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ROMANA EXTRA BAND 89

NORAH WEST

Heimliche Küsse im Paradies

Auf den Kapverden will Konzernboss Emilio Torres nach einem Schicksalsschlag zur Ruhe kommen. Nur wie, wenn die schöne Barbesitzerin Betty gleich bei ihrer ersten Begegnung sein Verlangen weckt?

BONNIE LAMONT

Nur eine Nacht unter spanischen Sternen?

Beim Blick in Luis Morrells haselnussbraune Augen schlägt Danas Herz höher. Dabei ist sie nach Madrid gereist, um ihn zu interviewen – nicht, um sich zu einer Affäre verführen zu lassen!

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Spiel nicht mit meinem Herzen, Geliebte!

Ausgerechnet auf der kleinen Insel Sapphire Shores trifft die berühmte Schauspielerin Sierra ihren Traummann! Aber ihr unverhofftes Liebesglück mit Campbell Monroe wird durch eine Intrige bedroht …

Heimliche Küsse im Paradies

1. KAPITEL

Hör auf, ihn anzustarren!

Betty rief sich innerlich zur Ordnung, bevor sie die nächste Banane schälte und in den Mixer warf. Es galt, eine Bestellung nach der anderen abzuarbeiten. Sie hatte wirklich keine Zeit für solche Ablenkungen!

„Drei Bananenmilch, einen Zuckerrohrsaft und einen Espresso für Tisch sieben“, rief ihr Malia zu und eilte sofort wieder hinaus auf die Terrasse, wo soeben neue Gäste Platz genommen hatten.

Betty lächelte zufrieden. Wie schön, dass das Geschäft so gut lief. Nun waren alle Tische besetzt. Der Ventilator surrte, überall klapperten Gläser und Tassen. Die kapverdische Musik, die aus dem Radio kam, die Flechtmöbel aus Bambusholz und die Palmblätter, die über die Terrasse hingen, verliehen ihrer kleinen Bar das tropische Flair, das ihre Gäste so sehr schätzten.

Hinter der Terrasse erhob sich ein sanfter Berghang. Die Zuckerrohrpflanzen schaukelten wie überdimensionale Grashalme im Wind. Eingebettet in die Hügel des romantischen Paul-Tals hatte die Bar außerdem eine wahrlich perfekte Lage. Kein Wunder, dass die Wanderer Betty an Schönwettertagen regelrecht die Tür einrannten.

Ob es nun Bananen für die Milch waren, Bohnen für den Kaffee, Zuckerrohrsirup oder Grogue, der landestypische Schnaps – alles kam aus der Produktion der örtlichen Bauern. Das fanden die Touristen gut; es wurde sogar in einigen Reiseführern lobend erwähnt.

Betty übergoss die Bananenstücke mit Milch und schaltete den Mixer ein. Als das Gerät aufheulte, drehte sie sich zur Kaffeemaschine um, die kurz darauf zischend und dampfend das gewünschte Getränk zubereitete. Jeder Handgriff saß. Zügig füllte sie die schaumige Milch in die bereitgestellten Gläser, die sie mit Fruchtstücken und kleinen Schirmchen dekorierte. Köstlicher Bananenduft stieg ihr in die Nase. Und ob sie wollte oder nicht – nachdem sie alles für Malia auf dem Tresen bereitgestellt hatte, wanderte ihr Blick wieder hinüber zu Tisch vier.

Himmel, wer war dieser Mann? Normalerweise suchten nur Wanderurlauber ihre Bar auf. Ab und zu kamen auch die Einheimischen. Dass er in keine dieser Kategorien fiel, erkannte sie auf den ersten Blick. Das marineblaue Hemd, die Krawatte und das edle Jackett, das über der Stuhllehne hing, passten so ganz und gar nicht hierher. Im Paul-Tal gab es fast nichts außer Bananenbäumen, Zuckerrohrfeldern, ein paar schönen Wanderwegen und ihrer Bar.

Er sah aus wie ein Geschäftsmann aus der Großstadt. Konzentriert blätterte er in einem Stapel Unterlagen, tippte etwas in sein Handy und machte sich ein paar Notizen. Er saß als Einziger alleine an einem Tisch, umgeben von Wandergruppen, die von ihren Tagestouren zurückgekehrt waren und nun tranken, plauderten und herzlich lachten.

„Sie sind aber keine Einheimische, nicht wahr?“

Betty fuhr herum. Eine sportliche Seniorin stand auf der anderen Seite des Tresens. Aus ihrem Rucksack ragten die Griffe von Wanderstöcken. Die Frau musterte sie neugierig.

„Nein, selbstverständlich nicht“, erwiderte sie. Es war ihr natürlich anzusehen, dass sie keine Kapverdierin war, allein schon wegen der Hautfarbe. „Ich bin Engländerin“, erklärte sie.

„Was Sie nicht sagen!“ Die Seniorin klatschte begeistert in die Hände. „Habt ihr das gehört? Die Bardame ist auch Engländerin“, rief sie der Gruppe an Tisch zwei zu, an dem es bereits hoch herging, weil dort Grogue getrunken wurde. „Mein Kind, wie hat es Sie denn hierher auf die Insel verschlagen?“, wollte sie wissen.

Betty hatte ihre Geschichte bestimmt schon tausendmal erzählt, denn jeden Tag kamen neue Urlauber, die neugierige Fragen stellten, wenn sie die blonde, blauäugige Frau entdeckten, die offensichtlich keine Urlauberin war.

„Ach“, begann sie und seufzte. „Ich hatte mein Leben in London eben satt – und einen großen Traum: in die Tropen auswandern und eine eigene Bar eröffnen.“ Sie lächelte die Dame freundlich an und griff sich die nächsten Bananen. Sie schälte die Früchte, während sie weitererzählte. „An meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag habe ich mich dazu entschlossen, das Abenteuer zu wagen. Wissen Sie, die Kapverden kannte ich aus mehreren Urlauben, und ich liebe die Inseln – meine Wahl ist auf Santo Antão gefallen, weil es die ursprünglichste der Inseln ist. So habe ich das graue London gegen das tropische Paul-Tal getauscht. Kein schlechter Tausch, oder?“

„Wie wahr!“ Die Seniorin schaute sich begeistert um. „Es ist wunderschön hier! Wie lange leben Sie denn schon auf Santo Antão?“

Betty hörte zwar die Frage, antwortete aber nicht, und sie hatte auch aufgehört, die Banane, die sie in der Hand hielt, zu schälen, denn ihr Blick war schon wieder zu Tisch vier gewandert.

Der Geschäftsmann saß immer noch dort und studierte seine Unterlagen. Sie betrachtete ihn und kam unwillkürlich ins Sinnieren. Er sah unverschämt gut aus: glänzende schwarze Haare, südländischer Teint, sexy Dreitagebart. Seine Augen waren dunkel und strahlten etwas Tiefgründiges aus. Sie hätte sich in ihnen verlieren können.

Woher dieser Mann wohl stammte? Vielleicht aus Italien oder Spanien? Auf alle Fälle war er ein Südländer. Betty hatte jegliche Tätigkeit eingestellt, außer ihm dabei zuzusehen, wie er seine Unterlagen studierte und sich zwischendurch nachdenklich über den akkurat gestutzten Bart fuhr.

„Mein Kind, ist alles in Ordnung?“

Betty fuhr herum. Die Seniorin sah sie fragend an.

„Jaja, klar“, sagte sie schnell. Himmel, was war nur los mit ihr? Warum ließ sie sich andauernd von diesem Mann ablenken? Normalerweise war sie sehr konzentriert, wenn sie hinter der Theke arbeitete oder sich mit Gästen unterhielt. Nun kostete es sie Mühe, dem Mann keine weitere Beachtung zu schenken, um der Frau endlich eine Antwort zu geben. „Seit zwei Jahren. Glauben Sie mir, es war die beste Entscheidung meines Lebens, hier meine Bar zu eröffnen.“

„Ach wirklich, Sie sind die Besitzerin?“

„Ja, ich bin Betty“, erklärte sie stolz und hob eines der Gläser mit dem Schriftzug aus kringeligen, blauen Buchstaben: Bettys Bar.

Woher sie als Mittzwanzigerin die finanziellen Mittel gehabt hatte, sich ihren Traum vom Auswandern und einer eigenen Bar zu erfüllen, verschwieg sie. Ihr früheres Leben und ihre beachtliche Karriere in Londons Bankenviertel gehörten nämlich zu einer Vergangenheit, mit der sie nichts mehr zu tun haben wollte.

„Toll, mein Kind, wirklich großartig“, sagte die Frau, bestellte dann mehrere Gläser Bananenmilch und eilte beschwingten Schrittes zurück zu ihrer Gruppe.

Betty griff zum Messer, um die Bananen in Scheiben zu schneiden. Nun musste sie sich beeilen, denn in der Zwischenzeit hatte ihr auch Malia eine Liste mit neuen Bestellungen auf den Tresen gelegt, und die war lang. Sie durfte sich jetzt nicht mehr ablenken lassen, schließlich sollten ihre Gäste nicht warten. Doch es gelang ihr nicht, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie konnte nichts dagegen tun, dass sie immer wieder zu dem Südländer hinschielte.

Der hatte seine Unterlagen inzwischen weggelegt und blickte zum Tresen. Es sah so aus, als würde er sie beobachten. Hatte er sie gar angelächelt? In ihrer Bauchgegend machte sich ein Gefühl breit, das sie nicht zuordnen konnte und zu ignorieren versuchte. Nervös strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht.

Reiß dich zusammen, Betty! Draußen warten mindestens zehn Leute auf ihre Getränke. Beeil dich!

Sie wurde immer hektischer, denn sie spürte, dass er sie weiter anschaute. Schließlich trafen sich ihre Blicke, und plötzlich fühlte sie sich wie elektrisiert. Prompt rutschte ihr das Messer aus der Hand und landete auf dem Schneidebrett. Glücklicherweise ohne einen Schaden anzurichten. Sie musste kichern. Wie konnte es sein, dass ein Mann, den sie gar nicht kannte, sie derart aus dem Konzept brachte?

Sobald die Dunkelheit über das Paul-Tal hereinbrach, begann die Bar sich zu leeren. Während Betty den Tresen putzte, ging Malia ihre Runde von Tisch zu Tisch und die letzten Gäste bezahlten ihre Rechnungen. Danach brachte Betty ein paar leere Grogue-Flaschen weg und blieb eine Weile im Lager, um dort Ordnung zu schaffen. Als sie wieder in den Gastraum zurückkehrte, sicherte Malia gerade die Tische und Stühle auf der Terrasse mit Ketten. Alle Gäste waren gegangen, auch der Geschäftsmann.

Betty ging zu Tisch vier, wo sie den Stuhl, auf dem er gerade noch gesessen hatte, zurechtrückte und innerlich seufzte. Eigentlich schade, dass sie kein einziges Wort mit diesem Mann gewechselt hatte.

Danach ließ sie mit Malia den Tag ausklingen. Sie hatten sich zu zweit an den Tresen gesetzt und tranken Grogue. Malia war nicht nur ihre Mitarbeiterin, sondern auch ihre beste Freundin. Die schlanke, hochgewachsene Kapverdierin war gerade erst einundzwanzig geworden und sehr hübsch. Sie wurde von vielen jungen Männern im Paul-Tal verehrt.

„Grundgütiger, war das heute ein anstrengender Tag“, sagte sie und lächelte. Ihre Augen leuchteten. Durch ihre dunkle Haut wurde dieser Effekt noch verstärkt. Ihre langen Haare trug sie hochgesteckt, wie es bei den jungen kapverdischen Frauen gerade in Mode war. Goldene Kreolen schmückten ihre Ohren.

Sie war die Tochter der Nachbarfamilie, die wie fast alle Menschen im Paul-Tal hauptsächlich vom Bananenanbau lebte. Um das Familieneinkommen aufzubessern, half Malia aber an Tagen, an denen viele Gäste kamen, in Bettys Bar aus.

„Stimmt“, erwiderte Betty nachdenklich. Ihre Gedanken kreisten nach wie vor um den Südländer, und mittlerweile ärgerte sie sich darüber, dass sie mit ihm nur Blicke ausgetauscht, ihn aber nicht angesprochen hatte. Warum war sie nur so nervös geworden? Sie war doch auch sonst nicht auf den Mund gefallen! Zu gerne hätte sie erfahren, wer er war und was ihn ins Paul-Tal verschlagen hatte.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. „Hast du vorhin den Mann an Tisch vier bemerkt?“, fragte sie Malia und grinste. „Sexy, nicht wahr?“

Kaum waren die Worte ausgesprochen, gefror Malias Lächeln. „Betty, weißt du etwa nicht, wer das war?“ Ihr Blick war plötzlich so ernst, dass Betty befürchtete, etwas Falsches gesagt zu haben.

„Nein, sag bloß, du kennst ihn.“

„Das war Emilio Torres!“, stieß Malia entsetzt hervor.

„Torres – so wie Torres Fruits?“

„Richtig!“

Betty stutzte. Natürlich sagte ihr der Name Torres etwas. Der war schließlich im Paul-Tal allgegenwärtig. Auf der Hauptstraße verkehrten kaum Autos, aber wenn doch einmal ein Fahrzeug kam, war es meist ein LKW, auf dem der Name geschrieben stand, und die Torres-Hallen unweit des Dorfplatzes kannte hier jedes Kind. Torres Fruits war ein Großkonzern aus Europa, der mit tropischen Früchten handelte, auch mit den Bananen aus dem Paul-Tal.

„Emilio Torres ist einer der beiden Eigentümer“, erklärte Malia. „Ihm und seinem Bruder gehört der Konzern.“ An ihrem Tonfall war zu hören, dass sie den Mann verachtete.

„Das ist ja ein Ding. Was der wohl hier wollte?“, murmelte Betty.

„Emilio Torres wird wohl in Zukunft öfters im Paul-Tal unterwegs sein, denn er lebt seit Neuestem hier auf Santo Antão.“

„Ach was? Bist du dir da sicher?“ Sie konnte kaum glauben, was Malia gerade erzählt hatte. Soweit sie wusste, befand sich der Sitz von Torres Fruits in Lissabon, Tausende Kilometer von den Kapverden entfernt. Und sie stellte es sich sehr kompliziert vor, einen Großkonzern aus der Ferne zu lenken. Vielleich nahm Malia sie auch nur auf den Arm. Andererseits sah ihre Freundin im Moment nicht so aus, als wäre sie zu Scherzen aufgelegt, ganz im Gegenteil.

„Torres Fruits betreibt ein Regionalbüro auf Santo Antão, das sich in Ribeira Grande befindet“, fuhr Malia mit ernster Stimme fort. „Es wurde früher von einem älteren Mann geleitet, einem Portugiesen, der die Insel aber nun verlassen hat. Ich glaube, er ist in Rente gegangen. Nun ist Emilio Torres gekommen und hat den Posten übernommen.“

„Der Konzerneigentümer leitet ein kleines Regionalbüro? Ist das nicht ungewöhnlich?“

„Was weiß ich!“ Malia warf ihre Arme hoch und wirkte immer genervter von dem Thema. „Mein Vater kann es sich auch nicht erklären, aber fest steht: Emilio Torres leitet seit einiger Zeit das Büro auf Santo Antão und ist unser Ansprechpartner, wenn es um die Bananenverkäufe geht.“ Sie nahm ihr noch halb volles Glas, trank es in einem Zug leer und stellte es hart auf den Tresen.

Betty wich zurück. Welche Laus war ihrer Freundin denn plötzlich über die Leber gelaufen? Wo war die Fröhlichkeit hin, mit der sie normalerweise jeden ansteckte? Nun wirkte sie geradezu bedrückt – und auch wütend. So kannte sie Malia gar nicht.

„Was ist denn los?“

Die junge Kapverdierin starrte einen Moment düster vor sich hin. „Ach Betty“, sagte sie dann. „Am liebsten würde ich den Namen Torres nie wieder hören, aber das geht leider nicht, verstehst du?“

Nein, das verstand Betty nicht. „Aber wieso?“, fragte sie.

Malia seufzte frustriert. „Momentan haben wir es eben nicht leicht. Wie du weißt, ist meine Familie von Torres Fruits abhängig. Es betrifft aber nicht nur meine Familie, sondern alle Bauern im Paul-Tal. Torres ist der einzige Großhändler, der auf Santo Antão aktiv ist und Bananen kauft. Das bedeutet, dass die Brüder die Preise bestimmen können, und das nutzen sie eiskalt aus.“

„Inwiefern?“

„Nun ja, wir haben noch nie besonders viel Geld für unsere Bananen bekommen. Früher reichte es wenigstens zum Überleben, aber nun …“ Sie hielt inne und schluckte. „Im vergangenen Jahr hat Torres Fruits die Preise mehrmals gesenkt, und wir können leider nichts anderes tun, als es zu akzeptieren. Mein Vater weiß nicht, wie es weitergehen soll. Es ist eine Katastrophe.“ Malias Mundwinkel zuckten und sie sah hilflos aus. „Aber lass uns über etwas anderes reden, in Ordnung?“

„Nein, Malia!“, rief Betty. „Probleme lösen sich doch nicht, indem man sie unter den Teppich kehrt.“

Es war ihrer Freundin anzusehen, dass sie nicht über das Thema sprechen wollte, aber sie gab sich einen Ruck und erzählte weiter: „Unserer Familie geht es noch vergleichsweise gut. Immerhin habe ich meinen Zuverdienst hier in der Bar. Aber es gibt Familien im Tal, denen es mittlerweile am Nötigsten fehlt. Kinder werden nicht mehr in die Schule geschickt, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können. Es ist schrecklich, aber was sollen die Leute denn tun, wenn Torres Fruits andauernd den Bananenpreis drückt?“ Sie rang sich ein schwaches Lächeln ab, doch ihre Augen wirkten todtraurig.

Betty lief es kalt den Rücken hinunter. Natürlich, über die Machtposition von Torres Fruits im Paul-Tal hatte sie Bescheid gewusst. Von dem üblen Spiel, das der Konzern mit den Bauern trieb, hörte sie nun aber zum ersten Mal. Die Erkenntnis, dass der Mann, mit dem sie gerade noch neugierige Blicke ausgetauscht hatte, bei diesem Spiel die Fäden zog, fühlte sich an, als würde ihr jemand einen Schlag in den Magen versetzen.

Männer von seiner Sorte kannte sie leider zur Genüge – aus ihrer beruflichen Vergangenheit im Bankenviertel Londons. Tagtäglich hatte sie mit skrupellosen Geschäftsmännern zu tun gehabt, die auch über Leichen gingen, wenn es half, den Profit ihrer Firma zu steigern. Es schüttelte sie, so abscheulich fand sie das. Genau solche Männer waren der Grund gewesen, warum sie ihren hochbezahlten Job in der Investmentbank hinschmiss. Ein Schritt, den sie seither noch keine Sekunde lang bereut hatte.

Wenn sie an London dachte, bildete sich ein dicker Kloß in ihrem Hals. Sie schluckte ihn hastig hinunter, denn aus dem Lager, in dem sich auch der Hintereingang ihres Hauses befand, kam ein Klopfen.

„Das muss dein Vater sein. Er wollte heute noch eine Lieferung bringen“, sagte sie zu Malia. Tröstend legte sie eine Hand auf die Schulter ihrer Freundin. Dann rutschte sie von ihrem Barhocker, ging durchs Lager und öffnete die Tür.

„Jaylan, schön, dass du hier bist!“

Malias Vater war ein Mann mit krausem, leicht ergrautem Haar, dem man ansah, dass er schon sein Leben lang hart arbeitete. Er trug einen blauen Overall und schwere Gummistiefel. Vor ihm auf dem Boden standen drei übereinandergestapelte Bananenkisten.

„Lass dir helfen!“, rief sie, als Jaylan Anstalten machte, die Kisten ins Lager zu schleppen. Sie packte mit an – Jaylan auf der einen Seite, sie auf der anderen. Schritt für Schritt bewegten sie sich nach drinnen, wo sie eine Kiste nach der anderen stöhnend auf eine Stellage hievten.

Als alle Früchte sicher verstaut waren, streckte Betty sich seufzend. „Danke, Jaylan, du bist meine Rettung. Die Lieferung war dringend notwendig. Für morgen haben sich bereits mehrere Wandergruppen angesagt, und ich hatte keine Bananen mehr.“

Jaylan nickte lächelnd, sagte aber nichts.

„Komm, trink einen Grogue mit uns! Malia ist auch noch hier.“

„Ist gut“, erwiderte er. Dass sich Jaylan so wortkarg gab, war normal. Er war generell ein sehr zurückhaltender Mann. Seine Augen sahen müde aus und sein Gang wirkte träge, was möglicherweise auch an seinen klobigen Stiefeln lag. Im Gastraum begrüßte er seine Tochter und setzte sich neben sie.

„Wir haben gerade über Emilio Torres gesprochen“, nahm Betty das Gespräch wieder auf, während sie ihm ein Glas Grogue einschenkte.

Jaylans Gesichtszüge verzerrten sich. „Torres!“, schnaubte er und seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Er ist ein Halsabschneider, hörst du!“

Betty zog die Augenbrauen hoch. Solche Gefühlsausbrüche waren für Jaylan höchst ungewöhnlich. „Malia hat bereits erwähnt, dass es Probleme mit Torres Fruits gibt“, erwiderte sie.

„Torres ist ein Schuft, ein Verbrecher!“ Jaylans Arme wirbelten durch die Luft.

„Vater, bitte beruhig dich!“, bat Malia.

„Ach, lass mich doch!“ Er machte eine wegwerfende Geste. „Weißt du, wie oft Torres die Preise gesenkt hat? Drei Mal in nur einem Jahr. Hörst du, drei Mal! Vor einem Jahr haben wir noch fast sechshundert Escudos für eine Kiste Bananen bekommen. Nun zahlt er gerade mal etwas mehr als vierhundert. Und wir können nichts dagegen tun … nichts!“ Seine Augen funkelten vor Wut. Der sonst so stille Mann war plötzlich völlig in Rage. „Was Torres mit uns macht, ist ein Verbrechen!“

„Vater …“, sagte Malia besorgt.

„Es tut mir leid, dass ihr solche Probleme mit dem Bananenverkauf habt“, warf Betty ein. „Aber ihr baut doch auch Zuckerrohr an, nicht wahr?“

„Zuckerrohr, Zuckerrohr!“, schrie Jaylan. „Weißt du, wie viel man auf den Kapverden mit Zuckerrohr verdient? Nichts! Es gibt keinen einzigen internationalen Konzern, der hier Zuckerrohr kauft. Wir bauen nur wenig davon an, für Sirup und Schnaps. Zum Überleben brauchen wir die Bananen – und Torres Fruits. Nur zieht uns Torres das letzte Hemd aus.“ Die Worte schossen wie giftige Pfeile aus seinem Mund. So zornig hatte Betty ihren Nachbarn noch nie gesehen. „Ich mache nachts kein Auge mehr zu“, fügte er leise hinzu.

Betty presste ihre Lippen fest aufeinander und fühlte sich schrecklich. Sie machte sich Vorwürfe. Wie hatte ihr das Dilemma ihrer Freunde bislang entgehen können?

Für die Blicke, die sie mit Emilio Torres ausgetauscht hatte, schämte sie sich jetzt. Gut, sie hatte zwar nicht wissen können, dass dieser Mann Malias Familie das Leben zur Hölle machte, trotzdem war es ihr unangenehm, denn gerade wegen ihrer Erfahrungen aus London müsste sie solche Typen eigentlich auf den ersten Blick erkennen. Wie hatte sie ihn nur attraktiv finden können? Dieser Flirt musste sofort aus ihrer Erinnerung verschwinden. Sie kniff die Augen zusammen, weil sie hoffte, dass das dabei half.

Es klopfte erneut an der Tür. Zwei Männer und eine Frau traten ein. Betty begrüßte die Spätankömmlinge herzlich. Im Paul-Tal gab es nämlich ein ungeschriebenes Gesetz. Wenn abends nach dem Ende der normalen Öffnungszeiten in Bettys Bar noch Licht brannte, bedeutete das für die Nachbarn – und innerhalb des Tals betrachteten sich alle gegenseitig als Nachbarn, egal, wie weit ihre Häuser voneinander entfernt waren –, dass sie herzlich auf ein Feierabend-Getränk eingeladen waren. An solchen Abenden verwandelte sich der Gastraum, der tagsüber hauptsächlich von Urlaubern besucht wurde, in einen beliebten Treffpunkt der Einheimischen.

Eine Stunde später waren wieder alle Tische besetzt. Es wurde Wein, Bier und Grogue getrunken, die Stimmung blieb aber gedrückt, denn das Gesprächsthema hatte sich nicht geändert.

„In unserer Gegend gibt es lauter leer stehende Häuser“, berichtete Leila, eine Frau um die dreißig, die in der Mitte des Tals wohnte und ein kleines Kind im Arm hielt. „Die Familien haben aufgegeben. Es ist schrecklich.“

„Aufgegeben?“, hakte Betty nach.

„Wegen der Preissenkungen haben sie vom Bananenanbau nicht mehr leben können. Ihnen ist keine andere Wahl geblieben, als Santo Antão zu verlassen“, erklärte Leila traurig. „Eine Familie ist nach São Vicente übersiedelt, denn drüben auf der Nachbarinsel gibt es eine Fabrik, die neue Leute sucht. Natürlich sind die Löhne auch dort nicht hoch, aber das Geld reicht zum Überleben.“

„Ein anderes Ehepaar ist nach Sal gegangen“, fügte ihr Ehemann Roberto hinzu, der neben ihr saß. „Ihr wisst doch, auf dieser Insel bauen sie eine Hotelanlage nach der anderen. Die Frau arbeitet nun als Zimmermädchen, ihr Mann als Gärtner.“

„Schlimm, wenn man seine Heimat verlassen muss, weil man hier nicht mehr überleben kann“, sagte Jaylan, der sich wieder beruhigt hatte. Er sah seine Tochter an. „Hoffentlich bleibt unserer Familie dieses Schicksal erspart.“ Dann stützte er die Ellenbogen auf den Tresen und barg das Gesicht in seinen Händen. Malia streichelte ihm über die Schulter.

Überall im Raum war die Verzweiflung spürbar. Niemand wusste einen Ausweg. Je mehr Betty hörte, desto entsetzter war sie.

„Es tut mir so leid“, murmelte sie. „Ich hatte keinen blassen Schimmer, dass es euch so schlecht geht. Malia, warum hast du denn nie etwas gesagt?“

Ihre Freundin machte eine abwehrende Handbewegung und drehte rasch den Kopf weg. Als sie sich wieder zu Betty umwandte, blinzelte sie und wischte sich über die Augen.

„Wisst ihr, wo das Problem liegt?“, rief Roberto in die Runde. Weil niemand etwas sagte, gab er selbst die Antwort: „Ich bin Bauer, aber kein Geschäftsmann. Wir alle sind fleißige Leute, nicht wahr?“ Sein Blick wanderte umher, er sah einem nach dem anderen in die Augen und erntete von allen Seiten zustimmendes Nicken. „Wir wissen viel über Ackerbau, nicht aber, wie man gute Verträge verhandelt – das ist das Problem. Wen wundert es, dass die Torres-Brüder mit uns machen, was sie wollen.“

Allgemeines Raunen setzte ein. Während Betty an solchen Abenden normalerweise wie ein Wirbelwind von Tisch zu Tisch lief und mit jedem plauderte, saß sie nun nachdenklich auf dem Barhocker und beobachtete ihre Freunde, von denen jeder anders auf die schwierige Situation reagierte. Leila wiegte ihr Kind im Arm. Sie wirkte bedrückt, genauso Malia. Anderen standen Zornesfalten im Gesicht. An den hinteren Tischen wurde laut diskutiert. Schließlich schlug Noel, ein älterer Mann, mit der Faust auf die Tischplatte und sprang auf.

„Wir dürfen uns das nicht länger gefallen lassen!“, rief er. „Was wir brauchen, ist ein Anwalt. Jemanden, der es mit einem ausgefuchsten Geschäftsmann wie Emilio Torres aufnehmen kann.“

Jaylan lachte bitter auf. „Noel, du träumst wohl! Wer von uns kann denn einen Anwalt bezahlen?“

„Nein, Vater“, warf Malia ein. „Ich finde Noels Idee gut. Es muss auch kein teurer Rechtsanwalt sein, sondern nur jemand, der Erfahrung mit Geldgeschäften hat. Jemand, der weiß, wie man eine Verhandlung führt.“ Ihrer Miene war zu entnehmen, dass sie plötzlich eine Idee hatte. „Betty“, sagte sie, „du hast doch früher bei einer Bank gearbeitet, in London, nicht wahr?“

Es wurde schlagartig still im Raum und aller Augen richteten sich auf Betty.

„Ist das wahr?“, fragte Noel.

Weil sie mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun haben wollte, sprach sie nicht gerne darüber. Daher wusste auch kaum jemand im Paul-Tal, womit sie ihr Geld verdient hatte, bevor sie hierher ausgewandert war. Allerdings gab es auch keinen Grund, es abzustreiten: Ihr Wirtschaftsstudium hatte sie im Rekordtempo absolviert. Danach hatte sie bei einem der größten Bankhäuser Englands angeheuert, und von diesem Zeitpunkt an war es auf der Karriereleiter weiter steil nach oben gegangen. Sie war eine erfolgreiche Investmentbankerin gewesen, die Millionen auf dem internationalen Börsenparkett verschoben hatte. Auch wenn sie mittlerweile ein völlig anderes Leben führte, war klar: Wenn es um das Verhandeln von Geldgeschäften ging, konnte ihr kaum jemand etwas vormachen.

„Ja, das stimmt“, antwortete sie.

„Sag schon, würdest du uns helfen?“ Leila sah sie hoffnungsvoll an. „Du könntest doch mit Emilio Torres sprechen und versuchen, einen besseren Preis für uns zu verhandeln?“

Über Leilas Bitte musste sie keine Sekunde lang nachdenken. Als sie vor zwei Jahren ins Paul-Tal gekommen war, hatten die anderen sie so herzlich aufgenommen, als wäre sie immer schon eine von ihnen gewesen, und inzwischen waren die Einheimischen ihre Freunde geworden. Selbstverständlich würde sie sie niemals im Stich lassen.

„Ich kann nichts versprechen“, erwiderte sie. „Aber wieso sollte ich es nicht versuchen?“

Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen.

„Toll“, rief dann jemand. „Habt ihr das gehört? Betty wird uns helfen!“ Es wurde applaudiert und vielen wich die Verzweiflung aus dem Gesicht. Sie sahen nun hoffnungsvoll aus.

Beschwichtigend hob Betty die Hände. „Leute, bitte freut euch nicht zu früh! Ich werde mein Bestes geben, aber wie gesagt – ich kann nichts versprechen.“

Hitze stieg in ihr auf und ihr Herz begann zu klopfen. War es Nervosität, weil sie ihre Freunde keinesfalls enttäuschen wollte? Oder lag es daran, dass sie soeben zugesagt hatte, Emilio Torres zu treffen? Jenen Mann, dessen heiße Blicke sie immer noch auf ihrer Haut spüren konnte.

„Ob das gut gehen wird?“, fragte sie sich leise.

2. KAPITEL

Die Gardinen flatterten im Wind. Emilio stand am offenen Fenster und blickte auf Ribeira Grande hinunter. Das Küstenstädtchen unweit des Paul-Tals bestand nur aus wenigen Straßenzügen. Pastellfarbene Häuser schmiegten sich aneinander. Dahinter rauschte das Meer.

Direkt unter dem Fenster wimmelte es vor Menschen. Frauen beluden Körbe mit ihren Einkäufen und balancierten sie auf ihren Köpfen nach Hause. Kinder wuselten umher. Fischgeruch stieg ihm in die Nase. Der kam vom Mercado Municipial, dem Lebensmittelmarkt der Stadt, der sich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße befand.

Der Parkettboden knarrte unter seinen Füßen, als er zurück zum Schreibtisch ging. Er setzte sich, klappte den Laptop auf und öffnete die Datei mit den aktuellen Verkaufszahlen. Das Büro sah aus wie die Kulisse eines alten Films, und es roch muffig, denn das Mobiliar stammte noch aus der Kolonialzeit. Der mit opulenten Schnitzereien verzierte, ausladende Schreibtisch aus Tropenholz dominierte den Raum. Es gab auch dunkle Kommoden, eine schwarze Truhe mit goldenen Griffen, ein Sofa, und von der Decke hing ein mit Kerzen bestückter Leuchter, der so groß war wie ein Wagenrad.

„Carmen, verbinden Sie mich mit meinem Bruder!“, rief er durch die halb offen stehende Tür. Im Vorzimmer verstummte das Klappern der Tastatur.

„Sofort, Senhor“, kam es zurück. Er hörte, wie Carmen zum Telefon griff.

Das Regionalbüro von Torres Fruits bestand lediglich aus diesen zwei kleinen Zimmern, die im sogenannten Bananenhaus untergebracht waren, einem auffällig gelben Gebäude im Ortskern von Ribeira Grande. Schon früher, als die kapverdischen Inseln noch eine portugiesische Kolonie waren, war in diesem Haus der Bananenhandel organisiert worden. Heute hatten hier mehrere Firmen ihre Büros.

Emilio kam sich vor, als hätte er eine Zeitreise gemacht. Noch vor ein paar Wochen hatte er seine Geschäfte in einem hochmodernen Glaspalast geführt. Der Firmensitz von Torres Fruits befand sich in den obersten Etagen eines Wolkenkratzers im Geschäftsviertel von Lissabon.

Nun saß er in dem kleinen Büro in Ribeira Grande, starrte auf den Computer und versuchte, sich auf die Verkaufszahlen zu konzentrieren. An Lissabon wollte er wirklich nicht denken. An jeder Straßenecke dieser Stadt haftete irgendeine Erinnerung an Inez, die er verdrängen wollte. Nach Santo Antão war er gekommen, um Ablenkung zu finden.

An Inez zu denken und an den Unfall, der ihn im Alter von nur zweiunddreißig Jahren zum Witwer gemacht hatte, fühlte sich immer noch an wie ein Stich ins Herz. In den ersten Wochen danach stand er unter Schock; an diese Zeit konnte er sich kaum erinnern. Später war er in eine tiefe Trauer gefallen, und irgendwann hatte er es nicht mehr ertragen, in jener Stadt zu leben, in der Inez und er sich geliebt hatten. Er musste Lissabon verlassen. Andernfalls hätte es ihn innerlich zerrissen.

Schließlich spielte ihm der Zufall in die Hände. Dass die Stelle des kapverdischen Regionalleiters neu zu besetzen war, brachte ihn auf die Idee, den Posten einfach selbst zu übernehmen. Eine Auszeit auf einer fernen Tropeninsel, zwei, drei Monate lang. Das hörte sich gut an und würde ihm helfen, über Inez’ Tod hinwegzukommen. Dieser Meinung war auch sein Zwillingsbruder Eduardo.

So trafen die Brüder eine Abmachung: Sie sah vor, dass Eduardo die Geschäfte in Lissabon vorerst alleine weiterführte, während Emilio die Aufgaben des Regionalleiters auf Santo Antão übernahm – in die wichtigsten Entscheidungen den Gesamtkonzern betreffend war er aber nach wie vor eingebunden.

Er hatte aber auch ein ungutes Gefühl bei der Sache. Das Verhältnis zu Eduardo war seit jeher schwierig, vor allem wegen der völlig unterschiedlichen Ansichten, die sie in vielen Fragen der Konzernführung hatten. Emilio fand, dass sein Bruder zwar ein geschickter Geschäftsmann war, ihm aber komplett das Gespür für die soziale Verantwortung fehlte, die ein Unternehmen wie Torres Fruits mit sich brachte.

Im Klartext: Hohe Profite gingen Eduardo über alles, koste es, was es wolle. Den Bauern, bei denen sie die Früchte einkauften, schrieb er immer niedrigere Preise vor. Ob dadurch ganze Familien in den Ruin getrieben wurden, war ihm egal. Wichtiger war es, die Jahresbilanz aufzupolieren. Das war Emilio zutiefst zuwider.

Bislang hatte er in solchen Fällen korrigierend eingegriffen und viele der von seinem Bruder beabsichtigten Preissenkungen verhindern können, aber leider nicht alle. Aus Tausenden Kilometern Entfernung würde es nicht gerade leichter werden, solche Ungerechtigkeiten zu unterbinden – das war ihm bewusst.

„Verzeihen Sie, Senhor!“

Emilio blickte von seinem Laptop auf und lächelte Carmen an, die in der Tür stand. Er mochte die resolute Portugiesin, die außer ihm die einzige Mitarbeiterin des Regionalbüros war. Sie war perfekt organisiert, durchsetzungsstark und mit einer guten Portion Hausverstand ausgestattet – eine bessere Sekretärin konnte man sich nicht wünschen.

„Ich kann Ihren Bruder leider nicht erreichen“, sagte sie.

„Gut, dann lassen Sie ihm bitte ausrichten, er möge mich möglichst bald zurückrufen.“

„Geht in Ordnung“, erwiderte sie. „Ach ja, außerdem bittet eine Senhora darum, Sie zu sprechen.“ Sie warf einen Blick in ihren Notizblock. „Eine Senhora Ross aus dem Paul-Tal“, las sie vor.

Emilio runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern, ob er diesen Namen je gehört hatte, kam aber zu keinem Ergebnis. „Ich kenne keine Senhora Ross“, sagte er.

Carmen zuckte mit den Schultern. „Sie bittet darum, mit Ihnen über die Bananenpreise für die Bauern im Paul-Tal zu sprechen. Soll ich ihr Bescheid geben, dass Sie keine Zeit haben, ja?“

„Nein, nein! Geben Sie ihr einen Termin um fünfzehn Uhr“, antwortete er und widmete sich wieder seinem Computer.

Carmen kritzelte etwas auf ihren Notizblock. „Gut“, sagte sie und marschierte zurück ins Vorzimmer.

„So, so … aus dem Paul-Tal“, murmelte Emilio vor sich hin, während er die Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm betrachtete. Was diese Frau konkret von ihm wollte, würde er früh genug erfahren, also machte er sich darüber keine Gedanken, allerdings löste das Stichwort Paul-Tal bei ihm eine Erinnerung aus – an eine Begegnung, die noch nicht mal einen Tag zurücklag, ihm aber seither schon ein gutes Duzend Mal wieder in den Sinn gekommen war.

Um die Lagerarbeiter in den Torres-Hallen zu besuchen, war er am Vortag im Paul-Tal unterwegs gewesen, und auf dem Rückweg war ihm am Straßenrand eine kleine Bar aufgefallen, in der Kaffee, Bananenmilch und Zuckerrohrsaft angeboten wurden. Er hatte den neuen Geschäftsbericht in der Tasche gehabt, und es war völlig egal, ob er den nun in seinem Büro durchackern würde oder bei einem Espresso zwischen Bananenbäumen und Zuckerrohrfeldern, also entschied er sich für die weitaus schönere Variante.

Es lag nicht an der tropischen Naturkulisse, dass ihm der Besuch in der Bar seither ständig durch den Kopf ging, sondern an der jungen Frau hinter dem Tresen.

Sie war ausgesprochen hübsch gewesen – seidig blondes Haar, ein sanftmütiges Gesicht, entzückende kleine Grübchen in ihren Wangen. Er hatte ein Gespräch belauscht und mitbekommen, dass sie Engländerin war.

Er konnte es sich selbst nicht erklären, aber von der unbekannten Schönheit war ein Zauber ausgegangen, dem er sich aus irgendeinem Grund nicht entziehen hatte können. So war es auch dazu gekommen, dass sie Blicke ausgetauscht und sich für einen kurzen Moment lang angelächelt hatten. Eigentlich keine große Sache, dennoch wusste er, dass es sich nicht gehörte. Immerhin war er nach Santo Antão gekommen, um Inez’ Tod zu überwinden, und nicht um mit einer fremden Frau zu flirten. Deshalb hatten sich diese wenigen Augenblicke für ihn auch so verboten angefühlt – verboten und gleichzeitig aufregend.

Nun rief er sich zur Räson und wendete sich wieder dem Laptop zu. Hastig klickte er sich durch die Datei mit den Verkaufszahlen. Balkendiagramme in bunten Farben bauten sich auf dem Bildschirm auf, aber er konnte sich nicht darauf konzentrieren, weil immer wieder die hübsche blonde Frau vor seinem inneren Auge auftauchte.

In der Hoffnung, das ablenkende Bild zu vertreiben, schüttelte er hektisch den Kopf. Verdammt, er hatte Inez geliebt wie keine andere Frau in seinem Leben. Abgeschlossen war die Sache für ihn noch lange nicht. Deshalb fühlte es sich schlichtweg falsch an, immer wieder an die schöne Fremde zu denken.

Also fasste er einen Entschluss: Bei seinem nächsten Besuch im Paul-Tal würde er die kleine Bar zwischen den Zuckerrohrfeldern unbedingt meiden. Es war besser so.

Betty straffte sich und betrat erhobenen Hauptes das Bananenhaus. Ihre Haare, die sie normalerweise offen trug, hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Um den Eindruck einer taffen Geschäftsfrau zu komplettieren, hatte sie kurz erwogen, einen Hosenanzug zu tragen, sich wegen der Tropenhitze dann aber doch für ein kurzes Sommerkleid entschieden.

Im Flur roch es wie in einem Antiquitätenladen. Während sie die ersten Stufen der Holztreppe nahm, ging sie in Gedanken noch einmal durch, wie sie das Gespräch mit Emilio Torres angehen wollte.

Sie war gewissenhaft vorbereitet. In den letzten Stunden hatte sie alles gelesen, was im Internet über den internationalen Bananenhandel zu finden gewesen war. Die Preise waren seit Monaten im Steigen begriffen. Konzerne wie Torres Fruits machten also gute Geschäfte. Ein Zeitungsartikel, auf den sie gestoßen war, bestätigte das. Darin ging es um den Millionengewinn, den Torres Fruits im vergangenen Jahr erzielt hatte, der höchste seit Jahren. Dennoch war den Bauern im Paul-Tal die Bezahlung im selben Zeitraum immer wieder gekürzt worden. Das passte doch nicht zusammen. Es war eine Ungerechtigkeit.

Innerlich brodelte sie, als sie die Tür erreichte, auf der das Emblem von Torres Fruits angebracht war. Nur weil Firmenbosse wie dieser Emilio Torres im Geld baden wollten, konnten die armen Bauern im Paul-Tal ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken – das durfte doch nicht wahr sein! Es war höchste Zeit, dass dem Mann mal jemand die Meinung sagte.

Vergessen waren die Blicke, der Flirt oder wie immer man das nennen wollte, was am Vortag zwischen Senhor Torres und ihr geschehen war. Hätte sie gewusst, dass es sich um einen derart skrupellosen Geschäftsmann handelte, hätte sie ihn nicht einmal angeschaut.

Sie betrat die Büroräume. Die Vorzimmerdame, eine mollige Frau um die fünfzig mit dunklen Locken, in die sich ein paar graue Strähnen mischten, blickte von ihrem Computerbildschirm auf und sah Betty fragend an.

„Guten Tag, ich bin Betty Ross und habe einen Termin.“

„Gehen Sie nur durch, Senhor Torres erwartet Sie bereits.“

Betty klemmte sich ihre Aktentasche unter den Arm und stöckelte selbstbewusst durch die hohe Flügeltür.

„Miss Ross, Guten Tag!“ Emilio Torres klappte seinen Laptop zu und erhob sich. Als er Betty erblickte, schossen seine Augenbrauen hoch. „Oh, guten Tag“, sagte er noch einmal und klang überrumpelt. Offensichtlich hatte er sie wiedererkannt. Immerhin lag die Begegnung in der Bar erst wenige Stunden zurück. Allerdings ging er mit keinem Wort darauf ein. Er hielt einen Moment lang inne. „Was kann ich für Sie tun? Bitte setzen Sie sich!“, sagte er schließlich. Mit einer flapsigen Geste deutete er auf den freien Stuhl vor seinem Schreibtisch.

Seine Stimme hatte Betty bislang nicht gehört. Leider passte sie zu seinem übrigen Erscheinungsbild, sie war angenehm tief und klang verrucht und sexy. Prompt meldete sich wieder dieses aufregende Prickeln. Sie versuchte sofort, es zu verscheuchen. Bei den Verhandlungen, die sie hier führen wollte, hatten solche Gefühle definitiv keinen Platz.

Sie atmete tief durch, um sich zu sammeln. Sie musste sich vor Augen halten, dass Emilio Torres nichts anderes war als ein übler Machtmensch. Wenn sie etwas für die Bauern erreichen wollte, durfte sie sich keinesfalls ablenken lassen, weder von seinem guten Aussehen noch von seiner erotischen Stimme.

„Senhor Torres, ich möchte Sie nicht zu lange aufhalten“, begann sie. „Ich komme im Auftrag der Bauern aus dem Paul-Tal und möchte mit Ihnen über die Preispolitik Ihres Konzerns sprechen.“

„Ach?“ Er rieb nachdenklich sein Kinn.

Himmel, wieso fand sie das nur so sexy? Sie redete schnell weiter, in der Hoffnung, auf diese Weise alle erotischen Gefühle vertreiben zu können. „Die Preise, die Ihr Konzern den Bauern zahlt, liegen weit unter dem internationalen Standard. Ich denke, das wissen Sie, Senhor. Ich bin mit zahlreichen Bauern aus dem Paul-Tal befreundet, denn ich betreibe eine kleine Bar …“

„Jaja, ich weiß“, fiel er ihr ins Wort und schaute sie so an, als würde er schon wieder mit ihr flirten wollen. „Vielleicht erinnern Sie sich, gestern habe ich Ihre Bar besucht.“

„Mag sein“, wiegelte sie ab. Sie musste möglichst schnell zum Punkt kommen. Mit einer zackigen Bewegung zog sie die vorbereiteten Unterlagen aus der Aktentasche und legte sie auf den Tisch. Es waren mehrere lose Blätter, auf denen viele Zahlen notiert waren. Einige hatte sie mit rotem Textmarker hervorgehoben. Dann legte sie ein paar aus dem Internet ausgedruckte Zeitungsartikel dazu.

„Hören Sie, Senhor, Ihr Konzern schreibt enorme Gewinne, das kann man überall nachlesen. International steigen die Preise für Bananen seit Monaten, auch das ist kein Geheimnis. Die Bauern aus dem Paul-Tal sind aber bereits zum dritten Mal innerhalb eines Jahres mit einer Preissenkung konfrontiert. Darf ich Sie fragen, warum?“

Weil er nicht antwortete, schob sie die Unterlagen über den Tisch und fuhr fort: „In den Ländern Mittelamerikas gibt es bei Bananen einen Mindestpreis von über sechs Dollar für die 43-Pfund-Kiste. Ich weiß, der gilt hier in Afrika nicht, dennoch kann er uns als Vergleichswert dienen. Sie zahlen den Bauern umgerechnet gerade einmal vier Dollar. Mit so wenig Geld kann man nicht überleben. Familien bangen um ihre Existenz, verstehen Sie, Senhor?“

Endlich bequemte er sich dazu, einen Blick in die Unterlagen zu werfen. Nachdem er die Blätter wieder weggelegt hatte, erwiderte er: „Nun machen Sie mal halblang, Senhora. Selbstverständlich kenne ich diese Zahlen, aber finden Sie nicht auch, dass es viel schöner wäre, unser Gespräch in angenehmerer Atmosphäre fortzusetzen?“

Sie runzelte die Stirn.

„Unten in der Straße gibt es ein kleines Restaurant“, erklärte er. „Darf ich Sie auf ein spätes Mittagessen einladen?“

Ihr Herz setzte für einen Schlag aus.

Gib acht, Betty! Das ist doch nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver.

Nein, das hielt sie für keine gute Idee. Es galt, ein ernstes Problem zu besprechen und eine Lösung für die Menschen im Paul-Tal zu finden. Für solche Angelegenheiten hatte man doch ein Büro, oder etwa nicht?

Nun verschränkte er die Arme hinter dem Nacken und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sein selbstsicherer Blick brachte sie fast aus der Fassung. Er trug ein Maßhemd, das wie eine zweite Haut saß und seinen athletischen Körper betonte. Die obersten Knöpfe standen offen und gaben den Blick auf seine gebräunte Brust frei.

Himmel, nein, diesen Anblick findest du nicht sexy!

Es war nicht leicht, sich das einzureden und die eigenen Fantasien zu ignorieren. Sie fuhr sich durchs Haar und spürte, wie ihr heiß wurde.

„Was halten Sie von meinem Vorschlag, Senhora?“

Sie dachte nach. Wenn sie nun ablehnte, würde er sie bestimmt schnell aus seinem Büro hinauskomplementieren und sie hätte keine Chance mehr, für die Bauern zu kämpfen. Bei einem gemeinsamen Essen musste er sich hingegen ihren Fragen stellen. Sollte sie die Einladung also doch annehmen? Rein taktisch gesehen war es vielleicht gar keine schlechte Idee, mit Senhor Torres ins Restaurant zu gehen.

„In Ordnung“, sagte sie. „Lassen Sie uns essen gehen!“

Das Restaurant befand sich direkt neben dem Mercado Municipial und wurde von einem grimmig dreinschauenden Ehepaar betrieben. Es war mit schlichten Holzmöbeln eingerichtet. Sie waren die einzigen Gäste. Es war kalt, denn die Klimaanlage lief auf höchster Stufe. Von draußen drangen der Lärm und die Gerüche des Marktes herein.

„Verzeihen Sie das Ambiente“, sagte Emilio, nachdem sie sich gesetzt hatten. „Leider öffnen alle anderen Restaurants in Ribeira Grande erst abends. Dafür kann ich Ihnen versprechen, dass die Küche hier exzellent ist, insbesondere die Cachupa. Kennen Sie Cachupa?“

„Gewiss“, antwortete sie. Das kapverdische Nationalgericht war ihr selbstverständlich ein Begriff.

„Als ich vor wenigen Wochen auf die Insel gekommen bin, habe ich es zum ersten Mal gekostet“, fuhr er fort. „Ehrlich gesagt, mochte ich es anfangs gar nicht. Dann habe ich mich aber mit dem bitteren Geschmack der Yamswurzel doch angefreundet und mittlerweile bin ich geradezu ein Fan davon.“ Er lächelte.

Auch wenn sie möglichst schnell wieder zum Verhandlungsthema zurückkehren wollte, musste sie innerlich grinsen, denn ihr war es genauso ergangen. Auch sie konnte Cachupa anfangs nicht ausstehen. Mittlerweile zählte der Eintopf aus Mais, Süßkartoffeln, Kürbis und der Yamswurzel, den die meisten Kapverdier liebten, auch zu ihren Leibgerichten.

„Übrigens, wissen Sie, wo Sie die beste Cachupa der Insel bekommen?“

Sie zuckte mit den Schultern. Und lächelte.

„In dem kleinen Strandrestaurant oben in Ponta do Sol. Sollten Sie unbedingt einmal probieren! Ponta do Sol ist ohnehin immer einen Ausflug wert. Da ich noch nicht lange auf der Insel lebe, habe ich bei Weitem noch nicht alles gesehen, aber das kleine Städtchen zählt zu den schönsten Fleckchen, die ich bisher entdeckt habe.“

Himmel, das war schon wieder eine Gemeinsamkeit! Auch Betty hatte sich bei ihrem ersten Besuch in Ponta do Sol verliebt und sogar überlegt, ihre Bar dort zu eröffnen. Schließlich hatte sie sich aber doch anders entschieden, weil im Paul-Tal mehr Urlauber unterwegs waren. Wie konnte es nur sein, dass es so viele Dinge gab, die sie mit diesem kaltblütigen Mann verbanden?

Der Wirt brachte den Topf mit Cachupa und stellte ihn auf den Tisch.

„Darf ich?“, fragte Senhor Torres und nahm die Schöpfkelle, um zuerst ihren Teller zu füllen, danach seinen. Erst nachdem sie zu essen begonnen hatten, fiel ihr auf, wie geschickt er vom Thema abgelenkt hatte.

Senhor, darf ich Sie bitten, dass wir nun wieder über die Bananenpreise sprechen?“

Er legte den Löffel weg. „Hören Sie, ich muss Sie leider enttäuschen. Die Einkaufspreise von Torres Fruits orientieren sich an den wirtschaftlichen Gegebenheiten. Eine Preiserhöhung ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht machbar.“ Dann nickte er mit dem Kopf, als würde er noch „Und damit basta!“ hinzufügen, und aß weiter.

„Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?“ So leicht wollte sie sich nicht abspeisen lassen. Sie überlegte, welches der vielen Argumente, die sie sich zurechtgelegt hatte, sie als Nächstes vorbringen könnte. Gleichzeitig bemerkte sie, dass sie fröstelte. Sie saß genau in der Zugluft der Klimaanlage und trug nur das kurze Sommerkleid.

„Ist Ihnen kalt, Senhora? Sie zittern ja.“ Er sah sie besorgt an.

„Ach, schon in Ordnung.“ Sie winkte ab, rieb sich aber die Unterarme. Auf keinen Fall durfte sie sich jetzt aus dem Konzept bringen lassen, nicht von Emilio Torres und auch nicht von der Klimaanlage. Es ging darum, die Ungerechtigkeit im Paul-Tal zu beseitigen. „Wissen Sie, Senhor, viele Familien im Paul-Tal denken bereits darüber nach …“

„Moment, warten Sie“, unterbrach er sie. Er winkte den Restaurantbesitzer herbei und bat ihn, die Klimaanlage etwas niedriger einzustellen.

Zurück kam jedoch nur eine mürrische Antwort. Der Mann sprach in einem merkwürdigen Kauderwelsch aus Portugiesisch und Kreol, sodass Betty nur verstand, dass dies aus irgendeinem Grund nicht möglich war.

Emilio begann mit dem Mann zu diskutieren.

„Schon gut, kein Problem. Die Klimaanlage macht mir nichts aus“, wiegelte sie ab. Sie wollte sich nicht mit der Raumtemperatur beschäftigen, sondern mit der Situation der Bauern. „Manche Familien haben bereits ihre Häuser aufgegeben und das Tal verlassen, weil der Bananenanbau für sie schlichtweg nicht mehr rentabel ist. Weitere werden folgen, wenn Sie nichts an Ihrer Preispolitik ändern.“ Wieder schauderte sie.

„Sie frieren, Senhora Ross, das sehe ich doch. Nehmen Sie mein Sakko!“ Er sprang auf, schlüpfte aus seiner Jacke und legte sie ihr über die Schultern.

Sie öffnete schon den Mund, um seine Hilfe abzulehnen, aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Es fühlte sich nämlich unglaublich angenehm an. Nicht das Sakko. Das spendete ihr zwar willkommene Wärme, doch es war seine Berührung, die das wohlige Gefühl auslöste.

„So besser?“, fragte er. Seine Stimme klang rau.

Sie nickte stumm. Nun umwehte sie auch noch der anregende Duft seines Aftershaves, und auf einmal war ihr viel wärmer, als ihr lieb war. Er stand hinter ihr und seine Hände lagen auf ihren Schultern. Himmel, was war das für ein sanftes Kribbeln, das sich plötzlich in ihr ausbreitete. Insgeheim hoffte sie, dass diese Berührung niemals enden würde.

Was war nur mit ihr los? Emilio Torres war ein profitgieriger Mann, der Menschen in den Ruin trieb. Es durfte doch nicht wahr sein, dass sie Lust empfand, wenn er sie anfasste. Dennoch konnte sie nichts gegen dieses aufregende Gefühl unternehmen.

„Senhora“, sagte er hinter ihr, „es ist ehrenwert und beeindruckend, wie sehr Sie sich für die Bauern im Paul-Tal einsetzen. Glauben Sie mir, wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich den fleißigen Menschen nur allzu gerne höhere Preise zahlen. Lieber heute als morgen. Als verantwortungsvoller Geschäftsmann muss ich jedoch streng kalkulieren. Eine Preiserhöhung ist nicht möglich, tut mir leid.“

Sie sagte nichts mehr, sondern drehte sich nur kurz nach hinten und lächelte ihn an. War sie denn verrückt geworden? Sie hatte sich Verhandlungsstrategien ausgedacht und Dutzende Argumente zurechtgelegt, die sie vor ihrem Aufbruch mit Malia noch einmal durchgegangen war. Nun fiel ihr kein einziges mehr ein. Und zwar nur, weil Emilio Torres seinen Charme spielen ließ.

„Ich muss mich nun leider von Ihnen verabschieden. In meinem Büro wartet noch ein Berg unerledigter Dinge“, erklärte er. „Es war mir eine Freude, Sie kennengelernt zu haben.“ Während er sprach, streichelte er sanft ihre Schulter, dann bezahlte er die Rechnung und verließ das Restaurant.

Wie elektrisiert blieb sie noch einen Moment sitzen.

Doch schon wenige Minuten später, als sie in ihr Auto einstieg, das vor dem Bananenhaus parkte, kam die Ernüchterung. Niedergeschlagen fuhr sie los, und als sie auf die Abzweigung ins Paul-Tal einbog, fühlte sie sich wie eine Versagerin.

3. KAPITEL

Sofort nach ihrer Ankunft machte Betty sich auf den Weg zu Malia. Die Familie bewohnte zwar das nächstgelegene Haus, doch es stand weiter oben am Berg und war nur über einen Fußweg zu erreichen. So brauchte sie gut zehn Minuten dorthin.

Sie folgte dem gepflasterten Weg, der am Zuckerrohrfeld vorbeiführte und sich danach den Hang emporschlängelte. Das kleine Steinhäuschen, in dem Malia mit ihren Eltern wohnte, war von zahlreichen Terrassen umgeben, auf denen Bananenbäume wuchsen. Dazwischen verliefen kleine Kanäle, die der Bewässerung dienten und, wie sie beim Näherkommen sah, gerade von Jaylan aus einem Schlauch befüllt wurden.

Aus der Küche kam Dampf, und es roch nach gekochten Süßkartoffeln und Yamswurzeln. Das Küchenfenster hatte schon seit Monaten keine Scheibe mehr. Die alte war bei einem Sturm zu Bruch gegangen. Nachdem sie nun von den finanziellen Problemen wusste, konnte Betty sich auch erklären, warum Jaylan die Reparatur schon so lange vor sich herschob. Fensterglas war nicht billig.

An einem der Bananenbäume lehnte eine Leiter, auf der Malia stand und mit einer Gartenschere die verdorrten Blätter abschnitt. Als sie Betty erblickte, ließ sie die Schere auf den Boden fallen, sprang von der Leiter und lief ihrer Freundin entgegen.

„Betty, hast du mit Emilio Torres gesprochen?“, rief sie. „Was hat er denn gesagt?“ Sie lächelte erwartungsvoll.

Bettys Magen verkrampfte sich, weil sie wusste, dass sie Malia gleich bitter enttäuschen musste. Natürlich kam es nicht infrage, ihr nicht die volle Wahrheit zu sagen. Sie musste zugeben, dass sie sich von Emilio Torres’ Charme hatte einwickeln lassen und deshalb nichts erreicht hatte. Das war ihr schrecklich unangenehm.

„Setzen wir uns!“, sagte sie, nachdem sie Malia begrüßt hatte.

Am Wegesrand stand eine Holzbank, von der aus man einen prächtigen Ausblick hatte. Es sah so aus, als würde man auf ein grünes Meer hinunterblicken. Die Blätter der Bananenbäume schwankten gemächlich im Wind. Sie sahen aus wie Wellen, während die weißen Blüten der Zuckerrohrpflanzen wie kleine Schaumkronen wirkten, die darauf tanzten.

„Es tut mir so leid“, begann Betty und hob verzweifelt die Arme. „Torres Fruits wird keine Preisänderung vornehmen. Es ist nichts zu machen.“

Malias eben noch so fröhliche Miene verdüsterte sich. „Was hat Emilio Torres denn gesagt?“

„Nichts.“ Betty zuckte mit den Schultern und ihre Stimme hörte sich merkwürdig piepsend an. „Die wirtschaftliche Situation lasse keine Preiserhöhung zu, hat er gesagt. Mehr nicht.“

„Aber … die Millionengewinne des Konzerns? Hast du ihn darauf angesprochen?“Betty seufzte schwer. „Malia, ich weiß nicht, was mit mir los war. Grundsätzlich hat unser Gespräch sehr gut begonnen, doch dann ist etwas Merkwürdiges passiert. Emilio Torres, er war so …“ Sie gestikulierte, weil sie nach dem richtigen Wort suchte. „So charmant!“

Malia starrte sie ungläubig an. „Charmant?“

„Ja, ich verstehe es ja selbst nicht, aber plötzlich habe ich mich ihm so nahe gefühlt. Eine flüchtige Berührung hat gereicht, und ich war völlig durcheinander. Ich konnte mich nicht mehr auf das eigentliche Thema konzentrieren. Schließlich hat er mir erklärt, dass es keine Preiserhöhung geben wird.“

„Und dann?“ Malia schaute betroffen drein.

„Dann hat er das Gespräch beendet. Es tut mir leid, ich habe nichts erreicht.“ Betty befürchtete, gleich in Tränen auszubrechen.

Malia war deutlich anzusehen, dass sie nur schwer nachvollziehen konnte, was sie gerade gehört hatte. „Grundgütiger, du hast dich ihm nahe gefühlt? Nahe? Betty, hast du denn vergessen, wer Emilio Torres ist?“

Betty barg ihr Gesicht in den Händen. Sie schämte sich so sehr. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Bestimmt würde Malia ihr gleich gründlich die Meinung sagen.

Doch ihre Freundin strich ihr nur seufzend über die Schultern. „Dieser Mann hat dich wohl sehr verwirrt, nicht wahr?“

„Es tut mir leid“, murmelte Betty in ihre Hände.

„Ach, mach dir keine Vorwürfe, wir werden es schon irgendwie schaffen, auch ohne Preiserhöhung.“ So sehr sich Malia auch bemühte, zuversichtlich klang sie nicht.

Plötzlich war das Klappern von Hufen zu hören, die sich näherten. Leila und Roberto kamen in Sichtweite. Neben ihnen trottete ihr Esel, der einen randvoll mit Bananen bepackten Karren zog. Das Ehepaar wirkte abgekämpft, beide waren schmutzig von der Feldarbeit. Ihr Kind schlief seelenruhig im Tragetuch auf Leilas Rücken. Als sie Malia und Betty entdeckten, steuerten sie sofort auf sie zu. Roberto hielt den Esel an und gab ihm eine Möhre zu fressen.

„Du bist schon zurück?“ Leila schaute Betty neugierig an. „Hast du Emilio Torres sprechen können?“

In diesem Moment trat Malias Mutter Rita aus dem Haus, wischte sich die Hände an der Kochschürze ab und gesellte sich zu ihnen. Nun wurde auch Jaylan auf die Gruppe aufmerksam. Er legte den Schlauch weg und kam ebenfalls heran. Jeder wollte wissen, wie das Gespräch mit Emilio Torres verlaufen war, und Betty musste ihnen die ernüchternde Antwort geben.

„Es wird leider keine Preiserhöhung geben“, sagte sie.

Die Gesichter ihrer Freunde fielen förmlich in sich zusammen. Malias Eltern sagten nichts. Jaylan nahm Rita nur in den Arm und sie legte den Kopf an seine Schulter.

Roberto sah seine Frau an. „Was sollen wir nur machen?“ Er klang verzweifelt.

Leila zuckte mit den Schultern und schluckte. Dann schaute sie in die Runde. „Meine Cousine und ihr Mann, sie werden das Tal ebenfalls verlassen“, erzählte sie und ihre Stimme klang belegt. „Ich habe es gestern erfahren. Sie haben auch ein kleines Kind. Wenn es so weitergeht, wird das Paul-Tal irgendwann menschenleer sein.“

Ein beklemmender Gedanke. Betty konnte kaum noch atmen. Ihre Brust fühlte sich wie zugeschnürt an. Meine Güte, warum hatte sie Emilio Torres nichts entgegengesetzt? Wie hatte sie sich nur von seinem Charme einwickeln lassen können?

Aus ihrer Vergangenheit wusste sie doch, wie man mit solchen Männern umsprang. Als Bankerin hatte sie immer wieder mit ihnen zu tun gehabt – junge, attraktive Firmenchefs, die zuvorkommend waren, aber eiskalt handelten, wenn es ums Geschäft ging. In London hatte sie diesen Männern Paroli bieten können. Warum war es ihr diesmal nicht gelungen? Warum hatte sie Senhor Torres nicht zumindest eine kleine Preiserhöhung für die Bauern abringen können?

„Es ist entsetzlich. Es tut mir so leid“, sagte sie ein weiteres Mal.

„Betty, es ist nicht deine Schuld“, versicherte ihr Malia und die anderen stimmten zu.

Aber ihr war zum Heulen zumute.

Senhor, ich habe nun Ihren Bruder in der Leitung.“ Carmens Stimme kam gleichzeitig durchs Telefon und durch die halb offen stehende Tür aus dem Nebenraum.

„Gut, verbinden Sie mich“, sagte Emilio. Es knackste im Hörer.

„Emilio, was gibt’s?“ Eduardos Stimme klang genervt.

Emilio seufzte innerlich, denn er wusste, dass dieses Gespräch nicht einfach werden würde. Bereits am Vortag hatte er versucht, seinen Bruder zu erreichen, eigentlich nur, um mit ihm den neuen Geschäftsbericht zu besprechen. Nun wollte er aber ein anderes Thema anschneiden, das ihm plötzlich viel dringlicher erschien.

„Hör zu, Ed“, sagte er, „es geht um unsere Einkaufspreise für die Bananen aus dem Paul-Tal.“ Dass er seinen Bruder beim Spitznamen nannte, hatte einen Grund. Aus Erfahrung wusste er, dass er so eine größere Chance haben würde, seinen Willen durchzusetzen.

„Du meinst, wir sollten die Preise noch einmal senken, du Hund?“ Eduardo lachte knatternd.

„Im Gegenteil“, entgegnete Emilio.

Bereits wenige Tage, nachdem er seine Geschäfte auf Santo Antão aufgenommen hatte, waren ihm in den Unterlagen, die er im Regionalbüro vorfand, Unstimmigkeiten aufgefallen. Noch unter seinem Vorgänger waren in den vergangenen Monaten offenbar mehrmals die Einkaufspreise für die Bananen aus dem Paul-Tal herabgesetzt worden, ohne dass er davon gewusst hatte. Ein Grund dafür ging aus den Aufzeichnungen nicht hervor.

Er rechnete die Sache daraufhin mehrmals durch und kam immer zum selben Ergebnis: Das Bananengeschäft warf hohe Gewinne ab. Warum die Bauern, die fleißige Leute waren und erstklassige Ware lieferten, auf einmal weniger Geld bekamen, war ihm rätselhaft. Deshalb beschloss er, die Preissenkungen rückgängig zu machen, und setzte diesen Punkt auf seine Erledigungsliste.

Nach dem Gespräch mit der bezaubernden Senhora Ross am Vortag war die Angelegenheit an die oberste Stelle dieser Liste gerückt, denn ihm war klar geworden, dass er dringend handeln musste. Es ging um die Existenz vieler Bauernfamilien im Paul-Tal.

Es gab nur einen Grund, warum er ihr bei dem Gespräch noch keine Zusage erteilt hatte: die Loyalität gegenüber seinem Bruder. Für diesen Schritt brauchte er Eduardos Zustimmung, und er ahnte, dass der von einer Preiserhöhung nicht begeistert sein würde.

Gleichzeitig konnte er nur hoffen, dass er sie mit seiner knappen Antwort nicht allzu sehr verärgert hatte. Sobald sein Bruder überzeugt war, wollte er Carmen bitten, umgehend einen neuen Termin mit ihr zu vereinbaren, um ihr die erfreuliche Nachricht persönlich zu überbringen. Dafür würde er einen schöneren Ort wählen als die kalte Spelunke neben dem Lebensmittelmarkt, zum Beispiel Ponta do Sol. Einen Strandspaziergang mit Senhora Ross stellte er sich wunderschön und romantisch vor.

Wie sie wohl reagieren würde, wenn sie von der Preiserhöhung erfuhr? Vielleicht würde sie wieder so zauberhaft lächeln wie vor ein paar Tagen in der Bar – und ihn damit um den Verstand bringen. Hoffnungsvoll ließ er seiner Fantasie freien Lauf. Die leichte Brise am Strand von Ponta do Sol würde Betty bestimmt die eine oder andere Strähne ins Gesicht wehen. Er würde sich vor sie stellen, ihr Kinn in eine Hand nehmen und ihr mit seiner anderen Hand die Strähne sanft hinters Ohr streichen. Und vielleicht würde er Betty dann küssen.

Er kniff beschämt die Lider zusammen.

Nein, nein … Entschuldigung, Inez!

Er verscheuchte die ungebührlichen Träumereien.

„Emilio, bist du noch dran?“, tönte es aus dem Telefonhörer.

„Jaja, Ed, ich bin noch hier.“

„Du wolltest über die Preise für die Bananen aus dem Paul-Tal sprechen?“

Er konzentrierte sich und war sofort wieder bei der Sache. „Ja, ich denke, wir sollten die Einkaufspreise wieder anheben, auf das Niveau von vor einem Jahr. Zuletzt sind sie dreimal gesenkt worden.“

„Ernsthaft?“ Für ein paar Sekunden herrschte Stille in der Leitung, bis Eduardo sich wieder gefasst hatte. „Du willst den Bauern mehr Geld zahlen?“ Er sprach den Satz so aus, als ob das etwas Unanständiges war.

„Ja, so ist es.“ Emilio setzte an, seine Argumente vorzubringen, kam aber nicht zu Wort.

„Was zum Teufel ist denn auf der Insel los?“, schrie Eduardo. „Gibt es eine Rebellion unter den Bauern, oder wie? Sag, soll ich dir Sicherheitsleute schicken, die für Recht und Ordnung sorgen?“

„Nein, Ed, beruhig dich, niemand rebelliert.“

„Wieso zur Hölle sollten wir dem Gesindel dann mehr Geld geben? Du kennst mein Motto: Zahl niemals mehr, als du musst!“

Emilio hasste es, wenn sein Bruder abwertend über die Bauern sprach, die er selbst als Geschäftspartner betrachtete, aber ihm war auch klar, dass er Eduardos Charakter nicht ändern konnte. „Ich war vor wenigen Tagen selbst im Paul-Tal unterwegs und habe mir ein Bild von der Lage gemacht“, fuhr er fort. „Die Leute sind auf unser Geld angewiesen. Wegen unserer Preispolitik fehlt es vielen am Nötigsten. Es verfallen bereits einige Häuser, weil die Familien wegziehen.“

Während er noch sprach, hörte er ein rhythmisches Klackern auf Eduardos Seite, das er sofort zuordnen konnte. Offenbar klopfte sein Bruder wieder mit dem Feuerzeug auf die Glasplatte seines Designerschreibtischs, wie immer, wenn er gelangweilt war.

„Bist du fertig?“, antwortete er und stöhnte genervt.

„Nein“, erwiderte Emilio. Seit Längerem schwebte ihm nämlich eine weitere Idee vor, nur hatte er bislang noch keine Gelegenheit gefunden, sie Eduardo zu unterbreiten. Nun fand er den Zeitpunkt passend, da sie sich ohnehin über die Preisgestaltung im Paul-Tal unterhielten. „Ed, was hältst du davon, ins Fairtrade-Geschäft einzusteigen?“

„Wie bitte?“, schrie sein Bruder. „Nichts halte ich davon, nichts! Mit Fairtrade hatten wir noch nie etwas am Hut.“

„Kein Grund, das nicht zu ändern, oder?“, erwiderte Emilio. Die Reaktion seines Bruders überraschte ihn nicht. Für neue Ideen war Eduardo noch nie besonders offen gewesen. Daher musste er behutsam vorgehen.

„Du weißt, dass es in Europa immer mehr Menschen gibt, die gezielt fair gehandelte Ware kaufen, also zum Beispiel Früchte, deren Verkauf den Bauern so viel einbringt, dass sie ein gutes Leben führen können“, erklärte er ruhig. „Die Kunden sind bereit, dafür mehr Geld auf den Ladentisch zu legen. Sie wollen beim Einkauf ein gutes Gewissen haben. Mittlerweile gibt es diese Produkte daher nicht nur in den Spezialläden zu kaufen, sondern auch in fast jedem herkömmlichen Supermarkt. Der Fairtrade-Markt wächst, das belegen zahlreiche Studien. Nur Torres Fruits macht noch nicht mit.“

„Und weiter?“ Eduardo klang, als wollte er das Gespräch so rasch wie möglich beenden.

„Ich finde, dass die Bauern aus dem Paul-Tal exzellente Qualität liefern, die geeignet dafür wäre. Wenn wir die Bezahlung deutlich anheben, würden unsere Bananen das Gütesiegel bekommen, und wir könnten sie als Fairtrade-Produkte vertreiben. Ich stelle mir vor, dass wir auch kleine Sticker mit Bildern aus dem Paul-Tal produzieren und sie auf die Bananen kleben, damit die Kunden im Supermarkt wissen, woher die Ware kommt. Was hältst du davon?“

„Schlag dir das aus dem Kopf, du Hund!“ Eduardo brüllte mittlerweile aus Leibeskräften.

„Bruder, beruhig dich!“ Nun wurde auch Emilio ärgerlich, und er musste sich zwingen, sachlich zu bleiben. Er hasste es, dass Eduardo so leicht die Kontrolle verlor. Geschäftliche Gespräche mit einem Choleriker zu führen glich einem Spießrutenlauf.

Freiwillig hätte er einen Mann wie Eduardo niemals zu seinem Partner gemacht, aber dem Testament seines Vaters hatte er sich nicht widersetzen können. Darin stand klipp und klar: Die Brüder mussten Torres Fruits gemeinsam führen, um ihr Erbe nicht zu verlieren. Die Variante, dass einer der Brüder den anderen auszahlte und allein weitermachte, war ausdrücklich untersagt.

Um den letzten Willen ihres Vaters zu erfüllen, rauften die Brüder sich immer wieder zusammen. Das klappte mal besser, mal schlechter. Heute war einer der schlechteren Tage.

„Überleg mal, Ed“, fuhr Emilio fort, um einen freundlichen Tonfall bemüht. „Der Fairtrade-Handel würde den Bauern ein würdevolles Leben ermöglichen, und wir könnten in einen neuen Geschäftszweig einsteigen. Es gäbe nur Gewinner.“

„Unsinn!“, kam es zurück.

„Wenn du willst, dass unser Unternehmen weiter wächst, müssen wir über kurz oder lang auch den Fairtrade-Markt bedienen. Das Paul-Tal könnte uns als Modellregion dienen.“

„Nein, nein, nein!“, brüllte Eduardo und klang wie ein trotziges Kind. „Hör auf, mich mit dieser dummen Idee zu belästigen. Nur Idioten greifen im Laden zu einer teuren Banane, wenn es daneben auch billige gibt. Warst du zu lange in der Tropensonne, Emilio, du spinnst doch!“

Er konnte regelrecht vor sich sehen, wie auf Eduardos Stirn nun die Zornesader pulsierte. Fest stand, dass er ihn bei diesem Telefonat nicht mehr überzeugen würde.

„Beruhig dich erst mal, und wir reden morgen noch einmal über die Sache, in Ordnung?“, schlug er vor. Eine Taktik, die schon öfter funktioniert hatte. Ohne es Eduardo zu sagen, nahm er sich vor, in der Zwischenzeit erste Vorbereitungen für den Einstieg ins Fairtrade-Geschäft zu treffen.

Sein Bruder schnaubte vor Zorn. „Dir ist wohl die Hitze zu Kopf gestiegen! Bist verrückt geworden, oder wie?“

Emilio schüttelte nur den Kopf, während er den Telefonhörer betrachtete, den er von seinem Ohr entfernt hatte, weil die Stimme seines Bruders inzwischen unangenehm laut geworden war.

„Du und deine dummen Ideen“, schrie Eduardo weiter. „Ich muss wohl persönlich nach Santo Antão kommen, um dich zur Vernunft zu bringen.“ Dann legte er auf.

4. KAPITEL

„Gut festhalten!“, rief der Fahrer und gab Gas. Es ging über viele Kurven die Straße hinunter, die sich ins Paul-Tal schlängelte.

Emilios Gleichgewichtssinn war gefordert. Es war nicht leicht, sich auf der Sitzbank zu halten, denn die Straße war mit Kopfsteinen gepflastert, und der Fahrstil des Mannes erinnerte an den eines Rallye-Piloten.

Zu fünft saßen sie im Aluguer, einem der Sammeltaxis, die auf den Kapverden das Straßenbild prägten. Die offenen Pritschenwagen mit Sitzbänken auf der Ladefläche waren das gewöhnliche Fortbewegungsmittel der Einheimischen. Ein eigenes Auto besaß kaum jemand.

Wieder kamen scharfe Kurven. Der Fahrtwind schlug ihm ins Gesicht. Es rumpelte und er rutschte auf der Bank hin und her. Bald war der steilste und kurvigste Abschnitt der Straße überstanden, und es ging ruhiger weiter durch die Ebene. An den Straßenrändern zogen nun Plantagen vorbei – Palmen, Bäume und Sträucher, auf denen bunte Tropenfrüchte wuchsen: Mangos, Papayas, Orangen, Datteln und Feigen.

Die Plantagen waren der Grund, warum sich Emilio neuerlich auf den Weg ins Paul-Tal gemacht hatte. Er scherte sich nicht um die wütende Stimme seines Bruders, die noch in seinen Ohren hallte, sondern arbeitete weiter an seinem Plan, aus dem Paul-Tal eine Fairtrade-Modellregion zu machen.

Torres Fruits kaufte hier bislang ausschließlich Bananen ein. Die Bauern bauten aber auch noch andere Früchte an – für den Eigenbedarf und um sie auf den Märkten in Ribeira Grande und in Mindelo auf der Nachbarinsel São Vicente zu verkaufen. Vermutlich waren viele auf dieses kleine Zubrot angewiesen.

Warum sollte er also nicht mit dem Einstieg ins Fairtrade-Geschäft auch das Sortiment erweitern? Auch fair gehandelte Mangos und Papayas aus dem Paul-Tal würden in Europa ihre Käufer finden, davon war er überzeugt. Ausgerüstet mit einem Fotoapparat war er nun gekommen, um sich ein Bild davon zu machen, welche Früchte im Tal besonders gut gediehen.

Warum er mit einem Sammeltaxi fuhr und nicht mit dem eigenen Auto oder gar einem Chauffeurdienst, hatte mehrere Gründe. Es war noch nie seine Sache gewesen, den wichtigen Firmenboss zu geben, der sich in einer Limousine vorfahren ließ. Außerdem konnte er sich nach dem, was er von Senhora Ross erfahren hatte, ausmalen, wie die Stimmung unter den Bauern gegenüber Torres Fruits war. Es war deshalb nur von Vorteil, nicht allzu viel Aufsehen zu erregen. Aus demselben Grund war er unauffällig gekleidet. Er trug eine kurze Trekkinghose und ein sportliches T-Shirt. Vom Aussehen her hätte er auch ein Wanderurlauber sein können.

Das Aluguer hielt an. Er stieg aus, nickte dem Fahrer zu und gab ihm ein paar Escudo-Scheine, eine großzügig aufgerundete Summe. Der Mann lächelte und fasste grüßend an seinen Kappenschirm.

Nachdem das Aluguer weitergefahren war, schaute Emilio sich um. Er befand sich auf einem Dorfplatz. Die Häuser, die ihn umgaben, wirkten heruntergekommen. Überall blätterte der Putz ab, die Mauern hatten grobe Risse, da und dort fehlten Fensterscheiben. Es war nicht zu übersehen, dass den Menschen das Geld für die notwendigsten Reparaturen fehlte. Das mannshohe Holzkreuz mit Christusstatue in der Mitte des Platzes sah hingegen sehr gepflegt aus.

Zwei kleine Jungen kamen aus einem Haus gelaufen. Sie waren auffällig dünn, jagten aber mit viel Energie einem Fußball hinterher. Ein Schuss und der Ball flog in Emilios Richtung. Er kickte ihn zurück.

„Danke!“, rief einer auf Kreol, der Sprache der Einheimischen, von der Emilio die wichtigsten Worte verstand. Dann rannten die Kinder auf die Wiese hinter dem Haus.

Auf beiden Seiten des Tals erhoben sich schwindelerregende Steilhänge. Auf Terrassenfeldern wuchsen Bäume mit wuchtigen Kronen. Ihre Früchte sahen aus wie bunte Kleckse in einem grünen Aquarell. Emilio drehte sich im Kreis und ließ den imposanten Anblick auf sich wirken. Als Chef eines Konzerns, der mit Früchten handelte, hatte er schon viele Tropengegenden der Welt gesehen. Von den Wundern der Natur war er aber jedes Mal aufs Neue überwältigt.

Er nahm einen Weg, der hinauf in die Berge führte. Während er an den Terrassenfeldern vorbeiging, machte er immer wieder Fotos, denn er wollte die Vegetation genau dokumentieren, um später die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn es darum ging, jene Sorten auszuwählen, die als Fairtrade-Produkte nach Europa verkauft werden sollten.

Nach etwa einer Stunde legte er eine Rast ein. Er setzte sich auf einen Stein am Wegesrand. Wie oft in solchen stillen Momenten schweiften seine Gedanken ab und bewegten sich in eine Richtung, in der sich dunkle Wolken ballten.

Schnell sprang er auf und wollte schon weitergehen, in der Hoffnung, die Bewegung würde ihn ablenken. Doch nach wenigen Schritten kehrte er um und ließ sich wieder auf den Stein sinken, denn es war ohnehin zu spät. Vor seinem geistigen Auge tauchten die schrecklichen Bilder auf, an die er sich eigentlich nicht mehr erinnern wollte. Das passierte ihm immer wieder, und er konnte nichts dagegen tun.

Das Hospital de Santa Maria, in das er gerast war, nachdem er den Anruf erhalten hatte. Die Intensivstation mit allen ihren piepsenden Geräten und herumwuselnden Ärzten. Inez, angeschlossen an tausend Schläuche. Und schließlich der Gesichtsausdruck des Chefarztes, der ihm sagen musste, dass sie alles versucht hatten, es aber vergeblich gewesen war. Drei Stunden, nachdem Inez mit ihrem Cabrio von der Küstenstraße nahe Lissabon abkam und in den Abgrund stürzte, war sie ihren Verletzungen erlegen.

Das war jetzt ein Jahr her, und die Bilder verfolgten ihn nach wie vor jeden Tag. Es verging keine Stunde, in der er nicht an Inez denken musste. Die Trauer drückte auf seine Seele. Er vergrub sein Gesicht in den Händen und atmete tief durch. Nun schämte er sich dafür, dass er am Vortag noch von einem romantischen Strandspaziergang mit Senhora Ross fantasiert hatte. Es gehörte sich nicht, solche Gedanken zu haben. Sein Herz gehörte Inez, und das würde immer so bleiben.

Senhora Ross’ Bar musste sich hier ganz in der Nähe befinden. Deshalb war er aber nicht hier. Ganz im Gegenteil, es war besser für ihn, sie nicht wiederzusehen, denn sie hatte eine Wirkung auf ihn, die ihm nicht geheuer war.

Ihr bezauberndes Lächeln, ihr hübsches Gesicht, die Grübchen, ihr Wesen, die Art und Weise, wie sie sich für die Bauern einsetzte – das alles löste Gefühle in ihm aus, für die er noch nicht bereit war. Und es stand in den Sternen, ob er jemals wieder dafür bereit sein würde.

Er stand auf, straffte sich und ging weiter. Nach ein paar Minuten kam er an einem kleinen Steinhäuschen vorbei, das von lauter Bananenbäumen umgeben war. Ein älteres Ehepaar war gerade dabei, eine undichte Stelle im Bewässerungskanal zu flicken. Der Mann hatte einen Spaten in der Hand, und die Frau hockte auf dem Boden und wühlte mit bloßen Händen im Erdreich.

„Tz, tz“, machte sie und zog ihren Mann am Arm. „Jaylan!“

„Was ist denn, Rita?“

Sie fuchtelte mit den Händen und zeigte schließlich in Emilios Richtung.

Als der Mann ihn erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht. Er ließ den Spaten fallen. „Komm Rita, gehen wir rein“, sagte er zu seiner Frau. Das Ehepaar verschwand im Haus.

Emilio seufzte. Die beiden hatten ihn wohl erkannt. Die Bananenbauern hatten zwar nur in den seltensten Fällen mit ihm persönlich zu tun. Sein Unternehmen schickte aber immer wieder Broschüren mit den neuesten Firmennachrichten an alle Geschäftspartner, natürlich auch an die Bauernfamilien. Und in diesen Heftchen waren immer wieder Fotos von ihm abgedruckt.

Die abweisende Reaktion des Ehepaars war nur allzu verständlich. Wer rackerte sich schon gerne ab, um mit Almosen abgespeist zu werden? Er durfte sich nicht wundern, dass er bei den Bauern keinen guten Stand hatte, und ihm war einmal mehr klar geworden, dass das Problem mit den Bananenpreisen möglichst schnell gelöst werden musste.

Er warf einen besorgten Blick zum Himmel, der gerade noch blitzblau gewesen war. Nun türmten sich aber schwarze Wolken auf und schoben sich vor die Sonne. Alles sah nach einem aufziehenden Unwetter aus. Er beschleunigte seine Schritte, denn er war noch hoch oben auf dem Berg und wollte ins Tal, um sich dort nach einem Unterstand umzusehen.

Nachdem er die Bergkuppe überquert hatte, führte der Weg an einem Zuckerrohrfeld vorbei. Von hier aus hatte er eine gute Aussicht. Nur ein einziges Gebäude erschien in seinem Sichtfeld. Von oben sah es aus wie ein Spielzeughäuschen. Er nahm es näher ins Visier und blieb abrupt stehen. Eine plötzliche Hitze durchzuckte ihn, als er das Gebäude erkannte. Es war das Haus, in dem sich Senhora Ross’ Bar befand.

Aus seiner Perspektive konnte er die Terrasse gut sehen. Jemand flitzte herum und klappte die Sonnenschirme ein. Es war nicht Senhora Ross, sondern eine Einheimische.

Unterdessen verfinsterte sich der Himmel weiter, und die ersten Tropfen fielen. Hektisch blickte er sich um. Gewitter waren auf den Kapverden eine Seltenheit. Gerade jetzt, am Ende der Regenzeit, kam aber manchmal doch eines und fiel meist so heftig aus, dass es gefährlich war, draußen in der Natur auszuharren. Ihm blieben nur zwei Möglichkeiten. Einige Hundert Meter hinter ihm befand sich das Steinhäuschen des älteren Ehepaars. So reserviert, wie sie sich verhalten hatten, würden sie sich bestimmt nicht freuen, wenn er vor der Tür stand. Hinunter zum Haus von Senhora Ross würde er es in wenigen Minuten schaffen, aber eigentlich hatte er sich doch vorgenommen, sie nicht wieder zu treffen.

Ein gleißend heller Blitz zuckte über den mittlerweile fast schwarzen Himmel, gefolgt von einem lauten Donner. Emilio rannte los, hinunter ins Tal.

„Hast du diesen Blitz gesehen? Grundgütiger!“ Malia hatte alle Sonnenschirme verstaut und kam in die Bar. Sie wirkte immer noch ganz fasziniert von dem Naturspektakel.

Betty nickte stumm. Im Gegensatz zu ihrer Freundin konnte sie Gewitter nicht ausstehen. Es gab nur wenige Dinge, die ihr Angst machten, Blitze und Donner zählten jedoch dazu. Es kam ihr jedes Mal so vor, als würden die Wände zusammenbrechen, wenn es draußen krachte. Wie sie dieses Gefühl hasste! Gerade war es noch so ein schöner Tag gewesen, nun standen die Zeichen auf Weltuntergang.

„Achthundert Escudo, bitte“, sagte sie zu dem Mann, der vor dem Tresen stand, und nahm schnell die Scheine entgegen. Die verbliebenen Gäste bildeten hinter ihm eine Schlange, alle hatte ihre Portemonnaies gezückt. Der Reisebus draußen vor der Tür ließ bereits den Motor laufen, denn die Urlauber wollten ihre Unterkunft erreichen, bevor das Unwetter endgültig hereinbrechen würde. Malia holte einen feuchten Lappen und begann, die Tische im Gastraum abzuwischen.

„Lass, Malia, das erledige ich später“, rief Betty ihr zu, während sie dem Mann den Kassenbeleg reichte. „Lauf lieber schnell nach Hause, denn noch regnet es nicht so stark, und deine Eltern sind alleine oben im Haus, oder?“

„Wirklich, kommst du alleine klar?“

„Sicher doch.“ So sehr sich Betty auch um Gelassenheit bemühte, sie musste sich ihre feuchten Hände an der Schürze abwischen und merkte, dass sie leicht zitterte.

Malia sah sie skeptisch an. „Ich würde auch hierbleiben, bei dir.“

„Ach.“ Betty winkte ab. „Los, nun lauf schon, sonst kommst du mitten ins Unwetter!“

Schließlich legte ihre Freundin tatsächlich den Lappen weg und lief los, denn der Regen wurde von Minute zu Minute stärker. Als auch der letzte Gast die Bar verlassen hatte, donnerte es so laut, dass Betty zusammenzuckte.

Beruhig dich, es ist doch nur ein Gewitter!

Ihr wurde übel, weil sie wusste, dass sie noch ins Freie musste. Ihre Privaträume, die sich in der oberen Etage befanden, waren nämlich nur über die Außentreppe zu erreichen. In ihrem Schlafzimmer wollte sie sich im Bett verkriechen und hoffen, dass alles schnell vorbeiging.

Hektisch rannte sie durch den Gastraum und kontrollierte, ob alle Fenster gut verschlossen waren. Schließlich rüttelte sie an der Klinke der Terrassentür. Draußen prasselte der Regen auf die Steinplatten, und der Wind drückte das Zuckerrohr am Berghang platt. Es sah so aus, als würde eine unsichtbare Walze über das Feld rollen. Sie wich einen Schritt zurück und blinzelte. Warum stand denn plötzlich ein Mann auf ihrer Terrasse? Er war triefend nass, und sie kannte ihn.

Sie öffnete die Tür. „Senhor Torres?“

„Senhora“, sagte er und klang atemlos. „Ich war gerade oben bei den Plantagen unterwegs und bin vom Gewitter überrascht worden.“

„Kommen Sie doch rein!“ Egal, was für ein Schuft Emilio Torres auch war, natürlich würde sie bei diesem Wetter niemanden draußen stehen lassen. Mittlerweile stürmte es so stark, dass sie sich mit aller Kraft gegen die Tür stemmen musste, um sie wieder zu schließen.

„Verzeihen Sie, dass ich einfach so bei Ihnen hereinplatze“, sagte Senhor Torres und tropfte den Boden voll. Das nasse T-Shirt klebte an seinem gut gebauten Oberkörper.

„Moment, ich hole Ihnen etwas zum Abtrocknen.“ Zum Glück lag im Lager immer ein Stapel frischer Handtücher bereit, der eigentlich für die Gästetoilette vorgesehen war. Sie brachte ihm eines.

„Haben Sie tausend Dank.“ Er rieb sich die Haare trocken, und dann, nachdem er sich das T-Shirt ausgezogen hatte, auch den Oberkörper. Schließlich rollte er das Handtuch zusammen und legte es sich um die Schultern.

Für einen Moment vergaß sie das Unwetter, genauso wie das üble Spiel, das er mit ihren Freunden trieb, denn er sah in dieser Pose so verführerisch aus, als wäre er einem erotischen Wandkalender entsprungen. Sie ging ein paar Schritte zurück und setzte sich auf einen Barhocker, von dem aus sie ihm verstohlene Blicke zuwarf. Warm rann es ihr über den Rücken. Es war dasselbe Gefühl wie neulich, als er sie im Restaurant berührt hatte. Sie biss sich auf die Unterlippe. Warum mussten immer ausgerechnet die bösen Männer so unglaublich sexy sein? War das nicht unfair?

Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Knall, und draußen in den Blättern einer Palme blitzte ein Feuerball auf. Sie kreischte aus vollem Hals, sprang vom Hocker und schlug sich die Hände vor den Mund. Der Hocker kippte krachend um. Dieses Geräusch ließ sie ein weiteres Mal zusammenzucken. Ein Adrenalinstoß nach dem anderen jagte durch ihre Adern, und ihr Herz raste.

Senhora, ist alles in Ordnung?“ Er sah sie besorgt an. „Das war nur ein Blitz, der in die Palme eingeschlagen hat. Es ist nichts passiert, abgesehen von ein paar verbrannten Blättern“, erklärte er und schaute aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass das auch stimmte. Dann ging er auf sie zu und hielt ihre zitternden Hände fest.

Es fiel ihr nicht leicht, ruhig zu atmen. Warum ihr Gewitter solche Angst machten, konnte sie sich nicht erklären, es war aber immer schon so gewesen. Nun war es ihr peinlich, dass Emilio Torres sie in dieser Situation sah.

Wie gerne würde sie sich jetzt unter ihre Bettdecke verkriechen. Dort hätte sie sich einigermaßen sicher gefühlt. Aber sie konnte Senhor Torres doch nicht alleine im Gastraum stehen lassen. Ihn in ihre Privaträume mitzunehmen kam erst recht nicht infrage. Warum konnte er nicht einfach verschwinden?

„Ich hasse Unwetter“, gestand sie.

Er sah sich um. Nur eine Glasfront trennte den Gastraum von der Terrasse. Draußen bogen sich die Palmen, und im Sekundentakt zuckten Blitze über den schwarzen Himmel. „Dieses Gewitter ist tatsächlich sehr beängstigend“, sagte er. „Vielleicht sollten wir nicht am Fenster stehen. Hier kommt man sich vor, als wäre man mittendrin.“

Betty schlotterte am ganzen Körper.

Bitte, hör auf zu zittern! Es ist doch nur ein Gewitter!

Sie kämpfte mit sich selbst und spannte alle Muskeln an.

„Würden Sie sich dort hinten sicherer fühlen?“, fragte er und zeigte auf den Durchgang, der ins Lager führte.

Keine schlechte Idee, denn im Lager gab es nur ein kleines Fenster und die Wände waren dick. Dort würde man kaum etwas von dem Gewitter mitbekommen. Sie nickte.

„Gut, kommen Sie!“ Er nahm sie an der Hand und sie gingen ins Lager.

In dem Raum herrschte nur schummriges Licht, das von einer nackten Glühbirne unter der Decke verbreitet wurde. An den Wänden befanden sich Regale, in denen Bananen, Kaffee, Flaschen mit Grogue und Sirup sowie einige andere Waren lagerten.

Sie setzten sich auf einen Stapel Holzpaletten. Plötzlich krachte es noch einmal, und mit einem Schlag war es stockdunkel.

„Ein Stromausfall, auch das noch.“ Betty stöhnte verzweifelt und nahm ihr Handy, um mit dem Display ein wenig Licht zu machen. Glücklicherweise war ihr Lager gut ausgestattet. Es gab hier auch Kerzen, die sie für die Tischdekoration verwendete, und eine Großpackung Streichhölzer, weil die Raucher unter ihren Gästen immer wieder danach fragten.

Sie zündete ein paar Kerzen an und setzte sich wieder neben ihn. Durch das kleine Fenster sah sie zwar hin und wieder die Blitze, es war aber bei Weitem nicht so schlimm wie vorne an der Glasfront.

„So besser?“, fragte er und schaute sie an. Das flackernde Kerzenlicht erhellte gerade einmal die Hälfte seines Gesichts.

Sie nickte und presste ihre Lippen aufeinander, denn sie war immer noch angespannt. Ihr Atem ging nach wie vor schneller, als er sollte.

„Es wird nicht mehr lange dauern, gleich wird es vorbei sein“, beruhigte er sie.

„Hoffentlich.“

Auf einmal spürte sie einen sanften Druck auf ihrer Schulter. Weil sie wegen der Gesamtsituation äußerst schreckhaft war, sog sie scharf Luft ein und zuckte leicht zusammen, bevor sie bemerkte, dass es sein Arm war, den er um sie gelegt hatte. Sie drehte sich zu ihm und sah ihn fragend an.

„Darf ich das?“

Natürlich wäre es das Klügste gewesen, seinen Arm sofort wegzuschieben. Der Mann war kaltherzig. Ein Ausbeuter, der nur auf Profit aus war und dem die Menschen egal waren. Es durfte sich nicht gut anfühlen, von ihm angefasst zu werden.

Warum war aber das Gegenteil der Fall? Sie wollte es nicht, aber sie genoss die zärtliche Berührung und lehnte sich tiefer in seinen Arm. Das schlechte Gewissen meldete sich und begann zu nagen, während er seine Finger sanft an ihrem Schulterblatt kreisen ließ und damit ein heißes Prickeln auf ihrer Haut auslöste.

Irgendwann war es zu spät, und sie gab auf. Es hatte keinen Sinn, dagegen anzukämpfen. Seine Umarmung tat einfach zu gut, gab ihr eine gewisse Sicherheit. So konnte ihr das Unwetter nichts anhaben. Sie merkte, dass sie sich endlich entspannte.

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