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ROMANA EXTRA BAND 84

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Das Meer, der Strand und deine Küsse

1. KAPITEL

Erschöpft stellte Emma Brown den Trolley im Eingangsbereich des kleinen Hotels ab und atmete tief durch. Geschafft. Sie war heil angekommen, trotz der beängstigenden Turbulenzen während des Fluges. Die Rückreise nach England würde sie aber wie immer mit dem Schiff machen, das schonte ihre Nerven.

Emma bemerkte die ungewohnte Stille und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Alles sah aus wie immer. Als wäre Adriana Pellegrini noch da und würde das Haus mit Leben füllen. Auf der kleinen Kommode stand die gläserne Vase mit Orchideen, die Adriana so geliebt hatte. Darüber hing das Ölgemälde eines unbekannten Künstlers. Es zeigte das kleine Landhotel oberhalb der steilen sizilianischen Küste. Auch den alten Holzsteg, der hinunter zur Bucht führte, konnte Emma darauf erkennen.

Eine stille Sehnsucht erfasste sie beim Betrachten des Bildes. Einmal mehr wünschte sie sich, Adriana würde noch leben. Seit Emma sizilianischen Boden betreten hatte, spürte sie den Verlust noch deutlicher. In den vergangenen fünf Jahren hatte sie ihre Ferien in diesem Hotel verbracht. Die Inhaberin Adriana war ihr ans Herz gewachsen und zu einer mütterlichen Freundin geworden.

Langsam trat Emma an die Rezeption. Adriana hatte, lediglich mithilfe einer Köchin, alles im Hotel selbst erledigt und jeden eintreffenden Gast persönlich begrüßt. Ein kurzes Läuten der Tischklingel, und schon kam sie mit einem strahlenden Lächeln um die Ecke geeilt.

Emma ging hinter die Empfangstheke und strich sanft mit den Fingern über die alte Holzplatte. Im Laufe der Zeit hatte das weiche Holz zahlreiche Schrammen abgekriegt, aber jeder Kratzer erzählte eine eigene Geschichte und trug zu dem ganz besonderen Charme der Villa Pellegrini bei. Diesem einzigartigen Flair war Emma vom ersten Tag an erlegen. Die herzliche Freundlichkeit der Menschen, das köstliche Essen und die leichte Brise am sonnigen Mittelmeer hatten ihr damals durch eine sehr schwere Zeit geholfen.

Sie setzte sich auf den Stuhl hinter der Theke, lehnte sich zurück und schmunzelte, als sie das bekannte Knarren vernahm. Richtig begriffen hatte sie es immer noch nicht. Adriana Pellegrini hatte ihr das Hotel vererbt. All das konnte jetzt ihr Reich sein – ihr neues Leben, wenn sie es nur zuließ.

Emma war Sekretärin in einer großen Immobilienagentur in London. Den Job hatte sie nie infrage gestellt. Aber nach dem Desaster mit Eric vor fünf Jahren war sie jedem persönlichen Risiko aus dem Weg gegangen. Später hatte sie in William einen verlässlichen Partner gefunden, der die sicheren Seiten des Lebens genauso zu schätzen wusste wie sie. William hatte ihre jetzige Reise nach Sizilien nicht gutgeheißen. Für ihn war es unbegreiflich, warum sie ernsthaft darüber nachdachte ein Hotel zu übernehmen, nur weil eine alte Frau dafür offenbar keinen anderen Nachfolger hatte. Den natürlichen Erben hatte sie schon früher Geschäftsanteile an einem anderen Hotelunternehmen überlassen. Laut Testament bekamen sie als Pflichtteil zwei brachliegende Grundstücke sowie Adrianas Geburtshaus im nahe gelegenen Dorf.

Und selbst Emma überlegte beim Anblick des altertümlichen Reservierungsbuches, ob es nicht klüger wäre, sofort wieder nach London zurückzukehren und dort ihr sorgenfreies Leben weiterzuführen.

Was wusste sie darüber, wie man ein Hotel führte? Nichts. Ihre einzige Qualifikation bestand darin, dass sie Italienisch sprach und in den letzten fünf Jahren jeden Sommer ihren Urlaub hier verbracht hatte.

„Ach, Adriana“, murmelte Emma, „was hast du dir nur dabei gedacht?“ Mit einem lauten Seufzer schaute sie wieder auf das Ölgemälde. Bei genauem Hinsehen konnte man an den Klippen eine Frau im roten Kleid erkennen, die auf das offene Meer blickte. Und wie so oft fragte sie sich, ob diese Frau Adriana war.

„Emma! Da bist du ja!“

Der Ruf schallte durch die Eingangshalle und ließ Emma zusammenfahren. Die Stimme kannte sie. Sofort sprang sie auf.

Emma fiel Leonora in die Arme und drückte sie an sich. Neben Adriana war die Köchin das Herzstück des Hotels. Emma konnte es sich ohne Leonora nicht vorstellen, genauso wenig wie ohne Adriana.

„Leonora“, flüsterte Emma an ihrem Hals, „ich bin so froh, dass du da bist.“ Tränen stiegen in ihr hoch. Tränen, die sie seit Tagen weinen wollte, sich aber bisher nicht erlaubt hatte. „Was sollen wir nur ohne sie machen?“

„Ich weiß es nicht, Schätzchen. Ich weiß es nicht.“

Lange hielten sie sich aneinander fest, ehe Leonora sich löste und Emma an den Armen packte. „Komm, wir essen erst mal was.“

Emma lachte. Für Leonora war Essen die Lösung aller Probleme. Sie ließ sich von ihr an der Hand in die Küche ziehen. Sie konnte ein bisschen Führung gebrauchen, so orientierungslos wie sie sich momentan fühlte.

Wie früher setzte sie sich auf den einzigen Hocker, um Leonora beim Arbeiten zuzusehen. Die Küche war ihr Reich, und keiner außer ihr durfte darin werkeln, weswegen Emma auch davon absah, ihre Hilfe anzubieten.

Leonora schob ihr ein Schälchen mit Oliven zu, griff zum Brotmesser und begann, eine frische Ciabatta aufzuschneiden.

„Hast du gewusst, dass sie mir das Hotel vererben will?“, fragte Emma, während sie die köstlichen grünen Oliven mit der kleinen Gabel aufspießte.

„Sie hat in den letzten Wochen ein paar Andeutungen gemacht, aber etwas Konkretes hat sie nicht zu mir gesagt.“

Das passte zu Adriana. Sie war immer eine Frau der Tat gewesen. Sie hatte nicht lange darüber diskutiert, sondern einfach das Testament nach ihren Wünschen aufgesetzt und sich keinen Deut darum gekümmert, was irgendjemand dazu sagte.

„Hatte Adrianas Familie kein Interesse an dem alten Hotel?“ Das hätte man niemandem vorwerfen können, schließlich war das Haus in die Jahre gekommen und bedurfte umfangreicher Renovierungsarbeiten, die mit Sicherheit viel Geld verschlingen würden.

Leonora zögerte. „Um ehrlich zu sein …“ Umständlich hantierte sie mit dem Brotmesser.

„Was?“ Emma legte die Gabel beiseite und richtete sich auf.

Die Köchin legte das Messer weg und sah Emma unumwunden ins Gesicht. „Um ehrlich zu sein, kann ich mir das nicht vorstellen. Immerhin führen die Enkel inzwischen eine ganze Hotelkette. Da würde die Villa Pellegrini gut hineinpassen, zumal sie die Grundlagen für das heutige Imperium geschaffen hat.“

Emma runzelte die Stirn. „Adriana hat wenig über ihre erwachsenen Enkel gesprochen. Nur davon, wie sie als Kinder waren. Gab es Probleme? Hatte Adriana sich mit ihnen zerstritten?“

„Nein.“ Leonora schüttelte den Kopf. „Zerstritten ist das falsche Wort. Sie haben sich auseinandergelebt, das trifft es eher.“

„Sie standen sich also nicht sehr nahe?“ Emma konnte sich dies kaum vorstellen. Adrianas mütterliche Art hätte perfekt zu einer Großfamilie gepasst. Emma hatte sie mehr als einmal dabei erwischt, wie sie in alten Fotoalben blätterte. Manchmal hatte sie sich zu ihr gesetzt und zugehört, wenn Adriana von ihrem verstorbenen Mann und ihrem Sohn erzählte.

Leonora seufzte. „Die Beziehung zur Familie war kompliziert. Die Signora war nicht mit allen Entscheidungen einverstanden, die ihr Sohn und später ihre Enkel getroffen haben. Dennoch war sie ihnen immer loyal verbunden.“

Das passte zu dem Bild, das Emma von Adriana hatte. Nur verstand sie deren Beweggründe nun noch weniger. „Warum hat Adriana dann mir das Hotel vererbt?“

Die Tür schwang auf und ein Mann in einem grauen perfekt sitzenden Anzug betrat den Raum. „Das würde mich allerdings auch brennend interessieren.“ Die kräftige Stimme dröhnte durch die Küche und ließ Emma und Leonora augenblicklich innehalten.

Wer zum Henker war das?

Luca Pellegrini starrte die beiden Frauen an und stellte sich genau dieselbe Frage. Wer zum Henker waren sie? „Was machen Sie in meiner Küche?“

„Ihrer Küche?“ Die ältere Frau stemmte eine Hand in die Hüfte und funkelte ihn böse an. „Ich kann mich nicht erinnern, Sie jemals hier gesehen zu haben.“

Luca kniff die Augen zusammen, und plötzlich erinnerte er sich. Er kannte diese Frau. Als Junge war er öfters bei einer Verfolgungsjagd mit seinem jüngeren Bruder durch diese Küche gerannt, und hatte deswegen genau so einen bösen Blick geerntet. „Leonora? Sind Sie das?“

Ihre empörte Haltung wich einem strahlenden Lächeln. „Signor Luca? Sind Sie es wirklich?“

Die junge Frau, die noch immer auf dem Hocker vor der Anrichte saß, blickte verwundert zwischen ihnen hin und her. Leonora kam auf ihn zu und umarmte ihn.

Luca fühlte sich überrumpelt, konnte sich aber gegen die herzliche Art nicht wehren und drückte die Köchin ebenfalls. Immerhin hatte sie ihm mehr als einmal seine blutigen Knie verarztet und seine Tränen mit ihrer Schürze getrocknet.

„Das ist ja eine Ewigkeit her, seit ich Sie das letzte Mal gesehen habe“, erklärte Leonora, als sie wieder von ihm abließ. „Ihre Nonna hätte sich gefreut, Sie hier zu sehen.“

Bei der Erinnerung an seine verstorbene Großmutter plagte ihn sofort das schlechte Gewissen. Zu oft hatte er ihr versprochen, sie auf Sizilien zu besuchen, und zu oft hatte er es nicht getan. Selbst die Trauerfeier, die auf Wunsch seiner Großmutter unmittelbar nach ihrem Tod stattgefunden hatte, hatte er verpasst.

Der entsetzte Gesichtsausdruck der jungen Frau machte deutlich, dass auch sie inzwischen realisiert hatte, wer vor ihr stand. Der rechtmäßige Erbe dieses Hotels.

„Sie sind Adrianas Enkel“, stellte sie fest.

„Zumindest einer davon.“ Er reichte ihr die Hand. „Luca Pellegrini.“

Zaghaft erwiderte sie seinen Händedruck.

„Früher ist er nach dem Schwimmen immer halb nackt hier rumgerannt und hat versucht, Kekse zu klauen.“

Er strafte Leonora mit einem finsteren Blick. Schließlich war er inzwischen dreiunddreißig Jahre alt und leitete ein Hotelimperium. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, waren Geschichten, wie er nackt Essen stahl.

Die hübsche Fremde schien sogar etwas Mitleid mit ihm zu haben, zuckte hilflos mit den Schultern und unterdrückte ihr Lachen, indem sie sich auf die Lippe biss. „Ich bin Emma Brown“, stellte sie sich vor. „Ich kannte Ihre Großmutter.“

Jede Sympathie, die er eben noch für diese Frau verspürt hatte, löste sich in Luft auf, und sein Lächeln erlosch. Wie hatte er nur für einen Moment vergessen können, wer diese Person war?

„Von kennen kann kaum die Rede sein. Sie waren Gast in Nonnas Hotel.“

„Sie war meine Freundin.“

„Wie praktisch, wenn die Freundin alt und gebrechlich ist und zufällig ein Hotel zu vererben hat.“

Emma blieb der Mund offen stehen, und auch Leonora starrte ihn entsetzt an. „Aber Signor Luca!“

Er hob die Hand, um die Köchin zum Schweigen zu bringen. Er wollte nichts zur Verteidigung dieser Person hören. Für ihn war die Sache klar. Glasklar sogar. Vor Jahren war diese Emma Brown als Urlaubsgast hier gelandet und hatte rasch erkannt, dass die Besitzerin der Villa Pellegrini eine einsame alte Frau war, die sich nach Aufmerksamkeit und Zuwendung sehnte. Ein gelegentlicher Besuch auf Sizilien reichte, um sich bei seiner Nonna einzuschmeicheln und sie dahingehend zu beeinflussen, dass sie ihr das Hotel vererbte.

Oh ja, für ihn war die Sache mehr als klar. Daran würden auch diese verschreckten rehbraunen Augen nichts ändern, die zu dem bemerkenswert hübschen Gesicht gehörten.

Verdammt. Was war nur los mit ihm? Was fantasierte er hier über rehbraune Augen, während er gerade Gefahr lief, einen Teil seiner Familiengeschichte zu verlieren? Hübsche Frauen gab es schließlich genug auf der Welt, aber die Villa Pellegrini gab es nur einmal.

„Sollten Sie gedacht haben, dass meine Familie Ihnen ohne Weiteres dieses Hotel überlässt, dann haben Sie sich gründlich getäuscht. Unsere Anwälte haben sich der Sache bereits angenommen.“

„Ihre Anwälte?“ Emma rutschte vom Hocker und baute sich vor ihm auf. Sie reichte ihm gerade mal bis zur Schulter, nur schien sie dieser Umstand nicht weiter einzuschüchtern. „Ihre Großmutter hat mir dieses Hotel aus freien Stücken überlassen. Ich habe nicht darum gebeten. Es ist völlig unnötig, dass Sie mir Ihre Anwälte auf den Hals hetzen.“

„Ob es nötig ist oder nicht, entscheide allein ich, danke.“

Rote Flecken breiteten sich auf ihrem Hals aus, und ihre Augen sprühten vor Zorn. Diese wunderschönen rehbraunen Augen …

„Signor Luca, ich kann Ihnen versichern …“, versuchte es die Köchin erneut.

Aber wieder brachte er sie mit erhobener Hand zum Schweigen. „Ich weiß Ihre Treue meiner Nonna gegenüber sehr zu schätzen, aber Sie können mir nicht weismachen, dass hier alles mit rechten Dingen zugegangen ist.“

„Aber …“

„Lass es gut sein, Leonora. Woher sollte Signor Pellegrini das auch wissen, immerhin hat er seit Jahren weder die Villa Pellegrini noch seine Großmutter besucht.“

Touché, dachte er und fühlte sich schuldiger denn je, seine Großmutter im Stich gelassen zu haben. Zähneknirschend betrachtete er die junge Frau vor ihm. Obwohl sich alles in ihm sträubte, übte die kleine Engländerin eine gewisse Faszination auf ihn aus.

Es kostete ihn einiges an Kraft, sich die Tatsache ins Gedächtnis zu rufen, dass sie gerade versuchte, seine Familie auszubooten. Er durfte keine Sympathie für sie entwickeln, egal wie schön sie war und wie sehr sie ihn zu betören wusste. Vermutlich war das alles ohnehin nur ein Teil ihres hinterlistigen Spiels.

„Sie können hier die Heilige mimen, solange Sie wollen. Mich täuschen Sie nicht. Und damit eines klar ist: Ich werde erst abreisen, wenn das Hotel wieder im Familienbesitz ist.“

Emma zuckte sichtbar zusammen. Aber dann schien sie ihren Ärger hinunterzuschlucken, reckte das Kinn und erwiderte seinen Blick, ohne auch nur einmal zu blinzeln. „Und ich werde nicht abreisen, ohne den letzten Wunsch Ihrer Großmutter zu erfüllen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und eilte aus der Küche.

Luca war sprachlos. Nach und nach schlich sich allerdings wieder ein Lächeln in sein Gesicht. Denn ob er es nun wollte oder nicht, diese Frau gefiel ihm.

Sie gefiel ihm sogar ausgesprochen gut.

2. KAPITEL

Emma trocknete ihr Haar mit einem Frotteehandtuch und blickte durch das Fenster auf das offene Meer hinaus. Die Junisonne schickte im Westen ihre letzten Strahlen über das Wasser und würde bald unter dem Horizont verschwinden. Emma konnte sich an dem Farbenspiel der untergehenden Sonne nicht sattsehen. Das intensive Orange, das in den vereinzelten Schleierwolken beinahe in ein Pink überging, faszinierte sie jedes Mal aufs Neue. In einer Stadt wie London blieb ein derartiges Schauspiel meistens verborgen.

Sie genoss jede Sekunde des Sonnenuntergangs, dann wandte sie sich um und setzte sich auf das Doppelbett. Seufzend ließ sie ihren Kopf hängen und merkte, dass noch einzelne Tropfen aus ihrem Haar auf den Pyjama fielen.

Nach dem Zusammentreffen mit Luca Pellegrini hatte Emma einen langen Spaziergang entlang der Steilküste gemacht, um über ihn und das Geschehene nachzudenken. Denn dieser Mann verwirrte sie – oder besser ihre Reaktion auf ihn. Es war für sie ungewohnt so aufbrausend und emotional zu reagieren, denn die Erfahrung mit Eric hatte sie in Bezug auf Männer phlegmatisch werden lassen. Tief im Inneren hatte keiner sie seither wirklich berührt, aber dieser Luca versetzte allein mit seiner Präsenz etwas in ihr in Schwingung, von dem sie gar nicht wusste, dass es noch da war. Und sie hatte keine Ahnung, was sie davon halten sollte.

Der frische Wind und die wärmende Mittelmeersonne hatten wie gehofft ihr aufgewühltes Gemüt beruhigt, sodass sie nach eineinhalb Stunden ins Hotel zurückgekehrt war. Leonora hatte schon auf sie gewartet und war außer sich vor Sorge gewesen. Als Emma dann auch noch ein Abendessen ablehnte und sich stattdessen lieber in ihr Zimmer verzog, vertieften sich Leonoras Sorgenfalten noch mehr. Aber Emma wollte den Abend allein verbringen. Sie musste weiter nachdenken. Ihre Gedanken sortieren. Überlegen, was sie jetzt tun sollte.

Sie legte das Handtuch beiseite und nahm das Handy vom Nachttisch. Wie selbstverständlich suchte sie nach Williams Nummer und drückte auf Verbinden.

Sie waren bereits seit mehreren Monaten kein Paar mehr. Aber sie waren immer noch Freunde. Ihre Trennung war genauso verlaufen wie ihre Beziehung – pragmatisch und unkompliziert. William hatte überraschend das Angebot erhalten, eine Schule im Norden Englands zu leiten, aber Emma wollte keinesfalls umziehen. Eine Wochenendbeziehung kam für ihn nicht infrage, und so hatten sie beschlossen, sich zu trennen. Ohne Streit. Ohne Tränen.

Susan, eine Arbeitskollegin aus dem Immobilienbüro, meinte daraufhin, dass die Liebe nicht sonderlich groß gewesen sein konnte, wenn sie einander so leicht losließen. Aber Susan irrte sich. Emma liebte William, nur eben nicht auf diese inbrünstige, leidenschaftliche Art, wie sie einst Eric geliebt hatte. Sie liebte ihn wie einen Freund. Und sie wäre mit ihm auf eine sichere Art glücklich geworden, hätte das Leben nicht andere Pläne mit ihnen gehabt.

„Emma, Darling, geht’s dir gut? Wo bist du?“

Als sie Williams Stimme hörte, musste sie lächeln. Es hatte etwas Beruhigendes, mit ihm zu reden. „Mir geht es gut. Ich bin in Sizilien, in der Villa Pellegrini, wie geplant.“

„Dann hast du es also tatsächlich durchgezogen und bist dieses Mal geflogen.“

Emma lachte auf. William kannte ihre Flugangst schließlich gut genug. Mehr als einmal hatte sie sich strikt geweigert, ein Flugzeug auch nur zu betreten. Aber dieses Mal hatte sie eine Ausnahme machen müssen. Kurzfristig hatte sie keinen längeren Urlaub bekommen. Die nächste Schiffsverbindung Richtung Italien wäre erst in zwei Tagen von Southampton aus möglich gewesen und hätte, inklusive Umsteigezeiten, mehrere Tage gedauert. So war sie über ihren Schatten gesprungen und hatte einen Flug gebucht.

„Und stell dir vor, ich hab’s sogar überlebt!“

„Da musste also erst eine alte Frau sterben, damit du zu dieser Erkenntnis gelangst.“

Die Erinnerung an Adrianas Tod ließ Emma verstummen. Und prompt fiel ihr auch wieder ein, warum sie William angerufen hatte. „Ich weiß, du verstehst es nicht, aber Adriana hat mir viel bedeutet.“

„Schon gut, du bist mir keine Rechenschaft schuldig.“

Nicht mehr, fügte Emma in Gedanken hinzu. Denn noch vor wenigen Monaten hätte ihre Reise so einige Diskussionen zwischen ihnen heraufbeschworen. So wie jedes Jahr, wenn es um ihren Urlaub auf Sizilien ging.

„Ich habe heute ihren Enkel getroffen.“

„Ach ja? Und?“

Emma zögerte. William wollte sicher nichts über die merkwürdige Wirkung hören, die Luca Pellegrini auf sie hatte. Darüber, dass ihr bei seinem Anblick der Atem stockte und ihr Herz für einen Moment aussetzte. Lieber blieb sie bei etwas Unverfänglichem. „Er hält mich für eine Erbschleicherin und will das Testament mithilfe eines Anwalts anfechten.“

William schwieg. Nur ein leises Knacken war in der Leitung zu hören.

„William? Bist du noch dran?“

„Ja, ja, ich bin noch dran. Aber, Emma …“

Sie holte tief Luft. Irgendwie befürchtete sie, dass ihr nicht gefallen würde, was William als Nächstes sagte.

„Du wolltest das Hotel doch sowieso nicht.“

Und da kam er, dieser Satz. Sie wollte dieses Hotel sowieso nicht.

Als sie von dem Testament erfahren hatte, war William der Erste gewesen, dem sie davon erzählte. Sie hatte ihre Trauer und ihre Verwunderung über das Erbe mit jemandem teilen müssen. Und wer wäre da naheliegender gewesen als William? Und als er dann fragte, ob sie ernsthaft darüber nachdachte, das Erbe anzutreten, hatte sie voller Überzeugung geantwortet: „Natürlich nicht!“

So war ihre erste Reaktion gewesen. Geboren aus Angst, Unsicherheit und Unwissen. Dass sie trotzdem nach Sizilien gereist war, konnte William nicht verstehen. Was wollte sie hier? Adrianas Beerdigung hatte sie ohnehin verpasst.

„Ich frag mich nur ständig, warum sie mir das Hotel hinterlassen hat. Warum mir und nicht ihrer Familie?“

„Vielleicht hat man sich nicht besonders gut verstanden. Oder es gab noch einen Streit kurz vor ihrem Tod. Wer weiß das schon.“

Emma schwieg, denn sie wusste nicht, was sie Vernünftiges erwidern sollte.

Als William die Pause zu lange dauerte, fragte er: „Willst du dich wirklich auf einen Rechtsstreit einlassen? Wegen eines maroden Hotels am Ende der Welt?“

Genau diese Frage hatte sie sich während ihres langen Spaziergangs auch gestellt. Wollte sie sich wirklich darauf einlassen? Sie wusste, wenn es jemanden gab, der sie davon überzeugen konnte, ihre Sachen zu packen und nach London zurückzukehren, dann war es William.

William schaffte es, die Dinge emotionslos und auf das Wesentliche reduziert zu betrachten. Ein marodes Hotel am Ende der Welt.

Sie hatte weder die Zeit noch das Geld, um dieses Hotel wieder instand zu setzen. Sie lebte und arbeitete in London und besaß keinerlei Erfahrung im Hotelgewerbe. Wäre es da nicht das Klügste, einem Rechtsstreit aus dem Weg zu gehen? Adrianas Familie gehörte ein Hotelimperium. Diese Leute wussten, was jetzt zu tun wäre. Emma hingegen hatte nicht den Hauch einer Ahnung.

Außerdem machte Adrianas Enkel nicht den Eindruck, als wollte er klein beigeben. Er hatte seinen Standpunkt ziemlich klar zum Ausdruck gebracht.

Aber Emma war nicht wegen des maroden Hotels am Ende der Welt hier. Sie war aus Liebe zu einer Freundin hier. Und sie wollte die Wünsche ihrer toten Freundin respektieren. „Adriana hat es aber mir vererbt. Sie war weder wirr, noch wusste sie nicht, was sie tat. Sie hat sich dabei etwas gedacht. Da bin ich mir sicher.“

„Selbst wenn“, erwiderte William unbeeindruckt. „Die Frage bleibt: Ist es den ganzen Ärger wert?“

Emma seufzte. Sie erinnerte sich, wie sie vor fünf Jahren bei einer Wanderung den Anschluss an ihre Reisegruppe verloren und sich völlig durchnässt in der Eingangshallte der Villa Pellegrini wiedergefunden hatte. Und wie Adriana sie mit offenen Armen empfangen hatte, ihr aus der nassen Jacke heraushalf und ihr sofort ein Zimmer zuwies, ohne dass sie überhaupt danach gefragt hatte.

Und sie erinnerte sich an das Gefühl, das sie damals verspürte.

Endlich zu Hause.

Luca nahm einen kräftigen Schluck aus dem Whiskeyglas und starrte auf das offene Meer. Obwohl die Sonne inzwischen untergegangen war, betrachtete er weiter die ruhigen Wellen des Wassers und versuchte die Gelassenheit zu finden, die er sonst bei diesem Anblick empfand. Nur heute wollte ihm dies nicht gelingen.

Die Begegnung mit der kleinen Engländerin hatte ihn viel zu sehr aufgewühlt. Und das war merkwürdig. Schließlich hatte er von ihrer Existenz gewusst, auch dass sie nach Sizilien kommen wollte. Er wusste schon vor ihrem Zusammentreffen, dass sie keine fünfzig war, sondern in exakt sieben Monaten ihren dreißigsten Geburtstag feiern würde. Sein Anwalt hatte ihn dahingehend genau informiert.

Und dennoch. Nie im Leben hätte er erwartet, auf jemanden so Unscheinbaren zu treffen, der gleichzeitig diese Faszination auf ihn ausübte. Wieso konnte sie nicht High Heels tragen? Einen aufreizenden Minirock? Eine Bluse, die so eng war, dass nichts der Fantasie überlassen blieb? Mit so etwas wäre er fertiggeworden. Solche Frauen war er gewohnt, und ihre Avancen ließen ihn kalt. Diese verschreckten, tapferen Rehaugen machten es ihm hingegen schwer, nicht sofort in den Beschützermodus zu verfallen.

Der Zwiespalt, dass er sich ausgerechnet zu dieser Erbschleicherin hingezogen fühlte, hatte ihn nach dem Zusammenstoß in Nonnas Büro getrieben, um deren heimlichen Whiskeyvorrat zu plündern. Inzwischen war er beim dritten Glas angelangt, und allmählich brach eine bleierne Müdigkeit über ihn herein.

Dennoch blieb er vor dem Fenster stehen und sah zu, wie die Dämmerung voranschritt. Sein Jackett hatte er achtlos auf das Bett geworfen, dann das Hemd aufgeknöpft und die Ärmel hochgekrempelt. Er hasste die Enge, die ihn beim Denken behinderte.

Irgendwie musste er einen Weg finden, sich vor den Reizen der Engländerin zu schützen. Keinesfalls durfte er das Ziel aus den Augen verlieren. Er musste das Hotel seiner Großmutter wieder zurück in den Familienbesitz bringen. Nichts anderes hätte sie gewollt. Und nichts anderes wurde von ihm erwartet, obwohl die real existierende Familie mittlerweile sehr klein war.

Die Eltern waren vor acht Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er übernahm im Alter von zweiundzwanzig die kurz vor der Insolvenz stehende Hotelkette seines Vaters und machte sie innerhalb von fünf Jahren zu einem der gewinnbringendsten Unternehmen Italiens.

Sein Vater und sein Großvater wären stolz auf ihn gewesen. Weshalb allerdings seine Großmutter nie ganz zufrieden zu sein schien, hatte er nicht verstanden. Er hätte gern ab und an mit ihr darüber gesprochen, aber dafür hatte ihm stets die Zeit gefehlt. Sein Bruder Francesco besaß leider keinerlei Geschäftssinn. Er genoss das luxuriöse Leben, das Luca ihm durch das florierende Familienunternehmen ermöglichte.

Die Last der Verantwortung lag allein auf seinen Schultern. Und dass er seine Großmutter zu Lebzeiten nicht davon abgehalten hatte, dieses dumme Testament aufzusetzen, würde er sich nie verzeihen. Er hätte sich gern zumindest bei der Trauerfeier von ihr verabschiedet, aber zu der Zeit hatte er auf der anderen Seite der Erdkugel zu tun und schaffte es nicht rechtzeitig zurück.

Vor etwa einem halben Jahr hatte sie ihn angerufen, um ihm zu sagen, dass sie krank sei und dass sie jegliche Therapiemaßnahmen ablehne. Insgeheim hatte er gewusst, was sie damit sagen wollte: Er sollte alles stehen und liegen lassen und zu ihr kommen. Aber er ignorierte den unausgesprochenen Wunsch, weil er kurz vor einem wichtigen Vertragsabschluss stand, den er keinesfalls gefährden wollte. Stattdessen hatte er sich mit ihrem Arzt kurzgeschlossen. Dr. Valimberti versicherte ihm, dass die Leukämie seiner Großmutter nicht heilbar, aber gut zu therapieren war, sodass sie vielleicht noch ein paar Jahre leben könnte.

Darauf hatte er sich verlassen. Und seine Großmutter allein und im Stich gelassen. Dass sie ihn deshalb mit diesem Testament strafte, nahm er ihr nicht übel. Sie hatte ihn in den letzten Monaten vor ihrem Tod gebraucht, und wäre er da gewesen, dann hätte er jetzt nicht den Schlamassel mit dieser Frau am Hals.

Diese verdammte Engländerin.

Was sollte er nur mit ihr machen? Sein Anwalt hatte kein Problem damit, das Testament vor Gericht anzufechten, aber er hatte Luca auch deutlich zu verstehen gegeben, dass dies eine langwierige Sache werden konnte und der Ausgang keinesfalls gewiss sei. Am Ende verlor er womöglich Nonnas Hotel tatsächlich an sie. Und dann?

Dieses Hotel war etwas Besonderes. Es war der erste Baustein für das heutige Imperium der Pellegrinis. Die Großeltern hatten das alte Landhaus auf dem Grundstück oberhalb der Bucht praktisch aus dem Nichts zu einem Hotelbetrieb aufgebaut. In Zusammenarbeit mit ihrem Sohn, Lucas Vater, waren im Laufe der Jahre noch weitere Hotels dazugekommen.

Aber nur die Villa Pellegrini hatte diese besondere Ausstrahlung. Vielleicht war es die spektakuläre Lage an der Steilküste, die Abgeschiedenheit oder auch die familiäre Größe des Gebäudes – was auch immer diesen Flair ausmachte, er gehörte zu den Pellegrinis. Und Luca würde den Teufel tun und diesen Schatz kampflos der Engländerin überlassen.

Sein Handy läutete in der Innentasche des Jacketts. Dankbar für die Ablenkung von seinen Grübeleien stellte er das Whiskeyglas beiseite, knipste die Nachttischlampe an, und kramte das Telefon hervor. Auf dem Display erkannte er den Namen seines Bruders. Er zögerte kurz, entschied sich dann doch, den Anruf entgegenzunehmen.

„Francesco, was gibt’s?“, fragte er, während er wieder zum Fenster schlenderte.

„Ich wollte mich nur erkundigen, wie die Dinge so stehen. Immerhin bist du extra nach Sizilien gereist, um die Erbin anzutreffen.“ Als Luca nichts erwiderte, fragte er: „Bist du ihr inzwischen begegnet?“

Luca schmunzelte. Mehr als einmal hatte er versucht, Francesco für die Firma zu begeistern – leider ohne Erfolg. Wenn es allerdings um Klatsch und Tratsch oder gar um Skandale ging, war auf Francesco Verlass. Eigentlich ein Wunder, dass er nicht darauf bestanden hatte, Luca zu begleiten.

„Ja, ich bin ihr begegnet“, seufzte er.

„So schlimm?“

„Es ist nicht schlimm, es ist …“ Ihm fehlten die Worte, um die Situation zu beschreiben. Egal was er sagte, Francesco würde es missverstehen. Denn Luca verstand es ja selbst nicht.

„Was? Merkwürdig? Aufregend? Total beschissen?“

Luca musste an den Anblick der zierlichen Frau auf dem Hocker in der Küche denken. An ihr Lächeln, ihre vertrauensvoll schimmernden Augen. Und daran, dass er versuchte, sie zu verachten, was ihm aber doch nicht gelang. „Irgendwie alles zusammen“, gestand er.

Francesco schwieg, und Luca wusste sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. „Hör zu, Bruderherz …“

„Ich komme nach Sizilien.“

„Was?“

„Ich muss diese Frau kennenlernen. Wenn sie es schafft, dich so zu verwirren, dann muss ich sie kennenlernen.“

„Nein!“

„Doch.“

„Keinesfalls. Ich kann dich hier nicht gebrauchen. Du würdest alles noch komplizierter machen.“

„Alles noch komplizierter?“ Francesco lachte. „Was ist denn alles?“

Luca verdrehte die Augen. „Tu mir einfach den Gefallen und bleib, wo du bist.“

„Vielleicht kann ich helfen.“

„Wie willst du denn helfen?“

„Hey, jetzt tu mal nicht so gönnerhaft. Ich habe meine Vorzüge, und gerade der weibliche Teil der Bevölkerung kann mit diesen Vorzügen mitunter recht viel anfangen.“

„Wie bitte?“

„Na, vielleicht kann ich die Dame ein wenig bezirzen, damit sie auf das Hotel verzichtet. Ich habe Frauen schon zu viel verrückteren Dingen überredet.“

Luca brauchte einen Moment, um das Gehörte sacken zu lassen. „Das glaub ich dir sogar aufs Wort. Aber ich komme schon klar. Notfalls kaufe ich ihr das Hotel einfach ab.“ Das wäre ohnehin die beste Lösung, dachte er im Stillen.

„Bist du dir sicher?“ Ein Hauch von Enttäuschung schwang in Francescos Stimme mit.

„Ja, bin ich.“ Luca wandte sich vom Fenster ab und setzte sich auf das Bett. „Du musst wirklich nicht herkommen, um den Casanova zu spielen.“

„Schade, ich hätte dir gern geholfen.“

„Danke“, erwiderte er und beendete das Telefonat. Mit den Fingern strich er sich durch das Haar, bis er sich schließlich darin festkrallte. „Verdammt“, fluchte er, während er darum kämpfte, des Gefühls Herr zu werden, das er bei dem Gedanken an einen Flirt zwischen Francesco und der kleinen Engländerin verspürte.

3. KAPITEL

„Es tut mir wirklich leid, Sean. Aber mein Entschluss steht fest.“ Emma tigerte mit dem Handy am Ohr in ihrem Zimmer auf und ab. Allmählich gingen ihr die Argumente aus.

„Emma, du arbeitest schon so viele Jahre für uns. Du bist ein Teil dieses Unternehmens. Willst du das wirklich alles aufgeben?“

Emma blieb stehen und holte tief Luft. Sie wusste es ja selbst nicht so genau. Aber sie konnte nicht einfach abreisen und allem hier den Rücken kehren, als hätte es Adriana und das Hotel nie gegeben. „Ich muss es versuchen. Falls ich es später bereue, dann muss ich eben damit leben.“

Sean, der jüngste Partner in der Immobilienagentur und ihr unmittelbarer Vorgesetzter, seufzte. „Und wenn ich deinen Urlaub vorerst verlängere? Und du denkst noch mal darüber nach?“

„Ich weiß nicht, Sean. Wenn ich das wirklich durchziehen will, ist es besser, keine halben Sachen zu machen.“ Sie müsste auch ihre Wohnung kündigen, das Auto verkaufen und auch mit sonst allem brechen, was ihr Leben in London ausmachte.

„Bitte, Emma. Mir zuliebe.“

Gequält rieb sie sich über die Stirn. „Also gut“, gab sie schließlich nach. „Dann verlängere den Urlaub, und wir telefonieren in zwei Wochen noch mal.“

Emma zweifelte, ob diese Entscheidung klug war. Damit hielt sie sich wieder eine Hintertür offen, ein Sicherheitsseil, nach dem sie greifen konnte, sollte sie zum Aufgeben gezwungen sein. Sie steckte das Handy in die Hosentasche und wollte zur Tür gehen, als sie die Wasserlache auf dem Boden neben der Kommode am Fenster entdeckte.

Sie starrte ein paar Sekunden darauf, und währenddessen klatschte ein Tropfen von oben in die Pfütze. Ihr Blick glitt zur Zimmerdecke, und auch dort zeigte sich ein großer Wasserfleck.

„Oh nein!“

Emma stürmte zu der Stelle unmittelbar unterhalb des Wasserflecks, um ihn genauer begutachten zu können. Aber schlauer wurde sie dadurch auch nicht.

„Leonora!“, rief sie, und als keine Reaktion folgte, schrie sie noch lauter. „Leonora!“

Kurz darauf eilte die Köchin keuchend durch die Tür. „Was ist denn? Wieso schreist du so rum?“

„Sieh nur!“ Emma deutete auf das Wasser am Boden und den Fleck an der Decke.

„Oh.“ Leonora schien nicht besonders überrascht zu sein.

„Das ist alles, was du zu sagen hast?“

Leonora zuckte mit den Schultern. „Was soll ich dazu schon sagen. Das Dach ist alt, und es leckt auch an anderen Stellen des Hauses.“

„Wie bitte?“ Das Haus war in keinem allzu guten Zustand. Aber ein undichtes Dach? Das kam einer Katastrophe gleich. „Warum hast du davon nichts gesagt?“

„Was hätte ich denn sagen sollen? Du wusstest doch, dass Adriana kein Geld für Reparaturen hatte. Und das Dach ist eben alt.“

„Heißt das, wir brauchen ein ganz neues Dach?“

„Ja, sieht so aus.“

Emmas Schultern sackten nach unten. Kraftlos ließ sie sich auf das Bett sinken. Damit hatte sie nicht gerechnet. Okay, ein paar Steine an den Stufen zum Eingang waren locker, das Treppengeländer in den oberen Stock musste erneuert werden, und das Gebäude brauchte innen und außen einen neuen Anstrich. Aber ein neues Dach? Sollte Luca sie tatsächlich in einen Rechtsstreit hineinziehen, hätte sie dafür nie und nimmer das Geld.

„Muss sonst noch etwas Großes repariert werden?“ Eigentlich wollte sie es gar nicht genau wissen, aber den Kopf in den Sand stecken würde auf lange Sicht auch nichts helfen.

„Also, na ja …“

Gequält blickte Emma zu Leonora hoch. „Sag’s schon.“

„Die Heizung wird den nächsten Winter vermutlich nicht mehr überstehen.“

Emma schloss die Augen und ließ den Kopf hängen. Das Dach und die Heizung. Sie würde einen Kredit benötigen, um das alles zu bezahlen.

Leonora setzte sich neben sie, woraufhin die Matratze kräftig nachgab. „Aber du musst doch mit so etwas gerechnet haben.“

„Nicht in der Größenordnung“, gestand Emma. „Wovon soll ich das alles bezahlen?“ Unumwunden blickte sie in das vertrauensvolle Gesicht der Köchin.

„Ich bin sicher, da wird sich etwas finden.“

Emma lachte auf. Woher nahm Leonora ihren Optimismus? Wie konnte sie das Offensichtliche so ignorieren?

„Ich kenne viele Handwerker in der Gegend. Da kann ich sicher einen guten Preis aushandeln.“

„Toll“, erwiderte Emma trocken. „Ich sollte wohl eine genaue Bestandsaufnahme machen und in den Büchern nachsehen, ob Adriana irgendwelche Rücklagen für Reparaturen gebildet hat.“

„Guter Plan.“ Leonoras Enthusiasmus schien ungebrochen.

Emma hingegen erwartete auf Adrianas Geschäftskonten nicht allzu viel Geld zu finden. Dieses Hotel hatte Adriana sehr viel bedeutet. Und sie hätte es nicht so verwahrlosen lassen, wenn sie die nötigen Mittel gehabt hätte.

Emma erhob sich und trottete die Treppe hinunter in Adrianas Büro. Leonora folgte ihr.

Wenig später fand sie ihre Befürchtungen bestätigt. Auf Adrianas Geschäftskonto war so gut wie kein Geld. Sie konnte die Kontoauszüge noch so oft vor- und zurückblättern, die Tatsache blieb dieselbe.

Seufzend ließ sich Emma in den Schreibtischstuhl fallen. Im Stillen hatte sie gehofft, dass Adriana vielleicht nur zu krank gewesen war, um sich um so etwas wie ein neues Dach zu kümmern, aber allen Anschein nach hatte ihr schlicht das Geld gefehlt.

„Und du meinst, die Handwerker im Ort werden mit sich reden lassen?“

Leonora nickte. „Die meisten kenne ich, seit sie Kinder waren. Niemand würde es wagen, dich über den Tisch zu ziehen.“

„Gut.“ Emma erhob sich und schnappte sich einen Notizblock und einen Stift. „Dann lass uns mal durchgehen, welche Reparaturen anstehen, und uns dann überlegen, was Priorität hat.“

Gemeinsam schlenderten sie durch das Hotel, erkundeten jeden Raum, inspizierten die Fenster, suchten nach feuchten Stellen, lockeren Dielen und kaputten Schränken. Am Ende umfasste die Liste der nötigen Reparaturen eine ganze Seite, aber das Dach und die Heizung blieben die Hauptprobleme.

„Vermutlich sollte ich zuerst einen Zimmermann mit dem Dach beauftragen. Es noch länger hinauszuschieben würde nur noch weitere Schäden verursachen.“

Leonora nickte zustimmend. „Wenn du willst, fahre ich auf dem Heimweg bei einem vorbei und mach für dich einen Termin aus.“

Dankbar umarmte Emma die alternde Köchin. Leonora musste all das nicht tun. Sie müsste nicht jeden Tag herkommen, Emma zur Seite stehen und ihr Ratschläge geben. Sie könnte zu Hause bleiben und sich um ihre eigene Familie kümmern. Aber sie hatte wohl so lange hier gearbeitet, dass sie einfach ein Teil dieses Hotels war.

„Was würde ich nur ohne dich machen“, sagte Emma und löste sich wieder von Leonora.

„Ach, schon gut“, erwiderte sie und tätschelte Emmas Schulter. „Ich bin ja nur froh, dass Adriana nicht mir das Hotel hinterlassen hat.“

Luca trank den letzten Schluck seines Orangensaftes, stellte das Glas auf den Terrassentisch und widmete sich wieder dem atemberaubenden Ausblick auf das Meer. Die Lage der Villa Pellegrini war einzigartig, kein anderes Hotel der Pellegrinis konnte hierbei mithalten.

Leider hatte er in den vergangenen beiden Tagen feststellen müssen, dass die Aussicht so ziemlich das Einzige war, womit die Villa Pellegrini alle überragte. Für alles andere waren hohe Investitionen notwendig. Um die entsprechenden Kosten abzuschätzen, musste man zunächst feststellen, was alles saniert werden müsste. Deshalb hatte er sich mit einem Bauunternehmer aus Palermo verabredet, der sich leider verspätete.

Ein Blick zum Himmel bestätigte seine Befürchtung. Allzu lange würde das herannahende Gewitter nicht mehr auf sich warten lassen, und wenn der Mann nicht bald aufkreuzte, mussten sie womöglich das Gelände um das Hotel im Regen erkunden.

Gestern hatte er von seinem Zimmerfenster aus beobachtet, wie auch Emma und Leonora herumgingen und sich Notizen machten. Wie so oft in den letzten Tagen hatte er den Blick von Emma nicht abwenden können, übte sie doch noch immer dieselbe Faszination auf ihn aus. In ihrer Gegenwart bemühte er sich um Distanz, aber wenn er sie aus der Ferne bewunderte, erlaubte er sich, ihren Anblick lächelnd zu genießen.

Er vermutete, dass auch sie sich inzwischen über die Baufälligkeit des Anwesens im Klaren war, und er hoffte, daraus einen Vorteil zu ziehen. Sobald sie wusste, mit welchen Kosten ein solches Unterfangen verbunden war, würde sie vielleicht zur Vernunft kommen und ihm das Hotel überlassen. Und dann wäre er auch endlich die Sorge um seine zwiespältigen Gefühle los.

„Signor Pellegrini! Es tut mir leid, dass ich so spät komme.“ Ein etwas dicklicher Mann eilte mit einem Aktenkoffer die Treppe zur Terrasse herauf. Er stolperte, als eine Steinplatte unter seinem Gewicht gefährlich ins Wanken geriet, konnte sich aber im letzten Augenblick am Geländer festhalten.

Instinktiv wollte Luca zu dem Mann eilen, aber dieser hob beschwichtigend die Hand und erklärte: „Geht schon, danke.“

Auf der letzten Stufe richtete er sich auf und holte tief Luft, als wäre er froh, dieses gefährliche Abenteuer hinter sich zu haben. „Guten Morgen. Ich bin Signor Messina.“ Ein strahlendes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Ich habe Sie vom Parkplatz aus hier oben stehen sehen.“

Luca nickte. Er reichte ihm die Hand und deutete dann auf den Tisch, auf dem er Getränke bereitgestellt hatte.

„Die Verspätung ist kein Problem“, sagte Luca und setzte sich. „Wir sollten nur mit dem Rundgang ums Hotel bald beginnen, damit wir es noch im Trockenen schaffen.“

Im Schnelldurchgang erklärte Luca dem Bauunternehmer die Lage, kramte alte Baupläne hervor, die er gestern im Büro seiner Großmutter gefunden hatte, und erzählte von den Mängeln, die er bisher selbst entdeckt hatte, und den beabsichtigten Modernisierungen im Innen- und Außenbereich. Je länger Luca redete, desto freudiger schien der Unternehmer zu werden. Offenbar sah er nie endende Aufträge.

Wenig später starteten sie den Rundgang, den sie schließlich in der Eingangshalle mit einer langen Liste der nötigen Arbeiten beendeten. Signor Messina hatte fast alle von Luca entdeckten Mängel bestätigt, noch weitere gefunden und zusätzliche Umbauarbeiten vorgeschlagen.

„Ich will Ihnen nichts vormachen“, sagte der Bauunternehmer und sah sich in der kleinen Halle noch einmal um. „Vieles sind nur Kleinigkeiten und sicher schnell behoben. Manches allerdings wird wesentlich zeit- und kostenintensiver werden. Wenn Sie also tatsächlich größere Umbaumaßnahmen planen, dann sollten Sie diese am besten gleich mitangehen.“

Luca nickte. Er war derselben Ansicht. Wenn er schon ein Bauunternehmen für die notwendigen Reparaturen engagierte, konnte dieses auch zugleich gewisse bauliche Anpassungen an den Zeitgeist vornehmen.

„Hier bräuchten wir dringend einen separaten Aufenthaltsbereich für die Hotelgäste – eine Lounge.“

„Die Fläche ist im Moment für so etwas zu klein“, erklärte Signor Messina, nachdem er sich ebenfalls umgesehen hatte. „Dafür müssten wir wohl einen der angrenzenden Räume hinzunehmen.“

Luca breitete den Grundrissplan auf der Empfangstheke aus und deutete auf das kleine Büro, das hinter der Empfangshalle lag. „Ich habe an diesen Raum gedacht. Man kann die Wand niederreißen, die Rezeption nach hinten verlegen und hätte hier mehr Platz für Sitzgelegenheiten.“

„Das wäre eine Möglichkeit“, erwiderte Signor Messina und musterte den Plan. „Allerdings muss sichergestellt sein, dass dies keine tragende Wand ist. Nach der Zeichnung zu urteilen …“

„Was ist hier los?“

Luca und Signor Messina rissen die Köpfe hoch und blickten in die Richtung, aus der die Frauenstimme kam. Die kleine Engländerin stand mit verschränkten Armen in der Küchentür und schaute derart finster, dass Luca leise aufstöhnte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

„Oh, tut mir leid“, sagte der Bauunternehmer höflich und richtete sich auf. „Ich bin Signor Messina, von Costruzioni Generali Messina. Signor Pellegrini hat mich eingeladen.“

„Wozu?“

Verwundert über ihre Feindseligkeit blickte Signor Messina Hilfe suchend zu Luca. Dieser holte tief Luft, um sich für das weitere Gespräch zu wappnen.

„Signor Messina, darf ich vorstellen. Das ist Signorina Emma Brown aus England, ein Gast der Familie.“

Das Gesicht des Bauunternehmers hellte sich auf. „Freut mich“, erklärte er und wollte auf Emma zugehen und ihr die Hand reichen.

Sie hingegen ignorierte den Mann, trat stattdessen zur Seite und ließ Luca dabei nicht aus den Augen. „Ich bin kein Gast. Mir gehört das Hotel.“

„Ihnen gehört das Hotel?“ Signor Messina runzelte die Stirn. „Aber …“

„Signor Pellegrini ist mein Gast.“ Das zuckersüße Lächeln, mit dem Emma den Satz aussprach, war nicht misszuverstehen.

„Oh … also dann … dann schicke ich den Kostenvorschlag zu Ihren Händen?“

Erst jetzt richtete Emma ihre Aufmerksamkeit auf den Bauunternehmer. „Nein, danke. Ich werde Ihre Dienste nicht benötigen. Ich habe eigene Handwerker.“

„Oh“, war alles, was Signor Messina hervorbrachte.

„Schicken Sie das Angebot an meine Adresse“, erklärte Luca mit fester Stimme. „Ich werde Sie wissen lassen, wann Sie mit den Arbeiten beginnen können.“ Bei diesen Worten sah er Emma direkt ins Gesicht. Er wollte, dass sie verstand, dass er sich von ihrem kleinen Auftritt keinesfalls einschüchtern ließ.

Signor Messina sammelte in Windeseile seine Unterlagen zusammen, stopfte alles in den Aktenkoffer, murmelte noch ein paar Abschiedsfloskeln, bevor er aus dem Hotel floh.

Luca und Emma sahen ihm hinterher. „Der arme Mann“, sagte Luca schließlich. „Sie haben ihn ganz schön verwirrt.“

„Sie haben ihn angeschleppt und ihm falsche Hoffnungen gemacht.“

„Das Hotel muss nicht renoviert, sondern saniert werden. Das sollte Ihnen inzwischen auch klar sein.“

„Ja, aber das ist nicht Ihr Problem. Denn das Hotel gehört Ihnen nicht.“

„Noch nicht.“

Emma lachte auf. „Sie geben wohl nie auf.“

„Nein.“

Mehrere Sekunden standen sie sich gegenüber und starrten einander an. Sekunden, in denen Luca ihr am liebsten den Hals umgedreht hätte. Zugleich wünschte er sich, die Distanz zu ihr mit wenigen Schritten zu überwinden, um von ihrem frechen Mundwerk zu kosten. Und dieser Zwiespalt machte ihn fast wahnsinnig.

„Sie sollten endlich zur Vernunft kommen und abreisen“, erklärte er und wollte an ihr vorbei aus der Halle gehen.

Emmas Augen funkelten vor Zorn. „Das Hotel gehört mir. Ich dulde Ihre Anwesenheit. Sie sollten meine Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.“

Er hielt inne und betrachtete sie schmunzelnd. „Und was wollen Sie tun, wenn ich nicht gehe?“

„Ich hole die Carabinieri und lasse Sie hinauseskortieren.“

Ihre Naivität war herzerwärmend, sodass seine Sympathie für sie nur noch größer wurde. „Niemand würde mich jemals aus Nonnas Hotel werfen.“

„A…“, wollte sie protestieren, aber Luca legte einen Zeigefinger auf ihre Lippen und wiederholte lächelnd: „Niemand.“

4. KAPITEL

Emma schlüpfte rasch in ihre Sandalen und öffnete die Zimmertür. Gestern Abend hatte Leonora angekündigt, dass sie zum Frühstück nicht kommen könnte, weil sie auf ihre Enkelkinder aufpassen müsse. Das fand Emma nicht schlimm. Allerdings weilte noch immer Luca Pellegrini im Hotel, und eine weitere Begegnung war wohl unvermeidbar.

Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen und über Adrianas Enkel gegrübelt. Schon das Erbe an sich überforderte sie, aber seine Anwesenheit machte alles noch schlimmer. Sie fühlte sich verpflichtet, Adrianas Wunsch zu entsprechen und das Erbe anzutreten. Wie sie aber mit Adrianas Enkel fertigwerden sollte, blieb ihr ein Rätsel.

Luca Pellegrini verwirrte sie. Auf vielerlei Art.

Sie hatte nachts lange im Internet recherchiert und versucht, alles über Luca Pellegrini zu erfahren. Über seinen Werdegang, seine Erfolge und auch über sein Privatleben. Dabei war sie über zahlreiche Fotos von ihm bei allen möglichen Events gestolpert: Stets adrett gekleidet, immer mit einer schönen Frau am Arm. Und je mehr sie über ihn herausfand, desto unsicherer wurde sie.

Luca Pellegrini schien perfekt zu sein. Seine Geschäftspartner bezeichneten ihn als knallhart und unerbittlich, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Dennoch respektierten sie ihn. Seine Angestellten fanden nur lobende Worte für ihn, zumal er offensichtlich bessere Gehälter zahlte als die Konkurrenz. Und selbst Ex-Frauen ließen kaum ein böses Wort über ihn fallen, die Trennungen verliefen friedlich, auch wenn sie meist von ihm ausgingen.

Wie sollte sie mit so jemandem fertigwerden? Wie sollte sie sich mit ihm an einen Tisch setzen und ihren Standpunkt durchsetzen? Mit Sicherheit kannte er hundert Tricks, um sie ins Wanken zu bringen.

Fast lautlos öffnete sie die Schiebetür zum Speisesaal. Leonora hatte es sich trotz familiärer Verpflichtungen nicht nehmen lassen, frühmorgens ein Frühstück im Speisesaal bereitzustellen, obwohl Emma ihr mehrfach versichert hatte, dass dies nicht nötig sei. Sie hatte aber nicht damit gerechnet, dass Luca Pellegrini ebenfalls dort saß und einen Kaffee genoss.

Als er sie erblickte, stellte er die Tasse ab und erhob sich. „Guten Morgen“, begrüßte er sie und lächelte.

Emma schluckte. Obwohl Luca keinen Anzug trug, sondern eine legere Leinenhose und ein unauffälliges weißes Hemd, wirkte seine Erscheinung beeindruckend. Zögernd näherte sie sich.

„Guten Morgen“, erwiderte sie leise und blieb vor dem Tisch stehen.

„Setzen Sie sich doch.“ Er deutete mit der Hand auf einen freien Stuhl. Als Emma seiner Aufforderung folgte, nahm auch er wieder Platz. „Leonora hat für uns ein kleines Frühstück hergerichtet.“

Der Duft frisch gebackener Cornetti stieg ihr in die Nase, und sie musste sich eingestehen, dass sie ziemlich hungrig war. „Das sieht lecker aus.“ Zaghaft griff sie nach der Stoffserviette.

„Möchten Sie auch Caffè?“ Fragend hob er den Espressokocher hoch, woraufhin sie nickte. Langsam goss er den Kaffee in die kleine Tasse, die vor ihr stand.

Emma beobachtete jede seiner Bewegungen. Von der sonstigen Feindseligkeit spürte sie heute nichts, dieser Umstand ließ sie aber nur noch wachsamer sein. Was hatte er vor? Mit Sicherheit hatte er seine Meinung nicht geändert und würde wohl kaum kampflos auf das Hotel verzichten.

„Entspannen Sie sich“, sagte er und lächelte. „Vor dem Frühstück steige ich selten in den Ring.“

Sein Lächeln wirkte so aufrichtig, dass Emma nicht anders konnte, als es zu erwidern. Als Zeichen des Friedensangebots hob sie die Tasse und trank. „Sind wir ganz allein hier?“, wollte sie schließlich wissen. Hilfesuchend sah sie sich um. Vielleicht war ja zufällig ein Gärtner oder sonst jemand aufgetaucht.

Luca nickte. „Leonora ist vor etwa einer halben Stunde zu ihrer Familie aufgebrochen. Und außer uns sind derzeit keine anderen Gäste in der Villa Pellegrini.“

Schweigend nahm Emma ein Cornetto und begann zu essen. Womöglich würde das Frühstück gar nicht so schlimm, wie sie im ersten Moment befürchtet hatte. Luca schien dieses Mal zumindest nicht auf Streit aus zu sein.

„Erzählen Sie mir etwas von sich“, forderte er sie freundlich auf, während er sich ebenfalls ein Cornetto nahm. „Von Ihrem Leben in London.“

Emma musterte noch einmal seine Mimik, suchte nach etwas Hinterlistigem. Aber das Gegenteil war der Fall, er wirkte aufrichtig interessiert. Also begann sie zu erzählen: Von ihrer Arbeit, ihrer kleinen Wohnung in Soho und von ihren Urlauben auf Sizilien.

„Sie haben tatsächlich in den vergangenen fünf Jahren jeden Sommer hier verbracht?“

Emma nickte lachend. Er war schließlich nicht der Erste, der dies merkwürdig fand.

„Warum?“

„Weil …“ Sie hielt inne und lehnte sich zurück. Wenn es darum ging zu erklären, was sie an diesem Ort so anzog, tat sie sich schwer. Es war ein Gefühl, ein inneres Bedürfnis, das sie bisher noch nie mit den passenden Worten beschreiben konnte. „Ich fühle mich hier mehr wie ich selbst.“ Hilflos zuckte sie mit den Schultern. „Es ist, als würden die Sorgen des Alltags an Bedeutung verlieren. Als könnte man sich auf das Wesentliche besinnen. Hier fühle ich mich einfach …“

„… zu Hause“, beendete er ihren Satz und betrachtete sie dabei so eindringlich, dass ihr Herz flatterte.

„Ja, genau.“ Ihre Zustimmung war ein Flüstern, aber zu mehr fühlte sie sich nicht imstande. Lucas Blick hielt sie gefesselt und ihr wurde klar, dass er verstand, was sie mit diesem Ort verband. Und sie glaubte in seinen Augen zu lesen, dass es ihm mit Adrianas Hotel ähnlich erging. Emma schluckte, denn dieses ungewohnte Gefühl der Verbundenheit machte sie nervös.

Mit einem Räuspern unterbrach Luca den Blickkontakt und konzentrierte sich stattdessen wieder auf sein Cornetto. „Und was hält Ihr Freund von dem Plan, nach Sizilien auszuwandern?“, wechselte er schlagartig das Thema.

Emma brauchte einen Moment, um sich die Frage zu vergegenwärtigen. Dann sagte sie: „Ich lebe derzeit in keiner Beziehung.“

„Ach, nicht?“

Emma musste über seine Verwunderung lachen. Sie war sich nicht sicher, ob er nun erleichtert oder doch enttäuscht darüber war.

„Und Eltern? Enge Freunde? Niemanden, für den es sich lohnt, in London zu bleiben?“

„Mein Vater starb vor drei Jahren an einen Herzinfarkt, und meine Mutter verunglückte mit dem Auto, als ich noch ein Kind war.“

„Oh, das tut mir leid.“

Emma winkte ab. „Schon gut. Sie konnten das ja nicht wissen.“ Obwohl der Verlust noch immer schmerzte, war es für sie kein Problem, über ihre Eltern zu reden. Beide hatten sie geliebt und beide hätten gewollt, dass sie glücklich war. Emma war sich sicher, sie hätten ihren Entschluss, dieses Hotel in Sizilien zu übernehmen, gutgeheißen.

„Trotzdem. Ich wollte nicht respektlos sein.“

Emma lächelte, denn Luca Pellegrini kam ihr inzwischen gar nicht mehr so unnahbar vor. Und obwohl sie es nicht wollte, wurde ihr dieses zerknirscht dreinblickende Gesicht immer sympathischer.

„Ich bin ein großes Mädchen“, versicherte sie. „So schnell breche ich nicht in Tränen aus.“

Luca lachte, und augenblicklich stimmte sie in sein Lachen mit ein. Und wäre da nicht diese verdammte Sache mit dem Hotel, wäre dieses Frühstück zauberhaft und schön gewesen.

Dieses Frühstück war eine einzige Katastrophe.

Was machte er hier? Flirtete er etwa mit ihr? Dabei hatte er doch nur nett sein wollen, um sie zu einem Verkauf zu überreden. Stattdessen fragte er sie über ihr Leben aus und fand sie anziehender denn je.

„Warum sprechen Sie eigentlich so gut Italienisch?“, hörte er sich fragen. Denn das war auch so eine Sache, worüber er sich schon bei ihrer ersten Begegnung gewundert hatte.

„Meine Großmutter mütterlicherseits war Italienerin“, erklärte sie und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Nachdem meine Mutter gestorben war, verbrachte ich sehr viel Zeit bei ihr. Und da sie die Angewohnheit hatte, nur Italienisch mit mir zu reden, lernte ich es notgedrungen sehr schnell.“

Er nickte. Man hörte ihr an, dass sie die Sprache bereits von klein auf gelernt hatte. „Und wie haben Sie Nonnas Hotel gefunden? Wie sind Sie das erste Mal hierhergelangt?“

Sie lächelte, antwortete aber nicht. Stattdessen nahm sie die Stoffserviette von ihrem Schoß und legte sie auf den Tisch. „Darf ich Sie mal was fragen?“

Verdammt. Natürlich. Allmählich glich seine Fragerei wohl eher einem Verhör. „Selbstverständlich. Fragen Sie.“

„Aus welchem Grund hat Ihre Großmutter mich als Erbin gewählt? Was denken Sie?“

Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Er lehnte sich zurück und blickte durch die Scheiben der Glastüren, die zur Terrasse hinausführten. Ein blauer Himmel spannte sich bis zum Horizont, und das Meer glitzerte in der Morgensonne.

„Ich war nicht da, als sie starb. Ich hätte hier sein müssen. Bei ihr.“

„Sie glauben, sie wollte Sie bestrafen?“

Er wandte sich wieder zu ihr und lächelte schwach. „Sie denn nicht?“

„Nein“, antwortete Emma und schüttelte entschieden den Kopf. „Solch eine Hinterlist passt nicht zu ihr.“

Der Gedanke hatte etwas Tröstliches, und für den Augenblick fühlte er sich tatsächlich besser. „Vielleicht haben Sie recht.“ Zumindest hoffte er es. „Was glauben Sie? Warum hat Nonna Ihnen das Hotel hinterlassen?“

„Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich wüsste es.“

Luca betrachtete die zierliche Frau, die ihm gegenübersaß und die er als seine Konkurrentin und Gegnerin ansehen sollte. Nur gelang es ihm derzeit nicht, auch nur den Hauch von Misstrauen oder Ablehnung zu empfinden.

„Ich habe Ihre Großmutter nicht dazu überredet. Ehrlich nicht.“

Er suchte ihren Blick, und sie erwiderte ihn, ohne auch nur einmal zu blinzeln. Emma sagte die Wahrheit, davon war er überzeugt. Als Geschäftsmann und auch privat war er so manchem verlogenen Menschen begegnet. Emma hatte nichts davon. Sie strahlte eine Vertrauenswürdigkeit aus, die er oft bei anderen vermisste und die er noch öfter bei Frauen vergeblich gesucht hatte.

„Ich glaube Ihnen.“

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Dennoch fühlte sich Luca nicht unwohl. Er genoss diese Ruhe. Sie hatte etwas Behagliches, etwas Sicheres.

„Danke“, erwiderte sie und lächelte traurig. „Ich kann Ihnen das Hotel aber nicht überlassen.“

Obwohl ihn diese Aussage nicht wirklich überraschte, traf sie ihn doch. Er hatte das Gefühl, zum Narren gehalten zu werden. Sich selbst zum Narren zu machen. War er nicht gerade auf dem besten Weg, dieser Frau zu verfallen? Legte sie es womöglich genau darauf an?

Er schob den Teller mit den Essensresten zur Seite, stützte beide Ellbogen auf der Tischplatte ab und vergrub sein Gesicht in den Händen. Noch nie im Leben war er wegen einer Frau derart durcheinander gewesen.

„Luca, hören Sie.“

Es war das erste Mal, dass sie ihn beim Vornamen nannte. Und der Schauer, der dabei über seinen Rücken rieselte, machte ihm deutlich, dass er schnellstens Grenzen ziehen musste. So konnte das nicht weitergehen.

Ruckartig richtete er sich auf, sodass auch sie zurückwich. Mit einer gewissen Erleichterung empfand er die plötzliche Distanz, die dadurch wieder zwischen ihnen entstand. „Die Villa Pellegrini gehört zu meiner Familie. Selbst wenn Sie mit Nonnas Testament nichts zu tun hatten, ich kann nicht zulassen, dass das Hotel in Ihre Hände fällt.“

„Dann wollen Sie also tatsächlich vor Gericht gehen?“

Er nickte. „Entweder das oder Sie zeigen sich damit einverstanden, das Hotel an mich zu verkaufen.“

„Wie bitte?“

„Das würde vieles vereinfachen. Uns beiden bliebe ein womöglich langwieriger und kostenintensiver Gerichtsstreit erspart. Anstatt viel Geld für einen Anwalt ausgeben zu müssen, könnten Sie sogar etwas an dem Testament verdienen.“ Er lächelte träge, weil ihm selbst nicht gefiel, wie die letzten Worte klangen. Aber als Geschäftsmann wusste er, welche Argumente wirkten. Und mit Geld hatte er noch jeden ködern können.

„Ich will Ihr Geld aber nicht.“

„Was?“ Irritiert blinzelte er.

„Ich werde das Hotel nicht verkaufen. Weder an Sie noch an irgendjemand sonst.“

„Emma.“ Er beugte sich vor, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Seien Sie nicht dumm. Ich glaube Ihnen, dass Sie eine unbedarfte junge Frau sind, an der meine Nonna Gefallen gefunden hat. Und ich glaube Ihnen, dass Sie nicht um dieses Erbe gebeten haben. Aber ich will dieses Hotel weiterhin im Familienbesitz der Pellegrinis halten und ich werde alles dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen. Und wenn ich Sie dafür finanziell ruinieren muss, dann werde ich das tun. Daran sollten Sie keinen Zweifel haben.“

„Hab ich nicht.“

Luca stöhnte auf. Diese Frau machte ihn noch wahnsinnig. „Emma …“

„Luca“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich habe Ihre Warnung vernommen und ich danke Ihnen für Ihre Offenheit. Aber bevor ich nicht weiß, weshalb Ihre Großmutter mir das Hotel hinterlassen hat, werde ich keinesfalls darauf verzichten. Aus dem Nachlass meines Vaters habe ich noch etwas Geld. Damit kann ich etwaige Anwaltskosten bestreiten. Und danach werden wir weitersehen.“ Mit diesen Worten erhob sie sich.

Er nahm seine Serviette, warf sie unwirsch auf den Tisch und trat neben sie. „Wie wollen Sie denn Nonnas Beweggründe herausfinden?“

Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. „Offenbar hat sie darauf vertraut, dass wir dahinterkommen. Und wir sollten darauf vertrauen, dass sie sehr genau wusste, was sie tat.“

5. KAPITEL

„Filippo, ich bin froh, dass du kommen konntest.“ Luca eilte seinem Anwalt entgegen und schüttelte ihm die Hand.

Er hatte sich den ganzen Nachmittag im Büro seiner Großmutter verschanzt und deren Geschäftsbücher durchgesehen. Emma hatte ihn einmal kurz besucht, ihn wissen lassen, was sie von seinem Tun hielt, war dann aber ohne weitere Auseinandersetzung verschwunden.

Vorerst.

„Setz dich“, forderte er Filippo auf, während er selbst wieder hinter dem Schreibtisch Platz nahm.

Sein Anwalt musterte mit argwöhnischem Blick den Raum. „Interessanter Ort“, erklärte er.

Luca lächelte. Filippo war andere Räumlichkeiten für wichtige Geschäfte gewohnt.

„Als Kind habe ich oft mit Nonna hier gesessen und ihr beim Abheften der Rechnungen geholfen.“

„Ah“, war die einzige Reaktion, die Luca erhielt.

Der Familienanwalt interessierte sich offenbar nicht besonders für die Kindheitserinnerungen seines Mandanten. Luca nahm nun auch eine geschäftsmäßige Haltung ein und sagte: „Ich habe dich kommen lassen, weil ich deine Hilfe brauche.“

„Wobei?“

„Du weißt, dass Nonna dieses Hotel an jemanden außerhalb der Familie vererbt hat.“

Filippo nickte. „Und ich habe dir schon erklärt, dass wir das Testament anfechten können. Ich habe die entsprechenden Papiere bereits aufgesetzt. Im Grunde musst du sie nur noch unterschreiben, damit ich sie einreichen kann.“

„Sehr gut“, erwiderte Luca, wobei er das mulmige Gefühl in seinem Magen ignorierte. „Mir wäre es lieber, wenn wir die Angelegenheit auch ohne Gerichtstrara hinter uns bringen könnten.“

Mit ausdrucksloser Miene sah ihn der Anwalt an. „Glaubst du nicht, dass du ein bisschen viel Energie auf die ganze Sache verschwendest?“ Als Luca nur verwundert die Stirn runzelte, fuhr Filippo fort: „Ich verstehe ja, dass du dieses Hotel in das Familienunternehmen eingliedern möchtest, aber das kannst du doch auch problemlos von Rom aus. Deine Anwesenheit hier ist doch sicher nicht nötig. Du könntest dieses Projekt auch deinem Bruder überlassen, und er könnte sich endlich einmal nützlich machen, während du dich den wirklich wichtigen Geschäften widmest.“

Luca ärgerte es, dass Filippo das Hotel seiner Großmutter als unwichtig abtat. Denn für ihn war es das keinesfalls. Im Gegenteil. Im Moment hatte es oberste Priorität. Zudem war der Vorschlag, die Angelegenheit seinem Bruder zu überlassen, indiskutabel. Aus mehreren Gründen. „Nein, ich regele das selbst“, erklärte er deshalb.

„In Rom wartet …“

„Nein!“, erwiderte er laut. „Das ist meine Sache.“

Diesen Tonfall verstand Filippo. Er wusste, dass eine weitere Diskussion darüber sinnlos wäre. Deshalb nickte er und fragte: „Und wozu genau bin ich hier?“

„Du musst mit der Engländerin reden. Überzeuge sie, dass sie das Hotel an mich verkauft.“

„Du willst es ihr abkaufen?“ Ungläubig riss Filippo die Augen auf.

„Es wäre die einfachste Lösung für alle Beteiligten.“

„Das ist wohl wahr.“ Der Anwalt schien etwas besänftigt bei der Aussicht auf eine rasche Erledigung der ganzen Angelegenheit. „Viel scheint dieses Gebäude ohnehin nicht wert zu sein. Du kannst es wahrscheinlich für einen Spottpreis bekommen. Aber wieso machst du ihr nicht selbst ein Angebot?“

„Das habe ich. Aber sie weigert sich.“

Filippo lachte. „Wie bitte?“

Luca winkte ab. Dem Anwalt zu erklären, wie Emma tickte, erschien ihm verlorene Liebesmüh. „Rede einfach mit ihr. Überzeuge sie, dass dies das Beste ist. Für alle.“

„Das sollte nicht allzu schwer sein.“

Luca seufzte. „Wenn du dich da mal nicht irrst.“

Emma trocknete sich rasch ab und legte sich auf das Badetuch, das vor ihr im Sand lag. Das Meerwasser war angenehm frisch. Die Sonne schien nun schon seit zwei Tagen, und der Strand in der kleinen Bucht war einfach traumhaft.

Sie genoss die Idylle der Abgeschiedenheit, denn sie musste den Platz nicht wie sonst mit anderen Hotelgästen teilen.

Die kleine Auszeit verschaffte ihr etwas Ablenkung von den Grübeleien und Spekulationen über das, was Luca wohl plante. Den ganzen Nachmittag hatte er sich in Adrianas Büro verschanzt, Bücher gewälzt, telefoniert und auf Besuch gewartet. Am liebsten hätte sie ihn einfach aus dem Hotel geworfen oder ihm die Carabinieri auf den Hals gehetzt.

Dummerweise hatte Luca leider recht behalten. Niemand in der unmittelbaren Umgebung wollte ihr bei diesem Unterfangen helfen. Sie war mit dem Fahrrad zur nächstgelegenen Polizeistation gefahren, hatte dem dort stationierten Carabiniere die Situation geschildert und ihn gebeten, mit ihr zu kommen und Luca endlich aus dem Hotel zu entfernen.

Aber als der Beamte Lucas Namen hörte und realisierte, um welches Hotel es sich handelte, war von Hilfsbereitschaft keine Rede mehr. Nur mit viel Nachdruck seitens Emma und mit großem Widerwillen folgte er Emma zum Hotel. Man musste dem Mann zugute halten, dass er zumindest mit Luca redete, ihm die rechtliche Situation schilderte, was Luca allerdings nur ein müdes Lächeln auf die Lippen gezaubert hatte.

Das ganze Gespräch endete damit, dass Luca dem Carabiniere und Emma versicherte, bald abzureisen. Der Beamte war damit vollends zufrieden und legte Emma nahe, dies ebenfalls zu sein, denn mehr konnte sie von offizieller Seite nicht erwarten.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich vorerst mit Lucas Anwesenheit abzufinden. Sie versuchte ihm aus dem Weg zu gehen, wann immer sie konnte. Keinesfalls wollte sie sich erneut mit ihm bei einem idyllischen Frühstück wiederfinden. Die widersprüchlichen Gefühle, die das letzte bei ihr ausgelöst hatten, verwirrten sie noch immer.

Als sich eine einzelne Wolken vor die Sonne schoben, rappelte sie sich auf, warf sich das schlichte Sommerkleid über und trottete zum Holzsteg, der hinauf zum Hotel führte.

Früher hatte es immer wieder Hotelgäste gegeben, die sich über den beschwerlichen Zugang zur Bucht beschwerten und die darauf pochten, man möge doch für weniger mobile Gäste einen anderen Weg anlegen. Aber Adriana war nie gewillt gewesen, darauf einzugehen. Für sie war der tägliche Auf- und Abstieg über die steile Holztreppe ein ausgezeichnetes Fitnesstraining.

Mittlerweile waren viele Bretter und Stufen des Steges schon ziemlich morsch. Emma kam wahrscheinlich nicht umhin, die ganze Konstruktion erneuern zu lassen. An feuchten Tagen konnte der holprige Weg an der Klippe zudem sehr rutschig sein, sodass eine nicht unerhebliche Unfallgefahr bestand. Ein alternativer Zugang zum Strand schien Emma durchaus vernünftig zu sein.

Stufe für Stufe arbeitete sich Emma hoch, bis sie schließlich oben angelangt war und durchschnaufen konnte. Vor dem Eingang des Hotels entdeckte sie ein fremdes Fahrzeug mit Kennzeichen aus Palermo und dem Aufkleber einer Mietwagenfirma auf dem Kofferraum. Vermutlich war inzwischen der Besuch eingetroffen, auf den Luca den ganzen Nachmittag gewartet hatte.

Emma holte tief Luft. Dieser Besuch bedeutete mit Sicherheit nichts Gutes. Und sie würde sonst was darauf verwetten, dass er damit zu tun hatte, ihr das Hotel abzuluchsen. Aber wenn sie Luca loswerden wollte, musste sie sich dem Problem wohl stellen und ihm endgültig klarmachen, dass sie das Hotel nicht hergeben würde.

Vor dem Hoteleingang hörte sie Schritte, die sich von innen näherten. Kurz darauf trat ein ihr unbekannter Mann durch die Eingangstür und starrte sie an.

Erschrocken blieb sie stehen. Mit dem Anzug, der Krawatte und dem Aktenkoffer wirkte er fast wie ein Versicherungsvertreter, aber Emma bezweifelte, dass es sich hierbei um einen handelte. Sie tippte eher auf einen Juristen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, wollte sie von ihm wissen und fühlte sich plötzlich schrecklich unbekleidet in ihrem leichten Sommerkleid.

„Sind Sie Emma Brown?“

„Ja, die bin ich.“ Sie straffte die Schultern und hoffte, dass der Mann ihre Unsicherheit nicht bemerkte.

„Ich bin Filippo Stallone. Der Anwalt der Familie Pellegrini.“ Er reichte ihr die Hand, die sie nur zögernd schüttelte.

„Freut mich“, erwiderte sie und machte einen Schritt zurück.

„Hätten Sie vielleicht einen Moment Zeit für mich?“

Emma überlegte, ob sie eine Ausrede vorschieben sollte, weswegen sie gerade verhindert sei. Aber vermutlich wäre das auf Dauer keine Lösung und um dieses Gespräch würde sie sich nicht ewig drücken können. „Sicher“, murmelte sie daher und deutete ins Haus, um klarzumachen, dass sie wenig Lust verspürte, vor der Eingangstür zu reden.

Er ließ ihr den Vortritt und folgte ihr in den Speisesaal. Adrianas Büro war für das anstehende Gespräch vermutlich besser geeignet, aber Emma fürchtete, Luca dort anzutreffen. Deswegen nahm sie an einem der kleinen Tische Platz und wartete darauf, dass Signor Stallone es ihr gleichtat.

„Worüber wollen Sie mit mir reden?“, fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Signor Pellegrini möchte Ihnen ein Angebot unterbreiten und hat mich gebeten, dieses an Sie heranzutragen.“

Heranzutragen, wiederholte sie im Geiste und musste sich zwingen, nicht die Augen zu verdrehen. „Und welches Angebot soll das sein?“

„Er wäre bereit, das Testament seiner Großmutter anzuerkennen, wenn sie ihm das Hotel verkaufen.“

Emma lachte. „Ich habe Signor Pellegrini bereits gesagt, dass ich an einem Verkauf nicht interessiert bin.“

„Er bietet Ihnen fünfhunderttausend Euro.“

Wow. Das war viel Geld. Sie hatte keine Ahnung, ob das Hotel diesen Betrag wert war oder ob dieses Angebot einer Beleidigung gleichkam. Dennoch musste sie bei der Summe erst mal schlucken.

„Sehen Sie“, sagte der Anwalt und beugte sich vertraulich zu ihr. „Dieses Hotel bedeutet der Familie Pellegrini sehr viel, und egal welche Beweggründe die Verstorbene auch hatte, das Hotel gehört in Familienbesitz.“

Emma schwieg, was ihn dazu veranlasste, mit seiner Ansprache fortzufahren: „Die Renovierung und die weitere Instandhaltung werden Unmengen an Geld verschlingen, die Sie in absehbarer Zeit kaum hereinwirtschaften können. Das muss Ihnen doch klar sein.“

Dessen war sich Emma bewusst, auch wenn sie darauf hoffte, dass das Hotel sich bald wieder selbst tragen würde.

„Signor Pellegrini verfügt über genügend finanzielle Mittel, um das Hotel komplett zu modernisieren und zeitgemäß umzubauen. Er wird es dem Stil der anderen Pellegrini-Hotels anpassen, ihm neues Leben einhauchen und ihm zu neuem Glanz verhelfen.“

„Die Villa besitzt genug Glanz“, erwiderte Emma bockig, der gar nicht gefiel, was der Anwalt andeutete.

Signor Stallone lächelte träge und ließ seinen Blick demonstrativ durch den doch eher glanzlosen Raum gleiten. „Ich bin mir sicher, Signora Pellegrini hätte sich über die Pläne ihres Enkels gefreut.“

„Ach ja?“ Emma bezweifelte das. „Und warum hat sie ihm dann nicht das Hotel vererbt?“

„Vielleicht wollte sie ihn nicht mit dem alten Kasten belasten.“

„Vielleicht hatte sie aber auch die Befürchtung, dass unter seiner Leitung nichts mehr vom Charme und der Seele dieses alten Kastens übrig bleibt.“

Der Anwalt seufzte und lehnte sich zurück. „Miss Brown. Signor Pellegrini zeigt sich wirklich sehr großzügig und geduldig mit Ihnen.“

Dieses Mal unterdrückte Emma das Augenrollen nicht. „Ja, dafür darf er auch gratis bei mir wohnen.“

Offenbar brachte diese Aussage den Anwalt aus dem Konzept, denn er runzelte die Stirn und brauchte einen Moment, um fortzufahren. „Ich kenne Ihre finanzielle Situation. Sie arbeiten als einfache Angestellte in einem Büro. Außer einer kleinen Erbschaft Ihres Vaters besitzen Sie im Grunde nichts.“

„Ich besitze dieses Hotel.“ Es ärgerte sie, dass er so viel über sie wusste.

„Das Ihre finanziellen Rücklagen aber in kürzester Zeit verschlungen haben wird. Vor allem, wenn Sie sich in einen Rechtsstreit mit Signor Pellegrini begeben.“

Er begibt sich in einen Rechtsstreit. Nicht ich.“ Sie konnte gut darauf verzichten.

„Sie werden über kurz oder lang vor einem Schuldenberg stehen. Ihre Zukunft wird mehr als unsicher sein. Wollen Sie das?“

Wollte sie das? Natürlich nicht! Aber noch viel weniger wollte sie weiter vor jedem Risiko davonlaufen. Sie hatte es satt, ständig auf Nummer sicher zu gehen. Sie wollte endlich wieder mutig sein und etwas wagen.

Vor Jahren hatte sie Eric ihr Herz und ihr Vertrauen geschenkt. Aber er hatte sie ausgenutzt und schamlos hintergangen. Damals glaubte sie, nie wieder jemandem vertrauen zu können, und sie beschloss, auch nie wieder ein derartiges Risiko einzugehen und sich jemandem auszuliefern.

Ihre Zeit mit Will prägte genau diese Absicht. Kein Risiko. Nur Sicherheit. Inzwischen musste sie sich aber eingestehen, dass ihr dadurch der Mut zur Lebensfreude abhandengekommen war. Deshalb wollte sie endlich wieder etwas riskieren. Und wenn dies bedeutete, dass sie in zwei Jahren völlig bankrott und geläutert von dieser Insel abziehen musste, dann sollte es eben so sein. Aber immerhin hätte sie es riskiert und aktiv versucht.

Abrupt stand sie auf. „Ich will vor allem eines“, erklärte sie dem Anwalt. „Ich will Adriana Pellegrinis Letzten Willen respektieren. Und wenn Ihr Mandant auch nur einen Funken Anstand besäße, würde auch er dies wollen.“

Luca hörte Emmas letzten Satz durch die Tür. Warum konnte sie denn nicht verstehen, dass er nur versuchte, die Familientradition zu bewahren? So einfach, wie die Frau glaubte, war die Situation nicht.

Er seufzte und bemerkte zu spät, dass Emma aufgestanden und zur Tür gegangen war. Im nächsten Moment rollte die Schiebetür zur Seite, und sie stand vor ihm.

„Was soll das?“, fauchte sie ihn an. „Haben Sie uns etwa heimlich belauscht?“

„Was? Nein!“ Luca fühlte sich ungerecht behandelt. Er war nur gekommen, um sich ein Wasserglas zu holen.

„Und nur damit Sie es wissen: Ich werde Ihnen für kein Geld dieser Welt das Hotel überlassen. Adriana hat es mir anvertraut. Und dabei bleibt es.“

„Emma!“ Als sie davonlaufen wollte, packte er sie am Arm und hielt sie zurück. „Seien Sie vernünftig. Ich meine es doch nur gut.“

„Gut? Gut?!“ Sie riss sich von ihm los und machte einen Schritt zurück. „Sie haben eine seltsame Art das zu zeigen. Immerhin drohen Sie mir damit, mich vor Gericht zu zerren und mich finanziell zu ruinieren.“

„Ich biete Ihnen immerhin an, Ihnen das Hotel abzukaufen. Das müsste ich nicht tun.“

„Oh, wie gnädig. Vermutlich soll ich dafür auch noch auf Knien dankbar sein.“

Allmählich verlor er die Geduld. „Der Gedanke ist mir gekommen, ja“, sagte er deshalb und verschränkte die Arme. Sie erhob Ansprüche auf eine Familiensache, die sie überhaupt nichts anging.

Rote Flecken breiteten sich von ihrem Dekolleté über den Hals bis in ihr Gesicht aus. „Sie können mich mal!“, spie sie ihm regelrecht entgegen. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte davon.

Wütend starrte er ihr hinterher. Nur weil Großmutter sie in ihrem Testament bedacht hatte, hatte sie noch lange nicht das Recht, so mit ihm zu reden. Kurzerhand rannte er ihr nach.

Sie war im Garten und steuerte auf den Holzsteg zu. Offensichtlich wollte sie runter in die Bucht. Mit großen Schritten folgte er ihr und holte rasch auf. Noch ehe sie den Steg erreichte, war er bei ihr.

„So leicht kommen Sie mir nicht davon“, sagte er und packte sie ein weiteres Mal am Arm.

Sie wirbelte herum, um sich von ihm loszureißen. „Und was wollen Sie machen? Mir Ihr Geld vor die Füße werfen, bis ich daran ersticke?“

„Sie benehmen sich wie ein störrisches Kind. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, dieses Hotel zu behalten, ohne Rücksicht auf Verluste. Glauben Sie ernsthaft, dass Nonna gewollt hätte, dass Sie sich durch die Übernahme finanziell ruinieren? Dass es in Nonnas Sinne wäre, wenn das Hotel letztlich in wildfremde Hände fällt, weil Sie nicht mehr in der Lage sind, es zu erhalten? Glauben Sie das?“

Zum ersten Mal schienen seine Worte sie zu erreichen. Denn sie erwiderte nichts, sondern starrte ihn mit leicht geöffnetem Mund an.

„Emma“, sagte er leise und machte einen Schritt auf sie zu. „Ich will Ihnen doch nichts Böses. Ich will Sie doch nur vor einem Fehler bewahren.“

Kopfschüttelnd wich sie zurück.

„Emma …“

Er wollte nach ihr greifen, aber sie entzog sich ihm. „Nicht“, murmelte sie und drehte sich um. Mit wenigen Schritten war sie beim Steg. Sie eilte die ersten Stufen hinab – und dann hörte er ihren schrillen Aufschrei.

6. KAPITEL

Emma stöhnte. Alles schmerzte. Was war passiert?

„Emma! Bist du in Ordnung? Hast du dir wehgetan?“

Sie hörte Lucas aufgeregte Stimme, ohne seine Worte zu verstehen. Unter sich ertastete sie abgewetzte Holzbretter, und schlagartig war ihr wieder bewusst, wo sie sich befand. Auf dem alten Holzsteg zur Bucht.

Mühsam versuchte sie, sich aufzurappeln, aber ein stechender Schmerz in ihrem rechten Fußgelenk ließ sie sofort wieder zusammensacken.

„Emma!“ Luca tauchte unmittelbar über ihr auf. Sein Blick huschte über ihren Körper, seine Hände tasteten über ihren Schädel zur Schulter, als suchte er nach größeren Verletzungen. „Sieh mich an, Emma. Geht’s dir gut?“

Sein besorgter Gesichtsausdruck ließ sie lächeln. Gerade eben waren sie sich doch noch an die Gurgel gegangen, und jetzt kniete er vor ihr, duzte sie wie selbstverständlich und spielte den Retter. „Mir geht’s gut. Nichts passiert.“

„Bist du dir sicher? Das war ein verdammt böser Sturz.“

„Ich habe mir nur den Fuß verknackst“, gestand sie und versuchte erneut, sich hochzuziehen. Luca half ihr. Dieses Mal verlagerte sie ihr Gewicht auf das linke Bein, wodurch der Schmerz im rechten erträglicher wurde.

Ihr Blick ging nach oben, und dabei wurde ihr erst klar, wie tief sie gestürzt war. Wie sollte sie mit ihrem verletzten Fuß nur die Stufen hochkommen? Sie sah nach unten in die Bucht. Dort lag das Badetuch, weswegen sie überhaupt diesen Weg eingeschlagen hatte. Aber sie würde es dort zurücklassen müssen, denn nach unten zu humpeln war keine Option.

Leichter Schwindel erfasste sie, aber Luca ergriff sofort ihren Arm und stützte sie. „Ich kann dich nicht hinauftragen, ohne Gefahr zu laufen, dass wir beide in die Tiefe stürzen“, erklärte er und betrachtete sie sorgenvoll.

Hinauftragen? Er wollte sie tragen? Die Vorstellung ließ sie erschaudern. „Mir geht’s gut“, versicherte sie schnell. „Ich kann alleine gehen.“ Demonstrativ hüpfte sie auf einem Bein eine Stufe hoch, legte aber sofort eine Pause ein, denn für mehr Sprünge fehlte ihr die Kraft.

„Leg einen Arm um meine Schulter.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er ihre Hand und platzierte sie um seinen Nacken. Dann stützte er Emma und zog sie die nächste Stufe hoch. „Geht’s?“, wollte er wissen.

Sie nickte. Das war definitiv besser, als die Stufen alleine hochzuhüpfen. Auf diese Weise arbeiteten sie sich langsam nach oben. Nach der Hälfte brauchte Emma eine Rast und setzte sich hin. Luca ließ sich neben sie fallen und betrachtete sie von der Seite.

„Du siehst blass aus“, stellte er fest.

Emma winkte ab. „Mir geht’s gut. Wirklich.“

Luca atmete tief durch. „Es tut mir leid. Ich …“

Verwundert sah sie ihn an. Wofür wollte er sich entschuldigen? Ihr Sturz war keinesfalls seine Schuld. Oder meinte er den Streit?

„Ich hätte dich nicht so anschreien sollen. Wenn ich dich nicht so bedrängt hätte, dann …“

„Stopp!“, unterbrach sie ihn und hob die Hand. „Ich bin ausgerutscht und habe mir den Fuß verknackst. Das wäre auch passiert, wenn wir uns davor nicht gestritten hätten.“

Luca schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Du warst so in Rage und bist blindlings losgelaufen.“

„Luca …“

„Das ist alles meine Schuld.“ Gequält strich er sich über das Gesicht.

„Luca.“ Sie legte ihm die Hand aufs Knie und wartete. Als er sie schließlich ansah, lächelte sie. „Du trägst an dem Sturz keine Schuld“, versicherte sie ihm mit Nachdruck. Das Du kam ihr ganz leicht über die Lippen.

Sie hatte gewusst, dass der Steg morsch und rutschig war und dass hinunterlaufen keine gute Idee war. Natürlich wäre sie etwas bedachter nach unten gegangen, hätte sie sich im Vorfeld nicht mit Luca gestritten. Aber dass sie sich so über ihn ärgerte, und die Kontrolle über sich verlor, war keinesfalls sein Fehler. Oder irgendwie doch. Schließlich brachte seine Präsenz sie jedes Mal aufs Neue durcheinander, ließ ihr Herz im Galopp schlagen und ihre Hände zittern. Kein Wunder, dachte sie, dass auch ihre Knie weich wurden, als er vorhin so dicht vor ihr stand und sie am Arm packte.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, nahm er ihre Hand, die noch immer auf seinem Knie lag und verschränkte seine Finger mit ihren.

Emma wagte es nicht, ihn anzusehen. Stattdessen starrte sie auf ihre Hände und beobachtete, wie Lucas Daumen zärtlich über ihre Haut strich. Das Kribbeln, das sie dabei spürte, erfasste sie bis tief ins Mark. Ihr Herz raste, und ihr Atem stockte. Unfähig, sich auch nur einen Millimeter zu rühren, hielt sie weiter ihren Blick auf die verschlungenen Hände gerichtet.

„Emma“, flüsterte Luca neben ihr. „Sieh mich an“, verlangte er, und sie spürte seinen intensiven Blick.

Sie wollte etwas sagen, sich erklären, aber sie brachte keinen Ton hervor. Stattdessen schüttelte sie den Kopf und entzog ihm ihre Hand. Was geschah hier? Was passierte mit ihr? Völlig überfordert mit der Situation rutschte sie etwas zur Seite, griff nach dem Geländer und versuchte sich hochzuziehen.

Sie brauchte Abstand. Wenn sich Luca weiterhin in solch unmittelbarer Nähe befand, schaffte sie es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Womöglich würde sie etwas Dummes tun. Etwas sagen, was sie später bereute. „Lass uns weitergehen“, krächzte sie und zählte insgeheim die Stufen nach oben. Wie sollte sie es da hinaufschaffen?

Luca zögerte, aber als sie nur weiter nach oben starrte und sich weigerte, ihn anzusehen, erhob auch er sich. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, ergriff er wieder ihren Arm, legte ihn um seine Schulter und zog Emma hoch. Stufe für Stufe erklommen sie den Steg – ihre Körper eng aneinandergepresst, Atemzüge im gleichen Rhythmus.

Emma schloss mehr als einmal die Augen, um seine Gegenwart zu ertragen. Sein Aftershave stieg ihr in die Nase, sein Muskelspiel spürte sie durch das dünne Sommerkleid, und am liebsten hätte sie sich einfach an ihn gelehnt und wäre in seine Arme gesunken. Hatte sie nicht davon in den letzten Nächten geträumt? Hatte sie sich nicht insgeheim vorgestellt, wie es wäre, wenn er sie küsste?

Zugleich schämte sie sich für diese Fantasie. Luca war lediglich hilfsbereit. Er fühlte sich verantwortlich für den Sturz, und in sein Handeln mehr hineinzuinterpretieren wäre töricht. Und dennoch. Er hätte nicht ihre Hand ergreifen müssen, nicht zärtlich über ihre Haut streicheln und mit besorgter Stimme ihren Namen flüstern müssen. Allein die Erinnerung daran jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

„Noch zwei Stufen“, hörte sie ihn plötzlich neben sich sagen.

Erst da realisierte sie, dass sie praktisch am Ziel angelangt waren. Zum einen heilfroh spürte sie aber auch Enttäuschung, weil er bald von ihr ablassen würde.

„Geschafft“, sagte er und lockerte den Griff um ihre Taille.

Langsam ließ sie ihren Arm von seiner Schulter gleiten und rückte von ihm ab. Seine Nähe war ihr peinlich. Vor allem war ihr peinlich, dass sie sich derart zu ihm hingezogen fühlte. „Danke“, flüsterte sie.

„Emma.“ Er hob die Hand, als wollte er wieder nach ihr fassen, aber da eilte Signor Stallone über den Vorplatz und kam auf sie zu. Augenblicklich ließ Luca den Arm wieder sinken.

Der Zauber, der beide bis eben umgeben hatte, war verflogen. Und Emma hätte am liebsten losgeheult.

Du selbst hast Filippo nach Sizilien geholt. Kopfschüttelnd sah er zu, wie der Anwalt sich näherte.

Die Situation überforderte ihn mehr und mehr. Er fühlte sich eindeutig zu Emma hingezogen und obwohl er dagegen ankämpfte, diese Gefühle verschwanden einfach nicht. Im Gegenteil. Je mehr Zeit er mit Emma verbrachte, umso schlimmer wurde es.

„Luca, hier bist du“, sagte Filippo, als er vor ihnen stand. Er blickte zu Emma, die versuchte, das Gewicht auf ihr unverletztes Bein zu verlagern, und musterte sie mit gerunzelter Stirn. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“, wollte er dann von ihr wissen.

„Sie ist die Treppe heruntergestürzt. Sie braucht einen Arzt. Könntest du bitte einen organisieren? Ich bringe sie in der Zwischenzeit ins Haus.“

„Nein, nein“, winkte Emma augenblicklich ab. „So schlimm ist es nicht.“

„Unsinn. Das muss sich ein Arzt ansehen.“ Luca deutete auf den Fuß.

„Ist hier jemand, der sich in der Gegend auskennt?“, fragte Filippo.

„Leonora, unsere Köchin.“

Filippo nickte. „Dann mache ich mich mal auf die Suche nach dieser Leonora.“

„Komm, ich helfe dir ins Haus.“ Luca fasste Emma unter den Arm und gemeinsam humpelten sie über den Platz.

„Ich glaub wirklich nicht, dass ein Arzt nötig ist“, versicherte Emma wieder.

„Das werden wir dann ja sehen.“ Luca wollte darüber nicht weiter diskutieren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie die privaten Wohnräume im Erdgeschoss. Luca half Emma, es sich auf der Couch gemütlich zu machen, lagerte die Beine hoch und zog ihr die Sandalen aus.

Der Knöchel schwoll bereits bedenklich an. „Das sieht nicht gut aus“, murmelte er. Womöglich war tatsächlich etwas gebrochen.

„Was ist passiert? Emma, wie geht es dir?“ Leonora kam aufgeregt hinein und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die junge Frau. „Per amor di Dio!“, murmelte sie, als sie den verletzten Fuß erblickte.

„Kannst du etwas Eis holen?“, fragte Luca.

„Eis. Ja, natürlich.“ Dankbar etwas tun zu können, eilte Leonora wieder fort. „Kommt sofort“, murmelte sie beim Hinausgehen.

Emma lächelte milde. „Die Arme. Ziemlich viel Aufregung für sie in den letzten Tagen.“

„Tut’s sehr weh?“

„Nein, alles halb so schlimm.“

Luca zog einen Sessel näher zur Couch, setzte sich und betrachtete Emma schweigend. Sie war wirklich schön – auf eine natürliche, unaufdringliche Art. Und ihre Persönlichkeit tat ein Übriges, dass er ihr hoffnungslos verfiel. Er war auf dem besten Weg, sich in sie zu verlieben.

„Emma“, setzte er an, denn er wollte die vertrackte Situation mit ihr klären. Irgendwie mussten sie einen Kompromiss finden, sonst würde er noch verrückt werden.

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