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ROMANA EXTRA BAND 77

CATHY BELL

Küss mich am Strand von Griechenland

Warum verschwand Lilly einst ohne Abschied? Das will Oliver herausfinden – natürlich nur, um sie endlich vergessen zu können! Wenn da bloß nicht diese zärtliche Sehnsucht bei ihrem Wiedersehen wäre …

SORAYA LANE

Bis ans Ende der Welt mit dir

Jessica hat die Farm ihres Großvaters geerbt – und den attraktiven Mieter im Cottage gleich dazu … Doch so sehr sie sich zu Nathan hingezogen fühlt, sie spürt auch: Er verbirgt etwas vor ihr!

CHRISTINA HOLLIS

Im Castello der Leidenschaft

Mein Gott, ist sie schön! Graf Dario di Sirena kann den Blick nicht von Josie wenden, als er sie im Ballkleid sieht. Sie ist wie Feuer in seinem Blut – dabei hat er sich geschworen, nie wieder zu lieben …

JAMIE POPE

Heißer Flirt in Florida

Ein spontaner Kuss, dann gibt Elias sich als Crickets Freund aus. Alles bloß, damit Crickets Freundin aufhört, sie als Single zu bemitleiden! Aber weshalb überwältigt ihn dabei ein nie gekanntes Begehren?

Küss mich am Strand von Griechenland

1. KAPITEL

Noch gut eine Stunde Arbeit lag vor ihr. Dann hatte sie es für heute geschafft. Erschöpft wischte sich Lilly den Schweiß von der Stirn und straffte sich. Um sie herum tobten Kinder hinter Strandbällen her, Eltern lagen in der Sonne oder unter bunten Sonnenschirmen im Schatten. Ein Schwimmer stand bis zur Hüfte im kristallklaren Wasser, und von links näherte sich eine Gruppe Jogger. Ein ganz normaler Morgen am Strand von Dafni.

Nirgendwo sonst wurde auf Zakynthos der Gegensatz zwischen Artenschutz und Tourismus deutlicher als hier. Während Urlauber die Sonne, das Meer und den goldenen Strand genossen, kämpften Mitarbeiter der Naturschutzorganisation um den Schutz der Schildkrötennester. In der Nacht kletterten die Meerestiere an Land und legten ihre Eier im warmen Sand ab. Bevor am nächsten Tag die Touristen kamen, mussten die Gelege geschützt werden. Das Problem war, dass die Eier meist unsichtbar unter Sand begraben lagen. Wenn ein Badegast seinen Sonnenschirm in genau solch ein Nest stieß, konnte dies das Ende für die Schildkrötenbrut sein. Deshalb markierten die Tierschützer die Gelege in der Nacht, indem sie die Schildkröten bei ihrer Eiablage beobachteten und danach kleine Eisengestelle zum Schutz darüberstülpten.

Zum Glück lag der wunderschöne Strand versteckt hinter Dünen und war nur durch eine holperige Landstraße zu erreichen. Dadurch hielten sich die Besucherströme einigermaßen in Grenzen. Heute waren jedoch für die frühe Stunde ungewöhnlich viele Besucher da.

Entschlossen machte sich Lilly wieder an die Arbeit. Sie hatte eine Nachtschicht hinter sich und war gerade dabei, die letzten Nester zu schützen. Zehn Uhr morgens, noch zwei Käfige, und dann hatte sie frei. Sie liebte ihren Job unter freiem Himmel, doch heute machten die frische Luft und die körperliche Anstrengung sie müde. Vielleicht waren aber auch die Überlegungen zur anstehenden Abendveranstaltung schuld daran, dass ihr die Handgriffe schwerer fielen als sonst. Sie würde nicht wie sonst auf ihrer Terrasse den Sonnenuntergang genießen können. Heute musste sie auf eine Spendengala für das neue Schildkrötenhospital.

Wenn Lilly etwas hasste, dann waren es derartige Events. Es gefiel ihr überhaupt nicht, um Geld zu bitten. Aber ohne die notwendigen Spenden konnten sie die alte Rettungsstation nicht umbauen. Sie hatte also keine andere Wahl.

Die Jogger waren mittlerweile näher gekommen. Sie hielten sich nahe der Wasserlinie, wo der Sand etwas fester war. Ab und zu erwischte sie eine Welle, sodass das Wasser hochspritzte.

Lilly blickte kurz zu den Sportlern auf. Sie kannte niemanden von ihnen. Doch dann fiel ihr Blick auf den hintersten Jogger, der mit etwas Abstand zum Rest lief. Er schien nicht zu der Gruppe zu gehören und blickte vor sich auf den Sand, offenbar tief in Gedanken.

Lilly erstarrte. Blinzelte. Nein, dachte sie. Das kann überhaupt nicht sein! Und doch … der Jogger sah jemandem sehr ähnlich, der ihr einst viel bedeutet hatte. Sehr viel. Sie hatte ihn seit Jahren nicht gesehen. Ihre letzte Begegnung war in England gewesen. Ein schrecklicher Tag, der sich für immer in Lillys Gedächtnis gebrannt hatte. Diese traurigen Augen. Verletzt. Bis tief in die Seele. Das war in einem anderen Leben gewesen. Vor einer Ewigkeit. Aber was sollte Oliver hier auf der griechischen Insel Zakynthos machen? Es war unmöglich! Dieser Sportler sah ihrem ehemaligen Freund nur ähnlich. Oder?

In dieser Sekunde blickte der Jogger hoch, als hätte er ihren Blick gespürt. Zunächst sah er prüfend zu den Läufern vor sich, dann wandte er den Kopf, schaute in Lillys Richtung. Als sich ihre Blicke trafen, wurde es Lilly ganz kalt. Diese Augen! Die hätte sie unter Tausenden wiedererkannt – hellblau wie der Himmel, mit einem dunkelblauen Kranz drum herum, von der Farbe eines tiefen Meeres. Der sanfte Blick wirkte jetzt müde, fast traurig.

Es gab keinen Zweifel.

Hastig senkte Lilly den Blick. Bloß nicht hochgucken! Ihr Herz klopfte wild. Sie hatte vor Schreck eine Gänsehaut bekommen. Das konnte doch nicht wahr sein! Es war unmöglich. Und doch … Lilly war sich absolut sicher.

Es war tatsächlich Oliver. Ihr Oliver, den sie mit blutendem Herzen in England hatte zurücklassen müssen. Den sie verraten hatte und der sie sicherlich hasste. Aber was machte er nur hier auf Zakynthos?

Hoffentlich hatte er sie nicht erkannt! Bitte, dachte sie verzweifelt, lass ihn einfach weiterlaufen. Lass ihn mich nicht entdeckt haben.

Da sie es nicht wagte, aufzublicken, konnte sie nur auf die Geräusche um sich herum lauschen. Die Gruppe war vorbeigelaufen, da war sie sich sicher. Und Oliver? War er stehen geblieben, oder war er ihnen gefolgt?

Mit heftig schlagendem Herzen blickte sie auf. Vorsichtig. Ganz langsam. Ihr Magen sackte ab, als sie ihn sah. Er stand etwa fünf Meter von ihr entfernt und sah sie wie vom Donner gerührt an. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig.

Er hatte sie erkannt. Definitiv.

Und jetzt? Was sollte sie denn nur tun? Weglaufen, so schnell sie konnte? Doch was machte sie dann mit den Eisenkäfigen? Oder sollte sie einfach so tun, als hätte sie ihn nicht erkannt? Dafür schien es allerdings zu spät zu sein. Sein Blick war so intensiv, so stechend, dass sie nicht wegsehen konnte.

Oliver. Aus dem schlaksigen Teenager war ein gut gebauter Mann geworden. Lilly schätzte ihn auf einen Meter neunzig. Seine Schultern waren muskulöser als früher, die Arme kräftiger. Seine blonden Haare waren ganz kurz geschnitten, was ihm wirklich gut stand. Sein Gesicht war etwas kantiger, aber trotzdem. Es war Oliver.

Langsam zog er seine Kopfhörer aus den Ohren. Als er einen Schritt auf sie zumachte, konnte Lilly kaum noch atmen. Er durfte auf keinen Fall zu ihr kommen. Sie hatte keine Ahnung, was sie zu ihm sagen sollte. Was, wenn er fragte, warum sie damals von einem Tag auf den anderen verschwunden war? Was, wenn er sie zur Rede stellte?

Sie war ihm all die Jahre lang eine Antwort schuldig geblieben. Damals hatte sie schnell lernen müssen, sich vor ihm zu verstecken. Und ausgerechnet jetzt konnte sie ihm nicht entkommen.

In dieser Sekunde machte er den entscheidenden Schritt nach vorne. Zunächst zögerlich, dann deutlich entschlossener überwand er den Abstand zwischen ihnen.

„Lilly?“, fragte er fassungslos.

Sie konnte nicht antworten. Ihr Mund war staubtrocken, ihr Gehirn wie leergefegt. Seine Stimme ließ ihr Innerstes vibrieren. Alte, mühsam verdrängte Gefühle regten sich. Sie hatte ihn so sehr geliebt. Er war ein Teil von ihr gewesen, ihr Leben. Als sie gegangen war, hatte der Verlust sie fast in die Knie gezwungen. Sie hatte sich unvollständig gefühlt, allein. Ihn jetzt zu sehen, spülte diese Empfindungen wieder an die Oberfläche, sodass ihre Beine zu zittern begannen.

Er sah sie schweigend an. Offenbar wartete er auf eine Antwort von ihr. Aber wie sollte man denjenigen begrüßen, den man mehr als alles andere auf der Welt vermisste und den man gleichzeitig niemals wiedersehen wollte?

„Oliver“, flüsterte sie schließlich tonlos. Es war seltsam, den Namen auszusprechen. Sie hatte die Erinnerungen an ihn vor Jahren mit Gewalt in eine Ecke ihres Gedächtnisses verbannt, um weiterleben zu können. Jetzt war sie ihnen hilflos ausgeliefert.

Olivers Blick glitt prüfend über ihr Gesicht. Für eine Sekunde verharrte er bei ihren Lippen, dann sah Oliver ihr wieder in die Augen. Lilly konnte den gleichen Schmerz erkennen, den sie verspürte. Dann wurde sein Ausdruck hart und unnachgiebig. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging an ihr vorbei.

Seine Körperhaltung drückte Ablehnung aus, was Lilly noch mehr erschütterte. Oliver hasste sie tatsächlich. Sie hatte sich all die Jahre versucht einzureden, dass er ihr Verhalten tief in seinem Innersten verstanden hatte. Dass er wusste, dass sie hatte gehen müssen. Wie es schien, war das reines Wunschdenken gewesen.

Oliver fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Lilly zu treffen, war schrecklich – und schön zugleich. Sein Herz zog sich zunächst vor Schreck zusammen, dann flog es ihr zu. Wie früher. Selbst nach zehn Jahren, in denen sie keinen Kontakt gehabt hatten.

Lilly war seine erste große Liebe gewesen, die er niemals vergessen konnte. Er hatte sie geliebt wie nichts sonst auf der Welt. Aber sie hatte ihn von einem Tag auf den anderen verlassen und war damit auch die eine Person, die er zu hassen versuchte, weil sie ihm mehr wehgetan hatte als sonst jemand.

Aber sie zu hassen, war ihm unendlich schwergefallen. Er hatte sich irgendwann mit den verworrenen Gefühlen in seinem Inneren arrangiert. Hatte sich eingeredet, nichts mehr für sie zu empfinden. Dass das falsch war, spürte er jetzt mit aller Härte.

Sein Körper reagierte auf ihren Anblick wie vor zehn Jahren. Er hatte Schmetterlinge im Bauch, Sehnsucht im Herzen und das Gefühl, sich niemals an ihr sattsehen zu können.

Verräter. Sein Körper war nichts als ein elendiger Verräter.

Er brauchte all seine Kraft, um sich von ihr abzuwenden. Alles in ihm schrie danach, mit ihr zu reden. Doch sobald er ihr nahe war, konnte er nicht mehr denken. Das war vor zehn Jahren so gewesen, und das hatte sich offenbar nicht geändert. Er musste hier weg. Einen klaren Kopf bekommen. Sich bewusst werden, was diese Begegnung zu bedeuten hatte.

Er schaffte es fünf Meter weit, dann blieb er wieder stehen. Sein Herz schlug viel zu schnell, das Blut rauschte in seinen Ohren. Dass sie noch immer solch eine Reaktion in ihm auslösen konnte, war nicht richtig! Er musste sich endlich von ihr lösen, die Vergangenheit hinter sich lassen.

Doch das ging nur, wenn er herausfand, warum sie von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Ihn zurückgelassen hatte. Ohne Brief. Ohne Erklärung. Ohne ein Wort.

Er drehte sich um und sah sie an. Sie stand noch immer vollkommen reglos da. In den Händen hielt sie ein unförmiges Drahtgestell. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen genauso fassungslos an wie er sie.

Ihre wilde Mähne hatte sie mittlerweile gebändigt. Früher hatte sie ihre dunkelbraunen Haare schulterlang getragen. Die ungezähmten Locken waren eigentlich immer im Weg gewesen. Jetzt reichten ihre Haare fast bis zur Hüfte, sodass die Locken in sanften Wellen herabfielen. Oliver gefiel das sehr gut, was ihn augenblicklich ärgerte.

Er wollte nur kurz mit ihr reden. Reden! Also musste er dringend aufhören, sie anzustarren. Dass sie jedoch zu einer unfassbar schönen Frau herangewachsen war, ließ sich nicht leugnen.

Ihre dunkelbraunen Augen hatten ihn schon immer an Schokolade erinnert. Früher hatte Lilly sie hinter einer großen Brille versteckt. Die war jedoch verschwunden, genau wie ihr strahlendes Lächeln. Sie wirkte reifer. Ernster. Müde.

Diese Erkenntnis trieb ihn an. Auch er war in den Jahren nach der Trennung ernster geworden. Ihr Weggang hatte mit einem Schlag alle Fröhlichkeit aus seinem Leben vertrieben. Jetzt war der Moment gekommen, das niemals Gesagte loszuwerden.

Entschlossen ging er zurück und baute sich möglichst drohend vor ihr auf. Er wusste, dass er einschüchternd wirken konnte, sobald er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. „Warum bist du einfach gegangen?“, fragte er sie.

Lilly schien die Frage bereits erwartet zu haben. Sie wirkte nach außen hin ruhig, doch Oliver kannte sie zu gut. Sie presste ihre vollen Lippen ein klein wenig zu fest aufeinander. Ihre Stirn krauste sich ganz leicht. Sie war beunruhigt, vielleicht sogar ängstlich.

„Lass es gut sein“, sagte sie nach einer Weile leise. Sie bückte sich und hob drei pyramidenförmige Drahtgestelle auf. Oliver wusste, dass mit diesen Gestellen Schildkrötennester gekennzeichnet und geschützt wurden. Offenbar wollte Lilly ihre Arbeit beenden und gehen.

Entschlossen trat er ihr in den Weg.

„Wir müssen reden, Lilly. Findest du nicht, dass du mir nach zehn Jahren eine Erklärung schuldig bist? Warum bist du einfach abgehauen? Wohin bist du gegangen?“

Lilly konnte ihm nicht in die Augen blicken. Unruhig huschte ihr Blick von links nach rechts, immer an ihm vorbei. „Ich bin studieren gegangen. Meeresbiologie.“

„Und das konntest du mir nicht erzählen?“

„Ich wusste nicht, was ich sagen sollte …“ Ihre Stimme brach. Schließlich sah sie ihn doch an. Tränen schimmerten in ihren Augen. „Wir sollten die Vergangenheit ruhen lassen, Oliver. Du und ich – wir haben uns nichts zu sagen.“

Als sie jetzt an ihm vorbeiging, ließ Oliver sie. Ihre Worte hatten ihn tiefer getroffen, als sie sollten. Und was noch viel schlimmer war: Sie hatten seine Neugierde geweckt. Er wollte endlich wissen, warum Lilly so plötzlich verschwunden war. Dass sie noch immer nicht mit der Wahrheit herausrückte, ließ die Sache noch viel mysteriöser erscheinen. Was war damals passiert?

Oliver schwor sich, es herauszufinden. Für den Moment ließ er sie gehen, aber er würde sie wiederfinden. Und dann musste sie ihm Antworten liefern.

Stunden später zitterten Lillys Finger immer noch so sehr, dass sie kaum die Kreolen an ihren Ohren befestigen konnte. Zunächst war sie wie betäubt zur Meeresbiologischen Station gefahren, hatte dort die nicht verwendeten Käfige abgegeben und war dann nach Hause gegangen, um sich auszuruhen und umzuziehen. Aber sie war innerlich so aufgewühlt, dass sie kaum atmen konnte.

Oliver war hier auf Zakynthos, der drittgrößten der Ionischen Inseln. Aber was machte er in Griechenland? Warum war er nicht in England?

Doch noch seltsamer war, dass sie tatsächlich mit ihm gesprochen hatte. Wie befürchtet war er wütend gewesen. Und verletzt. Sie konnte es ihm nicht verdenken.

In Gedanken spielte sie ihre Begegnung immer und immer wieder durch. Was hätte sie anders machen können? Hätte sie nach all den Jahren einfach die Wahrheit sagen sollen? Nein. Es war besser, dass Oliver wütend auf sie war. Er sollte sich nicht erneut von seiner Familie entfremden.

In den Zeitungen hatte Lilly aufmerksam verfolgt, wie es den Cahills ergangen war. Die Familie war eine der reichsten in ganz England und stand entsprechend im Licht der Öffentlichkeit. Olivers Vater Ted hatte sich mit außergewöhnlichen Bauprojekten einen Namen gemacht. Oliver hatte das Portfolio des Familienunternehmens ergänzt, indem er sich auf extravagante Hotels konzentrierte. Bevor er jedoch ins Unternehmen eingestiegen war, hatte er etliche Jahre keinerlei Kontakt mit seinen Eltern gepflegt.

Das war passiert, nachdem sie England verlassen hatte.

Was in den Jahren dazwischen geschehen war, konnte Lilly nicht genau sagen. Selbst in den Klatschblättern stand nichts darüber. Erst als Olivers Vater Ted Cahill aus gesundheitlichen Gründen hatte kürzertreten müssen, war der verlorene Sohn zurückgekehrt. Seitdem war er der Kopf des Familienunternehmens.

Und jetzt war er hier.

Entschlossen strich sie ihr dunkelblaues Kleid glatt und versuchte mit dieser Bewegung die unliebsamen Gedanken zu vertreiben. Vergebens. Konzentrier dich auf den Ball, ermahnte sie sich. Das ist wichtig!

Sie zog die einzigen eleganten Schuhe an, die sie besaß, und verließ ihr Haus. Sie wohnte in einer einfachen Hütte direkt am Strand von Agios Sostis im Süden der Insel. Von hier aus war es nicht weit bis zur Rettungsstation, die Miete war vergleichsweise günstig, und sie konnte am Meer leben. Lilly liebte das Rauschen und den Geruch des Meeres sowie das Gefühl von Sand unter ihren Füßen. Es war der perfekte Ort für sie, obwohl die Hütte sehr einfach gehalten war. Sie hatte es sich gemütlich gemacht und war zufrieden mit ihrer Wahl.

Sie liebte ihr Heim genauso wie ihre Arbeit.

Diesmal führte ihr Weg nicht zur Station, sondern zum Holiday Hotel im Ortszentrum. Der Besitzer wusste genau, wie wichtig die Schildkröten für den Tourismus waren, und half den Tierschützern, wo es nur ging. Besonders das Wahrzeichen der Insel, die Unechte Karettschildkröte, musste geschützt werden. Die Tiere fühlten sich mehr und mehr von den Touristen belästigt und mieden sogar einige Strände, die seit Jahrhunderten ihre wichtigsten Nistplätze gewesen waren. Trotzdem kamen viele Touristen gerade wegen der Schildkröten. Ein Teufelskreis, der den Hoteliers auf der Insel durchaus bewusst war.

Der Hotelmanager hatte deshalb eine elegante Spendengala ermöglicht und dafür seine zahlreichen Kontakte spielen lassen. Laut seinen Angaben würden am Abend zweihundert der reichsten Bewohner der Insel anwesend sein und vielleicht noch etliche zahlungskräftige Urlauber.

Ein Page erwartete sie vor dem Hoteleingang und führte sie hinein. Es war ungewohnt für Lilly, so hofiert zu werden. Es erinnerte sie auf unangenehme Weise an vergangene Zeiten in einem elitär geführten Haushalt in England. Olivers Familie hatte großen Wert auf Etikette gelegt. Wenn dort ein Fest veranstaltet wurde, musste alles perfekt sein. Dazu gehörte auch bestens ausgebildetes Personal – wie Lillys Mutter.

Den schmerzhaften Stich im Herzen war Lilly mittlerweile gewohnt. Wann immer sie an ihre Mutter dachte, ließ der Schmerz nicht lange auf sich warten. Sie vermisste sie schrecklich und fragte sich immer wieder, was sie wohl zu ihrer Flucht gesagt hätte. Zwei Wochen nach ihrem Tod hatte sie einfach gehen müssen. Der Druck war zu groß geworden, die Verzweiflung zu überwältigend. Hätte ihre Mutter sie verstanden? Oder wäre sie wütend gewesen?

Der lächelnde Empfangschef unterbrach ihre Gedanken. „Miss Thomas, wie immer pünktlich auf die Minute. Ihr Chef erwartet Sie bereits – zusammen mit den ersten Gästen.“ Er geleitete sie in den riesigen Saal, in dem die Gala stattfinden sollte. Das Blattgold und die reich verzierten hohen Decken trafen nicht ganz Lillys Geschmack, trotzdem machte sie der Prunk wie immer sprachlos. Die geschickt eingesetzten Lichter ließen den Raum noch gewaltiger erscheinen, was auch an den üppig dekorierten Tischen liegen mochte. Dort saßen bereits die ersten Gäste und unterhielten sich. Die für den Abend engagierte Showband spielte leise im Hintergrund.

Staunend sah Lilly sich um und entdeckte ihren Chef, der bereits auf sie zugeeilt kam. Martin Webber sah immer wie ein verrückter Professor und weniger wie ein angesehener Meeresbiologe aus. Seine dicke Hornbrille machte ihn deutlich älter, als er in Wirklichkeit war, was vermutlich auch an der braunen Cordhose lag. Er begrüßte sie mit einem Küsschen auf die Wange und strahlte sie an.

„Diesmal ist auch unser Hauptsponsor gekommen“, erklärte er zufrieden. „Du musst ihn kennenlernen. Endlich wissen wir, wer er ist. Ich garantiere dir, du wirst begeistert sein!“

Er machte eine einladende Handbewegung und ging voran, sodass Lilly nichts anderes übrig blieb, als ihm zu folgen. Sie hielten auf einen großen Mann zu, der mit dem Rücken zu ihnen stand. Er trug einen eleganten dunklen Anzug, der definitiv maßgeschneidert war. Blonde kurze Haare. Groß und schlank, aber durchaus trainiert. Sofort beschleunigte sich Lillys Herzschlag.

Noch bevor er sich umdrehte, wusste sie, dass er es war. Sie hätte Oliver unter Tausenden erkannt. Sein freundliches Lächeln erlosch, sobald er registrierte, wer vor ihm stand.

„Mr. Cahill, darf ich Ihnen Miss Thomas vorstellen? Sie ist unsere leitende Meeresbiologin und hat bei dem Bauvorhaben für das neue Hospital die Fäden in der Hand. Sie wird Sie den Abend über gerne begleiten, nicht wahr, Lilly?“, erklärte ihr Chef. Ihm war ganz sicher nicht entgangen, dass etwas nicht stimmte, aber er überspielte es gekonnt.

Oliver hingegen hatte eine steinerne Miene aufgesetzt. „Wir kennen uns bereits“, sagte er steif. „Lilly, schön dich wiederzusehen.“ Er nickte ihr zu, gab ihr aber nicht die Hand.

Auch Lilly stand wie festgefroren da. Ihr war mit einem Mal kalt. Eiskalt. Und jetzt? Hilflos sah sie ihren Chef an, doch der zog nur eine Augenbraue hoch und nickte ihnen zu. „Umso besser, wenn Sie sich bereits kennen. Dann kann ich mich ja um die anderen Gäste kümmern.“ Er lächelte sie aufmunternd an und entfernte sich.

Zurück ließ er ein äußerst unangenehmes Schweigen.

Der Druck in Lillys Brust wurde immer größer, bis sie kaum noch atmen konnte. Den Zustand kannte sie nur allzu gut. Nachdem sie England verlassen hatte, hatte sie oft das Gefühl gehabt, schwere Steine im Magen und in der Brust zu haben. Sie war sich nie ganz sicher, ob sich so eine Panikattacke anfühlte. Damals hätte sie am liebsten Oliver um Rat und Hilfe gefragt. Das erdrückende Gefühl wäre dann sofort verschwunden. Aber sie hatte ihn nie angerufen. Es war schlicht nicht möglich gewesen.

„Hier.“ Oliver hatte einen Kellner abgefangen und drückte ihr entschlossen ein Champagnerglas in die Hand. „Trink! Für den Kreislauf. Du siehst aus, als würdest du gleich in Ohnmacht fallen.“

Lillys Hände zitterten so sehr, dass der Champagner überschwappte und auf den Boden tropfte. Sie führte das Glas trotzdem zum Mund und nahm einen Schluck. Oliver beobachtete sie dabei, was die Sache nicht besser machte.

„Jetzt beruhige dich erst mal, Lilly. Ich bin es: Oliver. Ich reiße dir nicht gleich den Kopf ab“, sagte er schließlich leise.

Die sanften Worte drangen ganz langsam in Lillys Bewusstsein. Als sie verstand, machte ihr Herz einen Sprung. Oliver war noch immer ihr Rettungsanker. Sofort spürte sie, wie die alte Vertrautheit zurückkehrte. Sie waren als Kinder unzertrennlich gewesen und als Jugendliche ein Paar. Sie kannten einander so gut, wie sonst kein Mensch einen anderen kannte. Wenn Oliver so etwas sagte, dann meinte er das auch so.

„Du bist noch immer ziemlich wütend auf mich“, sagte Lilly leise zu ihm. „Das verunsichert mich sehr. Ich habe es noch nie ertragen können, wenn du böse auf mich warst.“

Zum ersten Mal seit ihrer Wiederbegegnung lächelte Oliver. Dadurch wirkte er um Jahre jünger. Mittlerweile hatte er feine Lachfältchen an den Augenwinkeln, die ihm aber gut standen, denn sie machten ihn sympathischer und gleichzeitig reifer. „Ich bin im Laufe unserer gemeinsamen Jahre ziemlich oft böse auf dich gewesen“, sagte er. Lilly war ihm dankbar, dass er sich auf das Gespräch einließ. Wenn er ihr sofort die kalte Schulter gezeigt hätte, hätte sie das nicht verkraftet.

Du warst diejenige, die am Strand geflüchtet ist, ermahnte sie sich selbst. Sie hatte gute Gründe. Sich mit Oliver zu unterhalten, konnte tragisch enden. Die alte Vertrautheit war trügerisch, die alten Gefühle gefährlich.

Solange er dich nicht wieder fragt, warum du England verlassen hast, bleibst du. Mit diesem Vorsatz war Lilly ganz zufrieden, obwohl sie wusste, dass die Idee nicht gut war. Oliver war schon immer ihre Droge gewesen. Sie kam von ihm nicht los, konnte ohne ihn nicht leben. Sie hatte ihn vermisst. So schrecklich, dass sie körperlich krank geworden war. Sie hatte Jahre gebraucht, um mit dem Verlust umgehen zu können. Ein erneuter Abschied würde schwer werden.

„Der tiefe Krater mitten in Dads heiß geliebter, millimetergenau angelegter Rasenfläche ist bis heute da. Es wächst dort einfach nichts mehr“, berichtete Oliver locker. An der Art, wie er sie musterte, erkannte Lilly jedoch, dass auch er sich schwer zusammenreißen musste. Auch er hatte Schwierigkeiten, sich normal mit ihr zu unterhalten. „Er fragt sich bis heute, was du da gemacht hast.“

Lilly erinnerte sich nur zu gut an die Aktion. Erdwespen hatten sich ausgerechnet genau in der Mitte des Rasens eingenistet. Sie hatten ihre Mutter attackiert, als sie ahnungslos am Nest vorbeigegangen war. Lilly hatte sie sogar ins Krankenhaus bringen müssen. Noch am gleichen Abend hatte sie das Nest ausgeräuchert. Mit sehr viel Spiritus und einem merkwürdigen Gemisch, das sie in der alten Werkstatt gefunden hatte. Die Explosion war gigantisch gewesen, die Stichflamme meterhoch. Der Erdboden war daraufhin auf gut zwei Quadratmetern einfach eingesackt und hatte ein sehr unschönes Loch hinterlassen.

„Ich habe nur meine Mutter verteidigt“, erklärte Lilly lapidar. Sie nahm noch einen Schluck und fühlte sich tatsächlich ein wenig besser. Mit Oliver in Jugenderinnerungen zu schwelgen, tat gut. Unendlich gut. „Aber dass dort noch immer kein Rasen wächst, wundert mich.“

„Mich nicht. Ich erinnere mich noch gut an die teuflische Mischung, die du aus dem Werkzeugschuppen geklaut hast. Dad will die Stelle jetzt von einem Bagger ausheben lassen. Aber der müsste ja über seinen kostbaren Rasen fahren. Alles nicht so einfach, wie du siehst.“ Oliver lachte leise und stieß sein Glas sanft gegen ihres. „Auf jeden Fall warst du gründlich.“

Lilly lachte mit ihm, verstummte aber abrupt, als sie in seine blitzenden Augen blickte. Es war gefährlich, was sie hier taten! Die Vertrautheit fühlte sich viel zu echt an. Sie standen auch viel zu nah beieinander. Sofort trat Lilly einen kleinen Schritt zur Seite, was Oliver auch gleich kommentierte.

„Lilly“, ermahnte er sie sanft. „Ich dachte, wir hätten für heute Abend einen Waffenstillstand geschlossen.“

„Ich wusste gar nicht, dass wir uns im Krieg befinden.“

„Zwischen uns steht zumindest noch eine offene Frage, die du nicht beantworten willst, auf die ich aber eine Antwort verlange. Keine Sorge. Heute Abend stelle ich sie nicht. Stattdessen frage ich dich: Willst du tanzen?“ Er hielt ihr auffordernd einen Arm hin.

Lilly umklammerte das Champagnerglas. „Die Gäste trudeln erst ein. Die Tanzfläche ist noch längst nicht eröffnet“, protestierte sie schwach.

„Und wenn schon. Das ist unser Lied.“

Tatsächlich. Die Band hatte einen Titel aus ihrer Jugend angestimmt, die Sängerin setzte leise mit dem Text ein. Damals war der Song brandaktuell gewesen und hatte sich sofort in ihre Herzen geschlichen. Er war das Symbol ihrer Liebe gewesen. Einer Liebe, die von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden hatte.

What is love but the strangest of feelings? A sin you swallow for the rest of your life?

Der Songtext setzte sich damals sofort in Lillys Herz fest: „Wire to Wire“ von Razorlight. Er passte erschreckend gut zu ihrer wilden, stürmischen Jugendliebe. Sie waren gegen den Willen von Olivers Eltern zusammengekommen. Vor allem Olivers Vater hatte sich dagegen gesperrt. Seine Mutter hatte die Verbindung erst sehr viel später bemerkt. Wie immer war sie mit ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen beschäftigt und hatte wenig Interesse an ihrem Sohn. Als sie es herausfand, war sie schockiert und sagte Lilly das auch so. Mehr hatte sie nicht unternommen, ganz im Gegensatz zu Olivers Vater.

Oliver und sie waren gegen alle Konventionen zusammengekommen. Er war der Sohn eines reichen Unternehmers und sie die uneheliche Tochter der einfachen Hausangestellten. Lillys Mutter war damals Babysitterin, Putzfrau und Köchin in einem gewesen. Natürlich hatte es noch weitere Bedienstete gegeben, doch ihre Mutter war das Herz des Haushaltes gewesen. Bei ihr liefen alle Fäden zusammen.

Sie war auch die Einzige gewesen, die Lilly Mut gemacht hatte. Sie mochte Oliver und fand, dass sie beide perfekt zueinander passten. Ohne ihre Ermutigung wären sie wohl auch nie zusammengekommen.

„Das Lied, Lilly. Der Tanz“, mahnte Oliver und holte sie wieder in die Realität zurück. Er nahm ihr das Glas aus der Hand, stellte beide Gläser auf einen Stehtisch und zog sie in eine enge Umarmung.

Langsam begann er sich im Takt der Musik zu bewegen.

Zunächst konnte sich Lilly nicht entspannen. Was tat sie denn hier? Sie hatte sich geschworen, Oliver niemals wiederzusehen. Und jetzt tanzte sie auf einer Spendengala mit ihm zu ihrem Lied.

Sie schloss die Augen, als die nächste Zeile des Liedtextes über sie hinwegfloss.

On our bodies we share the same scar.

Die Liebe hatte tatsächlich tiefe Narben bei ihnen beiden hinterlassen. Sie spürte bei Oliver die gleiche Sehnsucht nach der alten Vertrautheit, die auch sie erfüllte. Dass er sie je wieder in den Armen halten würde, hätte sie sich niemals erträumt.

Es war ein so berauschendes Gefühl, dass sich Lilly wünschte, die Zeit würde stehenbleiben. Sie spürte Olivers Körper mit jeder Faser. Aus dem schlaksigen Jugendlichen war tatsächlich ein beeindruckender Mann geworden. Seine Arme waren stark und muskulös, seine Brust war breit und lud zum Anlehnen ein. Zu gerne hätte sie sich noch näher an ihn geschmiegt.

Sie brachte den Gedanken nicht ganz zu Ende, denn jemand sprach sie von der Seite an.

„Oliver, möchtest du mir deine bezaubernde Begleitung nicht vorstellen?“

Ihr Magen sackte ab, als sie die Stimme hörte: dunkel, ein wenig rau. Das Alter hatte sie nicht verändert. Langsam drehte sie sich um und sah dem Mann in die Augen, der ihr Leben und ihre Liebe zerstört hatte.

Olivers Vater, Ted Cahill.

2. KAPITEL

Die Stimmung kippte innerhalb eines Atemzuges. Gerade noch hatte sich Lilly fast entspannt an ihn gelehnt, sich im Rhythmus der Musik mit ihm bewegt. In der nächsten Sekunde war sie bleich geworden. Ihr Körper versteifte sich, ihre Gesichtszüge erstarrten. Eine Marmorstatue, die mit aufgerissenen Augen seinen Vater ansah.

Also doch, dachte Oliver bitter. Er hatte schon immer geahnt, dass sein Vater irgendetwas mit Lillys Verschwinden zu tun gehabt haben musste. Ted Cahill war seit jeher gegen ihre Beziehung gewesen. Nicht standesgemäß. Die uneheliche Tochter seiner Haushälterin konnte er unmöglich als zukünftige Schwiegertochter anerkennen. Hinzu kam, dass Lillys Vater unbekannt war. Niemand wusste, wer er war. Dieses Geheimnis hatte Lilly in den Augen seiner Familie noch mehr herabgesetzt.

Oliver hatte seinen Vater direkt nach ihrem Verschwinden mehrmals gefragt. Er hatte wissen wollen, was geschehen war. Er hatte ihn verzweifelt angeschrien und Antworten verlangt. Doch sein Vater hatte alles abgestritten und war zum Gegenangriff übergegangen. Ein Wort ergab das andere, bis Oliver seine Sachen gepackt hatte und verschwunden war. Für Jahre.

Zwischenzeitlich hatte er bereits bereut, so hart mit seinem Vater umgegangen zu sein. Was, wenn er tatsächlich unschuldig war? Wenn er nichts mit Lillys Verschwinden zu tun hatte? Oliver hatte sich irgendwann sogar für sein damaliges Verhalten entschuldigt – und sein Vater hatte die Entschuldigung wohlwollend angenommen.

Und jetzt? Jetzt musterten Lilly und sein Vater einander wie Erzfeinde.

Oliver ließ Lilly eher unwillig los und trat einen Schritt zurück. Dabei ballte er die Hände zu Fäusten und versuchte sich zu beruhigen. Die beiden haben sich nie gemocht, ermahnte er sich. Das musste nichts bedeuten. Was aber, wenn sich sein Verdacht erhärtete? Hatte ihn sein Vater wirklich so ungeniert angelogen? Eine Entschuldigung angenommen, obwohl er es hätte sein müssen, der sich entschuldigte?

Der Gedanke war so schrecklich, dass Oliver ihn verdrängte. Konzentrier dich auf die Situation! Das ist schon schwierig genug!

„Dad, du erinnerst dich sicherlich noch an Lilly Thomas. Sie hat damals zusammen mit ihrer Mutter bei uns gewohnt. Nach ihrem Weggang hat sie Meeresbiologie studiert. Sie ist verantwortlich für die Schildkrötenauffangstation und das Hospital, für das wir spenden wollen.“

Sein Vater musterte Lilly mit ausdrucksloser Miene. Anhand der Art, wie er ihr die Hand reichte, erkannte Oliver jedoch die Wahrheit: Ted war aufgewühlt. „Ich bin überrascht, dich hier zu treffen“, sagte er süffisant. Dass er Lilly einfach duzte, war ein Affront gegen sie. Nach all den Jahren hätte er sie definitiv mit mehr Respekt ansprechen müssen. Sie war immerhin kein Kind mehr.

Lilly schien das auch zu bemerken. Sie hatte sich instinktiv etwas geduckt. Ihre Augen waren weit aufgerissen und jeder Muskel ihres Körpers angespannt.

„Mr. Cahill“, sagte sie nach einer unangenehmen Pause, ergriff zögernd die angebotene Hand, schüttelte sie kurz und zog ihre Hand dann sofort wieder zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Was war hier los? Und warum begrüßten sich die beiden so völlig unpassend?

Sein Vater blieb noch einen Moment neben ihnen stehen, dann nickte er Oliver zu. „Wir sehen uns später“, brummte er und verschwand in der Menge. Mittlerweile hatte sich der Saal gut gefüllt.

„Was, bitte, war das gerade?“, fragte Oliver und sah Lilly mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Was war was?“

„Diese Begrüßung zwischen dir und meinem Vater. Was hat das zu bedeuten?“

„Das bedeutet, dass dein Vater noch immer genauso unfreundlich zu mir ist wie zu Kinderzeiten. Er hat mich noch nie leiden können. Damals hat er mich für eine Plage gehalten, jetzt hält er mich für eine Schmarotzerin. Herrgott, Oliver! Wieso interessiert ihr euch für Schildkröten? Was macht ausgerechnet dein Vater auf einer Spendenveranstaltung für den Erhalt des Ökosystems?“ Vor Aufregung und Empörung hatte Lilly wieder etwas Farbe im Gesicht. Ihre dunkelbraunen Augen blitzten ärgerlich.

„Er ist hier, weil sich Cahill Living damit einen Namen gemacht hat. Wir setzen uns für unsere Umwelt ein. Wir spenden viel.“

„Als Marketingmaßnahme oder aus Überzeugung?“

„Das ist eine Win-win-Situation für alle. Wir spenden und machen das publik. Unsere Gäste wissen, dass sie in einem umweltbewussten Hotel übernachten. Das kommt gut an.“

„Und wieso ausgerechnet mein Schildkrötenhospital? Dein Vater hasst Schildkröten! Er hat sich schon damals über meine Leidenschaft lustig gemacht.“

Oliver sah sie schweigend an. Erkannte sie nicht den Zusammenhang? Oder wollte sie ihn nicht sehen? All die Jahre hatte er versucht, Lilly zu finden. Doch sie war wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Nach und nach hatte sich Oliver von der Erinnerung an sie lösen müssen, doch von einer Sache hatte er sich nicht befreien können: Er hatte ihre Leidenschaft zu seiner gemacht. Lilly hatte schon immer das Meer, die Strände und vor allem Schildkröten retten wollen. Also hatte er ihr geholfen – indem er in Umweltprojekte auf der ganzen Welt investiert hatte.

Das Schweigen zwischen ihnen zog sich dahin. Oliver wollte ihr nicht sagen, warum er hier war. Der Grund war ihm peinlich. Es fühlte sich so an, als hätte er sie all die Jahre über heimlich beobachtet. Als hätte er sein ganzes Leben auf sie ausgerichtet, obwohl sie ihn verlassen hatte. Ja, er hatte sie tatsächlich gesucht. Dass sie sich jetzt hier über den Weg gelaufen waren, war Zufall. Oder Schicksal.

Lilly seufzte und zuckte mit den Schultern, riss ihn so aus seinen düsteren Gedanken. „Weißt du was? Das führt hier doch zu nichts. Ich habe dich damals zu sehr verletzt, als dass wir uns jetzt wie zwei unvoreingenommene Menschen begegnen könnten. Wir sollten uns nichts vormachen. Wir haben uns eigentlich nichts mehr zu sagen. Ich gehe jetzt an das andere Ende des Saales und lasse dir wieder Raum zum Atmen. Es tut mir leid.“

Sie drehte sich um und wollte in der Menge verschwinden, doch Oliver erwischte ihre Hand und zog Lilly mit einem Ruck zurück. Alles in ihm schrie danach, sie gehen zu lassen. Er musste das hier beenden, bevor es noch emotionaler wurde.

In einem hatte sein Vater nämlich recht: Sie war nicht gut für ihn. Das hatte allerdings nichts mit ihrer sozialen Herkunft zu tun. Sie bedrohte sein Herz. Nachdem sie es in tausend Scherben zerschlagen hatte, hatte er es mühsam wieder zusammensetzen müssen. Die Narbe schmerzte noch immer und drohte gerade aufzureißen. Das würde ihn in den Abgrund ziehen. Sie hatte sein Vertrauen missbraucht und ihn zu dem gemacht, der er heute war: ein misstrauischer Mensch, der den Glauben an das Gute verloren hatte.

Ja. Er sollte sie gehen lassen. Nicht nur bis ans Ende des Saales, sondern am besten noch viel weiter. Aber das konnte er nicht. Das hier war schließlich Lilly. Seine Lilly.

„Ich bin der Hauptsponsor“, sagte er barscher als beabsichtigt. Wie aufgewühlt er war, wollte er Lilly nicht sehen lassen. Da war es besser, sich hinter einer rauen Fassade zu verstecken. „Dein Chef hat dich mir zugeteilt. Du bleibst.“

Lilly riss schockiert die Augen auf und sah ihn empört an. „Das ist nicht dein Ernst!“

„Mein voller Ernst. Komm. Wir setzen uns.“

Er manövrierte sie entschlossen zu dem Tisch, der für den Hauptsponsor reserviert war. Ihre Hand war eiskalt und völlig verkrampft, doch das ignorierte er. Trotzdem zog sich sein Herz vor Sorge zusammen.

Immer hatte er sich ausgemalt, was er ihr sagen wollte. Jetzt fiel ihm nicht ein Satz ein, der angemessen gewesen wäre. Er dachte an das Geheimnis, das er gut versteckt in seinem Schrank aufbewahrte. An den Auftrag ihrer Mutter, von dem Lilly nichts wusste. Ihre Mutter hatte ihn kurz vor ihrem Tod beschworen, auf Lilly aufzupassen. Er hatte es ihr versprochen. Damals war er sich sicher gewesen, sein Wort halten zu können. Sie waren ein Paar gewesen, hatten sich geliebt. Natürlich würde er auf Lilly aufpassen.

Als sie ihm dann dieses spezielle Kästchen gegeben hatte, hatte er sich zunächst gesträubt. Das war nicht richtig! Doch einer sterbenden Frau konnte er solch einen Wunsch nicht abschlagen. Wenig später hatte Lillys Mutter tatsächlich ihren letzten Atemzug getan. Der Krebs hatte sie besiegt – und er war mit seinem Auftrag zurückgeblieben.

Der Wunsch ihrer Mutter hatte ihm jahrelang Kopfschmerzen bereitet, denn Lilly war verschwunden. Wie konnte er da auf sie aufpassen? Wie konnte er ihr zeigen, was ihre Mutter ihm gegeben hatte? Es wäre an der Zeit, es ihr einfach zu sagen und sich damit von der Verantwortung zu befreien. Doch die Spendengala war kein geeigneter Ort und der Moment völlig unpassend.

Also zwang er Lilly, bei ihm zu bleiben. Er verschaffte sich damit Zeit, um sich zu überlegen, was er tun sollte. Er ahnte, dass er sich auf gefährliches Terrain begab, und konnte trotzdem nicht zurück.

Der Abend wurde noch schrecklicher als erwartet. Lilly saß neben Oliver und wusste nicht, was sie mit ihm reden sollte. Die Frage nach ihrem Weggang hing schwer zwischen ihnen, verdrängte jede Möglichkeit für eine ungezwungene Konversation. Sie sprachen nur das Nötigste, was natürlich von ihrem anderen Sitznachbarn nicht unbemerkt blieb. Der nutzte die Chance, um mit ihr zu plaudern.

Lilly bemühte sich, doch in Gedanken konnte sie sich einfach nicht von Oliver lösen. Sie spürte seine Anwesenheit mit jedem Atemzug. Jede seiner Bewegungen, jedes Geräusch von ihm nahm sie überdeutlich wahr.

Das Ganze wurde noch viel schlimmer, als sich Olivers Vater zu ihnen an den Tisch gesellte. Er saß ihr gegenüber und starrte sie an, sobald sie wegsah. Sie spürte seine Blicke wie schmerzhafte Nadelstiche. Er bemühte sich zwar um eine freundliche Miene, doch sie kannte ihn zu gut. Er wollte sie so schnell wie möglich loswerden.

Irgendwann hielt Lilly die bedrückende Stimmung nicht mehr aus. Sie entschuldigte sich höflich und stand auf, um zur Toilette zu gehen. Das Programm hatte mittlerweile begonnen. Eigentlich musste sie sich dringend auf ihren Vortrag konzentrieren. Das neue Schildkrötenhospital war ihr Herzensprojekt. Aber es war nur mittels Spendengelder realisierbar.

Ihr wurde schlecht, als sie an den Hauptsponsor dachte. Natürlich war ihr klar, dass Olivers Anwesenheit kein reiner Zufall sein konnte. Was hatte ein Hotelier schon mit Schildkröten zu tun? Es musste ihr Einfluss in der Kindheit gewesen sein, dass er jetzt hier war. Unfassbar.

Ihr Chef fing sie kurz vor den Toiletten ab. Der finstere Blick, den er ihr zuwarf, verhieß nichts Gutes. Nicht noch mehr schlechte Neuigkeiten!

„Was ist zwischen dir und den Cahills los?“, fragte er und zog sie zur Seite. „Cahill Senior hat mich gerade angesprochen und verlangt, dass ich dich von dem Projekt abziehe.“

Lilly spürte, wie ihr das Blut aus dem Kopf in die Beine sackte. In ihren Ohren rauschte es, als sie versuchte, das Gehörte zu verstehen. Nein! Das konnte er nicht machen. Das durfte er einfach nicht!

„Mr. Cahill und ich kennen uns seit meiner Kindheit“, brachte sie schließlich mühsam hervor. „Ich war ihm schon immer ein Dorn im Auge.“

Martin Webber spürte offenbar, dass das noch nicht alles war. Er sah sie abwartend an. „Da steckt noch mehr dahinter, Lilly. Er war empört und ziemlich deutlich. Er hat gedroht, seine Spenden zurückzuziehen.“

Lilly konnte kaum noch atmen. Die Panik schnürte ihr die Luft ab. Wenigstens war sie zu schockiert, um in Tränen auszubrechen. Sie hatte sich vor Jahren geschworen, niemals wieder wegen Mr. Cahill zu weinen. Sie hatte nicht vor, ihren Schwur heute Abend zu brechen. „Ich kümmere mich darum“, brachte sie schwach hervor. Ihre Stimme drohte zu kippen.

Martin sah offenbar, in welcher Not sie war, und seufzte tief. „Lilly, du bist meine fähigste Mitarbeiterin. Du bist das Herz dieses Projektes. Ich kann dich überhaupt nicht davon abziehen. Wie sollte das gehen? Aber du musst das klären. Was immer es ist. So wie dich Mr. Cahill Junior ansieht, liegt die Sache wohl auf der Hand. Hattet ihr mal was miteinander?“

Lilly nickte schwach. Martin schien nicht überrascht.

„Soviel ich weiß, entscheidet Oliver Cahill über die Spenden. Sprich mit ihm über das Problem. Wir brauchen Planungssicherheit.“ Er sah sie ernst an. „Der Rückzug des Sponsors wäre eine Katastrophe, Lilly. Also komm jetzt! Du musst eine Präsentation halten.“

Wie Lilly es schaffte, ihr Projekt ohne zitternde Stimme vorzustellen, wusste sie hinterher nicht mehr. Zum Glück hatte sie schon so oft über das Schildkrötenhospital berichtet, dass es wie von selbst ging. Allerdings sprach sie nicht mit so viel Hingabe wie sonst.

Als sie von der Bühne kam, wurde sie von interessierten Zuhörern bestürmt. Viele hatten Fragen oder wollten höflich Konversation betreiben. Lilly riss sich zusammen und versuchte, auf jeden Einzelnen einzugehen. Sie spürte jedoch, dass sie nicht wie sonst sofort Kontakt zu ihren Gesprächspartnern aufnehmen konnte. Dazu war sie zu erschüttert.

Sie wollte sich gerade davonschleichen, um etwas durchzuatmen, als Ted Cahill sie abfing. Er sprach kein Wort, sah sie nur an. Plötzlich schnellte seine Hand nach vorne und umfasste ihren Arm. Der Griff tat weh und machte Lilly deutlich, dass sie nicht ausweichen konnte. Sekunden später hatte er sie aus dem Saal gezogen. Ihre Schritte hallten seltsam unwirklich im leeren Flur.

Ted Cahill sah sich prüfend nach rechts und links um. Als er keine potenziellen Lauscher entdeckte, wandte er sich ihr zu. Sein Blick war gebieterisch. „Du hast dich augenblicklich aus diesem Projekt zurückzuziehen! Kein Kontakt zu meinem Sohn – das war der Deal.“

„Ich habe mich immer daran gehalten. Wir sind uns zufällig über den Weg gelaufen, sodass ich nicht ausweichen konnte. Was hätte ich denn tun sollen?“

„Auf jeden Fall nicht mit ihm flirten!“

„Ich habe nicht geflirtet.“

„Und was war das, als ich euch entdeckt habe? Eng umschlungen miteinander zu tanzen, ist Flirten.“ Als sie protestieren wollte, hob er herrisch die Hand. „Ich will darüber gar nicht diskutieren. Du wirst verschwinden. Sofort.“

„Das kann ich nicht!“ Die Wut übertünchte Lillys Angst. Sie richtete sich auf, um sich nicht mehr so klein zu fühlen. Es war allerdings schwierig, unter Ted Cahills Blicken standhaft zu bleiben. Sie hatte schon als kleines Kind Angst vor ihm gehabt. Diese Angst wurzelte so tief, dass Lilly sich kaum dagegen wehren konnte. „Ich bin die Projektleiterin. Ich kann mich nicht einfach zurückziehen.“

Lilly sah die kalte Wut wie Flammen in Ted Cahills Augen auflodern. Er hob einen Zeigefinger und machte einen drohenden Schritt auf sie zu. Lilly brauchte all ihre Kraft, um nicht zurückzuweichen. „Du wirst von hier verschwinden, und du wirst gehorchen, andernfalls …“

Er ließ die Drohung unausgesprochen. Lilly wusste auch so, was er sagen wollte.

Ted hatte die Macht, ihr Leben zu ruinieren. Er konnte ihre Karriere zerstören und sie in die Armut treiben. Und vor allem konnte er die letzte Verbindung zerschlagen, die sie noch zu Oliver hatte. Der würde niemals wieder ein Wort mit ihr wechseln. So viel stand fest.

Genau diese Konfrontation hatte sie oft in ihren Albträumen heimgesucht. Lilly hatte deshalb alles getan, um Mr. Cahill niemals wieder begegnen zu müssen. Es war unfassbar, wie innerhalb eines Augenblicks alles in sich zusammenfiel. Wäre sie doch niemals Oliver am Strand begegnet! Wäre sie doch nicht auf diese schreckliche Spendengala gegangen!

„Du weißt, was wir in dem Vertrag festgehalten haben“, fuhr Ted Cahill fort. „Ich werde nicht zögern, ihn als Waffe hervorzuholen. Ich hetze dir eine Armee von Anwälten auf den Hals, ich …“

„Dad!“ Der Ausruf hallte wie ein Donnerschlag durch den Gang. Weder Lilly noch Ted hatten auf die Umgebung geachtet und erstarrten beide vor Schreck, als sie Olivers Stimme erkannten.

Lilly sah an Teds Schulter vorbei. Oliver stand nur ein paar Meter von ihnen entfernt. Langsam drehte sich Ted um. Sein Sohn fixierte ihn mit eisigem Blick.

„Was wird das hier?“, fragte Oliver.

„Nichts. Lilly und ich hatten noch etwas zu klären.“

„Es sah mir verdächtig danach aus, als würdest du ihr drohen.“

„Da irrst du dich.“ Ted drehte sich zu Lilly um und sah sie warnend an. Oliver konnte das natürlich von seiner Position aus nicht sehen. „Nicht wahr, Lilly?“

„Das stimmt“, würgte Lilly hervor. Am liebsten hätte sie die Wahrheit herausgeschrien, aber der lange zurückliegende Schwur hinderte sie daran. Außerdem hatte sie Angst vor Olivers Reaktion. Wenn er die Wahrheit erfuhr, würde er niemals wieder ein Wort mit ihr wechseln. Da war sie sich sicher. „Wir haben nur über den Krater im Rasen diskutiert. Wie es scheint, ist dein Vater deswegen noch immer ziemlich sauer auf mich.“

Oliver glaubte ihr kein Wort, das war klar. Irritiert blickte er von ihr zu seinem Vater, gab sich aber für den Moment geschlagen. „Wir gehen jetzt. Aber darüber reden wir noch mal.“

Es klang wie eine Drohung und wie ein Versprechen. Ab jetzt würde er sich nicht mehr mit Ausreden zufriedengeben.

Oliver wartete, bis sein Vater neben ihn getreten war. Er warf ihm einen bösen Blick zu und deutete mit einer Kopfbewegung an, dass Ted in den Ballsaal zurückgehen solle. Bevor er ihm folgte, wandte er sich noch einmal zu Lilly um. „Kommst du?“, fragte er.

Sie schüttelte stumm den Kopf. Sie konnte weder in den Saal zurück noch diesen Abend auch nur eine Minute länger ertragen. Die Anwesenheit der Cahills war zu viel für sie. Es würde Ärger geben – sowohl mit ihrem Chef als auch mit Oliver –, aber das war ihr in dieser Sekunde egal. Mit Tränen in den Augen floh sie in die Nacht. Nur fort von hier. Fort von den Schatten der Vergangenheit.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen wurde Lilly in das Büro ihres Chefs zitiert. Sie hatte damit bereits gerechnet und sich entsprechend gewappnet. Der Abend war einer Katastrophe ziemlich nahegekommen, immerhin war Lilly einfach ohne ein Wort des Abschieds gegangen. Was hätte sie sonst auch tun sollen?

Was ihr Chef aber zu sagen hatte, überraschte sie sehr.

„Mr. Cahill junior hat gestern Abend mehrere Male nach dir gefragt – nachdem du wie vom Erdboden verschwunden warst.“ Der Vorwurf war unüberhörbar. Lilly machte sich auf ihrem Bürostuhl noch kleiner. Sie saß ihrem Chef gegenüber, den Schreibtisch wie einen Schutzwall zwischen sich. Der war wie immer über und über mit Mappen, Papieren und Ordnern übersät. Martin Webber sah sie ernst an. „Er kommt gleich her.“

„Was?“ Vor Schreck setzte sich Lilly aufrecht hin. „Aber was will er denn hier?“

„Sich weiter mit dir unterhalten. Über das Projekt. Über die Spenden. Über dich und deine Vergangenheit. Was weiß ich. Er hat deutlich gemacht, dass er dich als seine persönliche Begleiterin ansieht, solange er hier ist. Er will über jeden Bauabschnitt beim Hospital informiert werden.“

„Das geht nicht. Setz jemand anderen dafür ein. Melissa weiß auch über alles Bescheid.“

„Oliver Cahill hat ausdrücklich nach dir verlangt. Da war er mehr als deutlich. Ich kann es mir nicht leisten, ihn zu verärgern.“

„Und Ted Cahill hat deutlich gemacht, dass er die Spenden zurückzieht, wenn ich mich seinem Sohn weiter nähere. Ihn zu verärgern, können wir uns noch viel weniger leisten.“

Martins Blick verfinsterte sich bei ihren Worten. „Ganz genau, Lilly. Das ist das Problem. Du erkennst mein Dilemma, nicht wahr? Die Sache ist nur die: Bislang war es immer Oliver Cahill, der sich um die Projekte gekümmert hat. Er ist die treibende Kraft. Also klär das mit den beiden – mit Hilfe von ihm.“

Lilly kam zu keiner Antwort, denn es klopfte an der Tür, und Lillys Arbeitskollegin Melissa kam herein. „Besuch für Lilly. Sieht wichtig aus. Könnte unser Hauptsponsor sein. Ich soll ausrichten, dass er draußen auf Lilly wartet. Kommst du?“

Lilly hätte am liebsten laut „nein“ geschrien oder wäre durch das Fenster getürmt, doch der Blick ihres Chefs war deutlich. „Regel das“, sagte er streng und nickte ihr zu. Lilly blieb nichts anderes übrig, als das Büro zu verlassen und nach draußen zu gehen.

Oliver lehnte lässig an einem roten Lamborghini mit offenem Verdeck. Er trug eine cremefarbene Stoffhose und braune Loafer aus Leder. Sein weißes Hemd hatte er locker bis zu den Oberarmen aufgekrempelt, sodass seine kräftigen Unterarme gut zur Geltung kamen. Die stylische Sonnenbrille ließ ihn gleichzeitig sexy und unnahbar erscheinen.

Was leider auch zum Rest seiner Ausstrahlung passte.

Er richtete sich auf, sobald er sie sah. Kein Lächeln, nur ein Nicken. „Wollen wir?“, fragte er.

„Wohin?“

Statt einer Antwort öffnete Oliver die Beifahrertür und deutete mit einer galanten Bewegung auf den Sitz. Ihr blieb nichts anderes übrig, als der Einladung zu folgen. Steif setzte sie sich auf das schwarze Leder, das sich trotz der Temperaturen kühl und angenehm anfühlte. Oliver setzte sich neben sie und erweckte den Motor des Sportwagens zum Leben.

Sekunden später waren sie unterwegs. Oliver fuhr zwar schnell, aber sicher. Das war schon immer so gewesen. Lilly fühlte sich bei ihm einfach geborgen. Beschützt. Allmählich entspannte sie sich etwas und genoss die Fahrt.

Jetzt war sie dankbar dafür, dass sie ihre langen Haare am Morgen zu einem Zopf geflochten hatte. Ein paar Strähnen hatten sich dennoch gelöst und flatterten im Fahrtwind. Zakynthos verfügte über ein gut ausgebautes Straßennetz, allerdings waren viele Wege sehr schmal und kurvenreich. Die wichtigsten Verbindungen führten nach Zakynthos-Stadt. Wenn Lilly sich nicht irrte, war das wohl auch das Ziel.

Sie wusste, dass es in der Inselhauptstadt ein Hotel der Cahills gab. War das ihr Ziel? Aber was sollte sie da?

Die Landschaft lenkte Lilly zum Glück ein wenig von ihren wirbelnden Gedanken ab. Die für Zakynthos typische Vegetation war ein echter Blickfang. Der würzige Duft vieler Wildkräuter hing in der Luft, sodass Lilly tief einatmete. Dazu mischte sich der Geruch nach Meer und Wellen. Vereinzelt tauchten Zypressen oder Eukalyptusbäume am Straßenrand auf, umgeben von bunten Blumenwiesen.

Zu ihrer Überraschung ließen sie die Hauptstadt rechts liegen und fuhren weiter in das Landesinnere.

„Wohin fahren wir?“, fragte Lilly in den Fahrtwind.

„Entspann dich“, entgegnete Oliver gelassen. Wie er so dasaß, ließ er Lillys Herz augenblicklich schneller schlagen. Die Sonnenbrille stand ihm wirklich gut, und sie musste zugeben, dass seine lässige Art perfekt mit dem Wagen harmonierte.

„Ich erinnere mich noch gut an dein altes Mofa“, merkte Lilly nach einer Weile an. „Das hättest du niemals gegen einen Lamborghini eingetauscht. Ich dachte immer, dir bedeuten teure Autos nichts.“

Um seine Mundwinkel zuckte es. Wegen der Sonnenbrille konnte Lilly seine Augen und den Ausdruck darin nicht erkennen, aber er war eindeutig amüsiert. „Das alte Mofa steht noch immer im Schuppen. Es ist tatsächlich noch fahrtüchtig, allerdings hole ich es nicht mehr allzu häufig heraus. Dieses Auto fahre ich nur auf Zakynthos. Eine kleine Spielerei.“

Lilly zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts mehr dazu. Nach gut zwanzig Minuten schweigender Fahrt mischte sich unter das Röhren des Motors das Rauschen des Meeres. Am wolkenlosen Himmel zogen Möwen ihre Kreise. Es wurden immer mehr, bis die schroffen Klippen der Insel auftauchten. Darunter glitzerte das blaue Meer.

Jetzt erkannte Lilly auch, wohin sie unterwegs waren. Agios Nikolaos. Im kleinen Hafen schaukelten die Boote auf den Wellen, und Touristen bevölkerten die Straßen. Doch auch dieses kleine Fischerdorf ließen sie hinter sich.

Sofort wurde Lilly wieder nervös.

Die Straße wurde schlechter, sodass Oliver langsamer fahren musste. Ein Lamborghini war definitiv nicht die beste Wahl, um holperige Wege zu bewältigen, doch das schien ihn nicht zu stören.

Der Duft von blühendem Thymian wehte ihnen entgegen, als sie die Hauptstraße verließen und in einen einsamen Weg einbogen. Ein kleiner Pinienwald begrüßte sie und spendete Schutz vor der heißen Sonne.

Lillys Handy klingelte. Sie warf einen Blick aufs Display: Martin Webbers Nummer. Was wollte ihr Chef denn jetzt von ihr? Im ersten Moment wollte sie den Anruf annehmen, aber dann sah sie die atemberaubende Villa hinter dem Pinienwald. Sie war umgeben von einer bunten Blumenwiese. Etwas abseits davon stand eine kleine Windmühle. Ganz im typischen Stil der Insel gehalten war der runde Baukörper weiß, während die Fensterläden und das Dach in freundlichem Blau strahlten.

Die Villa selbst bestand aus hellem Naturstein mit Flachdach und vielen Terrassen. Die Büsche und Blumen der Gartenanlage ließen den Ort grün und lebendig erscheinen.

Lilly erkannte das Haus sofort. Genau so hatte sie sich immer ihre Traumvilla vorgestellt. Als Jugendliche hatte sie ein Foto in einer Zeitschrift entdeckt, es ausgeschnitten und über ihr Bett gehängt. „Darin werde ich einmal wohnen“, hatte sie verkündet. Ihre Mutter hatte nur gelacht, genau wie Oliver.

Und jetzt war sie hier vor ihrer Traumvilla.

Oliver hielt an und stellte den Motor aus. Die Stille umfing sie beide, ließ den Augenblick noch bedeutungsvoller werden. Lilly hatte es die Sprache verschlagen, sodass sie das Haus einfach nur anstarren konnte.

Die Windmühle. Die Architektur des Gebäudes. Sogar die hohe Palme vor dem Hauseingang war vorhanden.

„Hast du … ist das … also …“ Lilly brach ab. Sie fand keine Worte.

Oliver lehnte sich im Sitz zurück. „Ich …“, begann er langsam, „… habe es bauen lassen. Das Foto hast du ja zurückgelassen, also habe ich es mir genommen.“

„Aber …“

Oliver unterbrach sie, indem er einfach ausstieg. „Willst du es dir ansehen?“

Natürlich wollte sie das! Am liebsten würde sie niemals wieder weggehen! Hastig stieg Lilly aus und lief durch den steinernen Torbogen in den Garten. Er war naturbelassen und von Ginster und einheimischen Gewächsen überwuchert. Genauso, wie Lilly es mochte.

Die Besichtigung des Hauses machte Lilly noch fassungsloser. Die Zimmer waren hell und luftig gehalten, mit riesigen Fenstern und Wänden aus weißem Stein. Die Decken waren sehr hoch, teilweise verliefen freigelegte Holzbalken quer durch den Raum. Gemütlich und trotzdem schick. Vom Wohnzimmer mit den vier bodentiefen Fenstertüren gelangte man auf die Terrasse und hatte von dort den direkten Blick aufs Meer. Hinter einer Natursteinwand mit gemauertem Grill lag der Pool und die Sonnenterrasse mit den Liegestühlen.

Lillys Blick fiel auf einen kleinen Trampelpfad, der durch den Garten zu den Klippen führte.

„Es gibt einen direkten Zugang zum Meer. Ich bin auch schon das ein oder andere Mal mit einer Schildkröte um die Wette geschwommen. Sie hat immer gewonnen“, beantwortete Oliver ihre offensichtliche Frage.

Langsam drehte sich Lilly zu ihm um. Ihr schlug das Herz bis zum Hals. „Du wohnst hier?“

„Wenn ich auf Zakynthos bin, dann ja. Hier fühle ich mich wohl, hier komme ich zur Ruhe.“

Lilly konnte es nicht verhindern. Ihr traten Tränen in die Augen. „Du hast meine Villa gebaut“, flüsterte sie leise.

„Ja. Das habe ich.“

„Warum zeigst du mir das? Warum ausgerechnet jetzt?“

Er ließ sich Zeit mit der Antwort und wandte dabei den Blick ab. „Du bist gestern schon wieder verschwunden.“ Ein Vorwurf, der zeigte, wie sehr ihn das erneut getroffen hatte.

„Ich musste gehen. Ich dachte, das sei besser für uns beide.“

Er schnaubte verächtlich. „Das ist doch lächerlich. Du kannst nicht vor allem davonlaufen. Es holt dich immer ein. Irgendwann.“

„Hast du mich deshalb hierhergebracht? Weil ich hier nicht entkommen kann?“

Oliver nickte leicht und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Ich wollte, dass du dieses Haus mit eigenen Augen siehst. Und glaube mir: Ich habe eine ziemlich schlaflose Nacht hinter mir. Ich war unsicher, ob ich dir die Villa zeigen soll.“

„Warum?“

„Weil es mir unangenehm ist. Es war dein Traum. Ich habe ihn mir quasi ausgeliehen und zu meinem gemacht.“

„Es ist unglaublich!“

Als Lilly sich jetzt zu Oliver umdrehte, sah sie die Traurigkeit in seinem Blick. Die unsichere Körperhaltung, die so gar nicht zu ihm und seiner sonstigen Ausstrahlung passte, drückte Niedergeschlagenheit aus.

Aus einem Impuls heraus ging sie zu ihm und schlang die Arme um ihn. „Ich bin vor zehn Jahren nicht weggegangen, weil ich dich nicht mehr geliebt habe“, sagte sie leise. „Es tut mir leid.“

Oliver versteifte sich für einen Moment. Dann atmete er tief ein und erwiderte die Umarmung. „Dann erkläre es mir endlich. Die Ungewissheit nagt an mir und lässt mich nicht ruhen.“

Augenblicklich löste sich Lilly von ihm und trat einen Schritt zurück. „Ich kann es dir nicht sagen“, stellte sie klar. Um abzulenken, drehte sie sich um und floh zum Pool hinüber. Das gab ihr Zeit, die Tränen zurückzudrängen. Dass er dieses Haus gebaut hatte, war unglaublich. Es zeigte, wie gut er sie gekannt hatte und wie sehr er ihre Träume zu schätzen wusste.

Oliver spürte offenbar, dass sie Zeit brauchte. Ein anderer Mann hätte sie nun gedrängt. Jetzt, wo sie nicht ausweichen konnte. Doch so dachte Oliver nicht. Er ließ den Menschen immer Freiräume. Also zog er sich ins Haus zurück.

Oliver zitterten die Hände. Um sich zu beruhigen, holte er sich ein Glas Wasser aus der Küche und setzte sich dann auf die Ledercouch im Wohnzimmer.

Warum hatte er sie nur hierhergebracht?

Dass er Lillys Villa gebaut hatte, war sein Geheimnis. Sein Vater ahnte nicht, warum er so sehr auf genau diesen Grundriss bestanden hatte. Es war damals wie ein Zwang gewesen. Ein Versuch, Lilly nahe zu sein, obwohl er sie lange nicht ausfindig machen und den Wunsch ihrer Mutter nicht erfüllen konnte.

Jetzt, wo er sie wiedergetroffen hatte, musste er ihr das Haus einfach zeigen. Er hatte geahnt, dass sie ziemlich emotional reagieren würde. Aber dass sie gleich in Tränen ausbrach, fand er schlimm.

Lilly hatte nicht einmal bei der Beerdigung ihrer Mutter geweint. Sie hatte mit versteinerter Miene die Beileidsbekundungen entgegengenommen, zitternd und eng an ihn geschmiegt. Aber geweint hatte sie nicht. Damals war er ihr Halt und Fels in der Brandung gewesen. Und dann, kaum zwei Wochen nach der Beerdigung, war sie auf einmal verschwunden.

Leise Schritte auf dem Marmorboden ließen ihn aufblicken. Lilly kam auf ihn zu. In ihren kurzen blauen Hosen und dem schwarzen Tanktop sah sie sportlich wie immer aus.

Sie setzte sich schweigend neben ihn. Etwas zu dicht für ihren Geschmack, für seinen aber zu weit weg. Ja, verdammt. Er wollte sie berühren. Sie umarmen. Sie niemals wieder fortlassen.

Was er gerade fühlte, musste ziemlich offensichtlich sein, denn Lilly sah ihn traurig an. „Wir sollten wieder fahren. Es tut weder dir noch mir gut, wenn wir uns wieder anfreunden.“

Oliver hatte mit dieser Reaktion gerechnet und wusste doch nichts darauf zu erwidern. Er brauchte einen Moment, um sich zu fangen. Dann straffte er sich. „Solange du mir nicht sagst, was los ist, gehen wir nirgendwohin.“ Entschlossen stand er auf. „Komm. Ich zeige dir den Strand.“

Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern lief bereits nach draußen auf die Terrasse, dann am Pool vorbei zum Trampelpfad. Lilly folgte ihm nach kurzem Zögern. Natürlich protestierend.

„Oliver! Was soll das? Hör auf, Spielchen zu spielen, und lass uns zurückfahren!“

„Ich bin es nicht, der hier Spielchen spielt. Und wir fahren nicht zurück.“ Der Weg wurde schmal und uneben. Lilly war gezwungen hinter ihm zu gehen, sodass sie zunächst nicht weiter streiten konnte. Vermutlich hatte ihr der Ausblick aber auch einfach nur die Sprache verschlagen. Der Ort war zauberhaft und gefährlich romantisch.

Das Meer hatte an dieser Stelle einen fantastischen intensiven Blauton. Die Wellen rollten mit weißen Schaumkronen an den kleinen Strand. Der Sand war schneeweiß und so fein, dass er sich fast wie Watte unter den Füßen anfühlte. Der zerklüftete Hang, den sie gerade heruntergeklettert waren, ging in eine Steilwand und dann in schroffe Felsen über. Oliver liebte den Anblick der wilden Natur, die ihn doch zu beschützen schien.

Er deutete auf eine dunkle Öffnung in der Wand, etwa fünfzig Meter von ihnen entfernt. „Wenn das Meer etwas ruhiger ist, können wir in die Grotte gehen. Solche Felshöhlen gibt es hier fast überall.“ In Gedanken schimpfte er mit sich. Wem erzählte er das? Lilly kannte die Insel wahrscheinlich besser als er.

Sie war noch immer empört. Das sah er an den roten Flecken im Gesicht und ihren aufgerissenen Augen. Schokoladenbraun. Sie kamen besser zur Geltung als früher.

„Wo hast du denn deine Brille gelassen?“, fragte er, um abzulenken. Er hatte früher das überdimensionale Gestell auf ihrer Nase geliebt. Dunkel, groß, eher plump. Es hatte zu ihr gepasst. Zu dem Bücherwurm, der sich für Tiere einsetzte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie das erste Mal vor ihm gestanden hatte. Damals war sie sechs gewesen, er acht. „Ich bin die Tochter eurer neuen Haushälterin. Kletterst du auch gerne auf Bäume?“ Sie waren danach auf sehr viele Bäume geklettert. Sie war damals einfach mitreißend gewesen und sprühte vor Lebensfreude und Energie. Mit vierzehn hatte er das erste Mal gespürt, dass sich ihre Beziehung zueinander veränderte. Doch erst als auch sie ein Teenager war und sich für Jungs interessierte, hatte er sich ihr offenbart. Sie war in der Liebe genauso stürmisch gewesen wie in ihrem ganzen Dasein. Sie war sein Antrieb, seine Kraft.

Auch jetzt spürte Oliver diese besondere Energie, die er so geliebt hatte. Sie war noch immer vorhanden, wenn auch nicht mehr so offensichtlich. Lilly hatte sich verändert. Wer nicht?

„Ich trage Kontaktlinsen“, sagte sie eher widerstrebend. „Außerdem war die Brille einfach nur hässlich. Ich kann es noch immer nicht fassen, dass Mum und du das zugelassen habt.“

„Ich fand, sie stand dir gut. Sie hat deinen Charakter unterstrichen: wild und ungezähmt, unkonventionell, selbstbewusst. Dir war damals egal, was die anderen von dir dachten.“ Er musterte sie kritisch. Sie war sehr schlank geworden. Fast schon drahtig. Ihre Blicke begegneten sich. Sofort war die alte elektrisierende Spannung wieder da. Das Gefühl, in den Augen des anderen zu versinken. Bis in seine Seele zu blicken. Einander genau zu kennen.

Sofort begann Olivers Puls zu rasen. Die Sehnsucht überrollte ihn wie eine gewaltige Welle, drohte ihn zu ihr zu spülen. Er hob die Hand ein winziges Stück, verharrte aber im letzten Moment. Sie würde es nicht zulassen. Niemals wieder.

Lilly zerriss das zarte Band, das zwischen ihnen entstanden war, indem sie sich in den Sand sinken ließ. Sie wandte betont den Kopf ab und blickte aufs Meer hinaus. Es war mittlerweile Mittag, sodass sie keinen Schutz vor der Sonne hatten. Das schien sie allerdings nicht zu stören.

Oliver musste sich zwingen, sich neben sie zu setzen. Er ließ gut einen Meter Abstand, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen. Es erschütterte ihn, wie sehr ihre Nähe ihn noch immer durcheinanderbrachte. Würde das denn niemals enden?

„Schade. Um diese Uhrzeit werden wir keine Schildkröten sehen“, nahm Lilly nach einer Weile vorsichtig das Gespräch auf. Sie wandte den Kopf und sah ihn prüfend an. „Hast du meinen Traum von der Meeresrettung auch zu deinem gemacht? Genau wie die Villa?“

Oliver hätte gerne alles abgestritten, doch das brachte nichts. Die Wahrheit war zu offensichtlich. „Ich habe dich jahrelang gesucht. Als ich dich nicht finden konnte, habe ich zumindest angefangen, deine Träume zu verwirklichen. Ich habe in Schildkrötenprojekte überall auf der Welt investiert, mich in Sachen Ökologie und Klimaschutz engagiert und dieses Haus gebaut. Wenn dir das unangenehm ist, tut mir das leid. Ich weiß, das klingt ein wenig besessen. War ich ja auch. Ich war besessen davon, dich zu finden. Wahrscheinlich hatte ich die Hoffnung, dir bei irgendwelchen Projekten über den Weg zu laufen. Das hat ja auch geklappt. Immerhin sitzen wir jetzt hier.“

Lilly hatte es eindeutig die Sprache verschlagen. Sie starrte ihn mit halb offenem Mund an und sah so schön aus wie selten zuvor. Die Erkenntnis war wie ein Fausthieb in den Magen, doch Oliver konnte es nicht länger leugnen.

Er liebte sie noch immer. Sie abermals gehen zu lassen, würde schwer werden. Wenn nicht sogar unmöglich.

Lilly fühlte sich in die Ecke gedrängt und gleichzeitig geschmeichelt. Er hatte ihren Traum gestohlen. Machte ihr das Angst? Ein wenig. Bei jedem anderen hätte sie sich jetzt verfolgt gefühlt, doch das hier war Oliver. Ihr war bewusst, dass er ihr niemals wehtun wollte.

Er hatte sie wirklich lange gesucht. Das wiederum fand sie etwas unheimlich.

„Wo warst du?“, fragte er schließlich die Frage, die ihn all die Zeit über verfolgt haben musste. „Oder muss ich fragen: Wo hast du dich versteckt?“

„Ich habe mich nicht versteckt“, protestierte Lilly. Dass das gelogen war, war offensichtlich. Natürlich hatte sie sich versteckt. Sie war geflohen, nachdem Ted Cahill sie unter Druck gesetzt hatte. Danach hatte sie sich vor Oliver versteckt, damit er sie nicht zurückholen konnte.

Bevor er auf ihre allzu offensichtliche Lüge eingehen konnte, sprach sie hastig weiter. „Ich war zuerst in Cambridge, dann bin ich nach Deutschland gegangen und habe in Bremen Meeresbiologie studiert. Ich bekam dort ein Stipendium und konnte nach Florida wechseln, um mich auf Schildkröten zu spezialisieren. Auf Sanibel Island habe ich mein erstes Hospital aufgebaut und mir damit einen Namen gemacht. Dadurch bin ich nun hier gelandet.“

„Da bist du ja ziemlich rumgekommen. Deine Mum wäre stolz auf dich gewesen.“

Lilly zuckte leicht zusammen, weil das Gespräch auf ihre Mutter kam. Wäre ihre Mutter stolz gewesen? Auf die Ausbildung und die anschließende Berufstätigkeit wäre Mum sogar sehr stolz gewesen. Aber die Art und Weise, wie ihre Tochter Oliver behandelt hatte, hätte sie wütend gemacht. Sie hatte Oliver immer sehr gemocht. Vielleicht sogar wie einen Sohn geliebt. Ja, sie wäre sehr böse auf Lilly gewesen.

Wie immer in diesen Momenten bedauerte Lilly, dass sie kaum Erinnerungsstücke von ihrer Mum besaß. Sie hatte alles in England zurückgelassen oder verkauft. Selbst den alten Familienring hatte sie verloren. Beim Gedanken an ihn zog sich ihr Magen krampfhaft zusammen. Sie wünschte sich sehnlichst zu wissen, wo er abgeblieben war. Ihre Mutter hatte ihn immer getragen, ihn niemals abgelegt und ihr immer wieder versichert, dass sie ihn eines Tages von ihr erben würde. Doch der Familienring war verschollen. Hatte sie ihn damals mit ihrer Mutter beerdigt? Sie war sich nicht sicher. Es war eine so dunkle Zeit gewesen.

In diesem Moment wurde ihr die Wahrheit schmerzhaft bewusst. Sie hatte tatsächlich nichts mehr, was sie mit ihrer Vergangenheit und ihrer Mutter verband. Nichts außer Oliver.

Der schien ihrem Gedankengang gefolgt zu sein, denn er seufzte leise. „Deine Mutter hätte sich gefreut, dass wir uns jetzt und hier wiedergetroffen haben. Sie hat das Meer geliebt. Genau wie wir.“

Das stimmte. Lillys Mutter war oft mit ihnen an die Küste gefahren. Olivers Eltern hatten für solche Ausflüge keine Zeit gehabt. Sein Vater war mit der Firma beschäftigt gewesen, seine Mutter mit Schönheitskuren und ehrenamtlichen Tätigkeiten. Für Oliver war da kaum Platz geblieben. Lillys Mutter dagegen hatte sich die Zeit einfach genommen. Es waren schöne Stunden gewesen. Die besten.

„Meiner Mum hätte hier der Regen gefehlt. Und der unberechenbare Wind. Sie mochte das ungezähmte, raue Klima an Englands Küsten“, widersprach Lilly und musste zum ersten Mal seit Jahren bei einer Erinnerung an ihre Mutter schmunzeln. Das ernüchterte sie allerdings. „Ich spreche nicht oft über sie“, stellte sie traurig fest.

„Das ist aber sehr schade. Deine Mutter war eine tolle Frau. Fröhlich und wild. Herzlich und energiegeladen. Du bist ihr sehr ähnlich.“

Der letzte Satz hing wie eine schwere Gewitterwolke über ihnen. Oliver hatte es nur so dahergesagt, das spürte Lilly genau, und doch war es jetzt heraus: Oliver mochte sie noch immer. Obwohl sie ihm so dermaßen wehgetan hatte.

Oliver räusperte sich und vergrub die Füße tiefer im Sand. Er wich ihrem Blick aus, was Lilly nur recht war.

„Ich habe mich verändert“, sagte Lilly schließlich leise. „Die unbeschwerte Lilly gibt es schon lange nicht mehr, dafür war die Welt zu grausam zu mir. Ich lebe jetzt zwar meinen Traum, aber der hatte seinen Preis.“

Lilly verschwieg, dass Oliver der Preis gewesen war. Sie hatte ihn aufgeben müssen. Bis heute fragte sie sich, ob es wirklich keine andere Möglichkeit, kein Hintertürchen gegeben hatte. Heute würde sie alles anders machen, doch als achtzehnjähriges Mädchen hatte sie keine Wahl gehabt.

„Du bist sehr erfolgreich“, lenkte Oliver ab. Lilly war bewusst, dass er gerne nachgehakt hätte. Ihr letzter Satz war eine Steilvorlage gewesen. Doch aus irgendeinem Grund schonte er sie. „Dein Chef hat ziemlich von dir geschwärmt. Allerdings findet man nichts über dich im Internet.“ Ein leiser Vorwurf und eine Frage, die Lilly nicht beantworten wollte.

Sie hatte immer sorgfältig darauf geachtet, dass ihr Name nur selten auftauchte. Aber offensichtlich nicht gut genug, sonst säßen sie jetzt nicht hier.

„Was ist mit dir?“, lenkte Lilly von den heiklen Themen ab. „Wie ist es dir ergangen?“

„Ich bin meinem Schicksal nicht entkommen. Obwohl ich mich mit aller Kraft gewehrt habe, bin ich letztlich doch im Familienunternehmen gelandet. Was das angeht, habe ich auf voller Linie versagt.“

„Aber du warst doch schon raus aus dem Unternehmen. Hattest du nicht eine eigene Firma?“ Zu spät fiel Lilly auf, dass sie damit zu viel gesagt hatte. Oliver sah sie mit funkelnden Augen an.

„Du bist ziemlich gut über mich informiert, obwohl wir uns seit Jahren nicht gesehen haben.“

Lilly wurde rot. Ihre Haut glühte, und es brodelte im Magen. Lässig bleiben, ermahnte sie sich. „Ich habe dich im Auge behalten“, gab sie schließlich zu. „Ein wenig.“

„Dann weißt du ja auch, dass Dad einen Herzinfarkt hatte. Die Aktienkurse sanken, das Unternehmen geriet in eine finanzielle Schieflage. Dad war der Kopf des Unternehmens. Ohne ihn war es nichts. Das Einzige, was helfen konnte, war ein neuer Cahill, der das Ruder übernahm. Also bin ich zurückgekommen.“

„Du hättest dich aber doch auch dagegen entscheiden können. Deine Familie hat Geld genug. Sie ist doch längst nicht mehr abhängig von Cahill Living“, merkte Lilly leise an. An seiner Stelle wäre sie nie zurückgekehrt, wenn sie etwas so sehr gehasst hätte. Und Oliver hatte die Firma Cahill Living schon als kleines Kind gehasst. In seinen Augen hatte ihm das Unternehmen die Eltern gestohlen. Es war der ultimative Feind gewesen.

Oliver starrte auf das Meer hinaus. Schließlich zuckte er die Schultern. „Es gab genug Interessenten. Aber es war trotzdem unser Familienerbe. Ich konnte das nicht ignorieren. Also habe ich meine eigene kleine Firma verkauft und bin als Geschäftsführer ins Unternehmen eingestiegen.“

„Und wie funktioniert das mit deinem Dad?“ Lilly konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie Oliver dauerhaft mit seinem Vater zusammenarbeiten konnte. Ted Cahill war ein Patriarch durch und durch. Und sein Verhalten auf der Spendengala bewies, dass er die Führung noch längst nicht abgegeben hatte.

Als Oliver sie jetzt ansah, erkannte sie zum ersten Mal eine ganz neue Härte in seinen Augen. Der knallharte Geschäftsmann. Eisern. Willensstark. Dominant. „Dad war ein Jahr komplett raus aus dem Geschäft. Krankenhaus, Reha, Rückfall, wieder Reha. Das hat mir Zeit gegeben, mich zu etablieren. Als er zurückkam, habe ich ihm klar gesagt, dass er raus ist. Er darf repräsentieren, mehr aber auch nicht. Die Entscheidungen im operativen Geschäft fälle ich.“

„Und darauf hat er sich eingelassen?“ Lilly war verblüfft. Das passte überhaupt nicht zu dem Bild, das sie von Ted Cahill hatte. Der Mann war in ihren Augen ein Choleriker, mit dem man nur schwer arbeiten konnte. Sie hatte am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es bedeutete, ihn zum Feind zu haben.

„Sagen wir so: Es war ein äußerst ungemütliches Jahr nach seiner Rückkehr. Aber der Herzinfarkt hat ihn verändert. Er ist etwas ruhiger geworden. Man kann jetzt tatsächlich mit ihm diskutieren, ohne dass er sofort rumbrüllt. Er hat sich zurückgezogen, mir den Platz freigemacht. Seitdem verstehen wir uns ganz gut.“

Lilly konnte nicht anders und schnaubte verächtlich. Dass sie sich jemals mit Ted Cahill verstehen würde, war absolut unwahrscheinlich. Sie hassten einander bis aufs Blut. Dass er durch den Herzinfarkt freundlicher geworden war, hatte sie nicht wirklich bemerkt. Er war direkt auf Konfrontationskurs gegangen. Aggressiv und gemein. Für sie war und blieb er weiterhin ein Choleriker und ein Mensch, dem sie besser aus dem Weg ging.

Oliver hatte ihre Reaktion bemerkt und zog eine Augenbraue hoch. „Ist mein Dad schuld daran, dass du damals fort bist?“, fragte er direkt.

Sofort stand Lilly auf und lief wortlos zurück zum Hang, um ins Haus zu gehen. Offenbar war es einfach nicht möglich, mit Oliver ein Gespräch zu führen, ohne dass er auf die alte Geschichte zurückkam. Natürlich nicht. Es war definitiv besser, das hier zu beenden.

„Lilly, warte!“ Oliver holte sie ein, als sie gerade über die Terrasse lief. „Okay. Waffenstillstand. Ich frage nicht mehr nach, und du sagst nicht in jedem dritten Satz, dass wir uns nicht mehr sehen sollen. Wir sind nur zwei alte Bekannte, die miteinander einen schönen Tag verbringen. Okay?“

„Nein, nichts ist okay, Oliver. Du bist nicht irgendein Bekannter. Du bist … du warst …“ Lilly kam ins Schleudern. Die Liebe ihres Lebens? Ja, verdammt! Das war er. Aber das würde sie ihm gegenüber nicht zugeben, sonst würde er sie niemals wieder gehen lassen. Oliver war Single. Das wusste sie aus der Presse. Und er hatte noch Gefühle für sie. Das war offensichtlich.

„Ich habe einen Freund“, sagte sie schließlich lahm. Das war zwar gelogen, aber das wusste er ja nicht.

Er musterte sie aufmerksam. „Du lügst!“

„Ich lüge nicht.“

„Vergiss es, Lilly. Ich erkenne immer, wenn du lügst. Du kannst das nämlich nicht. Sind wir jetzt schon so tief gesunken?“

Lilly wollte am liebsten ins Haus stürmen. Seiner Präsenz irgendwie entkommen. Diesem Blick, der sie gleichzeitig anzog und an Flucht denken ließ. Sie fühlte sich, als würden ihr Herz und ihr Verstand in zwei unterschiedliche Richtungen streben und sie zerreißen.

Das Herz wollte bei Oliver sein und ihm endlich die Wahrheit sagen. Er verdiente es, alles zu wissen. Aber wenn er es wusste, würde er niemals wieder etwas mit ihr zu tun haben wollen. Deshalb warnte ihr Verstand sie eindringlich vor diesem Schritt. Außerdem hatte sie Ted Cahill ein Versprechen gegeben, das bindend war. Sie durfte nichts verraten. Niemals.

„Ich … also schön. Ich habe keinen Freund, okay? Aber mit dir hier zu diskutieren, schreit gerade nach gebrochenen Herzen.“

„Ich sage doch nicht, dass ich dich zurückhaben will, Lilly. Dazu hast du mir, verdammt noch mal, viel zu sehr wehgetan. Ich rede davon, dass du ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit bist. Eigentlich der wichtigste Teil. Und dieser Teil ist verloren gegangen. Da ist es doch nicht zu viel verlangt, wenn wir uns einen Tag geben, um die verlorenen Jahre aufzuholen.“

Lilly wusste, dass auch er nicht ganz die Wahrheit sagte. Denn auch sie konnte spielend leicht in seiner Miene lesen. Er wollte tatsächlich die letzten Jahre aufholen. Aber auch er spürte die Energie, die zwischen ihnen knisterte. Das Verlangen. Die Sehnsucht.

Ihr Handy klingelte erneut. Da es diesmal eine willkommene Ablenkung war, ging sie ran. „Lilly Thomas.“

„Hey, Lilly. Hier Martin. Ted Cahill war gerade in meinem Büro. Er wollte dich sprechen. Als er gehört hat, dass du mit seinem Sohn unterwegs bist, hat er einen Wutanfall bekommen. Sehr eindrucksvoll und sehr beunruhigend. Du wolltest das doch klären!“

„Ich weiß. Tut mir leid.“ Sofort war die Panik zurück. Ted Cahill überwachte sie. Er war wie das berühmte Damoklesschwert, das über ihrem Kopf schwebte. Sie saß zwischen allen Stühlen. Ted verlangte, dass sie seinen Sohn in Ruhe ließ und aus seinem Leben verschwand. Oliver ließ sich jedoch nicht so einfach vertreiben. Nicht, ohne dass sie ihm etwas erklärte.

„Ich kümmere mich darum, Martin. Mach dir keine Sorgen.“

„Zu spät. Ich habe wirklich Angst, dass deine Vergangenheit unser gesamtes Projekt bedroht. Du musst das sofort regeln, hörst du?“

„Ja. Mache ich.“ Sie legte grußlos auf und atmete tief durch.

„Gibt es Ärger?“, fragte Oliver misstrauisch.

„Ein wenig. Aber nichts, das ich nicht lösen könnte.“ Sie wusste eigentlich, was sie zu tun hatte. Wenn sie Oliver nur weh genug tat, würde er sich zurückziehen. Sie kannte seine Schwachstellen. Wusste genau, wo sie ihn tief verletzen konnte.

Aber das würde sie niemals über sich bringen, obwohl es der einfachere Weg wäre. Also wählte sie den etwas komplizierteren Umweg. „Ich schenke dir diesen Tag mit mir. Danach trennen sich unsere Wege für immer. Versprich mir, dass du mich später wieder nach Hause bringst und aus meinem Leben verschwindest.“

„Aber warum denn, Lilly? Rede doch einfach offen mit mir!“

„Versprich es, sonst gehe ich sofort. Zur Not auch zu Fuß.“

„In Ordnung. Ich verspreche es, aber es bricht mir das Herz.“

Lilly musste sich abwenden, damit Oliver die Trauer in ihren Augen nicht sah. Es musste so sein. Ihr war klar, dass Oliver das nicht verstand, aber sie beschützte auch ihn. Die Wahrheit wäre grausam. Denn sowohl sein Vater als auch sie hatten ihn verraten. Auf so schreckliche Weise, die er ihnen niemals verzeihen würde.

4. KAPITEL

Da es mittlerweile Mittag war, machten sich die beiden etwas zu essen. Es war merkwürdig, wie vertraut sie dabei miteinander umgingen. Obwohl sie sich all die Jahre nicht gesehen hatten, mussten sie sich kaum miteinander absprechen. Sie verstanden einander auch so.

Oliver kümmerte sich wie selbstverständlich um den Grill und um das Fleisch. Lilly bereitete einen Salat zu und schnitt Brot auf. Dabei blieben sie in vertrauter Stille, um nicht wieder miteinander zu diskutieren. Die Vergangenheit war voller Stolpersteine. Auf der anderen Seite konnten sie sich auch nicht die ganze Zeit anschweigen.

Schließlich begann Lilly, von sich aus zu erzählen. Von ihrem Studium. Ihrer WG. Ihrer Zeit in Amerika. Den verschiedenen Umweltprojekten. Sie berichtete von lustigen und dramatischen Rettungsaktionen von Tieren, von ihren Zusammenstößen mit der Polizei und ihrem Tauchtraining auf den Malediven.

Mit jeder Silbe, die ihren Mund verließ, entspannten sich beide immer mehr, bis sie endlich zu einer lockeren Plauderei gefunden hatten.

„Dass du jemals zu einem Arbeitstier wirst, hätte ich niemals gedacht“, stellte Oliver schließlich fest. Im ersten Moment wollte Lilly protestieren, doch dann musste sie ihm recht geben. Sie lebte wirklich nur noch für die Arbeit. Warum das so war, konnte sie ihm allerdings nicht sagen.

Sie hatte für ihren Traum, Meeresbiologin zu werden, ihre große Liebe zurückgelassen. Für die Arbeit hatte sie alles aufgegeben. Als Konsequenz hatte sie sich vollkommen darauf konzentriert. Nur noch die Arbeit zählte. Nur die Projekte. Sie hatte sich selbst Spaß und Vergnügen verboten.

„Stimmt, ich arbeite viel. Leider wird das auch ziemlich schlecht bezahlt.“ Sie grinste. „Und jetzt sag nicht: Ich habe dich gewarnt. Das weiß ich nur zu gut. Ich habe halt nicht auf dich gehört.“

Oliver zuckte mit den Schultern und lehnte sich zufrieden im Sessel zurück. Sie saßen gemütlich auf der Terrasse unter einem großen Segel, das sie vor der Sonne schützte. Die leeren Teller standen noch vor ihnen, denn bislang hatte keiner von beiden Lust gehabt, aufzustehen.

„Geld ist nicht alles. Ich habe genug davon. Vor lauter Arbeit komme ich leider nicht dazu, es auszugeben. Das Einzige, wozu ich es wirklich sinnvoll verwende, sind deine Tierschutzprojekte und diese Villa hier.“

In letzter Sekunde verbiss sich Lilly die Frage nach den bisherigen Frauen in seinem Leben. Sie hätte außerdem zu gerne gewusst, wie der erwachsene Oliver zur Ehe und zu Kindern stand. Damals hatte er zwei Kinder haben wollen – einen Sohn und eine Tochter. Wünschte er sich das noch immer? Aber wenn sie das fragte, begab sie sich wieder auf gefährliches Terrain.

„Ich habe unten am Strand ein Boot gesehen. Gehört das dir?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

Oliver nickte. Seine funkelnden Augen zeigten Lilly, dass er wusste, worauf sie hinauswollte. „Wollen wir?“, fragte er.

Lilly war bereits auf den Beinen, räumte in Windeseile den Tisch ab und lief dann begeistert Richtung Strand. Oliver folgte etwas langsamer. Der kleine Einmaster schaukelte auf den Wellen, und es schien fast so, als würde er auf sie warten. Der weiße Anstrich sah nagelneu aus, was Lilly nur wieder zeigte, wie sorgfältig Oliver mit seinen Sachen umging.

Als Lilly den Namen des Bootes las, erstarrte sie. Amy. Er hatte das Boot nach ihrer Mutter benannt.

Erschüttert drehte sie sich zu ihm um. Er war etwa zehn Schritte hinter ihr zurückgeblieben und beobachtete sie.

„Deine Mum hat das Meer geliebt und war bei jedem Wetter draußen. Ich dachte, es sei der passende Name für das Boot. Sie hätte sich bestimmt gefreut“, sagte er zaghaft, als Lilly sich nicht regte.

Lilly bekam eine Gänsehaut. Dieser Mann war perfekt. Er kannte sie besser als sie sich selbst. Er war auch ein lange verlorenes Verbindungsglied zu ihrer Mutter. Durch seine Anwesenheit hatte sie in letzten Tagen mehr an ihre Mum gedacht als in all den Jahren zuvor.

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