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ROMANA GOLD BAND 21

CAROLE MORTIMER

Sehnsucht erwacht auf Mallorca

Auf der Trauminsel Mallorca begegnen sie sich: Die heißblütige Brynne Sullivan und der eiskalte Millionär Alejandro Santiago. Tagsüber liefern sie sich in seiner luxuriösen Villa heftige Wortgefechte. Und wenn der Mond aufgeht, erwacht süßes Verlangen. Schon bald aber droht die hinterlistige Antonia aus Eifersucht das junge Glück zu zerstören …

ANNE WEALE

Dein Blick sagt mehr als tausend Worte

Für Nicolas ist die schüchterne Cressy wie ein ungeschliffener Diamant, den er unter der mallorquinischen Sonne mit seinem heißen Temperament zum Strahlen bringen wird! Doch als sich die hinreißende Engländerin tatsächlich seiner Leidenschaft ergibt, zügelt er sein spanisches Feuer: Denn mit Cressys Vorstellung von romantischer Liebe hat er nichts am Hut!

NATALIE FOX

Liebe – und sonst gar nichts

Bei ihrem Wiedersehen mit dem reichen Hotelier Fernando Serra bricht für Ruth eine Welt zusammen! Nach zehn zauberhaften Tagen in Sevilla ist sie ihm vollkommen verfallen. Und obwohl sie sich wie magisch zu ihm hingezogen fühlt, weiß sie wenig über diesen Mann. Warum lädt er sie in seine luxuriöse Finca auf Mallorca ein, wenn er schon vergeben ist?

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Sehnsucht erwacht auf Mallorca

1. KAPITEL

„Mr Symmonds, würden Sie Ihrer Mandantin freundlicherweise erklären, dass ihr Verhalten gestern äußerst unvernünftig war. Ich wollte Miguel abholen …“

„Mr Shaw, würden Sie Ihrem Mandanten bitte mitteilen, dass ich hingegen sein gestriges Verhalten für weit mehr als unvernünftig halte – es war eindeutig unmenschlich!“ Brynnes dunkelblaue Augen blitzten auf, ihre Wangen waren gerötet. Zornig starrte sie auf den groß gewachsenen Mann, der auf der anderen Seite des Büros am Fenster stand.

Paul Symmonds, der sie anwaltlich vertrat, nahm neben ihr Platz und sagte mit ruhiger Stimme: „Ich fürchte, dass Señor Santiago das Gesetz auf seiner Seite hat, Miss Sullivan …“

„Vielleicht hat er das, aber …“

„Kein ‚Vielleicht‘, Miss Sullivan. Vor drei Wochen hat der Richter entschieden, dass Miguels Platz an meiner Seite ist, denn ich bin sein Vater“, unterbrach Alejandro sie mit eisiger Stimme. „Und als ich gestern wie vereinbart zu Ihnen nach Hause kam, weigerten Sie sich, mir Miguel zu geben.“

„Michael ist sechs Jahre alt“, sagte Brynne, wobei sie absichtlich die englische Version des Namens ihres Neffen benutzte. „Und er hat erst vor Kurzem seine Eltern bei einem Autounfall verloren. Er ist kein übrig gebliebenes Gepäckstück, das Sie nach Belieben abholen können, nur weil Sie zufällig sein leiblicher Vater sind!“ Sie atmete heftig und hatte die Hände zu Fäusten geballt.

Am liebsten würde sie schreien und toben und diesem Mann endgültig klarmachen, dass es ihr egal war, ob er der Vater des Kindes war oder nicht. Auch wenn sie nur die angeheiratete Tante war: Der kleine Junge gehörte zu ihr!

Doch sie wusste, dass sie keine Chance hatte. Die gerichtliche Auseinandersetzung mit Alejandro Santiago war bereits verloren.

Trotzdem war ihr zum Schreien zumute.

Alejandro musterte sie. Seine Miene verriet keinerlei Gefühl. Er war groß, hatte mittellange Haare und die kältesten grauen Augen, die Brynne je gesehen hatte. Sein Gesicht war kantig, und sein maßgeschneiderter Anzug verstärkte noch den Eindruck ungerührter Gleichgültigkeit. In dem heftigen Streit um das Sorgerecht für Michael in den letzten Wochen hatte er sie das Fürchten gelehrt.

„Ich weiß sehr gut, wie alt Miguel ist, Miss Sullivan“, entgegnete er auf Brynnes Gefühlsausbruch. „Und Sie wissen ebenso gut wie ich, dass mein Sohn zu mir gehört.“

„Er kennt Sie noch nicht einmal!“, protestierte sie.

„Das ist mir klar“, erwiderte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Aber ich kann nichts dafür, dass mein Sohn die letzten sechs Jahre ohne mich verbringen musste.“

„Sie hätten versuchen können, seine Mutter zu heiraten!“

Alejandros Nasenflügel zitterten vor Wut. „Was wissen Sie denn schon! Bilden Sie sich ja nicht ein, Sie könnten mir vorhalten, was ich vor sieben Jahren hätte tun oder lassen sollen!“

Sie schluckte seinen Kommentar herunter und beschloss, diesem arroganten Spanier einen kostenlosen Ratschlag zu erteilen. „Seit der Gerichtsverhandlung vor drei Wochen warte ich vergebens darauf, dass Sie Michael kennenlernen möchten. Aber Sie haben sich nicht ein einziges Mal mit ihm getroffen. Ich wusste noch nicht einmal, ob Sie überhaupt im Land waren. Und nun wagen Sie es …“

Seine harten grauen Augen wurden schmal. „Wo ich in den letzten drei Wochen war, geht Sie überhaupt nichts …“ Ungeduldig brach er ab und wandte sich an die beiden Rechtsanwälte, die den Streit beobachteten. „Mr Symmonds, können Sie Ihrer Mandantin nicht begreiflich machen, dass Sie kein Recht hat, meinen Sohn von mir fernzuhalten? Ich habe dem heutigen Treffen allein aus Höflichkeit Miss Sullivan gegenüber zugestimmt. Ich akzeptiere, dass sie den Jungen mag …“

„Ihn mögen?“, wiederholte Brynne, außer sich vor Zorn. „Ich liebe ihn. Michael ist mein Neffe …“

„Das ist er nicht, er ist kein Blutsverwandter von Ihnen. Miguel war bereits vier Jahre alt, als seine Mutter Ihren Bruder heiratete …“

„Er heißt Michael“, stieß sie wütend hervor.

„Sehen Sie, Miss Sullivan“, ergriff Paul Symmonds das Wort. „Ich habe Sie vor dem Treffen darauf hingewiesen, dass Sie wirklich keine andere Wahl haben …“

„Michael ist noch vollkommen durcheinander, weil er seine Eltern verloren hat“, fuhr Brynne fort. Sie war selbst noch längst nicht über den Tod ihres älteren Bruders und seiner Frau hinweggekommen. Ein Autounfall hatte Michael zur Waise gemacht. „Ich bin mir sicher, dass der Richter davon ausging, dass Mr Santiago die dreiwöchige Übergangsfrist nutzen würde, um Michael kennenzulernen, und dass er nicht plötzlich wie ein Wildfremder bei mir vor der Tür steht und erwartet, dass ich ihm das Kind anvertraue.“

Alejandro hob die kräftigen Augenbrauen und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum diese Frau ihn so erbittert bekämpfte. Seit sechs Wochen schien sie nichts anderes zu tun. Vor eineinhalb Monaten hatte sich herausgestellt, dass der Junge, der durch die Heirat ihres Bruders ihr Neffe geworden war, tatsächlich sein Sohn war. Er war das Ergebnis der kurzen Affäre, die er vor sieben Jahren mit Joanna gehabt hatte.

Wenn Brynne Sullivan glaubte, diese Enthüllung hätte ihn unberührt gelassen, dann irrte sie sich. Er hatte in der Zeitung von dem schrecklichen Unfall gelesen, bei dem acht Menschen getötet worden waren, darunter auch Joanna und ihr Mann Tom. Ein Zeitungsfoto zeigte Joannas Sohn. Der kleine Junge, der den Unfall wie durch ein Wunder überlebt hatte, wies eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihm selbst in diesem Alter auf. Er wurde misstrauisch und stellte diskrete Erkundigungen an. Dabei kam heraus, dass Michael bereits vier Jahre alt gewesen war, als Joanna Tom Sullivan heiratete, und dass der Name seines leiblichen Vaters unbekannt war.

Möglicherweise war Alejandro also tatsächlich der Vater. Auf der Stelle flog er für weitere Nachforschungen nach England. Kurz darauf beantragte er das Sorgerecht, und das Gericht ordnete einen Vaterschaftstest an, dessen Ergebnis eindeutig war.

Doch diese Frau, diese Brynne Sullivan, die jüngere Schwester von Joannas Mann, hörte nicht auf, gegen die Entscheidung des Gerichts anzukämpfen.

Sie warf ihm Unmenschlichkeit vor!

„Wie ich bereits sagte, mit dem Treffen heute wollte ich Ihnen entgegenkommen, und jetzt ist es beendet.“

„Nein, das ist es nicht!“ Brynnes Stimme war fest.

„Oh doch, und ob es das ist“, beharrte er betont ruhig, obwohl er nahe daran war, die Geduld zu verlieren. „Sie werden Miguels Sachen zusammenpacken und ihn darauf vorbereiten, dass er morgen um diese Zeit mit mir kommt …“

„Nein, das werde ich nicht.“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Ich werde nicht zulassen, dass Sie ihn einfach so mitnehmen …“

„Ich fürchte, Sie haben keine andere Wahl, Miss Sullivan“, mischte Alejandros Anwalt sich mit freundlicher Stimme ein. „Señor Santiago hat das Gesetz auf seiner Seite.“

Für seine Mühe erntete er nichts als einen wütenden Blick aus blauen Augen.

Unter anderen Umständen hätte Alejandro sich von der Frau angezogen gefühlt. Sie war schlank, hatte lange tizianrote Haare und einen hellen Teint. Ihre Augen blitzten, und sie strahlte jugendliches Selbstvertrauen aus. Doch da sie zwischen ihm und seinem Sohn stand, ärgerte er sich nur in höchstem Maße über sie. Unter anderen Umständen hätte er sich über ihre Hartnäckigkeit amüsiert, da er hinter ihrem Verhalten einen Willen erkannte, der ebenso unzähmbar war wie sein eigener. Aber die Umstände waren nun einmal nicht anders, und so war Brynne Sullivan für ihn nur eine Quelle des ständigen Ärgers, die er so schnell wie möglich loswerden wollte.

„Aber er liebt Michael nicht so wie wir!“, sagte sie jetzt und starrte Alejandro mit unverhohlener Abscheu an. „Michael war erst vier, als Tom und Joanna heirateten, und jetzt, wo sie tot sind, sind meine Eltern und ich die einzigen Verwandten, die er noch hat …“

„Er hat Großeltern, Onkel und Tanten und zwei Cousins in Spanien“, unterbrach Alejandro sie.

„Die er genauso wenig kennt wie Sie“, gab sie scharf zurück.

Er holte tief Luft. „Miss Sullivan, seit sechs Wochen bringen Sie immer nur dieselben Argumente. Doch wie ich bereits sagte, weder Sie noch Ihre Eltern sind mit Michael verwandt …“

„Sie sind wirklich ein Ungeheuer!“ Brynne stand auf und schleuderte ihm die Anschuldigung entgegen. „Michael hat immer noch Albträume, weil seine Mutter und der einzige Vater, den er je kannte, tot sind. Wie können Sie nur daran denken, ihn auf diese gefühllose Weise den Menschen zu entreißen, die er für seine Großeltern und seine Tante hält?“

„Ich nehme nur mein Recht als Vater wahr.“ Er war sich immer noch nicht sicher, was er davon halten sollte, dass Joanna ihm Miguels Existenz all die Jahre verheimlicht hatte. Zugegeben, ihre Affäre hatte nicht lange gedauert, und es war nicht mehr als ein Urlaubsflirt gewesen. Aber Joanna musste gewusst haben, dass das Kind von ihm war. Trotzdem hatte sie ihm nichts von dem Jungen erzählt.

Frustriert starrte Brynne ihn an. Sie wusste, dass es keinen Zweifel daran gab, dass dieser Mann Michaels leiblicher Vater war. Genauso wie sie wusste, dass er das Recht hatte, sein Kind überallhin mitzunehmen.

Sie hatte niemals eine echte Chance gehabt, Michael zu behalten. Nicht, nachdem Alejandro Santiago das Sorgerecht beantragt hatte. Was konnte eine alleinstehende fünfundzwanzig Jahre alte Lehrerin schon gegen einen Mann ausrichten, der Millionen Pfund verdiente, überall auf der Welt Häuser besaß und zu seinen Geschäften rund um den Globus im eigenen Privatjet flog? Die einfache Antwort lautete: Nichts. Aber das hielt sie nicht davon ab, es zumindest zu versuchen.

„Ich kann wirklich nicht noch mehr Zeit mit diesem Thema verschwenden“, erklärte dieser Spanier gerade seinem Anwalt. „Ich habe dringende Termine auf Mallorca, ich musste bereits einige verschieben …“

„Das kommt natürlich nicht infrage, dass Michaels Glück Ihre Geschäftsinteressen gefährdet!“

Alejandro streifte sie mit einem kalten Blick, ehe er sich wieder an Paul Symmonds wandte. „Bitte sorgen Sie dafür, dass Ihre Mandantin alles vorbereitet hat, wenn ich Miguel morgen früh um zehn Uhr aus ihrem Apartment abhole“, sagte er kurz angebunden. „Andernfalls werde ich die Polizei einschalten.“

Das würde er tatsächlich fertigbringen, dachte Brynne. Als sie den unversöhnlichen Gesichtsausdruck des Mannes sah, gestand sie sich ihre Niederlage ein.

Sie konnte kaum glauben, dass ihre schöne, lebenslustige Schwägerin Joanna sich jemals mit einem Mann wie Alejandro Santiago eingelassen hatte. Er war etwa Mitte dreißig und von einer arroganten Selbstsicherheit, die fast unterkühlt wirkte. Doch ihr war bewusst, dass seine Größe, das dunkle Haar und die klaren, wie aus Stein gemeißelten Gesichtszüge ihn zum Inbegriff männlicher Schönheit machten.

Diese Tatsache war ihr trotz ihrer Wut und Enttäuschung in den letzten Wochen nicht entgangen.

War er vor sieben Jahren auch so reserviert gewesen? Oder war seitdem etwas geschehen, das ihn so hatte werden lassen?

Letztlich war diese Frage aber völlig unerheblich. Das Gericht hatte sein Sorgerecht für Michael bestätigt, und es gab absolut nichts, was sie dagegen unternehmen konnte.

Herausfordernd sah sie Alejandro an. „Haben Sie nicht etwas vergessen, Mr Santiago?“

Er zog die Augenbrauen in die Höhe. „Und was sollte das sein?“

Brynne Sullivans Stimme bekam einen triumphierenden Klang. „Der Richter hat noch einige andere Entscheidungen getroffen. Eine davon besagt, dass Sie mir erlauben müssen, in den ersten vier Wochen bei Michael zu bleiben, um ihm die Eingewöhnung in sein neues Leben zu erleichtern.“

Das stimmte, doch er hätte nie gedacht, dass diese Frau, die ihn offensichtlich nicht leiden konnte, auf der Regelung bestehen würde.

Er war sich sicher, dass Brynne Sullivan eine einzige Plage sein würde, wenn sie mit ihm und Miguel nach Mallorca kam. Zweifellos würde sie jede seiner Entscheidungen über die Zukunft seines Sohnes infrage stellen.

„Diese Lösung scheint mir ganz im Sinne von Michaels Wohlergehen zu sein, meinen Sie nicht, Señor Santiago?“, regte Paul Symmonds vorsichtig an.

Alejandro warf seinem eigenen Anwalt einen zornigen Blick zu, erntete jedoch nur ein ergebenes Achselzucken.

Und was war mit seinem eigenen Wohlergehen? Er kochte innerlich vor Wut. Der rebellischen Brynne Sullivan würde es in den nächsten vier Wochen ein Vergnügen sein, ihm das Leben zur Hölle machen.

Brynne war keineswegs begeistert von der Vorstellung, nach Mallorca zu fahren, ebenso wie Alejandro keine Lust hatte, sie mitzunehmen. Bei allen Streitigkeiten spürte sie nur zu gut, wie anziehend dieser Mann auf sie wirkte. Doch ihre Anwesenheit würde Michael dabei helfen, sich einzugewöhnen. Am Ende des Monats würde es für Brynne nicht einfacher sein, sich von ihm zu trennen, doch zumindest konnte sie versuchen, Michael die erste Zeit des Zusammenlebens mit seinem neuen Vater zu erleichtern.

Natürlich hatte sie versucht, Michael alles zu erklären, aber mit seinen sechs Jahren war er einfach noch nicht in der Lage, die komplizierte Situation zu begreifen.

„Mr Santiago …“ Streitsüchtig sah sie zu ihm hinüber und war sich bewusst, dass ihre Abneigung im gleichen Maße erwidert wurde. Das überraschte sie nicht, schließlich hatte sie diesen Mann in den letzten sechs Wochen erbittert bekämpft.

Doch es war etwas völlig anderes, ob sie akzeptierte, dass dieser Mann ein Recht auf seinen Sohn hatte, oder ob sie zuließ, dass er den Jungen einfach den Menschen wegnahm, die ihn liebten.

Desinteressiert hob Alejandro die breiten Schultern. „Es ist mir gleichgültig, ob Sie Miguel nach Mallorca begleiten oder nicht, Miss Sullivan“, erwiderte er abweisend.

„Ich bin sicher, dass es Ihnen nicht egal ist“, gab sie unbeirrt zurück. Ihre Wangen waren immer noch gerötet.

„Doch falls Sie sich dazu entschließen, sollten Sie morgen früh um zehn Uhr ebenfalls reisefertig sein“, schloss er kühl.

Er war so unversöhnlich. Und so unglaublich arrogant!

Nur der Gedanke, noch einen weiteren Monat mit Michael zusammen sein zu können, brachte Brynne überhaupt dazu, die Gegenwart dieses Mannes noch länger zu ertragen. Sie sollte ihn abgrundtief verabscheuen, doch stattdessen bekam sie weiche Knie, wenn sie ihn ansah, und ihr Puls begann zu rasen.

2. KAPITEL

„Hast du den Swimmingpool gesehen, Tante Bry? Und den Strand? Tante Bry, hast du den Strand gesehen?“, fragte Michael aufgeregt. Er öffnete eine der beiden großen gläsernen Flügeltüren, die von seinem Zimmer auf den Balkon hinausführten. Alejandro hatte ihm erklärt, dass dies sein Zimmer sei, solange sie auf Mallorca blieben. Brynnes Zimmer lag direkt nebenan. „Ich kann das Meer sehen, Alej… äh, Vater“, verbesserte Michael sich verlegen, als er seinen neuen Vater ansprach, der mit ihnen nach oben gekommen war. „Das Meer ist ganz türkis, und der Sand ist fast weiß. Und …“

„Geh nicht zu nah an die Brüstung, Michael“, sagte Brynne automatisch, als sie dem Jungen nach draußen folgte.

Die Hitze der mallorquinischen Julisonne brannte auf sie nieder. Vor ihnen lag ein terrassenförmig angelegter Orangenhain, der sich bis zum Meer erstreckte. Eine schmale Treppe führte an den Orangenbäumen vorbei zu einer kleinen Bucht. Der weiße Sandstrand wurde von schroffen Felsen geschützt, an denen sich die Wellen des Mittelmeeres brachen. Eine sanfte Brise trug den Duft wilder Kräuter herauf.

Es war nicht schwer, Michaels Begeisterungsstürme nachzuvollziehen. Wenn sie mit dem Kind ihre Ferien hier verbrächte, würden die Landschaft und die Villa sie ebenso bezaubern. Aber das Wissen, das sie in einem Monat allein wieder abfahren musste, dämpfte ihre Freude an der luxuriösen und farbenprächtigen Umgebung.

Sie hätte sich denken können, was für ein Domizil sich ein spanischer Millionär auf Mallorca auswählte. Dabei hatte sie schon nach dem Flug im Privatjet gedacht, dass sie nichts mehr überraschen konnte. Das Flugzeug hatte zwölf Sitze, die eher bequemen Liegestühlen glichen, und ein junger Mann hatte ihnen einen Lunch serviert, der in den besten Londoner Restaurants nicht zu bekommen war.

Doch diese Villa war einfach unglaublich. Auf jedem Stockwerk führten breite Flügeltüren auf Terrassen und Balkone heraus. Rankende Bougainvilleen und Clematis, Oleander und Rosenstöcke bildeten ein Blütenmeer, das einen intensiven Duft verströmte. Im Inneren des Hauses sorgten Marmorböden für eine angenehme Kühle, und die weiße Einrichtung verstärkte noch den Eindruck der Frische. Am Rand der großen Terrasse glitzerte einladend ein Swimmingpool. Es war eine verlockende Alternative zu der kleinen Bucht und dem türkis schimmernden Wasser des Mittelmeers.

Michael war zunächst etwas ängstlich gewesen, doch das hatte sich rasch gelegt, nachdem sie den Privatjet bestiegen hatten. Anfangs hatte Alejandro ihn eingeschüchtert, weil er Brynne und Michael komplett ignoriert und sich sofort in seine Papiere vertieft hatte, die er aus seinem Aktenkoffer zog. Doch sobald sie in der Luft waren, kannte die Faszination des kleinen Jungen keine Grenzen mehr.

Brynne wünschte, sie könnte sein Vergnügen teilen, doch anders als Michael konnte sie Alejandro Santiagos Gegenwart während des gesamten Fluges nicht vergessen, und noch weniger, als er mit ihnen im Fond der großen Limousine saß, die auf dem Flugplatz von Mallorca auf sie wartete. Der Weg führte sie quer durch die dünn besiedelte Serra de Tramuntana, einen Gebirgszug an der Westküste der Insel bis in die Nähe von Banyalbufar, einem kleinen Dorf direkt am Meer. Hier in den Bergen regnete es häufiger als im Süden der Insel, sodass in den Tälern Orangen und Zitronen gediehen. Michael staunte über die dicht bewachsenen Berghänge, aus denen immer wieder Felsen emporragten. So etwas kannte er nicht aus dem heimatlichen England, ebenso wenig die wilden Bergziegen, die auf den engen Serpentinen immer wieder ihren Weg kreuzten. Die Serra de Tramuntana reichte bis an das Meer heran, nur hin und wieder fanden sich in den zerklüfteten Felsen kleine verschwiegene Buchten. Direkt über einer von ihnen hatte Alejandro Santiago seine Villa errichtet.

Brynne hatte ihn bisher nur im Anzug gesehen. Doch als er heute Morgen in maßgeschneiderter schwarzer Hose und kurzärmeligem Hemd vor ihr stand, war sie schlicht und einfach überwältigt. Seine Attraktivität hatte etwas Wildes und Unbändiges an sich. Seit er sie und Michael heute Morgen in ihrem Apartment abgeholt hatte, war er ihr gegenüber stets korrekt und höflich geblieben, mehr noch, er schien ihre Anwesenheit überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Seine Bemerkungen richtete er ausschließlich an „Miguel“. Doch Michael reagierte zuerst nicht darauf, bis er schließlich begriff, dass er mit diesem fremden Namen gemeint war.

Als sie die beiden zusammen sah, wurde sich Brynne schmerzhaft bewusst, warum Alejandro so sicher gewesen war, dass Michael sein Sohn war. Beide hatten schwarze Haare und graue Augen, und selbst in Michaels kindlichem Gesicht begannen sich bereits die scharfen Kanten abzuzeichnen, die die Züge des Vaters prägten. Außerdem war Michael recht groß für sein Alter, was darauf hindeutete, dass er als Erwachsener ebenso groß sein würde wie Alejandro.

„Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, ich würde Miguel ein strenger Vater sein“, sagte Alejandro jetzt, während er Brynne aufmerksam beobachtete. Ihre Augen schimmerten feucht, als sie dem Jungen zusah, der von einer Seite der Terrasse auf die andere rannte und über die ausgedehnten Täler und das glitzernde Meer staunte.

Sie drehte sich zu Alejandro um, und ihre Augen schienen blauer und größer als je zuvor. In den langen dunklen Wimpern hingen Tränen. „Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass Sie ihm überhaupt irgendein Vater sein werden“, erwiderte sie scharf.

Er konnte selbst immer noch nicht recht fassen, dass er Miguels Vater war. Nicht, dass er daran zweifelte. Er wusste, dass das Ergebnis der medizinischen Tests eindeutig war. Doch es war alles so schnell gegangen von dem Augenblick, in dem er Miguels Bild in der Zeitung gesehen hatte, bis zum positiven Ergebnis. Und die ganze Zeit über hatte Brynne sich hartnäckig geweigert, Miguel seiner Obhut zu überlassen.

Er räusperte sich. „Ich werde ein paar Erfrischungen auf der Terrasse neben dem Pool servieren lassen. Sie können sich inzwischen ein wenig frisch machen.“ Er wandte sich zur Tür, die ins Zimmer führte, und rief: „Miguel?“

Als würde er einen Hund zu sich rufen, dachte sie aufgebracht, während Michael glücklich angesprungen kam und den Raum mit seinem neuen Vater verließ. Wie erwartet schien ihre Anwesenheit es dem Kind leichter zu machen, seine neuen Lebensumstände zu akzeptieren.

Schwerfällig ließ sie sich auf Michaels Bett sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Tränen, die sie bisher verdrängt hatte, liefen heiß über ihre blassen Wangen.

Tränen, die schon längst überfällig waren.

Nach dem entsetzlichen Unfall, bei dem Joanna und Tom ums Leben kamen, hatte sie sich zusammengerissen. Sie musste sich um die trauernden Eltern und den verwirrten Michael kümmern und hatte keine Gelegenheit gefunden, ihre eigene Trauer zuzulassen. Aber jetzt, umgeben von dem Luxus, den Alejandro Santiago seinem Sohn bieten konnte, schien der richtige Zeitpunkt dafür gekommen zu sein.

„Ich wollte Ihnen noch kurz … Warum weinen Sie?“ Alejandros Stimme klang schroff, als er abrupt stehen blieb.

Sie schaute hoch. Trotz ihrer ablehnenden Gefühle ihm gegenüber konnte sie nicht ignorieren, wie attraktiv er aussah. „Was glauben Sie denn?“, fragte sie abweisend. Sie ärgerte sich, dass dieser Mann, der ihren Puls zum Rasen brachte, sie so sah: in Tränen aufgelöst, weil sie ihre Trauer nicht länger zurückhalten konnte.

Er reckte sein kantiges Kinn vor. „Ich habe keine Ahnung.“

„Nein.“ Sie richtete sich auf. Der Moment der Schwäche war vorüber, als hätte man sie in eiskaltes Wasser getaucht. „Natürlich haben Sie keine Ahnung“, sagte sie verächtlich. „Warum sind Sie zurückgekommen?“, fuhr sie rasch fort und wischte sich die Tränen von den Wangen, während sie aufstand, um ihm direkt ins Gesicht schauen zu können.

Diese junge Frau hat Mut, stellte Alejandro nicht zum ersten Mal fest. Sie war sehr jung, zehn Jahre jünger als er mit seinen fünfunddreißig Jahren. Er fühlte sich unbehaglich, weil sie geweint hatte, doch ihre Tränen ließen ihn nicht vollkommen unberührt. Sie war eine stolze schöne Frau, doch wenn sie weinte, wirkte sie unglaublich verletzlich. Die Augen waren jetzt fast marineblau und standen in einem belebenden Kontrast zu den blassen Wangen. Die roten Haare hatte sie hochgesteckt, sodass der lange, leicht gebräunte Hals zart und zerbrechlich wirkte. Diese Seite hatte er noch nie an ihr gesehen.

„Sie sind durcheinander“, stellte er fest. „Möchten Sie vielleicht, dass ich alles für Ihre sofortige Rückkehr nach England vorbereite?“

„Das könnte Ihnen so passen!“

Seine Nasenflügel zitterten. „Ja, ich würde diesen … Streitereien gerne ein Ende bereiten.“

„Darauf möchte ich wetten!“ Sie lachte bitter. „Aber es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, ich habe vor, die ganzen vier Wochen hierzubleiben.“

„Dios mio!“ Alejandro hatte genug von ihrer Sturheit und ballte die Fäuste. „Treiben Sie es nicht zu weit, Brynne“, sagte er warnend. „Als Freund bin ich wesentlich angenehmer denn als Feind.“

„Freund?“ Das Wort hallte in Brynnes Kopf wider, während sie gleichzeitig feststellte, dass er zum ersten Mal ihren Vornamen benutzt hatte. Undenkbar, dass sie und dieser Mann jemals Freunde wurden!

Dabei hatte keiner ihrer männlichen Bekannten ihre Sinne jemals dermaßen zum Schwingen gebracht, wie es dieser Mann durch seine bloße Anwesenheit schaffte.

„Sie werden feststellen, Alejandro, dass es sich bei mir genauso verhält“, erwiderte sie ruhig. Ihre blauen Augen funkelten, als sie ihn ebenfalls mit dem Vornamen ansprach.

„Sie sind hier nur geduldet …“

„Ich denke, Michael sieht das anders“, unterbrach sie ihn.

Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Miguel möchte gerne im Pool schwimmen. Wären Sie bitte so freundlich und geben mir seine Badesachen?“

Michael …

Ihr Ärger verschwand so rasch, wie er gekommen war, als sie daran dachte, warum sie hier war. Und sosehr sie die Streitereien mit Alejandro Santiago auch genoss, sie waren ganz sicher nicht der Grund für ihre Anwesenheit auf Mallorca!

„Natürlich“, murmelte sie und ging zum Koffer, den sie letzte Nacht so liebevoll gepackt hatte. Den Großteil von Michaels Spielzeug hatte sie in Kartons verstaut, die direkt zu Alejandros Wohnsitz auf dem spanischen Festland gebracht werden sollten.

Alles, was Michael gehörte, war eingepackt und abgeholt worden.

„Hier“, sagte sie, als sie Alejandro Michaels bunte Badehose reichte. Erneut verschleierten Tränen ihren Blick, obwohl sie fest entschlossen war, in seiner Gegenwart nicht noch einmal zu weinen. Für diesen Mann waren Tränen offensichtlich nur ein Zeichen der Schwäche, die er zu seinem Vorteil nutzen konnte. Warum sonst hätte er ihr angeboten, sie sofort nach Hause fliegen zu lassen?

Fing sie etwa schon wieder an zu weinen? fragte Alejandro sich. Er konnte noch nie gut mit weinenden Frauen umgehen, nicht einmal mit Francesca während ihrer kurzen, aber unglücklichen Ehe. Mit Brynne Sullivans Ärger kam er eindeutig besser zurecht als mit ihren Tränen.

Als er die Badehose in Empfang nahm, sah er sie ungeduldig an, sodass er aus Versehen ihre Hand streifte. Sofort begann es dort, wo ihre Finger ihn berührten, zu kribbeln, und ein kalter Schauder kroch den ganzen Arm entlang.

Er riss ihr beinahe die Badehose aus der Hand.

Diese Frau machte ihn unglaublich wütend.

Sie irritierte ihn.

Sie war eine Nervensäge, die er lieber heute als morgen los wäre.

Und doch war er sich ihrer Nähe überdeutlich bewusst. Er sah die blasse, zarte Haut, die sich an den Wangen leicht rötete, und spürte die Hitze, die von ihr ausging.

Idiot!

Ihm war heiß, er war durstig und müde von den Streitereien, die jedes Mal losgingen, sobald er in die Nähe dieser Frau kam.

Er trat zurück. „Ich werde mit Miguel am Pool auf Sie warten“, sagte er kurz angebunden.

Unter den dunklen Wimpern musterte sie ihn. Was war das denn gerade gewesen? Der Schauder, den sie bei der kurzen Berührung verspürte, verstärkte ihr Gefühl, das in seiner Gegenwart immer intensiver wurde. Es war nur ein sehr kurzer Moment gewesen, doch für ein paar Sekunden schien sie alles um sie herum überdeutlich wahrzunehmen, und fast meinte sie, Alejandros Herzschlag zu hören und zu spüren.

Was natürlich vollkommen lächerlich war, denn der Mann hatte ja kein Herz.

Wenn er eines hätte, wäre er nicht so unvernünftig, was Michael anging, und würde wie sie selbst alles dafür tun, um es dem Kind so leicht wie möglich zu machen.

Aber wenn er ein Herz hätte, wäre ihre ungewollt heftige Reaktion auf ihn noch gefährlicher.

„Ich nehme an, dass Sie wichtige Geschäfte zu erledigen haben, sobald ich am Pool auf Michael aufpasse?“, fragte sie.

Ungeduldig wedelte er mit der kleinen Badehose. „Sie wissen sehr gut, dass ich aus beruflichen Gründen hier bin“, erwiderte er.

„Lassen Sie sich durch uns bloß nicht stören.“

„Sie sind Gast in meinem Haus, und deshalb werde ich Sie höflich und respektvoll behandeln. Aber ich warne Sie, übertreiben Sie es nicht, oder Sie werden mit den Konsequenzen leben müssen.“

Wahrscheinlich werde ich es wirklich nicht so weit kommen lassen, dachte sie. Sie zweifelte nicht daran, dass er ihr das Leben schwerer machen konnte als umgekehrt. Sie dachte an den harten Zug, der manchmal seine Lippen umspielte.

Doch sie hatte nicht die Absicht, sich von diesem Mann einschüchtern zu lassen. „Ich werde daran denken“, antwortete sie gedehnt. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich jetzt gerne in mein Zimmer gehen und mich frisch machen.“

Ihre ablehnende Haltung missfiel ihm ausgesprochen. Mit blitzenden Augen stürmte er aus dem Zimmer.

Sie war wütend, dass Alejandro Santiago solch eine Wirkung auf sie hatte. In seiner Gegenwart fühlte sie sich nie entspannt. Ihre Haut schien jedes Mal zu prickeln, wenn er in ihrer Nähe war, fast als hätten Brennnesseln sie gestreift.

Und jedes Mal von Neuem würde sie ihn am liebsten packen und schütteln, um ihn aus dieser kalten Arroganz zu reißen, die ihn wie ein Panzer zu umgeben schien.

Und wenn es kein Panzer war?

Aber wie könnte es anders sein? Brynne konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die lebensfrohe Joanna sich in jemanden verliebte, der so kalt und zurückhaltend war wie Alejandro. Es musste ein Schutzschild sein, hinter dem sich der Mann verbarg, der er wirklich war.

Zumindest hoffte sie das um Michaels willen.

3. KAPITEL

Zehn Minuten später war Alejandro froh um seine dunkle Sonnenbrille, hinter der er seine Überraschung verbergen konnte. Als Brynne auf die Terrasse trat, trug sie nur einen sehr knappen türkisfarbenen Bikini. In den Hosen und Blusen, die sie bisher immer getragen hatte, war ihm nicht aufgefallen, was für einen aufregend schönen Körper sie besaß.

Makellos und wunderschön. Die Haut hatte einen gleichmäßigen cremefarbenen Schimmer, die Beine waren lang und schlank, die schmale Taille ging in weiche Hüften über, und die kleinen Brüste wippten in dem Bikinioberteil auf und nieder.

Doch sie schien sich ihrer Schönheit gar nicht bewusst zu sein, als sie mit anmutigen Bewegungen auf ihn zukam.

Alejandro jedoch wusste ihr Aussehen sehr wohl zu würdigen und spürte, wie sein Herz unerwartet heftig zu pochen begann.

„Sie können jetzt gehen, wenn Sie möchten“, sagte sie kühl, als sie sich auf dem Liegestuhl neben ihm niederließ.

Ihre Worte vertrieben auf der Stelle alle anderen Gefühle außer einer gewissen Ungeduld, die er stets in ihrer Gegenwart empfand. „Das werde ich auch!“, seufzte er und schwang die Füße auf die Fliesen der Terrasse. „Um halb neun essen wir zu Abend …“

„Das ist viel zu spät für Michael“, protestierte sie und schüttelte energisch den Kopf.

Wahrscheinlich hatte sie recht, stellte er gereizt fest. Bisher hatte er noch nicht darüber nachgedacht, wie Miguels Anwesenheit seinen Tagesablauf verändern würde. Es war immer noch sehr ungewohnt für ihn, dass er überhaupt einen Sohn hatte. Sie schien ihn in diesem Punkt nicht zu verstehen. Stattdessen hielt sie ihn offensichtlich für gefühllos. Dabei bewies seine Reaktion eben, als er sie zum ersten Mal nur im Bikini sah, eindeutig das Gegenteil.

Vor dem Abendessen hatte er noch einige Telefongespräche zu erledigen, von denen eines sich mit Sicherheit in die Länge ziehen würde. Enttäuscht sah er ein, dass er nicht mit seinem Sohn zusammen essen konnte.

„Vielleicht kann ich mit der Köchin reden, damit sie Michaels Essen etwas früher zubereitet“, schlug Brynne vor. „Normalerweise liegt Michael um acht Uhr bereits im Bett.“ Doch das würde sich sicherlich schnell ändern, jetzt, wo er sich an den mediterranen Lebensstil anpassen musste.

Aber heute noch nicht, entschied sie, während sie den Jungen beobachtete, der im Pool herumtobte. Am frühen Abend würde er todmüde sein, und für heute hatte er schon genug Aufregung gehabt. Michael brauchte ein wenig von seiner üblichen Routine, damit er nicht vollkommen durcheinandergeriet.

„Das wäre wohl das Beste“, stimmte Alejandro mit einem knappen Nicken zu, bevor er sich zum Gehen wandte.

„Sagen Sie“, fragte sie leise, während sie zu ihm aufblickte, „wer würde sich eigentlich um Michael kümmern, wenn ich nicht hier wäre?“

„Ich hätte die Tochter der Köchin gebeten, auf ihn aufzupassen.“

Sie verzog das Gesicht. „Noch eine Fremde.“

„Brynne, meinen Sie nicht …“ Alejandro hielt inne, sein Kiefer verspannte sich, wodurch seine arroganten Gesichtszüge noch betont wurden. „Dies ist Neuland – für alle Beteiligten“, sagte er schließlich leise. „Ich schlage vor, dass Sie uns ein wenig Zeit geben, um uns an die neue Situation zu gewöhnen.“

„Mit ‚uns‘ meinen Sie doch vor allem sich selbst. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich mich in den letzten zwei Monaten um Michael gekümmert.“

Verärgert holte er Luft. „Wollen Sie die ganze Zeit, in der Sie hier sind, mit mir streiten?“

„Wahrscheinlich“, antwortete sie. Schließlich ging es ihr allein um Michaels Wohl.

Doch sie musste zugeben, dass Alejandro Santiago ihr in dieser Umgebung weniger fremd vorkam. Mit seinem dunklen Äußeren schien er besser in dieses Klima zu passen. In der Tat war sie mit ihren roten Haaren und der hellen Haut diejenige, die hier nicht hingehörte. Darum hatte sie auch ständig das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.

Zumindest war das einer der Gründe für ihr Verhalten.

Ein anderer war die Erinnerung an die kurze Berührung vor wenigen Minuten.

Alejandro entspannte sich und neigte den Kopf. „Das ist immerhin ehrlich“, erklärte er trocken.

„Sie werden feststellen, dass ich immer ehrlich bin.“

„Gut.“ Er nickte und lächelte leicht, als sie erstaunt die Augenbrauen hob. „Mit Ehrlichkeit kann ich umgehen. Unehrlichkeit dagegen kann ich nicht akzeptieren.“ Er verzog das Gesicht, als er an Francescas Lügen und Täuschungen dachte und an ihre Ehe, die ihn gelehrt hatte, keiner Frau jemals wieder zu vertrauen. „Wenn Sie jemanden anrufen wollen, um zu sagen, dass Sie gut angekommen sind …“

„Wen denn?“, fragte sie mit einem spöttischen Lächeln.

„Vielleicht Ihre Eltern?“, erklärte Alejandro ein wenig ungeduldig. „Ich bin sicher, dass sie sich freuen würden, wenn sie wüssten, dass Miguel und Sie sicher angekommen sind.“

Ihr Lächeln verschwand, als sie an ihre Mutter und ihren Vater dachte. Ihre Mutter war seit Joannas und Toms plötzlichem Tod krank vor Trauer, und ihr Vater musste sich zusätzlich zu seinem eigenen Kummer noch um seine Frau sorgen. Der Streit um das Sorgerecht für Michael war mehr gewesen, als sie ertragen konnten.

Und dieser Mann vor ihr war dafür verantwortlich.

„Sicher würden sie sich freuen“, sagte sie kurz.

„Selbstverständlich können Sie jederzeit telefonieren, wenn Sie möchten.“

Brynne schob die traurigen Gedanken beiseite. „Zu liebenswürdig“, murmelte sie.

„Ich hoffe wirklich, dass Sie diese Sticheleien zumindest bei den Mahlzeiten unterlassen.“

„Das kann ich Ihnen nicht versprechen.“

Als ob er sich nicht schon genug über diese Frau ärgerte! Jetzt würde er auch noch nach jedem Essen eine Magenverstimmung bekommen! Einen Moment lang sehnte er sich zurück nach seinem wohlgeordneten Leben, das er bis vor zwei Monaten geführt hatte. Bevor er entdeckte, dass Miguel sein Sohn war. Bevor die irritierend offenherzige Brynne Sullivan in sein Leben trat und sich weigerte, wieder zu verschwinden.

Doch dann riss er sich zusammen und sagte achselzuckend: „Wie Sie wünschen.“

„Es ist ganz und gar nicht das, was ich wünsche, Alejandro“, erklärte sie spöttisch. „Wenn Wünsche in Erfüllung gingen, wären Sie bestimmt nicht hier.“

Noch nie hat jemand so mit mir gesprochen wie diese Frau, stellte er irritiert fest. Die Ehrlichkeit, die er vorhin gelobt hatte, war eine Sache, aber sie schien auch keine Bedenken zu haben, alles auszusprechen, was ihr durch den Kopf ging.

Durch ihren wunderschönen Kopf, wie er sich widerwillig eingestand.

„Brynne …“

„Tante Bry!“ Michael winkte aufgeregt, als er an den Rand des Pools schwamm und sie beide angrinste. Das dunkle Haar hing ihm nass ins Gesicht. „Kommst du auch ins Wasser, Tante Bry?“

„Natürlich, mein Schatz.“

Mit einem letzten Blick auf Alejandro erhob sich Brynne mit eleganten Bewegungen. Sie öffnete ihre Haarspange, sodass ihre Mähne offen über ihre Schultern fiel.

Als er dieses Meer aus tizianroten Locken sah, hatte er das Gefühl, die Zeit würde stehen bleiben. Das Haar glänzte in der Sonne wie Seide, und ein goldener Schimmer erweckte den Eindruck, als würde es wie eine Flamme lodern.

Er wusste, dass sie Lehrerin war, aber sie war ganz anders als jede Lehrerin, an die er sich aus seiner eigenen Schulzeit erinnerte.

„Ich sehe euch später“, sagte er schnell und ging in Richtung Villa.

Ich muss arbeiten, sagte er sich streng, um der Versuchung zu widerstehen, beim Swimmingpool zu bleiben und Brynne und Miguel zuzusehen. Er war drei Tage fort gewesen und hatte einiges zu tun.

Und er musste unbedingt mit Antonia reden – der anderen Frau, die ihm gerade das Leben schwer machte.

„Wie gemütlich!“, sagte Brynne trocken, als sie über die zwölf Meter lange Tafel blickte, an deren anderem Ende ihr Gastgeber saß.

Natürlich sah er großartig aus, auch wenn er für ein Dinner mit einem ungebetenen Gast vielleicht ein wenig zu fein angezogen war. Der schwarze Anzug und das steife weiße Hemd betonten sein aristokratisches Äußeres, doch sie hätte auf den Anblick gut verzichten können.

Sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie sich zum Dinner umkleiden sollte oder nicht. Doch instinktiv hatte sie sich dazu entschieden, ihr kleines Schwarzes anzuziehen, ein knielanges Kleid mit Spaghettiträgern, das ihre helle Haut hervorhob, die in den wenigen Stunden am Pool bereits etwas Farbe bekommen hatte.

Michael gefiel es in seinem neuen Zuhause, und er war auf der Stelle eingeschlafen, sobald Brynne ihn vor gut einer Stunde ins Bett gebracht hatte.

Ihr Blick wanderte zu ihrem Gastgeber. „Waren Sie oben und haben Michael Gute Nacht gesagt?“

Alejandro seufzte innerlich. Mit dieser Frau wurde selbst das Esszimmer zu einer Kampfarena. „Er schlief bereits, als ich hochkam“, sagte er munter. Sicherlich würde ihm Brynne Sullivan auch das zum Vorwurf machen. Das Aufblitzen ihrer blauen Augen bestätigte seine Befürchtung.

„Dann hätten Sie vielleicht früher gehen sollen.“

Sie war kritisch und offen, nicht gerade die bequemsten Eigenschaften bei einer Frau.

„Vielleicht“, gab er zurück. „Aber …“ Er brach ab, als Maria, die Köchin, den ersten Gang servierte.

„Danke“, sagte Brynne lächelnd zu der zierlichen Frau. Am frühen Abend hatte sie eine Stunde bei ihr in der Küche gesessen, während Michael zu Abend aß, und trotz der Sprachbarrieren war es deutlich zu spüren, dass Maria ganz vernarrt in Kinder war. Immer wieder lächelte sie Michael zu und sagte etwas auf Spanisch zu ihm.

Kaum hatte Maria den Raum verlassen, erlosch Brynnes Lächeln, und sie stellte fest, dass Alejandro sie mit seinen grauen Augen musterte. „Ich kann mir vorstellen, dass Michael etwas von der Insel sehen möchte, solange ich hier bin. Könnten Sie mir für morgen vielleicht ein Auto leihen?“, schlug sie in geschäftsmäßigem Ton vor. Michaels Begeisterung für den Pool würde nicht ewig anhalten, vor allem, wenn es das Einzige war, womit er sich beschäftigen konnte.

Außerdem würde sie selbst bei einem Ausflug über die Insel dem attraktiven Alejandro Santiago entkommen.

„Die Limousine und der Fahrer stehen Ihnen zur Verfügung.“

„Ich möchte aber gerne selbst fahren …“ Sie hatte etwas von der Melone mit Schinken probiert und fand beides köstlich.

Brynne hatte ihre roten Haare hochgesteckt. Die feurigen Locken waren gebändigt, nur eine widerspenstige Strähne hatte sich gelöst und hing ihr in die Stirn. Das herzförmige Gesicht hatte einen leichten goldenen Schimmer bekommen, und die vollen Lippen glänzten feucht. Der sanft geschwungene Übergang ihres Nackens zu den Schultern war nackt, und das enge Kleid betonte die Zartheit des schlanken Körpers.

„Es wäre mir lieber, wenn Sie sich fahren lassen“, erwiderte er vorsichtig. „Juan wird Sie mit größtem Vergnügen hinbringen, wo immer Sie wollen.“

„Sind Michael und ich etwa Ihre Gefangenen?“, rief Brynne, legte Messer und Gabel auf den Teller und schob diesen beiseite. Sie hatte plötzlich keinen Hunger mehr.

Alejandro sah sie mitleidig und hochmütig zugleich an. „Sie sind keine Gefangenen …“

„Was dann?“ Sie beugte sich vor. Vor Ärger bildeten sich rote Flecken auf ihren Wangen.

Er räusperte sich. „Sie sind eine äußerst schwierige Frau …“

„Damit kann ich leben“, unterbrach sie ihn ungeduldig. „Ich will nur nicht wie eine Gefangene behandelt werden.“

Er sah sie mehrere Sekunden lang frustriert an. Seine Lippen waren nicht mehr als eine dünne Linie, die grauen Augen schimmerten fast metallisch. „Also gut“, sagte er schließlich kühl. „Sie können sich ein Auto nehmen und nach Belieben herumfahren, aber ich kann nicht zulassen, dass Sie Miguel ohne Schutz mitnehmen.“

Verständnislos starrte Brynne ihn an. Was meinte er bloß?

„Miguel ist mein Sohn“, erklärte Alejandro ungeduldig.

Sie runzelte die Stirn. „Ja, aber …“

„Ich bin sicher, dass Ihnen die hohen Zäune und das große gesicherte Tor aufgefallen sind, als wir hier ankamen. Ebenso wie das Sicherheitspersonal, das auf dem Gelände patrouilliert. Seien Sie nicht naiv, Brynne!“, stieß er hervor, als sie ihn weiterhin verwirrt anschaute. „Es gibt immer wieder Entführungen in Europa. Mein Kampf um das Sorgerecht für Miguel ging durch die Presse, und inzwischen weiß jeder, dass er mein Sohn ist.“

Ihr wurde fast ein wenig übel, als sie begriff, was das bedeutete. Michael war das Kind des superreichen Alejandro Santiago, und deshalb bestand die Gefahr, dass er entführt wurde!

Sie schluckte hart. „Aber … ich … Michael hat in den letzten zwei Monaten offen bei mir gelebt, auch das ging durch die Presse.“

Er schüttelte den Kopf. „Er wird bewacht, seit ich von seiner Existenz weiß“, erklärte er. „Unaufdringlich, aber trotzdem wirksam.“

Brynne spürte, wie sie erblasste. „Auf dem Weg zur Schule …“

„Auch da.“ Alejandro nickte knapp.

Das war unglaublich. Die ganze Zeit über hatte sie nichts davon gemerkt.

„Das ist …“ Sie brach ab und schluckte, um ihre Übelkeit zu vertreiben. „Warum haben Sie mir nichts davon gesagt?“

Auf diese Frage hatte er gewartet. „Es war nicht nötig, Sie einzuweihen.“

„Wie bitte? Michael war die ganzen letzten Monate in Gefahr, und Sie hielten es nicht für nötig, mich einzuweihen?“ Sie stand auf, warf die Serviette auf den Tisch und schritt die lange Tafel entlang, bis sie direkt vor Alejandro stand. „Sie arroganter …“

Gleichgültig hob er die Schultern. Er zuckte mit keiner Wimper, als er zu ihr hinaufschaute. „Ich schütze nur das, was mir gehört.“

Ohne ihr zu sagen, dass dieser Schutz nötig war!

Wie sie diesen Mann verabscheute!

4. KAPITEL

„Haben Sie Lust, mich zusammen mit Miguel nach Deià zu begleiten?“

Brynne ließ die Zeitschrift sinken, in der sie geblättert hatte. Sie saß am Pool, an dem es am Vormittag angenehm warm, aber nicht zu heiß war. Michael tobte im Wasser herum. Ihre Augen waren hinter den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrille versteckt, als sie zu Alejandro hinaufblickte.

Ohne die Sonnenbrille hätte er sofort gesehen, dass ihr Ärger über ihn sich kein Stück gelegt hatte, seitdem sie gestern Abend aus dem Esszimmer gestürmt war.

Sie wollte an diesem Ärger festhalten, denn das war ihr lieber, als wenn sie sich ihre wahren Gefühle für diesen Mann eingestehen müsste. Heute war er sehr leger mit einer schwarzen Hose und einem grauen Hemd gekleidet, das seine gebräunte Haut gut zur Geltung brachte.

Sie verzog den Mund. „Und was gibt es in Deià?“

„Nichts besonders Aufregendes“, erklärte er trocken. „Aber Sie können sich mit Miguel das Dorf anschauen, während ich einen Geschäftstermin wahrnehme. Anschließend können wir uns zum Lunch treffen.“

„Und wo ist der Haken?“ Misstrauisch beäugte sie ihn.

Er bedauerte bereits, dass er sie eingeladen hatte. „Es gibt keinen Haken“, sagte er ungehalten. „Ich dachte nur an Ihre Bitte von gestern, dass Sie gerne etwas von der Insel sehen möchten.“

„Und ich vermute, dass Michael und ich die ganze Zeit von bewaffneten Bodyguards mit dunklen Sonnenbrillen begleitet werden?“

„Sie sind nicht bewaffnet.“

„Aber sie tragen Sonnenbrillen und stehen dumm in der Gegend herum!“, sagte Brynne verächtlich, während sie ihre Beine vom Liegestuhl schwang. Heute trug sie einen schwarzen Bikini, und Alejandro bemerkte, dass sie sogar schon eine leichte Bräune bekommen hatte.

Seufzend sah er sie an. „Sie benehmen sich ziemlich kindisch.“

„Ach ja?“, gab sie herausfordernd zurück. „Nun, das tut mir ausgesprochen leid. Aber es ist das erste Mal, dass ich von Bodyguards begleitet werde, egal ob mit oder ohne Waffen.“

Er hatte nicht vor, sich mit dieser Frau über alles zu streiten. „Vielleicht sollten Sie sich für den Rest Ihres Aufenthaltes einfach daran gewöhnen.“

Sie stritt nur, um zu streiten, das wusste Brynne. Die Vorstellung, dass Michael von nun an bewacht und beschützt werden musste, egal wo er war, gefiel ihr genauso wenig wie gestern. Doch immerhin sorgte Alejandro sich um Michaels Sicherheit. Sie selbst hatte allerdings nicht vor, sich daran zu gewöhnen, die ganze Zeit beobachtet zu werden.

Sie warf ihm einen letzten vernichtenden Blick zu, bevor sie Michael ruhig zurief: „Dein Vater hat uns eingeladen, mit ihm zu einem Ort namens Deià zu fahren.“ Sie wollte den Jungen die Spannung nicht spüren lassen, die entstand, sobald Alejandro und sie aufeinandertrafen. Schließlich war sie hier, um Michael dabei zu helfen, sich an seinen Vater zu gewöhnen, und nicht, um die Situation für ihn noch schlimmer zu machen.

Der Junge schien sich schnell einzugewöhnen. In der letzten Nacht war er zum ersten Mal nicht weinend aufgewacht und hatte nach Joanna und Tom verlangt.

Sie selbst hatte einen ruhigen Abend verbracht, hatte auf der Terrasse vor ihrem Zimmer gesessen und versucht, sich nach dem Streit mit Alejandro zu beruhigen. Dabei beobachtete sie, wie er aus der Villa trat und ein paar Minuten später mit einem Sportwagen das Grundstück verließ.

Sie fand, dass zehn Uhr abends eine merkwürdige Zeit für eine Spazierfahrt war. Doch möglicherweise war es die Erklärung dafür, warum er beim Dinner so festlich gekleidet gewesen war. Vielleicht hatte er sich gar nicht für sie umgezogen, sondern für eine späte Verabredung? Aus den gerichtlichen Auseinandersetzungen um das Sorgerecht wusste sie, dass er weder verheiratet noch verlobt war, aber das musste nicht bedeuten, dass es keine Frau in seinem Leben gab.

Das geht mich überhaupt nichts an, sagte sie sich. Sie plante zwar, auch weiterhin an Michaels Leben Anteil zu nehmen, auch über diesen einen Monat hinaus, egal ob Alejandro das gefiel oder nicht. Doch sie musste akzeptieren, dass er eines Tages vielleicht eine Stiefmutter für Michael finden würde.

„Was hältst du davon?“, fragte sie Michael jetzt.

„Klasse!“ Strahlend kletterte er aus dem Pool, trocknete sich ab und rannte ins Haus, um sich anzuziehen.

Brynnes Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie ihm nachblickte. Sie stellte fest, dass seine Haut bereits dunkel wurde und er mit jeder Stunde mehr wie Alejandro Santiago zu werden schien.

„Ich glaube, das war ein Ja.“ Ihre Stimme klang brüchig, als sie sich an Alejandro wandte. „Wir ziehen uns schnell an und sind gleich wieder da“, fügte sie hinzu, während sie sich umdrehte und ihr Buch und die Zeitschrift einsammelte.

„Gestern Abend habe ich vergessen zu fragen“, sagte er leise. „Haben Sie noch Ihre Eltern angerufen? Geht es ihnen gut?“

Sie richtete sich auf und versteifte sich. „Es geht Ihnen den Umständen entsprechend gut.“

Alejandro konnte sich die Trauer seiner eigenen Eltern ausmalen, falls ihm oder seinem Bruder etwas zustieße. Oder seinen eigenen Schmerz, wenn Miguel irgendetwas passieren würde.

Er hatte erst ein paar Stunden in der Gesellschaft des kleinen Jungen verbracht, aber er hatte bereits bemerkt, dass dieser stark und unabhängig war. Er war von Natur aus fröhlich, trotz des Verlustes, den er erlitten hatte, und er war auch nicht weinerlich wie manche anderen Kinder. Miguel ähnelte mit seinen sechs Jahren dem Jungen, der er selbst in diesem Alter gewesen war. Schon jetzt war Alejandro stolz auf ihn.

Doch Brynne Sullivan hielt ihn für kalt und herzlos und konnte sich vermutlich nicht vorstellen, dass auch er Gefühle empfand.

„Es muss sehr schwer für Ihre Eltern sein.“

„Ja. Auch der Abschied von Michael fiel ihnen entsetzlich schwer.“

Alejandro wusste, dass die Situation alles andere als ideal war. Aber er konnte nichts dafür, dass die Entdeckung, dass er Miguels Vater war, so weitreichende Konsequenzen hatte. Es gefiel ihm nicht, dass auch Mr und Mrs Sullivan darunter zu leiden hatten. Schließlich waren sie in den letzten Jahren dem Jungen liebevolle Großeltern gewesen.

Doch ihm fiel keine einfache Lösung für dieses Dilemma ein.

„Ich brauche nicht lange“, erklärte Brynne kurz und wandte sich in Richtung Villa.

„Ich bin nicht in Eile …“ Er sah ihr nach, bis sie im Haus verschwand, und setzte sich dann auf einen der Liegestühle, lehnte den Kopf gegen das Polster und schloss die Augen. Antonia war in der letzten Nacht besonders anstrengend gewesen, sodass er früher wieder nach Hause gefahren war als geplant.

Ihm hatte es wenig ausgemacht, dass er in den letzten sechs Wochen hauptsächlich in England war und nur selten auf Mallorca sein konnte. Doch Antonia hatte ihm diese Trennung persönlich übel genommen, wie ihm ihre schlechte Laune gestern Abend gezeigt hatte. Trotz ihrer exotischen Schönheit ertrug er ihr besitzergreifendes Verhalten nur schwer.

Warum nur waren Frauen immer so überempfindlich?

Antonia klammerte sich an ihn, und Francesca war unehrlich gewesen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Brynne Sullivan Hysterie oder Tränen einsetzte, um ihren Willen durchzusetzen. Ihre scharfe Zunge war ihm wesentlich lieber als …

Er unterbrach seinen Gedankengang. Wie kam er darauf, auf diese Weise über Brynne nachzudenken? Die Chancen, dass sie jemals eine Affäre miteinander haben würden – was alles war, was er einer Frau anzubieten hatte – waren gleich null!

Seit Francescas Tod vor fünf Jahren hatte er eine Menge Affären gehabt, kurze Beziehungen, die nie durch den Schutzwall drangen, den er nach der katastrophalen Ehe um sich errichtet hatte.

Er schüttelte den Kopf. Brynne gehörte zu jenen Frauen, mit denen er ganz gewiss niemals etwas anfangen würde. Sie war viel zu gefühlvoll, und seit seine Ehe gescheitert war, mied er Gefühle wie die Pest.

Und außerdem konnten sie einander nicht leiden.

Ein paar Minuten später trat Brynne mit Michael auf die Terrasse. Als sie Alejandro vollkommen entspannt auf dem Liegestuhl ruhen sah, zögerte sie kurz. Wenn die strengen silbergrauen Augen nicht das Gesicht beherrschten, wirkte er jünger und die Züge beinahe klassisch-elegant. Keine Spur seiner sonst üblichen Herablassung. Wieder einmal traf seine Attraktivität sie wie ein Schlag.

Trotzdem mochte sie ihn nicht.

Heute Morgen sah er etwas müde aus, doch nachdem sie seinen nächtlichen Aufbruch beobachtet hatte, musste Brynne nicht lange raten, um den Grund dafür zu erahnen. Natürlich gab es eine Frau in seinem Leben, und sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihre und Michaels Anwesenheit daran nichts änderte.

„Ich dachte, wir wollten fahren?“, fragte sie scharf.

Alejandro holte Luft, ehe er die Augen aufschlug. Sich in Gegenwart dieser Frau zu entspannen, war schlichtweg unmöglich.

Besonders, wenn sie ein grünes schulterfreies Top trug, das ihr helles Dekolleté zeigte, und weiße Shorts, die ihre langen nackten Beine betonten.

„Das werden wir auch“, sagte er und stand auf. Mit Miguel ging er hinüber zur Garage und überließ es ihr, ihnen zu folgen. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er Brynnes Schönheit überhaupt bemerkte, obwohl kein Mann, in dem noch ein Fünkchen Leben steckte, sie übersehen konnte.

Er steuerte den Wagen selbst. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass Miguel den Ausflug im Mercedes Cabrio genoss. Das dunkle Haar des Jungen flatterte im Wind.

Die Fahrt führte sie an der Küste entlang in Richtung Nordosten. Immer wieder verschwand das Meer hinter den Felsen, um sie in der nächsten Kurve strahlend blau erneut zu begrüßen.

Alejandro versuchte zu erraten, was in Brynne vorging, doch ihre Augen waren hinter der dunklen Sonnenbrille verborgen, und es gelang ihm nicht, ihre Mimik zu deuten. Wahrscheinlich hatte sie in Gedanken schon wieder etwas an ihm auszusetzen. Nichts, was er tat oder sagte, schien ihr zu passen. Sein gesamtes Auftreten rief bei ihr nur Argwohn und Spott hervor. Das war nicht das Verhalten, das er von Frauen gewöhnt war.

Nach einigen Serpentinen führte die Straße in sanften Kurven durch einen Kiefernwald oberhalb der Küste entlang. Im Unterholz wuchsen Baumheide und Mastixsträucher. Einmal nahm Alejandro den schwachen Duft von Thymian wahr, doch der Fahrtwind wehte ihn rasch wieder fort.

Aufgrund seines Äußeren hatte er schon immer freie Auswahl unter den Frauen gehabt. Als Unternehmer hatte er es rasch zum Multimillionär gebracht, und Reichtum und die Macht schienen auf viele Frauen wie ein zusätzliches Aphrodisiakum zu wirken.

Brynne Sullivan hingegen schien ihn gerade deswegen zu verabscheuen.

„Wie gefällt Ihnen die Insel?“, fragte er versuchsweise, um eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

„Sie ist sehr schön“, erwiderte sie steif.

„In Deià leben viele Künstler. Manche von ihnen sind gut. Andere nicht“, erklärte er. „Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen Spaß bringt, sich die Galerien anzuschauen.“

„Vielleicht“, stimmte sie achselzuckend zu. „Haben Sie ihre Leibwächter im Kofferraum versteckt?“, fragte sie nach einer kurzen Pause spöttisch.

Er verzog das Gesicht, als sie ihn schon wieder provozierte. Er hatte versucht, nett zu sein, warum also konnte diese Frau ihm nicht auf halbem Weg entgegenkommen?

„Raul und Rafael sind im Wagen hinter uns.“

Sie warf einen schnellen Blick in den Seitenspiegel und entdeckte den dunklen Wagen, der dreißig Meter hinter ihnen fuhr.

„Wie nett“, sagte sie knapp. „Vielleicht können wir alle zusammen Kaffee trinken, wenn wir in Deià ankommen.“

„Warum bestehen Sie darauf …“ Er schluckte seine wütende Entgegnung hinunter und verzog nur missbilligend den Mund, um Miguel nicht durch irgendwelche Bemerkungen zu verunsichern. „Meinetwegen können wir gar nicht früh genug ankommen“, murmelte er so leise, dass nur Brynne ihn hören konnte. Ihr kühles Lächeln war die einzige Antwort.

Den Rest der Fahrt sprachen sie nicht mehr miteinander, obwohl beide sich mit Michael unterhielten. Er stellte Unmengen von Fragen über alles, was er draußen sah. Was eine Eremita sei, wollte er wissen, als sie an einer kleinen abgelegenen Kapelle vorbeikamen. Kurz vor Deiá ragte die kleine Landzunge Na Foradada ins Meer. Auf dem blauen Wasser schaukelten Segelboote, die von hier oben winzig klein aussahen.

Ohne Michael, dachte Brynne, hätte ich so einen schönen Mann wie Alejandro Santiago niemals kennengelernt. In den Straßen von Cambridge treiben sich nur selten spanische Millionäre herum. In den letzten Jahren hatte sie sich immer mal wieder verabredet, früher mit Studenten, später mit Lehrerkollegen. Stets waren es nette, freundliche Männer gewesen, mit denen sie gerne ihre Zeit verbrachte, doch Leidenschaft hatte sie keinem gegenüber empfunden.

In den sechs stürmischen Wochen, seit sie Alejandro kannte, hatte sie bereits festgestellt, dass er weder nett noch freundlich war. Und wie sollte sie sich genügend entspannen, um seine Gesellschaft zu genießen, wenn ihr bereits heiß wurde, wenn sie nur neben ihm saß?

„Da sind wir“, erklärte er erleichtert, als er den Mercedes vor einem noblen Hotel parkte. Hier wollte er sich mit Brynne und Miguel zum Lunch treffen, sobald sein Geschäftstreffen beendet war.

Allerdings bezweifelte er, dass Brynne sich von dem exklusiven Charme des Hotels beeindrucken lassen würde, ganz zu schweigen von dem hervorragenden Restaurant. Ihr schien nur wenig an dem luxuriösen Lebensstil zu liegen, den sein Geld ihm ermöglichte.

„Ich werde uns für ein Uhr einen Tisch reservieren lassen“, erklärte er, während er ihr die Autotür aufhielt. Dann klappte er den Sitz nach vorn und ließ Miguel aussteigen.

Sie neigte den Kopf, als sie ihn durch die dunklen Gläser anschaute. „Raul und Rafael werden bestimmt dafür sorgen, dass wir uns nicht verlaufen“, sagte sie und deutete auf die beiden Männer, die gerade aus dem dunklen Wagen stiegen.

Er schluckte seinen aufsteigenden Ärger hinunter. Das bevorstehende Treffen war entscheidend für die Verhandlungen, die ihn dieses Mal nach Mallorca geführt hatten, und es kam gar nicht infrage, dass er sich in seiner Stimmung vom Ärger über Brynne Sullivan beeinflussen ließ.

„Sicher werden sie das“, erwiderte er knapp. „Pass auf deine Tante auf, Miguel“, fügte er hinzu und legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. Als er zu dem Jungen hinunterblickte, wurden seine Gesichtszüge weicher.

Erstaunt sah Miguel zu ihm hoch. „Eigentlich passt doch Tante Bry auf mich auf.“

Alejandro schüttelte den Kopf. „In Spanien passen die Männer auf die Frauen auf“, erklärte er feierlich.

„Oh.“ Miguel nickte verstehend.

Irritiert blickte Brynne über den Rand ihrer Brille. Michael war gerade mal sechs Jahre alt, um Himmels willen …

„Miguel sollte möglichst schnell den spanischen Lebensstil übernehmen“, erklärte Alejandro.

„Oh, gewiss“, sie schob sich mit einer schwungvollen Geste die Sonnenbrille in die Haare, „Können wir nicht alle eine Menge von anderen Kulturen lernen?“ Alejandros Augen wurden schmal, und daran erkannte sie, dass er die Doppeldeutigkeit ihrer Antwort verstanden hatte.

Ungeduldig zuckte er die Achseln. „Hier ist etwas Geld …“

„Ich habe mein eigenes Geld, danke“, unterbrach sie ihn scharf, als er in die Jackentasche griff.

Mit hochgezogenen Augenbrauen erwiderte er: „Ich habe mit Miguel gesprochen.“

„Ich habe genug für Michael und mich“, versicherte sie ihm. Sie konnte ihre Wut nur mühsam unterdrücken. Sie war vielleicht nur eine einfache Lehrerin, aber deswegen würde sie noch lange kein Geld von diesem Mann annehmen, nicht einmal für Michael. „Bitte lassen Sie sich nicht länger von Ihrem Termin abhalten“, fügte sie mit gespielter Liebenswürdigkeit hinzu.

Ungehalten sah er sie ein paar Sekunden lang an, dann schüttelte er den Kopf. „Bis ein Uhr also“, stieß er schließlich hervor und wandte sich ab.

Brynne war fest entschlossen, in den nächsten Stunden keinen Gedanken an Alejandro Santiago zu verschwenden.

Zusammen mit Michael schlenderte sie durch die steilen Gassen des Dorfes, vorbei an gepflegten ockerfarbenen Häusern mit grünen Fensterläden. Die engen verwinkelten Straßen führten sie zur barocken Dorfkirche und dem idyllischen Friedhof. Das kleine Örtchen lag ein paar Kilometer von der Westküste entfernt und schmiegte sich an den tausend Meter hohen Berg Puig Teix. Der romantische Charme des Ortes hatte schon immer viele Künstler angezogen. In den Gärten gediehen Oliven- und Mandelbäume, und über allem lag ein betörend lieblicher Duft.

Immer wieder gewährten kleine Terrassen und von Palmen umsäumte Parks wundervolle Ausblicke auf das Meer und die umliegenden Berge. Wie Alejandro gesagt hatte, gab es viele Galerien, und in kleinen Läden wurden Reproduktionen und Kunstpostkarten verkauft.

Brynne und Michael sahen sich alles an, bis der Junge müde wurde und etwas trinken wollte. Die Menschen, die sie trafen, waren sehr freundlich und lächelten Michael zu, als sie in einem der Cafés etwas Kaltes tranken.

Raul und Rafael hielten sich zum Glück im Hintergrund und warteten draußen auf sie. Michael schien die Anwesenheit der Männer gar nicht zu bemerken und hüpfte fröhlich an Brynnes Seite durch die Gassen, als sie sich auf den Rückweg machten.

„Alej… Vater ist nett, findest du nicht, Tante Bry?“ Etwas ängstlich schaute er sie an, als sie die Treppen zum Hotel hinaufstiegen.

Als „nett“ würde sie ihn nun ganz und gar nicht bezeichnen. Doch Michaels Frage zeigte, dass er von den Spannungen zwischen ihr und seinem Vater mehr mitbekommen hatte, als sie gehofft hatte. Überraschend war das nicht, denn schließlich stritten sie sich, sobald sie einander sahen. Aber es war nicht gut, wenn Michael zu viel davon mitbekam und sich hin und her gerissen fühlte.

„Ja, er ist sehr nett“, bestätigte sie munter.

„Glaubst du, dass Mummy und Daddy ihn mögen würden?“

Bekümmert verzog sie das Gesicht. Vor sieben Jahren hatte Joanna Alejandro auf jeden Fall „gemocht“. Doch ob ihr der Mann, der er heute war, immer noch gefallen würde, konnte sie nicht sagen. Noch weniger konnte sie sich vorstellen, was Tom von diesem arroganten, selbstsicheren Mann halten würde.

Aber das konnte sie Michael schlecht sagen. Der kleine Junge würde sein zukünftiges Leben mit ihm verbringen, ob es ihr passte oder nicht. Und wenn sie Michael wirklich liebte, würde sie es ihm so einfach wie möglich machen.

„Ich bin mir sicher, dass sie ihn mögen würden“, sagte sie mit warmer Stimme und drückte beruhigend seine Hand. Sie hoffte, Alejandro wusste ihre Bemühungen zu schätzen, denn immerhin handelte sie gegen ihre eigenen Gefühle.

„Gut“, seufzte der Junge erleichtert.

Offensichtlich gewöhnte sich Michael an die Vorstellung, dass Alejandro von nun an sein Vater war, auch wenn er noch nicht begriff, wie es dazu gekommen war. Da spielte es keine Rolle, dass Brynne seine Begeisterung nicht teilte.

Als sie die Terrasse der Restaurants betraten, stellte sie fest, dass Alejandro nicht allein an dem Tisch saß, den man ihr gezeigt hatte. Eine hinreißend schöne Frau saß neben ihm. Sie hatte lange dunkle Haare, einen ebenmäßigen dunklen Teint und eine fantastische Figur. Doch am auffälligsten waren die großen schwarzen Augen und die vollen Lippen ihres rot geschminkten Mundes.

5. KAPITEL

Alejandro hob die Augenbrauen, als er sah, dass Brynne und Miguel sich dem Tisch näherten, an dem er in Begleitung einer jungen Frau saß.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass Antonia ihren Vater begleiten würde. Ärgerlicherweise wurde aus dem Treffen auf diese Weise eine weitere gesellschaftliche Verpflichtung, bei dem er nicht ernsthaft über Geschäfte reden konnte. War das Zufall, oder hatte Felipe Roig das absichtlich so eingefädelt?

Es war einfach gewesen, Antonia zu umschmeicheln, die Tochter von Felipe Roig, um an den alten Mann heranzukommen. Doch einiges deutete darauf hin, dass Antonia diese Schmeicheleien zu ernst nahm, und das wiederum könnte Felipe auf den Gedanken bringen, mehr Geld für das Land, das er zu verkaufen hatte, zu verlangen, als Alejandro zu zahlen bereit war.

Zugegeben, Antonia war eine Schönheit. Sie strahlte eine unglaubliche Leidenschaft aus und würde den Auserwählten, der sie eines Tages heiratete, ohne Zweifel mehr als glücklich machen – aber er würde nicht Alejandro Santiago heißen.

Er und Francesca hatten aus den falschen Gründen geheiratet, und ihre Ehe war ebenso unglücklich wie katastrophal gewesen. Er hatte nicht vor, diesen Fehler zu wiederholen.

Nach dem Treffen mit ihrem Vater war Antonia noch etwas länger am Tisch sitzen geblieben, obwohl Alejandro sie nicht darum gebeten hatte. Er hatte auch nicht vor, sie zum Lunch einzuladen. Doch jetzt, nachdem Brynne und Miguel das Restaurant betreten hatte, blieb ihm wohl nichts anderes übrig.

Als die beiden herantraten, stand er auf. Sein Lächeln war weniger herzlich, als er sich gewünscht hätte. „Hattet ihr einen schönen Vormittag?“, fragte er unverbindlich.

„Es war klasse“, antwortete Miguel lebhaft. „Wir sind in ganz vielen Geschäften gewesen, und im Café habe ich Kekse bekommen und Saft, und wir haben draußen gesessen. Und die Menschen haben sich Wasser in große Flaschen gefüllt, und das Wasser kam von einem Wasserfall, direkt aus den Bergen, und …“

„Langsam, Miguel, langsam“, lachte Alejandro und stoppte das aufgeregte Geplapper. Die ganze Zeit über spürte er Brynnes fragenden Blick auf sich. Abwechselnd musterte sie ihn und Antonia. „Miguel, ich möchte dich einer Freundin von mir vorstellen. Das ist Antonia Roig.“ Er legte Miguel eine Hand auf die Schulter und drehte ihn um, sodass er Antonia anschaute. „Antonia, das ist …“

„… dein Sohn“, beendete sie den Satz, während sie lächelnd aufstand. „Natürlich ist er das. Er sieht dir sehr ähnlich, Alejandro.“ Ihr Lächeln wurde warm, als sie zu ihm aufblickte.

Mit wachsender Beklemmung beobachtete Brynne die Szene. Michael begann gerade erst zu verstehen, dass Alejandro sein Vater war. Dieser arrogante Mann würde den Jungen doch sicherlich nicht so früh seiner zukünftigen Stiefmutter vorstellen?

Antonia Roig war wirklich wunderschön, doch wenn sie lächelte, schienen ihre Augen seltsam unbeteiligt zu bleiben. Vermutlich dachte sie gerade daran, dass Internate vorzügliche Einrichtungen waren – für alle Kinder außer ihren eigenen.

Doch bei dem aufregenden Körper bezweifelte Brynne, dass Alejandro ihr jemals in die Augen schaute.

Antonias Blick streifte Brynne, die noch stehen geblieben war. „Wie vernünftig von dir, dass du Miguels Kindermädchen mitgebracht hast.“ Sie bedachte Brynne mit einem herablassenden Lächeln, ehe sie sich wieder abwandte. „Alejandro, warum hast du nicht …“

„Aber Brynne ist nicht mein Kindermädchen“, unterbrach Michael sie kichernd. Die Spannung zwischen den drei Erwachsenen nahm er überhaupt nicht wahr. „Sie ist meine Tante. Tante Bry“, fügte er glücklich hinzu.

Oh ja, diese Augen sind sehr hart, entschied sie bitter, als Antonia sich ihr erneut zuwandte. Kritisch musterte Antonia sie vom roten Haarschopf bis zu den Sohlen ihrer Flipflops, ehe ihr Blick zu dem ungeschminkten sommersprossigen Gesicht zurückkehrte.

„Deine … Tante“, murmelte sie schließlich nachdenklich, ehe sie sich wieder an Alejandro wandte. „Ist das dieselbe Tante, die …“

Offensichtlich hatte Alejandro ihr noch nicht erzählt, dass die Tante, die in den letzten Wochen so viel Ärger gemacht hatte, Michael nach Mallorca begleitete.

„Genau die“, erklärte Brynne und reichte Antonia die Hand zur Begrüßung. „Brynne Sullivan. Leisten Sie uns beim Lunch Gesellschaft, Miss Roig?“, fügte sie hinzu, als die andere Frau ihre Begrüßung mit einer kurzen Berührung der Fingerspitzen erwiderte. Die Nägel waren knallrot lackiert.

Der rote Mund wurde ein bisschen schmaler. „Zu liebenswürdig, aber leider habe ich noch eine Verabredung in Palma“, erwiderte sie spitz. „Du denkst doch daran, dass wir dich zum Dinner erwarten, nicht wahr?“, fügte sie in Alejandros Richtung hinzu.

Nachdenklich nahm Brynne auf dem Stuhl Platz, den Antonia gerade geräumt hatte. Der arme Alejandro sah aus, als müsste er heute Abend einiges erklären.

„Natürlich habe ich es nicht vergessen“, sagte er. Sie fand, dass seine Stimme etwas ungeduldig klang. Zum Abschied küsste er Antonia auf beide Wangen.

„Wie schade, dass Miss Roig nicht bleiben konnte“, bemerkte Brynne trocken, als Antonia schließlich verschwunden war.

Er sah sie finster an, doch sie widmete sich mit äußerster Sorgfalt der Speisekarte. „Stimmt“, sagte er knapp, während er wieder am Tisch Platz nahm. Schließlich erwiderte sie seinen Blick mit unschuldigen großen Augen, und er wusste, dass sie sein leichtes Unbehagen spürte.

Aber was hätte er sonst tun sollen? Wenn er Antonia gedrängt hätte, mit ihnen zu essen, wäre es bei Brynnes Streitlust nur noch unangenehmer geworden. Heute Abend hatte er noch genügend Zeit, um Antonia alles zu erklären und sie zu besänftigen.

„Das sieht alles sehr lecker aus. Was können Sie empfehlen?“, fragte Brynne und klappte die Karte zu. Sie hatte ihre Sonnenbrille abgesetzt, und die blauen Augen schimmerten voller Übermut.

Mit diesem unschuldigen Gesichtsausdruck sah sie nicht sehr viel älter aus als ein junges Mädchen. Sie trug kein Make-up, und die Haare wurden von einem grünen Band zurückgehalten, das gut zu ihrem Top passte.

Doch sie sah einfach zu unschuldig aus.

„Alles“, erklärte er achselzuckend. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit Miguel zu, um ihm bei der Auswahl zu helfen.

Überraschenderweise genoss sie den gemütlichen Lunch. Alejandro und sie ignorierten einander die meiste Zeit, Michael entspannte sich in Gegenwart seines Vaters, das Essen war ausgezeichnet, und der Wein, den Alejandro bestellte, rundete die Mahlzeit perfekt ab. Der Ausblick von der schattigen und angenehm kühlen Terrasse war einfach fantastisch. Sie überblickten das ganze Tal bis hinunter zum Meer.

Als sie zur Villa zurückfuhren, war Brynne so gelöst wie noch nie seit ihrer Ankunft auf Mallorca. Es war jetzt heißer als am Morgen, und die ganze Insel schien Siesta zu halten. Auf der Straße war wenig los; selbst die Bergziegen und streunenden Hunde hatten sich ein schattiges Plätzchen gesucht.

Michael kümmerte sich nicht um die Siesta und war glücklich, den Nachmittag wieder am und im Swimmingpool verbringen zu können. Brynne faulenzte genüsslich im Liegestuhl und dachte ausgiebig über die Vorzüge einer ausgedehnten Mittagspause nach. Das gute Essen und der Wein hatten sie schläfrig gemacht.

Doch Alejandro lag auf dem Liegestuhl neben ihr, und in seiner Gegenwart würde sie sich nie genügend entspannen können, um ein bisschen zu dösen.

„Sie werden heute Abend also wieder ausgehen?“, fragte sie im Plauderton, als sie sich aufsetzte und nach der Sonnenmilch griff.

„Wieder …?“, hakte Alejandro leise nach und schaute sie an. Mit den Blicken verfolgte er ihre Bewegungen, als sie sich vorbeugte, um die langen Beine einzucremen.

„Ich habe gesehen, wie Sie gestern Abend weggefahren sind.“ Sie hob die Schultern.

Doch offensichtlich hatte sie nicht gesehen oder gehört, dass er zwei Stunden später wieder zurückgekommen war.

Seine Abfahrt allein genügte ihr anscheinend schon, um ihre Schlüsse zu ziehen. Und das Treffen mit Antonia heute bestärkte sie anscheinend darin.

Aber wie kam diese Frau eigentlich darauf, dass sie irgendein Recht hatte, sein Privatleben zu kommentieren?

Seine Gedanken fuhren Achterbahn, als Brynne ihr Top hochschob und sich den Bauch eincremte. Der Bauch war flach und fest, die Haut schimmerte wie Samt, und die Schwellung ihrer Brüste war gerade eben unter dem Stoff zu erkennen.

Was ist nur in mich gefahren? dachte er. Diese Frau ist Miguels angeheiratete Tante, sie ist die reinste Nervensäge, und ich sollte mich in keiner Weise von ihren Reizen angezogen fühlen.

„Möchten Sie einen Kommentar über meine Abendverabredung abgeben?“, sagte er scharf, doch er wusste, dass er sich mehr über sich selbst als über Brynne ärgerte.

Sie war wie ein festsitzender Stachel im Fleisch, und er konnte es kaum abwarten, sie wieder loszuwerden. Was spielte es also für eine Rolle, wenn sie einen geschmeidigen schönen Körper hatte und ihre Haut wie Seide aussah? Selbst die Sommersprossen, die ihren gesamten Körper bedeckten, wirkten unglaublich verführerisch, und er stellte sich vor, jede einzelne aufzuspüren und zu küssen …

„Ganz und gar nicht.“ Bei seiner Frage schaute Brynne überrascht auf. „Ich wollte mich nur nett unterhalten“, erklärte sie gelassen.

Und das sollte er ihr glauben?

Doch er war nicht mit Antonia zusammen, wie Brynne vielleicht glaubte. Mit Antonia zu flirten war eine Sache, aber niemals vermischte er Geschäftliches mit privatem Vergnügen, so wie jenes, an das er gerade eben noch gedacht hatte. Anscheinend erhofften sich Antonia und ihr Vater jedoch mehr von ihm, nachdem er Interesse an Antonia gezeigt hatte.

Aber er hatte nicht vor, noch einmal zu heiraten. Die Erfahrungen seiner Ehe waren zu schmerzhaft gewesen, und jetzt, wo er mit Miguel einen Erben bekommen hatte, war es auch nicht mehr nötig.

Wenn Felipe Roig ihm nur nicht immer so ausweichen würde!

Unvermittelt stand er auf. „Ich muss noch ein paar Anrufe erledigen.“

„Sie sind ein viel beschäftigter Mann.“ Brynne sah ihn mit dem für sie so typischen spöttischen Lächeln an und legte das Kinn auf die angezogenen Knie.

Sein Blick war kühl, als er zu ihr hinunterschaute. „Ja, ich habe geschäftliche Verpflichtungen“, erwiderte er knapp.

„Wie angenehm für Sie, wenn Ihre Geschäftspartner so attraktiv sind wie Antonia Roig.“

Alejandro verspannte sich. „Nicht, dass es Sie irgendetwas anginge, aber ich mache nicht mit Antonia Geschäfte, sondern mit ihrem Vater Felipe.“

„Wirklich?“, fragte sie spitz. „Den Eindruck hatte ich aber nicht.“

„Das geht Sie nichts an.“

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