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ROMANA EXTRA BAND 83

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Im süßen Duft der Apfelblüten

1. KAPITEL

Rebecca Connelly drehte das Glas in ihrer Hand. Langsam rann die Flüssigkeit am Rand hinunter. Nüchtern betrachtet, konnte es betrunken nur besser werden. Nie im Leben hätte Rebecca sich auf diesen Trip einlassen dürfen. Sagten Menschen nicht ständig die Teilnahme an Familienfeierlichkeiten ab? Ganze Romane waren darüber geschrieben worden, aber ausgerechnet sie, Rebecca Connelly, hatte sich überzeugen lassen, dass die Hochzeit ihrer Stiefschwester so schlimm schon nicht werden würde. Schließlich musste die Familie zusammenhalten. Selbst nach allem, was geschehen war.

Allein der Gedanke verursachte Rebecca Übelkeit. Vier Jahre lang hatte sie auf einen Antrag von Lucas gewartet. Vier Jahre, und dann hatte sie nach all der Zeit ihre Vorsicht für einen Tag über den Haufen geworfen und ihren Freund zu einem Dinner im Hause ihrer Stiefmutter mitgenommen. Jetzt, ein halbes Jahr später, war sie das verlassene hässliche Entlein, und Lucas feierte Hochzeit mit Rebeccas wunderschöner Stiefschwester Michelle.

Eine ganze Woche lang! Noch dazu in einem abscheulich romantischen Landgut in irgendeinem verlassenen Tal in Oberitalien. Kein Wunder, dass ihr der Sinn danach stand, die Realität in Alkohol zu ertränken … Nicht, dass Rebecca eine besonders geübte Trinkerin gewesen wäre. Aber sie hatte sich sagen lassen, nichts helfe besser gegen zu viel Realität als ein ausgewählter Tropfen.

Sie führte das Glas zum Mund und nahm einen tiefen Schluck. Heiliges Kanonenrohr, das Zeug brannte! Sie verschluckte sich und musste husten. Jetzt brannte der Grappa nicht nur im Hals, sondern auch in der Nase. Rebeccas Augen tränten, mit Sicherheit verwischte ihre Wimperntusche, und jeder, wirklich jeder in dieser Bar konnte sehen, dass Rebecca ihrer Stiefschwester tatsächlich in allem nachstand. Sogar darin, sich gepflegt zu betrinken.

Das einzig Positive war, dass Michelle und Lucas sich bisher noch nicht hatten blicken lassen. Sicher genoss das verliebte Brautpaar den Beginn der Feierlichkeiten in trauter Zweisamkeit. Oh Himmel, egal wie fürchterlich dieser Schnaps war, solange er Rebeccas Kopf mit Watte füllte, sollte es ihr recht sein. Das Letzte, was sie jetzt noch gebrauchen konnte, waren Bilder vor ihrem inneren Auge, wie Michelle und Lucas sich im Bett der Hochzeitssuite miteinander vergnügten.

Rebecca suchte den Blick des Barkeepers. „Noch einen, bitte.“

„Sicher?“ Fragend hob der Barkeeper eine Augenbraue. Dann nahm er eine Serviette vom Stapel auf der Bar und reichte sie Rebecca. „Hier, für Ihre Augen, Signorina.“

Wunderbar. Sie sah also genau so schlimm aus, wie sie befürchtet hatte. Und da wollte er ihr den winzigen Trost von angeblich erstklassigem Tresterbrand versagen?

Spielverderber.

So damenhaft wie möglich tupfte sie sich Wangen und Nase ab.

Hinter der Bar befand sich noch eine Terrasse, die ebenfalls zu dem Anwesen gehörte, auf dem ihre Stiefschwester in wenigen Tagen heiraten würde. Dort saßen außer ihr noch acht weitere Gäste, und minütlich gesellten sich weitere Feierwillige zu den Grüppchen an den Terrassentischen. Freunde des Brautpaares, nahm sie an, denn das norditalienische Landgut war die ganze Woche bis zur Trauung ausschließlich für die Hochzeitsgesellschaft reserviert. Sie sahen zu Rebecca, dann steckten sie die Köpfe zusammen, tuschelten. Ja, sie konnte sich vorstellen, worüber sie lachten. Sieh nur, da ist sie. Die Verlassene. Die Arme. Die kleine Dicke, die vier Jahre lang dachte, sie könnte sich einen Kerl wie Lucas angeln. Nur ein letzter Rest Selbstrespekt hielt Rebecca davon ab, in ihr Zimmer zu fliehen und die Tür hinter sich zuzuschlagen.

„Jetzt besser?“, fragte der Barkeeper.

Rebecca ließ die Papierserviette in der Tasche ihres Strickjäckchens verschwinden und nickte. „Ich hätte trotzdem gerne noch einen von denen. Egal wie sehr das Zeug brennt, ich kann es gebrauchen.“

„Immer noch übel von der kurvigen Strecke? Die Anreise ist nichts für schwache Gemüter, was?“ Zwinkernd lehnte er sich über den Tresen zu ihr. „Wir machen das absichtlich, wissen Sie? Nur die ganz Harten finden unser Schlösschen. Aber wer tapfer genug ist, den Weg auf sich zu nehmen, verdient dafür das ganze Vergnügen. Also? Wirklich noch einen Grappa, oder wollen Sie es lieber mit einem Limoncello versuchen? Vielleicht trifft der eher Ihren Geschmack.“

„Was auch immer.“ Die Worte klangen abweisender als beabsichtigt. Tatsächlich war sie dem Barmann dankbar dafür, dass er so charmant über ihren erbärmlichen Auftritt hinwegsah. Natürlich musste ihm auffallen, dass sie die Einzige war, die nicht mit den anderen Gästen zusammen auf der Terrasse saß, lachte und die wunderbare Aussicht auf die Hochebene genoss.

Bis Michelle lautstark und vollkommen begeistert verkündet hatte, dass sie und Lucas ihre Hochzeit auf einem Landgut in den Valli Giudicarie verbringen würden, hatte Rebecca nicht einmal gewusst, dass es diese Täler in Oberitalien überhaupt gab. Natürlich, vom Gardasee hatte sie gehört. Aber dass dieser nur einer von vielen Seen war, die sich in die beeindruckenden Gebirgsmassen der Dolomiten duckten und die von schmalen, teils kaum zugänglichen Tälern verbunden wurden, war ihr neu gewesen.

„Dort ist die Zeit wie stehengeblieben“, hatte ihre Stiefschwester geschwärmt und auf Bilder von winzigen Bergdörfern gezeigt, in denen sich Häuser wie sandsteinfarbene Bauklötze mit braunen Dächern aneinanderschmiegten.

Zuerst hatte Rebecca Michelles Überschwang für eine ihrer typischen Übertreibungen gehalten. Doch die zweistündige Fahrt vom Flughafen in Verona hierher hatte Rebecca eines Besseren belehrt. Sie hatte sich den Mietwagen mit ihrem Vater und seiner Frau Lauren geteilt, und hätte das Navigationsgerät nicht penetrant darauf bestanden, dass sie auf dem richtigen Weg waren, hätte Rebecca niemals geglaubt, dass sie ihr Ziel erreichen würden.

Frutteti Cancello del Cielo nannte sich das Anwesen, das von ausgewählten Gästen als Veranstaltungsort gemietet werden konnte – Obstgärten am Himmelstor. Ein bisschen wirkte es tatsächlich, als hätte man die Pforte zum Paradies entdeckt, wenn sich nach stundenlanger Fahrt durch enge Serpentinenstraßen zwischen kargen Felsgipfeln und kieferngrün bewaldeten Berghängen die Hochebene auftat, auf der sich die Plantage befand.

Wie eine uneinnehmbare Sandsteinfestung wirkte das alte Castello auf der weiten Ebene. Ein kleiner Bach mäanderte durch die Felder und umfloss das Gutshaus und den dazugehörigen Garten fast komplett. Nur dort, wo eine Zypressenallee den Weg zu einem schmiedeeisernen Eingangstor flankierte, konnte man die Flussinsel betreten.

Die Nebengebäude jenseits des Baches wirkten wie Almhütten aus einer Zeit, in der die Bewohner der Gegend arm gewesen waren und nur von dem gelebt hatten, was der Boden ihnen schenkte.

Blumenkästen mit üppig wuchernden Geranien in Rot und Rosa verliehen den Häusern ein freundliches Aussehen. Die Hortensienbüsche im Garten waren zwar bereits verblüht, dafür hing der Duft von Wiesenkräutern und sonnensattem Gras in der Luft. Vor dem Haupthaus glitzerte ein von hohem Schilfgras umwucherter Teich in der Sonne, und jetzt, am Abend, untermalte das Quakkonzert der Frösche das leise Wispern des Windes im Schilf.

„Bitte schön, bella. Un limoncello. Lassen Sie es sich schmecken.“ Die Stimme des Barmannes holte Rebecca aus ihren Tagträumen zurück an den einsamen Tresen. Vor ihr stand ein Glas mit einer leuchtend gelben Flüssigkeit.

„Das soll ich trinken?“

„Nur zu. Ich garantiere Ihnen, dieser Zitronenlikör ist der beste nördlich von Neapel. Die Zitronen stammen von einem befreundeten Hof in der Nähe des Gardasees. Alles hundert Prozent bio. Durch den Verzicht auf Pestizide und chemischen Dünger wachsen die Zitronen zwar langsamer, aber ihr Geschmack ist unnachahmlich. Probieren Sie!“

Wenn es denn half. Rebecca erinnerte sich an ihren Vorsatz, diesen Abend nicht ohne einen tröstenden Rausch zu verbringen, und fasste sich ein Herz. Mit Mühe rang sie den Impuls nieder, sich beim Trinken die Nase zuzuhalten, wie sie es als Kind getan hatte, wenn sie bittere Medizin schlucken musste. Beim Grappa hätte sie das mal besser getan. Aber wenn sie eines ganz sicher nicht wollte, dann war das, den Freunden von Michelle und Lucas noch einen Grund zu geben, sich noch mehr über sie lustig zu machen. Sie setzte das Glas an und nahm einen Schluck von der kühlen Flüssigkeit.

Im nächsten Moment verpuffte ihre Vorsicht in einer Geschmacksexplosion. Das Getränk besaß genau die richtige Mischung aus Süße und Säure, mit einem winzigen Hauch Bitterkeit, der das Geschmackserlebnis perfekt ausbalancierte. Wie im Leben und in der Liebe war es die Bitterkeit, die die Süße kostbar machte. Augenblicklich wollte Rebecca mehr.

Sie nahm einen zweiten Schluck, dann einen dritten, und ehe sie sichs versah, hatte sie das Glas geleert. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie die Augen geschlossen hatte, so sehr hatte sie den Geschmack des Likörs genossen. Langsam öffnete sie die Augen wieder.

Und erstarrte.

Das … musste ein Traumbild sein! Sie blinzelte und rieb sich mit den Handballen die Augen.

Verwirrt blickte sie auf das leere Glas, dann wieder nach oben, wo hinter dem u-förmigen Bartresen an der Längsseite des Raumes in der schmalen Personaltür auf einmal ein Mann stand, der zuvor ganz sicher nicht da gewesen war. Mindestens genauso sicher konnte dieser Kerl nicht echt sein. Kein Mensch aus Fleisch und Blut sah so perfekt aus. Für einen Mann war er zwar nicht besonders groß, aber das störte Rebecca nicht. Schließlich hatte sie mit ihren einsfünfundsechzig auch nicht gerade Modelmaße.

Im weichen Abendlicht, das durch die offenen Terrassentüren in die Bar flutete, glänzte sein schulterlanges Haar pechschwarz. Der dunkle Bartschatten ließ vermuten, dass er sich nicht nur ein paar Tage lang nicht mehr rasiert hatte. Er mochte Ende zwanzig sein, vielleicht auch Anfang dreißig, und hatte eher den Körper eines Läufers als den eines Gewichthebers, wenn auch seine breiten Schultern darauf schließen ließen, dass er regelmäßig Sport machte.

Rebecca sah auf das leere Likörglas und dachte an den Grappa, den sie mehr ausgehustet als getrunken hatte. Sicher spielte ihre Fantasie ihr einen Streich, denn wenn ihr Hirn ihr jemals einen Traummann vorgaukeln würde, dann sähe er aus wie dieser. Abenteuer und ein Hauch von Freiheit umwehten ihn. Die obersten Knöpfe seines weißen Leinenhemdes standen offen, und an den Ärmeln hatte er den Stoff bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, sodass der Blick frei war auf seine sehnigen Unterarme. Gott, was war das mit Unterarmen, dass sie einen Mann so unglaublich sexy machen konnten? Aufrecht und lässig stand er im Türrahmen. Genau so hätte er am Steuerrad eines Piratenschiffs stehen können. Egal, wie sie es drehte und wendete: Er war ein wahrgewordener Traum.

Die Schmetterlinge, die plötzlich wie wild in Rebeccas Magen flatterten, hatten nichts mehr mit Übelkeit oder ungewohntem Alkoholkonsum zu tun. Ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie sich mit aller Kraft zwang, den Blick von dem Traummann abzuwenden und noch einmal mit dem Mann hinter der Bar zu reden.

„Sie hatten recht“, sagte sie und wünschte, man würde ihr nicht anhören, wie trocken ihre Kehle mit einem Mal war. „Dieser Limoncello hat es in sich. Davon brauche ich noch mehr.“

Einen Anreisetag, an dem sich niemand beschwerte, gab es nicht. Irgendwas war immer. Mal fand ein Ankömmling keinen Schattenparkplatz, mal dauerte es zu lange, bis aus der Dusche warmes Wasser kam. Manche fanden die Matratze zu weich oder zu hart, andere das Bett zu groß oder zu klein. Über fünf Jahre als Apfelbauer und Gelegenheitshotelier hatten Philip Bradshaw davon überzeugt, dass es keine Beschwerde gab, die er noch nicht gehört hatte. Aber wie jeder Anreisetag zuvor würde auch dieser zu Ende gehen. Jetzt, um kurz nach acht Uhr am Abend, war er fast sicher, die größten Katastrophen des Tages hinter sich gebracht zu haben.

Dankbar nickte er Armando zu, der hinter der Rezeption stand und die letzten Gästedaten in das Formular fürs Fremdenverkehrsamt eingab. Philip hatte keine Ahnung, was er ohne den Jungen machen würde. Armando war ein echtes Goldstück, ein Urgewächs der Täler. Seit Generationen lebte seine Familie in der Gegend, und wen diese karge Welt nicht vertrieb, den schliff sie zu einem Kristall. Armando hatte ein gutes Händchen mit den Gästen, gab sich stets freundlich und kompetent. Er dankte Philip seine Anstellung im Castello mit absoluter Loyalität und stellte nie mehr Fragen, als Philip beantworten wollte. Kurzum, er war ein echter Freund.

„Alles klar bei dir?“

Armando blickte vom Computerbildschirm auf. „Alles klar. Die Gesellschaft ist komplett und versorgt. Ein paar trinken noch ein Gläschen Wein auf der Terrasse, aber niemand möchte mehr etwas essen. Falls doch noch jemand Hunger bekommt, haben sie unseren Willkommenskorb auf dem Zimmer.“

Der Willkommenskorb mit einer Auswahl an lokalen Speisen und frischen Früchten von der Plantage hatte sich in den vergangenen Jahren als außerordentlich nützlich erwiesen. Die meisten Gäste freuten sich über die Aufmerksamkeit, und Philip und seinem Personal sparte es Nerven und Beschwerden, wenn seine Gäste satt und zufrieden waren.

„Na gut. Wie immer hast du alles im Griff. Das meiste hast du im Vorfeld mit der Hochzeitsplanerin besprochen, oder?“

„Ja, genau.“

Philip gab sich einen Ruck. „Dann schau ich noch einmal in der Bar vorbei und mache anschließend Feierabend. Du übernimmst morgen die Führung durch die Plantage?“

„Natürlich. Du weißt doch: Versprochen ist versprochen …“

„… und wird auch nicht gebrochen“, beendete Philip gemeinsam mit Armando dessen Wahlspruch.

Armando grinste. Er kannte Philip gut genug, um zu wissen, wie ungern sein Boss sich unter die Gäste mischte.

Philip rieb sich den Nacken und seufzte. Acht Jahre, acht verdammte Jahre später, und noch immer begleitete ihn die Angst auf Schritt und Tritt. Zwar hatte er seit mindestens zwei Jahren keine Panikattacke mehr gehabt, und manchmal gelang es ihm sogar, sich einzureden, dass das Leben, das er heute führte, das einzige wäre, das er kannte. Menschenmengen und Fremde ließen ihn trotzdem immer noch schaudern. Egal wie unsinnig es war, jedes Mal, wenn neue Gäste ankamen, rechnete er damit, dass diesmal einer dabei war, der ihn durchschaute. Kälte rieselte sein Rückgrat entlang und ballte sich in seinem Magen zu einer eisigen Faust zusammen. Nein, daran durfte er nicht denken. Sein altes Ich war begraben und vergessen.

Zum Glück entging Armando der innere Tumult seines Chefs. „Genau, also mach dir keine Sorgen. Wenn ich fertig mit dem Papierkram bin, schließ ich hier alles ab. Wir sehen uns morgen.“

Armandos Heiterkeit half Philip, seine Beklemmung abzuschütteln. „Machen wir. Grüß deine Mamma und sag ihr Danke für die Honiglieferung. Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber euer Honig ist immer der beste.“

Der junge Italiener lachte. „Sie spricht mit den Bienen und bedankt sich für ihre fleißige Arbeit, wenn sie den Honig aus den Waben schleudert. Ich sag ja immer, sie ist verrückt, aber Mamma schwört darauf.“

„Was auch immer sie tut, sie soll weitermachen. Wir sehen uns.“ Zum Gruß hob Philip die Hand, dann machte er sich auf den kurzen Weg von der Rezeption zur Bar.

Nur ein schmaler Flur trennte die Räumlichkeiten voneinander. Von außen mochte das Castello groß und pompös wirken – in Wahrheit war es ein altes Landgut in einer Gegend, die jahrhundertelang von der Armut ihrer Bewohner geprägt gewesen war. Bis Philip das Anwesen gekauft und wiederhergerichtet hatte, war nicht viel mehr davon übrig gewesen als die Grundmauern. Stein für Stein hatte er das Gut mithilfe einer örtlichen Historikerin so originalgetreu wie möglich wiederaufgebaut. Dazu gehörten die engen Gänge, die im hellsten Tageslicht düster wirkten, dafür aber selbst im Hochsommer angenehm kühl blieben.

Lachen und Gläserklirren drangen wie Lichtstrahlen durch die offenstehende Tür seitlich des Tresens in die Düsterkeit des Korridors.

Um seinem Unterbewusstsein Zeit zu geben, sich an die Gesellschaft zu gewöhnen, blieb Philip im Türrahmen stehen. Er sah sich um, stolz auf sein Haus und das, was er daraus gemacht hatte.

Längst hatte sich sein Gut als Geheimtipp unter Eventplanern herumgesprochen. Die Auswahl der Personen, die in seinem Refugium feiern durften, übernahm Armando für ihn.

Auf der Terrasse herrschte eine ausgelassene Stimmung, vor allem das Jungvolk der Partygesellschaft schien sich eingefunden zu haben. Aus den Unterlagen wusste er, dass es sich um eine englische Hochzeitsgesellschaft handelte. Die meisten Feiernden stammten aus London und der direkten Umgebung. Sie mussten Geld haben, so viel sah er, als er die Anwesenden nun musterte. Ihnen allen haftete diese Aura von Unverfrorenheit an, die reiche Menschen oft besaßen. Als wäre es das Natürlichste der Welt, dass alles sich ihren Wünschen beugte, egal, ob sie nun eine weitere Karaffe Wein verlangten oder ein paar Grissini zum Knabbern.

Langsam schweifte Philips Blick durch den fast leeren Gastraum zur Bar. Dort saß eine Frau allein. Sie passte so wenig zum Rest der Gesellschaft, dass sein Blick ganz von selbst an ihr hängenblieb. Nichts an ihr wirkte gestylt oder übertrieben. Sie trug ein einfaches Baumwollkleid mit mädchenhaftem Blumenmuster und darüber eine leichte Strickjacke. Üppige Brüste spannten den Stoff ihres Kleides. In der Hand hielt sie ein Glas Limoncello und nippte daran, als vollführe sie ein heiliges Ritual. Ihre Augen geschlossen, den Kopf leicht gesenkt, als müsste sie sich konzentrieren, ließ sie sich den Likör auf der Zunge zergehen.

Aus dieser überkandidelten Hochzeitsgesellschaft stach sie heraus wie ein Gänseblümchen in einem Strauß tropischer Orchideen. Doch das war nicht der einzige Grund, warum er nicht wegsehen konnte. Da war noch etwas, das ihn fesselte. Ihr ganzes Auftreten war wie eine Maske, ging es ihm durch den Kopf. Vielleicht wäre es ihm nicht aufgefallen, hätte er nicht selbst so viel Erfahrung darin, sich hinter Masken zu verstecken.

Ihre Kleidung und das zu einem braven Pferdeschwanz zusammengebundene Haar erweckten den Eindruck, sie sei eine graue Maus. Doch die Art, wie sie den Likör trank, die genussvolle Selbstvergessenheit, mit der sie in dem Getränk schwelgte, verriet sie. An seiner Bar saß die sinnlichste Frau, die er je gesehen hatte, und sie saß dort allein. Man musste kein Hellseher zu sein, um zu erraten, wie einsam sie sich fühlen musste. Auch das war etwas, womit er sich auskannte: die Einsamkeit, die schlimmer und schmerzhafter wurde, je mehr Leute um einen herum waren. Und plötzlich verlangte alles in ihm danach, ihre Einsamkeit zu vertreiben.

2. KAPITEL

Nie im Leben hätte Rebecca damit gerechnet, dass dieser Abend, der alles andere als vielversprechend angefangen hatte, damit enden würde, dass sie einem Wildfremden ihr Herz ausschüttete.

Doch die Dinge kamen selten, wie man sie erwartete, und so beeindruckend das Auftauchen ihres Traummannes auch war, natürlich gelang es ihrer Stiefschwester, den Augenblick zu zerstören. Gerade als Rebecca sich überzeugen wollte, dass im Türrahmen ein Mensch aus Fleisch und Blut und nicht eine Traumgestalt stand, begleiteten Applaus und laute Hallo-Rufe die Ankunft des Brautpaares auf der Terrasse.

Am liebsten wäre Rebecca im Boden versunken. Natürlich sah Michelle wunderbar aus. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, dass ihre Stiefschwester eine lange Anreise hinter sich hatte. Ihre roten Locken glänzten in der Abendsonne, weich umspielte ihr weißes Kleid Michelles schlanke Gestalt. Wie eine Fee schwebte sie über die Terrasse. Lucas an ihrer Seite sonnte sich in der Aufmerksamkeit, die Michelle auf sich zog. Der Stolz auf seine Verlobte stand ihm ins Gesicht geschrieben. Rebecca wollte nicht neidisch sein, wirklich nicht, aber die Bitterkeit in ihrer Kehle ließ sich nicht leugnen. Einmal nur! Hätte Lucas sie in all den gemeinsamen Jahren nur einmal so angesehen, vielleicht wäre dieser Abend dann leichter zu ertragen gewesen.

Die anderen Gäste erhoben sich von ihren Plätzen, um die Brautleute zu begrüßen. Wangenküsschen hier, Komplimente für Michelles Outfit dort. Immer wieder drang die Begeisterung bis an Rebeccas Ohren. Die Location – so ungewöhnlich! Das Brautpaar – so glücklich! Und überhaupt, wie sehr man sich freute, hier sein zu dürfen! Rebecca freute sich nicht. Sie fand alles ganz grauenvoll, und wenn sie nicht aufpasste, würde sie bald vor Neid platzen.

„Amüsieren Sie sich?“

Sie fuhr herum. Direkt neben ihr stand der Mann, den sie gerade noch aus sicherer Entfernung bewundert hatte. Unter all den Paradiesvögeln hatte er ausgerechnet sie, Rebecca Connelly, angesprochen. Vor Schreck rutschte sie fast vom Barhocker. In letzter Sekunde rettete sie sein fester Griff um ihren Oberarm. Zur Scham über ihr linkisches Verhalten gesellten sich Herzklopfen und Nervosität. Nur das konnte der Grund dafür sein, dass sie plötzlich Dinge sagte, die sie normalerweise unter allen Umständen für sich behalten hätte.

„Ganz sicher nicht! Um ehrlich zu sein, kann ich mir kaum einen Ort vorstellen, an dem ich mich unwohler fühlen könnte als hier. Diese ganze Hochzeit ist ein Albtraum!“

„Ist das der Grund für den Limoncello?“ Er hob eine Augenbraue und nickte zu dem leeren Glas in ihrer Hand. Wenn sie sich nicht täuschte, lag ein Schmunzeln auf seinen Lippen. Machte er sich über sie lustig?

„Sie sollten vorsichtig sein. Man schmeckt es zwar nicht, aber das Zeug ist heimtückisch. Wenn Sie morgen früh Kopfweh haben, sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“

„Und wenn schon. Kopfweh klingt gar nicht so verkehrt. Eine Migräne wäre allerdings besser.“ Sehnsuchtsvoll blickte Rebecca in ihr mittlerweile leeres Likörglas. Ob sie sich vielleicht noch einen gönnen sollte? Das würde die Sache mit der Migräne womöglich beschleunigen. „Oder vielleicht ein akuter Anfall von Sonnenunverträglichkeit. Irgendwas, das mich unter allen Umständen dazu zwingt, in meinem Zimmer zu bleiben und mit keinem Menschen zu reden.“

Was, zugegeben, sehr schade wäre, denn was sie bisher von der Gegend gesehen hatte, war wirklich eindrucksvoll. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, ehe sie weiterredete. „Wenn es mir richtig schlecht geht, muss ich wenigstens keine gute Miene zum bösen Spiel machen. Was meinen Sie?“ Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Sieht das nach dem Lächeln der glücklichen Schwester der Braut aus? Aber nein, sagen Sie nichts.“

Jetzt hob sie die Hand, die eben noch ihre Strähnen gekämmt hatte, in einer abwehrenden Geste. „Wenn ich es mir recht überlege, kann niemand von mir erwarten, mich für Michelle und Lucas zu freuen. Schließlich war er bis vor sechs Monaten mein Freund. Ich hatte schon meine Gründe, dass ich ihn Michelle nicht vorgestellt habe. Aber dann habe ich es doch getan, weil er behauptet hat, er würde mich lieben, dabei hat er mich nur benutzt. Ich war so naiv.“

Niedergeschlagen schüttelte sie den Kopf. Egal wie sehr sie sich wünschte, über die ganze Sache hinweg zu sein, jedes Mal, wenn sie an Lucas’ Verrat dachte, stach ihr der Schmerz aufs Neue ins Herz. Glücklicherweise hatte der Barmann zwischenzeitlich ihr Glas erneut gefüllt. Sie leerte es in einem Zug. „Ich hätte es wissen müssen. Schließlich hat mir Michelle bisher noch jeden Freund ausgespannt, den ich mit nach Hause gebracht habe, und Lucas hat oft genug gesagt, was er wirklich will. Ich war nur zu blind zu begreifen, dass er damit nicht mich meinte.“ Sie brachte es nicht fertig, ihrem unfreiwilligen Zuhörer in die Augen zu sehen. Er hatte nicht darum gebeten, sich ihre erbärmliche Geschichte anzuhören. Um ihrer Nervosität irgendein Ventil zu geben, trommelte sie mit den Fingern auf ihren Oberschenkeln. Wieder perlte ein Lachen von der Terrasse zu ihnen an die Bar. Nur ein weiteres Zeichen dafür, dass alle Spaß hatten. Alle außer ihr. „Warum hätte es diesmal anders sein sollen? Wer bleibt schon beim Trostpreis, wenn er den Hauptgewinn haben kann? Er hat gemacht, was alle machen, und jetzt heiraten sie.“

Sie griff nach ihrem Glas und drehte es am Stiel hin und her. Es war einfacher, auf die Likörreste im Glas zu schauen, als dem armen Kerl ins Gesicht zu blicken, dem sie ihren ganzen seelischen Ballast vor die Füße kippte, obwohl er nur eine unverbindliche Frage gestellt hatte. Nun, einmal mehr hatte sie bewiesen, dass sie sich nicht dafür eignete, in Gesellschaft zu sein. Sie gab sich einen Ruck und rutschte vom Barhocker. „Entschuldigung. Ich glaube, ich sollte jetzt besser gehen.“

„Bleiben Sie!“ Die Worte waren heraus, ehe Philip sie zurückhalten konnte. Er war kein Mensch, der andere drängte. Zu oft war er selbst bedrängt und umlagert worden. Aber etwas an dieser Frau war anders. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie den Rest des Abends allein sein würde. Allein mit ihren Gedanken und Erinnerungen. Sie hatte ihm genug erzählt, damit er sich ein Bild davon machen konnte, wie unangenehm die ganze Situation für sie sein musste. Betrogen und hintergangen von der eigenen Schwester und dem Mann, der alles darauf hätte verwenden sollen, sie zu beschützen. Wie hinterhältig und gemein!

Mitten in der Bewegung stockte sie, sah noch einmal zu ihm. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, dem ein Muttermal rechts über der Oberlippe und große, seelenvolle Augen Charakter verliehen. „Warum?“, fragte sie leise, fassungslos. Hatte dieser Frau noch nie ein Mensch gesagt, dass er sie behalten wollte? Dass sie es wert war, Zeit mit ihr zu verbringen? Eine Stunde, zwei, ein ganzes Leben. Wenn eine Frau einem Mann Zeit schenkte, legte sie immer einen Teil von sich in seine Hand. Dann musste es sich anfühlen wie die Ewigkeit, sonst war es verschwendete Zeit, verschwendetes Leben. Das hatte ihn seine Nonna gelehrt, die im Herzen auch nach vier Jahrzehnten im kalten England immer Italienerin geblieben war.

„Weil ich nicht möchte, dass Sie traurig ins Bett gehen“, sagte er ehrlich. Trotzdem war er überrascht, als sie tatsächlich stehen blieb. Er war aus der Übung. Seit Jahren gab es nur ein einziges Mädchen, das ihn interessierte, und das wartete zu Hause auf ihn. Er sollte die Fremde mit dem herzförmigen Gesicht und dem schweren Herzen gehen lassen. Philip Bradshaw hatte nichts zu geben. Nichtsdestotrotz hörte er sich sagen: „Lassen Sie mich einen kleinen Imbiss für Sie bestellen, ja? Alkohol verträgt sich besser mit einem vollen Magen. Und wenn Sie wollen, sprechen wir heute kein Wort mehr von dieser Hochzeit. Es ist eine Schande, wenn die, die es am wenigsten verdienen, immer die meiste Aufmerksamkeit bekommen. Aber Menschen sehen eben meist nur, was sie sehen wollen.“

„Sie klingen, als wüssten Sie, wovon Sie reden.“

„Zumindest weiß ich, wie es ist, fallengelassen zu werden. Franco!“ Er wandte sich an den Barmann, teils, weil er verhindern wollte, dass die Fremde weiter nachfragte, und teils, weil es ihm ein Bedürfnis war, dafür zu sorgen, dass sie etwas in den Magen bekam. „Käse und Brot bitte“, bestellte er auf Italienisch, dann wandte er sich auf Englisch wieder an seine neue Bekannte. „Sie mögen Käse, hoffe ich? Franco bringt uns eine Platte Bagoss. Kennen Sie diese Sorte? Bagoss wird nur von achtundzwanzig kleinen Firmen in der Provinz Brescia hergestellt. Man verwendet ausschließlich die Milch von braunen Kühen, die mit dem örtlichen Heu gefüttert werden.“

„Nicht nur ein Trinkberater, auch ein Reiseführer. Ich bin beeindruckt.“ Der traurige Ausdruck auf ihrem Gesicht wurde von Neugier abgelöst. Ihr Ton klang fast neckisch. Sie hatte schöne Augen, fand er. Geheimnisvoll und viel zu traurig für so eine schöne Frau. Augen, in denen ein Mann ertrinken konnte.

„Kommen Sie hier aus der Gegend?“, wollte sie wissen. „Ich dachte, alle, die zurzeit im Castello sind, gehören zur Hochzeitsgesellschaft.“

„Ich arbeite im Tourismus“, antwortete er ausweichend. An diesem Abend wollte er nur er selbst sein. Nicht das Phantom hinter der Maske, nicht der Apfelbauer mit den ausgefallenen Gourmetapfelsäften und auch nicht der Besitzer einer exklusiven Eventlocation – einfach nur er selbst. Er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich heiße Philip. Schön, Sie kennenzulernen. Wollen wir das mit den Förmlichkeiten nicht lieber vergessen und Du sagen?“

„Rebecca. Wie kommt es, dass du so gut Italienisch sprichst? Bist du Italiener?“

„Meine Mutter ist Italienerin. Ihretwegen haben wir früher oft hier Ferien gemacht. Mein Vater ist Engländer.“

„Dann hast du das Aussehen von deiner Mutter? Als du vorhin dort im Türrahmen aufgetaucht bist, dachte ich, du wärst ein Flaschengeist. Oder ein Pirat.“

Das erste Mal schenkte sie ihm ein Lächeln. Es war so unergründlich wie ihre Augen. Ein bisschen traurig und ein bisschen, als wüsste sie nicht, ob sie über ihn lachen sollte oder über sich selbst. Auf ihren Wangen lag eine feine Röte. Pina konnte gut einen Abend auf ihn verzichten. Er bereute es kein bisschen, die Fremde aufgehalten zu haben.

Franco brachte ihre Käseplatte. Sie aßen und redeten. Und Philip spürte schnell, dass Rebecca keine Fragen zu ihrer Person beantworten wollte. Vielleicht meinte sie, sie hätte schon zu viel von sich preisgegeben. Also unterhielt er sie mit Geschichten über die Täler und seine Kindheit zwischen dem regnerischen England und der Sonne Italiens. Es war ganz einfach, Zeit mit ihr zu verbringen.

Mittlerweile senkte die Nacht ihren Schleier vor die Fenster der Bar, und Franco verteilte Windlichter und Citronella-Kerzen auf der Terrasse. Jedes Mal, wenn Rebecca lachte und sie für einen Moment zu vergessen schien, wie schlimm der Tag für sie begonnen hatte, schwoll Philips Brust vor Stolz. Er hatte das fertiggebracht! Er hatte es nicht verlernt und war noch immer ein begnadeter Geschichtenerzähler. Mit seinen Beschreibungen und Anekdoten wob er einen Mantel aus Vergessen um sie. Die anderen Gäste mit ihrem affektierten Getue versanken im Nichts.

Gerade war er dabei, ihr ein Bild von Salvios und Valentinas Hochzeit zu zeichnen, einem alten Paar aus dem Dorf, das im vergangenen Frühjahr im Castello geheiratet hatte. „Du musst dir vorstellen, sie waren beide über neunzig“, erzählte er. „Aber sie haben getanzt wie die Wilden. Jedes Mal, wenn jemand ‚Bacio, Bacio‘ rief – Bacio heißt Kuss – haben sie geknutscht wie Teenager.“ Er gab seine beste Imitation davon, wie die beiden Senioren trotz dritter Zähne ihrer Liebe mit heißen Küssen und schmachtenden Blicken Ausdruck verliehen hatten. „Doch das Beste war der Hochzeitstanz. Diese beiden haben eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt, da könnten sich die meisten jungen Paare eine Scheibe von abschneiden. Das ging so lange, bis Valentina lautstark verlangt hat, Silvio solle mehr Rücksicht auf ihre künstliche Hüfte nehmen. Schließlich hätten sie noch eine Hochzeitsnacht vor sich, und sie hätte nicht vor, sich mit einer lauen Nummer abspeisen zu lassen.“

Lachtränen rannen Rebecca über die Wangen. Das machten Geschichten mit Menschen, dachte er. Sie vertrieben Geister und pflanzten Hoffnung selbst in einem Beet aus Trauer. Rebecca lachte, er lachte mit, doch als er ein Stück Käse von der Platte nahm, um sie damit zu füttern, verklang ihr Lachen mit einem Mal. Kribbelige Erwartung hing plötzlich in der Luft. Rebeccas Lippen berührten seine Finger, als sie den Käse aus seiner Hand aß. Ganz kurz nur. Ihr Atem streifte seine Haut.

„Wünscht sich nicht jeder von uns, einmal seinen Silvio oder seine Valentina zu finden? Meine größte Angst ist, am Ende allein zu sein“, gestand sie. „Allein mit einem Leben voller ungelebter Träume.“ Sie sprach leise. Ihr Geständnis gehörte nur ihm.

„Du bist nicht allein“, meinte er, flüsternd, weil das, was zwischen ihnen zum Leben erwachte, zu kostbar war, um es mit lauten Worten zu erschrecken. „Deine Stiefschwester, dein Ex, sie wissen nur nicht, was sie verpassen. Sie sind blind und dumm, aber irgendwann wird jemand oder etwas ihnen die Augen öffnen. Dann werden sie erkennen, was für einen schrecklichen Fehler sie gemacht haben, indem sie dich unterschätzt haben. Doch dann ist es zu spät, denn dann haben sie in deinen Träumen keinen Platz mehr.“

Seinen Worten folgte Schweigen. Sie sah ihn an, eine Frage im Blick und auch ein Flehen.

Wirklich?, fragten diese Augen, die er so schön fand, so grün und geheimnisvoll. Meinst du wirklich, es wird irgendwann besser werden? Hört der Schmerz irgendwann auf?

Sein Herz geriet ins Stolpern. Philip Bradshaw war kein Mann für impulsive Entschlüsse. Diese Seite von sich hatte er mit seinem alten Leben hinter sich gelassen. Doch jetzt, in diesem Moment, konnte er sich nicht zurückhalten. Etwas an Rebecca zog ihn magisch an. Er wollte sie halten, ihr alles Gute der Welt schenken, die Wunden heilen, die andere ihr geschlagen hatten und ihr zeigen, wie einzigartig und wunderbar sie war. Und vielleicht, nur vielleicht, würde auch er dabei die Vergangenheit hinter sich lassen können. Womöglich war es auch für ihn an der Zeit, nach vorne zu sehen.

Er lehnte sich zu ihr, die Hand, mit der er sie gefüttert hatte, glitt in ihren Nacken, sein Daumen streichelte ihre Wange, während sein Blick auf ihre Lippen fiel. Wie zur Antwort öffnete sie den Mund, nur ein winziges bisschen, aber das genügte ihm als Einladung.

Hauchzart erst streichelte er mit seinen Lippen über ihre. Sie schmeckten nach Limoncello, nach Süße und Bitterkeit, und obwohl Rebecca seinen Kuss nicht erwiderte, ließ er sich nicht entmutigen und verlangte nach mehr. Vorsichtig stupste er mit der Zunge in ihren Mundwinkel, warb um Einlass.

Zu spät fiel ihm auf, dass ihr Zögern keine Überraschung war, sondern Unwille. Sie versteifte sich in seinen Armen, presste ihre Fäuste gegen seine Brust, schob ihn von sich.

Als er endlich begriff und es ihr gelang, sich von ihm loszumachen, schimmerten Tränen in ihren Augen. „Was … Rebecca …?“

Sie antwortete ihm nicht. Das, was für ihn wunderbar und ganz natürlich gewesen war, hatte für sie offenbar etwas anderes bedeutet.

Auf seiner Zunge lag eine Entschuldigung, aber sie wollte nicht über seine Lippen kommen. Der Geschichtenerzähler hatte nicht nur keine Geschichten mehr, er hatte nicht einmal mehr Worte, so wütend war er auf sich selbst.

Ehe es ihm gelang, seine Fassung wiederzufinden, wandte sie sich ab und lief davon.

Philip blieb geschlagen zurück. Natürlich könnte er ihr folgen. Er hatte die Mittel, um herauszufinden, in welchem Zimmer sie untergebracht war. Er könnte an ihrer Tür kratzen, bis sie ihn erhörte und ihm vergab, ein solcher Hornochse gewesen zu sein.

Doch was sollte das helfen? Ihr Handeln sprach deutlicher als tausend Worte. Er hatte es versaut.

Rebecca blieb erst wieder stehen, als hinter ihr die Tür ihres Hotelzimmers ins Schloss fiel. Noch im Laufen trat sie sich die Schuhe von den Füßen und ließ sich aufs Bett fallen. Knisternd empfing sie die gestärkte Bettwäsche. Es half nichts. Nichts half. Wütend schlug sie mit den Fäusten auf das Kopfkissen ein. In ihrer Kehle saßen Schluchzer und erschwerten das Atmen. Ihre Lippen brannten von Philips Bartstoppeln. Von seinem Kuss!

Himmel, war sie wirklich so erbärmlich, dass er sie aus Mitleid küssen musste? Natürlich hatte sie sich gefragt, warum ein Mann wie er sich ausgerechnet mit ihr unterhalten wollte. Trotzdem hatte sie seine Gesellschaft genossen. Und ja, auch die Blicke, die sie ab und zu von Michelle eingefangen hatte. Guck du nur, hatte Rebecca gedacht, und sich für ein paar Minuten der Vorstellung hingegeben, wie es wäre, wenn Philip das „Plus 1“ auf ihrer Einladung wäre. Selbstverständlich hatten Lucas und Michelle beide gewusst, dass es niemanden in Rebeccas Leben gab, den sie nach Italien mitnehmen konnte. Das scheinheilige Angebot einer Begleitung war nur eine der zahlreichen Spitzen gewesen, mit denen Michelle Rebecca quälte.

Langsam ließ die Wut nach und machte Resignation Platz. Egal, wie sehr es Michelle darauf anlegte, sie vorzuführen, Rebecca hatte sich geschworen, sich nicht mehr auf halbe Sachen einzulassen. Ganz sicher hatte sie etwas Besseres verdient, als sich von einem gelangweilten Halbitaliener zum Wohltätigkeitsprojekt machen zu lassen.

Was auch immer es für eine fixe Idee von Philip gewesen war, dass er sie angesprochen und den Abend mit ihr verbracht hatte: Er musste sich ein anderes Opfer für seine Spielchen suchen. Mit Männern, die sie für ihre Zwecke missbrauchten, hatte sie nach Lucas ein für alle Mal abgeschlossen. Mittlerweile wusste Rebecca, dass ihr Ex in ihr nur die Verbindung zu dem erfolgreichen Verlagshaus ihrer Stieffamilie gesehen hatte.

Vier Jahre lang hatte sie für Liebe gehalten, was in Wahrheit Berechnung gewesen war. Nein, es war besser, Philip so schnell wie möglich zu vergessen. Sie konnte nur hoffen, dass sie ihm nicht noch einmal während der Hochzeitsfeierlichkeiten begegnete. Wenn doch, würde sie ihm aus dem Weg gehen, so wie sie auch den anderen Freunden von Michelle und Lucas aus dem Weg ging.

Vom Nachttisch erklang ein Piepen. Zeit, ihr Bad im Selbstmitleid zu beenden. Sie griff nach dem Mobiltelefon. Nach ihrer Ankunft hatte sie es zum Aufladen im Zimmer gelassen. Sicher hatte Daddy zwischenzeitlich versucht, sie zu erreichen. Sie drückte die Kurzwahl für ihren Vater und wartete auf das Freizeichen.

Nach dem vierten Klingeln nahm ihr Vater ab. „Hummelchen, hast du dich von der Anreise erholt? Ich habe mehrmals angeklingelt, aber du bist nicht drangegangen. Hattest du Spaß mit den anderen?“

Rebecca seufzte. Ihr Vater meinte es nur gut. „Dad, ehrlich. Du weißt doch, dass Michelle und ich niemals Spaß miteinander haben werden. Ich glaube wirklich, es war keine gute Idee, dass ich mit hierhergekommen bin. Besser, ich hätte auf mein Bauchgefühl gehört. Ich komme mir vor wie die Live-Version einer Seifenoper.“

„Das kommt davon, dass du dich immer zwischen zwei Buchdeckeln versteckst. Bücher sind Fiktion, mein Schatz. Unsere Familie ist vielleicht nicht perfekt, aber Michelle ist deine Schwester. Sie mag dich, da bin ich sicher, und Lauren sagt das auch, wenn ich sie frage. Michelle wäre untröstlich gewesen, wenn du nicht mit nach Italien gekommen wärst. Eine Woche, das ist doch nicht zu viel verlangt. Wir sind so selten als Familie zusammen.“

„Weil du immer in der Weltgeschichte herumreist, um dich vor den Karren deiner Frau und ihres Unternehmens spannen zu lassen!“ Jetzt wurde Rebecca doch laut. Sie hasste es. Sie wollte nicht mit ihrem Vater streiten, und doch kamen sie immer wieder an diesen Punkt. „Wenn du öfter in London wärst, würdest du sehen, was für eine linke Bazille Michelle ist. Himmel, Dad! Sie hat mir meinen Freund ausgespannt, und das nicht zum ersten Mal. Was muss passieren, damit du einsiehst, wie sehr sie mich hasst?“

„Was man nie besessen hat, kann man nicht verlieren“, ermahnte ihr Vater sie mit derselben Stimme, mit der er sie schon als Kind zurechtgewiesen hatte. Auch diesmal verfehlte sein Ton nicht den Effekt. Augenblicklich fühlte Rebecca sich wie ein kleines Mädchen. „Wenn das, was Lucas und du hattet, echt gewesen wäre, hätte er sich nicht Michelle zugewandt. Deine Stiefmutter hat dir so oft angeboten, dich ein bisschen zu unterstützen.“ Er stockte für einige Sekunden, und Rebecca rüstete sich. Sie wusste zu gut, was als Nächstes kommen würde. „Du weißt schon, in diesen … Frauendingen. Für mich bist du perfekt, wie du bist, aber Lauren weiß nun mal, was Frauen machen, um sich besser zu fühlen. Ich hab mich immer bemüht, dir ein guter Vater zu sein, doch seit deine Mutter …“ Er ließ den Satz im Nichts verklingen. Trauer füllte die Lücke, die seine ungesagten Worte hinterließen. Erstaunlich, wie auch nach über zehn Jahren der Tod ihrer Mutter immer noch die Macht hatte, Rebeccas Herz in Fetzen zu reißen.

„Ich weiß, Dad. Ich weiß, dass du es gut meinst. Und du liebst Lauren, und Michelle ist ihre Tochter und deshalb …“

„Es geht nicht um mich“, unterbrach er sie. „Das ist, was ich dir immer wieder klarzumachen versuche. Es ist nicht mein Wunsch, dass du dich mit Lauren und Michelle besser verstehst, sondern auch der von deiner Mum. Sie hat sich gewünscht, dass ich nicht allein bleibe. Das habe ich dir schon so oft gesagt. Ihr letzter Wunsch war, dass ich eine andere Frau finde und noch einmal glücklich werde. Nicht nur meinetwegen, sondern vor allem deinetwegen. Sie ist mit sechs Brüdern aufgewachsen. Sie wusste, wie schwer es ist, nur Männer um sich zu haben, und deshalb wollte sie für dich etwas anderes. Kannst du dich nicht ein bisschen mehr anstrengen und dich mit Michelle vertragen? Deine Mum hätte es so gewollt.“

Hätte sie nicht, wollte Rebecca aufschreien. Sicherlich hätte Mum nicht gewollt, dass diese neue Familie, die du für mich auftreibst, mich wie Dreck behandelt, jedes Mal, kaum dass du aus der Tür bist.

Rebecca war aus dem Haus ihrer Stiefmutter ausgezogen, kaum, dass sie alt genug war, sich mit Aushilfsjobs über Wasser zu halten. Doch die Jahre im fremden Heim hatten Spuren hinterlassen. Die quälenden Kommentare; die rationierten Abendessen, weil sie mit ihren Kurven niemals in das Weltbild ihrer Stiefmutter passen würde; die permanenten Gängeleien, mehr Sport zu machen. Einmal war Lauren sogar so weit gegangen, Rebecca ihre geliebten Bücher wegzunehmen.

Und dazu Michelle. Michelle, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Rebecca zu beweisen, dass es nichts gab, worin sie nicht besser war. Jede Freundin, die Rebecca mit in ihr neues Zuhause brachte; jeder Junge, der sich vielleicht für sie interessierte; jedes Hobby, das sie ausprobierte – stets war Michelle zur Stelle, um sie zu übertrumpfen. Einzig ihre Liebe zu Büchern hatte Michelle ihr nicht streitig machen können.

Rebeccas Blick fiel auf die abgegriffene und signierte Schmuckausgabe von Gesichter der Liebe. Ihr Lieblingsbuch lag auf dem Nachttisch, bereit, sie in eine andere Welt zu entführen. Nur gut, dass sie es mit nach Italien genommen hatte. Wenn Dad sie schon nicht verstand, würde Rebecca in der vertrauten Geschichte und dem Geruch nach Leder und Papier Trost finden. Das tat sie immer.

„Ich werde mich mehr bemühen, Dad. Versprochen. Du hast recht, Mum hätte es so gewollt.“

Die Erleichterung in der Stimme ihres Vaters tat fast genauso weh wie die Lüge, die sie ihm zuliebe aussprach. Er begriff es einfach nicht, und sie brachte es nicht übers Herz, ihn zu enttäuschen. Nicht, wo sie für ihre Stieffamilie schon eine einzige Enttäuschung war. Ihr Dad war die einzige Familie, die ihr geblieben war, und immer wieder erinnerte er sie daran, wie sehr sich ihre Mutter für Rebecca gewünscht hätte, dass sie leichter Freundinnen fände.

„So ist es schon besser. Machen wir den Brautleuten eine schöne Woche, ja? Wir sind so selten alle zusammen, und du weißt, wie wichtig Familie für deine Mum war. Das Allerwichtigste. Aber jetzt schlaf gut, in Ordnung? Hab dich lieb, Hummelchen.“

„Hab dich auch lieb, Dad“, erwiderte Rebecca leise. Als sie das Telefon zurück auf den Nachttisch legte, streiften ihre Finger das Leder ihres Lieblingsbuches. Seit Langem hatte sie sich nicht mehr so sehr darauf gefreut, ein paar Seiten darin zu lesen, wie an diesem furchtbaren Abend.

3. KAPITEL

Die Bäume waren kleiner, als Rebecca sich vorgestellt hatte. Sie standen in Reih und Glied, verschränken die Äste ineinander und reckten sich dem Himmel entgegen.

„Apfel ist nicht gleich Apfel“, erklärte der junge Plantagenmitarbeiter ihr und den Gästen. Er hatte sich ihnen als Armando vorgestellt und führte sie bereits seit einer knappen halben Stunde durch die Plantage. Fast die gesamte Hochzeitsgesellschaft war an diesem Morgen erschienen, um an der Führung teilzunehmen.

Rebecca wäre am liebsten im Zimmer geblieben. Doch sie hatte ihrem Vater versprochen, sich mehr zu bemühen, und außerdem interessierte sie, was sie über den Apfelanbau erfahren würden. Bisher hatte sie sich nie Gedanken über Obstsäfte gemacht. Für sie war Saft gleich Saft. Man kaufte ihn in Tetra Paks im Supermarkt, oder, wenn man einmal Lust auf etwas Besonderes hatte, in Glasflaschen. Die waren zumindest besser für die Umwelt. Dass Gourmetapfelsäfte mittlerweile die Sternegastronomie eroberten, hörte Rebecca heute zum ersten Mal. Langsam lief sie neben ihrem Vater durch die unzähligen Baumreihen. Leider hatten sich auch Michelle und Lucas von ihren Freunden abgeseilt und sich an den Kopf der Gruppe gesellt. Aber nun, einen Tod musste man schließlich sterben. Egal, was kommen mochte, Rebecca würde sich einfach nicht provozieren lassen.

„Fast jeder Landstrich in Europa kann mit eigenen Apfelsorten aufwarten. Rotgestreifte Schafsnase, Goldparmäne oder Schöner aus Bath. Hunderte Apfelsorten sind nie im Supermarkt zu finden, weil ihre Lagereigenschaften unpassend sind oder ihr Anbau zu kompliziert. Einige Sorten sind sogar fast ausgestorben.“

„Kennt sich der Besitzer der Plantage denn wirklich mit dem Apfelanbau aus?“ Ungeduldig unterbrach Michelle den Plantagenmitarbeiter bei seinen Ausführungen. Im Gehen schob sie so heftig einen Ast beiseite, der weiter als die anderen in den Sandweg zwischen den Baumreihen ragte, dass Rebecca es knacken hörte. Sie biss die Zähne zusammen. Das war so typisch Michelle. Interesse heucheln, während ihre Gesten eine ganz andere Sprache sprachen. Wer so sorglos mit einer Pflanze umging, konnte sie nicht schätzen. So gut es ging, versuchte Rebecca, den Ast zurück ins Blattgrün zu schieben. Heile, heile Segen, dachte sie und kam sich außerordentlich lächerlich dabei vor. Jetzt sprach sie in Gedanken also schon mit Bäumen. Kein Wunder, dass kein Mann sich je ernsthaft für sie interessierte.

Ohne die Antwort des Italieners abzuwarten, stichelte Michelle weiter. „Na, die Bäume standen schon immer da, während das Gut laut meiner Hochzeitsplanerin erst seit acht Jahren wieder betrieben wird. Sieht für mich eher danach aus, als wäre da jemand nur zu faul gewesen, die Bäume abzuholzen.“ Sie hob theatralisch die Schultern. „Was ich durchaus verstehen könnte. Sicher hat er doch andere Interessen, als den Gärtner zu spielen. Oder ist er einer dieser aktiven Rentner“, mit den Ring- und Mittelfingern beider Hände malte sie bei dem Wort aktiv Anführungszeichen in die Luft, „die sich irgendein absurdes Hobby suchen müssen, weil ihnen sonst langweilig ist? Niemand hat mir gesagt, wie alt dieser Mann überhaupt ist, der unser Gastgeber ist und sich trotzdem nicht blicken lässt.“

„Oh, also so ist das ganz sicher nicht.“ Obwohl Armando versuchte, gelassen zu klingen, glaubte Rebecca an seinem Tonfall zu erkennen, dass er ebenso irritiert von Michelles spitzen Einwänden war wie sie selbst. „Was der Besitzer der Frutteti Cancello del Cielo hier auf die Beine gestellt hat, ist einmalig! Wir behandeln Apfelbäume mit der gleichen Sorgfalt wie Weinreben. Bei uns kommt es auf die Qualität an, nicht die Quantität. Unser Umgang mit den Früchten ist respektvoll, wir lassen ihnen Zeit, voll auszureifen und ihr ganzes Aroma zu entfalten. Angefangen haben wir mit sortenreinen Apfelsäften aus Ananasrenette und weißer Wintercalville, die jedem Wein Konkurrenz machen können. Die Bäume dieser Sorten“, mit dem Finger wies Armando auf einen Bereich der Plantage, wo rote Felsen Schatten vor der intensiven Bergsonne spendeten, „tragen nur sehr wenige Früchte. Jeder Apfel ist ein kleiner Schatz. Der Geschmack ist unvergleichlich. Frisch und spritzig die Ananasrenette, mit Noten von Zitrusfrüchten und Cassis. Lieblich und süß die Wintercalville. Ihr Duft nach weißem Pfirsich und Mirabellen ist etwas ganz Besonderes.“ Sie gingen weiter, und Rebecca wartete, dass der Hotelangestellte weitersprach. Was er erzählte, war faszinierend. Nie im Leben hätte sie geglaubt, dass es so viel über ein einfaches Obst wie Äpfel zu wissen gab. Zum Glück musste sie nicht lange warten, dann fuhr Armando fort.

„Erst in den letzten beiden Jahren sind auch Cuvées dazugekommen, Mischungen mit Minze, Ingwer, Birne oder Heidelbeere auf Apfelsaftbasis. Wer ein solches Unternehmen nicht mit Herzblut betreibt, gewinnt keine Preise auf internationalem Niveau. Im vergangenen Jahr haben wir den Corpus Culinario gewonnen.“

„Pff“, machte Michelle nur, und sie gingen weiter. Immer wieder hielt der Italiener an, pflückte Früchte von den Bäumen, ließ sie kosten und erklärte, wie sich die verschiedenen Sorten in Fruchtfleisch, Farbe und Lagerverhalten unterschieden. Es bestand kein Zweifel daran, dass die Arbeit auf der Plantage seine Leidenschaft war.

Rebeccas Sinne vibrierten von all den Eindrücken. Nur Michelle schien die Magie des Ortes kaltzulassen.

„Wenn das alles so außergewöhnlich ist und Sie wirklich schon Preise gewonnen haben, frage ich mich nur, warum der Besitzer der Plantage sich so gut versteckt und einen so jungen Mitarbeiter vorschickt. Hat er was zu verbergen? Man sollte doch meinen, er wäre stolz auf das, was er erreicht hat. Dabei hat er uns noch nicht einmal persönlich begrüßt! Ich wüsste ja schon ganz gerne, bei wem ich meine Hochzeit feiere.“

„Michelle!“ Rebecca konnte sich nicht mehr zurückhalten. „Sieh dich um. Reicht das nicht? Es ist doch vollkommen gleichgültig, wem das alles hier gehört. Jetzt bist du hier. Und es ist wunderbar. Was soll das für einen Unterschied machen, wie alt der Gastgeber ist, wie er aussieht, oder was er gemacht hat, bevor er hierherkam!“

„Du begreifst mal wieder gar nichts.“ Michelle zischte ihr die Worte so leise zu, dass wahrscheinlich nicht einmal Dad und Lauren sie hören konnten. „Nicht jeder Mensch lebt in Traumwelten. Und für mich ist es wichtig zu wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

„Was auch immer.“ Resigniert warf Rebecca die Hände in die Luft. Der Spaß an der Führung war ihr gründlich vergangen. Sie sagte kein Wort, dabei hatte der Morgen so gut begonnen.

„Pina! Pina, hierher!“ Wo zum Teufel steckte dieser Hund? Philip nahm den Pfad zwischen seinem Haus und dem Castello im Laufschritt. Der gute Kilometer Weg quer über die Ebene war ihm so vertraut wie die eigene Westentasche. Er musste nicht einmal darauf achten, wo er hintrat, und das war auch gut so, denn sein Kopf war ganz bei seinem Hund. Pina war noch nie weggelaufen. Seit er sie als acht Wochen altes Fellbündel bekommen hatte, klebte die kleine, schwarz-weiß gefleckte Mischlingshündin an seinem Bein, wann immer er ihr die Gelegenheit dazu ließ. So wie heute hatte sie sich noch nie benommen. Kaum hatte er die Eingangstür geöffnet, war die junge Hündin wie ein geölter Blitz aus dem Haus geschossen. Das hatte er also davon, dass er sie am vergangenen Abend für Rebecca vernachlässigt hatte.

Normalerweise verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht einen Augenblick Zeit nahm, um die Schönheit dieses Fleckchens Erde zu bewundern. Dafür hatte er jetzt keine Zeit. Von Armando wusste er, dass die morgendliche Führung durch die Obstgärten gut über die Bühne gegangen war. Mittlerweile saßen die Gäste auf dem gekiesten Vorplatz zwischen Haupthaus und Teich unter efeuberankten Pergolen und genossen ihr Mittagessen. Nur von Pina war weit und breit nichts zu sehen.

Ein spielerisches Bellen aus Richtung des Gartens durchbrach die Stille. Aha! Dahin also hatte sich die kleine Streunerin verzogen. Langsam folgte er den freudigen Lauten hinein in den Garten.

Doch nicht Pina fiel ihm als Erstes ins Auge, sondern … Rebecca.

Sie kniete im Schatten einer ausladenden Bluteiche und hatte beide Hände im Nackenfell seiner Mischlingshündin vergraben. Beide hatten sichtlich Spaß daran, miteinander zu balgen. Begeistert warf Pina sich vor Rebecca auf den Rücken, damit die junge Frau ihr besser den Bauch kraulen konnte. Weil dabei Pinas Rute wedelte, wackelte der ganze Hund hin und her. Rebecca ließ sich nicht lange bitten. Sinnlose Koseworte plappernd verwöhnte sie Pina, und Philip fand sich unvermittelt eifersüchtig auf seinen Hund.

Lächelnd trat er näher. „Und da heißt es immer, Hunde haben treue Seelen. Kaum verbringe ich einmal den Abend mit einer anderen charmanten Dame, kehrt sie mir den Rücken. Ich weiß nicht, ob mein Stolz das verkraftet.“

Rebecca hob ihr Gesicht, und für einen kurzen Moment stockte ihm der Atem. Hatte er gestern gedacht, sie sei hübsch? Er hatte ja keine Ahnung gehabt. Sie war wunderschön! Die Morgensonne und der Spaziergang durch die Obstgärten hatten ihre Wangen rot gefärbt. Kein Make-up verkleisterte die Reinheit ihrer Haut. Abends, in der Bar, hatte er gedacht, ihr Haar sei von einem einfachen Hellbraun. Jetzt erkannte er, dass es in Wahrheit ein Farbmosaik aus tausend verschiedenen Tönen war. Von Hellblond bis zu einem tiefen Kupferton war alles dabei. Echt und unbeschwert lächelte Rebecca ihn an. Zumindest für einen Moment, dann errichtete sie wieder ihre Schutzmauern und brachte damit Distanz zwischen sie, ohne dass einer von ihnen sich bewegt hätte.

„Philip“, sagte sie und nahm die Hände aus Pinas Fell. Die Hündin setzte sich auf die Hinterpfoten und sah Rebecca mit schräg gelegtem Kopf auffordernd an.

„Das ist Pina.“ Mit dem Kinn nickte er zu seiner tierischen Freundin. „Ihr habt euch angefreundet, wie es aussieht.“

Rebecca wich seinem Blick aus und schwieg. Offenbar hatte sie ihm sein Verhalten vom vorherigen Abend noch nicht verziehen. Er nahm einen tiefen Atemzug. „Ihr fällt es wohl leichter, deine Grenzen zu respektieren. Tut mir leid, dass ich dich gestern mit dem Kuss überrumpelt habe.“

„Das glaube ich dir gerne.“ Rebecca schnaubte abschätzig und schüttelte den Kopf. Ihre Zähne hinterließen weiße Spuren auf der Unterlippe, so tief grub sie sie in die zarte Haut.

Lass das, wollte er sagen, oder lass es mich tun. Doch er hielt sich zurück. Gestern Abend hatte er sich schon idiotisch genug benommen. Er hatte keine Ahnung, woher dieser Drang kam, sie zu berühren, sie zu küssen und ihr nah zu sein. Dabei wollte er nicht einmal mit ihr schlafen.

Na gut, das stimmte nicht. Natürlich wollte er mit ihr schlafen, aber er wollte nicht nur mit ihr schlafen. Gesichtslose Affären ohne Bedeutung hatte er in seinem alten Leben genug gehabt. Das, was Rebecca in ihm weckte, fühlte sich anders an. Nicht hektisch und hungrig, sondern wie eine Serenade in Moll, voller Sehnsucht und Sinnlichkeit. Wenn er sich danach sehnte, sie anzufassen, wollte er das ebenso sehr für sie tun wie für sich. Er rieb sich den Nacken. Das alles ergab überhaupt keinen Sinn.

Rebecca zumindest hatte eine Erklärung für seine plötzliche Verlegenheit. „Oh, vielen Dank für die Entschuldigung! Natürlich bereut ein Kerl wie du, einen Trampel wie mich geküsst zu haben. Mach dir bloß keine Sorgen! Soweit ich weiß, hat niemand deinen Ausrutscher bemerkt. Dein kleines Wohltätigkeitsprojekt wird deinen Ruf schon nicht auf immer und ewig zerstören.“ Sie stand auf.

Wohltätigkeitsprojekt? Trampel? Ihre Worte hallten in seinem Kopf wider. Doch ehe er sich einen Reim darauf machen konnte, stürmte sie davon. Schon wieder! Wenigstens auf Pina konnte er sich verlassen. Seine Hündin ließ ihn nicht damit durchkommen, wie erstarrt hinter Rebecca herzublicken. Auffordernd zupfte sie ihn am Ärmel und fiepste, während sie immer wieder von ihm zu Rebecca sah.

„Du hast recht.“ Er tätschelte Pina den Kopf, dann lief er Rebecca hinterher. Diesmal würde sie ihm nicht entkommen.

„Warte!“, rief er und packte sie am Oberarm. „Was soll das heißen, ‚dein Wohltätigkeitsprojekt‘? Was willst du damit sagen?“ Er zog an ihrem Arm und zwang sie, sich zu ihm umzudrehen. So nah war sie plötzlich. Ihr Duft stieg ihm in die Nase, vermischte sich mit dem Geruch nach frischem Gras und sattem Grün in seinem Garten. Sein Blut schäumte, sein Herz pochte.

„Dass du mich aus Mitleid geküsst hast, das will ich sagen! Warum sonst sollte ein Kerl wie du sich dazu herablassen, eine Frau wie mich zu küssen? Aber weißt du was? Danke, aber nein danke! Ich spiele zwar nicht in derselben Liga wie du und die anderen Gäste, trotzdem brauche ich keine Almosen! Lieber bin ich die Einzige hier ohne Begleitung, als den winselnden Streuner zu mimen, dem der attraktivste Mann von allen aus Barmherzigkeit einen Knochen zuwirft.“

„Das ist nicht der Grund, warum ich dich geküsst habe!“ Noch immer hielt er sie fest, sanft, aber bestimmt.

Einzelne Strähnen hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst. Sie riss an ihrem Arm, er ließ sie los, doch sie trat nicht zurück. Nase an Nase standen sie einander gegenüber. Ihre Wut machte sie mutig und unwiderstehlich zugleich.

„So? Und was war dann der Grund?“ Herausfordernd blitzte sie ihn an. Hitze strahlte von ihrem Körper ab. Erregung. Sie war wunderschön, und sie machte ihn zornig. Sie musste aufhören mit diesen Selbstanklagen. Jedes abfällige Wort, das Rebecca über sich selbst sagte, ließ Philip die Welt hassen, die ihr den Glauben vermittelt hatte, sie sei nicht begehrenswert.

„Das hier!“ Er schlang seinen rechten Arm um ihre Taille und legte seine linke Hand in ihren Nacken. Er zog Rebecca an sich, nah genug, damit sie spüren musste, was sie mit ihm machte.

Ein Seufzen entwich ihr, und Philip nutzte die Gunst des Augenblicks, indem er sie küsste. Diesmal hielt er sich nicht zurück. Er küsste sie hart und leidenschaftlich und mit all der Glut, die sie in ihm wachrief. Und als er spürte, wie Rebecca sich an ihn schmiegte und seinen Kuss erwiderte, da ahnte er, dass er von dieser Art Küsse niemals genug bekommen würde.

Langsam, immer wieder unterbrochen von kleinen Zärtlichkeiten, zog er sich irgendwann zurück. Sie beide waren atemlos und erhitzt.

„Weil du eine sinnliche Frau bist“, beantwortete er ihre Frage. „Weil ich nicht glauben kann, dass dir noch nie jemand gesagt hat, wie sexy du bist.“

Sie wollte protestieren, doch er legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. „Pst. Ich weiß, was du sagen willst. Aber dein Ex ist ein Idiot. Er ist ein dummer Junge, der eine Frau wie dich gar nicht verdient.“

Die Leidenschaft und Wut waren verloschen. Sie lächelte traurig. Sie roch nach Apfelblüten und Ingwer, ein bisschen wie der erste Saft, für den er einen Preis gewonnen hatte.

„Dann ist die Welt voller dummer Jungen. Ich bin die Einzige ohne Begleitung hier. Alle anderen sind glückliche Pärchen, nur ich hab kein ‚Plus 1‘. Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Und dazu die Gehässigkeiten von Michelle? Gott, ich würde ihr so gerne mal die Meinung sagen. Nur dass ich damit meinen Dad mehr treffen würde als sie. Er wünscht sich so sehr, wir alle wären eine große, glückliche Familie.“ Sie schnaubte abschätzig. Zwar kannte Philip sie noch keine vierundzwanzig Stunden lang, doch dass der Wunsch ihres Vaters meilenweit von der Realität entfernt war, hatte auch er schon begriffen.

Wie um ihre Gedanken zu sortieren, schüttelte Rebecca den Kopf. „Doch bei allem guten Willen: Nach der Plantagenführung auch noch ein gemeinsames Mittagessen mit dem Rest der Gesellschaft wäre definitiv zu viel für einen halben Tag gewesen. Allein unter lauter glücklichen Pärchen kann es ganz schön einsam sein.“

„Dann lass mich dein ‚Plus 1‘ sein.“

Sie befreite sich aus seiner Umarmung und sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Warum nicht? Keiner der Gäste hat mich bisher gesehen. Wenn jemand fragt, sagen wir einfach, wir haben uns erst kürzlich kennengelernt. Das ist nicht einmal gelogen. Du bist niemandem Rechenschaft schuldig, wie lange du mit deinem Freund zusammen bist.“

„Meinem Freund?“, fragte sie ungläubig.

„Ich hätte nichts dagegen, deinen Freund zu spielen. Sieh es meinetwegen als Wiedergutmachung. Dafür, dass ich gestern so ein Idiot war.“ Aus Höhe ihrer Knie erklang ein begeistertes Fiepen.

„Woher stammt der Name Pina eigentlich?“

Philip erkannte ein Ausweichmanöver, wenn er eines sah, doch diesmal ließ er sie damit durchkommen. Rebecca kraulte Pina hinter den Ohren. Begeistert leckte die Hündin Rebeccas Handinnenfläche, dann stupste sie sie mit der Nase, sodass Rebeccas Hand an die von Philip stieß. Kluger Hund.

„Ihr voller Name ist Prosperina. Ich hab sie bekommen, als ich ganz neu hierhergezogen bin. Sie stammt aus einem Wurf von einem der Bauern im Tal. Niemand wollte sie haben, weil sie kleiner und ruhiger war als die anderen Welpen. Als ich mich das erste Mal zu ihr gesetzt habe, ist sie mir auf den Schoß geklettert und hat sich zu einem Ball zusammengerollt. Da hatte ich das erste Mal nach langer Zeit das Gefühl, dass mich jemand wirklich mag. Und wie sagt man so schön? Der Rest ist Geschichte. Seither weicht sie mir nicht mehr von der Seite.“ Er zuckte die Schultern. „Ihren Namen hat sie noch von ihrem ersten Besitzer. Prosperina ist die römische Göttin des Neubeginns. Er hat ihr den Namen gegeben, und ich fand ihn ganz passend. Dieser Ort hier, die Täler … Mit Pina gemeinsam habe ich hier noch einmal ganz neu angefangen. Was mich zu Hause aufgefressen hat, ist auf der anderen Seite der Berge geblieben. Am Anfang war der Neubeginn wie ein Schauspiel. Einen Tag nach dem anderen habe ich getan, als ob ich hier oben glücklich wäre. Aber irgendwann musste ich mich nicht mehr anstrengen, und aus der Schauspielerei ist die Wahrheit geworden.“

Stille senkte sich zwischen sie. Keine unangenehme Stille, sondern das Schweigen, das zwischen Menschen entstand, wenn Gedanken wichtiger waren als Worte. Er sah, wie es in Rebecca arbeitete, wie sie sich durch den Kopf gehen ließ, was er ihr gesagt hatte. Sicher, er hatte ihr von Pina erzählt, doch sie war klug genug, um die Aufforderung in seiner Geschichte zu erkennen. Trau dich, dachte er. Wir können doch beide nur gewinnen.

Schließlich schien ein Ruck durch Rebecca zu gehen. Obwohl sie den Kopf schüttelte, kicherte sie, packte Philip an den Ohren und zog seinen Mund an ihren. „Okay, du Träumer. Probieren wir deine verrückte Idee. Spielen wir das glückliche Paar und schauen wir mal, wohin uns das bringt. Und sei es nur, um Michelle zu ärgern! Jetzt bin ich doch nicht die Einzige, die es nicht geschafft hat, sich ein Date zu besorgen. Es ist ja auch nur für eine Woche. Mal sehen, ob deine Berge auch für mich Wunder wirken können.“

Zum Abendessen servierte der Koch hausgemachte Tortellini mit Radicchio und Speck neben cremigem Risotto mit Spargelspitzen und Steinpilzen als Primi Piatti. Es folgten saftige Fleischspieße, die an Polenta, mit frischer Minze verfeinerten gegrillten Auberginen und mit Parmesankäse abgeschmeckten Zucchini serviert wurden. Lauwarme Feigen in Limonenvinaigrette rundeten das Menü ab. Wer wollte, konnte Weißwein trinken, doch den Mutigeren unter den Gästen empfahl die Küche eine Auswahl aus hauseigenen Saftmischungen. Apfelsäfte, die kaum etwas mit dem Zeug gemein hatten, das es in Supermarktregalen zu kaufen gab. Die Säfte der Frutteti schmeckten viel weniger süß und waren passend zur Menüfolge mit Kräutern und Gewürzen verfeinert. Manche besaßen die Schärfe von Ingwer, andere verzauberten den Gaumen mit einem Hauch von Minze oder der zarten Bitterkeit von Wacholder.

Rebecca blickte auf die farbenfrohen Köstlichkeiten auf ihrem Teller. Die Speisen sahen nicht nur köstlich aus, sie dufteten auch, dass einem das Wasser im Mund zusammenlief. Was für eine Schande, dass sie nicht jeden Bissen zelebrieren konnte, wie er es verdient hätte.

Auf Wunsch der Braut saßen sie und Philip gemeinsam mit Michelle, Lucas, Lauren und Rebeccas Vater am Brauttisch. Natürlich hatte Michelle zunächst verhalten reagiert, als Rebecca ihr gesagt hatte, dass sie nicht alleine zum Abendessen erscheinen würde. Armando, der das Gespräch zwischen den beiden Stiefschwestern mitgehört hatte, versicherte jedoch, dass das kein Problem sei. Er würde für ein weiteres Gedeck sorgen. Damit war die Sache erledigt. Falls er sich darüber gewundert hatte, woher der zusätzliche Gast plötzlich kam, hatte er sich das zumindest nicht anmerken lassen.

Nur mit Mühe gelang es Rebecca, nicht vor Nervosität auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Sie spürte die Blicke der anderen auf sich und Philip. Himmel, es würde sie nicht wundern, wenn der ein oder andere Gast vermutete, sie hätte einen Callboy engagiert, nur um nicht das fünfte Rad am Wagen – sorry, Brauttisch – mimen zu müssen. Immerhin, so weit entfernt von der Wahrheit war das nicht einmal. Sie und Philip spielten ein Spiel. Irgendetwas wollte er ihr beweisen, und nur der Teufel wusste, warum sie sich auf dieses Wagnis eingelassen hatte. Aus Verzweiflung vielleicht. Oder es war der Wunsch, einmal zu erleben, wie es war, den Abend in Gesellschaft eines Mannes wie Philip zu verbringen. Gut aussehend, charmant, ein bisschen draufgängerisch und doch feinfühlig. Blieb nur zu hoffen, dass sich das Schicksal für dieses kleine Schauspiel nicht an ihr rächen würde.

„Philip“, hörte sie den tiefen Bass ihres Dads. „Ich muss schon sagen, da hat uns Rebecca eine ganz schöne Überraschung bereitet. Kein Wort hat sie uns davon verraten, was für eine charmante Begleitung sie mit zu Michelles und Lucas’ Hochzeit bringen würde.“

„Das ist nur meine Schuld.“ Mit der lockeren Eleganz eines echten Gentleman tupfte sich Philip den Mund mit seiner Stoffserviette ab, dann legte er seine Hand auf Rebeccas. Ganz so, als hätten er diese Geste bereits tausendmal vollführt. Rebecca wurde es ganz warm ums Herz.

„Ich war in letzter Zeit beruflich sehr eingespannt und konnte nicht sicher sagen, ob ich mir die Zeit freinehmen kann. Sicherlich wollte Rebecca den Gastgebern keine Umstände machen, indem sie einen Begleiter ankündigt, der dann nicht kommen kann.“

„So?“ Jetzt mischte sich Michelle in die Unterhaltung ein. „Verraten Sie uns auch, was Sie arbeiten, dass es Ihnen nicht möglich ist, ein paar Wochen im Voraus zu planen?“

Als hätte er den spitzen Tonfall ihrer Stiefschwester nicht mitbekommen, schenkte Philip Michelle sein strahlendstes Lächeln. „Wir sind zum Feiern hier. Lassen wir die Arbeit außen vor, ja? Ich habe mich sehr auf ein paar Tage mit Rebecca und den Menschen, die ihr etwas bedeuten, gefreut.“ Wie einen Punkt ans Ende eines Satzes setzte er hinter seine Worte einen Kuss auf Rebeccas Schläfe. Ihr Vater seufzte voller Verzückung. Prompt überkam Rebecca das schlechte Gewissen. Dad wünschte sich so sehr für sie, sie möge glücklich sein. Nur seinetwegen ertrug sie Michelles Spitzen und Gemeinheiten, wann immer sie als Familie zusammen waren. War es nicht ihr gutes Recht, auch einmal etwas für sich zu tun? Auch wenn sie ihn dafür belügen musste. Himmel, es musste sich so viel leichter leben ohne ein Gewissen! Hätte sie ein besseres Verhältnis zu Michelle, würde sie ihre Stiefschwester glatt fragen, wie die das anstellte.

„Interessant, wie Sie das sehen.“ Nun war es Lucas, der sie und Philip mit Argusaugen musterte. Zum ersten Mal seit Langem fiel es Rebecca nicht schwer, den Blick ihres Ex-Freundes zu erwidern. Was hatte sie nur an ihm gefunden? Wie war es möglich, dass sie seine Falschheit nicht schon früher erkannt hatte? Den Opportunismus, der ihn immer nur an seinen Vorteil denken ließ, nie an andere. Jetzt, mit etwas Abstand, sah sie eines ganz klar: Er und Michelle waren tatsächlich ein wunderbares Paar. Die beiden hatten einander verdient.

„Michelle und mich verbinden vor allem unsere gemeinsamen Interessen.“ Lucas sprach aus, was sie sich gerade gedacht hatte. Zwar mit anderen Worten, aber trotzdem. „Nach unserer Hochzeit werde ich die finanzielle Leitung des Familienunternehmens meiner künftigen Frau übernehmen, wussten Sie das? Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn wir nicht ein gemeinsames Ziel hätten. Wir wollen ein Unternehmen weiterführen, das seit fast hundert Jahren Geschichte schreibt. Man sieht es auch an Lauren und Richard. Zukunftsträchtige Beziehungen fußen auf dem Fundament eines gemeinsamen Ziels.“ Natürlich wusste Rebecca, wem Lucas’ Worte galten, doch heute Abend verfehlte der Hieb sein Ziel. Dass sie nicht denselben Ehrgeiz besaß wie Lucas, war immer ein Streitpunkt zwischen ihnen gewesen. Seit dem Moment, als er erfahren hatte, dass ihrer Stieffamilie eines der traditionsreichsten Verlagshäuser Großbritanniens gehörte, hatte es für Lucas nur noch dieses Thema gegeben.

Philip konnte das nicht wissen, trotzdem schien er instinktiv zu spüren, dass es hier um mehr ging als um harmlose Dinner-Konversation. Er löste seine Hand von Rebeccas und stützte stattdessen den Arm auf die Rückenlehne ihres Stuhls. Warm strichen seine Finger über ihren Nacken, während sein Blick weiter auf Lucas gerichtet war. „Interessant. Ich für meinen Teil bin nämlich der Meinung, Liebe sollte das Fundament sein, auf dem eine Beziehung fußt.“

Für die Dauer eines Atemzugs war es, als würde der ganze Tisch die Luft anhalten, so endgültig war Philips Aussage, und auch so eindeutig seine Botschaft. Mitten in dieser Stille wäre Rebecca am liebsten jubelnd aufgesprungen. Philip Bradshaw 1 – Lucas Hunter 0. Wie gut es tat, auf der Gewinnerseite zu stehen! Und das Beste war: Sie musste kein schlechtes Gewissen haben. Sie hatte ihr Versprechen, Michelle gegenüber nett zu sein und sich um eine harmonische Stimmung zu bemühen, nicht gebrochen. Auch Philip war nicht unfreundlich gewesen. Ein Mann wie er hatte das gar nicht nötig, um seinen Standpunkt klarzumachen. Nur mit Mühe verbiss sie sich ein Kichern. Endlich einmal erlebte sie, wie jemand dem selbst ernannten Traumpaar Michelle und Lucas den Wind aus den Segeln nahm.

Rebeccas Vater hatte keine Hemmungen, offen zu zeigen, dass ihm Philips Schlagfertigkeit gefiel. Sein sonores Lachen durchbrach die Spannung. „Darauf sollten wir trinken.“ Er hob sein Glas und nickte auffordernd in die Runde. „Auf die Liebe. Und auf unsere beiden jungen Paare hier. Mögen sie glücklich werden.“

„Auf die Liebe“, antwortete Rebecca gemeinsam mit ihren vier Tischgenossen, und für diesen einen Moment fühlte es sich an, als wäre das zwischen Philip und ihr tatsächlich echt.

Auf dem kurzen Weg zu ihrem Zimmer im Castello hielt Philip seine Hand auf Rebeccas Rücken. Während des Abendessens hatte Pina still unter dem Tisch gelegen und keinen Mucks von sich gegeben. Jetzt trottete sie zufrieden neben Rebecca her, die Flanke eng an deren Bein gepresst, ganz so, als könnte die Hündin nicht genug von ihrer Nähe bekommen.

Ich weiß, Mädchen. Mir geht es ja nicht besser, dachte Philip. Er hasste jeden Schritt, den sie machten, denn mit jedem Schritt kamen sie dem Ende des Abends näher. Egal, wie sehr Michelle und ihr Verlobter ihn ins Visier genommen hatten, die Zeit mit Rebecca hatte Philip genossen. Es brauchte so wenig, um sie glücklich zu machen. Oder zumindest glücklicher. Welcher Mann würde sich nicht fühlen wie der Held eines Liebesromans, wenn Rebecca ihm ein Lächeln schenkte wie ihm, nachdem er diesem arroganten Kerl den Wind aus den Segeln genommen hatte? Philip jedenfalls reichte ein Abend nicht. Er wollte mehr.

Vor ihrer Zimmertür blieben sie stehen. Rebecca angelte in ihrer Hosentasche nach dem Schlüssel. Ganz dunkel war es im Flur, nur hier und da drangen schmale Lichtstreifen unter den Türen der anderen Gästezimmer zu ihnen. „Also dann“, sagte sie.

Philip schluckte. Zu lange schon hatte er sich hinter einer Maske versteckt. Er war des Spielens müde. Wenn ihn dieser Abend eines gelehrt hatte, dann dass es sich lohnte, sich aus seinem Schneckenhaus zu wagen. Nur wer sich ins Leben stürzte, konnte etwas daraus machen.

„Rebecca …“ Er trat einen weiteren Schritt auf sie zu. Die Zimmertür war in ihrem Rücken, sie konnte nicht zurückweichen. Er hoffte inständig, dass sie es auch gar nicht wollte. Er beugte sich zu ihr, legte seine Hand an ihre Wange und spürte ihre warme, zarte Haut. Ein bisschen war es wie ein Tanz, ein argentinischer Tango. Vorstoß und Rückzug. Ihre Augen sagten ja und machten ihm Mut. „Du könntest mich hinein…“

„Nicht“, bat sie in den Kuss hinein, den er ihr auf die Lippen hauchte. „Bitte mich nicht darum. Es war so ein schöner Abend. Ich kann dich nicht hineinbitten.“

„Du hast doch nicht etwa Angst, dass der Abend dann doch noch ein Reinfall wird? Du unterschätzt mich.“ Er schlug einen neckenden Tonfall an, doch eigentlich meinte er es nicht so. Nicht wirklich. So viele Jahre hatte er nur das Gegenteil gekannt, war gelobt und überschätzt worden. Er kannte die Erwartungen, die damit einhergingen. Die Enttäuschung, zu der man wurde, wenn man nicht funktionierte. Das hier war anders.

„Ich kenne dich nicht, Philip. Lucas dachte ich zu kennen, und trotzdem hat er mich enttäuscht. Ich will das nicht noch einmal erleben. Nicht viele Menschen glauben an mich. Wenn ich mir nicht einmal mehr selbst vertrauen kann …“ Sie stockte, und im Dämmerlicht des Flurs meinte er eine Träne in ihrem Augenwinkel glitzern zu sehen. „Dann habe ich nichts mehr.“

„Das verstehe ich.“ Das tat er wirklich, und er nahm ihr ihre Zweifel nicht übel. Im Gegenteil, ihr Misstrauen machte ihn frei. Nach all der Zeit war sie vielleicht die Erste, die er nicht enttäuschen konnte, denn die Welt hatte sie gelehrt, nur das Schlechteste zu erwarten. Wie sehr sie verletzt worden sein musste! Wie sehr er sich wünschte, ihr zu zeigen, dass es auch anders ging. Mit dem Daumen fing er die Träne ein, dann küsste er Rebeccas Lippen. Zart und vorsichtig, als wäre sie ein kostbarer Schatz.

„Du hast eine ganze Woche lang Zeit, um mich kennenzulernen.“ Auch das war neu. Normalerweise wollte er nicht kennengelernt werden. Er wollte für sich leben, fernab der Welt, verborgen hinter jahrtausendealten Gebirgsmassen, die ihn von allem abschirmten, was ihn in seinem alten Leben kaputtgemacht hatte.

Doch Rebecca sollte ihn kennen. Den Mann, der er wirklich war. So viel schuldete er ihr dafür, dass sie ihm half, sich zurück in die Welt zu wagen.

„Dann bis morgen?“ Ihre Stimme zitterte.

Er nickte. „Morgen Vormittag muss ich arbeiten, aber ab dem Mittagessen gehöre ich wieder dir.“

„Wo ist Pina, wenn du arbeitest?“

Als hätte sie genau mitbekommen, dass sich das Gespräch ihr zuwandte, hob die Hündin den Kopf.

Philip lachte. „Sie kann mich begleiten.“

Die Hündin winselte und drückte sich noch näher an Rebecca.

Das brachte auch Rebecca zum Lachen. „Wenn ihr langweilig ist, während du arbeitest, kann ich so lange auf sie aufpassen. Ich glaube, sie mag mich.“

„Natürlich mag sie dich. Sie hat einen guten Geschmack. Gute Nacht, Rebecca.“

„Gute Nacht, Philip. Danke für den Abend. Ich hatte … Es war wirklich schön.“

Ehe die Gefahr zu groß wurde, den zweiten Abend in Folge mit einer Dummheit zu beenden, verabschiedete er sich von ihr. Sie verabredeten, wann er ihr morgen Pina bringen würde, dann schloss sie die Tür. Eine Weile lauschte er noch auf die Geräusche auf der anderen Seite, stellte sich vor, was sie tat. Zuerst würde sie sich die Schuhe abstreifen, dann die Jacke. Sie müsste sich anstrengen, um den Reißverschluss im Rücken ihres Kleides zu öffnen. Ein Dreieck alabasterfarbener Haut würde sichtbar werden, dort, wo sie den Reißverschluss herunterzog. Hitze schoss ihm in die Lenden. Er schüttelte den Kopf über sich selbst. Ganz toll gemacht, Bradshaw. Das ist genau der richtige Weg, um sie nicht noch einmal zu überrumpeln.

Auf dem Weg zu seinem Haus verschluckte die Nacht Pinas leises Hecheln. Das ehemalige Wirtschaftsgebäude, in dem er lebte, stand am Rande der Hochebene, halb in den Hang hinein gebaut, wo es sich unter Fichten und Kiefern duckte. Als er das Castello mit dem dazugehörigen Land und den alten Gebäuden gekauft hatte, war die Entscheidung für dieses Haus aus purem Instinkt heraus gefallen. Das Castello selbst war ihm damals zu groß vorgekommen, zu fremd und unpersönlich. Er hatte einen Ort gebraucht, wo er sich verstecken und seine Wunden lecken konnte. So war seine Wahl auf das alte Schmiedehaus gefallen. Es war das erste Gebäude gewesen, das er wiederhergerichtet und mit neuem Leben gefüllt hatte, und auch wenn er mittlerweile problemlos in das repräsentative Haupthaus hätte umziehen können, bevorzugte er es, sein eigenes Reich zu haben. Allein der tägliche Gang durch die Plantage hatte seinen Reiz. Egal zu welcher Jahreszeit, die Apfelbäume erinnerten ihn stets daran, dass das Leben weiterging. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter, immer wieder änderten die Bäume ihr Aussehen. Mal trugen sie Blüten, dann Früchte, dann hielten sie Ruhe, doch im Grunde blieben sie immer gleich. Ganz anders als der vergängliche Ruhm, den ihm sein Buch beschert hatte. Für eine Weile war Philip in England wie ein Star behandelt worden, nur damit man ihn im nächsten Moment vergessen konnte.

„Ein Hochzeitsgast, der sich nachts aus dem Castello stiehlt?“ Ein Schnauben in der Dunkelheit ließ Philip aufhorchen. „Was auch immer du für ein Spiel spielst, ich glaube dir nicht eine Sekunde, dass du bist, wer du zu sein vorgibst.“

Pina knurrte. Unbehagen packte Philip. Die altbekannte Angst, erkannt zu werden. Eine warnende Stimme erklang in seinem Hinterkopf. Dann fängt alles von vorne an. Das Reißen. Das Zerren. Der Druck. Die Erwartungen.

Er griff seiner Hündin in den Nacken. Es tat gut, beschützt zu werden. „Pst, Mädchen, ganz ruhig“, murmelte er. Dann rief er lauter: „Wer ist da?“

Ein Schatten regte sich in der Dunkelheit und näherte sich ihm. Pina bebte vor Aufregung, doch dann erkannte Philip den Mann, der ihn angesprochen hatte. Sobald Philip sich entspannte, beruhigte sich auch Pina. „Lucas“, stellte er fest. „Mit Ihnen habe ich hier nicht gerechnet.“

„Das glaube ich gerne.“

„Was wollen Sie von mir?“

„Das sagte ich bereits. Ich will wissen, wer Sie sind. Rebecca ist naiv genug, um zu glauben, dass Sie sich tatsächlich für sie interessieren. Oder verzweifelt genug, nicht nachzufragen, weil sie nicht allein an dieser Hochzeit teilnehmen will. Doch ich habe Sie im Visier, Mann. Was wollen Sie von mir und Michelle?“

„Ich sag Ihnen, was Ihr Problem ist.“ Selbstbewusst trat Philip an den anderen heran. Die aufkeimende Wut über Lucas’ Unverschämtheit ließ ihn seine Angst vergessen. Dieser Mann hatte genug Unheil angerichtet. Solange Philip etwas zu sagen hatte, würde er ihm keine weitere Gelegenheit dazu geben. „Sie nehmen sich zu wichtig! Im Leben dreht sich nicht alles um Sie oder Ihre Verlobte.“

„Aber um Rebecca?“ In Lucas’ Tonfall schwang beißender Spott mit. „Ich bitte Sie. Wie lange kennen Sie sie?“

„Das tut nichts zur Sache.“

„Ich kenne sie seit fünf Jahren, wussten Sie das? Wussten Sie, dass sie mit mir zusammen war, ehe ich Michelle kennenlernte und festgestellt habe, dass ich mich nicht mit dem Trostpreis zufriedengeben muss? Michelle gibt mir alles, was ich mir von Rebecca gewünscht habe. Vielleicht wäre ich sogar bei ihr geblieben, hätte sie sich ein wenig zuvorkommender erwiesen. Ich hab ihr oft genug gesagt, was sie machen muss, damit ich bleibe.“

„Und das wäre?“ Er wollte es nicht wirklich wissen. Lucas Hunter widerte ihn an.

„Dass sie ein gutes Wort für mich bei ihrem Vater oder ihrer Stiefmutter einlegt. Ich hatte nie vor, auf immer und ewig ein kleiner Buchhalter zu bleiben. Aber sie musste ja stur bleiben und sagen, die Firma ginge sie nichts an. Nun frage ich mich: Hat sie dazugelernt? Verspricht Sie Ihnen Firmengeheimnisse, damit Sie den verliebten Gockel spielen? Wenn das der Fall ist, lassen Sie sich sagen, es wird Ihnen nicht weiterhelfen. Die Zeiten in der Branche mögen hart sein, aber Michelle hat einen Plan, und wenn dieser Plan aufgeht, löst das alle Probleme für uns. Mehr müssen Sie nicht wissen. Wir werden für so viel Furore sorgen, dass niemand mehr fragen muss, ob dieses Unternehmen die Krise überleben kann.“

Wäre Philip nicht so zornig gewesen, wahrscheinlich hätte er gelacht. Dieser Typ hatte eindeutig zu viele Agenten- und Spionagethriller gesehen. In was für einer Welt lebte der denn? Ein paar Wolken, die zuvor den Himmel verdunkelt hatten, zogen weiter, und auf einmal konnte Philip Lucas ganz deutlich erkennen.

„Wissen Sie was? Sie haben größere Probleme, als ein verblendeter Idiot zu sein, der eine Frau fallengelassen hat, die viel zu gut für ihn ist.“ Er machte einen weiteren Schritt auf Lucas zu und stieß ihm den Zeigefinger gegen die Brust. Als Pina seine Geste mit einem tiefen Grollen untermalte, wies er sie nicht zurecht. „Lassen Sie Rebecca und mich in Frieden, verstanden? Solange Sie sich an diese einfache Regel halten, werden wir prima miteinander auskommen.“

Im Mondlicht sah Philip, wie Lucas’ Kiefer mahlten. Er bezweifelte, dass es seine Ansage war, die Rebeccas Ex beeindruckte. Dabei meinte er es ernst. Wo auch immer dieser Beschützerinstinkt herkam, diesen Armleuchter mit seinen Drohungen durchkommen zu lassen, kam einfach nicht infrage. Er ahnte, dass in dieser Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Zum Glück hatte Philip Pina auf seiner Seite, die ihm half, zumindest diese Schlacht für sich zu entscheiden. Die Hündin mochte zwar nicht groß sein, aber ihre Zähne waren spitz genug, um Eindruck zu schinden. Ein paar Sekunden lang kämpfte Lucas noch mit sich, dann wandte er sich ab und ging davon.

4. KAPITEL

Weiße Wolkenberge verwandelten den Himmel in eine Leinwand für die Natur. Blutrot leuchteten die Früchte der späten Apfelsorten zwischen den grünen Blättern der Bäume. Grün, Weiß, Rot, das Land malte sich selbst, ging es Rebecca durch den Kopf. Es bekannte sozusagen Flagge.

Sowie Philip sich zu ihr bekannt hatte, gestern beim Abendessen. Wenn sie an Philip dachte und an den Hunger in seinen Augen, als er sie zu ihrem Zimmer gebracht hatte, wurde ihr ganz warm ums Herz. Philip war ein Bild von einem Mann. Wild und ungestüm sah er aus mit den schwarzen Haaren und der markanten Nase. Doch wenn er Rebecca anschaute, erkannte sie hinter dem Feuer seiner Augen einen Blick auf den Teil von ihm, der unter dem attraktiven Äußeren verborgen lag. Diesen Teil schützte er mit Vorsicht und verbarg ihn hinter jeder Menge Charme. Beim Abendessen hatte Philip sich liebenswürdig und gesellig gegeben, aber Rebecca ahnte, dass mehr hinter seiner Weigerung steckte, Details über sich preiszugeben. Jedes Mal, wenn er ein Ausweichmanöver hinter einem Kompliment an sie oder Lauren versteckte, kam er ihr vor wie ein Phantom mit einem schönen Gesicht. Ein Phantom, das sie besser kennenlernen wollte.

Mit dem Zeigefinger fuhr sie die Buchstaben auf dem Umschlag ihres Buches nach. Der Autor hieß R. S. Phantom. Kein Wunder, dass sie an das Wort dachte.

Ein Lesezeichen markierte die Stelle, wo Rebecca zuletzt aufgehört hatte, und sie schlug das Buch wieder auf. Die meisten Gäste verbrachten den Vormittag am Pool. Trotz der Wolken war es warm genug, um im Wasser zu planschen. Rebecca hatte sich einen ruhigeren Ort abseits des Geschehens gesucht. Unter einem weit ausladenden Walnussbaum saß sie in einem Liegestuhl, Pina neben sich und ihr Lieblingsbuch auf dem Schoß. Es dauerte nicht lange, und Rebecca verlor sich in der Geschichte.

Die Story handelte von einer Frau namens Marianne Wishfull. Marianne war jenseits der Sechzig und sollte von ihren Verwandten ins Altersheim abgeschoben werden. Unwillig, sich derart bevormunden zu lassen, büxt die alte Dame in dem Roman mit ihrem rostigen VW-Bus aus und findet in einem jungen Schriftsteller auf der Suche nach Inspiration einen unwahrscheinlichen Reisebegleiter. Gemeinsam lernen sie die verrücktesten Menschen kennen und hören ihre Geschichten. Geschichten vom Lieben und Leben, vom Loslassen und Wiederfinden, von Trauer und Glück und von Leidenschaften, die gelebt werden müssen, um nicht wie eine vergessene Pflanze zu verkümmern.

Rebecca hatte das Buch mittlerweile so oft gelesen, dass sie es größtenteils auswendig kannte. Doch jedes Mal aufs Neue verzauberten sie die Geschichte und die Worte, mit denen der Autor sie erzählte. R. S. Phantom war ein echtes Genie.

Gerade kam sie an eine ihrer Lieblingsstellen, als etwas Feuchtes an ihrem Unterarm sie aufschreckte.

„Ih!“ Sie ließ das Buch los. Pina saß vor ihr auf den Hinterbeinen und sah sie unschuldig an. Rebecca kraulte ihr die Ohren, dann wollte sie sich wieder in ihr Buch vertiefen. Von der Idee hielt Pina gar nichts. Ihre Nase schnellte hervor, und mit kleinen Kopfbewegungen schob sie ihre Schnauze unter Rebeccas Arm, bis diese ihr Buch losließ.

„He, lass das!“ Rebecca lachte. „Wir haben schon einen langen Spaziergang gemacht und Ball gespielt. Ich hab auch mal eine Pause verdient.“

War das ein Grinsen im Gesicht der Hündin? Das war ganz sicher ein Grinsen, vor allem, als sie Rebeccas Buch so lang mit ihrer Schnauze bearbeitete, bis es Rebecca vom Schoß fiel.

„Ach, komm schon.“ Rebecca hob das Buch auf, klappte es ordentlich zu und legte es auf den kleinen Kaffeetisch neben ihrem Liegestuhl. „Die Geschichte ist echt schön. Und man kann doch nicht den ganzen Vormittag herumrennen. Nicht jeder hat deine Kondition!“ Natürlich konnte Rebecca Pina trotzdem nicht widerstehen.

Halb lachend, halb seufzend erhob sie sich aus dem Liegestuhl.

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