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ROMANA EXTRA BAND 73

PENNY ROBERTS

Stürmisches Wiedersehen in Griechenland

Kurz nach dem Jawort erhält Millionär Alexandros Dimitris Beweise: Lucy ist nur auf sein Geld aus. Sofortige Trennung! Doch eines Tages bietet sich ihm die Chance, sich süß an ihr zu rächen …

CARA COLTER

Dein Blick verspricht mir alles

Um den Tod seiner Frau irgendwie zu überstehen, hat Brendan seine Gefühle eingefroren. Bis die warmherzige Tierretterin Nora den Eisklumpen in seiner Brust gefährlich zum Schmelzen bringt …

CAITLIN CREWS

Das stolze Herz des Milliardärs

Während einer unerwartet zärtlichen Nacht auf seiner Luxusjacht wird dem machthungrigen Baulöwen Cayo Vila klar, dass er seine Assistentin Drusilla liebt. Doch am nächsten Morgen erwacht er allein!

LAURA MARTIN

Wild und schön wie Schottland

Drew ahnt, was hinter seinem Streit mit der hübschen Christy steckt: magische Anziehung! Aber das würde Christy niemals zugeben. Ihm bleibt ein Wochenende in den Highlands, um sie von sich zu überzeugen …

Stürmisches Wiedersehen in Griechenland

1. KAPITEL

Lucys Herz klopfte wie verrückt, als der Fahrstuhl sie in das dreizehnte Stockwerk von Thirteen Enterprises brachte.

Dreizehn – eine Zahl, die viele Menschen mit Unglück verbanden. Nicht so der Mann, dessen Büro sie gleich betreten würde.

Alexandros Dimitris – der Mann, der ihr Leben in einen Scherbenhaufen verwandelt hatte.

Sechs Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sechs Jahre, in denen sie immer wieder versucht hatte, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Doch er befehligte ein ganzes Heer von Anwälten, Sekretärinnen und Assistenten, die allesamt nur eine Aufgabe zu haben schienen: seine Frau von ihm fernzuhalten.

Sechs Jahre, und mit jedem einzelnen dieser Jahre war ihr Hass auf ihn gewachsen, bis es sich irgendwann anfühlte, als würde es sie innerlich auffressen.

Er ließ sie am ausgestreckten Arm verhungern – dabei erwartete sie doch nun wirklich nichts Unmögliches. Er sollte lediglich seinen Namen unter ein paar Dokumente setzen, und schon würde sie mit Freuden endgültig aus seinem Leben verschwinden.

Aber nein, keine Chance. Alexandros weigerte sich, die Papiere zu unterzeichnen, die es ihr ermöglichen würden, endlich einen Schlussstrich unter eins der dunkelsten Kapitel ihres Lebens zu ziehen.

Um null Uhr dreizehn geboren, mit dreizehn Jahren eine lebensbedrohliche Viruserkrankung überlebt, hatte Alexandros es weitere dreizehn Jahre später zum Millionär gebracht – diese Ereignisse ratterte er immer herunter, wenn er gefragt wurde, warum dreizehn seine Glückszahl war. Inzwischen, seit er die erste Million erwirtschaftet hatte, waren wieder zwölf Jahre ins Land gegangen. Was wohl in einem Jahr der nächste Punkt auf seiner Liste sein würde? Die nächste Million ganz sicher nicht – Alexandros war längst Milliardär.

Nein, Lucy hatte keine Ahnung, welche Errungenschaft er der Welt verkünden würde. Vielleicht hatte er vor, zum Mond zu fliegen – wo er dann gerne bleiben konnte.

Es interessierte sie nicht, was er in seinem Leben schon alles geleistet und vollbracht hatte. Wenn es nach ihr ginge, wäre sie jetzt auch nicht hier, in seinem verspiegelten Protz-Wolkenkratzer, sondern zu Hause in Wimbledon. Säße an ihrem Schreibtisch in der kleinen Anwaltskanzlei, in der sie vor ein paar Monaten angefangen hatte, und würde einfach nur ihre Arbeit machen.

Aber nein, das stimmte so nicht. Wenn es tatsächlich nach ihr ginge, säße sie jetzt nicht in der kleinen Anwaltskanzlei und würde sich um Klienten kümmern, die wegen Beleidigung, Verleumdung und Belästigung Rat suchten, sondern hätte noch ihren Job bei Lawson, Benz & Partner, einer der größten Kanzleien Englands, und könnte sich wirklich wichtigen Problemen widmen.

Und den Menschen helfen, denen es genauso erging wie ihr früher.

Doch eben dies hatte der Mann verhindert, dem sie jetzt gleich gegenüberstehen würde. Seinetwegen hatte sie alles verloren, was ihr etwas bedeutete. Ihre Würde, ihr Selbstvertrauen und ihren Job. Und das alles nur, weil dieser gewissenlose Multimillionär zeigen musste, wie mächtig er war.

Es gab zwei Menschen in ihrem Leben, die sie abgrundtief hasste. Ihren Vater – und Alexandros Dimitris.

Nun, ihren Vater würde sie definitiv niemals in ihrem Leben wiedersehen. Sie wusste nicht einmal, auf welchem Friedhof sich sein Grabstein befand. Als ihre Mutter damals von Henry Grahams Tod erfuhr, hatte sie getrauert. Lucy nicht. Sie hatte erkannt, dass am Ende eben doch jeder seine gerechte Strafe bekam. Der Gedanke hatte sie mit tiefer Befriedigung erfüllt.

Dass sie nun gezwungen war, Alexandros wiederzusehen, war für sie eine Strafe. Wie hatte sie sich nur auf diese ganze Sache einlassen können?

Aber war ihr überhaupt eine Wahl geblieben? Die ernüchternde Antwort lautete: nein.

Jedenfalls nicht, wenn ihr wirklich daran gelegen war, die Chance, im Berufsleben zumindest wieder einigermaßen Fuß zu fassen, ernsthaft zu nutzen.

Und genau das hatte sie vor, denn diese Chance war die einzige Hoffnung, die sie noch hatte.

Die Aufzugtüren glitten mit einem Ping auseinander. Lucy drückte die Tasche, in der sich die Unterlagen befanden, die sie Alexandros bringen sollte, an ihre Brust und trat über die Schwelle. Augenblicklich stockte ihr der Atem. Sie hatte das Gefühl, die größte Ansichtskarte der Welt vor sich zu haben. In Wahrheit handelte es sich nicht um eine Postkarte, sondern um ein gewaltiges Fenster, das die gesamte Frontseite des Empfangsraums einnahm, in dem sie sich befand. Den Empfangstisch davor nahm sie gar nicht richtig wahr, registrierte aber beiläufig, dass niemand dahinter saß.

Die Aussicht, die sich ihr bot, war kaum mit Worten zu beschreiben. Athen erstreckte sich unter ihr wie ein Meer aus Weiß, denn das war nach wie vor die vorherrschende Farbe der Häuser in der griechischen Hauptstadt. Und vor dem geradezu unwirklich blauen Himmel erhob sich die Akropolis mit ihren weltbekannten Bauwerken.

Es war Mittag und die Sonne brannte auf die Stadt nieder. Die Luft flirrte und ließ alles ein bisschen verschwommen wirken, beinahe schon traumgleich.

Doch dies war kein Traum. Wenn überhaupt, dann allerhöchstens ein Albtraum.

Ein leises Geräusch hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken. In Erwartung, die Empfangsdame vor sich zu haben, drehte sie sich um – und erstarrte.

Vor ihr stand keine freundlich lächelnde Angestellte, sondern der oberste Boss höchstpersönlich.

Der Mann, dessentwegen sie hier war.

Alexandros Dimitris.

Ihr Ehemann.

„Alexandros!“, stieß sie heiser hervor. Ihre Stimme klang selbst für ihre eigenen Ohren fremd. Zu mehr Worten war Lucy nicht fähig. Überhaupt konnte sie nichts anderes tun, als ihn anzustarren. Den Mann, der sich seit nunmehr sechs Jahren vehement weigerte, endlich die Scheidungspapiere zu unterschreiben.

Das Problem war, dass sie ihn nicht etwa mit einem Gefühl des Widerwillens und voller Verachtung anstarrte – sondern weil sein Anblick sie sofort in den Bann zog. Von einer Sekunde auf die andere war sie wieder da, die Magie, die sie vor über sechs Jahren erst in sein Bett und dann vor den Traualtar getrieben hatte.

Wie hatte sie nur so dumm sein können! Und wie konnte sie so dumm sein, sich jetzt erneut von seiner Aura blenden zu lassen?

Ihr Herz flatterte, ihre Atmung beschleunigte sich, und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Dabei sollte gerade sie es doch eigentlich besser wissen.

Es war aber auch wirklich unfair, wie verboten gut er aussah. Groß und dunkel stand er da. Das dunkelbraune Haar trug er ein wenig kürzer als vor sechs Jahren. Hatten sich da ein paar graue Fäden eingeschlichen? Dummerweise tat das seiner Attraktivität keineswegs einen Abbruch. Ganz im Gegenteil sogar. Er alterte wie guter Wein – mit den Jahren wurde er nur besser.

Sein Kleidungsstil hatte sich nicht verändert. Vermutlich ließ er seine Maßanzüge noch immer von demselben Schneider in der Odos Aiolou fertigen. Der Mann war schon vor sechs Jahren mindestens neunzig gewesen. Aber wenn Alexandros Dimitris etwas wollte, dann nahm er es sich einfach. Wahrscheinlich macht selbst der Tod eine Ausnahme für ihn, dachte sie zynisch.

Obwohl ihr Mann, der eigentlich längst ihr Ex-Mann sein sollte, beinahe rund um die Uhr arbeitete, schien er Zeit zu finden, regelmäßig zu trainieren. Anders ließen sich die Muskeln seiner Oberarme nicht erklären, die sich deutlich unter dem eng sitzenden Hemd abzeichneten, was sie sah, als er sein Jackett auszog und es achtlos auf einen der Besucherstühle vor dem Schreibtisch warf. Oder die schiere Breite seiner Schultern. Gott, wie hatte sie diese Schultern einst geliebt! Mit den Händen darüber zu streichen, seine glatte geschmeidige Haut zu fühlen, war beinahe wie eine himmlische Offenbarung gewesen.

Leider waren dies auch mehr oder weniger die einzig positiven Erinnerungen, die sie von ihm zurückbehalten hatte. Seine Schultern, der flache Bauch, die stahlharte Brust und …

Nein, rief sie sich zur Ordnung. Aufhören. Sofort!

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Augen … Seine waren ein ausgesprochen schönes Paar. Nein, nicht nur schön, sondern regelrecht faszinierend. Je nach Stimmung und Lichteinfall waren sie manchmal fast schwarz, um dann wieder einen beinah goldenen Schimmer anzunehmen.

Unfair.

„Da bist du ja endlich.“

Seine Worte rissen sie aus ihren Gedanken.

Sie blinzelte. „Da bist du ja endlich?“, wiederholte sie ungläubig. „Sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen, und alles, was du zur Begrüßung zu sagen hast, ist: ‚Da bist du ja endlich‘?“

Er zuckte die Achseln. „Ich habe dich um Punkt dreizehn Minuten nach zwölf erwartet. Du bist zu spät.“

Ach ja, noch so eine Marotte seines Dreizehn-Spleens. Wichtige Termine legte Alexandros niemals auf die volle oder halbe Stunde, sondern immer auf dreizehn nach. Als ihr Chef ihr mitgeteilt hatte, wann Alexandros sie sprechen wollte, war ihr daher sofort klar gewesen, dass diese Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit für ihn war.

Was, zum Teufel, wollte dieser Mann? Und was hatte sie damit zu tun?

Sie konnte das alles noch immer nicht glauben. Als Mr. Capwell ihr vor zwei Tagen völlig überraschend eröffnete, dass sie nach Griechenland reisen müsse, um dort einem wichtigen neuen Klienten einige Unterlagen zu überbringen, war sie erstaunt gewesen. Dass jemand aus Griechenland an die kleine Kanzlei in Wimbledon herantrat, kam einem Wunder gleich. Lucy hatte sofort zugesagt. Warum auch nicht? Eine Reise nach Griechenland auf Kosten des Arbeitgebers … wer sagte da schon Nein? Doch dann fiel der Name, der für sie mit so vielen Schrecken verbunden war, und das erste Wort, das über ihre Lippen drang, war Nein.

„Vergessen Sie es, Boss“, hatte sie gesagt. „Mit diesem Mann will ich nichts zu tun haben. Aus … persönlichen Gründen.“

Näher ins Detail war sie nicht gegangen. Und selbst wenn sie es getan hätte – es hätte nichts geändert. Ihr Boss hatte deutlich gemacht, dass Alexandros nur eine bestimmte Überbringerin dieser Dokumente duldete: sie.

Danach hatte Mr. Capwell sie freundlicherweise daran erinnert, was er für sie getan hatte, als keine große Kanzlei bereit gewesen war, ihr eine Chance zu geben. Durch ihn hatte sie wenigstens eine Arbeit, konnte ihre Miete und ihren Lebensunterhalt bezahlen, vor allem hatte sie so die Möglichkeit, nach Jahren, die sie mit Kellnerinnenjobs in verschiedenen Pubs verschwendet hatte, endlich wieder richtig ins Berufsleben einzusteigen. Einen Fuß in die Tür zu bekommen, mit der Hoffnung, sich nach und nach erneut hochzuarbeiten.

Verlor sie ihre Anstellung, war es mit dieser Hoffnung wohl bis an ihr Lebensende vorbei – und das wollte Lucy unter keinen Umständen riskieren.

Deshalb hatte sie heute früh von London aus den ersten Flieger nach Athen genommen – ironischerweise zu dem Mann, dem sie ihren beruflichen Absturz überhaupt zu verdanken hatte.

Alexandros hatte sie nicht nur wenige Stunden nach ihrer Hochzeit als Lügnerin bezeichnet und sie zum Teufel gejagt, ohne ihr irgendetwas zu erklären – nein. Er hatte es sich auch nicht nehmen lassen, dafür zu sorgen, dass sie ihre gutbezahlte Anstellung bei Lawson, Benz & Partner verlor. Dort war ihr zunächst zugesagt worden, dass sie nach ihrer Hochzeit jederzeit, egal aus welchen Gründen, zurückkehren konnte. Doch als sie genau das schließlich nach ihrer Rückkehr nach England tun wollte, erinnerte sich plötzlich niemand mehr an dieses Angebot.

Das allein hätte man ja vielleicht noch als unglückliche Wendung des Schicksals betrachten können. Doch Lucy hatte schnell feststellen müssen, dass sich auch keine andere größere Kanzlei willig zeigte, ihr einen Job zu geben. Eindrucksvoll hatte Alexandros bewiesen, dass sein Einfluss weit über die Grenzen Griechenlands hinweg gewaltig war. Sie hatte keine Ahnung, was er all diesen Leuten erzählt hatte, klar war jedoch, dass sich niemand mit dem großen Alexandros Dimitris anlegen wollte, nur um einer Frau wie ihr zu einem Job zu verhelfen.

Sie konnte es im Grunde noch nicht mal jemandem verübeln. Alexandros war ein echter Global Player. Mit seinem Investmentunternehmen mischte er auf allen Finanzmärkten der Welt mit. Sich mit ihm anzulegen bedeutete, mit dem Feuer zu spielen. Und wer verbrannte sich schon gern die Finger?

„Die paar Minuten werden deinen Zeitplan für den heutigen Tag wohl kaum durcheinanderwirbeln“, antwortete sie.

Er ging an ihr vorbei und wollte hinter den Schreibtisch treten, hielt dann jedoch inne. „Ach, bevor wir uns setzen, kannst du mir wohl kurz ein frisches Hemd bringen? Auf dem Sessel müsste eins liegen“, sagte er und machte sich an einer Schublade im Schrank neben seinem Schreibtisch zu schaffen.

Lucy runzelte die Stirn. Betrachtete er sie als seine Bedienstete, oder was? Aber gut, wenn es weiter nichts war, sagte sie sich und blickte sich um. „Ich sehe nirgendwo einen Sessel.“

„Dort durch die Tür.“ Er nickte in Richtung einer Tür gleich neben dem Aufzug.

Lucy hob die Schultern, trat durch die Tür – und erstarrte, als sie erkannte, um was für einen Raum es sich handelte. Was nicht schwer war, wurde das Zimmer doch fast vollständig von einem riesigen breiten Bett eingenommen.

Sie schluckte. Wie von selbst blitzten ungewollte Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Sie sah Alexandros, wie er sich zwischen anthrazitfarbenen Seidenlaken räkelte, sein makelloser Körper tiefgebräunt, das Haar zerzaust und …

Nein!

Das gehörte alles der Vergangenheit an. Einer Vergangenheit, an die sie lieber nicht erinnert werden wollte. Was sie am meisten ärgerte, war, dass dieser Mann sie trotzdem nach wie vor nicht kaltließ.

Sie beeilte sich, das Zimmer zu durchqueren. Auf einem Sessel lag tatsächlich das gewünschte Hemd. Sie griff es sich, wirbelte herum – und erstarrte.

Was zum Teufel …?

Mit nacktem Oberkörper stand Alexandros im Türrahmen.

Verdammt, er sah noch immer mindestens genauso gut aus wie vor sechs Jahren. Seine Muskeln waren klar definiert. Auf seinem Bauch zeigte sich das eindrucksvollste Sixpack, das sie je gesehen hatte, und sie erinnerte sich nur zu gut, wie es sich angefühlt hatte, ihre Hände über seine Haut gleiten zu lassen.

Sie starrte ihn an, war einen Moment lang wie paralysiert. Erst als er sich vernehmlich räusperte, schrak sie zusammen.

Mit einem wissenden Lächeln streckte er ihr die Hand entgegen. „Mein Hemd?“

Sofort wandte sie den Blick ab und reichte ihm das Kleidungsstück.

„Danke. Auf dem alten war ein Fleck.“

Ja klar, dachte Lucy. Sie kannte Alexandros gut genug, um zu wissen, dass er vermutlich nur versuchte, sie zu provozieren.

Dummerweise gelang es ihm auch wieder.

„Ich dachte eigentlich, hier oben befindet sich dein Büro“, sagte sie, als sie zurück in den Raum gingen, aus dem sie eben gekommen waren.

„Falsch gedacht. Es sind meine Privaträume. Und das hier …“, er machte eine alles umfassende Geste, „… ist mein Arbeitszimmer. Von hier aus regiere ich die Welt.“

Sie verzog das Gesicht. Größenwahnsinniger Mistkerl.

Er trat hinter seinen Schreibtisch und bedeutete ihr mit einer knappen Handbewegung, auf einem der Besucherstühle ihm gegenüber Platz zu nehmen, während er sich in seinen protzigen Chefsessel sinken ließ.

Lucy blieb stehen.

„Pünktlichkeit war schon früher nicht unbedingt deine Stärke, richtig?“, meinte er beiläufig. „Beinahe wärest du sogar zur Trauung zu spät gekommen.“

Die um dreizehn Minuten nach zwölf stattgefunden hatte.

„Wäre ich mal zu spät gekommen“, konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen.

Ein Schatten legte sich auf sein Gesicht. „Wie dem auch sei. Im Berufsleben ist so etwas jedenfalls hinderlich, wenn man aufsteigen möchte.“

Lucy funkelte ihn wütend an. „Wie war das? Willst du mir wirklich erklären, was …? Also, das ist doch die Höhe! Wer ist denn dafür verantwortlich, dass ich meine äußerst gutbezahlte Stelle bei Lawson, Benz & Partner nicht wieder antreten konnte? Und dass ich Jahre gebraucht habe, um überhaupt irgendwo eine vernünftige Anstellung zu bekommen, nachdem ich mich ewig lange mit Kellnerjobs über Wasser halten musste? Ich verrate dir was, meine Einstellung zur Pünktlichkeit ist daran ganz sicher nicht schuld!“

Alexandros hatte für ihre Bemerkung nicht mehr als ein Schulterzucken übrig. „Nun setz dich schon“, forderte er.

„Danke, aber nein danke. Ich bleibe lieber stehen. Und das auch nicht lange. Ich bin nämlich durchaus daran interessiert, meinen Auftrag hier rasch zu erledigen.“ Mit diesen Worten trat sie näher an den Schreibtisch, bemüht, Alexandros nicht in die Augen zu sehen. Mit beinahe mechanischen Bewegungen legte sie ihre Tasche vor sich auf dem Schreibtisch ab, öffnete sie und nahm einen versiegelten großen Umschlag daraus hervor.

„Hier“, sagte sie und schob ihm den Umschlag hin. „Deine ach so wichtigen Dokumente. Was ist los? Hast du vor, irgendeine Immobilie in Wimbledon zu kaufen – oder gleich den ganzen Ort?“

Er warf nur einen flüchtigen Blick auf den Umschlag. „Danke.“

„Und hier“, fuhr sie fort, während sie ein beschriebenes Blatt Papier aus ihrer Tasche zog und es ihm ebenfalls hinschob, „bekomme ich jetzt noch eine Unterschrift von dir.“

Er runzelte die Stirn. „Unterschrift?“

„Ja. Damit bestätigst du, dass du die Dokumente von mir erhalten hast.“

„Du willst, dass ich dir den Empfang quittiere?“

„Natürlich, was denkst du denn? Ich muss meinem Boss schließlich nachweisen können, dass ich wirklich hier war und dir alles ordnungsgemäß überreicht habe. Für den Fall, dass du etwas anderes behauptest.“

Seine Augen verengten sich. „Traust du mir nicht?“

„Trauen? Dir?“ Sie lachte bitter auf. „Kein Stück. Und jetzt unterschreib schon.“

Alexandros spürte, wie Wut in ihm hochkochte. Lucy traute ihm also nicht über den Weg? Ausgerechnet sie sprach von Vertrauen? Nach allem, was sie ihm angetan hatte? Dass sie sich nicht schämte!

Aber dazu müsste sie erst einmal so etwas wie ein Gewissen haben. Und dass sie darüber nicht verfügte, hatte er bereits vor sechs Jahren feststellen müssen.

Er verscheuchte die Erinnerungen an damals, die über ihn hereinzubrechen drohten. Er sollte sich nicht um die Vergangenheit kümmern, sondern um das Hier und Jetzt. Genauer gesagt um seine Rache.

Die Zeit der Abrechnung war gekommen.

Endlich.

Alexandros warf einen Blick auf den Zettel vor ihm. „Hiermit bestätige ich, Alexandros Dimitris, die bei der Kanzlei Capwell angeforderten Unterlagen von Mrs. Lucy Graham“, er schaute kurz auf und hob eine Braue, „erhalten zu haben.“ Es wunderte ihn nicht wirklich, dass sie es vorzog, ihren Mädchennamen zu benutzen. Und vermutlich machte es ihr das auch leichter, neue Männerbekanntschaften zu finden. Seufzend nahm er einen Stift zur Hand, setzte seine Unterschrift unter den Text und legte den Stift wieder zur Seite. „Zufrieden?“

„Danke, ja.“

Hastig griff Lucy nach der Empfangsbestätigung. Dabei streiften ihre Finger seine. Nur kurz und so flüchtig, dass die Berührung kaum zu spüren war. Doch das genügte, um bei ihm eine Reaktion auszulösen, die er so nicht erwartet hatte. Es war wie ein elektrisches Prickeln, das in der Hand begann, sich seinen Arm hochwand und sich innerhalb des Bruchteils einer Sekunde in seinem Körper ausbreitete.

Alexandros stutzte. Was war das denn jetzt? Wobei … vorhin, als er Lucy zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder gegenübergestanden hatte, war da auch schon so ein merkwürdiges Gefühl gewesen. Sie trug ihr goldblondes Haar kürzer als damals, aber es reichte ihr immer noch bis auf die Schultern. Es schien ihm ein wenig dunkler zu sein, was jedoch vermutlich daran lag, dass es nicht mehr von der Mittelmeersonne und vom Salzwasser gebleicht wurde.

Ihr Gesicht wirkte genauso frisch und jugendlich, wie er es in Erinnerung hatte. Da war dieses kleine Grübchen, das sich vertiefte, wenn sie lächelte. Und ihre Wimpern, so lang, dass sie ihr fast bis auf die Wangen reichten, wenn sie den Blick senkte. Einen irrwitzigen Moment hatte er sogar geglaubt, er empfände so etwas wie Wiedersehensfreude. Doch das war natürlich Unfug, schnell war ihm klar geworden, dass es sich vielmehr um Vorfreude handelte.

Um die Vorfreude, Lucy endlich für das bezahlen zu lassen, was sie ihm angetan hatte.

Und das einzufordern, worauf er ein Recht hatte.

„Das war’s dann.“

Sie riss das Papier an sich und drehte sich um. Offenbar konnte sie gar nicht schnell genug aus seinem Büro kommen. Zweifellos hatte die Berührung eben auch in ihrem Innern etwas ausgelöst.

„Willst du gar nicht wissen, was sich in dem Kuvert befindet?“, fragte er, als sie bereits an der Aufzugstür war.

„Danke, kein Bedarf“, erwiderte sie knapp, ohne sich zu ihm umzudrehen, wobei sie ungeduldig auf den Aufzugknopf drückte – und sich wahrscheinlich wunderte, wieso sich die Türen nicht schon längst geöffnet hatten.

Nun, wenn es nach ihm ging, konnte sie sich das noch eine ganze Weile fragen. Was Lucy nämlich nicht wusste: Mit Hilfe eines Knopfes unter seiner Schreibtischplatte ließen sich die Türen verriegeln. Eine Sicherheitsmaßnahme, sollte er einmal vom Empfang unten die Meldung erhalten, dass jemand unerlaubterweise den Aufzug betreten hatte und sich auf dem Weg nach oben befand.

Dass er so auch verhindern konnte, dass jemand seine Räumlichkeiten verließ, war ein durchaus praktischer Nebeneffekt, wie er jetzt erkannte.

Lucy wurde zusehends nervöser. „Was ist denn mit dem …“

„Es sind die Scheidungspapiere“, sagte Alexandros.

Schweigen.

Nun drehte sie sich doch zu ihm um. In ihrem Blick lag ein ungläubiger Ausdruck.

„Wessen Scheidungspapiere?“, fragte sie nach. „Etwa …“

„Unsere.“ Zufrieden, weil er nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und beobachtete Lucy einfach nur.

Die Frau, die er vor sechs Jahren geheiratet hatte. Und die noch immer seine rechtmäßige Ehefrau war. Wie sie jetzt dastand! Dieses gierige Flackern in den Augen … den schönen aquamarinblauen Augen, in die er sich einst so verliebt hatte.

Ohne zu merken, dass diese Augen täuschten.

„Moment mal“, sagte sie skeptisch. „Da stimmt doch was nicht. Wieso solltest du deine Scheidungspapiere in der Kanzlei meines Chefs anfertigen lassen?“

„Habe ich nicht“, erwiderte er und machte eine wegwischende Handbewegung. „Meine Anwälte haben die Papiere angefertigt – und sie zu deinem Boss geschickt.“

„Aber … wozu?“

„Damit du sie mir überbringen kannst.“ Milde lächelnd musterte er sie weiter. Sie verstand überhaupt nichts, und das gefiel ihm. Er wollte sie jedoch nicht zu lange zappeln lassen. Dazu war er zu gespannt auf ihre Reaktion, wenn es wirklich ums Ganze ging. „Ich wollte, dass du dabei bist, wenn ich meine Unterschrift unter die Dokumente setze. Und ich will dabei sein, wenn du sie unterzeichnest.“

„Also stimmst du der Scheidung zu?“ Ihre Stimme überschlug sich jetzt fast. „Einfach so? Nachdem du dich sechs Jahre geweigert hast? Du …“ Sie kniff die Augen zusammen. „Was für einen Haken gibt es?“

„Haken?“

„Jetzt tu doch nicht so, du weißt genau, was ich meine. Du machst das nicht ohne Hintergedanken, das kaufe ich dir nicht ab.“

Natürlich wusste er, was sie meinte. Seit sechs Jahren schaffte er es mithilfe seiner Anwälte nun schon, die Scheidung immer weiter hinauszuzögern. Auf diese Weise konnte sie ihre Masche wenigstens nicht bei irgendeinem anderen unschuldigen Mann durchziehen. Er betrachtete sich als Wohltäter der Menschheit – nun, zumindest derjenigen in Besitz eines Y-Chromosoms. Doch irgendwann musste er damit aufhören, das wusste er. Und deshalb hatte er sich gesagt, dass sechs Jahre genug waren.

Sobald er die Scheidungspapiere unterzeichnet hatte, konnte Lucy tun, was immer sie wollte. Allerdings bezweifelte er, dass sie großes Interesse haben würde, so weiterzumachen wie früher. Wenn sie erst einmal von seiner Rache gekostet hatte, würde sie sich hüten, noch weitere Männer ins Unglück zu stürzen.

„Keine Hintergedanken“, stellte er klar. „Du bekommst die Scheidung und genau die Abfindungssumme, die hier auf diesen Papieren vermerkt ist.“

Sie runzelte die Stirn, während er das Kuvert entsiegelte und die Unterlagen herausnahm. Er reichte ihr die Papiere, und sie suchte nach der richtigen Stelle.

Als sie den Betrag schließlich entdeckte, stockte ihr sichtlich der Atem.

„Das ist … großzügig“, stieß sie hervor.

Wie beherrscht sie doch war! So scharf, wie sie von Anfang an auf dieses Geld war, hätte er eher einen ausgelassenen Jubeltanz von ihr erwartet!

„Aber ich will dein Geld nicht.“

Er blickte auf. „Wie war das?“

„Ich will dein Geld nicht. Ich will nur die Scheidung, das ist alles.“

Was war das jetzt wieder für ein Spiel? Hatte sie die Befürchtung, dass es gierig wirkte, wenn sie sofort zuschlug? Wollte sie sich erst überreden lassen?

„Du bekommst die Scheidung und die Abfindung – oder nichts von beidem.“

„Also gut, dann beides.“

Aha! Hatte er es sich doch gedacht.

„Was ist es, das du von mir im Gegenzug für die Scheidung und die Abfindungssumme willst?“, fragte sie, als sie die Papiere auf den Schreibtisch legte.

„Nicht viel“, antwortete er, während er sich innerlich darauf vorbereitete, gleich in vollen Zügen den Anblick zu genießen, wie ihr sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich. „Nur das, was mir eigentlich zugestanden hätte und um das du mich gebracht hast.“

„Ach, und das wäre?“

„Ganz einfach.“ Er beugte sich vor und sah Lucy tief in die Augen. „Unsere Flitterwochen.“

2. KAPITEL

Flitterwochen?

Lucy hatte das Gefühl, sich verhört zu haben. Wie versteinert stand sie da und starrte Alexandros an.

Hatte der Mann völlig den Verstand verloren? Wie kam er denn auf so einen Unfug? Sechs Jahre war es jetzt her, dass sie vor dem Traualtar gestanden hatten. Sechs Jahre, seit sie sich das Jawort gaben und Alexandros sie, seine Braut, vor den Augen aller Anwesenden und des Priesters küsste.

Sechs Jahre, seit er sie, seine frisch angetraute Ehefrau, aus seinem Leben verbannt hatte. Von einer Minute auf die andere!

Für sie waren die Erinnerungen daran so präsent, als wäre es gestern passiert. Die Hochzeitsfeier, die in dem herrschaftlichen parkähnlichen Garten von Alexandros’ Privatanwesen in Athen stattgefunden hatte, war in vollem Gange gewesen. Anwesend waren neben ihren beiden Familien auch zahlreiche Geschäftspartner und Freunde. Alles war wunderbar. Bei schönstem Wetter und bester Stimmung hatte Lucy sich auf dem Höhepunkt ihres Glücks geglaubt.

Bis Alexandros plötzlich mit düsterer Miene auftauchte, sie als lügnerische Schlange bezeichnete und die Feier für beendet erklärte.

Wie ein Stück Vieh hatte er sie aus dem Haus gejagt – seitdem hatte sie ihn nie wiedergesehen.

Und nun forderte er allen Ernstes die Flitterwochen ein? Nach so langer Zeit und nach allem, was er ihr angetan hatte?

Lucy wusste nicht, wie ihr geschah. „Du machst Witze, oder?“

Er sah sie weiter an, ohne eine Gefühlsregung zu zeigen. „Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?“

Nein, das wohl nicht. „Aber … warum?“, fragte sie heiser. „Du wolltest damals nicht in die Flitterwochen und jetzt, nach sechs Jahren …“

„Ich wollte durchaus in die Flitterwochen“, korrigierte er sie. „Nur nicht sofort. Du weißt, wieso.“

Ja. Dringende geschäftliche Angelegenheiten. Für die Hochzeit inklusive Feierlichkeiten war gerade so Zeit gewesen, alles andere sollte später folgen.

Nun, statt der Flitterwochen war etwas anderes gefolgt – die Trennung. Anschließend hatte Alexandros seine kostbare Zeit dazu verwendet, sich abzuschotten und ihr das Leben schwer zu machen.

Und jetzt verlangte er die Flitterwochen?

Was außerdem der blanke Hohn war: Der Mann, der sie ohne irgendeine Erklärung von seinem Grundstück und aus seinem Leben verwiesen hatte, ohne ihr auch nur den Versuch einer Erklärung zu liefern, forderte nun etwas von ihr?

Ein Blick in seine dunklen Augen zeigte, dass er es tatsächlich bitterernst meinte.

„Warum das Ganze jetzt?“, fragte sie. „Warum willst du jetzt mit mir in die Flitterwochen? Nach so langer Zeit?“

„Weil sie mir zustehen!“, stieß er hervor und hob den rechten Arm, um mit voller Wucht die flache Hand auf die Tischplatte hinabsausen zu lassen.

Als sie aufkrachte, zuckte Lucy zusammen.

„Du meinst, dir stehen die Flitterwochen zu?“ Fassungslos erwiderte sie seinen Blick. „Nachdem du mich damals zum Teufel gejagt hast, und zwar ohne dich dazu herabzulassen, mir irgendetwas zu erklären?“ Sie reckte das Kinn. „Wie wäre es denn jetzt mal mit ein paar Erklärungen? Nach sechs Jahren könntest du mich ja wohl endlich mal wissen lassen, warum …“

„Nein!“

Wieder hob er die rechte Hand, und Lucy bereitete sich schon darauf vor, dass sie erneut auf die Tischplatte krachte, doch Alexandros schüttelte nur den Kopf.

„Nein?“, fragte sie. „Was nein?“

Er ließ die Hand sinken, beugte sich vor und verschränkte nun beide Hände auf der Tischplatte. „Keine Fragen dazu. Keine Gespräche über früher. Einfach nichts von damals. Wir werden nur das Hier und Jetzt genießen. Zwei Wochen lang. In meiner Villa auf Kreta.“

„Kreta? Villa?“ Sie riss die Augen auf. „Zwei Wochen?“

„Ganz genau. Problem?“

Ob sie ein Problem damit hatte? Da fragte er noch? Lucy bemühte sich, ruhig und tief zu atmen, ein kläglicher Versuch. Allein der Gedanke, zwei Wochen mit Alexandros in dessen Villa auf Kreta zu verbringen, ließ ihren Puls rasen und ihr Herz hämmern.

Sie schüttelte den Kopf. „Komm schon, Alexandros, beenden wir diesen Unsinn. Unterschreib die Scheidungspapiere und lass es gut sein. Willige endlich in die Scheidung ein. Du kannst dich nicht ewig weigern.“

„Ich verhindere die Scheidung jetzt seit sechs Jahren erfolgreich. Glaub mir – das kann noch lange so weitergehen. Sehr lange.“ Er sah sie ernst und ohne Spott an. „Willst du das, Lucy? Willst du, dass es so weitergeht? Oder willst du nicht auch endlich frei sein, um von vorn anzufangen?“

Sie sah ihn an, hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen, so sehr nahm sein Blick sie gefangen. Plötzlich stutzte sie. „Du willst wieder heiraten, stimmt’s? Deshalb willst du die Scheidungspapiere unterschreiben.“

„Noch mal heiraten? Ich?“ Er lachte. „Glaub mir, von so was bin ich ein für alle Mal geheilt. Dank dir.“

„Dank mir?“ Sie kniff die Augen zusammen. „Du tust ja gerade so, als hätte ich dich nach unserer Hochzeit zum Teufel gejagt. Du warst es doch, der …“

Wieder hob er die Hand. „Keine Gespräche über früher, ich sagte es bereits. Und nun sollten wir endlich zum Punkt kommen, ich habe meine Zeit nicht gestohlen. Also – bist du nun einverstanden oder nicht? Entscheide dich jetzt.“

Lucy starrte ihn an wie vom Donner gerührt. Dieser Mann war unglaublich. Sein Angebot war unmöglich. Am liebsten hätte sie sich auf der Stelle umgedreht und wäre gegangen, um für immer aus seinem Leben zu verschwinden.

Aber genau das war das Problem. Sie würde niemals endgültig aus seinem Leben verschwinden können, wenn sie nicht voneinander geschieden wurden.

Und vor allem würde er dann auch nie wirklich aus ihrem Leben verschwinden.

So viele Jahre hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich frei von ihm zu sein, nachdem er sie vorgeführt und ihr das Herz gebrochen hatte. Jetzt bot er ihr genau das an, was sie wollte: seine verdammte Unterschrift unter den Scheidungspapieren.

Und alles, was er im Gegenzug erwartete, war ein gemeinsamer zweiwöchiger Urlaub auf Kreta. Als das sollte sie es einfach ansehen, als Urlaub und nicht als Flitterwochen.

Trotzdem zögerte sie. „Ich brauche Bedenkzeit“, sagte sie schließlich. „Ich kann das so nicht entscheiden.“

„Vierundzwanzig Stunden“, erwiderte er und schob ihr eine Visitenkarte hin. „Spätestens morgen um diese Zeit erwarte ich deinen Anruf.“

„Und er verlangt wirklich von dir, dass du zwei Wochen mit ihm in seiner Villa verbringst, bevor er die Scheidungspapiere unterzeichnet?“, fragte Susan Stern ungläubig. „Das ist Erpressung!“

Lucy zuckte unter den Worten ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin zusammen. Es war später Abend. Seit Stunden saß sie schon in ihrem Hotelzimmer auf dem Bett und zerbrach sich den Kopf darüber, was sie tun sollte. Das Zimmer hatte ihr Chef ihr für eine Nacht bezahlt, damit sie morgen früh frisch und ausgeruht nach England zurückfliegen konnte.

Jetzt wünschte sie, sie wäre genau dort. In England. Zu Hause. Ach was, sie wünschte, überhaupt nie nach Griechenland gekommen zu sein! Das Wiedersehen mit Alexandros hatte sie furchtbar aufgewühlt.

Sie wusste nicht, was sie von dieser Sache halten sollte. Warum handelte ihr Noch-Ehemann so, wie er handelte? Was versprach er sich von dieser Aktion? Und – die wichtigste Frage – sollte sie sich darauf einlassen oder nicht?

Genau diese Frage stellte sie sich die ganze Zeit. Sobald sie Alexandros’ Büro verlassen hatte, war sie in ihrem Mietwagen, in dem sich ihr weniges Gepäck befunden hatte, zum Hotel gefahren und hatte eingecheckt, um anschließend in ihrem Zimmer nichts weiter zu tun als zu grübeln und zu grübeln.

Irgendwann hatte sie es dann nicht mehr ausgehalten. Sie brauchte jemanden zum Reden, dringend! Jemanden, der ihr einen Rat gab oder ihr einfach sagte, was sie machen sollte.

Also hatte sie ihre Freundin angerufen und ihr alles erzählt. Deren Reaktion gefiel ihr jedoch nicht, denn sie hatte gehofft, Susan würde sagen: Aber Süße, das ist doch super! Was sind schon zwei Wochen? Danach bist du immerhin endlich frei!

„Erpressung … ist das nicht ein bisschen hart ausgedrückt?“, fragte Lucy unsicher. „Ich meine, schließlich …“

„Hart ausgedrückt? Hast du sie noch alle? Süße, der Kerl will dich zu etwas zwingen, das du nicht willst, und droht dir, der Scheidung anderenfalls weiterhin nicht zuzustimmen? Na, wie nennt man das denn sonst? Ich meine …“ Sie stockte. „Du willst das doch nicht, oder?“

„Was?“

„Die Flitterwochen nachholen.“

„Natürlich nicht!“, empörte sich Lucy. „Was ich aber will, ist die Scheidung. Und wenn ich sie so bekommen kann …“

„Du kannst solche Methoden doch nicht noch unterstützen!“

„Was bleibt mir denn anderes übrig? Du hast ja keine Ahnung, wie es mir seit meiner Rückkehr aus Griechenland geht! Was ich alles versucht habe, um an ihn ranzukommen, damit ich ihn überzeugen kann, der Scheidung zuzustimmen. Weißt du, wie es sich anfühlt, wenn die Anwälte des eigenen Ehemanns einen immer und immer wieder vertrösten? Wenn man weiß, dass alle weiteren Versuche unnötig sind? Diese Ungewissheit, ob man je wieder von vorn anfangen kann – glaub mir, das ist …“

„Stell dir vor, ich weiß, wie das ist“, fiel Susan ihr ins Wort. „Zumindest kann ich ahnen, wie es sich anfühlen muss. Ich erinnere dich ja nur ungern daran, Süße – aber ich bin diejenige, die das alles hautnah mitbekommen hat. Als deine Schulter zum Ausweinen konnte mir wohl kaum entgehen, wie mies du dich in den Jahren, seit wir uns kennen, fühlst.“

„Natürlich, ich weiß.“ Lucy unterdrückte ein Seufzen. Sie hatte Susan vor etwas über vier Jahren kennengelernt, als sie einen Job in einem Pub in Bloomsbury angetreten hatte. Noch völlig schockiert und am Boden zerstört von den Ereignissen, die hinter ihr lagen, hatte sie in ihrer Kollegin eine gute Zuhörerin gefunden und jemanden, bei dem sie sich mal richtig ausweinen konnte. Sie beide hatten sich schnell angefreundet. Da Susan auch gerade in Scheidung lebte und nicht viel Geld hatte, hatten sie beschlossen, zusammenzuziehen und sich die Miete zu teilen.

Inzwischen waren sie zwar keine Kolleginnen mehr, aber immer noch Freundinnen.

„Hör mal“, sagte Susan, „ich will dir da ja auch nicht reinreden. Wenn du meinst, dass es der richtige Weg ist … Ich sage ja nur, was ich davon halte. Außerdem … wer weiß, was dieser Kerl in seiner Villa mit dir anstellt – in seinem Bett!“

„Susan!“ Empört schnappte Lucy nach Luft. Leider merkte sie im selben Moment, wie allein die Vorstellung, was Alexandros in seinem Bett mit ihr anstellen könnte, die heißesten Erinnerungen bei ihr heraufbeschwor.

Erinnerungen, die sie seit sechs Jahren erfolgreich verdrängt hatte.

Sie sah Alexandros, wie er sie ins Schlafzimmer trug und aufs Bett legte. Sah seinen nackten Körper, fühlte, wie der Mann, den sie damals so begehrt, so geliebt hatte, sie über und über mit Küssen bedeckte. Wie er in sie eindrang und …

Genug davon! Lucy atmete tief durch. Das war wirklich der völlig falsche Moment, um an solche Sachen zu denken.

Dummerweise ließen sich diese Erinnerungen jetzt, da sie wieder hochgekommen waren, nicht mehr so leicht vertreiben.

„Ich … muss Schluss machen, Susan“, sagte sie schnell. „Ich rufe dich morgen noch mal an, okay?“

„Okay, Süße, und denk daran, wenn du …“

Den Rest bekam Lucy nicht mehr mit, denn sie hatte schon die Verbindung unterbrochen.

Hastig sprang sie auf und ging hinüber zur Balkontür. Luft! Was sie jetzt brauchte, war eindeutig Luft, um durchzuatmen und den Kopf freizubekommen.

Als sie auf den Balkon trat, empfing sie jedoch die gleiche schwüle Hitze, die ihr schon den ganzen Tag den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte. Kein Lüftchen wehte, und wenn es zum Abend hin überhaupt etwas abgekühlt hatte, dann kaum spürbar.

Lucy stützte sich mit beiden Händen auf der Balustrade ab und ließ den Blick von links nach rechts schweifen. Sie sah hinaus auf die Bucht, deren Wasser im silbrigen Mondlicht schimmerte. Palmen wuchsen rings um den Strand, in einiger Entfernung stand eine Strandbar, von der farbige Lichter ausgingen. Sie hörte Musik und Gelächter, die zu ihr herüberdrangen.

Ein Ausblick, wie er schöner kaum sein könnte. Unter normalen Umständen hätte Lucy ihn sicher in vollen Zügen genossen. Doch dies hier waren keine normalen Umstände, und in ihrem Kopf schien im Moment auch nichts seinen normalen Gang zu gehen.

Was sich schon daran zeigte, dass sie selbst jetzt wieder an Alexandros denken musste – und an das, was er mit ihr angestellt hatte.

Sie erinnerte sich an einen Abend im Haus ihrer Mutter auf Mykonos. Sie hatte auf dem Balkon gestanden und zu den Sternen hinaufgeschaut, die wie Diamanten am Firmament glitzerten und funkelten. Alexandros war hinter sie getreten und hatte ihren Nacken mit Küssen bedeckt.

Fast glaubte sie, seinen warmen Atem im Nacken zu spüren, es fühlte sich so real an, dass sie sich tatsächlich umdrehte.

Doch da war niemand.

Kein Alexandros.

Sie war allein.

Verärgert über sich selbst und darüber, wie sehr das Wiedersehen mit ihrem Noch-Ehemann sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, schüttelte sie den Kopf. Was sie jetzt brauchte, war eine kalte Dusche. Vielleicht brachte die ihren Verstand ja wieder auf Trab.

Doch dann hielt sie inne. Nein, was sie wirklich brauchte, war etwas ganz anderes. Sie brauchte Klarheit. Zwei Wochen mit Alexandros würden ihr beweisen, dass diese Verwirrung, die sie im Moment verspürte, nur vorübergehender Natur war und dass sie Alexandros in Wahrheit genauso wenig wollte wie er sie. Genau diese Klarheit brauchte sie – um einen Schlussstrich unter dieses leidige Kapitel ziehen zu können.

Entschieden reckte sie das Kinn und trat zurück ins Zimmer. Sie holte Alexandros’ Visitenkarte aus der Tasche, setzte sich aufs Bett und griff zu ihrem Handy, das auf dem Kopfkissen lag. Dann tippte sie die Nummer ein.

Es klingelte genau dreizehn Mal, ehe Alexandros sich meldete.

„Parakaló?“

„Also gut, dann machen wir es so.“ Sie kam ohne Umschweife zur Sache. „Zwei Wochen – und keinen Tag länger.“

3. KAPITEL

Wie ein grünes Juwel lag Kreta im azurblauen Mittelmeer. Als Alexandros’ Jet langsam in den Sinkflug überging, drückte Lucy sich am Kabinenfenster die Nase platt, um auch ja nichts zu verpassen.

Die Nordküste war von Sandstränden gesäumt, während sich im Landesinneren die Lefka Ori – die weißen Berge – in den Himmel türmten. Sie kamen näher und gingen dabei tiefer, bis Lucy Dörfer und Städte erkannte, die von oben betrachtet wie die Spielzeuge eines Riesen aussahen.

Lucy fasste immer noch nicht recht, dass sie jetzt tatsächlich hier war. Doch Alexandros hatte bei ihrem Telefonat gestern darauf bestanden, dass es gleich losgehen sollte. Natürlich hatte sie protestiert. Sie hatte immerhin ein eigenes Leben und konnte nicht einfach so mir nichts, dir nichts zwei Wochen von der Bildfläche verschwinden.

Allerdings hatte Alexandros genau dafür gesorgt. Und es hatte ihn nur ein paar Anrufe gekostet.

So nachgiebig hatte Lucy ihren Chef noch nie erlebt. Das letzte Mal, als sie Urlaub eingereicht hatte, hatte sie zu hören bekommen, dass sie im Moment unabkömmlich sei. Einmal mehr zeigte sich überdeutlich, wie viel Einfluss es einem verschaffte, wenn man nur genug Geld besaß, so wie Alexandros.

Obwohl sie eigentlich also eher gemischte Gefühle auf ihrer Reise nach Kreta haben sollte, konnte sie doch nicht anders, als den Flug und die unglaubliche Aussicht in vollen Zügen zu genießen.

Alexandros’ Nähe sorgte zudem dafür, dass nahezu ununterbrochen ein Kribbeln durch ihren Körper lief. Sie konnte es sich nicht erklären, und vor allem wollte sie es auch eigentlich nicht wahrhaben, aber es war nicht zu leugnen. Die Wirkung, die dieser Mann, den sie so viele Jahre nicht gesehen hatte, noch immer auf sie ausübte, ließ sich mit Worten kaum beschreiben.

Die Landung verlief reibungslos, Lucy spürte nicht mehr als einen leichten Ruck. Sie wollte ihre kleine Reisetasche aus dem Gepäckfach nehmen, doch Alexandros war schneller. Er beugte sich über sie, streckte sich und öffnete das Fach.

Lucy schluckte hart. Jetzt war er ihr so nah, dass sie seine Körperwärme wahrnahm, und sein männlich-herber Duft stieg ihr in die Nase. Ihre Knie wurden weich, und sie musste sich an der Rücklehne ihres Sitzes festhalten.

„Ich bin durchaus selbst in der Lage, mich um mein Gepäck zu kümmern“, murmelte sie und wollte ihm die Tasche abnehmen.

Er hielt sie jedoch fest und erklärte süffisant grinsend: „Es sind unsere Flitterwochen, Matia Mou, lass mich dich ein bisschen verwöhnen.“

Flitterwochen … Dieses Wort war wie eine kalte Dusche für Lucy. Ja, kurzzeitig hatte sie sich blenden lassen von der Aufregung vor dem Flug, vom Flug selbst, der wunderschönen Aussicht bei der Landung … Alles hatte sich wie Urlaub angefühlt, doch nun holte die Realität sie schlagartig wieder ein.

Ich bin nur aus einem einzigen Grund hier: Weil Alexandros mich erpresst – mein eigener Ehemann!

Es stimmte durchaus, was Susan gesagt hatte. Das alles hier war nichts weiter als Erpressung. Alexandros stellte Forderungen an seine Noch-Ehefrau, und wenn sie nicht auf diese Forderungen einging, würde er die Scheidungspapiere weiterhin nicht unterzeichnen.

Nun, sie hatte sich darauf eingelassen – doch der Teufel sollte sie holen, wenn sie von den kommenden zwei Wochen auch nur eine einzige Sekunde genoss!

„Ich will von dir aber überhaupt nicht verwöhnt werden“, schoss sie zurück. Sie folgte ihm zur Bordtür, die soeben von der hübschen blonden Stewardess geöffnet wurde. Seltsamerweise verspürte Lucy einen Stich bei dem Gedanken, dass diese attraktive Frau wahrscheinlich jedes Mal in Alexandros’ Nähe war, wenn der zu geschäftlichen Terminen um die Welt flog. Seltsam war es deshalb, weil sie das doch eigentlich gar nicht interessieren sollte!

Sie atmete scharf ein, als ihr trockene heiße Luft entgegenprallte. Draußen war es so hell, dass sie die Augen mit der flachen Hand beschatten musste und trotzdem geblendet wurde. Einen Moment lang war sie noch so in Gedanken, dass sie sich nicht sträubte, als Alexandros ihren Arm ergriff.

„Komm, ich helfe dir, Matia Mou.“

„Ich brauche deine Hilfe aber nicht“, fauchte sie. „Und hör auf, mich so zu nennen!“

„Wäre es dir lieber, wenn ich dich Liebling nenne?“

„Ach, du …!“ Sie entwand sich ihm und eilte die Gangway hinunter. Erst jetzt fiel ihr das Cabrio auf, das neben der Maschine auf der Rollbahn stand.

Alexandros ging an ihr vorbei und steuerte geradewegs auf den Wagen zu. Er öffnete die Beifahrertür, dann schaute er zurück zu ihr. „Was ist, kommst du?“

Fünfzehn Minuten später fuhren sie die gewundene Küstenstraße entlang. Alexandros hatte ihr ein Tuch gegeben, mit dem sie ihren Kopf vor den sengenden Sonnenstrahlen schützen konnte. Das Haar, das im Nacken darunter hervorblitzte, flatterte im Fahrtwind.

Zu ihrer Rechten erstreckte sich tiefblau und endlos das Meer. Das Sonnenlicht funkelte auf den Kronen der Wellen und ließ sie wie Diamanten glitzern.

Links der Straße türmte sich eine steile, mit dichter grüner Macchie bewachsene Geröllwand auf, jener Felsenheide, die so typisch war für die Mittelmeerregion. Die Gegend war dünn besiedelt, sie kamen nur selten an einer kleinen Ansammlung weiß getünchter Häuser vorbei.

Lucy musterte Alexandros aus dem Augenwinkel. Die kretische Sonne verlieh seiner Haut einen besonderen, bronzefarbenen Schimmer. Es ließ ihn noch attraktiver, noch selbstbewusster wirken. Beides hatte er ihrer Ansicht nach nicht nötig. Er hatte auch so schon ein unglaubliches Ego – mehr davon brauchte er nun wirklich nicht.

Schweigend hielt er den Blick auf die Straße gerichtet und bog irgendwann, als das Terrain wieder ebener wurde, auf einen Privatweg ein, an dessen Ende eine riesige, weißgetünchte Villa aufragte. Das Gebäude wirkte verschachtelt, hatte zwei Stockwerke und ein flaches Dach. Die untere Etage war mit Natursteinen verblendet. Die Räume der oberen Etage verfügten, soweit Lucy das erkennen konnte, alle über großzügige Balkone oder sogar Terrassen.

Je näher sie kamen, umso deutlicher wurde, wie groß das gesamte Grundstück tatsächlich war. Aber warum wunderte sie das eigentlich? Sie wusste ja, dass Alexandros mehr Geld besaß, als er in einem Leben ausgeben konnte.

„Nett“, sagte sie und war froh darüber, wie unbeeindruckt sie klang. Dabei war das Gegenteil der Fall. Sie war beeindruckt. Sehr sogar. Doch sie würde den Teufel tun, sich das ihm gegenüber anmerken zu lassen. Dazu war sie zu stolz.

Wenn sie gehofft hatte, ihn damit zu ärgern, wurde sie enttäuscht. Er hob lediglich eine Braue, seine Miene wirkte eher amüsiert als irritiert.

„Dies hier ist mein kleineres Ferienhaus“, erklärte er. „Das Große steht in der Nähe von Iraklio.“

Angeber, dachte sie, sagte aber nichts. Sie durfte sich von ihm nicht provozieren lassen. Das war es doch nur, worauf er es anlegte.

Als sie auf seine Forderung einging, hatte sie gewusst, dass er ihr die vierzehn Tage ihrer so genannten Flitterwochen so schwer machen würde wie irgend möglich. Ihr war jedoch nicht klar gewesen, wie viel Macht er nach wie vor über sie besaß. Mit jedem Blick, jeder Berührung, jedem Wort war er in der Lage, ihr eine Reaktion zu entlocken. Und ob es ihr nun gefiel oder nicht, in seiner Nähe flatterte ihr Herz noch immer.

Wieso konnte sie ihn nicht einfach hassen? Er hatte immerhin dafür gesorgt, dass sie alles verlor, was ihr im Leben wichtig war. Und warum?

Wenn sie ehrlich war, wusste sie es selbst heute noch nicht. Sein Verhalten hatte sich damals schlagartig von einem Moment auf den anderen verändert. Und es ließ sich kein anderer Schluss daraus ziehen, als dass er sie von Anfang an nur für dumm verkauft hatte. Wären seine Gefühle für sie echt gewesen, hätte er ihr gegenüber niemals so kalt sein können.

Aber das war nicht mehr wirklich von Bedeutung. Jetzt galt es, die kommenden zwei Wochen zu überstehen. Danach würde er endlich in die Scheidung einwilligen, und sie konnte mit diesem leidigen Thema ihres Lebens abschließen.

Endgültig.

Alexandros ließ den Wagen vor dem Haus ausrollen, stellte den Motor ab, stieg aus und kam zu ihr herum, um ihr die Beifahrertür zu öffnen. Dann streckte er ihr die Hand entgegen.

„Komm, Matia Mou.

Lucy verdrehte angesichts der erneuten Verwendung des Kosenamens die Augen. Zwei Wochen, sagte sie sich. In zwei Wochen ist dieser ganze Albtraum vorbei.

Widerwillig ließ sie sich von ihm aus dem Cabrio helfen. Schwungvoll lief er die Treppe hinauf, öffnete die Tür und hielt sie ihr auf, sodass sie hindurchgehen konnte. In der Eingangshalle – denn es war eine riesige Halle, mit hoher Decke und einem runden Oberlicht, durch das heller Sonnenschein hereinfiel – wurden sie bereits von einer Frau in den späten Sechzigern erwartet. Ihr Gesicht war von Sonne und Wetter gegerbt, doch das ließ sie auf eine herbe Art attraktiv wirken.

„Ich darf dir Sophia vorstellen“, sagte Alexandros. „Sie ist die gute Seele des Hauses und kümmert sich darum, dass hier alles läuft.“ Er trat auf die Frau zu und küsste sie auf die Wangen. „Wie geht es dir, Sophia? Ich kann es nicht glauben, aber du wirst von Jahr zu Jahr schöner.“

Die Haushälterin lachte. „Und Sie sind ein alter Charmeur, Mr. Dimitris. Ich kann wirklich nicht verstehen, warum Sie noch keine Frau festgehalten hat.“

Ich schon, dachte Lucy. Was für eine Ironie des Schicksals, dass sie die Frau war, die ihn festgehalten hatte. Oder vielmehr umgekehrt. Und auch nur in der Theorie. Dem Gesetz nach waren sie Eheleute, obwohl sie nicht einen einzigen Tag als solche zusammengelebt hatten. Doch das machte keinen Unterschied. Zumindest nicht, wenn man wie Alexandros eine ganze Armee von Anwälten für sich arbeiten ließ, die sicherstellten, dass alles stets so ablief, wie er es sich wünschte.

Warum er sich aber gewünscht hatte, mit ihr verheiratet zu bleiben, obwohl er sie doch ganz offensichtlich verachtete, war ihr ein Rätsel. Und was sie getan hatte, um eine solche Behandlung zu verdienen, ebenfalls. Kein Wunder, schließlich hatte sie ihn, nachdem er sie nur Stunden nach ihrer Trauung von seinem Grund und Boden gejagt hatte, nie wiedergesehen und auch nicht mehr mit ihm gesprochen. Sondern ausschließlich mit seinen zahlreichen Anwälten, Assistenten und Sekretärinnen, die ihren Boss mit einer Loyalität schützten, die dieser nicht verdiente.

Wobei … nun, da sie beobachtete, wie er mit seiner Haushälterin lachte und scherzte, war sie gezwungen, ihre Ansichten ein wenig zu revidieren.

Offenbar reserviert er seine arrogante und herablassende Art ausschließlich für mich.

Lucy war sich ziemlich sicher, dass das kein Grund war, sich geschmeichelt zu fühlen.

„Sophia“, sage er, nachdem er eine Weile mit der älteren Frau herumgeschäkert hatte. „Ich möchte dir Lucy vorstellen – meine Frau.“

Man konnte förmlich sehen, wie es hinter Sophias Stirn arbeitete. Sie fing sich jedoch rasch. „Ich … hatte ja keine Ahnung, dass Sie wieder …“

„Wir holen unsere Flitterwochen nach“, erklärte Alexandros. „Zwei Wochen lang soll es meiner Frau an nichts fehlen.“

„Flitterwochen!“ Das Lächeln der Hausangestellten wurde zu einem Strahlen. „Ich freue mich sehr, Sie bei uns auf Kreta begrüßen zu dürfen, Kyría Lucy.“

„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Sophia.“ Das war keineswegs gelogen. Die ältere Frau machte vom ersten Augenblick an einen sympathischen Eindruck, sodass Lucy die Umstände ihres Aufenthaltes auf Kreta für einen Moment vergaß.

Allerdings wirklich nur für einen Moment, denn gleich darauf dachte sie daran, was für ein riesiger Schwindel das alles hier war. Was erwartete Alexandros denn? Glaubte er tatsächlich, sie konnten hier zwei Wochen das – wieder – frisch verliebte Ehepaar spielen? Lucy wusste nicht, was sie davon halten sollte. Doch letztlich war es nicht ihr Problem. Nach Ablauf der zwei Wochen würde sie in ihr normales Leben zurückkehren. Ein Leben ohne Alexandros.

Als geschiedene Frau.

Trotzdem keimte Ärger in ihr auf. Alexandros’ Verhalten Sophia gegenüber war unmöglich! Seine Haushälterin schien ihn wirklich zu mögen und freute sich ganz offensichtlich über sein angebliches Glück. Und er spielte ihr lediglich etwas vor. Was würde die arme Frau bloß sagen, wenn sie erfuhr, dass die Flitterwochen nur stattfanden, damit er anschließend die Scheidungspapiere unterschrieb?

Doch eigentlich sollte sein Verhalten sie nicht wundern. Für diesen Mann zählte nichts und niemand, abgesehen von ihm selbst. Wenn er sich einen Vorteil von etwas versprach, nahm er keine Rücksicht auf irgendjemanden sonst. Das hatte sie in der Vergangenheit gelernt.

Auf die harte Tour.

„Soll ich Ihre Frau im Haus herumführen, Kýrie Alexandros?“, fragte Sophia.

Er schüttelte den Kopf. „Vielen Dank, das übernehme ich selbst.“ Er reichte Lucy seinen Arm und schenkte ihr ein Lächeln. „Kommst du, Matia Mou?“

Was blieb ihr schon anderes übrig? Sie hakte sich bei ihm unter und fügte sich seinem Willen, so wie sie es in den kommenden zwei Wochen wohl ständig tun würde.

Die Villa war nicht nur von außen eindrucksvoll. Mit jedem Raum, den sie betraten, wurden Lucys Augen größer. Dabei wollte sie sich nicht so leicht von irgendetwas beeindrucken lassen, das Alexandros gehörte! Und so bemühte sie sich, ruhig und gelassen zu wirken. Das amüsierte Schmunzeln, das seine Lippen umspielte, ließ sie jedoch ernsthaft an der Effektivität ihrer Bemühungen zweifeln.

Das Wohnzimmer war ein von Licht durchfluteter Raum, der mindestens doppelt so groß war wie Lucys Wohnung zu Hause in London. Alles war in verschiedene Ebenen aufgeteilt. Die riesige Sitzlandschaft aus cremefarbenem Leder war ein wenig abgesenkt, während der Esstisch auf einer podestartigen Erhöhung stand. Die Möbel waren allesamt modern und minimalistisch. Es gab viel Glas und helles Holz. Der Boden bestand aus eleganten, schimmernden Marmorfliesen, in denen man sich spiegeln konnte.

Von der Hitze, die draußen herrschte, war hier kaum etwas zu spüren. Es war angenehm kühl, obwohl sie nirgends eine Klimaanlage entdeckte. Eine Freitreppe, ebenfalls aus weißem Marmor, führte nach oben ins erste Stockwerk. Alexandros stieg sie hinauf, und Lucy folgte ihm nach kurzem Zögern.

Er ging auf eine Tür zu und öffnete sie. „Eins der Badezimmer“, erklärte er und schaltete das Licht an. Hier herrschte ebenfalls heller Marmor vor, und es gab sowohl eine große, ebenerdige Dusche als auch eine Badewanne, die in den Boden eingelassen war. Wobei, Badewanne? Im Vergleich zu dem engen Ding, das in ihrem eigenem Badezimmer stand, glich dieses Modell hier eher einem Pool.

Eins der Badezimmer?“, fragte Lucy nach.

Er nickte. „Es gibt im ganzen Haus verteilt insgesamt fünf.“

„Fünf?“, wiederholte sie. „Wer benötigt denn so viele Badezimmer?“

„Nun, ich denke, das hat weniger damit zu tun, was man benötigt, als was bequem ist. Und irgendwie wollen tausendfünfhundert Quadratmeter Wohnfläche ja auch gefüllt werden.“

Es lag ihr auf der Zunge, seine Worte erneut ungläubig zu wiederholen, doch sie schluckte sie herunter. Aber trotzdem. Tausendfünfhundert Quadratmeter Wohnfläche? Allein bei dem Gedanken wurde ihr schon schwindelig. Sie mochte lieber nicht darüber nachdenken, was so eine Dekadenz kostete. Vermutlich mehr, als sie in ihrem ganzen Leben als Anwältin verdienen konnte. Selbst wenn sie doch noch mal irgendwann eine wirklich gute Anstellung in einer großen Kanzlei bekäme.

Er schloss die Tür wieder und öffnete die nächste. „Und hier ist unser Schlafzimmer.“

Sie trat an ihm vorbei und schaute sich staunend um. Besonders beeindruckte sie das riesige Fenster, das fast eine gesamte Wand einnahm und auf den Ozean hinausblickte, der im Sonnenlicht glänzte und funkelte.

„Der Sonnenaufgang morgens ist jeden Penny wert, den das Anwesen mich gekostet hat“, sagte Alexandros.

Lucy trat ans Fenster und schaute hinaus. Der Ausblick war atemberaubend. Sie konnte sich gut vorstellen, dass die Sonnenaufgänge von hier aus spektakulär aussehen mussten. Von den Sonnenuntergängen ganz zu schweigen. Und …

Sie stockte. Moment mal! Was hatte Alexandros gerade gesagt? „Unser Schlafzimmer?“

Er lachte. „Was hast du denn erwartet, Matia Mou? Dies sind schließlich unsere Flitterwochen. Und in den Flitterwochen verbringt man die Nächte wohl kaum in getrennten Betten – und die Tage ebenfalls nicht“, fügte er mit einem vielsagenden Grinsen hinzu.

Lucy spürte, wie sie errötete. Verdammt! Sie wollte nicht verlegen sein, nicht vor Alexandros! Er sollte auf keinen Fall merken, wie sie noch immer auf ihn und seinen Körper reagierte.

Langsam schüttelte sie den Kopf. „Ich werde ganz sicher nicht mit dir in einem Bett schlafen.“

„Streng genommen kann ich das für die Flitterwochen nicht akzeptieren. Und deshalb auch die Scheidungspapiere nicht unterschreiben. Aber du weißt ja, welch großes Herz ich habe.“ Er zuckte die Achseln. „Du kannst von mir aus die Couch nehmen, die Badewanne oder den Boden.“

Sie runzelte die Stirn. „Ich soll auf der Couch schlafen? In dieser riesigen Villa? Komm schon, bei fünf Badezimmern gibt es mit Sicherheit mindestens ebenso viele Schlafzimmer.“

„Natürlich gibt es die. Aber nicht für dich. Ich bestehe darauf, dass wir in einem Zimmer schlafen, und da dieses Zimmer lediglich über ein Bett verfügt, bleibt dir nur die Couch.“

„Schlaf du doch auf der Couch!“

„Kommt nicht infrage. Und jetzt entschuldige mich, ich habe zu tun.“

„Du hast zu tun? Ich denke, das sollen unsere Flitterwochen sein!“

Wieder ein Achselzucken. „Ein erfolgreicher Mann wie ich kann auch in den Flitterwochen nicht auf der faulen Haut liegen. Also, mach ruhig alles, wonach dir der Sinn steht. Geh schwimmen, sonn dich. Solange du das Grundstück nicht verlässt, ist alles erlaubt.“

„Wieso denkst du, dass du mir irgendetwas zu erlauben oder zu verbieten hast? Ich bin nicht dein Eigentum, Alexandros. Wenn ich gehen will, gehe ich, und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst.“

„Tu dir keinen Zwang an“, entgegnete er leichthin. „Aber wenn du gehst, ist unsere Vereinbarung hinfällig, und ich werde unsere Scheidung weitere sechs Jahre hinauszögern.“

Er schaute ihr geradewegs in die Augen, und Lucy verspürte dasselbe Kribbeln, das er auch schon in der Vergangenheit bei ihr ausgelöst hatte. Hastig schob sie das Gefühl beiseite. Es gehörte nicht hierher. Grundsätzlich nicht, wenn sie mit Alexandros zusammen war – und ganz besonders nicht in seinem Schlafzimmer.

Das Wasser glitzerte in einem hellen Türkisblau. Es handelte sich um einen dieser hypermodernen Pools, die auf einer Seite keinen Rand zu haben schienen. Es sah aus, als könnte man über die Wasserkante hinaus direkt in den Abgrund schwimmen. Das war natürlich nur eine Illusion – aber eine mit großem Effekt.

Lucy saß auf der Hausseite am Beckenrand und ließ die Beine ins Wasser baumeln. Es war angenehm kühl und erfrischend, doch leider half es ihr nicht dabei, einen klaren Kopf zu bekommen. Seit sie mit Alexandros auf Kreta angekommen war, schien Verwirrung, sehr zu ihrem Leidwesen, ein Dauerzustand zu sein. Wie sie die kommenden vierzehn Tage unter diesen Umständen überstehen sollte, war ihr ein Rätsel. Aber irgendwie musste sie es schaffen.

Irgendwie.

Nur wie, das war die Frage, die ihr Sorgen machte.

Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass sie sich nach wie vor zu ihm hingezogen fühlte wie am ersten Tag. Und das trotz allem, was zwischen ihnen vorgefallen war. Jedes Mal, wenn sie ihn ansah, konnte sie nur daran denken, ihn zu küssen. Jedes Mal, wenn er sie berührte, schmolz sie förmlich dahin. Schon bei diesem Gedanken wurde ihr heiß, und das war gefährlich.

Sie hatte sich bereits einmal die Finger verbrannt. Wollte sie wirklich denselben Fehler wieder begehen?

Die Antwort war ganz einfach: Nein. Auf gar keinen Fall. Eigentlich war es schon ein Fehler gewesen, vor sechs Jahren überhaupt mit diesem Mann vor den Traualtar zu treten. Sie hatte sich doch immer geschworen, dass sie mal nicht so werden würde wie all die Frauen, die von ihren Männern verlassen wurden.

Sie hatte sich geschworen, nicht so zu werden wie ihre eigene Mutter.

Und deshalb sollte sie tunlichst die Finger von Alexandros lassen und ihn aus ihren Gedanken verbannen!

Das zumindest war es, was ihr Verstand ihr sagte. Ihr Körper jedoch verlangte etwas vollkommen anderes. Und Alexandros’ Anwesenheit sorgte dafür, dass ihr Verstand regelmäßig aussetzte.

Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Wasser, das ihre Waden umspielte. Es fühlte sich wunderbar an – und noch besser, als sie sich vom Beckenrand abstieß und sich in das kühle Nass hineingleiten ließ.

Lucy schwamm für ihr Leben gern, und es war schön, einen ganzen Pool für sich allein zu haben. Normalerweise musste sie sich das öffentliche Schwimmbad mit Dutzenden Rentnern und Schulkindern teilen. Das machte ihr zwar nichts aus, aber dies hier war besser.

Und wenn es wenigstens eine positive Sache gab, die sie dieser verfahrenen Situation abgewinnen konnte, dann wollte sie versuchen, möglichst viel daraus zu machen.

Langsam zog sie ihre Bahnen.

4. KAPITEL

Alexandros stand am Fenster seines Arbeitszimmers, das im Gegensatz zu denen des Schlafzimmers ins Landesinnere zeigte. Der Ausblick, der sich ihm eröffnete, hätte schöner kaum sein können. Ein Bergpanorama im Hintergrund, über das sich ein strahlendblauer Himmel spannte. Direkt hinter dem Haus der Garten, in dem Palmen und exotische Blumen wuchsen und gediehen.

Doch was seinen Blick wirklich fesselte, war der Pool, der türkisblau im Sonnenschein funkelte. Wobei es nicht einmal so sehr der Pool selbst war als vielmehr die Frau, die darin ruhig und bedächtig ihre Bahnen zog.

Seine Frau.

Lucy …

Von seiner Position aus konnte Alexandros jede ihrer Bewegungen beobachten. Das Spiel ihrer Muskeln unter der zarten Haut, wenn ihre Arme durch das Wasser pflügten. Ihr Haar, das sich wie ein Fächer ausbreitete, wenn sie die Richtung wechselte. Sie sah aus wie eine Meerjungfrau, nur dass ihr die Schwanzflosse fehlte.

Doch natürlich war es absolut absurd, so etwas auch nur zu denken. Meerjungfrauen verband man im Allgemeinen mit Unschuld und Sanftheit. Von beidem konnte bei Lucy wohl kaum zu sprechen sein.

Er schloss die Augen, als er an jenes Ereignis vor sechs Jahren zurückdachte, das ihm gezeigt hatte, wie naiv er gewesen war. Vielleicht war der Vergleich mit einer Sirene eher angemessen. Wenn er zurückdachte, erschien es ihm sogar sehr passend. Sie hatte ihn damals nach allen Regeln der Kunst verführt, sich in sein Vertrauen geschlichen und ihn beinahe alle Vernunft vergessen lassen.

Nein, nicht nur beinahe. Immerhin hatte er sie vor den Traualtar geführt und ihr sein Jawort gegeben.

Bis dass der Tod uns scheidet … In ihrem Fall hatte dieser Schwur keine drei Stunden gehalten. So lange hatte es gedauert, bis ihm klar geworden war, was für einen unglaublichen Fehler er begangen hatte. Doch da war es bereits zu spät gewesen.

Natürlich hätte er hingehen und die Ehe annullieren lassen können. Unter den gegebenen Umständen war er sicher, dass ihm kein Familiengericht der Welt Steine in den Weg gelegt hätte. Und zwar ohne dass er gezwungen gewesen wäre, seinen Einfluss geltend zu machen.

Eigentlich war es sogar schwieriger gewesen, für den Fortbestand einer Ehe zu sorgen, die eindeutig nur auf dem Papier bestand. Doch wozu verfügte er über eine ganze Armee von Anwälten, wenn die ihm nicht helfen konnten, alles zu bekommen, was er wollte?

Ein heftiges Gefühl von Verlangen pulsierte durch seinen Körper, als Lucy nach kurzem Tauchen die Wasseroberfläche durchbrach und sich das nasse Haar aus dem Gesicht strich.

Verdammt, sie war genauso sexy wie damals. Eine wahre Schönheit, die zudem nicht mal zu wissen schien, wie anziehend sie war. Wobei es sich in ihrem Fall – wie fast bei allem, was sie betraf – um Fassade handelte. Nach außen wirkte sie sanft und liebenswert. Doch darunter verbarg sich eine durchtriebene, habgierige Person, die nur auf den eigenen Vorteil aus war.

Es war jedoch extrem schwer, diese Maske zu durchschauen, weil sie beinahe perfekt war. Und vermutlich wäre es ihm ohne Hilfe auch nicht gelungen. Oder zumindest nicht rechtzeitig.

Ein heftiger Puls der Erregung durchzuckte ihn, als er beobachtete, wie sie beide Arme hob, um den Neckholderträger ihres Bikinioberteils zu richten, was zur Folge hatte, dass ihre Brüste sich verlockend hoben.

Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie sie sich in seinen Händen angefühlt hatten. Die weiche Haut, die sinnliche Schwere …

Schluss damit!

Er musste sich zusammenreißen, wenn er die kommenden zwei Wochen überstehen wollte, ohne den Verstand zu verlieren. Vielleicht war das mit den Flitterwochen keine so gute Idee gewesen. Er hätte möglicherweise schon vor vielen Jahren in die Scheidung einwilligen sollen. Doch das hatte er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren können.

Lucy wieder auf die Männerwelt loszulassen … das war, als würde man einen Wolf mitten in einer Schafherde aussetzen. Er zweifelte nicht daran, dass sie schon ein paar Monate später den nächsten vermögenden Dummen gefunden hätte, der ihr auf den Leim gegangen wäre. Und das hatte er nicht zulassen können. Ganz davon abgesehen, dass ihm bei dem Gedanken, dass ein anderer Mann mit ihr …

Nein!

Energisch schüttelte er den Kopf. So ging das nicht weiter. Wenn er sich weiter von seinem Verlangen nach ihr leiten ließ anstatt von seinem Verstand, würde er am Ende womöglich einen riesengroßen Fehler begehen.

Wobei – vielleicht wäre das gar nicht so verkehrt, wie es im ersten Moment schien. Wenn er noch einmal mit ihr schlief, könnte es vielleicht dabei helfen, diese Bilder endlich aus dem Kopf zu bekommen, die ihn verfolgten und …

Seine Gedanken standen still, als Lucy sich mit beiden Händen auf dem Poolrand abstütze und sich langsam aus dem Wasser stemmte.

Tropfen rannen an ihrem Körper herunter, sammelten sich im Tal zwischen ihren Brüsten und liefen ihre endlos langen Schenkel hinunter.

Sie griff nach hinten, umfasste ihr Haar, zog es über die Schulter nach vorn und wrang es aus. Die Wasserspritzer reflektierten das Licht der Sonne, sodass es aussah, als würde es um sie herum Diamanten regnen.

Alexandros’ Mund war mit einem Schlag staubtrocken.

Wie von einem Magneten angezogen, setzte er sich in Bewegung.

Das extragroße Badetuch war so weich und flauschig, dass es mit Sicherheit ein kleines Vermögen gekostet hatte. Aber das war im Haus von Alexandros Dimitris ja nicht anders zu erwarten, und so langsam hörte Lucy auf, sich darüber zu wundern. Das stimmte sie durchaus ein wenig besorgt. Sie wollte sich nicht an all diesen Luxus gewöhnen, den niemand wirklich brauchte. Das machte es ihr am Ende nur schwerer, wieder in ihr altes Leben zurückzukehren, wo alles normal war. Alexandros würde es vermutlich billig nennen, doch auch wenn ihre Sachen nicht so viel gekostet haben mochten, so hatte sie für jedes einzelne Teil hart gearbeitet.

Andererseits konnte sie nicht leugnen, dass sie den zusätzlichen Komfort genoss. Was in Ordnung war, solange sie sich vor Augen hielt, dass es in vierzehn Tagen vorbei damit sein würde.

Gott sei Dank! Dann kannst du die Vergangenheit – dann kannst du Alexandros – endlich abhaken.

Wenn die Scheidungspapiere erst einmal unterzeichnet waren, würde es eine Riesenerleichterung für sie sein. Darauf wartete sie nun schon so lange, dass es ihr fast unwirklich vorkam.

Neu war allerdings diese bittersüße Wehmut, die sie bei dem Gedanken verspürte.

„Hey.“

Erschrocken wirbelte Lucy herum. Sie hatte Alexandros nicht kommen gehört, doch kaum dass sie ihn sah, verspürte sie den heftigen Drang, sich hinter dem Badelaken zu verstecken. Wie er sie ansah … Es war, als könnte sie seine Blicke auf jedem Quadratzentimeter ihrer Haut spüren. Und das Schlimmste daran war, dass es kein ausschließlich negatives Gefühl war.

Sie atmete tief durch. „Willst du schwimmen? Der Pool ist jetzt frei.“

Hastig wollte sie sich an ihm vorbeidrängen, nur wegkommen aus seiner irritierenden Nähe, doch er ließ sie nicht gehen.

Als seine Hand sich um ihren Unterarm schloss, durchzuckte es sie wie ein Blitz. Ihre Knie wurden weich, und sie hielt sie nur mit Mühe aufrecht.

Verdammt, wieso hatte er nur so eine unglaubliche Wirkung auf sie? Das war einfach nicht fair!

„Wohin so eilig?“, fragte er. „Meinetwegen musst du nicht gehen. Der Poolbereich ist mehr als groß genug für zwei Personen.“

Lucy schluckte. Sie hatte nicht wirklich eine gute Ausrede, weshalb sie nicht bleiben konnte. Und sie wollte sich vor Alexandros auch keine Blöße geben. Gleichzeitig bezweifelte sie, dass jemals ein Poolbereich groß genug für ihn und sie zugleich sein könnte.

„Ich … will rasch meine Mutter zurückrufen. Sie hat versucht, mich zu erreichen, und ich bin bisher nicht dazu gekommen, mich bei ihr zu melden. Außerdem ist es heiß, und ich habe vergessen, mich einzucremen. Wenn ich jetzt nicht aus der Sonne herauskommen, sehe ich nachher wie ein gekochter Hummer aus.“

Sein Lächeln hatte etwas Raubtierhaftes, und ein erregender Schauer rieselte ihr über den Rücken.

„Den Anruf kannst du später noch erledigen. Und ich habe immer Sonnencreme im Badehaus“, sagte er und ging schnurstracks auf das Steingebäude zu, in dem sich auch eine Umkleidekabine befand. „Hier“, sagte er und hielt triumphierend eine kleine blaue Flasche in die Höhe.

Lucy wollte sie ihm abnehmen, er schüttelte jedoch den Kopf.

„Lass mich dir zunächst den Rücken eincremen“, sagte er.

Sie wollte protestieren, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Stattdessen ließ sie sich von ihm zu einem der Liegestühle führen, die am Beckenrand standen.

Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Aufstöhnen, als das Geräusch des aufschnappenden Flaschenverschlusses erklang. Es war schon beinahe erniedrigend, wie heftig sie auf Alexandros reagierte. Sie hasste sich dafür, doch es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Diesen Impulsen war sie hilflos ausgeliefert, und das war ein Gefühl, das ihr ganz und gar nicht gefiel.

Das war jedoch nichts im Vergleich zu dem, was sie empfand, als seine Hände ihre Schultern berührten.

Pures Verlangen schoss durch ihren Körper, und dieses Mal schaffte sie es nicht, ein leises Keuchen zurückzuhalten. Ihr Herz hämmerte wie verrückt und ihre Haut kribbelte.

„Das reicht“, stieß sie heiser hervor, beschämt darüber, wie schwach ihre Stimme klang. Sie erhob sich rasch, um ein wenig Sicherheitsabstand zwischen sich und Alexandros zu bringen.

Erfolglos.

Er kam ihr nach, und da sie am Beckenrand stand, konnte sie nicht weiter zurückweichen. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht verharrte sie, während sein Blick ihren gefangen hielt. Es war regelrecht hypnotisch, und sie schaffte es nur mit Mühe und Not, den Drang, ihn zu küssen, zu bekämpfen.

Ihn zu küssen? Verdammt, daran sollte sie nicht einmal denken!

„Sagtest du vorhin nicht, dass du noch zu tun hast?“

Er strich ihr leise seufzend eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. „Das war eine kleine Notlüge“, gestand er schließlich. „Ich musste mal für eine Weile raus aus der Situation und mich sammeln.“

Du musstest raus aus der Situation? Du musstest dich sammeln?“ Sie lachte freudlos auf. „Entschuldige bitte, wenn ich dafür kein Mitgefühl aufbringen kann, aber das ist ja wohl lachhaft.“

„Du bist noch immer genauso kalt wie damals“, stellte er fest.

Mit einem Schlag war Lucy wieder völlig nüchtern. „Kalt? Ich? Da bleibt mir doch glatt die Spucke weg.“ Sie funkelte ihn an. „Ich war damals nicht kalt und bin es heute auch nicht. Darf ich dich daran erinnern, dass dieses ganze Theater hier deine Idee war? Dass du es bist, der mich erpresst? Der mich dazu zwingt, etwas zu tun, das ich nicht tun will, um etwas zu bekommen, das mir zusteht?“ Sie winkte ab. „Hör zu, Alexandros, ich will nur noch eins von dir: deine Unterschrift auf den Scheidungspapieren. Der Rest ist mir egal.“

„Dessen bin ich mir bewusst. Und ich will mich nicht beklagen. Das wäre albern, denn mir ist schon klar, dass ich derjenige von uns bin, der am längeren Hebel sitzt. Du sollst nur wissen, dass es für mich auch nicht so einfach ist, wie du es dir vielleicht vorstellst.“

„Und warum tust du das alles dann?“ Sie schaute ihn fragend an. „Ich verstehe das nicht. Wenn du mich doch so verabscheust, wieso bindest du mich dann für zwei Wochen an dich? Die Situation ist für uns beide unerträglich. Und du hast es in der Hand, das alles zu beenden.“

Einen Moment lang schien er tatsächlich darüber nachzudenken, schüttelte schließlich jedoch den Kopf. „Da magst du recht haben, aber ich brauche einen Abschluss. Solange ich keinen Schlussstrich unter die ganze Angelegenheit ziehe, kann ich nicht einfach mit meinem Leben weitermachen und …“

„Du konntest sechs Jahre lang ganz hervorragend mit deinem Leben weitermachen“, protestierte Lucy ärgerlich. „Du hast dich in deinem Elfenbeinturm verschanzt und deine Armee von Anwälten und Assistentinnen vorgeschickt, um mich von dir fernzuhalten. Hat ja auch wunderbar geklappt, nicht wahr? Bis zu dem Moment, in dem du beschlossen hast, dass du einen Schlussstrich ziehen willst. Stell dir vor, das wünsche ich mir schon seit dem Tag, an dem du mich von deinem Grund und Boden gejagt hast.“

Seine Miene wurde eisig. „Nun, dann sind wir uns ja zumindest in diesem Punkt einig. Ach, und du kannst übrigens das Bett haben. Ich schlafe freiwillig auf der Couch.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und verschwand ins Haus.

Lucy sah ihm nach. Zwei Wochen, sagte sie sich. Irgendwie musste sie diese Zeit überstehen, ohne verrückt zu werden.

Bloß wie?

Mit zittrigen Händen strich sich Lucy den Rock ihres schwarzen Kleids glatt. Erfolglos redete sie sich schon die ganze Zeit ein, nicht nervös wegen des Dinners zu sein, das sie gleich mit Alexandros auf der Terrasse einnehmen würde. In Wahrheit aber war sie nervös. Und war das ein Wunder? Ein gemeinsames Abendessen zusammen mit ihrem Mann – das erste seit sechs Jahren! Nie hatte sie damit gerechnet, dass es dazu noch einmal kommen würde. Sie hoffte, dass draußen schlicht gedeckt worden war und sie das Essen schnell und ohne viele Worte hinter sich brachten.

Zögernd betrat sie die Terrasse – und erstarrte. Eine weiße Tischdecke, Kristallgläser, jede Menge Kerzen … die Atmosphäre war … romantisch. Blumenranken verströmten einen betörenden Duft, und die Abendbrise streichelte Lucys Haut.

„Da bist du ja.“

Aus den Schatten trat Alexandros hervor, er sah besser aus denn je.

Unwillkürlich stockte Lucy der Atem. Frisch rasiert und lässig gekleidet stand ihr Noch-Ehemann vor ihr, und sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Seine Augen wirkten noch dunkler als sonst, und tief in ihnen schien ein Feuer zu brennen.

„Setz dich doch.“

Sie räusperte sich. „Wo ist Sophia?“, erkundigte sie sich.

„In der Küche. Sie wird jeden Moment kommen und uns mit ihren Köstlichkeiten versorgen. Warte ab. Ich bin sicher, du wirst begeistert sein.“

Ganz gentlemanlike bot er ihr einen Stuhl an, schenkte ihr Wein ein und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

„Jetzt stoßen wir erst einmal an“, sagte er schließlich und hob sein Glas. „Auf unsere Flitterwochen!“

Eigentlich hätte sie bei den Worten zusammenzucken und ihm wütend entgegenschleudern sollen, dass das keine wirklichen Flitterwochen waren, stattdessen hob sie ihr Glas, stieß mit ihm an und trank einen Schluck Wein. Und während der Alkohol warm und leicht brennend ihre Kehle hinunterrann, konnte sie nichts anderes tun, als ihren Ehemann bewundernd anzustarren.

Lucy verstand sich selbst nicht. Sie benahm sich wie ein Schulmädchen bei der allerersten Verabredung mit einem Jungen. Nervös und unbeholfen. Nur dass dies kein echtes Date war. Ebenso wenig wie es echte Flitterwochen waren. Aber warum verhielt sie sich dann so?

Sophia kam und trug das Essen auf. Stolz erklärte die ältere Frau, was sie zubereitet hatte: „Gegrillte Dorade mit Ladolemono, einer Olivenöl-Zitronensoße.“ Sie lächelte. „Der Fisch ist natürlich ganz frisch. Ich hoffe, es schmeckt Ihnen.“

„Daran habe ich keinen Zweifel, Sophia“, erwiderte Lucy. So sehr es ihr auch missfiel, zwei Wochen hier bei Alexandros bleiben zu müssen – gegen ihren Willen! –, so sehr hatte sie die mütterliche Hausangestellte jetzt schon ins Herz geschlossen.

Als ihr bei diesem Gedanken kurz ihre Mutter in den Sinn kam, verspürte Lucy einen Stich. Ihr Kontakt mit Ellen Graham war aufs Nötigste beschränkt. Und das schon seit Jahren. Sie wusste auch nicht, ob sich das jemals ändern würde. Das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter konnte man am ehesten mit dem zweier Fremder bezeichnen, die sich zufällig ab und zu über den Weg liefen. Auch wenn es kaltherzig klingen mochte – sie fand einfach keinen Zugang zu der Frau, die sie einst auf die Welt gebracht hatte, und konnte nicht verstehen, warum ihre Mutter damals nicht …

Sie verscheuchte die Geister der Vergangenheit und trank noch einen Schluck Wein. Das hier war nicht der richtige Zeitpunkt für so etwas. Und auch nicht der passende Ort.

„Willst du nicht probieren?“, fragte Alexandros, der bereits mit großem Appetit aß. Sophia hatte sie inzwischen wieder allein gelassen.

„Hör mal“, begann sie zögernd. „Mir ist klar, dass du das hier durchziehen willst. Warum auch immer“, fügte sie leise hinzu. „Aber sollten wir es uns gegenseitig nicht so einfach wie möglich machen und uns aus dem Weg gehen? Du hast doch sicher ohnehin genug zu tun, und …“

Er hob eine Hand. „Es sind unsere Flitterwochen, Matia Mou. Ich mag ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann sein, aber so viel Anstand besitze ich dann doch, dass ich in den Flitterwochen für meine Frau da bin und nicht für meine Arbeit.“ Er kniff die Augen leicht zusammen. „Tag und Nacht werde ich für dich da sein, meine Liebste.“

Bei seinen Worten durchfuhr es sie heiß und kalt zugleich. Plötzlich fühlte es sich an, als würden in ihrem Bauch tausend Schmetterlinge umherflattern, und zwischen ihren Beinen prickelte es.

Lucy hielt den Atem an. Wieso reagierte ihr Körper, dieser Verräter, nur so auf diesen Mann?

Sie schüttelte den Kopf. „Du brauchst nicht für mich da zu sein. Ich komme sehr gut allein zurecht.“

„Als wir uns kennenlernten, wären dir solche Worte nie über die Lippen gekommen. Erinnerst du dich?“

5. KAPITEL

„Ich bin dann jetzt weg“, rief Lucy und schlang sich die Riemen der großen Tasche über die Schulter, in der sich ihr Strandlaken, Sonnencreme und ein leichtes Sommerkleid befanden. Sie schloss die Tür des Ferienhauses hinter sich und eilte beschwingt die zwei Treppenstufen hinunter.

Bis zum Strand waren es zu Fuß keine zehn Minuten. Wenn sie auf dem Balkon ihres Zimmers stand, konnte sie bis zum Meer sehen. Es war wunderschön. Sie erinnerte sich nicht, jemals an irgendeinem Ort glücklicher gewesen zu sein als hier.

Ihre Flip-Flops verursachten Klatschgeräusche, als sie leise vor sich hin summend den Weg hinunterlief. Sie fühlte die Hitze des Asphalts durch die dünnen Gummisohlen. Es war ein unglaublich heißer Tag, selbst für einen griechischen Sommer, und Lucy freute sich darauf, ein wenig Abkühlung in den nassen Fluten zu finden.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie am Ende der Straße das Meer erblickte. Es war jedes Mal aufs Neue ein erhebender Anblick, dessen sie niemals überdrüssig werden würde.

Ein paar Minuten später erreichte sie den Strand. Sie kletterte über das kleine Mäuerchen, das ihn von der Promenade abtrennte, und ging weiter.

Das Rauschen der Brandung hatte immer eine beruhigende Wirkung auf sie, und mit der leichten Brise, die vom Meer her wehte, wurde die Hitze erträglicher.

Sie schüttelte ihre Flip-Flops ab, erkannte jedoch schon in der nächsten Sekunde ihren Fehler. Es fühlte sich an, als würde der Sand ihr die Sohlen von den Füßen brennen. Fluchend hüpfte sie von einem Bein aufs andere und versuchte dabei, sich die Flip-Flops wieder überzuziehen.

Was dazu führte, dass sie das Gleichgewicht verlor, ins Stolpern geriet und …

Nicht fiel – weil sie von starken Armen umfangen und aufrecht gehalten wurde.

„Kommen Sie, geben Sie mal her“, sagte jemand mit tiefer Stimme.

Im nächsten Moment fühlte sie, wie ihr die Flip-Flops aus der Hand genommen wurden, ein Mann kniete plötzlich vor ihr, hob erst einen ihrer Füße an und streifte einen Schuh darüber, dann den anderen.

Als er aufblickte, umspielte ein unglaublich attraktives Lächeln seine Lippen. Er beschattete seine tiefbraunen Augen mit einer Hand und sagte: „Das ist doch schon viel besser, oder nicht? Wirklich, Sie sollten bei diesen Temperaturen nicht barfuß durch den heißen Sand laufen.“

Lucy war wie benommen und konnte nicht aufhören, den Mann, der ihr zu Füßen kniete, anzustarren.

Er lächelte noch strahlender und sie merkte, wie auch ihre Mundwinkel zuckten.

„Danke“, sagte sie. „Das … war wirklich sehr freundlich von Ihnen. Wenn es irgendetwas gibt, das ich für Sie tun kann …“

„Das können Sie tatsächlich“, erwiderte er und stand auf, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

„Ja wirklich? Sehr gern! Was ist es denn?“

„Sie können heute Abend mit mir Essen gehen“, sagte er. „Ich kenne ein fantastisches Fischrestaurant ganz hier in der Nähe. Und danach würde ich, wenn Sie noch ein bisschen Zeit haben, gern mit Ihnen im Mondschein am Strand entlangspazieren. Na, was sagen Sie?“

Lucy musste nicht lange überlegen. „Aber nur, wenn ich die Rechnung übernehmen darf“, sagte sie.

„Na gut, heute dürfen Sie. Doch beim nächsten Mal lade ich Sie ein, einverstanden?“

„Beim nächsten Mal?“

„Wenn es nach mir geht beim nächsten, beim übernächsten und überübernächsten Mal. Ich glaube nämlich, dass ich mich unsterblich in Sie verlieben könnte.“

Lucys Herz flatterte wie verrückt. Sie wusste, sie sollte sich in nichts hineinsteigern. Immerhin hatte sie diesen Mann gerade eben erst kennengelernt. Doch es gab da diese Sache namens Liebe auf den ersten Blick. Was, wenn die tatsächlich existierte? Und wenn das Schicksal dafür gesorgt hatte, dass ihre Wege sich kreuzten?

„Vielleicht lassen wir es ein bisschen langsamer angehen“, entgegnete sie lachend. „Aber grundsätzlich bin ich nicht abgeneigt.“

Er lachte auf und reichte ihr seinen Arm. „Geduld war noch nie meine große Stärke, Matia Mou. Bist du denn eingecremt? Die griechische Sonne brennt ganz schön, und du hast so helle Haut … Na, jetzt hast du ja mich. Ich sorge schon dafür, dass du dich nicht verbrennst.“

Lucy schluckte. Der Gedanke, seine Hände auf ihrer Haut zu spüren … Ein wenig zögerte sie noch, doch schließlich gab sie sich einen Ruck.

Warum sollte sie nicht einfach mal spontan sein und etwas tun, ohne vorher lange darüber nachzudenken?

Sie nickte.

„Ja, sehr gerne.“

„Lucy?“

Alexandros’ Stimme riss sie ins Hier und Jetzt zurück.

Irritiert sah Lucy ihn an. „Was?“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet. Ob du dich an unser Kennenlernen erinnerst.“

Ob sie sich erinnerte? Himmel, wie sollte sie sich nicht erinnern, wenn diese eine Begegnung jeden Tag aufs Neue, immer und immer wieder, vor ihrem geistigen Auge ablief? Seit er sie damals angesprochen hatte, war sie diesem Mann verfallen – daran hatte sich bis heute nichts geändert, wie sie sich zu ihrem Verdruss eingestehen musste.

Sie schüttelte den Kopf. „Was ist das für eine Frage?“

„Eine ernst gemeinte.“

„Dann dürftest du dir denken können, dass eine Frau so etwas nicht vergisst.“

„Eine normale Frau vielleicht nicht … Aber eine mit deinen Absichten …“

Sie kniff die Augen zusammen. Was sollte das denn jetzt wieder heißen? „Worauf willst du hinaus?“, fragte sie scharf.

„Ach, nichts weiter.“ Er winkte ab. „Und nun iss endlich etwas. Sophia wäre enttäuscht, wenn sie feststellen müsste, dass du deinen Fisch nicht mal angerührt hast.“

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