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ROMANA GOLD BAND 15

FEURIGE KÜSSE IN ANDALUSIEN

DIANA HAMILTON

Komm mit mir nach Andalusien

Javier hat nur Verachtung für Cathy übrig: Diese leichtlebige junge Frau kann seinem Neffen niemals eine gute Mutter sein! Er muss sie davon überzeugen, dass der Junge nur bei seiner Familie in Andalusien glücklich wird. Und stellt fest, dass sie ganz anders ist, als er dachte. Er verliebt sich in Cathy – da erfährt er, dass sie ihn belogen hat …

EMMA RICHMOND

Flamenco, die Sonne und du

Wahre Liebe gibt es nicht, davon ist Bayne überzeugt. Auch Jenna hält er zunächst für eine verwöhnte Tochter aus reichem Hause, die sich an der Costa del Sol nur einen berühmten Starautor wie ihn angeln möchte. Doch je näher er sie kennenlernt, desto mehr ahnt er, dass sie hinter ihrer sexy Fassade ein Geheimnis hütet, das er zu gerne enthüllen möchte …

MARY LYONS

Spanischer Wein

Acht Jahre ist es her, dass Antonio die süße Gina geküsst hat. So jung war sie damals noch, so unschuldig! Zu jung für seine Liebe. Jetzt ist sie zu einer Frau geworden, die sein Herz höher schlagen lässt! Als sie seinen Antrag annimmt, ist er überglücklich. Bis die Schatten der Vergangenheit ihre Liebe bedrohen. Gibt es eine zweite Chance für sie?

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Komm mit mir nach Andalusien

1. KAPITEL

Er war sehr groß für einen Spanier, und er hatte graue Augen. Ein warmes, unergründliches Grau, das durch die dichten Wimpern noch dunkler wirkte. Schwarze Wimpern wie sein glattes, weiches Haar. Die buschigen Augenbrauen und die harte Linie um seinen Mund bildeten einen Kontrast zu dieser Wärme.

Sie kannte ihn nicht persönlich, aber sie hatte von ihm gehört. Cathy spürte die Panik, als sie die Visitenkarte entgegennahm. „Javier Campuzano.“

Sie wusste, warum er gekommen war. Zumindest glaubte sie es zu wissen. Am liebsten hätte sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen und das unfreundliche Gesicht und ihn als Albtraum abgetan. Cathy schauderte, aber es hatte nichts mit dem kalten Luftzug zu tun, der durch die geöffnete Tür kam.

Hinter ihr, in dem kleinen Wohnzimmer ihrer Londoner Wohnung, ließ sich lautes Kindergebrüll vernehmen. Johnny hatte Hunger und war ungeduldig, wie immer um diese Zeit, wenn eine Mahlzeit angesagt war.

Sie sah das Flackern in den Augen des Spaniers und reckte sich beschützend. Sie ermahnte sich, dass diese unangenehme Situation schließlich nur ein paar Minuten dauern würde, und dann wäre diese ganze unangenehme Geschichte endgültig erledigt.

Johnny, ihr Liebling, ihr Augapfel, war natürlich aus dem Begriff „unangenehm“ ausgeschlossen …

„Señorita Soames?“ Er wiederholte die Frage. Seine sinnliche Stimme mit leichtem Akzent nahm einen stahlharten Unterton an, vielleicht war es Ungeduld, hervorgerufen durch das Gebrüll eines hungrigen Babys im Hintergrund. „Wenn Sie erlauben.“

Eine starke braune Hand zeigte auf das Innere der Wohnung, und Cathy fuhr sich mit den Fingern durch das silberblonde Haar.

„Natürlich“, erwiderte sie resignierend. „Kommen Sie herein, Señor Campuzano.“ Er würde nicht lange bleiben. Nur gerade so lange, wie sie brauchte, um ihm zu versichern, dass seine einflussreiche Familie keine Angst vor Erpressung, gleich ob gefühlsmäßiger oder anderer Art, zu haben brauchte. Dann würde sie ihn wieder zur Tür geleiten.

Sie hatte erwartet, dass der schwarz gekleidete Gast aus Jerez, der Kopf einer der reichsten und respektiertesten Sherry-Familien Spaniens, sich mit unverhohlener Verachtung in dem winzigen Raum umsehen würde. Überall lagen Baby- und Malerei-Utensilien herum. Auch ihre Anstrengung, das Zimmer so hübsch und praktisch wie möglich einzurichten, konnte nicht verheimlichen, was diese Wohnung war: eine überfüllte, viel zu kleine Unterkunft in einem der heruntergekommenen Viertel der Stadt.

Aber sein Blick war nur auf das Baby gerichtet. Ein unbestimmbarer Blick, der Cathy erneut schaudern ließ. Johnny, fünf Monate alt, war ein kräftiges Kind und wusste bereits genau, was er wollte. Bis jetzt hatte es nur wenige Menschen in seinem Leben gegeben, und er starrte den großen Fremden aus ernsten Augen an. Javier Campuzano hätte blind sein müssen, um nicht die Familienähnlichkeit in den grauen Augen, in dem seidigen schwarzen Haar und der leicht olivfarbenen Haut zu erkennen.

Aber dann erinnerte sie sich mahnend, dass sie ja nicht wollte, dass er die Familienähnlichkeit erkannte. Sollte er doch sagen, was er zu sagen hatte, wieder gehen und nie wiederkommen.

Und dann lächelte Johnny, zeigte zwei winzige neue Vorderzähnchen. Und Javier Campuzano lächelte zurück. Mit solcher Überzeugung und aus vollem Herzen, dass es ihr fast den Atem raubte. Doch dann setzte ihr Beschützerinstinkt ein, und sie nahm das Kind aus der Schaukel auf den Arm.

In die Enge getrieben, sah sie den Onkel des Kindes mit geröteten Augen an.

„Ich weiß, Sie kommen im Auftrag Ihres Bruders Francisco“, sagte sie hastig. Ihr Puls beschleunigte sich, als das strahlende Lächeln auf seinem Gesicht zu einer harten Maske erstarrte. Aber es war besser, das Ganze so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. „Ich – wir“, korrigierte sie sich, „werden keinerlei Ansprüche an Ihre Familie stellen.“ Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, dass Cordy diesen zweiten Brief nie geschickt hätte. Das Schweigen nach dem ersten Brief war deutlich genug gewesen.

Francisco Campuzano, der jüngere Bruder aus der distinguierten Familie, deren Geschäftsbereich weit über Weinberge, Bodegas und Exportgeschäfte hinausging, hatte offensichtlich die Tatsache ignoriert, dass er Vater eines Sohnes war. Das Schweigen nach diesem ersten Brief, in dem Cordy ihm mitgeteilt hatte, dass sie ein Kind von ihm erwartete, hatte deutlich gezeigt, dass er es vorzog, die Nacht zu vergessen, die er mit der blonden Engländerin verbracht hatte, die zu einem Model-Termin in Sevilla gewesen war. Für ihn war sie nur ein Abenteuer von vielen.

Dass das Oberhaupt der Familie jetzt hier war, konnte nur heißen, dass er sicherstellen wollte, dass die Mutter des Kindes auch in Zukunft keinerlei Anrecht auf den Reichtum der Campuzanos erhalten würde. Aber das soll mir recht sein, dachte sie und lächelte zu Johnny hinunter, der jetzt mit seinen kleinen Fingern nicht gerade sanft ihr Gesicht erkundete.

„Ma-ma-ma-ma …“

Für einen Moment vergaß Cathy die Anwesenheit des Spaniers, ihr Lächeln wurde breiter. Sie machte kein Hehl daraus, dass sie es genoss, dass Johnny, der erst vor wenigen Tagen seine ersten verständlichen Laute ausgestoßen hatte, sie als seine Mutter anerkannte. Und sie war seine Mutter, wenn auch nicht im biologischen Sinn, so doch in jeder anderen Hinsicht, die zählte. Wenn mit der Adoption alles glattginge, dann würde sie auch legal seine Mutter sein. Sie würde nie im Leben verstehen, wie Cordy den Jungen so einfach hatte aufgeben können.

Doch dann wurde Cathy wieder bewusst, dass sie nicht allein im Raum war. Das zärtliche Lächeln von ihrem Gesicht verschwand, und sie erwiderte den starren Blick des Gastes, der sie von oben bis unten musterte. Ein taxierender Blick, der sie sich ihres Körpers bewusst werden ließ und der ihr auf der Haut brannte.

„Ja, ich erkenne Sie wieder“, stellte Campuzano mit kühler Bestimmtheit fest – eine Bemerkung, die ein fragendes Stirnrunzeln bei Cathy hervorrief. Er machte einen oder zwei Schritte zurück, wobei er darauf achtete, die Staffelei zu umgehen. „Auf dieser Party in Sevilla trugen Sie den Glanz Ihres Berufes zur Schau. Ich war nur kurz da, eher eine Pflicht. Sie waren in der Gruppe, die für die Werbebroschüre meines Hotels Fotos gemacht hat. Aber ich war lange genug anwesend, um zu sehen, wie Sie und Francisco sich benommen haben.“ Seine Stimme verebbte, dann fuhr er bestimmt fort: „Und nachdem ich das Kind gesehen habe – wollen Sie mir nicht seinen Namen nennen? –, werde ich Ihre Forderungen akzeptieren müssen.“

Er hielt sie für Cordy! Cathy hätte hysterisch auflachen können. Cordy würde wild werden, wenn sie erführe, dass jemand die beiden Schwestern verwechselte! Aber eine innere Stimme ermahnte sie, Vorsicht walten zu lassen und nichts zu sagen. „Er heißt John“, antwortete sie spröde.

Sie hatte gelernt, vorsichtig zu sein, oder besser gesagt, hatte es lernen müssen, als ihre Mutter gestorben war und sie für ihre jüngere Schwester verantwortlich geworden war. Schon damals war Cordy nicht einfach gewesen. Dickköpfig, eitel und bereits jene Zeichen zeigend, die später dazu führten, dass sie ihr Kind so ohne Weiteres aufgegeben hatte. Cathy war zwar entsetzt, aber nicht erstaunt gewesen, als sie von Cordys Schwangerschaft erfahren hatte.

„Juan.“ Javier Campuzano sprach den Namen spanisch aus. Cathy verbiss sich den Kommentar, der ihr auf der Zunge lag. Sie nahm das Baby höher auf ihre Hüfte. „Sie werden uns entschuldigen müssen.“ Sie drückte ihre Wange an das kleine Gesichtchen. Jeden Moment würde er mit der ganzen Kraft seiner fünf Monate losbrüllen, weil er noch nichts zu essen bekommen hatte. „Ich muss den Jungen füttern.“ Und als – so hoffte sie – Abschiedsbemerkung: „Ich habe es bereits gesagt: Wir stellen keinerlei Forderungen.“

„Wir?“ So leicht wurde man ihn nicht los, wie sie feststellte. Der Blick unter den zusammengezogenen Augenbrauen richtete sich auf ihre unberingte Hand. „Wer ist ‚wir‘?“

„Natürlich Johnny und ich.“ Ihre verantwortungslose Schwester hatte ihr den Jungen überlassen und damit auch gleichzeitig ihre eigenen möglichen Ansprüche aufgegeben.

„Ah.“ Etwas wie Erleichterung schien sich auf dem markanten Gesicht auszubreiten. „Aber – er ist wohl kaum alt genug, um solche Entscheidungen zu treffen, nicht wahr?“ Campuzano sah sie verächtlich an. „Und Sie?“ Sein Mund verzog sich arrogant. „Wollen Sie mir erzählen, dass Sie eine neue Reife und ein plötzliches Verantwortungsbewusstsein gefunden haben?“

Sie unterdrückte den Impuls, ihm entgegenzuschleudern, dass er nicht die Frau vor sich hatte, die er glaubte vor sich zu haben. Jene Frau, die verantwortungslos genug gewesen war, sich einem Mann hinzugeben, den sie nur ein paar Stunden zuvor kennengelernt hatte. Jene, die so unreif gewesen war, sich einem Mann hinzugeben, ohne entsprechende Vorkehrungen getroffen zu haben. Und zu ihrem Entsetzen spürte Cathy, dass ihr das Blut ins Gesicht schoss. Er musste ihr Rotwerden als Eingeständnis gewertet haben. Er lächelte frostig. „Sehen Sie, das glaube ich auch nicht.“

Seine Anwesenheit füllte den Raum, schien die Luft mit elektrischer Spannung aufzuladen. Sie drückte das Baby an sich. Sie hatte gut daran getan, ihrem ersten Instinkt zu folgen, denn jetzt sagte er gefährlich leise: „Forderungen können immer von zwei Seiten gestellt werden, Señorita. Sie können Ihre Ansprüche aufgeben, das ist Ihr gutes Recht. Aber ich habe nicht die Absicht, meine aufzugeben. Und das ist mein Recht und meine Pflicht.“

Sie verstand die Drohung, spürte den Stich, der ihr ins Mark fuhr, den eisernen Griff, der sich um ihre Kehle legte.

Wie hatte sie je glauben können, diese Augen seien warm? Sie waren kalt, hart wie Stahl. Aber das sich windende Kind in ihren Armen gab ihr Kraft. Sie hob das Kinn. „Wollen Sie etwa sagen, nach all dieser Zeit hat Johnnys Vater sich dazu entschlossen, seinen Sohn anzuerkennen?“ Sie musste eindeutig klarstellen, dass der Vater, der sich bis jetzt nicht um das Kind gekümmert hatte, keine Ansprüche stellen konnte. Nicht jetzt, in diesem heiklen Stadium der Adoption. „Nachdem er Johnnys Existenz ignoriert hat? Er wusste bereits vor einem Jahr, dass er Vater werden würde. Sein verspätetes Interesse ist weder erwünscht noch nötig. Und warum ist er nicht selbst gekommen?“ Ihre Augen funkelten. „Etwa zu feige? Müssen Sie für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen?“

Für einen Augenblick sah er aus, als sei er zu Eis erstarrt, dann bewegten sich seine Lippen kaum merklich. „Francisco es muerto.“

Sie brauchte keine Übersetzung. Das Wort ‚tot‘ hallte in ihren Ohren wider. In seinem Schmerz hatte er Zuflucht zu seiner eigenen Sprache genommen. Sie biss sich auf die Lippe. „Das tut mir leid. Das wusste ich nicht.“

„Woher auch?“

Für einen kurzen Augenblick trafen sich die Augenpaare mit einem Ausdruck von Mitgefühl und Verständnis. Cathy fühlte etwas, das stärker war als reine Anteilnahme. Aber sie wusste, was für einem Irrtum sie aufgesessen war, als er sofort wieder die breiten Schultern reckte und Distanz wahrte. „Als Juans Mutter haben Sie natürlich gewisse Rechte. Aber das zerstört nicht jene, die ich habe. Da Francisco die Vaterschaft nicht mehr anerkennen kann, werde ich im Namen der Familie seinen Sohn anerkennen. Er ist von unserem Blut. Und außerdem“, seine Augen verengten sich, „ist er mein Erbe. Aber jetzt“, seine Stimme wurde freundlicher, und er hielt die Hände ausgestreckt, „wird er langsam ungeduldig. Machen Sie ihm sein Essen, ich werde ihn halten. Sorgen Sie sich nicht – ich werde ihn nicht entführen. Sie können mich ja im Auge behalten, wenn Sie mir nicht vertrauen.“

Darauf musste sie sich wohl oder übel einlassen. Aber wie sollte sie ihm vertrauen, wenn sie nicht wusste, was er vorhatte? Er wollte Johnny in die Campuzano-Familie aufnehmen, so viel war deutlich geworden. Aber in welchem Maß? Mit zittrigen Händen rührte sie den Brei an. Sie dankte ihrem Instinkt, dass sie die Wahrheit verschwiegen hatte. Wenn er wüsste, dass Johnnys leibliche Mutter ihn abgegeben hatte … Cathy knirschte mit den Zähnen, als sie daran zurückdachte.

„Wenn dich das so rührt, dann nimm du ihn doch. Adoptiere ihn oder irgendwas, meinen Segen hast du“, hatte Cordy gesagt, sobald klar geworden war, dass Francisco Campuzano nicht vorhatte, seinen Sohn anzuerkennen. Für Cordy war das Kind die Eintrittskarte gewesen, die zu Prestige und Heirat in eine reiche Familie führen sollte. Als es sich abzeichnete, dass dies offensichtlich nicht passieren würde, wollte sie nichts mehr von dem Kind wissen.

Der Spanier glaubte offensichtlich, dass sie als angebliche Mutter einen größeren Anspruch auf das Kind hatte. Und das musste er auch weiterhin glauben – bis die Adoption endgültig geregelt war.

Aus dem Wohnzimmer kam fröhliches Gequietsche. Cathy traute ihren Augen nicht, als sie mit der Flasche zurückkam. Javier Campuzano hatte den maßgeschneiderten Mantel achtlos über eine Stuhllehne geworfen und wippte das kräftige Baby auf den Knien.

So entspannt, wie er war, hätte sie ihn äußerst attraktiv finden können, gestand sie sich verwirrt ein. Und so etwas hatte sie sich lange nicht mehr eingestanden – seit Donald.

Aber ihr wurde auch klar, dass es dumm war, solche Gedanken zu haben, denn als er sie bemerkte, stand er elegant mit dem Kind auf, und das Lächeln war verschwunden. „Die Einleitung ist also nun vorbei, Señorita. Ich schlage vor, ich lege meine Karten offen auf den Tisch.“

Sie schluckte die Bemerkung hinunter, dass er besser verschwinden solle, und nahm wortlos das Baby entgegen. Sie setzte sich in den Sessel und begann, Johnny zu füttern. Solange Javier Campuzano glaubte, dass sie Johnnys Mutter war, brauchte sie keinem Wort zuzustimmen.

Er nahm sich Zeit, um sich wieder hinzusetzen, dann starrte er sie durchdringend an. „Nachdem ich Sie gesehen habe, Juan gesehen habe, kann ich nicht leugnen, dass er Franciscos Sohn ist. Eines Tages werde ich Ihnen ein Foto von Francisco in diesem Alter zeigen – Sie würden schwören, dass sie Zwillinge sind, wenn Sie es nicht besser wüssten.“

Erwartete er eine Antwort von ihr? Sie war zu nervös, um auch nur zu ihm hinzusehen. Sie hielt die Augen auf das zufrieden an der Flasche nuckelnde Baby gerichtet, während Javier fortfuhr: „Ich möchte sicherstellen, dass Franciscos Sohn im Bewusstsein seines spanischen Erbes aufwächst. Eines Tages wird er die Firma übernehmen, das Oberhaupt der Familie werden. Haben Sie überhaupt eine Vorstellung, was das bedeutet?“

Der schneidende Klang seiner Stimme zwang Cathy dazu, aufzublicken. „Und Sie, Señor? Haben Sie keine Erben?“

Erstaunt sah sie, wie er die Lippen zusammenpresste. Ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. Offensichtlich hatte sie eine wunde Stelle getroffen. Sie gab sich ihrem Triumphgefühl hin. Seit er hier war, fühlte sie sich nervös, verletzbar und gereizt, also warum sollte sie es ihm nicht mit gleicher Münze zurückzahlen!

Doch der Triumph dauerte nicht lange, denn während sie das jetzt satte, schläfrige Kind in die Wiege zurücklegte, beobachtete er jede ihrer Bewegungen mit Adleraugen, und sie hörte ihn sagen:

„Meine Frau ist gestorben. Wir hatten keine Kinder. Ich habe nicht das Bedürfnis, noch einmal zu heiraten. Sehr zum Bedauern meiner Mutter, muss man dazusagen. Und deshalb“, er machte eine fatalistische Geste, „habe ich gehofft, dass Francisco heiratet und einen Erben bekommt. Doch auch er ist gestorben.“

Aber er hatte einen Erben hinterlassen. Cathy kämpfte die unerträgliche Unruhe in sich nieder, während sie das Baby zudeckte. Javier Campuzano würde ihr Johnny wegnehmen, sobald er die geringste Chance sah. Das war die Drohung, das düstere Vorhaben, das aus jedem seiner Worte sprach.

Sie drehte sich um, und er stand direkt hinter ihr, sah über ihre Schulter zu dem Kind. Sie hatte das Gefühl, schreien zu müssen, doch sie beherrschte sich. „Es tut mir leid, dass Francisco tot ist, aber er kann nicht sonderlich an seinem Sohn interessiert gewesen sein, denn sonst hätte er sich bei meiner …“, fast hätte sie sich verraten, „… sonst hätte er die Briefe beantwortet.“

Sie war es nicht gewohnt, lügen zu müssen. Sie war offen und ehrlich, aber jetzt kämpfte sie um Johnny, um das Recht, ihn behalten zu können, um die Möglichkeit, ihm all die Liebe geben zu können, derer seine leibliche Mutter nicht fähig war.

„Eine Woche nach Ihrer – nun, nennen wir es Begegnung – hatte Francisco einen Autounfall. Er lag mehrere Monate im Koma. Als er das Bewusstsein wiedererlangte, war er gelähmt. Sein Tod muss für ihn wie eine Erlösung gewesen sein. Als Ihre Briefe kamen, wurden sie von der Haushälterin beiseitegelegt. Sie wurden vergessen, bis ich vor zwei Wochen wieder auf sie gestoßen bin, als ich gezwungenermaßen die Angelegenheiten meines Bruders in Ordnung bringen wollte. María trifft keine Schuld, sie war genau wie wir alle betroffen, dass Francisco seine Post nicht mehr öffnen, geschweige denn lesen konnte. Aber ich weiß, dass er seinen Sohn anerkannt hätte.“ Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, vertrat die ganze Würde und den Stolz seiner Familie.

Cathy stockte unwillkürlich der Atem, als sie zugeben musste, dass seine männliche Ausstrahlung Bewunderung in ihr auslöste.

„Wenn Sie ihn auch nur etwas gekannt hätten, wüssten Sie das. Ich weiß natürlich nicht, wie tief Ihre Gefühle füreinander in dieser kurzen Beziehung waren, aber von Ihrer Reaktion auf die Nachricht seines Todes würde ich behaupten, von Ihrer Seite sind Gefühle kaum erwähnenswert.“

„Oh … ich …“ Cathy fing an zu stottern. Sie war in die Ecke gedrängt worden. Verzweifelt durchforstete sie ihre Erinnerung nach Cordys Erzählungen: „Wir hatten zwei wunderbare Tage und Nächte. Essen, Champagner, Zärtlichkeiten. Nicht gerade viel geschlafen. Angeblich kommt er aus einer sehr reichen Familie, nur ein älterer Bruder, der die Geschäfte leitet – soweit ich ihn verstanden habe, scheint er etwas seltsam zu sein, aber wir werden ihn überstimmen. Du weißt doch, wie die Spanier sind – mit Familie, Ehre und Stolz. Also so, wie ich das sehe, habe ich das große Los gezogen. Er war ziemlich enttäuscht, als ich aus Sevilla abgereist bin, und natürlich habe ich versprochen, ihm zu sagen, wann ich wieder Zeit habe und in London bin. Aber du weißt ja, wie beschäftigt ich immer bin.“ Damals hatte Cordy elegant mit den Schultern gezuckt. „Aber was soll’s. Er wird bestimmt ganz aus dem Häuschen sein, wenn er die großen Neuigkeiten erfährt. Ich werde es ihm schreiben, damit er es schwarz auf weiß hat.“

Cathy wusste, dass Javier auf eine Antwort von ihr wartete. Die Antwort war eine eher dünne Zusammenfassung von den Berichten ihrer Schwester: „Wir haben uns nur ein paar Tage gesehen.“ Sie wusste, dass es nicht viel war. Aber unter diesen Umständen blieb ihr nichts anderes übrig.

„Auf jeden Fall lange genug, um ein Kind zu zeugen“, entgegnete er mit einer Stimme, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Langsam, ohne den Blick von ihr zu wenden, zog er zwei Blatt Papier aus seiner Westentasche und hielt sie vor sie hin. „Bis vor fünf Monaten wollten Sie noch, dass Francisco von der Existenz seines Sohnes erfährt. Sie haben diese Briefe doch aus freien Stücken geschrieben, oder?“

Was sollte sie sagen? Sie nickte stumm. Sie hasste dieses Lügengespinst, das sie immer mehr beschämte. Und sie fühlte sich noch schuldiger, als er leicht amüsiert hinzufügte: „Ihre Unterschrift ist völlig unleserlich. Sie sind die Mutter meines Neffen – ich sollte doch zumindest Ihren Namen wissen, meinen Sie nicht? Ich kann ihn wirklich nicht entziffern.“

Sie konnte es ihm nicht übel nehmen. Die Briefe waren mit Cordys ausschweifender Handschrift geschrieben, mit etwas Geduld konnte man sie lesen. Die Unterschrift war ein großes „C“ am Anfang und ein „Y“ am Ende, dazwischen ein unleserliches Auf und Ab. Sie räusperte sich und antwortete gelassen: „Cathy. Die Abkürzung von Catherine.“

„So, Cathy, was hatten Sie sich denn vorgestellt? Eine finanzielle Wiedergutmachung? Oder eine Heirat?“ Seine Stimme war hart geworden. Er machte einen bedrohlichen Schritt auf sie zu. „Wieso wollen Sie jetzt von allen Ansprüchen zurücktreten?“

„Weil ich erkannt habe, dass Johnny und ich es auch allein schaffen. Wir brauchen keine Hilfe. Wir stellen keine Forderungen, vor allem jetzt nicht, da Francisco tot ist.“ Nun bewegte sie sich wieder auf festem Grund, deshalb konnte sie auch bestimmt auftreten.

„Ich verstehe.“ Mit energischen Schritten ging er in dem kleinen Raum auf und ab, wie ein Raubtier, das nur darauf wartete, seine Beute schlagen zu können. Cathy reckte das Kinn. Sie würde sich von ihm nicht einschüchtern lassen. Solange er sie für Johnnys Mutter hielt, konnte er nicht viel unternehmen.

„Und wer kümmert sich um das Kind, wenn Sie vor der Kamera stehen? Irgendein unfähiger Babysitter, den weder das Wohlergehen noch die geistige Entwicklung des Kindes interessiert, solange nur das Geld am Abend stimmt? Und haben Sie vielleicht einen Garten, in dem das Kind spielen kann, wenn es älter ist? Ich sehe hier nichts dergleichen.“ Er faltete Cordys Briefe und steckte sie wieder ein.

Natürlich war das ein Problem, aber sie würde schon eine Lösung finden. „Es gibt sehr viele Parks, wo ich mit dem Kind spazieren gehen kann. Und ich kümmere mich selbst um ihn. Mit meiner Malerei verdiene ich genug für einen ausreichenden Lebensunterhalt.“ Was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Seit sie die Agentur verlassen hatte, hielt sie sich mit freien Aufträgen über Wasser, und sie hatte einige ihrer Ölgemälde verkaufen können. Geld war aber oft knapp. Eines Tages jedoch würde ihr Name etwas bedeuten und ihre Arbeit besser entlohnt werden. Sie musste nur fest daran glauben.

„So?“ Mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtete er das Ölbild, das auf der Staffelei stand. Ihr erster Auftrag, eine Ansicht des alten London. „Eine Frau mit vielen Talenten.“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Aber es dauert lange, bis man sich einen Namen gemacht hat. Und wie soll es bis dahin weitergehen? Sie werden verhungern, oder Sie kehren zu Ihrer lukrativeren Karriere zurück. Was machen Sie dann mit Juan?“

Dieser Mann war unerträglich! Wie konnte er es wagen, anzudeuten, sie würde sich nicht genügend um das Kind kümmern? „Ich habe jetzt genug von dieser Inquisition! Ich bin durchaus in der Lage …“

„Silencio!“ Sein spanisches Temperament ging mit ihm durch. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, gerade so, als müsse er sich beherrschen, um ihr nicht an die Gurgel zu gehen. „Ob es Ihnen gefällt oder nicht, ich habe vor, sehr viel bei der Erziehung meines Neffen mitzureden. Ich will ihn bei mir in Spanien haben. Ich will ihn zu mir nach Hause, nach Jerez, holen, wo ihm jede Möglichkeit zur Fortbildung geboten wird. Wo er lernen wird, die Verantwortung für sein Erbe zu tragen, wenn die Zeit da ist. Und glauben Sie nur nicht, ich wäre ohne entsprechende Vorbereitung gekommen, Señorita. Ich bin gut vorbereitet.“

Langsam verzog er seine Lippen zu einem bedrohlichen Lächeln, bei dem Cathys Magen sich umdrehte. „Wenn Sie nicht damit einverstanden sind, werde ich vor die englischen Gerichte ziehen und eine vertragliche Lösung erwirken. Und das wird mir gelingen, seien Sie sich dessen sicher. Man wird mir das Recht zugestehen, das Kind regelmäßig nach Spanien zu holen, ihn dort so aufzuziehen, wie sein Vater es getan hätte. Und ich würde sogar noch weiter gehen“, warnte er eisig. „Die besten Anwälte werden beweisen, dass Sie eine unfähige Mutter sind.“ Er überging ihren leisen Aufschrei.

„Ein zweitklassiges Model, das sich auf Partys betrinkt und dann mit dem Erstbesten ins Bett geht. Vergessen Sie nicht, ich habe Sie mit Francisco gesehen. Sie konnten kaum noch stehen. Sie haben ihn angebettelt, dass er mit Ihnen schläft. Jeder konnte das sehen. Ich bin mir sicher“, wieder zeigte er dieses unerträgliche Lächeln, „dass sich, wenn ich mir die Mühe machen würde, in Ihrer früheren Laufbahn ähnliche Beweise für Ihren lockeren Lebenswandel finden ließen. Das und die Tatsache, dass Sie sich und Ihren Sohn mit dem Verkauf von Bildern ernähren wollen, zeugt doch von, nun, sagen wir, einer gewissen Instabilität, meinen Sie nicht auch? Und wer kann genau sagen, wann Sie es leid sind, alleinerziehende Mutter zu spielen? Wie lange wird es dauern, bis Sie sich wieder nach den wilden Partys sehnen? Nicht allzu lange, würde ich behaupten.“ Er griff nach seinem Mantel, ohne auf ihr bleich gewordenes Gesicht zu achten.

„Aber vielleicht muss ich ja nicht so weit gehen. Wenn Sie einwilligen, mich und Juan nach Spanien zu begleiten – leider braucht er Sie in diesem zarten Alter noch –, damit er seine Großmutter kennenlernen kann, werde ich die Sache nicht weiter treiben. Sollten Sie sich jedoch weigern, werde ich nicht zögern, die entsprechenden Schritte einzuleiten.“ Er lächelte ihr dünn zu. „Adiós, Señorita. Ich werde Sie morgen anrufen und Sie nach Ihrer Entscheidung fragen. Dann kann alles in die Wege geleitet werden. Gleich, wie Sie sich entscheiden. Und denken Sie gut darüber nach. Sollten Sie gegen mich angehen wollen, werden Sie ihn verlieren. Das verspreche ich Ihnen.“

2. KAPITEL

„Vielleicht wird die andalusische Sonne Ihre Stimmbänder geschmeidig machen, und Sie werden gesprächiger.“ Javier Campuzano sah sie nachdenklich an.

Während sie aus dem kleinen Flughafengebäude hinaus in die Sonne traten, musste Cathy zugeben, dass seine Bemerkung nicht ganz unpassend war. Der Flug hatte zweieinhalb Stunden gedauert, und auf seine Versuche, eine Konversation in Gang zu setzen, hatte sie nur mit einsilbig gemurmelten Antworten reagiert, bis er schließlich, scheinbar völlig ungerührt, eingeschlafen war.

Sie beneidete ihn um die Fähigkeit, einfach abzuschalten. Die Zeit des Fluges hatte sie in einem Zustand von Nervosität und mit Selbstvorwürfen verbracht. Glücklicherweise hatte das Baby seit dem Start ruhig in ihren Armen geschlafen. Jetzt wachte Johnny auf, und sie hob ihn hoch.

„Lassen Sie mich ihn nehmen“, bot Campuzano an.

Unbewusst drückte Cathy den Jungen enger an sich. Jede Faser ihres Körpers spannte sich an.

„Wie Sie wünschen.“ Campuzano flüsterte fast. „Aber in kurzer Zeit werden Sie froh sein, wenn Sie diese Last abgeben können.“

In Bezug auf ihre Lage war die Bemerkung gerechtfertigt, dachte sie schwindelnd, auch wenn dies kein Grund für seine mangelnde Höflichkeit war.

Der Frühling in England war ungewöhnlich kalt und nass gewesen, und die warme Maisonne wärmte ihre Haut, doch trotzdem konnte sie sich nicht richtig entspannen.

Und als hätte er ihre Reaktion geahnt, sagte Campuzano: „Sie sind müde. Tomás muss jeden Augenblick mit dem Wagen kommen.“

Wie auf Kommando fuhr ein großer schwarzer Mercedes vor. Campuzano schnippte mit den Fingern, und der Träger brachte das Gepäck.

Wie arrogant er doch ist, dachte Cathy. Ein Fingerschnippen, und jeder um ihn herum springt sofort. Er war daran gewöhnt zu bekommen, was er wollte. Wahrscheinlich würde es ihn erst in maßloses Erstaunen und dann in Rage versetzen, sollte dies einmal nicht der Fall sein.

Nun, sie würde ihn erstaunen, nicht wahr? Er wollte Johnny – oder Juan, wie er ihn nannte. Und er würde ihn nicht bekommen, das hatte sie sich geschworen.

Sie hatte alles für das Kind getan und gerne ihren Job in der Werbeagentur, in der sie gearbeitet hatte, aufgegeben, um ganz für den Jungen da zu sein. Dieses Mal würde Javier Campuzano nicht seinen Willen durchsetzen können.

Dass sie unter diesen Umständen keine andere Wahl gehabt hatte, als das Kind nach Jerez zu bringen, war etwas, worüber sie nicht zu viel nachdenken wollte. Den Aufenthalt für ein paar Wochen, dem sie zugestimmt hatte, betrachtete sie als Möglichkeit, ihm zu zeigen, was für eine sorgsame und verantwortungsbewusste Mutter sie war. Außerdem war sie sich fast sicher, dass sie in der Großmutter des Kindes eine Verbündete finden würde. Schließlich war diese selbst Mutter und würde verstehen, dass Mutterliebe wichtiger war als aller Campuzano-Reichtum.

Der Träger und der uniformierte Fahrer, Tomás, hatten das Gepäck im Wagen verstaut. Tomás hielt jetzt die Türen offen. Mit sinkendem Herzen stieg Cathy ein. Seit dem Tag, an dem Campuzano bei ihr aufgetaucht war, schien der Boden unter ihren Füßen mehr und mehr zu schwinden, und jetzt, als die Tür zugemacht wurde, war es wie ein Symbol.

In der klimatisierten Limousine setzte sie das Baby auf ihren Schoß und ermahnte sich: Irgendwie würde sie schon eine Lösung aus diesem Dilemma finden. Als Campuzano sich neben sie setzte, zuckte sie zusammen. Er war ihr viel zu nah, seine bloße Präsenz machte das Atmen schwer. Sie erhaschte den wissenden Blick aus seinen Augen, sah das amüsierte Zucken um seine Mundwinkel und wusste, dass er ihre Reaktion bemerkt hatte. Und sich selbst beruhigte sie mit der Erklärung, dass sie nur deshalb so angespannt war, weil er drohte, ihr Johnny wegzunehmen, und es nichts mit seiner starken männlichen Ausstrahlung zu tun hatte.

Sich der Nähe des muskulösen Oberschenkels an ihrem sehr bewusst, fragte sie gestelzt und unnatürlich: „Wie weit ist es bis nach Jerez?“

Campuzano bemerkte die steile Falte auf ihrer Stirn. „Knapp sieben Kilometer. Aber Sie werden sich gedulden müssen, bevor Sie den Luxus meines Stadthauses genießen können. Wir werden die ersten Tage auf der Finca bleiben.“

„Und wie weit ist es bis dorthin, was immer es auch sein mag?“ Die Worte klangen spitzer, als sie eigentlich vorgehabt hatte. Aber die Tatsache, dass er ihr unterstellte, sie wäre begierig darauf, in das Leben der Reichen und Mächtigen einzutauchen, machte sie aggressiv. Glaubte er, nur deshalb habe sie ihr Einverständnis gegeben, ihn nach Spanien zu begleiten?

„Es ist das Land, die Weinberge, das Haus. Dort werden wir bis auf Weiteres bleiben.“ Seine Miene ließ keinen Zweifel daran, dass er bestimmen würde, wie lange dies dauerte. „Und das liegt ungefähr neun Kilometer vom Flughafen entfernt, in entgegengesetzter Richtung von Jerez.“ Seine Stimme wurde leiser, ironisch sanft. „Aber da Sie mir versichert haben, dass Sie sich nicht mehr nach einem aufregenden Gesellschaftsleben sehnen, sollte Ihnen die Abgeschiedenheit nichts ausmachen.“

Wenn sie tatsächlich die Frau gewesen wäre, die sie vorgab zu sein – Cordelia Soames, genusssüchtiges Model und immer auf der Suche nach neuen Abenteuern –, hätte sie schon jetzt angefangen zu protestieren. Aber da sie „nur“ die Schwester war, Cathy, zwar zwei Jahre älter, aber an Erfahrung weit hinter ihrer jüngeren Schwester zurück, machte es ihr tatsächlich nichts aus. Es würde ihr nicht schwerfallen, diesen selbstgefälligen Tyrann davon zu überzeugen, dass „Cordy“ sich vollständig geändert hatte.

Johnny strampelte jetzt unruhig mit Händen und Füßen. „Sie können ihn halten, wenn Sie möchten“, flötete Cathy süßlich und erhielt dafür einen angenehm überraschten Blick. Sie drehte das Gesicht zum Fenster und schaute hinaus, um ihr hämisches Grinsen zu verstecken. Señor Javier Campuzano war gerade dabei herauszufinden, wie anstrengend es war, einen kräftigen, achtzehn Pfund schweren Jungen unter Kontrolle zu halten, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, sich nicht beruhigen zu lassen. Ganz zu schweigen von den Spuren, die eine nasse Windel auf teuren, maßgeschneiderten Hosen hinterlassen würde!

„Ich freue mich darauf, Ihre Mutter kennenzulernen“, sagte sie wahrheitsgemäß. Und fügte schmeichelnd hinzu: „Ist ihr Englisch ebenso gut wie Ihres?“ Sie wollte weiter aus dem Fenster schauen, doch ihr Blick wurde magisch von ihm angezogen, und verwirrt nahm sie wahr, dass er amüsiert war.

„Fast so gut. Aber dieses Vergnügen werden Sie wohl eine Weile verschieben müssen. Meine Mutter kommt nur selten auf die Finca. Sie zieht das Haus in Jerez vor.“

Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand. Je eher sie Kontakt mit Johnnys Großmutter aufnahm, umso eher würde sie eine Mitstreiterin an ihrer Seite haben. Eine Mitstreiterin gegen den Mann, von dem von Minute zu Minute klarer wurde, dass er ein Gegner war. Ebenso enttäuschend wie diese Tatsache war es, dass er überhaupt keine Schwierigkeiten hatte, das strampelnde Baby zu handhaben. Im Gegenteil, es gefiel ihm, dass die kleinen Hände sein Haar durcheinanderwirbelten, und es schien ihm nichts auszumachen, dass sich auf seinen Knien nasse Flecken gebildet hatten.

Sie verfluchte ihn leise! Warum hatte er sie nicht in Ruhe lassen können? Johnny und sie waren gut zurechtgekommen, bis er seine arrogante Nase in ihre Angelegenheiten gesteckt hatte. Die Adoption wäre bald erledigt gewesen, das wusste sie, auch wenn Molly sie gewarnt hatte.

Molly Armstrong war die zuständige Dame vom Jugendamt. Eine kleine, energische Frau, zu der Cathy über die vielen Besuche und Berichte hinweg eine fast freundschaftliche Beziehung entwickelt hatte. Molly war diejenige gewesen, die Cathy in ihrer Panik nach Campuzanos erstem Auftauchen angerufen hatte und die sich trotz ihres vollen Terminkalenders Zeit für ein langes Gespräch am nächsten Morgen genommen hatte. Cathy badete gerade Johnny.

„Probleme?“, hatte Molly gefragt und Cathy das in ein großes Handtuch gewickelte Baby abgenommen, damit sie in der Küche Kaffee machen konnte. „Erzähl mir alles, aber langsam. Nicht so überdreht wie gestern am Telefon.“

Während sie ihren Kaffee tranken, hatte Cathy von Javier Campuzano berichtet, wobei sie allerdings ausließ, dass sie ihre wahre Identität ihm gegenüber verschwiegen hatte und er sie für die leibliche Mutter hielt. Zwar fühlte sie sich nicht sonderlich wohl dabei, aber wenn er erfuhr, dass die wahre Mutter Johnny einfach aufgegeben hatte, würde er nichts unversucht lassen, um das volle Sorgerecht für seinen Neffen zu erhalten.

„Du und Señor Campuzano, ihr seid beide in gleichem Maße mit dem Kind verwandt“, hatte Molly mit schief gelegtem Kopf gesagt. „Er könnte beantragen, dass er das Kind regelmäßig sehen und bei der Erziehung mitbestimmen kann.“

Genau das hatte Campuzano auch behauptet, aber Cathy wusste, dass er die totale Kontrolle wollte. Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, sobald er die Wahrheit über Johnnys Mutter erfuhr.

„Und wenn das Baby bei seiner leiblichen Mutter wäre?“, hatte Cathy gefragt und gehofft, dass sie nicht so schuldbewusst aussah, wie sie sich fühlte. „Hätte die Familie des Vaters dann auch irgendwelche Rechte?“

„Tja, ich hatte dich vorgewarnt“, Molly hatte verständnisvoll gelächelt, „dass die Adoption vielleicht nicht durchgeht. Dass das Jugendamt davon ausgeht, dass die leibliche Mutter direkt nach der Geburt nur verstört war und sie später wieder ihr Kind annimmt. Das wird sich mit der Zeit herausstellen, und in der Zwischenzeit solltest du das Sorgerecht haben.“

Cathy konzentrierte sich darauf, das Baby anzuziehen, und versteckte das Gesicht hinter ihren langen Haaren. Sie fühlte sich verlogener als je zuvor in ihrem Leben.

„Ja, natürlich hat die Familie des Vaters bestimmte Rechte“, fuhr Molly fort. „Ein Kind braucht die Liebe und Fürsorge der ganzen Familie.“ Das war jedoch genau das, was Cathy nicht hören wollte.

Und deshalb hatte sie nachgegeben, hatte zugestimmt, nach Spanien zu fahren. Sie brauchte nur der Familie zu zeigen – was keine leichte Aufgabe sein würde –, dass sie eine fürsorgliche und gute Mutter war.

Cathy war so in ihre Gedanken versunken, dass sie weder bemerkt hatte, dass Javier sie beobachtete, noch hatte sie gehört, was er sagte. „Wie bitte?“, fragte sie verwirrt.

„Wir sind fast da. Sie können das Haus von hier aus erkennen“, wiederholte er übertrieben geduldig. „Ich hätte gedacht, es würde Sie interessieren, wo Ihr Sohn die meiste Zeit seiner Jugend verbringen wird.“

Dieser Mensch war unmöglich. Als ob über Johnnys Zukunft bereits endgültig entschieden sei! Sie dachte gar nicht daran, darauf etwas zu erwidern. Sie ließ den Blick über das Anwesen gleiten, sah das flache weiße Haus, die Hügel, auf denen die in langen Reihen gleichmäßig angepflanzten Rebstöcke gerade zu grünen anfingen, und zuckte achtlos mit den Schultern. Davon würde sie sich nicht beeindrucken lassen.

Johnny brauchte keine Weinberge oder irgendetwas anderes, das Campuzano ihm bot. Er brauchte Liebe, Fürsorge, und das konnte sie ihm im Überfluss bieten. Aber leider schien auch der Spanier dies bieten zu können. Die hochmütigen Züge waren entspannt und machten sein Gesicht weich, während er das vor Vergnügen quietschende Baby auf seinen Knien schaukelte.

Schmerzhafte Eifersucht durchzuckte sie. Sie griff nach dem Kind. „Wollen Sie, dass ihm schlecht wird?“ Sie schämte sich für diese Eifersucht. Als der Wagen durch das Tor über die große Auffahrt zum Haus vorfuhr, konnte sie ihre Erleichterung kaum verbergen, dass die Fahrt zu Ende war.

Das Haus war beeindruckend. Mit dem Kind auf dem Arm stieg sie aus dem Wagen. An den strahlend weißen Wänden des zweistöckigen Hauses rankten sich violette Bougainvillea, scharlachrote Geranien blühten in voller Pracht in großen Terrakotta-Töpfen. Die Farben bildeten einen grandiosen Kontrast zum intensiven Blau des andalusischen Himmels.

Fast schwindelnd schloss sie die Augen. Der erste Eindruck war so überwältigend, dass sie fast ihren Kampfgeist verloren hätte. Doch sie war hier, um für das Kind zu kämpfen. So leicht, wie dieser Spanier sich das vorstellte, würde sie nicht aufgeben. Sie richtete sich gerade auf und hoffte, dass ihre Stimme fest genug klang:

„Zeigen Sie mir, wo ich das Kind füttern und ihm die Windeln wechseln kann.“ Ihre Augen funkelten ihn an.

„Natürlich.“ Er ignorierte ihre aggressive Haltung, blieb kühl und höflich. Er sagte etwas auf Spanisch zu Tomás, der dabei war, das Gepäck aus dem Kofferraum zu nehmen, und griff nach ihrem Ellbogen, um sie zum Haus zu geleiten. Das prickelnde Gefühl, das sie bei dieser Berührung durchfuhr, schockierte sie.

„Ay! El niño!“

Eine kleine, unglaublich dicke Frau trat aus dem Schatten der Arkaden und hielt ihre Arme nach dem Kind ausgestreckt. Ihr faltiges Gesicht strahlte, ihre Augen waren nur auf Johnny gerichtet. Cathy erhielt nur ein knappes Kopfnicken.

Und Cathy musste zusehen, wie Johnny die Frau mit einem breiten Grinsen als neuestes Mitglied in seinem Fanclub begrüßte und sich ohne Protest von ihr auf den Arm nehmen und in das kühle Haus tragen ließ.

„Er ist in besten Händen“, sagte Campuzano mit einem Lächeln, bei dem Cathy fast mit den Zähnen knirschte. „Tut mir leid, dass Paquita nicht lange genug geblieben ist, um sich Ihnen vorzustellen. Sie müssen dies entschuldigen – aber die Kinderliebe der Spanier ist im wahrsten Sinne sprichwörtlich.“

„Und das ist eine Begründung?“, rief sie empört. Wie konnte sie ihm klarmachen, dass sie sich nicht so einfach überrennen und die Zügel aus der Hand nehmen ließ? Und vor allem nicht das Kind!

Er hatte sich nur wenige Zentimeter von seinem Platz bewegt, und die Sonnenstrahlen ließen jetzt seine gebräunte Haut seidig schimmern. Die Enden seiner dunklen Wimpern glänzten, als er die Lider senkte, um den befriedigten Ausdruck in den grauen Augen zu verbergen. Cathy stockte der Atem. Ein ersticktes Schluchzen, zur Hälfte Frustration, zur Hälfte etwas anderes, das sie nicht bestimmen konnte, schien ihr die Kehle zuzuschnüren. Hastig wandte sie den Blick ab und presste die Lippen zusammen. „Ich habe Ihnen doch gesagt, das Kind muss gefüttert und sauber gemacht werden. Es ist kein Spielzeug, es ist …“

„Ich weiß genau, was es ist“, unterbrach er sie schneidend. „Es ist mein Neffe. Paquita weiß, was sie tut. Sie und Tomás führen nicht nur das Haus hier, sie haben auch neun eigene Kinder großgezogen.“

„Wie schön für sie!“ Sie wusste, was er vorhatte. Er wollte sie zu einem nutzlosen Anhängsel machen, einem Anhängsel, dem man sich zu jeder Zeit entledigen konnte. Der Kampf um das Kind hatte begonnen, und Campuzano brauchte nur zu warten, bis es ihr langweilig genug geworden war und sie von allein zu ihrer „Model-Karriere“ zurückkehren würde.

Sein zynisches Lächeln sagte ihr, dass sie völlig Recht mit ihrer Vermutung hatte. „Ich werde Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Wir essen um neun Uhr zu Abend. Bis dahin werden Sie sich sicherlich allein beschäftigen können.“

Mit langen Schritten ging er ins Haus. Diese unglaubliche männliche Arroganz und die Eleganz seiner Bewegungen ließen sie ihn hassen. Hastig holte sie ihn ein. „Sie sollten mir lieber zeigen, wo diese … diese Frau mein Kind hingebracht hat. Ich werde mich mit ihm beschäftigen.“ So einfach ließ sie sich nicht aus dem Weg drängen. Deshalb war sie nicht nach Spanien gekommen. Je eher er das verstand, desto besser.

Aber er sah sie nur mit einem eiskalten Blick an. „Seien Sie vorsichtig, Señorita“, warnte er sie. „Ich halte genauso wenig von Ihrem Benehmen wie von Ihrer Moral. Paquita hat eine Stellung in meinem Haus, die Respekt verlangt. Achten Sie darauf, dass Sie ihr diesen Respekt entgegenbringen, und achten Sie auf Ihre eigenen Manieren. Kommen Sie!“

Zornig folgte Cathy ihm steif ins Haus. Die kühle Luft, die weißen Wände und die gekachelten Böden nahm sie nur am Rande wahr, bis sie vor einer Tür anhielten.

Er deutete mit einem Kopfnicken auf die helle Holztür. „Ihr Zimmer. Rosa, Paquitas Tochter, wird Sie um neun abholen und Sie zum Speisezimmer führen. Ich schlage vor, Sie ruhen sich erst einmal aus und versuchen, Ihr Temperament unter Kontrolle zu bringen.“

Er drehte sich auf der Stelle um und ging.

Seine herablassende Art brachte sie fast zum Wahnsinn. Wütend drückte sie die Klinke hinunter und trat in den stillen, wunderschönen Raum ein. Sie schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Neben dem geschnitzten Fußende des Bettes standen die Koffer, die zum größten Teil mit den Utensilien bestückt waren, die man brauchte, um ein Kleinkind zu versorgen. Das bedeutete, dass Paquita Johnny gar nicht versorgen konnte, weil sie nicht die entsprechenden Sachen hatte. Wahrscheinlich spielte sie mit dem Kind und bewunderte den neuesten Zuwachs der ach so einflussreichen Campuzano-Familie, aber das würde weder seinen Hunger stillen noch trockene Windeln hervorzaubern!

Entschlossen einzugreifen, machte Cathy sich auf die Suche nach Johnny. Mit hocherhobenem Kinn öffnete sie jede Tür auf dem langen Korridor. Dieser eingebildete Spanier würde lernen müssen, dass nicht immer alles wie ein von Gott gegebenes Recht nach seinem Willen ging.

Die drei anderen Schlafzimmer waren ebenso geschmackvoll eingerichtet und ruhig wie das, das man ihr zugewiesen hatte. Sie fand die Wohn- und Aufenthaltsräume, Esszimmer und ein modernes Büro. Schließlich stand sie in der perfekt ausgestatteten Küche, aus der eine Wendeltreppe nach oben in den zweiten Stock führte. Sie unterdrückte die Bewunderung für diese gelungene Kombination von alten und modernen Baustilen, als sie plötzlich Babygestammel und zärtliche Laute auf Spanisch hörte, die offensichtlich aus dem Zimmer über der Küche kamen.

Sie hatte Johnny gefunden! Sie hatte gefühlt, dass sie ihn finden würde. Und jetzt sollte Paquita erfahren, dass sie ihr das Kind nicht so einfach aus den Armen reißen konnte, nur weil Campuzano danebenstand und ihr den Rücken stärkte!

Von wildem Mutterinstinkt getrieben, stürmte Cathy die Treppe hinauf. Doch kaum in dem Raum angekommen, erstarrte sie auf der Türschwelle. Das Kinderzimmer war mit allem Notwendigen und mehr ausgestattet, und neben der großen Wiege stand sogar ein einzelnes Bett. Anstatt wie ein Spielzeug herumgereicht zu werden, wurde Johnny sicher in den Armen eines ungefähr achtzehn Jahre alten Mädchens gehalten und nuckelte zufrieden an einer Milchflasche.

Er war sauber und trug einen neuen Strampler aus leichter Baumwolle, der für das hiesige Klima besser war als alles andere, was sie mitgebracht hatte.

„Mama kommt!“ Paquita begrüßte Cathy strahlend. „Mi hija, Rosa. Inglés nicht gut. Rosa gut. Alle Kinder saben hablar inglés! Muy bien!“

„Mama ist stolz darauf, dass alle ihre Kinder Englisch sprechen. Wenn auch einige besser als die anderen.“ Rosa wandte ihre Aufmerksamkeit Cathy zu. Sie sprach sanft mit einem attraktiven Akzent und zeigte ein einnehmendes Lächeln. „Baby Juan hat seine übliche Babynahrung bekommen. Als Don Javier angerufen hat, um uns die Instruktionen zu geben, hat er auch den Namen der Milchsorte durchgegeben, die Sie immer benutzen.“ Rosa zog vorsichtig den Sauger aus dem kleinen Mund und legte das schläfrige Kind über ihre Schulter.

„Lassen Sie es mich nehmen.“ Cathy nahm das Kind auf ihre Arme. Sie bezweifelte nicht, dass Javier Campuzano alles bis ins kleinste Detail geplant hatte. Den aufmerksamen kühlen Augen war bei den vielen Besuchen in ihrer Londoner Wohnung mit Sicherheit nichts entgangen. Und er war bestimmt auch davon überzeugt, dass das Sorgerecht ihm so gut wie sicher war. Nackte Angst fuhr ihr bis ins Mark.

Rosa stand auf und sammelte die Sachen ein. „Gefällt Ihnen das Kinderzimmer? Sind Sie zufrieden damit? Ich werde hier mit ihm schlafen. Ich werde gut auf das Baby aufpassen, das verspreche ich Ihnen.“

Es war nicht Rosas Schuld, also hielt Cathy ihren bissigen Kommentar zurück. Das wirst du ganz bestimmt nicht tun, Kleine! Sie ließ sich Zeit und verstaute das Baby sicher in der Wiege.

Zuerst hatte sie verlangen wollen, dass die gesamte Ausrüstung in ihr Zimmer transportiert werden sollte! Sofort! Aber dieses Zimmer war ideal für ein Kleinkind. Die Fenster ließen Sonnenlicht und frische Luft herein, dabei konnten die Rollläden so geschlossen werden, dass die Hitze sich nicht im Raum staute. Die Küche war gut zu erreichen, und man konnte alles für die Mahlzeiten vorbereiten. Es war weder vernünftig noch praktisch, darauf zu bestehen, dass alles in ihr Zimmer gebracht werden sollte.

Mit einem letzten Blick auf das Baby richtete sie sich von der Wiege auf und wandte sich an Rosa. „Ich werde mich um Johnny kümmern. Er kann tagsüber hierbleiben, aber während der Nacht werde ich ihn mit in mein Zimmer nehmen. Wir können die Wiege hinübertragen.“ Als sie die entsetzten Augen sah, machte sie den einzigen Kompromissvorschlag, zu dem sie willig war: „Sollte ich aus irgendeinem Grund außer Haus sein, werde ich ihn natürlich beruhigt Ihnen überlassen.“ Doch dieses Zugeständnis schien nicht viel zu helfen, der verletzte Ausdruck blieb. So fügte sie hinzu: „Er wird jetzt wahrscheinlich ein paar Stunden schlafen. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie auf ihn achten könnten, solange ich auspacke.“

Irgendwann würde sie das Baby in Rosas Obhut lassen müssen, sagte sich Cathy, als sie die Koffer auspackte und ihre Sachen in Schubläden und Schränke verstaute. Wenn Johnnys Großmutter nicht in den nächsten Tagen auf die Finca käme, würde sie, Cathy, nach Jerez fahren müssen und sie aufsuchen. Campuzano konnte sie hier nicht festhalten wie eine Gefangene.

Als sie später am Abend die Wiege in ihr Zimmer trug, war sie zuversichtlich, dass sie sich auch gegen den gewaltigen Andalusier verteidigen konnte. Rosa half ihr, und als sie die Wiege neben das geschnitzte Bett stellten, sagte das Mädchen: „Don Javier hat mich beauftragt, Sie zum Esssaal zu führen.“ Sie sah auf ihre Armbanduhr. „In einer Stunde. Während Sie essen, werde ich auf das Baby aufpassen.“

„Ich habe das Esszimmer gefunden, als ich auf der Suche nach dem Kinderzimmer war“, erwiderte Cathy lächelnd. „Aber ja, es ist besser, wenn Sie in dieser Zeit nach ihm schauen.“ Sie hatte das spanische Mädchen sofort ins Herz geschlossen, ebenso wie Johnny. Die drei hatten zwei schöne Stunden zusammen genossen, mit Baden, Füttern und Spielen. Auch Paquita war die Treppen heraufgekommen, um mitzuspielen. Wenn Johnny aufwachen sollte, während sie nicht da war, würde er in Rosa zumindest ein bekanntes Gesicht erkennen.

Nicht dass Cathy von dem Abendessen mit Johnnys Onkel begeistert war. Ihr war unwohl bei dem Gedanken, wie er auf ihre Regeln, die sie ihm präsentieren wollte, reagieren würde. Er würde es nicht gut gelaunt auffassen, dessen war sie sich sicher. Es würde nicht leicht sein, sich ihm entgegenzustellen.

Während sie duschte und sich das ärmellose, einfach geschnittene schwarze Kleid überzog, wuchs ihre Unruhe. Sie flocht das blonde Haar zu einem Zopf und legte so wenig Make-up wie möglich auf. Fertig. Zehn Minuten zu früh. Leider. Denn während sie die Sekunden zählte, spannten sich ihre Nerven mehr und mehr in der Aussicht auf die kommende Konfrontation.

Sie begutachtete ihr Spiegelbild und bemühte sich, die tiefe, missbilligende Falte auf ihrer Stirn zu glätten. Wie hatte Javier Campuzano sie nur mit Cordy verwechseln können?

Gut, sie waren beide groß, hatten beide blondes schulterlanges Haar. Aber damit hörte nach Cathys Meinung die Ähnlichkeit auch schon auf. Cordys blaue Augen gingen ins Saphirfarbene, während Cathys Augen eher violett waren. Cordy hatte hohe Wangenknochen und eine feine, gerade Nase, die sie edel und elegant aussehen ließen. Und während Cordys Figur dem Model-Ideal entsprach, waren Cathys Rundungen sehr viel weiblicher, weltlicher, wie Cathy es selbst nannte.

Aber wahrscheinlich hatte er ihre rundere Figur der Schwangerschaft zugeschrieben, außerdem hatte er ja gesagt, dass er nur kurz auf jener Party gewesen sei. Und sie hatte seinen Irrtum schließlich nicht berichtigt.

Sie fühlte sich nicht wohl, dass sie ihn getäuscht hatte. Eigentlich war sie sogar davon überzeugt, dass sie es nicht allzu lange durchhalten würde, ohne sich miserabel zu fühlen! Aber ihr blieb keine Wahl, sie musste bis zum bitteren Ende durchhalten. Wenn er je herausfinden würde, dass sie nur Johnnys Tante war und seine leibliche Mutter ihn verlassen hatte, würde er das Kind sofort an sich reißen und sicherstellen, dass sie nichts dagegen unternehmen konnte.

Aber dazu würde es nicht kommen. Wenn nötig, würde sie das Blaue vom Himmel lügen. Und bei diesem Gedanken streckte sie sich und ging energisch zum Esszimmer. In den Kampf mit dem Mann, der ihr Feind war.

3. KAPITEL

„Möchten Sie einen Aperitif, Cathy?“

Für einen kurzen Augenblick blieb sie im Türrahmen stehen. Er stand auf und lächelte höflich zur Begrüßung, doch seine Augen blieben kühl.

„Danke.“ Sie war nervös, fühlte sich, als ob sie gerade einen Spurt hinter sich hätte. Ihr Herz klopfte wild, und sie war atemlos. Selten hatte er bisher ihren Namen benutzt, er bevorzugte das formelle „Señorita“, das er mit einer solch übertriebenen Höflichkeit aussprach, dass es fast sarkastisch klang. Ein Sarkasmus, den sie zu fürchten begonnen hatte. Sein Blick glitt über ihre Erscheinung, über das schwarze Kleid, und er bedachte sie mit einem unmerklichen Achselzucken.

Cathy trat mit unsicheren Schritten in den Raum, bemüht, nicht zu stolpern. Sie ließ sich in einem der tiefen Ledersessel nahe dem offenen Kamin nieder. Sein Blick war eine sexuelle Anspielung, eine Beleidigung gewesen.

Angespannt sah sie ihm zu, wie er die goldene Flüssigkeit aus einer Flasche, die das Campuzano-Etikett trug, in ein Glas goss und vor sie hinstellte. „Probieren Sie den ‚Fino‘. Sollte er für Ihren Geschmack zu trocken sein, kann ich Ihnen einen ‚Oloroso‘ anbieten. Die Briten waren immer die größten Abnehmer für die süßen, schweren Sherrys – wir betrachten diese Weine hier jedoch als ein Getränk für ältere Damen –, aber der britische Geschmack scheint sich geändert zu haben. Wir exportieren jetzt sehr viel mehr ‚Fino‘ in Ihr Land.“

„Vielleicht haben sich die älteren Damen inzwischen einen besseren Geschmack angeeignet“, fuhr Cathy dazwischen. „Oder sie trinken lieber Gin.“

Musste er so überheblich sein? Oder war er von Natur aus so? Wahrscheinlich Letzteres, vermutete sie. Sie war verdutzt, als er dieses Mal lächelte, wirklich lächelte.

„Als Sir Drake den Bart des spanischen Königs gestutzt hatte, brachte er unter anderem auch mehrere Kästen Sherry als Beute nach England zurück und hat damit die ersten lukrativen Handelsverbindungen mit England geknüpft. Ich würde es nicht wagen, einen unserer besten Absatzmärkte zu kritisieren.“ Er setzte sich ihr gegenüber hin.

Die Lider halb gesenkt, schien sein Blick fast verführerisch. „Wie mundet Ihnen der Sherry?“

Sie musste sich von diesem hypnotischen Blick losreißen. Hastig nippte sie an dem Glas, nahm noch einen Schluck. Die kühle Flüssigkeit rann ihr die Kehle hinunter, schmeckte wie gefrorenes Sonnenlicht. „Sehr gut.“ Ihre Augen lächelten ihn an, und für einen Moment glaubte sie etwas wie Verbundenheit zwischen ihnen zu spüren. „Daran könnte ich mich gewöhnen.“ Gedankenverloren spielte sie mit dem Glas. „Wenn die Nachfrage nach süßem Sherry abnimmt, warum produzieren Sie dann nicht einfach mehr trockenen?“, fragte sie mit einem Interesse, das sie selbst überraschte.

„So einfach ist das nicht. Es hängt alles von der Gärung ab.“ Er füllte ihr Glas nach und bemerkte ihren verständnislosen Gesichtsausdruck. „Wenn wir nach Jerez fahren, werde ich Ihnen unsere Bodega zeigen und versuchen, es Ihnen zu erklären. Wenn es Sie interessiert.“

Sie war interessiert, gegen ihren Willen, trotz des gegenseitigen Misstrauens, trotz ihres Betrugs und seiner diktatorischen Arroganz. Sie lehnte sich in den Sessel zurück, versuchte, sich zu entspannen. Sie schlug die Beine übereinander.

„Wann genau werde ich Jerez zu sehen bekommen, und wann werde ich Ihre Mutter kennenlernen?“

„Warum so eilig?“ In seinem Blick lag Verachtung, als er betont langsam ihre Beine musterte. „Ist die Finca für Sie zu langweilig? Das Leben hier zu rustikal für Ihren Geschmack? Lo siento – tut mir leid, dass Sie so schnell gelangweilt sind.“

Dieser grässliche Mensch! Cathy wurde rot. Hastig stellte sie beide Füße auf den Boden und zog ihr Kleid hinunter. Unbeabsichtigt hatte sie ihre Beine entblößt, und er hatte darauf gestarrt wie auf ein zur Schau gestelltes Produkt – ein billiges Produkt, das er nie im Leben kaufen würde!

„Der Grund, weshalb ich eingewilligt habe, nach Spanien zu kommen, war, dass Ihre Mutter ihren Enkel sehen kann“, erwiderte sie kühl und distanziert. Sie war stolz auf sich, dass sie diesen Ton beibehalten konnte. „Wenn Sie mich nicht hinbringen, werde ich mich selbst darum kümmern müssen. Ich bin mir sicher, Tomás …“

„Meine Mutter wird Sie empfangen, wenn sie dazu bereit ist“, unterbrach er sie. „Franciscos Tod ist noch nicht lange her; sie braucht Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er ein Kind hinterlassen hat. Und Tomás wird Sie nirgendwo hinbringen, das verbiete ich ihm.“

Verbieten? Ja, dazu war er fähig. Sein Wort war Gesetz, und jeder Untertan in diesem kleinen Königreich würde es bis zum letzten Blutstropfen befolgen. Wut wallte in ihr auf, und ärgerlich fauchte sie ihn an: „Warum bin ich dann hier? Hätten Sie nicht warten können, bis sie bereit ist, ihn zu sehen? Warum verschwenden Sie meine Zeit?“

Ihre Rage wechselte sich mit purer Frustration ab, als sie seine regungslose Miene sah. Nur die Beherrschung sah man ihm an – die Beherrschung eines wohlerzogenen Mannes aus einer hohen Gesellschaftsschicht, der sich nie dazu herablassen würde, auf die hysterischen Anfälle einer Frau eine Reaktion zu zeigen. Sie fühlte sich plötzlich wie ausgepumpt und sank in sich zusammen, während er sich mit Würde erhob und einen versteckten Klingelknopf an der großen Tür drückte.

„Kommen Sie, es ist Zeit zum Essen.“

Einfach so. Als ob sie nie wütend gewesen wäre, als ob sie nie Fragen gestellt hätte.

Missmutig stand sie auf und folgte ihm. Sie wollte das Mahl so schnell wie möglich hinter sich bringen und dann zurück in ihr Zimmer, mit dem Baby. Sie wollte einen Plan ausarbeiten, was zu tun sei.

Am Tisch legte Cathy unwirsch die Leinenserviette über die Knie und wartete steif, während Paquita ihr eine Sopa de mariscos al vino de Jerez servierte.

Die Suppe war ausgesprochen gut. Cathy aß hastig. Sie hätte nie zugestimmt, mit ihm an einem Tisch zu sitzen, wenn sie nicht so hungrig gewesen wäre.

Das noch warme, knusprige Brot, das mit der Suppe serviert wurde, war unwiderstehlich. Cathy kaute mit vollem Mund und stellte fest, dass ihr Blick gebannt auf der schlanken braunen Hand lag, die ihr jetzt ein Glas über den Tisch zuschob. Ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt.

„Manzanilla passt perfekt zum Essen. Ein Teil des großen Vergnügens, ein gutes Mahl zu genießen“, teilte er ihr leicht überheblich mit. Sie wusste, auf seine Art hatte er ihr damit gesagt, dass er nichts, aber auch gar nichts von ihren Tischmanieren hielt. Cathy legte den Löffel aus der Hand und hatte enorme Schwierigkeiten, den ersten Schluck zu trinken. Er ließ keine Gelegenheit aus, sie herunterzumachen. Der Appetit war ihr vergangen.

„Dieser Wein kommt von den Campuzano-Weinbergen aus der Gegend um Sanlúcar de Barrameda. Man sagt, die Brise des Atlantiks verleihe ihm seinen einzigartigen, leicht trockenen Geschmack.“ Nahezu gedankenversunken trank er einen Schluck von seinem Glas, wobei er sie aus halb gesenkten Lidern herausfordernd ansah. Und mehr aus Reflex nippte auch sie an ihrem Glas.

Der Sherry war gekühlt, erfrischend und leicht.

Er hatte ihre angenehm überraschte Miene bemerkt, machte jedoch keinen Kommentar dazu. „Essen Sie Ihre Suppe! Paquita wird zutiefst gekränkt sein, wenn der Teller nicht leer ist!“

„Ich bin kein Kind“, hielt sie ihm steif entgegen.

Sie spürte seinen Blick über ihre Rundungen gleiten, hörte, wie er zustimmte: „Nein, das kann man nicht sagen“, und entschloss sich, nicht auf diese Bemerkung einzugehen.

Cathy schwieg würdevoll während des gesamten restlichen Mahls. „Karamellkuchen zum Nachtisch?“ Campuzano griff nach dem Tortenheber.

Paquita hatte abgeräumt und sich zurückgezogen, er stand neben der Dessertplatte.

Cathy schüttelte den Kopf. Sie konnte keinen Bissen mehr hinunterbringen. Außerdem war ihr der Sherry in den Kopf gestiegen. Sie war nicht daran gewöhnt, Alkohol in solchen Mengen zu trinken.

Der silberne Tortenheber wurde vorsichtig wieder auf den Tisch zurückgelegt, und Campuzano lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich habe gehört, dass Sie Rosa mehr oder weniger abgeschoben, ihre Hilfe für unnötig erklärt haben.“ Das Lächeln, das um seinen sinnlichen Mund spielte, war kühl, und seine Stimme klang viel zu gleichförmig. „Wenn Sie mir damit beweisen wollen, was für eine fürsorgliche Mutter Sie sind, haben Sie es umsonst getan.“ Wieder starrte er sie herausfordernd an.

Cathy verbiss sich den wütenden Kommentar, der ihr auf der Zunge lag. Sie traute sich selbst nicht, hatte nach all dem Alkohol ihre Selbstsicherheit verloren. Sie hätte sich ohrfeigen können, dass sie so viel getrunken hatte. Sie hoffte, er würde ihr Schweigen als Verachtung für ihn auffassen und stand wortlos auf – und schwankte gefährlich, sodass sie sich sofort wieder hinsetzen musste.

„Ich kann nur für Juan hoffen, dass Sie Rosa aus dem erzwungenen Ruhestand wieder zurückrufen“, hörte sie ihn sarkastisch sagen.

Ich bin betrunken und habe mich doch um ein Baby zu kümmern! dachte sie, während sich alles vor ihren Augen drehte.

Wahrscheinlich hatte dieser niederträchtige Kerl ihr absichtlich so viel Wein eingeschenkt. Um zu beweisen, dass sie keine gute Mutter sein konnte – für niemanden, erst recht nicht für seinen Neffen!

Wie Cathy wieder auf die Füße gekommen und wie sie es geschafft hatte, ohne zu schwanken bis zur Tür zu kommen, hätte sie nicht sagen können. Sie brachte sogar ein steifes „Gute Nacht“ heraus, bevor er sich aus seinem Stuhl erhob und mit einer überheblich hochgezogenen Augenbraue fragte: „Sagen Sie mir – Sie behaupten, Ihr Name sei Cathy. Wieso nennen Sie dann alle Kollegen und Freunde Cordy – oder Cordelia?“ Mit einem dünnen Lächeln hob er die Achseln. „Ich bin mir sicher, es gibt da eine logische Erklärung. Aber ich mag keine ungeklärten Sachen, also klären Sie mich auf.“

Cathy starrte ihn an. Er hatte einen Verdacht, sie fühlte, dass er einen Verdacht hatte. Hatte er absichtlich mit dieser Frage gewartet, bis der Alkohol seine Wirkung bei ihr zeigte? Damit sie nicht mehr in der Lage war, eine plausible Ausrede zu erfinden?

Die Zunge klebte ihr am Gaumen, verweigerte den Dienst, ihr Herz hämmerte gegen die Rippen. Und er lächelte sie an, mit einem Lächeln, bei dem sie Gänsehaut bekam. „Vielleicht sollte ich Ihr Gedächtnis ein wenig auffrischen.“ Seine makellosen Zähne schimmerten zwischen seinen Lippen. „Nachdem ich die Briefe gelesen und von der Existenz meines Neffen erfahren hatte, habe ich ein paar Nachforschungen angestellt. Wie ich Ihnen bereits sagte, war die Unterschrift auf den Briefen nicht zu entziffern, doch bei allen Nachfragen ergab sich derselbe Name – Cordelia Soames. Oder Cordy, wie Ihre Freunde sagen – die, so darf man wohl behaupten, sehr zahlreich und fast alle männlich sind. Sehr … intime Freundschaften.“

Wenn nichts sie hätte ernüchtern können – dieser letzte Satz, gesprochen mit der ganzen Verachtung, die er hineinlegte, schaffte es. Wie konnte er es wagen, ihre Schwester als … ja, als eine Schlampe zu bezeichnen, die mit jedem, der ihr gefiel, ins Bett ging? Cordy liebte ihren Beruf, liebte die Glitzerwelt der Partys und Gesellschaften. Und Flirten war für sie nichts als ein Spiel, schon seit sie fünfzehn Jahre alt gewesen war. Cordy schlief nicht sofort mit jedem.

Ihre Gedanken waren jetzt glasklar. Mit einem Lächeln, das jeden zur Salzsäule hätte erstarren lassen, und einer Stimme, die scharf wie ein Rasiermesser klang, antwortete sie: „Aber, Señor, natürlich würde ich Sie nie im Dunkeln tappen lassen. Cordelia ist mein Pseudonym für den Beruf. Ich dachte mir, dass Cathy ein wenig zu hausbacken klingt. Meinen Sie nicht auch?“

Das muss er akzeptieren, dachte sie, als sie zur Tür hinausging. Er würde sich schon bessere Fangfragen ausdenken müssen, bevor sie sich austricksen ließ – gleich, ob sie nüchtern oder beschwipst war. Eigentlich machte sie gute Fortschritte in diesem Spiel!

Die Sonne schien so hell, dass Cathy die Augen schloss und die breite Krempe des Strohhuts tiefer ins Gesicht zog. Rafael, der Älteste von Paquita und Tomás, hatte sie auf dem Traktor mit in die Weinberge genommen. Sie ließ sich von ihm bei einem kleinen Pinienhain absetzen und genoss die wunderbare Landschaft.

Der Traktor fuhr davon und ließ eine weiße Staubwolke hinter sich – den Staub der Albariza-Gegend, jenes Dreiecks zwischen Jerez, Puerto de Santa María und Sanlùcar de Barrameda, eingerahmt von den Flüssen Guadalquivir und Guadalete. Nur hier gedieh der einzigartige Wein. Das hatte sie von Rosa erfahren, die entschlossen war, ihr so viel Informationen wie möglich zu liefern wie auch sich mit ihr anzufreunden.

Wahrscheinlich war es auch Rosas Freundschaft und die Mühe, ihr alles über die Gegend zu erzählen, die es Cathy überhaupt ermöglichte, sich so entspannt zu fühlen. Das und die Abwesenheit Campuzanos.

Er hatte die Finca zwar nicht verlassen, aber er aß jeden Abend außer Haus. Mit seiner Mutter, hatte Rosa gesagt, aber Cathy hatte ihre Zweifel daran laut werden lassen. Die Dame, mit der er sich jeden Abend traf, war wahrscheinlich viele Jahre jünger als Doña Luisa, und sicher war ihre Beziehung keine Mutter-Sohn-Beziehung!

Seltsam, dass sie so voller Groll darauf reagierte. Aber das lag nur daran, dass er sie unter einem Vorwand von zu Hause weggelotst hatte – unter dem Vorwand, dass seine Mutter ihren Enkel kennenlernen sollte. Und wann dieses Treffen stattfinden sollte, war jetzt genauso unklar wie zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in Spanien.

Dabei hatte er Johnny nicht vergessen. Es verging kein Tag, an dem Campuzano sich nicht Zeit nahm und mit dem Kind spielte. Sein Lachen und seine Zuneigung für den Jungen waren echt – ebenso wie seine Abneigung und der verächtliche Blick für sie echt waren. Aber irgendetwas Anderes lag noch in den kühlen Augen, eine stumme Frage, etwas, das ihn ständig zu beschäftigen schien.

Mit einem Achselzucken tat Cathy die Erinnerung an diesen seltsamen Blick ab und kletterte vorsichtig über einen niedrigen Zaun. Feldblumen bildeten leuchtende Farbkleckse im kurzen Gras, ihr Künstlerauge konnte sich nicht daran sattsehen. In dieser Umgebung konnte man unmöglich schlechter Laune sein. Andalusien war ein wunderschönes Land, und sie fühlte sich hier schon fast zu Hause. Wenn Johnny seinen Mittagsschlaf hielt und Rosa bei ihm blieb – für den Fall, dass er aufwachen sollte –, ging Cathy spazieren, auf der Suche nach verschiedenen Szenarien, die sie zu Hause in England auf der Leinwand festhalten wollte. Häufig setzte sie den Kleinen auch in den Kinderwagen und streifte mit ihm durch die abgelegenen Gassen der Stadt, zeichnete ein paar schnelle Entwürfe und machte einige Fotos, nach denen sie später die Bilder malen wollte.

Sie musste arbeiten, daran war nun einmal nichts zu ändern. Das Auftragsbild hatte sie vor ihrer Abfahrt beendet, und das Honorar hatte für zwei Monatsmieten und – rechnungen sowie eine kleine Summe für den Aufenthalt in Spanien ausgereicht. Aber das war es auch schon.

Sie zog die Leinentasche, in der sie ihre Ausrüstung mit sich trug, höher auf die Schulter und ging auf den Hain zu. Der leichte Stoff ihres Kleides flatterte in der warmen Brise und schmiegte sich an ihren Körper. Wenn Cordy sie so hätte sehen können, wäre ihr der Mund offen stehen geblieben!

Ein paar Jahre vor der schicksalhaften Party in Sevilla hatte Cordy ihr einen ihrer seltenen Besuche abgestattet.

„Hier, das kannst du haben“, hatte sie damals gesagt und ein Kleid aus dem Koffer gezogen, während sie ihre Sachen in Cathys winzigem Gästezimmer verstaut hatte. „Wahrscheinlich wirst du es sowieso nie tragen, in Sachen Mode bist du einfach zu konservativ und bieder. Wenn du es nicht willst, kannst du es immer noch in die Kleidersammlung geben.“

„Oh, tausend Dank“, hatte Cathy trocken erwidert und sich das Kleid angesehen.

Der cremefarbene Stoff war fast durchsichtig, der Schnitt locker und weit. Es war ein ärmelloses Kleid, mit kleinen Knöpfen aus Perlmutt von dem weiten Ausschnitt bis hinunter zum Saum, der die Knie umspielte. Es war wunderschön und offensichtlich sehr teuer gewesen.

„Für mich ist es einfach zu verspielt. Ich weiß gar nicht, wieso ich es gekauft habe.“

Cathy hatte es nicht getragen, aber sie hatte es auch nicht weggegeben. Normalerweise zog sie nüchterne, haltbare Sachen vor, die zu ihrem Lebensstil passten. Auffallende Kleidung war für ihre Schwester reserviert. Sie hatte das Kleid behalten, einfach, weil es schön war und ein wenig aufreizend. Und als Campuzano ihr gesagt hatte, sie solle Kleidung für ein warmes Klima mitnehmen, hatte sie das Kleid mit eingepackt.

Der weiche Stoff ließ sie sich unerhört feminin fühlen. Sie kam sich weder konservativ noch bieder vor. Cordy müsste sie wirklich so sehen. Aber wenn Cordy sie vielleicht für ein wenig steif hielt, dann deshalb, weil sie in jungem Alter schon Verantwortung hatte übernehmen müssen. Vor zehn Jahren war sie noch ein normaler, quicklebendiger Teenager von fünfzehn Jahren gewesen, bis das Unwetter über ihr Leben hereingebrochen war: Ihr Vater hatte plötzlich angekündigt, dass er nach Südamerika gehen wolle. Mit einer anderen Frau …

Ihre Mutter hatte den Schock nie überwunden und sich ganz auf Cathy gestützt. Als Cordy flügge wurde, war es Cathy gewesen, die mehr oder weniger die erziehende Rolle übernommen hatte.

Sie ließ sich in den Schatten der Pinien sinken, um sich auszuruhen, und verscheuchte die alten Erinnerungen. Eine Eidechse sah sie mit blitzenden Augen an und huschte davon.

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