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ROMANA GOLD BAND 43

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Kühler Charme und heiße Küsse

1. KAPITEL

„Du siehst müde aus, James. Du arbeitest viel zu viel. Wenn du so weitermachst, wirst du noch enden wie einer von diesen … diesen …“ Ungeduldig suchte Maria Dalgleish nach dem richtigen Wort.

Um James’ Mundwinkel zuckte es. „Workaholics?“, schlug er amüsiert vor.

„Ja, mach dich nur lustig über deine arme alte Mutter. Du weißt genau, wie sehr ich dich liebe, und das nutzt du schamlos aus.“

James lächelte seiner Mutter liebevoll zu und streckte die langen Beine von sich. In einer Hand schwenkte er genießerisch ein Whiskyglas.

Perfekt, dachte er zufrieden, als er durch die großen, hohen Fenster über das wunderschöne Anwesen blickte. Um diese Tageszeit zeigte sich das wilde Schottland in seiner ganzen Pracht. Die untergehende Sonne tauchte alles in ein warmes, bernsteinfarbenes Licht und ließ die Landschaft in sämtlichen Grün- und Gelbschattierungen aufleuchten. Wie eine unbezwingbare Wächterin erhob sich am Horizont eine Bergkette, deren schroffe Gipfel in den Himmel ragten.

Doch leider hatten alle perfekten Dinge die Eigenschaft, dass man sie nur in Maßen genießen konnte. Es ist wie mit den Frauen, ging es James durch den Kopf. Früher oder später stellte sich Überdruss ein, und dann kamen Langeweile und Ruhelosigkeit auf.

„Hörst du mir überhaupt zu, James Dalgleish?“

James wandte träge den Kopf. „Ich bin ganz Ohr, Mum.“ Er trank einen Schluck Whisky und betrachtete die noch immer schöne Frau, die kerzengerade in ihrem Lieblingssessel am Kamin saß.

Obwohl Maria Dalgleish sich selbst gern als alte Frau bezeichnete, hatte sie noch nichts von ihrer jugendlichen Ausstrahlung verloren. Ihr leidenschaftliches italienisches Blut war auch nach vierzig Jahren Leben in den Highlands noch deutlich spürbar, und sie besaß eine Vitalität, wie James sie bisher noch an keiner anderen Frau erlebt hatte.

Vielleicht bin ich ja ein Muttersöhnchen, ging es ihm flüchtig durch den Kopf. Immerhin war er schon sechsunddreißig und noch immer nicht verheiratet. Im Geiste sah er sich bereits als wunderlichen alten Kauz ganz allein in diesem riesigen Gemäuer hausen. Ein wunderlicher, aber weiser alter Kauz, sagte sich James. Weise genug jedenfalls, um aus Erfahrung zu wissen, dass Frauen sich vom Geld angezogen fühlten wie die Motten vom Licht. Und lieber wollte er gar keine Frau haben als eine von ihnen. Zum Glück hatte er eine optimale Lösung für dieses Dilemma gefunden: unverbindliche Affären von zweckmäßig kurzer Dauer.

„Wie lange wirst du diesmal bleiben, James?“, riss Maria ihn aus seinen Gedanken. „Trevor will mit dir über die anstehenden Dachreparaturen reden, und außerdem findet demnächst unser alljährliches Sommerfest statt. Nein“, fügte sie energisch hinzu, als sie seinen abwehrenden Gesichtsausdruck bemerkte, „es hat gar keinen Zweck, zu versuchen, dich da herauszuwinden.“

„Habe ich irgendetwas gesagt, Mum?“

„Das brauchst du nicht. Ich sehe dir auch so an, was du denkst.“

„Ich dachte, ich bleibe eine Woche. Dann muss ich nach New York fliegen.“

„New York!“ Maria schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Diese ewige Hin- und Herfliegerei ist nicht gut für dich. Schließlich bist du kein junger Mann mehr.“

„Ich weiß, Mum.“ James schüttelte den Kopf und machte ein gespielt zerknirschtes Gesicht. „Ich werde jede Minute älter und brauche dringend eine Frau, die mir einen Haufen Kinder schenkt und auf mich aufpasst.“

Nur zu gern hätte Maria das Stichwort aufgegriffen und sich auf ihr Lieblingsthema gestürzt. Doch es war schon spät, und sie kannte ihren Sohn. Er war ein hoffnungsloser Dickkopf, und wenn er in dieser Stimmung war, würde er sich nur auf seine entwaffnend charmante Art über sie lustig machen.

„Na schön“, lenkte sie ein. Ihr Tonfall ließ jedoch erkennen, dass das Thema für sie noch lange nicht erledigt war. „Übrigens, die Campbells haben uns für morgen zum Abendessen eingeladen. Lucy ist aus Edinburgh gekommen.“

„Ach, du meine Güte!“

„Es wird sehr nett werden. Außerdem freuen sich alle immer so, dich zu sehen, wenn du hier bist.“

„Mum, ich komme hierher, um mich zu entspannen, und nicht, um hektisch von einer Einladung zur nächsten zu stürzen.“

„In diesem Teil der Welt ist überhaupt nichts hektisch, James. Und wie willst du jemals ein nettes Mädchen kennenlernen, wenn du dich weigerst, unter Menschen zu gehen?“

„Das tue ich in London zur Genüge.“

„Aber dort triffst du die falsche Sorte Mädchen“, beharrte Maria und ignorierte das ungeduldige Aufblitzen in den Augen ihres Sohnes.

„Bitte, Mum, lass uns das Thema wechseln. An diesem Punkt sind wir einfach zu unterschiedlicher Meinung.“

„Wie du willst, James. Es ist ja auch schon spät. Obwohl …“ Maria machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Obwohl?“

„Nun, da gibt es noch etwas, das dich sicher interessieren wird …“

James warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Es ist jetzt Viertel vor zehn, Mum. Eindeutig zu spät für komplizierte Ratespiele.“

„Es ist jemand ins Pfarrhaus eingezogen.“

„Was?“ James fuhr in seinem Sessel hoch und sah seine Mutter ungläubig an. Seine gelöste Feierabendstimmung war wie weggeblasen, und sein Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, den seine Mutter nur selten bei ihm sah.

„Jemand ist ins Pfarrhaus eingezogen“, wiederholte Maria und zupfte sich einige unsichtbare Flusen vom Rock.

„Wer?“

„Genau genommen weiß das keiner so genau …“

James sprang auf und begann, das Zimmer mit ausgreifenden Schritten zu durchqueren. „Warum, zum Teufel, hat Macintosh mich nicht informiert, dass das Haus verkauft worden ist?“ Sein Zorn über die Unfähigkeit des Anwalts war ihm deutlich anzusehen.

Schon seit drei Jahren war James hinter dem ehemaligen Pfarrhaus her. Er hatte all seine Überredungskünste mobilisiert, um den alten Freddie davon zu überzeugen, dass das Haus für ihn allein zu groß sei. Als das nichts half, hatte er ihm ein Kaufangebot gemacht, das weit über dem Üblichen lag, doch Freddie hatte nur gelacht, ihm noch einen Whisky eingeschenkt und sich auf nichts festlegen lassen.

James hatte vor, Dalgleish Manor in ein Luxushotel umzuwandeln. Seine Mutter sollte ins Pfarrhaus ziehen und von dort aus die Aufsicht übernehmen. Unmittelbar neben dem Herrenhaus gelegen, war es für diesen Zweck wie geschaffen.

„Das Haus ist nicht verkauft“, versuchte Maria zu James durchzudringen, doch er hörte ihr gar nicht zu.

„Als hätte ich diesem Macintosh nicht immer wieder eingeschärft, dass ich nach Freddies Tod das Haus kaufen will. Verdammt, den werde ich morgen früh …“ Er verstummte und blickte grimmig aus dem Fenster. Nicht ein einziges Mal war es ihm in den Sinn gekommen, dass er das Pfarrhaus nicht bekommen würde. Schließlich war er der ideale Käufer. Er besaß das nötige Geld, und von einem Luxushotel am Ort würde auch die Gemeinde wirtschaftlich profitieren.

Vor allem aber hatte James dabei die Zukunft seiner Mutter im Auge. Sie wirkte zwar bedeutend jünger, als sie war, und ihr Gesicht besaß noch immer die klaren, klassischen Konturen des Models, das sie einst gewesen war. Aber sie war jetzt fünfundsechzig, und James wollte nicht, dass die Verantwortung für ein Anwesen von der Größe von Dalgleish Manor weiterhin auf ihren Schultern lastete. In dem gemütlichen Pfarrhaus würde sie sich bedeutend wohler fühlen. Von dort aus könnte sie ein Auge auf alles haben, ohne sich gleichzeitig mit der Verwaltung des riesigen Besitzes herumschlagen zu müssen.

Der Gedanke, dass jemand in letzter Minute seine Pläne durchkreuzt hatte, war einfach unerträglich. Er fuhr herum und sah seine Mutter an.

„Wer hat das Haus gekauft? Bestimmt irgendeiner von diesen Spekulanten, der eine überteuerte Pension daraus machen und …“

„Du hörst mir nicht zu, James.“

„Natürlich höre ich zu. Ich tue nichts anderes, seit du mir diese Hiobsbotschaft …“

„Das Haus ist nicht verkauft!“

James machte ein entgeistertes Gesicht. „Nicht verkauft? Aber hast du nicht eben gesagt …“ Ihm fiel ein Stein vom Herzen. „Wenn es nur darum geht, dass jemand Interesse hat, mache ich mir keine Sorgen.“ Er zuckte die Schultern und schob die Hände in die Hosentaschen. Dabei rutschte der Bund etwas tiefer und ließ einen schmalen Streifen seines flachen, durchtrainierten Bauches sehen. „Wenn ich will, kann ich jeden Konkurrenten aus dem Feld schlagen“, erklärte er selbstbewusst.

„Dazu wird es keine Gelegenheit geben“, teilte Maria ihm nüchtern mit. „Freddie hat das Haus einer Verwandten vererbt.“

Was hat er getan?“

„Er hat das Haus einer Verwandten vererbt. Wir waren alle genauso überrascht wie du.“

„Aber ich dachte, er hätte keine lebenden Verwandten mehr.“

„Das kannst du ja der Frau erzählen, die vor drei Tagen dort eingezogen ist.“

„Eine Frau?“

Was könnte eine Frau veranlassen, sich im hintersten Winkel von Schottland zu verkriechen? überlegte James. Seine Mutter gehörte zu den wenigen Frauen, die je von außerhalb hierhergekommen waren, und er wusste aus ihren Erzählungen, dass sie mit den schlimmsten Befürchtungen hier angekommen war. Doch dann hatte sie sich zu ihrer eigenen Überraschung in die rauen Highlands verliebt, und mit den Jahren war sie zu einer der Säulen der eng verbundenen Gemeinde geworden.

„Valerie Ross hat den Umzugswagen vor dem Pfarrhaus vorfahren sehen“, fuhr Maria fort, „und gestern hat der alte Graeme ihr erzählt, dass eine Frau eingezogen sei. Aber mehr wusste er auch nicht.“

„Eine Frau“, wiederholte James nachdenklich. „Dann ist sie entweder eine frustrierte alte Jungfer, die darauf hofft, hier eine Lebensaufgabe zu finden, oder sie ist vor irgendetwas auf der Flucht.“

„So ein Unsinn.“ Maria betrachtete ihren Sohn mit einer Mischung aus Spott und liebevoller Nachsicht. „Und was willst du tun? Sie davon überzeugen, dass es in ihrem ureigenen Interesse liegt, dir das Haus zu verkaufen?“

„Warum nicht?“ Erst jetzt wurde James klar, wie sehr ihm dieses Projekt am Herzen lag. Sicher, er besaß ein erfolgreiches Investmentunternehmen, mit dem er ein Vermögen verdiente. Er jettete um die ganze Welt und genoss durchaus die Privilegien, die seine einflussreiche Position ihm verschaffte. Dennoch fehlte ihm etwas. Etwas, das nicht nur seinen Ehrgeiz, sondern auch seine Seele befriedigte.

Als ihm die Idee mit dem Hotel gekommen war, hatte er sofort gewusst: Das ist es! Er würde Schritt für Schritt miterleben, wie „sein Baby“ wuchs und gedieh. Und gleichzeitig könnte er das beruhigende Wissen genießen, das Beste für die Zukunft seiner Mutter getan zu haben.

Aber ohne das Pfarrhaus würde das alles nicht möglich sein.

Eine Frau.

James wusste, dass er am Ende bekommen würde, was er wollte. Eine Frau war etwas anderes als der sturköpfige Freddie oder einer von diesen rücksichtslosen Spekulanten. Mit einer Frau würde er spielend fertig werden. Selbstverständlich würde er fair und großzügig sein. Sehr großzügig sogar, wenn es sein musste.

„Ich glaube“, schloss er seine Überlegungen ab und rieb sich gedankenvoll das Kinn, „ich werde unserer neuen Nachbarin morgen früh einen kleinen Besuch abstatten.“

„Du wirst sie doch hoffentlich nicht unter Druck setzen, etwas zu tun, was sie nicht will“, ermahnte seine Mutter ihn streng.

„Aber Mum!“, protestierte James und lächelte sie unschuldig an. „Könnte ich je so etwas tun?“

Um zehn Uhr morgens am nächsten Tag fuhr James die lang gestreckte Auffahrt hinunter und atmete in tiefen Zügen die frische, saubere Sommerluft ein, die durch die geöffneten Wagenfenster hereinströmte. Es duftete nach Gras, Blumen und den nahe gelegenen Seen. Als er die Straße erreichte, bog er rechts ab und fuhr in gemächlichem Tempo die kurze Strecke zum Pfarrhaus.

Debora hörte den Wagen, bevor sie ihn sah. Kein Wunder, dachte sie gereizt. Bei der nervtötenden Stille hier ist ja jedes Geräusch meilenweit zu hören.

Vor etwa sechs Wochen hatte sie von einem ihr unbekannten Anwalt einen Brief erhalten. Darin teilte er ihr mit, dass ihr Onkel Fred, den sie nie persönlich kennengelernt hatte, gestorben war und ihr sein Haus in den schottischen Highlands vermacht hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich an einem absoluten seelischen Tiefpunkt befunden und bereits mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt, das hektische, nervenaufreibende Leben, das sie in London führte, einfach hinter sich zu lassen. Also hatte sie beschlossen, den Brief als Wink des Schicksals zu betrachten und ihr schickes Apartment in Fulham gegen ein idyllisches Haus auf dem Lande einzutauschen.

Nun war sie seit drei Tagen hier und musste sich zähneknirschend eingestehen, dass sie ihrer langen Liste von Problemen lediglich ein weiteres hinzugefügt hatte.

Durch das Küchenfenster blickte sie auf die in der Sonne flimmernde Landschaft und hielt nach dem Auto Ausschau, das sich unaufhaltsam ihrem Haus näherte.

Dabei hatte sie sich alles so schön ausgemalt. Die gesunde Landluft würde Simons angegriffener Gesundheit gut tun, und endlich würde sie genug Zeit für ihn haben. Sie würde in kleinen, urigen Läden einkaufen und dabei nett mit den Dorfbewohnern plaudern. Jeder würde ihren Namen kennen und sie freundlich begrüßen, wo immer sie hinkam.

In dem lärmenden, anonymen London war die Vorstellung ihr wie eine wahre Wohltat erschienen, doch jetzt …

Sie hasste es hier!

Nichts als Vogelgezwitscher, hin und wieder das Muhen einer Kuh und Grün, Grün, Grün, so weit das Auge reichte. Sie fühlte sich hier wie eine Außerirdische und hatte es bisher fast zwanghaft vermieden, ins Dorf zu fahren.

Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie mit ihrer Aufschiebetaktik nur erreichen würde, dass früher oder später das Dorf zu ihr kam. Und wie es aussah, näherte sich gerade Nummer eins in einem blauen Fahrzeug.

Als der Wagen auf den Hof einbog, zog Debora sich rasch vom Fenster zurück. Sie seufzte und warf einen kurzen Blick in den gemütlichen Raum neben der Küche. Simon spielte friedlich mit seinen Bauklötzchen und summte dabei fröhlich vor sich hin.

Widerstrebend ging sie zur Küchentür, die direkt auf den Hof führte, und trat hinaus.

Sie wusste, dass sie unmöglich aussah.

In London war sie stets perfekt gestylt gewesen. Ein absolutes Muss in der harten, von Männern dominierten Welt, in der sie sich bewegt hatte. Elegante Hochsteckfrisur, tadelloses Make-up und teure Designerkostüme in unauffälligen Farben. Schick und modisch, aber auf keinen Fall aufgedonnert. In der City erkannte man die Erfolgreichen an ihrem coolen Understatement.

Hier jedoch hatte sich ihr gepflegtes Äußeres innerhalb weniger Tage in Wohlgefallen aufgelöst. Sie war ungeschminkt und trug ausgeblichene Jeans, ein dunkelgrünes T-Shirt und bequeme, flache Schuhe. Das lange rote Haar hatte sie sich zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr fast bis zur Taille reichte. Wie üblich hatten sich einige rebellische Locken daraus gelöst. Nicht besonders elegant, aber praktisch.

Die Sonne blendete sie, so konnte sie lediglich erkennen, dass es sich bei dem Fahrer des Wagens um einen Mann handelte. Er hielt an und schaltete den Motor aus. Debora schirmte die Augen mit der Hand ab und beobachtete, wie er die Fahrertür öffnete und schwungvoll aus dem Wagen stieg.

In ihren grünen Augen blitzte es überrascht auf, denn ihr Besucher entsprach in keiner Weise ihrer Vorstellung von einem typischen Schotten.

Er war groß. Sehr groß sogar, und sehr dunkel. Seine gebräunte Haut schimmerte olivfarben, und er hatte volles schwarzes Haar, das sich im Nacken lockte. Er wirkte eher wie ein Südeuropäer, und alles an ihm – von der Körperhaltung bis zu den markanten Gesichtszügen – verriet Energie, Selbstbewusstsein und Souveränität.

Debora versteifte sich unwillkürlich und spürte ein Gefühl von Verachtung in sich aufsteigen. Sie hatte unzählige Geschäftsessen mit Typen wie ihm hinter sich gebracht. Männern, die in erster Linie in sich selbst verliebt waren. Die sich arrogant und rücksichtslos über alles hinwegsetzten, was ihren Zielen im Wege stand. Ein einziges Mal hatte sie den unverzeihlichen Fehler begangen, sich mit einem von ihnen einzulassen. Und nun sah man ja, wohin es sie gebracht hatte.

„Ja?“, rief sie ihm zu, ohne sich von der Stelle zu rühren. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Der Mann schlug die Autotür zu und kam lässig auf sie zu geschlendert. „Schwierige Frage“, erwiderte er gedehnt.

Er muss mindestens eins neunzig sein, dachte Debora und ärgerte sich über ihre plötzliche Nervosität. Sie selbst war eins fünfundsiebzig ohne Schuhe und daran gewöhnt, auf die meisten Männer hinabschauen zu müssen, um Blickkontakt zu halten.

Aber das war es nicht allein. Von diesem Mann ging irgendetwas Beunruhigendes aus. War es die Art, wie er sich bewegte? Oder lag es an seinen Augen? Jetzt, da er näher kam, sah sie, dass sie dunkelblau waren. Und es lag ein Ausdruck in ihnen, den sie nicht deuten konnte. Plötzlich beschlich sie ein beklommenes Gefühl angesichts der isolierten Lage des Hauses.

„Wer sind Sie, und was wollen Sie?“, fragte sie schroff.

Auch James hatte mit seiner Überraschung zu kämpfen, denn seine neue Nachbarin hatte absolut keine Ähnlichkeit mit der verschrobenen alten Jungfer, die er erwartet hatte. Gleich darauf stellte er fest, dass sie ziemlich nervös war.

Was, zum Teufel, machte eine Frau wie sie hier draußen?

Und warum verhielt sie sich so abweisend?

Sollte sie ihn nicht vielmehr begeistert hereinbitten und ihm einen Tee anbieten? Schließlich war es ausgesprochen nett von ihm, vorbeizukommen, um sie in ihrer neuen Umgebung willkommen zu heißen, oder?

„Sie sind also unser Neuzugang“, begrüßte James sie betont locker, als er schließlich vor ihr stand. „Ich muss sagen, Sie haben sich den schönsten Monat ausgesucht. Im Juni ist das Wetter hier immer phantastisch.“

Seine blauen Augen ließen sie nicht los.

Debora empfand seine Musterung als unerwünschtes Eindringen in ihre Privatsphäre.

„Ich glaube, Sie haben vergessen, mir Ihren Namen zu nennen“, sagte sie eisig.

„Sie ebenfalls“, erwiderte er trocken und fügte lächelnd hinzu: „Ich bin James Dalgleish.“ Er streckte ihr die Hand entgegen, und Debora spürte den Druck seiner langen, kräftigen Finger.

„Debora King.“ So schnell es die Höflichkeit erlaubte, entzog sie ihm wieder ihre Hand.

„Sie sind also Freddies Nichte?“

„Sie sagen es.“

„Komisch, er hat nie irgendwelche Verwandten erwähnt.“ James lächelte sie herausfordernd an.

Debora stieg vor Ärger das Blut ins Gesicht. Hielt dieser Kerl sie etwa für eine Erbschleicherin? Und musste sie daraus schließen, dass alle anderen hier ebenfalls dieser Meinung waren? Vermutlich kursierten schon wilde Gerüchte über die ominöse Frau im Pfarrhaus, die noch niemand zu Gesicht bekommen hatte.

Sie musste verrückt gewesen sein, an diesen gottverlassenen Ort zu kommen!

„Mummy?“, rief eine helle Kinderstimme aus dem Haus.

„Mein Sohn“, erklärte sie steif.

„Sie sind verheiratet?“

„Nein.“

Simons Schritte näherten sich.

„Hören Sie, ich habe ziemlich viel zu tun und …“

„Das kann ich mir vorstellen“, unterbrach James sie ungerührt. „So ein Umzug macht immer eine Heidenarbeit, nicht wahr?“ Er beobachtete, wie sie ihre schlanke Hand hob und sich einige rote Haarsträhnen aus dem Gesicht strich. „Wissen Sie was?“, schlug er vor. „Sie setzen sich hin und ruhen sich ein bisschen aus, während ich Ihnen einen Kaffee koche.“

„Ich …“

„Ich habe Durst, Mum. Und du hast dir überhaupt noch nicht meine Garage angesehen.“

„Das ist Simon“, sagte Debora, als ihr fünfjähriger Sohn neben ihr erschien und mit großen Augen zu dem fremden Besucher aufsah. „Simon, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du deine Hausschuhe anbehalten sollst? Du wirst dich nur wieder erkälten.“

Statt zu antworten, steckte Simon den Daumen in den Mund und fuhr fort, James neugierig zu mustern.

„Barfuß laufen ist viel schöner, stimmt’s?“, meinte James und ging in die Hocke, um mit dem Kleinen auf Augenhöhe zu sein.

Eigentlich war er nur gekommen, um in Erfahrung zu bringen, ob Freddies Erbin tatsächlich vorhatte, das Pfarrhaus auf Dauer zu bewohnen, und auf welche Summe er sich einstellen musste, um sie auszuzahlen. Und nun ertappte er sich dabei, dass er den Grund seines Kommens zurückhielt und stattdessen versuchte, mehr über die rothaarige Frau und ihr Kind herauszufinden.

„Hmhm“, stimmte Simon zu, ohne den Daumen aus dem Mund zu nehmen.

„Du hast eine Garage gebaut? Meinst du, ich könnte da auch meine Autos parken?“

„Haben Sie Kinder, Mr. Dalgleish?“

James blickte kurz zu ihr auf. „Nein.“

Komisch, dass mich das nicht wundert, dachte Debora. Noch immer spürte sie Bitterkeit, wenn sie an Simons Vater dachte.

„Was ist jetzt mit dem Kaffee?“ James stand auf und sah ihr ruhig in die Augen. Offenbar war er nicht gewillt, sich so einfach abwimmeln zu lassen.

Verärgert spürte Debora, wie ihr unter seinem Blick heiß wurde. Reiß dich zusammen, befahl sie sich. Und hör vor allem auf, dich so kratzbürstig zu benehmen. Irgendwann musst du dich ja doch mit den Leuten hier bekannt machen.

„Kommen Sie herein“, sagte sie endlich und rang sich ein Lächeln ab.

Mit größter Selbstverständlichkeit folgte James ihr in die Küche.

Natürlich kennt er sich hier aus, dachte Debora. In einem Kaff wie diesem kennt bestimmt jeder jeden. Obwohl er sich für etwas Besseres zu halten scheint. Wahrscheinlich ist er Rechtsanwalt, oder er leitet die Bank hier am Ort und fühlt sich allen anderen überlegen.

Als sie Simon ein Glas Saft einschenkte, fiel ihr Blick auf seine dünnen Beinchen in den weiten Shorts. Zumindest habe ich das Richtige für seine Gesundheit getan, sagte sie sich. Immerhin ein Trost, auch wenn sie ihre Entscheidung, hierherzukommen, ansonsten zutiefst bereute.

„Soll ich dir ein Video einlegen, Simes? Wie wär’s mit König der Löwen?“

Simon machte ein enttäuschtes Gesicht. „Kannst du nicht lieber mit mir spielen?“

Debora strich ihm lächelnd übers Haar. „Jetzt nicht, Schatz. Aber wenn ich einen Kaffee mit Mr. Dalgleish getrunken habe, können wir rausgehen und ein bisschen im Garten arbeiten, okay?“

Sofort hellte sich Simons Miene auf. „Ich habe Samen“, teilte er James mit wichtiger Miene mit. „Ich will nämlich Gemüse anbauen.“

„Wirklich?“ James kannte sich nicht gut mit Kindern aus, aber dieser Junge war so ernst. Und so dünn! Er sah aus, als könnte ihn ein kräftiger schottischer Windstoß mühelos umblasen. „Und welche Sorte?“

„Bohnen.“

„Gebackene Bohnen?“ James zwinkerte ihm zu, und zum ersten Mal lächelte der Kleine.

„Mit Pommes und Würstchen“, ergänzte Simon kichernd.

Debora spürte ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend und warf James einen kühlen Blick zu. „Komm jetzt, Simes, lass uns ein Video aussuchen.“ Entschlossen nahm sie ihren Sohn bei der Hand und ging mit ihm hinaus.

Als sie in die Küche zurückkam, stand der Kaffee schon auf dem Tisch. James saß mit dem Rücken zu ihr am Küchentisch und blickte durch die geöffneten Flügeltüren, die auf den Garten hinausführten.

Merkwürdig. Die ganze Zeit über war ihr das Haus deprimierend leer und verlassen vorgekommen. Doch jetzt schien dieser Fremde es ganz mit seiner Präsenz auszufüllen.

Einerseits ärgerte sie sich darüber, andererseits lenkte es sie zum ersten Mal von sich und ihren Problemen ab.

„Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, Kaffee zu machen.“

James drehte sich langsam zu ihr um, und ihre Blicke begegneten sich. Er hat wunderschöne Augen, ging es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Sie waren mitternachtsblau und von dichten schwarzen Wimpern umrahmt. Und sie beunruhigten sie mehr, als ihr lieb war.

„Kein Problem. Es ist nicht der erste Kaffee, den ich in dieser Küche koche.“

„Sie haben meinen Onkel gekannt?“ Debora setzte sich James gegenüber an den Tisch und umfasste ihren Becher mit beiden Händen.

„Jeder hier kannte Freddie. Er war so eine Art Dorforiginal, aber das wissen Sie sicher selbst. Oder nicht?“

„Sind Sie deswegen hergekommen, Mr. Dalgleish? Um herauszufinden, wer ich bin und was ich hier tue?“

„Ich heiße James. Und Sie haben recht – genau deswegen bin ich gekommen. Also? Was tun Sie hier?“

Seine Direktheit verschlug Debora den Atem. Am liebsten hätte sie ihn zum Teufel geschickt, doch der Gedanke an Simon hielt sie zurück. Ob es ihr nun gefiel oder nicht – James Dalgleish war ihr Nachbar, und sie würde in Zukunft mit ihm zurechtkommen müssen. Wenn sie ihn gleich bei der ersten Begegnung vor den Kopf stieß, würde sie weder sich noch ihrem Sohn einen Gefallen tun.

Sie zwang sich, seinen Blick zu erwidern. „Wenn Sie Onkel Fred so gut gekannt haben, sollten Sie eigentlich wissen, dass wir einander nie begegnet sind. Er und mein Vater hatten sich lange vor meiner Geburt wegen irgendeiner Sache überworfen. Danach haben sie sich nie wieder richtig versöhnt. Als ich vor einigen Wochen erfuhr, dass er mir das Haus hinterlassen hat, dachte ich, es … es wäre eine gute Idee, hierherzuziehen“, schloss sie etwas lahm.

James zog spöttisch die Brauen hoch. „Ah ja, eine gute Idee. Ich verstehe.“

Der Sarkasmus tat weh, zumal Debora selbst merkte, wie idiotisch ihre Erklärung klang.

„Und wo haben Sie vorher gewohnt, wenn ich fragen darf?“

„In London.“

„Mit einem Kind?“

„So etwas kommt vor.“

James betrachtete ihr rotes Haar, den hellen, klaren Teint, die funkelnden grünen Augen. Und aus einem unerfindlichen Grund begann er, sich auf die Verhandlungen mit ihr zu freuen.

Rein äußerlich war sie nicht sein Typ. Sie war zu groß, zu schlank, zu blass. Aber sie hatte etwas an sich, das seine Neugier weckte. Sie war eigenwillig und intelligent. Und ganz bestimmt keine Frau, die sich leicht beeinflussen ließ …

„Sind Sie fertig mit Ihrem Kaffee?“ Debora stand auf und griff bereits nach seinem Becher. „Ich möchte Sie wirklich nicht hinauswerfen, aber ich habe noch tausend Dinge zu erledigen. Und wenn ich nicht gleich bei Simon bin, macht er mir die Hölle heiß.“

Es war nicht schwer, zu erkennen, dass sie ihn so schnell wie möglich loswerden wollte. Plötzlich kam James eine Idee.

„Haben Sie hier eigentlich schon jemanden kennengelernt?“, fragte er, obwohl er die Antwort schon kannte.

Debora ging mit den beiden Bechern zur Spüle und war froh, seinem durchdringenden Blick entrinnen zu können. „Bis jetzt noch nicht.“

„Dann müssen Sie unbedingt am Sonntag zu uns kommen“, erklärte er bestimmt und stand ebenfalls auf. „Meine Mutter gibt eine Lunchparty.“

„Ich …“

„Um zwölf Uhr. Sie können das Haus nicht verfehlen. Es ist gleich das erste links.“

An der Tür drehte er sich noch einmal um und hob die Hand zu einem kurzen Gruß. Dann war er verschwunden.

2. KAPITEL

„Nun erzähl doch endlich“, drängte Lucy Campbell. „Wie ist sie?“

James zuckte die Schultern. „Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Sie ist groß, rothaarig und hat grüne Augen. Und sie hat ein Kind. Einen kleinen Sohn.“ Geistesabwesend blickte er aus dem Fenster, und wie von allein schweifte sein Blick Richtung Pfarrhaus.

Sie war nicht gekommen.

Mittlerweile war es vier Uhr nachmittags. Sie hatten schon vor Stunden gegessen, und die meisten der Gäste waren bei dem schönen Wetter in den Garten gegangen.

„James!“, beschwerte sich Lucy, die überhaupt nicht daran dachte, sich mit dieser kargen Auskunft abspeisen zu lassen.

Mit ihrer zierlichen Figur, dem blonden Haar und den blauen Augen war sie eine attraktive junge Frau. Sie war geschmackvoll und elegant gekleidet, und ihrer gepflegten Aussprache merkte man an, dass sie eine erstklassige Schule besucht hatte. Dennoch ging sie James mit ihrer affektierten Art auf die Nerven.

Ganz besonders jetzt. Mit erwartungsvoll glitzernden Augen stand sie vor ihm und konnte ihre Neugier kaum bezähmen.

„Sie scheint ganz nett zu sein“, fügte er mit gleichgültiger Miene hinzu. In Wahrheit jedoch beschäftigte Debora King seine Gedanken weit mehr, als ihm lieb war.

Lucy zog gekonnt einen Schmollmund. „Ist das alles? Sie muss dir doch irgendetwas darüber erzählt haben, warum sie mit ihrem Kind hierhergekommen ist? Soll ich dir sagen, was wir glauben?“

James brauchte nicht zu fragen, um zu wissen, dass es sich bei „wir“ um Lucy und ihre Clique ebenso klatschsüchtiger Freundinnen handelte. „Wenn es unbedingt sein muss“, erwiderte er schicksalsergeben. Er würde sie ohnehin nicht davon abhalten können.

„Vermutlich hat der Vater ihres Kindes sie ohne einen Penny sitzen lassen. Und nun, da ihr überraschenderweise dieses Haus in den Schoß gefallen ist, hat sie beschlossen, auf gut Glück hier aufzutauchen, in der Hoffnung, sich einen betuchten Mann zu angeln, der für sie und ihr Kind aufkommt.“ Lucy trank hastig ihr Glas leer und blickte James triumphierend an. Ihre Augen glänzten verräterisch.

Sie ist angetrunken, dachte James angewidert. „Ach ja?“, sagte er nur.

„Also sieh zu, dass du gut auf dich aufpasst“, warnte ihn Lucy, die insgeheim selbst hoffte, eines Tages Mrs. Dalgleish zu werden. Ihre rosa geschminkten Lippen waren zu einem einladenden Lächeln verzogen, doch in ihre Augen war ein kalter Ausdruck getreten. „Sonst zappelst du in ihrem Netz, ehe du weißt, wie dir geschieht.“

„Kann ich mir kaum vorstellen“, entgegnete James. Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, wie es wohl sein müsste, Debora King langsam zu entkleiden, ihren schlanken Körper nackt zu sehen. Vor seinem inneren Auge erschienen wohlgeformte, feste Brüste und eine lange, wilde Mähne, die offen über alabasterweiße Schultern fiel …

Seine letzte Freundin war klein, üppig und brünett gewesen. Sehr sexy und mit einer Vorliebe für teure Geschenke und Designeroutfits. Anfangs war alles wunderbar gewesen, doch nach einer Weile konnten selbst ihre beachtlichen körperlichen Reize ihn nicht mehr über ihre Oberflächlichkeit hinwegtäuschen.

„Du wirst schon sehen“, prophezeite Lucy. „Ich wette, sie hat bereits herausgefunden, dass du eine glänzende Partie bist, und jetzt überlegt sie, wie sie dich am besten einfangen kann. Ihr Männer seid so naiv. Ihr merkt so etwas immer erst dann, wenn es zu spät ist.“

„Ich vermute, du sprichst von den Männern, mit denen du schläfst, Lucy. Auf mich jedenfalls trifft deine Beschreibung definitiv nicht zu.“ Ein einziges Mal war ihm so etwas passiert, und er hatte nicht vor, diese Erfahrung zu wiederholen.

Doch von Debora King war dergleichen ohnehin nicht zu befürchten. Sie hatte eindeutig nichts weiter in ihm gesehen als einen aufdringlichen Nachbarn und ihn entsprechend eilig abgefertigt.

Ob sie wohl deswegen unentwegt seine Gedanken beschäftigte? Weil er keinen Eindruck auf sie gemacht hatte, während er es gewohnt war, dass Frauen ihn unwiderstehlich fanden?

In diesem Moment rief seine Mutter nach ihm. Es war allgemein beschlossen worden, eine Partie Krocket zu spielen, und nun versuchte sie, ihn zum Mitmachen zu überreden.

„Unter einer Bedingung“, raunte James ihr zu. „Du musst mich von dieser Lucy Campbell befreien, bevor sie mich mit ihrem hirnlosen Geplapper in den Wahnsinn treibt.“

Maria sah ihn überrascht an. „Ich dachte, du magst Lucy.“ Als sie James’ ungläubigen Gesichtsausdruck sah, fügte sie schnell hinzu: „Zumindest wusste ich nicht, dass du etwas gegen sie hast.“

James verzog geringschätzig die Lippen. „Frauen wie sie sind mir schon immer auf die Nerven gegangen. Du weißt schon: jung, reich und fürchterlich von sich eingenommen.“

Maria lächelte. „Dann bin ich ja froh, dass ich sie nicht als zukünftige Gattin für dich in Betracht gezogen habe.“

„Unserer reizenden Lucy zufolge bemüht sich schon jemand um diese Position.“

„Ach wirklich?“ Maria neigte leicht den Kopf und musterte ihren Sohn aufmerksam. „Und wer, wenn ich fragen darf?“

Um James’ Mundwinkel zuckte es amüsiert. „Komm schon, Mum. Spiel nicht den Unschuldsengel. Du willst doch nicht behaupten, du wüsstest nichts von dem neuesten Gerücht, das Lucy und ihre Clique gerade in die Welt setzen?“

„Was für ein Gerücht?“

„Dass unsere neue Nachbarin auf der Jagd nach einem reichen Ehemann sei.“

„Du glaubst es also nicht?“, erkundigte sie sich beiläufig.

James gab ein verächtliches Lachen von sich. „Keine Ahnung. Vielleicht haben sie ja recht.“

Maria waren James’ ständige Blicke zum Pfarrhaus nicht entgangen. Er hatte das Mädchen eingeladen, und es war nicht gekommen. Sie, Maria, hatte sich nichts anmerken lassen, doch ihr war aufgefallen, dass ihr Sohn ungewöhnlich verärgert darauf reagierte. Es kam nicht oft vor, dass seine Anordnungen nicht befolgt wurden. Und um Anordnungen handelte es sich meistens bei ihm, auch wenn sie noch so hübsch verpackt waren.

„Vielleicht ist sie tatsächlich auf der Suche nach einem netten, gut situierten Mann“, sinnierte Maria.

„In dem Fall wäre sie bei mir an der falschen Adresse, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht der Typ dafür ist.“ Noch immer stand ihm ihr geringschätziger Blick vor Augen, das resignierte Schulterzucken, mit dem sie sein Angebot, ihr einen Kaffee zu machen, über sich hatte ergehen lassen. „Wenn du es genau wissen willst, hat es sie schon Überwindung gekostet, mich überhaupt ins Haus zu bitten.“

„Wie schrecklich“, zog Maria ihn auf. „Und wie hast du den Schock verkraftet, dass eine Frau es gewagt hat, nicht vor dir in die Knie zu gehen?“

James protestierte empört, doch das unmerkliche Aufflackern in seinen Augen verriet ihr, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

„Mit anderen Worten, du kannst deine Pläne mit dem Pfarrhaus begraben“, bemerkte sie trocken.

„So hoffnungslos ist es auch wieder nicht.“ Tatsächlich hatte er jedoch keine Idee, wie er in dieser Sache weiterkommen sollte. Debora King schien nicht zu den Frauen zu gehören, die man dazu bringen konnte, etwas zu tun, was sie nicht wollten.

„Nun, James, wenn sie dich nicht mag, wird sie dir kaum ein Haus verkaufen, für das sie Hunderte von Meilen gereist ist.“

Ein Versuch kann trotzdem nicht schaden, dachte er. Das Pfarrhaus war zwar wunderschön, aber alt und renovierungsbedürftig. Wenn es ihm gelang, sie etwas besser kennenzulernen, könnte er ihr durch einige geschickt angebrachte Bemerkungen zu verstehen geben, dass es wesentlich vorteilhafter für sie wäre, diese Probleme jemand anderem zu überlassen …

„Warten wir es ab“, erwiderte er unbestimmt. „Was ist jetzt mit diesem verdammten Krocketspiel?“

Gegen sechs Uhr hatten sich die letzten Gäste verabschiedet. Um kurz nach acht beendeten James und seine Mutter ihr Abendessen.

Normalerweise hätten sie es sich jetzt im Wohnzimmer gemütlich gemacht und den hektischen Tag langsam ausklingen lassen, doch James fühlte sich zunehmend von einer inneren Unruhe ergriffen. Wie von weit her drang die Stimme seiner Mutter an sein Ohr, während er in Gedanken ganz woanders war.

Was, wenn Debora King sich als ebenso dickköpfig erwies wie ihr Onkel Freddie?

Je länger er darüber nachgrübelte, umso gereizter wurde er. Mit gerunzelter Stirn saß er da und bemerkte seine Abwesenheit erst, als seine Mutter ihn fragend anblickte.

„Entschuldige, Mum, was hast du gesagt?“

„Dasselbe, was ich dir schon hundertmal gesagt habe. Wir brauchen das Pfarrhaus doch nicht wirklich, James. Wenn Dalgleish Manor erst in ein Hotel umgewandelt ist, könnte ich genauso gut in einer der Suiten wohnen.“

„Und deine Mahlzeiten mit Horden von Hotelgästen einnehmen?“ James’ Gesichtsausdruck zeigte deutlich, was er von ihrem Vorschlag hielt. „Wenn du in den Garten gehst, wirst du ständig über wildfremde Menschen stolpern, und deinen Abenddrink wird dir ein überarbeiteter Kellner servieren.“ Er stieß empört die Luft aus. „Nein, bevor ich dich einer solchen Situation aussetze, gebe ich lieber den ganzen Plan auf.“

„Was glaubst du, warum Miss King nicht zu unserer kleinen Party gekommen ist?“, wechselte Maria unvermittelt das Thema.

James zuckte die Schultern. „Vielleicht hatte sie Angst, so vielen Fremden auf einmal zu begegnen. Obwohl …“ Er machte eine kurze Pause, dann fügte er hinzu: „Höchstwahrscheinlich wäre es genau umgekehrt gewesen. Sie wäre diejenige gewesen, die die anderen eingeschüchtert hätte.“

„Diese junge Frau hat dich ziemlich beeindruckt, nicht wahr?“

„Das werde ich dir morgen sagen“, erklärte er. Dann stand er auf und streckte sich ausgiebig.

„Und warum ausgerechnet morgen?“

„Weil ich vorhabe, noch kurz bei Miss King vorbeizuschauen und herauszufinden, warum sie nicht erschienen ist, obwohl ich sie ausdrücklich eingeladen habe.“

„Du bist ganz schön gekränkt, stimmt’s?“, sagte Maria ihm auf den Kopf zu.

„Überhaupt nicht“, log James. „Es geht mir nur um das Haus. Leider befürchte ich, dass ich sie mit Geld nicht locken kann. Den wenigen Möbelstücken nach zu urteilen, die ich von ihr gesehen habe, scheint sie nicht unter Finanzproblemen zu leiden. Also muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, damit sie verkauft.“

„Na, das klingt doch, als wäre es ein Kinderspiel“, sagte Maria, und dabei lag ein nachdenklicher Ausdruck in ihren dunklen Augen.

Wenig später war James auf dem Weg zum Pfarrhaus. Es war bereits nach neun, und ihm war klar, dass Debora King ihn nicht mit offenen Armen empfangen würde. Wenn er Pech hatte, hatte sie sich schon schlafen gelegt. Dennoch war er nicht bereit, seinen Besuch bei ihr zu verschieben.

Als er auf den Hof fuhr, stellte er erleichtert fest, dass im Haus noch Licht brannte. Er schaltete den Motor aus und blieb noch einige Minuten im Auto sitzen, bevor er ausstieg. Dann ging er zur Hintertür, die direkt in die Küche führte.

Debora war oben, als sie sein energisches Klopfen hörte. Ihr ganzer Körper versteifte sich vor Ärger. Sie hatte gerade Simon ins Bett gebracht, und nach dem höllischen Tag, der hinter ihr lag, war eine Begegnung mit James Dalgleish so ziemlich das Letzte, wonach ihr der Sinn stand. Und er war es, da war sie ganz sicher. Sie war nicht zu seiner albernen Lunchparty erschienen, und nun war er gekommen, um sie deswegen zur Rede zu stellen.

Sie überlegte kurz, ob sie sein Klopfen einfach ignorieren sollte, doch dann fiel ihr ein, wie er am Vortag so lange vor der Tür stehen geblieben war, bis sie ihn hereingebeten hatte. Diesem Kerl war es zuzutrauen, dass er so lange Lärm schlug, bis Simon davon aufwachte.

Ohne sich die Zeit zu nehmen, noch einen Blick in den Spiegel zu werfen, eilte sie die Treppe hinunter. Vor einer Stunde hatte sie sich das Haar gewaschen. Es war immer noch feucht und fiel ihr in ungezähmten Locken über die Schultern. Statt der üblichen Jeans trug sie einen bequemen grauen Rock aus weichem, fließendem Material, der ihr fast bis zu den Knöcheln reichte. Das gerippte graue Oberteil schmiegte sich eng an ihren Oberkörper und endete knapp über dem Rockbund.

Als sie die Tür aufmachte, stand ihr der Ärger deutlich ins Gesicht geschrieben. „Ist Ihnen vielleicht der Gedanke gekommen, dass ich schon schlafen könnte?“, fuhr sie James zur Begrüßung an.

Dummerweise hatte sie vergessen, wie attraktiv er war. Als er nun vor ihr stand, die untergehende Sonne im Hintergrund, verschlug es ihr für einen Moment den Atem.

Er sah einfach umwerfend aus. Seine tief gebräunte Haut wirkte im warmen Sonnenlicht noch dunkler. Die oberen Knöpfe seines cremefarbenen Hemds standen offen, die Ärmel waren aufgekrempelt und entblößten seine schlanken, muskulösen Unterarme. Debora atmete tief durch, um ihren Kopf wieder klar zu bekommen.

„Ehrlich gesagt, nein“, antwortete James gelassen.

„Es ist nach neun Uhr abends!“, wies sie ihn scharf zurecht. Es machte sie wütend, dass ihr Körper so stark auf ihn reagierte.

„Heißt das, dass Sie normalerweise um neun Uhr ins Bett gehen?“

„Was wollen Sie?“

„Nichts für ungut, Miss King, aber ich bin jetzt zum zweiten Mal hier, und beide Male haben Sie mich ausgesprochen feindselig empfangen. Liegt das an mir persönlich oder haben Sie etwas gegen die Menschheit im Allgemeinen?“

Er bemerkte ihren betroffenen Gesichtsausdruck, und bevor sie etwas Passendes erwidern konnte, fuhr er fort: „Ich denke, es ist die Menschheit im Allgemeinen. Anders kann ich mir nämlich nicht erklären, warum Sie sich in ihren vier Wänden verschanzen und die Menschen vor den Kopf stoßen, in deren Gemeinschaft sie zu leben beschlossen haben.“

„Ich wüsste nicht, dass ich Sie um Ihre Meinung gebeten hätte“, erwiderte Debora kühl, doch das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

„Auch wenn es Sie höchstwahrscheinlich nicht interessiert, aber meine Mutter hatte sich ehrlich darauf gefreut, Sie kennenzulernen. Sie war ziemlich enttäuscht, als Sie nicht gekommen sind.“

Deboras Wangen brannten vor Scham. Ob sie James Dalgleish enttäuschte oder nicht, war ihr völlig egal, aber sie hatte nicht bedacht, dass sie durch ihr Fernbleiben auch andere verletzen könnte.

James sah, wie sie sich vor Unbehagen wand, und beschloss, seinen Vorteil zu nutzen. „Sie hat sich Sorgen gemacht, Sie könnten vielleicht krank geworden sein. Das Pfarrhaus liegt ziemlich isoliert, und sie hat befürchtet, dass Sie vielleicht Hilfe benötigen und niemanden anrufen können, weil Ihr Telefon noch nicht angeschlossen ist.“

„Ich … doch … ja, es ist angeschlossen. Schon wegen Simon …“

„Ich verstehe. Wie auch immer, sie war jedenfalls ziemlich beunruhigt.“

Ein bedrückendes Schweigen breitete sich aus.

James fragte sich, ob er vielleicht zu dick aufgetragen hatte. Doch was blieb ihm anderes übrig? Wenn er das Haus bekommen wollte, durfte er nicht zulassen, dass sie ihm jedes Mal, wenn er kam, die Tür vor der Nase zuschlug. Abgesehen davon widersprach es seiner Natur, sich überhaupt von jemandem die Tür vor der Nase zuschlagen zu lassen.

„Hören Sie, es tut mir leid, dass …“

„Es wird ein bisschen kühl hier draußen“, fiel James ihr ins Wort. „Tja, so ist das mit dem schottischen Sommer. Den ganzen Tag über scheint die Sonne, aber nachts wird es empfindlich kalt. Wie auch immer, ich wollte mich nur vergewissern, dass bei Ihnen alles in Ordnung ist.“ Er wandte sich zum Gehen und fragte sich gespannt, ob ihre Gewissensbisse wohl groß genug waren, um ihn zurückzuhalten.

Es funktionierte.

Debora trat zur Seite und bat ihn herein. Nicht gerade begeistert, aber immerhin.

„Tee? Kaffee?“, fragte sie, als sie die Küche betraten. „Oder möchten Sie lieber etwas Stärkeres?“

„Kaffee ist genau richtig.“

„Ich möchte Sie noch einmal um Entschuldigung bitten, weil ich nicht zur Lunchparty Ihrer Mutter gekommen bin“, begann Debora, während sie Kaffeepulver in die Tassen gab. „Leider konnte ich nicht, aber ich hoffe, Sie hatten alle einen schönen Tag.“ Zum Glück stand sie mit dem Rücken zu ihm, sodass er ihr Gesicht nicht sehen konnte.

„Sie konnten nicht?“

Schweigend füllte Debora kochendes Wasser in die Tassen und gab einen Schuss H-Milch direkt aus der Packung dazu. Die frische Milch war ihr ausgegangen. Lange würde sie den gefürchteten Gang ins Dorf nicht mehr vor sich herschieben können. Und nicht nur das. Sie durfte ihre Abneigung gegen die neue Umgebung nicht auf die Menschen übertragen, die hier lebten. Denn wenn sie das tat, würde sich ihr Leben zu einem noch größeren Albtraum entwickeln, als es ohnehin schon der Fall war.

„Simon ging es nicht gut“, teilte sie ihm zögernd mit. Sie stellte eine Tasse Kaffee vor ihn hin, dann setzte sie sich ans andere Ende des Tisches. So konnte sie ihn im Auge behalten, ohne dass seine körperliche Nähe sie aus dem Konzept brachte.

„Das tut mir leid“, sagte James betroffen. „Was war denn mit ihm?“ Erst jetzt fiel ihm auf, wie erschöpft sie aussah. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten.

„Er leidet an einer chronischen Infektion der Atemwege. Manchmal kann es ziemlich schlimm werden, und heute war wieder so ein Tag.“ Debora trank einen Schluck Kaffee und vermied es, dem eindringlichen Blick seiner blauen Augen zu begegnen.

„Ich werde Tom Jenkins bitten, vorbeizukommen und ihn sich einmal anzusehen. Er ist der Arzt hier.“

„Danke, aber das ist nicht nötig. Als er einschlief, ging es ihm schon wieder viel besser. Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich nicht kommen konnte.“

„Sie hätten vorbeikommen und mich holen sollen.“

Was rede ich da? fragte James sich ungläubig.

„Danke, aber ich brauche keinen Ritter in schimmernder Rüstung, um mit Simon klarzukommen. Ich habe es in den vergangenen fünf Jahren allein geschafft, und so wird es auch in Zukunft sein.“

„Ich hatte nicht vor, mich als Ritter in schimmernder Rüstung anzudienen“, erwiderte James kühl. „Aber da ich zurzeit die einzige Person bin, die Sie hier kennen, wäre es naheliegend, sich an mich zu wenden, wenn Sie Hilfe brauchen.“

„Wie ich schon sagte, Mr. Dalgleish, ich brauche keine Hilfe. Hören Sie, ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen und wollte mir gerade ein Sandwich machen. Ich nehme an, Sie haben Besseres zu tun, als …“

„Bleiben Sie sitzen.“

„Wie bitte?“ Debora machte ein ungläubiges Gesicht. „Kann sein, dass ich mich verhört habe, aber ich hatte den Eindruck, Sie hätten mir soeben befohlen, sitzen zu bleiben.“

„Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem ausgezeichneten Gehör“, erwiderte James ungerührt.

Debora wollte empört aufstehen, doch James war schneller. Blitzschnell war er bei ihr. Mit der einen Hand umfasste er die Lehne ihres Stuhls, die andere legte er auf den Tisch, sodass sie zwischen seinen Armen gefangen war.

Debora fühlte Panik in sich aufsteigen. „Was haben Sie vor?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Ich will nur sichergehen, dass Sie auch meinen Anweisungen folgen. Bleiben Sie einfach sitzen, und ich mache Ihnen ein Sandwich. Sie müssen mir nur sagen, welchen Belag Sie haben wollen und wo ich das Brot finde.“

„Ich …“

„Sie sehen völlig erledigt aus. Anscheinend hatten Sie einen harten Tag. Bitte tun Sie, was ich Ihnen sage.“

Ihre Blicke trafen sich, und bestürzt stellte Debora fest, dass sie den Blick nicht von ihm abwenden konnte. Er war ihr so nah, dass sie seinen frischen männlichen Duft wahrnahm.

Ein Teil von ihr sehnte sich danach, der süßen Schwäche nachzugeben, die sich in ihr ausbreitete, und sich einfach an seine breite Schulter zu lehnen. Doch dann riss sie sich zusammen und besann sich auf ihren Stolz. Sie brauchte keine Fürsorge. Und erst recht hatte sie es nicht nötig, sich von einem völlig Fremden herumkommandieren zu lassen. Selbst dann nicht, wenn es in guter Absicht geschah. Seit sie ein junges Mädchen gewesen war, hatte sie für sich selbst gesorgt und war stets allein mit ihren Problemen fertig geworden. Sie hatte ihre Schwangerschaft allein durchgestanden, Simons Geburt und die letzten fünf Jahre als alleinerziehende Mutter.

„Also gut, meinetwegen“, gab sie widerwillig nach, nur damit er sie von seiner verwirrenden Nähe befreite.

„Na also“, sagte er zufrieden und richtete sich auf. „Wo ist das Brot?“

„Im Brotkasten auf der Anrichte.“

James warf einen Blick darauf und verzog das Gesicht. „Es ist verschimmelt“, verkündete er und hielt die Plastiktüte hoch.

Unwillkürlich musste Debora lächeln. „Haben Sie überhaupt schon einmal ein Sandwich gemacht?“ Irgendwie schien er ihr nicht der Typ dafür zu sein.

„Zufällig bin ich ein erstklassiger Koch. Sagen Sie, gibt es irgendwo noch ein anderes Brot? Nein? Auch gut, dann muss ich eben improvisieren“, meinte er und warf den Beutel in den Mülleimer.

„Wirklich, Sie müssen das nicht machen“, protestierte Debora der Form halber. Im Stillen musste sie sich jedoch eingestehen, dass es unendlich gut tat, die Beine von sich zu strecken und sich zur Abwechslung einmal umsorgen zu lassen.

„Erzählen Sie mir von London“, forderte James sie auf. Er holte ein Holzbrett hervor und begann, aus dem Gemüsekorb auf der Anrichte die wenigen noch brauchbaren Reste herauszufischen.

„Wer hat Ihnen das Kochen beigebracht?“

James warf ihr einen schnellen Blick zu. Sie hatte den Kopf zurückgelegt und die Augen geschlossen. Zum ersten Mal, seit er hier war, spürte er so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Es war schon spät, und er hatte ihr seine Gesellschaft regelrecht aufgedrängt. Doch dann sagte er sich, dass sie sich in jedem Fall etwas zu essen gemacht hätte. Wenn er es recht bedachte, konnte sie sich sogar glücklich schätzen. Denn immerhin war er, James Dalgleish, im Begriff, ein Pastagericht für sie zu kochen, was er bisher noch für keine Frau getan hatte.

„Meine Mutter“, antwortete er. „Sie ist Italienerin und sehr stolz auf ihre Kochkünste. Sobald ich ein Messer halten konnte, hat sie mir alle möglichen Sachen zum klein schneiden in die Hand gedrückt.“

Wieder blickte er zu ihr hinüber und sah, dass sie inzwischen die Augen geöffnet hatte und ihn beobachtete. Es war für ihn nichts Neues, dass Frauen ihn anstarrten. Umso mehr erstaunte es ihn, festzustellen, dass ihr Blick ihn verunsicherte.

„Ist Ihre Mutter Köchin?“

James lachte. „Nein, sie war Fotomodell. Sie stammt aus Neapel und hat meinen Vater in London kennengelernt. Die beiden verliebten sich auf den ersten Blick ineinander, und kurze Zeit später heirateten sie. Es war eine Riesensensation, als mein Vater sie hierherbrachte. Niemand hier hatte je zuvor eine waschechte Italienerin gesehen. Meine Mutter genoss es in vollen Zügen, ein wenig Glanz und Leben hier hereinzubringen. Sie veranstaltete große Partys, brachte den Frauen bei, wie man hausgemachte Pasta macht, und nach einer Weile fraßen ihr alle aus der Hand.“

Debora spürte einen seltsamen Stich im Herzen. Sie hatte zwar keine sehr hohe Meinung von diesem Mann, aber offensichtlich hing er sehr an seiner Mutter, und das sprach deutlich für ihn.

„Normalerweise ist es doch so, dass die Frau zu Hause bleibt und kocht, während der Mann tut, was ihm passt“, bemerkte Debora, während sie fasziniert zusah, wie er geschickt in ihrer Küche hantierte, als hätte er nie etwas anderes getan.

James warf ihr einen schnellen Blick zu. „Ist das Ihre Erfahrung?“, fragte er beiläufig.

Der Gedanke, mehr über sie herauszufinden, zu erfahren, was hinter ihrer defensiven Fassade vor sich ging, elektrisierte ihn immer mehr. Er musste sich nachdrücklich daran erinnern, weswegen er eigentlich hier war.

„Sind Sie verheiratet?“, erkundigte Debora sich unvermittelt. „In dem Fall würde es mich nämlich interessieren, was Ihre Frau davon hält, dass Sie zu dieser späten Stunde für mich kochen.“

James’ Züge wurden hart. „Wollen Sie mich beleidigen? Wäre ich verheiratet, wäre ich nicht hier, sondern bei meiner Frau.“

Bei meiner Frau.

Die Art, wie er es sagte – besitzergreifend und mit typisch männlicher Selbstverständlichkeit –, hätte Debora normalerweise auf die Barrikaden getrieben. Stattdessen fühlte sie, wie eine brennende Hitze sie durchströmte.

„Wie auch immer“, wechselte sie schnell das Thema. „Es riecht jedenfalls köstlich.“

„Und es wird noch besser schmecken“, versicherte James ihr.

Einige Minuten später füllte er einen Teller mit den Spaghetti, die er zuvor unter Deboras spärlichen Lebensmittelvorräten entdeckt hatte, und goss die verführerisch duftende Sauce darüber. „So, jetzt wird gegessen“, ordnete er an und stellte den Teller vor sie hin.

„Es macht Ihnen Spaß, Befehle zu erteilen, nicht wahr?“ Das Wasser lief Debora im Mund zusammen, und sie machte sich heißhungrig über das Essen her. Erst nachdem sie ihren Teller bis auf den letzten Rest leer gegessen hatte, merkte sie, wie hungrig sie gewesen war.

„Das Wort Befehl klingt so unfreundlich. Wie wär’s mit gute Ratschläge?“

„Und lassen Sie alle Leute hier in den Genuss Ihrer guten Ratschläge kommen?“

„Warum sollte ich?“

Debora zuckte die Schultern. „Weil Sie hier wohnen.“

„Meine Mutter wohnt hier. Ich besuche sie zwar regelmäßig, aber leben und arbeiten tue ich in London.“

„Verstehe.“

James war nicht entgangen, dass bei seiner letzten Bemerkung ihr Gesicht einen abweisenden Ausdruck genommen hatte.

Sie stand auf und trug ihren Teller und das Besteck zur Spüle. Schweigend wusch sie das Geschirr ab und stellte es aufs Abtropfbrett.

„Was meinen Sie damit?“, erkundigte er sich irritiert.

Sie drehte sich zu ihm um und stützte sich mit beiden Händen an der Spüle ab. „Ich hatte gleich das Gefühl, dass Sie für diese Gegend ein wenig zu … weltgewandt sind.“

„Ist das als Kompliment gemeint?“

„Eigentlich nicht, aber von mir aus können Sie es auffassen, wie Sie wollen.“

James stand auf und schob die Hände in die Hosentaschen. „Ihre offensichtliche Abneigung gegen weltgewandte Männer hat nicht zufällig etwas mit Simons Vater zu tun?“

Ein eisiges Schweigen breitete sich aus.

Am liebsten hätte Debora ihn auf der Stelle hinausgeworfen, doch dann erinnerte sie sich daran, dass dieser Mann ihr soeben ein köstliches Abendessen gekocht hatte. „Vielen Dank für das hervorragende Essen“, brachte sie mühsam hervor und rang sich ein Lächeln ab.

Zu ihrem Entsetzen kam James langsam auf sie zu. Mit jedem seiner Schritte wuchs ihre innere Anspannung. Als er unmittelbar vor ihr stand, beugte er sich vor und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, erinnerte er sie sanft.

Debora glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Das muss ich auch nicht!“, begehrte sie zornig auf. „Mein Leben geht Sie nichts an. Ich lege sehr viel Wert auf meine Privatsphäre, und daran möchte ich auch nichts ändern.“

„Dann war es ein Fehler, hierherzuziehen, Miss King. Ich bin nämlich fest entschlossen, Ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen.“

Unvermittelt richtete er sich wieder auf und ging zur Tür. „Wir sehen uns noch“, sagte er, bevor er ging.

Und genauso meinte er es auch. Debora King war eine echte Herausforderung, und Herausforderungen hatte James Dalgleish noch nie widerstehen können.

3. KAPITEL

Vor dem atemberaubenden Hintergrund der Berge bot das Dorf einen äußerst malerischen Anblick. Debora fuhr die gewundene Landstraße entlang, wobei sie immer wieder einen prüfenden Blick auf die Umgebungskarte warf, die neben ihr auf dem Beifahrersitz lag.

Simon saß hinten in seinem Kindersitz und presste das kleine Gesicht gegen das Wagenfenster. Er war so fasziniert, dass er ganz vergaß, wie üblich am Daumen zu lutschen.

Auch Debora konnte sich dem Zauber der Landschaft nicht entziehen. Gelegentlich machte die Straße eine unerwartete Biegung und gab den Blick auf eine in der Ferne glitzernde Wasserfläche frei. Sie hatte keine Ahnung, ob es sich dabei um eine Flussmündung oder einen See handelte.

Doch je spektakulärer die Landschaft wurde, umso mehr sehnte sie sich nach dem Dschungel der Großstadt, nach seinem vertrauten Lärm und Smog, in dem sie die sechsundzwanzig Jahre ihres bisherigen Lebens verbracht hatte.

Kurz bevor sie das Dorf erreichten, überlegte Debora, ob sie nicht doch bis zur nächsten größeren Stadt durchfahren sollte.

In diesem Moment begann Simon zu quengeln. „Ich hab Durst, Mum.“

Das gab den Ausschlag. „Okay“, seufzte sie. „Bringen wir es hinter uns.“

Es stellte sich heraus, dass das „Dorf“ eine richtige kleine Stadt war. Nachdem sie eine Weile der Hauptstraße gefolgt waren, erreichten sie das Zentrum. Vor einem Platz, in dessen Mitte ein Denkmal stand, befand sich eine Reihe von Parkbuchten, von denen die meisten bereits besetzt waren. Um den Platz herum gab es zahlreiche Geschäfte, die größer und moderner waren, als Debora es erwartet hatte.

Sie parkte ihr kleines schwarzes Auto zwischen einem Geländewagen und einem verbeulten Pick-up. Sie stieg aus, öffnete die hintere Tür und nahm Simon von seinem Sitz. Dann blickte sie sich interessiert um. Vielleicht wird es ja doch nicht so schrecklich, wie ich dachte, überlegte sie.

„Was meinst du, Simes? Wollen wir uns zuerst ein schönes Eis gönnen, bevor wir in den Supermarkt gehen?“

Simon stimmte begeistert zu. Debora nahm ihn bei der Hand und steuerte das nächste Café an. Allmählich begann die innere Anspannung von ihr abzufallen. Dies war zwar nicht gerade die große, weite Welt, aber zumindest würde sie nicht gleich jeder als „die Neue aus dem Pfarrhaus“ identifizieren.

Wie sehr sie sich da täuschte, sollte sie gleich darauf erfahren. Denn sobald sie das Café betrat, verstummten die Gespräche ringsum, und sämtliche Köpfe drehten sich in ihre Richtung.

Eine Gruppe von sechs älteren Damen, die an einem Tisch beim Fenster saß, schien besonders interessiert zu sein.

Debora rang sich ein Lächeln ab und wandte sich an die Bedienung, die hinter einer altmodischen Holztheke stand. Es war ein junges Mädchen mit einem frischen, rosigen Gesicht.

„Haben Sie noch einen freien Tisch für zwei Personen?“, erkundigte sie sich verlegen. Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder und fragte sich bestürzt, wo die selbstbewusste Karrierefrau geblieben war, die sie noch vor wenigen Wochen gewesen war.

„Sie müssen das neue Mädchen aus dem Pfarrhaus sein!“, hörte sie plötzlich eine forsche Stimme hinter sich. Debora verharrte mitten in der Bewegung und drehte sich um.

Sechs Augenpaare blickten ihr erwartungsvoll entgegen.

„Wir konnten es kaum noch erwarten, Sie endlich kennenzulernen! Stimmt’s, meine Damen?“

Allgemeines Kopfnicken und zustimmendes Gemurmel.

„Kommen Sie zu uns, meine Liebe, damit wir Sie und ihren bezaubernden kleinen Sohn richtig anschauen können!“

Debora warf der jungen Frau hinter dem Tresen einen Hilfe suchenden Blick zu, der mit einem mitfühlenden Lächeln erwidert wurde. Dann straffte sie die Schultern und begab sich in die Höhle des Löwen.

Nach einer Weile wusste Debora nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Alle redeten gleichzeitig auf sie ein und bestürmten sie mit Fragen.

„Bestimmt können Sie sich denken, wie neugierig wir auf Freddies Verwandte waren. Mit keiner Silbe hat der alte Schwerenöter erwähnt, dass er eine Nichte hat.“

„Sie armes Ding! Bei dem großen, alten Haus sind Sie sicher in Arbeit erstickt, nicht wahr?“

„Ist das der Grund, warum wir Sie nicht schon früher in der Stadt entdeckt haben?“

„Ich …“

„Und wie heißt du, mein Kleiner? Du bist doch sicher hier, weil du ein Eis haben möchtest. Du hast Glück, denn hier gibt es das beste Eis von ganz Schottland!“

„Du musst es ja wissen, Angela. Schließlich isst du viel mehr davon, als gut für dich wäre.“

„Wie ist es, meine Liebe, warum holen Sie sich nicht einen Stuhl? Dann können wir alle gemütlich miteinander plaudern.“

„Ich …“ Debora befeuchtete nervös ihre trockenen Lippen.

Eine der alten Damen bot Simon lächelnd einen Keks an. Zögernd griff er zu und begann, sich mit seiner hellen Kinderstimme mit ihr zu unterhalten.

„Vielleicht können Sie uns ja helfen, Miss King. Wir sprechen gerade über das Sommerfest in Dalgleish Manor. Ein paar frische Ideen könnten da nicht schaden, was meint ihr, meine Damen?“

„Sieh mal einer an!“, ertönte plötzlich eine wohlbekannte Männerstimme hinter Deboras Rücken.

Hitze durchflutete sie, und ihr Puls beschleunigte sich schlagartig.

„Wie ich sehe, hat unser Club der Hexen Sie bereits in seinen Fängen.“

Die sechs Damen strahlten und kicherten wie Schulmädchen.

Mit einem amüsierten Lächeln wandte James sich an Debora. „Ich glaube, ich muss Sie warnen. Diese Ladies sind gefährlich. Sie können von Glück sagen, wenn es Ihnen gelingt, heil hier herauszukommen.“

„Also wirklich, junger Mann, ich muss schon sehr bitten!“

„Wo ist deine Mutter, James? Sie wollte um elf Uhr hier sein. Die erste Kanne Tee hat sie bereits verpasst.“

„Es gibt Probleme mit einem der Gärtner. Seine Tochter musste ins Krankenhaus.“

„Das muss die junge Emma sein. Das arme Ding bekommt ein Baby.“

Einem der Gärtner?

Debora hatte schon vermutet, dass James Dalgleish wohlhabend war, doch nun fragte sie sich beklommen, wie groß sein Haus wohl sein mochte, wenn er mehr als einen Gärtner beschäftigte. Er stand so dicht neben ihr, dass sie seinen warmen Atem an ihrer Wange spüren konnte.

Plötzlich wünschte sie sich weit weg.

„Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen … Ich … ich muss noch sehr viel erledigen, bevor ich nach Hause fahre, und …“

James lachte leise. „Nun habt ihr sie verschreckt.“

Wunderbar! Jetzt machte er sich auch noch auf ihre Kosten lustig.

„Machen Sie sich nicht lächerlich!“, fuhr Debora ihn an, doch das empörte Blitzen in ihren Augen schien ihn überhaupt nicht zu beeindrucken. Er verzog nur belustigt die Lippen und wich keinen Zentimeter zurück.

Hastig wandte Debora sich wieder den Frauen zu. James’ körperliche Nähe brachte sie völlig aus dem Konzept, und sie war sich ihrer glühenden Wangen nur allzu sehr bewusst.

„Ich möchte wirklich nicht unhöflich sein, aber ich muss noch in die Apotheke, um ein paar Medikamente für Simon zu besorgen.“

„Oh, der arme Kleine! Was hat er denn?“

„Er hat Probleme mit den Atemwegen“, erklärte Debora und blickte zu Simon.

Der schien die ganze Situation zu genießen und sonnte sich sichtlich in der Aufmerksamkeit, die ihm von allen Seiten zuteilwurde.

„Dann sind Sie sicher wegen unserer guten, gesunden Luft hierhergekommen, nicht wahr?“, erkundigte sich eine der alten Damen.

„Ich …“ Debora warf James einen schnellen Seitenblick zu. „Es … ja, das war einer der Gründe“, erwiderte sie schließlich ausweichend.

„Nun, dann dürfen wir Sie natürlich nicht länger aufhalten. Sandra, Liebes, bringen Sie uns doch bitte eine frische Kanne Tee. Ah, da drüben sehe ich Maria. Anscheinend hat sie Mühe, sich von dem verrückten alten Jenkins zu befreien. Also, meine Liebe, ich hoffe, wir werden Sie jetzt öfter sehen!“

„Ich bin sicher, dass dieser Wunsch ganz auf Gegenseitigkeit beruht, nicht wahr, Debora?“

Die Art, wie er ihren Namen aussprach, weckte unvermittelt Gefühle in ihr, denen sie längst abgeschworen zu haben glaubte. Heiße, lebendige Gefühle, die sie nicht spüren wollte und die sie jetzt mit aller Kraft von sich schob.

„Natürlich“, sagte sie und rang sich ein höfliches Lächeln ab.

„Am Freitag veranstalten wir einen kleinen Tanzabend im Gemeindehaus. Sie werden doch hoffentlich kommen?“

„Am Freitag?“, wiederholte Debora schwach. „Ich würde gern kommen, aber Simon …“

„Meine Mutter wäre bestimmt überglücklich, den Babysitter zu spielen“, mischte James sich ein. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, bis Freitag zu bleiben, aber plötzlich wurde er von dem unerklärlichen Drang ergriffen, seinen Aufenthalt zu verlängern.

„Aber ich kann doch nicht …“ In ihren Augen lag ein gehetzter Ausdruck, den James mitleidlos ignorierte.

„Glauben Sie mir, meine Mutter liebt Kinder über alles. Nichts würde ihr mehr Spaß machen, als einen Abend mit Simon zu verbringen.“

„Aber Simon ist ziemlich schüchtern und …“

„Wenn er erst einmal die elektrische Eisenbahn sieht, die wir im Haus haben, wird er seine Schüchternheit sicher schnell überwinden.“

Simon reagierte sofort auf das Stichwort. „Eine Eisenbahn?“, fragte er mit leuchtenden Augen.

Debora seufzte frustriert und ergab sich in ihr Schicksal.

„Sieh an, Sie sind also wegen Simon hierhergezogen“, stellte James fest, nachdem er ihr aus dem Café nach draußen gefolgt war.

Debora sah ihn entnervt an. „Sagen Sie, haben Sie eigentlich nichts Besseres zu tun, als hinter mir herzulaufen?“

„Im Moment nicht“, erklärte James gelassen. Na gut, das stimmte nicht ganz. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, einige Dinge zu erledigen, bevor er seine Mutter von ihrem Kaffeekränzchen abholte, doch im Moment fand er es viel schöner, Deboras leuchtend rote Haarmähne zu betrachten, die sie heute mit einer breiten Spange hochgesteckt hatte. Ihre zarte weiße Haut war bezaubernd gerötet und verriet ihm, dass seine Gegenwart sie nervös machte.

„Nun sind Sie gar nicht mehr dazu gekommen, mit Simon ein Eis zu essen“, erinnerte er sie. „Was halten Sie davon, wenn ich das übernehme, während Sie Ihre Einkäufe machen? Wir könnten uns in einer halben Stunde auf dem Platz treffen.“

„Nein!“

Die Heftigkeit ihrer Reaktion überraschte ihn. Er zog die Brauen hoch und musterte sie durchdringend. „Was ist eigentlich Ihr Problem?“, fragte er leise.

„Es gibt kein Problem. Ich möchte nur nicht auf Ihren Vorschlag eingehen. Ich habe noch viel zu erledigen, und Simon … muss eben bei mir sein …“

In dem sekundenlangen Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete, zogen die Ereignisse der letzten fünf Jahre wie im Zeitraffer an Deboras innerem Auge vorbei.

Die Entdeckung, dass sie schwanger war. Simons Geburt. Phillips Weigerung, seinen Teil der Verantwortung zu übernehmen.

Besessen von seinem Ehrgeiz und seiner Karriere, hatte er ihr lapidar mitgeteilt, dass er sich nicht für die Rolle eines Ehemanns und Vaters geeignet fühle. Abgesehen von gelegentlichen Besuchen, hatte er weder Zeit noch Interesse für einen Sohn aufgebracht, der zu dünn und zu klein war und zudem ständig krank wurde.

Und jetzt kam dieser James Dalgleish daherspaziert, den sie für ebenso egoistisch und karrieresüchtig hielt wie Phillip, und gab ein Interesse an ihrem Sohn vor, das früher oder später im Nichts verpuffen würde.

Sie selbst konnte spielend mit Typen wie James Dalgleish fertig werden. Gegen Männer wie ihn war sie immun. Doch wie erklärte man das einem verletzlichen Fünfjährigen, der sich nach einem Vater sehnte und schon viel zu oft enttäuscht worden war?

„Ist alles okay mit Ihnen?“ James’ Stimme holte sie unvermittelt in die Gegenwart zurück. „Sie sehen aus, als würden Sie jeden Moment zusammenklappen.“

„Ach wirklich?“ Debora wünschte inständig, er würde einfach verschwinden. Leider wurde ihr Flehen nicht erhört.

„Ja, wirklich. Und ich frage mich, warum.“

Unter seinem forschenden Blick fühlte Debora sich wie eine Bakterie unterm Mikroskop. Doch noch erschreckender war die Wirkung, die er auf ihren Körper hatte. Ungeachtet der Alarmglocken, die in ihrem Kopf läuteten, durchströmte sie eine elektrisierende Wärme. Die Tatsache, dass er lässig vor ihr stand und sie ansah, als könnte er jeden ihrer Gedanken lesen, machte alles nur noch schlimmer.

Prompt fragte er auch schon: „Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Simon und seinem Vater?“

So eine Unverschämtheit!

„Das geht Sie überhaupt nichts an!“, brauste sie auf und funkelte ihn zornig an.

James begriff sofort, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte, und beschloss, noch einen Schritt weiterzugehen. „Oder sollte ich besser fragen, wie es um Ihr Verhältnis zu ihm bestellt ist?“

Debora verlor den mühsam bewahrten Rest ihrer Selbstbeherrschung. Außer sich vor Zorn und ohne nachzudenken, holte sie aus und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.

Sobald sie begriff, was sie getan hatte, war sie ebenso schockiert wie er. Doch bevor sie sich umdrehen und der schrecklichen Situation entfliehen konnte, hatte er ihr Handgelenk gepackt und hielt sie fest. Dann beugte er sich vor und sagte gefährlich leise: „Tun Sie das niemals wieder.“

„Sonst …?“, fragte Debora mit zusammengebissenen Zähnen. „Wollen Sie mich ins Gefängnis werfen lassen? Mich auf dem Dorfplatz an den Pranger stellen?“

James schüttelte langsam den Kopf. „Was für mittelalterliche Methoden“, tadelte er sie sanft. „Ich denke, ich verfüge über weitaus wirkungsvollere Mittel, um mich zu revanchieren.“

Was er ihr sogleich bewies.

Bevor Debora reagieren konnte, hatte er sie fest an sich gezogen und küsste sie hart auf den Mund. Dann ließ er sie ebenso unvermittelt wieder los und trat einen Schritt zurück. Deboras schockiertes Schweigen bestätigte ihm, dass er erreicht hatte, was er wollte.

Schwankend stand sie da, während in ihrem Inneren heilloser Aufruhr herrschte. Ihre Lippen brannten wie Feuer. Ihr ganzer Körper bebte, und ihr Herz klopfte wild. Plötzlich spürte sie ein so starkes Begehren, dass es sie mit Bestürzung und Angst erfüllte.

„Vergessen Sie nicht den Tanz am Freitagabend“, erinnerte James sie so beiläufig, als wäre überhaupt nichts geschehen. Dann verzog er die Lippen zu einem humorlosen Lächeln und fügte hinzu: „Und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich hingehen. Dies hier ist eine kleine Stadt, und es wird viel geredet. Wenn Sie hier mit Ihrem Sohn glücklich werden wollen, sollten Sie nicht gleich am Anfang die Leute vor den Kopf stoßen.“

Wie recht er bezüglich des Geredes gehabt hatte, erfuhr James wenige Stunden später. Nach dem Abendessen legte seine Mutter sorgfältig ihr Besteck auf den Teller. Dann sah sie ihren Sohn mit diesem gewissen Ausdruck in den Augen an, der ihm signalisierte, dass ihm ein ernsthaftes Gespräch bevorstand.

„Wie ich höre, hast du heute Nachmittag Miss King getroffen“, begann sie. „Nach dem, was mir berichtet wurde, seid ihr euch inzwischen recht nahegekommen.“

James warf seine Serviette neben den Teller und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Woher wusste ich nur, dass du genau das sagen würdest?“

„Ein leidenschaftlicher Kuss mitten in der Stadt, James.“ Plötzlich blitzte es amüsiert in Marias Augen auf. „Dir muss doch klar gewesen sein, dass so etwas Konsequenzen haben würde.“

Natürlich war ihm das klar gewesen. Schon in dem Moment, als er beschloss, sie zu küssen.

Aber er war einem inneren Zwang gefolgt. Er hatte sie angeschaut – ihre funkelnden grünen Augen, die sanft geschwungenen, rosig schimmernden Lippen. Und dann hatte er der Versuchung einfach nicht mehr widerstehen können.

Und wäre Simon nicht dabei gewesen, hätten sie nicht mitten auf einer öffentlichen Straße gestanden, hätte er nicht aufgehört, sie zu küssen. Er hatte mehr gewollt. Viel mehr. Schon bei dem Gedanken daran spürte er, wie sein Körper reagierte.

„Es gibt viel zu viele Klatschweiber in der Stadt, die nichts Besseres zu tun haben, als sich über andere Leute das Maul zu zerreißen“, erklärte er gereizt.

„Wann wolltest du eigentlich abreisen?“, wechselte Maria übergangslos das Thema.

„Ich denke, ich werde doch noch übers Wochenende bleiben.“ Als er den überraschten Blick seiner Mutter bemerkte, fügte er trocken hinzu: „Nachdem ich Debora Kings Ruf ruiniert habe, bin ich es ihr zumindest schuldig, sie zu dieser Tanzveranstaltung zu begleiten. Ich habe ihr übrigens gesagt, du könntest auf ihren Sohn Simon aufpassen. Ich hoffe, es macht dir nichts aus.“

„Aber natürlich nicht. Du weißt doch, wie sehr ich Kinder liebe.“

„Zieh aber keine falschen Schlüsse daraus, Mum.“ James spielte gedankenvoll mit dem Stiel seines Weinglases. „Ich habe nämlich keineswegs die Absicht, etwas mit ihr anzufangen. Sie scheint ziemlich unberechenbar zu sein, und wie du weißt, bevorzuge ich den direkten Typ.“

Doch noch während er es sagte, hatte er die Vision eines schlanken Geschöpfes mit zarter, blasser Haut und runden, verlockenden Brüsten vor Augen. Energisch verdrängte er das Bild, trank seinen Wein aus und stand auf.

Nun, da er beschlossen hatte, übers Wochenende zu bleiben, musste er sich dringend um einige geschäftliche Angelegenheiten kümmern. Er dankte dem Himmel für E-Mail, Fax und all die Errungenschaften der Technik, die es ihm ermöglichten, die Firma zumindest vorübergehend außerhalb seines Büros zu leiten.

Ja, er würde heute zu Hause bleiben und einiges aufarbeiten. Das hatte gleichzeitig den Vorteil, dass er Debora nicht über den Weg laufen würde.

Er wusste, dass er sie mit seinen provozierenden Fragen verstört und mit seinem verrückten Kuss in Panik versetzt hatte. Besser, er gab ihr ein wenig Zeit, sich zu erholen und ihre Verteidigungskräfte neu aufzubauen.

Und dann würde er da sein, um ihre Festung erneut zu stürmen …

Schon den ganzen Tag hatte Debora ständig das Gefühl, neben sich zu stehen. Sie war noch einmal mit Simon in die Stadt gefahren, um einzukaufen. Danach waren sie wieder ins Pfarrhaus zurückgekehrt.

Normalerweise vergaß sie all ihre Probleme, wenn sie mit ihrem Sohn zusammen war. An diesem Tag jedoch klappte es nicht.

Ständig musste sie an James Dalgleish denken und an den Kuss, der – wie sie zugeben musste – nur die gerechte Strafe für ihre Ohrfeige gewesen war.

Ich wette, er ist noch nie in seinem Leben von einer Frau geschlagen worden, ging es Debora durch den Kopf. Sie hatte es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht. In einer Ecke lief leise der Fernseher.

Höchstwahrscheinlich, überlegte sie weiter, löste sein überhebliches und dabei so unverschämt attraktives Gesicht bei Frauen sonst nur Begehren aus. Sie musste ja selbst zugeben, dass er unglaublich sexy war.

Als er sie berührt hatte, hatte sie geglaubt, ihr Körper würde in Flammen stehen. Sicher, sie könnte das leicht mit der Tatsache erklären, dass sie seit fünf Jahren mit keinem Mann mehr geschlafen hatte. Doch wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass das nicht der einzige Grund gewesen war.

Bei der Erinnerung an seinen Kuss stieg ihr erneut die Röte ins Gesicht. Sie mochte gar nicht daran denken, was die Leute jetzt über sie redeten. Schließlich hatte das Ganze nicht gerade im stillen Kämmerlein stattgefunden.

Vielleicht wäre es das Beste, wieder nach London zurückzukehren, doch nach all den Anstrengungen, die der Umzug sie gekostet hatte, war der Gedanke nicht sehr verlockend. Außerdem wollte sie Simon nicht schon wieder einen Wechsel zumuten.

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