclub herumhüpft, wie von der Tarantel gestochen.“

„Herzlichen Dank!“ Sybil konnte vor Wut kaum sprechen. Am liebsten hätte sie ihm die Beleidigung mit einem Schlag ins Gesicht vergolten. Er sah aus, als könnte er zurückschlagen, aber das war ihr in diesem Augenblick höchst gleichgültig. Eigentlich verdiente sie ja wirklich eine Tracht Prügel für ihre Unbesonnenheit. Dass sie jetzt in dieser Klemme steckte, daran war sie selber schuld.

Sie umklammerte ihre Handtasche und spürte, dass sie vor Zorn und Erregung zitterte. Am Bahnhof würde sie sich ins erstbeste Taxi setzen und zum Flughafen zurückfahren, beschloss sie. Dann kam ihr ein Gedanke, der wie eine kalte Dusche wirkte: Sie hatte bei weitem nicht genug Geld für den Rückflug. Der Unternehmungsgeist war ihr jetzt gründlich vergangen.

Verzweifelt sank sie in den weichen Sitz zurück. Dieser Berber machte sich über sie lustig. Es war ganz klar, dass sie sich darüber ärgerte. Aber wenn man es recht bedachte, konnte man es ihm eigentlich gar nicht sehr übel nehmen. Wenn er sie für eine Abenteurerin hielt, der es nur darum ging, aus diesem Ausflug in die Ferne möglichst viel Geld herauszuschlagen, hatte sie sich das ganz allein selbst zuzuschreiben. Allerdings hatte sie von einem Mitarbeiter des Kalifen etwas mehr Zurückhaltung erwartet.

Um Sybils Lippen zuckte es bitter. Was riskierte er schon? Er wusste ebenso gut wie sie, dass der Herrscher der Beni Zain ihre Hoffnungen mit einer einzigen lässigen Handbewegung zunichtemachen konnte.

Sie nahm ihre Puderdose heraus und erschrak, als sie im Spiegel ihr verschmiertes Make-up sah. Schnell nahm sie die entstellende Sonnenbrille ab und wischte mit raschen, routinierten Bewegungen über Stirn, Wangen und Nasenrücken. Dass der Wagen an einer Ampel hielt, merkte sie erst, als der Mann am Steuer das Wort an sie richtete.

„Unser Klima wird dir noch eine ganze Weile zu schaffen machen.“

Sybil warf ihm einen erschrockenen Blick zu. Zum ersten Mal sah er unmittelbar in die smaragdgrünen, leicht schräg gestellten Augen. „So lange will ich hier gar nicht bleiben“, gab sie zurück. „Wir wissen wohl beide, dass ich nicht in die Endausscheidung kommen werde. Lassen wir es dabei, dass ich den Flug in der Hoffnung auf einen kleinen Urlaub unternommen habe.“

„Hier im Orient ist es nicht immer klug, das Buch zu lesen, ehe man es geöffnet hat.“ Seine Augen wurden schmal. „Also um einen billigen Urlaub ging es dir? Du hattest überhaupt nicht vor, dich als Gesellschafterin zu bewerben?“

„Für einen Chauffeur sind Sie reichlich neugierig“, fertigte sie ihn frostig ab. „Ich brauche mich nicht von Ihnen ins Kreuzverhör nehmen zu lassen. Die Ampel steht auf Grün. Wollen Sie nicht weiterfahren?“

„Also doch zum Bahnhof?“, erkundigte er sich spöttisch. „Dir ist wohl eingefallen, dass deine Kasse leer ist und du den Rückflug nicht bezahlen könntest? Jawohl, ich weiß sehr genau über Ihre finanzielle Lage Bescheid, Miss Innocence. Ob Sie wollen oder nicht, Sie werden die Besichtigung über sich ergehen lassen müssen.“

Sie konnte ihm nicht widersprechen, so gern sie es getan hätte. Sie würde dieses selbst verschuldete Abenteuer tatsächlich bis zum bitteren Ende durchstehen müssen. Sonst war sie rettungslos verloren in diesem fremden Land, wo harte, verständnislose Männer das Regiment führten – Männer wie der braunhäutige Fremde am Steuer des großen Wagens. Mit einem sanften Ruck hielt er vor dem Bahnhof, auf dem es vor Menschen wimmelte.

Er stieg aus und öffnete Sybil den Wagenschlag. „Komm, Fremde“, befahl er schroff. „Unser Zug fährt in ein paar Minuten ab.“

Sie sah ihn an und rührte sich nicht. Ohne ein weiteres Wort griff er nach ihrem Arm. Sie zuckte zusammen. Ihr Gesicht wurde noch blasser. Gestern erst hatte ihr der Arzt die Injektionen für die Reise nach Marokko gegeben, und der feste Griff der sehnigen Hand schmerzte.

„Sie tun mir weh!“, stieß sie hervor. Hass flammte in ihr auf. Seine Kälte, seine Arroganz machten sie frösteln. „Ich war Fotomodell“, hätte sie ihm am liebsten ins Gesicht geschrien. „Ich habe im Scheinwerferlicht gestanden, hatte prominente Freunde. Ich lasse mich nicht von Ihnen wie ein Straßenmädchen behandeln.“

„Das ist der geimpfte Arm, nicht wahr?“ Er ließ sie sofort los. „Entschuldige, Fremde.“

„Wahrscheinlich hat es Ihnen großen Spaß gemacht“, gab sie erbittert zurück. „Was heißt übrigens ‚unser‘ Zug? Soll ich etwa die Fahrt zum Stamm der Beni Zain in Ihrer Begleitung antreten?“

„Ganz recht. Und wenn du dich nicht ein bisschen beeilst, wirst du die Reise auf einem Kamel machen müssen. Hast du dir etwa eingebildet, man lässt dich hier auf eigene Faust in der Gegend herumgondeln? Wir sind nicht in England.“

Bei diesem Stichwort stiegen Sybil Tränen des Selbstmitleids in die Augen. Durch ihren eigenen Leichtsinn war sie diesem Berber mit den wilden blauen Augen jetzt hilflos ausgeliefert.

„Steig aus, Fremde, und zwar sofort. Oder – soll ich dich tragen?“

Sybil gehorchte widerstrebend. In ihrem verletzten Knöchel zuckte es schmerzhaft, während sie neben ihm ein paar Steinstufen zum Bahnsteig hinaufstieg. Der Marokko-Express stand zur Abfahrt bereit.

„Beeil dich“, sagte ihr Begleiter schroff. Als sie stolperte, legte er ohne ein weiteres Wort einen Arm um ihre Taille und trug sie die Stufen hinauf in den Zug.

4. KAPITEL

Sie hatten es gerade noch geschafft. Wie eine Puppe wurde sie in ein Erste-Klasse-Abteil geschoben. Ihr ungeduldiger Begleiter schloss die Tür.

„Die ganze Reise über muss ich Sie ertragen?“, maulte sie. „Das kann ja munter werden.“

„Sei froh, dass du nicht zweiter Klasse fahren musst, da ist es nämlich sehr eng und heiß und unbequem.“ Er deutete einladend auf die Polstersitze. „Nehmen Sie Platz, Miss Innocence, und genießen Sie alles, was Ihr Gastgeber für Sie zahlt.“

„Zahlt er auch für die Bequemlichkeit seiner Dienstboten? Ich wette, Sie ziehen aus dieser Situation ebenso viele Vorteile wie ich.“

„Und warum nicht?“ Er hob die breiten Schultern und setzte sich Sybil gegenüber. „Wenn ein Mann dumm genug ist, sich einzubilden, ein Ex-Mannequin könnte eine brauchbare Gesellschafterin abgeben, dann verdient er es, ausgenützt zu werden. Er muss von allen guten Geistern verlassen gewesen sein.“

„Sie reden sehr respektlos über Ihren Herrn“, erklärte Sybil vorwurfsvoll. Sie lehnte sich in ihrem bequemen Sitz zurück und genoss dankbar den kühlen Luftzug der Klimaanlage, der um ihre Füße spielte. Insgeheim konnte sie es diesem arroganten Burschen gar nicht verdenken, dass er sich die Fahrt auch so angenehm wie möglich machte. Aber sie hätte ihm zu gern ein bisschen seinen Hochmut ausgetrieben. „Ich könnte mich über Sie bei Sidi Kezam Zabayr beschweren. Er bekleidet bei Ihrem Herrn offenbar einen einflussreichen Posten.“

Er stieß ein leises, kehliges Lachen aus. „Also nicht nur ein Dummchen, sondern auch noch eine kleine Petze … Das Wort einer Frau gilt hierzulande nicht mehr als das Raunen des Windes über dem Wüstensand.“

„Wie angenehm, in einer Welt zu leben, in der die Frau sich nur sicher fühlen kann, wenn sie dem allmächtigen Herrn und Meister Söhne geboren hat!“ Sybil warf ihm einen verächtlichen Blick zu. Aber innerlich war sie durchaus nicht so ruhig. Sie hatte ja schon vor ihrem Flug nach Casablanca erfahren, dass im Orient die Männer das Heft in der Hand hielten. Dieser Bursche bestätigte ihr das nachdrücklich – in Worten und in Taten.

„Zain Hassan ibn Hamid ist ein Despot, nicht wahr?“, fuhr sie fort. „Wollen Sie mir etwa erzählen, dass Sie nicht vor ihm zittern? Vor mir spielen Sie den Tyrannen, aber in seiner Gegenwart, das möchte ich wetten, sind Sie genau so unterwürfig wie seine übrigen Bediensteten.“

„Haben Sie schon viele Wetten gewonnen?“, erkundigte er sich beißend. „Trauen Sie mir zu, dass ich vor irgendeinem Menschen krieche?“

„Sie sind sein bezahlter Lakai – oder etwa nicht? Ein gehorsamer Befehlsempfänger. Deshalb haben Sie mich abgeholt. An mir können Sie Ihre Herrscherallüren auslassen, weil ich ja nur eine Frau bin. Aber wenn der Kalif so allmächtig ist, wie Sidi Kezam Zabayr mir weismachen wollte, müssen auch Sie zurückstecken.“

Der unvernünftige Hass auf diesen aggressiven, schroffen Araber machte Sybil die Kehle eng.

„Ich möchte wissen, was Sie täten, wenn ich die Stellung bekommen und in den Privatgemächern des Kalifen residieren würde. Ich schätze, dass selbst er menschlich genug ist, um sein Ohr den leisen Worten einer Frau nicht zu verschließen. Es könnte ihm missfallen, wenn einer seiner Lakaien sich zu viel herausnimmt.“

Noch nie im Leben hatte Sybil jemanden bedroht. Auch als Mannequin, wenn sie es mit der Gehässigkeit junger, weniger erfolgreicher Konkurrentinnen zu tun gehabt hatte, wäre ihr das nie in den Sinn gekommen. Nicht einmal Peter Jameson gegenüber hatte sie einen so jäh aufschießenden Hass gespürt. Da hatte sie eher eine dumpfe Enttäuschung darüber empfunden, dass ein Mann unter der äußeren Hülle von Charme und Liebenswürdigkeit so seicht sein konnte. Noch nie zuvor war ihr der Kampf der Geschlechter, das Ringen Mann gegen Frau, so intensiv zu Bewusstsein gekommen wie in Gegenwart dieses braunhäutigen Berbers.

„Ich glaube wirklich, Sie würden mir am liebsten ein Messer ins Herz jagen.“ Der Zug durcheilte einen Tunnel. Als er auf der anderen Seite wieder ans Licht kam, sah Sybil ein Lächeln auf den sinnlichen Lippen des Berbers. „Sie haben Eigenschaften, die dem Kalifen wohl gefallen könnten. Mag sein, dass man ihn als einen Tyrannen bezeichnet. Andererseits schätzt er es auch nicht, wenn seine Mitmenschen sich als Fußabstreifer missbrauchen lassen.“

„Und ich habe gerade gedacht, dass die Männer Ihres Landes es schätzen, wenn die Frauen vor ihnen auf den Knien liegen.“

„Sie müssen nicht alles glauben, was Sie in den Romanen frustrierter Schriftstellerinnen lesen“, meinte er ironisch. „Wenn die Wüstenscheichs ihre ganze Zeit damit verbringen würden, sich auf einem Diwan mit leidenschaftlichen Frauen zu vergnügen, gäbe es in ihren Reichen ein einziges Chaos und einen wirtschaftlichen Kollaps. Und auch sie selbst wären dann einem Zusammenbruch nahe …“

Er lächelte über die Vorstellung und streckte die langen Beine aus.

„Sicher sind Sie sehr gespannt darauf, mehr über Zain Hassan ibn Hamid zu erfahren. Ich will Sie gern ein bisschen aufklären.“

„Er ist anders als seine Landsleute, und er teilt nicht in allem den Geschmack seiner Stammesgenossen. Dass seine Untertanen sein Anderssein akzeptieren, erklärt sich aus seiner starken Persönlichkeit. Das schätzen Berber an einem Mann. Von einem Anführer erwarten sie es geradezu. Ein Schwächling würde sich nicht lange halten. Die Stammesgemeinschaft würde zerbrechen, und mehr und mehr würde es die stolzen, unabhängigen Wüstensöhne in die Städte ziehen. Aber das wäre ihr Untergang. Das Volk der Beni Zain fühlt sich nur wohl unter den glänzenden Sternen und der glühenden Wüstensonne, durchzaust von Wind, gepeitscht von Regen. Denn es regnet durchaus in der Wüste, manchmal sogar sehr heftig. Die Beni Zain sind Kinder der Natur. Es ist die Pflicht ihres Herrschers, ihnen diese Ursprünglichkeit zu bewahren. Er ist ihr Bändiger und ihr Hüter.“

„Der Meister, der nie die Peitsche aus der Hand legt“, ergänzte Sybil.

„Ein solches Volk zu führen ist eine erregende und bedeutsame Aufgabe“, erklärte Sybils Begleiter ernst. In den blauen Augen brannte eine stählerne Flamme. Sybil verstand sehr wohl, warum der Kalif ihn als Mitarbeiter schätzte. Dieser Mann würde vor nichts zurückschrecken, um sich durchzusetzen. Vermutlich hatte er Nerven wie Drahtseile – und keine Spur von Gefühl.

„Sind Sie so sicher, Miss Innocence, dass es noch immer ein Spiel ist, das Sie treiben? Oder spüren Sie nicht vielmehr, dass Sie hier, im Marokko-Express, Ihrem Schicksal entgegenfahren? Unser Wort dafür ist Mektub. Wir handeln nicht aus eigenem Willen. Es steht geschrieben, dass wir in einem bestimmten Augenblick in unserem Leben einen bestimmten Weg einschlagen. Überlegen Sie einmal: Wären Sie wohl jetzt hier, wenn nicht ein einschneidendes Ereignis Ihren Lebensweg drastisch geändert hätte? Wir beide wissen, dass Sie einen tiefen Sturz getan haben, konkret und bildlich gesprochen, und dass ein Weg, der glatt und eben vor ihnen lag, zu Ende ist. Sie schnappen nach Luft? Nein, natürlich sage ich so etwas nicht aufs Geratewohl. Es liegt doch gewiss nahe, über eine junge Engländerin, die auf eine geheimnisvolle Anzeige in einer Zeitschrift schreibt, gewisse Erkundigungen einzuziehen …“

„Sie wissen also ganz genau, wer ich bin.“ Es traf sie tief. Sie hatte das Gefühl, als hätte er rücksichtslos einen Vorhang beiseitegezogen und sie ganz und gar entblößt. Die grünen Augen funkelten. Der Blick, der sie traf, schien sie auszuziehen, und sie hasste ihn dafür.

„Ja, glauben Sie wirklich, man hätte Sie nur auf Ihre schönen Augen hin eingeladen?“, fragte er mit einer Spur von Verachtung in der Stimme. „Sie sind eine gut aussehende junge Frau. Dass Sie nur aus Langeweile einen Job suchen, schien uns unwahrscheinlich. Ich habe sofort etwas anderes in Ihren Zeilen gewittert als den Wunsch, Gesellschafterin zu werden. Worauf sind Sie aus? Können Sie das Leben ohne Flitter, ohne Luxus, nicht ertragen? Sind Sie davongerannt vor der nüchternen Wirklichkeit? Das Spielpüppchen, das Angst hat, erwachsen zu werden?“

„Was – was fällt Ihnen ein? Ich war kein Spielpüppchen …“

„Nur ein gewisser hoch gestellter englischer Gentleman hat mit Ihnen spielen dürfen, nicht wahr?“

„Sie scheinen aber auch alles zu wissen.“ Ihre Fingernägel verkrampften sich in ihre Tasche. Am liebsten hätte sie ihm die Augen ausgekratzt. Denn dieser durchdringende Blick hatte sie durchschaut. Unter der kühlen, distanzierten Fassade war sie ja wirklich nur ein verzweifeltes kleines Mädchen, das Angst vor der tristen, grausamen Wirklichkeit hatte.

Sie deutete mit einer trotzigen Gebärde auf ihren linken Fuß. „Aber das da haben Sie sicher nicht gewusst, sonst wäre ich nicht hier. Wie werden Sie seiner Hoheit erklären, dass sie ihm eine lahme Ente ins Zelt bringen? Ein Mädchen, das sich nicht bloß mal eben den Fuß verstaucht hat, sondern immer einen Hinkefuß behalten wird. Sicher sollten Sie doch Ihrem Herrn nur vollkommene Exemplare bringen? Was sagen Sie jetzt? Da hat der hochnäsige Lakai aber kräftig danebengegriffen …“

Aber zu ihrer Enttäuschung schien dieser Ausbruch ihn ganz und gar nicht aus der Fassung gebracht zu haben. Er ließ seinen Blick gleichmütig an ihrem linken Bein entlangwandern und stellte lässig fest: „Sie haben eine Laufmasche. Sind Sie so knapp bei Kasse, dass Sie sich kein Ersatzpaar leisten konnten?“

„Gehen Sie zum Teufel.“ Die schrägen grünen Augen sprühten Funken. „Allerdings habe ich den Eindruck, dass Sie schon jetzt mit ihm im Bunde sind.“

„Kezam Zabayr hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass Sie eine ziemlich spitze Zunge haben. Aber bei Ihrer Schönheit, hat er gemeint, könnte man Ihr Temperament vielleicht in Kauf nehmen.“

„Vielleicht haben Sie in Beni Zain Mittel und Wege, diesem bedauerlichen Übel abzuhelfen? Wie wäre es, wenn Sie vorlauten Haremsdamen gänzlich den Mund verbieten?“

„Das könnte in Ihrem Fall durchaus von Vorteil sein.“ Sie spürte seinen Blick und wurde dunkelrot. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. In ihrem Beruf gewöhnte man sich rasch an musternde Männeraugen. Aber dieser Blick hier war etwas anderes. Er war ein Eindringen in ihre Privatsphäre.

„Wir zeigen unseren Frauen, wo ihr Platz ist“, gab ihr Begleiter ungerührt zurück.

„Nämlich unter der Knute ihres Herrn und Meisters, nicht wahr? Aber wenn Sie glauben, Sie könnten mich zähmen, dann irren Sie sich gewaltig. Ich würde mich wehren bis zum letzten Blutstropfen.“

„Daran zweifele ich nicht. Aber du bist ja nicht für mich bestimmt, sondern für einen Wüstenfürsten.“

„Er wird sich nicht für mich entscheiden. Ich sage Ihnen doch, ich bin behindert.“ Sybil hob herausfordernd das Kinn. Das Wort klang entsetzlich, aber es war die Wahrheit. Ihre Schönheit war zerstört, nie würde sie ihren eleganten, schwingenden Gang zurückgewinnen.

„Ich habe dich beobachtet, als du den Flughafen von Casablanca verlassen hast“, erwiderte er mit seiner tiefen, rauen Stimme. Das fehlerlose Englisch klang ganz seltsam aus seinem Munde. Wo hatte der Barbar das nur gelernt? „Ich habe gesehen, dass du hinkst. Trotzdem bist du jetzt hier – auf dem Wege nach Beni Zain.“

„Sie sind nicht der Kalif. Ihnen kann es egal sein, ob ich hinke oder nicht.“

„Vielleicht wäre es dir lieber, wenn die Entscheidung bei mir läge? Ein reizvoller Gedanke. Was würdest du tun, Fremde, wenn ich es wäre, der unter sechs Bewerberinnen jeder Hautfarbe, von Gold bis Elfenbein, von Dunkelbraun bis Kühlweiß, eine Frau auszuwählen hätte? Was würdest du tun … Schreien? In Ohnmacht fallen?“

Sie biss sich auf die Lippen, die plötzlich zitterten. „Ich glaube, ich würde aus dem Zug springen.“

„Das ist kindisch. Vielleicht würde es dir sogar Spaß machen, meine Gefährtin zu sein? Du wärst nicht die erste Frau, die Gefallen an meinem Wüstenzelt fände.“

„Das glaube ich Ihnen gern. Aber für diese zweifelhafte Ehre danke ich bestens. Dann stelle ich mich doch lieber dem kritischen Auge des Kalifen.“

„Wer weiß, ob du ihm wirklich so ganz gleichgültig sein wirst … Du hast ein bezauberndes Gesicht, und das weißt du sicher auch. Allerdings pflegen wir hier im Orient zu sagen, dass ein Frauengesicht erst dann vollkommen ist, wenn es glatt und still ist wie der See zwischen den Bäumen der Oase, dessen Wasser den müden Wanderer erquickt.“

„Genau diese Abgeklärtheit wird der Kalif sicher von der Gesellschafterin erwarten, die er für seine Schwestern sucht.“

„Möglicherweise findet er es aber auch ganz anregend, dass die rothaarige Fremde eigene Meinungen hat und sich nicht scheut, sie zu vertreten.“ Er lächelte ein wenig rätselhaft. In diesem Augenblick klopfte es diskret an der Abteiltür.

Der Mann in dem traditionellen weißen Gewand der Araber, der jetzt eintrat, sprach arabisch mit ihrem Begleiter. Als sie in das stolze, dunkle Gesicht mit der Adlernase sah, fiel ihr ein, dass ihnen auf dem Bahnhof mehrere ähnlich aussehende Gestalten gefolgt waren. Der Mann hatte eine fast unterwürfige Haltung eingenommen. Auf einen Satz ihres Begleiters hin nickte er und ging rückwärts wieder hinaus auf den Gang.

„Mehmed bringt uns ein leichtes Essen. Sie müssen doch Hunger haben?“

„Ja, das stimmt“, räumte sie ein. „Wer ist Mehmed?“

„Ein Mitglied des Gefolges, das mit uns nach Beni Zain reist. In England würden Sie ihn als Butler bezeichnen. Der Unterschied besteht darin, dass dieser Mann auch mit einem Gewehr umzugehen versteht. Vergessen Sie nicht, Miss Innocence, dass wir uns in der Wüste befinden und hinter den goldenen Bergrücken und dem felsigen Urgestein alle möglichen Gefahren lauern können.“

Er deutete aus dem Fenster auf die wilde Landschaft, die an ihnen vorbeizog. Die gebräunte Hand war schlank und feingliedrig. An einem Finger steckte ein alter Wappenring. Sie schaute hinaus. Der Untergrund, auf dem sich Felsen und knorrige Bäume erhoben, war gelb und zottig wie ein Löwenfell.

„Seltsam“,

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