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ROMANA GOLD, Band 40

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Insel aus Stein

1. KAPITEL

Pfeilschnell schoss das kleine Motorboot über das Wasser und hinterließ eine Schneise aus weißer Gischt auf der ansonsten spiegelglatt daliegenden See. Der Bootsführer, dessen flachsblondes Haar vom Fahrtwind zerzaust wurde, drehte sich grinsend zu Cassie um und rief ihr etwas auf Schwedisch zu. Obwohl sie kein Wort verstanden hatte, schenkte sie ihm ein kleines Lächeln. Er konnte schließlich nichts für ihre missliche Lage!

Dann wandte Cassie ihre Aufmerksamkeit wieder der Insel zu, die ihr beim Ablegen am Ufer noch winzig klein erschienen war. Nun jedoch musste sie ihre erste Einschätzung korrigieren. Die mit ausgedehnten Grasflächen und niedrigen Bäumen bewachsene Schäre war zwar alles andere als groß, doch mehr als ausreichend, um dem prächtigen, in Faluröd, dem sogenannten Schwedenrot, getünchten Landhaus, einigen kleineren Nebengebäuden und einem Bootshaus samt Steg Raum zu bieten.

Ein Ort, abgeschieden und in traumhafter Umgebung, der die Kreativität eines jeden Künstlers einfach beflügeln musste. Wie geschaffen also für seinen derzeitigen Bewohner, den erfolgreichen Schriftsteller Dale Prescott alias Cara Stern, wie sein Verlagspseudonym lautete.

Für Cassie hingegen bedeutete der Aufenthalt auf Prescotts Insel vor allen Dingen eines: nämlich eine ungeliebte Verpflichtung.

Seufzend lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, schloss die Augen und gab sich für einen Moment der Illusion hin, hinter ihrem Schreibtisch im Verlagsbüro von Dolphin Books zu sitzen und mit Autoren und ähnlich unangenehmen Zeitgenossen nicht mehr Umgang pflegen zu müssen als gelegentliche Anrufe und schriftliche Korrespondenz.

Es ist ja nur für ein paar Tage, sagte sie zu sich selbst. Länger konnte es wohl kaum dauern, ihre Aufgabe zu erfüllen. Ein Auftrag, um den sie sich nicht gerade gerissen hatte. Dummerweise jedoch konnte sie nach dem schrecklichen Fiasko, das vor Kurzem ihre heile Welt ins Chaos gestürzt hatte, nicht wählerisch sein.

Aber so war das Leben nun einmal. Sie war naiv und dumm gewesen und hatte dafür teuer bezahlen müssen. Mehr als teuer, dachte sie bitter. Noch vor weniger als einem Jahr hatten ihr bei ihrem ehemaligen Verlag Mackenzie alle Türen offen gestanden. Mit viel Engagement und persönlichem Einsatz hatte sie die Liebesromanreihe Heartbeats zum Erfolg geführt, und es war ein unausgesprochenes Geheimnis gewesen, dass ihr der bald frei werdende Posten der Cheflektorin so gut wie sicher war.

Doch dann war Liam Masterson in ihr Leben getreten, ein erfolgreicher junger Autor. Cassies Job war es gewesen, ihn zu betreuen – dummerweise hatte sie diese Aufgabe nicht nur auf das Berufliche beschränkt …

„Das gehört der Vergangenheit an, Cass. Ein Zurück gibt es für dich nicht mehr, versuche endlich, das zu akzeptieren und nach vorne zu blicken.“ Doch ihre gemurmelten Worte wurden vom Wind davongetragen und erreichten weder ihr Herz noch ihren Verstand.

Das Boot verlangsamte seine Fahrt, und im gleichen Maße beschleunigte sich Cassies Herzschlag. Nervös fuhr sie sich durch das schulterlange seidige Haar, das schwarz wie das Gefieder eines Raben war. Unterdessen legte der Steuermann geschickt am Steg an, sprang leichtfüßig hinauf und vertäute das Boot. Dann streckte er Cassie die Hand entgegen und nickte ihr aufmunternd zu.

Für einen Moment fühlte sie sich wie erstarrt. Ihr war, als würde sie dazu aufgefordert, blindlings in ihr Verderben zu laufen. Nur mit Mühe schüttelte sie diesen absurden Gedanken ab. Es war ein Teil ihres Jobs. Vielleicht nicht gerade der, der ihr am meisten Freude bereitete, aber dennoch. Sei nicht albern, ermahnte sie sich selbst. Es ist nur eine Insel, kein Gefängnis.

Kurz darauf stand sie mit ihrer Reisetasche und einigen Kisten – eine Lebensmittellieferung vom Festland, hauptsächlich frisches Obst und Gemüse – auf dem Pier und beobachtete, wie das kleine Motorboot in der Ferne verschwand. Als es nur noch als winziger Punkt im endlosen Blau des Meeres auszumachen war, seufzte sie schwer.

Unschlüssig blickte sie sich um. Was nun? Niemand war gekommen, um sie zu begrüßen. Eigentlich kein Wunder, denn der Verlag hatte sie erst für den übernächsten Tag angekündigt. Doch hätte sie das freundliche Angebot der Saunders, die sie während ihres Fluges nach Schweden kennengelernt hatte, ablehnen und lieber die Strapazen einer Überlandreise mit dem Bus auf sich nehmen sollen? Mit dem Wasserflugzeug, das die beiden gechartert hatten, war sie nicht nur in viel kürzerer Zeit, sondern auch wesentlich komfortabler bis nach Västervik gelangt, von wo aus es nur noch ein Katzensprung bis zu ihrem endgültigen Ziel gewesen war.

Einmal atmete Cassie noch tief durch, dann nahm sie ihren Koffer auf und betrat den unebenen, mit glatt polierten weißen Kieseln ausgestreuten Weg, der zum Haus hinaufführte.

Es war ein recht anstrengender Marsch, und der Inhalt ihres Koffers schien sich bereits nach einer kurzen Weile in Mühlsteine verwandelt zu haben, doch die berückende Schönheit, von der sie umgeben war, entschädigte sie beinahe für ihre Mühen.

Cassie war für gewöhnlich kein Mensch, der viel Zeit in der freien Natur verbrachte. Sie war ein Stadtmensch, in London geboren und aufgewachsen, und kleine Abstecher in den Hyde oder Regent’s Park genügten vollkommen, um ihr Pensum an Wiesen und Wäldern zu erfüllen. Hier jedoch, an diesem abgeschiedenen Ort, verspürte sie fast so etwas wie Ehrfurcht. Das erschien ihr umso ungewöhnlicher, da sie zuvor eine solche Abneigung empfunden hatte, überhaupt einen Fuß auf die Insel zu setzen.

Ein kurzer Blick hinauf zum Haus bestätigte ihr, was sie ohnehin bereits gewusst hatte: Niemand erwartete sie. Keine der hübschen, blütenweißen Gardinen bewegte sich, die Tür blieb geschlossen, und abgesehen vom Rascheln des Windes in den Kronen der Bäume war das leise Klimpern eines Windspiels, das seitlich am Dach der Veranda angebracht war, das einzig vernehmbare Geräusch.

Was soll’s? Du kannst dich ebenso gut ein wenig umschauen, denn vermissen wird dich ganz gewiss niemand.

Kurz entschlossen stellte sie ihren Koffer ab und verließ den Weg. Tief sog sie die klare, leicht salzig schmeckende Luft ein, die sich so gänzlich von der mit Autoabgasen verpesteten Atmosphäre der Metropole London unterschied.

„Hej! Vad heter du?“

Überrascht blickte Cassie sich um. Als sie zwei etwa sechs- und achtjährige Mädchen erblickte, die Hand in Hand dastanden und sie neugierig musterten, lächelte sie. „Tut mir leid, aber ich verstehe euch nicht.“ Die beiden wechselten einen verständnislosen Blick, und Cassie kramte in ihrem Gedächtnis nach dem einzigen Satz, der ihr aus dem Schwedenreiseführer in Erinnerung geblieben war.

„Jag … Jag förstår inte vad du säger.“ Ich verstehe nicht.

Kichernd schüttelten die Mädchen die Köpfe, sodass ihre langen blonden Locken flogen. Sie schienen die Vorstellung, dass jemand ihre Sprache nicht beherrschte, furchtbar komisch zu finden. Schließlich, nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, deutete die ältere mit bedeutungsvollem Gesicht auf sich selbst, dann auf ihre jüngere Freundin und sagte: „Jag heter Hanna. Det är Marit.“

Das hatte nun auch Cassie verstanden. Lachend nickte sie den beiden zu. „Hej Hanna, hej Marit! Jag … Jag … Jag heter … Cassie?“

„Hej Cassie!“, riefen die Mädchen und strahlten über das ganze Gesicht. Dann plapperten sie munter auf Schwedisch drauflos, während Cassie lachend den Kopf schüttelte, da sie nach wie vor kein Wort verstehen konnte.

„Hanna! Marit!“

Sofort verstummte der Wortschwall der Mädchen. Sie winkten Cassie noch einmal zu, dann liefen sie mit wehenden Kleidchen zu der silberhaarigen Frau, die vom Haus her den Hügel hinunterschritt. Als Marit und Hanna sie erreichten, sprachen sie aufgeregt auf sie ein und rannten dann laut jubelnd Richtung Haus davon.

„Herzlich willkommen auf Svergå! Sie müssen Cassie Dorkins sein“, begrüßte die ältere Frau sie auf Englisch. Mit ihrem freundlichen, sonnengegerbten Gesicht und den strahlend blauen Augen erinnerte sie Cassie an ihre Großmutter. Sie war ihr auf Anhieb sympathisch.

„Richtig“, erwiderte sie. „Ich hoffe, es ist kein Problem, dass ich ein bisschen früher als angekündigt eingetroffen bin. Übrigens, zusammen mit mir sind einige Kisten mit Vorräten eingetroffen worden, die noch unten am Strand stehen.“

„Ach, das muss das Gemüse vom alten Johanson sein. Na ja, darum kümmern wir uns später.“ Sie streckte Cassie die Hand entgegen. „Malin Gustavson. Ich bin Mr. Prescotts Haushälterin.“

„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Mrs. Gustavson.“ Cassie lächelte. „Sie haben es wirklich wunderschön hier draußen.“

„Nicht wahr? Ich liebe diese Insel, bin hier praktisch aufgewachsen. Ich kann mir keinen besseren Ort für Kinder vorstellen, um hier aufzuwachsen.“

„Hanna und Marit sind demnach Mr. Prescotts Töchter?“

„Nein, nein.“ Malin Gustavson lachte. „Diese beiden Wildfänge sind meine Enkelinnen. Sie verbringen die Sommerferien hier. Nächste Woche fahren sie zurück zu meinem Sohn und seiner Frau nach Halmstad. Danach wird es wieder ruhig hier werden. Zu ruhig vielleicht …“ Für einen Moment glaubte Cassie ein wehmütiges Glitzern in den Augen der Frau zu entdecken, dann war es auch schon wieder verschwunden. „Jedenfalls ist es immer schön, ein bisschen frischen Wind hier auf der Insel zu haben. Deshalb freue ich mich ja auch so, dass Sie jetzt für einige Wochen bei uns zu Gast sein werden.“

Einige Wochen? Allein der Gedanke, dass ihr Aufenthalt in Schweden sich so lange hinziehen könnte, ließ Cassie erschaudern. Sicher, diese Insel war ein Traum, und bei schönem Wetter ließ es sich hier bestimmt eine Weile gut aushalten, aber sie war schließlich nicht hier, um Urlaub zu machen.

Bevor sie etwas erwidern konnte, hatte Prescotts Haushälterin ihren Koffer aufgenommen und trug ihn – beschwingt und ohne große ersichtliche Kraftanstrengung – den Hügel zum Haus hinauf. Staunend schaute sie der älteren Frau hinterher, ehe sie sich selbst in Bewegung setzte.

Schon aus der Entfernung hatte das rote Haus beeindruckend ausgesehen, aus der Nähe betrachtet war es ein echter Traum. Die tief stehende Sonne tauchte die Fassade in goldenes Licht und funkelte in den blitzsauberen Fenstern. In einem kleinen Vorgarten wuchsen Oleander- und Rosmarinsträucher Seite an Seite mit Rittersporn und Flieder. Rechts und links der Treppe, die zu der niedrigen Holzveranda hinaufführte, blühten Hibiskusbüsche in hübschen Terrakottatöpfen.

Lächelnd strich Cassie mit den Fingern über eine der zarten Blüten. „Hier scheint jemand wirklich einen grünen Daumen zu besitzen“, sagte sie anerkennend.

Die Haushälterin wirkte verlegen. „Oh, vielen Dank. Ich bin sehr stolz auf mein kleines Gärtchen, aber im Grunde ist es gar nicht mein Verdienst. Die Pflanzen gedeihen beinahe von selbst.“

„Jetzt untertreiben Sie aber!“ Cassie lachte. „Ich schaffe es nicht einmal, die Blumen am Leben zu erhalten, die auf dem Fensterbrett meines Londoner Apartments stehen.“

„Na, das sind ja wohl auch vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen“, erwiderte Malin Gustavson tröstend, wobei ihr jedoch deutlich anzusehen war, wie sehr sie sich über Cassies Kompliment freute. „Mr. Prescott ist im Augenblick übrigens nicht da, aber ich erwarte ihn vor dem Abendbrot wieder zurück. Vielleicht möchten Sie in der Zwischenzeit ein Stück von dem Apfelkuchen kosten, den ich vorhin aus dem Ofen geholt habe?“

Der köstliche Duft, der ihr entgegenwehte, als Malin Gustavson die Haustür öffnete, veranlasste Cassies Magen, sie mit einem vernehmlichen Knurren daran zu erinnern, dass sie schon eine geraume Weile nichts mehr zu sich genommen hatte. Fast ein wenig erleichtert darüber, ihre erste Begegnung mit Dale Prescott noch ein bisschen aufschieben zu können, atmete sie tief durch und sagte: „Sehr gerne.“

Mit einem resignierten Seufzen riss Dale Prescott das eng beschriebene Blatt vom Schreibblock ab, zerknüllte es und warf es im hohen Bogen davon. Wie ein von ungeschickten Händen gefaltetes Papierboot trieb es für einige Sekunden ruhig auf der Wasseroberfläche, bis es vom Wind erfasst und hinaus aufs Meer getrieben wurde, wie schon Dutzende seiner Vorgänger.

Was für eine Verschwendung wertvoller Ressourcen. Eines Tages würde er sich wahrscheinlich fragen müssen, ob er nicht einen maßgeblichen Anteil am Abholzen der Regenwälder zu tragen hatte. Und das alles, ohne auch nur eine brauchbare Zeile zu Papier gebracht zu haben.

Es war zum Verrücktwerden. Sosehr er sich auch bemühte, es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Wie sollte er auch, wo er doch all seine Energie darauf fokussieren musste, das nagende Unbehagen zu ignorieren, das sich seit dem Anruf seines Verlegers in seinem Magen breitgemacht hatte.

Ein leises Winseln und ein Gewicht, das sich auf seinen Oberschenkel legte, riss Dale aus seinen Gedanken. Lächelnd tätschelte er dem etwa vierjährigen Hirtenhund an seiner Seite mit dem zottigen beige-braun gescheckten Fell den Kopf. Manchmal hatte er das Gefühl, dass Ole das einzige Wesen auf der Welt war, das ihn wirklich verstand.

Der Tag, an dem Annika ihn von einem ihrer Ausflüge aufs Festland mitgebracht hatte, war ihm noch so gut in Erinnerung, als wäre es erst gestern geschehen, dabei waren seitdem bereits über drei Jahre vergangen. Sie hatte den kleinen Streuner, damals kaum mehr als ein Welpe, am Strand aufgelesen – oder umgekehrt, denn Annika hatte ihm berichtet, dass er ihr einfach nicht mehr von der Seite gewichen war. Sie hatte es einfach nicht über sich gebracht, ihn zurückzulassen.

Typisch Annika …

Wie stets, wenn er an sie dachte, war das Gefühl von Verlust und Schmerz so präsent, dass er es kaum ertragen konnte. Wer auch immer behauptet hatte, dass die Zeit alle Wunden heilte, war in Dales Augen ein Ignorant, denn er hatte offenbar noch niemals etwas verloren, das er von ganzem Herzen liebte.

Seufzend fuhr er sich über die Augen und verdrängte die Gedanken an die Vergangenheit. Er hatte in der Gegenwart wahrlich genug Probleme, mit denen er sich befassen musste.

„Ach, alter Junge, kannst du mir nicht sagen, wie’s jetzt weitergehen soll? Ich bin mit meinem Latein wirklich am Ende.“

Der Hund beantwortete seine Frage mit einem zaghaften Jaulen. Dann rappelte er sich auf und blieb schwanzwedelnd vor seinem Herrchen stehen.

„Hast ja recht, es macht keinen Sinn, hier herumzusitzen und Trübsal zu blasen.“ Dale schüttelte langsam den Kopf. „Trotzdem gefällt mir der Gedanke nicht, jemand Fremdes auf unsere Insel zu lassen – ebenso wenig wie dir, was?“

Wuff!

Dale lachte auf. „Ich sehe, wir verstehen uns. Aber mach dir keine Gedanken, ich werde schon dafür sorgen, dass wir den ungebetenen Störenfried so schnell wie möglich wieder loswerden.“

Gedankenverloren klappte er sein Taschenmesser auf. Und während er weiter auf das Meer hinausschaute, schnitt er sich ein Stück Schafskäse ab, das Malin ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Seine Haushälterin war stets bemüht, dass es ihm an nichts fehlte, und er war ihr dankbar, wenngleich sie es mit ihrer mütterlichen Fürsorge gelegentlich ein wenig übertrieb.

Nachdenklich ließ er das würzige Aroma auf der Zunge zergehen und fragte sich zum wiederholten Male, wie er sich gegenüber seinem Gast, der in wenigen Tagen hier auftauchen würde, verhalten sollte.

Irgendwann schüttelte er den Kopf. Was brachte es schon, jetzt darüber nachzudenken? Er stand auf, packte seine Sachen ein und ging los. Als Hund und Herrchen das Haus erreichten, das auf der anderen Seite der Schäreninsel stand, war der Himmel bereits mit einem Hauch von Bronze überzogen. Tief stand die Sonne am Horizont, und das Meer schien wie von einem inneren Feuer zu glühen.

Der köstliche Geruch von Lammstek, Malins besonderer Spezialität, stieg ihm in die Nase. Achtlos ließ er seine Jacke und die alte Ledertasche, die Schreibblock und Stifte enthielt, in der Diele neben der alten Bauernkommode auf den Boden fallen und rief: „Ich hoffe, du hast genug Lammkeule für eine ganze Kompanie gezaubert, Malin! Ole und ich sterben vor Hunger!“

Erst da fiel ihm das unbekannte Kleidungsstück auf, das ordentlich an einem Bügel an der Garderobe hing. Dale runzelte die Stirn. Ein modern geschnittener Mantel aus schwarzem Wildleder? Er konnte sich nicht entsinnen, Malin jemals darin gesehen zu haben – und irgendwie schien er auch überhaupt nicht zu seiner zweiundsechzigjährigen Haushälterin zu passen, die für gewöhnlich nur selbst gestrickte Jacken und Pullover trug.

Seine Stimmung sank dem Nullpunkt entgegen. Der fremde Mantel konnte nur eines bedeuten: Sie hatten Besuch. Und ihm fiel nur eine Person ein, die hierfür infrage kam: Es musste die Lektorin sein – oder die Spionin, wie Dale sie insgeheim getauft hatte –, die sein Verlag geschickt hatte, um ihm auf die Finger zu schauen. Aber verdammt, sie war viel zu früh dran!

Er spielte kurz mit dem Gedanken, sich einfach wieder aus dem Staub zu machen. Doch dummerweise hatte er seine Ankunft bereits lautstark angekündigt, und zudem würde er sich früher oder später ohnehin dieser unsäglichen Störung seiner Privatsphäre stellen müssen.

Mürrisch blickte er an sich hinunter. In der abgetragenen Jeans und dem Baumfällerhemd, das er vor drei Jahren von Annika zu Weihnachten bekommen hatte, bot er wahrlich keinen besonders eindrucksvollen Anblick. Doch eigentlich konnte es ihm ziemlich gleichgültig sein, was sein ungebetener Gast von ihm hielt. Immerhin war er Autor, nicht Dressman.

„Dale? Bist du das, Junge?“ Malin trat aus der Küche. „Stell dir vor, dein Besuch aus London ist bereits heute eingetroffen. Ist das nicht eine nette Überraschung?“

„Ja, einfach wunderbar“, entgegnete er sarkastisch. „Ich bin vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen.“

Er wollte gerade zu einer weiteren bissigen Bemerkung ansetzen, als sie hinter Malin die kleine Diele betrat. Dale schätzte die Engländerin auf Mitte bis Ende zwanzig – viel jünger also, als er angenommen hatte. Sie war klein, beinahe zierlich, und ihr herzförmiges Gesicht wurde von einer Flut nachtschwarzer Locken umspielt, die im Licht der untergehenden Sonne, das durch das Butzenfenster in ihren Rücken fiel, rötlich schimmerten.

Wie die schöne Fee aus einem Märchen von Hans Christian Andersen, dachte Dale versonnen. Es gelang ihm kaum, den Blick von ihren verträumt und zugleich scharfsinnig wirkenden, moosgrünen Augen abzuwenden, die von langen, dichten Wimpern beschattet wurden.

Jetzt trat sie an Malin vorbei und streckte ihm die Hand entgegen. „Mr. Prescott? Mein Name ist Cassie Dorkins, es freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Ich hoffe doch, dass meine verfrühte Ankunft Ihnen keine großen Umstände bereitet.“

Ihre Worte holten Dale mit einem Mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Was machst du hier eigentlich? fragte er sich selbst. Diese Frau ist die Lektorin, die dir der Verlag geschickt hat, um dir hinterherzuschnüffeln – sie ist die Spionin! –, und du stehst da und starrst sie an, als sei sie das achte Weltwunder. Reiß dich zusammen, Dale Prescott!

„Wenn es nach mir ginge, wären Sie überhaupt nicht hier“, erwiderte er und ignorierte die Hand, die sie ihm angeboten hatte. „Da kommt es wohl auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht an. Hauptsache, Sie erledigen so rasch wie möglich, was immer Sie hier auch zu erledigen hoffen, und verschwinden dann schnellstens wieder in Ihre stinkende Millionenmetropole.“

2. KAPITEL

Hauptsache, Sie erledigen so rasch wie möglich, was immer Sie hier auch zu erledigen hoffen, und verschwinden dann schnellstens wieder in Ihre stinkende Millionenmetropole

Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Ärgerlich schüttelte Cassie den Kopf und ließ sich auf das Bett in dem gemütlich eingerichteten Gästezimmer sinken. Er wollte sie also so schnell wie möglich loswerden? Nun, diesen Wunsch würde sie ihm mit dem größten Vergnügen erfüllen!

Sie beabsichtigte, nicht eine Sekunde länger auf Svergå zu bleiben als unbedingt nötig. Und sofern Prescott sich kooperativ zeigte, würde sie im Handumdrehen wieder verschwunden sein. Nichts lieber als das! Sie konnte es kaum abwarten, endlich wieder nach London zurückzukehren. Nicht, dass dort viel auf sie wartete. Abgesehen von ihrer Freundin Laura gab es eigentlich niemanden, den sie vermisste. Doch sie liebte ihr kleines Apartment in Bloomsbury heiß und innig, und zudem konnte sie einfach keinen Vorteil darin sehen, erst mit einem Motorboot bis ans Festland fahren zu müssen, wenn man einmal spontan etwas unternehmen wollte. Selbst wenn die Umgebung noch so schön war.

Prescotts unverschämtes Verhalten würde sie sich jedenfalls nicht gefallen lassen. Wenn er glaubte, sie behandeln zu können wie eine unerfahrene Praktikantin, hatte er sich getäuscht.

Überhaupt war der viel gerühmte Dale Prescott, alias Cara Stern, eine ziemliche Überraschung für Cassie. Das war er also? Der Mann, der die Herzen von unzähligen Frauen höher schlagen ließ, indem er ihre geheimsten Wünsche und Fantasien zu Papier brachte, und dessen Romane sich besser verkauften als alle anderen seines Genres? Natürlich hatte sie sich vor ihrer Abreise sein Verlagsdossier angesehen, in dem sich auch eine Fotografie des Autors befunden hatte. Doch zwischen Bild und Realität klafften Welten.

Im Grunde genommen konnte man Dale Prescott nicht unbedingt als unattraktiv bezeichnen. Zumindest nicht, wenn einem der eher machohafte, ungehobelte Typ von Mann gefiel. Mit seinen verschlissenen Jeans und dem Flanellhemd hätte er fast besser auf eine texanische Rinderfarm gepasst als in die Idylle einer schwedischen Schäreninsel. Sein dunkelblondes Haar verlangte eindeutig nach einem anständigen Schnitt, was ihn überraschenderweise jedoch keineswegs ungepflegt, sondern in Kombination mit einem stoppeligen Dreitagebart irgendwie verwegen aussehen ließ. Sein Gesicht war so kantig wie ausdrucksstark, doch am beeindruckendsten waren seine Augen, golden wie die einer Raubkatze, von dichten Wimpern beschattet.

Keine Frage, dieser Mann hatte etwas. Und er war, gelinde gesagt, ziemlich ungehobelt.

Im Grunde ärgerte sie sich bereits darüber, dass sie ihn nicht gleich mit einigen klaren Worten in seine Schranken gewiesen hatte. Eigentlich war sie niemand, der sich ein solches Benehmen so einfach gefallen ließ.

Doch als sie hinter Malin Gustavson aus der Küche getreten war und plötzlich Dale Prescott Auge in Auge gegenüberstand, hatte ihr Herz wild zu hämmern begonnen, und ihre Knie waren mit einem Mal butterweich geworden. Blieb nur zu hoffen, dass sie sich auf ihrer Anreise nicht irgendeinen heimtückischen Virus eingefangen hatte. Eine Erkältung – oder Schlimmeres – war so ziemlich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Seufzend erhob sie sich vom Bett und machte sich daran, den Inhalt ihres Koffers in die rustikale Kommode zu räumen, die ihr laut Malin Gustavson zur Verfügung stand. Wenn sie Glück hatte, würde sie ihre Sachen schon in ein paar Tagen wieder einpacken. Es konnte ja unmöglich allzu lange dauern, einen Blick auf Prescotts Manuskript zu werfen und ihm vielleicht hier und da ein paar Tipps zu geben – was für sich genommen im Grunde schon lächerlich genug war. Seit wann war sie Autorin? Doch James Berkeley, der Verlagsleiter, hatte darauf bestanden, dass sie diese Sache persönlich in die Hand nahm. Und letzten Endes war ihr nichts anderes übrig geblieben, als sich seinem Wunsch zu fügen.

Noch vor einem Jahr, bei Mackenzie, hätte sie ein derartiges Anliegen mit Sicherheit noch konsequent abgelehnt. Doch sie arbeitete nicht mehr bei Mackenzie und war auf den Job bei Dolphin Books angewiesen. Im Grunde konnte sie wirklich froh sein, überhaupt noch einmal eine Anstellung als Lektorin bekommen zu haben. Ihre Kündigung hatte damals für ziemlichen Wirbel in Verlagskreisen gesorgt, und seitdem hatte sie einen gewissen Ruf.

Frustriert knallte sie die Schublade der Eichenkommode zu. Verdammt, sie würde es ihnen allen schon noch zeigen. Ja, es stimmte, dass sie gegen die eherne Regel verstoßen hatte, niemals Berufliches und Privates miteinander zu vermischen. Sich von Liam Mastersons Charme einwickeln zu lassen war der größte Fehler ihres Lebens gewesen. Und sie hatte daraus gelernt.

Fürs Erste konnten ihr Männer im Allgemeinen gestohlen bleiben – doch ehe sie sich noch einmal mit einem Exemplar dieser selbstverliebten, arroganten Gattung namens Schriftsteller einließ, würde sie lieber das Keuschheitsgelübde ablegen und als Nonne einem Kloster beitreten, so viel stand fest.

„In drei Teufels Namen, Carl, bist du nun mein Agent oder nicht? Es ist mir völlig egal, wie du das anstellst, aber diese Frau muss von meiner Insel verschwinden – und zwar so schnell wie möglich!“

Für einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann hörte Dale seinen Agenten Carl Dawson leise seufzen. „Das ist nicht so einfach, wie du es dir vorstellst, Dale. Das Manuskript für deinen neuesten Roman ist schon seit sechs Monaten überfällig. Und ich darf dich daran erinnern, dass du selbst dem Besuch eines Lektors von Dolphin Books zugestimmt hast.“

Dale lachte bitter auf. „Dann darf ich dich vielleicht daran erinnern, dass mir diese Idee von Anfang an nicht gefallen hat, Carl. Du hast mich praktisch genötigt, so sieht’s doch in Wahrheit aus!“

„Jetzt sei doch mal realistisch“, entgegnete Dawson scharf. „Was hast du denn erwartet? Dass die Jungs vom Verlag geduldig Däumchen drehend darauf warten, bis du dich endlich bequemst, deine vertraglich vereinbarte Leistung zu erbringen? Himmel, Dale, du hattest einen fixen Abgabetermin! Mit Engelszungen habe ich auf James Berkeley eingeredet, um dir wenigstens eine Verlängerung der Frist um zwei Monate zu verschaffen! Wenn er im Gegenzug darauf besteht, dass du einen seiner Lektoren wenigstens einmal einen Blick auf die erste Rohfassung deines Manuskriptes werfen lässt, kannst du ihm das wohl kaum verdenken.“

„Aber ich will diese Frau nicht auf Svergå haben, verstehst du? Es geht einfach nicht!“

„Tut mir leid, alter Kumpel, aber in dieser Angelegenheit kann ich dir einfach nicht helfen. Es ist deine Entscheidung. Schick die Lektorin meinetwegen fort – aber mach mir hinterher keine Vorwürfe, wenn Dolphin Books daraufhin die Zusammenarbeit mit dir aufkündigt.“

Dale schluckte hart. „Das würde James Berkeley nicht wagen! Er verdient sich schließlich dumm und dämlich an mir!“

„Irrtum! Er verdient an deinen Romanen, Dale! Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, verstehst du? Wenn du ihm nichts ablieferst, was er veröffentlichen könnte, bist du für ihn wertlos. Außerdem darf ich dich daran erinnern, dass Cara Stern nicht dir gehört. Der Verlag hat dieses Pseudonym erfunden und schützen lassen. Die können jederzeit einen anderen Autor beauftragen, einen Roman unter diesem Namen zu schreiben. Aber sie wollen dich, Dale. Sie wollen deinen Stil, deine Handschrift. Deshalb sind sie ja so geduldig mit dir. Noch jedenfalls. Das kann sich aber auch ganz schnell ändern. Also, überleg dir gut, was du tust. Überdenke die Konsequenzen. Ich an deiner Stelle würde lieber versuchen, mit dieser Lektorin zurechtzukommen. Schmier ihr ein bisschen Honig um den Mund, sei charmant – verdammt, ich weiß, dass du das kannst. Denn anderenfalls“, sagte Carl Dawson und machte eine dramatische Pause, „kannst du dir jetzt schon einen Platz in der Schlange am Arbeitsamt reservieren.“

„Nun, in diesem Fall werde ich den Platz direkt hinter mir für dich frei halten, Carl“, entgegnete Dale ungehalten. „Ich habe nämlich das Gefühl, dass du eine entscheidende Tatsache völlig vergessen hast: Du arbeitest für mich! Und manchmal frage ich mich ernsthaft, wofür ich dir eigentlich die Unsummen bezahle, die du mir jeden Monat in Rechnung stellst, wenn du nicht einmal in der Lage bist, ein einfaches Telefonat mit meinem Verlag für mich zu führen.“

„Jetzt wirst du aber ungerecht, alter Junge. Ich versuche doch nur, dich von einem Fehler abzuhalten, der …“

„Aber gut, dann werde ich das eben selbst erledigen“, schnitt Dale seinem Agenten das Wort ab. „Ich werde James Berkeley sagen, dass er die kleine Schnüfflerin, die er geschickt hat, um mich auszuspionieren, wieder zurückpfeifen kann. Und wenn das erledigt ist, werde ich in Ruhe und Frieden meinen Roman fertigstellen. Was, in Gottes Namen, ist daran so lustig?“, brauste er auf, als er Carl Dawson am anderen Ende der Leitung leise lachen hörte.

„Oh, gar nichts, ruf Berkeley ruhig an. Ich kann dir allerdings schon im Voraus sagen, dass du kein Glück haben wirst. Der Gute ist nämlich vorgestern mit seiner Familie in den wohlverdienten Jahresurlaub aufgebrochen. Erreichbar nur im absoluten Katastrophenfall, mach dir also keine Hoffnungen.“

Dale stieß einen gewaltigen Fluch aus, dann warf er den Telefonhörer zurück auf die Gabel. Verdammt, warum wollte denn bloß niemand begreifen, dass er nicht mit dieser Person zusammenarbeiten konnte!

Wütend sprang er von seinem Stuhl auf und trat ans Fenster. Inzwischen war tiefe Dämmerung heraufgezogen, doch über dem Meer lag noch immer ein sanftes Glühen, das bereits den nahenden Midsommar ankündigte. Bald schon würde es um diese Tageszeit noch immer hell sein.

Normalerweise übte der Anblick des Meeres eine besänftigende Wirkung auf Dale aus, dieses Mal jedoch störte etwas diesen therapeutischen Effekt. Nein, nicht etwas – jemand. Denn draußen, auf der grob gezimmerten Bank, die inmitten eines lichten Birkenwäldchens am Meeresufer stand, saß Cassie Dorkins. Sie saß einfach nur da, starrte hinaus zum Horizont und rührte sich nicht. Der Wind spielte mit ihrem langen, rabenschwarzen Haar und erweckte in Dale augenblicklich den unbändigen Wunsch, seine Hände darin zu vergraben.

Hastig wandte er sich vom Fenster ab.

Nein, sie konnte unmöglich auf Svergå bleiben. Es ging einfach nicht!

Verzweifelt barg er das Gesicht in den Händen. Er wusste nicht, wie er dieses verwirrende Durcheinander, das Cassie Dorkins in seinem Kopf anrichtete, auch nur eine Sekunde länger aushalten sollte. Erbärmlicher Schwächling! Hast du dir nicht an Annikas Grab geschworen, dass keine andere jemals ihren Platz einnehmen würde?

Nicht zum ersten Mal glaubte Dale, wie aus weiter Ferne Annikas Stimme zu vernehmen. Ich entbinde dich von deinem Schwur …

Als Cassie am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich wie gerädert. Sie war an die ständige Geräuschkulisse Londons gewöhnt, die niemals ganz verebbte. Der Verkehrslärm, die Polizeisirenen, das Gelächter der Gäste des nahe gelegenen Pubs, die unter ihrem Fenster vorbeikamen – all das war ihr so vertraut, dass sie es schon gar nicht mehr wahrnahm. Doch hier, auf Svergå, herrschte in der Nacht eine so absolute Stille, dass sie Cassie beinahe ohrenbetäubend erschien. Bis weit nach Mitternacht hatte sie wach gelegen, ehe sie endlich Schlaf gefunden hatte.

Jetzt, nach ihrer ersten Tasse Kaffee, begannen sich ihre Lebensgeister langsam wieder zu regen. Trotzdem dauerte es einen Moment, bis sie tatsächlich begriff, was Dale Prescott da gerade zu ihr gesagt hatte.

„Wie bitte?“ Sie verschluckte sich beinahe an ihrem frisch gepressten Orangensaft und starrte Dale über den reichlich gedeckten Frühstückstisch an. Das war doch einfach unglaublich! „Habe ich mich verhört, oder sagten Sie tatsächlich, dass Sie mir Ihr Manuskript nicht zeigen wollen?“

„Nun, ich bin kein Ohrenarzt, aber mir als Laie scheint Ihr Gehör tadellos in Ordnung zu sein.“

„Aber …“ Verständnislos schüttelte sie den Kopf. „Ich verstehe das nicht, Mr. Prescott. Ich habe extra den weiten Weg hierher nach Schweden auf mich genommen, um einen ersten Blick in Ihr Manuskript zu werfen – und jetzt weigern Sie sich, es mir zu zeigen?“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Jedenfalls werde ich Sie nicht an meiner Arbeit herumpfuschen lassen, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen.“ In aller Seelenruhe biss er von seinem dick mit Moltebeer-Marmelade bestrichenen Toast ab und kaute genüsslich, ehe er noch hinzufügte: „Ganz davon abgesehen ist der Roman ja auch noch gar nicht fertig, und ich zeige niemals jemandem meine Manuskripte, ehe ich sie beendet habe.“

„Das können Sie nicht machen! Der Auftrag, mit dem der Verlag mich hergeschickt hat, lautet ganz eindeutig, dass ich mir einen ersten Eindruck von Ihrem neuesten Werk verschaffen soll. Und können Sie mir vielleicht verraten, wie ich das tun soll, wenn Sie es mich nicht lesen lassen?“

Gleichmütig zuckte Prescott mit den Schultern. „Das ist ganz allein Ihr Problem, nicht meines.“

Cassie spürte, wie ihr Blut in Wallung geriet. Schriftsteller! Diese Typen waren doch alle aus demselben Holz geschnitzt – und Dale Prescott schien ein ganz besonders selbstherrliches Exemplar dieser Gattung zu sein. Er tat, als würde sich das ganze Universum nur um seine Person drehen. Doch da spielte eine Cassandra Dorkins nicht mit! Mit Sicherheit verdiente Dolphin Books nicht schlecht an der Cara-Stern-Reihe, aber letztlich war es doch auch der Verlag, der Prescotts Rechnungen zahlte und es ihm ermöglichte, sein Leben so zu führen, wie er es sich vorstellte.

Zudem konnte Cassie es sich nicht erlauben, mit schlechten Nachrichten nach Hause zurückzukehren, denn Mr. Berkeley würde darüber gewiss alles andere als erfreut sein. Schon einmal hatte sie alles verloren, und ihr wurde ganz übel bei dem Gedanken, bald vielleicht schon wieder auf der Straße zu stehen. Und das alles nur aufgrund der Sturheit eines gewissen Schriftstellers!

„Wenn Sie glauben, dass ich mich mit dieser lahmen Ausrede so einfach abspeisen lassen, haben Sie sich geschnitten. Ich werde jedenfalls nicht von dieser Insel verschwinden, ehe ich Ihr Manuskript einer genauen Prüfung unterzogen habe.“

„Wollen Sie mich dazu zwingen, Ihnen meinen Roman zu zeigen?“ Er grinste belustigt. „Na, da bin ich aber mal gespannt, wie Sie das anstellen wollen.“

Wenn Cassie eines nicht ausstehen konnte – ganz abgesehen von Autoren, die sich für unersetzlich hielten –, dann war es, wenn jemand sich über sie lustig machte. „Das dürfte nicht allzu schwierig werden, Mr. Prescott“, erwiderte sie scharf. „Ich werde einfach die Verlagsleitung über Ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft in Kenntnis setzen. Soweit ich informiert bin, hat Ihr Agent in Ihrem Namen um einen weiteren Vorschuss für das bereits überfällige Manuskript gebeten. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Mr. Berkeley Ihnen ganz schnell den Geldhahn zudrehen wird, wenn ich ihm berichte, wie ich hier behandelt werde.“

Für einen Moment wirkte Dale Prescott beinahe erschrocken, und Cassie glaubte bereits, eine entscheidende Schlacht für sich entschieden zu haben – doch dann begann der unverschämte Kerl zu lachen. „Tun Sie das ruhig. Ich bin sicher, Mr. Berkeley wird entzückt sein, wenn Sie ihn in seinem wohlverdienten Familienurlaub stören. Sie kennen Berkeley offenbar noch nicht allzu gut, meine Liebe. Er fährt nur einmal im Jahr in Urlaub. Die paar Wochen sind alles, was seine Familie von ihm hat. Können Sie sich vorstellen, wie heilig ihm diese Zeit ist?“

Cassie unterdrückte einen Fluch. Verflixt, sie hatte völlig vergessen, dass sich ihr Boss zurzeit im Urlaub befand. Offenbar war Dale Prescott bestens über die Vorgänge im Verlag informiert – und er zögerte auch nicht, diese Informationen zu seinem Vorteil zu nutzen.

„Soll das heißen, Sie werden mir tatsächlich nicht erlauben, Ihr neuestes Werk zu lesen?“

„Schön, dass wir uns endlich verstehen – genau das soll es heißen.“

„Aber ich bestehe darauf!“

Kaffee schwappte über die Ränder seiner Tasse und hinterließ einen feuchten Fleck im Holz, als Prescott mit der Faust auf den Tisch schlug. „Verdammt, jetzt habe ich aber langsam die Nase voll von Ihnen! Ich habe von Anfang an gewusst, dass es ein Fehler war, dem Verlag zu erlauben, jemanden zu mir nach Svergå zu schicken. Und jetzt haben wir die Bescherung! Wie ich unter diesen Bedingungen arbeiten soll, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft!“

„Ich wurde geschickt, um Ihnen zur Hand zu gehen, Mr. Prescott“, konterte Cassie nun kühl. „Und wenn Sie endlich aufhören würden, sich wie eine verwöhnte Diva aufzuführen, könnte ich vielleicht auch endlich damit anfangen, meinen Job zu machen.“

„Jetzt reicht es aber!“, mischte Malin Gustavson, die den immer hitziger werdenden Wortwechsel mit sichtlichem Unbehagen verfolgt hatte, sich in die Unterhaltung ein. „Nun beruhigt euch doch mal wieder, Kinder. Merkt ihr denn gar nicht, dass ihr nur eure Zeit verschwendet? Dieses gegenseitige Anfeinden bringt euch schließlich auch nicht weiter. Es muss doch möglich sein, einen Kompromiss zu finden, mit dem ihr beide leben könnt.“

„Und wie stellst du dir das vor, Malin?“, knurrte Dale Prescott mürrisch. „Sollen Miss Dorkins und ich uns erst einmal in aller Ruhe besser kennenlernen, oder was?“

Die Haushälterin warf ihm einen finsteren Blick zu, doch dann hellte sich ihre Miene schlagartig auf. „Natürlich! Das ist es! Du bist ein Genie, Dale Prescott! Miss Dorkins und du, ihr macht erst mal einen schönen Ausflug. Ich finde, als Gastgeber ist es ja sozusagen deine Pflicht, ihr ein wenig von unserer wunderschönen Umgebung zu zeigen.“

Entgeistert starrte der Schriftsteller sie an. „Ich soll – was?“ Wie ein störrisches Kind verschränkte er die Arme vor der Brust. „Ich denke ja gar nicht daran!“

Auch Cassie war von diesem Vorschlag alles andere als begeistert, wollte sie doch eigentlich nur so schnell wie möglich ihre Aufgabe erfüllen und dann wieder von hier verschwinden. Ein Ausflug – womöglich noch ein Tagesausflug – kostete lediglich Zeit und brachte sie in ihrem Vorhaben keinen Schritt voran.

Doch Malin Gustavson bewies, dass sie ebenso stur sein konnte wie ihr Arbeitgeber. „Nun, das Haus ist heute jedenfalls für jeden tabu, der mir nicht mit Putzlappen und Eimer bewaffnet beim Frühjahrsputz helfen will.“

„Frühjahrsputz? Malin, es ist Ende Mai!“

Die Haushälterin zuckte die Schultern. „Umso mehr ein Grund, endlich damit anzufangen! Also, was ist nun? Machst du endlich dein Boot klar, oder ziehst du es vor, deine Pflichten als Gastgeber weiterhin zu vernachlässigen und mir stattdessen beim Großreinemachen zu helfen?“

Dale brummte etwas, das Cassie mit Mühe als „In einer halben Stunde unten am Bootshaus“ deutete, dann erhob er sich von seinem Platz und ging durch die offene Küchentür hinaus in die Diele.

„Sie sollten sich besser etwas Warmes anziehen, meine Liebe“, riet Malin Gustavson ihr mit einem triumphierenden Lächeln. „Das Wetter ist zwar schon recht schön, aber draußen auf dem Meer kann es mitunter ziemlich frisch werden.“

So blieb Cassie am Ende nichts anderes übrig, als sich ihrem Schicksal zu fügen. Auch wenn ein Bootsausflug mit Dale Prescott so ziemlich das Letzte war, nach dem ihr der Sinn stand. Überhaupt fand sie das Verhalten des Schriftstellers mehr als irritierend. Warum wollte er ihr sein Manuskript nicht zeigen? Immerhin war sie seine Lektorin, und nicht irgendein neugieriger Fan, der seine Nase in Dinge steckte, die ihn nichts angingen.

Was hatte Prescott zu verbergen? Hatte er überhaupt schon mit dem Roman begonnen, auf den der Verlag bereits händeringend wartete?

Je länger Cassie darüber nachdachte, umso logischer erschien ihr diese Erklärung. Weigerte er sich deshalb so energisch, jemanden auch nur einen Blick in sein Manuskript werfen zu lassen, weil es noch gar nicht existierte?

Dale stieß ein gequältes Stöhnen aus. Diese ganze Sache begann langsam, aber sicher völlig aus dem Ruder zu laufen. Er hatte gehofft, Cassie Dorkins mit seinem ablehnenden Verhalten von Svergå vertreiben zu können – doch die Engländerin war weit zäher, als er angenommen hatte.

Aber wie um alles in der Welt konnte er sie davon abbringen, weiterhin darauf zu drängen, sich sein neues Manuskript anzusehen? Er ahnte, dass sie bereits zu der Überzeugung gekommen war, dass er bislang nicht einmal das erste Kapitel des Romans fertiggestellt hatte. Selbst sein Agent Carl hatte bereits begonnen, argwöhnische Fragen zu stellen.

Sie hatten ja alle gar keine Ahnung, wie sehr sie sich täuschten!

Dale ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Was sollte er bloß tun?

Ihm blieb nur, Cassie Dorkins so gut wie möglich von ihrem Vorhaben abzulenken und weiterhin auf ein Wunder zu hoffen. Und vielleicht war Malins Idee, einen Ausflug mit der jungen Lektorin zu unternehmen, am Ende sogar gar nicht mal so schlecht.

Es würde sie hoffentlich wenigstens für eine Weile auf andere Gedanken bringen.

3. KAPITEL

Der Tag war geradezu perfekt für einen Bootsausflug. Dale stand am Bug der Skägård, den Fahrtwind im Haar, und schaute über das von Sonnenreflexen leuchtende Wasser.

Die Skägård hatte zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, aber fuhr noch immer tadellos. Etwas, worauf Dale nicht ohne Grund stolz war, denn er hatte das alte Fischerboot mit seiner eigenen Hände Arbeit instand gesetzt, nachdem er es im Hafen von Värholm entdeckt hatte.

Genau genommen hatte Annika es zuerst gesehen und ihn darauf aufmerksam gemacht. Sie war es auch gewesen, die ihn davon überzeugt hatte, es dem damaligen Besitzer für ein paar Kronen abzukaufen. Irgendwie hatten sie es geschafft, den lecken Kahn bis nach Svergå zu schleppen, wo er für die nächsten Jahre auf einem improvisierten Trockendock lag.

Dale hatte nie die Zeit gefunden, sich näher mit der Skägård zu befassen. Nicht bis zu dem Tag, an dem Annika von ihm gegangen war. Wie ein Besessener hatte er sich in die Arbeit gestürzt und nicht geruht, ehe der marode Kutter wieder seetüchtig war. Doch auch das hatte ihm seine geliebte Frau nicht zurückgebracht. Nichts und niemand auf der Welt konnte das. Dennoch betrachtete er die Skägård als ihr Vermächtnis. Für ihn war es Annikas Boot.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, es heute zu benutzen. Er hätte auch das kleine Motorboot nehmen können, das für einen kurzen Trip durch die Umgebung allemal ausreichend gewesen wäre. Doch er hatte Cassie Dorkins an Bord der Skägård gebracht. Warum, wusste allein der Himmel.

„Was ist das für eine hübsche Insel dort hinten?“

Widerwillig blickte Dale sich um. Cassies pechschwarze Locken wirkten verführerischer als sonst, und ihr Gesicht war leicht gerötet.

„Welche Insel meinen Sie?“, fragte er betont desinteressiert.

Sie deutete auf die kleine, mit lichten Birkenwäldchen bewachsene Schäre, die sich nur ein paar Meilen von Svergå entfernt aus der Ostsee erhob. Bei ihrem Anblick wurde Dale das Herz schwer. Er kannte diese Insel besser als irgendein anderer Mensch. Sie war unbewohnt. Zwar befand sich auf der zum Festland gerichteten Seite eine kleine verfallene Fischerhütte, aber dort lebte schon seit vielen Jahren niemand mehr.

„Das ist Söderland“, murmelte er und wandte rasch den Blick ab. Ole, der die ganze Zeit über ruhig neben seinem Herrchen gestanden hatte, stieß ein leises Winseln aus und rieb seine Schnauze an Dales Hand.

„Ist es möglich, die Insel mit dem Boot anzulaufen?“, wollte Cassie wissen.

Dale schüttelte den Kopf. „Nein, sie befindet sich in Privatbesitz, und der Inhaber sieht es gar nicht gern, wenn sich Fremde auf der Insel herumtreiben.“

Was er nicht erwähnte, war, dass sich die Besitzurkunde für Söderland im untersten Fach seines Schreibtisches in seinem Arbeitszimmer befand. Was ging es Cassie auch an? Außer Malin und seinem Notar wusste kein Mensch vom wahren Zweck, den die kleine Schäre erfüllte, und niemand außer Dale selbst setzte je einen Fuß darauf. Nicht, seit jenem Tag, an dem …

Die Flut der Erinnerungen brach über ihn herein, ehe er sich dagegen wappnen konnte. Wie unter Schmerzen krümmte er sich zusammen. Die alten Wunden, die niemals richtig verheilt waren, brachen wieder auf, und er fühlte sich zurückversetzt in eine Zeit, an die er sich lieber nicht mehr erinnern wollte und die er doch wohl niemals würde vergessen können.

„Geht es Ihnen nicht gut?“

Cassies Stimme riss ihn in die Realität zurück. Als er sich zu ihr umdrehte, blinzelte er irritiert. Für einen Augenblick war ihm, als stünde statt der dunkelhaarigen Lektorin eine hübsche, lebenslustige blonde Frau vor ihm, die er einmal sehr gut gekannt hatte. Doch eine Sekunde später war das Bild verschwunden!

„Ich … Es geht schon wieder“, sagte er, überrascht darüber, wie rau und schwach seine eigene Stimme klang. „Mir war nur kurz ein wenig übel. Ich leide beizeiten immer noch unter leichter Seekrankheit.“

Ihrem skeptischen Gesichtsausdruck konnte er entnehmen, dass sie ihm diese fadenscheinige Erklärung nicht abnahm. Doch was sollte er tun? Ihr die Wahrheit sagen? Ihr erklären, was er gesehen zu haben glaubte? Auf keinen Fall. Sie würde ihn ganz sicher für verrückt erklären.

„Lieber Himmel, wie schön!“

Värholm war mehr Dorf als Kleinstadt mit seiner engen Hauptstraße, die gesäumt war von vanillegelben und lindgrünen Häusern. Kein Gebäude besaß mehr als zwei Stockwerke, und die Fenster und Türen waren mit strahlend weißer Farbe umrandet. Die Straße führte direkt von dem kleinen Hafen bis hin zum Marktplatz, an dessen Kopf das bildschöne, zartblau gehaltene Rathaus stand, dessen Giebel ein kleines Türmchen krönte.

Es gab einen kleinen Supermarkt, doch bei den meisten Geschäften schien es sich um alteingesessene Familienbetriebe zu handeln. Cassie entdeckte einen Metzger und einen Schneider. Aus der weit offen stehenden Tür einer Bäckerei drang der köstliche Duft frisch gebackener Chokladtårta, einer speziellen Art von Schokoladenkuchen, der Cassie das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ.

Jetzt standen Dale und sie vor einem kleinen Laden, in dessen Schaufenster handgeschnitzte Pferde, einige klein wie Streichholzschachteln, andere von der Größe von Schaukelpferden, ausgestellt waren.

„Das sind Dala-Pferdchen“, erklärte Dale. „Heutzutage praktisch das Souvenir schlechthin für jeden Schwedenurlauber. Ursprünglich stammen sie aus der Region Dalarna und wurden von Bauern geschnitzt, um sich die langen Winterabende zu vertreiben.“

„Sie sind wunderhübsch. Und diese leuchtenden Farben und Muster!“

„Jedes dieser Ornamente und Zeichnungen folgte jahrhundertealten Familientraditionen, die Grundfarbe ist jedoch zumeist Rot.“

Erstaunt schaute Cassie ihn an. „Sie kennen sich ziemlich gut aus. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich besonders für Kunsthandwerk interessieren.“

Er lachte. „Warum? Weil ich ein Mann bin? Aber Sie haben recht, mein Wissen rührt eher daher, dass meine …“ Er stockte, und Cassie glaubte zu sehen, dass sich seine Augen für einen kurzen Moment verdunkelten. Dann jedoch sprach er weiter, als sei nichts geschehen. „Ich kannte mal jemanden, der Dala-Pferdchen gesammelt hat, das ist das ganze Geheimnis.“

An einem kleinen Eisladen machten sie Rast und gönnten sich eine große Portion Erdbeereis mit Schlagsahne, bevor sie ihren Weg fortsetzten. Bald hatten sie den Ort hinter sich gelassen, und die Hauptstraße von Värholm ging in eine schmale Landstraße über. Zu beiden Seiten erstreckten sich üppig blühende Wiesen, die in ihrer Pracht alles übertrafen, was Cassie jemals gesehen hatte.

Rosen in allen Rottönen, Rittersporn und Hibiskus wetteiferten miteinander, und im Schatten einiger hoher Kastanien lag ein kleiner Weiher, auf dessen Oberfläche Enten ihre Kreise zogen.

Ole begann heftig an seiner Leine zu zerren und jaulende Klagelaute auszustoßen, bis sein Herrchen sich schließlich seiner erbarmte und ihn losmachte. Wie ein Blitz schoss der beige-braune Hütehund über die Wiese, sprang ausgelassen herum und setzte schließlich einem Kaninchen hinterher, das so leichtsinnig gewesen war, den Kopf aus seinem Bau zu strecken.

Lachend beobachtete Cassie die wilde Verfolgungsjagd. Sie konnte kaum glauben, wie schön es hier war. Diese Mischung aus sanfter Idylle und wildwüchsiger Natur ließ sich mit nichts vergleichen, was London zu bieten hatte. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, wie es wohl wäre, in einer solchen Umgebung zu leben, doch dann schüttelte sie den Kopf. Sie war nicht für ein Leben auf dem Lande geschaffen. Früher oder später würde sie den Trubel und das geschäftige Treiben der Großstadt ganz sicher vermissen.

„Was ist? Haben Sie auch so einen Bärenhunger wie ich?“ Dale stieß einen Pfiff aus, der Ole auf der Stelle gehorsam zu seinem Herrn zurückkehren ließ.

„Hunger?“ Cassie lachte. „Ich falle auf der Stelle um, wenn ich nicht bald etwas zu essen bekomme. Aber ich glaube kaum, dass wir hier draußen irgendwo einen Gasthof finden, oder?“

„Wer braucht schon einen Gasthof?“ Dale hob den Korb an, den er schon die ganze Zeit über bei sich getragen hatte. „Malin hat selbstverständlich für unser leibliches Wohl gesorgt.“

Er stellte den Korb ab und beförderte zuerst eine Decke daraus hervor, die er auf dem weichen Grasboden ausbreitete. Danach kamen nach und nach die köstlichsten Leckereien zum Vorschein. Schließlich machte Dale eine einladende Handbewegung und sagte: „Nehmen Sie Platz, Frau Lektorin, es ist angerichtet.“

Lächelnd ließ sich Cassie auf der Decke nieder. Für einen Moment schloss sie die Augen und sog die klare, würzige Landluft tief in ihre Lungen. Sie reckte das Gesicht zum Himmel und spürte die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrer Haut.

Was für ein traumhafter Tag. Einer von der Sorte, von denen man wünschte, dass sie niemals endeten. Doch dann rief sie sich zur Ordnung. Sie war nicht hier, um sich zu amüsieren oder zu entspannen. Sie hatte einen Job zu erledigen, und sie tat besser daran, diesen so rasch wie möglich zum Abschluss zu bringen.

Es schien fast so, als wäre Dale inzwischen ein wenig zugänglicher geworden. Ob sie den günstigen Moment nutzen sollte, um ihn noch einmal wegen des Manuskripts anzusprechen? Der Verlag würde bald Ergebnisse fordern. Wenn herauskam, dass ihre Chancen, auch nur eine einzige Seite seines Romans jemals zu Gesicht zu bekommen, mehr als schlecht standen, würde es ihrer Karriere bei Dolphin Books ganz sicher nicht zuträglich sein.

Doch konnte sie jetzt, wo das Kriegsbeil zwischen ihnen gerade erst begraben war, tatsächlich schon einen ungestümen Vorstoß wagen? Ihrer Erfahrung nach waren Schriftsteller oftmals reichlich launische Menschen, und Dale schien da keine Ausnahme zu sein. Es bestand durchaus die Gefahr, dass seine Stimmung von einem Moment zum anderen wieder umschlug. Und wollte sie das wirklich riskieren?

Aber vielleicht gab es ja noch eine andere Möglichkeit. Was, wenn es ihr irgendwie gelang, in sein Arbeitszimmer zu gelangen? Dann könnte sie wenigstens schon einmal die Lage checken und …

Hör sofort damit auf! ermahnte sie sich scharf. Du denkst doch wohl nicht ernsthaft daran, in Dales Arbeitszimmer einzubrechen! Was für eine absurde Idee. Und doch – je länger sie darüber nachdachte, umso deutlicher nahm diese Idee in ihrem Kopf Gestalt an.

„Was ist los? Sie wirken plötzlich so nachdenklich. Stimmt etwas nicht?“, riss Dales Stimme sie aus ihren Gedanken.

Hastig schüttelte Cassie den Kopf. Sie hoffte, dass man ihr das schlechte Gewissen nicht allzu deutlich ansehen konnte. Einbruch? Also wirklich, was war denn bloß mit ihr los? „Alles in Ordnung. Was ist, essen wir jetzt endlich, oder wollen Sie mich verhungern lassen? Die Erdbeeren sehen einfach köstlich aus!“

Das Klappern von Kochgeschirr empfing Cassie, als sie in die Küche trat. Der Tisch bog sich bereits unter der Last der unterschiedlichsten Speisen, es machte beinahe den Anschein, als sei eine ganze Kompanie zu versorgen. Malin Gustavson stand hinter dem Herd und bereitete Rührei mit Speck zu. Als sie Cassie erblickte, erschien ein strahlendes Lächeln auf ihrem gutmütigen Gesicht.

„Meine Güte, Sie sind aber früh auf, Miss Dorkins. Setzen Sie sich doch. Oder wollen Sie lieber noch einen kurzen Spaziergang machen? Es sieht so aus, als stünde uns ein wundervoller Tag bevor.“

Cassie warf einen Blick aus dem Fenster, dann nickte sie kurz entschlossen. „Das ist wirklich eine hervorragende Idee. Ein Spaziergang vor dem Frühstück ist jetzt genau das Richtige.“

„Ach, wenn Sie mögen, dann nehmen Sie doch Ole mit“, sagte Malin. „Der freut sich sicher, wenn er ein bisschen Bewegung bekommt. Und außerdem kann ich mich in der Zeit ein bisschen um Lotta, unsere Katze, kümmern. Sie und Ole verstehen sich eigentlich gut, aber sie liebt auch die Stunden des Tages, wo die Küche ihr ganz allein gehört.“

Wie zur Bestätigung stolzierte in diesem Moment eine hübsche, grau getigerte Katze durch die offen stehende Küchentür, die direkt in den Garten führte, und strich schnurrend um Malins Beine.

Der Hirtenhund hob kurz den Kopf und stieß ein heiseres Bellen aus. Dann rappelte er sich auf, kam auf Cassie zu und leckte ihr die Hand.

„Du verstehst wohl ganz genau, wovon wir sprechen, wie?“, sagte sie lachend. „Na gut, überredet. Was hältst du davon, wenn wir zwei uns ein bisschen die Beine vertreten?“

Sie nahm die Leine, die neben der Tür an einem Haken hing, und befestigte sie an Oles Halsband, dann traten sie hinaus in die Natur. Malin hatte nicht übertrieben, es war tatsächlich ein wundervoller Morgen. Frühnebel lag über den Wiesen, und auf den Blüten und Blättern der Blumen glitzerte der Tau im Sonnenlicht.

„Zeigst du mir die Insel, Kleiner?“, fragte Cassie leise, denn sie kam sich ein bisschen dumm dabei vor, sich mit einem Hund zu unterhalten. Doch Ole schien sie tatsächlich zu verstehen, jedenfalls kläffte er zustimmend.

Vertrauensvoll überließ sie sich seiner Führung, und schon kurze Zeit später hatten sie das rote Haus hinter sich gelassen. Sie durchquerten ein Birkenwäldchen. Zwischen den Bäumen herrschte noch immer sanftes Zwielicht, aber schon bald sah Cassie das matte Blau der Ostsee durch das lichte Unterholz schimmern.

Auf einem blank polierten Granitfelsen ließ sie sich nieder und schaute hinaus auf den endlosen Ozean. Sie war völlig in Gedanken versunken, als ein entferntes Kläffen sie unsanft aus ihren Träumen riss. Irritiert schaute sie sich um, und ihr Herz machte einen erschrockenen Satz, als sie Oles Leine erblickte, die schlaff von dem Ast herabhing, an dem sie ihn festgebunden hatte. Von dem Hund keine Spur.

„Oh nein“, keuchte sie und blickte sich suchend um. Dann legte sie die Hände wie einen Trichter an den Mund und rief: „Ole! Ole, wo steckst du? Komm sofort zurück, du kleiner Ausreißer!“

Nichts rührte sich. Nur einmal glaubte Cassie aus weiter Entfernung ein Bellen zu vernehmen, doch es konnte sich ebenso um ein Geräusch des Windes handeln, der leise durch die Bäume strich.

Panik stieg in ihr auf. Was sollte sie denn jetzt nur tun? Sie kannte sich auf Svergå nicht aus. Ole konnte überall und nirgends stecken. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie mit der Suche beginnen sollte.

Es gab nur eine richtige Entscheidung. Sie musste sofort umkehren. Malin oder Dale würden hoffentlich wissen, wo Ole sich mit Vorliebe herumtrieb. Und wenn sie sehr viel Glück hatte, wartete der Hund vielleicht dort schon auf sie.

Cassie rannte, so schnell sie konnte. Dennoch schien sie länger zu brauchen als zuvor, denn sie hatte nicht so genau auf den Weg geachtet, da sie davon ausgegangen war, dass Ole sie zurückführen würde. Erleichterung stieg in ihr auf, als sie hinter einem sanft ansteigenden Hügel den Dachfirst des Hauses erblickte. Sie hatte es fast geschafft. Wenn doch nur Ole an der Gartentür auf sie warten würde …

Ihre Hoffnung zerplatzte wie eine Seifenblase, als sie anstelle des Hütehundes Dale erblickte, der nervös von einem Ende der Veranda zum anderen schritt. Eine Sekunde später hatte er Cassie entdeckt und kam mit ausgreifenden Schritten auf sie zugelaufen.

„Zum Teufel! Wo haben Sie meinen Hund gelassen?“, fuhr er sie an.

Erschrocken zuckte Cassie zusammen. „Er … Es tut mir leid, ich weiß nicht, wie das geschehen konnte. Ich hatte ihn an einem Baum festgebunden, doch er muss sich irgendwie losgemacht haben.“

„Verdammt, das darf doch nicht wahr sein! Können Sie denn nicht aufpassen? Wenn Ole irgendetwas zugestoßen ist, sind Sie allein dafür verantwortlich!“

Er riss ihr die Leine aus der Hand und stürmte los in die Richtung, aus der Cassie gekommen war. Schuldbewusst, aber auch ein wenig ärgerlich blickte sie ihm hinterher. Sie fühlte sich schrecklich, weil Ole ihr so einfach davongelaufen war. Sie hätte wirklich besser auf ihn aufpassen müssen. Doch was glaubte Dale eigentlich? Dass sie seinen Hund absichtlich von der Leine gelassen hatte?

Und sie hatte geglaubt, der gestrige Tag hätte etwas an der Stimmung zwischen ihnen geändert! Doch ganz offensichtlich hatte sie sich getäuscht. Dale Prescott war und blieb ein unausstehliches Ekel.

4. KAPITEL

Dale stieß einen schrillen Pfiff aus und blickte sich suchend nach allen Seiten um. Nichts. Verdammt, der Hund konnte sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben.

„Ole! Alter Junge, wo steckst du?“

Sorgenvoll schüttelte Dale den Kopf. Auch wenn Svergå keine besonders große Insel war, so gab es – vor allem auf der zur See gewandten Seite – einige Stellen, die für einen Hund von Oles Größe durchaus gefährlich werden konnten. Schaudernd dachte er an die verschiedenen Löcher und Stollen, die teilweise bis weit hinunter in die Erde reichten und deren Ränder im Laufe der Zeit von wuchernden Sträuchern überwachsen worden waren. Ein falscher Schritt konnte den sicheren Tod bedeuten, selbst für einen Menschen. Deshalb hatte Malin ihren beiden Enkeltöchtern auch immer wieder eingeschärft, keinesfalls auf eigene Faust den rückwärtigen Teil von Svergå zu erforschen.

Ein eisiger Schauer rieselte Dales Rückgrat hinunter, als das Bild seines Hundes vor seinem geistigen Auge auftauchte. Hilflos und verletzt in einem der tiefen Erdgruben, vielleicht sogar verschüttet und …

Hör auf! Es hat noch nie jemandem geholfen, den Teufel an die Wand zu malen, rief er sich streng zur Ordnung. Wahrscheinlich trieb Ole sich einfach irgendwo herum, jagte Wildkaninchen und Möwen hinterher und amüsierte sich königlich.

Doch sosehr sich Dale auch bemühte, es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich zu beruhigen.

„Ole! Nun komm endlich her! Du hattest deinen Spaß, jetzt reicht’s!“

Wieder regte sich nichts. Leise raschelnd fuhr der Wind durch die Sträucher, aus der Ferne war das Rauschen der Brandung und das Schreien der Möwen zu hören – sonst nichts.

Warum hatte diese verantwortungslose Person auch nicht vernünftig aufpassen können! Einen Hund wie Ole band man nicht einfach irgendwo an einem Ast fest, und wenn schon, dann überprüfte man zuvor wenigstens den Sitz seines Halsbandes! Aber was hatte er erwartet? Ihm war doch von Anfang an klar gewesen, dass diese Frau nichts als Ärger bringen würde!

Er lief weiter und rief dabei immer wieder nach seinem Hund. Er musste ihn einfach finden. Ole war weit mehr als nur irgendein Haustier für ihn. Wie die Skägård war auch der Hund ein Teil von Annikas Erbe. Sie hatte den kleinen Streuner adoptiert und aufgepäppelt. Jetzt, wo sie nicht mehr für ihn sorgen konnte, trug Dale die Verantwortung für ihn. Wenn er jetzt wieder versagte …

Nein, so etwas darfst du nicht einmal denken, sagte er sich und rief abermals nach dem Hund. Sein Herz machte einen erleichterten Hüpfer, als er aus einiger Entfernung ein leises Kläffen vernahm. Dann sah er ein beige-braun geflecktes Fellbündel, das aus dem Unterholz herausschoss und direkt auf ihn zugelaufen kam.

„Ole!“ Ein Stein von der Größe eines Felsbrockens fiel Dale vom Herzen. Er kniete nieder und schloss erleichtert seinen Hund in die Arme. Dass sein Hemd dabei mit Schlammspritzern übersät wurde, kümmerte ihn nicht im Geringsten. „Wo hast du denn gesteckt, alter Streuner? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Tu so etwas ja nie wieder, hörst du?“

Der Hütehund wedelte freudig mit dem Schwanz und rieb seine Schnauze am Kinn seines Herrchens. Es schien fast, als wolle er sich dafür entschuldigen, so einen Ärger verursacht zu haben.

Dale lachte. „Ist ja schon gut, mein Alter, jetzt ist ja alles wieder in Ordnung. Aber deinetwegen habe ich Cassie eben ganz schön angeraunzt. Ich glaube, ich muss mich bei ihr entschuldigen.“

Der Hund kläffte zustimmend und trottete lammfromm neben seinem Herrchen her, als dieser den Rückweg einschlug. Schon von Weitem erkannte Dale die zierliche Gestalt, die angestrengt nach ihnen Ausschau hielt. So auch Ole. Laut bellend stob der Hund davon und hätte Cassie um ein Haar umgeworfen, als er zur Begrüßung an ihr emporsprang.

„Ist ja schon gut, ist ja schon gut!“ Cassie schob Ole von sich und tätschelte ihm erleichtert den Kopf. „Ich weiß ja, dass du ein braver Junge bist.“ Sie blickte zu Dale, und ihr Lächeln schwand. „Bei gewissen anderen Personen bin ich mir da jedoch nicht so sicher.“

„Hören Sie, Cassie, es tut mir leid, ich …“

Die Lektorin winkte ab. „Sparen Sie sich das! Auf Ihre Entschuldigungen kann ich getrost verzichten. Wenn Sie allerdings wirklich etwas für mich tun wollen, dann geben Sie mir endlich Ihr Manuskript und lassen mich gefälligst meine Arbeit machen.“

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und kehrte zum Haus zurück. Dale stand noch einen Moment lang da und schaute ihr nachdenklich hinterher. Es war merkwürdig, doch er hatte tatsächlich beinahe den wahren Grund für Cassies Anwesenheit auf Svergå vergessen. Seit ihrem Ausflug nach Värholm fiel es ihm schwer, sie weiterhin als Eindringling zu betrachten. Doch ihre Worte hatten ihm die Zwangslage, in der er steckte, wieder deutlich vor Augen geführt.

Jetzt war guter Rat teuer. Eine kurze Weile lang war es ihm gelungen, sie von ihrer eigentlichen Aufgabe abzulenken, aber es war mehr als fraglich, ob ihm das weiterhin gelingen würde. Er musste sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell. Wenn Cassie die Wahrheit erfuhr, würde es eine Katastrophe geben.

Malin erwartet Cassie bereits. „Vorhin hat ein Herr aus England für Sie angerufen, Miss Dorkins. Ich wusste nicht, wo Sie stecken, deshalb habe ich seine Nummer notiert und ihm gesagt, dass Sie ihn zurückrufen. War das richtig?“

Cassies Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Ein Herr, sagen Sie? Wissen Sie zufällig auch seinen Namen?“

„Oh ja, natürlich. Ich hab’s ja normalerweise nicht so mit Namen, aber diesen konnte ich mir gut merken. Er sagte, sein Name sei Bond. Sie wissen schon, wie dieser Geheimagent aus dem Kino.“ Die Haushälterin zog einen gefalteten Zettel aus der Tasche ihrer Strickjacke und überreichte ihn Cassie. „Hier ist seine Nummer. Es schien dringend zu sein.“

„Vielen Dank“, murmelte Cassie abwesend. Sie war in Gedanken schon dabei, sich die Worte für das unvermeidliche Telefongespräch zurechtzulegen. Mit weichen Knien stieg sie die gewundene Treppe hinauf und ging auf ihr Zimmer. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sank sie mit dem Rücken dagegen und schloss die Augen.

Abgesehen von seinem Namen hatte Charles Bond tatsächlich überhaupt nichts mit dem charmanten Leinwandhelden gemein, auf den Malin angespielt hatte. Er war stellvertretender Direktor von Dolphin Books und während Mr. Berkeleys Abwesenheit für die Verlagsgeschäfte verantwortlich. Sein Anruf auf Svergå konnte nur eines bedeuten: Er wollte Cassie Druck machen, sie dazu bringen, möglichst schnell Ergebnisse zu liefern. Und sie hatte bisher nichts, aber auch gar nichts erreicht. Sicher, sie war auch noch nicht allzu lange auf der Insel, aber wenigstens ein Lagebericht wurde von ihr erwartet. Wie weit ist Dale mit seinem Roman, wie lange wird es noch dauern, haben Sie schon die ersten Seiten gelesen … Genau diese Fragen würde Bond ihr stellen, dummerweise kannte sie auf keine einzige eine Antwort.

„Jetzt nur nicht durchdrehen …“ Sie ging zum Bett, setzte sich auf die Kante und griff nach dem Telefon, das auf dem Nachttisch bereitstand. Ihre Finger zitterten leicht, als sie die Nummer des Verlags anwählte.

Zu ihrer Überraschung wurde sie von der Zentrale direkt in das Büro des stellvertretenden Verlagsleiters weiterverbunden, ohne einen Umweg über sein Vorzimmer zu nehmen. Offenbar wartete Mr. Bond bereits ungeduldig auf ihren Rückruf.

Die Warteschleifenmusik zerrte an Cassies Nerven, doch sie musste sie nicht allzu lange ertragen, denn Bond meldete sich bereits nach dem dritten oder vierten Klingeln.

„Was haben Sie erreicht?“, fragte er, ohne sich lange mit einer Vorrede aufzuhalten.

„Nun, Mr. Bond, es ist so …“ Cassie schluckte schwer. Sie war erschrocken darüber, wie dünn und gepresst ihre Stimme klang. Blieb nur zu hoffen, dass ihre Unsicherheit dem stellvertretenden Verlagsleiter nicht allzu deutlich auffiel. „Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, einen Blick in das Manuskript von Mr. Prescott zu werfen. Er befindet sich augenblicklich in der Endphase des neuen Romans, und er möchte …“

„Es ist mir völlig egal, was Prescott möchte“, fiel Bond ihr barsch ins Wort. „Ihm wurde bereits eine äußerst großzügige Aufschiebung seines Abgabetermins gewährt, jedoch nur unter der Bedingung, dass Sie, Miss Dorkins, das Rohmanuskript des Romans einsehen dürfen. Wenn Prescott dies nun verweigert, kommt es einem Vertragsbruch gleich, das haben Sie ihm hoffentlich klargemacht.“

„Nun, ich dachte, es wäre vielleicht besser, noch ein paar Tage abzuwarten, bis …“

„Miss Dorkins, ich war der Meinung, Mr. Berkeley hätte Ihnen Ihre Instruktionen vor Ihrer Abreise dargelegt. Sie sollen sich das Manuskript ansehen und uns eine knappe Bewertung zukommen lassen, nicht mehr und nicht weniger. Sind Sie jetzt in der Lage, diesen Auftrag auszuführen, ja oder nein?“

Cassie atmete tief durch. „Ja.“

„Sehr schön“, entgegnete Bond übertrieben freundlich. „Dann haben wir diese Angelegenheit ja geklärt. Ich erwarte Ihre Meldung in spätestens drei Tagen, und ich kann nur für Sie hoffen, dass Sie bis dahin erfreulichere Neuigkeiten für mich haben.“

Ohne ein weiteres Wort beendete Bond das Gespräch. Cassie legte den Hörer zurück auf die Gabel und sank auf das Bett. Ihr Herz pochte wie wild. Sie fühlte sich so schwach, als hätte man ihr sämtliche Energie aus dem Körper gesaugt.

Was für ein unsympathischer Mensch dieser Charles Bond doch war. Cassie hatte ihn vom ersten Augenblick an nicht ausstehen können. Dass es sich umgekehrt ein wenig anders verhielt, hatte sie schon an ihrem ersten Arbeitstag bei Dolphin Books zu spüren bekommen. Bond war verheiratet und bereits Anfang fünfzig, doch das hatte ihn nicht daran gehindert, ihr bereits an ihrem ersten Arbeitstag unmissverständliche Angebote zu machen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihn selbst in die Schranken zu weisen, war sie schließlich zu Mr. Berkeley gegangen. Seitdem hatte sie nicht mehr mit Bond zusammenarbeiten müssen und war ihm so gut wie möglich aus dem Weg gegangen.

Jetzt aber hatte sich die Situation stark zu ihrem Nachteil verändert. Während der Abwesenheit des Verlagsleiters saß Bond am längeren Hebel, und Cassie zweifelte nicht daran, dass er ihr das Leben zur Hölle machen würde, wo auch immer er nur konnte. Ein eisiger Schauer durchfuhr sie, als sie daran dachte, dass ihre Zukunft sich in den Händen gleich zweier unberechenbarer Männer befand.

Dass der alte Lüstling sie beim geringsten Anlass feuern würde, bezweifelte Cassie keine Sekunde. Und Dale spielte ihm unwissentlich mit seiner starrköpfigen Weigerung, sie ihren Job tun zu lassen, auch noch geradewegs in die Hände. Was sollte sie denn bloß tun? Sie musste an Dales Manuskript, koste es, was es wolle. Wenn es ihr nicht gelang, würde sie am Ende des Monats auf der Straße sitzen.

In diesem Fall heiligt der Zweck die Mittel, fand Cassie und erhob sich vom Bett. Sie würde noch einmal versuchen, Dale davon zu überzeugen, ihr den Roman freiwillig zu überlassen. Sollte er sich weiterhin weigern, mit ihr zu kooperieren, war er für die Konsequenzen selbst verantwortlich.

Trotzdem war ihr alles andere als wohl bei dem Gedanken, einfach so in das Arbeitszimmer ihres Gastgebers einzudringen. Sie war doch keine Spionin! Doch was ließ man ihr schon für eine Wahl? Wenn sie Bond nicht bald Ergebnisse lieferte, würde sie ihren Job verlieren. Schon einmal hatte sie alles verloren, an dem ihr Herz hing. Sie war nicht erpicht darauf, diese Erfahrung zu wiederholen.

Dale seufzte resigniert, als er den Absatz las, den er gerade zu Papier gebracht hatte. Was für eine zusammenhanglose Aneinanderreihung von Unsinn. Einen Literaturpreis würde er dafür ganz sicher nicht gewinnen, so viel stand fest. Doch wie sollte man sich auch konzentrieren, wenn einem ständig andere Dinge im Kopf herumschwirrten?

Noch immer war ihm keine Idee gekommen, wie es ihm gelingen konnte, Cassie zu besänftigen und zugleich ruhigzustellen. Der einzige Weg schien zu sein, ihr sein Manuskript zu überlassen – und das war wirklich völlig undenkbar!

Er lehnte sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Dabei ließ er den Blick über die verschieden hohen Stapel Papier wandern, die sich auf jeder freien Fläche des Arbeitszimmers türmten. Jeder von ihnen war mit winziger Schrift und minimalem Zeilenabstand bedruckt, und die Manuskriptseite, die sein Drucker als Letztes ausgeworfen hatte, enthielt den Beginn des achtundfünfzigsten Kapitels seines aktuellen Romans Einsame Herzen – Seite eintausendachthundertsechzig. Und das Ende der Story war noch nicht einmal in Sichtweite!

Irgendwo am Ende des zwölften Kapitels hatte er angefangen, sich in seiner eigenen Geschichte zu verlieren. Der Plot hatte mittlerweile so viele Nebenhandlungen entwickelt, dass Dale mitunter selbst nicht mehr folgen konnte. Einen roten Faden gab es spätestens seit dem fünfzehnten Kapitel nicht mehr, und doch konnte er sich einfach nicht dazu durchringen, den Roman zu beenden.

Wie in Gottes Namen sollte er das eigentlich irgendjemandem erklären?

Ein leises Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Er murmelte einen Fluch. „Verdammt, was soll denn das? Malin, du weißt genau, dass ich nicht gestört werden möchte, wenn ich in meinem Arbeitszimmer bin. Kann man denn in diesem Hause nicht einmal in Ruhe arbeiten?“

„Entschuldigen Sie, aber ich würde gerne kurz mit Ihnen sprechen, wenn das möglich ist.“

Dale zuckte zusammen, als er Cassies Stimme erkannte. Das war nicht gut. Er konnte sie unmöglich ins Zimmer lassen, also musste er versuchen, sie irgendwie abzuwimmeln. Doch irgendwie ahnte er bereits, dass das nicht einfach werden würde. Nervös fuhr er sich durchs Haar.

„Können wir das nicht auf später verschieben? Ich bin gerade mitten in einer wichtigen Szene und würde meine Arbeit jetzt nur ungern unterbrechen.“

„Es tut mir leid, aber es ist wirklich wichtig“, erwiderte Cassie bestimmt. Dales Herz setzte beinahe aus, als sich der Türknauf zu drehen begann. Mit einem Satz war er bei der Tür und öffnete sie einen winzigen Spaltweit.

„Lieber Himmel, was ist denn?“, blaffte er Cassie an. „Was wollen Sie?“

Die Engländerin wirkte überrascht. „Wollen Sie mich denn nicht hereinlassen?“

„Ich denke ja gar nicht daran! Sagen Sie, was Sie mir zu sagen haben – und dann verschwinden Sie! Ich habe zu arbeiten. Gerade Sie sollten das wissen!“

Fragend zog Cassie eine Augenbraue hoch und schaute ihn forschend an, doch schließlich zuckte sie mit den Schultern. „Nun gut, wie Sie wünschen. Ich bin hier, um Sie zu bitten, mir endlich Ihr Manuskript zu überlassen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, falsch, ich bitte Sie nicht – ich verlange es von Ihnen! Die Abmachung, die Sie mit dem Verlag getroffen haben, besagt ganz eindeutig, dass …“

„Zum Teufel mit dieser elenden Vereinbarung!“, fiel er ihr barsch ins Wort. Er war versucht, ihr einfach die Tür vor der Nase zuzuschlagen, doch ihm war klar, dass er damit die Situation noch verschlimmern würde.

Seine Gedanken rasten. Was nun? Cassie würde sich dieses Mal nicht mit ein paar vertröstenden Worten abspeisen lassen, das war ihr deutlich anzusehen. Doch er konnte ihr das Manuskript nicht überlassen. Unmöglich!

Und dann hatte er plötzlich einen Geistesblitz. Zwar konnte er ihr nicht das ganze Manuskript überlassen, das stimmte – aber es war durchaus möglich, ihr einen Teil zu geben. Die ersten beiden Kapitel von Einsame Herzen beispielsweise waren durchaus vorzeigbar. Wenn Cassie sich damit zufriedenstellen ließe, war schon einiges gewonnen.

„Also gut“, sagte er. „Warten Sie einen Moment.“

Cassies Augen wurden groß. „Soll das heißen, Sie werden mir das Manuskript endlich aushändigen?“

„So ungefähr“, erwiderte er ausweichend, lehnte die Tür an und machte sich auf die Suche nach dem Stapel mit den ersten Kapiteln seines Romans – was mehr Zeit in Anspruch nahm, als er angenommen hatte, doch schließlich hielt er Kapitel eins und zwei in Händen. Er drehte sich um – und erstarrte vor Schreck.

Die Tür war aufgeschwungen, und Cassie stand bereits halb im Raum. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Dale rang sich ein strahlendes Lächeln ab, drückte ihr den Stapel Papier in die Hand und schob sie sanft, aber bestimmt aus dem Zimmer. „Das sind die ersten beiden Kapitel meines Romans“, erklärte er hastig, um Cassies Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und lotste sie hinaus auf den Flur. Dann schloss er eilig die Tür hinter sich und verriegelte sie sorgfältig. Geschafft. „Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.“

5. KAPITEL

Cassie brauchte nicht einmal eine Stunde, um die ersten beiden Kapitel von Dales Roman Einsame Herzen durchzulesen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie die letzte Seite behutsam auf den Stapel zurücklegte. Sie arbeitete nun schon seit vielen Jahren als Lektorin, doch so etwas war ihr noch nie zuvor passiert.

Es handelte sich um die Rohfassung, den ersten Entwurf des Manuskripts, doch es war bereits jetzt so gut wie perfekt. Obwohl sie gerade erst den Anfang gelesen hatte, fühlte sie sich von der Geschichte und den Charakteren regelrecht gefesselt. So sehr, dass sie es kaum erwarten konnte zu erfahren, wie es weiterging.

Von der ersten Seite an erschien es beinahe unmöglich, nicht mit Anna und David, den beiden Hauptfiguren, mitzufiebern.

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