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ROMANA GOLD BAND 33

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Glück in strahlenden Augen

1. KAPITEL

Melanie Warren hatte sich viel von ihrem Urlaub versprochen. Sie wollte mit ihrer besten Freundin nach London fliegen, dort ein Auto mieten und durch die frühlingshafte englische Landschaft fahren. Ein festes Ziel hatten sie sich nicht vorgenommen, sie wollten anhalten, wo oder wann ihnen danach zumute war.

Leider kam dann alles anders. Delia stellte fest, dass sie schwanger war, und der Doktor legte ihr dringend nahe, während der nächsten drei Monate nicht zu verreisen.

„Ich freue mich wirklich für die beiden“, sagte Melanie zu ihrer Kollegin Sharon. „Delia und Sam wünschen sich schon lange ein Kind, aber konnten sie nicht bis nach der Reise warten? Es war so ein schöner Plan. Für die erste Nacht hatten wir Zimmer in einem Schloss bestellt, und danach wollten wir uns einfach treiben lassen.“

„Vielleicht könnt ihr im nächsten Jahr fahren“, meinte Sharon tröstend. „Und vergiss nicht, dass die Sache auch ihr Gutes hat. Mit dem gesparten Geld kannst du einen Einkaufsbummel machen.“

„Wenn das so wäre“, seufzte Melanie. „Das Flugticket war verbilligt und wird nicht ersetzt.“

„Ach herrje! Dann würde ich allein fahren, um das Geld nicht zu verlieren. Vielleicht triffst du sogar Leute, die ihr zu zweit nicht getroffen hättet. Du hast doch sonst keine Schwierigkeiten, Menschen kennenzulernen.“

Melanie sah allerdings reizend aus, und sie hatte eine blendende Figur. Das hellbraune, ins Blond spielende Haar umrahmte ein apartes Gesicht, an dem vor allem die großen grünen Augen mit den langen Wimpern auffielen. Der volle Mund trug zum Charakter des Gesichts bei, das sonst vielleicht zu puppenhaft gewirkt hätte. In jedem Fall gehörte Melanie zu den Frauen, die sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit zu beklagen brauchten.

Melanie flog nach London, mietete ein Auto und machte sich auf den Weg nach Burford Castle, wo sie die erste Nacht verbringen wollte. Aus dem Traum wurde allerdings schnell ein Albtraum, denn sie kam in die Dunkelheit und konnte bei dem heftigen Regen kaum noch die schmale Landstraße erkennen. Seit mehreren Meilen war ihr kein anderes Auto begegnet, und es schien auch keine Häuser zu geben, wenigstens keine, die erleuchtet waren.

Doch Melanie war seit London kaum vierzig Meilen gefahren und musste noch in einer bewohnten Gegend sein. Irgendwann würde sie jemanden treffen, den sie fragen konnte. Ihre Zuversicht wurde auch bald belohnt, denn sie entdeckte rechts von der Straße hinter hohen Bäumen mehrere Lichter, die sie an die erleuchteten Fenster eines Gasthofs erinnerten. Sie drosselte die Geschwindigkeit und suchte nach einer Einfahrt. Eine Weile fuhr sie an einer Mauer entlang, bis sie zu einem schmiedeeisernen Tor kam, neben dem ein Schild angebracht war. Es wurde teilweise von herabhängenden Zweigen verdeckt, aber Melanie erkannte das Wort „Castle“ und die Buchstaben „bur“. Ihre Erleichterung war so groß, dass sie zu lachen begann. Blinder Zufall hatte sie ans Ziel geführt.

Die lange, gewundene Auffahrt endete vor einem imponierenden englischen Landhaus, das ganz Melanies Vorstellungen entsprach. Die Backsteinmauern waren von Efeu überwachsen, und die Eingangstür strahlte Würde aus. Ein antiker Klopfer verstärkte diesen Eindruck, was Melanie bewog, ihn und nicht die moderne Klingel zu benutzen, die seitlich angebracht war.

Die Tür wurde sofort geöffnet, von einem Mann, der Jeans und ein Sweatshirt trug. Die lässige Kleidung wollte auf den ersten Blick nicht in die vornehme Umgebung passen, aber schon der zweite Blick entschädigte Melanie für ihre Enttäuschung: Der Mann sah hinreißend aus.

Er war über ein Meter achtzig groß und sportlich gebaut. Das Sweatshirt spannte sich über der breiten Brust, und die eng anliegenden Jeans ließen die schmalen Hüften und die kräftigen Schenkel erkennen. Dazu hatte er die blauesten Augen, die Melanie je gesehen hatte, überschattet von dichten Wimpern, die so schwarz waren wie sein zerzaustes Haar.

„Ich dachte schon, Sie kämen nicht mehr“, begrüßte er Melanie. „Wir hatten Sie früher erwartet.“

„Ich bin froh, dass ich es überhaupt geschafft habe“, antwortete sie. „Ich habe noch nie solchen Regen erlebt.“

„Man gewöhnt sich daran, besonders im Frühling.“ Der Mann lachte, was Melanie Gelegenheit gab, seine regelmäßigen weißen Zähne zu bewundern. „Ich bin David Crandall.“

„Freut mich sehr.“ Melanies Hand wurde kräftig geschüttelt. Sollte das die typische englische Zurückhaltung sein, vor der man sie gewarnt hatte?

Ein älterer Mann erschien im Flur. Im Gegensatz zu David war er tadellos gekleidet und verzog keine Miene. Melanie war entzückt. Das musste der Butler sein – perfekter, als man ihn auf der Bühne erleben konnte. Sie wusste natürlich, dass dies alles dazu diente, die Touristen zu unterhalten, aber warum war sie schließlich hergekommen?

„Schon gut, Bevins“, sagte David. „Ich war gerade im Flur und habe selbst geöffnet.“ Er wandte sich wieder an Melanie. „Sicher möchten Sie Ihr Zimmer sehen. Es liegt neben dem Kinderzimmer.“

„Wie nett.“ Sollte das vielleicht ein diskreter Hinweis sein? Zum Glück gehörte sie zu den Frühaufstehern.

„Die Kinder schlafen bereits. Sie wollten unbedingt aufbleiben, um Sie zu begrüßen, aber das verbot sich bei Ihrer Verspätung.“

„Oh ja … natürlich. Das war gut überlegt.“ Ging diese Gastfreundschaft nicht etwas zu weit? Von einem so persönlichen Empfang war im Prospekt nicht die Rede gewesen. „Kinder brauchen ihren Schlaf. Wie alt sind sie denn?“

Die Frage schien David zu überraschen. „Sie sind neun.“

„Und alle gleich alt?“ Jetzt war Melanie überrascht.

„Es sind nur zwei – Ariella und Ashley. Sie sind Zwillinge.“

„Zwei kleine Mädchen, wie nett.“ Ob man darum bitten konnte, in sein Zimmer gebracht zu werden, ohne unhöflich zu erscheinen?

David presste die vollen Lippen zusammen, was seinem Gesicht einen strengen und abweisenden Ausdruck gab. „Ashley ist ein Junge.“

„Oh, das tut mir leid. In Amerika heißen viele Mädchen Ashley. Der Name ist zurzeit sehr beliebt.“ Melanie genierte sich wegen des kleinen Versehens, aber David Crandall machte entschieden zu viel daraus.

„Sie hätten sich wenigstens die Namen merken können“, meinte er gereizt.

„Obwohl ich sie noch nie gehört habe?“

David verschränkte die Arme vor der Brust. „Was soll dieser Unsinn? Wer, zum Teufel, sind Sie?“

„Dasselbe könnte ich Sie fragen!“, fuhr Melanie auf. „Weiß Ihr Chef überhaupt, wie Sie seine Gäste empfangen?“

„Wenn Sie sich als Gast sehen wollen, ist das Ihre Sache“, erklärte David. „Wichtig ist nur, dass Sie gut für die Kinder sorgen.“

Während Melanie sich noch fragte, ob Mr. Crandall vielleicht den Verstand verloren hatte, kam Bevins zurück. „Miss Morton hat eben angerufen, Sir“, meldete er. „Sie ist unglücklicherweise aufgehalten worden und kann erst morgen früh kommen.“

„Wer ist dann diese junge Dame?“ David drehte sich wieder zu Melanie um. „Ich meine, wenn Sie nicht die neue Erzieherin sind?“

„Also dafür haben Sie mich gehalten? Das erklärt viel.“

„Mir nicht. Wer sind Sie, und was wünschen Sie von mir?“

Melanie wurde der Situation langsam überdrüssig, so hinreißend dieser David Crandall auch sein mochte. „Es tut mir leid, dass Sie jemand anderen erwartet haben, aber deswegen brauchen Sie nicht unhöflich zu sein. Ich heiße Melanie Warren und bin für diese Nacht angemeldet. Könnte jemand mein Gepäck aus dem Auto holen und mir endlich mein Zimmer zeigen?“

David machte ein Gesicht, als wüsste er nicht, ob er lachen oder loswettern sollte. „Ist das Ganze vielleicht ein Scherz?“, fragte er. „Hat einer meiner sogenannten Freunde Sie hergeschickt?“

„Ich finde die Situation durchaus nicht scherzhaft“, erklärte Melanie steif. „Ich irre seit Stunden im Auto umher, ich friere und bin zum Überfluss auch noch nass geworden. Wird man im berühmten Burford Castle immer so freundlich empfangen?“

David schien ein Licht aufzugehen, denn seine blauen Augen begannen zu leuchten. „Ich habe dort manchmal zu Abend gegessen, aber nie übernachtet. Sollten die Zimmer die Qualität der Küche haben, können Sie von Glück sagen, dass Sie nicht dort gelandet sind.“

„Was soll das nun wieder heißen?“, fragte Melanie aufgebracht. „Machen Sie mir ja nicht weis, ich sei am falschen Ort. Ich habe Ihr Schild gelesen.“

„Mit Ihren wunderschönen Augen.“ Davids Blick verriet, dass er Melanie zum ersten Mal als Frau wahrnahm. „Es wäre ein Jammer, sie zu verstecken, aber Sie sollten wenigstens beim Autofahren eine Brille tragen.“

„Mein letzter Sehtest war einwandfrei“, betonte Melanie, „und ich weiß genau, was ich gelesen habe. Das Schild war teilweise durch Zweige verdeckt, aber das Wort ‚Castle‘ war so deutlich zu erkennen wie …“ Sie zögerte. Ob sie sich vielleicht doch geirrt hatte? Sie sah keine anderen Gäste, und David Crandall schien mehr an seinen Kindern als an zahlenden Touristen interessiert zu sein.

„Sie müssen ‚Castlebury Manor‘ gelesen haben“, bemerkte er jetzt freundlich, „oder zumindest einen Teil davon. Ich werde dem Gärtner sagen, dass er den Baum beschneiden soll.“

Melanies Wangen röteten sich anmutig, als ihr klar wurde, wie taktlos sie gewesen war. „Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Es war so dunkel, und dazu der Regen … Als ich Ihr Schild sah, nahm ich wie selbstverständlich an …“

„Ihr Fehler war verzeihlich“, beruhigte David sie. „Zumal Sie hier fremd sind.“

Seine guten Manieren machten es nicht weniger peinlich für Melanie. „Wie auch immer“, murmelte sie und zog sich bis an die Tür zurück. „Ich werde Sie nicht länger belästigen. Hoffentlich beweist die neue Erzieherin mehr Geschick als ich.“

„Sie können bei dem Wetter unmöglich weiterfahren. Ich würde mich um Sie ängstigen.“ David lächelte gewinnend. „Kommen Sie herein, und trinken Sie etwas mit mir. Sie müssen halb erfroren sein.“

Melanie protestierte zum Schein und ließ sich dann überreden. Einmal, weil sie sich den Weg beschreiben lassen wollte, und zum anderen, weil David Crandall sie interessierte und sie mehr über ihn wissen wollte. Ob ihm dieses prächtige Gutshaus gehörte? Eigentlich wirkte er zu jung dafür. Andererseits hatte er neunjährige Kinder und war vielleicht älter, als er schien. Was für eine Frau mochte er haben? Die Fragen nahmen kein Ende.

David führte sie in eine Bibliothek, der man Alter und Wohlstand ansah. David zeigte auf einen Mahagonischrank, in dem mehrere Kristallkaraffen standen. „Was soll ich Ihnen einschenken?“, fragte er.

Melanie zögerte. „Dürfte ich lieber um eine Tasse Kaffee bitten?“

„Selbstverständlich.“ David zog an einer Damastschnur, die neben der Gardine hing. „Ziehen Sie Ihren nassen Mantel aus, und setzen Sie sich ans Feuer.“ Er zeigte auf die Couch vor dem Kamin. „Um diese Jahreszeit können die Abende noch sehr kühl sein.“

Melanie trug unter dem Regenmantel einen kurzen beigefarbenen Rock mit passendem Pullover. Als sie Davids anerkennenden Blick bemerkte, zupfte sie verlegen an dem Pullover und dachte: Mrs. Crandall muss sich vorsehen. Dieser Mann hat ein Auge für Frauen und lässt sich seinen Spaß nicht nehmen.

„Was hat Sie bewogen, Burford Castle zu besuchen?“ David setzte sich neben sie auf die Couch und streckte seine langen Beine aus.

„Im Reisebüro schwärmte man von den englischen Schlosshotels, in denen nur wenige Gäste aufgenommen werden. Das erschien mir reizvoller als ein gewöhnlicher Gasthof.“

„Wenn Ihnen zugige Zimmer und eine schlechte Küche nichts ausmachen, mögen Sie recht haben“, bemerkte David wegwerfend. „Shelby Burford versteht von Hotelführung so viel wie ich vom Balletttanz.“

„Sie kennen den Earl of Burford?“

„Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Sind Sie in Burford Castle mit Freunden verabredet?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Nein, ich reise allein. Eine Freundin wollte mitkommen, musste ihre Pläne aber im letzten Moment ändern. Da schon alles bezahlt war, machte ich mich allein auf den Weg.“

Bevins kam herein, und David bestellte Kaffee. Als der Butler wieder gegangen war, fuhr er fort: „Das klingt ziemlich bedrückend. Haben Sie keine Freunde in England?“

„Nein, aber es stört mich nicht, allein zu sein.“

David betrachtete Melanies liebliches Gesicht. „Kommt es überhaupt vor, dass eine schöne Frau wie Sie allein ist?“

Melanie merkte plötzlich, wie nah und entspannt David neben ihr saß. „Es gibt Frauen, die freiwillig allein sind“, antwortete sie beinahe schroff. „Ich brauche niemanden, der mir ständig die Hand hält.“

„Vielleicht nicht, aber zu zweit machen viele Dinge einfach mehr Spaß.“

„Das mag sein – namentlich wenn man verheiratet ist.“

David unterdrückte ein Lächeln. „Wirke ich verheiratet?“

„Das ist schwer zu sagen. Selbst wenn ein Mann einen Ehering trägt, was Sie nicht tun, kann man sich täuschen.“

„Es gibt einen guten Grund dafür, dass ich keinen …“ David unterbrach sich, denn der Butler kam mit einem Silbertablett herein, auf dem ein kostbares antikes Kaffeeservice stand. „Danke, Bevins. Das ist alles für heute Abend.“

David wartete, bis Bevins gegangen war, und schenkte dann selbst ein. Melanie wurde etwas unbehaglich zumute. Hatte er den Butler absichtlich entlassen, oder sah sie bereits Gespenster? Sie befand sich in England und nicht in Transsylvanien! Dies war auch nicht das Schloss des Grafen Dracula, aber das Unwetter und Davids verführerisches Benehmen zerrten an ihren Nerven.

„Sahne und Zucker?“ Er sah sie fragend an.

„Schwarz, bitte.“

„Soll ich einen Schuss Cognac hineintun, um Sie aufzuwärmen?“

„Danke, das ist nicht nötig.“ Melanie nahm die Tasse und trank hastig einen Schluck. „Sie waren sehr freundlich, aber sobald ich ausgetrunken habe, muss ich mich auf den Weg machen.“

„Es wäre dumm, heute Abend noch bis Burford Castle zu fahren. Es liegt über vierzig Meilen von hier entfernt. Sie müssen in London die falsche Ausfahrt erwischt haben.“

„Oh nein!“ Melanie hatte wenig Lust, sich noch einmal zu verirren. „Gibt es in der Nähe vielleicht ein Dorf, wo ich im Gasthof übernachten kann? Ein Anruf im Schloss würde genügen, um mein Zimmer freizuhalten.“

„Nichts leichter als das. Ich rufe Shelby an, und Sie übernachten hier.“

„Ich war nicht auf eine Einladung aus, Mr. Crandall. Nennen Sie mir einfach den nächsten Gasthof.“

„Glauben Sie, dass Sie ihn finden würden?“ David begann zu lachen. „Bei Ihrem Ortssinn würden Sie die ganze Nacht umherirren und an fremde Türen klopfen. Hier sind Sie viel sicherer.“

Das bezweifelte Melanie. „Sollten Sie nicht Ihre Frau fragen, ehe Sie mich einladen?“, wandte sie ein.

„Dieses Missverständnis wollte ich gerade klären, als Bevins hereinkam. Ich bin nicht verheiratet, Miss Warren. Sie können unbesorgt bleiben.“

„Das leuchtet mir nicht ein. Wie kann ich unbesorgt bei einem fremden Mann die Nacht verbringen?“

„Ich wollte Ihnen ein eigenes Zimmer anbieten.“ In Davids Augen erschien ein lauernder Ausdruck. „Falls Sie allerdings etwas anderes im Sinn haben, stehe ich jederzeit zur Verfügung.“

Melanie stellte ihre Tasse hin. „Ich merke, dass sich die englischen Männer nicht von den amerikanischen unterscheiden. Auf Wiedersehen, Mr. Crandall.“

„Bitte, gehen Sie nicht. Ich wollte Sie nur necken und entschuldige mich dafür. Mein Angebot war ehrlich gemeint, ohne jede Bedingung. Sie können in Miss Mortons Zimmer schlafen und die schwere Kommode vor die Tür schieben.“ David lächelte mutwillig. „Es kommt selten vor, dass ich nachts Türen einschlage.“

Melanie schämte sich etwas. „Ich bin sicher, dass Sie das nicht nötig haben“, sagte sie, ohne nachzudenken.

„Was für ein nettes Kompliment. Dann bleiben Sie?“

„Das Angebot ist zu verlockend, um es abzulehnen.“ Melanie lächelte ebenfalls.

„Ausgezeichnet. Sind Sie sehr müde? Möchten Sie gleich schlafen gehen, oder wollen wir uns noch unterhalten?“

„Es ist wunderbar, hier am Feuer zu sitzen, aber ich möchte Sie nicht aufhalten.“

„Sie halten mich nicht auf, Melanie“, beteuerte David. „Ich weiß nie, was ich anfangen soll, wenn die Kinder im Bett liegen.“

„Sind Sie schon lange Witwer?“, fragte Melanie zögernd.

„Ich war nie verheiratet. Ariella und Ashley sind die Kinder meines älteren Bruders. Richard und seine Frau kamen vor einem halben Jahr bei einem Autounfall ums Leben.“ Davids Gesicht war ernst geworden. „In einer stürmischen und regnerischen Nacht wie heute. Sie kamen von einer Party nach Hause und wurden von einem übermüdeten Lastwagenfahrer gerammt.“

„Was für ein furchtbarer Schlag!“

„Besonders für die Kinder. Es war der zweite Schicksalsschlag innerhalb eines Jahres. Sie hatten gerade erst ihren Großvater verloren, und Richard war als Erbe des Titels in dieses Haus umgezogen.“ David seufzte. „Jetzt haben sie nur noch mich.“

Melanie fand sich nicht gleich zurecht. Dieser Don Juan in Jeans und Sweatshirt sollte zum Adel gehören? So hatte sie sich die blaublütigen Engländer nicht vorgestellt. „Um welchen Titel handelt es sich?“, fragte sie vorsichtig.

„Richard wurde der sechste Viscount of Castlebury, als unser Vater starb.“

„Dann sind Sie jetzt der siebente Viscount?“

David nickte. „Ich hatte nie erwartet, das zu werden, denn der Titel hätte Ashley zugestanden. Leider gehört zu dem Titel auch die Sorge um das Land.“

„Fehlt es an den nötigen Mitarbeitern?“

„Das ist nicht das Problem. Der größte Teil des Erblandes ist verpachtet, teilweise durch komplizierte Verträge. Über alles muss genau Buch geführt werden, und das System ist ein Chaos.“

„Buchführung erscheint zuerst immer schwierig, ist es aber nicht.“

„Das gilt allerdings nicht für Dads System. Er notierte alles auf seine Art, die nicht einmal Richard verstand. Wie soll ich mich da jemals zurechtfinden?“

„Sie könnten jemanden engagieren, der Ihnen ein besseres System entwickelt.“

David nickte. „Darauf wird es früher oder später wohl hinauslaufen. Im Augenblick sind die Kinder meine größere Sorge. Sie müssen das Gefühl haben, sich auf niemanden verlassen zu können, denn zu allem Unglück wurde auch noch die Erzieherin krank und musste kündigen.“

„Sie haben ihren Onkel“, warf Melanie ein.

„Ja, aber ich habe keine Erfahrung mit Kindern. Solange ich nur ihr Onkel war, verstanden wir uns prächtig. Seit dem Tod ihrer Eltern sind sie sehr verschlossen. Ich weiß, dass sie trauern, aber es ist nicht gut, den Schmerz in sich zu verschließen. Darum verbringe ich viel Zeit mit ihnen, ohne dass wir zu dem alten heiteren Ton zurückfinden.“

„Sie haben eine Tragödie hinter sich und brauchen Schonung“, sagte Melanie, da ihr nichts anderes einfiel.

David strich sich mit beiden Händen durch das dichte Haar. „Diese Schonung haben sie auch bekommen, leider mit einer unerwünschten Wirkung. Sie haben sich so daran gewöhnt, für nichts gescholten zu werden, dass sie mir allmählich zu frech geworden sind. Ich möchte ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein nicht unnötig einschränken, aber sie müssen ihre Grenzen erkennen.“

„Ist es denn so schlimm?“, fragte Melanie mitfühlend.

„Vielleicht würden Sie nur von Schabernack sprechen. Die beiden verstecken sich stundenlang, ohne etwas zu sagen, oder sie klauen Kekse in der Küche, obwohl Mrs. Crossiter, die Haushälterin, das Betreten ihres Reichs verboten hat.“

„Könnten Sie die Haushälterin nicht bitten, etwas großzügiger zu sein?“

David lachte gequält. „Sie kennen Mrs. C. nicht. Seit mein Vater sie engagierte, regiert sie hier mit eiserner Hand. Von Kindern hält sie wenig, und ich habe Angst, dass sie kündigt, wenn ich den Zwillingen ihre Freiheit lasse.“

„Vertrauen Sie auf die neue Erzieherin“, schlug Melanie vor. „Vielleicht erweist sie sich als zweite Mary Poppins und nimmt Ihnen alle Sorgen ab.“

„Ihr Wort in Gottes Ohr!“ David richtete sich auf, als fühlte er sich jetzt schon erleichtert. „Arme Melanie, so haben Sie sich den ersten Abend in England sicher nicht vorgestellt. Ich belaste Sie mit meinen privaten Problemen, obwohl ich eigentlich ein verschlossener Mensch bin.“

„Niemand kann mit zusammengepressten Lippen leben“, scherzte Melanie. „Nicht mal ein englischer Viscount. Dabei fällt mir ein, wir haben vergessen, den Earl of Burford anzurufen. Ob es dafür jetzt zu spät ist?“

David sah auf die Uhr. „Halb elf, da rufe ich lieber morgen früh an. Bis dahin hat Shelby Ihr Zimmer bestimmt nicht vergeben.“

Melanie merkte erst jetzt, wie spät es geworden war und wie still das Haus wirkte. Sie fürchtete keinen direkten Annäherungsversuch von David, dazu hatte ein so charmanter und attraktiver Mann keine Veranlassung.

„Ja“, sagte sie und sah ebenfalls auf die Uhr. „Es ist tatsächlich spät geworden.“

„Dann möchten Sie schlafen gehen?“ David machte ein enttäuschtes Gesicht. „Ich weiß, ich dürfte Sie nicht aufhalten, aber ich habe mich lange nicht so angenehm unterhalten.“

„Haben Sie denn in der Nachbarschaft keine Freunde?“, fragte Melanie überrascht.

David lächelte. „Wir sind hier nicht in London. Meine nächsten Nachbarn wohnen über zwei Meilen entfernt.“

„Haben Sie früher in London gewohnt?“

David nickte. „Ich besitze dort ein Haus, von dem ich zurzeit wenig Gebrauch mache. Erst müssen die Kinder versorgt sein.“

„Sicher werden Ihre Londoner Freunde Sie besuchen. In Castlebury Manor ist viel Platz.“

David verzog spöttisch den Mund. „Darauf würde ich nicht wetten. Es ist viel zu still hier draußen.“

Melanie gewann langsam eine klarere Vorstellung. David Crandall war ein Playboy, der sich daran gewöhnt hatte, jeden Abend mit einer anderen Schönheit auszugehen. Er musste sehr darunter leiden, plötzlich auf dem Land zu wohnen und für eine Familie verantwortlich zu sein.

„Ich beklage mich nicht“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Die Zwillinge werden sich fangen, und alles wird wieder gut.“

„Bestimmt“, versicherte Melanie. „Trotzdem bleibt es eine große Verantwortung. Gibt es niemanden, der sie Ihnen abnehmen könnte? Zum Beispiel die Eltern Ihrer Schwägerin?“

„Diese Möglichkeit entfällt“, antwortete David ohne weitere Erklärung und wechselte das Thema. „Sie sind nicht zufällig hungrig? Ich habe wenig zu Abend gegessen und sterbe vor Hunger.“

2. KAPITEL

Melanie hatte nicht nur wenig, sondern gar nichts zu Abend gegessen. Ihr ursprünglicher Plan, bei irgendeinem Landgasthof anzuhalten, war durch das Unwetter hinfällig geworden. Sie hatte ihren Hunger bisher vergessen, aber Davids Frage erinnerte sie schlagartig daran.

„Ihre Haushälterin könnte es übel nehmen, wenn wir sie so spät stören, um uns etwas zu essen zu machen“, wandte sie trotzdem ein.

David nickte. „Sie würde ihr Missfallen noch deutlicher als sonst ausdrücken, und das will bei ihrer ständigen Tadelsucht etwas heißen. Nein, so leichtsinnig würde ich niemals sein. Ich wollte auf eigene Faust in die Küche gehen.“

„Haben Sie dort denn Zutritt?“

„Wir werden das Geheimnis für uns behalten. Worauf hätten Sie Appetit?“

„Praktisch auf alles. Ich habe seit heute Mittag nichts gegessen.“

David sprang auf. „Warum haben Sie das nicht früher gesagt?“

„Ich wollte nicht noch mehr Unruhe verursachen, als ich schon getan habe.“

„Sie verbreiten keine Unruhe, Melanie – Sie sind eine wohltuende Abwechslung, an die man sich gewöhnen könnte. Warten Sie hier auf mich. Irgendetwas Essbares werde ich schon finden.“

Melanie stand ebenfalls auf. „Ich komme lieber mit. Ich möchte Sie nicht kränken, aber irgendwie kommt es mir so vor, als würden Sie den Kühlschrank nicht finden.“

„Ein voreiliges Urteil, Melanie. Soviel ich weiß, handelt es sich dabei um den viereckigen weißen Kasten, in dem Wein gekühlt wird.“

„Fabelhaft! Würden Sie auch den Brotkasten erkennen? Mir ist nämlich nach etwas Herzhaftem zumute.“

David führte Melanie über mehrere Treppen und durch verschiedene Korridore in die Küche, die einen beinahe futuristischen Eindruck machte. Sie erinnerte Melanie an einen Operationsraum. Alles war weiß – die Wände, der Fußboden und die geometrisch genau aufgestellten Schränke. Nirgendwo gab es einen Farbfleck, nicht einmal einen Korb mit Obst oder eine bunte Teebüchse. Melanie hätte in dieser sterilen Umgebung nicht arbeiten können, aber alles passte zu der Beschreibung, die David von Mrs. Crossiter gegeben hatte.

„Mal sehen, was wir hier haben.“ David öffnete den Kühlschrank. „Ein Stück Schinken, kaltes Hühnchen und den Rest einer Apfeltorte. Wie klingt das?“

„Himmlisch. Wissen Sie, wo Teller und Besteck aufbewahrt werden?“

„Sehen Sie in den Schränken nach, bis Sie finden, was wir brauchen.“

Die Teller waren so ordentlich übereinandergestapelt, als wäre ein Maßband angelegt worden, und das Besteck lag aufgereiht in mehreren Schubladen.

„Ich wage kaum, etwas anzufassen“, scherzte Melanie. „Mrs. Crossiter merkt bestimmt, dass eine fremde Hand am Werk war.“

David hatte inzwischen ein kleines kaltes Büfett auf dem weißen Küchentisch arrangiert. „Dann braucht sie sich wenigstens nicht nur über die Zwillinge zu beschweren.“

Mochte Mrs. Crossiter auch ein Drachen sein, sie verstand etwas vom Kochen. Der zarte, saftige Schinken war hauchdünn mit Honig glasiert, und die Apfeltorte zerging auf der Zunge. David sah amüsiert zu, wie Melanie ihren Teller leerte.

„Wie schaffen Sie es, so schlank zu bleiben?“, neckte er sie.

„Indem ich mit Appetit esse“, antwortete Melanie. „Jemand hat festgestellt, dass die meisten Männer sich in Frauen verlieben, die wie Vögelchen essen. Wahrscheinlich bin ich darum noch unverheiratet.“

„Es muss noch eine andere Erklärung geben.“ David betrachtete Melanie mit deutlicher Bewunderung. „Haben Sie sich noch nie in einen Mann verliebt?“

Melanie lachte. „Oh, schon viele Male.“

„Aber der Richtige war nicht dabei?“

„Es war immer der Richtige. Darum weiß ich, dass man irgendwann darüber hinwegkommt.“

David blieb ernst. „Ich bedauere die Männer, die sich in Sie verlieben.“

„Gerade Sie dürften das nicht sagen. Sicher hat es viele Frauen in Ihrem Leben gegeben, aber Sie sind immer noch ledig.“

„Weil die Frau, die ich mir für den Rest meines Lebens wünsche, bisher auf sich warten lässt. Dabei halte ich ständig Ausschau nach ihr, während Sie offenbar jede Bindung vermeiden.“

„Das stimmt nicht.“ Melanie war ebenfalls ernst geworden. „Ich hoffe immer noch, den einen Mann zu finden, aber gleichzeitig frage ich mich, ob es ihn überhaupt gibt.“

„Wie muss der vollkommene Mann denn beschaffen sein?“

„Ich suche keine Vollkommenheit. Sie würde mich bedrücken, denn ich bin selbst nicht vollkommen.“

„Dann sind Ihre Fehler sehr verborgen.“ Davids Blick wanderte von Melanies Gesicht zu ihren Brüsten, die sich deutlich unter dem engen Pullover abzeichneten. Prickelnde Wärme stieg in ihr auf, und das ärgerte sie.

„Wir sprachen über die Eigenschaften, die eine echte Partnerschaft ermöglichen“, sagte sie irritiert. „Ich würde Kameradschaft und Sinn für Humor dazu zählen.“

„Beides mag wichtig sein, genügt aber nicht, wenn der Zauber fehlt, der zwei Menschen schicksalhaft aneinander bindet.“

„Sie meinen Sex, nicht wahr? Männer meinen immer Sex, wenn sie über Liebe sprechen. Sie können für viele Frauen dasselbe empfinden, während ich einen Mann suche, der mit mir allein zufrieden ist.“

„Wer das nicht wäre, müsste verrückt sein.“

Davids Gesichtsausdruck und seine Stimme hatten sich verändert. Er deutete Dinge an, die Melanies Herz schneller klopfen ließen. Sicher war er ein wunderbarer Liebhaber – schon aufgrund jahrelanger Erfahrung. Wie viele Frauen mochten sich lustvoll in seine Arme geschmiegt haben? Zu viele, das stand für Melanie fest. Sie verspürte wenig Lust, sich in die Warteschlange einzureihen.

„Sie schmeicheln mir“, erklärte sie leichthin.

„Ich bin ehrlich“, verbesserte David. „Es müssen Ihnen schon andere Männer gesagt haben, wie begehrenswert Sie sind.“

„Komplimente hört man immer gern.“ Melanie stand so plötzlich auf, dass ihr Stuhl nach hinten kippte und laut zu Boden fiel. „Oje, wie ungeschickt von mir!“ Sie begann die Teller zusammenzustellen. „Ich werde noch schnell abwaschen, damit Mrs. Crossiter nicht merkt, dass wir in ihr Reich eingedrungen sind.“

Doch es war schon zu spät. Eine ältere Frau in einem unförmigen Bademantel stand plötzlich in der offenen Küchentür. Sie trug Lockenwickler im grauen Haar und hielt einen Feuerhaken in der Hand.

„Oh, Sie sind es, Sir.“ Ein unfreundlicher Blick streifte den Viscount of Castlebury und seine Besucherin. „Ich hörte ein Geräusch und dachte, es wären Einbrecher.“

„Es tut mir leid, dass wir Sie gestört haben, Mrs. Crossiter“, entschuldigte sich David. „Mrs. Warren kam unerwartet vorbei, und wir wollten noch etwas essen.“

„Das erklärt alles.“ Mrs. Crossiters Gesicht verdüsterte sich noch mehr, als sie die schmutzigen Teller und die Unordnung auf dem Tisch bemerkte.

„Ich wollte gerade abwaschen.“ Melanie wusste, dass es dumm war, aber sie fühlte sich wie eine ertappte Schülerin.

„Das ist nicht nötig, Miss.“ Die Haushälterin presste ihre Lippen so fest zusammen, dass sie eine gerade Linie bildeten. „Ich bin für die Küche verantwortlich, obwohl sich seit dem Tod des alten Herrn vieles verändert hat.“ Die letzten Worte wurden nur halblaut gesprochen.

David hatte sichtlich Mühe, sich zu beherrschen. „Es ist spät, Mrs. Crossiter. Warum räumen Sie nicht morgen früh auf? Übrigens bleibt Miss Warren über Nacht.“

„Ich verstehe.“ Mrs. Crossiter brauchte nur zwei Worte, um Melanies harmlosen Besuch als Orgie erscheinen zu lassen.

Davids Blick wurde eisig. „Sie schläft im Zimmer der Erzieherin. Miss Morton hat angerufen. Sie kommt erst morgen früh.“

„Rechnen Sie nicht damit, dass sie lange bleibt. Ariella und Ashley sind kleine Ungeheuer.“

„Sie sind normale, gut entwickelte Kinder, Mrs. Crossiter!“, fuhr David auf.

„Erzählen Sie das Mr. Thompson. Er war heute wieder da, um sich zu beschweren. Die Kinder haben sich heimlich in seinen Stall geschlichen und sind mit den Pferden davongaloppiert.“

„Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt, Mrs. Crossiter?“, fragte David ungehalten. „Den beiden hätte etwas zustoßen können.“

„Wenn Sie mich fragen, Sir – einige kräftige Hiebe könnten ihnen nichts schaden.“ Mrs. Crossiter erkannte an Davids Gesicht, dass sie zu weit gegangen war. „Nicht, dass ich so etwas vorschlagen würde“, fuhr sie schnell fort. „Es ist nur an der Zeit, dass sich jemand um sie kümmert.“

„Die Erziehung der Kinder liegt in meiner Hand, Mrs. Crossiter. Ich bestrafe sie, wann und wie es mir richtig erscheint. Ist das klar?“ David wartete keine Antwort ab, sondern wandte sich an Melanie. „Ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer.“

Melanie folgte ihm schweigend. Sein Zorn war noch so groß, dass jedes Wort falsch gewesen wäre. Der Viscount mochte im Privatleben ein Playboy sein, das Wohlergehen seiner Nichte und seines Neffen lag ihm sehr am Herzen.

Auf dem ersten Treppenabsatz blieb David stehen. „Ich bedauere aufrichtig, dass Sie in meine häuslichen Streitigkeiten hineingezogen werden.“

„Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen“, wehrte Melanie ab. „Schließlich war ich der Anlass für die letzte Auseinandersetzung.“

„Nur indirekt. Mrs. Crossiter hackt ständig auf den Zwillingen herum, obwohl ich mir große Mühe mit ihnen gebe. Diesmal sind sie allerdings zu weit gegangen und müssen bestraft werden. Sie wissen, dass sie nicht allein ausreiten dürfen.“

„Handelt es sich nicht eher um einen harmlosen Streich?“

David lächelte grimmig. „Sie sind sehr nachsichtig, Melanie. Anscheinend haben Sie Kinder gern.“

„Ich hatte bisher nicht mit Kindern zu tun, aber ich finde, dass man sie wie normale Menschen behandeln sollte.“

„Auch Erwachsene müssen gelegentlich zurechtgewiesen werden.“

„Ich würde sie ja auch nicht ungeschoren davonkommen lassen. Kinder müssen begreifen, wo ernsthafte Gefahren liegen. Allerdings ist es genauso wichtig, die Gründe für ihren plötzlichen Ungehorsam aufzudecken. Vielleicht wollen sie nur herausfinden, wie weit die Geduld ihres Onkels reicht.“

„Ehrlich gesagt, bin ich mit meiner Geduld ziemlich am Ende.“ David seufzte schwer. „Um ein Haar hätte ich Mrs. Crossiter eben aus dem Haus geworfen.“

Melanie lächelte. „Sie verdient sicher nicht den Titel einer Miss Sanftmut, aber jetzt ist nicht der richtige Moment, ihr zu kündigen. Sie haben schon eine Erzieherin verloren, David. Wie wollen Sie ohne Haushälterin auskommen?“

„Sie möchten sich nicht zufällig um die Stelle bewerben?“

Melanie knickste zierlich. „Nein danke, Sir. Ich kann so schlecht Fenster putzen.“

Als sie den oberen Treppenabsatz erreicht hatten und in einen langen Korridor einbogen, sagte David: „Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, welchen Beruf Sie ausüben.“

„Keinen besonders aufregenden. Er würde Sie nicht interessieren.“

David runzelte die Stirn. „Warum halten Sie mich eigentlich für so oberflächlich?“

„Das tue ich nicht. Warum sollten Sie arbeiten, wenn Sie kein Geld verdienen müssen?“

„Aha.“ David blieb stehen. „Was hat Sie auf die Idee gebracht, dass ich nicht arbeite?“

„Nun …“ Melanie wurde unsicher. „Ich habe es einfach angenommen.“

„Fälschlicherweise, wie ich Ihnen versichere. Ich führe in London ein ausgefülltes Berufsleben, das ich nur um der Kinder willen unterbrochen habe.“

„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Melanie. „Ich war voreilig. Was arbeiten Sie?“

„Ich …“ David neigte lauschend den Kopf. „Kam das Geräusch nicht aus dem Zimmer der Kinder? Nein, ich muss mich getäuscht haben. Sie schlafen ja schon seit Stunden.“

Sie betraten ein Zimmer, das fast am Ende des Korridors lag. Es war freundlich eingerichtet, mit einem Doppelbett, einem Schreibtisch und einer Leseecke. Eine Tür führte in das separate Badezimmer.

„Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl“, meinte David. „Wenn etwas fehlt, brauchen Sie es nur zu sagen.“

„Ich weiß beim besten Willen nicht, was fehlen sollte.“ Das Zimmer und Davids Nähe machten Melanie plötzlich befangen. „Außerdem werde ich morgen wahrscheinlich früh aufbrechen.“

David gab sich gekränkt. „Das ist nicht gerade schmeichelhaft für mich, aber ich kann es Ihnen nicht verdenken. Schließlich mussten Sie sich den ganzen Abend fremde Sorgen anhören.“

„Es war ein interessantes Gespräch, und Sie waren überaus gastfreundlich“, versicherte Melanie.

„Dann überlasse ich Sie jetzt der wohlverdienten Ruhe. Schlafen Sie gut, Melanie. Wir sehen uns morgen früh.“

Melanie stellte erleichtert fest, dass man ihr Gepäck inzwischen heraufgebracht hatte. Sie nahm das Nachthemd aus dem Koffer und wünschte, sie hätte etwas Wärmeres eingepackt. Das kurze blaue Chiffonhemd war ihr praktisch erschienen, weil es nichts wog und keinen Platz wegnahm, aber sie hatte vergessen, dass die Engländer ihre Häuser nicht so gut heizten wie die Amerikaner.

Während sie sich im Badezimmer fertig machte, dachte sie an David. Alles an ihm war widersprüchlich. Er lebte als anziehender Playboy zurückgezogen auf dem Land, um zwei mutwillige Kinder zu beaufsichtigen. Konnte es eine eigenartigere Situation geben?

Welche Arbeit er wohl aufgegeben hatte, um nach Castlebury Manor zu kommen? Bestimmt eine faszinierende – so faszinierend wie er selbst. Ob seine vergnügungssüchtige Natur über die häuslichen Verpflichtungen triumphieren würde? Vielleicht dauerte es nur einige Wochen, bis er der Sorgen um die Kinder überdrüssig wurde und zu seinem alten Lebensstil zurückkehrte. Schade, sie würde es nie herausfinden. Dabei hatte kein anderer Mann sie jemals so spontan und nachhaltig gefesselt.

Melanie ging wieder ins Schlafzimmer und schlug die Bettdecke zurück. Im selben Moment sprang etwas mit einem krächzenden Laut auf sie zu. Sie schrie auf und taumelte zurück. Ein riesiger Ochsenfrosch hatte unter der Decke gesessen und landete mit einem gewaltigen Sprung auf dem Boden. In ihrem Schreck stolperte Melanie über den Koffer, der neben dem Bett stand, und fiel der Länge nach hin. Darauf änderte der Frosch die Richtung und verschwand mit einem Satz durch das offene Fenster.

Der weiche Teppich hatte Melanies Sturz gemildert, aber im ersten Moment konnte sie sich nicht rühren. Litt sie vielleicht unter Einbildungen? Sie glaubte unterdrücktes Kichern zu hören, und im nächsten Moment flog die Tür auf. David erschien auf der Schwelle, nackt bis auf eine schwarzseidene Pyjamahose, die tief auf seinen Hüften saß.

Sogar in ihrer Verwirrung konnte Melanie nicht übersehen, wie vollkommen David gebaut war. Kräftige Schultern, breite Brust, flacher Bauch und schmale Hüften – er glich einem antiken Athleten auf dem Höhepunkt seiner körperlichen Entwicklung.

„Um Himmels willen, was ist geschehen?“, rief er.

„Ich bin über meinen Koffer gestolpert.“ Melanie wollte sich aufrichten, aber David kniete schon neben ihr und legte einen Arm um ihre Schultern.

„Sind Sie verletzt?“, fragte er besorgt. „Soll ich einen Arzt rufen?“

„Nein danke, das ist nicht nötig. Ich habe mich nur blamiert.“

Melanie hatte beschlossen, David nichts von dem Frosch zu sagen. Wahrscheinlich hatten die Kinder ihn für die neue Erzieherin im Bett versteckt. Ein verzeihlicher Streich, aber der Moment war schlecht gewählt. David konnte leicht die Beherrschung verlieren und etwas tun, das er später bereute.

„Lassen Sie mich sehen.“ Er nahm Melanie in die Arme und betastete vorsichtig ihren Hinterkopf. Das hauchdünne Chiffonnachthemd stellte keinen nennenswerten Schutz dar, und Melanie spürte, wie Davids Brust gegen ihre Brüste drückte. Sie atmete den frischen Duft der Lavendelseife ein, die er beim Duschen benutzt hatte, und fühlte die Wärme seiner Haut. Die Situation konnte jeden Moment umschlagen, und Melanie verstand selbst nicht, warum sie sich nicht dagegen wehrte.

David beendete die Untersuchung. „Ich kann keine Beule finden. Sie haben Glück gehabt.“

„Ich … glaube auch.“

David bemerkte Melanies Benommenheit. Anstatt sie loszulassen, spielte er weiter mit ihrem seidenweichen Haar. Heißes Verlangen durchzuckte sie, angefacht durch den Schimmer in seinen blauen Augen und das Versprechen seines harten männlichen Körpers.

Für einen kurzen, rätselhaften Moment trieb es Melanie, sich an ihn zu schmiegen und die Erfüllung dieses Versprechens zu erwarten. Dann meldete sich ihr nüchterner Verstand. Was ging mit ihr vor? Dieser Mann war praktisch ein Fremder. Als sich seine Lippen langsam näherten, wand sie sich aus seinen Armen und sprang auf.

David hinderte sie nicht daran. Er stand ebenfalls auf und betrachtete sie mit deutlichem Verlangen. Melanies zartes Gesicht rötete sich, als ihr klar wurde, wie provozierend ihr Anblick sein musste. Das kurze Nachthemd endete weit über den Knien, und der hauchdünne Stoff ließ die Fülle ihrer Brüste ahnen. Sie verschränkte die Arme, um zu verbergen, wie verräterisch sich die Knospen spannten. Warum hatte sie vorhin nicht ihren Morgenmantel aus dem Koffer genommen?

David amüsierte sich über ihre Verlegenheit, versuchte aber, es nicht zu zeigen. „Es ist kühl“, sagte er. „Wollen Sie sich nicht hinlegen?“

„Nein, ich … Erst wenn Sie gegangen sind.“ Ob er den Wink verstanden hatte?

Zunächst erinnerte er sich, warum er gekommen war. „Sie haben geschrien. Was ist geschehen?“

„Mir war, als versuchte jemand durch das Fenster zu steigen, aber es war nur ein Ast, der sich bewegte. Ich bin sonst nicht so schreckhaft. Wahrscheinlich ist das Unwetter daran schuld.“

„Wahrscheinlich. Es ist heute eine besonders dunkle Nacht.“

Während David das Fenster schloss, schlüpfte Melanie entgegen ihrem Vorsatz unter die Bettdecke. Mochte es immerhin so aussehen, als wollte sie David ermutigen – alles war besser, als sich halbnackt seinen Blicken auszusetzen.

„Jetzt müssten Sie eigentlich ruhig schlafen.“ Er kam zurück und blieb neben dem Bett stehen. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Nein, vielen Dank.“ Melanie zog die Decke bis unter das Kinn.

„Würde Ihnen eine Tasse Schokolade beim Einschlafen helfen?“

„Ich schlafe meist sehr schnell ein.“ Melanie tat, als müsste sie gähnen. „Vor allem nach einem so langen Tag.“

David lächelte. „Dann geht es Ihnen besser als mir. Ich habe das deutliche Gefühl, dass ich heute sehr lange wach liegen werde.“

Melanie starrte lange in die Dunkelheit, nachdem David gegangen war. Das Verlangen, das er erregt hatte, wirkte noch in ihr nach. Er war nicht der erste attraktive Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlte, aber wie hatte sie auch nur einen Augenblick erwägen können, mit ihm zu schlafen?

Ohne Zweifel wäre es ein erinnerungswürdiges Erlebnis gewesen. David war ein Meister der Liebeskunst, darin täuschte sie sich gewiss nicht. Sein Körper musste jede Frau in Ekstase versetzen, ja, die bloße Vorstellung seiner Berührung genügte, um sie von neuem mit quälendem Verlangen zu erfüllen.

Melanie drehte sich auf die andere Seite und drückte ihr glühendes Gesicht in das Kissen.

3. KAPITEL

Es fiel Melanie schwer, David am nächsten Morgen unbefangen zu begegnen, aber er tat, als wäre nichts Besonderes geschehen. Im Grunde war ja auch nichts geschehen, und Melanies Verlegenheit entsprang allein ihrer Einbildungskraft.

Sie war bereits angezogen und abreisefertig, als David an ihre Tür klopfte. „Ich hätte Sie nicht gestört“, entschuldigte er sich, „aber ich hörte Sie hin und her gehen.“

„Ich war schon immer eine Frühaufsteherin.“ Melanie vermied es, David anzusehen. Sogar in der grauen Hose und dem grob gestrickten weißen Pullover sah er verführerisch aus. Beides betonte seine aggressive Männlichkeit.

„Wollen Sie uns etwa ohne Frühstück verlassen?“

„Ich kann unterwegs anhalten.“

David schüttelte entschieden den Kopf. „Das lasse ich nicht zu. Ich würde mich als Gastgeber blamieren, und Sie würden die Zwillinge nicht kennenlernen.“

Das gab den Ausschlag. Einmal war es angenehmer, vor der Weiterfahrt zu frühstücken, und zum anderen wollte Melanie tatsächlich die beiden Schlingel kennenlernen, denen sie das schockierende Erlebnis des vergangenen Abends verdankte.

Die Schlingel sahen eher wie Engel aus. Mochten sie sein, wie sie wollten, sie waren unbestreitbar hübsche Kinder. Beide hatten blaue Augen und dunkles Haar wie ihr Onkel, Ariella trug ihrs zu einem langen Pferdeschwanz gebunden. Sie saßen bereits am Tisch und flüsterten aufgeregt, als David und Melanie ins Esszimmer kamen. Das schlechte Gewissen war ihnen ins Gesicht geschrieben – nicht wegen des verbotenen Reitabenteuers, wie Melanie sehr wohl wusste.

„Es freut mich, euch kennenzulernen“, sagte sie, nachdem David sie vorgestellt hatte. „Euer Onkel hat mir viel von euch erzählt.“

„Melanie kommt aus Amerika“, fuhr David fort, als die Kinder schwiegen.

„Bleiben Sie hier?“, fragte Ariella nach einer weiteren Pause.

„Nein“, antwortete Melanie. „Ich reise nach dem Frühstück ab.“

Als sich die Kinder erschrocken ansahen, meinte David: „Sie ist nicht die neue Erzieherin. Miss Morton wurde aufgehalten. Sie kommt heute Vormittag.“

„Euer Onkel hofft, dass sie bleibt“, fügte Melanie scheinbar harmlos hinzu. „Sicher möchtet ihr ihn nicht enttäuschen.“

David machte ein verständnisloses Gesicht, aber ehe er etwas sagen konnte, rollte eine Hausangestellte den Frühstückswagen herein. Sie war jung und fröhlich, das genaue Gegenteil von Mrs. Crossiter.

„Guten Morgen, Julia“, begrüßte David sie.

„Guten Morgen, Sir.“ Julia stellte Platten mit Rührei und Schinken auf den Tisch. „War das nicht ein schreckliches Unwetter heute Nacht? Einige Straßen sollen unpassierbar sein.“

„Hatten Sie Mühe herzukommen?“

„Nein, Sir. Clara und ich sind rechtzeitig aufgebrochen, aber die Schäden liegen in der anderen Richtung.“

„Julia und Clara kommen täglich ins Haus“, erklärte David, als das Mädchen gegangen war. „Sie wohnen bei ihren Familien im Dorf.“

„Sie müssen viele Angestellte beschäftigen.“ Melanie war ans Fenster getreten und betrachtete die sanft gewellten Rasenflächen, die sich bis in die Ferne erstreckten. „Allein für den Park ist ein Heer von Gärtnern nötig.“

„Ich will den Unterschied zu meinem Londoner Haus nicht leugnen“, gab David zu. „Soll ich Sie nach dem Frühstück herumführen?“

„Dazu reicht meine Zeit nicht.“ Melanie lachte. „Sie wissen ja, wie schlecht mein Ortssinn ist. Ich muss immer damit rechnen, mich zu verirren.“

„Nur eine halbe Stunde“, bat David. „Dafür zeichne ich Ihnen eine Karte, die jedes Kind lesen kann.“

„Nun …“ Melanie wusste selbst nicht, warum ihr die Abreise so schwerfiel.

„Wir haben einen hübschen kleinen Teich mit Wasserlilien und Ochsenfröschen“, versuchte David sie weiter zu überreden. „Allerdings sind die Frösche wohl keine große Verlockung.“

„Ich höre sie nachts gern quaken, solange sie mir nicht zu nah kommen.“ Melanie sah die Kinder an, die auffällig still waren.

Gleich darauf kam Julia zurück. „Mr. Thompson möchte Sie sprechen, Sir“, meldete sie. „Soll ich ihn bitten, nach dem Frühstück noch einmal wiederzukommen?“

„Nein, ich spreche gleich mit ihm.“ David warf den Zwillingen einen strengen Blick zu. „Kommt nicht etwa auf die Idee zu verschwinden. Ihr seid anschließend dran.“

Ariella und Ashley machten so unglückliche Gesichter, dass Melanie sie während Davids Abwesenheit zu trösten versuchte. „Ich weiß, ihr macht eine schwere Zeit durch“, sagte sie, „aber euer Onkel hat es auch nicht leicht. Er möchte nur euer Bestes, darum solltet ihr ihm auf halbem Weg entgegenkommen.“

In beiden Gesichtern rührte sich nichts. „Werden Sie ihm von gestern Abend erzählen?“, fragte Ariella schließlich.

„Da nichts passiert ist, hätte das wenig Sinn.“ Melanie lächelte. „Trotzdem solltet ihr den Streich bei Miss Morton nicht wiederholen. Euer Ruf ist seit dem unerlaubten Reitausflug ziemlich schlecht.“

„Den Pferden ist nichts geschehen“, murmelte Ashley.

„Aber euch hätte etwas geschehen können. Darum sorgt sich euer Onkel.“

„Wir haben schon mit fünf Jahren reiten gelernt.“

„Dann seid ihr sicher beide gute Reiter, aber ihr könnt nicht einfach fremde Pferde nehmen, ohne vorher zu fragen. Würde es euch gefallen, wenn jemand euch etwas wegnähme?“

„Die Pferde brauchen Auslauf“, beharrte Ashley. „Mr. Thompson sperrt sie den ganzen Tag in den Stall.“

„Und das ist nicht gut für sie“, fiel Ariella ein. „Sie müssen sich bewegen, sonst werden sie krank. Mr. Thompson kümmert sich überhaupt nicht um sie. Wir sind die Einzigen, die sie besuchen und ihnen Zucker und Äpfel bringen.“

Also waren die Kinder in guter Absicht ungehorsam gewesen. „Vielleicht kann euer Onkel Mr. Thompson überreden, euch die Pferde in Begleitung eines Erwachsenen reiten zu lassen“, schlug Melanie vor. „Gibt es hier einen Stall?“

„Dicht am Teich“, antwortete Ariella, „aber er ist halb verfallen. Grandpa hielt nichts von Pferden. Daddy wollte uns zwei zu Weihnachten schenken, aber …“ Ariella zuckte die Achseln und schwieg.

Es rührte Melanie, wie tapfer die Kinder waren. „Weihnachten liegt erst wenige Monate zurück“, versuchte sie ihnen Mut zu machen. „Vielleicht bekommt ihr die Pferde in diesem Sommer.“

Die Geschwister sahen sich traurig an, und Melanie ahnte, was sie dachten. Ohne ihre Eltern hatte der Sommer nichts Verlockendes für sie. Ehe ihr ein tröstendes Wort einfiel, kam David zurück.

„Mr. Thompson hat mir gerade mitgeteilt, dass die Straße nach Chistwick nach dem Unwetter gesperrt ist“, verkündete er. „Diese Straße hätten Sie nach Burford Castle nehmen müssen.“

„Oh nein“, stöhnte Melanie. „Offenbar liegt der Nordpol günstiger für mich als Burford Castle. Kann ich keine andere Straße benutzen?“

„Das würde einen Umweg von über dreißig Meilen bedeuten. Da könnten Sie ebenso gut nach London zurückfahren und Ihre Reise von vorn beginnen.“

„Ich wollte ja etwas von der englischen Landschaft sehen“, erklärte Melanie grimmig, „aber damit meinte ich nicht die Autobahnen in der Umgebung von London.“

„Warum bleiben Sie nicht hier, bis die Straße wieder frei ist?“, fragte David. „Burford Castle läuft Ihnen nicht weg. Wohin sollte es von dort aus gehen?“

„Irgendwohin, wo es schön ist. Ich habe mir einige Orte aufgeschrieben, die einen Besuch lohnen sollen.“

„Hier bei uns gibt es genauso viel zu sehen. Es wimmelt nur so von römischen Ruinen und alten Schlössern, in denen es spukt.“

„In Bath gibt es ein tolles Spielzeugmuseum“, ergänzte Ashley. „Ariella und ich könnten es Ihnen zeigen.“

Melanie war überrascht und gerührt. Wenn die Zwillinge wirklich so verschlossen waren, wie ihr Onkel behauptete, bedeutete dies ein großes Kompliment.

„Wenn es euch nichts ausmacht, eine ausländische Touristin im Schlepptau zu haben, komme ich gern mit“, erklärte sie. „Museumsbesuche machen nur in Begleitung Spaß.“

„Dann ist ja alles geregelt“, stellte David zufrieden fest. „Ich werde Mrs. Crossiter bitten, ein anderes Zimmer für Sie herzurichten.“

Er wollte gehen, aber Melanie hielt ihn zurück. „Könnte ich Sie vorher einen Moment sprechen?“, fragte sie. „Allein?“

David zögerte, ehe er Ariella und Ashley hinausschickte. „Nun?“, fragte er dann.

„Ich wollte Ihnen etwas sagen, ehe Sie die Kinder wegen der Pferde zur Rede stellen“, erklärte Melanie. „Sie haben sie in guter Absicht aus dem Stall geholt. Mr. Thompson sperrt sie den ganzen Tag ein, sodass sie nicht genügend Auslauf haben. Ich weiß, die beiden hätten vorher fragen müssen“, setzte sie hastig hinzu, als David die Stirn runzelte. „Aber sie wollten nichts Böses tun.“

„Woher wissen Sie das?“

„Die beiden haben es mir erzählt.“

David sah Melanie erstaunt an. „Sie müssen eine Zauberin sein. Ich bemühe mich vergeblich, ein Vertrauensverhältnis zu ihnen herzustellen, und Sie bringen sie in fünf Minuten dazu, Ihnen ihr Herz auszuschütten. Wie ist das möglich?“

Melanie lächelte geheimnisvoll. „Vielleicht treffe ich den richtigen Ton.“

„Aber wie? Sie haben die Kinder gerade erst kennengelernt.“

„Man muss wissen, was man nicht sagen darf.“ Melanie dachte an das Geheimnis, das sie mit den Geschwistern teilte. „Seien Sie nicht zu streng mit den beiden. Darf ich Ihnen einen Rat geben?“

„Heraus damit.“

„Eine bessere Gelegenheit, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, kann es nicht geben. Mr. Thompson kümmert sich offenbar zu wenig um seine Pferde, und die Kinder lieben sie. Ihr Vater hatte ihnen zu Weihnachten zwei eigene Pferde versprochen.“

„Das haben sie mir ebenfalls verschwiegen.“

„Die Kinder fürchten sich vor dem langen Sommer ohne ihre Eltern“, fuhr Melanie beherzt fort. „Sie brauchen etwas, das sie von ihrem Kummer ablenkt. Warum kaufen Sie Mr. Thompson seine Pferde nicht ab und schenken sie Ariella und Ashley?“

„Wie sollen zwei neunjährige Kinder die Pferde versorgen?“

„Die schweren Arbeiten könnten sie natürlich nicht tun, aber sie sind alt genug, um Wassereimer zu füllen, Heu in die Krippe zu schütten und beim Wechseln des Strohs zu helfen. Sie hätten eine Aufgabe und würden wieder Interesse am Leben gewinnen.“

David sah Melanie mit wachsendem Erstaunen an. „Vielleicht haben Sie recht. Ich könnte den alten Stall reparieren lassen, und wir könnten alle zusammen ausreiten.“

„Möglicherweise würde das einen Teil Ihrer Probleme lösen.“

„Ganz bestimmt sogar.“ David ergriff Melanies Hände und drückte sie begeistert. „Sie vollbringen Wunder, Melanie. Können Sie nicht für immer hierbleiben?“

Melanie lachte, um die Wirkung zu verbergen, die seine Berührung hatte. „Warten Sie erst, ob mein Plan gelingt.“

„Er wird gelingen, das spüre ich. Würden Sie mich für einen Moment entschuldigen? Ich will die beiden nicht länger zappeln lassen.“

Die Kinder strahlten vor Erleichterung und Freude, als sie nach wenigen Minuten mit ihrem Onkel zurückkamen.

„Onkel David will Mr. Thompsons Pferde für uns kaufen“, berichtete Ariella aufgeregt, und Ashley ergänzte: „Dann gehören sie nur noch uns.“

„Aber ihr dürft sie nur reiten, wenn ein Erwachsener dabei ist“, erinnerte David sie.

„Das versprechen wir!“, erklang es im Chor.

„Und jetzt wollen wir endlich frühstücken. Danach gehe ich zu Mr. Thompson und bespreche alles mit ihm. Wollt ihr Melanie inzwischen Bath zeigen?“

Melanie erkannte an den Gesichtern der Kinder, dass sie am liebsten gleich zu den Pferden gelaufen wären. „Wenn man etwas unternimmt, fällt das Warten nicht so schwer“, erklärte sie fröhlich, und weder Ariella noch Ashley wagten zu widersprechen.

Während der Autofahrt nach Bath lernte Melanie die Zwillinge besser kennen. Davids milde Ermahnung und sein Versprechen, Mr. Thompsons Pferde zu kaufen, hatten sie aus ihrer Reserve gelockt. Sie beteuerten immer wieder, wie sehr sie sich freuten und wie gut sie für die Tiere sorgen würden. Melanie hatte nie daran gezweifelt, dass es einen Grund für ihr zeitweiliges Verschwinden gab, und sie beschloss, noch weitere Nachforschungen anzustellen.

„Ich fürchte, euer Onkel und ich haben Mrs. Crossiter gestern Abend erzürnt“, erzählte sie. „Wir holten uns kurz vor Mitternacht etwas zu essen und wurden dabei von ihr erwischt.“

Ashley verzog das Gesicht. „Wir dürfen nie in die Küche. Als Mummy noch lebte, haben wir Pfefferkuchenmänner gebacken, aber nur, wenn Mrs. Crossiter freihatte.“

„Sie gibt uns auch nie Kekse“, fügte Ariella traurig hinzu. „Einmal haben wir heimlich welche genommen. Da sagte sie es Onkel David, und wir wurden ausgescholten.“

Melanie begann zu verstehen, warum sich das Verhältnis zwischen den Zwillingen und ihrem Onkel so verschlechtert hatte: Sie hielten ihn für einen Bundesgenossen der bärbeißigen Haushälterin. Nun, dieser Irrtum konnte rasch beseitigt werden.

„Manchmal muss euer Onkel etwas tun, um Mrs. Crossiter zu besänftigen“, erklärte sie. „Das bedeutet aber nicht, dass er einer Meinung mit ihr ist.“

Die Kinder akzeptierten das schweigend, und wenig später erreichten sie Bath. Der Besuch der römischen Bäder stieß auf wenig Gegenliebe, aber Melanie ließ sich nicht davon abbringen.

Sie gingen anschließend in das erstbeste Café, tranken Limonade und aßen Cremeschnitten dazu. „Hoffentlich bleibt euch noch Appetit zum Mittagessen“, meinte Melanie, „aber unser Programm ist ja noch nicht beendet. Was tun wir als Nächstes? Diesmal dürft ihr wählen.“ Ariella wollte ins Puppenmuseum, worüber ihr Bruder die Nase rümpfte. Er verschwand in der Abteilung für ausgestopfte Tiere und überließ die Puppen den Frauen.

Melanie begeisterte sich für die Puppenhäuser, die teilweise dreistöckigen Prunkvillen des frühen 19. Jahrhunderts nachgebaut waren. „Ich habe mir immer ein Puppenhaus gewünscht“, gestand sie.

„Sie können mit meinem spielen“, bot Ariella großzügig an. „Wollen wir eine Teegesellschaft geben?“

„Oh ja, das würde Spaß machen. Du könntest alle deine Freundinnen dazu einladen.“

„Ich habe keine Freundinnen.“

„Das glaube ich nicht!“

„Früher wohnten wir woanders, da hatte ich Freundinnen. Hier kennen Ashley und ich niemanden.“

„Das wird sich ändern, wenn ihr in die Schule kommt“, versprach Melanie.

Ariella schüttelte den Kopf. „Onkel David schickt uns in ein neues Internat. Das alte liegt zu weit weg.“

Melanie fühlte tiefes Mitleid mit den Kindern. Sie hatten alles verloren, was ihnen vertraut gewesen war, und nun drohte auch noch eine fremde Schule. Sogar einem Erwachsenen wäre diese Zukunft düster erschienen.

„Ihr werdet neue Freunde finden“, versuchte sie Ariella Mut zu machen.

„Wahrscheinlich.“ Die Antwort verriet wenig Hoffnung.

Der Nachmittag verging mit weiteren Besichtigungen, die bei der normannischen Kathedrale, deren Wiederaufbau angeblich dem Traum eines Bischofs zu verdanken war, endete.

„Ihr wart wunderbare Führer“, lobte Melanie die Kinder, als sie die Rückfahrt antraten. „Ich habe an einem Tag selten so viel erlebt.“

„Es gibt in der Umgebung noch viel mehr zu sehen“, meinte Ashley. „Dürfen wir Sie beim nächsten Mal wieder begleiten?“

„Gern, wenn euer Onkel es erlaubt. Ich weiß allerdings nicht, wie lange ich bleiben kann.“

„Sie sind doch erst gestern Abend angekommen.“

„Ja, aber dieser Besuch war eigentlich nicht geplant. Ich kannte euren Onkel gar nicht.“

„Er ist sehr nett“, beteuerte Ariella. „Und er freut sich bestimmt, wenn Sie bleiben. Er mag hübsche Frauen.“

„Das habe ich schon gemerkt“, antwortete Melanie trocken.

4. KAPITEL

Die Zwillinge schwärmten von dem aufregenden Tag und zeigten ihrem Onkel die Souvenirs, die Melanie ihnen gekauft hatte.

„Das hätten Sie nicht tun dürfen“, protestierte er. „Ihre Gesellschaft war schon ein Geschenk.“

„Das sagen Sie, weil Sie noch nicht wissen, was wir alles gegessen haben.“ Melanie lachte bei der Erinnerung. „Ich fürchte, für das Abendessen haben die beiden keinen Platz mehr.“

David nickte. „Ich habe sie früher selbst mit Süßigkeiten vollgestopft, wenn wir unterwegs waren. Trotzdem werde ich Sie aufwecken, wenn einem heute Nacht schlecht wird.“

„Uns wird niemals schlecht“, erklärte Ashley sorglos.

„Bis auf das eine Mal nach Susans Geburtstagsparty“, erinnerte Ariella ihn.

Jean Morton, die neue Erzieherin, war inzwischen eingetroffen. Sie war etwa Anfang Dreißig, also nur wenige Jahre älter als Melanie, aber weiter ging die Ähnlichkeit nicht. Sie war der blasse, unauffällige Typ, den man noch in der kleinsten Gesellschaft übersehen hätte, und ihr Wesen passte dazu. Sie begrüßte die Kinder freundlich, aber ohne Wärme, und die Kinder reagierten ähnlich kühl.

Melanie war enttäuscht. Sie hätte sich eine lebhaftere Frau gewünscht, die ein Herz für Kinder mitbrachte, aber vielleicht wurde das in England gar nicht erwartet.

„Ab nach oben und in die Badewanne“, befahl David. Er wartete, bis Jean mit den Kindern verschwunden war, und sagte dann zu Melanie: „Die beiden kommen mir heute beinahe heiter vor. Hoffentlich bleibt es so.“

„Ich bin überzeugt davon. Sie sind bezaubernde Kinder, ich hätte mir keine angenehmere Begleitung wünschen können.“

„Hoffentlich sagen Sie das bald auch von mir. Ich würde Sie gern zum Dinner einladen – der Gasthof im Dorf ist recht annehmbar.“

„Wollen Sie die Kinder schon am ersten Abend mit Miss Morton allein lassen?“

„Die drei sollen sich ruhig aneinander gewöhnen, und Sie haben eine Belohnung verdient. Womit ich nicht sagen will, dass ich diese Belohnung bin“, setzte David scheinheilig hinzu.

Melanie hätte die Frau sehen mögen, die sich nicht durch ihn belohnt gefühlt hätte. David war die Erfüllung aller weiblichen Träume. Er sah gut aus, war männlich attraktiv, hatte erstklassige Manieren und Sinn für Humor. Und er mag schöne Frauen, ergänzte sie die Tugendliste, um sich nicht noch weiter zu verlieren.

„Also?“, fragte er. „Wie stehen meine Chancen?“

„Ich bin eigentlich nicht hungrig“, wandte sie vorsichtig ein.

„Dann bestelle ich den Tisch für neun Uhr. Bis dahin haben Sie wieder Appetit.“ Ehe Melanie widersprechen konnte, fuhr er fort: „Ich habe Ihre Sachen in eins der Gästezimmer bringen lassen, während Sie fort waren. Das ist Ihnen doch recht?“

„Natürlich. Miss Morton muss in der Nähe der Kinder sein.“

„Sie wohnen jetzt im anderen Flügel des Hauses. Darf ich Sie hinführen?“

Das Zimmer war bedeutend größer und üppiger eingerichtet als das erste. Über dem mächtigen Himmelbett prangte ein blumenbestickter Baldachin, unter den kostbaren antiken Möbeln fielen vor allem eine damastbezogene Chaiselongue und ein zierlicher geschnitzter Sekretär auf.

„Fantastisch!“, rief Melanie begeistert.

„Ich hätte Sie schon gestern Abend hier einquartiert“, entschuldigte sich David, „aber das Bett war nicht bezogen. Sie können sich Mrs. Crossiters Reaktion vorstellen, wenn ich sie so spät noch darum gebeten hätte.“

Melanie lachte. „Eine weise Entscheidung.“

David ging zur Tür. „Bis später, Melanie. Rufen Sie mich, wenn Sie etwas brauchen. Mein Zimmer liegt direkt nebenan.“

Der Dorfgasthof war genau das, was Melanie vorgeschwebt und zu der Reise nach England verlockt hatte. Das knisternde Feuer in dem mit Feldsteinen ummauerten Kamin gab dem Essraum eine ländlich gemütliche Atmosphäre, die noch dadurch gewann, dass sich die meisten Gäste persönlich kannten. Einige nickten David zu, als er mit Melanie hereinkam, und eine ältere Frau, die bei einer größeren Gruppe saß, winkte ihn sogar an ihren Tisch.

„Das ist Lady Tyndall, eine meiner Nachbarinnen“, sagte David zu Melanie. „Wir müssen hinübergehen und Guten Tag sagen. Sylvia ist eine gute Freundin, aber nur, solange es nach ihrem Willen geht.“

Lady Tyndall war eine stattliche Frau und erfrischend natürlich. Sie mochte etwa Mitte fünfzig sein und fing an, grau zu werden, ohne das zu kaschieren. Auch ihrem Gesicht, dem die fast faltenlose Haut zugute kam, schenkte sie offenbar wenig Aufmerksamkeit. Außer einer Spur von Lippenstift waren keine kosmetischen Bemühungen wahrzunehmen.

Nach der Vorstellung fragte Lady Tyndall: „Wie geht es den prächtigen Zwillingen, und wann besuchen sie mich endlich einmal?“

„Bald“, versprach David. „Ich hatte in letzter Zeit viel zu tun.“

„Aha.“ Lady Tyndall streifte Melanie mit einem ungenierten Blick. „Ich muss sagen, Ihr Geschmack ist immer noch untrüglich.“

„Sie dürfen meiner Frau nicht böse sein“, entschuldigte sich Lord Tyndall bei Melanie. „Sie hat sich entschlossen, zu den Exzentrikern zu gehören, für die dieses Land berühmt ist.“

Melanie lächelte. „Warum sollte ich böse sein? Ihre Frau hat mir ein Kompliment gemacht, obwohl sie die Situation offenbar falsch einschätzt.“

„Wir wollen nicht länger stören“, fiel David ein, bevor sich Lady Tyndall weiter über das Thema verbreiten konnte. „Ich melde mich in den nächsten Tagen.“

„Es tut mir leid“, fuhr er fort, als sie an ihrem eigenen Tisch saßen und die Bestellung aufgegeben hatten. „Sylvia meint es gut. Sie war für mich und die Zwillinge nach dem Unfall eine große Hilfe.“

„Sie hat mich nicht gekränkt“, antwortete Melanie leichthin, „aber Sie sollten Mylady reinen Wein einschenken, ehe Ihre wahren Freundinnen etwas erfahren.“

„Von denen es Ihrer Meinung nach Hunderte gibt, nicht wahr?“

„Sie sind zweifellos ein begehrter Junggeselle. Ich wette, dass mehr als eine Frau davon träumt, Sie zum Altar zu führen.“

David verzog den Mund. „Wer will einen Mann mit zwei Kindern?“

„Keine Frau würde sich an Ariella und Ashley stören“, versicherte Melanie aufrichtig.

„Die beiden sind wirklich zu beneiden. Sie haben größeren Eindruck auf Sie gemacht als ich.“

Melanie begann zu lachen. „Ich will mich ja auch nicht als zukünftige Viscountess bewerben!“

„Ah, dann sind Sie eine Gegnerin der Ehe?“

„Durchaus nicht, aber zurzeit gefällt mir mein Leben, wie es ist.“

„Und wie ist es?“, fragte David. „Sie haben mir noch immer nicht Ihren Beruf verraten.“

„Ich bin Rechnungsprüferin und arbeite für eine Agentur in Los Angeles.“

„Sie beeindrucken mich, Melanie. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht mal ihr Scheckbuch kontrollieren können.“

„Dafür haben Sie bestimmt andere Talente.“

„So sagt man“, murmelte David. „Sind Sie an einem Beweis interessiert, wenn wir nach Hause kommen?“

Melanie schüttelte den Kopf. „Ihr Wort genügt mir, Mr. Crandall.“

David sah sie ernst an. „Sie halten mich also für einen notorischen Schürzenjäger, der im Leben nur sein Vergnügen sucht. Was hat Sie auf diese Idee gebracht?“

„Gar nichts“, verteidigte sich Melanie. „Ich bewundere Ihren Einsatz für die Zwillinge und würde gern mit Ihnen über sie sprechen.“

„Später, Melanie, im Moment geht es um uns. Warum haben Sie sich ein so negatives Bild von mir gemacht? Abgesehen von dem kleinen Zwischenfall gestern Abend – der, wie Sie zugeben werden, von keinem beabsichtigt war – habe ich versucht, ein perfekter Gentleman zu sein.“

Melanie errötete und senkte den Blick. Sie hatte Angst, von ihrer Fantasie betrogen zu werden und David wieder so vor sich zu sehen, wie er gestern Abend gewesen war – halbnackt und überwältigend männlich.

„Ein Mann müsste Eiswasser in den Adern haben, um unter solchen Bedingungen anders zu reagieren“, fuhr David leise fort. „Sie sind eine äußerst verführerische Frau.“

Melanie atmete schwer. „Ich möchte lieber nicht an meine Ungeschicklichkeit erinnert werden.“

„Jeder kann stolpern, besonders wenn er erschrickt. Dabei habe ich Sie eigentlich nicht für schreckhaft gehalten.“

„Das bin ich auch nicht, und ich habe Ihnen die Umstände bereits erklärt.“ Ehe David das Thema weiterverfolgen konnte, fuhr Melanie fort: „Was für ein gemütliches Restaurant dies ist! Kommt es Ihnen im Vergleich zu London sehr provinziell vor?“

David lachte. „Ich muss Sie enttäuschen, Melanie. Ich pflege auch in London nicht jeden Abend in teure Restaurants oder exklusive Nachtklubs zu gehen.“

„Mit anderen Worten, Sie sitzen brav zu Hause und sehen fern?“

„Manchmal, wenn ich einen anstrengenden Tag hinter mir habe. Ich bin Fotograf.“

„Und was fotografieren Sie?“

„Die verschiedensten Dinge – Modekollektionen, Ausstellungen, Sportereignisse. Live-Aufnahmen sind schwierig, aber ruhige Objekte faszinieren mich genauso. Einen Fotoapparat in die Gegend zu halten und auf den Auslöser zu drücken ist nicht schwer. Den wahren Charakter eines Menschen oder Gegenstands bildlich zu erfassen … darauf kommt es bei der wahren Fotografie an. Wenn es Sie interessiert, zeige ich Ihnen einige Arbeiten von mir.“

„Das wäre nett.“

Melanie begann zu begreifen, dass mehr in David Crandall steckte, als sie auf den ersten Blick vermutet hatte. „Können Sie die Arbeit wieder aufnehmen, wenn Ihre häuslichen Probleme geregelt sind?“, fragte sie.

„Da ich freiberuflich arbeite, ja.“

Der Kellner brachte die Vorspeise, und damit war das Thema beendet. Bis zum Ende des Dinners sprachen sie über die Sehenswürdigkeiten der Gegend. Natürlich reizte Glastonbury Melanie besonders wegen seiner vielen Bezüge zu den Geschichten um König Artus, und David überredete sie, am folgenden Tag einen Ausflug dorthin und zum nahe gelegenen Cadbury Castle zu unternehmen.

5. KAPITEL

Die Zwillinge waren begeistert, als sie am nächsten Morgen von dem geplanten Ausflug erfuhren. Nur das Ziel lockte sie wenig, denn sie hatten weder von der sagenhaften Stadt Camelot noch von König Arthur und Königin Guinnevere gehört.

„Jemand hat ein Theaterstück mit Musik darüber geschrieben“, erzählte Melanie, „und später wurde sogar ein Film gedreht. Wenn es im Dorf eine Videothek gibt, können wir ihn ausleihen.“

„Ihr könnt natürlich auch zu Hause bleiben, wenn ihr wollt“, sagte David unschuldig.

Melanie hütete sich zu antworten und war froh, als Ashley fragte: „Was sollen wir hier denn anfangen?“

„Ihr könnt Miss Morton das Haus und den Park zeigen.“

„Dürfen wir auch reiten?“

„Die Pferde sind noch bei Mr. Thompson, und dort bleiben sie, bis unser Stall repariert ist. Ich habe schon mit dem Bauunternehmer gesprochen.“

Die Geschwister tauschten einen raschen Blick. „Im Dorf findet ein Flohmarkt statt“, versuchte Ariella es von neuem. „Vielleicht können wir dort anhalten.“

„Heute nicht“, entschied David. „Die Fahrt nach Cadbury Castle dauert zwei Stunden. Außerdem gibt es auf dem Flohmarkt nur alten Plunder.“

„In Bath waren wir in Geschäften, wo es auch alte Sachen gibt“, warf Ashley ein.

„Alte Sachen sind kein Plunder“, erklärte David.

„Worin besteht der Unterschied?“

„In mehreren hundert Pfund.“

„Trotzdem würde es großen Spaß machen“, drängte Ashley. „Man kann auf dem Flohmarkt Zinnsoldaten und Murmeln kaufen.“

„Und alte Kostüme, mit denen man sich später verkleiden kann“, fügte Ariella hinzu. „Bitte, Onkel David.“

„Vielleicht morgen.“

„Der Flohmarkt ist nur heute und findet erst wieder in einer Woche statt.“

„Eine Ewigkeit für ein Kind“, raunte Melanie David zu.

„Aber Sie wollten doch nach Camelot“, antwortete er ebenso leise.

„Wir leihen uns den Film aus.“

„Was ist?“, bettelten die Kinder im Chor. „Dürfen wir?“

„Meinetwegen“, seufzte David. „Hoffentlich wisst ihr, was für eine gute Freundin ihr in Melanie habt.“

Die Kinder strahlten. „Wir dürfen sogar Du zu ihr sagen, sie hat es uns gestern erlaubt. Beeilt euch, sonst sind alle guten Sachen verkauft. Wir warten im Auto!“

David klingelte nach dem Butler. „Wir sind heute unterwegs, Bevins. Bitte sagen Sie Miss Morton Bescheid.“

„Gewiss, Sir.“

Als der Butler gegangen war, fragte Melanie: „Zeigt Bevins jemals so etwas wie Gefühle?“

„Wenn er es tut, habe ich noch nichts davon gemerkt“, antwortete David. „Ein einziges Mal habe ich ihn lauter sprechen hören, als er sich mit Mrs. Crossiter stritt. Die beiden hassen sich.“ Er seufzte. „Dies ist kein sehr fröhliches Haus.“

Das hatte Melanie auch schon festgestellt. „Vielleicht ändert sich mit Miss Morton alles zum Guten“, meinte sie.

„Mit Jean?“ David machte ein zweifelndes Gesicht. „Sie ist auch nicht die Heiterkeit in Person. Vielleicht passt sie darum besonders gut hierher.“

Der Flohmarkt fand auf einer großen Wiese am Rand des Dorfs statt. Die Verkaufsstände bildeten ein ziemliches Durcheinander, und was sie anboten, wirkte nicht weniger chaotisch. Die Kinder stöberten vor allem nach altem Spielzeug, und David und Melanie hatten Mühe, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Alle paar Minuten kam eins der Kinder angelaufen, um stolz einen Fund zu präsentieren, der unbedingt gekauft werden musste. Wenn es sich nicht um verrostetes Metall oder etwas mit scharfen Kanten handelte, erfüllte David meist den Wunsch.

„Sie sind zu nachgiebig“, bemerkte Melanie nach einer Weile.

„Ach wirklich?“, fragte David. „Und was ist mit Ihnen? Wenn Sie nicht so ein weiches Herz hätten, könnten wir jetzt in Camelot sein und in Romantik schwelgen. Genau das hatte ich ursprünglich im Sinn.“ Er blieb stehen und strich Melanie eine Locke aus der Stirn, die der Wind dort hingeweht hatte. Es war eine spontane, harmlose Geste, aber auf Melanie wirkte sie fast wie eine Liebkosung. Sie war so empfänglich für Davids sinnlichen Charme, dass es ihr fast unmöglich war, nicht darauf zu reagieren.

„Mit zwei neunjährigen Kindern wäre es kaum sehr romantisch geworden“, sagte sie hastig.

Wie zum Beweis kam Ariella mit einer ziemlich mitgenommenen schwarzen Federboa zurück. „Ist sie nicht himmlisch, Onkel David?“, rief sie entzückt. „Du musst sie mir kaufen.“

„Was, in aller Welt, willst du damit anfangen?“, fragte David. „Das Ding erinnert mich an ein totes Tier, das es schon zu Lebzeiten nicht besonders gut hatte.“

„Ich mag sie, und sie kostet nur fünfzig Pence.“

„Weil der Verkäufer das Ungetüm unbedingt loswerden will. Wir sollten ihm mehr bieten.“

„Onkel David!“, rief Ariella empört.

David schwankte zwischen dem Wunsch, seine Nichte glücklich zu machen, und dem Widerwillen gegen das schäbige Objekt. Darum kam Melanie ihm zu Hilfe.

„Die Boa ist bezaubernd“, sagte sie, „aber Schwarz ist eine schwierige Farbe, weil es blass macht. Sieh dich lieber nach einer hellblauen oder zartgrünen um. Die Farben stehen dir besser.“

„Raffiniert“, meinte David, als Ariella den Rat beherzigte und die Boa zurückbrachte. „Aber was tun wir, wenn sie eine blaue oder grüne findet?“

„Dann müssen Sie sich etwas ausdenken, das besser als die Wahrheit klingt“, erklärte Melanie lachend. „Ich kann Frauen nicht belügen.“

Melanie hatte noch nie in ihrem Leben einen so unterhaltsamen Tag erlebt, und auch die folgenden Tage übertrafen ihre kühnsten Erwartungen. David war ein wunderbarer Führer. Er zeigte ihr und den Kindern alte Schlösser, idyllische Dörfer und seltene landschaftliche Schönheiten. Sie aßen in malerischen Gasthöfen, besuchten ein Kricketturnier, bei dem Melanie die Spieler begeistert anfeuerte, obwohl sie die Regeln nicht verstand, und picknickten in stillen Winkeln, wenn das Wetter es zuließ.

Abends, wenn sie glücklich und müde nach Hause gekommen waren und die Kinder zu Bett gebracht hatten, saßen sie in der Bibliothek vor dem Kamin und ließen die Erlebnisse des Tages ausklingen.

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen abends mehr Unterhaltung bieten“, sagte David am dritten Tag. „Es muss Ihnen allmählich langweilig werden, hier mit mir herumzusitzen.“

„Ich habe noch nie so schöne Ferien verbracht“, versicherte Melanie aufrichtig. „Ohne Sie hätte ich nicht halb so viel von England gesehen.“

„Nur die Abende sind eintönig.“

„Soll das ein diskreter Hinweis darauf sein, dass Ihnen meine Gesellschaft langweilig wird?“, scherzte Melanie.

„Welcher Mann würde sich bei Ihnen langweilen?“, fragte David leise. „Nein, Melanie. Ich fürchte, dass Sie nervös werden und am Ende abreisen. Schließlich sind Sie nicht über den Atlantik gekommen, um Abend für Abend vor dem Kamin zu sitzen.“

Melanie lachte. „Die Tage mit Ihnen und den Kindern sind so ausgefüllt, dass ich abends ehrlich erschöpft bin.“

„Das sagen Sie nur aus Höflichkeit.“ David nahm Melanie die Kaffeetasse aus der Hand und rückte näher an sie heran. „Dabei fürchte ich mich vor dem Augenblick, an dem Sie uns verlassen. Sie sind wie ein Sonnenstrahl in unserer dunklen Welt.“

„Es freut mich, wenn ich behilflich sein konnte.“ Melanie legte ihre Hand auf Davids. „Sie haben schwere Monate hinter sich.“

David verstand die mitfühlende Geste falsch und drückte Melanies Hand fast schmerzhaft. „Sie haben mir die Freude am Leben zurückgegeben. Die letzte Zeit war wie ein Albtraum.“

„Das wird sich ändern.“ Melanie fühlte sich fast unwiderstehlich in Davids Bann gezogen. „London ist nicht weit. Sie können immer dorthin zurückkehren, zumindest vorübergehend.“

„Alles, was ich mir wünsche, ist hier neben mir.“ David strich Melanie durch das lange, weiche Haar und zog sie langsam näher. „Du bezauberst mich, süße Melanie.“

Melanie wusste, wie gefährlich die Situation war, und versuchte zu scherzen. „Sie sind voreingenommen, David. Es gibt hier weit und breit keine Konkurrenz.“

„Du brauchst keine Konkurrenz zu fürchten, Melanie. Wer würde an eine andere Frau denken, wenn du da bist?“

„David, ich …“

Er überhörte ihren Protest und zog sie in seine Arme. „Oh Darling, wie ich mich danach gesehnt habe.“ Seine Lippen streiften ihre, so sacht, als zögerte er, sie wirklich zu küssen.

Melanie wusste, dass es höchste Zeit war, wenn nicht alles außer Kontrolle geraten sollte. Sie musste etwas tun, aber sie konnte sich nicht dazu zwingen. Sie wollte, dass David sie küsste. Seit er sie am ersten Abend in den Armen gehalten hatte, sehnte sie sich danach.

Sein Kuss wurde leidenschaftlicher, und damit verlor Melanie alle Fähigkeit zu denken. Sie spürte nur noch Davids Lippen und überließ sich dem Feuer, das sie tief in ihr entzündeten.

„Süße kleine Melanie“, hauchte er und drückte sie noch fester an sich. „Wie nachgiebig du bist … Ich wusste, dass es so sein würde.“

„Ich bin sonst nicht so.“ Melanie atmete schwer und wollte sich aufrichten. Irgendwie ging alles viel zu schnell. „Wir machen einen Fehler.“

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst.“ David drückte sie sanft in die Kissen und beugte sich über sie. „Oder begehrst du mich etwa nicht?“

Melanie schwieg. Sie wollte nicht lügen, und Davids Liebkosungen erregten heißes Verlangen in ihr.

„Kämpf nicht dagegen an“, flüsterte er. „Wir beide brauchen uns.“

Melanies Leidenschaft war plötzlich erloschen. David empfand nur körperliches Verlangen. Er war ein gesunder, kräftiger Mann und lebte hier in erzwungener Einsamkeit. Natürlich war sie gegen seine starke sinnliche Ausstrahlung nicht immun, aber etwas fehlte. Er suchte nur eine Bettpartnerin, während sie drauf und dran war, sich zu verlieben.

Entschlossen richtete sie sich auf. „Es tut mir leid, David. Ich bin nicht für zufällige Affären.“

David sah sie an, als verstünde er die Welt nicht mehr, dann richtete er sich ebenfalls auf. „Soll das heißen, dass du mich begehrst, aber diesem Begehren nicht nachgeben willst?“, fragte er verächtlich.

Melanie senkte den Kopf. „Ich finde dich sehr attraktiv, das sollte deiner Eitelkeit genügen.“

„Du denkst, es geht nur um meine Eitelkeit?“ David war plötzlich ganz der Viscount von Castlebury. „Ich messe meinen Wert nicht an der Anzahl der Frauen, die mit mir schlafen wollen.“

„Das habe ich auch nicht behauptet.“

„Dann erkläre mir bitte, warum du dich so verhältst. Ich habe dich nicht verführt, Melanie. Du wolltest dasselbe wie ich, es sei denn, du bist eine selten gute Schauspielerin.“

„Das bin ich nicht!“, fuhr Melanie auf. Wie sollte sie David erklären, was ihr fehlte? Außer Verlangen empfand er ja nichts für sie. „Lass uns endlich damit aufhören.“

David verzog die Lippen. „Das müssen wir wohl, da du mir die Wahrheit nicht sagen willst. Ich wünschte mir schon immer eine Frau, die ehrlich sagt, was sie denkt.“

„Vorsicht“, warnte Melanie. „Sonst geht dein Wunsch noch in Erfüllung.“

Davids Ärger schwand so schnell, wie er gekommen war. „Oh Melanie“, seufzte er und streichelte ihre Wange. „Was habe ich bloß falsch gemacht?“

„Gar nichts“, erwiderte sie hastig, denn seine Stimme klang so sehnsüchtig, dass sie am liebsten alles zurückgenommen hätte. „Es ist einfach passiert. Gute Nacht, David.“

Er hielt sie nicht zurück, aber Melanie spürte seinen Blick, bis sie das Zimmer verlassen hatte. Ich darf nicht länger bleiben, dachte sie, während sie sich auszog. David wird mich nie fortschicken, dazu ist er zu sehr Gentleman. Darum muss ich selbst die Entscheidung fällen.

Nach dem, was eben geschehen war, musste sie Castlebury Manor verlassen, so bedauerlich das auch sein mochte. Die sinnliche Spannung zwischen ihr und David war von Anfang an spürbar gewesen, aber sie hatte ihr Verhältnis eher beflügelt als belastet – bis heute Abend. Melanie gab sich allein die Schuld. David zu küssen war ein Spiel mit dem Feuer gewesen. Sie hatte ihn ermutigt, ohne zu fragen, was daraus werden sollte.

Noch jetzt wirkte sein Kuss nach, und ihr Körper glühte von seinen Liebkosungen. Er hätte ihr mehr Entzücken geschenkt, als sie je empfunden hatte, aber dabei wäre es geblieben. Einige ekstatische Nächte, und dann hieß es: „Bye-bye, Baby. Schick mir gelegentlich eine Postkarte.“

Melanie legte sich ins Bett, aber sie konnte lange nicht einschlafen. Fast zwanghaft stellte sie sich vor, was hätte sein können und nun niemals sein würde. Am liebsten wäre sie am nächsten Morgen abgereist, aber ein derartig überstürzter Aufbruch musste peinlich wirken. Außerdem hatte sie den Zwillingen versprochen, sie zum Jahrmarkt in eine benachbarte Stadt zu begleiten. Natürlich konnten sie mit David fahren, aber ihre Enttäuschung würde groß sein. Sie würden nicht verstehen, warum Melanie sie so plötzlich verließ, und sich verraten fühlen.

Nein, einen Tag musste sie noch bleiben. Davids Gegenwart würde sie zwar irritieren, aber solange die Kinder dabei waren, bildeten sie ein wirkungsvolles Bollwerk. Abends würde sie sich gleich nach dem Dinner in ihr Zimmer zurückziehen. David würde ihr zwar nicht glauben, dass sie packen musste, um am nächsten Morgen früh aufzubrechen, aber er würde die Entschuldigung mit einem spöttischen Lächeln akzeptieren.

Obwohl damit alle Probleme gelöst waren, fand Melanie keinen Schlaf. Sobald sie die Augen schloss, dachte sie an David und sah ihn nebenan in seinem Bett liegen – nackt bis auf die schwarzseidene Pyjamahose.

Melanies Plan war gut, aber die Natur machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, prasselte heftiger Regen gegen die Fensterscheiben.

„Oh nein“, stöhnte sie und zog die Bettdecke über den Kopf. Aus dem Jahrmarktsbesuch konnte nun nichts werden. Es stand ihr frei, abzureisen, aber dann riskierte sie, sich zum zweiten Mal im Unwetter zu verirren, und dazu hatte sie wenig Lust. Nein, sie musste noch einen Tag ausharren, so unangenehm es auch war, mit den andern ans Haus gefesselt zu sein.

Die Zwillinge machten betrübte Gesichter, als Melanie zum Frühstück herunterkam. „Warum muss es ausgerechnet heute regnen?“, fragte Ashley missmutig und schob sein Müsli zurück.

„Bestimmt wollte euch niemand damit ärgern“, antwortete David trocken. „Guten Morgen, Melanie. Hast du gut geschlafen?“

„Wie ein Stein“, log Melanie. „Zu dumm, dass es heute regnet.“

„Wir könnten trotzdem zum Jahrmarkt fahren“

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