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ROMANA EXTRA BAND 8

MICHELLE DOUGLAS

Am weißen Strand erwacht die Sehnsucht

Nie hätte Dominic gedacht, dass er die unfreiwillige Wohngemeinschaft mit der verwöhnten Tochter seines Chefs so genießen würde. Ist der Frauenschwarm etwa dabei, sich in die süße Bella zu verlieben?

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Jared hat keine Ahnung, dass die hübsche Nanny seiner Nichten eine echte Prinzessin ist. Er weiß nur, dass er sie für immer in seinen Armen halten möchte. Leider ruft die Pflicht sie an den Hof zurück …

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Am weißen Strand erwacht die Sehnsucht

1. KAPITEL

Ich komme zu spät, dachte Bella Maldini, während sie den Korridor entlangeilte. Zum wiederholten Mal befielen sie Zweifel, ob sie der selbst gewählten Aufgabe gewachsen war. Gleich darauf rief sie sich energisch zur Ordnung. Du leidest nur unter Lampenfieber, beruhigte sie sich. Ein Blick auf die Armbanduhr bestätigte ihr, dass sie die Besprechung pünktlich erreichen würde.

Wäre ich bloß nicht stehen geblieben, um mit Charlie zu quatschen, oder mit Emma, Sophie und Connor, schalt sie sich und legte einen Schritt zu. Wenn sie sich verspätete, wäre das eine Bestätigung für ihren Vater, der ohnehin eine schlechte Meinung von ihr hatte. Das Gespräch, das sie letzte Woche mit angehört hatte, hätte ihr als Warnung dienen müssen.

Als sie den Hörer an der Nebenstelle in der Küche abgenommen hatte, war sie zufällig Zeugin eines Telefonats zwischen ihm und ihrer Tante in Italien geworden. „Bella ist verwöhnt, eigensinnig und gedankenlos. Von harter Arbeit und Einsatzbereitschaft hat sie noch nie gehört“, hatte ihr Vater geklagt und, noch ehe sie den Hörer wieder auflegen konnte, hinzugefügt: „Und ich bin schuld daran.“

Unwillkürlich verlangsamte sie das Tempo. Es tut mir so leid, Papa. Sie bedauerte, ihn enttäuscht und verletzt zu haben. Aber noch schlimmer war, dass er die Verantwortung für ihre Fehler sich selbst zuschrieb.

Bella atmete bewusst tief durch und beschleunigte wieder. In den achtzehn Monaten, die sie in Italien verbracht hatte, hatte sie sich verändert, das würde sie ihm beweisen. Instinktiv umfasste sie die farblich aufeinander abgestimmten Schnellhefter unter ihrem Arm fester.

Im nächsten Augenblick blieb sie abrupt stehen und schlug sich entsetzt mit der Hand vor die Stirn. Nach dem Gespräch mit Charlie hatte sie die Kostproben in der Küche vergessen!

Wieder warf sie einen Blick auf die Uhr. Noch bestand die Chance, pünktlich zu ihrem Termin zu kommen. In die Küche zurückzueilen, um die Häppchen zu holen, würde dagegen eine kleine Verspätung bedeuten, mit der ihr Vater ohnehin rechnete.

Sie überlegte kurz und machte dann auf dem Absatz kehrt. „Halten Sie den Lift an!“, rief sie, als sie hörte, wie sich die Türen des Aufzugs gleich um die Ecke schlossen. Sie lief los, aber es war zu spät, er befand sich bereits auf dem Weg nach unten, als sie ihn erreichte. Frustriert schlug sie auf den Knopf an der Wand neben der Tür.

Gleich darauf bekam sie sich wieder in den Griff. Statt mit Kostproben meiner Menüs werde ich meine Fähigkeiten ausschließlich mit Hilfe der bunten Ordner unter Beweis stellen, nahm sie sich vor. Allerdings hoffte sie, dass sie keiner allzu genauen Befragung unterzogen werden würde. Katie, die Sekretärin ihres Vaters, hatte ihr die Unterlagen erst am Vorabend zukommen lassen und sie angefleht, ihm nichts von der Verspätung zu verraten. Daher war ihr nur Zeit geblieben, die Papiere auszudrucken und abzuheften, lesen konnte sie sie erst nach der Besprechung.

So schnell es ging, eilte sie zum Büro ihres Vaters. Gib dich professionell, ermahnte sie sich. Er sollte auf den ersten Blick erkennen, dass sie diesmal sein Vertrauen verdiente.

Die Vorzimmerdame winkte sie sofort durch. Bella klopfte an und trat ein.

„Du kommst zu spät“, empfing Marco Luciano Maldini seine Tochter barsch.

Verwirrt sah sie auf die Armbanduhr – sie lag exakt in der Zeit. „Guten Morgen, Papa. Falls ich mich verspätet habe, tut es mir aufrichtig leid.“ Damit bot sie ihm Gelegenheit, sich für die schroffe Begrüßung zu entschuldigen und vielleicht sogar zuzugeben, dass sie pünktlich war.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Katie hat dir eine SMS geschickt. Das Treffen wurde um eine Viertelstunde vorgezogen.“

Oh nein! stöhnte sie innerlich. Sie hatte das Handy ausgeschaltet, um sich ungestört auf die wichtigste Besprechung ihres Lebens vorzubereiten. Verlegen entschuldigte sie sich, aber ihr Vater winkte ungeduldig ab.

„Dominic, darf ich dir meine Tochter Bella Maldini vorstellen? Bella, das ist Dominic Wright.“

Erst jetzt bemerkte sie den anderen Mann im Raum, und für einen Moment verschlug es ihr die Sprache. Volles blondes Haar, unglaublich blaue Augen, ein wachsamer Blick. Er sah nicht einfach nur attraktiv aus, sondern … schlichtweg umwerfend.

Verlegen räusperte sie sich. „Ich, ähem … Sehr erfreut, Mr Wright.“

Wo war nur ihre Professionalität geblieben?

„Nennen Sie mich Dominic. Es würde mich freuen, wenn wir uns duzen, wie Ihr Vater und ich es seit Langem tun.“

Das also war der Mann, in dessen Händen ihre Zukunft lag. Unvermittelt fiel Bella das Atmen schwer. Man hatte sie gewarnt, dass der charmante, gut aussehende Dominic zu den gefährlichsten Männern in ganz Sydney zählte. Es hieß, er bräche Frauenherzen reihenweise und verspeise unerfahrene Jungfrauen wie sie zum Frühstück. Selbstverständlich hatte sie diese Gerüchte als Unfug abgetan. Für sie war er nicht mehr, aber auch nicht weniger als ihr Furcht einflößender künftiger Vorgesetzter.

In diesem Moment bemerkte sie, dass er sie ebenfalls abschätzend betrachtete. Das brachte sie erneut aus dem Konzept. Gleich darauf lächelte er offen. „Ich bin sehr erfreut, deine Bekanntschaft zu machen.“

Für einen Moment stockte ihr das Herz. An den Gerüchten ist offenbar doch etwas dran, gestand sie sich widerstrebend ein, denn allein sein Lächeln wirkte unwiderstehlich.

Als er ihr die Hand hinstreckte, schlug sie automatisch ein. „Ganz meinerseits“, brachte sie zu ihrem eigenen Erstaunen über die Lippen. Hastig entzog sie ihm die Hand und ignorierte das Kribbeln, das seine Berührung ausgelöst hatte. Über seinem einnehmenden Lächeln durfte sie nicht vergessen, dass er als knallharter Geschäftsmann galt und ihr Vater große Stücke auf ihn hielt. Es wäre klug, ihm immer mit äußerster Vorsicht zu begegnen.

„Wenn ihr euch ausreichend beschnuppert habt, können wir mit der Besprechung beginnen“, unterbrach ihr Vater ihre Überlegungen. „Setzt euch.“ Nachdem sie seiner Aufforderung gefolgt waren, stützte er sich mit beiden Händen auf dem Schreibtisch auf und kam ohne Umschweife zur Sache: „Dominic, du wirst gemeinsam mit Bella das Newcastle Maldini Hotel auf die Eröffnung vorbereiten. Ich erwarte, dass alles bis zur Einweihungsparty in acht Wochen fertig ist.“

Dominic jubelte innerlich, ließ sich nach außen hin davon jedoch nichts anmerken. Die neue Aufgabe bedeutete für ihn einen wichtigen Schritt auf dem Weg, das Management der im Aufbau begriffenen Tourismussparte der Maldini Corporation zu übernehmen. Ein Erfolg des Fünfsternehotels würde die ehrgeizigen Expansionspläne des Konzerns vorantreiben – eine Kette von Luxushotels in den wichtigsten Städten Australiens und später weltweit.

Dominic wünschte sich schon seit Langem eine berufliche Veränderung und hatte Marco um ein entsprechendes Angebot gebeten. Anderenfalls hätte er sogar in Kauf genommen, die Firma zu wechseln. Aber sein Chef hatte Wort gehalten und ihm den Einstieg in den Tourismusbereich innerhalb der Maldini Corporation ermöglicht. Aus Dankbarkeit beschloss er, das ihm entgegengebrachte Vertrauen nicht nur zu erfüllen, sondern zu übertreffen.

Allerdings hatte er nicht erwartet, den Babysitter für die Tochter des Chefs spielen zu müssen. Verstohlen sah er zu ihr hinüber. Mit dem molligen dunkelhaarigen Kind auf den Fotos auf Marcos Schreibtisch hatte sie nichts mehr gemein, wirkte aber auch nicht wie die Frau, die seinem Chef in den vergangen Jahren immer wieder Kummer bereitet hatte. „Sie wird die Eröffnung mit vorbereiten?“, fragte er unverhohlen skeptisch.

Bella erstarrte für einen Moment, dann wandte sie sich an ihren Vater. „Wieso weiß er nicht Bescheid? Du hast das doch bereits letzte Woche entschieden.“

„Ich regle die Dinge immer noch so, wie ich es für angebracht halte“, rief Marco sie streng zur Ordnung und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.

„Du hast ihm nichts gesagt, weil du fürchtest, er könnte sich weigern, mit mir zusammenzuarbeiten.“

Ihr Vater warf ihr einen wütenden Blick zu, schwieg aber, was sie in ihrer Ansicht nur bestärkte.

Insgeheim gab Dominic ihr recht. Hätte er vor einer Woche oder auch nur vor zwei Tagen von dem Plan erfahren, hätte er Einspruch erhoben, und Marco hätte eingelenkt – um ihn nicht zu verlieren.

Er räusperte sich. „Welchen Aufgabenbereich soll Bella übernehmen?“

„Sie wird das Restaurant meiner Träume erschaffen, wie sie mir versprochen hat. Ihre Zuständigkeit beschränkt sich auf die Küche und den Speisesaal. Du behältst selbstverständlich in allem das letzte Wort.“

Zufrieden nickte Dominic. Etwas anderes hatte er nicht erwartet.

„Und du …“, wandte Marco sich an seine Tochter. „Du ziehst Dominic in allem zu Rate.“

„Natürlich.“

Von ihrer Fügsamkeit ließ Dominic sich nicht täuschen. Im Lauf der Jahre hatte sich Marco immer wieder über seine Tochter beklagt. Er hatte ihr zahllose Möglichkeiten geboten, sich eine geeignete Beschäftigung zu suchen, doch sie hatte keine dieser Chancen genutzt. Mit ihrem gewinnenden Lächeln mochte sie ihren Daddy täuschen – aber nicht Dominic.

„Von Personalführung und Management versteht sie nichts“, warnte Marco gerade. „Du musst ihr alles beibringen, was über Küchenangelegenheiten hinausgeht.“

Das ist nicht dein Ernst! dachte Dominic entsetzt. Wieso sollte er Zeit und Wissen auf jemanden verschwenden, der kein Interesse dafür aufbrachte? Bella würde die neue Aufgabe ebenso schnell hinwerfen wie alle anderen zuvor.

Er warf ihr einen finsteren Blick zu, den sie ohne mit der Wimper zu zucken erwiderte. Dann sah er zu Marco hinüber, der sie liebevoll betrachtete. Ihm wurde das Herz schwer. Sein Chef gehörte zu den wenigen Menschen, denen er aufrichtige Zuneigung entgegenbrachte. Ihm zuliebe würde er Bella eine Chance geben – so lang sie durchhielt.

„Einverstanden“, lenkte er ein. „Ich bin gespannt, was sie zu bieten hat.“

„Dann lass uns die Proben deiner Kochkunst kosten, die du mir gestern angekündigt hast“, schlug Marco ihr vor.

Bella schlug ein Bein über das andere und strich nervös ihren Rock glatt. „Da gibt es leider ein Problem. Ich habe sie bei Charlie in der Küche stehen lassen.“

Einen Moment herrschte Schweigen. Dominic bezweifelte, dass die Pröbchen tatsächlich existierten, Marco sah ebenfalls skeptisch drein.

„Ich kann zurücklaufen und sie holen, wenn ihr wollt. Oder ich beschreibe sie euch.“

Am liebsten hätte Dominic ihre Lüge auffliegen lassen, andererseits wollte er Marco nicht bloßstellen. „Das können wir bei nächster Gelegenheit nachholen“, meinte er. „Vielleicht zeigst du uns stattdessen, wie du dir das Restaurant vorstellst?“ Er deutete auf die Hefter in ihrer Hand und hoffte um Marcos Willen, dass sie gut vorbereitet war.

Nervös befeuchtete sie die Lippen mit der Zunge und umfasste die Ordner so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. „Ich habe hier lediglich einige Daten über das Hotel, die mein Vater mir zugeschickt hat, sowie einige Informationen über Newcastle.“

Du hast nichts vorzuweisen? dachte Dominic enttäuscht. Wie konnte sie ihrem Vater das antun? „Ich gehe davon aus, du hast die Unterlagen gelesen?“

„Natürlich“, erwiderte sie, ohne ihm in die Augen zu blicken.

„Dann kannst du mir sicher sagen, wie viele Mitarbeiter in Küche und Restaurant arbeiten werden.“

Wieder befeuchtete sie die Lippen. Es fiel ihm schwer, den Blick von ihrem sinnlichen Mund abzuwenden, obwohl er sich rasend über ihre mangelhafte Vorbereitung ärgerte.

„Die Zahlen weiß ich leider nicht auswendig. Ich hatte nicht genug Zeit, das Material intensiv zu studieren.“

„Verstehe.“ Wie er Marco kannte, hatte dieser ihr die Papiere bereits vor einer Woche zukommen lassen – direkt nachdem er seine Entscheidung getroffen hatte. Er verkniff sich eine entsprechende Bemerkung und bohrte weiter. „Was hast du denn Interessantes über Newcastle in Erfahrung gebracht?“

Ein Anflug von Panik überschattete ihre Züge. „Ich … also. Die zweitgrößte Stadt in New South Wales verfügt über einen Kohlehafen. Stahlindustrie trug zu ihrem Reichtum bei, und sie ist berühmt für ihre schönen Strände.“

„Das ist allgemein bekannt.“

„Meine Recherchen sind noch nicht abgeschlossen.“ Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu, und ihm wurde seltsam zumute.

Sofort rief er sich zur Ordnung. Fest entschlossen, Marco ihre mangelhafte Qualifikation besser sofort als später vor Augen zu führen, bat er: „Kann ich einen Blick in deine Unterlagen werfen?“

„Wieso?“

„Bitte.“

Nach einem Seitenblick auf Marco, der dem Gespräch schweigend folgte, reichte sie ihm zögernd das Gewünschte.

Rasch blätterte er durch die Ordner. Der oberste enthielt tatsächlich nichts als die allgemeinen Informationen über das Hotel. Die sauberen glatten Seiten wirkten, als hätte sie noch niemand umgeblättert. Enttäuscht schüttelte er den Kopf. Bella hatte die Papiere noch nicht einmal gelesen!

Im zweiten Hefter befanden sich Ausdrucke, Zeitungsartikel und Broschüren über Newcastle. Zumindest in dieser Hinsicht hatte sie nicht gelogen.

Im letzten …

„Das ist etwas Persönliches. Ich …“

Unvermittelt hielt er einen Wäschekatalog in Händen, den endgültigen Beweis dafür, dass Bella den Anforderungen nicht gewachsen war.

Rasch riss sie ihn an sich. „Meine Freundin vertreibt Dessous. Sie hat mich gebeten, einen Blick in ihren Prospekt zu werfen. Ich wusste nicht, wohin damit.“

Dass sie diese Lektüre der anderen vorzog, bezweifelte Dominic keine Sekunde. Kopfschüttelnd reichte er ihr auch die übrigen Ordner. Plötzlich überfiel ihn eine seltsame Mattigkeit, eine Mischung aus Lethargie und Leere. Er versuchte, das merkwürdige Gefühl abzuschütteln. „Wodurch qualifizierst du dich für deine künftigen Aufgaben?“

„Wieso interessiert dich das, wenn mein Vater keine Bedenken anmeldet?“

„Weil ich es bin, der letztlich für den Erfolg des Hotels verantwortlich ist.“

„Sie hat in den vergangenen achtzehn Monaten im Restaurant ihres Onkels gearbeitet“, erklärte Marco.

„Warst du für das Tagesgeschäft verantwortlich?“

„Gelegentlich“, meinte sie zögernd.

Ungläubig schüttelte Dominic den Kopf und wandte sich an ihren Vater. „Das kann nicht gut gehen. Bella fehlt es eindeutig an der nötigen Erfahrung, um eine leitende Stellung einzunehmen.“

„Mit deiner Unterstützung wird sie es schaffen.“

Zwar fühlte er sich seinem Chef zu großem Dank verpflichtet, dennoch empfand Dominic es nicht als seine Pflicht, der neuesten Laune seiner Tochter nachzugeben, die doch nur wieder in einer Enttäuschung für ihren Vater enden würde. Ungeduldig rieb er sich die Stirn.

„Vielleicht hast du recht, und ich mache mir etwas vor“, lenkte Marco in diesem Moment seufzend ein.

Dominic sah ihm die abgrundtiefe Enttäuschung an, und er tat ihm unendlich leid.

„Nein!“

Das darf Dominic mir nicht antun, dachte Bella und sprang auf die Füße, die Ordner fest an die Brust gedrückt. Sie konnte und wollte ihrem Vater keine weitere Niederlage eingestehen, ihn nicht erneut im Stich lassen.

„Hör nicht auf ihn. Es stimmt, ich habe keine Zeugnisse, um meine Fähigkeiten zu belegen. Dafür habe ich Talent und die feste Absicht, mich zu beweisen. Wie wichtig sind dir Entschlossenheit und Begabung?“, wandte sie sich an Dominic.

„Sehr wichtig.“

„Und ich habe beides – und zwar viel davon.“

Sie sah ihren Vater an und erinnerte sich mit Grauen an seine Enttäuschung, als sie ihm ihren Entschluss mitgeteilt hatte, ihr Studium abzubrechen.

Erneut blickte sie zu Dominic. „Ehe meine Mutter starb, äußerte sie den Wunsch, mein Vater möge eines Tages das Hotel seiner Träume bauen. Das war schon immer das Ziel meiner Eltern, und jetzt habe ich es auch zu meinem gemacht. Papa …“, sie wandte sich um. „Du weißt, dass das stimmt.“

Aus diesem Grund hatte sie ihn lange bedrängt, sie an dem Projekt zu beteiligen. Sie hatte gebettelt, gefleht und keine Ruhe gegeben, bis er endlich nachgab. Das durfte Dominic nicht zunichte­machen.

Zugegeben, noch vor eineinhalb Jahren hätte diese Aufgabe sie in jeder Hinsicht überfordert. Aber in Italien hatte sie sich verändert. Dort hatte sie ihr Talent, ihre Bestimmung entdeckt. Jetzt wusste sie, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte.

„Bestimmt würde Mama wollen, dass du mir diese Chance gibst“, spielte sie ihre Trumpfkarte aus.

Wie erwartet, gab dieses Argument den Ausschlag. Marco seufzte. „Es war der Wunsch meiner Frau …“, sagte er zu Dominic gewandt.

Bella wagte kaum aufzusehen. Würde Dominic jetzt endlich einlenken? Leider ließ sich aus seinem Gesicht nichts ablesen.

„Du glaubst, du schaffst das?“, fragte er sie nach einer Weile.

„Ja.“

Er warf ihrem Vater einen flüchtigen Blick zu, und für einen Moment wirkten seine Züge weniger abweisend.

„Du weißt, dass jede Menge harter Arbeit auf dich zukommt?“

Das klang eher wie eine Drohung als wie eine Frage. Sie schluckte. „Ja.“

Ohne mit der Wimper zu zucken, hielt sie Dominics bohrendem Blick stand. Erneut fiel ihr auf, was für schöne Augen er hatte, und sie errötete.

Langsam breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht aus, doch es wirkte nicht freundlich. Ohne sie aus den Augen zu lassen, wandte er sich an Marco: „Vielleicht verdient Bella unser Vertrauen ja doch? Die Entscheidung liegt bei dir.“

„Du bist bereit, mit ihr zusammenzuarbeiten?“

„Ich werde mit ihr kooperieren, wenn das dein Wunsch ist – und wenn sie es wirklich möchte.“ Erneut enthielten seine Worte eine unterschwellige Drohung.

Entschlossen hob Bella das Kinn. „Natürlich will ich.“ Insgeheim schwor sie sich, ihren Vater nicht zu enttäuschen. Diesmal durfte sie nicht versagen.

Marco rieb sich zufrieden die Hände. „Damit wäre das also geklärt.“

Während Bella ausführlich ihre Ideen für das Restaurant und die Küche schilderte, saß Dominic stocksteif da und rang um sein seelisches Gleichgewicht. Etwas an dieser Frau raubte ihm die Fassung.

Dass sie Marco emotional erpresste, um den Job zu bekommen, missfiel ihm gründlich, dennoch … Als sie auf die Füße gesprungen war, hatte er ihren Elan gespürt. Sie sprühte förmlich vor Leben.

Er hatte Marco um andere Aufgaben gebeten, in der Hoffnung, neue Herausforderungen würden ihn von der Leere und Langeweile ablenken, die sich in den letzten Monaten in sein Leben eingeschlichen hatten.

Erneut warf er Bella einen verstohlenen Blick zu. Obwohl sie sich im Moment sehr professionell gab, spürte er das Feuer in ihr, das nur knapp unter der Oberfläche loderte. Sie strahlte Begeisterung aus, Freiheit, Lebendigkeit … Ihm drängte sich der Eindruck auf, dass er eine Antwort auf das Vakuum in seinem Leben finden würde, wenn es ihm gelänge, ihr Wesen zu ergründen.

Außerdem sah sie fantastisch aus. Als sie die langen schlanken Beine übereinanderschlug, stockte ihm der Atem. Unwillkürlich nahm er sie deutlicher wahr als zuvor. Erst jetzt bemerkte er, wie geschickt das rote Kostüm ihre tolle Figur betonte und einen interessanten Kontrast zu ihrem dunklen Haar bildete. Der zarte Duft nach Zitrone, der sie umschwebte, verwirrte ihm die Sinne.

Nur mit Mühe unterdrückte er einen Fluch. Es war ewig her, seit eine Frau ihm eine vergleichbar heftige Reaktion entlockt hatte. Wieso ausgerechnet sie, wieso jetzt? fragte er sich. An weiblicher Gesellschaft hatte es ihm nie gemangelt. Er liebte Frauen – und Abwechslung. Daraus machte er keinen Hehl. Wenn es doch nicht ausgerechnet Bella wäre …

Eine andere könnte er innerhalb einer Woche in sein Bett locken – aber nicht sie. Sie war Marcos Tochter, zudem musste er die nächsten zwei Monate mit ihr zusammenarbeiten.

Sein Blick fiel auf ihre Ordner, die inzwischen auf Marcos Schreibtisch lagen, und er schmunzelte. Ein Wäschekatalog! Gleich darauf fiel ihm ein, wie schamlos sie ihren Vater erpresst hatte. Das erinnerte ihn an die Frauen, die seinen Vater erbarmungslos ausgenutzt hatten, und ihm wurde eiskalt. Er würde es nicht zulassen, dass sie auch ihn manipulierte.

Stattdessen beschloss er, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Er gedachte nicht, untätig dabei zuzusehen, wie sie Marco erneut im Stich ließ, denn diesmal stand sein Ruf mit auf dem Spiel. Notfalls würde er sie mit Charme zur Pflichterfüllung zwingen.

In diesem Moment wandte sie sich an ihn. „Was sagst du dazu?“

Ohne eine Ahnung, wovon sie gesprochen hatte, zuckte er die Schultern. „Die Zusammenarbeit mit dir könnte interessant werden. Ich bewundere deinen Enthusiasmus.“ Er schenkte ihr sein schönstes Lächeln, das schon so manche Frau um den Verstand gebracht hatte.

„Ich … danke.“ Statt entzückt zu erröten, bedachte sie ihn mit einem wütenden Blick.

Sofort war sein Interesse geweckt. „Eins will ich klarstellen: Ich lasse dir nichts durchgehen, nur weil du Marcos Tochter bist.“ Er würde sich persönlich darum kümmern, dass sie schuftete wie eine Galeerensklavin.

„Das fordere ich auch nicht.“

„Und ich erwarte vorzügliche Leistungen.“

Angriffslustig hob sie das Kinn „Das freut mich zu hören.“

Unwillkürlich überfiel ihn der Drang, sie zu küssen. Stattdessen nahm er sich fest vor, sicherzustellen, dass sie das Projekt bis zum bitteren Ende durchzog. Diesmal durfte sie Marco nicht enttäuschen und kneifen, sobald es hart auf hart kam – und hart würde es werden, dafür würde er persönlich Sorge tragen.

2. KAPITEL

Bella bedachte die missmutig fauchende Abessinerkatze in der Transportbox mit einem skeptischen Blick. Um sie nicht unnötig aufzuregen, versuchte sie, den Käfig möglichst ruhig zu halten, während sie den Wohnungsschlüssel ins Schloss steckte. Doch gerade, als sie den Schlüssel umdrehte, wurde die Tür von innen aufgerissen. Der Schwung reichte aus, um Bella ins Innere zu befördern und an die Brust eines Mannes zu drücken – an Dominics nackten Oberkörper.

Vor Schreck blieb sie wie erstarrt an ihn gelehnt stehen. Erst, als sich die Katze erneut beklagte, legte sie hastig die Hände auf seine Brust und drückte sich von ihm ab. Verstohlen betrachtete sie seinen prächtigen Oberkörper, die breiten Schultern und die durchtrainierte muskulöse Brust. Unvermittelt wurde ihr heiß, winzige Schweißperlen bildeten sich über ihrer Oberlippe, und Schauer liefen ihr den Rücken herab. Sie wollte ihn fragen, wieso er in ihrer Wohnung war, brachte aber die Worte nicht über die Lippen.

Ihre heftige Reaktion bestärkte sie in der Absicht, ihn niemals in ihr Apartment einzuladen. Es würde ihr schwer genug fallen, ihm während der Arbeitszeit mit Gleichmut zu begegnen, da durfte sie nicht auch noch ihre Freizeit mit ihm verbringen.

Endlich fand sie die Sprache wieder: „Was, wenn ich fragen darf, suchst du hier?“

„Tja, leider gibt es ein Problem: Es wurde offenbar nur ein Apartment für uns beide angemietet.“

Äußerlich gefasst, im Inneren aber unglaublich aufgewühlt, stellte Bella den Käfig auf den Boden. „Ich gehe sofort zum Manager der Apartmentanlage und organisiere etwas.“

„Das habe ich bereits versucht. Sämtliche Wohnungen sind für die nächsten sieben Wochen ausgebucht. In ganz Newcastle ist keine andere Unterkunft aufzutreiben, da hier drei Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden: ein Literatur- und ein Jugendkulturfestival, dazu eine Popkonferenz. Die einzige Alternative wäre ein Zelt.“

Auf ihren entsetzten Blick hin fuhr er fort: „Keine Angst, dieses Apartment ist groß genug für uns beide. Natürlich ist diese Lösung nicht ideal, aber so läuft es im Geschäftsleben oft. Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen, oder aussteigen.“

Aufgeben kommt nicht infrage, dachte Bella. So leicht würde er sie nicht los. „Du sagst, es ist groß?“

„Riesig.“

„Wie viele Schlafzimmer gibt es?“

„Zwei.“

Der Anblick seines nackten Oberkörpers irritierte sie, daher konzentrierte sie sich ganz darauf, ihm nur ins Gesicht zu sehen. „In diesem Fall sollten wir einige Regeln für unser Zusammenleben festlegen.“

„Wie du meinst.“

Sie hob den Käfig auf und griff nach den Reisetaschen, die noch vor der Tür standen. Als Dominic eine Hand ausstreckte, zuckte sie erschrocken zusammen, ehe sie begriff, dass er ihr lediglich helfen wollte. Er nahm eine Tasche und ging ihr voraus in die Wohnung.

Bella folgte ihm, hielt nach wenigen Schritten aber inne und stöhnte: „Um Himmels willen!“

„Ganz deiner Meinung.“

Vor Entsetzten fiel ihr beinahe der Käfig mit der Katze aus der Hand. Kurzerhand stellte sie ihn auf einem Tisch ab und drehte sich langsam um die eigene Achse. Dominic hatte die schweren Samtvorhänge vor den Fenstern zurückgezogen, um möglichst viel Sonnen­licht hereinzulassen. Der dunkelrote Teppich schien es jedoch förmlich aufzusaugen, das geräumige Wohnzimmer war in rosa Dämmerlicht getaucht.

„Was soll das sein?“ Es gelang ihr nicht, ihr Grauen zu verbergen.

„Ich finde die Einrichtung auch abscheulich. Dieses Apartment soll wahrscheinlich so etwas wie ein Liebesnest sein.“

Alles, nur das nicht! schoss es Bella durch den Kopf. Verzweifelt bemühte sie sich um Gelassenheit. Sie empfand ihre Umgebung als entsetzlich peinlich, wollte sich das jedoch nicht anmerken lassen. „Vermutlich sollten wir dankbar sein, dass es hier keine Engelfiguren oder Amor mit Pfeil und Bogen gibt.“

„Du hast das Bad noch nicht gesehen. Dort findest du Adam und Eva, die sich im Paradies vergnügen, strategisch klug platzierte Feigenblätter inklusive.“

Na, toll! dachte sie. Sich eine Wohnung mit Dominic teilen zu müssen, war schlimm genug, aber ausgerechnet diese …

Gerüchte zufolge lag ihm die Damenwelt förmlich zu Füßen. Und anscheinend liebte er die Abwechslung. Nun, sie hatte nicht die Absicht, sich von irgendeinem Casanova verführen zu lassen, schon gar nicht von diesem. Aber dieses Apartment … am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen.

Trotz seiner Größe wirkte das Wohnzimmer überfüllt und erdrückend, was sowohl an dem schummrigen Licht lag, als auch an den zahlreichen über den Raum verteilten plüschigen Sitzgrüppchen.

Ein rosafarbenes Zweiersofa stand unter einem Fenster, das von einem schweren Vorhang eingefasst war, ein weiterer Pärchensitz war vor dem Fernseher platziert, und vor dem Kamin gab es eine Kuschelcouch, die so schmal war, dass sie kaum einer Person ausreichend Platz bot.

In einem Alkoven entdeckte sie einen von vier Stühlen umgebenen kleinen Esstisch, auf dem ein kitschig verschnörkelter Kerzenhalter thronte.

Die Einrichtung wirkte überaus verspielt, sehr feminin und schien einzig und allein auf Verführung ausgelegt. Fassungslos verschränkte Bella die Arme vor der Brust.

In diesem Moment jaulte Minky in ihrem Käfig auf und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Dominic, der sie erst jetzt zu bemerken schien, runzelte die Stirn.

„Bist du allergisch?“, erkundigte sich Bella hoffnungsvoll. Möglicherweise würde er lieber in ein Zelt ziehen, als seine Wohnung mit einer Katze teilen.

„Das nicht, aber ich mag keine Katzen.“

„Ich auch nicht. Hunde sind mir lieber.“

„Warum hast du sie denn dann mit in unser Apartment gebracht?“

Ihr gefiel nicht, wie er das Wort unser betonte. „Sie gehört einer Freundin, und ich habe versprochen, mich in den nächsten ein bis zwei Wochen um sie kümmern. Falls sie dich stört, könnte ich täglich zwischen Sydney und Newcastle pendeln.“ Der Gedanke, diesem abscheulichen Apartment und dem Zusammenleben mit Dominic zu entkommen, erschien ihr plötzlich so verlockend, dass sie die Unannehmlichkeit des täglichen Pendelns gern in Kauf nehmen wollte.

„Für kurze Zeit wird es schon gehen.“

So ein Pech, dachte sie und ließ den Blick erneut durch das Zimmer schweifen. Ihr kam ein Gedanke, und sie schmunzelte. „Genau so stelle ich mir ein Bordell vor.“

„Leider kann ich keine persönlichen Erfahrungen beisteuern. Ich habe noch kein derartiges Etablissement von innen gesehen.“

Dass du für Sex nicht zahlen musst, glaube ich sofort, ging es ihr durch den Kopf. „Was hat mein Vater sich nur dabei gedacht?“, fragte sie kopfschüttelnd.

„Er hat bestimmt eine seiner Sekretärinnen angewiesen, für unsere Unterbringung zu sorgen.“

„Kennst du sie persönlich?“ Möglicherweise hatte die betreffende Frau ihm einen Streich spielen wollen – aus welchem Grund auch immer …

Er warf ihr einen durchdringenden Blick zu. „Unterstellst du mir, dass ich mit einer Sekretärin deines Vaters geschlafen habe?“

„Ich frage mich lediglich, ob sich jemand einen Scherz erlaubt hat.“ Außerdem hätte sie zu gern gewusst, wie viele Herzen er gebrochen hatte, wie viele Frauen Grund zur Rache hatten.

„Hat etwa jemand Gerüchte über mich verbreitet?“, fragte er schmunzelnd.

„Man hat mich vor dir gewarnt. Dein schlechter Ruf eilt dir voraus. Es heißt, du brichst Frauenherzen nur zu deinem Vergnügen. Und da ich für einige Zeit mit dir in diesem grässlichen Apartment festsitze, bin ich lieber vorsichtig.“

Verblüfft sah er sie an. „Du verurteilst meinen Charakter, ohne mich zu kennen?“

„Ich verurteile dich nicht, aber es stimmt doch, dass du ein überzeugter Junggeselle bist?“

„Absolut.“

„Hochzeit ist für dich …?“

„Ein Schimpfwort.“

„Siehst du? Ich dagegen wünsche mir einen Ehemann, Babys … das ganze Paket.“

Bella lachte nervös, dabei fiel ihr Blick versehentlich wieder auf seinen nackten Oberkörper, und das Lachen blieb ihr im Hals stecken. Unwillkürlich errötete sie. Leider brachte es ihr keine Erleichterung, sein attraktives Gesicht zu betrachten, das blonde Haar. Er war die Versuchung in Person, von Kopf bis Fuß. Unwillig schüttelte sie sich. „Stimmen die Gerüchte denn nicht?“

„Mein Ruf tut nichts zur Sache.“

Da war Bella anderer Meinung. Bei der Besprechung im Büro ihres Vaters war ihr aufgefallen, wie er ihre Beine beifällig betrachtet hatte, wenn er sich unbeobachtet glaubte, und sie hatte seinen Blick förmlich auf ihren Lippen gespürt. Als Reaktion waren ihr heiße Schauer über den Rücken gelaufen. So unbedarft sie in puncto Männer auch war, sie wusste, dass er Ärger bedeutete – und dem wollte sie vorbeugen.

„Unsere Wohngemeinschaft dient ausschließlich beruflichen Zwecken“, stellte sie vorsichtshalber fest.

„Selbstverständlich.“

„Dann solltest du besser nicht halbnackt hier herumlaufen.“

„Stört es dich, wenn ich kein Hemd anhabe?“

„Ja.“

Sofort verließ Dominic das Zimmer. Als er kurz darauf zurückkehrte, trug er ein T-Shirt über der Hose.

Erst jetzt fiel Bella ein, dass sie ihn möglicherweise gekränkt hatte. Das ist schlecht, dachte sie, denn immerhin war sie auf seine Unterstützung angewiesen. Nicht auszudenken, wenn er ihrem Vater erzählte, sie wäre zu faul oder zu dumm … Nervös schluckte sie und verdrängte den Gedanken. „Danke.“

Er winkte ab. „Ich überlasse dir das große Schlafzimmer.“

„Wie nett von dir.“

„Warte ab, bis du es gesehen hast. Ist das dein gesamtes Gepäck?“ Er zeigte auf die zwei Reisetaschen.

„Das gehört alles der Katze. Dosenfutter, Trockenfutter, Leckerbissen und sogar Katzenschokolade, Decken, Spielsachen und eine DVD für jeden Tag der Woche. Ich soll sie in Dauerschleife abspielen, sobald ich die Wohnung verlasse, damit Minky sich nicht einsam fühlt. Sie ist eine echte Primadonna. Glaubst du, du kommst damit klar?“

„Ja“, meinte er wenig überzeugend.

„Gibt es hier überhaupt einen DVD-Spieler?“

„Ja, gibt es. Was passiert denn, wenn keine DVD läuft?“

„Dann nimmt sie das Apartment auseinander.“

„Wieso hast du eingewilligt, auf dieses Ungeheuer aufzupassen?“

„Meine Freundin fand auf die Schnelle sonst niemanden, der bereit war, für sie zu sorgen.“

„Das gibt mir zu denken.“

„Minky ist ziemlich launisch.“

Als es um seine Lippen verdächtig zuckte, fuhr sie fort: „Sag nichts, ich habe ihr diesen Namen nicht gegeben.“

„Wie hättest du sie genannt?“

„Medusa“, antwortete Bella seufzend. „Sobald sie mich nur ansieht, erstarre ich.“

Dominic lachte. Dabei sah er so verführerisch aus, dass es ihr fast den Atem verschlug.

„Gib mir den Autoschlüssel, dann hole ich dein restliches Gepäck.

Wortlos händigte sie ihm den Schlüssel aus. Erst, als er die Wohnung verlassen hatte, atmete sie wieder durch.

Schlafzimmer! dachte sie, ich wollte mir das Schlafzimmer ansehen.

Von einem kleinen Flur führten Türen in zwei sich gegenüberliegende Räume und das Bad. Hinter der ersten Tür entdeckte Bella ein großes Schlafzimmer, gegen das selbst das Wohnzimmer schlicht und geschmackvoll wirkte. So viel Kitsch an einem Ort hatte sie noch nie gesehen – obendrein fand sie Pink grässlich.

„Wie viel Gepäck hast du eigentlich dabei?“ Dominic kehrte gerade zurück, schwer beladen mit Taschen und Koffern, die er nun in ihr Zimmer trug.

„Wir bleiben zwei Monate in Newcastle“, erinnerte sie ihn und zeigte mit einer ausladenden Handbewegung in den Raum. „Das ist … es ist …“ Für diese Scheußlichkeit fehlten ihr die Worte.

„Ja, ich weiß. Aber ich tausche nicht.“

„Soll das ein Bett sein?“ Sie wies auf das runde Gebilde in der Mitte, das von einem Moskitonetz verhüllt war. Kissen in allen Schattierungen von Rosa und Pink türmten sich darauf.

Entschlossen öffnete sie die Tür gegenüber und schrak zurück angesichts der kahlen Wände und schlichten Möbel, die im krassen Widerspruch zu dem übertriebenen Pomp in ihrem Zimmer standen. Dominic hatte keine persönliche Note hinzugefügt, der Raum verriet nichts über seinen Bewohner.

Viel wusste sie ohnehin nicht über ihn. Sie ahnte, dass er, genau wie sie, ein sinnlicher Mensch war, was sich bei ihm in Form von Sex ausdrückte, bei ihr über ihre Liebe zum Essen. Zusammen könnten sie …

Vergiss es! rief sie sich hastig zur Ordnung. Wenn Dominic eine Frau eroberte, fasste er bereits die nächste ins Auge. Sie beabsichtigte nicht, sich in die lange Liste seiner Opfer einzureihen.

Erschauernd deutete sie auf sein Zimmer. „Wie hässlich!“

„Findest du es schlimmer als das andere?“

„Jedenfalls nicht besser. Wieso gestaltest du es nicht ein wenig freundlicher?“

„Wie denn?“

„Mit einem bunten Bettüberwurf, Fotos, was auch immer.“

„Wir leben nur zwei Monate hier. Außerdem liebe ich Ordnung.“

Nur zwei Monate? In ihren Augen war das eine Ewigkeit, und sein Zimmer wirkte kahl, nicht aufgeräumt. Das konnte ihm nicht wirklich gefallen, oder?

Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er immer so lebte. Unvermittelt nahm sie plötzlich Gefühl der Leere wahr, so wie nach dem Tod ihrer Mutter.

3. KAPITEL

Dominic war in den Flur getreten, und stand nun dicht neben Bella. Seine Nähe machte sie nervös, und das gefiel ihr gar nicht. Sie wollte ein Restaurant erschaffen, das ihrem Vater gerecht wurde. Dazu musste sie konzentriert mit Dominic zusammenarbeiten, ohne sich von irgendwelchen Fantasien ablenken zu lassen.

„Lass uns die Hausregeln festlegen“, drängte sie. Vermutlich würde er sich erst daran gewöhnen müssen, dass sie nicht zu den Frauen gehörte, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen. Sie hatte einen eigenen Willen, ihre Beziehung war rein geschäftlicher Natur.

„Regel Nummer eins: Im Hotel bist du der Chef, hier sind wir gleichberechtigt“, schlug sie vor. „Aber vielleicht sollten wir das lieber bei einer Tasse Kaffee besprechen. Wo ist eigentlich die Küche?“

Er wies zu der Wand neben der Essecke, in die diskret eine Tür eingelassen war. Bella entdeckte sie erst auf den zweiten Blick.

Die Küche war klein, aber gut ausgestattet. Auf der Arbeitsfläche stand ein brandneuer Kaffeeautomat. Liebevoll strich Bella mit der Hand darüber, reckte sich und zog ein Paket Kaffeebohnen aus dem Hängeschrank darüber.

„Woher wusstest du, wo der Kaffee ist?“, fragte Dominic erstaunt.

„Das Apartment wurde auf Anweisung meines Vaters eingerichtet.“ Bei dem Gedanken, was er zu der Wohnung sagen würde, schmunzelte sie. Sich bei ihm zu beklagen oder eine Sonderbehandlung einzufordern, plante sie jedoch nicht. Schließlich war sie erwachsen und eine Geschäftsfrau.

„Ja, und?“

„Er lässt die Kaffeebohnen immer über der Kaffeemaschine verstauen.“ Sie deutete auf den Schrank hinter ihm. „Der sollte mit Rotwein gefüllt sein – sehr gutem übrigens, aus seinem eigenen Keller. Und im Kühlschrank steht eine Schachtel edelster Pralinen neben meiner bevorzugen Kochschokolade.“

Dominic überprüfte das. „Du hast recht.“

„Er kennt alle meine Schwächen.“

„Und sorgt dafür, dass du alles hast, was du dir nur wünschen kannst.“

Dominic hält mich für verwöhnt und eigensinnig und glaubt, ich nutze Papa aus, dachte Bella. Ähnlich hatte sich ihr Vater in dem Telefonat mit ihrer Tante ausgedrückt, und er hatte recht. Bislang hatte sie ihm seine Güte schlecht gedankt.

„Dass Papa geradezu leichtsinnig großzügig ist, weißt du aus eigener Erfahrung. Du hast selbst davon profitiert – ich habe Erkundigungen über dich eingezogen.“

Verdutzt sah er sie an, dann breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht aus, das die Kälte aus seinen Augen vertrieb. Er trat einen Schritt näher und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. „Was hast du denn herausgefunden?“

„Papa hat dich schon ein Jahr vor deinem Hochschulabschluss eingestellt, was ein ziemliches Risiko war.“

„Es hat sich für ihn ausgezahlt.“

„Bis letzte Woche hast du im Bereich Geschäftsfusionen und – aufkäufe gearbeitet.“ Mit großem Erfolg, wie es hieß. „Aber das qualifiziert dich nicht automatisch für die Projektleitung des Newcastle Maldini. Also geht mein Vater erneut ein Wagnis ein.“

„Fürchtest du, ich könnte meinen Aufgaben nicht gerecht werden?“

Sie schüttete Kaffeebohnen in die Maschine und setzte das Mahlwerk in Betrieb. Der ohrenbetäubende Lärm verschaffte ihr einen Moment Bedenkzeit.

„Ich halte es zumindest nicht für ausgeschlossen.“ Sorgfältig bereitete sie den Kaffee zu. „Milch, Zucker?“ Dominic lehnte dankend ab, und sie reichte ihm eine Tasse. „Außerdem genügt es mir nicht, wenn du lediglich deine Pflicht erfüllst. Mir liegt der Erfolg des Hotels sehr am Herzen, es war der Traum meiner Eltern.“

„Das ist doch noch nicht alles, oder?“

Unvermittelt wurde sie nervös. Es widerstrebte ihr, ihm ihre persönlichen Gründe anzuvertrauen – das Bedürfnis, ihren Vater stolz zu machen. Sie würden nicht nur zusammen arbeiteten, sondern sich obendrein noch eine Wohnung teilen. Umso wichtiger war es, Distanz zu wahren.

Andererseits war sie ihm als ihrem Vorgesetzten eine Antwort schuldig. Um Zeit zu gewinnen, stellte sie eine Gegenfrage: „Was reizt dich an einem Projekt, das nichts mit deiner bisherigen Tätigkeit zu tun hat?“

„Die neue Herausforderung.“

Also haben wir etwas gemein, dachte sie: Sie spielten beide gern mit verdeckten Karten. „Das sehe ich genauso.“

„Ja, klar“, spottete er, ließ das Thema aber ruhen. „Willst du nicht endlich die Katze aus dem Käfig lassen?“

Seufzend ging Bella ins Wohnzimmer, stellte ihre Kaffeetasse auf dem Couchtisch ab und kniete sich neben den Käfig. „Hallo, Minky“, murmelte sie in beschwichtigendem Tonfall. „Wir lassen es langsam angehen. Ich mache die Tür auf, und du kommst raus, wann immer du willst. Danach gibt es Futter. Einverstanden?“

„Glaubst du wirklich, sie versteht dich?“, fragte Dominic, der ihr gefolgt war.

„Hör nicht auf den bösen Mann“, säuselte Bella, doch die Katze starrte sie nur aus großen Augen an und schlug nervös mit dem Schwanz. „Ich habe keine Ahnung, was gleich passiert. Glücklich sieht sie nicht gerade aus.“

Dominic trat näher und stellte sich direkt vor den Käfig. „Sie wiegt höchstens zwei Kilo. Was kann sie schon groß anrichten?“

„… lauteten seine letzten Worte“, sagte Bella, und er lachte.

Behutsam öffnete sie die Käfigtür. Minky schoss pfeilschnell aus ihrem Gefängnis hervor, kletterte mit ausgefahrenen Krallen an Dominics Beinen empor, sprang aufs Sofa, den Wohnzimmertisch, von dort über zwei Stühle zum Fernsehschrank und versteckte sich darunter. Lediglich ihre Augen leuchteten aus der Dunkelheit hervor.

„Bist du verletzt?“, fragte Bella erschrocken, als sie das Blut sah, das sich auf seiner Hose ausbreitete.

„Nicht so schlimm“, wehrte er innerlich fluchend ab – nicht nur wegen der verrückten Katze, sondern vor allem weil Bella ihm die Fassung raubte.

Diese setzte sich gerade neben den Fernsehschrank auf den Boden, ein Kissen schützend vor die Brust gedrückt. Offenbar war sie eher bereit, es mit dem wilden Tier aufzunehmen als mit ihm.

Es hatte ihn verletzt, dass sie ihm unterstellte, er hätte mit der Sekretärin ihres Vaters geschlafen und versuche ohnehin, jede Frau zu verführen, die seinen Weg kreuzte. Befürchtete sie, er würde sich auf sie stürzen, sobald sie nicht auf der Hut war? Ein bisschen mehr Stil durfte sie ihm schon zutrauen.

Er dachte ohnehin nicht daran, sie auch nur anzurühren. Das würde die Situation, in der sie sich befanden, unnötig komplizieren.

Vorsichtig, um das winzige Sofa nicht mit Blut zu beflecken, setzte er sich und versuchte, eine bequeme Haltung zu finden.

„Wir wollten gerade die Hausregeln festlegen“, kam Bella wieder auf ihr Lieblingsthema zu sprechen. „Was, außer Katzen, kannst du nicht leiden?“

„Du erwartest doch nicht, dass ich mich um dieses Monster kümmere?“

„Keine Sorge.“

„Außer Katzen fällt mir nichts ein. Was ist mit dir?“

„Ich ertrage kein fröhliches Geplauder am frühen Morgen. Mir wäre es lieb, du würdest mich erst ansprechen, wenn ich eine, vorzugsweise zwei Tassen Kaffee getrunken habe.“

„Was verstehst du unter ‚fröhlich‘?“

„Alles, was über ein Brummen hinausgeht.“

Sie sah, dass seine Mundwinkel zuckten.

„Das ist mein voller Ernst!“

Dominic lachte laut auf, gleichzeitig spürte er, wie sich seine Einstellung ihr gegenüber veränderte. Sofort schlugen in seinem Inneren sämtliche Alarmglocken an. Mit ihren wunderschönen braunen Augen ähnelte sie zu sehr den Frauen, auf die sein Vater immer wieder aufs Neue hereingefallen war.

Mir passiert das nicht! nahm er sich fest vor.

„Morgens bin ich nie in Hochform. Was erwartest du von einem Mitbewohner?“, erkundigte sie sich.

„Keine Ahnung. Ich hatte noch nie einen.“

Überrascht sah sie auf. „Nicht einmal an der Uni?“

„Ich habe nicht auf dem Campus gewohnt.“ Während des Studiums hatte er in einem Wohnwagen gehaust, zusammen mit seinem alkoholabhängigen dementen Vater, der ohne Hilfe nicht mehr zurechtkam. Dominic hatte schon damals beschlossen, niemals so zu enden und sich niemals von Frauen abhängig zu machen.

„Wie möchtest du die Dinge handhaben?“, erkundigte sich Bella.

„Wovon genau sprichst du?“

„Vom Essen zum Beispiel.“

„Wir könnten uns Lebensmittel liefern lassen.“

„Und wer kocht?“

Es dauerte einen Moment, ehe er begriff. Sie hielt ihn für einen unverbesserlichen Macho, der ihr die ganze Hausarbeit aufbürden wollte. Obwohl ihn diese neuerliche Unterstellung ärgerte, blieb er äußerlich gefasst. „Na ja, immerhin bist du Köchin …“

„Oh nein! Ich stehe schon im Hotel den ganzen Tag in der Küche.“

„Wir eröffnen erst in zwei Monaten.“

„Bis dahin muss ich die Köche und Küchenhilfen anlernen.“

Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Könntest du nicht von deinen Leuten jemanden anweisen, etwas zuzubereiten, das wir uns zu Hause nur noch aufwärmen müssen?“

„Wenn du die Zimmermädchen dazu bringst, für uns zu bügeln.“

In seinen Augen glitzerte es belustigt. „Eine gute Idee.“

Aber Bella ging nicht auf seinen Scherz ein. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich lasse mich nicht ausnutzen.“

„Wie wäre es, wenn wir uns abwechseln?“

„Kannst du überhaupt kochen?“

Das wirst du mir büßen, nahm er sich vor. „Lass dich überraschen.“

Sie bedachte ihn mit einem kritischen Blick. „Vermutlich bist du an Frauen gewöhnt, die dir jeden Wunsch von den Augen ablesen …“

Auch das würde er ihr heimzahlen.

„… aber das trifft nicht auf mich zu. Wir teilen uns die häuslichen Pflichten. Da wäre allerdings noch etwas …“ Verlegen sah sie beiseite. „Du solltest davon absehen, Frauen in unser Apartment mitzubringen. Das wäre alles“, schloss sie abrupt.

Sie hat keine schlechte Meinung von mir, sondern eine fürchterliche, dachte Dominic wütend. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, eine Geliebte in die gemeinsame Wohnung einzuladen. Obwohl er wusste, dass sie ihn nicht mit Absicht beleidigt hatte, war er fest entschlossen, Bella für ihre voreiligen Unterstellungen zu bestrafen.

„Ich werde dir ein vorbildlicher Hausgenosse sein“, versprach er, als könnte er kein Wässerchen trüben. „Deshalb kümmere ich mich heute freiwillig um das Abendessen.“

„Das ist doch nicht nötig.“

„Doch.“

„Ja dann. Prima.“ Nervös umfasste Bella das Kissen auf ihrem Schoß fester. Sie schien statt einer Mahlzeit eine Verführungsszene zu erwarten.

Das betörende Lächeln, das er ihr schenkte, trug nicht dazu bei, ihre Ängste zu beschwichtigen. „Wir essen um halb acht.“

„Prima“, wiederholte sie, obwohl ihr das Gegenteil ins Gesicht geschrieben stand.

Es kostete ihn große Mühe, nicht zu lachen.

„Die Spiele sind eröffnet“, murmelte Dominic und trat einen Schritt zurück, um das Arrangement zu bewundern. Im sanften Schein einer Kerze schimmerten Silber und Kristall auf dem makellos weißen Tischtuch um die Wette.

Nach ausführlicher Beratung mit dem Chefkoch eines Sternerestaurants hatte er ein exquisites Menü bestellt, das Bella bestimmt beeindrucken würde. Und damit auch alles stimmte, hatte er sich selbst in Schale geworfen. Jetzt war er gespannt auf ihre Reaktion.

Er konnte es kaum erwarten zu sehen, wie sie die Gabel zum Mund führte und vor Entzücken die Augen schloss, wenn sie die Köstlichkeiten genoss. Seine Fantasie spielte ihm verlockende Bilder vor, die er entschieden beiseiteschob. Zwar wollte er sie verführen, aber nicht mit Berührungen, sondern ausschließlich durch eine intime Atmosphäre, raffinierte Speisen und hervorragenden Wein. Sie durfte sich in Sicherheit wiegen – aber das ahnte sie nicht.

Mit großem Vergnügen würde er beobachten, wie sie sich gegen seinen Charme zur Wehr setzte, bis sie ihm schließlich erlag – nur um anschließend zu erkennen, dass sie ihn falsch beurteilt hatte, wenn er, statt sie in die Arme zu schließen, sich allein in sein Zimmer zurückzog.

Er sah auf die Uhr, ging zu ihrem Zimmer und klopfte an. Bella öffnete sofort, als hätte sie auf ihn gewartet. Zufrieden lächelte er – im nächsten Moment hielt er inne, wie vor den Kopf gestoßen.

„Starr mich nicht so an. Ich konnte nicht ahnen, dass du ein Galadiner planst“, bemerkte sie nach einem Blick auf seinen eleganten Anzug.

Gegen Freizeitbekleidung hatte Dominic gemeinhin nichts einzuwenden. Bellas Aufmachung jedoch diente ganz offensichtlich als Schutzschild vor dem versierten Verführer.

„Was ist das?“, fragte er entgeistert, obwohl sich die Frage erübrigte.

„Ein Trainingsanzug“, erwiderte sie ungerührt. „Ist das Essen fertig?“

Er nickte erschauernd. Ihr uralter ausgebeulter Anzug bot bequem Platz für eine weitere Person. Außerdem war er so verwaschen, dass sich die ursprüngliche Farbe kaum erahnen ließ.

Mit dem zum Pferdeschwanz gebunden Haar und ohne eine Spur von Make-up sah sie aus wie sechzehn.

Unvermittelt überfiel ihn ein Anflug von schlechtem Gewissen.

„Willst du mich nicht rauslassen?“

Rasch trat er beiseite, wies ihr mit einer galanten Handbewegung den Weg und folgte ihr an den Tisch.

Denk dran: gute Manieren, Charme, sagte er sich. Bald würde sie Wachs in seinen Händen sein. Er beeilte sich, ihr den Stuhl unter dem Tisch hervorzuziehen, aber sie ging bereits weiter zum Wohnzimmertisch, griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein.

„Es macht dir doch nichts aus?“, fragte sie. „Heute läuft eine interessante Dokumentation …“

„Doch!“ Entschlossen schaltete er den Apparat wieder aus. „Du könntest wenigstens so tun, als würdest du das Essen genießen, nachdem ich mir so viel Mühe gegeben habe.“

„Womit?“ Die Brauen hochgezogen, sah sie ihn fragend an. „Mit dem Tischdecken etwa?“

Das hatte der Kellner erledigt, der das Essen anlieferte.

Schweigend fasste Dominic sie bei den Schultern und lenkte sie zu ihrem Platz. Durch den verschlissenen Stoff hindurch spürte er die Wärme ihres Körpers. Er war so dünn, dass er beinahe …

Hastig ließ er sie los. Um seinen Plan umzusetzen, musste er einen kühlen Kopf bewahren.

„Ich weiß, dass du nicht selbst gekocht hast. Eine gute Mahlzeit zuzubereiten, erfordert nämlich Hingabe. Und das hätte ich durchaus zu würdigen gewusst. Ansonsten wäre ich auch mit einer Pizza zufrieden gewesen.“

Pizza? Dominic traute seinen Ohren nicht. In der Küche wartete ein Sternemenü. „Glaub mir, ich setze dir nicht irgendetwas vor!“

„Da bin ich aber gespannt.“

Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Dabei stieg ihm ihr Duft in die Nase, der ihn völlig aus dem Konzept brachte. „Unser erster Abend sollte etwas Besonderes sein“, brach es aus ihm heraus, und er ballte frustriert die Hände zu Fäusten.

Sei charmant, rief er sich erneut zur Ordnung. Sie um den Finger zu wickeln, war nicht so einfach, wie er angenommen hatte. Doch Herausforderungen reizten ihn. „Ich wollte mit dir feiern.“

Sie gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Und was gibt es zu feiern?“

„Den Beginn unserer Zusammenarbeit.“ Schwungvoll zog er eine Flasche aus dem Kühler. „Wie wäre es mit einem Glas Champagner?“

„Nur, wenn es französischer ist. Anderen trinke ich nicht“, erwiderte sie hochnäsig.

„Selbstverständlich.“ Bleib nett und zuvorkommend, ermahnte er sich, doch es fiel ihm nicht leicht angesichts ihres gelangweilten, gleichgültigen Gehabes. Immer noch war er überzeugt, dass die Delikatessen den Schutzwall, hinter dem sie sich verschanzte, zum Einsturz bringen würden.

„Woher weißt du, dass ich nicht selbst gekocht habe?“, erkundigte er sich.

„Es riecht nicht danach, lediglich nach fertigen Speisen, außerdem habe ich kein Topfklappern oder Ähnliches gehört. Möchtest du nicht den Fisch servieren, ehe er austrocknet?“ Als Köchin konnte sie natürlich am Geruch erkennen, welche Speisen sie erwarteten.

Sie breitete die Serviette auf dem Schoß aus, während Dominic aufsprang und in die Küche eilte. Dort lehnte er sich gegen die Arbeitsplatte, zählte um Fassung ringend bis zehn, holte die vorbereiteten Teller aus dem Ofen und servierte kurz darauf den Dorsch in Weißweinsauce. Dann setzte er sich ihr gegenüber und beobachtete Bella erwartungsvoll. Er nahm an, dass sie auf delikates Essen reagierte wie andere Frauen auf Juwelen.

Bedächtig roch sie an den Speisen. „In der Soße ist Oregano statt Majoran. Der überdeckt den zarten Eigengeschmack des Fischs“, bemängelte sie, ehe sie zur Gabel griff, einen kleinen Happen aufspießte und ihn in den Mund schob.

Mit angehaltenem Atem beobachtete Dominic ihre Reaktion, doch der verzückte Gesichtsausdruck, den er erwartet hatte, blieb aus. Bittere Enttäuschung machte sich in ihm breit.

Als hätte sie es gespürt, blickte sie auf. „Es schmeckt trotzdem ganz gut“, fügte sie aufmunternd hinzu.

Das verschlug ihm endgültig den Appetit.

4. KAPITEL

Oh, mein Gott, ist das köstlich! dachte Bella. Sie schaffte es nur mit Mühe, ein wohliges Stöhnen zu unterdrücken. Es fiel ihr unglaublich schwer, nicht aus der Rolle zu fallen, doch sie durfte nicht klein beigeben.

Wie man Sex ohne Gefühle haben konnte, war ihr unbegreiflich. Wenn sie eines Tages mit einem Mann schliefe, würde sie sich ihm ganz hingeben, ihn aufrichtig lieben und sich seiner Liebe sicher sein. „Bis ans Ende ihrer Tage“ – das wünschte sie sich.

Dominic war in dieser Hinsicht anderer Meinung. Seine Beziehungen hielten vermutlich jeweils nur wenige Tage.

Trotz allem, was sie über ihn wusste, zog er sie fast unwiderstehlich an. Zu ihrem eigenen Schutz musste sie Distanz wahren, aber das Theater, das sie ihm beim Dinner vorspielte, widerstrebte ihr so sehr, dass ihr die Augen brannten und sie Kopfschmerzen bekam.

Auch ihre Weigerung, die Verpflegung im gemeinsamen Haushalt zu übernehmen, diente dem Selbstschutz: Einen Mann allabendlich zu bekochen, war fast so gefährlich, wie mit ihm zu schlafen. Sie könnte viel zu leicht ins Träumen geraten und gefährliche Luftschlösser um ihn herum bauen.

Mit großem Bedauern nahm sie ihren Teller und stellte ihn auf den Boden. Sofort schoss die Katze aus ihrem Versteck hervor und machte sich darüber her.

„Was zum …?“

„Minky stört sich nicht an dem Oregano“, täuschte Bella Gleichgültigkeit vor. „Was gibt es als Hauptgang?“ Sie hatte nicht vorgehabt, ihn zu verletzen, aber Feingefühl gehörte nicht zu ihren Stärken – es sei denn beim Kochen. Hätte er in diesem Moment das Besteck auf den Tisch geworfen und wäre aus der Wohnung gestürmt, hätte sie es ihm nicht verübelt.

Aber ihr schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen. Er benahm sich wie ein skrupelloser Frauenheld und nutzte ihre Situation schamlos aus.

Sie befand sich in einem Zwiespalt. Einerseits musste sie mit ihm zusammenarbeiten, andererseits war es wichtig, ihn auf Abstand zu halten.

Er verdient alles, was ich ihm antue, sagte sie sich. Das köstliche Dinner, die festliche intime Atmosphäre waren Teil einer ausgeklügelt inszenierten Verführungsszene. Dabei interessierte er sich nicht einmal für sie persönlich. Ihn reizte die Herausforderung … und ihr Körper.

„Lass dich überraschen.“ Dominic ließ sich seine Verärgerung nicht anmerken. Scheinbar gelassen ging er in die Küche, um den nächsten Gang aufzutragen.

Bella presste die Hände gegen die Schläfen und atmete tief durch, bis er zurückkehrte. Von den Tellern in seinen Händen stieg ein verlockender Duft auf, der ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Gefüllter Lammbraten in einer knusprigen Kräuterkruste. Mit größtmöglicher Zurückhaltung griff sie zu Messer und Gabel, schnitt durch das butterzarte Fleisch und führte den ersten Bissen an die Lippen, in dem Bewusstsein, dass Dominic jede ihrer Regungen genau registrierte und auf ihre Kapitulation wartete.

Der Anschlag auf ihre Geschmacksknospen raubte ihr fast die Besinnung, doch davon ließ sie sich nichts anmerken.

„Was sagst du?“

Mit undurchdringlicher Miene erläuterte sie: „Die Soße ist gut. Ich hätte allerdings Pinienkerne statt Cashewnüssen verwendet, um der Kruste Raffinesse zu verleihen“, kritisierte sie, was sie in Wahrheit bewunderte.

Die Katze miaute, aber Bella dachte nicht daran, diese Gaumenfreude mit ihr zu teilen.

„Es ist dir zu gewöhnlich?“

Als er ihr, statt endlich aus der Haut zu fahren, ein Glas Rotwein einschenkte, dachte sie sich eine neue Schikane aus: „Weshalb hast du einen Merlot gewählt? Ein Cabernet Sauvignon hätte besser zu dem Fleisch gepasst.“

Entnervt stellte er die Flasche auf den Tisch. In seinen Augen funkelte es gefährlich. „Das Restaurant hat mir den optimalen Wein zu jedem Gang versprochen.“

„Nicht einmal den Wein hast du selbst ausgesucht?“, fuhr sie ihn wütend an. „Dürfte ich wissen, welchem Restaurant du so viel Vertrauen entgegenbringst?“

„Dem Regency Bellevue“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Es ist das beste in der Stadt.“

„Mit meinem Restaurant wird es sich nicht messen lassen.“ Angewidert schob sie den Teller von sich. Nicht die Speisen stießen sie ab, sondern Dominics Verhalten. Glaubte er tatsächlich, sie ohne die geringste Anstrengung verführen zu können?

„Bist du eigentlich nie zufrieden?“, hielt er ihr wütend ent­gegen.

„Ein harmloses Abendessen mit einem Geschäftspartner hätte mir gefallen, aber davon kann hier ja wohl nicht die Rede sein.“

Insgeheim musste Dominic ihr recht geben. Er hatte Bella zwar nicht verführen wollen, aber alles getan, um sie das glauben zu lassen.

Dass sie den Spieß umdrehte und ihn herausforderte, hatte er jedoch nicht erwartet.

„Lass dir einen Rat geben. Wenn du eine Frau umgarnen willst, musst du dir wenigstens ein bisschen Mühe geben.“

Verdutzt sah er sie an. „Noch mehr Mühe?“

„Was hast du denn getan, außer eine Menge Geld auszugeben, was dir nicht weh tut?“

„Ich habe Zeit und Gedanken investiert.“

„Du Ärmster! Wie lang hat es gedauert, das Menü mit dem Koch zu besprechen? Eine Viertelstunde?“

Unruhig rutschte er auf dem Stuhl hin und her, hielt aber ihrem Blick stand.

Als er schwieg, fuhr sie fort. „Das Essen wurde geliefert, der Tisch vom Kellner gedeckt. Alles, was du getan hast, war, dich in Schale zu werfen und aufzutragen. Verdient das Bewunderung? Bestimmt nicht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ein schlichtes Danke hätte mir gereicht. Aber lass dir eins gesagt sein: Verführen wollte ich dich ganze bestimmt nicht. Ich war lediglich verärgert über deine Vorurteile. Du hast mich zum Frauenhelden abgestempelt, ohne mich auch nur zu kennen.“

„Bist du das denn nicht?“, fragte sie geringfügig verunsichert.

Lügen wollte Dominic nicht, gleichzeitig kam ihm die Wahrheit nicht so recht über die Lippen – weil sie nicht stimmte, was Bella betraf. Aber woher sollte sie das wissen?

Er beschloss, ihren Einwand zu ignorieren. „Außerdem hast du mich als faulen Macho abgestempelt, der dir die ganze Hausarbeit aufbürden will.“

Schuldbewusst presste sie die Lippen aufeinander.

„Du verurteilst mich ohne Beweise, sondern auf der Basis von Klatsch und Tratsch. Aus diesem Grund wollte ich dir eine Lektion erteilen, indem ich so tue, als ob ich dich verführen wollte.“ Er neigte sich über den Tisch. „Wenn ich mich nach dem Essen mit einem schlichten Gute Nacht allein auf mein Zimmer zurückgezogen hätte, hättest du endlich begriffen, wie unfair das war.“

„Du betreibst einen solchen Aufwand, nur um mir eine Lektion zu erteilen? Wieso hast du mir nicht geradeheraus gesagt, dass ich meinen Verstand benutzen soll? Konntest du nicht mit mir reden wie mit … einer Erwachsenen?“

„So hast du dich nicht benommen“, platzte es aus ihm heraus. „Du schienst zu glauben, dass ich mich jeden Moment auf dich stürze. Dein … jungfräuliches Gehabe hat mich …“

Als sie bei seinen Worten zusammenzuckte, hielt er inne. Selbst bei Kerzenlicht bemerkte er, dass sie errötete und seinem Blick auswich.

„Das ist unmöglich!“, brachte er nach einer Weile heraus.

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“, flüsterte sie mit rauer Stimme, während sie weiterhin den Blick gesenkt hielt.

„Du bist keine Jungfrau mehr, oder?“

„Was du glaubst, ist mir gleichgültig.“

Ungläubig den Kopf schüttelnd, lehnte er sich im Stuhl zurück. Wie konnte das sein? Bella Maldini war eine wunderschöne Frau!

Erschüttert fuhr er sich mit beiden Händen durchs Haar und dankte der Vorsehung, dass er sie nicht tatsächlich verführt hatte. Jungfrauen neigten dazu, Sex mit Liebe zu verwechseln. Sie hatten noch nicht gelernt, dass Letztere ein Mythos war. Aus diesem Grund hielt er sich von ihnen fern. Er war vielleicht ein Frauenheld, aber er war nicht dumm, und schlief nur mit Frauen, die seine Ansichten über Sex teilten. Auf diese Weise vermied er unnötige Komplikationen.

Es gab bereits genug Leid in der Welt, er hatte nicht die Absicht dazu beizutragen, indem er einer Frau die Illusionen raubte. Tränen und Herzschmerz wich er nach Möglichkeit aus. Er war ein Mann für unbeschwerte Stunden, Gelächter und viel Spaß – mehr nicht.

„Eine Jungfrau“, murmelte er erneut. „Nicht zu fassen!“

Bella warf ihm einen bösen Blick zu. „Und wenn schon? Was ist daran falsch?“

„Nichts.“

„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, wechselte sie abrupt das Thema. „Es war nicht fair von mir, von vornherein das Schlechteste von dir anzunehmen.“

Dass das verwöhnte reiche Mädchen ihn um Verzeihung bat, traf Dominic unvorbereitet. Er warf ihr Vorurteile vor, hatte sich aber ebenfalls ein Bild von ihr gemacht, das sich als falsch herausstellte: Offenbar war sie nicht das leichtlebige Partygirl, für das er sie gehalten hatte.

„Entschuldigung angenommen.“ Angesichts ihrer offensichtlichen Erleichterung befiel ihn ein schlechtes Gewissen. „Du hattest recht, vor mir auf der Hut zu sein. Mir eilt ein gewisser Ruf voraus, wenngleich die Gerüchte natürlich übertrieben sind. Ich hätte dir das nicht zum Vorwurf machen dürfen.“

„Und ich hätte mir eine eigene Meinung bilden müssen. Ehrlich gesagt, finde ich es selbst grässlich, wenn man in mir nur die Tochter meines Vaters sieht. Ich hätte dir nicht dasselbe antun dürfen.“

Das traf ihn völlig unvorbereitet. In seiner Verwirrung wusste er nicht, was er sagen sollte, außer: „Sex mit Arbeitskollegen kommt für mich ohnehin nicht infrage.“ Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, tatsächlich gab es einige Ausnahmen, aber Bella war für ihn tabu.

„Wirklich?“

Sie neigte sich über den Tisch zu ihm. Unter dem grässlichen Trainingsanzug hob und senkte sich ihre Brust, und ihm stockte unvermittelt der Atem. „Ehrenwort.“

„Wir haben eine rein geschäftliche Beziehung?“

„Genau.“

„Ausgezeichnet!“ Ihr strahlendes Lächeln brachte sein Blut förmlich zum Kochen und machte es ihm nahezu unmöglich, sich auf ihre Worte zu konzentrieren.

„Es gibt nämlich unendlich viel, was ich von dir lernen möchte. Was hat du als Dessert geplant?“

Einen Moment lang sah er sie schweigend an, dann sagte er ernst: „Glaub mir, ich schätze deinen Vater zutiefst.“

Ihr Lächeln war wie weggewischt. „Was willst du damit ausdrücken?“

„Traust du dir zu, das Restaurant aufzubauen?“

„Ja.“

„Du wirfst nicht auf halber Strecke alles hin und gibst auf, so wie du es früher getan hast?“

Angriffslustig hob sie das Kinn. „Bestimmt nicht.“

„Hör mir gut zu. Ich habe ernsthafte Zweifel an deinem Durchhaltevermögen. Es wäre besser für alle Beteiligten und würde uns eine Menge Ärger ersparen, wenn du sofort gehst, statt in einem Monat. Ehrlich gesagt, wäre es mir am liebsten, du verschwindest auf der Stelle.“

„Ich bleibe die vollen zwei Monate.“ Sie bedachte ihn mit einem hochmütigen Blick.

„Darauf gibst du mir dein Ehrenwort?“

„Ja.“

Ich werde dafür sorgen, dass du dazu stehst, nahm er sich vor. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass sie mit arroganter Miene ebenso unwiderstehlich wirkte wie in den Momenten, in denen sie sich von ihrer sympathischsten Seite präsentierte. Am liebsten hätte er die Flucht ergriffen. Stattdessen sagte er: „Zum Dessert gibt es Zitronencremetorte.“

„Dann wünsche ich dir einen guten Appetit.“ Sie stand auf und ging davon, während Dominic am Tisch zurückblieb und sich wie ein Schuft fühlte.

5. KAPITEL

Es dauerte drei Tage, bis Dominic sich, von Neugier übermannt, in Bellas Reich begab – die Hotelküche.

Da die Arbeit sie beide komplett auslastete, waren sie sich seit dem ersten gemeinsamen Abend kaum begegnet und hatten kein weiteres Mal miteinander gegessen. Bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen sie sich gleichzeitig im Apartment aufhielten, brüteten sie über Akten und Berichten, jeder für sich in einer Ecke des Wohnzimmers. Während Dominic den Esstisch in Beschlag nahm, zog Bella eines der Zweiersofas in Kombination mit mehreren Beistelltischchen vor.

Sie arbeitete hart, das gestand Dominic ihr zu. Vielleicht hält sie ja doch durch, dachte er hoffungsvoll. Seit dem missglückten Dinner bemühte er sich, ihr unvoreingenommen zu begegnen, doch er hatte noch immer die Klagen ihres Vaters über ihre Flatterhaftigkeit im Ohr.

Er atmete tief durch – in Bellas Gegenwart benötigte er aus einem ihm unerfindlichen Grund immer eine Extraportion Sauerstoff – dann öffnete er die Küchentür. Statt der lauten Betriebsamkeit, die er erwartet hatte, schlug ihm spannungsgeladene Stille entgegen. Mit gerunzelter Stirn sah er sich um und versuchte, sich ein Bild von der Situation zu machen.

Bella stand an der gegenüberliegenden Wand, und lud mit ruckartigen Bewegungen Gemüse aus einer Holzkiste auf die Arbeitsplatte. Sie wirkte angespannt und frustriert. Wenige Schritte von ihr entfernt saß der Küchenchef Luigi mit hängenden Schultern an einem Tisch. Ein halbes Dutzend Köche und Küchenhilfen gingen schweigend ihrer Arbeit nach und warfen den beiden gelegentlich nervöse Blicke zu.

Noch immer packe Bella Auberginen, Paprika, Zucchini und andere Gemüsesorten aus der Kiste, begutachtete jedes Stück genau und legte es auf die Arbeitsplatte. Vor Anspannung zog sie die Schultern hoch. Als die Kiste leer war, stütze sie die Ellbogen auf und legte den Kopf in beide Hände.

Besorgt überlegte Dominic, ob sie krank war. Er tat einen Schritt in den Raum, doch ehe er etwas sagen konnte, fasste sie sich wieder, bückte sich, hob eine weitere Kiste vom Boden und stellte sie mit einem lauten Knall auf die Arbeitsfläche. Hoppla! dachte er.

Luigi und die anderen zuckten zusammen. Diesmal holte Bella das Gemüse nicht aus der Kiste, sondern wühlte lediglich darin herum. In diesem Moment ähnelte sie verblüffend ihrem Vater, wenn er kurz vor einem Wutausbruch stand, fand Dominic.

Er zog sich behutsam zurück, schloss die Tür wieder und klopfte an. Als er sie erneut öffnete, wandten sich alle Blicke ihm zu. „Entschuldigt die Störung. Bella, ich bräuchte dich kurz an der Rezeption. Du musst eine Lieferung quittieren“, fügte er hinzu, als sie ihn verständnislos ansah.

Unvermittelt schüttelte sie sich, wischte die Hände an ihrer Schürze ab und nickte. „Ja, sicher.“ Mit raschen Schritten eilte sie an ihm vorbei, als könne sie es nicht erwarten, aus der Küche herauszukommen. Dominic schloss die Tür hinter ihr und folgte ihr ins Foyer.

Sie hielt den Rücken kerzengerade. Als er sie einholte, fiel ihm ihre zornige Miene auf. Unwillkürlich fragte er sich, wie es wäre, ihre Lippen zu küssen, zu liebkosen, bis ihre Wut in Leidenschaft umschlug …

Erst jetzt bemerkte er, in welche Richtung seine Gedanken zielten, und er stolperte. Vergiss nicht, sie ist Marcos Tochter, und außerdem noch Jungfrau, rief er sich zur Ordnung, uns verbindet lediglich die gemeinsame Aufgabe.

An der Rezeption angekommen, wandte sie sich zu ihm um. „Welche Lieferung meinst du? Hier ist nichts.“

Rasch ergriff er ihren Arm, zog sie in das Büro hinter der Empfangstheke und warf die Tür hinter ihnen ins Schloss. Bella hatte behauptet, von ihm lernen zu wollen. Jetzt würde sie ihre erste Lektion zum Thema Mitarbeiterführung erhalten. „Kannst du mir bitte verraten, was eben in der Küche los war?“

Einer weiteren Aufforderung bedurfte es nicht. Dramatisch mit den Armen gestikulierend, machte sie ihrem Ärger Luft. „Weißt du, was dieser Dummkopf Luigi tut? Er kauft minderwertiges Gemüse, nur weil es von seinem Schwager stammt.“

Aufgebracht lief sie auf und ab und fluchte dabei auf Italienisch. Dominic ließ ihr Zeit, Dampf abzulassen – wie er es auch bei Marco tat. Offenbar hatten die beiden mehr gemein, als auf den ersten Blick zu erkennen war.

„Schlechte Ware dulde ich nicht!“ Sie warf Dominic einen herausfordernden Blick zu, doch er hütete sich, ihr zu widersprechen. „Ich lasse mir mein Restaurant von keinem bestechlichen, schmierigen Küchenchef ruinieren.“ Erschöpft ließ sie sich auf einen Stuhl fallen, und ihm wurde das Herz schwer, als sie traurig die Schultern hängen ließ.

„Bella …“

„Sag nichts. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Luigi ist ein fantastischer Koch und ein sehr netter Mensch. Er versucht, seine Familie zu unterstützen, indem er das Gemüse von seinem Schwager kauft. Wie könnte ausgerechnet ich ihn dafür kritisieren? Immerhin habe ich diesen Job nur bekommen, weil ich die Tochter vom Chef bin.“

Dominic zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich ihr gegenüber. „Gut. Lassen wir im Moment mal unsere persönliche Verunsicherung außer Acht.“

Augenblicklich erstarrte sie. „Ich …“

Er hob eine Hand und unterbrach sie. „Findest du es falsch, wenn Luigi seine Familie unterstützt?“

„Nein, ich würde es genauso machen.“

„Das denke ich auch. Aber wenn es zu Lasten des Hotels geht?“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Dann nicht.“

„Was können wir dagegen tun?“

„Es muss aufhören.“

„Bleib sachlich, Bella! Jemand muss mit dem Lieferanten sprechen. Wessen Aufgabe ist das: Luigis oder deine?“

„Meine“, erwiderte sie nach kurzer Überlegung. „Ich bin die Restaurantleiterin. Außerdem ist er vielleicht nicht in der Lage, sich gegen seine Familie durchzusetzen. Was ich als seine Vorgesetzte sage, müssen sie dagegen akzeptieren und können es ihm nicht zum Vorwurf machen.“

Als Dominic zufrieden lächelte, sah sie ihn erstaunt an. „So einfach ist das?“

Er nickte, und sie errötete. „Es tut mir leid, dass ich in Panik geraten bin.“

„Wenn du Probleme unterdrückst und mit Wut im Bauch herumläufst, verunsicherst du das Personal.“ Er wartete ab, bis sie seine Worte verdaut hatte. „In einem Hotel wie diesem sind Teamgeist und hervorragende Arbeitsmoral von größter Bedeutung.“

Bella sah Dominic nachdenklich an. Unvermittelt begriff sie, weshalb ihr Vater so große Stücke auf ihn hielt. „Das verstehe ich. Was hältst du von folgendem Plan? Ich bitte Luigi, ein Treffen zwischen mir und seinem Schwager zu arrangieren.“

Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe, bis sie bemerkte, dass er wie gebannt auf ihren Mund blickte. Sie hatte den Eindruck, er würde sie jeden Moment in die Arme reißen und noch hier im Büro lieben.

Eine fast unerträgliche Spannung lag in der Luft, ein Hauch von Verbotenem – und zum ersten Mal in ihrem Leben schreckte sie nicht davor zurück. Erschrocken und gleichzeitig voller Sehnsucht stellte sie sich vor, wie es wäre, ihn zu küssen. In diesem Augenblick brächte sie nicht die Entschlossenheit auf, seinen Kuss abzuwehren – oder was folgen würde.

„Bella“, rief er sie in die Realität zurück. Seine Stimme klang seltsam gepresst, als wäre er verärgert. „Was willst du dem Lieferanten sagen?“

Mühsam konzentrierte sie sich wieder auf das eigentliche Thema. „Ich erkläre ihm, dass seine Produkte unseren Anforderungen nicht entsprechen und welchen Standard wir erwarten. Kann er keine Ware dieser Qualität liefern, kaufe ich bei einem anderen Lieferanten, bis er so weit ist. Anschließend kann er wieder ins Geschäft einsteigen. So hat er ein Ziel, auf das sich hinzuarbeiten lohnt.“

„Sehr gut“, lobte Dominic, doch in seiner Stimme schwang immer noch ein seltsamer Unterton mit, der ihr nicht behagte.

„Ich könnte ihn auch ans Regency Bellevue verweisen, dort ist man nicht so kritisch.“

Einen Moment lang sah Dominic sie verdutzt an, ehe er ihren Scherz begriff. Sein Lachen brachte ihr Herz aus dem Takt.

„Ich sehe, du hast alles unter Kontrolle.“

Er stand auf, sie erhob sich ebenfalls, und gleichzeitig traten sie beide einen Schritt zurück.

Obwohl Bella es für ratsam hielt, möglichst schnell aus seiner Nähe zu fliehen, musste sie noch etwas loswerden: „Herzlichen Dank. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du dir Zeit für mein Problem genommen hast.“

„Dafür bin ich da.“

Dominic verlangte viel von seinen Untergebenen, jedoch niemals mehr als von sich selbst. Er arbeitete hart, und das Personal schätzte seinen respektvollen, von Humor geprägten Umgangston und das offene Ohr, das er jedem bereitwillig lieh. Romantischen Beziehungen mochte er sich verschließen, aber unnahbar war er ganz und gar nicht.

„Ich fürchte, den Umgang mit Personal muss ich noch lernen“, gestand Bella.

„Der verbessert sich während der Arbeit fast ganz von allein. Du wirst sehen, mit der Zeit wird es immer leichter.“

„Danke für deine Tipps. Ich werde sie beherzigen“, verabschiedete sie sich widerstrebend. Lieber hätte sie sich ihm an den Hals geworfen.

„Ja, tu das.“ Wieder fiel sein Blick auf ihre Lippen, und in seine Augen trat ein seltsamer Glanz.

Rasch wandte sie sich um, in der Hoffnung, dass die Beine nicht unter ihr nachgaben. Er hatte sie angesehen wie ein Verdurstender, der sich nach Wasser verzehrte.

Glücklicherweise erreichte sie die Küche ohne Zwischenfall. Ehe sie eintrat, lehnte sie sich gegen die Wand neben der Tür und atmete tief durch. Was wäre geschehen, wenn sie, statt das Büro zu verlassen, zu ihm gegangen wäre und ihn geküsst hätte?

Ihr wurde unglaublich heiß, sie hatte förmlich das Gefühl zu schmelzen.

Wenn ich nur wüsste, was in seiner Vergangenheit vorgefallen ist. Wieso fürchtet er eine feste Beziehung? Sie dachte an sein kahles Schlafzimmer, und das Herz wurde ihr schwer.

Mit der Hand fächelte sie sich Luft zu. Was, um Himmels willen, tust du da? fragte sie sich entsetzt. Eine Beziehung mit Dominic kam ohnehin nicht infrage.

Das sind nur die Hormone, beruhigte sie sich gleich darauf, entschlossen, sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen. Seit sie den Kinderschuhen entwachsen war, versuchten Männer ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Bislang war es keinem gelungen, und nun wurde ihr der Grund dafür bewusst.

Keiner hatte sie je ernsthaft gereizt – zumindest nicht mehr als ein Glas guter Wein oder ein Stück edler Schokolade.

Mit Dominic verhielt es sich anders. Er übte eine starke Anziehung auf sie aus, vergleichbar mit einem kompletten Feinschmeckermenü, ergänzt um eine Flasche besten französischen Champagner.

Unwillkürlich ballte sie die Hände zu Fäusten angesichts dieser Ungerechtigkeit des Schicksals. Ausgerechnet ein Mann, der ausschließlich auf flüchtige Affären aus war, führte sie zum ersten Mal in Versuchung.

Statt auf ihn sollte sie sich besser auf ihre Zukunftspläne konzentrieren, auf nichts sonst.

Erschöpft lehnte Bella an der Wand, dann drückte sie sich entschlossen ab, öffnete die Küchentür und klatschte in die Hände, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Ihr habt heute hart gearbeitet und euch eine Extrapause verdient. Wir sehen uns in einer Viertelstunde wieder hier.“ Zu Luigi sagte sie: „Kann ich dich vorher kurz sprechen?“

Er schluckte. „Ja, sicher.“

Nachdem sie allein waren, deutete sie auf die Gemüsekisten. „Kannst du ein Treffen zwischen mir und deinem Schwager arrangieren?“ Auf seinen skeptischen Blick hin erklärte sie: „Seine Ware entspricht leider nicht meinen Vorstellungen. Das ist keine Kritik an dir, wirklich nicht. Ich würde ihm gern persönlich erklären, welche Qualität wir benötigen. Vielleicht kann er entsprechende Produkte liefern. Wenn nicht, kaufen wir anderswo ein, bis er so weit ist.“

Luigi blinzelte, dann lächelte er unvermittelt. „Ich rufe ihn sofort an.“

Als Dominic am Freitagabend nach Hause kam, trug er neben seiner Aktentasche und dem Laptop noch ein bunt eingeschlagenes Päckchen unter dem Arm, rechteckig, länglich, nicht groß, aber offenbar schwer und mit einer gelb-grünen Geschenkschleife verziert.

Neugierig fragte Bella: „Hat jemand Geburtstag?“

„Das ist für dich.“

„Für mich? Wieso denn das?“

Wortlos überreichte er es ihr. Es war so schwer war, wie es aussah.

„Was ist es?“

„Mach auf und sieh nach.“

Aufgeregt zog sie die Schleife ab und riss das Papier auf: Zwei Bücher kamen zum Vorschein.

Das eine hieß „Management in Theorie und Praxis“. Rasch blätterte sie durch die Seiten und las einige Kapitelüberschriften: Strategieanalyse, Leistungsbeurteilung, Betriebswirtschaftslehre. Sie schluckte. Ob sie das jemals begreifen würde?

„Dieses Buch hat mir an der Universität gute Dienste geleistet. Vielleicht hilft es auch dir weiter.“

Um ihre Unsicherheit zu verbergen, lächelte sie nur.

Dann wandte sie sich dem zweiten Buch zu. Auf dem Cover war ein lustiger Cartoon abgedruckt, und als sie den Titel las, musste sie lachen: „Wie man mit Menschen umgeht, die man nicht leiden kann“.

Dominic schmunzelte. „Ich dachte mir schon, dass es dir besser gefällt.“

Dankbar drückte sie die beiden Bücher an die Brust, gerührt von seiner Fürsorge. „Vielen Dank. Das ist wirklich nett von dir.“

„Du hast gesagt, du möchtest etwas lernen.“

„In der Tat.“

Einen Moment lang sahen sie einander an. Während Bella noch überlegte, ob sie ihn wie einen Freund umarmen und auf die Wange küssen sollte, tat er bereits einen Schritt nach hinten.

„Ich muss noch ein paar E-Mails beantworten“, entschuldigte er sich und zog sich an den Esstisch zurück.

6. KAPITEL

Als Bella am Sonntagmorgen ins Wohnzimmer kam, blieb sie verblüfft stehen. Dominic saß am Esstisch, den Kopf über einen dicken Aktenordner gebeugt. Sonst war er um diese Zeit bereits im Hotel.

Während sie an ihm vorbei in die Küche ging, sah er kurz auf und nickte ihr zu.

Die erste Tasse Kaffee trank sie am Küchenfenster mit Blick auf den Hafen. Das Meer glitzerte einladend in der Morgensonne, und ihr wurde bewusst, dass sie seit ihrer Ankunft vor einer Woche nicht mehr von der Stadt gesehen hatte als den Weg vom Apartment zum Hotel.

Die Strecke führte durch einen kleinen Park, und vom Hotel aus hatte man einen atemberaubenden Blick auf den Strand. Doch das genügte ihr nicht. Sich in Arbeit zu vergraben, war der Kreativität nicht zuträglich, die sie benötigte, um das beste Restaurant der Stadt zu schaffen.

Oder das beste Hotel, dachte sie und warf einen Blick ins Wohnzimmer. Hatte Dominic vor, zwei Monate am Stück zu arbeiten ohne Freizeit, um neue Kräfte zu sammeln?

Er sollte gute Laune haben, wenn ich ihm meinen neuen Finanzplan vorlege, überlegte sie. Rasch bereitete sie einen Teller mit Toast und eine weitere Tasse Kaffee zu und nahm beides mit ins Wohnzimmer. Im Vorübergehen bot sie Dominic von dem Toast an, aber er schüttelte nur den Kopf und arbeitete konzentriert weiter. Sie setze sich auf eines der Sofas, aß und trank, dann kehrte sie in die Küche zurück und spülte das Geschirr ab. Anschließend duschte sie und schlüpfte in Jeans und Sweatshirt. Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte, arbeitete Dominic noch immer. „Das darf doch nicht wahr sein!“, sagte sie vorwurfsvoll.

Er sah auf und lächelte. In seinen Augen funkelte es verlockend, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Guten Morgen, Bella.“

„Auch dir einen guten Morgen.“

„Bist du zufrieden mit mir? Ich habe dich nicht vor deiner zweiten Tasse Kaffee angesprochen.“ Er legte den Stift aus der Hand und lehnte sich im Stuhl zurück.

Sie schmunzelte. „Du bist ein vorbildlicher Mitbewohner.“

„Stets zu Diensten. Verrate mir doch, was genau nicht wahr ist.“ Mit einer Geste bot er ihr einen Stuhl an, aber sie zögerte. Der Esstisch war sein Arbeitsbereich, in den sie nicht eindringen wollte. Sie setzte sich auf das nächste Sofa.

„Gönnst du dir nie Freizeit?“

„Dieses Projekt dauert nur zwei Monate. Danach kann ich mich erholen.“

„Das war die falsche Antwort. Der Kandidat hat null Punkte.“

„Es macht mir nichts aus, viel und hart zu arbeiten“, entgegnete er lächelnd.

Dasselbe trifft auf mich zu, auch wenn du das nicht glaubst, dachte Bella. Im Restaurant ihres Onkels hatte sie körperlich geschuftet: gekocht, gekellnert, abgewaschen und geputzt. Ihre jetzige Aufgabe war nicht minder anstrengend, wenngleich die Anforderungen anderer Art waren. Sie nahm sich vor, ihm zu beweisen, dass er sich in ihr irrte. „Findest du, dass ich diese Woche zu wenig gearbeitet habe?“

„Nein, du bist auf dem richtigen Weg – bis jetzt.“

„Im Gegensatz zu dir bin ich der Ansicht, dass Körper und Geist Zeit zum Regenerieren brauchen.“

„Ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann.“

„Oh bitte, spiel hier nicht den Märtyrer! Du gehörst nicht zu diesen bedauernswerten Menschen.“

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals.

„Wenn du wegen Überarbeitung krank wirst, macht Papa mich dafür verantwortlich.“

„Das wird nicht passieren, versprochen.“

„Du weißt ein offenes Wort zu schätzen, oder?“

„Je deutlicher, desto besser.“

„Gut. Ich lasse nicht zu, dass sich deine Überlastung negativ auf mein Restaurant auswirkt.“

Neugierig sah er sie an. „Das musst du mir erklären.“

„Erschöpfung kann deine Urteilsfähigkeit beeinträchtigen. Was glaubst du zu erreichen, indem du Tag und Nacht arbeitest?“

Dominic verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg.

„Wer Verantwortung trägt, sollte ausgeglichen sein.“

„Trifft das auf mich etwa nicht zu?“

Sie dachte an sein kahles Schlafzimmer, seine zahllosen Affären, die er allesamt nach wenigen Wochen beendete. Andererseits wollte sie ihn bei Laune halten. Daher schlug sie einen lockeren Ton an. „Du sagst es, mein Lieber.“

„Versuchst du, auf diese Weise Urlaub herauszuschinden?“, fragte er argwöhnisch vor. „Das kannst du vergessen.“

„Ich erkläre dir lediglich, dass ich sonntags nicht arbeite.“

„Das ist in Ordnung. Entschuldige die voreilige Schlussfolgerung.“

Weder glaubte sie, dass es ihm leid tat, noch würde sie zulassen, dass er das Hotel ihres Vaters ruinierte. Mit Firmenübernahmen, Effizienz und Produktivitätssteigerung kannte er sich aus, aber was wusste er von Träumen und davon, wie man sie realisierte?

Bella stemmte die Hände in die Seiten. „Wie viel Herzblut bist du bereit, in unser Hotel zu investieren?“

„Gar keines. Alles, was ich brauche, ist mein Geschäftssinn.“

„Es ist für dich also nur eine weitere Sprosse auf deiner Karriereleiter?“

„Und für dich?“

„Ich will meinen Eltern Ehre machen, während du nur den schnellen Erfolg suchst. Was langfristig damit geschieht, ist dir egal. Du willst kein … Lebensgefühl schaffen.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Wie gut kennst du die Stadt?“

„Vermutlich so gut wie du. Ich habe darüber gelesen und weiß, was sie zu bieten hat.“

„Was davon hast du dir bereits angesehen?“

„Nichts. Wozu auch?“

„Um unser Hotel zur Nummer eins zu machen.“ Erregt stand sie auf und ging im Zimmer auf und ab. „Das Newcastle Maldini soll kein Hotel wie viele andere werden. Es ist ähnlich wie bei Hamlet.“

„Ein ängstlicher dänischer Prinz bin ich bestimmt nicht.“

„Aber wenn etwas ‚faul im Staate Dänemark‘ ist, Korruption und Inkompetenz herrschen, dann hat das Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.“

„Wirfst du mir Ineffektivität und Bestechlichkeit vor?“

„Natürlich nicht, aber siehst du die Analogie nicht? Im Hotel bist du der König. Deine Einstellung färbt auf das Personal ab.“

„Und wenn mit meiner Einstellung etwas nicht stimmt …“

„Genau. Natürlich sind hervorragender Service, Komfort und Luxus wichtig, aber das genügt nicht. Wir müssen uns von anderen Luxushotels abheben.“

„Und wie schaffen wir das?“

„Indem wir die Stadt und ihre Attraktionen mit einbeziehen.“

„Dafür ist unsere Werbeagentur zuständig. Sie informiert unser Team an der Rezeption ausführlich über alle kulturellen und Freizeitangebote in der Umgebung.“

„Aber unsere Angestellten lernen die Stadt nicht selbst kennen, erleben sie nicht persönlich.“ Frustriert rang sie die Hände. „Sie verteilen lediglich Broschüren. Besser wäre es, wenn sie den Gästen Begeisterung vermitteln, echte Gefühle, sonst sind wir nicht besser als andere Hotels. Unser Haus braucht ein Herz und eine Seele, einen einzigartigen, unverwechselbaren Charakter.“ Sie klatschte in die Hände. „Komm mit, vielleicht kann ich dir zeigen, was ich meine.“

Als er auf den Aktenordner deutete, bettelte sie: „Bitte, Dominic. Heute ist doch Sonntag.“

„Du lässt mir ohnehin keine Ruhe, oder?“ Seufzend stand er auf und machte sich ausgehbereit, während sie die Katze mit Wasser und Futter versorgte.

Als Bella Schlüssel und Portemonnaie einsteckte, erkundigte er sich: „Wofür brauchen wir Geld?“

„Für Eiscreme.“

„Eis hilft mir, die Seele der Stadt zu erfassen?“

„Zweifelst du etwa daran?“

Lachend folgte er ihr in den Lift. Vor dem Haus angekommen fragte er: „Hast du ein bestimmtes Ziel im Auge?“

„Oh ja.“ Ohne ein weiteres Wort, schlug sie den Weg zum Hotel ein, ging dann aber daran vorbei.

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