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ROMANA GOLD BAND 31

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Erbin des Glücks

PROLOG

Es kam, als niemand damit gerechnet hatte – wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Vorstandssitzung der bedeutenden Bergbaugesellschaft „Titan“ verlief spannungsvoller als sonst. Sir Francis Forsyth, Vorsitzender der Gesellschaft und Oberhaupt der reichsten Großgrundbesitzerfamilie des Landes, zeigte zunehmenden Ärger über einige Bedenken, die sein Sohn Charles, ein Mann mittleren Alters und einziger Erbe, zum Ausdruck brachte.

Der auch mit siebzig immer noch auffallend attraktive Sir Francis kniff die blauen Augen zusammen und wandte sich in einem Ton an seinen unglücklichen Sohn, der die anderen Vorstandsmitglieder vor Entsetzen erschauern ließ, als würden sie Zeugen einer öffentlichen Hinrichtung. Charles mochte nicht übermäßig begabt sein, aber er wurde – da waren sich alle einig – von seinem übermächtigen Vater unnötig gequält. Der stechende Blick, mit dem Sir Francis schonungslos seine Verachtung ausdrückte, war ein deutliches Anzeichen dafür.

„Wann begreifst du endlich, dass du hier zu einer unerträglichen Belastung wirst?“, herrschte er seinen Sohn an. „Etwas anderes bist du nicht. Für Probleme findest du nie eine Lösung. Nimm dir ein Beispiel an mir, und mach keine so verrückten Vorschläge. Als Geschäftsmann wirst du doch wohl wissen, dass es auf Profit ankommt … und darauf, dass unsere Aktionäre zufrieden sind. Du hörst jedoch nicht auf …“ Er verstummte abrupt, denn es meldete sich jemand zu Wort, um den kreidebleichen Charles zu verteidigen. Er hatte eine angenehme Stimme und wirkte absolut souverän.

„Ja, Bryn?“ Sir Francis wandte sich gespielt geduldig an den Mann, der rechts neben ihm saß.

Bryn Macallan war der hochbegabte Enkel seines verstorbenen Geschäftspartners Sir Theodore Macallan, des Mitbegründers von „Titan“. Alle Vorstandsmitglieder waren sich in ihrer Meinung über Bryn einig. Auch Sir Francis bewunderte ihn – und fürchtete ihn zugleich. Bryn Macallan hatte sich schon früh einen glänzenden Ruf erworben. Es steckte einfach in ihm. Mehr noch, er machte es für Sir Francis immer schwieriger, die alleinige Machtstellung zu behaupten, die er sich seit dem Tod seines Partners angemaßt hatte.

Sir Theodore war vor einigen Jahren gestorben, und sein Enkel hatte es unverhohlen auf die Position des Topmanagers abgesehen, die er lieber früher als später eingenommen hätte. Dagegen konnte Sir Francis herzlich wenig tun. War das vielleicht die Strafe des Himmels?

„Einige Vorschläge von Charles erscheinen mir recht plausibel“, antwortete Bryn, ohne sich durch die Haltung des Vorsitzenden im Geringsten beeindrucken zu lassen. „Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Arbeitern. Der Sicherheitsbericht über Mount Garnet liegt vor. Wir hatten genug Zeit, ihn zu lesen.“ Er sah alle der Reihe nach an, um sich Bestätigung zu holen. „Ich würde gern selbst einige Bedenken vorbringen und zugleich darauf hinweisen, dass einige Veränderungen absolut notwendig sind. Die ganze Nation blickt auf uns. Wir sollten uns der großen Verantwortung voll bewusst sein.“

„Hört, hört!“ Einige Mitglieder spendeten lebhaften Beifall. Es waren die wichtigsten und einflussreichsten, was niemandem entging.

Bryn Macallan genoss mit Anfang dreißig bereits große Achtung. Sein Aussehen, seine Sprache und sein brillanter Verstand erinnerten alle nur zu gut an seinen verstorbenen, tief betrauerten Großvater. Bryn war der kommende Mann. Er ließ den armen Charles und jeden anderen, der vielleicht für die Spitzenposition infrage gekommen wäre, weit hinter sich. Die Aura, die ihn umgab, war einmalig.

Das spürte Sir Francis mehr als jeder andere. „Wir sind uns dieser Verantwortung bewusst“, sagte er gelassen, denn er ging davon aus, dass Bryns Empfehlungen praktikabler und für „Titan“ günstiger sein würden. „Deine Tipps sind von großem Interesse für uns, das gilt allerdings nicht für Charles’ dummes Geschwätz. Man könnte meinen, er hätte einen Schuldkomplex.“

Charles saß wie gelähmt da. „Warum tust du mir das an, Dad?“, fragte er im Ton eines gekränkten Kindes. „Ich höre nie ein ermutigendes Wort von dir.“

Sir Francis zeigte so wütend mit dem Finger auf ihn, dass alle Anwesenden zusammenzuckten. „Du brauchst keine Ermutigung“, wies er ihn scharf zurecht. „Warum siehst du nicht endlich ein …“ Er unterbrach sich, um Luft zu holen, und bekam einen heftigen Hustenanfall.

Bryn reagierte zuerst. „Holt Sanitäter!“, rief er und sprang von seinem Stuhl auf. „Schnell!“ Die Lage war ernst, das spürte er instinktiv. Doch bevor er eingreifen konnte, sackte Sir Francis in sich zusammen und glitt zu Boden. Sein Gesicht war bleich wie bei einer Wachsfigur. Das Leben eines der reichsten und landesweit bedeutendsten Männer schien nur noch an einem seidenen Faden zu hängen.

Bryn begann sofort mit Wiederbelebungsversuchen, und er besaß zum Glück Übung darin. Minuten später erschienen die Sanitäter und lösten ihn ab. Doch sie wussten, dass sie sich vergeblich bemühten. Der „Eiserne Mann“ der Nation war tot.

Der plötzliche Schicksalsschlag traf Charles Forsyth so schwer, dass er weder aufstehen noch sprechen konnte. Irgendwie hatte er geglaubt, sein Vater würde ewig leben.

Er überließ es Bryn Macallan, tätig zu werden. Dieser spürte zwar die allgemeine Erschütterung, empfand selbst aber keine große Trauer. Sir Francis Forsyth hatte so erbarmungslos gelebt, wie er gestorben war – ein begabter Mann, der sich vielfach versündigt hatte. Unter dem Deckmantel immerwährender Freundschaft hatte er den Macallans seit Sir Theodores Tod geschäftlich schwer geschadet.

„Francis war schon immer ein geborener Schurke“, hatte Lady Antonia Macallan ihren Enkel nach der Beisetzung ihres Mannes gewarnt. „Nur dein Großvater hat ihm etwas entgegensetzen können. Jetzt ist Francis Alleinherrscher. Denk an meine Worte, Bryn, Darling. Von jetzt an müssen sich die Macallans vorsehen.“

Francis Forsyth und Theodore Macallan hatten beide Geologie studiert und „Titan“ in den späten Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts gemeinsam begründet. Unter der Führung des eingeborenen Fährtensuchers Gulla Nolan hatten sie am Mount Garnet im äußersten Norden von Westaustralien ein bedeutendes Eisenerzlager entdeckt und zu einem mächtigen Unternehmen ausgebaut. Dafür waren sie beide in den nicht erblichen Adelsstand erhoben worden.

Seit Sir Theodores Tod hatten unerbittliche Rivalität und tiefe Abneigung alle Handlungen der Forsyths und Macallans bestimmt. Durch „Titan“ waren beide Familien untrennbar miteinander verbunden, doch von jetzt an würde nicht mehr Sir Francis, sondern Bryn den Kurs bestimmen.

Die Nachricht vom Tod des „Eisernen Mannes“ wurde durch Fernsehen, Radio und Internet in wenigen Minuten im ganzen Land verbreitet. Alle Angehörigen wurden sofort verständigt – bis auf Francesca Forsyth, die sich nicht in Perth befand. Sie war die Tochter von Sir Francis’ zweitem Sohn Lionel, der mit seiner Frau und dem Piloten bei einem Flugzeugabsturz zwischen Darwin und Alice Springs ums Leben gekommen war. Francesca war damals fünf Jahre alt gewesen.

Ihr Onkel Charles und ihre Tante Elizabeth hatten es übernommen, sie großzuziehen. Elizabeth hatte das verwaiste kleine Mädchen sogar besonders in ihr Herz geschlossen, obwohl sie ein eigenes Kind hatte: Carina. Sie war drei Jahre älter als Francesca und in dem Bewusstsein aufgewachsen, die anerkannte Forsyth-Erbin zu sein. Francesca hielt sich eher zurück und galt daher als „Zweitbesetzung“. Sogar die Presse hatte sich auf diesen Spottnamen festgelegt.

In der Öffentlichkeit und gehobenen Gesellschaft ahnte niemand, dass Carina Forsyth, die so bevorzugt aufgewachsen war, eine unerklärliche, tief sitzende Eifersucht auf ihre jüngere Cousine empfand, die sie geschickt zu verbergen wusste. Sie brachte es mit den Jahren sogar zu einer gewissen Meisterschaft darin, ihre wahre Natur hinter der Rolle der älteren und vernünftigeren Cousine, die sie vor aller Welt spielte, zu verbergen. In Wirklichkeit bemühte sie sich, Francesca um ihr Glück zu bringen, weil diese ihr angeblich die Zuneigung ihrer Mutter gestohlen hatte, was jedoch nicht stimmte. Elizabeth Forsyth liebte ihre Tochter und zeigte das auch. Doch ihr Herz gehörte der hübschen kleinen Francesca, die durch ihr liebenswürdiges Wesen so etwas wie eine Lichtgestalt war.

Francesca war intelligent und sensibel genug, um die Missgunst ihrer Cousine zu erkennen. Sie lernte instinktiv, Carina nicht zu reizen und möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie beneidete die andere nicht um die Rolle der Forsyth-Erbin. Großer Reichtum konnte nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch sein. Es kam dabei nur auf den Standpunkt an.

Auch äußerlich waren die Cousinen grundverschieden. Beide galten als Schönheiten. Carina war eine große Blondine mit strahlend blauen Augen, heller Haut, ausgeprägten weiblichen Rundungen und der extremen Selbstsicherheit der Reichen. Francesca hatte pechschwarzes Haar, eine dunkle Haut und Augen, die weder grau noch grün waren, sondern die Farbe ihrer jeweiligen Kleidung annahmen.

Bei den Festlichkeiten, an denen die Cousinen auf Wunsch ihres Großvaters teilnahmen, machten sie einen ausgesprochen gegensätzlichen Eindruck. Die eine wirkte wie eine goldene Göttin – manche bezeichneten sie böswillig auch als Showgirl –, die andere wie eine zarte, geheimnisvolle Erscheinung aus einer anderen Welt. Die eine reizte ihre zahlreichen physischen Vorzüge voll aus, die andere hielt sich zurück und versuchte, möglichst wenig aufzufallen.

Die größte Gefahr lag darin, dass beide Frauen denselben Mann liebten: Bryn Macallan. Carina zeigte ihre Zuneigung mehr, als unbedingt nötig war. Sie behandelte Bryn, als gehörte er ihr allein, als wären sie besonders innig miteinander verbunden. Francesca litt unter ihrer Liebe zu ihm. Sie ging davon aus, dass er Carina bevorzugte, und ertrug still ihren Schmerz. Sie musste ihr Schicksal annehmen, auch wenn das bedeutete, ihre wahren Gefühle ständig zu verbergen. Sie wusste, was geschehen würde, wenn sie sich offenbarte. Im Ernstfall würde Carina gewinnen, denn sie bekam immer, was sie wollte.

Während Carina die Todesnachricht in der Familienvilla in Perth erhielt, befand sich Francesca auf der Rinderfarm „Daramba“, dem Flaggschiff der Forsyth-Ländereien in Queensland, die zusammen mit „Titan“ und weiteren Unternehmen den Forsyth-Konzern bildeten. Sie war eine begabte Malerin und hatte es sich nach Abschluss ihres Jurastudiums zur Aufgabe gemacht, der Kunst der Aborigines zu mehr Ansehen zu verhelfen und einzelnen Künstlern beim Verkauf ihrer Werke behilflich zu sein. Obwohl sie erst dreiundzwanzig war, hatte sie darin bereits beträchtlichen Erfolg erzielt.

Im Gegensatz zu ihrer strahlenden Cousine, die sich ständig stolz in der Öffentlichkeit zeigte, empfand Francesca ihren Reichtum als Verpflichtung. Sie wollte ihn mit anderen teilen. Dieser Wunsch steckte als treibende Kraft hinter ihrem Einsatz für weniger Glückliche und nicht so Begüterte.

Die Familie kam zu dem Entschluss, Francesca den plötzlichen Tod ihres Großvaters durch ein Mitglied persönlich mitteilen zu lassen und sie bei der Gelegenheit nach Hause zu holen. Zum Überbringer der Nachricht wurde Bryn Macallan bestimmt. Er war ein erfahrener Pilot und konnte mit der neuen Beech King Air umgehen. Jeder wusste, dass sich der verstorbene Sir Francis eine Verbindung zwischen Bryn und Carina gewünscht hatte. Man wusste auch, dass zwischen Bryn und Francesca ein besonderes Verhältnis bestand, das die starken Spannungen zwischen den Familien Forsyth und Macallan unbeschadet überstanden hatte.

Bryn war daher der richtige Mann, um Francesca heimzuholen.

1. KAPITEL

Der Anblick der uralten „Dreamtime“-Landschaft befreite Bryn von der doppelten Last des persönlichen Ehrgeizes und der Verantwortung für die Familie – wenn auch nur vorübergehend. Er liebte das Channel Country, in dem „Daramba“ lag. Er hatte es unzählige Male besucht, bis sein Großvater gestorben war. Inzwischen kam er seltener her, und seine Mutter und Großmutter blieben ganz fort. Nach Sir Theodores Tod hatte sich eine Kluft zwischen den bisher befreundeten Familien aufgetan, über die keine Brücke führte und die nur er überwinden konnte. Es gehörte zu seiner Strategie. Annette und Lady Antonia Macallan verstanden und unterstützten ihn dabei, aber „Daramba“ mieden sie.

Bryn ließ sich immer noch von der Atmosphäre der Ranch verzaubern, die zu den Perlen des forsythschen Besitzes gehörte. Der Name, mit Betonung auf der zweiten Silbe, stammte aus der Sprache der Aborigines und bedeutete „Wasserlilie“. Die Pflanze war zugleich Symbol der Fruchtbarkeit und Wappen des Daramba-Stamms. Sie wuchs in den zahllosen Lagunen, die sich auf dem Anwesen befanden. In diesem Jahr, das nach langer Trockenheit endlich wieder Regen gebracht hatte, boten „Darambas“ Bäche und Flüsse, seine versteckten Sümpfe, in denen Pelikane brüteten, seine Lagunen und Billabongs einen märchenhaften Anblick. Doch den stärksten Eindruck machte nach wie vor das Land mit seiner roten Erde, die scharf vom tiefblauen Himmel abstach und sich bis zum Horizont mit einem bunten Teppich von Wildblumen überzogen hatte.

Bryn erinnerte sich noch lebhaft daran, wie Francesca als Kind in der Blütenpracht geschwelgt hatte. Blumen und Duft, soweit das Auge reichte! Ihre kindliche Fantasie war in dieser Traumwelt aufgegangen, die ihr geholfen hatte, den tragischen Verlust ihrer Eltern zu ertragen.

Er sah sie im Geiste aufgeregt davonlaufen, hinein in ein Meer weißer Gänseblümchen. Ihr silberhelles Lachen erfüllte die Luft, während sie eine Blumenkette flocht, die sie sich dann wie ein Diadem in das lange Haar drückte. Sie hatte wundervolles schwarzes Haar, das wie Rabengefieder glänzte. Meist hatte Carina das Glück zerstört, indem sie ihrer Cousine den Kranz vom Kopf riss und wegwarf – mit der Begründung, es könnte Ungeziefer darin sein. In Wirklichkeit lautete die Botschaft anders. Francesca sollte sich nicht vordrängen. Es war ihr bestimmt, in Carinas Schatten zu leben.

„Ich weiß nicht, wie das enden soll“, hatte Bryns Großmutter einmal gesagt und dabei besorgt die Stirn gerunzelt. „Carina hasst unsere kleine Francey. Das kann nur noch schlimmer werden.“

Und das war es auch. Obwohl die meisten Menschen es nicht bemerkten, war Carina äußerst schlau. Sogar Francesca ließ nichts auf sie kommen, das gehörte zu ihrer sanften Natur. Dabei hätte Bryn geschworen, dass sie Carinas Charakter richtig einschätzte und spürte, wie sehr sie ihrem boshaften und ränkevollen Großvater glich.

Bryn wusste auch, dass Carina auf ihn fixiert war. Das verrieten ihre Augen, sooft sie ihn ansah. In jungen Jahren hatte er eine kurze, heftige Affäre mit ihr gehabt. Carina war eine reizvolle junge Frau, er hatte jedoch begreifen müssen, dass sie einen bösen Zug hatte. Das störte ihn nicht, solange Francesca nicht darunter leiden musste. Francesca hatte Carinas Mutter mit ihrem sanften, engelhaften Wesen von Anfang an für sich eingenommen.

Elizabeth liebte sie wie eine zweite Tochter. Damit hatte alles angefangen.

Die Beech King Air B100, „Titans“ neueste Anschaffung, glitt wie ein Vogel durch die Luft. Sie unterschied sich wesentlich von den anderen Maschinen des gleichen Herstellers und war an den veränderten Düsen und Propellern leicht zu erkennen. Bryn flog leidenschaftlich gern. Er entspannte sich dabei und setzte auch jetzt mühelos zur Landung an. Das Metalldach des lang gestreckten Hangars glänzte so hell in der Sonne, dass es ihn fast blendete. Es musste Einbildung sein, aber er glaubte, das wilde Buschland schon jetzt riechen zu können. Nichts glich diesem Duft. Er war trocken und würzig und barg die endlose, blumengeschmückte Weite in sich.

Der Jeep für die Fahrt zum Wohnhaus stand bereit. Bryn hoffte, Francesca dort anzutreffen, was absolut nicht sicher war. Wahrscheinlich würde er nach ihr suchen müssen. Die Nachricht von Sir Francis’ Tod hatte die abgelegene Farm mit Sicherheit noch nicht erreicht. Nur gut, dass er die traurige Botschaft persönlich überbrachte.

Nach zehn Minuten tauchte das Herrenhaus vor ihm auf. Das alte, im klassischen Kolonialstil errichtete Gebäude, das über hundert Jahre „Darambas“ Wahrzeichen gewesen war, existierte nicht mehr. Sir Francis hatte es nach dem Erwerb der Ranch in den späten Siebzigerjahren abreißen lassen, weil es nicht seinem Geschmack entsprach. An derselben Stelle stand jetzt ein modernes Gebilde, das viel von seinem Erbauer verriet. Auch der schöne alte Brunnen, der die Auffahrt geschmückt hatte, war nicht mehr da. Bryn erinnerte sich noch gut an die drei geflügelten Pferde, die auf ihren Vorderhufen die Hauptschale getragen hatten. Jetzt rauschte keine Fontäne mehr. Kein Windhauch sprühte die silberhellen Tropfen über den gepflasterten Hof.

„Allmächtiger!“, hatte Bryns Großvater geflüstert, als er zum ersten Mal zu Besuch gekommen war.

Bryn erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen. Sir Francis hatte das Auto kommen gehört und war herausgetreten, um seinen Freund zu begrüßen und seine Meinung über den Neubau zu erfahren.

„Er gleicht dir sehr“, hatte Theodore geantwortet, ohne dass Francis die Ironie wahrnahm.

Dem kleinen Bryn war sie allerdings nicht entgangen.

„Fantastisch, Sir“, hatte er rasch hinzugefügt, denn der langjährige Freund und Partner seines Großvaters sollte sich nicht beleidigt fühlen. Außerdem war das neue Haus wirklich außergewöhnlich, obwohl es einer modernen Forschungsstation glich.

Jetzt stand Bryn wieder vor dem einstöckigen Ungetüm aus Beton, Stahl und Glas. Es war viermal so groß wie das alte Gutshaus und an drei Seiten mit breiten überdachten Veranden versehen – das einzige Zugeständnis an die Tradition. Es ein Haus oder sogar ein Heim zu nennen wäre falsch gewesen. Es war ein Stück Architektur, ein weiteres Monument, das sich Sir Francis Forsyth selbst errichtet hatte. Eine geschickt gestaltete Auffahrt hätte den nüchternen Eindruck vielleicht gemildert, aber davon konnte nicht die Rede sein. Der Besucher sollte erkennen, dass auch im Outback ein neues Zeitalter begonnen hatte.

Die Haushälterin Jili Dawson, eine auffallend attraktive Frau von Anfang fünfzig, begrüßte Bryn mit einem strahlenden Lächeln. „Wir haben uns lange nicht gesehen, Mr. Bryn.“

„Ich war zu beschäftigt.“ Er sah Jili in die dunklen Augen, die vor Freude leuchteten. Sie verrieten ihre Abstammung von den Aborigines. Ihre Mutter hatte einen weißen Rancharbeiter geheiratet, trotzdem lebte Jili ganz in den Traditionen ihrer mütterlichen Vorfahren. Ihr braunes Gesicht war völlig faltenlos, und sie hatte den typischen weichen Singsang der australischen Ureinwohner, wenn sie sprach. „Habe ich das Glück, Francey zu Hause anzutreffen?“

„Leider nicht.“ Jili machte eine weit ausholende Armbewegung, die das Land bis zum Horizont einschloss. „Sie ist draußen bei der Wungulla-Lagune … mit ihrer Malgruppe. Seit zwei Tagen hat sie sich nicht blicken lassen, aber es geht ihr gut. Francey kennt sich aus, außerdem achten meine Leute auf sie.“

„War das nicht schon immer so?“ Bryn dachte daran, wie sehr der Kontakt zu den Eingeborenen seine und Francescas Kindheit bereichert hatte. Carina war zu stolz gewesen, um sich mit ihnen abzugeben. „Ich bin aus einem ernsten Anlass hier, Jili. Wir haben nicht angerufen, weil ich persönlich kommen wollte, um Francey abzuholen.“

„Der ‚Eiserne Mann‘ ist tot.“ Es klang, als hätte Jili das Ereignis geahnt.

Bryn runzelte die Stirn. „Woher wissen Sie das? Wurde es von einer anderen Ranch gemeldet?“ Das Outback hatte sein eigenes Nachrichtensystem, aber es gab noch eine andere Möglichkeit. Wie viele Eingeborene besaß Jili die unheimliche Gabe, in die Zukunft zu sehen.

„Ich wusste Bescheid, ehe Sie das erste Wort gesprochen hatten. Das war wirklich ein Teufelskerl … im Guten wie im Bösen. Die Dämonen, die ihn plagten, hatte er selbst zu verantworten. Das wissen wir beide, nicht wahr? Ich habe Ihren noblen, weisen Großvater verehrt, Mr. Bryn … wie Ihren Vater. Eine Tragödie, dass er damals von den Felsen erschlagen wurde. Jetzt sind sie bei ihren Ahnen und blicken nachts von den Sternen auf uns herab. Ich fühle mich den Macallans eng verbunden. Sie waren gut zu mir und haben mich immer wie einen Menschen behandelt. Jetzt liegt eine schwere Last auf Ihren Schultern, Mr. Bryn. Mich interessiert dabei vor allem, ob sich für Jacob und mich etwas ändert. Werden wir entlassen?“

Jacob war Jilis Ehemann und ebenfalls ein halber Aborigine. Er arbeitete seit Langem auf der Farm und war nach Bryns Überzeugung so unentbehrlich wie seine Frau. Bryn hätte ihn längst zum Aufseher gemacht und den unfähigen Roy Forster, der in allem Jacobs Ratschlägen folgte, auf eine Außenstelle versetzt.

„Das muss alles noch geklärt werden“, antwortete er mit einem tiefen Seufzer. „Charles ist der Erbe … ich darf nicht für ihn sprechen. Er selbst steht noch zu sehr unter Schock, um irgendetwas zu entscheiden.“

Jili ließ den Blick weit in die Ferne schweifen. „Er hat gedacht, sein Vater würde ewig leben. Wie haben es die anderen denn aufgenommen?“

„Mehr oder weniger gefasst“, gestand Bryn. „Einige sind sogar in gehobener Stimmung.“

„Warten Sie die Eröffnung des Testaments ab“, riet Jili. „Vielleicht hat der alte Sünder einiges gutgemacht. Es gibt mehr als eine offene Rechnung.“

Bryn antwortete nicht. Es war längst zu spät. Sein Vater und sein Großvater lebten nicht mehr. Er trat neben Jili und sah ins Land hinaus, über dem die heiße Luft flimmerte. Etwas war zu Ende gegangen, das spürten sie beide. Eine neue Ära hatte begonnen, aber sie war noch durch den alten Streit belastet.

Jili blickte Bryn von der Seite an. Für sie war er ein edler und schöner Prinz, der alle Untertanen gleich bewertete. Ein Prinz, der im Begriff war, sein rechtmäßiges Erbe zu übernehmen. Respektvoll legte sie ihm eine Hand auf die Schulter.

„Es wird alles in Ordnung kommen, Mr. Bryn“, sagte sie. „Das verspreche ich Ihnen. Doch ich muss Sie warnen. Die Zukunft birgt Unheil. Beschützen Sie Francey. Ihre Cousine wartet nur darauf, über sie herzufallen … wie der Falke über die kleine, liebliche Goldammer. Da lauert das Böse.“

Waren das nicht seine eigenen Befürchtungen?

Bryn legte einen anderen Gang ein, als er die offene Ebene erreichte, wo hohe Gräser die rote Erde bedeckten. Ihre Spitzen schwankten wie goldene Federbüsche im Wind. Das erinnerte ihn an die Savannen des tropischen Nordens, wo der Regen die gleichen Wunder vollbrachte. Der Jeep durchfurchte das wuchernde Gras wie ein Bulldozer. Er drückte es flach zu Boden, aber es richtete sich frisch und elastisch gleich wieder auf. Ein einsamer Emu jagte auf seinen langen grauen Beinen davon. Er war zwischen den dichten Halmen, wo er nach zarten Spitzen und Samenkörnern pickte, kaum zu sehen gewesen.

Die malerischen Geistereukalypten, die botanisch eigentlich nicht zu den Eukalypten gehörten, hoben sich wie einsame Wächter vom tiefblauen Himmel ab. Sie waren an ihren weißen Baumstämmen eindeutig zu erkennen.

Rechts reihten sich mehrere Lagunen aneinander, deren Ufer von Akazien gesäumt waren. Eine Schar Papageien flatterte durch die Baumkronen. Immer wieder blitzte ihr buntes Gefieder auf. Australien – Land der Papageien. Die Skala prächtiger Farben war nahezu unerschöpflich: knallrot, türkis, smaragdgrün, violett, orange und gelb in allen Nuancen.

In einer dieser Lagunen – der mittleren, tiefsten und längsten, die auch bei anhaltender Dürre nicht austrocknete und die Koopali hieß – wäre Francesca mit sechs Jahren beinahe ertrunken. In jenem Jahr hatte es ebenfalls stark geregnet, sodass Koopali zu einem bewegten Meer angeschwollen war. Die neunjährige Carina hatte vom Ufer aus zugesehen, starr vor Schrecken, als hätte sie die Gewalt über ihren Körper verloren.

Wie durch ein Wunder war Bryn rechtzeitig aufgetaucht und hatte größeres Unheil verhindert. Später erzählte Carina unter Schluchzen, sie hätten sich von den anderen entfernt und Francesca sei trotz ihrer ausdrücklichen Warnung zu nah ans Ufer gegangen. Ein Kind konnte sich leicht zwischen den Wurzeln der üppig blühenden Lilien verfangen und unter Wasser gezogen werden. Francesca hatte gerade erst schwimmen gelernt und war durch den Verlust ihrer Eltern seelisch angeschlagen gewesen.

Hatte sie wirklich die Ermahnung ihrer älteren Cousine missachtet? Leichtsinn oder Ungehorsam war bisher niemandem bei ihr aufgefallen.

Als das Verschwinden der beiden Mädchen bemerkt wurde, brach in der Gesellschaft, die ein Picknickausflug in die Nähe der Lagunen geführt hatte, Panik aus. Jeder wusste, dass die wilde Schönheit des Outback Gefahren aller Art einschloss. Bryn rannte sofort in Richtung Koopali los. Warum tat er das? Weil eine der umherziehenden Aborigines, eine uralte, fast blinde Frau, mit ihrem Stock dahin gezeigt hatte.

„Koopali“, hatte sie gemurmelt und mit dem Stecken heftig auf den Boden gestoßen.

Bryn wusste bis heute nicht, warum er der Alten so bedingungslos vertraut hatte. Jedenfalls war er gerade noch rechtzeitig dort erschienen und hatte sich kopfüber in das dunkelgrüne Wasser gestürzt, aus dem Francescas Kopf zum letzten Mal auftauchte. Währenddessen hatte Carina angefangen, hysterisch zu schreien …

So lagen die Tatsachen. Bryn hatte Francesca das Leben gerettet und besaß damit – nach Ansicht der Eingeborenen – einen Teil ihrer Seele. Carina war so verstört, dass niemand wagte, ihr ein Versäumnis vorzuwerfen. Welche Heldentaten waren von einem neunjährigen Kind schon zu erwarten? Darüber vergaß man, dass sie sehr gut schwimmen konnte und trotzdem keinen Versuch gemacht hatte, ihre Cousine zu retten.

„Gott sei Dank, dass du da warst, Bryn. Das werde ich dir nie vergessen.“ Elizabeth Forsyth, die mit den anderen nachgekommen war, blickte ihm tief in die Augen und drückte dabei Francesca an sich, als wäre sie ihr einziges Kind. „Woher wusstest du, dass sie hier waren? Wir hatten angenommen, sie wären zum Zelt zurückgegangen.“

„Die alte Frau befahl es mir, und ich gehorchte.“ Eine seltsame Antwort, aber niemand lachte darüber.

Die Eingeborenen hatten ein unheimliches Ahnungsvermögen für Gefahr. Mehr noch für herannahenden Tod. Die alte Frau hatte Bryn sogar noch einen heftigen Windstoß nachgeschickt, obwohl sich sonst kein Lüftchen regte. Als die Gesellschaft zum Lagerplatz zurückkehrte und ihr danken wollte, war sie verschwunden. Auch später ließ sich von ihren Stammesgenossen, die auf der Ranch kreuz und quer umherliefen, nichts über sie erfahren.

„Vielleicht war es ein Geist“, meinte Eddie Emu, einer der Viehtreiber. „Geister können jede Gestalt annehmen. Der Wind hat sie gebracht und wieder mitgenommen.“

Eddie musste es wissen. Er hatte oft den Geist seiner verstorbenen Frau gesehen, der sich in einer Eule verkörperte. Eulen schliefen bei Tag und wachten bei Nacht. Sie gaben Zeichen und brachten Botschaften.

Keiner hatte diesen Tag je vergessen. Noch heute hörte Bryn, was die zitternde Francesca ihm zugeflüstert hatte, als er sie auf den Armen ans Ufer trug: „Carrie ist zuerst ins Wasser gegangen. Deshalb habe ich es auch getan …“

Was, in Gottes Namen, war wirklich geschehen? Hatte ein kleines Mädchen nur einen verhängnisvollen Fehler gemacht? Bryn weigerte sich hartnäckig, eine andere Erklärung gelten zu lassen. Carina hatte die Gefahr unterschätzt und später alles Mögliche erzählt, um sich zu entlasten. War das nicht ganz natürlich?

2. KAPITEL

Bryn fand Francesca genau an der Stelle, die Jili Dawson ihm genannt hatte: an der Wungulla-Lagune, wo die Eingeborenen früher ihre nächtlichen Ritualtänze aufgeführt hatten. Er bezweifelte, dass man den toten Sir Francis mit einer solchen Zeremonie ehren würde. Der „Eiserne Mann“ war weder geliebt noch im eigentlichen Sinn respektiert worden. Die Rancharbeiter fürchteten ihn und sprachen heimlich über seine „dunklen Seiten“. Sie gehorchten, ohne ihn zu schätzen. Wer wollte es ihnen verdenken? Bryn selbst hatte schon vor Jahren alles Zutrauen zu ihm verloren.

Er parkte den Jeep in einiger Entfernung und legte die letzte Strecke zu Fuß zurück, immer darauf bedacht, dem wuchernden Spinifex-Gras auszuweichen, das jetzt grün war und noch nicht die charakteristische goldgelbe Farbe zeigte. Francesca hatte fünf Frauen um sich versammelt, die eifrig malten. Sie wirkten überaus konzentriert und fügten sich in die trockene Wüstenlandschaft, als gehörten sie dazu.

Mochte Francesca mit sechs Jahren auch fast ertrunken sein – heute, mit dreiundzwanzig, war sie ein Kind des Outback. Sie konnte wie ein Fisch schwimmen, das schnellste und stärkste Pferd reiten, sogar ohne Sattel, und sich mühelos in der gefahrvollen Wildnis zurechtfinden. Sie schoss meisterlich und wusste, was notwendig war, um im Busch zu überleben. Sie backte Brot aus fein gemahlenem Grassamen, wusste, wo Limonen, Feigen und Tomaten zu finden waren, und hätte einen Supermarkt mit Beeren und wilden Früchten beliefern können.

Mit den Eingeborenen verband sie seit ihrer Kindheit eine unverbrüchliche Freundschaft. Sie hatte viel über die Kultur der Ureinwohner gelernt und respektierte die letzten Geheimnisse, die man einer Weißen nicht verraten durfte. Sie sah das Land mit den Augen seiner Urbevölkerung und hatte einen unverkennbaren Malstil entwickelt, der von Kritikern hoch gelobt wurde.

Francesca besaß ein beträchtliches eigenes Treuhandvermögen und hatte Jura studiert, um sich geschäftlich nicht auf andere verlassen zu müssen. Seit sie ihre Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, konzentrierte sie sich voll auf die Malerei, bei der sie die uralten Mythen der Aborigines mit ihrer eigenen Fantasie verschmolz. Die Bilder erwuchsen aus beiden Quellen. Ihre erste Ausstellung war ein großer Erfolg gewesen, und sie hatte nicht gezögert, gegenüber der Presse und den Käufern zu betonen, wie viel sie ihren eingeborenen Mentoren verdankte. Zufällig waren es ausschließlich Frauen, die inzwischen Francescas Beispiel folgten und sich von ihr ermutigen ließen.

Als der Jeep in Sicht kam, stand Francesca auf und ging ihm langsam entgegen. Ihre Bewegungen hatten die Anmut einer Gazelle. Sie war groß, wie alle Forsyths, und außerdem gertenschlank. Ein großer, kunstvoll aus Gräsern geflochtener Hut – vermutlich das Geschenk einer Schülerin – schützte ihr Gesicht. Das dunkle Haar, das ihr sonst in schimmernden Wellen über die Schultern fiel, war zu einem dicken Zopf geflochten. Eine einzelne Strähne umschloss wie ein Seidenband den Hals. Ihre Kleidung war auffallend schlicht. Sie trug eine hellblaue, mit Farbflecken bedeckte Baumwollbluse, beigefarbene Shorts und staubige Sneakers.

„Bryn!“, rief sie, sobald er ausgestiegen war. Ihre Stimme klang lieblich, wie von einem zarten Instrument gespielt, und steigerte noch ihren Reiz.

„Hallo, Francey!“

Ihr Anblick genügte, um eine tiefe Sehnsucht in Bryn zu wecken. Er wusste, was das bedeutete, nur wie sollte er das Schicksal wenden? Sie standen einander gegenüber, blickten sich in die Augen und verstanden sich. Sie spürten es beide, aber was Bryn spürte, wagte sich Francesca nicht einzugestehen. Schüchtern stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.

Wie weich sich ihre Lippen anfühlten! Bryn bemerkte, wie Francescas zarte, golden getönte Haut leicht errötete, bevor sie wieder in das alte Rollenspiel verfielen, das ihnen seit ihrer Kindheit vertraut war. Ob sich das jetzt ändern würde?

„Du musst aus einem wichtigen Grund gekommen sein, Bryn.“ Francesca hob wie abwehrend ihre schlanken Hände. „Es geht um meinen Großvater, nicht wahr?“ Sie drehte sich um, als hätte sie von hinten ein Zeichen bekommen. Die Frauen saßen noch im Kreis beieinander, aber sie malten nicht mehr, sondern streckten die Arme mit nach oben gekehrten Handflächen zum Himmel empor.

Wir sind an ein Ende gekommen.

Bryn kannte die zeremonielle Geste und wunderte sich nicht. Diese Menschen waren außergewöhnlich.

„Ja, Francey“, bestätigte er feierlich. „Dein Großvater ist gestern an einem Herzschlag gestorben. Dein Schmerz betrübt mich. Ich weiß, wie anders du dir alles vorgestellt hast.“

„Warum war ich nicht da?“, fragte sie mit versagender Stimme. „Als ich dich sah, wusste ich gleich, warum du gekommen bist.“

„Es tut mir leid, Francey. Du lebst so eng mit deinen Freunden zusammen, dass du schon ihre besonderen Fähigkeiten erworben hast. Wieso wissen sie Bescheid? Es ist keine Ahnung, sondern Gewissheit.“

„Unheimlich, nicht wahr?“ Francesca sah noch einmal zurück. Die Frauen arbeiteten wieder an ihren Bildern. „Doch wir haben es hier mit der ältesten noch lebendigen Menschheitskultur zu tun. Die Leute leben seit über vierzigtausend Jahren in diesem Land. Sie riechen den Tod.“

Bryn nickte. Er hatte all das mehrfach miterlebt, und seine Aufmerksamkeit galt vor allem Francesca. Sie war blass geworden, aber sie weinte nicht. Bis auf eine Spur Lippenstift zum Schutz gegen die Sonne war ihr Gesicht frei von Make-up. Ihre Haut war rein und makellos. Die großen Augen mit den dichten schwarzen Wimpern darüber glänzten wie Silbermünzen im Sonnenlicht.

„Hat er nicht nach mir gefragt?“ Trauer und Enttäuschung klangen aus den wenigen Worten. Das Bewusstsein, ausgeschlossen zu sein, hatte Francescas Leben von klein auf beschwert.

Wie immer fühlte sich Bryn als ihr Beschützer. „Er hat nach niemandem verlangt“, antwortete er. „Es geschah während einer Vorstandssitzung. Keiner ahnte, dass er sich nicht wohlfühlte. Eben kanzelte er Charles noch ab – sie hatten sich gestritten, nicht ernstlich, aber du weißt ja, wie wenig dein Großvater andere Ansichten ertragen konnte –, und im nächsten Moment war es vorbei. Bestimmt hat er nur einen kurzen, stechenden Schmerz gespürt. Wir haben nicht angerufen, weil ich dir die Nachricht persönlich überbringen wollte. Du sollst nach Hause kommen. Es wird ein Staatsbegräbnis geben.“

„Das war zu erwarten.“ Francesca seufzte tief. „Wozu großer Reichtum und politischer Einfluss doch führen! Zu Hause …“ Tränen schimmerten in ihren Augen. „Das Wort sollte mir alles bedeuten, aber ich empfinde nichts. Seit dem Tod meiner Eltern habe ich kein Zuhause mehr. Meine Kindheit war ein einziger Versuch, mit dem Verlust fertig zu werden. Ich klammerte mich an das, was mein Vater einmal zu mir sagte, als mich eine Wespe gestochen hatte: ‚Sei tapfer, Francey, Darling … sei tapfer.‘“

„Das bist du“, beteuerte Bryn. Er wusste, wie schwer Francescas Leben trotz des gewaltigen Reichtums der Forsyths gewesen war.

„Ich versuche es wenigstens. Manchem begegnet das größte Unglück schon in der Kindheit, und ich habe meins bis heute nicht ganz überwunden. Dabei hat Carrie mich immer wieder ermahnt, dankbar zu sein.“

„Das sieht ihr ähnlich!“

Sein scharfer Ton überraschte Francesca, denn Bryn kritisierte Carina sonst nie. „Sie wollte mich damit bestimmt nicht ärgern“, verteidigte sie ihre Cousine. „Sie versuchte, mir Mut zu machen. Doch genug davon. Ich neige nicht mehr zu Selbstmitleid, aber Grandpas plötzlicher Tod ist ein Schock. Er hat gelebt, als wäre er unsterblich oder würde mindestens neunzig Jahre alt. Es hilft mir sehr, dass du gekommen bist.“ Sie rang sich ein Lachen ab und kam dabei ins Schluchzen. „Du und deine Familie … ihr seid mir viel mehr ans Herz gewachsen als meine eigenen Verwandten. Ist das nicht seltsam? Ihr wart immer für mich da.“

Francesca sagte das mit einer Aufrichtigkeit, an der Bryn nicht zweifeln konnte. Seine Mutter und Großmutter hatten sie immer in Schutz genommen und sich gleichzeitig bemüht, ihre Empörung über die Forsyths nicht zu zeigen. Jetzt ergaben sich neue Möglichkeiten, die er unbedingt wahrnehmen musste.

„Wir haben nie darüber gesprochen, Francey“, begann er vorsichtig, „und du hörst es auch jetzt wahrscheinlich nicht gern, aber Carina ist nicht die Freundin, für die du sie hältst.“

Francesca war nicht im Mindesten überrascht, sondern wurde nur noch trauriger.

„Warum ist das so?“, fragte sie. „Ich habe nie etwas getan und würde nie etwas machen, das sie verletzen könnte. Ich habe mich immer bewusst im Hintergrund gehalten, nie mit ihr konkurriert. Sie ist die Forsyth-Erbin … ich nicht. Ich möchte es auch gar nicht sein und versuche, mein eigenes Leben zu führen. Wenn wir gemeinsam eingeladen sind, dränge ich mich nie vor. Ich ziehe mich nicht mal hübsch an.“

„Damit solltest du aufhören“, sagte Bryn im Befehlston.

Das kränkte Francesca. „Meinst du wirklich?“, fragte sie unsicher.

„Allerdings“, erwiderte er freundlicher. „Jeder soll sehen, wie schön du bist. Daran ändern auch die fleckige Bluse und die Shorts nichts. Niemand darf dich zwingen, dein Aussehen oder deinen eigenen Stil zu verbergen.“

Bei dem Wort „schön“ war Francesca rot geworden. „Mir kam es ganz natürlich vor“, gestand sie traurig.

„Das weiß ich.“ Bryn betrachtete ihr halb abgewandtes Gesicht. „Du hattest deine Gründe, nur was hat sich dadurch geändert?“ Er dachte an Jilis Warnung und beschloss, deutlicher zu werden. „Carina glaubt, dass du ihr die Liebe ihrer Mutter gestohlen hast. Das ist der entscheidende Punkt.“

Francesca sah ihn groß an. „Das wäre eine schwere Last für mich. Ich war noch ein Kind … gerade fünf Jahre alt. Der Tod hatte mir die Eltern genommen und mich zum Opfer gemacht. Damit begann die Tragödie meines Lebens. Grandpas Ableben, so plötzlich es auch kam, lässt sich damit nicht vergleichen. Das wahre Unglück begegnet einem nur einmal. Das mag grausam klingen, aber ich kann nicht heucheln. Grandpa hat mich nie geliebt und wollte von mir nicht geliebt werden. Wenn er mich wie seine Enkelin behandelte, geschah es nur für die Öffentlichkeit. Ich war zufällig in seine Familie geraten, doch ich bin keine blonde, blauäugige Forsyth. Bei mir kommt das Erbe meiner Mutter durch, die ich so früh verloren habe. Wie kann Carrie mich da ablehnen?“

Hassen wäre das bessere Wort, dachte Bryn. „Sie tut es trotzdem, fürchte ich. Mach deswegen kein so unglückliches Gesicht … du bist nicht daran schuld. Es liegt in ihr selbst. Sie hat die böse Seite der Forsyths geerbt.“

„Wenn das so ist, leidet sie bestimmt darunter.“ Francescas Stimme verriet ehrliche Anteilnahme.

„Ich glaube nicht, dass sie es so sieht“, widersprach Bryn. Es erschreckte ihn, dass sich Francescas ehrliches Mitgefühl gegen sie selbst richtete. „Dazu müsste sich Carina selbst erkennen, und das tut sie nicht. Ich bin froh, dass wir darüber gesprochen haben, denn es liegen harte Zeiten vor uns. Wir sollten darauf vorbereitet sein.“

„Carrie muss in schlimmer Verfassung sein. Sie hat Grandpa verehrt.“

„Dafür hält sie sich ganz gut“, stellte Bryn nüchtern fest.

„Gott sei Dank. Carrie ist sehr stark, und sie hat dich. Sie liebt dich“, fügte Francesca leiser hinzu, als wäre Carinas Stärke damit am besten erklärt.

Warum glauben alle – und vor allem Francesca –, dass Carina Forsyth der Fixstern an meinem Firmament ist? dachte Bryn. Sie will etwas, das sie nicht haben kann. Da liegt das Problem.

„Sie bildet sich diese Liebe nur ein, Francey.“

„Nein, so einfach ist es nicht. Ihr steht euch sehr nah. Sie hat mir selbst erzählt, dass ihr eine Affäre hattet.“

Bryn zuckte die Schultern. „Also gut … wir hatten eine Liaison. So etwas kommt vor, aber es liegt Jahre zurück.“

„Carrie sieht das anders.“

„Und natürlich glaubst du ihr.“

Francesca gab für einen Moment ihre übliche Zurückhaltung auf. „Willst du etwas anderes behaupten?“, fragte sie und errötete.

Bryn lächelte. Sein schmales, ausdrucksvolles Gesicht schien von innen zu leuchten. Es konnte auch streng wirken, manchmal so streng und furchterregend wie das von Sir Francis.

„Ich bin ein freier Mann, Francey, und das gefällt mir.“

„Das kann sich ändern, denn Carrie wartet auf dich.“ Francesca zog ihre Sonnenbrille aus der Hosentasche und setzte sie schnell auf, damit er ihre Augen nicht mehr sehen konnte. „Willst du den anderen Guten Tag sagen?“

„Selbstverständlich. Ich würde sie niemals übergehen.“

Bryn näherte sich mit Francesca der Gruppe, die nur durch die mächtige Krone einer Wüsteneiche vor dem gleißenden Sonnenlicht geschützt war. In den Städten ließ sich die Natur eindämmen. Hier draußen wirkte sie mit ihrer ganzen Kraft.

„Ich sehe, dass Nellie heute dabei ist“, bemerkte er.

Nellie Napirri, eine Aborigine unbestimmten Alters – es musste irgendwo zwischen siebzig und neunzig liegen –, wählte sich normalerweise die Pflanzen und Tiere des Channel Country als Motiv. Am häufigsten malte sie Wasserlilien, die nach Bryns Meinung sogar bei dem großen Claude Monet Interesse geweckt hätten. Neben den traditionell verwandten Braun- und Ockertönen benutzte sie auch leuchtende Acrylfarben, um ihre Visionen auszudrücken.

„Ich dachte schon, wir würden sie nicht wiedersehen“, gestand Francesca. „Nellie ist eine echte Nomadin, aber nach einer langen Wanderung bis ins Northern Territory kam sie zurück. Stell dir den weiten Weg vor … bei ihrem Alter! Niemand weiß, wie viel Jahre sie auf dem Buckel hat, aber jeder kennt sie, solange er denken kann.“

Bryn dachte unwillkürlich an den Tag, als Francesca beinahe ertrunken und nur durch eine wunderbare Fügung gerettet worden war. Wohin war die alte Frau so plötzlich verschwunden? War sie auch auf Wanderschaft gegangen? Für Bryn war das Erlebnis wie eine göttliche Offenbarung gewesen. Er sah immer noch Carinas starre Haltung, ihr lang herabfallendes blondes Haar. Wie angewurzelt hatte sie dagestanden und auf die Lagune geblickt. Dann hatte sie angefangen zu schreien …

Die Malerinnen standen jetzt höflich auf und begrüßten Bryn mit Handschlag.

„Der große Mann hat uns verlassen“, erklärte Nellie mit tiefer Stimme. Ihre kurzen Locken waren schneeweiß, aber die Augen machten einen hellwachen Eindruck. Offensichtlich hatte man sie zur Sprecherin gewählt.

Bryn nickte. „Gestern, Nellie. Es war ein Herzschlag. Ich bin gekommen, um Francesca abzuholen.“

„Sie sollte lieber hierbleiben.“ Die alte Frau runzelte die Stirn und sah Bryn so durchdringend an, als stünde er zum ersten Mal vor ihr. Wollte sie ihm vielleicht ins Herz blicken? „Sie müssen sie beschützen, Byamee.“

„Keine Sorge, Nellie, das werde ich tun.“

Bryn kannte die respektvolle Anrede „Byamee“ und hoffte, sich ihrer würdig zu erweisen. Dabei fiel ihm ein, dass die Eingeborenen seinen verstorbenen Großvater auch so genannt hatten. Sir Francis war diese Ehre nie widerfahren.

Nellies Miene hellte sich auf. „Denken Sie an meine Worte. Es ist noch nicht vorbei.“ Plötzlich wurde ihr das Atmen schwer.

„Nellie, meine Liebe“, mischte sich Francesca ein, „Sie dürfen sich nicht aufregen. Alles wird gut werden.“ Sie legte den Arm um die zierliche, gebeugte Gestalt. „Warum zeigen wir Bryn nicht, was wir geleistet haben? Sie wissen, wie sehr er einheimische Kunst schätzt.“

Wieder wanderten Bryns Gedanken zurück. Carina hatte Francescas Bemühungen um einheimische Künstler einmal als den Versuch bezeichnet, „durch die Arbeit mit den Aborigines über ihre Stellung als reiche Erbin hinwegzutäuschen“.

Carina war nicht nur gefühllos. Sie konnte auch ungeheuer dumm sein, vor allem, wenn es um Qualität ging. Es stand ihr nicht zu, Francescas Leistungen zu beurteilen. Francesca war eine hochbegabte junge Frau. Bryn hatte oft mit ihr diskutiert – nicht nur über „Titan“, sondern auch über andere Projekte des Forsyth-Konzerns, bei denen ihrer Meinung nach das Management versagte. Francesca besaß einen scharfen Verstand. Sobald Bryn die gewünschte Position innehatte, würde er sie, ungeachtet ihrer Jugend, in den Vorstand berufen. Die nötige Befähigung dazu hatte Francesca von ihrem Vater Lionel geerbt. Das hatte seine Großmutter ihm mit einem ironischen Lächeln bestätigt.

„Wenn man ganz ehrlich ist, würde Francey dem Unternehmen weit mehr nützen als Carina“, hatte sie gesagt. „Leider hat das Schicksal es anders bestimmt. Carina ist Francis’ erklärter Liebling. Er war nie ein großer Menschenkenner.“

Bevor sie sich trennten, nahm Nellie Bryn einen Augenblick beiseite. Sie sah ihn offen an und sagte, als wollte sie ihm seine Verantwortung bewusst machen: „Sie sind jetzt Francescas Familie, Byamee. Andere werden alles tun, um ihr zu schaden.“

„Nellie …“

Sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Sie wissen das genauso gut wie ich. Francesca denkt von jedem nur das Beste … sogar von denen, die ihr Böses wollen.“

„Sie werden auch mir Steine in den Weg legen“, sagte er, als hätte er es nicht mit einer eingeborenen Nomadin, sondern mit einer vertrauenswürdigen Partnerin zu tun. Das fiel ihm nicht einmal schwer. Die Aborigines hatten viele Gaben. Vorahnung war nur eine davon.

„Es wird ihnen nicht glücken“, versicherte Nellie mit Zornesfalten im Gesicht. „Sie sind stark, Byamee. Ihre Zeit ist gekommen. Diesmal werden Sie Gerechtigkeit finden.“

Es klang, als hätte sie eine Rede gehalten, und Bryn verstand die Botschaft.

3. KAPITEL

Francesca war zu Bryn in den Jeep gestiegen. Die Luft flimmerte über der glühenden roten Erde. Die ersten Trommeln waren zu hören. Ihre dumpfen Töne hallten von den fernen Bergen wider. Andere Trommeln kamen dazu und nahmen den Rhythmus auf. Tharum, tharum … es war ein primitives, erregendes Konzert.

Die Eingeborenen teilten sich über Meilen hinweg ihre Botschaften mit. Durch Bryns Ankunft waren die Vorahnungen bestätigt worden. Der „Eiserne Mann“ lebte nicht mehr. Die Nachricht war jetzt offiziell und wurde über die Ranch und das umliegende Land verbreitet.

„Nellie sorgt sich um mich“, sagte Francesca. „Ich wette, sie hat dich mit Warnungen überhäuft.“

„Dein Wohl liegt ihr und ihren Freunden sehr am Herzen.“ Bryn sah Francesca von der Seite an. Sie hatte ihren Hut abgenommen und auf den Rücksitz geworfen, sodass er ihr zartes, feines Gesicht ungehindert betrachten konnte. Sie erschien ihm weit schöner als ihre Cousine. Ihr dicker Zopf war unten mit einem elastischen Band und oben mit einem violetten Seidentuch zusammengehalten, das ihren Augen – so unglaublich es auch erschien – einen veilchenblauen Schimmer verlieh. „Du hast dich wunderbar für sie eingesetzt … noch dazu aus den lautersten Motiven.“

„Das versteht sich von selbst.“ Francesca tat das Lob mit einer Handbewegung ab. „Muss man Nellies Warnungen ernst nehmen?“

„Da es um dein Wohl und deine Sicherheit geht …“

„Wer könnte mir etwas anhaben? Ich bin für niemanden wichtig … am wenigsten war ich es für den armen Grandpa. Möge seine gequälte Seele endlich Frieden finden. Ich weiß, dass er nicht frei von Selbstvorwürfen war.“

Sie haben nicht viel bewirkt, dachte Bryn erbittert, ging aber nicht weiter darauf ein. „Du bist eine Forsyth“, erinnerte er Francesca. „Ganz bestimmt hat dich dein Großvater in seinem Testament großzügig bedacht. Schließlich hatte er genug zu vererben. Er war vielfacher Milliardär.“

„Was für eine Verantwortung!“ Francesca sagte das mit spürbarer Anteilnahme. „Zu viel Geld ist ein Fluch. Männer, die ein riesiges Vermögen anhäufen, werden zum Problem für ihre Erben.“

Bei den letzten Worten dachte sie an ihren Onkel Charles, was Bryn offenbar auch tat. „Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort … vielleicht stammt es auch aus Persien. ‚Je größer das Dach ist, desto mehr Schnee sammelt sich darauf.‘ Der arme Charles hat schwere Zeiten hinter sich. Francis hat ihn von früh auf schlecht behandelt, weil er seinen Maßstäben nicht entsprach.“

„Das war grausam von ihm“, stellte Francesca seufzend fest. Lag hier die Ursache dafür, dass Charles seine einzige Tochter wie eine Prinzessin verwöhnt hatte?

„Allerdings. Dein Vater war viel begabter, aber er wollte sich nicht einfügen. Dabei half ihm sein starker Charakter. Charles hat sich nach Kräften bemüht, leider fehlt ihm der Wille, die Position des Chefs einzunehmen. Er wird nur wegen seines Namens respektiert.“

„Die Forsyths haben sich viele Feinde gemacht“, gab Francesca zu, denn sie hatte selbst zu diesen gehört. „Neid ist dabei nicht der einzige Grund. Die Macallans sind auch reich und dabei hoch geachtet. Sir Theodore wurde geradezu verehrt.“

„Er war ein großer Menschenfreund“, bestätigte Bryn, der ungeheuer stolz auf seinen Großvater war.

„Und ein bedeutender Mann“, setzte Francesca hinzu. „Sein Leben war von keiner dunklen Wolke überschattet. Ich habe nie begriffen, was Grandpa deiner Familie nach Sir Theodores Tod angetan hat. Niemand spricht darüber.“

„Das werde ich auch nicht tun“, erklärte Bryn ernst. „Es wäre der schlechteste Zeitpunkt.“

„Natürlich“, lenkte Francesca sofort ein. „Aber die Sache beschäftigt dich noch?“

„Und wie.“ Er warf ihr einen raschen Blick zu. „Du könntest zum Beispiel zu den Feinden gehören.“

Francesca sah angespannt aus dem Fenster. Wie wunderbar der Regen die Wüste zum Leben erweckt hatte! „Du weißt, das stimmt nicht.“ Sie liebte ihn grenzenlos und würde es immer tun.

Bryn lachte kurz auf. „Du bist allerdings keine typische Forsyth.“ Sie erinnerte ihn mehr an einen Engel unter Dämonen.

„Hasst du uns?“ Die Frage kostete Francesca einige Überwindung, wenngleich sie berechtigt war. Lady Antonia hatte Sir Francis zutiefst verachtet. Dafür musste es einen Grund geben.

Ein Schatten glitt über Bryns Gesicht. „Das könnte ich niemals, Francey. Wie kommst du nur auf die Idee?“

„Man kann niemanden hassen, dessen halbe Seele man besitzt“, gab sie zu. Für sie selbst änderte sich alles, sobald sie mit Bryn zusammen war. Sie lebte intensiver und empfand eine prickelnde Spannung, die Leib und Seele erfasste.

Bryn sah sie überrascht an. „Glaubst du immer noch daran?“

„Ohne dich wäre ich jetzt nicht hier“, antwortete sie und seufzte leise. „Deshalb will ich, dass wir Freunde sind.“

„Nun, das sind wir“, versicherte er mit ironischem Unterton. „Ich möchte, dass du mir etwas versprichst, Francey.“

„Wenn ich kann …“

„Du musst“, bekräftigte er und wich einem roten Felsblock aus, der wie ein vorzeitliches Ungeheuer zwischen den dichten goldgelben Grasähren lauerte. „Wenn du dich unsicher fühlst oder dir wegen etwas Sorgen machst, bin ich immer für dich da. Wirst du daran denken?“

„Das verspreche ich.“

„Wirklich?“

„Wirklich. Ich breche nie ein Versprechen. Es ist für mich wie ein Schwur.“

„Das wollen wir mit einem Händedruck besiegeln.“ Bryn trat auf die Bremse und hielt im Schatten einiger Akazien, die sich reich mit süß duftenden Rispen geschmückt hatten. „Gib mir deine Hand.“

Francescas Herz begann heftig zu klopfen. „Einverstanden“, sagte sie und reichte ihm die Hand. Ob ihr Gesicht ihren inneren Aufruhr verriet? Es fiel ihr schwer, ruhig zu bleiben. Sie fürchtete Bryn Macallan und die Macht, die er über sie besaß. Das ging so weit, dass sie Angst hatte, mit ihm allein zu sein, obwohl sie sich manchmal stundenlang nach ihm sehnte.

Bryn ergriff ihre Finger – nicht sanft, sondern fest, als wollte er ihr dadurch klarmachen, wie ernst er ihr Einverständnis nahm. Für Francesca war es eine verwirrend intime Berührung. Ihr Blut pulsierte schneller, gleichzeitig empfand sie eine süße Schwäche. Für wenige atemberaubende Momente überließ sie sich ihrem Verlangen und ihren Wünschen. Sie liebte Bryn Macallan. Das war nie anders gewesen. Er bildete den Mittelpunkt ihres Lebens. Dabei wusste sie, dass Carina zu ihm gehörte. Trotzdem handelte sie nicht danach. Welche Demütigung! Sie musste sich stärker dagegen wehren.

„Wie mag das alles enden, Francey?“, fragte Bryn leise, ohne ihre Hand loszulassen, wie sie erwartet hatte. „Du weißt, dass ich ‚Titan‘ übernehmen will?“

Francesca antwortete nicht gleich. „Ich kenne deinen Ehrgeiz“, sagte sie dann, „und ich weiß, dass du ernste Absichten hast. Du deckst deine Karten nicht auf, aber es wird dir vermutlich nicht schwerfallen, Onkel Charles auszumanövrieren.“

„Bestimmt nicht.“ Das klang nicht etwa überheblich. Es war lediglich die Feststellung einer Tatsache.

„Grandpas größter Wunsch war, dass du und Carrie heiraten würdet. Ihr solltet die feindlichen Familien versöhnen.“

„Das ist mir klar.“ Bryns Ton verriet keine große Begeisterung. Jedenfalls kam es Francesca so vor.

„Wird sich dieser Wunsch erfüllen?“

Bryn wusste, dass sich Carina zu seiner erbittertsten Feindin wandeln würde, wenn die lang ersehnte Verbindung nicht zustande kam. Darüber musste er lachen, aber es klang nicht heiter. „Überlass das alles mir“, bat er. „Im Moment gilt meine Sorge ausschließlich dir.“

„Mir?“ Ihr wurde glühend heiß, und sie fand keine weiteren Worte.

„Ja, dir. Warum überrascht dich das so? Wir sehen uns selten … viel seltener, als ich möchte.“ Als sie weiter schwieg, drückte er ihre Hand fester und zog sie überraschend an die Lippen.

„‚Und so im Kusse sterb ich‘“, zitierte er Romeo aus Shakespeares berühmter Tragödie.

Francescas Herz setzte einen Schlag aus. Sie kannte Romeos Sterbeworte, aber was dachte sich Bryn dabei, sie zu zitieren? Sie war verwirrt – durch den Kuss ebenso wie durch den rätselvollen Ausdruck in seinen Augen. Ahnte er nicht, welche Qual es bedeutete, ihn zu lieben und dabei zu wissen, dass er zu Carina gehörte? Doch wie konnte er das? Sie tat ja alles, um ihre wahren Gefühle zu verbergen.

„Verlass dein Schneckenhaus, Francey“, fuhr er beinahe heftig fort. „Du hast dich lange genug darin versteckt.“

Der leise Vorwurf kränkte Francesca, umso mehr, als er berechtigt war. „Ich wollte mich nur schützen“, verteidigte sie sich.

„Das verstehe ich.“

„Würdest du jetzt bitte meine Hand loslassen?“

„Natürlich.“ Bryn gab sie sofort frei und schaltete den Motor wieder ein. „Wir sollten uns ohnehin beeilen. Ich möchte nicht lange bleiben.“

„Ich bin bereit“, erklärte sie, aber sie fühlte sich schlecht dabei.

Der Jeep holperte weiter über die sonnendurchglühte Ebene, begleitet von einem Schwarm bunter Papageien, den Francesca erst jetzt bemerkte. Sie sah zu den Vögeln auf und fragte sich, ob und wann sie „Daramba“ wiedersehen würde.

Die forsythschen Ländereien gehörten natürlich zum Erbteil ihres Onkels, obwohl er sich nie sonderlich dafür interessiert hatte. Wie allen Bewohnern des großen Inselkontinents – speziell Westaustraliens – waren ihm weite, offene Landschaften und die ihnen eigene Leere vertraut. Nur „Daramba“ blieb ihm irgendwie unheimlich. Dort war Gulla Nolan auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Nach einer langen, erfolglosen Suche war man zu dem Schluss gekommen, Gulla sei im Alkoholrausch in einer der vielen Lagunen ertrunken oder in einem Sumpf erstickt. Seine Vorliebe für Schnaps war allgemein bekannt gewesen, was Francis Forsyth und Theodore Macallan nicht gehindert hatte, ihn auf ihren Expeditionen als Führer mitzunehmen. Dabei hatten sie auch das Eisenerzlager am Mount Garnet entdeckt.

Bis zum heutigen Tag kannte niemand Gullas Schicksal. In Würdigung seiner Verdienste hatte Sir Theodore einen Treuhandfonds für Gullas Nachkommen eingerichtet, der im Lauf der Jahre beträchtliches Kapital aufwies. Ein Enkel von ihm hatte mithilfe dieser finanziellen Mittel studiert und war erfolgreich in die Politik gegangen. Er galt als entschiedener Gegner der Forsyths – für Charles ein Grund mehr, „Daramba“ und möglicherweise alle Ländereien aus dem Familienbesitz zu verkaufen.

In einer Hinsicht war die Beisetzung von Sir Francis Forsyth einmalig. Niemand weinte. Keiner konnte für den Mann, der als grausam und selbstherrlich gegolten hatte und nie zu den großen Söhnen Westaustraliens gezählt worden war, eine Träne vergießen.

Trotzdem war die anglikanische Kirche „St. George’s“ – ein relativ schlichter neugotischer Bau aus der viktorianischen Zeit – bis auf den letzten Platz besetzt. Alle, die in der Öffentlichkeit etwas darstellten, waren gekommen: ein Senator aus Canberra als Vertreter der Regierung, der Ministerpräsident von Westaustralien, der Gouverneur von Westaustralien, der Sir Francis einmal „einen imponierenden alten Schurken“ genannt hatte, und verschiedene Würdenträger aus Kirche, Wirtschaft und Justiz. Alle saßen auf der rechten Seite hinter den Forsyths. Die linke Seite war den Macallans vorbehalten.

Man konnte es nur als Ironie bezeichnen, dass nicht der Verstorbene, sondern sein ehemaliger Teilhaber und Mitbegründer von „Titan“, Sir Theodore Macallan, überall beliebt gewesen war. Er hatte als echter Gentleman gegolten, als Mann mit Herzensbildung und angenehmen Manieren. Seine Wohltätigkeit war sprichwörtlich gewesen, während Sir Francis bei seinen Spenden nur auf Steuervergünstigungen geachtet hatte – natürlich streng im Rahmen der Gesetze. Er hatte sich immer als ganz normalen Steuerzahler bezeichnet, aber konnte man Milliardär werden, ohne eine Armee von Anwälten zu beschäftigen, deren einziges Ziel es war, den Forsyth-Konzern vor fremden Ansprüchen zu schützen?

Carina, die Forsyth-Erbin, sah nach allgemeinem Urteil fabelhaft aus. Jeder versuchte, einen Blick auf sie zu erhaschen, obwohl später ein Bericht über die Beisetzungsfeierlichkeiten im Fernsehen gesendet werden sollte.

Die Vorschriften für kirchliche Feiern waren seit einigen Jahren merklich gelockert worden. Man spielte modernere Musik, und wer etwas über den Verstorbenen sagen wollte, bekam uneingeschränkt die Gelegenheit dazu. Auch der modische Geschmack hatte sich gewandelt. Die meisten Trauergäste, denen die Welt ohne Sir Francis weitaus lebenswerter erschien, hatten sich angezogen, als wollten sie keinen Gottesdienst, sondern den berühmten „Melbourne Cup“ besuchen. Man spürte sogar etwas von der dort üblichen Spannung. Wer alte Freunde traf, musste aufpassen, nicht laut zu sprechen oder zu lachen. Diskretes Lachen war nur während der – teilweise humorvollen – Nachrufe erlaubt.

Carina Forsyth stahl allen die Schau. Wie gewöhnlich trug sie die teuerste Garderobe und den kostbarsten Schmuck. Jeder staunte über ihre Perlenkette, bei der jede der drei Reihen auf hunderttausend Dollar geschätzt wurde. Niemand sprach mehr über den jüngsten Skandal, bei dem eine Dame der Gesellschaft die Forsyth-Erbin bezichtigt hatte, eine Affäre mit ihrem Ehemann zu haben. Dabei sollte sogar der Ausdruck „Schlampe“ gefallen sein. Das war heute vergessen – zumindest während der Trauerfeier. Später, beim Umtrunk zu Ehren des Verstorbenen, würde es vielleicht anders zugehen.

Francesca, die „zweite Besetzung“, war im Gegensatz zu ihrer Cousine betont schlicht angezogen. Sie hatte sich für ein schlichtes schwarzes Kostüm, einen dezenten Hut und kaum Schmuck entschieden und die Haare zu einem Nackenknoten frisiert, der mit einem schwarzen gerippten Seidenband gehalten wurde. Sie hatte sogar eine Sonnenbrille aufgesetzt, hinter der sie sich verstecken konnte. Nicht, dass Francesca so etwas nötig gehabt hätte. Sie erfreute sich in der Öffentlichkeit eines ausgezeichneten Rufs. Als eine Forsyth hätte sie ihrer Cousine nacheifern und wie eine Schmarotzerin leben können, aber sie setzte sich für gute Zwecke ein, wie ihre allgemein beliebte Tante Elizabeth, die sonderbarerweise bei den Macallans saß.

Das größte Interesse galt neben den beiden Erbinnen dem Testament von Sir Francis. Was hatte er darin verfügt? Dass sein Sohn Charles den größten Teil erben würde, unterlag keinem Zweifel, obwohl er in der Geschäftswelt nicht als großes Licht angesehen wurde. Es existierten mehrere Treuhandfonds, die auch entfernten Verwandten ein Einkommen sicherten, doch das meiste des Forsyth-Vermögens würde traditionsgemäß dem ältesten Sohn zufallen. Sir Francis’ zweiter Sohn Lionel, mit dem er sich schon früh überworfen hatte, lebte nicht mehr.

Charles Forsyth saß, für alle sichtbar, in der ersten Reihe auf der rechten Seite. Links erkannte man Bryn zwischen seiner Großmutter, Lady Antonia Macallan, und seiner schönen Mutter Annette, die trotz zahlreicher Anträge nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes nicht wieder geheiratet hatte. Bryn Macallan galt als hochkarätig. Man wusste, dass er sich unter Sir Francis auch bei schwierigen Aufgaben glänzend bewährt hatte. Er zählte landesweit zu den begehrtesten Ehekandidaten, war aber immer noch Junggeselle. Aus der von Sir Francis angestrebten Verbindung zwischen den Forsyths und Macallans war bisher nichts geworden. Man zweifelte jedoch nicht daran, dass sie in absehbarer Zeit zustande kommen würde.

Der Minengigant „Titan“ war einfach zu groß, um einer Familie zu gehören oder von einem Mann geleitet zu werden. Allerdings sah es so aus, als könnte Bryn Macallan aufgrund seiner Familiengeschichte, seines scharfen Intellekts und seines brillanten Geschäftssinns dieser Mann werden. Waren das nicht einzigartige Voraussetzungen für eine eheliche Verbindung mit Carina Forsyth? Das Schicksal hatte sie beide auf die oberste Stufe gestellt.

4. KAPITEL

Hunderte von Menschen begaben sich vom Friedhof zur Forsyth-Villa – einem modernen, kastellartigen Bau – und füllten die weitläufigen Empfangsräume, als wären sie zur Besichtigung vor einer Auktion gekommen. Nur wenige waren schon einmal dorthin eingeladen worden. Die meisten kannten sie nicht und sahen sich jetzt neugierig, erstaunt, bewundernd oder auch enttäuscht um.

Charles Forsyth stand vor einem riesigen Marmorkamin – er hätte aus einem alten Medici-Palast stammen können – und fröstelte, obwohl es ein heißer Tag war. Die höhlenartige Feuerstelle, in der mehrere Spanferkel Platz gehabt hätten, wurde von einem gewaltigen Blumenarrangement aus weißen Lilien und Palmwedeln dominiert.

„Nimm dich, um Himmels willen, zusammen, Dad“, raunte Carina ihrem Vater zu. Sie liebte ihn, aber gelegentlich brachte er sie mit seinem Verhalten zur Weißglut. Dann verstand sie, warum ihr Großvater so oft in Wut geraten war.

„Das schert mich einen Dreck“, erwiderte Charles ebenso leise. „Ich habe das Testament gelesen.“

„Und?“ Carina fuhr zurück, als wäre sie von einer besonders bösartigen Wespe gestochen worden, die sich in den Lilien versteckt hatte. „Entspricht es unseren Erwartungen?“

Charles’ Gesicht lief rot an. „Nein … durchaus nicht.“

Carina stellte sich so vor ihren Vater, dass sie das Zimmer und die Gäste im Rücken hatte. Ihre blauen Augen glitzerten kalt. „Und wann, bitte sehr, wolltest du mich darüber informieren?“

Ihr Ton war so schneidend scharf und dem ihres Großvaters so ähnlich, dass Charles erschrak. „Du wirst es früh genug erfahren“, antwortete er. „Ich wünschte, du wärst deinem Großvater weniger ähnlich. Manchmal jagst du mir direkt Angst ein. Aber du hast recht … ich sollte mich zusammennehmen und mehr um die Gäste kümmern. Die meisten sind sowieso nur gekommen, um zu gaffen und zu lästern. Dieses entsetzliche Haus! Wer hat Dad schon gemocht oder verehrt? Sogar der Erzbischof hatte Mühe, einige freundliche Worte zu finden. Er weiß, dass Dads Chancen, in den Himmel zu kommen, gleich null sind.“

Carina verzog spöttisch den Mund. „Unsinn, Dad. Es gibt keinen Himmel!“

„Vielleicht hast du recht.“ Charles lächelte traurig. „Aber wie steht es mit der Hölle? Ein riesiges Vermögen zu erben bringt keinen Segen, Carrie … egal, was du darüber denkst. Du hast keine Ahnung vom wirklichen Leben, dazu bist du zu sehr verwöhnt worden. Du solltest immer nur blendend aussehen. In die Fußstapfen deines Großvaters zu treten ist schwieriger, als wir beide uns vorstellen können. Ich weiß selbst am besten, dass ich nicht den Kopf dafür habe, und ich bin nicht hart genug. Ich gehöre zu denen, die bellen, aber nicht beißen. Wir brauchen jemanden, der so unbeugsam ist wie er … oder war, ehe seine Kräfte abnahmen. Am Ende verließ er sich ganz auf Bryn und den guten Namen Macallan. Sir Theodore war eben kein Schweinehund.“

Carina hätte ihren Vater am liebsten geohrfeigt. Sie hatte ihren Großvater verehrt, wie sie Durchsetzungskraft und Rücksichtslosigkeit bei jedem Mann bewunderte. Für sie waren diese Eigenschaften Vorzüge und keine Charakterfehler.

„Ich höre mir das nicht länger an!“, stieß sie aufgebracht hervor, und dabei wurde ihr Blick noch kälter. „Gramps war ein großer Mann.“

„Das ist deine Meinung“, entgegnete ihr Vater, „aber du wirst kaum jemanden finden, der dir beipflichtet.“ Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, Carina einige Sünden ihres Großvaters zu offenbaren und nur die tödlichen wegzulassen. Doch welchen Sinn hätte das gehabt? „Wir verdanken unseren großen Erfolg vor allem Sir Theodore und stehen tief in seiner Schuld. Jetzt brauchen wir wieder einen Kämpfer, und der bin ich nicht. Ich bin ein Schwächling. Deine Mutter hat mir das vor der Trennung bestätigt, und sie hatte recht. Sie hatte immer recht.“

„Lass Mum aus dem Spiel!“, fuhr Carina auf. „Sie hat uns beide verraten, als sie sich scheiden ließ. Hast du gesehen, wie sie bei den Macallans saß? Der schwarze Schleier war einfach lächerlich. Sie hasste Gramps.“

„Und verachtete mich“, fügte Charles traurig hinzu. „Ich mache ihr daraus keinen Vorwurf. Jedes Mal, wenn Dad mich anbrüllte, sackte ich zusammen wie ein nasser Lappen. Ich habe mein Leben lang nur Verachtung von ihm erfahren und wollte es ihm immer recht machen. Ich konnte mich nie richtig entwickeln. Wen wundert es da, dass mir mit seinem Tod eine unerträgliche Last von den Schultern genommen …“ Er schwieg erschöpft und fuhr nach einer Pause fort: „Heirate Bryn, Carrie … das ist das Beste, was du für dich und uns tun kannst. Alle unsere Probleme würden dadurch gelöst, denn er wäre der richtige Chef für den Forsyth-Konzern. Leider scheint er es damit nicht eilig zu haben.“

Damit traf Charles einen wunden Punkt. „Halt dich da heraus, Dad“, warnte Carina ihn mit blitzenden Augen. „Ich handhabe das auf meine Weise.“

„Zweifellos.“ Charles sah zu Bryn hinüber, der sich mit Francesca unterhielt. Neben seiner stattlichen, athletischen Gestalt wirkte sie trotz ihrer Größe wie eine Lilienblüte auf schwankendem Stiel. Sie war schön, in ganz anderem Sinn als seine Tochter. Sie besaß Anmut und vieles mehr, das sie auszeichnete. Hinzu kam, dass sie sich schon mit dreiundzwanzig Jahren einen Namen als Künstlerin machte …

Carina hatte sich umgedreht und war dem Blick ihres Vaters gefolgt. Wenn Bryn und Francesca zusammen waren, ließ sie die beiden ohnehin nie lange aus den Augen. „Ich mache es wie Gramps“, sagte sie giftig. „Ich erzähle dir nicht alles. Manchmal ist es besser, nichts zu wissen. Francey ist keine Bedrohung für mich, falls du das denkst. Bryn hat es auf mich abgesehen, aber er will mich erst erobern. Das gefällt mir.“ Sie sah ihren Vater verschlagen an, was ihn mehr abstieß als der wütendste Blick. Seit Jahren quälte ihn der Albtraum, seine Tochter könnte sich in seinen Vater verwandeln. Genau das spielte sich jetzt vor ihm ab.

„Die beiden verbindet etwas“, sagte er unvorsichtigerweise. „Er hat ihr vor Jahren das Leben gerettet.“

„Der große Held!“, spottete Carina. „Die süße kleine Francey hatte Mum schon damals für sich gewonnen.“

Der hämische Ton schockierte ihren Vater. „Ganz ohne Absicht, Carrie“, versicherte er. „Francesca war so ein liebliches Kind.“

„Und ich nicht?“ Carinas Wangen hatten sich hektisch gerötet, was ihre auffällige Schönheit noch unterstrich.

„Natürlich … du auch. Du warst vollkommen und bist es geblieben.“ Charles log aus Verzweiflung, denn er wollte Carina nicht noch mehr reizen. Sie war als Kind manchmal abscheulich gewesen. Einmal hatte sie sogar das Zimmer ihrer Mutter verwüstet. „Die arme Francey war eine Waise. Sie brauchte liebevolle Zuwendung, und die bekam sie von deiner Mutter. Deswegen wurdest du nicht vernachlässigt, Carrie … keinen Augenblick. Warum verurteilst du deine Cousine so? Sie war das unschuldige Opfer.“

„Genau genommen, war ich das“, entgegnete Carina unerwartet ernst. „Das habt Mum und du nur nicht bemerkt. Francey war kein Unschuldslamm. Vielleicht am Anfang, aber später hatte sie sich mit Mum gegen mich verschworen.“

Charles fühlte sich hin und her gerissen. Er liebte seine Tochter und fürchtete zugleich, dass er sie nicht richtig kannte und vielleicht zutiefst ablehnen musste. „Das stimmt nicht, Carrie“, protestierte er. „Du solltest ärztlichen Rat einholen. Du scheinst an einer Phobie zu leiden, die ständig zunimmt.“

Carina lachte. „Es tut mir leid, Dad, aber in diesem Punkt bleibe ich hart. Mum lebte für Francey. Denk darüber nach. Sie liebt ihre Nichte mehr als ihre eigene Tochter.“

„Vielleicht hast du ihre Zuneigung nicht angenommen.“

„Wie konnte ich, wenn sie sich immer nur Francey zuwandte?“ Für Carina war die Sachlage klar. Sie tätschelte ihrem Vater die Wange, was ihn zusammenzucken ließ, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen. „Glaub mir, Dad … ich liebe Francey. Ich bewundere ihre Güte. Wir sind nicht nur Cousinen, sondern auch die besten Freundinnen. Sie fragt mich oft um Rat, und ich helfe ihr gern. Wenn mich Mums Vorliebe für sie manchmal ärgert, kann ich es nicht ändern. Ich bin keine Heilige.“

Nein, dachte Charles. Das bist du nicht. Gott helfe uns! In seiner rechten Schläfe pochte plötzlich ein bohrender Schmerz. Was mochte geschehen, wenn Bryn sich von Carina abwandte und Francesca umwarb? Die Möglichkeit bestand durchaus, und das Leben war voller Überraschungen.

Eine gewaltige Überraschung stand ihnen gerade bevor und würde sie mit der Wucht einer Flutwelle treffen. Wenn jetzt auch noch Carinas Pläne durchkreuzt wurden, war die Hölle los. Sie wusste ihre Waffen zu gebrauchen und besaß die sagenhafte Rücksichtslosigkeit ihres Großvaters. Er, Charles Forsyth, würde nicht gern in der Haut der Frau stecken, die versuchte, seine Tochter bei Bryn auszustechen.

Für ihn selbst war Rückzug die beste Taktik. Er wählte den Abgang von der Bühne. Man hatte ihn nicht einmal dazu drängen müssen.

Eine Stunde nachdem der letzte Gast gegangen war, sollte das Testament verlesen werden. Francesca fragte sich, ob sie so lange durchhalten würde. Sie war so unglücklich und erschöpft, dass sie fürchtete, jeden Moment umzusinken.

Bryn stöberte sie in einer Ecke auf, wo sie, halb versteckt, hinter einer üppigen Zimmerpalme saß. „Geht es dir gut?“, fragte er und zog sich einen Stuhl heran.

„Mehr oder weniger“, antwortete sie, zutiefst dankbar für seine Gesellschaft. „Der Tod wirkt ernüchternd, nicht wahr? Ich bedauere es sehr, dass ich keinen echten Zugang zu Grandpa hatte und nun nicht mehr finden werde. Carrie war sein wahrer Liebling.“

„Sie war ihm so ähnlich“, meinte Bryn, als wäre das die Erklärung.

Francesca lächelte schwach. „Ja. Ich empfand es immer als meine Aufgabe, still zu sein und allen aus dem Weg zu gehen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn sich Tante Elizabeth und deine Familie nicht so liebevoll um mich gekümmert hätten. In gewisser Weise …“, sie sah sich in dem bedrückend pompös eingerichteten Raum um, „… ist dieses schreckliche Haus immer noch Feindesland für mich.“

„Es hat etwas Unmäßiges“, gab Bryn zu. Das hatte er schon vor Jahren bei seinem ersten Besuch gedacht.

„Ich habe immer gehofft und dafür gebetet, dass Carrie und ich unzertrennlich sein würden“, gestand Francesca wehmütig. „Als die Forsyth-Mädchen.“

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