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ROMANA GOLD BAND 20

Toskana – Eine romantische Reise

LYNNE GRAHAM

Italienische Nächte

Eden ist überwältigt, als sie ihren Mann Damiano fünf Jahre nach seinem spurlosen Verschwinden wiedersieht. Kein Zweifel: Die magische Anziehungskraft, die sie damals schon verspürte, ist unverändert! Aber reicht eine Kurzreise in die Toskana aus, um die vielen Missverständnisse zu klären, die ihre Trennung besiegelt hatten?

KATHRYN ROSS

Im Herzen der Toskana

Allein mit Marco Delmari auf einem zauberhaften Landsitz im Herzen der Toskana … Es klingt, als würde ihr lang gehegter heimlicher Traum endlich Wirklichkeit. Doch leider soll Charlotte den attraktiven Bestsellerautoren bloß geschäftlich in seine Heimat begleiten. Bis er sie zu einem Candle-Light-Dinner zu zweit bittet …

CATHERINE SPENCER

Meine erste große Liebe

Wieso hat er damals nicht um die hinreißende Stephanie gekämpft? Als Matteo neun Jahre später plötzlich vor seiner Traumfrau steht, für deren Vater er arbeitete, kann er es sich selbst kaum erklären. Ob er jetzt eine zweite Chance erhält? Als Fremdenführer will er um sie werben – an den schönsten und exklusivsten Orten Italiens!

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Italienische Nächte

1. KAPITEL

Eden James steckte einer Kundin gerade den Rocksaum um, als sie hörte, wie die Ladentür geöffnet wurde.

„Sie haben immer viel zu tun“, sagte die ältere Dame. „Die Leute haben heutzutage wohl nicht mehr die Zeit, sich selbst etwas zu ändern.“

„Ich beklage mich nicht“, erwiderte Eden und richtete sich auf, nachdem sie auch noch die letzte Nadel befestigt hatte.

Sie war einen Meter und zweiundsechzig Zentimeter groß, sehr schlank und grazil. Ihr prächtiges goldblondes Haar hatte sie nach hinten gekämmt und mit einer Spange fixiert, damit es ihr nicht immer in das herzförmige Gesicht mit den ausdrucksstarken grünen Augen fiel.

Als sie die Umkleidekabine verließ, war sie überrascht, zwei Männer und eine junge Frau zu sehen, die sich gerade mit ihrer fünfzigjährigen Assistentin Pam unterhielten.

„Die Herrschaften möchten zu Ihnen, Eden.“

„Was kann ich für Sie tun?“

„Eden James?“, fragte der ältere der beiden Herren noch einmal.

Sie nickte bedächtig, während die drei Besucher sie aufmerksam betrachteten. Irgendwie ging eine seltsame Anspannung von ihnen aus.

„Wir würden gern allein mit Ihnen sprechen. Ist das möglich?“

Sie blickte noch überraschter drein.

„Vielleicht oben in Ihrer Wohnung“, schlug die junge Frau forsch vor.

Sie hört sich an, als wäre sie eine Polizistin, und sie sieht auch so aus, dachte Eden und spürte, wie sie immer beunruhigter wurde. Aber wiesen sich Polizisten nicht immer zuerst aus? Plötzlich wurde sie sich bewusst, dass ihre beiden Angestellten sowie die Kundin die Unterhaltung gespannt verfolgten, und errötete. Schnell öffnete sie die hintere Ladentür und ging hinaus auf den Flur, von dem aus man zur Straße gelangen konnte und auch hinauf ins Treppenhaus zu ihrer Wohnung.

„Dürfte ich bitte erfahren, worum es sich handelt?“

„Wir wollten nur diskret sein“, antwortete der ältere Mann und zeigte ihr seinen Dienstausweis. „Ich bin Superintendent Marshall, und die junge Frau ist Constable Leslie. Und dieser Herr hier ist Mr Rodney Russell, ein Sonderberater des Auswärtigen Amtes. Können wir uns vielleicht oben weiterunterhalten?“

Unwillkürlich reagierte Eden auf seine ruhige Art zu sprechen. Was wollen sie? überlegte sie und spürte, wie sie sich etwas entspannte. Zwei Leute von der Polizei? Und einer vom Auswärtigen Amt? Vom Auswärtigen Amt, dachte sie dann aufgeschreckt und merkte, wie ihre Hand zitterte, als sie den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür steckte. Damiano! Lange Zeit hatte sie auf einen derartigen Besuch gewartet, aber jetzt traf es sie völlig unvorbereitet. Wann hatte sie aufgehört, sich bei jedem Klingeln des Telefons oder an der Wohnungstür zu fürchten? Wann? Sie war sich dessen nicht bewusst gewesen, und die Entdeckung machte sie bestürzt und jagte ihr Schuldgefühle ein, sodass sie wie angewurzelt auf der Fußmatte stehen blieb.

„Sie brauchen keine Angst zu haben“, versicherte ihr die Polizistin und schob sie behutsam über die Schwelle. „Wir sind nicht gekommen, um Ihnen schlechte Nachrichten zu überbringen, Mrs Braganzi.“

Mrs Braganzi? Diesen Namen hatte sie abgelegt, als sie es nicht mehr hatte ertragen können, von neugierigen Reportern bestürmt zu werden. So viele hatten von ihr wissen wollen, wie es war, die Frau eines bedeutenden Mannes zu sein, der sich scheinbar in Luft aufgelöst hatte. Und als sie keine Interviews geben wollte, hatten sich die Damen und Herren von der Boulevardpresse erst recht mit ihr befasst.

Keine schlechten Nachrichten? schoss es Eden durch den Kopf. Das konnte nicht sein. Nach fünf Jahren war das einfach unmöglich! Handelt es sich vielleicht nur um einen erneuten Höflichkeitsbesuch? überlegte sie dann wieder ruhiger. Wollten sie ihr sagen, dass die Akte noch nicht geschlossen, aber der Fall noch ungelöst sei? Es war schon einige Zeit her, dass man von offizieller Seite an sie herangetreten war. Sie selbst hatte schon länger aufgehört, dort immer wieder anzurufen, Druck auszuüben und ihre Ansprechpartner zu beknien, irgendetwas zu unternehmen. Ganz allmählich hatte sie begriffen, dass diese nichts für sie tun konnten. Und dann hatte sie begonnen, die Hoffnung aufzugeben, dass Damiano noch am Leben war.

Sein Bruder Nuncio und seine Schwester Cosetta hatten das schon einen Monat nach seinem Verschwinden getan. Damiano war in der südamerikanischen Republik Montavia gewesen, als dort ein Militärputsch stattgefunden hatte. In der Hauptstadt waren Straßenkämpfe ausgebrochen, und in dem ganzen Durcheinander war er einfach verschwunden. Er hatte im Hotel seine Rechnung bezahlt und war in eine Limousine gestiegen, die ihn zum Flughafen hatte bringen sollen. Seine Bodyguards waren ihm in einem anderen Wagen gefolgt, der jedoch unterwegs explodiert war. Die Männer hatten den Unfall zwar unverletzt überlebt, aber die Limousine mit Damiano aus den Augen verloren.

Während der anschließenden Nachforschungen hatte sich die neue diktatorische Regierung als nicht sehr hilfreich erwiesen. Allerdings hatte sich unterdessen auch ein Widerstand gegen den Staatsstreich formiert, sodass sich Montavia am Rand eines verheerenden Bürgerkriegs befunden hatte. Die stark beanspruchte Obrigkeit hatte nur wenig Interesse am Verschwinden eines einzelnen Ausländers gezeigt und darauf hingewiesen, dass während der einwöchigen Kämpfe in der Hauptstadt viele Menschen umgekommen oder verschwunden seien. Es hatte keine Spur gegeben, die man hätte verfolgen können, und auch Zeugen hatten sich nicht gemeldet. Aber es fehlte auch jeder Beweis, dass Damiano wirklich tot war. Und diese entsetzliche Ungewissheit hatte sie, Eden, jahrelang gequält …

„Bitte setzen Sie sich, Mrs Braganzi“, hörte sie einen ihrer Besucher sagen.

Baten Polizisten nicht immer erst darum, wenn sie schlechte Nachrichten zu überbringen hatten? Oder wurde das nur in Filmen so dargestellt? Eden konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie spürte eine leise Verärgerung darüber, dass man sie in ihrer eigenen Wohnung herumkommandierte, setzte sich aber in den Lehnstuhl und beobachtete stirnrunzelnd, wie die beiden Männer ihr gegenüber auf dem kleinen Sofa Platz nahmen.

„Constable Leslie hat Sie nicht angelogen, Mrs Braganzi“, sagte Superintendent Marshall. „Wir sind gekommen, weil wir Ihnen etwas außerordentlich Erfreuliches mitzuteilen haben. Ihr Ehemann lebt.“

Reglos saß Eden da und blickte ihn ungläubig an. „Das ist unmöglich …“

Rodney Russell ergriff das Wort und erinnerte sie daran, dass man anfänglich vermutet hatte, Damiano wäre entführt worden. Ja, dachte Eden, aber das war nur eine der vielen grässlichen Möglichkeiten, die man damals in Betracht gezogen hat.

„Schließlich war … ist“, verbesserte er sich schnell, „Ihr Ehemann ein sehr wohlhabender, einflussreicher Mann im internationalen Bankengeschäft …“

„Sie sagten, er lebe …“ Sie verstummte und betrachtete die beiden Männer mit schmerzerfüllter Miene. Warum weckten sie wieder Hoffnungen in ihr, die sie nicht mehr ertragen konnte? „Wie kann Damiano nach so vielen Jahren noch am Leben sein? Wenn er lebt, wo ist er dann die ganze Zeit gewesen? Sie irren sich … Sie irren sich ganz entsetzlich!“

„Ihr Ehemann lebt, Mrs Braganzi“, wiederholte der Superintendent nachdrücklich. „Das so aus heiterem Himmel zu hören, muss natürlich ein Schock für Sie sein. Aber bitte glauben Sie uns. Ihr Ehemann, Damiano Braganzi, lebt, und es geht ihm gut.“

Eden begann zu zittern, während sie in den Gesichtern ihrer Besucher zu lesen versuchte. Plötzlich machte sie die Augen ganz fest zu. Sie kämpfte gegen ihren Unglauben an und sandte stumm ein Stoßgebet zum Himmel. Lass es wahr sein, lass es Wirklichkeit sein, bitte lass mich nicht aufwachen und feststellen, dass ich nur geträumt habe. Wie oft hatten sie in der Vergangenheit schon solche Träume gequält!

„Es ist jetzt fast zwei Tage her, dass Ihr Mann in Brasilien aufgetaucht ist“, erklärte Mr Russell.

„In Brasilien …“

„Er hat vier Jahre in Montavia im Gefängnis gesessen und sich sofort nach seiner Freilassung ausgesprochen geistesgegenwärtig in ein Nachbarland abgesetzt.“

„Im G…Gefängnis?“ Bestürzt und fassungslos blickte Eden den Sonderberater an. „Damiano war im Gefängnis? Wie … warum?“

In knappen Worten erklärte Russell, dass Damiano am Tag seines Verschwindens gekidnappt und in ein Militärlager außerhalb der Hauptstadt gebracht worden sei. Während des Bürgerkriegs in den folgenden Tagen hatten Rebellen das Lager angegriffen und erobert, und in den Kampfhandlungen hatte Damiano eine schwere Kopfverletzung erlitten. Als die Widerständler dann den verletzten Gefangenen entdeckt hatten, hatten sie natürlich angenommen, er wäre einer von ihnen.

„Ihr Mann spricht fließend Spanisch, Mrs Braganzi. Das und seine Geistesgegenwart haben ihm das Leben gerettet. Man hat ihn in ein Feldlazarett im Dschungel gebracht, wo er sich gerade zu erholen begann, als er in die Hände von Regierungssoldaten fiel, die die letzten Schlupfwinkel der Rebellen säuberten. Er wurde als Mitglied der Widerstandsgruppe inhaftiert.“

Damiano ist am Leben … er lebt, dachte Eden ein ums andere Mal und fing langsam an, dem Gehörten Glauben zu schenken. Aber sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen. Sie fühlte sich benommen, als wäre sie irgendwie betäubt.

„Natürlich wundern Sie sich jetzt, warum sich Ihr Mann den Regierungssoldaten nicht sofort zu erkennen gegeben hat“, fuhr der Sonderberater fort. „Er hat gemeint, wenn er seine Identität aufdeckte, würde er damit sein Todesurteil unterschreiben. Ihm war klar, dass er ursprünglich von Soldaten gekidnappt worden war, die dem augenblicklichen Diktator von Montavia treu ergeben waren. Er wusste, dass die Rebellen ihn quasi befreit hatten und man spätestens seit dem Zeitpunkt seitens der Regierung nicht mehr die Absicht haben konnte, ihn lebend davonkommen zu lassen …“

Angestrengt versuchte Eden, Russells Erklärungen zu folgen. Das Blut schien in ihren Adern zu gefrieren, und ihr wurde beinahe übel bei der Vorstellung, dass Damiano entführt und verletzt worden war … Wie oft hatte sie davon geträumt!

„Ihrem Mann war klar, dass es die Regierung in große Verlegenheit bringen würde, wenn er überlebte, und deshalb befand er, es wäre sicherer für ihn, seine wahre Identität nicht aufzudecken und die Haftstrafe zu akzeptieren. Nach seiner Freilassung ist er über die Grenze nach Brasilien gegangen und von dort zu Ramon Alcoverro …“

„Ramon …“, murmelte Eden und schüttelte bedächtig den Kopf. Dann legte sie die Finger an die Stirn, als könnte sie so besser nachdenken. „Damiano ist zusammen mit jemandem namens Ramon auf der Universität gewesen.“

„In einer Stunde wird Ihr Mann auf englischem Boden landen, und er möchte, dass seine Heimkehr so lange wie möglich vor der Presse geheim gehalten wird. Deshalb sind wir auch so diskret an Sie herangetreten.“

Damiano lebte! Er kam nach Hause! Nach Hause? dachte Eden dann und spürte plötzlich große Freude und tiefen Schmerz zugleich. Er würde natürlich zu seiner Familie heimkehren, aber nicht zu ihr. Constable Leslie und die beiden Herren hatten sie nur aufgesucht, weil sie, Eden, rein rechtlich noch Damianos Frau und nächste Verwandte war. Doch ihre Ehe war zum Zeitpunkt seines Verschwindens eigentlich zerrüttet gewesen. Er hatte sie nie geliebt, sie nur geheiratet, um sich über eine andere Frau hinwegzutrösten, und diesen Schritt schnell bereut.

Wann hatte sie begonnen, das zu vergessen? Wann hatte sie angefangen, in ihrer Traumwelt zu leben? Damiano würde nie zu ihr zurückkommen. Wenn das Schicksal nicht so grausam zugeschlagen hätte, wäre es sehr gut möglich gewesen, dass er aus Montavia zurückgekehrt wäre und sie um die Scheidung gebeten hätte. Hatte das nicht sein eigener Bruder gesagt?

Die letzten fünf Jahre mussten für Damiano ein einziger Albtraum gewesen sein, sodass er jetzt nur ein Ziel haben konnte: endlich wieder sein Leben weiterzuführen. Und wenn er erfahren hatte, was in seiner Abwesenheit passiert war, würde er wohl auch keinen Versuch unternehmen, sie zu sehen, und ihr einziger Kontakt würde über den Scheidungsanwalt laufen.

„Mrs Braganzi … Eden … Darf ich Sie Eden nennen?“, fragte der Superintendent.

„Seine Familie … sein Bruder und seine Frau, seine Schwester … sie müssen überglücklich sein“, sagte sie.

Mr Marshalls Gesichtszüge verhärteten sich. „Soweit ich der knappen Information entnommen habe, hat Ramon Alcoverro bei den Angehörigen Ihres Mannes angerufen, und sie sind dann sofort in ihrem Privatflugzeug nach Brasilien geflogen.“

Eden wich jede Farbe aus dem Gesicht. Damianos Familie hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, ihr mitzuteilen, dass er lebte. Wie konnten sie nur so grausam sein! Sie ließ den Kopf sinken und spürte Übelkeit in sich aufsteigen.

„In Zeiten wie diesen, und besonders wenn sich eine Familie untereinander entfremdet hat, kann es leicht passieren, dass man sehr gedankenlos reagiert“, erklärte der Superintendent und brach das angespannte Schweigen. „Wir sind auf die Situation aufmerksam geworden, als man sich von der brasilianischen Botschaft mit dem Auswärtigen Amt in Verbindung gesetzt hat. Sie brauchten einige Informationen, um Ihrem Ehemann einen Ersatzpass auszustellen, damit er in die Heimat zurückreisen konnte.“

Eden sagte noch immer nichts. Mit brennenden Augen blickte sie zu Boden und betrachtete geistesabwesend das Muster des Teppichs. Wahrscheinlich hatte Nuncio Damiano schon erzählt, warum er sie, Eden, nicht nach Brasilien mitgebracht hatte. Vermutlich hatte er ihm schon die schrecklichen Lügen über sie wiedergegeben, die nur drei Monate nach seinem Verschwinden in der Boulevardpresse verbreitet worden waren. Jener ehrenrührige, verleumderische Klatsch, der ihr so zugesetzt hatte, dass sie das Haus der Braganzis in London verlassen hatte, um nicht verrückt zu werden.

„Ihr Ehemann hat sich auch erkundigt, warum man Sie nicht informiert habe, und wusste offenbar nicht, dass seine eigene Familie uns hinsichtlich der neuen Entwicklungen nicht auf dem Laufenden gehalten hatte.“

Langsam sah Eden auf. „Wirklich?“

„Soweit ich verstanden habe“, erwiderte Mr Marshall mit beruhigendem Lächeln, „hat Ihr Mann es sehr eilig, wieder hier bei seiner Frau zu sein …“

Verwirrt blickte sie ihn an. „Damiano hat es eilig, hier bei … mir zu sein?“, fragte sie leise und glaubte, sich verhört zu haben.

„Er kommt heute Mittag in London-Heathrow an und wird dann von einem Hubschrauber zu einem Landeplatz außerhalb der Stadt geflogen. Wir bringen Sie dorthin. Man hofft offenbar, damit die Aufmerksamkeit von Journalisten zu vermeiden.“

„Er möchte mich sehen?“ Sie lachte fast ein wenig hysterisch auf, wandte den Kopf zur Seite und spürte, wie ihr Tränen in die Augen traten.

Wie gern wäre sie jetzt allein und nicht unter Fremden, die jede ihrer Regungen beobachteten. Unter Fremden, denen bekannt sein musste, wie zerrüttet ihre Ehe zum Zeitpunkt von Damianos Verschwinden gewesen war. Eigentlich sollte sie sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt haben, dass nichts zu heilig gewesen war, um es nicht irgendwo zu den Akten zu nehmen. Aber auch wenn das nicht geschehen wäre, sprach allein schon das Verhalten seiner Familie Bände.

Nach Damianos Verschwinden hatten sowohl die britischen als auch die italienischen Behörden umfassende Nachforschungen angestellt. Finanzexperten hatten die Braganzi-Bank überprüft, ob sie noch ein gesundes Unternehmen war. Auch hatte man nach geheimen Konten gesucht und nach Hinweisen, ob sie vielleicht erpresst wurde oder in betrügerische Machenschaften verwickelt war. Man hatte sogar dahin gehend ermittelt, ob es Verbindungen zwischen Damiano und dem organisierten Verbrechen gab. Und schließlich hatte man sich mit seiner Familie befasst, um zu überprüfen, ob nicht irgendjemand seiner Angehörigen einen Killer beauftragt hatte.

Man hatte nichts unversucht gelassen und jedem Wort Gehör geschenkt. Keine Frage war zu persönlich oder verletzend gewesen, um sie nicht zu stellen. Da Damiano einfach zu wohlhabend und einflussreich gewesen war, war nach seinem Verschwinden unweigerlich jeder aus seiner Umgebung zum Verdächtigen geworden. Und am meisten hatte Eden unter der Situation gelitten. Seine snobistischen Geschwister hatten sie noch nie gemocht, sie insgeheim schon immer verachtet und dann bald ihren Schmerz und ihre Verwirrung an ihr ausgelassen. Sie waren sogar so weit gegangen, Eden dafür verantwortlich zu machen, dass Damiano überhaupt nach Montavia geflogen war.

„In einem Fall wie diesem“, erklärte Rodney Russell, „arrangieren wir es normalerweise, dass das Opfer eine Zeit lang von der Außenwelt abgeschirmt und speziell beraten wird. Aber Ihr Ehemann hat das kategorisch abgelehnt.“

„Wenn ich richtig informiert bin“, fügte der Superintendent leicht amüsiert hinzu, „hat Ihr Mann gesagt, dass er dann lieber ins Gefängnis gehen würde.“

Constable Leslie stellte eine Tasse Tee vor Eden auf den Couchtisch. „Diese ganzen Neuigkeiten sind ein Schock für Sie“, meinte sie freundlich. „Aber heute Nachmittag werden Sie Ihren Ehemann wiedersehen.“

Unvermittelt stand Eden auf und ging in ihr Schlafzimmer. Sie schloss die Augen und rang um Fassung. Damiano lebte und war auf dem Weg nach Hause. Zu mir? Im Stillen schalt sie sich, weil sie ihre Gedanken erneut in eine falsche Richtung hatte schweifen lassen. Sie sollte nicht so egoistisch sein. Wenn Damiano sie sehen wollte, würde sie für ihn da sein, und nichts und niemand konnten sie daran hindern.

Hatte Nuncio wider Erwarten nichts von der Affäre erzählt, die sie gehabt haben sollte? Aber wie hatte er Damiano gegenüber dann begründet, warum er sie, Eden, nicht mit nach Brasilien gebracht hatte? Was würde Damiano überhaupt sagen, wenn er zurückkam? Wie sollte sie ihm erklären, warum sie das Familienanwesen verlassen hatte? Warum sie seinen Namen abgelegt hatte und sich hinter ihrem Mädchennamen versteckte? Weshalb sie sich ein neues Leben aufgebaut hatte?

Sie spürte, wie ihre Angst von Sekunde zu Sekunde wuchs, und konzentrierte den Blick auf das Foto, das auf dem Nachttisch stand. Es zeigte einen warmherzig lächelnden, umwerfend attraktiven Damiano mit all seinem italienisch charismatischen Flair. Das Bild hatte sie in Sizilien auf ihrer Hochzeitsreise gemacht.

Ihre Ehe hatte nur ein gutes halbes Jahr gedauert. Aber schon während dieser Zeit hatte er sich von ihr zurückgezogen, war er immer öfter und länger auf Geschäftsreisen gewesen und hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass sich die Verbindungstür zwischen ihren beiden Schlafzimmern doch noch einmal öffnen würde. In den wenigen Monaten war ihr Herz gebrochen. Eine so große Liebe verging nicht – sie tat einfach nur weh.

Constable Leslie klopfte an die angelehnte Schlafzimmertür. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Eden schreckte aus ihren Gedanken. Sie kämpfte gegen ihre aufsteigende Panik an und wandte sich mit blassem und tränennassem Gesicht der jungen Polizistin zu. „Was geschieht nun?“

„In einer halben Stunde fahren wir zum Flugplatz. Ich an Ihrer Stelle würde jetzt das Geschäft schließen und mir überlegen, was ich anziehe.“

Was ich anziehe? dachte Eden und unterdrückte ein gequältes Lachen. Was hatte Damiano alles durchlitten! Er war entführt und schwer verletzt worden, hatte um sein Leben fürchten und lange Zeit in einem primitiven Gefängnis sitzen müssen. Auf diesen Albtraum war er absolut nicht vorbereitet gewesen. Er war von klein auf an große Annehmlichkeiten und eine privilegierte Stellung gewöhnt. Früher hat er mich gern in Grün gesehen, schoss es ihr plötzlich und völlig zusammenhanglos durch den Kopf. Ja, Grün war seine Lieblingsfarbe gewesen.

Hektisch durchstöberte sie den Kleiderschrank. Aber vielleicht kommt Damiano nur, um mir zu sagen, dass er wieder zurück ist, und das möchte er nicht vor seiner ihm über alles geschätzten Familie tun, überlegte sie. Und vor Annabel Stavely, seiner ersten und einzigen Liebe. Wie hatte sie nur seine Exverlobte vergessen können? Die junge Frau hatte inzwischen ein Kind bekommen, war aber allein geblieben und hatte den Namen des Vaters nie genannt. Eden schlug die Hände vors Gesicht.

Du bist das reinste Nervenbündel, dachte sie und spürte, wie sie vor Anspannung und Angst am liebsten laut geschrien hätte.

Kurz bevor sie zum Flugplatz aufbrechen wollten, klingelte das Telefon.

„Eden?“, fragte Damianos jüngerer Bruder Nuncio.

Nach so vielen Jahren des Schweigens meldete er sich wieder bei ihr? Sie hielt den Atem an und befürchtete augenblicklich, er würde in Damianos Auftrag anrufen, um ihr mitzuteilen, dass dieser nun doch nicht zu ihr kommen würde.

„Ja?“, antwortete sie leise.

„Ich habe Damiano nichts gesagt. Was wäre das für ein herzliches Willkommen, wenn ich ihn mit einer solchen Nachricht begrüßen würde?“, fuhr er mit bitterer Verachtung in der Stimme fort. „Ich war gezwungen zu lügen und habe ihm erzählt, dass wir nach deinem Auszug den Kontakt zu dir verloren hätten. Aber du sagst ihm besser die Wahrheit, denn ich habe nicht vor mit anzusehen, wie mein Bruder durch mein Schweigen zum Narren gemacht wird!“

Die Wahrheit? dachte Eden, als sie den Hörer mit bebender Hand auflegte, und hätte ihn vor Bitterkeit am liebsten gleich wieder aufgenommen, um ihren Schwager zurückzurufen. Schnell unterdrückte sie den Impuls, denn es wäre ohnehin zwecklos. Nuncio würde ihr nicht glauben. Niemand würde oder wollte ihr die Wahrheit glauben: dass sie, Eden, von ihren zwei besten Freunden betrogen und dann im Stich gelassen worden war und die Sache ausbaden musste, die diese beiden ihr eingebrockt hatten.

„Sie müssen verstehen, Mrs Braganzi, dass der Mann, an den Sie sich erinnern, nicht derselbe Mann sein wird, der zu Ihnen zurückkommt“, sagte Rodney Russell eindringlich auf der Fahrt zum Flugplatz. „Es wird sehr schwierig für Sie beide werden, Ihre Beziehung wieder aufzubauen …“

„Ja … natürlich.“ Wenn er doch nur aufhören würde, sie mit solchen Warnungen weiter zu beunruhigen. Seine übrigen Erklärungen waren schon alarmierend genug gewesen.

„Ihr Ehemann kehrt in ein Umfeld zurück, das er vor fünf Jahren verlassen hat. Sich wieder einzugewöhnen wird eine große Herausforderung sein. Er wird unter Stimmungsschwankungen leiden und immer wieder wütend und verbittert über die Ungerechtigkeit sein, dass man ihm fünf Jahre seines Lebens gestohlen hat. Es wird Phasen geben, in denen er ganz allein sein will, und dann wieder andere, in denen er nicht genug Menschen um sich herum haben kann. Er wird sich möglicherweise in sich zurückziehen, schweigsam und launisch sein oder sich als Macho aufspielen. Aber so wird es nicht bleiben …“

„Nein?“

„Versuchen Sie, sich bewusst zu machen, dass die Reaktionen Ihres Mannes in der nächsten Zeit nichts darüber aussagen, wie er sich verhalten wird, wenn er Frieden mit seinem Schicksal geschlossen hat. Es ist eine Übergangsphase.“

„Ja.“ Eden spürte, wie ihr beim letzten Satz das Herz ganz schwer wurde. War er als Warnung gedacht, dass Damiano zwar momentan mit ihr zusammen sein wollte, sie aber in einigen Wochen wieder verlassen würde? Meinte der Sonderberater etwa, sie würde sich der Vorstellung hingeben, dass ihre Ehe, die vor fünf Jahren zerrüttet gewesen war, jetzt auf wundersame Weise wieder funktionieren könnte? Nein, sie war weder so dumm noch so töricht optimistisch. Sie erwartete nichts, würde Damiano um nichts bitten. Sie wollte einfach nur für ihn da sein und wünschte sich das verzweifelt. Aber brauchte er sie wirklich? Sie hatte noch nie erlebt, dass er irgendjemanden gebraucht hatte.

Sie hatte ihm ihre Liebe gestanden. Er hatte nie zu ihr gesagt, dass er sie liebe. Wohl aber zu Annabel! Zumindest hatte er seiner Exverlobten diese Erklärung in eine wunderschöne Goldkette eingravieren lassen: In Liebe, Damiano.

„Ich glaube, etwas frische Luft wird Ihnen jetzt guttun, Eden“, meinte der Superintendent und schreckte sie aus ihren trüben Gedanken. Sie hatte überhaupt nicht gemerkt, dass sie am Flugplatz angekommen waren.

„Ja … ja, das wird es.“ Sie stieg aus und atmete tief ein, um sich zu beruhigen. „Wie lange noch?“

„Vielleicht zehn Minuten …“

Zehn Minuten nach fünf Jahren! Nervös strich sie sich über das grüne Wollkleid, das eigentlich viel zu warm für diesen Sommertag war, aber sie hatte nichts anderes in dieser Farbe zum Anziehen gefunden.

„Russell macht nur seinen Job, wie er ihn versteht“, sagte Mr Marshall freundlich, während sie auf das Flugfeld zugingen. „Aber soweit ich weiß, ist Ihr Ehemann in bemerkenswert guter Verfassung, sowohl physisch als auch psychisch.“

Eden nickte und spürte, wie ihre Anspannung etwas nachließ. In der Ferne hörte sie ein leises Dröhnen und blickte unwillkürlich zum Himmel. Sie sah einen dunklen Punkt, der von Sekunde zu Sekunde größer wurde. Der Hubschrauber mit Damiano! Würde er wirklich gleich daraus aussteigen?

Sie hatte immer noch Angst, dass sich die Leute und auch seine Familie irrten. Dass der Mann, der in Brasilien aufgetaucht war, nicht Damiano, sondern ein Betrüger war. Könnte es nicht sein, dass jemand Damianos Biografie auswendig gelernt und sich von einem Schönheitschirurgen hatte operieren lassen? Wäre es den Versuch nicht wert, zu probieren, in die Gestalt eines so wohlhabenden Mannes zu schlüpfen? Und Nuncio, der seinen älteren Bruder geradezu angebetet hatte und nach dessen Verschwinden untröstlich gewesen war, wäre er nicht ausgesprochen leicht zu täuschen?

Mit starrer Haltung verfolgte Eden, wie der Helikopter etwa dreihundert Meter von ihr entfernt landete. Sie zitterte am ganzen Körper, als kurz darauf die Tür geöffnet wurde. Und dann sah sie einen sehr großen, gut gebauten Mann in schwarzen Jeans, weißem T-Shirt und dunkler Lederjacke aus dem Hubschrauber aussteigen. Er hatte schwarzes Haar, und sein Gesicht war von der Sonne gebräunt. Reglos stand sie da. Dann erfasste sie eine so überwältigende Freude, dass sie überhaupt nicht merkte, wie sie zunächst etwas zögerlich einen Fuß vor den anderen setzte und schließlich auf ihn zulief.

Damiano blieb nur wenige Meter vom Helikopter entfernt stehen und ließ sie auf sich zukommen. Später würde sie sich daran erinnern und sich darüber wundern. Aber in diesem Moment reagierte sie nur und dachte keine Sekunde nach. Ihre Gebete waren erhört worden und alle Ängste vergessen. Eden warf sich an seine breite Brust, als er die Arme um sie legte.

„Du hast mich vermisst, cara?“

Der warme Klang seiner sonoren Stimme hüllte sie ein und blendete die Umgebung aus. Er roch so gut und so vertraut, und sie atmete seinen Duft ein, als wäre er so lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. „Mach keine Witze … bitte, tu das nicht!“, schluchzte sie an seiner Brust und krallte die Finger in sein Shirt, um nicht in die Knie zu sinken.

2. KAPITEL

Ruhig blieb Damiano einige Minuten stehen und hielt Eden einfach nur fest. Allmählich fasste sie sich wieder und wurde sich bewusst, wo sie waren.

„Alles in Ordnung?“, fragte er leise.

Stockend atmete sie ein und sah ihn an. „Ich liebe dich so sehr.“

Sie hatte überhaupt nicht vorgehabt, das zu sagen, noch nicht einmal darüber nachgedacht. Aber die Worte waren ihr einfach über die Lippen gekommen, als wäre dieses Geständnis das natürlichste der Welt. Sie sah ihm in die dunklen Augen. Plötzlich wurde sie sich bewusst, wie starr und angespannt er dastand.

„Und selbst nach all den Jahren nicht den Schimmer eines Zweifels. Ich muss der glücklichste Mann unter der Sonne sein, cara“, antwortete er rau. Er ließ den Blick über sie gleiten und bückte sich dann, um seine Reisetasche wieder aufzunehmen, die er zuvor abgesetzt hatte. „Komm, lass uns das Empfangskomitee loswerden.“

Er legte ihr den Arm um die Schultern und ging mit ihr zu den anderen, die etwas abseitsstanden und warteten. Eden zitterte noch immer, und in ihrem Kopf schien sich alles zu drehen. Sie konnte sich weder auf das konzentrieren, was sie eben gesagt hatte, noch darauf, wie er reagiert hatte. Es kostete sie schon eine ungeheure Mühe, überhaupt einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Irgendwo in ihrem Unterbewusstsein spürte sie jedoch, dass er verändert war, wusste allerdings nicht, inwiefern. Damiano besaß eine starke Persönlichkeit und war schon immer schwer zu verstehen gewesen. Er beherrschte stets sein impulsives italienisches Temperament – außer im Schlafzimmer.

Eden errötete kurz bei dieser Erinnerung. Der glücklichste Mann unter der Sonne? Nein, das konnte er nicht sein. Nicht mit einer Frau, die er selbst einmal als den prüdesten Menschen auf der ganzen Welt bezeichnet hatte. Ja, sie war im Bett eine entsetzliche Versagerin gewesen. Ihre Erziehung hatte sie sehr gehemmt werden lassen, aber am Ende war es vor allem seine Unzufriedenheit gewesen, die sie, Eden, blockiert hatte. Je ungeduldiger Damiano geworden war, desto mehr hatte sich das Problem verschlimmert. In dem Bewusstsein, dass alles, was sie im Schlafzimmer tat und nicht tat, genauestens von ihm begutachtet wurde, hatte sie allmählich einen Widerwillen entwickelt, den sie nicht vor ihm hatte verbergen können. Das Vergnügen, das er ihr bereitete, hatte einen Preis gehabt, der für ihren Stolz zu hoch gewesen war.

Aber nach Damianos Verschwinden, als sie sich mit der schrecklichen Möglichkeit hatte auseinandersetzen müssen, dass er vielleicht tot war und nie wieder zurückkehren würde, hatte sie sich bitterste Vorwürfe wegen ihres Verhaltens gemacht. Es war ihr rückblickend zunehmend egoistisch und erbärmlich erschienen.

Geistesabwesend biss sie sich auf die Lippe und bekam von dem Gespräch zwischen Damiano und seinem „Empfangskomitee“ nichts mit. Doch dann runzelte sie überrascht die Stirn, als sie eine große silberfarbene Limousine auf sie zufahren sah.

„Der Wagen ist da. Ich möchte hier nicht länger herumstehen“, erklärte Damiano unverblümt, und Eden wunderte sich sehr. So unverbindlich hatte sie ihn noch nie erlebt.

„Darf ich fragen, wohin Sie wollen, Mr Braganzi?“, erkundigte sich Rodney Russell mit unterschwelliger Schärfe in der Stimme.

„Nach Hause … wohin sonst?“

Nach Hause? dachte Eden voller Panik. Hatte er etwa vor, direkt nach London zurückzukehren, um mit seiner Familie – und ihr als Schreckgespenst – ein zweites Wiedersehen zu feiern?

„Zuhause, wo ist das?“ Damiano lächelte sie etwas verlegen an, während sie auf die Limousine zugingen. „Du solltest dem Chauffeur besser den Weg beschreiben.“

Ihre Angst legte sich sofort wieder, und sie tadelte sich insgeheim für ihre Vergesslichkeit. Er wusste doch schon, dass sie nicht mehr auf dem Familienanwesen in London wohnte, und schien diese Tatsache zu akzeptieren.

Nachdem sie den Fahrer informiert hatte, stieg sie in den Fond des vornehmen Wagens ein. Kaum hatte sie sich gesetzt, spürte sie, wie sie erneut in Panik geriet. Sie hatte noch nicht über den Moment des Wiedersehens mit Damiano hinausgedacht und fühlte sich jetzt wie eine Kanutin, die ohne Paddel auf Stromschnellen zutrieb.

„Das ist auch für mich eine seltsame Situation. Mach dir keine Gedanken, cara“, sagte Damiano leise und legte ohne Vorankündigung seine Hand auf ihre, die sie zur Faust geballt hatte. „Lassen wir heute irgendwelche langatmigen Erklärungen. Ich bin zurück. Du bist da. Das allein ist im Moment wichtig.“

Starr blickte sie ihn an. Wie umwerfend er immer noch aussah! Ihre Sinne sprachen sofort auf ihn an, und sie merkte voller Scham, wie eine verräterische Hitze sie durchflutete. Sie empfand ihre Reaktion als äußerst unpassend und demütigend. Als sie einmal all ihren Mut zusammengenommen und Damiano unmissverständlich in ihr Bett eingeladen hatte, hatte er sie rundheraus abgewiesen. Nein, dachte sie peinlich berührt, als Frau wird er mich nicht brauchen.

Sein markantes Gesicht war schmaler geworden, und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Vermutlich hatte er während des Rückfluges nach England nicht geschlafen, da er und seine Familie sich so viel zu erzählen hatten. Aber eigentlich sah er so aus, als hätte er eine ganze Woche lang nicht geschlafen.

Auch wirkte er insgesamt härter und entschlossener als früher. Die Begegnung mit dem „Empfangskomitee“ hatte das deutlich gezeigt. Ja, und sein Akzent hatte sich geändert. Damiano hatte fünf Jahre lang Spanisch gesprochen und sich in seiner Redeweise sicherlich seiner Umgebung angepasst. Er war ein sehr kluger und fähiger Mann und nicht auf Grund seiner Geburt Vorsitzender der Braganzi-Bank geworden. Nach dem Tod seines Vaters hatte man ihn mit achtundzwanzig Jahren in das Amt gewählt, weil er seine Arbeit so hervorragend machte.

Deutlich spürte Eden, dass sich das Schweigen zwischen ihnen immer mehr auflud, aber ihr war nicht klar, womit. Und während sie noch rätselte, begegneten sich ihre Blicke. In seinen Augen schien ein Feuer zu brennen. Plötzlich fasste Damiano in ihr Haar, zog sie zu sich und presste seine Lippen auf ihre.

Im ersten Moment wusste sie nicht, wie ihr geschah. Sie hatte immer in der Vorstellung gelebt, dass ihr Mann sie wenig anziehend fand, und hätte überraschter nicht sein können.

Leidenschaftlich erforschte er mit der Zungenspitze ihren Mund. Eden fühlte, wie ihre Verblüffung heftiger Erregung wich, und stöhnte unwillkürlich auf.

Sofort gab Damiano sie frei. Er ließ den Blick über ihr leicht gerötetes Gesicht schweifen, senkte dann die Lider und stieß rau hervor: „Mi dispiace … Entschuldige, ich weiß nicht, was mich überkommen hat.“

Ihr Herz schlug so schnell, als wäre sie gerade tausend Meter in Rekordzeit gelaufen, und ihr Körper war angespannt vor sehnsüchtiger Erwartung. Es war einfach unendlich lang her, dass jemand ihr so nahe gekommen war. Und gleichzeitig empfand sie eine große Verlegenheit, denn offensichtlich bedauerte er, sie geküsst zu haben.

Gewissermaßen aus Selbstschutz ließ sie den Kopf sinken und blickte auf ihre Hand, die Damiano noch immer umfasst hielt.

Damiano verstärkte seinen Griff. „Habe ich dir wehgetan?“

„Nein …“, antwortete sie leise, konnte vor Befangenheit kaum sprechen. Nimm mich, wann immer du willst, hätte sie ihm am liebsten gesagt. Aber sie hatte ihn nicht und besaß auch keinerlei Vertrauen in ihre eigene Anziehungskraft. Vor fünf Jahren, kurz vor jener verhängnisvollen Geschäftsreise nach Montavia, hatte sie den verzweifelten Versuch unternommen, ihre Ehe zu retten, und war kläglich gescheitert. Damiano hatte sie zurückgewiesen, ihren Körper abgelehnt. Aber noch schlimmer war gewesen, dass er das mit einem Sarkasmus getan hatte, der sie tief verletzt hatte.

In dem angespannten Schweigen legte sie ihre andere Hand auf seine und merkte erst jetzt, wie rau sie war. Eden betrachtete sie genauer und ließ verwirrt die Fingerspitzen über die vernarbten Knöchel und abgebrochenen Nägel gleiten. Dann drehte sie sie um und entdeckte die Schwielen auf der Innenseite.

„Eine echte Herausforderung für die Maniküre“, stellte Damiano bedächtig fest.

„Aber … aber wie …?“

„Ich habe über drei Jahre lang sechs Tage in der Woche in einem Steinbruch gearbeitet. Dort gab es kaum maschinelle Unterstützung …“

„In … in einem … Steinbruch?“ Bestürzt nahm sie seine Hand zwischen ihre.

„Nach dem ersten Jahr hat die Militärregierung alle inhaftierten Rebellen zu politischen Gefangenen erklärt“, antwortete Damiano ruhig. „Eine kluge Entscheidung. Denn wenn man etwa ein Viertel der männlichen Bevölkerung hinter Schloss und Riegel gebracht hat und das Land so arm ist, dass man sie nicht ernähren kann, muss man irgendwie den Weg für eine Amnestie vorbereiten. Und bis es so weit ist, sollte man sie arbeiten lassen, damit sie keine wirtschaftliche Belastung darstellen.“

„In einem Steinbruch“, wiederholte Eden betroffen. „Deine armen Hände … Du hattest so schöne Hände …“

Dio mio … Ich war froh über die Arbeit! Schöne Hände?“ Seine Stimme klang spöttisch. „Was bin ich? Ein männliches Model oder dergleichen?“

Eden kniff die Augen zusammen, um die Tränen zurückzudrängen, die ihr schon den Blick verschleierten. Gleichzeitig beugte sie sich über seine Hand und küsste die Fingerspitzen. Sie hätte nicht sagen und auch nicht erklären können, warum sie das machte. Sie musste das einfach tun, konnte sich genauso wenig daran hindern wie daran, zu atmen.

In dem anschließenden noch angespannteren Schweigen zog Damiano die Hand zurück. Eden sah ihn an, bemerkte seinen verblüfften Ausdruck und errötete.

„Was ist denn mit dir los?“ Seine Verwunderung über ihr Verhalten war seiner Stimme deutlich anzumerken.

„Es … es tut mir leid“, antwortete sie leise und wünschte, sie könnte sich unsichtbar machen, so albern kam sie sich plötzlich vor.

„Nein … entschuldige dich nicht für die möglicherweise einzige spontane Gefühlsregung, die du mir gegenüber je gezeigt hast“, bat er sie eindringlich und betrachtete sie nachdenklich.

„Das ist nicht wahr“, erwiderte sie entsetzt über seinen Vorwurf, sagte dann aber nichts weiter, weil Damiano sich etwas vorbeugte und stirnrunzelnd nach draußen blickte.

„Wohin, in aller Welt, fahren wir?“, erkundigte er sich verwundert.

Eden versteifte sich. „Meine Wohnung liegt am Stadtrand.“

„Du hast unser Zuhause verlassen, um dir eine Wohnung am Stadtrand zu nehmen?“, fragte er überrascht. „Ich dachte, du seist nach Norfolk gezogen, um in einem Landhaus zu leben.“

„Das wäre nicht so einfach gegangen, Damiano. Ich hatte nicht das Geld, um mir ein Haus zu kaufen. Und wovon hätte ich leben sollen?“, fragte sie leise. „In der Bank sind die Geschäfte nach deinem Verschwinden zwar weitergelaufen, aber dein ganzes Vermögen ist eingefroren worden, sodass ich nicht an dein Geld herankommen konnte …“

„Das ist mir selbstverständlich klar. Aber willst du mir ernsthaft erzählen, dass mein Bruder nicht bereit war, dir zu helfen?“

Es war schon erstaunlich, wie schnell sie es geschafft hatten, auf das heikle Thema zu sprechen zu kommen. Damiano war ein absoluter Familienmensch und bestimmt alles andere als erfreut über die Entfremdung zwischen ihr und seinen Angehörigen. Und er dürfte noch viel unangenehmer berührt sein, wenn er erfahren würde, warum sie es nicht mehr hatte ertragen können, mit seinen Leuten unter einem Dach zu ­leben.

„Nein, das will ich dir nicht erzählen.“ Ängstlich mied sie seinen Blick und suchte fieberhaft nach einer plausiblen Erklärung. „Ich hatte einfach das Gefühl, es wäre an der Zeit, auszuziehen und auf eigenen Beinen zu stehen …“

„Nach nur vier Monaten? Du hast ja schnell die Hoffnung aufgegeben, dass ich wieder zurückkomme!“

Es herrschte einen Moment Schweigen, dann winkte er energisch ab. „Vergiss, was ich gesagt habe. Es war entsetzlich unfair. Nuncio hat mir gestanden, er habe nach einem Monat geglaubt, ich sei tot. Und du bist mit meiner Familie nie so vertraut geworden, wie ich gehofft hatte. Die schwere Zeit nach meinem Verschwinden hat euch auseinander und nicht etwa einander näher gebracht …“

„Damiano …“

„Nein, sag nichts mehr. Ich wollte von Nuncio keine Ausreden hören und will es auch von dir nicht. Ich war fassungslos, dass mein Bruder ohne meine Frau nach Brasilien geflogen ist. Nichts hätte deutlicher machen können, wie sehr ihr euch entfremdet habt.“

„Ja … aber …“

„Ich war ziemlich enttäuscht, will darüber aber jetzt nicht diskutieren“, erklärte er bestimmt.

Voller Angst hatte sie eben noch überlegt, was zur Sprache kommen könnte, sollte sie es wagen, ihre Unschuld zu beteuern. Aber jetzt spürte sie, wie Ärger über seine arrogante Haltung in ihr aufkam. Glaubte er, sie wären alle dumme Kinder, denen man den Kopf zurechtrücken und befehlen könnte, wie sie sich zu benehmen hätten? Schon wollte sie ihn dieser Illusion berauben, als ihr der Gedanke kam, dass es vielleicht klüger wäre, ihn in der Vorstellung zu belassen. Warum sollte sie schlafende Hunde wecken? Fragt sich nur, wie lange sie schlafen? dachte sie beunruhigt, als der Chauffeur vor dem schmalen Gebäude hielt, in dem sie arbeitete und wohnte.

„Du bist etwas anderes gewöhnt, aber es ist nicht so schlimm, wie es zunächst aussieht“, meinte sie, als Damiano den Blick über die Häuserzeile schweifen ließ und die Augen­brauen hochzog. Eilig stieg sie aus und musste dann einen Moment warten, als er dem Fahrer auf Italienisch Anweisungen gab.

Kaum hatten sie ihr Apartment betreten, sah sich Damiano erstaunt in dem kleinen Wohnbereich um, von dem aus das Schlafzimmer, die Küche und das Bad abgingen. „Ich glaube es nicht, dass du unser Zuhause verlassen hast, um hier zu leben.“

„Ich wünschte, du würdest aufhören, von dem Familiensitz als unserem Zuhause zu sprechen. Du warst dort vielleicht zu Hause, aber ich habe das für mich nie so empfunden.“ Eden war überrascht von ihrer heftigen Reaktion und Damiano offenbar auch, denn er blieb unvermittelt stehen.

„Wovon redest du?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Ich hatte immer das Gefühl, in einer Wohngemeinschaft zu leben …“

„In einer Wohngemeinschaft?“

„Ja, ganz nach italienischem Muster: Egal, wie groß das Haus ist, es gibt nirgendwo eine Ecke, die dir allein gehört“, erklärte sie.

„Mir war nicht bewusst, dass du das Zusammenleben mit meiner Familie so empfunden hast.“

Eden verschränkte die Hände ineinander. Entsetzt spürte sie den Drang, ihn wegen seines mangelnden Verständnisses anzuschreien. Die fehlende Privatsphäre in ihrem vermeintlichen Zuhause hatte nur noch zu den Problemen beigetragen, die sie beide gehabt hatten.

„Wenngleich es unter meiner Würde ist, dich daran zu erinnern, aber du stammst aus einem Haus, das nicht größer war als ein Kaninchenstall, und dort dürfte es noch schwieriger gewesen sein, eine Ecke zu finden, die dir gehörte.“

Es ist verrückt, ausgerechnet jetzt darüber zu streiten, dachte sie, war aber zu verletzt von seiner Antwort, um schweigen zu können. „Weil du unsere Ehe als eine Art Neuauflage von Der König und die Bettlerin angesehen hast, sollte ich also dankbar dafür sein, in einem Haus leben zu dürfen, das nicht nur einer, sondern zwei anderen Frauen gehörte!“

„Welchen anderen Frauen?“

„Nuncios Frau Valentina und deiner Schwester Cosetta. Es war ihr Zuhause, lange bevor ich dort eingezogen bin …“

„Ich kann nicht glauben, dass wir diese absurde Unterhaltung führen.“

„Ich konnte noch nicht einmal mein Schlafzimmer neu gestalten, ohne jemanden zu beleidigen … Und du meinst, ich hätte gern so leben sollen? Wir hatten ständig Gäste bei Tisch. Immer musste ich höflich sein und mich von meiner besten Seite zeigen. Ich konnte mich nie entspannt zurücklehnen oder irgendwo mit dir allein sein, außer im Schlafzimmer …“

„Und dort am liebsten auch nicht“, erklärte Damiano nachdenklich. „Eher bist du unten auf dem Stuhl eingeschlafen, bevor du abends nach oben gegangen bist. Ich habe das begriffen.“

Eden wurde blass und spürte, wie ihr Ärger sich in nichts auflöste. Sie war betroffen und peinlich berührt, dass sie etwas angesprochen hatte, das angesichts dessen, was er durchlebt hatte, so banal und unwichtig war. Vor Scham wandte sie sich ab und eilte in die Küche. „Du möchtest bestimmt einen Kaffee.“

Mit bebenden Händen bestückte sie die Maschine. „Möchtest du auch etwas essen?“

„Nein, danke.“ Er blieb auf der Türschwelle stehen. „Nuncio hat mich von vorn bis hinten bemuttert, sodass ich praktisch während des ganzen Rückflugs zwangsernährt worden bin.“

Eden sah ihn kurz aus den Augenwinkeln an. Er war immer noch ein umwerfend attraktiver Mann, und er war zu ihr zurückgekommen. Ja, ich liebe ihn, liebe ihn sehr, dachte sie und fragte sich, was in sie gefahren war, ihn mit Dingen von vor fünf Jahren zu konfrontieren.

Es war nicht fair von ihr, ihm seine Reaktion auf ihre jetzige Lebensweise zu verübeln. Er hatte sie in einem Herrenhaus mit fünfundzwanzig Schlafzimmern und einem Heer von Angestellten zurückgelassen und natürlich angenommen, dass sein Bruder sie vor finanziellen Problemen bewahren würde. Sein Erstaunen und seine Verärgerung darüber, sie in einer kleinen Wohnung vorzufinden, mit weniger zum Leben, als seine Schwester in einer Woche für Schuhe ausgab, waren nur zu verständlich.

„Ich habe nicht erkannt, wie unwohl du dich bei meiner Familie gefühlt hast … Ich habe über diese Möglichkeit nie nachgedacht“, gestand er rundheraus.

„Schon gut. Ich weiß gar nicht, warum ich es angesprochen habe“, erwiderte Eden in dem Drang, sich zu entschuldigen und ihn zu besänftigen. „Es ist jetzt so unwichtig …“

„Nein, das ist es nicht. Ich werde bis heute Abend bleiben, aber …

Oh nein, dachte sie entsetzt, er will gleich wieder weg! Sie hatte es offenbar geschafft, ihn innerhalb kürzester Zeit zu vertreiben.

„Ich brauche einfach etwas mehr Raum … Okay?“

„Okay“, antwortete sie leise. Platz, Spielraum, persönliche Freiheit – vermutlich hatte Rodney Russell genau dafür vorhin in seinem Schnellkurs in Psychologie um ihr Verständnis geworben. Damiano wollte einen Freiraum fern von ihr, er wollte vor ihr flüchten.

„Vor mir liegen etwa vierundzwanzig Stunden mit Besprechungen“, informierte er sie ruhig. „Es gilt einige rechtliche Dinge zu klären, Pressekonferenzen abzuhalten und auch neue Regelungen in der Bank einzuführen. Ich kann nicht bleiben. Ich muss in London sein.“

Er hat nie vorgehabt zu bleiben, dachte sie mutlos und merkte überhaupt nicht, dass der Kaffee schon aus der Tasse lief, weil sie immer noch auf den Knopf der Maschine für das automatische Einschenken drückte.

„Porca miseria!“ Plötzlich war Damiano hinter ihr, fasste sie an den Schultern und zog sie zurück, denn die schwarze Brühe begann bereits, von der Arbeitsfläche zu tropfen. „Du hättest dich fast verbrannt.“

Eden zitterte am ganzen Körper und blickte auf den Boden.

„Geh und setz dich. Ich kümmere mich um die Überschwemmung“, versicherte er ihr und schob sie energisch zur Tür. „Ich glaube, du stehst noch unter Schock.“

Im Wohnzimmer drehte sie sich noch einmal um und verfolgte, wie er den Kaffee aufwischte. „Es kommt mir so unwirklich vor … dass du in der Küche hantierst … dass du da bist“, murmelte sie.

Aufmerksam sah er sie an. „Du bist weiß wie die Wand, cara. Setz dich.“

Das tat sie dann auch, denn sie hatte Angst, die Beine könnten ihr den Dienst versagen. Irgendwann kam er aus der Küche und stellte eine Tasse Kaffee vor sie hin. Damiano brachte ihr einen Kaffee! Er, der einst nur geklingelt hatte, wenn er etwas wollte! Ja, dachte sie dann, und Annabel wäre sofort zu ihm zurückgekehrt, wenn er nur mit den Fingern geschnippt hätte. Selbst noch, nachdem er geheiratet hatte! Wohin schweiften nur ihre Gedanken wieder ab? Verzweifelt rang sie um Fassung.

„Du siehst aus, als würdest du gleich ohnmächtig werden.“ Unvermittelt beugte er sich über sie, hob sie hoch und legte sie aufs Sofa. Er nahm die Decke, die über einer Lehne lag, und breitete sie fürsorglich über sie. Dann ging er neben ihr in die Hocke und strich ihr behutsam die Haare aus dem Gesicht. „Ich bin immer ein solch egoistischer Mistkerl gewesen“, erklärte er.

Während ihrer ganzen Ehe hatte Eden ihn nie so erlebt. Weder hatte er so mit ihr geredet, noch so ausgesehen oder sich je so verhalten. Verblüfft fragte sie sich, ob er Schuldgefühle ihr gegenüber empfand, weil er sie verletzt hatte, und deshalb so reagierte. Schließlich hatte sie gleich in der ersten Minute ihres Wiedersehens alles verkompliziert. Wie hatte sie ihm nur sagen können, dass sie ihn liebe! Warum hatte nur ihr Verstand nicht funktioniert und ihr Stolz sie verlassen? Schon vor fünf Jahren hatte er gewusst, dass ihre Heirat ein Fehler gewesen war. Es war eigentlich ein Wunder, dass er sich überhaupt einige Stunden Zeit für sie genommen hatte. Er wollte ihr die Wahrheit offenbar schonend beibringen und dann so schnell wie möglich wieder in sein Leben zurückkehren – in die Bank, zu seiner Familie …

„Ich habe viel Zeit gehabt, über unsere Ehe nachzudenken“, erklärte er fast schroff.

„Ich weiß …“ Sie schloss die Augen, wollte ihn so zum Schweigen bringen, bevor er mehr sagte, als sie ertragen konnte. Hoffentlich begann sie nicht zu weinen oder ihn anzuflehen.

„Ich war grausam …“

Ihre Wangenmuskeln zuckten, dann drehte sie sich auf die Seite und wandte ihm den Rücken zu. Ihre Gefühle drohten sie zu überwältigen. Sie presste die Hand auf die bebenden Lippen, damit kein Laut oder auch nur ein einziges Wort über sie kam.

„Ich habe versucht, aus dir jemanden zu machen, der du nicht sein konntest …“

Sexy, aufregend, schamlos und verführerisch. So hatte er sie gewollt – aber so war sie nicht gewesen und auch nicht geworden. Er hatte sich eine Frau gewünscht, die ihn in Seidenunterwäsche bezirzte und nicht nur im Bett und bei Dunkelheit zum Sex bereit war. Die eine aktive Rolle übernahm und nicht nur einfach dalag, die ihm zeigte, dass sie ihn begehrte.

„Ich hatte unrealistische Erwartungen“, fuhr er leise fort.

Wohl auf Grund deiner großen Erfahrung mit anderen Frauen, die keine solch altmodischen Hemmungen gekannt haben, überlegte Eden und fühlte sich einmal mehr als Versagerin.

„Ich war es nicht gewohnt, ein Nein zu hören …“

Dieses Nein hatte er zweifellos häufig sowohl vor als auch nach der Heirat von ihr gehört. Hätte es sie wirklich umgebracht, wenn sie sich vor ihm ausgezogen oder es nur einmal zugelassen hätte, dass er sie entkleidete? Hätte sie nicht damals im Wagen Ja sagen können, als er von einer langen Geschäftsreise zurückgekommen war und angefangen hatte, sie auf dem Rücksitz zu küssen?

„Es war falsch von mir, dass ich aus dem Schlafzimmer so ein großes Problem gemacht habe“, erklärte er und fragte angespannt, als sie immer noch weiter schwieg: „Meinst du, du könntest vielleicht auch etwas sagen?“

„Ich habe nichts zu sagen“, antwortete Eden leise. Sie hatte ihm noch immer den Rücken zugewandt, und Tränen liefen ihr über die Wangen.

Deutlich spürte sie das angespannte Schweigen zwischen ihnen. Sie hatte wieder nicht wie gewünscht reagiert. Er wollte, dass sie redete, aber was in aller Welt sollte sie sagen? Seine ganzen Äußerungen liefen für sie nur auf eines hinaus: Er wollte die Scheidung. Eine Scheidung, bei der jeder einen Teil der Schuld auf sich nahm und keiner dem anderen etwas nachtrug. Denn was konnte er anderes meinen, wenn er sagte, er hätte aus dem Schlafzimmer nicht so ein großes Problem machen sollen?

War nicht sexuelle Zufriedenheit für die meisten Männer von großer Wichtigkeit? Und Damiano war in dieser Hinsicht immer sehr verwöhnt worden. Jahrelang hatten ihm die Frauen zu Füßen gelegen und ihn umgarnt und bezirzt. Aber sie, Eden, wusste, warum er schließlich eine Frau wie sie geheiratet hatte. Um sich über Annabel hinwegzutrösten. Und natürlich hatte ihn ihre Weigerung, mit ihm zu schlafen, gereizt, denn das war eine völlig neue Erfahrung für ihn gewesen.

„Ich muss einige Anrufe erledigen.“

„Es tut mir leid, ich …“

„Nein“, protestierte Damiano energisch. „Ich will nicht, dass du dich ständig entschuldigst. So bist du nicht gewesen, als wir geheiratet haben … Ich habe dich dazu gemacht, indem ich mich wie ein Tyrann aufgeführt habe!“

Eden war so bestürzt über seine Äußerung, dass sie unwillkürlich die Augen aufschlug und den Kopf hob. Aber sie hörte nur, wie die Schlafzimmertür geschlossen wurde.

Ein Tyrann? Hatte sie ihm dieses Gefühl durch ihre Unfähigkeit vermittelt, ihm so zu begegnen, wie er sich das vorgestellt hatte? Diese Möglichkeit machte sie noch betroffener und ließ ihre Gedanken in die Vergangenheit schweifen.

Ihre Eltern hatten spät geheiratet, sodass sie als Einzelkind aufgewachsen war. Ihr Vater war Wildhüter auf einem entlegenen schottischen Landgut gewesen, und ihre Mutter, eine talentierte Näherin, hatte mit ihrem Können für den dringend benötigten Zusatzverdienst gesorgt. Harte Arbeit war bei ihnen zu Hause stets respektiert und Müßiggang abgelehnt worden. Über Gefühle hatte man so gut wie nie geredet und Zuneigung nur selten gezeigt.

Als sie, Eden, die Lehrerausbildung abgeschlossen hatte, war ihre Mutter gestorben, und ihr Vater hatte sie gebeten, nach Hause zurückzukehren. Kurz darauf war die Lehrerin der kleinen Dorfschule in Mutterschaftsurlaub gegangen und sie, Eden, als deren Vertreterin eingestellt worden. Ihr Vater hatte noch immer auf Gut Falcarragh gearbeitet, das im Lauf der Jahre mehrfach den Eigentümer gewechselt hatte und inzwischen nicht mehr in Privatbesitz war. Es wurde wie ein Unternehmen geführt, nur saßen die zuständigen Leute in London und kamen höchst selten nach Schottland.

Wenngleich sie, Eden, damals schon einundzwanzig Jahre alt gewesen war, hatte die Liebe in ihrem Leben noch kaum eine Rolle gespielt. Mark Anstey, ihr Spielkamerad aus Kindertagen und Sohn des Gutsverwalters, war ihr engster Freund geblieben. Als Teenager hatte sie einmal sehr für ihn geschwärmt, dann aber erkannt, dass sie ihn zwar sehr mochte, sich jedoch nicht vorstellen konnte, ihn zu küssen. Und so war Mark mehr der Bruder für sie gewesen, den sie nie gehabt hatte.

Im Winter nach ihrer Rückkehr war Damiano in ihr Leben getreten. Er war im Schneesturm mit dem Wagen von der Straße abgekommen und hatte bei ihnen geklingelt. Sie war an jenem Abend allein zu Hause gewesen, denn ihr Vater hatte sich vorübergehend bei seinem kranken Bruder aufgehalten. Überrascht, dass sich jemand bei diesem Wetter überhaupt nach draußen wagte, hatte sie die Haustür geöffnet und den großen, einschüchternd wirkenden Mann im schwarzen Mantel erst einmal entsetzt betrachtet.

„Mi dispiace“, sagte er rau und runzelte die Stirn, um sich besser konzentrieren zu können. „Aber ich muss … muss telefonieren.“

Eden sah seine hektisch geröteten Wangen und merkte, dass er nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand und Anzeichen von Verwirrung zeigte, was auf eine beginnende Erfrierung hindeutete. Er darf hier nicht vor der Tür zusammenbrechen, dachte sie und verlor augenblicklich ihre Schüchternheit, fasste ihn am Ärmel und zog ihn über die Schwelle. „Kommen Sie …“

Sie führte ihn ins warme Wohnzimmer. „Das Telefon … per favore“, stieß er hervor.

Sie ignorierte seine Bitte und nahm ihm die Reisetasche ab, die er noch immer festhielt, als würde seine Leben daran hängen. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und zog ihm den schweren, nassen Mantel aus. Als sie merkte, dass auch das Jackett darunter feucht war, streifte sie es ihm ebenfalls ab. Stumm und verblüfft ließ Damiano sie gewähren.

„Sie müssen eine Todessehnsucht haben“, sagte sie, während sie die Decke vom Sofa holte. „Bei diesem Wetter in so unpassender Kleidung nach draußen zu gehen …“ Sie reckte sich und versuchte, ihm die Decke umzuhängen, gab es aber schließlich auf und drückte mit der Hand gegen seine breite Brust, um ihn dazu zu bringen, sich in den Lehnstuhl hinter ihm zu setzen.

„Kleiner … Engel?“ Geistesabwesend betrachtete er sie und nahm dann mit eiskalten Fingern ihre Hand. „Keine Ringe … Single?“

„Setzen Sie sich.“ Hastig zog sie die Hand zurück und legte ihm die Decke um die Schultern, nachdem er in den Sessel gesunken war. Sie hockte sich vor ihn und streifte ihm die nassen Schuhe und Socken ab. „Wie heißen Sie?“, fragte sie, damit er nicht einschlief.

„Damiano.“

Sie sah auf und blickte ihn zum ersten Mal richtig an. Er hatte ein schmales Gesicht mit markanten Zügen, hohe Wangenknochen und unglaublich faszinierende dunkle Augen. „Damiano“, wiederholte sie mit bebender Stimme.

Er sagte etwas in seiner Muttersprache und lächelte sie matt, aber so charismatisch an, dass ihr Herz gleich schneller schlug und sie sich regelrecht zwingen musste, den Blick von ihm zu wenden. Sie öffnete seine Reisetasche und suchte nach trockener, warmer Kleidung. Schnell fand sie kakifarbene Jeans und einen sandfarbenen Pulli. Sie bemerkte die hervorragende Qualität, kannte sich aber mit Designer-Labels nicht sonderlich aus. War Damiano ein Tourist? In dem Mantel und Anzug hatte er eher wie ein Geschäftsmann auf sie gewirkt.

„Sie ziehen sich um, während ich Ihnen etwas Suppe heiß mache“, erklärte sie ihm in energischem Ton. „Und schlafen Sie bloß nicht ein.“

Auf dem Weg in die Küche sah sie sich noch einmal um – und blickte unmittelbar in seine dunklen Augen. Und zum ersten Mal in ihrem so von Vernunft geprägten Leben spürte sie, wie sie weiche Knie bekam.

„Sie sehen wirklich wie ein Engel aus.“

„Es reicht.“ Sie versuchte, ihrer Stimme einen forschen Klang zu geben.

„Nein, das ist erst der Anfang.“

Und so war es auch. Aber leider war es ein Anfang einer Beziehung zweier Menschen, die nichts gemein hatten. Damiano erholte sich sehr schnell von seinem angegriffenen Zustand, den Eden so bezaubernd gefunden hatte. Nachdem er schon auf der Landstraße ärgerlich festgestellt hatte, dass er mit seinem Handy keine Verbindung bekam, hörte er mit Verwunderung, dass sie erst ein Jahr zuvor ans Telefonnetz angeschlossen worden waren und sich auch auf Grund des schlechten Empfangs noch keinen Fernseher angeschafft hatten.

Nachdem er die Suppe gegessen hatte, bat er erneut, telefonieren zu dürfen. Natürlich ließ ihn Eden dabei allein und erhielt so keinerlei Hinweis darauf, wer er wirklich war. Vielleicht hätte sie sich sonst geschützt.

Obwohl Damiano es später als lächerlich abtat, hielt sie weiter an ihrer Überzeugung fest, dass er ihr absichtlich verschwiegen hatte, der Eigentümer von Falcarragh zu sein. Auch hatte er mit keiner Silbe die Braganzi-Bank erwähnt oder irgendetwas von seinem großzügigen Lebensstil erzählt, das sie vielleicht hätte aufhorchen lassen. Er hatte sie glauben lassen, dass er einer der für das Gut zuständigen Leute aus London sei. Warum er das gemacht hatte, dafür hatte sie nur eine Erklärung: Es musste ihn amüsiert haben.

Als sie ihm schließlich das Schlafzimmer ihres Vaters zeigte – ihm blieb keine andere Wahl, als vor Ort zu übernachten –, hatte sie sich heiser geredet. Er hatte ihr mit solch einer Entschlossenheit ihre wenig aufregende Lebensgeschichte entlockt, dass sie schon unhöflich hätte sein müssen, um das zu verhindern. Auch hatte sie sich geschmeichelt gefühlt, dass dieser ausgesprochen charmante und attraktive Mann ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte.

Bevor er sich am nächsten Morgen von ihr verabschiedete, lud er sie für den Abend zum Essen ein. Eden sagte zu, auch wenn sie wusste, dass ihr Vater es überhaupt nicht schätzen würde, wenn sie mit einem der „Bosse“ ausging.

Damiano hatte sich ein Zimmer in dem einzigen Hotel am Ort genommen und war nicht sonderlich zufrieden mit den Speisen, die man ihnen in der gemütlichen Gaststube servierte. Eden fand sie absolut in Ordnung, aber sie war ja auch nicht wie er andere Standards gewöhnt. Überhaupt schwebte sie wie auf Wolken und genoss es, mit einem Mann gesehen zu werden, der die Blicke der Frauen wie magisch anzog. Sie war hingerissen von seinen guten Umgangsformen, fasziniert von seiner geistreichen Unterhaltung und erstaunt, wie er immer wieder ihre Hand nahm und festhielt, als wäre es das Natürlichste der Welt.

Aber dann auf der Rückfahrt wurde sie unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

„Ich hätte Sie gern auf mein Hotelzimmer eingeladen, aber eine Lehrerin muss in einer so ländlichen Gegend bestimmt sorgfältig auf ihren Ruf achten. Wie gut, dass Sie keine Nachbarn haben.“

Er kannte sie gerade neunundzwanzig Stunden und erwartete, dass sie mit ihm schlief! Eden war schockiert, dann peinlich berührt und schließlich ärgerlich, weil er alles zerstört und sie ihn falsch eingeschätzt hatte. Ganz offenbar unterschied er sich kaum von ihren einstigen Kommilitonen, die ihr immer wieder unverhohlen eindeutige Avancen gemacht hatten.

„Ich beabsichtige nicht, Sie bei mir übernachten zu lassen“, erwiderte sie leise.

„Das war ein Nein“, stellte er amüsiert fest. „Ich verstehe mich sehr gut darauf, ein Nein in ein Ja zu verwandeln.“

Wut und Tränen stiegen in ihr hoch. „So ein Verhalten zählt nicht zu meinen Gepflogenheiten und wird es auch nie tun.“

„Haben Sie vor, Nonne zu werden?“, fragte er mit deutlichem Spott in der Stimme. „Lassen Sie mich Ihnen etwas über italienische Männer erzählen … Wir sind ausgesprochen hartnäckig, wenn wir etwas wollen …“

„Ich will darüber nicht diskutieren.“ Sie spürte, wie sie immer verlegener wurde. „Lassen Sie das Thema einfach fallen.“

„Ich bin ein freimütiger Mensch, cara. Und in meinem Alter kann ich mir eine Beziehung ohne Sex nicht vorstellen …“

„Ich habe nicht vor, bis zur Hochzeit mit irgendjemandem eine körperliche Beziehung einzugehen“, stieß sie hervor, noch bevor sie es verhindern konnte.

Damiano war dermaßen verblüfft, dass er den Wagen so unvermittelt vor dem Haus anhielt, dass der vom Regen matschige Schnee weit aufspritzte. Ungläubig sah er sie an. „Sie machen Witze?“

Eden löste rasch den Sicherheitsgurt und stieg aus. „Gute Nacht.“

Damiano sprang aus dem Auto und versperrte ihr den Weg zur Haustür. „Sie sind noch Jungfrau?“

Keiner hatte sie das je so rundheraus gefragt, und ihr fiel auch niemand ein, von dem ihr diese Frage unliebsamer gewesen wäre.

„Ich schätze, ich war wohl etwas vorschnell mit meiner Vision von einer gemeinsamen Nacht“, sagte er mit unverhohlenem Bedauern in der Stimme.

Mit bebender Hand holte sie die Schlüssel aus der Tasche und wünschte, sie könnte im Erdboden versinken. Über Sex war bei ihr zu Hause nie geredet worden, und auch im Pfarramt ihres Onkels nicht, bei dem sie während des Studiums gewohnt hatte – wenn man von den regelmäßigen Bemerkungen absah, wie sich ein zu lockerer Lebenswandel auf Moral und Gesellschaft auswirkte.

„Bitte seien Sie still.“

„Ich versuche nur zu verstehen, was hier vor sich geht …“

„Das habe ich doch gesagt …“

„Aber Sie erwarten sicherlich nicht, dass ich Ihnen einen Heiratsantrag mache, um Sie ins Bett zu bekommen?“

Sein Sarkasmus war beleidigend. Und noch ehe sie recht wusste, was sie tat, hatte sie ihn geohrfeigt.

„Sie …“

„Entschuldigung, aber …“

Damiano musterte sie mit empörtem Blick. Dann zog er sie unvermittelt an sich, presste den Mund auf ihren und küsste sie mit einer Leidenschaft, die ihr den Atem raubte.

Schließlich ließ er sie los und bemerkte ihren entsetzten Gesichtsausdruck. Ihre Wangen glühten noch mehr. Und dann, ohne die kleinste Vorwarnung, begann er, amüsiert zu lachen. „Schon ganz bald, das schwöre ich Ihnen, cara, werden Sie mich um einen Kuss anflehen. Ich habe Zeit.“

3. KAPITEL

Langsam fand Eden in die Gegenwart zurück und hörte, wie Damiano im Schlafzimmer telefonierte.

Ja, er hatte sie geheiratet, um sie ins Bett zu bekommen, und verständlicherweise hatte er eine leidenschaftliche Hochzeitsnacht und erfüllende Flitterwochen erwartet, nachdem er sich so lange in Geduld geübt und ihrem Willen entsprochen hatte. Aber auch da habe ich ihn enttäuscht, dachte sie unglücklich und barg das Gesicht im Kissen.

„Ich versuche, etwas zu schlafen, bevor ich noch vor Müdigkeit umfalle. Ich habe das Gefühl, nur halb da zu sein“, sagte Damiano von der Türschwelle aus. „Möchtest du, dass ich mich aufs Sofa lege?“

Das war ihre letzte Chance! Nach fünf langen Jahren kam er zurück und bot ihr an, auf dem Sofa zu schlafen, das nur einen Meter zwanzig maß, wohingegen es im Schlafzimmer ein Doppelbett gab, was ihm nicht entgangen sein konnte.

„Bitte, leg dich ins Bett.“

„Der Fahrer holt mich um sieben Uhr ab, um mich zum Flugplatz zurückzubringen. Weck mich rechtzeitig.“

Deine Ehe ist vorbei, hat nie funktioniert, dachte sie resignierend und ermahnte sich, einfach nur dankbar dafür zu sein, dass er lebte. Aber das war leichter gesagt als getan, vor allem, nachdem er wie in ihren schönsten Träumen zu ihr zurückgekehrt war. Warum nur lag sie hier, zusammengerollt wie ein Igel, und versteckte sich vor ihm, erweckte wieder den Eindruck von Passivität, die ihn wahnsinnig machte?

War das alles, was sie konnte? Sich wie ein hilfloses Opfer benehmen, das sein Schicksal nicht zu beeinflussen vermochte? Warum war sie wieder in ihr altes Verhalten zurückverfallen? Sie hatte sich in den letzten Jahren doch so verändert!

Es war ihr auch nichts anderes übrig geblieben, als stärker und mutiger zu werden, angesichts dessen, was passiert war. Doch als Damiano vorhin gesagt hatte, er würde wieder fortgehen, hatte sie das so bestürzt, dass jegliches Selbstvertrauen und alle Kraft sie verlassen hatten.

Willst du einfach aufgeben, ohne zu kämpfen? fragte sie sich im Stillen und stand auf.

Sie sah, dass die Schlafzimmertür angelehnt war, und überlegte, wie lange sie in Gedanken versunken gewesen sein mochte. Mit wild klopfendem Herzen öffnete sie die Tür. Damiano lag auf dem Bauch und schlief tief und fest. Er hatte den Pulli ausgezogen, und Edens Blick glitt unwillkürlich über seinen breiten, von der Sonne gebräunten Rücken hinunter zu den schmalen Hüften, die halb vom Federbett verdeckt waren.

Wie oft hatte sie ihn schon heimlich betrachtet? Sie spürte, wie ihr die Wangen brannten. War es nicht seltsam, dass sie das, was sie ihm stets verwehrt hatte, selbst schon häufig getan hatte? Und hatte sein Anblick sie nicht fasziniert, sogar erregt? Ja, gestand sie sich zum ersten Mal ein. Solche Gedanken und Empfindungen zu haben, hatte bei ihr zu Hause als schamlos und ungehörig gegolten, für eine anständige Frau.

Ihre Eltern waren ziemlich puritanisch gewesen und schon auf die Sechzig zugegangen, als sie ein Teenager geworden war. Warum hatte sie nur all den Ballast aus ihrem Elternhaus mit in ihre Ehe gebracht? Warum hatte sie nicht versucht, etwas freier zu werden? Es lag wohl daran, dass sie so stur und so stolz gewesen war. Genau wie Damiano. Sie beide waren nicht bereit gewesen, Kompromisse zu schließen.

Was hatte sie damals gesagt, als er sie zurückgewiesen hatte?

„Ich will ein Baby …“

Damiano hatte sie kühl angeblickt. „Du hast gerade ein zweites Schloss an deinem Keuschheitsgürtel angebracht. Ein verlockenderes Angebot habe ich noch von keiner Frau erhalten! Wenn du mich willst und mir das entsprechend beweist, erwäge ich vielleicht, wieder in dein Bett zurückzukehren.“

War es jetzt zu spät? Damals hatte sie nicht verstanden, warum er so ärgerlich reagiert hatte. Eden ballte die Hände zu Fäusten. Warum war sie nur so dumm gewesen? Sie hatte das Gesicht wahren wollen und deshalb den Kinderwunsch vorgeschoben, aber das war entsetzlich falsch gewesen. So hatte er nicht erkannt, wie verzweifelt sie gewesen war und dass sie in ihrer Naivität geglaubt hatte, ihn mit einer Schwangerschaft vielleicht halten zu können.

Leise ging sie in die Küche. In einem Schrank stand noch die Flasche Wodka, die Pam ihr vor vier Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, nicht wissend, dass sie, Eden, keinen Alkohol trank. Ja, auch das hatte Damiano verärgert: eine Braut, die noch nicht einmal auf ihrer eigenen Hochzeit ein Glas ...

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