Logo weiterlesen.de
ROMANA GOLD BAND 36

IMAGE

Inselfieber

1. KAPITEL

„Ich soll das Land verlassen?“

Rosalind Marlow, die in dem eleganten Wohnzimmer ihrer Eltern auf und ab gegangen war, blieb stehen und schaute ihre Mutter bestürzt an.

„Nur für kurze Zeit, Schatz.“ Nachdem Constance Marlow ihren Tee ausgetrunken hatte, lehnte sie sich auf der Couch zurück, ohne sich von dem wütenden Gesichtsausdruck ihrer Tochter aus der Ruhe bringen zu lassen. „Nur bis sich die Aufregung etwas gelegt hat.“

„Soll das heißen, dass ich weglaufen soll?“, entgegnete Rosalind ungläubig. Ihre Eltern hatten sie und ihre fünf Geschwister nach dem Grundsatz erzogen, dass man immer die Verantwortung auf sich nehmen musste, egal, wie schmerzhaft oder peinlich es auch sein mochte. Erwartete ihre Mutter jetzt etwa, dass sie dafür ihren guten Ruf aufs Spiel setzte?

Rosalind blickte Hilfe suchend zu ihrem Vater, doch er zuckte lediglich die Schultern, als wollte er damit sagen, er wäre ohnehin Wachs in den Händen ihrer Mutter. Das war er natürlich auch, aber nur, wenn es ihm gerade in den Kram passte. Als renommierter Theaterregisseur mit über dreißig Jahren Berufserfahrung verfügte Michael Marlow über die Fähigkeit, die zumeist egozentrischen Schauspielerinnen und Schauspieler zu beherrschen, mit denen er sowohl beruflich als auch privat zu tun hatte – seine berühmte Frau eingeschlossen.

„Betrachte es einfach als Urlaub, Schatz“, erwiderte ihre Mutter leise. „Du musst zugeben, dass es eine Ewigkeit her ist, seit du das letzte Mal richtig Urlaub gemacht hast. Und nach deinem letzten Engagement hast du dir wirklich eine Erholungspause verdient.“

Rosalind schauderte bei der Erinnerung an ihren letzten Abstecher in die Filmbranche, der sie nur in der Annahme bestätigt hatte, dass sie wie ihre Mutter eher für die Bühne als für den Film geboren war. Obwohl sie sich für vielseitig genug hielt, um alles zu bewältigen, hatte es ihr im Grunde nie Spaß gemacht, vor der Kamera zu agieren, wo alles in kurzen Einstellungen festgehalten wurde und irgendein namenloser Cutter letztendlich darüber bestimmte, wie man eine Rolle interpretierte.

Es war ein Fehler gewesen, die weibliche Hauptrolle in dem ambitionierten Film anzunehmen. Doch die Regisseurin, eine alte Freundin von der Schauspielschule, hatte sie in einem schwachen Moment erwischt und sie davon überzeugt, dass es Spaß machen würde, wieder zusammenzuarbeiten.

Von wegen Spaß! Da sie alle gefährlichen Szenen ohne Double gedreht hatte, hatte sie sich das Handgelenk gebrochen und wäre beinahe von Haien gefressen worden!

„Es geht ums Prinzip.“ Rosalind fuhr sich durch das kurze rote Haar, das einen scharfen Kontrast zu ihrer hellen Haut und dem schwarzen Rollkragenpullover bildete. „Warum sollte ich die Flucht ergreifen? Schließlich habe ich nichts getan.“

„Natürlich hast du nichts getan“, beschwichtigte ihre Mutter sie.

Rosalind war völlig frustriert. Sie wusste, dass ihre Mutter ihre Schuldgefühle schamlos ausnutzte, aber sie hatte ein Versprechen gegeben, das sie auf keinen Fall brechen wollte. Allerdings konnte sie ihren Lieben keinen Vorwurf daraus machen, dass sie versuchten, die Wahrheit aus ihr herauszubekommen.

„Und selbst wenn es so wäre, weißt du, dass du auf uns zählen könntest“, bemerkte ihr Vater leise.

„Ich würde es euch ja erzählen, wenn ich könnte“, platzte Rosalind heraus. „Ihr müsst mir einfach glauben, dass ich nichts getan habe, dessen ich mich schämen müsste.“

Bewusst vermied sie es, zum Couchtisch zu schauen, auf dem diverse Revolverblätter lagen. In den Schlagzeilen wurde sie als Sexkätzchen bezeichnet, als Mannweib, als armes Kind, das sich nach Liebe sehnte, weil es von seiner Familie zu wenig bekommen hatte, und als hilfloses Werkzeug Außerirdischer, die die Herrschaft über die Erde anstrebten.

„Ich dachte, darüber wären wir uns schon einig“, ließ sich ihr ältester Bruder Hugh vernehmen, der auf der Fensterbank saß. Bisher hatte er seine Frau und seine drei kleinen Kinder im Garten beobachtet, aber nun betrachtete er nachdenklich seine Schwester. „Dadurch, dass du dich geweigert hast, irgendwelche Fragen zu beantworten, hast du der Presse Anlass zu den wildesten Spekulationen gegeben.“

„Ich habe eine Erklärung abgegeben, das hätte genügen müssen. Du bist doch Anwalt. Kann ich keine gerichtliche Verfügung erwirken, damit sie mich in Ruhe lassen?“

Sie ging zum Fenster und schaute hinaus. Sicher warteten die Reporter, die sie seit einer Woche verfolgten, immer noch vor dem Tor. Doch nachdem Hugh ihnen damit gedroht hatte, sie wegen unbefugten Betretens verhaften zu lassen, klopften sie wenigstens nicht mehr an die Tür. Im Gegensatz zu ihren anderen, leiblichen Geschwistern, die alle groß und schlank waren, wirkte er nämlich allein durch seine stämmige Statur Furcht einflößend.

Er zuckte die Schultern. „Vielleicht, aber das würde sie dir lediglich vom Leib halten, denn sie könnten weiterhin über dich berichten, und dich in der Öffentlichkeit fotografieren. Wahrscheinlich würdest du damit genau das Gegenteil erreichen. Sie könnten damit argumentieren, dass das öffentliche Interesse wegen der politischen Folgen Priorität vor deiner Privatsphäre hat …“

„Aber das Ganze hat überhaupt nichts mit Politik zu tun“, wandte Rosalind wütend ein.

„Oh doch, weil die Frau eines Politikers darin verwickelt ist“, widersprach Hugh. „Wegen der bevorstehenden Nachwahl werden alle Seiten versuchen, die Publicity zu ihren Gunsten auszuschlachten.“

„Mir ist allerdings nicht klar, was es nützen soll, wenn ich weglaufe.“ Ihre grünen Augen funkelten vor Zorn. „Sicher werden die Leute mich doch für schuldig halten.“

„Na und? Das tun sie sowieso“, ließ sich nun Richard vernehmen, der der Länge nach neben dem Sofa lag und gerade den Angriff seiner beiden Kinder abwehrte.

„Lass es dir von jemandem sagen, der es weiß, Roz. Für die Regenbogenpresse bist du ein gefundenes Fressen: eine bekannte Schauspielerin mit einem traumhaften Körper, die für ihre Ausschweifungen bekannt ist. Wenn die Geschichte nicht mehr interessant ist, brauchen sie nur einen Schnappschuss von dir in irgendeinem Fummel, und schon bist du auf Seite drei …“

„Nicht vor den Kindern, Richard“, schalt seine Mutter und gab ihm dabei einen Klaps aufs Knie.

Richard lächelte jungenhaft, wodurch er viel jünger als dreißig wirkte, und setzte sich auf. „Solange du hier bist, werden sie dich nicht in Ruhe lassen, Roz. Es wird eher schlimmer, und wir müssen alle mit dir leiden.“ Er machte eine ausholende Geste.

Rosalind war in dem Glauben zu ihren Eltern gefahren, dass sie ruhig mit ihnen zusammensitzen und Tee trinken würde. Stattdessen hatte sie jedoch den ganzen Marlow-Clan angetroffen. Die einzigen, die fehlten, waren ihr Bruder Steve, der Komponist war und gerade in Hollywood an einer Filmmusik arbeitete, und ihr jüngster Bruder Charlie, der Automechaniker bei einem Rennwagenteam war, und gerade in Übersee weilte.

Normalerweise war Rosalind froh darüber, aus einer Familie zu kommen, in der ein so starker Zusammenhalt bestand. Momentan allerdings fühlte sie sich nur zusätzlich unter Druck gesetzt.

Leider hatte ihre Familie immer noch nicht gemerkt, dass sie, Rosalind, mit siebenundzwanzig Jahren längst erwachsen war. Sicher, sie war immer noch kontaktfreudig und gesellig und bei allem, was sie machte, mit ganzem Herzen bei der Sache. Manche Leute hielten ihre übersprudelnde Lebensfreude vielleicht für Leichtsinn, aber ihre Familie hätte es eigentlich besser wissen müssen.

In den letzten fünf Jahren hatte Rosalind ihre Energie hauptsächlich auf ihren Beruf verwandt. Sie hatte zwar immer noch einige ziemlich wilde Freunde, doch es war lange her, seit sie das letzte Mal eine Dummheit begangen hatte.

Nun blickte sie in die Ecke, wo Olivia mit ihrem Mann, Jordan Pendragon, saß.

Normalerweise war Olivia auf ihrer Seite, aber an diesem Tag wirkte sie seltsam reserviert. Wie Richard und Steve waren Olivia und Rosalind zweieiige Zwillinge und hatten sich immer sehr nahe gestanden, bis Olivia im Vorjahr geheiratet hatte.

Obwohl Olivia Künstlerin war und daher häufig in höheren Regionen schwebte, hatte Rosalind das Gefühl, dass ihre Schwester diesmal absichtlich so distanziert war, und das verletzte sie. Nichts war mehr so wie vorher. Kein Wunder, dass sie mit ihren Nerven am Ende war.

„Tut mir leid, ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm wird.“ Rosalind schob die Hände in die Taschen ihrer engen schwarzen Jeans. „Das Ganze hat ungeahnte Ausmaße angenommen … nur weil ein geldgieriger Hotelangestellter seine Version der Ereignisse an den Meistbietenden verkaufen musste. Warum können die Leute sich nicht um ihre Angelegenheiten kümmern?“

„Du bist eine Person des öffentlichen Interesses“, sagte Richard ungerührt. „In meinem Büro steht das Telefon nicht still, und ich bin es langsam leid, Interviews zu geben, die sich als reine Zeitverschwendung erweisen – ganz zu schweigen davon, dass ich Sicherheitsbeamte engagieren musste, die die Reporter von meinen Schauspielern und Mitarbeitern fern halten.“

„Ich dachte, du glaubst, dass Publicity immer gut ist.“ Rosalind blickte demonstrativ von ihm zu seiner Frau Joanna, um ihn daran zu erinnern, wie er diese mit Hilfe der Klatschspalten dazu gedrängt hatte, seinen Heiratsantrag anzunehmen.

„Wenn es um mich geht, ja“, bestätigte er trocken. „Aber es macht mich wahnsinnig, all die Fragen über dich zu beantworten. Ich hinke sowieso schon dem Terminplan hinterher und kann keine Störungen mehr am Set gebrauchen.“

Natürlich hätte sie sich denken können, dass sein kostbarer Film ihn mehr interessierte als ihre Probleme. Wütend beobachtete sie, wie Richard seine beiden rothaarigen Söhne abzuwehren versuchte, die immer noch an seinem Pullover zerrten.

„Hör auf, an Daddys Pullover zu nuckeln, Sean“, schalt er. „Und du auch, David. Du musst deinem Bruder nicht immer alles nachmachen.“

Wie üblich ignorierten die Zwillinge seine Aufforderung, bis ihre Mutter sie leise ermahnte. Richard blickte ihnen zerknirscht lächelnd nach, als sie zu ihr krabbelten, und stand dann auf. Schließlich wandte er sich wieder an Rosalind.

„Ich schlage dir vor, dass du für eine Weile verschwindest, bis sich die erste Aufregung gelegt hat. Da du zurzeit kein Engagement hast, brauchst du dir auch keine Sorgen zu machen, dass du deine Arbeit vernachlässigst“, fügte er ein wenig schadenfroh hinzu.

„Ich habe nur eine kreative Pause eingelegt“, informierte Rosalind ihn herablassend, denn sie hatte fast kontinuierlich gearbeitet, seit sie die Schauspielschule abgeschlossen hatte. „Ich kann momentan unter mehreren Angeboten wählen.“

„Aber du hast doch gesagt, dass alle Engagements erst in einigen Wochen beginnen“, mischte ihre Mutter sich ein. „Also warum nutzt du die Zeit nicht? Dein Vater und ich kennen den perfekten Ort für dich: friedlich, exotisch und warm. Und er ist herrlich abgelegen.“

„Es ist doch keine Insel, oder?“, erkundigte Rosalind sich misstrauisch. „Von abgelegenen Inseln habe ich nämlich ein für alle Mal genug.“

Der Film, den sie gerade gedreht hatte, spielte an einem solchen vermeintlich idyllischen Ort. Auf der im Südpazifik gelegenen Insel hatte das Filmteam buchstäblich in der Wildnis gezeltet und unter den primitivsten Bedingungen arbeiten müssen. Zu allem Überfluss war ein subtropischer Zyklon über die Insel hinweggefegt, und bei den Unterwasserszenen war ihr ein Hai bedrohlich nahe gekommen.

Umso erleichterter war sie gewesen, als sie unversehrt nach Neuseeland zurückgekehrt war. Doch sie war vom Regen in die Traufe gekommen.

„Es wird dir gefallen“, versicherte ihre Mutter. „Dein Vater und ich haben eine unserer Hochzeitsreisen dorthin gemacht. Es ist das reinste Paradies – eine wundervolle Landschaft und herrliches Wetter. Der perfekte Zufluchtsort.“

„Und wo genau liegt dieses Paradies?“, fragte Rosalind missmutig.

„Tioman Island“, erwiderte ihre Mutter genüsslich.

„Ist das in der Nähe des Großen Barriereriffs?“

Joanna, die Lehrerin war, machte einen gequälten Gesichtsausdruck. „Es liegt im Südchinesischen Meer.“

„Ach so …“ Rosalind schloss die Augen, während sie versuchte, an Asien zu denken. Doch sie sah nur die Szenen vor sich, die sich in Zimmer vierhundertfünf im Harbour Point Hotel in Wellington abgespielt hatten … Peggy Staines, die sich unter Schmerzen auf dem zerwühlten Doppelbett wand, die verzweifelten Rettungsversuche der Sanitäter und die neugierigen Blicke der Hotelangestellten und Gäste, als sie, Rosalind, die auf dem Fußboden verstreuten Geldscheine aufsammelte.

„Es liegt vor der Ostküste von Malaysia, im Nordosten von Singapur“, half ihr Vater ihr auf die Sprünge.

„Du hast sicher davon gehört, Schatz“, erklärte ihre Mutter. „Es ist ziemlich bekannt. Sie haben Teile von South Pacific dort gedreht. Erinnerst du dich an die Szene mit dem Wasserfall? Das wurde auf Tioman gedreht.“

Rosalind öffnete die Augen wieder. Sie liebte alte Musikfilme. Sie hatte eine gute Stimme und hatte bereits bei mehreren Musicals auf der Bühne mitgewirkt, unter anderem auch bei South Pacific. An die Szene mit dem Wasserfall erinnerte sie sich noch sehr gut. Obwohl sie sich dagegen wehrte, war sie neugierig geworden.

„Wenn die Insel bekannt ist, ist sie vermutlich völlig überlaufen“, beharrte sie. „Ich hasse Touristenfallen.“

„Komisch, als du mich in L. A. besucht hast, warst du aus Disneyland gar nicht mehr wegzubekommen“, erinnerte sie Richard, der mehrere Jahre in Los Angeles gelebt und als Schauspieler gearbeitet hatte, bevor er Regisseur geworden war.

Rosalind zeigte ihm die Zunge. „Disneyland ist anders.“

„Tioman auch“, beeilte ihre Mutter sich zu sagen. „Es gibt dort einige Urlaubsorte, aber ansonsten ist die Insel noch weitgehend unberührt, und das Leben ist sehr ruhig. Niemand kennt dich dort, und es ist überhaupt nicht gefährlich. Ich glaube, ich habe hier irgendwo noch Prospekte … Wo habe ich sie bloß hingelegt? Michael, hast du sie gesehen?“

Sie schaute sich um und befestigte dabei eine Strähne ihres roten Haars, die sich aus dem Knoten gelöst hatte. Misstrauisch beobachtete Rosalind, wie ihr Vater den Stapel Prospekte hervorholte, der ganz zufällig unter einer der Zeitungen auf dem Couchtisch lag.

Ihr Misstrauen wuchs, als alle sich begeistert auf die Hochglanzbroschüren stürzten und ihr anschließend die Attraktionen der Insel beschrieben – unberührte Regenwälder, weiße Korallenstrände, klare tropische Gewässer, in denen man tauchen konnte, und die köstliche malaysische Küche.

„Hier steht, dass Tioman schon vor zweitausend Jahren in der arabischen Literatur erwähnt wurde“, bemerkte Hugh. Er blätterte gerade in einem Buch, das offensichtlich aus der Bücherei stammte. Rosalind glaubte nicht mehr an einen Zufall.

„Man braucht nicht einmal ein Visum für Malaysia“, sagte Olivia, die das Kleingedruckte auf der Rückseite eines Prospekts las. „Dein Pass ist doch noch gültig, oder, Roz?“

„Natürlich ist er gültig. Roz ist es gewohnt, mit leichtem Gepäck zu reisen. Sie kann jederzeit abfliegen, stimmt’s, Schatz?“, fragte ihre Mutter.

Rosalind fand, dass es an der Zeit war, ein Machtwort zu sprechen.

„Selbst wenn ich mit dem Gedanken spielen würde, dorthin zu reisen, würde ich sicher kein Zimmer finden“, erklärte sie. „Und bei den Flügen Richtung Osten gibt es sogar Wartelisten für die Wartelisten. Außerdem habe ich in diesem Monat kein Geld mehr …“

Obwohl sie vor einigen Jahren ein beträchtliches Treuhandvermögen geerbt hatte, rührte sie dieses kaum an und bestritt ihren Lebensunterhalt vorrangig von ihrem Verdienst, weil sie ohnehin nicht so gut mit Geld umgehen konnte. Außerdem waren Theaterschauspieler traditionsgemäß arm, und es ging ihr gegen den Strich, mit ihrem unverdienten Reichtum zu protzen. So lebte sie genügsam in dem Bewusstsein, dass ihre Altersvorsorge gesichert war.

„Als mir klar war, dass du einen Zufluchtsort brauchst, habe ich Jordan gebeten, seinen Einfluss bei der Pendragon Corporation geltend zu machen“, sagte ihre Mutter. „Er hat bereits durch die Reiseabteilung alles für dich gebucht. Die Touristenklasse war natürlich ausgebucht, daher wirst du erster Klasse fliegen … Zieh nicht so ein Gesicht. Wegen der Kosten brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich habe alles mit der Kreditkarte deines Vaters bezahlt, und selbst auf Tioman brauchst du immer nur zu unterschreiben. Hier sind deine Tickets und alle wichtigen Unterlagen. Übermorgen kannst du fliegen, und vor dir liegen drei herrliche Wochen.“

Verwirrt nahm Rosalind die blaue Mappe entgegen, die ihre Mutter ihr reichte. „Du hast schon für mich gebucht?“, fragte sie mit bebender Stimme, während sie darin blätterte. Sie wusste nicht, ob sie sich angesichts der hohen Preise über die Großzügigkeit ihrer Eltern freuen oder ob sie beleidigt sein sollte. „Und was erwartet ihr jetzt von mir?“

Ihre Mutter lächelte und sprang auf, um sie zu umarmen. „Du brauchst dich nicht bei uns zu bedanken, Schatz. In Zeiten wie dieser sollte die Familie zusammenhalten …“

Rosalind befreite sich aus ihrer Umarmung. „Zusammenhalten? Das ist glatte Bestechung!“

„Wir dachten, es wäre ein schönes verfrühtes Geburtstagsgeschenk“, warf ihr Vater ein.

„Mein Geburtstag ist erst in sieben Monaten“, erinnerte sie ihn spöttisch.

Daraufhin änderte Constance Marlow ihre Taktik. „Wir sind sehr stolz darauf, dich als Tochter zu haben. Wir wollen nur nicht, dass du unnötig verletzt wirst. Und was du da auf dich nimmst, ist wirklich unnötig, es sei denn, du möchtest gern die Märtyrerin spielen. Die meisten Kinder wären entzückt, wenn ihre Eltern ihnen einen Urlaub spendieren würden …“

„Ich ganz bestimmt.“ Richard seufzte sehnsüchtig.

„Für das nächste Wochenende hat man eine Kaltfront vorhergesagt“, verkündete Michael Marlow. „Der Winter soll mit Macht hereinbrechen.“

„Tioman scheint ein richtiges Paradies zu sein.“ Olivia lächelte, aber es wirkte ein wenig gequält.

Sie sah viel eher aus, als könnte sie einen Urlaub gebrauchen, und am liebsten hätte Rosalind es ihr gesagt. Als sie jedoch sah, dass Jordan seine Frau besorgt betrachtete, überlegte sie es sich anders.

„Du solltest deine Freiheit nutzen“, riet Joanna, während sie einen angekauten Zwieback aufhob. „Wenn du erst mal Kinder hast, ist Urlaub eher wie ein militärisches Manöver.“

Wie aufs Stichwort kamen in dem Moment Hughs Kinder ins Wohnzimmer gestürmt, gefolgt von ihrer zierlichen, blonden Mutter. Alle drei Sprösslinge waren im Vorschulalter.

„Oh, du fliegst also nach Tioman? Das ist ja toll!“, rief Julia atemlos, als sie die Mappe in Rosalinds Hand sah. „Ich habe Hugh gesagt, dass du es tust, und sei es nur, um diesen Reportern ein Schnippchen zu schlagen. Einer von diesen Klatschkolumnisten ist uns gestern sogar in den Supermarkt gefolgt und hat versucht, mit Suzie zu reden, als ich sie mit dem Wagen einen Moment allein gelassen habe.“ Sie zauste Suzie, die an ihrem Bein lehnte, den lockigen braunen Schopf. „Zum Glück hat sie ihn mit ihrem Lieblingswort bombardiert.“

Suzie blinzelte Rosalind aus ihren großen blauen Augen an. „Nein!“, schrie sie stolz. „Nein! Nein! Nein!“

Julia lachte. „Sie hat so einen Krach gemacht, dass der arme Kerl Mühe hatte, die Leute davon zu überzeugen, dass er kein Perverser ist.“

Rosalind lächelte schwach. Das ist typisch für mich, ging es ihr durch den Kopf. Ich war so mit meinen eigenen Problemen beschäftigt, dass ich mich blind auf die Unterstützung meiner Familie verlassen habe, ohne daran zu denken, was es für sie bedeutet. Vielleicht sollte ich doch die Flucht ergreifen.

Andererseits erschien es ihr gefühllos in Anbetracht der Tatsache, dass Peggy Staines immer noch im Wellington Hospital auf der Intensivstation lag und mit dem Tode rang. Doch sie konnte ihr ohnehin nicht helfen – im Gegenteil. Wenn Peggy erfuhr, dass sie in der Nähe war, erlitt sie womöglich einen zweiten Herzinfarkt.

Rosalind hatte lediglich im Warteraum einige mitfühlende Worte an Donald Staines gerichtet und ihm erzählt, was passiert war. Nach dem Grund hatte er allerdings nicht gefragt. Anschließend war sie nach Auckland zurückgeflogen, bevor er oder ein anderes Mitglied der Familie Staines sich von dem Schock erholt hatte, und sich nach Einzelheiten erkundigen konnte. Falls Peggy je wieder gesund wurde, würde sie, Rosalind, aus Gewissensgründen den Mund halten.

Zum Glück hatte man nicht die Polizei eingeschaltet. Sie hatte jedoch das ungute Gefühl, dass sie irgendwann nicht mehr schweigen konnte, wenn die Publicity immer schlimmer wurde, und entweder die Staines oder ein Mitarbeiter des Geheimdiensts unangenehme Fragen zu stellen begannen.

„Und, was sagst du dazu, Schatz?“, hakte ihre Mutter nach. „Ich verstehe nicht, dass du noch zögerst …“

Als Rosalind sich umschaute und in die erwartungsvollen Gesichter ihrer Verwandten blickte, fühlte sie sich plötzlich verletzlich. Es war ein vertrautes Gefühl, das sie lähmte, aber sie war entschlossen, es zu bekämpfen.

Überraschenderweise kam Jordan ihr zu Hilfe. Als er aufstand, wirkte sogar Hugh klein neben ihm.

„Ich finde, wir sollten Roz die Gelegenheit geben, erst einmal in Ruhe über alles nachzudenken und sich zu gegebener Zeit zu entscheiden“, erklärte er mit der Ungezwungenheit eines Mannes, der sich seiner Autorität bewusst war.

Sie warf ihm einen dankbaren Blick zu. Er kam zu ihr und umfasste ihren Arm. „Ich bringe dich jetzt nach Hause, Roz. Hier, nimm das mit.“ Nachdem er ihr einen Stapel Prospekte in die Hand gedrückt hatte, nahm er ihre Tasche vom Stuhl und hängte sie ihr über die Schulter. „Am besten lässt du deinen Wagen hier stehen und kletterst über den Zaun. Ich sammle dich dann in der nächsten Straße ein.“

„Aber ich brauche meinen Wagen nachher noch“, wandte sie ein, als er sie zur Tür dirigierte. Obwohl Jordan und sie sehr höflich miteinander umgingen, hatte sie immer Distanz zu ihm gewahrt. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Olivia ihren Mann besorgt beobachtete.

„Einer deiner Brüder kann ihn dir später vorbeibringen“, sagte er. „So bist du die Reporter wenigstens für eine Weile los.“

Die Vorstellung war natürlich verlockend. „Na ja … Okay, danke.“ Rosalind warf einen Blick über die Schulter. „Kommst du, Olivia?“

„Olivia möchte lieber hier bleiben und mit Connie plaudern, stimmt’s, Schatz?“, meinte Jordan, als seine Frau zu einer Antwort ansetzte. „Wir fahren nämlich heute Abend nach Taupo zurück, und da sie demnächst die Ausstellung hat, wird sie wohl erst mal nicht herkommen …“

Ehe Rosalind sich versah, fand sie sich in der Eingangshalle wieder. „Was soll das?“, fragte sie erbost, als er sie praktisch durch die Hintertür hinausschubste. „Hast du gesehen, wie misstrauisch Olivia gewirkt hat?“

„Vielleicht denkt sie, du versuchst wieder, mich zu verführen“, bemerkte er spöttisch, während er ihr den Rückweg versperrte.

Obwohl sie normalerweise nie errötete, schoss ihr nun das Blut in die Wangen, als sie sich an eine der peinlichsten Begegnungen ihres Lebens erinnerte. „Du weißt genau, dass es ein Missverständnis war. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr beide euch schon kanntet, als ich mich für Livvy ausgab. Außerdem ist gar nichts passiert …“

„Ja. Zwischen uns knistert es nicht einmal. Ich weiß es, du weißt es, und Olivia weiß es auch. Denn sogar als ich dich für sie gehalten habe und wollte, dass du mich anturnst, hast du versagt.“

„Vielleicht darf ich dich daran erinnern, dass du genauso versagt hast“, entgegnete sie unwirsch, bevor sie sich aus seinem Griff befreite.

Jordan lächelte jungenhaft. „Stimmt. Und nachdem wir das endlich zur Sprache gebracht haben, können wir vielleicht etwas lockerer miteinander umgehen.“

Rosalind lächelte ebenfalls. „Na ja, wenn du akzeptierst, dass du überhaupt kein Sex-Appeal hast, kann ich es auch.“ Sie drückte sich bewusst doppeldeutig aus.

„Wie großzügig von dir! Soll ich dir über den Zaun helfen, oder schaffst du es allein?“

Da sie einen Meter fünfundsiebzig maß, war sie es nicht gewohnt, von Männern wie ein Porzellanpüppchen behandelt zu werden, und lehnte sein Angebot daher dankend ab. Als sie wenige Minuten später in einer ruhigen Sackgasse auf der anderen Seite des Nachbargrundstücks wartete und sich die zerschrammten Handflächen abwischte, dachte sie zerknirscht daran, dass sie allmählich anfangen sollte, sich wie eine erwachsene Frau zu benehmen.

Wie sich herausstellte, fuhr Jordan einen Geländewagen, der kaum weniger Aufsehen erregend war als ihr leuchtend grüner Wagen. Doch die Reporter hatten ihn tatsächlich ungeschoren davonkommen lassen.

„So, und jetzt möchte ich wissen, was der eigentliche Grund dafür ist, dass du mich nach Hause bringst“, sagte Rosalind leise, während sie in Richtung City fuhren. „Es ist wegen Livvy, nicht? Sie macht so einen … distanzierten Eindruck …“

Rosalind beobachtete, wie Jordan den Griff um das Lenkrad verstärkte. Da er Bildhauer war, hatte er zahlreiche Narben an den Händen.

„Sie ist schwanger“, erklärte er unverblümt.

Unwillkürlich erschauerte Rosalind. Ihr war, als hätte man ihr einen Schlag versetzt.

„Schwanger?“, flüsterte sie. Olivia … ihre Zwillingsschwester … ihre andere Hälfte würde ein Kind bekommen?

Rosalind war schockiert. Was sie empfand, wollte sie lieber nicht näher ergründen.

„Ich dachte, sie wollte noch keine Kinder“, fuhr sie fort, nachdem sie schließlich die Sprache wieder gefunden hatte. „Sie wollte sich auf ihre Malerei konzentrieren …“

„Ich weiß“, erwiderte Jordan ein wenig grimmig. „Wir wollten eigentlich noch ein paar Jahre warten, aber das Schicksal hat offenbar etwas anderes mit uns vorgehabt. Olivia hat es erst letzte Woche erfahren. Sie will es zunächst niemandem erzählen, weil sie erst selbst damit fertig werden muss. Außerdem macht ihr Arzt sich Sorgen, weil ihr Blutdruck erhöht ist. Es ist noch zu früh, um Genaueres zu sagen, aber er vermutet, dass es Zwillinge sein könnten …“

Obwohl Zwillinge in ihrer Familie nichts Ungewöhnliches waren, erschreckte sie die Vorstellung, dass Olivia zwei Kinder bekam, noch mehr. Unwillkürlich legte Rosalind sich die Hand auf den Bauch, weil ihr Magen sich zusammenkrampfte. „Livvy leidet an morgendlicher Übelkeit, stimmt’s?“

„Ja. Woher weißt du das?“

„In den letzten Wochen war mir morgens auch oft übel. Entweder war es nervöse Anspannung, oder ich habe mir beim Drehen einen Virus eingefangen. Das Essen war wirklich furchtbar …“

Dass sie nicht schwanger war, wusste sie jedenfalls genau. Was für eine Ironie des Schicksals wäre es, wenn sie während Olivias gesamter Schwangerschaft dieselben Symptome hatte?

„Jedenfalls hat der Arzt ihr viel Ruhe verordnet“, berichtete Jordan. „Deswegen hatte ich auch gehofft, du würdest Connies Angebot annehmen. Olivia hätte eine Sorge weniger und bräuchte sich nicht ständig Vorwürfe zu machen, dass sie dich im Stich lässt. Wenn du nicht nach Tioman fliegst, will sie dich überreden, zu uns nach Taupo zu kommen, selbst wenn das bedeutet, dass die Pressefritzen dir folgen, ganz zu schweigen von deinem anderen kleinen Problem …“

Rosalind verspannte sich und klammerte sich am Sitz fest, als er unvermittelt in eine Parklücke unterhalb des Lagerhauses fuhr, in dem sich ihr Loft befand. „Welches Problem?“

Jordan schaltete den Motor ab. „Hast du so viele, dass du nicht weißt, welches ich meine? Ich rede von dem Fan, der dir nachstellt.“

„Oh.“ Da sie sich seines prüfenden Blicks bewusst war, versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen. „Olivia hat dir davon erzählt?“

Sie war schon ein wenig wütend, obwohl sie Olivia eigentlich nur darum gebeten hatte, es nicht ihren Eltern oder ihren Brüdern zu erzählen.

„Wir sind verheiratet, Roz“, bemerkte er trocken. „Und dazu gehört auch, dass man über alles redet. Olivia meinte, du versuchst, das Ganze abzutun, aber dass du darüber gesprochen hast, ist ihrer Meinung nach ein Anzeichen dafür, dass du dir doch Sorgen machst. Ihrer Ansicht nach klingen seine Briefe, als wäre er davon überzeugt, dass er eine persönliche Beziehung zu dir hat und damit auch einen Anspruch auf dich …“

„Ich habe ihr gesagt, dass ich viele Fans habe, die mir ab und zu schreiben …“

„Aber Olivia meinte, dass dieser Peter sehr hartnäckig ist. Du hast ihr erzählt, dass es schon seit Jahren so geht und er dir mittlerweile einen oder zwei Briefe pro Woche schickt, ohne seinen Nachnamen oder seine Adresse zu nennen. Angeblich scheut er keine Mühe, deine Vorstellungen zu sehen, und er behauptet sogar, dir einige Male in der Öffentlichkeit begegnet zu sein, obwohl er sich nie zu erkennen gegeben hat.

Olivia ist das alles unheimlich, zumal er weiß, wo du wohnst. Von ihr weiß ich auch, dass du zusätzliche Schlösser hast anbringen lassen, als er angefangen hat, dir Geschenke zu schicken. Ihrer Meinung nach hast du die Rolle beim Film auch deswegen so überstürzt angenommen, weil du dachtest, er würde vielleicht das Interesse an dir verlieren, wenn du nicht mehr Theater spielst …“

„Ihre Idee, die Polizei einzuschalten, war jedenfalls nicht besonders gut.“ Rosalind schauderte bei dem Gedanken daran. „Vermutlich hätte man mich ausgelacht, denn er droht mir ja nicht. Außerdem habe ich die meisten Briefe sowieso weggeworfen. Wie ich Olivia bereits gesagt habe, ignoriert man es am besten einfach.“

„Hm.“ Jordan schien wenig überzeugt. Offenbar war er genauso übertrieben um ihr Wohl besorgt wie der Rest ihrer Familie.

„Als ich weg war, habe ich keine Briefe mehr bekommen. Vielleicht hat er inzwischen aufgegeben.“

„Die Wahrscheinlichkeit ist noch größer, wenn du jetzt wieder verreist. Entweder das, oder du schaltest die Polizei ein, Roz. Ansonsten könnte ich dir auch jemand von der Sicherheitsabteilung der Pendragon Corporation als Leibwächter zur Verfügung stellen und gleichzeitig einen Privatdetektiv beauftragen, den Kerl ausfindig zu machen.“

Nun wurde sie blass. „Ein Leibwächter für mich? Kannst du dir vorstellen, wie die Presse das ausschlachten würde? Das ist glatte Erpressung, Jordan.“

„Es gibt kaum etwas, was ich nicht für Olivia tun würde“, gestand Jordan.

„Schon gut, ich gebe mich geschlagen.“ Zumindest konnte sie das Gesicht wahren, indem sie so tat, als würde sie die Reise Olivia zuliebe antreten. „Wenn du mich schon dazu zwingst, kann ich genauso gut das Beste daraus machen.“ Nun gewann ihr Optimismus wieder die Oberhand. „Vielleicht finde ich sogar selbst einen Beschützer, einen Mann, der mir unter dem tropischen Sternenhimmel den Hof macht und mir ewige Liebe schwört. Und wenn mir das nicht gelingt, begnüge ich mich mit einem braun gebrannten Beach Boy.“

2. KAPITEL

Rosalind stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf, während sie den Mann am Abflugschalter beobachtete.

Er war groß und schlank, und das dichte, glatte mittelbraune Haar fiel ihm in die Stirn, als er die Gepäckanhänger an seinen beiden Koffern befestigte. Da er einen zerstreuten, chaotischen Eindruck machte, vermutete sie, dass er ein weltfremder Akademiker sei. Vielleicht ist er auch ein Computerfreak, dachte sie, als sie den Laptop sah, der zwischen seinen Füßen stand. Als er sich vorbeugte, klaffte die Jacke seines dunklen Nadelstreifenanzugs auseinander und gab den Blick auf die Brille und Stifte in seiner Hemdtasche frei. Ja, er musste ein Computerfreak sein!

Wer immer er sein mochte, er hielt sie auf. Wusste er denn nicht, dass die Passagiere, die erster Klasse flogen, sich nicht anstellen mussten?

Rosalind blickte sich im Terminal um. Bis jetzt hatte sie niemand erkannt, denn sie hatte sich als Mann verkleidet. Sie trug Jeans, ein weites Hemd, eine Jeansjacke, Cowboystiefel, eine zottelige blonde Perücke à la Rod Stewart und einen schwarzen Hut.

Da sie am vergangenen Abend mit Olivia die Rollen getauscht hatte, wusste sie, dass ihre Verfolger auf der falschen Fährte waren. Dennoch wurde das Risiko, entdeckt zu werden, trotz ihrer Verkleidung immer größer, je länger sie hier herumstand.

Die Frau an der Abfertigung deutete jetzt auf die Waage, aber statt ihre Anweisung zu befolgen, beugte der Mann sich vor und murmelte etwas.

Nun riss Rosalind endgültig der Geduldsfaden. Kurzerhand ging sie an dem japanischen Ehepaar vorbei, das vor ihr stand, und klopfte dem Mann auf die Schulter.

„He, Sie sollen Ihr Gepäck auf die Waage stellen“, sagte sie, wobei sie etwas tiefer als sonst sprach.

„Was?“ Als er sich umdrehte, verlor er das Gleichgewicht und wäre beinahe über seinen Laptop gestolpert. Daraufhin wurde er rot.

Erst jetzt merkte sie, dass er ungefähr in ihrem Alter war. Seine Haut war olivfarben, und er hatte ein schmales Gesicht und eine hohe Stirn. Das markanteste Merkmal waren die schrägen dunklen Augenbrauen, die ihm fast etwas Teuflisches verliehen. Der Ausdruck in seinen Augen war jedoch alles andere als satanisch. Bestürzt schaute der Mann sie an, als Rosalind kurzerhand einen seiner Koffer hochhob und auf die Waage knallte.

„Man kann Sie erst abfertigen, wenn Sie Ihr Gepäck auf die Waage stellen“, erklärte sie, da er untätig dastand. Offenbar war er schwer von Begriff. Oder war er Ausländer und verstand kein Englisch?

Nun räusperte er sich. „Ich wusste nicht, dass das Gewicht eine Rolle spielt, wenn man erster Klasse fliegt.“ Er sprach mit neuseeländischem Akzent.

Rosalind musterte ihn herablassend. Anscheinend war er ein echtes Greenhorn.

„Trotzdem muss die Fluggesellschaft wissen, wie viel das Gepäck wiegt“, erklärte sie. „Wenn Sie Elefanten in den Koffer packen, müssen Ihretwegen vielleicht einige Passagiere aus der Touristenklasse hier bleiben.“

„Ja, ja, natürlich“, sagte er leise, ohne den schmalen Mund zu verziehen. Sie hätte sich denken können, dass er keinen Sinn für Humor hatte. Dass er sie so geistesabwesend betrachtete, war für sie ein weiterer Beweis dafür, wie gut ihre Tarnung war, denn normalerweise kam sie gut an beim anderen Geschlecht. Bei Shakespeare gab es diverse Heldinnen, die sich als Jungen verkleideten, und da Rosalind die meisten von ihnen gespielt hatte, wusste sie, dass es vor allem auf die richtige Körpersprache ankam.

Also hakte sie die Daumen in die Gürtelschlaufen ihrer Jeans und stellte sich noch etwas breitbeiniger hin. „Und?“

Der Mann blinzelte misstrauisch. Seine Wimpern waren erstaunlich dicht. „Und was?“ Unwillkürlich verstärkte er seinen Griff um die blaue Mappe mit den Reiseunterlagen, die er in der Hand hielt.

Sie verdrehte die Augen und hob den anderen Koffer hoch, um ihn ebenfalls auf die Waage zu wuchten.

„Das sollte ein Witz sein“, erwiderte sie ein wenig außer Atem. „Was haben Sie eigentlich in dem Koffer?“

„Oh … Bücher.“ Seine Stimme klang ausgesprochen unsicher.

Das konnte hinkommen. Rosalind senkte den Blick und bückte sich aus einem Impuls heraus, um seinen Laptop hochzuheben.

Endlich reagierte der Fremde. „Nein! Nicht meinen Computer!“, rief er wütend und hob den Laptop hoch, um ihn sich wie ein Baby an die Brust zu drücken. „Den nehme ich als Handgepäck mit.“

„Dann haben Sie also nur die beiden Koffer, stimmt’s, Mr. James?“, erkundigte sich die Frau am Schalter geduldig.

„Äh, ja, ich glaube …“ Wie gebannt blickte er Rosalind an.

„Er meint ja“, erwiderte sie an seiner Stelle. Allmählich glaubte sie, dass er nahe daran war, in Panik auszubrechen. Vielleicht hatte der arme Kerl Flugangst.

„Dürfte ich jetzt bitte Ihren Pass sehen, Mr. James?“

„Pass?“

Rosalind beschloss, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen, damit es schneller ging.

„Sie haben doch Ihren Pass dabei, oder nicht?“, fragte sie, während sie neben ihm an den Schalter trat. „Ist er hier drin?“

Sie nahm ihm die blaue Mappe aus der Hand und öffnete sie. In einer Klarsichthülle befand sich ein dickes Bündel Traveller-Schecks, in einer anderen ein neuseeländischer Pass, den sie herausnahm. Der Mann versuchte, ihn ihr aus der Hand zu reißen, aber sie war schneller und reichte ihn der Frau am Schalter.

„Haben Sie einen bestimmten Wunsch, wo Sie sitzen möchten?“ Sie gab ihm die blaue Mappe zurück, während die Frau am Schalter seinen Pass durchblätterte.

„Wie bitte?“ Er schaute Rosalind an, als könnte er immer noch nicht glauben, dass sie ihm half.

„Sie wissen schon – vorn, hinten, am Notausgang …“

„Am Notausgang?“, wiederholte er und blickte sie fragend an.

Dabei zog er leicht die Augenbrauen hoch, was ihn noch satanischer wirken ließ. Ansonsten sah er allerdings eher unschuldig aus. Rosalind fragte sich, ob seine Persönlichkeit genauso widersprüchlich war wie sein Äußeres. Er war sogar ziemlich attraktiv, wenn auch nicht besonders männlich. Zumindest brauchte eine Frau bei ihm nicht zu fürchten, untergebuttert zu werden!

„Überlassen Sie das ruhig mir, Kumpel.“ Rosalind wandte sich der Frau am Schalter zu, um alle notwendigen Formalitäten zu erledigen. Anschließend gab sie ihm die Bordkarte und seinen Pass und zog ihn vom Schalter weg, damit das japanische Ehepaar vortreten konnte.

„Sie können jetzt in die Abflughalle gehen“, ermunterte sie ihn, da er keine Anstalten machte zu verschwinden.

Offenbar war er nicht in der Lage, ihren Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen. „Ich dachte, ich warte auf Sie … Wir könnten etwas zusammen trinken oder so …“

Oder so? Sie betrachtete ihn misstrauisch. Hatte er gemerkt, dass sie eine Frau war, oder stand er eher auf Männer? Vielleicht war seine Hilflosigkeit eher ein sexuelles als ein psychologisches Signal.

„Ich wollte Sie nicht aufreißen“, entgegnete Rosalind ausdruckslos. „Ich habe Ihnen geholfen, weil Sie mir leid getan haben.“

Er atmete scharf ein und wurde wieder rot. „Ich wollte nicht …“

Nun wurde ihr klar, dass ihr erster Eindruck sie nicht getäuscht hatte. Der Mann war wirklich harmlos. Dennoch musste sie ihn loswerden, bevor sie an den Schalter ging, denn sie wollte nicht, dass irgendjemand es hörte, wenn die Frau sie mit ihrem Namen ansprach.

„Gut.“ Demonstrativ wandte Rosalind sich ab. „Ich bin nämlich nicht daran interessiert.“

„Ich wollte mich nur für Ihre Hilfe bedanken“, erklärte er schroff, woraufhin sie lächeln musste. Vielleicht war er doch nicht so ein Waschlappen, wie sie geglaubt hatte.

Sie antwortete jedoch nicht und stellte erleichtert fest, dass er wegging. Nachdem sie eingecheckt hatte, eilte sie zum Duty-free-Shop, wo sie Jordan sah, der gerade die Parfüms betrachtete. Er flog an diesem Tag für eine von der Pendragon Corporation gegründete Kunststiftung nach Melbourne und hatte sie zum Flughafen mitgenommen.

Da sie sich ihm gegenüber nicht mehr so befangen fühlte, schlich sie sich aus einem Impuls heraus an ihn heran und flüsterte ihm bedrohlich ins Ohr: „Obsession.“

„Meinst du?“, erwiderte er nicht im Mindesten überrascht. „Ich glaube, dass etwas Leichteres, Frischeres eher zu Livvy passen würde … vielleicht Paris von Yves St. Laurent?“

Wie immer hatte er recht. Nachdem er bezahlt und sie den Duty-free-Shop verlassen hatten, plauderten sie noch einen Moment miteinander. Plötzlich stellte Rosalind fest, dass Jordan die Augen zusammengekniffen hatte, und über ihren Kopf hinweg woanders hinschaute.

„Was ist los?“, fragte sie nervös. „Siehst du einen Reporter?“

Er legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, es ist jemand, den ich aus meiner Zeit bei der Pendragon Corporation kenne. Am besten gehe ich zu ihm, bevor er hierher kommt und erwartet, dass ich euch miteinander bekannt mache.“ Geistesabwesend küsste er sie auf die Wange. „Gute Reise. Und bring dich um Himmels willen nicht wieder in Schwierigkeiten.“

Als er ging, drehte sie sich wütend um, in der Absicht, ihm einige passende Worte hinterher zurufen. Doch genau in dem Moment entdeckte sie ihren Freund Mr. James, der gerade die Abflughalle betrat. Schnell wandte sie sich wieder ab und eilte in den Warteraum für die Passagiere der ersten Klasse, wo sie sich hinter einer Zeitschrift verstecken wollte.

Erst als sie an Bord des Flugzeugs war, konnte Rosalind aufatmen. Da die erste Klasse nur halb besetzt war, hatten die Alleinreisenden noch einen leeren Platz neben sich. Rosalind hatte einen Platz am Gang, beschloss aber, sich gleich nach dem Start ans Fenster zu setzen.

„Entschuldigen Sie, Miss Marlow, soll ich Ihren Hut für Sie ins Gepäckfach tun?“

„Danke.“ Mit ernster Miene nahm Rosalind Hut und Perücke gleichzeitig ab. Nachdem die Stewardess sie sekundenlang verblüfft angeschaut hatte, mussten sie beide lachen.

So frei wie in diesem Moment hatte Rosalind sich schon lange nicht mehr gefühlt. Vielleicht war dieser Urlaub genau das, was sie brauchte, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Zufrieden seufzend fuhr sie sich durch das platt gedrückte Haar und nahm das Angebot der Stewardess, ihr nach dem Start ein Glas Champagner zu bringen, dankend an. Dann zog sie ihre Jacke aus und krempelte die Ärmel ihres grünen Hemds hoch, sodass der schmale goldene Armreif an ihrem linken Handgelenk zum Vorschein kam.

Als sie sich umdrehte, entdeckte sie in der Sitzreihe schräg hinter sich ihren Freund Mr. James, der die Lippen grimmig zusammenpresste und seinen Gurt viel zu straff zog. Seine Brille hatte er jetzt aufgesetzt, und das dunkle Gestell verlieh ihm einen intellektuellen Touch. Vielleicht hatte er sie im Terminal deswegen so verblüfft angeschaut, weil er kurzsichtig war. Auf dem leeren Platz am Gang neben ihm lag sein kostbarer Laptop.

Mr. James schaute sie ebenfalls an, und seiner eisigen Miene nach zu urteilen, hatte er ihre kleine Vorstellung mit der Perücke beobachtet. Offenbar ging er nie ins Theater, denn sein Blick verriet weder Bewunderung noch Neugier, sondern lediglich Verachtung. Sie atmete erleichtert auf und lächelte ihm aufreizend zu, woraufhin er sie noch finsterer musterte, und wieder rot wurde. Noch nie war sie einem Mann begegnet, dessen Gesichtsfarbe sozusagen ein Barometer für seine Gefühle war.

Als die Stewardess an ihrer Reihe vorbeikam, winkte Rosalind sie zu sich heran und sagte leise: „Ich glaube, unser Mr. James dahinten fliegt zum ersten Mal und hat Angst.“

Die Stewardess schaute sich diskret um. „Hm, er ist ein bisschen blass um die Nase, und sein Laptop muss im Gepäckfach verstaut werden … Aber er ist süß“, fügte sie in einem wenig professionellen Tonfall hinzu. „Vielleicht sollte ich mich zu ihm setzen und ihm beim Start die Hand halten.“

Verstohlen beobachtete Rosalind, wie die attraktive Stewardess dann seinen Laptop im Gepäckfach verstaute und sich anschließend neben Mr. James setzte. Als sie etwas zu ihm sagte, schaute er unvermittelt auf und warf Rosalind einen frustrierten und zugleich wütenden Blick zu. Sie schenkte ihm ein künstliches Lächeln. Dieser undankbare Kerl!

Schließlich verbannte sie ihn aus ihren Gedanken und nahm sich vor, den Flug zu genießen. Sie war noch nie erster Klasse geflogen und beabsichtigte, sich nach Strich und Faden verwöhnen zu lassen. Zum Service gehörte auch das Verteilen von Zeitungen und Zeitschriften, und sie hätte sich beinahe an ihrem Champagner verschluckt, als sie auf dem Cover einer bekannten Frauenzeitschrift ein Foto von sich entdeckte. Schnell griff sie danach und konfiszierte außerdem diverse andere Magazine, in deren Klatschspalten sie vermutlich auch auftauchte.

Leider nützte es nicht viel, denn die anderen Stewardessen boten den übrigen Passagieren dieselbe Auswahl an. Allerdings stellte Rosalind erleichtert fest, dass die meisten zu erbaulicherer Lektüre griffen. Nur dieser elende Mr. James nahm den ganzen Stapel entgegen und schlug ausgerechnet die Zeitschrift auf, von der sie gehofft hatte, sie wäre weit unter seinem Niveau.

Schnell rutschte sie auf den Fensterplatz. Da das Foto einige Jahre alt war und sie darauf noch langes Haar hatte, erkannte er sie vielleicht nicht wieder. Welcher Mann griff überhaupt zu einer solchen Frauenzeitschrift?

Entschlossen, sich den Tatsachen zu stellen, schlug Rosalind ihr Exemplar auf und begann, den dreiseitigen Artikel zu lesen. Hin und her gerissen zwischen Wut und Belustigung, stellte sie fest, dass es in erster Linie um ihre vermeintliche Bisexualität ging. Die Gerüchte, die darüber kursierten, stammten angeblich aus der Zeit, als sie sich auf die Rolle einer lesbischen Frau „gestürzt“ hatte. Neben einer langen Liste von Männern, mit denen sie ein Verhältnis gehabt haben sollte, enthielt der Artikel auch eine Aufstellung ihrer vermeintlichen Bettgespielinnen.

Darüber hinaus erfuhr sie, dass sie nun auf der „heißen Liste“ einer radikalen Homosexuellenorganisation stand, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Prominente zu outen, und gerade mit einem bekannten Männermagazin verhandelte, das sie auf der Mittelseite ablichten wollte.

Leider stand diesmal nicht nur ihr ohnehin angeschlagener Ruf auf dem Spiel, da jeder halbwegs informierte Leser sie unweigerlich mit Peggy Staines in Verbindung bringen würde.

Hätte ich mich bloß nicht bereit erklärt, mich mit ihr in dem Hotel zu treffen, dachte Rosalind. Peggys Geheimniskrämerei hatte darin gegipfelt, dass sie das Zimmer unter dem Namen Smith gebucht hatte. Und sie, Rosalind, war so verblüfft über Peggys Enthüllungen gewesen, dass sie die ersten Anzeichen ihrer Notlage nicht erkannt und kostbare Zeit verschwendet hatte, indem sie in Peggys Handtasche nach ihren Medikamenten gesucht hatte, statt gleich einen Notarzt zu rufen.

Wieder verspürte sie heftige Schuldgefühle, obwohl ihr klar war, dass sie nichts dafür konnte. Peggy war für alles verantwortlich, und obwohl Rosalind sie mochte, machte es sie wütend, dass sie letztendlich der Sündenbock gewesen war.

Da sie jedoch nach dem Motto lebte, immer positiv zu denken, stopfte sie die Zeitschrift in das Netz am Vordersitz, entschlossen, nicht mehr darüber nachzugrübeln. Selbstmitleid führte zu nichts, und letztendlich lernte man aus derart negativen Erfahrungen.

Mit dem festen Vorsatz, das nicht zu vergessen, zog sie die Cowboystiefel aus und nahm sich vor, den siebzehnstündigen Flug nach Singapur zu genießen. Doch der Stress der letzten Wochen und die Anstrengungen der vergangenen Monate forderten ihren Tribut, und nach einem köstlichen Essen und einigen weiteren Gläsern Champagner fielen ihr bald die Augen zu.

In eine weiche Wolldecke gekuschelt, nickte sie ein, und als sie wieder aufwachte, war es Nacht. Die Beleuchtung war gedämpft, und fast alle anderen Passagiere schliefen.

Da Rosalind dringend zur Toilette musste, stand sie auf und schwankte ein wenig, weil es gerade leichte Turbulenzen gab. Als sie an ihrem Freund Mr. James vorbeikam, sah sie, dass er wach war und an seinem Laptop arbeitete. In der Hand hatte er …

„Sind Sie verrückt?“ Sie beugte sich zu ihm herunter und riss ihm das Handy aus der Hand. „Haben Sie das gerade benutzt?“, flüsterte sie.

„Ich …“

„Haben Sie die Sicherheitsvorschriften nicht gelesen? Es ist verboten, Handys an Bord zu benutzen“, fauchte sie ihn an.

„Na ja, ich …“

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand sie beobachtete, setzte sie sich auf den freien Sitz neben Mr. James.

„Sie können damit die ganze Elektronik durcheinander bringen“, sagte sie leise. „Falls jemand es meldet, könnte man Sie gleich nach der Landung festnehmen – falls wir bis dahin nicht abgestürzt sind.“

„Werden Sie es melden?“, erkundigte er sich neugierig.

„Natürlich nicht!“ Sie war immer noch verschlafen, aber er wirkte geradezu abstoßend munter. Einen flüchtigen Moment lang glaubte sie, einen wütenden Ausdruck in seinen Augen zu erkennen, aber vermutlich war es nur eine optische Täuschung.

„So natürlich ist das gar nicht“, meinte er ruhig. „Vielleicht finden Sie es amüsant, wenn ich mit dem Gesetz in Konflikt gerate …“

Rosalind schnaufte verächtlich. „Zufällig finde ich es überhaupt nicht amüsant, mich über Unbedarfte lustig zu machen.“

„Halten Sie mich denn für unbedarft?“, fragte er ungläubig. Zweifellos hielt er sich für einen Mann von Welt!

„Zumindest was Ihr Verhalten auf Reisen betrifft“, lenkte sie ein. „Sie hatten keine Ahnung von den Sicherheitsvorschriften und der Vorgehensweise beim Einchecken und waren das reinste Nervenbündel …“

„Vielleicht hat es mir angesichts Ihrer Schönheit nur die Sprache verschlagen.“

Seine sarkastische Bemerkung brachte Rosalind nicht aus der Fassung. Sie wusste, dass sie keine klassische Schönheit war, aber die meisten Männer fanden sie sehr attraktiv. „Sie haben mich für einen Mann gehalten“, erinnerte sie ihn selbstgefällig.

„Ach ja?“ Mr. James lehnte sich zurück, sodass sein Gesicht jetzt im Schatten war. Nun wirkten seine Züge nicht mehr sanft, sondern markant, beinahe unheimlich.

„Ja, und das wissen Sie.“ Sie war immer der Meinung gewesen, dass die richtige Beleuchtung für die Darstellung eines Charakters auf der Bühne wesentlich wirkungsvoller war als Make-up, und dies war der Beweis dafür.

Plötzlich fiel Rosalind ein, dass Mr. James zu Beginn des Flugs in besagter Zeitschrift geblättert hatte. Da er schwieg, kam ihr der Verdacht, dass er mit ihr spielte.

„Aber jetzt wissen Sie offenbar, wer ich bin, stimmt’s?“, fügte sie herausfordernd hinzu.

Er betrachtete ihre Brüste, die unter dem weiten Hemd nur zu erahnen waren, und ließ den Blick dann tiefer schweifen.

„Ja. Sie sind eine Frau“, erklärte er dann.

Zu ihrer Überraschung verspürte sie ein Prickeln, als hätte er sie berührt. Obwohl normalerweise selbst anzügliche Blicke sie nicht aus der Fassung brachten, schlug sie schnell die Beine übereinander.

Wenn sie für ihn lediglich irgendeine Frau war, hatte er die Zeitschrift vermutlich bloß durchgeblättert. Rosalind atmete erleichtert auf.

Als sie ihn jedoch verstohlen von der Seite musterte, erschrak sie wieder, denn statt höflich woanders hinzuschauen, betrachtete er ihren Schoß.

„Sie tragen nicht zufällig eine Röntgenbrille, oder?“, meinte sie schnoddrig, um ihre Verlegenheit zu überspielen. „Oder gestehen Sie mir gleich, dass es nur Fensterglas ist und Sie Reporter sind?“

„Wie bitte?“ Seine Augen wirkten wie polierte Jetsteine.

„Sie wissen schon – wie Superman.“ Da er nicht reagierte, fuhr sie fort: „Du meine Güte! Sie haben keine Ahnung von Populärkultur, stimmt’s? Womit verdienen Sie Ihre Brötchen?“

„Brötchen?“

Rosalind verdrehte die Augen. „Womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?“ Sie beugte sich zu ihm herüber, um einen Blick auf seinen Laptop zu werfen. Doch bevor sie etwas erkennen konnte, drückte er auf eine Taste und schloss die Datei, an der er gerade gearbeitet hatte.

Top secret, nicht?“, neckte sie ihn.

„So in etwa.“

„Na ja, wir haben alle unsere Geheimnisse.“

„Und einige sind gefährlicher als andere.“

„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie ein Agent sind, der in geheimer Mission in den Osten reist“, flüsterte sie hinter vorgehaltener Hand und lachte leise, was die dramatische Wirkung ihrer Worte erheblich schmälerte. „Ein Agent mit Flugangst.“

Wieder wurde er rot. „Ich habe keine Angst vorm Fliegen.“

„Nein, natürlich nicht“, erklärte sie trocken. „Die Stewardess hat sich nur neben Sie gesetzt, weil sie Sie so süß fand.“

Sie haben sie auf die Idee gebracht“, sagte er vorwurfsvoll.

„Das habe ich doch nur getan, weil ich dachte, Sie wären zu schüchtern, um sie zu fragen. Dass Sie süß sind, hat sie gesagt …“

„Zu schüchtern?“, wiederholte er entgeistert.

„Na ja, Sie müssen zugeben, dass Sie nicht besonders … energisch wirken“, erwiderte sie taktvoll und tätschelte ihm den Arm. Im Gegensatz zu den anderen männlichen Fluggästen hatte er sein Jackett nicht ausgezogen, sondern lediglich die Krawatte gelockert und sein Hemd am Hals aufgeknöpft, sodass sie einen Blick auf seine sonnengebräunte Brust erhaschen konnte. Kein behaarter Macho, der Kleine, dachte sie amüsiert.

„Nicht, dass es schlimm wäre“, fuhr sie fort, da er sie finster ansah. „Die meisten Frauen finden schüchterne Männer reizvoll, denn es ist eine nette Abwechslung zu diesen eingebildeten Chauvis. Aber Sie sollten sich nicht scheuen, andere um Hilfe zu bitten. Schließlich ist es ein Zeichen von Stärke, auch mal Schwäche zu zeigen …“

„Ich brauche keine Hilfe“, unterbrach er sie schroff. „Ich habe keine Ahnung, woher Sie Ihre Weisheiten beziehen, aber Sie können mir glauben, Miss …“ Er verstummte unvermittelt.

„Marlow“, informierte sie ihn schnell, um ihn nicht in seinem Redefluss zu unterbrechen.

„Miss Marlow“, sagte er, ohne eine Reaktion auf den Namen zu zeigen. „Sie können mir glauben, dass ich mich selbst darum kümmern kann, wenn ich je Hilfe brauche.“

„Entschuldigung!“ Eine der Stewardessen war stehen geblieben und wandte sich an Rosalind. „Ist das ein Handy, was Sie da haben?“

Rosalind spürte, wie der Mann an ihrer Seite sich versteifte. Wahrscheinlich war er so ehrlich, dass er sich gleich schuldig bekannte, wenn sie nicht eingriff.

„Ja, aber ich benutze es nicht“, versicherte sie mit einem gewinnenden Lächeln. „Mr. James zeigt mir gerade sein mobiles Büro. Ich halte es nur für ihn, weil er mir etwas auf seinem Laptop demonstrieren wollte.“ Sie warf ihm einen betont ehrfürchtigen Blick zu, bevor sie sich wieder an die Stewardess wandte. „Das Handy ist natürlich ausgeschaltet“, fuhr sie fort in der Hoffnung, dass es stimmte. „Wir kennen beide die Sicherheitsvorschriften.“

„Hm, vielleicht sollten wir sicherheitshalber die Batterien rausnehmen, damit es nicht versehentlich auf Empfang geschaltet wird.“ Die Stewardess nahm ihr das Telefon aus der Hand und öffnete das Batteriefach. „Oh, das hat schon jemand gemacht …“

Mr. James nahm ihr das Handy wieder aus der Hand und streifte dabei Rosalinds Brüste. „Ja, ich habe die Batterien vor dem Start rausgenommen. Wie Miss Marlow bereits sagte, kenne ich die Sicherheitsvorschriften.“

„Das hätten Sie mir doch sagen können“, beschwerte sich Rosalind, nachdem die Stewardess gegangen war. Sie verspürte ein erregendes Prickeln.

„Sie haben mich überhaupt nicht zu Wort kommen lassen, weil Sie so damit beschäftigt waren, sich über meine Unwissenheit zu mokieren“, entgegnete er spöttisch.

Leider musste sie ihm Recht geben. „Ja, nicht wahr?“

Offenbar wusste er ihr Geständnis nicht zu schätzen. „Außerdem lügen Sie sehr gut“, warf er ihr vor.

„Verzeiht mir, wenn ich so rede. Ich habe es von meinem Vater gelernt“, erklärte sie zuckersüß in Anlehnung an ein weniger bekanntes Shakespeare-Zitat. Es war wirklich passend, denn was ihre Schauspielkunst betraf, so hatte sie bereits als Kind vieles von ihrem Vater gelernt.

Mr. James warf ihr einen finsteren Blick zu. Offenbar ahnte er, dass es nicht ihre Worte waren, wusste aber nicht, wie er sie festnageln sollte. Sie hatte bereits vermutet, dass er Fakten brauchte, bevor er sich auf ein Wortgefecht einließ.

Da Rosalind der Versuchung nicht widerstehen konnte, rieb sie ihm noch ein Zitat unter die Nase, das bekannter war. „‚So süß ist Trennungswehe‘, stimmt’s, Mr. James?“ Schamlos klimperte sie mit den Wimpern. „Aber nun, da ich weiß, dass Sie ein so gewissenhafter Mensch sind, muss ich mir wohl ein anderes Opfer suchen. Ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Reise. Ciao, Baby!“

Dann wandte sie sich ab und ging weiter, wobei sie aufreizend die Hüften schwang, nur für den Fall, dass er ihr nachschaute.

Das tat er tatsächlich, und zum Glück konnte sie seinen Gesichtsausdruck nicht sehen, denn er verriet kaltblütige Berechnung. Er hatte die Lippen grimmig zusammengepresst, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der unfreiwillige Bewunderung einerseits und Verachtung andererseits erkennen ließ.

Es war die bittere Miene eines Mannes, der sich auf einer besonders unerfreulichen Mission befand und der entschlossen war, diese Mission erfolgreich zu beenden.

3. KAPITEL

Rosalind hielt ihre Umhängetasche fest, als sie in der gleißenden Nachmittagssonne über das Rollfeld auf die zweimotorige Propellermaschine zulief. Der warme Wind wehte ihr das rote Haar aus dem Gesicht, als sie dem uniformierten Offizier der Fluggesellschaft, der neben der Gangway stand, entschuldigend zulächelte. Da sie sich angeregt mit einer deutschen Touristin unterhalten hatte, hätte sie beinahe ihren Anschlussflug verpasst.

Nachdem man die Tür hinter ihr geschlossen hatte, blickte Rosalind sich in dem Passagierraum um, der über neunzehn Sitzplätze verfügte. Dann steuerte sie auf den freien Sitz auf der linken Seite in der Mitte des schmalen Ganges zu und zwängte sich dankbar hinein.

„Sie hätten beinahe die Maschine verpasst.“

Als sie zur gegenüberliegenden Sitzreihe schaute, hätte sie fast laut aufgestöhnt, denn dort saß ihr langweiliger Freund Mr. James.

„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie auch nach Tioman fliegen“, rief sie, um das Propellergeräusch zu übertönen.

„Nein, ich springe unterwegs mit dem Fallschirm ab“, erwiderte er trocken.

Sein Sarkasmus war natürlich berechtigt, doch gerade als sie anfing, seinen Anflug von Humor zu bewundern, machte er wieder alles zunichte, indem er schwerfällig hinzufügte: „Das war ziemlich leichtsinnig von Ihnen. Sicher wäre Ihr Ticket verfallen.“

„Unsinn. Es war perfektes Timing“, log sie. „Wenn man so oft geflogen ist wie ich, weiß man, wie man Wartezeiten auf ein Minimum reduziert.“

„Stimmt.“ Angelegentlich betrachtete er ihr erhitztes Gesicht und das grüne Hemd, das ihr förmlich am Körper klebte.

Rosalind nahm ein Erfrischungstuch aus der Tasche, um sich damit das Gesicht abzutupfen. Dabei stellte sie fest, dass Mr. James inzwischen sein Jackett ausgezogen und die Krawatte abgenommen hatte. Den Laptop hatte er unter den Sitz gestopft. Wollte er etwa auch jetzt während des gesamten Flugs arbeiten?

„Was für ein Zufall, dass wir dasselbe Ziel haben!“, bemerkte sie, während das Flugzeug die Startbahn entlang rollte. „Haben Sie dort geschäftlich zu tun, oder wollen Sie Urlaub machen?“ Natürlich kannte sie die Antwort bereits. Niemand fuhr im Anzug in Urlaub.

„Man könnte sagen, ein bisschen von beidem.“ Er verzog ein wenig den Mund, als müsste er ein grimmiges Lächeln unterdrücken.

„Und was genau machen Sie beruflich?“

Mr. James zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Ich bin Wirtschaftsprüfer.“

„Oh … tatsächlich?“ Rosalind schaffte es, keine Miene zu verziehen, senkte aber schnell den Blick. „Darauf wäre ich nie gekommen.“

„Finden Sie das amüsant?“

„Natürlich nicht. Es ist ein sehr respektabler, hoch angesehener Beruf“, erklärte sie ernst.

„Tragen Sie nicht zu dick auf“, warnte er sie trocken.

Nun schaute sie ihn wieder an. „Und so interessant! Sicher ist es wahnsinnig aufregend, wenn die Bilanz stimmt.“

„Bei mir stimmen die Bilanzen immer“, entgegnete er mit stoischer Miene.

Das klang ja wie eine Drohung! Jetzt konnte Rosalind sich nicht länger beherrschen.

„So viele Herausforderungen und so wenig Zeit!“, meinte sie kichernd. „Kein Wunder, dass Sie so nervös sind. Sie scheinen ein richtiger Workaholic zu sein. Ich wette, Sie sind überhaupt nicht in der Lage, sich zu entspannen. Wo werden Sie auf Tioman wohnen?“

So viel also zu meinem „Ciao, Baby“, dachte sie, als er ihr den Namen des Ortes nannte. Offenbar wollte es das Schicksal, dass sie sich ständig über den Weg liefen.

„Ich auch.“

Kaum hatte Rosalind die Worte ausgesprochen, kam ihr ein Verdacht, so lächerlich es auch sein mochte. Vielleicht war es gar kein Zufall …

„Verfolgen Sie mich?“, fragte sie unvermittelt.

Mr. James wirkte so entsetzt, dass sie sich gleich wieder beruhigte. Er ist Wirtschaftsprüfer, sagte sie sich. Und er trug einen teuren Maßanzug. Die Sensationsreporter, mit denen sie bisher zu tun gehabt hatte, waren alle leger gekleidet gewesen, um notfalls auch einmal eine Mauer erklimmen zu können. Außerdem flogen sie nicht erster Klasse, und selbst wenn, hätten sie nicht sämtliche Gratisdrinks ausgeschlagen, wie ihr Freund Mr. James es getan hatte.

„Ich habe vor Ihnen am Schalter gestanden und auch zuerst in dieser Maschine gesessen“, erboste er sich. „Also wie kommen Sie auf die Idee, dass ich Ihnen folge?“

Als sie daran dachte, was ihre Mutter ihr über Tioman Island erzählt hatte, kam Rosalind zu dem Ergebnis, dass jeder, der erster Klasse flog, selbstverständlich auch in dem luxuriösesten Hotel der Insel abstieg. Sie versuchte, Mr. James mit einem schalkhaften Blick versöhnlich zu stimmen.

„Sie haben recht. Vielleicht folge ich Ihnen …“

Offenbar war ihm jetzt noch unbehaglicher zu Mute, denn er blinzelte und wandte sich dann unvermittelt ab, um aus dem Fenster zu schauen. Genau in dem Moment hob das Flugzeug ab, und er umklammerte so krampfhaft die Armlehnen, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Sie sind noch nicht oft mit kleinen Maschinen geflogen, stimmt’s?“, fragte sie betont beiläufig.

Widerstrebend wandte er sich vom Fenster ab und musterte sie misstrauisch, als könnte er sie immer noch nicht einschätzen. Fürchtete er etwa, sie würde sich auf ihn stürzen und ihm die Kleider vom Leib reißen?

Oder hatte er Angst davor, seine Schwäche einzugestehen, weil er dachte, sie würde sich über ihn lustig machen? Sie lächelte ihm aufmunternd zu, weil sie ihn so grundlos verdächtigt hatte, und es wieder gutmachen wollte.

Mr. James betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen. „Nein, nicht so oft“, gestand er schließlich zu ihrer Überraschung.

Rosalind strahlte ihn an. „Keine Angst, sobald wir die normale Flughöhe erreicht haben, schaukelt die Maschine nicht mehr so. Und wenn wir über dem Meer sind, gibt es auch keine Aufwinde mehr. Der Flug dauert nicht länger als eine Stunde. Und wenn Sie Ohrensausen bekommen, lutschen Sie einfach einen Lolli.“ Sie zückte einige der Lollis, die sie bei ihrem letzten Flug mitgenommen hatte, und reichte sie ihm. „Sie sind leider schon ein bisschen geschmolzen, aber da sie noch eingewickelt sind, werden Sie keine klebrigen Finger bekommen.“

Er nahm das Friedensangebot an, nahm aber den eingepackten Zahnstocher mit dem Logo der Fluggesellschaft heraus, der offenbar unter die Lollis gerutscht war, und gab ihn ihr mit ernster Miene zurück.

„Ihr Souvenir möchten Sie sicher behalten, stimmt’s, Miss Marlow?“

Rosalind lächelte verlegen, als sie den Zahnstocher in ihre Hemdtasche steckte. „Ich bin nun mal ein Jäger und Sammler und muss immer zugreifen, wenn es etwas umsonst gibt. Ich kann kein Hotelzimmer verlassen, ohne sämtliche Teebeutel, Kaffeepäckchen, Seifenstücke und Shampooflaschen mitzunehmen. Diese Sachen sind im Übernachtungspreis enthalten, und man kann sie gut gebrauchen, wenn man nur eine begrenzte Summe zur Verfügung hat.“

„Sie teilen sich Ihr Geld schlecht ein, wenn Sie erster Klasse fliegen, aber nicht genug für das Notwendigste übrig haben, Miss Marlow.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich es mir nicht leisten kann. Ich gebe das Geld nur lieber für andere Dinge aus. Und diese Reise war ein Geschenk. Normalerweise fliege ich nämlich ausschließlich zweiter Klasse. Übrigens heiße ich Rosalind, aber die meisten Leute nennen mich Roz.“

Weder sein Blick noch sein Gesichtsausdruck deuteten darauf hin, dass er sie kannte.

„Luke James.“

Es entstand eine Pause, fast als würde Luke James erwarten, dass sie ihn erkannte. Vielleicht war er in Finanzkreisen bekannt.

„Ich bin Schauspielerin“, versuchte Rosalind es weiter.

„Ich komme leider kaum dazu ins Kino zu gehen“, entschuldigte er sich höflich.

„Ich spiele meistens auf der Bühne.“

„Ins Theater gehe ich auch selten.“

„Vor einigen Jahren hatte ich eine Hauptrolle in einem Kostümfilm …“

„Ich besitze keinen Fernseher“, erklärte er ohne einen Anflug des Bedauerns.

„Oh. Na ja, ich habe auch in einigen Hörspielen mitgewirkt.“

„Radio höre ich ganz selten …“

Rosalind war verblüfft und fragte sich, warum ein offensichtlich gebildeter Mann wie er sich so wenig fürs Theater interessierte. Sie runzelte die Stirn. Obwohl sie sich in den letzten vierundzwanzig Stunden so viel Mühe gegeben hatte, nicht erkannt zu werden, war sie jetzt richtig gekränkt. Theaterspielen war nämlich ihre große Leidenschaft, und sie war sehr stolz auf die hervorragenden Kritiken, die sie bekam.

Am liebsten hätte sie Luke James gefragt, ob er überhaupt Zeitungen las, doch sie wollte sich keine Blöße geben.

„Und was tun Sie dann, wenn Sie sich unterhalten wollen?“, erkundigte sie sich, bemüht, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

„Ich habe gar nicht das Bedürfnis, mich zu unterhalten. Mein Leben ist sehr ausgefüllt.“

„Das glaube ich auch“, entgegnete sie scharf. Ausgefüllt mit Arbeit, ergänzte sie im Stillen. Nun wunderte es sie überhaupt nicht mehr, dass er so verschroben wirkte. Er war es überhaupt nicht gewohnt, über seine Gefühle zu sprechen, denn das lernte man unter anderem dadurch, indem man zusammen mit anderen kulturelle Veranstaltungen besuchte.

„Sicher sind Sie eine sehr gute Schauspielerin.“

Offenbar wollte er sie damit besänftigen, doch ihr geschultes Ohr hörte sofort den zweifelnden Unterton heraus.

„Woher wollen Sie das wissen?“, konterte sie sarkastisch.

„Na ja …“ Luke James senkte die Stimme. „Sie sind sehr attraktiv …“

„Was hat das mit meinen schauspielerischen Fähigkeiten zu tun?“, fragte sie wütend.

„Na ja, Sie bekommen dadurch wahrscheinlich leichter eine Rolle.“

War ihm eigentlich klar, was er damit andeutete? War der Blick dieser braunen Augen wirklich so unschuldig, wie es den Anschein hatte? Rosalind wurde noch zorniger. „Wollen Sie damit sagen, dass ich meine Rollen über die Besetzungscouch bekomme?“

Er blinzelte verwirrt. „Oh nein, so etwas würde ich nie sagen. Ich bin sicher, dass Sie eine sehr angesehene, hervorragende Schauspielerin sind.“

Jetzt musste sie lächeln. „Wer trägt hier dick auf? Ich glaube, Sie verwechseln mich mit meiner Mutter, denn ich bin alles andere als angesehen. Meine Arbeit wird allerdings anerkannt. Und falls ich mit jemandem schlafe, dann weil ich es will und nicht, weil ich es muss. Für mich ist Sex kein Mittel zum Zweck.“

Überrascht stellte sie fest, dass sie ihn mit ihrer Direktheit ausnahmsweise mal nicht in Verlegenheit gebracht hatte. Er zog lediglich die Brauen hoch. „Ihre Mutter ist auch Schauspielerin.“

In Anbetracht der Tatsache, dass er ein Kulturbanause war, betrachtete sie es als Frage. Ihre Mutter wäre peinlich berührt gewesen, hätte sie davon gewusst, denn sie stand seit fast vierzig Jahren auf der Bühne. In Neuseeland war der Name Marlow gleichbedeutend mit Theater.

„Ja. Constance Marlow“, erklärte Rosalind.

Sie rechnete damit, dass Luke James sie verständnislos ansah, aber stattdessen nickte er.

„Ach, Sie gehören zu den Marlows. Wurde Ihr Vater nicht kürzlich wegen seiner Verdienste um das Theater in den Adelsstand erhoben?“

„Stimmt.“ In ihrer Familie war man nicht nur stolz über diese Auszeichnung, sondern hatte sich auch darüber amüsiert. Ihr Vater hatte nämlich viele Neulinge so eingeschüchtert, dass diese ihn nur mit „Sir“ angesprochen hatten, und ihre Mutter trug schon seit Jahren den Spitznamen „Euer Gnaden“.

„Ich nehme an, dass Ihre Mutter denselben Beruf ausübt wie Sie“, sagte Rosalind ironisch.

Wieder betrachtete Luke James sie abschätzend. „Meine Mutter ist gestorben, als ich noch klein war.“

„Oh.“ In ihre grünen Augen trat ein mitfühlender Ausdruck. „Das tut mir leid. Es muss ein Schock für Sie gewesen sein.“

Unwillkürlich stellte sie sich ihn als Kind vor. Vermutlich war er schon damals sehr clever gewesen, sanftmütig und so schüchtern, dass er nicht viele Freunde gehabt hatte. Durch den Tod seiner Mutter hatte sein Selbstbewusstsein wahrscheinlich noch mehr gelitten. Nein, er war bestimmt kein Draufgänger gewesen wie ihre Brüder und sie.

Impulsiv legte sie die Hand auf seine und stellte dabei erstaunt fest, dass seine Hand sich nicht warm und weich anfühlte, sondern kühl und kräftig. Vielleicht lag es daran, dass er so viel am Computer arbeitete.

Was Rosalind allerdings noch mehr aus der Fassung brachte, war das intensive Prickeln, das sie verspürte, weil die Vibrationen des Flugzeugs sich auf sie übertrugen. Es war, als würde sie unter Strom stehen.

Luke James betrachtete ihre schmale, helle Hand. Da Rosalind noch immer in Gedanken versunken war, merkte sie nicht, dass er eine dramatische Pause einlegte, bevor er theatralisch hinzufügte: „Es war ein Unfall. Mein Vater ist dabei auch ums Leben gekommen.“

Ihr Herz krampfte sich zusammen, und sie umfasste seine Hand. „Oh Luke, das ist ja schrecklich! Haben Sie noch Geschwister?“

Als er sich zu ihr umdrehte, stellte er fest, dass sie sich zu ihm hinüberbeugte, weil sie offenbar das Bedürfnis verspürte, ihn zu trösten. In ihren grünen Augen lag ein trauriger Ausdruck, und sie war noch blasser als sonst.

Und das, obwohl sie ihn überhaupt nicht kannte!

Unzufrieden fragte sich Luke, wo ihr Selbsterhaltungstrieb war. Verdammt, sie machte es ihm zu leicht!

Oder nicht? Er hatte guten Grund zu der Annahme, dass sie nicht so empfindsam und natürlich war, wie sie ihn glauben machen wollte. Einer Schauspielerin von Rosalind Marlows Kaliber kamen die Lügen leicht von den Lippen. Er konnte sie dafür bewundern, aber er musste es nicht glauben.

„Nein. Ich habe keine Geschwister.“

Rosalind verspürte noch mehr Mitgefühl für ihn, denn sie konnte sich ein Leben ohne ihre große Familie überhaupt nicht vorstellen.

An dem Ausdruck in seinen Augen erkannte sie, wie schmerzlich es für ihn gewesen sein musste, seine Eltern zu verlieren. Seine Augen spiegelten jedoch noch ein anderes Gefühl, das sie nicht zu benennen vermochte.

„Aber Sie müssen doch irgendwelche Verwandte gehabt haben …“

Luke James war sichtlich angespannt. „Ich hatte Glück und wurde adoptiert“, erwiderte er ausdruckslos. Dabei entzog er ihr seine Hand und legte sie in den Schoß.

„Das freut mich für Sie.“ Dass er ihr seine Hand entzogen hatte, störte sie nicht, denn es waren nicht alle Leute so extrovertiert wie die Marlows.

„Jeder sollte eine Familie haben, finden Sie nicht? Selbst wenn es nicht die leibliche ist.“ Sie lächelte ein wenig wehmütig. „In der Familie lernen wir, Liebe, Vertrauen und Loyalität von unseren Mitmenschen zu erwarten, sodass wir später keine Angst davor haben, anderen zu vertrauen und zuzugeben, dass wir alle voneinander abhängig sind …“

„Das erinnert mich an John Donne“, sagte er leise.

Es freute sie, dass er wenigstens ein bisschen mit Lyrik vertraut war. Vielleicht war er doch kein hoffnungsloser Fall. „Haben Sie viel von John Donne gelesen?“

„Einiges schon. Ich habe eine klassische Bildung genossen.“

„Oh. Wo sind Sie zur Schule gegangen?“

Luke James nannte ihr den Namen einer Privatschule für Jungen, die nicht nur für ihren hervorragenden Unterricht und ihre strenge Erziehung bekannt war, sondern auch für das hohe Schulgeld. Rosalind fragte sich, ob seine Adoptiveltern selbst dafür aufgekommen waren oder ob sie es von seinem Erbe bestritten hatten.

„Haben Sie dort auch gewohnt?“, erkundigte sie sich stattdessen.

„Ja.“

Aus seinen Worten klang Stolz, aber sie fand es unmenschlich, Kinder ins Internat zu stecken, und sagte es ihm auch. „Meine Geschwister und ich sind zum Glück auf eine öffentliche Schule gegangen. In einem Internat hätte ich es überhaupt nicht ausgehalten. All die Regeln und Vorschriften … Ich hätte mich schon aus Prinzip dagegen aufgelehnt.“

„Haben Ihre Eltern Ihnen denn alles erlaubt, als Sie klein waren?“

Sein scharfer Unterton ärgerte sie ein wenig. Ihre Eltern hatten sie zwar liberal erzogen, aber nicht alles durchgehen lassen. „Natürlich haben sie uns nicht alles erlaubt. Doch sie haben uns viel Liebe gegeben und waren sehr nachsichtig. Und wenn wir etwas angestellt haben, hat man uns nicht damit gedroht, uns von zu Hause zu verweisen.“

„Mir hat man auch nie damit gedroht, mich von der Schule zu verweisen.“

„Vielleicht weil Sie sich nie getraut haben, etwas anzustellen. Gibt es in Internaten nicht massenhaft kleine Sadisten und Schlägertypen, die jeden schikanieren, der kleiner und schwächer ist als sie? Bestimmt haben Sie furchtbar gelitten …“

„Ach ja?“, unterbrach Luke James sie. „Warum?“

„Na ja, Sie haben nicht gerade die Statur eines Rugbyspielers, stimmt’s?“ Rosalind musterte ihn flüchtig, und als sie ihm wieder ins Gesicht schaute, stellte sie fest, dass er erneut rot geworden war, und er einen grimmigen Zug um den Mund hatte.

„Sie erinnern mich an meinen Bruder Richard“, beeilte sie sich hinzuzufügen. „Als Kind wurde er von allen geärgert, weil er so schlaksig war, aber je älter er wurde, desto mehr wusste er es zu schätzen. Und als er Schauspieler wurde, waren die Frauen ganz verrückt nach ihm, weil er so schlank war …“

„Wirklich ermutigend, aber Ihre Sorgen sind völlig unbegründet“, entgegnete er scharf. „Ich wurde weder übermäßig schikaniert, noch waren die Frauen verrückt nach mir, was ich als genauso unangenehm empfunden hätte.“

Rosalind lehnte sich seufzend zurück. „Ja, das ist es tatsächlich.“ Unwillkürlich musste sie an die schlüpfrigen Geschichten denken, die in der vergangenen Woche über sie kursiert waren. Früher hatte sie darüber noch lachen können, doch mittlerweile fand sie es überhaupt nicht mehr witzig, weil sie wusste, dass es irgendwo einen Mann gab, der sie als seinen Besitz betrachtete. Er war besessen von ihr, und eines Tages würde er seine vermeintlichen Ansprüche womöglich mit Gewalt durchsetzen …

Daher würde ihr Leben nie wieder so sein wie vorher. Sie würde sich nie wieder so sicher und frei fühlen wie früher und niemandem mehr vorbehaltlos vertrauen können. Olivia war frustriert gewesen, weil sie, Rosalind, Peter angeblich nicht ernst nahm. Doch sie hatte solche Dinge schon immer bewusst ins Lächerliche gezogen, weil sie sonst zugegeben hätte, dass sie von ihren Ängsten beherrscht wurde.

Diesmal allerdings hatte es nichts genützt, und da sie sich völlig hilflos gefühlt hatte, war sie sofort nach Wellington geflogen, nachdem sie jenen viel versprechenden Anruf erhalten hatte.

„Wir kennen uns nicht“, hatte die Frau zögernd gesagt, nachdem sie sich als Peggy vorgestellt hatte, „aber ich glaube, wir haben einen gemeinsamen … Freund. Er hat Ihnen in letzter Zeit viele Briefe geschrieben, und ich mache mir Sorgen um ihn.“

Rosalind umklammerte krampfhaft den Hörer. „Reden Sie von Peter?“

„Ja“, erwiderte die Anruferin nervös und erleichtert zugleich. „Aber ich … ich möchte ihm keine Schwierigkeiten machen …“

„Ich auch nicht“, erklärte Rosalind wahrheitsgemäß. „Bis jetzt habe ich mich noch nicht an die Polizei gewandt, falls Sie das meinen. Ich dachte, es würde sich von selbst klären …“

„Vielleicht tut es das auch. Es ist nur … Ich habe einige von Peters Briefen an Sie in seiner Wohnung gesehen. Er hat einen ganzen Raum mit Fotos von Ihnen tapeziert. Es ist wie ein Schrein. Ich glaube, dass er damit eher sich selbst schaden wird als jemand anders, aber … Ach, es ist so kompliziert! Ich … ich dachte, Sie und ich, wir könnten Peter helfen, ohne dass das Ganze publik wird …“

Die Frau verstummte, und es hörte sich so an, als würde sie aufschluchzen. Schließlich fuhr sie fort: „Es ist mir furchtbar peinlich, Miss Marlow. Nicht einmal meine Familie weiß davon … Sie dürfen es nicht erfahren …“

Rosalind merkte, dass die Frau am Ende war. Aus Angst, sie könnte es sich anders überlegen und das Gespräch beenden, erwiderte sie schnell: „Sie haben recht, niemand braucht es zu erfahren. Wäre es Ihnen lieber, wenn wir uns treffen und unter vier Augen darüber sprechen würden, Peggy?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Gold Band 36" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen