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ROMANA GOLD BAND 13

JACQUELINE BAIRD

Unter heißer Sonne

Hübsch ist sie ja, trotzdem hält Alex erst nicht viel von Ginger, der jungen Kosmetikerin, die er nur widerwillig an Bord seiner Jacht aufnimmt. Ihr verführerischer Augenaufschlag, ihre scheinbar ehrliche, offene Art – auf ihn wirkt das berechnend. Welchen Plan verfolgt sie – versucht sie etwa, ihn unter der glühenden Sonne der Ägäis zu verführen?

JANE DONNELLY

Ein Prinz für Dornröschen

Zugegeben, Rafe könnte sich Schöneres vorstellen, als mit Caroline in den verschneiten Bergen Kretas herumzuklettern. Sie dabei allein lassen will er aber auch nicht. Und sich in sie verlieben will er noch viel weniger: Caroline ist mit seinem Bruder verlobt. Doch ungeplant muss er die Nacht mit ihr in einer abgeschiedenen Hütte verbringen …

CHARLOTTE LAMB

Viel zu jung für diese Liebe

Bezaubernd! Olivia, die junge Engländerin, die Max Agathios am Strand von Korfu kennenlernt, ist ganz anders als die Frauen, denen er bisher begegnet ist. So süß und unschuldig. Aber eine Beziehung mit ihr kommt für den stolzen Griechen nicht infrage – sie ist viel zu jung. Denkt er. Bis sie sich mit einem anderen verlobt und ihn die Eifersucht quält …

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Unter heißer Sonne

1. KAPITEL

Ginger ließ sich auf dem Plastikstuhl des Straßencafés nieder und lächelte die ältere Dame an, die ihr gegenübersaß. „Ich habe gezahlt und den Besitzer gebeten, uns ein Taxi zu bestellen. Es ist halb sechs, und um sieben müssen wir wieder an Bord sein.“

„Jetzt verbreiten Sie keine Hektik, trinken Sie lieber Ihren Wein, Kind.“

„Ihr Wunsch ist mir Befehl“, scherzte Ginger. „Aber denken Sie daran, dass das schon Ihr drittes Glas ist. Wenn Sie nachher wieder Ihre Arthritis plagt, dürfen Sie sich bei mir nicht beklagen.“ Lächelnd trank sie einen Schluck Wein. Sie brachte es nicht über sich, Anna die paar Minuten in dem kleinen Café in der Altstadt von Rhodos zu versagen. Schon gar nicht, nachdem die alte Dame stundenlang nach diesem Café gesucht hatte.

„Warum musste es denn unbedingt dieses Lokal sein?“, fragte Ginger zum wiederholten Male, ohne ernsthaft eine Antwort zu erwarten. Anna hatte ein großes Geheimnis um ihre Suche nach diesem Café gemacht, aber daran störte Ginger sich nicht.

Einen Monat zuvor hatte sie noch als Kosmetikerin und Aromatherapeutin für eine Londoner Agentur gearbeitet, die ihre Dienste Privatkunden, aber auch verschiedenen Kliniken offerierte. Damals hatte Anna Statis’ Arzt sie angefordert. Die alte Dame war gestürzt und hatte sich dabei die Schulter böse geprellt. Da sie außerdem in beiden Knien Arthritis hatte, konnte sie sich nach ihrem Unfall nur noch schlecht bewegen. Der Arzt hatte Anna eine Aromatherapie empfohlen, und die Agentur hatte ihr Ginger vermittelt. Zehn Tage später hatte sie einen Sechsmonatsvertrag als persönliche Aromatherapeutin bekommen, und seit einer Woche machten die beiden Frauen an Bord der Pallas Corinthian eine Kreuzfahrt durch die griechische Inselwelt. Für Ginger hätte das Leben im Augenblick nicht schöner sein können. Sie seufzte genüsslich und hob das Glas an die Lippen.

Anna und sie hatten einen vergnüglichen Nachmittag damit verbracht, durch die Straßen von Rhodos zu schlendern. Dabei waren sie schließlich auf das Café gestoßen, was Anna mit Begeisterung, Ginger dagegen eher mit Erleichterung erfüllt hatte. Sie wollte vermeiden, dass die alte Dame sich überanstrengte.

„Hier wurde mein Sohn gezeugt.“

„Wie bitte?“ Ginger schreckte hoch und hätte sich dabei fast an ihrem Wein verschluckt. „Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder? In einem Straßencafé?“

„Doch, das stimmt. Ich war damals Tänzerin auf einem Kreuzfahrtschiff. Für eine junge Engländerin aus gutem Hause war das zu meiner Zeit noch äußerst gewagt. Das Schiff legte regelmäßig in Rhodos an. So habe ich mich schließlich in einen gut aussehenden Griechen namens Nikos Statis verliebt, und genau diese Woche vor vierzig Jahren wurde in einem kleinen Zimmer über dem Café mein Sohn Alexandros gezeugt.“

Ginger musterte ihre Chefin eindringlich. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihr glauben sollte. Anna Statis war Mitte sechzig. Ihr einst blondes, inzwischen aber weißes Haar war im Nacken zu einem Knoten gesteckt und ließ den Blick frei auf ihr noch immer attraktives Gesicht. Ihre sonst strahlenden blauen Augen wurden allerdings in diesem Moment von einem wehmütigen Ausdruck getrübt.

„Und jetzt sind Sie wieder hier! Das ist ja richtig romantisch“, sagte Ginger schließlich, obwohl sie insgeheim ihre Zweifel hatte. Schon eine Woche, nachdem sie ihre Stellung bei Anna angetreten hatte, hatte sie miterlebt, wie die alte Dame ihren Arzt eindrucksvoll davon überzeugt hatte, dass eine Kreuzfahrt das beste Heilmittel für sie sei. Anna mochte gebrechlich wirken, aber sie verstand es auf erstaunliche Art und Weise, immer ihren Kopf durchzusetzen.

„Romantisch! Das fand ich damals auch“, fuhr Anna leise fort. „Aber da hatte ich mich ganz schön getäuscht.“

Jetzt wurde Ginger doch neugierig und wollte mehr hören. „Getäuscht? Inwiefern?“

„Irgendwann muss ich Ihnen meine Lebensgeschichte erzählen. In der kurzen Zeit, die wir jetzt zusammen sind, sind Sie mir schon vertrauter als die meisten Menschen. Wahrscheinlich weil Sie, genau wie ich, den größten Teil Ihres Lebens allein und einsam waren.“

„Aber Sie haben doch einen Sohn!“ Anna sprach oft von ihm, aber er vernachlässigte sie sträflich. Soweit Ginger wusste, hatte Alexandros seine Mutter nicht ein einziges Mal angerufen, seit sie für die alte Dame arbeitete.

„Ja, schon.“

Offensichtlich standen die beiden sich nicht sehr nahe. Typisch männlicher Egoist, dachte Ginger verächtlich, aber in diesem Moment fuhr das Taxi vor, sodass ihr keine Zeit blieb, weitere Fragen zu stellen.

Anna trank aus und lächelte plötzlich wieder. „Dass wir dieses Café heute gefunden haben, hat mir geholfen, mit meiner Vergangenheit wieder ins Reine zu kommen. Aber jetzt machen wir uns lieber auf den Rückweg.“

„Ja.“ Ginger stand auf und fügte dann hinzu: „Ich bin froh, dass wir Ihr Café ausfindig gemacht haben. Sie sehen viel zufriedener aus.“

„Das bin ich auch! Vielen Dank für Ihre Mühe, Ginger.“

Ginger lächelte, nahm ihre Tasche und half dann der alten Dame auf. Sie wartete noch einen Moment, während Anna einen letzten nachdenklichen Blick auf das Haus warf, und wollte ihr dann gerade in den Wagen helfen, als zu ihrer Überraschung plötzlich jemand laut schrie: „Aus dem Weg da!“ Gleichzeitig griff eine Hand nach dem Riemen ihrer Handtasche und kratzte Ginger dabei mit den Fingernägeln über den Arm.

Erschrocken ließ sie Anna los und rief: „Vorsicht, ein Dieb!“

Eine Kindheit im Waisenhaus und ein Kurs in Selbstverteidigung hatten Ginger auf fast jede Situation vorbereitet. In einer blitzartigen Reflexbewegung packte sie den Angreifer mit Finger und Daumen an der Kehle, während sie ihm gleichzeitig ihr Knie in den Unterleib stieß. Dann drehte sie sich um und drückte Anna sanft wieder auf ihren Platz. „Keine Sorge, Anna, ich habe alles im Griff.“

Dabei musterte sie sie besorgt, stellte aber dann erstaunt fest, dass die alte Dame von dem unangenehmen Zwischenfall nicht im Geringsten erschüttert war. Sie lächelte sogar, und schließlich lachte sie schallend.

„Das ist nicht komisch, wir wären fast ausgeraubt worden!“

„Ach, Ginger! Wenn ich jemals Zweifel an Ihrer Befähigung für diese Stellung hatte, dann haben Sie die jetzt bestimmt ausgeräumt.“ Unter großem Gelächter, das das gequälte männliche Ächzen im Hintergrund fast übertönte, fügte sie hinzu: „So etwas Komisches habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen!“

Ginger war sich in ihrer Aufregung gar nicht bewusst, welch beeindruckender Anblick sie in diesem Moment war. Ihre hochgewachsene Gestalt in sportlichen Shorts und knappem Top, die rotgoldene Lockenmähne und ihre blitzenden grünen Augen ließen sie wie eine Rachegöttin aussehen.

„Was ist denn daran komisch?“, fragte sie aufgebracht. Sie warf einen Blick auf den Mann, den sie außer Gefecht gesetzt hatte. „Der Kerl hat versucht, uns anzugreifen.“ Sein Gesicht konnte Ginger nicht sehen, aber sein Stöhnen war noch zu hören. Er kauerte zusammengekrümmt auf dem Boden und hielt sich die Hände über seine empfindlichste Stelle.

Inzwischen hatte sich eine ganze Menge Zuschauer um sie versammelt, darunter auch der Besitzer des Cafés. „Soll ich die Polizei rufen?“, fragte er.

Ginger zögerte einen Moment. Sie mussten bald zurück an Bord sein. Wenn sie durch die Polizei aufgehalten wurden, würden sie vielleicht ihr Schiff verpassen. Sie sah hinüber zu Anna, die sich gerade mit einer Hand die Lachtränen aus dem Gesicht wischte, während sie mit der anderen heftig abwinkte. „Nein, keine Polizei.“

„Dann lassen Sie uns einsteigen und fahren.“ Ginger wurde plötzlich bewusst, wie viel Aufsehen sie erregt hatte, und das war ihr unangenehm. Sie umklammerte ihre Tasche und schielte verunsichert hinüber zu ihrem Widersacher, der sich inzwischen aufgerappelt und auf einem Stuhl niedergelassen hatte. Dabei sah sie zum ersten Mal sein Gesicht.

Tiefschwarzes Haar fiel in wirren Locken über eine breite Stirn, dunkle Augen blitzten unter perfekt geschwungenen Augenbrauen. Die Nase des Mannes war groß und leicht gekrümmt, das Kinn energisch und sein Mund breit, die Lippen noch vor Schmerz verzogen. Gingers Blick glitt ein Stück tiefer zu seinen breiten Schultern. Ein weißes T-Shirt umspannte seinen muskulösen Oberkörper, und aus seinen abgeschnittenen Jeans ragten kräftige, behaarte Beine. Alles in allem sah der Mann ausgesprochen furchterregend aus, und Ginger wurde plötzlich ganz flau zumute. Sie konnte gar nicht fassen, dass sie mit diesem Kraftpaket überhaupt fertig geworden war.

Seltsamerweise kam ihr der Mann irgendwie bekannt vor, obwohl das eigentlich nicht sein konnte. Ginger verdrängte den Gedanken schnell. „Kommen Sie, Anna, steigen Sie ein. Mit einem solchen Typen brauchen wir uns nicht abzugeben, den schnappt die Polizei noch früh genug.“ Eilig schob sie die alte Dame ins Taxi. Sie konnte auf einmal nicht schnell genug wegkommen. Der Mann sah aus, als hätte er sich fast erholt, und das wollte Ginger nicht abwarten.

„Nein, nein, Ginger, Sie haben mich missverstanden“, protestierte Anna lachend. „Das ist mein Sohn Alexandros. Alex.“

„Was? Das ist Ihr Sohn?“ Ginger sah sie ungläubig an. „Das kann doch nicht sein!“

„Doch, ehrlich.“ Mittlerweile hatte sich Anna wieder etwas gefasst.

„Vielen Dank, Mutter. Es freut mich, dass dich meine missliche Lage so erheitert“, ertönte plötzlich eine tiefe männliche Stimme.

Ginger war wie vor den Kopf geschlagen, aber dann musste sie doch lächeln.

„Und was Sie angeht, wer immer Sie auch sein mögen“, fuhr der Mann barsch fort, „an Ihrer Stelle würde ich nicht lachen. Wenn hier einer die Polizei rufen sollte, dann bin das ich, weil Sie mich völlig grundlos angegriffen haben.“

„Du solltest dich mal hören, Alex“, unterbrach seine Mutter ihn. „Du klingst wie ein eingebildeter Esel.“ Anna griff nach Gingers Arm. „Sie haben recht, meine Liebe, wir sollten fahren. Schließlich wollen wir unser Schiff nicht verpassen.“

Aber so einfach sollten sie nicht davonkommen. Trotz seiner Größe und seines angeschlagenen Zustands war Alex blitzschnell auf den Füßen und drängte Ginger und seine Mutter in das Taxi. Dann zwängte er sich neben sie auf den Rücksitz und rief dem Fahrer auf Griechisch etwas zu.

„Vielleicht erklärst du mir mal, wieso du mit dieser rothaarigen Furie eine Kreuzfahrt machst“, sagte Alex, als der Wagen losgefahren war.

„Ich mache Urlaub“, erwiderte Anna. „Ginger ist meine Begleiterin. Und bevor du fragst – Dr. Jenkins hat es erlaubt.“

Ginger spürte, dass Alex sie ansah, und hielt deshalb den Kopf gesenkt. Nach der Aufregung der letzten halben Stunde wurde ihr erst jetzt richtig bewusst, was sie getan hatte. Sie hatte den Sohn ihrer Arbeitgeberin angegriffen. Damit konnte sie ihren Traumjob wohl abschreiben. Dabei hatte sie fest auf ihren Sechsmonatsvertrag gebaut, um mit dem Verdienst ihren Kontostand dem magischen Betrag näher zu bringen, den sie zur Eröffnung eines eigenen Kosmetikstudios brauchte. Jetzt sah sie ihren Traum wie eine Seifenblase zerplatzen.

Unvermittelt ließ Alex einen griechischen Wortschwall auf Anna los und streckte zur Bekräftigung seinen Arm nach ihr aus. Als er dabei Gingers nackten Rücken berührte, zuckte sie nervös zusammen.

Sie konnte sich vorstellen, was für ein Mensch Alex war. Roh und gefühllos. Seine eigene Mutter hatte angedeutet, dass sie sich nicht sehr nahe standen. Nach der arroganten Art, wie er sie beide wie lästige Gepäckstücke ins Taxi verfrachtet hatte, konnte Ginger das verstehen. Arroganter Grobian, dachte sie und bemerkte dann erschrocken, dass sie es laut gesagt hatte.

„Wenn Sie den morgigen Tag noch erleben wollen, dann würde ich an Ihrer Stelle jetzt den Mund halten. Sie haben schon genug angerichtet! Meine Mutter entführt, mich angegriffen … Noch ein Wort, und Sie landen in einem griechischen Gefängnis.“

„Genug jetzt, Alex“, fuhr Anna ihm streng über den Mund. „Ein Taxi ist kein Ort zum Streiten. Außerdem sind wir da.“

Ohne ein weiteres Wort stieg Alex aus und ging auf die andere Wagenseite, um seiner Mutter die Tür aufzuhalten. Als Ginger verstohlen zu den beiden hinübersah, bemerkte sie, wie Alex seiner Mutter einen leichten Kuss auf den Kopf hauchte, ehe er sie die Gangway des Schiffs hinaufbegleitete.

Ginger wurde plötzlich unsicher. Vielleicht hatte sie sich in Alexandros doch getäuscht. Bei dem Gedanken an den Vorfall vor dem Café fiel Ginger gleich noch etwas ein. Für eine Frau, die ihren Sohn angeblich kaum zu sehen bekam, hatte Anna angesichts seines plötzlichen Erscheinens wenig überrascht gewirkt, sondern eher erheitert. Das erschien Ginger reichlich merkwürdig.

Sie seufzte leise. Was machte das jetzt schon? Sie war sich ziemlich sicher, dass sie ihren Job los war. Die Kreuzfahrt hätte sie gern noch zu Ende gemacht, aber Alex Statis’ bitterbösem Gesichtsausdruck nach würde sie wohl schon im nächsten Flugzeug nach England sitzen.

Aber da sollte sie sich getäuscht haben …

Auf dem Schiff hielt Ginger es für angebracht, Mutter und Sohn erst einmal eine Weile allein zu lassen. In der Zwischenzeit unterhielt sie sich mit einem Mitreisenden, der ihr von seinem Tagesausflug nach Lindos vorschwärmte.

Als Ginger wenig später in die Kabine kam, spürte sie sofort, dass etwas in der Luft lag. Anna saß mit gefalteten Händen in einem Sessel, während Alex wie ein Tiger im Käfig auf und ab ging.

„Schnelligkeit ist wohl nicht Ihre Stärke, Miss Martin?“ Er sah Ginger aus seinen dunklen Augen so zornig an, dass sie erschrocken zusammenzuckte.

„Mir war nicht bewusst, dass Grund zur Eile besteht“, erwiderte sie. „Schließlich sind wir ja noch drei Tage auf dem Schiff.“

„Nein, sind Sie nicht.“ Ginger wurde flau im Magen. Ihr sollte also tatsächlich gekündigt werden! Zu ihrer Überraschung fügte Alex jedoch hinzu: „Sie packen jetzt und machen sich reisefertig. Ich werde den Kapitän bitten, mit dem Ablegen zu warten, bis Sie fertig sind. Aber beeilen Sie sich, jede Minute kostet mich ein Heidengeld.“

„Wohin ziehen wir denn um?“, fragte Ginger verwirrt.

„Auf meine Jacht. Für Fragen ist jetzt keine Zeit. Mutter besteht darauf, dass Sie Ihren Vertrag erfüllen. Offenbar hält sie Sie für unersetzlich.“

Er musterte sie von Kopf bis Fuß, wobei sein Blick einen Moment auf ihren Brüsten verweilte, die sich unter dem dünnen Top abzeichneten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen schien er die Meinung seiner Mutter nicht zu teilen.

Mit zwei schnellen Schritten stand er plötzlich direkt vor Ginger. Sie musste sich zusammennehmen, um ihn nicht instinktiv von sich wegzustoßen. Der Mann hatte etwas Bedrohliches, das sie sich nicht erklären konnte.

„Leute wie Sie kenne ich zur Genüge, und ich bin mir nicht sicher, dass Sie Ihr Geld wert sind“, riss Alex’ spöttische Stimme sie aus ihren Gedanken. „Für mich sind Sie reine Geldverschwendung.“

Ginger schnappte empört nach Luft und holte unwillkürlich zur Ohrfeige aus, aber Alex fing ihre Hand ab und fuhr unverschämt fort: „Meiner Mutter zuliebe habe ich mich jedoch gegen meine Überzeugung dazu bereit erklärt, Sie bleiben zu lassen.“

Die Berührung seiner kräftigen Finger ließ Ginger erschauern. „Lächeln Sie“, zischte er ihr zu und fügte dann für Anna laut hinzu: „Dann sind wir uns also einig, Ginger. Schlagen Sie ein.“ Um den Schein zu wahren, blieb Ginger nichts anderes übrig, als seiner Anweisung Folge zu leisten.

Sie war noch ganz außer sich, als Alex ihr im Hinausgehen leise zuflüsterte: „Glauben Sie ja nicht, ich hätte das von vorhin vergessen. Das werden Sie mir büßen, Sie grünäugige Hexe.“ Er ließ sie stehen und knallte die Tür hinter sich zu.

Eine Mischung aus Wut und Angst stieg in Ginger hoch. So ein arroganter Fiesling! Wie kam er dazu, ihr zu drohen? Am liebsten wäre sie einfach auf und davon, aber Annas flehentlicher Blick hielt sie zurück.

„Ich muss mich für meinen Sohn entschuldigen. Er kann manchmal sehr anmaßend sein, aber er will nur mein Bestes. Sie kommen doch mit, oder? Ich brauche Sie.“

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Ihr Sohn und ich werden bestimmt nicht gut miteinander auskommen, schon gar nicht, nachdem ich ihn vorhin beinahe zum Krüppel gemacht hätte.“ Ein Lächeln huschte über Gingers Gesicht.

„Das war nicht Ihre Schuld, Ginny. Alex nimmt Ihnen das sicher nicht übel. Außerdem ist seine Jacht riesengroß, und wie ich Alex kenne, werden wir ihn kaum zu sehen bekommen. Normalerweise hat er immer irgendeine Frau dabei, wenn nicht sogar mehrere. Und dann ist da ja noch die Familie.“ Anna zog die Stirn kraus. „Deshalb wollte ich lieber eine normale Kreuzfahrt machen. Mit Fremden macht so was einfach mehr Spaß.“

Gingers Hoffnungen sanken noch weiter. Wie konnte ein Sohn seine Mutter nur derart rücksichtslos behandeln? Sie mit in den Urlaub nehmen und dann sich selbst überlassen, während er sich mit seinen neuesten Gespielinnen amüsierte? Mehr schienen Frauen für einen aggressiven Macho wie ihn nicht zu sein.

„Aber der Arzt hat Ihnen Aufregung verboten. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie ihrem Sohn einfach die Wahrheit sagten.“ Anna hatte sowohl ihren Arzt als auch Ginger zu strengstem Stillschweigen über ihren Unfall verpflichtet. Sie wollte auf keinen Fall, dass ihr Sohn davon erfuhr und sich um sie sorgte. Ginger hielt es für höchste Zeit, dass Alex sich einmal um seine Mutter kümmerte, anstatt sie in London zurückzulassen, während er in Griechenland war oder um die Welt jettete.

„Wenn er Bescheid wüsste, würde er sicher bei Ihnen bleiben, und Sie bräuchten mich gar nicht.“

„Sie verstehen das nicht, meine Liebe. Ich kann es Alex nicht sagen. Ich weiß genau, wie er reagieren wird. Er wird mir erklären, ich sei zu alt, um allein zu leben. Er wird darauf bestehen, dass ich mein Zuhause in London aufgebe und zur Familie ziehe. Das wäre schrecklich für mich. Ich brauche meine Unabhängigkeit. Versprechen Sie mir, dass Sie bleiben?“

Ginger seufzte im Stillen. Sie durfte ihre Patientin nicht im Stich lassen, ganz gleich, wie unsympathisch ihr der Sohn der armen Frau war. Auch wenn „arme Frau“ vielleicht nicht die richtige Bezeichnung war. Ginger musste lächeln. Selbst der mächtige Alex Statis hatte sich dem Willen seiner Mutter gebeugt und Ginger bleiben lassen. Offensichtlich war Anna trotz ihrer zerbrechlich wirkenden Erscheinung eine willensstarke alte Dame.

„Ja, natürlich“, antwortete Ginger schließlich etwas gequält und ging dabei zum Schrank. „Dann packe ich wohl jetzt besser.“

Ginger wälzte sich unruhig in ihrem Bett und schob sich schließlich die leichte Satindecke vom Oberkörper, obwohl es nicht die Hitze war, die ihr den Schlaf raubte. Die Jacht hatte eine Klimaanlage. Es war auch nicht das Geräusch der Schiffsmotoren. Der Grund für ihre Ruhelosigkeit war einzig und allein das Auftauchen einer so furchterregenden Gestalt wie Alex Statis in ihrem Leben.

Alex hatte Anna und sie in verblüffender Geschwindigkeit von ihrem Kreuzfahrtschiff zunächst in ein Taxi und später in einen Hubschrauber verfrachtet. Um zehn Uhr abends war der Helikopter dann an Bord einer luxuriösen Hochseejacht gelandet, die vor der griechischen Küste ankerte.

Ein Steward hatte Ginger zu ihrer Kabine geleitet. Und was für eine Kabine! Ein mahagonigetäfelter Raum mit riesigem Bett und eigenem Badezimmer. Annas Quartier war sogar noch luxuriöser und hatte einen separaten Salon.

Beim Auspacken hatte Ginger versucht, ihre Chefin ein wenig auszuhorchen, aber aus irgendeinem Grund war die alte Dame sehr zurückhaltend. Erst als Ginger ihr vor dem Schlafengehen das Haar gebürstet hatte, war sie etwas gesprächiger geworden.

„Es war wohl doch etwas leichtsinnig von mir, so einfach allein auf und davon zu fahren“, sagte sie leise. „Meint Alex jedenfalls. Ich bin eben eine alte Frau, die ihre Vergangenheit noch einmal zum Leben erwecken wollte. Die Pallas Corinthian war das Schiff, auf dem ich damals gearbeitet habe. Später habe ich dann erfahren, dass das Schiff meinem Mann Nikos gehörte.“

„Soll das heißen, Sie haben mich eine Kreuzfahrt auf Ihrem eigenen Schiff buchen lassen?“

„Nein, das nicht. Alex hat es schon vor langer Zeit an eine andere Firma verkauft. Er hat keinen Sinn für Sentimentalitäten. Deshalb konnte ich ihm auch nicht von unserer Reise erzählen. Aber es freut mich, dass wir so weit gekommen sind, Ginny. Dass wir in Rhodos in meinem kleinen Café waren, bedeutet mir viel, und ich möchte Ihnen noch mal dafür danken, dass sie einer sentimentalen alten Frau diesen Wunsch erfüllt haben. Eine Bitte hätte ich allerdings noch an Sie.“

„Jederzeit.“ Ginger war die alte Dame in den letzten Wochen sehr ans Herz gewachsen, und sie war bereit, ihr jeden Gefallen zu tun.

„Bitte sagen Sie Alex nicht, warum ich unbedingt eine Kosmetikerin haben wollte, die auch massieren kann. Er soll auf keinen Fall erfahren, dass ich mich im Augenblick nicht einmal allein kämmen kann. Das würde ihn nur unnötig beunruhigen.“

Ginger hielt es eigentlich für höchste Zeit, dass dieser unsympathische Globetrotter einmal an seine Mutter dachte, aber sie ließ sich nichts anmerken und gelobte Stillschweigen.

Als sie sich später schlaflos in ihrem Bett herumwälzte, versuchte Ginger sich einzureden, dass sich seit dem Morgen eigentlich nicht viel verändert hatte. Sie waren noch immer auf einer Kreuzfahrt, wenn auch jetzt auf einer Privatjacht. Wieso hatte sie dann dabei ein so ungutes Gefühl? Sie hatte ihre Stellung behalten, in einer Woche würde sie mit Anna in deren gemütliche Londoner Stadtwohnung zurückkehren und Alex Statis nur noch selten, wenn überhaupt, zu sehen bekommen. Bis dahin brauchte sie nur ihren Mund zu halten und Alex aus dem Weg zu gehen.

Ginger schloss die Augen und versuchte zu schlafen, aber sie wurde das Bild von Alex nicht los, wie er sich ihr präsentiert hatte, als sie Anna zu ihrer Kabine gefolgt war. Lässig-elegant, das schwarze Haar in den Nacken gekämmt, die Schläfen trotz seiner neununddreißig Jahre schon leicht grau meliert, und die sinnlichen Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzogen, als er ihr zuzischte: „Sie können jetzt gehen. Aber ich habe nicht vergessen, dass ich mit Ihnen noch eine Rechnung offen habe.“

Ginger schlug erschrocken die Augen auf. „Sie können jetzt gehen“, hatte Alex gesagt. Irgendwo hatte sie diesen Satz schon einmal gehört. Konnte ihr Annas Sohn schon früher einmal begegnet sein? Nein, das war unmöglich. Vielleicht hatte sie irgendwann einmal ein Foto von ihm in Annas Haus gesehen. Ja, das musste es sein.

Schließlich fiel Ginger in einen unruhigen Schlaf, und durch ihre Träume geisterte ein großer dunkelhaariger Mann.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie am Morgen verschlafen hochschrecken.

„Kaffee, Madame“, hörte sie den Steward sagen.

„Kommen Sie herein.“ Ginger setzte sich mühsam auf und fragte sich dabei, ob Anna wohl schon wach war. Dann weiteten sich ihre Augen, als sie den Mann erkannte, der das Zimmer betreten hatte. „Sie!“

Vor ihr stand Alex in einem weißen Bademantel, der einen großen Teil seines Oberkörpers unbedeckt ließ. In seinen kräftigen Händen hielt er ein Tablett mit einem Kaffeegedeck. „Guten Morgen, Ginger.“

„Verlassen Sie mein Zimmer!“, stieß Ginger mühsam hervor. Alex Statis war eigentlich kein gutaussehender Mann, aber er strahlte eine Anziehungskraft aus, der nur wenige Frauen widerstehen konnten. Das galt auch für Ginger. Seine gebräunte Haut und sein unrasiertes Gesicht verliehen ihm das verwegene Aussehen eines draufgängerischen Piraten.

„Begrüßt man denn so seinen Arbeitgeber? Noch dazu, wenn er einem eine Stärkung serviert?“

„Sie sind nicht mein Arbeitgeber“, erwiderte Ginger, doch seine Bemerkung hatte sie an ihre Pflichten erinnert. „Aber wenn Sie jetzt meine Kabine verlassen, kann ich mich anziehen und zu Anna gehen.“ Sie war sich gar nicht bewusst, welch schönen Anblick sie bot. Das rotgoldene Haar fiel ihr in verwuschelten Locken auf die Schultern, und eine eigenwillige Haarsträhne ringelte sich um ihren festen Busen, der sich unter dem dünnen Nachthemd deutlich abzeichnete.

„Sie scheinen kein Morgenmensch zu sein. Schade eigentlich, denn Sie sehen um diese Zeit entzückend aus.“

Wie kam dieser Mann dazu, mit ihr zu flirten? Ginger sah Alex wütend an und stellte dabei erschrocken fest, dass sein Blick ein Stück tiefer geglitten war. Hastig zog sie sich die edle Satindecke bis zum Hals. Offensichtlich keine Sekunde zu früh, denn einen Moment später ließ Alex sich auf der Bettkante nieder. Für Gingers Geschmack war er ihr damit um ein ganzes Stück zu nahe.

„Vielleicht gehen Sie jetzt endlich!“, rief sie unbeherrscht.

„Schauen Sie nicht so ängstlich. Sie müssen doch schon jede Menge Männer in ihrem Schlafzimmer gehabt haben, so gut, wie Sie aussehen.“

Ginger hatte noch nie einen Mann in ihr Schlafzimmer gelassen, und sie hatte nicht die Absicht, bei diesem unerträglich arroganten Vertreter der männlichen Rasse eine Ausnahme zu machen. „Raus!“, fauchte sie und zeigte auf die Tür.

„Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen, Mädchen“, erwiderte Alex spöttisch. „Ich wollte nur mit Ihnen sprechen, bevor Sie zu meiner Mutter gehen. Warum sollte ich Sie wohl sonst um sieben Uhr früh wecken?“

Unwillkürlich wurde Ginger feuerrot im Gesicht, und Alex schüttelte nachdenklich den Kopf. „Woran Sie immer gleich denken, Ginger!“

Offensichtlich genoss Alex es, sich über sie lustig zu machen. Aber sie hatte versprochen, wenigstens zu versuchen, mit ihm auszukommen, daher ignorierte Ginger seine Bemerkung und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Während sie langsam einen Schluck trank, schielte sie verstohlen zu ihm.

Plötzlich streckte Alex seine große Hand nach ihr aus und strich eine Haarsträhne beiseite, die ihr über die Schulter gefallen war. Er wickelte sie sich langsam um den Finger, und seine Knöchel streiften dabei ganz leicht ihre Brust. „Sie haben ja wirklich einen echten Feuerschopf. Sind Sie eine feurige Frau?“

Bei seiner Berührung hatten sich Gingers Brustspitzen sofort aufgerichtet, und ihre Reaktion beschämte sie. Sie wusste, dass Alex es bemerkt hatte, und fühlte sich ihm hilflos ausgeliefert. Noch einen Tag zuvor war sie eine vernünftige Frau gewesen, die mit viel Sachverstand ihrem Beruf nachging, aber in den vergangenen zwölf Stunden hatte dieser extravagante Jetsetter sich in ihr Leben gedrängt. Sie zog den Kopf zurück, um ihr Haar aus seinem Griff zu lösen und seinen begierigen Blicken auszuweichen.

Was Ginger als Nächstes zu sehen bekam, brachte sie allerdings noch mehr aus der Fassung. Alex’ Bademantel hatte sich ein Stück geöffnet, und ihr Blick fiel auf seine kräftigen, sonnengebräunten Oberschenkel. Unwillkürlich sah sie ihn im Geiste seinen Bademantel abstreifen und sie in seine Arme ziehen, den Blick voller Leidenschaft.

„Kaffee. Das tut gut.“

Voller Schrecken über ihre sexuellen Fantasien riss Ginger sich von dem Anblick los und hielt den Kopf gebeugt, um ihre Verlegenheit nicht zu zeigen. „Ja“, sagte sie leise und atmete dabei tief durch. Ihre Reaktion auf Alex Statis war ihr unverständlich. Was war nur mit ihr los?

„Sind Sie mit Ihrer Kabine zufrieden?“

Alex wusste, dass ihr Quartier geradezu luxuriös war. Offensichtlich wollte er Ginger mit der Frage ködern, aber sie war fest entschlossen, sich nicht von ihm einwickeln zu lassen. „Was wollen Sie von mir, Mr Statis?“, fragte sie energisch.

„Hier geht es eher darum, was Sie wollen, Miss Martin.“ Alex’ Stimme klang plötzlich ernst, und er sah sie aus dunklen Augen an. „Meine Mutter ist eine sehr vermögende Frau. Ich weiß nicht, wer wen zu dieser völlig unnötigen Kreuzfahrt überredet hat.“

„Ich war es nicht.“

„Das stimmt vielleicht sogar. Meine Mutter kann sehr verschlagen sein.“

Anna und verschlagen? Ginger musste zugeben, dass Alex damit nicht so ganz unrecht hatte, aber verglichen mit ihm war Anna nun wirklich die Unschuld in Person.

„Ich habe mit dem Arzt Rücksprache gehalten, und es scheint alles seine Richtigkeit zu haben. Meine Mutter mag Sie und hält Sie für sehr tüchtig, und wie ich aus eigener Erfahrung weiß, sind Sie durchaus in der Lage, auf sie aufzupassen. Mich beschäftigt allerdings die Frage, wo Sie das gelernt haben und warum. Sollten Sie vorhaben, meine Mutter auszunehmen, kann ich Sie nur warnen. Ist das klar?“ Alex stand auf und sah drohend auf sie herunter. „Und jetzt genießen Sie Ihren Kaffee. Ach ja, und ehe ich es vergesse – willkommen an Bord!“

In ihrem ganzen Leben war Ginger noch nie so beleidigt worden. Was bildete dieser Mann sich ein? Als wäre sie darauf aus, eine alte Frau zu betrügen! Gingers Temperament ging mit ihr durch, und sie warf ihre halbvolle Kaffeetasse nach Alex. Die Tasse prallte an ihm ab, und der Kaffee ergoss sich über seinen Bademantel.

„Sie kleine …“ Alex packte sie an den Armen, zerrte sie aus dem Bett und riss sie an seine kräftige Brust. Ginger hing in der Luft und zappelte hilflos mit den Füßen, aber ihr blieb keine Zeit, sich über ihre missliche Lage Gedanken zu machen. Denn im nächsten Augenblick nahmen Alex’ Lippen mit einem fast brutalen Kuss Besitz von ihrem Mund und raubten ihr den Atem. Ginger versuchte sich zu wehren, spürte dann aber, wie sie nach hinten sank …

2. KAPITEL

Ginger fiel auf das Bett, und Alex hielt sie mit dem Gewicht seines Körpers fest. Sie versuchte, ihr Knie anzuziehen, um ihm damit einen Stoß zu versetzen, aber ein zweites Mal fiel Alex auf diesen Trick nicht herein. Er schob seinen nackten Oberschenkel zwischen ihre Beine, und als Ginger ihm das Gesicht zerkratzen wollte, packte er ihre Hände und drückte sie aufs Bett.

„Verdammtes Biest“, fluchte er. „Gestern hatten Sie noch Glück, aber das machen Sie mit mir nicht noch mal. Es ist höchste Zeit, dass Ihnen mal jemand eine Lektion erteilt, und dafür bin ich der richtige Mann.“

„Ach ja?“, konnte Ginger gerade noch erwidern, ehe Alex ihr erneut mit seinen Lippen den Mund verschloss. Die fordernden Berührungen seiner Zunge lösten in Gingers Körper eine erschreckende Kettenreaktion aus. Erst jetzt spürte sie seine Oberschenkel auf ihrer nackten Haut, merkte, dass ihr knappes Nachthemd bis zur Taille hochgerutscht war und ihre Hüften dicht an seine gepresst waren. Ihre Brustknospen hatten sich aufgerichtet und zeichneten sich deutlich unter dem Nachthemd ab.

Eine unglaubliche Hitzewelle durchströmte sie, und ihr Puls raste. Der Kuss, gegen den sie sich so heftig gewehrt hatte, wurde zu einem verführerischen Sinnesrausch. Sie spürte Alex’ muskulösen Körper an ihrem. Seine Hüften drückten gegen ihre zarten Glieder, und dann war da noch etwas …

So schwer kann ich ihn gestern wohl nicht verletzt haben, dachte Ginger unwillkürlich und brach dann ganz gegen ihren Willen in hysterisches Gelächter aus.

„Was, zum Teufel …?“ Alex hob den Kopf und sah sie entgeistert an. Dann ließ er sie unvermittelt los und stand auf. „Decken Sie sich zu“, zischte er. „So leicht bin ich nicht zu ködern.“ Er zog die Bettdecke wieder zurecht. „Ich habe Sie gewarnt, vergessen Sie das nicht“, fuhr er fort, während er seinen Bademantel zurechtzog. „Und jetzt machen Sie besser das, wofür Sie angeblich eingestellt worden sind, und kümmern Sie sich um meine Mutter.“ Er marschierte aus der Kabine und knallte die Tür hinter sich zu.

Ginger blieb wie gelähmt liegen. Ihr Körper war noch völlig in Aufruhr, ihre Brüste spannten und gierten nach Berührung.

Es war unglaublich, eigentlich sogar unmöglich. Sie mochte den Mann nicht einmal, aber trotzdem schien sie ihn auf eine fast schockierende Art körperlich zu begehren. Ausgerechnet sie, die an den Fingern einer Hand abzählen konnte, wie viele Männer sie schon geküsst hatte! Obwohl Ginger schon fünfundzwanzig war, hatte sie mit Sex nichts im Sinn. Ein unerfreuliches Erlebnis in ihrer Teenagerzeit hatte ihr Interesse am anderen Geschlecht schon früh erlöschen lassen.

Mit zehn Jahren hatte Ginger ihre Eltern bei einem Autounfall verloren und war ins Waisenhaus gekommen. Als sie mit dreizehn begann, sich körperlich zu entwickeln, hatte einer der älteren Jungen im Heim sie zu Boden gestoßen und ihre Brüste betatscht, bis ihre Freundin Eve ihr zu Hilfe gekommen war.

Ginger seufzte und setzte sich auf. Bei dem Gedanken an Eve, die ein paar Monate zuvor überraschend gestorben war, kamen ihr noch immer die Tränen. Sie wischte sich schnell die Augen und ging ins Badezimmer.

Nachdem sie ausgiebig geduscht und dabei über alles nachgedacht hatte, hatte Ginger wieder ihr altes Selbstbewusstsein zurückgewonnen. Sie war fest entschlossen, sich von Alex Statis nicht vergraulen zu lassen. Schließlich hatte Anna sie eingestellt und war zufrieden mit ihr.

Ginger zog sich schlichte dunkel-blaue Shorts und ein weißes Top an und betrat zehn Minuten später Annas Kabine.

„Sie sind ja schon wach!“ Ginger lächelte ihre Chefin an, die bereits munter im Bett saß. „Und der Kaffee schmeckt wieder“, fügte sie vorwurfsvoll hinzu. Übermäßiger Kaffeegenuss gehörte zu Annas Schwächen.

„Ja, Alex hat ihn mir serviert.“

Ginger spürte, wie sie rot wurde. Sie ging hinüber zur Kommode und räumte angestrengt in ihrem Köfferchen mit Massageölen. „Soll ich Ihnen ein Frühstück bestellen, oder möchten Sie lieber erst Ihre Massage?“

„Erst die Massage, aber eine ganz schnelle. Alex hat mich angewiesen, um halb zehn zum Frühstück an Deck zu erscheinen, und da möchte ich nicht zu spät kommen. Angeblich habe ich schon drei Tage seiner kostbaren Zeit verschwendet.“

„Sie?“, fragte Ginger empört. „Das ist doch seine eigene Schuld! Wir haben uns auf der Pallas Corinthian sehr wohl gefühlt. Das hier war schließlich seine Idee.“

„Nicht so ganz. Ich muss Ihnen ein Geständnis machen.“

Ginger fuhr herum.

„Wissen Sie, meine Liebe, wir machen im Juni immer eine kleine Kreuzfahrt. Aber da Alex dieses Jahr in Australien war und nicht wusste, wann er zurückkommen würde, habe ich beschlossen, allein zu reisen. Der arme Junge kam letztes Wochenende in London an und wusste nicht, wo ich war. Deshalb hat er drei Tage lang nach uns gesucht, statt zu arbeiten. Normalerweise wäre ich erst dieses Wochenende auf die Jacht gekommen, zusammen mit Alex und der übrigen Verwandtschaft.“

„Warum fahren wir denn dann jetzt schon?“ Ginger sah durch das Bullauge hinaus auf die blaue See. „Wir hätten doch im Hafen auf die anderen Gäste warten können, und Ihr Sohn hätte Zeit zum Arbeiten gehabt.“

„Dafür bin ich auch verantwortlich. Ich habe darauf bestanden, dass wir gleich ablegen, weil ich Angst hatte, Sie könnten es sich nach ein paar Tagen im Hafen anders überlegen und nach England zurückfahren. Ich weiß, was für ein Ekel mein Sohn sein kann, und ich wollte Sie nicht verlieren. Jetzt müssen Sie bleiben, und ich habe Alex angewiesen, sich mit Ihnen anzufreunden.“

„Sie sind ja eine ganz raffinierte alte Dame“, meinte Ginger kopfschüttelnd.

„Schon, aber schließlich kennen Sie mein Geheimnis. Außerdem kommt niemand mit meiner Frisur und meinem Make-up so gut zurecht wie Sie.“

Eine Stunde später hatte Ginger Anna fertig frisiert und begleitete sie zum Achterdeck, wo Alex sie bereits erwartete.

Schon die prachtvolle Ausstattung der Kabinen hatte Ginger beeindruckt, aber das Deck war noch luxuriöser. Unter einer weißen Markise waren drei in Pastelltönen gehaltene üppige Satinsofas, mehrere Polstersessel, ein großer Tisch und ein paar kleinere Beistelltische gruppiert, dazwischen einige kleine Zierbäumchen. Auf der unbedachten Deckseite war ein kreisrunder Swimmingpool, umgeben von zahlreichen Liegestühlen, Tischen und Sonnenschirmen.

Dass Anna wohlhabend war, wusste Ginger, aber allmählich wurde ihr klar, wie steinreich Alex Statis sein musste. Kein Wunder, dass er befürchtete, seine Mutter könnte sich von einer skrupellosen Begleiterin ausnehmen lassen. Das gab ihm allerdings noch lange kein Recht, sie zu verdächtigen.

Sie vermied es tunlichst, Alex anzusehen, aber zu ihrer Überraschung wurde es doch ein ganz gemütliches Frühstück. Die Unterhaltung beschränkte sich auf allgemeine Themen. Hin und wieder trug auch Ginger dazu bei, aber größtenteils überließ sie es Mutter und Sohn, Konversation zu machen, und genoss lieber den Ausblick. Es war Anfang Juni, und die pralle Morgensonne ließ das tiefblaue Meer schillern und die weiße Jacht im Licht funkeln. So stelle ich mir das Paradies vor, dachte Ginger, während sie sich ein zweites warmes Croissant dick mit Butter und Honig bestrich.

„Ist Ihnen das recht, Ginger?“

Sie schreckte hoch, als sie plötzlich ihren Namen hörte.

„Erzähl es ihr lieber noch mal, Alex“, sagte Anna lächelnd.

Zögernd sah Ginger ihn an. Alex thronte lässig auf einem Sofa, die langen Beine vor sich ausgestreckt. Sein kräftiger Oberkörper zeichnete sich unter einem ärmellosen schwarzen T-Shirt ab. Dazu trug er weiße Shorts, die seine sonnengebräunten, muskulösen Beine noch betonten. Er hatte eine ungeheuer männliche, kraftvolle Ausstrahlung, die Ginger völlig verunsicherte.

„Wir werden in ein paar Stunden in Mykonos ankommen. Mutter wollte die Insel gern mal wieder sehen, aber sie fühlt sich nicht gut genug, um mit dem Beiboot überzusetzen. Deshalb hat sie vorgeschlagen, dass Sie es mit mir tun.“

Alex’ sinnliche Lippen verzogen sich zu einem süffisanten Lächeln, während er den Blick vielsagend über ihren schlanken Körper gleiten ließ. Ginger spürte förmlich, wie seine zweideutige Bemerkung ihr die Röte ins Gesicht trieb, ehe Alex unschuldsvoll hinzufügte: „Nach Mykonos übersetzen, meine ich.“

Sie wollte ablehnen, bekam aber zu ihrem Entsetzen keinen Ton heraus.

„Natürlich macht sie das“, antwortete Anna für sie. „Mykonos darf man sich nicht entgehen lassen.“

„Ich weiß nicht“, hörte sich Ginger schließlich leise sagen. Sie wusste instinktiv, dass es ihr gefährlich werden konnte, mit Alex Statis allein zu sein.

„Aber ich“, meinte Anna beharrlich. Alex schien genau zu wissen, dass Ginger am liebsten abgelehnt hätte, und sein Blick war eine offene Herausforderung.

„Na schön, dann fahre ich gern mit“, sagte Ginger schließlich.

„Gut. Dann darf ich mich jetzt entschuldigen, meine Damen. Ich habe noch zu arbeiten.“ Alex stand auf und sah Anna an. „Die erste Runde geht an dich, Mutter.“

Sein sonst so furchterregender Gesichtsausdruck wich einem liebevollen Lächeln, das ihn einen Moment lang um Jahre jünger und fast attraktiv aussehen ließ. Zum ersten Mal bemerkte Ginger, dass hinter dem rücksichtslosen Äußeren doch ein Mensch steckte. Als er sich dann jedoch wieder ihr zuwandte, war seine Miene so finster wie zuvor.

„Ich freue mich darauf, Ihnen Mykonos zu zeigen. Ich bin gespannt, was Sie dazu sagen.“

Ginger erschauerte unwillkürlich, redete sich aber ein, dass das nur an ihrer Aufregung lag. Sie weigerte sich standhaft, sich selbst einzugestehen, dass Alex eine unerklärliche Anziehungskraft auf sie ausübte.

Ginger lehnte an der Reling und sah zusammen mit Anna zu, als die Mannschaft das Beiboot zu Wasser ließ, mit dem Alex und sie übersetzen sollten. Mykonos sah genauso aus, wie Anna es ihr den ganzen Morgen über begeistert beschrieben hatte.

Die Jacht war in der Bucht vor der Stadt vor Anker gegangen, und die Aussicht war atemberaubend. Strahlend weiße Häuser, dazwischen die berühmten blauen Kuppeln der vielen kleinen Kirchen, und im Hintergrund sechs eindrucksvolle Windmühlen. Ginger riss sich einen Moment lang von dem wunderbaren Anblick los, um Anna doch noch zum Mitkommen zu überreden, die lehnte jedoch ab.

„Nein, ich bleibe lieber hier. Aber ich möchte, dass ihr beide mich einen Tag lang mal ganz vergesst und erst wiederkommt, wenn ihr den Sonnenuntergang beobachtet habt.“

Noch ehe Ginger dazu etwas sagen konnte, tauchte plötzlich Alex neben ihr auf, und bei seinem Anblick begann ihr Herz sofort wild zu klopfen. Er hatte sich inzwischen umgezogen und sah in den blauen Bermudas mit blau-weiß gemustertem Seidenhemd ausgesprochen gut aus.

„Fertig, Ginger?“, fragte er gedehnt, und seine Stimme jagte ihr Schauer über die Haut. „Haben Sie Ihren Badeanzug dabei?“ Alex war sich seiner Wirkung auf sie bewusst und weidete sich daran.

„Ja“, antwortete Ginger kühl und hielt ihre Badetasche hoch.

Das kleine Boot brauchte nur ein paar Minuten, um sie an Land zu bringen. Dort wartete schon ein Mietwagen, und kurze Zeit später hatten sie die Stadt verlassen und fuhren über Land.

„Ich dachte, wir wollten uns die Stadt ansehen“, sagte Ginger.

„Das werden wir auch, aber später. Erst fahren wir mal über die Insel und gehen vielleicht ein bisschen schwimmen. Es gibt hier wunderschöne Badestrände, auch zum Nacktbaden, wenn Sie möchten.“

„Kommt nicht infrage!“, fauchte Ginger.

„Wieso denn nicht? Nach heute Morgen gibt es doch kaum noch etwas, das wir voneinander nicht gesehen hätten.“

Sofort wurde Ginger rot, und ihre sichtliche Verlegenheit ließ Alex laut auflachen. „Also schön, Sie haben gewonnen. Das Nacktbaden fällt aus.“

Der Rest des Tages wurde für Ginger ein einziger Traum. Alex gab sich große Mühe, ihr ein liebenswerter Begleiter zu sein, und Ginger merkte bald, wie ihre anfängliche Abneigung gegen ihn dahinschmolz.

In einem kleinen Café an einem fast menschenleeren Strand nahmen sie ein leichtes Mittagessen ein, tranken ein Glas Wein und machten einen Spaziergang.

Alex erwies sich als geistreicher und amüsanter Unterhalter, der viel über die Insel zu erzählen wusste. Als es schließlich fast unerträglich heiß wurde, schlug er vor, eine kurze Rast einzulegen, und breitete ein Handtuch auf dem glühenden Sand aus. Ginger folgte seinem Beispiel, ließ sich aber in deutlichem Abstand nieder.

„Spielverderberin“, sagte Alex leise. Dann zog er sich bis auf die Badehose aus, die allerdings so knapp geschnitten war, dass sie nur wenig der Fantasie überließ.

Ginger konnte ihren Blick nur mühsam von so viel unverhohlen zur Schau gestellter männlicher Vollkommenheit losreißen. Alex mochte zwar fast vierzig sein, aber er hatte kein Gramm Fett am Leib. Sein Körper war perfekt, und sie fragte sich plötzlich, ob es klug war, mit einem solchen Mann allein zu sein.

„Wer zuerst im Wasser ist!“, rief Alex übermütig, aber Ginger winkte ab. „Gehen Sie ruhig schon, ich komme gleich nach.“ Sie brauchte noch ein paar Minuten allein, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Während Alex zum Wasser lief, zog Ginger sich Rock und Bluse aus. Dabei fragte sie sich, ob der Badeanzug, den sie darunter trug, so eine gute Anschaffung war. Sie hatte ihn extra für die Kreuzfahrt gekauft, weil er ihr etwas konservativer erschien als ein Bikini, aber jetzt hatte sie daran ihre Zweifel. Es war ein smaragdgrüner, eng anliegender Lycraanzug mit hohem Beinausschnitt und kleinen Schlitzen im trägerlosen Oberteil. Erst jetzt wurde Ginger bewusst, wie aufreizend der Schnitt war. Warum war ihr das vorher nur nie aufgefallen? Seufzend lief Ginger zum Wasser. Alex war inzwischen schon weit draußen. Er war offensichtlich ein ausgezeichneter Schwimmer.

Sie versuchte erst gar nicht, sich mit ihm zu messen, sondern ließ sich stattdessen in Strandnähe im Wasser treiben und genoss das Plätschern der Wellen auf ihrer Haut. Hin und wieder warf sie einen Blick auf Alex, der verbissen auf eine weit entfernte Felsengruppe zuhielt. Schließlich watete sie zurück an Land und redete sich dabei trotzig ein, nicht enttäuscht darüber zu sein, dass Alex sie allein gelassen hatte.

Am Strand legte sie sich auf ihr Handtuch, um sich von der Sonne trocknen zu lassen. Dabei schloss sie die Augen und war schon bald eingenickt.

„Ginger!“ Sie schreckte hoch und wusste im ersten Augenblick gar nicht, wo sie war. Alex stand über sie gebeugt und sah sie finster an. „Wissen Sie denn nicht, dass es sträflicher Leichtsinn ist, in der prallen Sonne zu schlafen?“ Er fuhr mit dem Finger am Saum ihres Oberteils entlang. „Ihre Haut ist so weiß und zart, Sie holen sich einen Sonnenbrand“, sagte er heiser.

„Alex“, sagte Ginger schläfrig. Seine Berührung ließ ihren Puls sofort schneller gehen. Sie wollte ihn fragen, wie es ihm bei seinem Schwimmmarathon ergangen war, aber er musterte ganz unverhohlen die sanfte Erhebung ihrer Brüste und zupfte am Stoff ihres Badeanzugs, um das Oberteil ein Stückchen tiefer zu ziehen. Ginger erschauerte leicht, als sein Finger ganz leicht ihren Brustansatz berührte. Ihr war klar, dass sie sich hätte wehren sollen, aber sie war von seinen Blicken und dem Ton seiner Stimme wie hypnotisiert.

„Samtweich und üppig. Die perfekte Kombination.“ Alex ließ sich dicht neben ihr auf dem Sand nieder. „Sie machen mich ganz verrückt“, flüsterte er. Instinktiv wollte Ginger seinem Kuss ausweichen, aber dann blieb sie wie erstarrt liegen. Die Berührung seiner heißen Lippen ließ sie unwillkürlich aufstöhnen. Seine Hand umfasste die volle Rundung ihrer Brust und liebkoste sie sanft, während seine Zunge tief in ihren Mund drang und dabei in ihr ein Gefühl auslöste, wie sie es noch nie erlebt hatte. Auch auf Alex blieb der Kuss nicht ohne Wirkung, aber dann ließ er sie plötzlich mit einem gequälten Aufstöhnen los, und als Ginger zu ihm aufsah, wirkte seine Miene wieder abweisend und bedrohlich.

„Meine Güte, diesmal hat sich Mutter wirklich selbst übertroffen“, rief er fast wütend. „Wie alt sind Sie, Ginger? Neunzehn, zwanzig?“ Er zog ihr Oberteil zurecht und rollte sich auf die Seite. „Ich muss verrückt sein.“

Erst jetzt fand auch Ginger ihre Stimme wieder. „Ich fühle mich zwar sehr geschmeichelt, aber ich bin schon fünfundzwanzig, fast sechsundzwanzig sogar.“

„Ein Glück. Ich verführe keine halbwüchsigen Mädchen.“

„Und mich auch nicht.“ Abrupt setzte Ginger sich auf und stieß Alex von sich, sodass er auf den Rücken fiel. „Wir sollten uns wieder auf den Weg machen. Für heute habe ich lange genug in der Sonne gelegen.“

Ein kräftiger Arm legte sich um ihre Schultern, als sie aufstehen wollte. „Warten Sie, Ginger. Ich weiß, dass wir uns gestern nicht unter den besten Umständen kennengelernt haben, aber Sie müssen zugeben, dass das nicht allein meine Schuld war. Außerdem sind wir beide erwachsen, also können wir mit der Situation doch ganz vernünftig umgehen, oder?“

Ginger sah ihn an. „Vernünftig?“

„Ja. Ich begehre Sie wie keine andere Frau in den letzten Jahren.“ Er sah reumütig an sich hinunter. Ginger folgte seinem Blick und wandte sich dann angesichts Alex’ deutlich sichtbarer Erregung verlegen ab. „Es ist schon lange her, seit eine Frau so viel Wirkung auf mich hatte“, erklärte Alex unbefangen. „Ich finde, das sollten wir nicht ungenutzt lassen. Ich weiß, dass Sie mich auch wollen. Sie zittern ja bei jeder Berührung. Also, wie wär’s?“

Der abgeklärte, völlig sachliche Ton, in dem er seinen Vorschlag vortrug, brachte Ginger in Rage. Sie sprang auf und sah auf Alex hinunter. Er lag da wie ein Alligator, der am Ufer seiner Beute auflauerte. Ginger schnappte sich ihr Handtuch und schüttelte es über ihm aus. „Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein!“

„Vielleicht habe ich das nicht sehr schmeichelhaft formuliert“, sagte Alex, während sie sich anzogen.

„Ich bin an Ihrem Angebot nicht interessiert, Mr Statis“, erwiderte Ginger kühl. „Können wir jetzt gehen? Ich will mir die Stadt ansehen. Deshalb bin ich schließlich mitgekommen, nicht, um mir Ihre schlüpfrigen Vorschläge anzuhören.“

Alex musterte sie prüfend. „Warum so empört? Sie wollten es genau wie ich, auch wenn Sie es nicht zugeben möchten“, sagte er ruhig und griff nach ihrer Hand. Ginger wollte sich losreißen, aber Alex brachte sie mit einem knappen „Seien Sie nicht kindisch!“ zum Schweigen, ehe sie zusammen zurück zum Auto gingen.

Ginger war fest entschlossen, kein Wort mehr mit ihm zu reden, und so schwieg sie während der Fahrt. Als sie in der Stadt ankamen, drehte sich Alex zu ihr herum. „Also schön, ich entschuldige mich. Friede, Freundschaft?“ Er hielt ihr die Hand entgegen. „Und ich verspreche, Sie nicht mehr aufzuziehen.“

Ginger spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Was war sie doch für ein Schaf! Zweimal war sie in Alex’ Armen förmlich dahingeschmolzen, und dabei hatte er sich nur einen Spaß mit ihr gemacht. Sie gab ihm die Hand und redete sich dabei ein, nicht enttäuscht zu sein. Natürlich konnte Alex kein ernsthaftes Interesse an einem Mädchen wie ihr haben. Anna hatte ihr schließlich oft genug von seinen vielen Frauen erzählt.

Die Schönheiten der Stadt und ein nach außen hin wie umgewandelter Alex ließen die unerfreuliche Episode am Strand schon bald wieder in Vergessenheit geraten. Dem Zauber der vielen kleinen Gassen und Windmühlen auf Mykonos konnte man sich einfach nicht entziehen. Als die Sonne dann langsam zu sinken begann, brachte Alex Ginger zu einem hochgelegenen kleinen Nachtlokal, von dem aus man den besten Blick auf den Sonnenuntergang hatte.

„Was möchten Sie trinken?“, fragte Alex leise. Offensichtlich war selbst der große Alex Statis nicht gegen eine so romantische Atmosphäre gefeit.

Ginger strahlte ihn an. „Suchen Sie etwas aus. Diese Aussicht ist einfach unbeschreiblich!“ Sie konnte ihre Begeisterung kaum im Zaum halten und berührte Alex spontan am Arm. „Danke, dass Sie mich hierher gebracht haben.“

„Es war mir ein Vergnügen“, erwiderte Alex lächelnd, und einen Moment lang strahlten seine Augen so viel Wärme und Zärtlichkeit aus, dass Ginger am ganzen Körper ein Kribbeln verspürte.

Ein Ober brachte einen Whiskey Soda für Alex und einen abenteuerlich aussehenden Cocktail mit brennender Wunderkerze darin für Ginger.

„Zum Wohl“, prostete Ginger Alex zu, nachdem sie die Wunderkerze aus dem Glas genommen hatte. „Ein flammendes Inferno hatte ich eigentlich nicht erwartet.“

Sie lachten beide und drehten sich dann fast gleichzeitig zum Fenster, um zuzusehen, wie die Sonne sich blutrot färbte und dann langsam am Horizont unterging.

Im Hintergrund spielte klassische Musik, und Ginger horchte plötzlich auf. Sie hatte eine Schwäche für Opernmusik. „Rossini! Der ist mein Lieblingskomponist“, rief sie. „Die Ouvertüre aus der ‚Diebischen Elster‘.“

„Sie mögen seine Ouvertüren?“ Alex’ Blick glitt über Gingers feuerrote Lockenmähne, die mit dem Sonnenuntergang um die Wette leuchtete.

„Ja, sehr“, antwortete Ginger, der sein prüfender Blick unangenehm war. „Ich habe eine ganze Sammlung davon.“

„Das kann ich mir vorstellen. Sie sind genauso stürmisch, lebhaft und gelegentlich auch selbstvergessen wie Rossinis Musik. Mit Ihren Katzenaugen und Ihrem wunderbaren Haar müssen Sie einfach eine leidenschaftliche Natur haben.“

Zuerst wollte Ginger wütend widersprechen, aber dann wurde ihr klar, wie zutreffend Alex die Musik beschrieben hatte, und sie fragte sich, ob hinter ihrer Liebe zu Rossini tatsächlich eine leidenschaftliche Natur steckte. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie Alex’ zynischen Zusatz gar nicht richtig mitbekam.

„Bleibt nur zu hoffen, dass der Titel der Komposition nicht auch Ihrem Naturell entspricht.“

Ginger sah auf, und ihre Blicke trafen sich. Ein paar Minuten lang vergaßen sie den Sonnenuntergang und alles andere um sich und fühlten sich, als wären sie ganz allein auf der Welt.

„Sie geben mir also recht“, sagte Alex leise, und Ginger wusste, dass er damit nicht seine Bemerkung über Rossinis Musik meinte. Schweigend wandte sie den Kopf ab und trank ihr Glas aus. Sie konnte einfach nichts sagen. Nach einem einzigen Tag, ein paar Küssen und einer scheinbar mühelosen Deutung ihres Musikgeschmacks hatte Alex Ginger einen ganz neuen Einblick in ihre eigene Sexualität eröffnet. Sie hatte sich immer für völlig leidenschaftslos gehalten, wenn nicht sogar frigide. Sex und Romantik hatten in ihrem Leben keine Rolle gespielt.

„Sie müssen unbedingt mal nach Verona“, riss Alex’ Stimme sie aus ihren Gedanken. „Die Opernaufführungen dort muss man erlebt haben.“ Er griff sanft nach ihrer Hand. „Fahren Sie mit mir nach Italien, Ginger?“, fragte er mit verführerischer Stimme und strich ihr dabei sanft mit dem Daumen über die Finger.

Am liebsten hätte Ginger sofort zugesagt, aber ihr war klar, dass es Alex um mehr ging als um einen Abend in der Opernarena. Hastig löste sie sich aus seinem Griff und stand auf. „Wir sollten jetzt lieber gehen. Anna braucht mich.“

„Da ist sie nicht die Einzige“, meinte Alex vielsagend, während er sie hinaus in die milde Abendluft führte. Draußen drehte er sie zu sich herum und legte locker die Arme um ihre Taille.

Ginger erstarrte. Sie konnte nicht verstehen, warum Alex’ Worte immer so bedrohlich klangen, während seine Blicke und Berührungen ihr ungeahnte und vielleicht sogar ersehnte Wonnen zu verheißen schienen.

Alex hauchte ihr einen zarten Kuss auf das Haar. „Seltsam, für eine Frau mit einer Leidenschaft für Ouvertüren machen Sie einem den Auftakt aber ganz schön schwer“, witzelte er.

Ginger musste lachen, und die Spannung fiel von ihr ab. „Das war wirklich ein schwacher Kalauer, Alex!“

„Aber nicht ohne Wirkung. Immerhin lachen Sie jetzt wieder.“ Alex nahm sie an der Hand, und gemeinsam schlenderten sie zurück zum Boot.

3. KAPITEL

Das Abendessen wurde auf der Jacht nicht groß zelebriert. Da Anna nicht wusste, wann Alex und Ginger zurück sein würden, hatte sie nur ein kleines Buffet mit warmen und kalten Gerichten vorbereiten lassen.

Ginger war erleichtert, wieder bei Anna zu sein, und die Erinnerung an ihre Kapitulation vor Alex’ sexueller Anziehungskraft verblasste ein wenig, während sie zu dritt auf dem Achterdeck unter einem sternenklaren Nachthimmel aßen.

Sie trank einen Schluck Wein und linste dabei verstohlen hinüber zu Alex, der sich gerade mit seiner Mutter über gemeinsame Bekannte unterhielt. Eigentlich war er kein gut aussehender Mann, dazu waren seine Gesichtszüge zu kantig und seine ganze Ausstrahlung zu arrogant. Trotzdem faszinierte er Ginger mehr als jeder andere Mann zuvor.

Sie konnte sich nicht erklären, warum sie sich immer wieder bei dem Gedanken ertappte, wie es wohl wäre, von einem so mächtigen und sinnlichen Mann wie Alex Statis entjungfert zu werden. Ginger spürte, wie ihre Brustspitzen sich unter ihrem Kleid plötzlich aufrichteten. Hastig verschränkte sie die Arme, setzte sich gerade hin und kämpfte angestrengt dagegen an, vor Scham rot zu werden.

Wie konnte Alex eine derartige Wirkung auf sie haben? Und warum kam er ihr nur so bekannt vor? Er bewegte sich doch in ganz anderen Kreisen als sie. Anna hatte ihr erzählt, dass die Schifffahrtslinie nur einen ganz kleinen Teil seines gewaltigen Unternehmens ausmachte.

„Ich muss mich jetzt entschuldigen, meine Damen, aber ich habe noch zu arbeiten“, riss Alex’ Stimme Ginger abrupt aus ihren Gedanken, und sie blickte auf. „Lassen Sie meine Mutter bitte nicht zu lange aufbleiben, Ginger. Morgen kommen unsere Gäste an.“

Annas wenig damenhaftes Schnaufen ersparte Ginger eine Antwort. „Such du dir lieber endlich eine anständige Ehefrau und schenke mir ein paar Enkelkinder, statt dich herumzutreiben!“

„Vielleicht tue ich das sogar, Mutter“, erwiderte Alex und sah Ginger dabei unverwandt an. „Was meinen Sie, Ginger? Würde ich einen guten Ehemann abgeben?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete sie kühl. „Ich kenne Sie ja kaum.“ Sie wandte den Kopf ab und fing dabei einen ganz merkwürdigen Ausdruck auf Annas Gesicht ein.

„Dann muss ich dafür sorgen, dass sich das ändert“, sagte Alex leise und ging hinüber zu seiner Mutter, um ihr einen Kuss zu geben. „Du hast versprochen, dich zu benehmen, also tue es bitte auch.“

Ginger sah die beiden verwundert an. „Was sollte denn das eben?“, fragte sie Anna, nachdem Alex gegangen war. „An Ihrem Benehmen gibt es doch wirklich nichts auszusetzen.“

„Schon, aber Sie haben ja unsere Gäste noch nicht kennengelernt“, antwortete Anna voller Ironie, mehr ließ sie sich zu diesem Thema nicht entlocken.

Am nächsten Abend begann Ginger Annas rätselhafte Bemerkung allerdings zu begreifen. Die Jacht hatte morgens in einem exklusiven Jachthafen in der Nähe von Athen angelegt. Alex hatten sie nur beim Frühstück kurz zu sehen bekommen. Danach hatte er sich zunächst von seiner Mutter mit einem Kuss verabschiedet und Ginger dann zu ihrer maßlosen Überraschung auch einen Kuss auf die Lippen gehaucht und dabei leise geflüstert: „Sie sind bis jetzt wirklich noch der beste Köder.“

Ginger war rot geworden, aber als sie zu Anna hinübersah, strahlte die alte Dame über das ganze Gesicht. „Was sollte denn das heißen?“, fragte Ginger misstrauisch.

„Machen Sie sich über Alex’ Gerede keine Gedanken, Ginny. Alex ist ein Kapitel für sich.“

Es war Ginger nicht leicht gefallen, Alex’ Bemerkung zu vergessen. Sie hatte ihn erst wieder gesehen, als gegen vier Uhr nachmittags drei schwarze Limousinen im Hafen vorfuhren und Alex mit seinen Gästen an Bord kam.

„Reichen Sie mir Ihren Arm, meine Kleine, und bringen wir die Begrüßungsarie hinter uns“, hatte Anna seufzend zu ihr gesagt.

„Das klingt ja nicht sehr begeistert.“

„Das bin ich auch nicht“, flüsterte die alte Dame leise, ehe sie sich lächelnd der ersten Besucherin zuwandte. Die Frau war Griechin und in Annas Alter, aber noch immer sehr attraktiv.

„Katherina! Wie schön, dich zu sehen!“ Die beiden Frauen küssten sich auf die Wange, ehe Anna den nächsten Gast begrüßte. „Maria, wie nett, dass du auch gekommen bist. Und eine Freundin hast du auch mitgebracht, oder gehört die Dame zu dir, Alex?“ Sie sah ihren Sohn an, der in Begleitung eines Mannes die Gangway heraufkam.

„Darf ich vorstellen?“, fragte Alex. „Das ist Sylvia, die seit drei Jahren Direktorin unserer Gesundheits- und Freizeitkette ist.“

Überrascht drehte Ginger sich um. Alex besaß also auch eine Reihe von Fitnessstudios. Eigentlich kein Grund, sich groß Gedanken zu machen, doch sie tat es trotzdem. Irgendetwas regte sich in ihrem Gedächtnis, aber es wollte ihr einfach nicht einfallen. Dann musste sie sich auch schon wieder auf die vielen Gäste konzentrieren, die ihr vorgestellt wurden.

Sylvia, die einzige Engländerin unter den Gästen, war etwa dreißig Jahre alt und eine ausgesprochene Schönheit mit schwarzem Haar, dunklen Augen, Traumfigur und einem unglaublichen Lächeln. Als sie feststellte, dass es sich bei Ginger nur um Annas Betreuerin handelte, speiste sie sie mit einem verächtlichen Lächeln ab und ließ sie dann links liegen, genau, wie es Katherina und deren Tochter Maria taten. Der Mann neben Alex war Spiros, Katherinas Mann.

Ginger sah besorgt hinüber zu Anna, die im Kreise ihrer selbstbewussten Verwandten sehr still geworden war. „Alles in Ordnung?“

Alex schnappte Gingers leise Frage auf und antwortete für seine Mutter. „Natürlich, das ist schließlich ihre Familie.“

Ginger hatte allerdings nicht den Eindruck, dass Anna sich besonders wohl fühlte, und jetzt, da sie die alte Dame mit belebendem Kräuteröl massiert hatte, entspannten sich die beiden Frauen erst einmal bei einer Tasse Tee.

„Was halten Sie denn so von meiner Familie?“, fragte Anna in einem ungewohnt zynischen Ton. „Seien Sie ruhig offen, ich nehme es Ihnen bestimmt nicht übel.“

„Na ja, ich kenne sie ja gar nicht richtig, und der erste Eindruck täuscht oft. Sie sind jedenfalls sehr griechisch“, antwortete Ginger unbeholfen. Annas herzliches Lachen ersparte ihr weiteres Herumreden.

„Stimmt genau. Wissen Sie, dass ich manchmal selbst schon vergesse, dass mein Sohn ein halber Engländer ist? Was seinen Familiensinn anbelangt, ist er ein echter Grieche. Er besteht darauf, dass die Familie jedes Jahr gemeinsam Urlaub macht. Er ahnt nicht, welche Quälerei das für mich ist.“

„Aber wieso denn? Verstehen Sie sich nicht mit Ihrer Verwandtschaft?“

Anna stellte nachdenklich ihre Tasse ab und sah Ginger ernst an.

„Erinnern Sie sich noch an das Café in Rhodos? Dort habe ich gesagt, ich würde Ihnen irgendwann mal aus meinem Leben erzählen. Ich glaube, jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“

„Das brauchen Sie nicht.“ Der merkwürdige Ton in Annas Stimme machte Ginger Angst. Aber die alte Dame sprach einfach weiter.

„Doch, ich muss. Die Geschichte ist wie eine griechische Tragödie, sie muss erzählt werden. Mein Ehemann war ein Mann von Ehre, der mich geheiratet hat, als ich schwanger wurde. Ich liebte ihn und war glücklich. Sein älterer Bruder war mit Katherina verheiratet und lebte in New York. Mein Sohn war schon zwölf, als sie aus Amerika zu Besuch kamen. Ich merkte bald, dass zwischen meinem Mann und Katherina mehr war als nur Freundschaft. Auf einer Party hat sie mir dann ganz offen erklärt, dass mein Mann sie schon immer geliebt habe. Sie habe zwar dann seinen Bruder geheiratet, weil der reicher gewesen sei, könne aber meinen Mann jederzeit wiederhaben, wenn sie nur wolle.“

„Meine Güte, das ist ja furchtbar!“

„Das Schlimme daran war, dass sie recht hatte. Ich habe meinen Mann zur Rede gestellt, und er hat mir gestanden, früher mit Katherina zusammen gewesen zu sein. Er hat mir geschworen, dass die Sache zu Ende sei, und ich habe versucht, ihm zu glauben. Dann ist sein Bruder mit seiner Familie wieder abgereist, und Alex kam auf eine Schule nach England. Die nächsten sechs Jahre verliefen eigentlich ganz normal, nur dass ich von da an immer mit dem Wissen leben musste, für meinen Mann nur zweite Wahl zu sein.“

Ginger sah sie entsetzt an. „Aber er muss Sie doch geliebt haben, sonst …“, begann sie, aber Anna erzählte einfach weiter.

„Katherina und ihr Mann kamen zurück, als Alex achtzehn wurde, und sie brachte ihre Tochter mit. Wir sind sogar zusammen nach England in Urlaub gefahren. Ein paar Wochen später starb ihr Mann plötzlich, und sie war die trauernde Witwe. Natürlich wohnte sie bei uns, wie es in Griechenland üblich ist. Nachdem ich die Frau monatelang in meinem Haus geduldet hatte, habe ich meinem Mann ein Ultimatum gestellt. Alex studierte inzwischen in England, und wir hatten ein Haus in London gekauft. Ich habe meinem Mann gesagt, ich würde nach England ziehen. Er sollte entweder meine Schwägerin und ihre Tochter aus dem Haus weisen oder sich scheiden lassen. Ich konnte die Situation einfach nicht mehr ertragen. Zwei Monate später rief er mich vom Flughafen in London an. Er war gerade angekommen und wollte mit mir reden. Aber wie in einer echten griechischen Tragödie ist er auf dem Weg zur mir tödlich verunglückt.“

„Wie schrecklich!“, rief Ginger entsetzt, entdeckte dann aber zu ihrem Erstaunen ein leichtes Funkeln in Annas Augen.

„Ich konnte meinem Sohn ja schlecht sagen, dass sein Vater sich von mir scheiden lassen wollte, um seine Tante zu heiraten. Ich wollte das Bild nicht zerstören, das er von seinem Vater hatte. Deshalb kann er auch bis heute nicht verstehen, warum ich nicht so erpicht auf den Kontakt mit der griechischen Verwandtschaft bin. Das hat uns ziemlich entfremdet. Vor fünf Jahren hat Katherina wieder geheiratet, und das Verhältnis zwischen Alex und mir ist inzwischen etwas enger geworden. Aber Sie verstehen jetzt sicher, warum diese jährliche Kreuzfahrt nicht unbedingt mein Lieblingsurlaub ist.“

„Aber warum sagen Sie Ihrem Sohn nicht einfach die Wahrheit? Das ist doch sicher besser, als …“

„Nein“, unterbrach Anna sie. „Das kann ich ihm nicht antun. Die Familie bedeutet ihm alles. Mit achtzehn wollte ich ihm nur seine Illusionen nicht nehmen, aber heute macht es mir einfach nicht mehr so viel aus.“

Wenn der Mann kein so unsensibler Klotz wäre, hätte er seiner Mutter schon vor Jahren anmerken müssen, was in ihr vorgeht, dachte Ginger im Stillen. „Ich finde trotzdem, dass Sie die Sache mit ihm klären sollten.“

„Nein, das kommt nicht infrage, Kind. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie das so aufregt, hätte ich es Ihnen gar nicht erst erzählt.“ Anna setzte sich aufrecht hin, und ihre bis dahin bebende Stimme klang plötzlich fest und energisch. „Machen Sie mich nur heute Abend so schön wie möglich. Wir essen um neun im Salon. Unser gemütliches Abendbuffet auf dem Achterdeck wird mir fehlen. Aber jetzt kommen Sie her, und tun Sie Ihr Bestes. Heute Abend will ich Katherina die Schau stehlen.“

Und das tat sie. Das lange Haar von Ginger zu einem eleganten Nackenknoten gesteckt, Ohren und Hals mit funkelnden Brillanten geschmückt und die immer noch wohlgeformte Figur in ein zartblaues Seidenkleid gehüllt, gab Anna eine ausgesprochen attraktive Erscheinung ab.

Auch Ginger hatte sich sorgfältig zurechtgemacht und ihr einziges Abendkleid angezogen. Es war ein schulterfreies schwarzes Designermodell, das sie in einem Secondhandladen in London erstanden hatte. Es schmiegte sich hauteng an ihren schlanken Körper, hatte jedoch an der Seite einen hüfthohen Schlitz. Die roten Locken hatte sie hochgesteckt und nur ein paar vereinzelte Strähnchen gelöst, die ihr Gesicht umspielten. Für gewöhnlich trug Ginger nur wenig Make-up, aber an diesem Abend hatte sie alle Register ihrer Schminkkunst gezogen.

Ginger stützte Anna leicht, als sie schließlich den Salon betraten. Sie waren absichtlich etwas zu spät gekommen, damit Anna mit ihren Verwandten nicht auch noch einen Aperitif nehmen musste. Alex stand am Kopfende der Tafel und unterhielt sich angeregt mit seiner Tante, Sylvia und zwei Männern, die Ginger noch nicht gesehen hatte. Bei ihrem Eintreten begrüßte er Anna strahlend.

„Da bist du ja, Mutter! Wir dachten schon, du kommst nicht.“ Alex ließ seinen Blick zu Ginger gleiten und musterte sie genüsslich von Kopf bis Fuß. Dabei lächelte er süffisant. Ihr war klar, dass er das mit Absicht tat, und sie gab sich alle Mühe, nicht rot zu werden.

„Sehr hübsch, und sicher sehr zeitaufwendig“, sagte er betont langsam. „Aber wenn es Ihnen zu viel wird, neben sich selbst auch noch meine Mutter zu pflegen, brauchen Sie es nur zu sagen, Miss Martin.“

„Das wird es nicht, Mr Statis“, fauchte Ginger. Offensichtlich war die Zeit für harmlose Witzeleien vorbei, und mit der förmlichen Anrede wollte Alex ihr unmissverständlich klarmachen, wo sie hingehörte. Für ihn war sie nur eine Bedienstete. Dass er auch seiner eigenen Mutter gegenüber so unverschämt war, erboste Ginger maßlos. Sie kochte noch vor Wut, als Alex sie kurz den zwei Neuankömmlingen vorstellte.

Der eine war sein Assistent James, ein großer blonder Engländer, der andere sein Buchhalter, ein Grieche namens Andreas. Damit waren sie insgesamt zu neunt, und Ginger atmete erleichtert auf. Als einzige Dame ohne Tischherr konnte sie im Hintergrund bleiben. Aber es sollte anders kommen.

Alex saß am Kopfende der Tafel, flankiert von seiner Mutter und Sylvia. Neben Anna waren Andreas, Katherina und ihr Mann, während Maria, James und zuletzt auch Ginger auf Sylvias Tischseite Platz nahmen.

„Wir haben einen Mann zu wenig“, stellte Spiros lachend fest.

„Ein guter Mann ersetzt ein Dutzend andere“, flötete Sylvia mit einem schmachtenden Blick auf Alex. Dabei legte sie ihre Hand mit den rot lackierten Fingernägeln auf seine Hand.

Ginger verzog unwillkürlich das Gesicht. Jetzt verstand sie, warum Alex sie plötzlich wieder mit Nachnamen anredete. Seine Freundin war angekommen, und er wollte vermeiden, dass Ginger etwas über seine Annäherungsversuche ausplauderte.

Alex, der an diesem Abend in seinem weißen Smoking besonders attraktiv aussah, tätschelte Sylvias Hand. „Das fasse ich als Kompliment auf, meine Liebe.“ Er hob den Kopf und bemerkte dabei Gingers spöttisches Lächeln. Einen Moment lang flackerte ein seltsamer Ausdruck in seinen Augen auf, dann wandte er sich Maria zu, die aufgeregt auf Griechisch auf ihn einredete.

Ginger konnte sich nur wenig an der Unterhaltung beteiligen, weil sie kein Wort Griechisch verstand, und sehnte deshalb das Ende des Dinners herbei. James machte kein Hehl daraus, dass er sie attraktiv fand, und als er hörte, dass sie in London lebte und sich in ihrer Freizeit gern Kunstausstellungen ansah, holte er zu einem langen Diskurs über die Nationalgalerie aus, bis Alex ihn unterbrach.

„James?“ Ginger hob den Kopf und erhielt einen strafenden Blick von Alex, ehe er sich ihrem Gesprächspartner zuwandte. „Sie sind hier, um zu arbeiten, und nicht, um sich an die Betreuerin meiner Mutter heranzumachen. Vergessen Sie das bitte nicht.“

Sofort wurde es still im Raum. Erst ein leises Kichern von Maria löste die Spannung, aber Ginger spürte trotzdem, wie ihr Gesicht rot anlief. James dagegen sah seinen Chef erstaunt an und erwiderte in typisch britischer Manier: „Meine Absichten Ginger oder jeder anderen Frau gegenüber sind selbstverständlich absolut ehrenhaft.“ Diese eines Gentleman würdige Antwort entkräftete er allerdings durch den wenig charmanten Zusatz: „Bei dem gegenwärtig so gefährlichen sexuellen Klima müssen sie das auch sein.“ Das allgemeine Gelächter normalisierte die Stimmung am Tisch wieder. Ginger atmete erleichtert auf, doch es sollte noch schlimmer kommen.

Während der ersten zwei Gänge des Dinners würdigte sie Alex keines Blickes. Ihr war klar geworden, dass er sich mit ihr nur die Zeit vertrieben hatte, bis seine schöne Sylvia erschienen war.

„Stimmt das nicht, Ginger?“, riss Alex’ Stimme sie aus ihren Gedanken. Plötzlich nannte er sie wieder beim Vornamen. Sollte sie sich jetzt vielleicht noch geehrt fühlen? Als sie aufsah, merkte sie, dass wieder alle Blicke auf sie gerichtet waren.

„Das müssen Sie uns erzählen, Ginger“, forderte Sylvia sie auf. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Alex mit jemandem nicht fertig wird.“ Sie lächelte, aber der harte Ausdruck ihrer Augen entging Ginger nicht.

Sie hatte keine Ahnung, wovon die Rede war, unerwarteterweise jedoch kam ihr Spiros zu Hilfe.

„Haben Sie Alex tatsächlich irrtümlich für einen Straßenräuber gehalten?“, fragte er.

Alex’ amüsierter Gesichtsausdruck ließ Ginger sofort wieder in Wut geraten.

„Einen Irrtum würde ich das nicht unbedingt nennen“, antwortete sie sarkastisch und bemerkte dabei befriedigt, wie sich Alex’ Miene verfinsterte. „Aber ansonsten stimmt es. Ich habe Alex tatsächlich am Hals gepackt und ihm das Knie in den Unterleib gerammt.“ An Sylvia gewandt fügte sie genüsslich hinzu: „Aber ich bin sicher, dass die Damen in seinem Leben sich keine Sorgen zu machen brauchen. Er dürfte keinen bleibenden Schaden erlitten haben.“

Spiros’ schallendes Gelächter löste die angespannte Atmosphäre etwas. „Das hätte ich zu gern gesehen! Der große Alexandros lässt sich von einem zierlichen Mädchen flachlegen.“

Ginger verbuchte die Runde im Geiste für sich und wollte sich danach im Hintergrund halten, aber das ließ James nicht zu. Nach seiner Zurechtweisung durch Alex hatte Ginger eigentlich erwartet, dass er sich nicht mehr um sie kümmern würde, aber zu ihrem wachsenden Unbehagen bezog er sie bei jeder Gelegenheit in die Unterhaltung mit ein. Dabei konnte Ginger spüren, wie Alex sie mit Argusaugen beobachtete.

Nach dem Essen wurde auf dem Achterdeck Kaffee serviert. Ginger saß neben Anna auf dem Sofa und beglückwünschte sich im Stillen dazu, gemeinsam mit Anna den Abend ganz gut hinter sich gebracht zu haben, als zu ihrem Entsetzen Katherina plötzlich anfing, in Erinnerungen zu schwelgen. Ginger war überzeugt, dass sie das absichtlich tat.

„Eigenartig, dass Alex inzwischen das einzige noch lebende männliche Familienmitglied ist. Weißt du noch, Anna, wie gut unsere Männer sich zu Lebzeiten verstanden haben? Jetzt ist es schon wieder sieben Jahre her, seit ich auch noch meinen Bruder verloren habe. Alles noch relativ junge Männer. So viel Leid, und trotz allem sind wir immer noch eine Familie!“

So ein Biest, dachte Ginger verärgert, aber zu ihrer Überraschung lächelte Anna, obwohl ihr die Bemerkung sehr wehgetan haben musste. Spontan stand Ginger auf.

„Entschuldigen Sie uns, es war ein langer Tag.“ Sie sah, wie Alex sich zu ihr umdrehte. „Kommen Sie, Anna? Es ist schon spät, und ich muss Ihnen noch die Schulter massieren.“

„Die Schulter?“, fragte Alex sofort. „Ich dachte, Mutter hätte nur im Knie Arthritis.“

Ginger hätte sich für ihren dummen Versprecher ohrfeigen können. „Ja, schon, aber …“, sagte sie stockend, da kam Anna ihr zu Hilfe.

„Es ist nichts Schlimmes, nur ein Anflug von Rheuma, und Ginny hat so sanfte Hände. Ich muss zugeben, dass ich ihre Begabung schamlos ausnutze. Wenn ihr mich entschuldigt, ziehe ich mich jetzt zurück.“

„Ich bringe dich in deine Kabine, Mama.“

Vor der Tür strich Anna Alex liebevoll über die Wange. „Gute Nacht, mein Sohn.“

Ginger wollte ihr in die Kabine folgen, aber eine starke Hand hielt sie zurück. „Einen Moment, Ginger.“

Zögernd blieb Ginger stehen. Alex war ihr so nah, dass sie den herben Duft seines Eau de Toilette riechen konnte, und als Anna die Kabinentür geschlossen hatte, waren sie allein auf dem schmalen Korridor.

„Was wollen Sie?“, fragte Ginger nervös.

„Sie“, flüsterte Alex erregt. Sofort spürte Ginger, wie ihr Körper verräterisch auf den Ton seiner Stimme reagierte, und sie wich auch nicht aus, als Alex sich hinunterbeugte. Sie konnte seinen Kuss schon fast spüren, doch dann hauchte er ihr nur ins Ohr: „Aber ich kann warten, bis ich herausgefunden habe, was Sie und Mutter im Schilde führen.“

Ginger zitterte, als sein Atem ihre Wange streifte. Noch nie hatte sie solches Verlangen verspürt. Sie wusste jedoch, dass Alex es nicht ernst meinte, sondern wie am Tag zuvor nur mit ihr spielte.

„Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden“, erwiderte sie kühl. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen – Anna braucht mich.“ Sie drückte die Türklinke herunter.

„Ich Sie auch. Und wie!“, sagte Alex heiser und biss ihr ganz leicht ins Ohrläppchen, bis Ginger ein Schauer über den Rücken lief. Dann ließ er langsam ihren Arm los, fuhr mit den Fingern hinunter zu ihrer Hand und strich ihr mit dem Daumen über die Handfläche. Sein leises Lachen dabei ließ Ginger wütend ihre Hand wegziehen.

„Gehen Sie lieber zu Sylvia, und treiben Sie mit der Ihre Spielchen“, stieß sie hervor. „Der macht das sicher Spaß. Sie passt zu Ihnen.“

„Mag schon sein.“ Er kniff die Augen zusammen. „Aber kommen Sie nicht auf den Gedanken, James könnte gut zu Ihnen passen. Das werde ich nicht zulassen.“

Seine anmaßende Art war einfach unglaublich, aber Ginger war nicht in der Stimmung, sich dagegen zu wehren. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, die Kreuzfahrt möglichst ohne Streit hinter sich zu bringen. Sie brauchte das Geld, das sie bei Anna verdiente, und solange sie sich darauf konzentrierte und Alex aus dem Weg ging, würde sie das Ganze schon ertragen. Sie stieß die Tür auf, schlüpfte in Annas Kabine und ließ Alex einfach stehen.

Die nächsten Tage wurden für Ginger eine Mischung aus Traum und Albtraum. Die Jacht glitt bei strahlendem Sonnenschein majestätisch von einer griechischen Insel zur nächsten.

Ginger gab sich alle Mühe, Alex aus dem Weg zu gehen, und Anna trug dazu bei, indem sie darauf bestand, das Frühstück in der Kabine einzunehmen. Mit Hinweis auf ihre helle Haut verzichtete Ginger darauf, sich zu den anderen am Pool zu gesellen. Stattdessen schlich sie sich morgens um sieben dorthin und genoss es, das Becken ganz für sich zu haben. Damit war es jedoch am dritten Tag vorbei, als plötzlich Alex dort auftauchte, nur mit einer schwarzen Badehose bekleidet.

Ginger schluckte vor Schreck eine Ladung Wasser, als sie ihn sah, aber es sollte noch ärger kommen. Alex hechtete elegant ins Wasser und tauchte direkt neben ihr wieder auf.

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