Logo weiterlesen.de
ROMANA GOLD BAND 32

IMAGE

Toskanische Nächte

1. KAPITEL

Als der geliehene Koffer in ihrem Blickfeld erschien, hätte Harriet ihn am liebsten vom Laufband gehoben und wäre schnurstracks von Pisa zurück nach London-Heathrow geflogen. Doch dazu war es zu spät, denn in diesem Moment griff ein Mann nach dem Gepäckstück und vereitelte jegliche Fluchtpläne.

„Rosa“, sagte eine tiefe Männerstimme mit typisch italienischem Akzent.

Harriet wandte sich resigniert um und sah sich einem Mann gegenüber, den sie bisher nur von Fotos kannte. Diese waren ihm allerdings nicht gerecht geworden. Leonardo Fortinari, in einem lässig-eleganten Anzug, war größer, als sie gedacht hatte. Er hatte genauso dunkle Augen, ebenso dunkles Haar wie sie und sah sehr eindrucksvoll aus – älter und reifer als auf den Fotos, aber auch wesentlich interessanter.

„Ich fühle mich geehrt, Leo“, sagte sie und lächelte spöttisch, um ihre Unsicherheit zu überspielen. „Ich hatte nicht erwartet, dass mich jemand abholen würde, und wollte eigentlich den Zug nehmen.“ Und Leo Fortinari hatte sie am allerwenigsten erwartet.

Er zuckte lässig die Schultern. „Ich hatte sowieso in Pisa zu tun.“ Es interessierte ihn überhaupt nicht, dass er den anderen Fluggästen im Weg stand, die ihr Gepäck abholen wollten. Ungerührt musterte er sie. „Du bist wunderschön geworden, Rosa.“

Harriet, die den intensiven Blick wie eine brennende Berührung empfunden hatte, wurde es heiß in der teuren geborgten Kostümjacke, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Danke. Wie geht es Nonna?“

„Sie freut sich natürlich sehr darauf, die verlorene Tochter endlich wieder in die Arme schließen zu können, und erwartet dich ungeduldig. Komm, ich bringe dich zur Villa Castiglione.“

Erst auf der Autobahn nahm Leo Fortinari das Gespräch wieder auf. „Ich hoffe, du hast dich inzwischen wieder gefangen, Rosa.“

Harriet sah ihn erschrocken an.

„Nach dem Verlust deiner Eltern, meine ich.“

Sie biss sich auf die Lippe und schwieg sicherheitshalber.

Leos Miene spiegelte Mitleid wider. „Es tut mir sehr leid, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte.“

„Dafür hast du mir ja geschrieben. Das war sehr freundlich.“ Der Stil war sehr gestelzt gewesen, als hätte Leo sich zwingen müssen, die Zeilen zu schreiben.

Die restliche Fahrt verlief in einträchtigem Schweigen. Leo Fortinari gab sich höflich, aber distanziert. Offensichtlich dachte er gar nicht daran, Rosa ihre Jugendsünden zu vergeben. Sehr gut! Unter den gegebenen Umständen war es am besten, diesen beunruhigenden Mann auf Distanz zu halten.

Harriet hätte nie gedacht, dass er sie selbst abholen würde. Insgeheim hatte sie damit gerechnet, seinen jüngeren Bruder Dante auf dem Flughafen zu sehen oder einen der Angestellten der Familie Fortinari. Vielleicht hatte es aber auch Vorteile, sofort mit dem großen Leonardo konfrontiert worden zu sein, denn sie war nun davon überzeugt, dass sie bereits eine der beiden schwierigsten Hürden genommen hatte. Nun stand ihr nur noch die Begegnung mit Nonna, Signora Vittoria Fortinari, bevor. Die war für den Abend vorgesehen. Die restliche Familie, zu der auch Rosas Cousin Dante und ihre Cousine Mirella gehörten, würde sie auf dem Familienfest am nächsten Tag sehen – falls sie bis dahin noch nicht enttarnt sein würde.

Harriet wurde immer nervöser, je näher die Feuerprobe rückte, die in der Begegnung mit Signora Fortinari bestand.

Die Fahrt führte durch eine hügelige Landschaft mit Weinbergen, Olivenhainen und Zypressen, vorbei an alten Bauernhöfen und prachtvollen Landsitzen, Kirchen und Glockentürmen. Doch Harriet hatte keinen Blick für die pittoreske Gegend. Ihre Gedanken kreisten einzig darum, wie sie das Wochenende heil überstehen sollte. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, nach Italien zurückzukehren! Dass es dazu allerdings einer so absurden Eskapade bedurfte, wäre ihr nicht im Traum eingefallen. Doch ihr war nichts anderes übrig geblieben, als sich darauf einzulassen.

Harriet war froh, dass Leo Fortinari offensichtlich nicht beabsichtigte, sich mit seiner Beifahrerin zu unterhalten, die er für seine Cousine Rosa hielt. Sie machte es sich bequemer auf dem Sitz und rief sich den Augenblick ins Gedächtnis, als Rosa Mostyn im Chesterton Hotel beim Treffen der ehemaligen Schülerinnen von Roedale zielstrebig auf sie zugekommen war. Roedale war ein erstklassiges Mädcheninternat in den wunderschönen Cotswolds und lag nur wenige Kilometer außerhalb von Pennington.

Mit zehn Jahren hatte sie, Harriet, eins der begehrten Stipendien erhalten und zu den wenigen Schülerinnen gehört, die nicht im Internat wohnten.

Die Direktorin hatte einige Tage zuvor bei ihr angerufen, um sie zu dem Ehemaligentreffen einzuladen, bei dem die Modernisierungen vorgestellt werden sollten. Die ehemaligen Schülerinnen sollten dazu angeregt werden, ihre Töchter nach Roedale zu schicken. Harriet hatte zugesagt, weil sie im folgenden Trimester als Lehrkraft für neuere Sprachen in Roedale anfangen würde.

Sie hatte gerade alle ehemaligen Mitschülerinnen begrüßt und sich eine Weinschorle geholt, als Rosa Mostyn aufgetaucht war. Mit ihr hatte sie am allerwenigsten gerechnet.

Auch nach acht Jahren war es schockierend, sich einer Person gegenüberzusehen, die ihre Zwillingsschwester hätte sein können. Rosa stand noch an der Tür und ließ den Blick über die angeregt wirkenden Ehemaligen gleiten. Sie hatte große dunkle Augen, schulterlanges schwarzes Haar und trug ein elegantes Kostüm. Als sie ihr zuwinkte, glänzte ein schwerer Goldring an ihrem Ringfinger auf.

Sie ist einfach perfekt, dachte Harriet, als sie beobachtete, wie Rosa sich einen Weg durch die Menge bahnte, einige Frauen herzlich begrüßte und anderen, die sie offensichtlich nicht kannte, freundlich zulächelte. Schließlich stand sie lächelnd vor ihr.

„Hallo! Kennst du mich noch?“

„Natürlich!“ Harriet lächelte ironisch, als sie bemerkte, dass die anderen über die verblüffende Ähnlichkeit tuschelten. „Der Ober hat mich vorhin mit dir verwechselt.“

„Das tut mir leid.“ Rosa zögerte, bevor sie fragte: „Hast du einen Moment Zeit für mich?“

„Klar, von meinen Klassenkameradinnen ist sowieso keine aufgetaucht.“

Rosa nickte verständnisvoll und klopfte ihr auf die Hand. „Wie ich sehe, trägst du keinen Ehering. Das muss natürlich nichts bedeuten. Erzähl doch mal ein bisschen von dir, Harriet.“

Wie gern hätte sie behauptet, eine erfolgreiche Firma zu leiten oder die Geliebte eines blendend aussehenden Milliardärs zu sein, doch Harriet blieb bei der Wahrheit. „Ich bin Lehrerin und werde ab dem nächsten Trimester in Roedale Französisch und Italienisch unterrichten. Bis dahin arbeite ich noch als Übersetzerin bei einer Exportfirma hier in der Nähe.“

Rosa nickte. „Sprachen haben dir ja schon immer gelegen.“ Sie gab dem Barkeeper ein Zeichen. „Ein Wodka-Tonic, bitte, und noch ein Glas für meine Freundin.“

Harriet war überrascht. Rosa Mostyn und sie, Harriet Foster, waren während der Schulzeit nicht gerade eng befreundet gewesen – nicht nur, weil es ihnen unangenehm war, sich so ähnlich zu sehen, sondern auch, weil sie, Harriet, Stipendiatin war, jeden Tag mit dem Bus zur Schule kam und noch dazu sehr intelligent war, während Rosa im Internat lebte, sich mehr für ihre Figur als für Schulnoten interessierte und dem letzten Schultag entgegenfieberte.

„Dich hatte ich heute Abend nicht hier erwartet, Rosa“, sagte Harriet, nachdem sie mit ihr angestoßen hatte.

„Eigentlich wollte ich auch gar nicht kommen, ich war nämlich verabredet. Doch dann ist die Verabredung geplatzt, und da ich sowieso schon zum Ausgehen angezogen war, habe ich gedacht, ich könnte mich hier mal blicken lassen. Das Hotel gehört meiner Familie, und es kann nicht schaden, wenn das Hotelpersonal mich hin und wieder zu Gesicht bekommt. Außerdem wollte ich wissen, welche Ehemaligen sich inzwischen verändert haben und welche nicht.“ Rosa sah sich im Saal um.

„Von deinen Freundinnen ist auch keine gekommen“, bemerkte Harriet. „Während der Schulzeit konntest du dich kaum vor ihnen retten.“

Rosa lächelte sarkastisch. „Die haben nur das Geld der Mostyns gesehen.“

Sie tranken beide einen Schluck.

„Es tut mir sehr leid, dass deine Eltern ums Leben gekommen sind“, sagte Harriet nach einer Weile.

„Danke“, antwortete Rosa leise. „Es war das erste Mal, dass sie zusammen in einer Maschine geflogen sind.“ Sie trank ihr Glas aus. „Schade, ich bin mit dem Auto da, sonst würde ich gern noch ein Glas trinken. Was macht deine Familie, Harriet? Ich erinnere mich noch an deine Schwester Kitty. Sie war groß, blond und sehr sportlich.“

Harriet nickte. „Ja, sie ist inzwischen verheiratet. Meine Mutter lebt noch in Pennington, aber mein Vater ist gestorben, als ich noch an der Uni war.“

„Das tut mir sehr leid. Ich weiß, wie du dich gefühlt haben musst.“ Rosa sah sie neugierig an. „Du bist also noch unverheiratet? Kein Freund in Sicht?“ Sie lachte plötzlich. „Bei deinem … ich meine, bei unserem Aussehen müssen die Männer dir doch zu Füßen liegen.“

„Im Moment nicht“, antwortete Harriet ausweichend. „Und wie sieht es bei dir aus?“

Rosa strahlte. „Ich habe inzwischen einen Mann kennengelernt, dem mein Geld völlig gleichgültig ist. Nach einer schrecklichen Enttäuschung hatte ich mir eigentlich geschworen, mich nie wieder zu verlieben, aber dann bin ich vor einigen Wochen Pascal begegnet, und schon war es passiert. Ich bin wahnsinnig verliebt, kann nicht schlafen, nichts essen. Witzig, oder?“

„Geht es ihm ebenso?“

Rosa seufzte. „Ich weiß es nicht. Wir haben uns bei einer Konferenz in unserem Hotel Hermitage kennengelernt. Dort arbeite ich seit einigen Jahren. Aber seitdem haben wir uns kaum gesehen. Er ist als Auslandskorrespondent bei einer französischen Tageszeitung beschäftigt.“

„Aha. Hat er dich heute Abend versetzt?“

„Ja. Er musste einen Flieger erwischen. Die Redaktion hat Pascal ans andere Ende der Welt geschickt. Von dort aus soll er Berichte liefern. Ich war sehr enttäuscht. Na ja, zum Trost habe ich mich unter all diese kreischenden Frauen gemischt. Damit meine ich natürlich nicht dich.“ Rosa lachte. „Du hast nie gekreischt, sondern bist immer beängstigend gelassen gewesen.“

Harriet verzog das Gesicht. „Ich war ziemlich launisch und schwierig. Meine Eltern müssen froh gewesen sein, als ich endlich anfing zu studieren. So waren sie mich erst einmal los. Nach dem Studium habe ich zunächst in Birmingham unterrichtet. Aber meiner Mutter geht es augenblicklich nicht so gut, deshalb habe ich mir einen Job in ihrer Nähe gesucht. Das ist für alle die beste Lösung.“ Sie sah auf ihre Armbanduhr. „Entschuldige, Rosa, aber ich habe der Direktorin versprochen, Werbung für Roedale zu machen und die jungen Mütter hier zu überreden, ihre Töchter nach Roedale zu schicken.“

„Viel Spaß.“ Rosa schnitt ein Gesicht. „Hättest du Lust, nachher mit mir zu Abend zu essen?“

Die Einladung hatte Harriet überrascht. Doch nach kurzer Überlegung hatte sie zugesagt. „Ja, gern. Sagen wir, in einer halben Stunde?“

Und so hatte alles angefangen. Harriet seufzte so laut, dass Leo Fortinari sie fragend ansah. „Fahre ich zu schnell, Rosa? Hast du Angst?“

Harriet lächelte strahlend. „Ich habe Angst, aber nicht wegen deines Fahrstils. Ich habe gerade überlegt, wie Nonna reagieren wird, wenn sie mich sieht.“ Das war nicht einmal gelogen. Darüber hinaus machte Leos männliche Ausstrahlung sie nervös. Rosa hatte berichtet, dass sie und Leo sich damals nicht gerade in aller Freundschaft getrennt hatten.

Leo konzentrierte sich wieder auf die Straße. „Du hast dich verändert, Rosa. Früher hast du nie Angst gehabt. Aber mach dir keine Sorgen, Nonna hat dir schon lange verziehen. In einer halben Stunde sind wir bei ihr.“

Noch eine halbe Stunde!

Das Abendessen mit Rosa hatte Harriet viel Spaß gemacht. Während der Schulzeit hatten sie kaum Berührungspunkte gehabt, doch inzwischen verstanden sie sich unerwartet gut.

Nach diesem ersten Treffen begannen sie, regelmäßig zusammen auszugehen. Wenn Rosa mal wieder deprimiert war, weil Pascal noch immer unterwegs war, kam sie zu den Fosters, um sich von Mutter und Tochter trösten zu lassen.

„Es ist wirklich unglaublich“, sagte Claire Foster, als Rosa zum ersten Mal zu Besuch kam. „Ich habe Sie natürlich ab und zu in der Schule gesehen, aber jetzt sind Sie und Harriet einander noch ähnlicher. Wirklich verblüffend!“

„Mit dem Unterschied, dass Harriet kleiner ist und lockiges Haar hat“, sagte Rosa neidisch und versuchte, Claire Foster zu überreden, mit ihnen zum Abendessen auszugehen.

Als Claire sagte, sie sei zu müde, weil sie sich den ganzen Tag um ihre bettlägerige Mutter habe kümmern müssen, stieg Rosa in ihren Sportwagen und besorgte Fish and Chips, das sie sich mit großem Vergnügen in der Küche schmecken ließen.

Rosa und sie waren bald gute Freundinnen, und Harriet war froh, sich jemandem anvertrauen zu können, der ihre Sorgen und Nöte verstand. Claire Foster musste operiert werden und stand auf einer Warteliste des Krankenhauses im Ort. Das Haus musste dringend repariert werden, doch Harriet fehlte das Geld dazu.

„Mutter muss das Haus verkaufen“, sagte sie eines Abends, als sie in einem gemütlichen Weinlokal zu Abend aßen.

„Das ist ja furchtbar, zumal es ihr sowieso nicht gut geht“, erwiderte Rosa. „Belastet sie das sehr?“

„Ja, allerdings. Das Haus gehört unserer Familie seit Generationen. Sie hängt sehr an dem alten Kasten.“ Harriet beugte sich plötzlich vor und flüsterte: „Sag mal, kennst du die Männer da drüben, die uns so anstarren?“

Rosa bedachte die Männer mit einem vernichtenden Blick, bevor sie ihr amüsiert zuzwinkerte. „Die beiden Romeos sind wohl scharf auf uns, weil wir uns so ähnlich sehen.“

„Glaub ich nicht. Und so groß ist die Ähnlichkeit nun auch wieder nicht. Ich trage ein Kostüm und du so enge Jeans, dass es mir ein Rätsel ist, wie du überhaupt Luft bekommst.“

„Ganz einfach, Herzchen. Der Schnitt macht’s. Die Jeans haben mich ein Vermögen gekostet.“ Rosa senkte plötzlich beschämt den Blick. „Entschuldige, das war sehr taktlos von mir.“

„Schon gut.“

Rosa sah sie forschend an. „Sag mal, Harriet … Nicht, dass ich mich einmischen möchte, aber was wird eigentlich aus deiner Großmutter, wenn ihr in ein kleineres Haus zieht?“

„Sie kommt natürlich mit. Momentan hat sie oben ihre eigene Wohnung, und wir haben das restliche Haus für uns. Mir graut jetzt schon bei der Vorstellung, zu dritt in einer kleinen Wohnung leben zu müssen.“ Harriet blickte deprimiert vor sich hin. „Mit Großmutter komme ich sowieso nicht so gut aus. Kitty ist immer ihr Liebling gewesen. Und Großmutter ist schrecklich schwierig und anstrengend. Mit dem Alter hat das nichts zu tun. Sie war schon immer so. Aber jetzt, da sie bettlägerig ist, ist alles nur noch schlimmer.“

„Und in ein Pflegeheim will sie wohl nicht, oder?“

„Das würde Mutter niemals zulassen.“

„Deine Mutter ist eine Heilige“, meinte Rosa bewundernd.

„Das kann man wohl sagen. Ich frage mich noch heute, wie es ihr gelungen ist, mich als Teenager zu ertragen.“

„Ich bin ja auch nicht gerade ein Engel gewesen“, erklärte Rosa ernst. „Aber wieso glaubst du, dass du besonders schwierig warst?“

Harriet schnitt ein Gesicht. „Es ist mir unangenehm, darüber zu sprechen. Ich habe es nicht einmal Guy anvertraut.“

„Wer ist Guy?“, fragte Rosa sofort.

„Mein Exfreund.“

„Wieso Ex?“

„Er ist stellvertretender Direktor an der Schule in Birmingham, an der ich unterrichtet habe. Als ich nach einem Jahr gekündigt habe, weil ich in Mutters Nähe sein wollte, war er außer sich und hat gefordert, dass ich ihn an die erste Stelle setze.“

„Was du natürlich nicht getan hast. Bedauerst du deine Entscheidung?“

„Am Anfang hat Guy mir natürlich gefehlt. Vielleicht habe ich auch nur seine Gesellschaft und so vermisst.“

„Und war er gut beim ‚und so‘?“, fragte Rosa und zwinkerte anzüglich.

Harriet lachte. „Das geht dich gar nichts an.“

„Also war er es nicht.“

„Vielleicht hat es auch an mir gelegen.“

„Niemals“, entgegnete Rosa, und ihre dunklen Augen funkelten. „Es war allein Guys Schuld, wenn es bei dir nicht geklingelt hat. Ist ja auch egal. Sag mal, was wolltest du mir nun eigentlich anvertrauen, was du nicht einmal Guy erzählt hast?“

„Ach, als Kind habe ich mir eingebildet, adoptiert worden zu sein. Ich habe meinen Eltern mit dieser fixen Idee wirklich das Leben schwer gemacht.“

Und die ständigen Hänseleien ihrer Schwester hatten sie, Harriet, in ihrer Meinung sogar noch bestärkt. Ihr Vater, Alan Foster, war groß und blond gewesen, wie ein Nachkomme der Wikinger, und Kitty sah ihm sehr ähnlich. Ihre große schlanke Mutter hatte kastanienbraunes Haar und den hellen Teint ihres Vaters.

„Und ich passte überhaupt nicht dazu mit meinem schwarzen Haar, den dunkelbraunen Augen und dem olivfarbenen Teint. Außerdem bin ich einen Kopf kleiner als meine Eltern und Kitty. Darauf ist Kitty natürlich ständig herumgeritten. Sie hat mich pausenlos gehänselt und so lange behauptet, ich wäre adoptiert worden, bis ich es selbst geglaubt habe.“

„Aber das stimmt nicht, oder?“

„Natürlich nicht.“ Harriet lächelte verlegen. „Inzwischen habe ich meine Geburtsurkunde gesehen, es ist alles in Ordnung. Mein Aussehen ist wohl eine Laune der Natur.“

Rosa überlegte einen Moment. „Es geht mich ja nichts an, aber könnte Kitty euch nicht finanziell unter die Arme greifen?“

„Nein. Ihr Mann hat sich gerade selbstständig gemacht, und die beiden erwarten ein Baby. Aber lass uns das Thema jetzt abhaken. Erzähl mir von Pascal! Hat er sich inzwischen gemeldet?“

„Nein, immer noch nicht“, antwortete Rosa deprimiert.

Harriet war sicher, dass Pascal Tavernier nichts mehr von Rosa wissen wollte, jedoch nicht den Mut aufbrachte, es ihr ins Gesicht zu sagen.

„Seit seinem letzten Anruf aus dem Nahen Osten habe ich nichts mehr von ihm gehört“, sagte Rosa mit bebender Stimme. „Und zur Krönung habe ich heute Morgen auch noch einen Brief von meiner Großmutter erhalten, in dem sie mich bittet, zu ihrem achtzigsten Geburtstag zu ihr in die Toskana zu kommen. Dort habe ich früher immer die Sommerferien verbracht. Aber ich war seit Jahren nicht mehr da.“

„Warum nicht?“, fragte Harriet neugierig.

Rosa seufzte. „Weil ich mich schlecht benommen habe und Nonna eine richtige Autokratin ist. Sie hat mir meine Ungezogenheit sehr übel genommen und mich aus dem Garten Eden vertrieben mit den Worten, ich dürfe sie erst wieder besuchen, wenn ich meine Sünden bereut hätte.“

„Was, um alles in der Welt, hattest du denn ausgefressen?“

Rosa schwieg einen Moment, bevor sie antwortete. „Pascal ist nicht meine erste Liebe. Ich war mal ganz wahnsinnig in meinen Cousin Leo verliebt. Wie du weißt, bin ich halb Waliserin, halb Italienerin. Leo gehört zu den Fortinaris, wie meine Mutter. Ihm unterstehen die Weingüter der Familie.“

„Und?“

„Heute ist es mir schrecklich peinlich, aber stell dir vor, ich bin Leo überallhin gefolgt. Ich habe mich wirklich viel dümmer benommen, als du es je getan hast, Harriet. Das kannst du mir glauben.“

„Und Leo hat dich überhaupt nicht wahrgenommen, oder?“

„Genau. Also habe ich beschlossen, mit einem anderen zu flirten, um Leo eifersüchtig zu machen. Leo war zehn Jahre älter als ich und blieb völlig unbeeindruckt. Na ja, die Sache ist aus dem Ruder gelaufen, und Nonna hat mich nach Hause geschickt.“ Rosa erschauerte unwillkürlich. „Als meine Eltern starben, war Nonna viel zu erschüttert, um zur Beerdigung zu kommen. Aber wenigstens schreibt sie mir seitdem regelmäßig. Und nun hat sie mich zu ihrer Geburtstagsfeier nach Fortino eingeladen. Ausgerechnet jetzt!“ Sie seufzte und fuhr sich durchs dichte Haar. „Ich würde mich wirklich zu gern mit Nonna versöhnen, Harriet, aber ich kann jetzt nicht nach Italien fahren.“

„Warum nicht?“

„Erst muss ich von Pascal hören.“ Rosa schluckte und wurde plötzlich blass. „Entschuldige, ich bin gleich wieder da.“ Sie sprang auf und verschwand.

Harriet sah ihr erstaunt nach.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Rosa zurückkehrte. Ihr Gesicht war aschfahl, und sie sah so unglücklich aus, dass Harriet besorgt ihre Hand nahm, als Rosa sich wieder hingesetzt hatte.

„Was ist los, Rosa? Machst du dir Sorgen um Pascal?“

Rosa atmete tief durch. „Das geschieht mir ganz recht. Seit der Geschichte mit Leo bin ich immer diejenige gewesen, die Schluss gemacht hat. Nur dieses Mal ist es anders. Pascal hat mich offensichtlich völlig vergessen.“

Harriet drückte ihrer Freundin die Hand. „Dann solltest du so schnell wie möglich dasselbe mit ihm tun, Rosa Mostyn.“

„Das ist leichter gesagt als getan, Harriet.“ Rosa rang sich ein Lächeln ab. „Pascal hat mir eine Erinnerung hinterlassen.“

Harriet sah sie entsetzt an. „Bist du etwa …?“

Rosa nickte traurig. „Ja, ich erwarte ein Baby von Pascal. Zuerst habe ich versucht, mir einzureden, alles sei in Ordnung. Doch nun muss ich den Tatsachen ins Auge sehen. Aber in diesem Zustand kann ich mich natürlich nicht bei meiner Großmutter blicken lassen. Jedenfalls nicht ohne den werdenden Vater.“

„Weiß dein Bruder Bescheid?“

„Nein. Tony würde sich fürchterlich aufregen. Abgesehen davon erwartet seine Frau Allegra gerade das erste Kind. Es geht ihr ziemlich schlecht, und ich möchte sie nicht auch noch mit meinem kleinen Problem belasten.“

„Das tut mir alles schrecklich leid, Rosa. Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“

Rosa sah sie flehend an. „Könntest du für mich nach Italien fliegen? Du brauchst dich nur ein Wochenende lang für mich auszugeben.“

„Wie bitte?“ Harriet zog die Hand zurück und betrachtete Rosa ungläubig. „Du machst Witze!“

„Du bist die Einzige, die dafür in Frage kommt“, behauptete Rosa. „Du siehst aus wie ich, und du sprichst fließend Italienisch. Meine Verwandten in Italien haben mich seit Jahren nicht gesehen, wenn man von der Beerdigung Anfang des Jahres absieht, aber da war ich völlig verheult.“ Sie beugte sich vor. „Wenn du das für mich tust, Harriet, bezahle ich Claires Operation, die Reparaturen an eurem Haus und übernehme die Kosten für eine Pflegekraft für deine Großmutter.“

„So weit kommt es noch!“ Harriet sprang wutentbrannt auf. „Merk dir eins, Rosa: Es gibt Dinge, die selbst du nicht kaufen kannst.“

Erst auf der Straße holte Rosa sie wieder ein. „Bitte nicht böse sein, Harriet! Das ertrage ich nicht.“ Sie seufzte schwer. „Ich versuche schon seit Wochen, dir und Claire zu helfen, aber ich weiß, dass du kein Geld von mir annehmen würdest. Es belastet mich, deine Mutter so erschöpft und krank zu sehen. Und du arbeitest den ganzen Tag und kümmerst dich abends um deine Großmutter. Sieh es doch mal so: Du brauchst Geld. Davon habe ich jede Menge. Ich bitte dich lediglich, zwei oder drei Tage als Rosa Mostyn in der Villa Castiglione zu verbringen. Kleidung und alles, was dazugehört, bekommst du von mir. Als Gegenleistung bitte ich meinen Bruder, die Handwerker vom Chesterton Hotel zu euch zu schicken, und sorge dafür, dass deine Mutter sofort ins Krankenhaus kommt.“

Harriet lehnte wütend ab. Doch Claire Foster fiel ihr in den Rücken. Nachdem sie sich Rosas traurige Geschichte angehört hatte, erinnerte sie Harriet an ihre Bemerkung, wie langweilig es in Pennington sei.

„Das klingt doch aufregend“, sagte sie wehmütig. „Ich würde liebend gern mit dir tauschen, Harriet. Welch ein Abenteuer!“

„Und die Fosters profitieren auch noch davon.“ Harriet war wütend, weil ihre Mutter nicht genauso entsetzt war über den Vorschlag wie sie selbst.

Claire zuckte zusammen, und Rosa legte schnell beruhigend den Arm um sie, bevor sie Harriet zornig anfunkelte. „Wie kannst du so gemein zu deiner Mutter sein, Harriet? Freu dich lieber, dass du etwas für sie tun kannst. Wenigstens hast du deine Mutter noch.“

Und Harriet musste entsetzt mit ansehen, wie Rosa plötzlich in Tränen ausbrach und den Kopf an Claires Schulter barg. Sie kam sich sehr schäbig vor.

Schließlich beruhigte Rosa sich wieder und entschuldigte sich. „Tut mir leid. Wahrscheinlich spielen meine Hormone verrückt. Ich sehe ein, wie dumm meine Idee war, Harriet. Lass uns die ganze Geschichte vergessen.“ Sie wandte sich Claire zu. „Ich habe Sie und Harriet sehr gern und möchte sowieso für die Operation und die Reparaturarbeiten aufkommen. Bitte! Ohne Bedingungen. Oder jedenfalls nur eine einzige: Ich darf Sie und Harriet hin und wieder hier besuchen.“

„Hätte dein Bruder nichts dagegen, dass seine Angestellten hier arbeiten?“, fragte Harriet.

„Bestimmt nicht. Der ist froh, wenn ich mich regelmäßig in den Hotels blicken lasse, um nach dem Rechten zu sehen, solange er sich so intensiv um Allegra kümmern muss.“

„Sag mal Rosa, wieso verzeiht Ihre Großmutter Ihnen eigentlich erst jetzt?“, erkundigte Claire sich nachdenklich.

„Weil ich mich geweigert habe, in Sack und Asche zu gehen und mich umgehend zu entschuldigen. Inzwischen ist zu viel Zeit vergangen. Eine Entschuldigung hätte sowieso keinen Sinn mehr.“

Harriet sprang auf, als ihre Großmutter oben klingelte. „Ich gehe schon, Mutter.“

Enid Morris verlangte wie immer nach Claire. Doch Harriet erklärte ihr, dass ihre Mutter müde sei, und kümmerte sich selbst um sie. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie es der alten Dame recht gemacht hatte und wieder nach unten gehen konnte.

Nachdenklich ging Harriet die Treppe hinunter. Ihre Mutter, die ja selbst nicht gesund war, musste sich den ganzen Tag lang ihrer nörgelnden Mutter widmen. Darüber hinaus musste sie sich um die Wäsche und den Einkauf kümmern.

Plötzlich schämte Harriet sich. Ihre Mutter könnte es viel leichter haben, wenn sie, Harriet, nur ein einziges Wochenende in ihrem geliebten Italien verbringen und sich als Rosa Mostyn ausgeben würde.

Sie blieb auf der letzten Stufe stehen und betrachtete sich im Flurspiegel. Die Ähnlichkeit mit Rosa war tatsächlich verblüffend. Selbst Stimmlage und Tonfall ähnelten einander. Sowohl Rosa als auch sie hatten eine leicht rauchige Stimme. Guy Warren hatte ihr, Harriet, sogar einmal zum Vorwurf gemacht, dass ihre Stimme zu sexy wäre.

Harriet wartete noch einen Moment lang vor der Tür, dann stürmte sie ins Zimmer, bevor sie es sich anders überlegen konnte. „Also gut, Rosa, ich mach’s. Ich muss verrückt geworden sein, aber ich lasse mich auf das Abenteuer ein. Solange deiner Großmutter daraus kein Schaden entsteht, will ich ihr gern ein paar Tage die liebevolle Enkelin vorspielen. Aber nur dieses eine Mal, Rosa. Danach wirst du ihr sagen müssen, dass du ein Baby erwartest.“

2. KAPITEL

Als der Sportwagen auf eine enge Serpentinenstraße bog, die sich in schwindelerregenden Kurven einen steilen Hügel emporwand, wurde Harriet noch nervöser. Leonardo Fortinari fuhr schließlich durch ein großes, von Steinsäulen begrenztes Tor, durch die in voller Pracht blühenden hängenden Gärten der Villa Castiglione und hielt am Fuß einer verwitterten Treppe, die zu einer Terrasse führte. Auf der Balustrade standen kleine, ebenfalls verwitterte Statuen und bepflanzte Kübel.

Als Leo bemerkte, wie angespannt Harriet wirkte, legte er ihr beruhigend die Hand aufs Knie. „Nur Mut, Rosa.“

Die Berührung brannte selbst durch den festen Jeansstoff wie Feuer. Harriet war verwirrt. Verzweifelt versuchte sie, die ihr völlig rätselhafte Reaktion zu verbergen, und betrachtete das zweigeschossige Gebäude, das sie bisher nur von Fotos kannte. Das Haus war kleiner als erwartet. Der altehrwürdige Glimmerschieferbau schimmerte in der Sonne wie pures Gold und war an drei Seiten von einer Arkadenloggia umgeben.

„Bevor wir hineingehen“, sagte Leo kurz angebunden, „möchte ich dich bitten, Rosa, Nonna auf keinen Fall aufzuregen. Sie ist sehr tapfer und versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber sie ist sehr krank gewesen. Deshalb hat sie auch darauf bestanden, dass du zu ihrem Geburtstag kommst. Sie befürchtet, dass sie nicht mehr viel Zeit hat. Haben wir uns verstanden?“

Sein herrischer Tonfall ärgerte Harriet so sehr, dass sie Leo nur verächtlich ansah. „Es hat sich also nichts geändert. Du denkst immer noch das Schlimmste von mir.“ Rosa war fest davon überzeugt, und bisher hatte Leo Fortinari nichts getan, um daran Zweifel aufkommen zu lassen.

Er lachte humorlos. „Ist das etwa meine Schuld?“

Harriet schwieg. „Wenn du dir nicht ganz sicher bist, sag lieber nichts, und lächle geheimnisvoll“, hatte Rosa ihr geraten. Und das erschien Harriet durchaus vernünftig – sofern man bei diesem ganzen Unterfangen überhaupt von Vernunft reden konnte. Sie stieg aus, bevor Leo ihr aus dem Wagen helfen konnte, hängte sich Rosas teure Ledertasche um und folgte Leo ins Haus.

Eine kleine, strahlend lächelnde Frau kam ihnen in der kühlen, mit Marmor gefliesten Eingangshalle entgegen und begrüßte Leo in einem so ungewohnten italienischen Dialekt, dass Harriet sich sehr anstrengen musste, um etwas zu verstehen.

„Herzlich willkommen, Miss Rosa“, fügte die Frau leise hinzu. „Sie sind sicher müde nach der Reise. Ich werde Ihnen Kaffee bringen, bevor ich Sie zu Ihrem Zimmer bringe. Die Signora schläft. Sie werden sie später sehen.“

„Du erinnerst dich sicher noch an Silvia“, sagte Leo, als die Frau wieder verschwunden war.

„Nein, sie muss neu sein.“ Zum Glück, fügte Harriet in Gedanken hinzu, als Leo sie in ein Zimmer führte, das Rosa ihr bis in alle Einzelheiten beschrieben hatte. So kamen ihr die vielen Gemälde, die Spiegel mit den Goldrahmen und die fein geschnitzten Möbel gleich bekannt vor. Sie setzte sich auf ein rosa Samtsofa und wartete nervös auf die Begegnung mit der Signora. Aber wenn Leo nicht gemerkt hatte, dass sie Harriet war und nicht Rosa, dann würde es der restlichen Familie vielleicht auch verborgen bleiben.

Rosa hatte sie sehr gut auf die Rolle vorbereitet und war viele Fotos und Briefe mit ihr durchgegangen, um sie mit der Familie vertraut zu machen. Harriet hatte sich eifrig Notizen gemacht, die sie sich gewissenhaft jeden Abend im Bett durchgelesen hatte, bevor sie das Licht löschte.

„Du bist so ruhig, Rosa“, sagte Leo und ließ lässig den Blick über sie gleiten, als er sich einen Sessel heranzog. „Ich finde, du hast dich verändert. Du bist schlanker geworden, und dein Haar ist jetzt lockig.“

„Ja, ich habe einen guten Friseur“, antwortete sie gelassen, denn auf diesen Kommentar war sie vorbereitet gewesen. „Gefällt es dir?“

„Du weißt selbst, dass du eine Schönheit bist, Rosa.“

Harriet konnte seinem kühlen, abschätzenden Blick nicht standhalten und sah erst wieder auf, als Silvia Kaffee und Kekse brachte, bevor sie schnell wieder in der Küche verschwand, um den anderen Frauen bei den Vorbereitungen zum Festessen am nächsten Tag zu helfen.

„Deinen leichten, charmanten Akzent hatte ich ganz vergessen, Rosa“, sagte er und beobachtete Harriet, als sie Kaffee einschenkte.

Rosa hatte ihr erzählt, dass Leo seinen Kaffee schwarz trank. Trotzdem bot Harriet ihm Sahne an. „Seit meiner Verbannung hatte ich wenig Gelegenheit, Italienisch zu sprechen, außer in meinem Job.“ Und das stimmte ja auch.

„Du hast also vergessen, dass ich meinen Kaffee ohne Milch, aber mit Zucker trinke“, erklärte Leo und zog fragend eine Augenbraue hoch. „Was hast du noch vergessen, Rosa?“

„So viel ich konnte“, antwortete sie scharf. „Möchtest du einen Keks?“

Leo schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück, wobei er sie keine Sekunde lang aus den Augen ließ. „Wie gefällt dir die Arbeit im Hermitage?“

„Besser, als ich anfangs gedacht hätte.“ So hatte Rosa sich ausgedrückt.

„Damals hattest du andere Ziele.“

„Spielst du auf eine Karriere als Mannequin an?“ Harriet zuckte die Schultern. „Ach, das waren nur die typischen Träume eines Teenagers. Darüber bin ich inzwischen längst hinweg. Und zwar über alle“, fügte sie vielsagend hinzu.

„Wirklich?“ Er sah sie forschend an. „Du warst damals schon hübsch genug für diesen Beruf, und jetzt bist du noch schöner.“ Genießerisch ließ er den Blick über ihre makellose Figur gleiten.

Harriet wandte sich ab, um sich noch eine Tasse Kaffee einzuschenken, und wünschte, Leo Fortinari würde endlich verschwinden. Hatte er denn gar nichts in den Weinbergen zu tun, die, wie sie von Rosa erfahren hatte, einige Kilometer von der Villa Castiglione entfernt lagen? Sie überspielte ihre Verärgerung und fragte höflich: „Wie geht es Mirella und Dante?“

„Dante ist meine rechte Hand, seit Vater sich aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hat. Und Mirella ist verheiratet und erwartet ihr erstes Kind.“ Leo stellte die leere Tasse aufs Tablett. „Bei Tonys Frau scheint es ja auch bald so weit zu sein.“

Harriet nickte. „Ja, wir rechnen jetzt jeden Tag mit der Geburt. Deshalb können sie auch nicht zu Nonnas Geburtstag kommen.“

„Hoffentlich geht alles gut. Mirella erfreut sich jedenfalls bester Gesundheit. Du bist nicht zu ihrer Hochzeit gekommen“, fügte er vorwurfsvoll hinzu.

Jetzt stellt er mich schon wieder auf die Probe, dachte Harriet ärgerlich. „Aus gutem Grund.“ Sie hielt seinem Blick stand, bis Leo wegsah.

„Hattest du Angst herzukommen?“

„So kann man es auch nennen.“

„Wärst du gekommen, wenn Nonna dich persönlich eingeladen hätte?“ Er sah sie gespannt an. „Oder hast du dich vor dem Wiedersehen mit deinen alten Freunden gefürchtet?“

„Hör auf, das Kind zu tyrannisieren!“, befahl eine herrische Stimme.

Leo stand auf, und Harriet folgte schnell seinem Beispiel. Die Dame, die auf sie zukam, trug ein ausgezeichnet sitzendes marineblaues Leinenkostüm. Das dunkle Haar war von Silberfäden durchzogen und perfekt frisiert, das Gesicht gekonnt zurechtgemacht. Die Jahre schienen fast spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Harriet sah ihr schweigend und nervös entgegen.

In Vittoria Fortinaris Augen schimmerten Tränen, als sie Harriet in die Arme schloss. „Rosa“, sagte sie mit bebender Stimme. „Wie schön du bist!“ Mit einem Taschentuch trocknete sie sich die Tränen. „Ach, ich darf nicht weinen. Das würde mein Make-up sehr übel nehmen.“ Sie lächelte so schalkhaft, dass Harriet ihr Lächeln unwillkürlich erwiderte.

Signora Fortinari setzte sich aufs Sofa und zog Harriet neben sich, bevor sie Leo zulächelte, der sie beide mit einem forschenden Blick ansah, der Harriet langsam unangenehm wurde. „Vielen Dank, dass du Rosa zu mir gebracht hast, Leo.“

Leo Fortinari verbeugte sich höflich. Er hatte die Aufforderung seiner Großmutter, sich nun zu verabschieden, sehr wohl verstanden. „Da ich meinen Zweck nun erfüllt habe, Nonna, werde ich nach Fortino zurückkehren.“

„Nun habe ich dich beleidigt. Komm doch zum Abendessen wieder, Leo“, fügte sie hinzu, sehr zu Harriets Missfallen.

Leo hatte es sofort bemerkt und lächelte sarkastisch. „Gern, falls Rosa nichts dagegen hat.“

„Ich würde mich sehr freuen“, log Harriet.

„Also abgemacht.“ Vittoria lächelte herzlich. „Bring Dante mit, Leo. Er wird es kaum erwarten können, Rosa wiederzusehen.“

Harriet entspannte sich etwas. Dante war in Kalifornien gewesen, als Rosa in Ungnade gefallen war.

„Wie du wünschst, Nonna.“ Leo gab seiner Großmutter einen Handkuss und fügte besorgt hinzu: „Eigentlich wäre es besser, wenn du dich heute Abend ausruhen würdest. Der morgige Tag wird sehr anstrengend für dich.“

„Die Entscheidung musst du schon mir überlassen, Leonardo“, sagte sie sanft.

Leo machte eine resignierte Handbewegung, verabschiedete sich und verließ das Zimmer.

„So“, sagte Signora Fortinari zufrieden. „Und nun möchte ich alles über dich wissen, mein Kind.“

„Zuerst möchte ich mich bei dir entschuldigen.“ Harriet hielt sich genau an Rosas Instruktionen. „Ich hätte das schon längst tun sollen, Nonna. Es tut mir wirklich sehr leid, was geschehen ist.“

„Und mir tut es leid, dass ich nicht verständnisvoller war“, antwortete Vittoria ernst und nahm Harriets Hand. „Wir wollen nicht mehr davon sprechen. Du bist hier, und das allein zählt. Mit dem Stolz ist das so eine Sache, Rosa. Er hat einer Aussprache mit deinem Vater im Weg gestanden. Und ich hätte auch nicht auf Leo hören sollen. Er hat mir davon abgeraten, dich wiederzusehen, weil er befürchtete, die alten Wunden könnten wieder aufgerissen werden. Aber er hat sich geirrt. Das Leben ist zu kurz für solche Dummheiten.“

Harriet nickte ernst, als sie an Rosas Eltern dachte.

„Du hast das am eigenen Leib erfahren, Kind.“ Einen Moment lang wirkte Vittoria Fortinari so alt, wie sie tatsächlich war, doch dann riss sie sich zusammen und rang sich ein Lächeln ab. „Nun erzähl doch mal, ob du ein hübsches Kleid für das Fest morgen mitgebracht hast, Rosa.“

Harriet gestand, dass sie eine ganze Auswahl mitgebracht hatte. Rosa hatte ihr wunderschöne Designerkleider geliehen, die sie nur einmal getragen hatte.

Nachdem Harriet die alte Dame über Rosa Mostyns gegenwärtiges Leben informiert hatte, ohne dabei Pascal Tavernier zu erwähnen, berichtete sie, dass es Allegra Mostyn gegen Ende der Schwangerschaft schlecht gehe.

„Tony treibt uns mit seiner Besorgnis alle in den Wahnsinn, Allegra eingeschlossen“, erzählte Harriet.

„Es ist ein Segen, dass nicht die Männer die Kinder zur Welt bringen müssen“, sagte Vittoria trocken. „Sonst wäre die Menschheit schon lange ausgestorben.“

Harriet lachte und musste gleich darauf ein Gähnen unterdrücken. Signora Fortinari drückte ihr liebevoll die Hand.

„Silvia hat das Gepäck schon auf dein Zimmer gebracht. Geh hinauf, nimm ein Bad, und ruh dich vor dem Abendessen aus, Kind. Du siehst müde aus. Ich werde in die Küche gehen und die anderen bei den Vorbereitungen für morgen stören. Wir werden uns heute Abend mit kalten Gerichten begnügen müssen.“

„Ich freue mich darauf“, versicherte Harriet und begleitete die Signora durch die Eingangshalle. Die flachen, ausgetretenen Stufen der Treppe führten zu einer Galerie, die auf drei Seiten über dem Säulengang im Renaissancestil verlief.

„Ich habe dich in deinem alten Zimmer unterbringen lassen, meine Liebe“, sagte Vittoria und küsste Harriet auf die Wange. „Versuch, ein wenig zu schlafen. Wir essen um acht Uhr.“

Harriet, die den freundlichen Blick der Signora im Rücken spürte, ging langsam die Treppe hinauf und hoffte, das richtige Zimmer zu finden. Sie hatte sich den Grundriss des Hauses genau eingeprägt. Oben auf der Galerie wandte sie sich nach links, ging an zwei Türen vorbei und fand hinter der dritten, offen stehenden Rosas Gepäck am Fußende eines geschnitzten Holzbetts vor. Das Zimmer war genau so, wie Rosa es beschrieben hatte. Harriet machte die Tür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Erst jetzt wagte sie es, erleichtert aufzuatmen. Zwei Hürden hatte sie genommen. Es fehlten noch Dante und Mirella. Doch Leos jüngere Geschwister würden sicher keinen Verdacht schöpfen. Nur Leo machte einen recht misstrauischen Eindruck. Harriet ärgerte sich, weil sie ihr Missfallen über die Einladung seiner Großmutter zum Abendessen nicht verborgen hatte, und nahm sich vor, in seiner Nähe zukünftig auf der Hut zu sein. Er konnte ihr als Einziger gefährlich werden.

Rosa hatte ihr geraten, Leo Fortinari kühl und abweisend zu behandeln, wie sie es selbst getan hätte. Wäre Rosa doch nur selbst hergekommen, dachte Harriet und schloss sich im Badezimmer ein. Mit Rosas Handy rief sie ihre Mutter an, um ihr einen kurzen Bericht zu geben. Claire versprach, es Rosa zu erzählen.

Nach einem entspannenden Bad und einer Ruhepause im Bett fühlte Harriet sich gleich viel besser. Sie hatte sich einen Morgenmantel übergezogen und sah, ungestört von feindseligen Männerblicken, aus dem Fenster. Als sie vor Jahren einen Sprachkurs in Siena besucht hatte, hatte sie sich auf den ersten Blick in Italien verliebt. Der Ausblick von der Villa Castiglione weckte diese leidenschaftliche Liebe erneut. Die sanften Hügel leuchteten violett im Licht der untergehenden Sonne. Das Dorf im Vordergrund wirkte wie ein einziges Meer aus umbrabraunen Hauswänden und zimtfarbenen Dächern, das um eine Kirche mit hohem Turm wogte. Entzückt lauschte Harriet dem Glockenläuten, das gerade einsetzte, und atmete entspannt die würzige Luft der Toskana ein.

Schließlich war es so dunkel geworden, dass Harriet nichts mehr sehen konnte. Sie schloss das Fenster, knipste das Licht an und ging zum Kleiderschrank, um sich etwas Passendes zum Anziehen herauszusuchen. Während sie sich eher schlicht und elegant kleidete, bevorzugte Rosa ausgefallene, auffällige Mode. Harriet entschied sich nach kurzer Überlegung für ein topasfarbenes Kleid aus hauchdünner Wolle, das wie eine zweite Haut saß. Um seine Wirkung etwas abzuschwächen, zog sie die dazugehörige Jacke über. Anschließend benutzte sie Rosas Kosmetika, um sich zurechtzumachen, wobei sie Rosas Anweisungen zur Betonung der Augen genau befolgte. Nachdem sie bronzefarbene hochhackige Pumps angezogen hatte, betrachtete sie zufrieden ihr Spiegelbild. Rosas schwerer, mit Perlen besetzter Goldring blitzte auf.

Harriet machte sich auf den Weg nach unten, riskierte einen Blick ins Speisezimmer, wo der Tisch schon festlich gedeckt war, und durchquerte die Eingangshalle. Im Wohnzimmer thronte Rosas Großmutter auf dem rubinroten Samtsofa. Auf einem Beistelltisch daneben stand ein Tablett mit Getränken.

„Du bist aber elegant, Rosa“, rief sie.

Harriet beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Das Kompliment kann ich nur zurückgeben, Nonna.“

„Schenk dir ein Glas Wein ein, und setz dich zu mir, während wir warten. Erzähl mir von Tony und seiner Frau. Magst du sie?“

Harriet berichtete, was sie von den beiden ihr unbekannten Personen wusste. Wie sehr sie sich auf das erste Baby freuen würden, wie aufgeregt sie seien und so weiter. Zwischendurch knabberte sie an einer Gebäckstange und trank einen Schluck Mineralwasser. Den Fortinari-Wein rührte sie lieber nicht an, weil sie fürchtete, dieser könnte sie dazu verführen, etwas Unbedachtes zu sagen, und sie musste doch auf der Hut sein.

„Du bist hungrig, Kind. Du hättest Silvia bitten sollen, dir etwas zu essen zu bringen“, sagte Vittoria.

„Vorhin hatte ich keinen Appetit.“ Harriet nahm sich noch eine Käsestange. „Und im Flugzeug bringe ich einfach nichts hinunter. Ich fliege nicht gern.“

„Wirklich nicht, Liebes?“ Vittoria Fortinari wirkte überrascht. „Als Kind konntest du vom Fliegen gar nicht genug bekommen.“

Mein erster Schnitzer, dachte Harriet besorgt und erwiderte: „Das hat sich geändert.“ Dann verstummte sie erstaunt, denn in den Augen der alten Dame schimmerten plötzlich Tränen.

„Entschuldige bitte, Rosa“, sagte Vittoria heiser und trocknete sich die Tränen. „Natürlich ist dir die Freude am Fliegen vergangen.“

Harriet nahm sie unwillkürlich in die Arme, und sie hielten einander fest und bereuten – aus unterschiedlichen Beweggründen –, das Thema Fliegen angesprochen zu haben.

„Guten Abend.“

Harriet löste sich behutsam aus der tröstlichen Umarmung und sah auf. Leonardo Fortinari kam auf sie zu. Auch in Freizeitkleidung – beige Hose, hellbeiges Leinenjackett und dazu passendes Hemd – wirkte er sehr beeindruckend. Langsam ließ er den Blick über sie gleiten und blickte ihr schließlich in die Augen.

„Ich gebe zu, dass Rosa heute Abend wunderschön aussieht, aber das ist noch lange kein Grund, sie anzustarren.“ Signora Fortinari maß ihren Enkel mit tadelndem Blick. „Du kommst zu spät – und wo ist eigentlich Dante?“

Es fiel Leo sichtlich schwer, den Blick von ihr, Harriet, zu lösen und sich seiner Großmutter zuzuwenden. „Verzeih, Nonna. Dante lässt sich entschuldigen“, sagte er und küsste sie flüchtig. „Er ist in Arezzo aufgehalten worden und kommt erst sehr spät nach Hause. Aber er hat versprochen, morgen Abend als Erster hier zu sein.“ Er wandte sich Harriet zu. „Es scheint dir sehr gut getan zu haben, dich etwas auszuruhen, Rosa.“

„Ja, danke“, antwortete sie gelassen.

„Aber sie ist hungrig“, verkündete Vittoria und läutete mit einer kleinen Silberglocke, die neben ihr auf dem Tisch gestanden hatte. „Wir wollen gleich zu Tisch gehen.“

Dankbar ließ Harriet sich den ersten Gang servieren, der aus Nudeln mit pikanter Hacksauce bestand.

„Das war doch immer dein Lieblingsessen“, sagte Vittoria Fortinari, die zufrieden beobachtete, mit welchem Appetit sie sich die Vorspeise schmecken ließ.

„Es ist erstaunlich, dass du so schlank bist“, bemerkte Leo mit einem Blick auf ihren schnell leerer werdenden Teller.

„Ich arbeite eben hart“, antwortete Harriet. Und das tat Rosa auch, trotz ihres Reichtums.

„Tony beschäftigt dich wohl Tag und Nacht im Hotel, oder?“, fragte Leo und beugte sich vor, um ihr Wasserglas zu füllen.

Harriet, die Vittoria Fortinaris Blick auf sich spürte, sah auf. „Aber nein. Ich arbeite eigenverantwortlich. Als meine Eltern gestorben sind, habe ich ja eine ansehnliche Summe geerbt, wie ihr sicher wisst. Ich arbeite freiwillig im Familienunternehmen mit. Zurzeit kümmere ich mich um unser Landhotel, das Hermitage, und um das Chesterton in Pennington, um Tony zu entlasten, damit er ganz für Allegra da sein kann.“

Signora Fortinari nickte anerkennend. „Tony hat mir geschrieben, wie dankbar er dafür ist.“

Leo schüttelte gespielt ungläubig den Kopf. „Es ist kaum zu fassen, dass die wilde kleine Rosa sich zu einer verantwortungsbewussten Frau entwickelt hat.“

Seine Großmutter bedachte ihn mit einem kühlen Blick. „Es wird Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen, Leonardo“, sagte sie streng. „Wir wollen die Gegenwart genießen – solange es mir noch vergönnt ist“, fügte sie hinzu und fasste sich mit dramatischer Geste ans Herz.

„Ach Nonna, du wirst mindestens hundert Jahre alt“, versicherte er, beherzigte jedoch ihre Mahnung und begegnete der verlorenen Enkelin von nun an weniger feindselig.

Er scheint sich noch immer über Rosas Eskapaden als Teenager zu ärgern, dachte Harriet, als die leeren Teller abgeräumt wurden. Leo schnitt ihnen beiden dünne Scheiben vom Schinken ab und füllte ihnen Salat aus Käse, reifen Tomaten, Basilikum und Olivenöl auf. Harriet bedankte sich höflich und lauschte interessiert seinem Bericht über den neuesten Fortinari Chianti Classico.

„Ist das der Wein, den wir gerade trinken?“, fragte sie.

Leo zog die Augenbrauen hoch. „Aber nein! Dieser ist von 1997. Der beste Jahrgang seit fünfzig Jahren. Nonna hat die Flasche dir zu Ehren geöffnet.“

Sie lächelte und hoffte, er würde das Thema wechseln. Im Gegensatz zu Rosa verstand sie herzlich wenig von italienischem Wein.

„Aus Wein hast du dir noch nie viel gemacht, Liebes“, sagte Vittoria zu Harriets Verblüffung. „So habe ich es jedenfalls in Erinnerung. Aber vielleicht hat sich das seit deinem siebzehnten Geburtstag auch geändert.“

Harriet schüttelte den Kopf. Auch mit sechsundzwanzig trank sie kaum Wein, denn den konnten sie sich nur selten leisten.

„Dann hilfst du jetzt also bei der Leitung des Mostyn-Imperiums mit, Rosa“, sagte Leo und lehnte sich zurück.

Harriet war müde geworden und konnte sich kaum noch konzentrieren. Sie sprach zwar fließend Italienisch, doch es war sehr anstrengend, sich den ganzen Abend lang in einer Fremdsprache zu unterhalten und gleichzeitig daran zu denken, dass sie in Rosas Rolle geschlüpft war. „Zwei Hotels kann man wohl kaum als Imperium bezeichnen“, gab sie zu bedenken.

„Stimmt. Aber das Geschäft läuft gut, und Besucher aus dem Ausland schätzen sie wegen ihrer luxuriösen Ausstattung. Vielleicht sollte ich auch einmal im Hermitage absteigen, um die Gastfreundschaft der Mostyns zu genießen.“

„Jederzeit“, ermunterte Harriet ihn, wohl wissend, dass die richtige Rosa Mostyn dann das Vergnügen hätte, sich mit ihm zu beschäftigen. So erhebend fand sie diese Vorstellung jedoch gar nicht. Aber die Empfindung verdrängte sie schnell.

Signora Fortinari wies Silvia an, den Kaffee im Salon zu servieren. „Rosa hat ein hinreißendes Kleid für meine Party mitgebracht“, verriet sie Leo, als er ihr vom Stuhl half.

„Fantastischer als heute Abend wird sie kaum aussehen können“, antwortete er und warf Harriet einen feurigen Blick zu, der sie erschauern ließ.

„Das ist wahr“, stimmte seine Großmutter ihm zu. „Aber morgen ist ein ganz besonderer Anlass.“

„Und deshalb habe ich zwei Kleider mitgebracht.“ Harriet war es gelungen, den Blick von Leo abzuwenden. „Nonna darf sich aussuchen, welches ich tragen soll.“

Nach dem Essen nahmen sie den Kaffee im Salon ein, dessen Deckenmalerei Engel zeigte.

„Die haben dir doch immer besonders gut gefallen“, bemerkte Leo beiläufig, als er Harriets Blick bemerkte. „Du hattest sogar einen Lieblingsengel.“

„Den Trompeter, der seinem Freund ins Ohr bläst“, antwortete Harriet, die froh war, dass Rosa sie so gut auf ihre Rolle vorbereitet hatte.

„Du siehst müde aus, Liebes“, meinte Signora Fortinari liebevoll. „Trink deinen Kaffee aus, und geh ins Bett, damit du morgen frisch und ausgeruht zu meiner Feier kommen kannst.“

„Signora?“ Silvia hatte den Salon betreten. „Könnten Sie bitte kommen?“

„Noch eine Krise“, sagte die Dame des Hauses seufzend und ließ sich von Leo aus dem Sessel helfen.

„Ich kümmere mich solange um Rosa“, versprach er.

Harriet vernahm es mit gemischten Gefühlen. Hoffentlich ist das Problem in der Küche schnell gelöst, bevor Rosas Cousin mir doch noch auf die Schliche kommt, dachte sie.

„Wollen wir auf die Loggia gehen?“, schlug Leo vor. „Sogar der Mond leistet Nonnas Wunsch nach einem perfekten Geburtstag Folge.“

Harriet nickte und ging mit ihm hinaus. Auf der Loggia stützte sie sich auf die Balustrade und genoss den Ausblick über die sanfte Hügellandschaft im Mondlicht. Leichte Nebelschleier hüllten das Dorf ein und verliehen ihm ein fast unwirkliches Aussehen.

„Ich hatte ganz vergessen, wie schön es hier ist“, sagte sie leise.

„Und ich hatte vergessen, wie schön du bist, Rosa“, erwiderte Leo sanft, während er bewundernd ihr Profil betrachtete. „Du hast dich sehr verändert. Ich kann kaum glauben, dass du mir – und nicht nur mir – früher solche Probleme bereitet hast.“

„Ich war sehr jung, Leo. Du hast recht, ich habe mich verändert.“ Sie lächelte verstohlen über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. „Das ist doch gut so, oder?“

„Sehr gut“, sagte er rau und kam näher. „So gut, dass es jetzt an der Zeit ist, uns zum Zeichen unserer Freundschaft zu küssen.“

3. KAPITEL

Rosa hatte nur sehr vage angedeutet, welche Probleme sie mit Leo Fortinari gehabt hatte, aber Harriet hielt es für möglich, dass Küsse dabei eine Rolle gespielt haben könnten. Sie wich zurück, weil sie vermeiden wollte, dass Rosa – oder sie – noch mehr Probleme bekam.

„Bist du anderer Meinung?“, fragte Leo einschmeichelnd und bemerkte sofort, wie sie darauf reagierte. Sie atmete schneller, ihre Brüste hoben und senkten sich, und ihr wurde heiß.

Schnell wandte sie sich ab. „Lass diese Spielchen, Leo“, sagte sie abweisend. „Ich bin nicht mehr siebzehn.“

„Nein, das bist du nicht“, flüsterte er und stellte sich hinter sie.

Harriet versuchte verzweifelt, gelassen zu bleiben, doch seine Körperwärme ging ihr durch und durch, und sie spürte seinen heißen Atem im Nacken, als Leo die Hände links und rechts von ihr auf die Balustrade stützte.

„Nonna hat recht“, sagte er, den Mund an ihrem Haar. „Es wird Zeit, die Vergangenheit zu vergessen. Die Gegenwart ist viel interessanter, Rosa.“

Sie zuckte zusammen, als er von hinten ihre Brüste umfasste und sie seine heißen Lippen im Nacken spürte. Reglos blieb sie stehen, hielt sich an der Balustrade fest und versuchte, das Feuer zu ignorieren, das er durch seine Liebkosungen bei ihr entfacht hatte. Ganz ruhig, dachte sie verzweifelt, und es gelang ihr mit schier übermenschlicher Anstrengung, sich gelassen zu geben, obwohl sie sich mit ihrem ganzen Körper danach sehnte, sich umzudrehen, sich an Leo Fortinari zu schmiegen und ihm den Mund zum Kuss zu bieten.

Es erschien ihr wie eine Ewigkeit, bis Leo ihre Botschaft endlich verstand. Schließlich wich er zurück, atmete tief durch und lehnte sich an eine Säule, die Arme verschränkt. Aus den Augenwinkeln konnte Harriet sehen, dass er ins Tal hinuntersah. Im Mondlicht wirkte sein Profil wie gemeißelt.

„Früher hast du dich nach meinen Liebkosungen gesehnt, Rosa“, sagte er schroff.

So ist es jetzt auch, dachte Harriet. Und diese Erkenntnis nahm ihr den Atem.

„Damals warst du sehr charmant“, fuhr er fort, als würden sie übers Wetter sprechen. „Und du hast damit gedroht, dir etwas anzutun, wenn ich dich zurückweisen sollte.“

„Das war seelische Erpressung. Meine Hormone haben damals verrückt gespielt. Du siehst ja, dass ich meine Drohung nicht wahr gemacht habe.“

„Ja, und dafür sind wir dir alle sehr dankbar, Rosa.“

„Wirklich?“

Leo lächelte. „Jetzt würde ich deinem Charme sicher erliegen.“

Bei der Vorstellung erschauerte Harriet.

„Ist dir kalt?“, fragte Leo sofort besorgt. „Hier, nimm mein Jackett.“

„Nein.“ Sie wandte sich schnell der Balkontür zu. „Lass uns wieder hineingehen.“

Im Salon hatte sie sich wieder so weit gefangen, dass sie Leo höflich zulächeln konnte, als sie sich aufs Sofa setzte. „Kenne ich alle Gäste, die morgen zum Fest kommen?“, fragte sie. Rosa hatte ihr eine Liste möglicher Gäste aufgeschrieben und ihr erzählt, wer die Leute waren und was sie machten. Und nun wartete Harriet gespannt, welche Informationen Leo ihr geben würde.

„Eigentlich kommt nur die Familie. Und Nonna hat natürlich ihre Freunde eingeladen. Warum fragst du? Hast du Angst, du könntest dich langweilen?“, erkundigte er sich scharf.

Sie schüttelte den Kopf und war sehr darauf bedacht, freundlich zu bleiben. „Nein, aber ich war schon so lange nicht mehr hier und fürchte, nicht alle wiederzuerkennen.“

Leo bedachte sie mit einem aufreizenden Lächeln. „Keine Angst, Cousinchen, ich werde die ganze Zeit an deiner Seite bleiben und dir Stichworte zuflüstern.“

„Bravo“, sagte Signora Fortinari, die in diesem Moment zurückgekehrt war. „Es freut mich, dass ihr wieder Freunde seid.“

„Für dich würde ich alles tun, Nonna“, behauptete Leo charmant. „Jetzt muss ich mich aber verabschieden. Ich habe noch einiges zu erledigen, bevor ich mein einsames Bett aufsuche.“

Seine Großmutter küsste ihn auf die Wange. „Versuch, zur Abwechslung einmal früher ins Bett zu kommen, mein Lieber.“

Er lachte zärtlich und tätschelte ihr die Hand. „Keine Angst, Nonna. Ich sorge dafür, dass Dante, Mirella und Franco morgen alle rechtzeitig hier sein werden.“

„Wie schade, dass deine Eltern in Kalifornien sind“, meinte die Signora seufzend. „Aber ich habe ihnen ausdrücklich untersagt, meinetwegen den Urlaub abzubrechen.“ Sie lächelte plötzlich. „Ich habe ja jetzt Rosa bei mir.“

„Ja, und darüber sind wir alle sehr glücklich“, antwortete Leo charmant. „Gute Nacht, Rosa. Wir sehen uns morgen.“

Harriet blickte ihn starr an. Im ersten Moment befürchtete sie, er würde sie küssen. Doch er hob ihre Hand an die Lippen, sah ihr in die Augen und berührte ihre Hand mit der Zunge.

Sofort zog Harriet, die errötet war, die Hand weg und wünschte ihm heiser eine gute Nacht.

Sein Blick spiegelte Triumph wider, und Leo verneigte sich höflich. Dann wandte er sich ab, umarmte seine Großmutter und verließ das Haus.

Glücklich wandte Vittoria Fortinari sich ihr zu. „Wie wäre es mit einem Schlummertrunk, Liebes?“

Es dauerte lange, bis Harriet an diesem Abend einschlafen konnte. Mit dem ungewohnten Bett oder der Befürchtung, man könnte herausfinden, dass sie nicht Rosa war, hatte es allerdings nichts zu tun, sondern allein mit Leo Fortinari. Aus irgendeinem Grund war sie sicher gewesen, dass sie ebenso feindselig auf ihn reagieren würde, wie Rosa es getan hatte. Dass er sie magisch anziehen könnte, war ihr nicht im Traum eingefallen. Nur mit größter Mühe war es ihr vorhin auf der Loggia gelungen, Leos erregenden Liebkosungen zu widerstehen. Harriet erschauerte, und ihr Gesicht brannte, als sie spürte, wie ihre festen Knospen sich unter Rosas Seidennachthemd abzeichneten.

Wenn er mich auf den Mund geküsst hätte, dachte sie, warf sich verzweifelt herum und barg das erhitzte Gesicht im Kopfkissen.

Was mag Leonardo Fortinari vorhaben? überlegte sie. Rosa hatte ihr erzählt, erst auf sein Betreiben hin hätte man sie damals verbannt. Und bis zu dem kleinen Intermezzo auf der Loggia war er ja auch eher feindselig gewesen. Deshalb war sie, Harriet, besonders schockiert gewesen, als er plötzlich mit seinen Liebesbeweisen begonnen hatte.

Ihre Hauptsorge galt nicht den Partygästen, die eventuell misstrauisch werden könnten, sondern der Tatsache, dass Leo versprochen – beziehungsweise damit gedroht – hatte, den ganzen Abend in ihrer, Harriets, Nähe zu bleiben, um ihr auf die Sprünge zu helfen, falls sie sich nicht an jeden Namen erinnern konnte. Die Aussicht allein hielt sie wach.

Irgendwann musste sie dann doch eingeschlafen sein. Die Sonne schien in ihr Zimmer, als Harriet am nächsten Morgen aufwachte.

Da es noch etwas kühl war, zog sie eine Bluse, einen Pullover und Jeans von Rosa an und ging nach unten. Hinter dem Rücken hielt sie eine große Einkaufstasche versteckt. In der Eingangshalle begegnete sie Silvia, die mit einem Frühstückstablett auf dem Weg zum Salon war.

„Guten Morgen. Die Signora kommt auch gleich“, sagte die untersetzte Frau außer Atem und stellte das Tablett ab. „Sie hat angeordnet, dass heute im Salon gefrühstückt wird, weil das Speisezimmer schon für heute Abend hergerichtet wird.“

„Kann ich etwas helfen?“, fragte Harriet und versteckte die Tasche hinter einem Sessel im Salon.

Silvia musterte sie verwundert. „Aber die Signora …“

„Ich helfe gern“, sagte Harriet bestimmt.

„Und wobei?“, fragte Vittoria Fortinari, die in diesem Moment ins Zimmer eilte. „Guten Morgen, Liebes. Sie können den Kaffee bringen, Silvia. Danke.“

„Guten Morgen und alles, alles Gute zum Geburtstag“, sagte Harriet und küsste Rosas Großmutter liebevoll auf die Wange, was sie überhaupt keine Überwindung kostete. Ihre Großmutter hätte sie, ärgerlich über so einen Gefühlsausbruch, weggestoßen.

„Danke, Rosa.“ Vittoria strahlte so glücklich, dass Harriet alle Skrupel wegen der Maskerade verdrängte und beschloss, ihr einen wunderschönen Tag zu bereiten.

Sie hielten die Frühstücksteller auf dem Schoß, was der alten Dame Spaß machte, weil es für sie etwas Neues war. Es gab Melonenscheiben und frische Brötchen aus der Dorfbäckerei. Dazu tranken sie Kaffee, den Silvia inzwischen gebracht hatte.

Harriet brachte das Gespräch aufs Tischdecken und erwähnte ihr Geschick beim Serviettenfalten. Vittoria dachte, Rosa hätte es bei ihrer Ausbildung im Hermitage gelernt, doch Harriet hatte sich diese Fähigkeiten angeeignet, als sie während der Semesterferien in verschiedenen Restaurants gearbeitet hatte.

„Ich würde wirklich gern helfen“, sagte Harriet, die hoffte, so etwas für Rosas Ansehen tun zu können.

„Gut, dann nehme ich dich beim Wort“, antwortete die Signora erfreut. „Ich bin selbst ganz gut im Tischdecken, aber du bist sicher viel geschickter. Ich bin gespannt, wie du die Servietten zu Blüten faltest.“

Nachdem Silvia mit den Resten des Frühstücks den Salon verlassen hatte, zog Harriet die Tasche hervor, die sie hinter ihrem Sessel versteckt hatte, und überreichte sie Signora Fortinari feierlich. „Nochmals herzlichen Glückwunsch, Nonna.“

Signora Fortinari freute sich wie ein kleines Mädchen über die vielen Päckchen, die sie aus der Tasche nahm. Harriet, die wusste, wie viel Zeit und Mühe Rosa darauf verwendet hatte, passende Geschenke für ihre Großmutter zu finden, beobachtete gespannt, wie Vittoria eine Schachtel auspackte, den Deckel hob und hineinsah. Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie mit zittrigen Händen ein Foto in einem Silberrahmen herausnahm. Das Bild zeigte ihre Tochter und ihren Schwiegersohn Arm in Arm und war einen Monat vor dem Flugzeugabsturz aufgenommen worden.

Rosa hatte die Aufnahme am Hochzeitstag ihrer Eltern gemacht. Die Familie hatte bei einem Picknick am Strand viel Spaß gehabt, und das Ehepaar hatte fröhlich in die Kamera gelächelt.

Harriet kam sich einen Moment lang wie eine Außenseiterin vor, dann riss sie sich zusammen und spielte wieder ihre Rolle. „Ich dachte, du würdest sie so am liebsten in Erinnerung behalten. Hoffentlich bist du nun nicht traurig.“

Rosas Großmutter legte behutsam das gerahmte Foto auf den Tisch. Dann umarmte sie sie herzlich und gab ihr einen Kuss. „Das war sehr einfühlsam von dir, Rosa. Vielen, vielen Dank, mein Liebes.“

„Nun musst du aber die anderen Geschenke aufmachen. Eins ist noch von mir, die anderen sind von Tony und Allegra.“

Bei dem anderen Geschenk von Rosa handelte es sich um ein rosafarbenes Kaschmirtwinset. Signora Fortinari probierte die Jacke sofort an, die genau ihre Größe hatte. Sie behielt sie gleich an, als sie Tonys Geschenk auswickelte – mit Blattgold überzogene Fotorahmen, die für Aufnahmen des Mostyn-Stammhalters gedacht waren.

„Wissen sie denn schon, dass es ein Junge wird?“, fragte die werdende Großmutter erstaunt.

„Ja, Nonna. Die moderne Technologie macht das möglich“, erklärte Harriet.

Von Allegra bekam die Signora ein edles Hautpflegeset. Rosa hatte erzählt, wie sehr Tony sich über dieses Geschenk für eine achtzigjährige Dame gewundert hatte. Das Geburtstagskind lachte herzlich, als Harriet es ihm berichtete.

„Männer! Allegra hat die richtige Wahl getroffen. Warum soll ich in meinem Alter darauf verzichten, meine Haut zu verwöhnen?“

Der Rest des Tages verging wie im Flug. Harriet erhielt Zutritt zu der riesigen Küche, wo sie von den zahlreichen Helferinnen wortreich und herzlich begrüßt wurde. Sie half dabei, das große Damasttischtuch auf den langen Esstisch zu legen, bevor sie begann, die dazu passenden Servietten zu Lilien und Rosenblüten zu falten, die sehr von Silvia und den anderen bewundert wurden. Teller und Besteck wurden an einem Ende der Tafel aufgebaut, damit Platz für die großen Platten blieb, die man für dieses Fest vorbereitet hatte.

Und als die ersten Blumensträuße für Signora Fortinari eintrafen, arrangierte Harriet sie stilvoll im Salon und in der Eingangshalle sowie als Tischschmuck im Speisezimmer.

Da es ein schöner, sonniger Tag war, wurde auf der Loggia zu Mittag gegessen. Harriet bestand darauf, es selbst zu servieren, da Silvia sowieso schon alle Hände voll zu tun hatte.

„Du hast dich wirklich sehr verändert, Rosa“, sagte Vittoria Fortinari und lächelte ihr zu.

„Ich bin nur erwachsen geworden“, erklärte Harriet ernst. Das war nur zu wahr und galt auch für Rosa. Beide waren sie als Teenager schwierig gewesen, und nun waren sie zu Frauen mit großem Verantwortungsbewusstsein gereift. Das hatten ihre Familien wohl kaum zu hoffen gewagt.

Harriet, die gerade Kaffee einschenken wollte, verharrte mitten in der Bewegung, als sie einen Motor auf der Serpentinenstraße zur Villa aufheulen hörte.

„Dante“, sagte die Signora – sehr zu Harriets Enttäuschung. Vittoria Fortinari strahlte, als ein rotes Motorrad durchs Tor raste und vor dem Treppenaufgang zum Haus bremste. Eine kleinere, jüngere und noch besser aussehende Ausgabe von Leo sprang hinunter und lief die Stufen herauf. Er verbeugte sich schwungvoll vor der Signora, nahm sie in die Arme und küsste sie herzlich auf die Wangen.

„Herzlichen Glückwunsch, Nonna“, sagte er. Seine Stimme war heller und melodischer als die seines Bruders. Mit offenkundiger Bewunderung wandte er sich Harriet zu. „Und das ist natürlich die berühmte Rosa.“

Harriet gewann langsam den Eindruck, dass Rosa sie nur sehr unzureichend über ihre Jugendsünden informiert hatte. Forschend ließ sie den Blick über den schlanken jungen Mann in der schwarzen Lederkleidung gleiten. Dann lächelte sie freundlich und reichte ihm die Hand. „Und das ist der berühmte Dante.“

Dante lachte entzückt, nahm ihre Hand und küsste sie auf die Wangen. „Du warst zehn Jahre alt, als wir uns zuletzt gesehen haben, Rosa. Und du hast ständig in irgendwelchen Schwierigkeiten gesteckt.“

„Das ist vorbei“, versicherte sie. Wenigstens wollte sie das Ihre dazu beitragen.

„Leo hat gesagt, ich solle bis heute Abend auf unser Wiedersehen warten, aber so lange wollte ich nicht warten. Ich wollte nämlich unbedingt sehen, ob du dich seit unserer letzten Begegnung gebessert hast, Rosa. Und das hast du tatsächlich. In jeder Hinsicht.“

„Vielen Dank“, antwortete Harriet trocken.

„Sei nicht so unverschämt, mein Junge!“ Doch seine Großmutter meinte es nicht so, denn sie lächelte ihm liebevoll zu. „Setz dich, und trink eine Tasse Kaffee mit uns.“

„Gleich.“ Zunächst kehrte er zu seinem Motorrad zurück, holte ein Paket aus der Satteltasche und sprang die Stufen wieder herauf. Vor seiner Großmutter ging er auf die Knie und sagte theatralisch, als er ihr das Paket reichte: „Für die Liebe meines Lebens.“

Die Signora tätschelte ihm gerührt die Wange, dann gab sie ihm einen Kuss und bedeutete ihm, sich zu Rosa zu setzen, während sie das Geschenk auswickelte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Gold Band 32" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen