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ROMANA EXTRA BAND 71

HILDY JOHNSTON

Zärtliche Stunden an der Adria

Sie war seine Liebe – und er musste sie verlassen. Jetzt soll Bodyguard David Novak das Leben von Annabeth schützen. Dabei hat er nur einen Wunsch: dass sie ihm seinen Verrat von damals verzeiht!

JAMIE POPE

Es begann am goldenen Strand

Eigentlich soll Virginia nur sein Anwesen neu gestalten. Aber sie ist so charmant und sexy, dass Baseballstar Carlos schon an eine Zukunft mit ihr denkt. Doch Virginia glaubt ihm nicht, dass er sie wirklich liebt …

PENNY ROBERTS

Schicksalstage auf Mallorca

In einer magischen Nacht lässt sich Laura am Strand von Mallorca von Fernando verführen. Obwohl der attraktive Anwalt sie von ihrer Familie fernhält. Was hat er zu verbergen?

HELEN BIANCHIN

Nur noch dieses eine Mal …

Sie darf ihn nicht verlassen! Es waren nur Missverständnisse, die Lianne von Tyler Benedict weggetrieben haben. Er will um seine Frau kämpfen – und zieht alle Register der Liebeskunst.

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Zärtliche Stunden an der Adria

1. KAPITEL

Für streitende Frauen hatte David Novak noch nie sonderlich viel übriggehabt. Am allerwenigsten dann, wenn sie unmittelbar vor seiner Bürotür in Rage gerieten.

Aufgebrachte Stimmen drangen an sein Ohr, doch er zwang sich, alle Aufmerksamkeit weiter auf seinen Gesprächspartner zu richten – einen jungen Mann in zerrissenen Jeans und fleckigem T-Shirt, der nervös auf der Stuhlkante herumrutschte und offenbar nicht wusste, was er mit seinen Händen anfangen sollte.

„Jonathan, richtig?“, sprach David ihn an und überflog noch einmal die Papiere, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Der Junge war neunzehn Jahre alt, hatte mit sechzehn die Schule abgebrochen, ein halbes Dutzend Pflegeeltern verschlissen und war darüber hinaus durch kleine Diebstähle und Jugendstrafen aufgefallen.

„Ich … ich habe wirklich viel verbockt, Sir“, sagte er nun. „Aber das wird nicht wieder vorkommen.“

Vor der Tür ging der Streit in hysterisches Geschrei über. David erkannte die Stimme von Nancy, seiner Sekretärin, die immer wieder vom hellen Sopran einer offenbar extrem wütenden Frau übertönt wurde.

Mit Mühe widerstand er dem Impuls, aufzustehen und nach dem Rechten zu sehen. Da er aber ahnte, dass es Jonathan viel Überwindung gekostet haben musste, überhaupt zu ihm zu kommen, blieb er sitzen und führte das Gespräch fort.

„Ich nehme an, du willst dich für unsere Akademie bewerben?“, fragte er.

„Ja, Sir. Ich würde gern für Sie arbeiten.“

„Warum gerade für mich?“

Der junge Mann schwieg betreten. „Man sagt, Sie wären einer von uns“, stieß er dann hervor.

Für den Bruchteil eines Augenblicks sah David den wütenden Halbstarken vor sich, der er selbst einmal gewesen war – das Einwandererkind aus dem hässlichen Teil Londons, randvoll mit Testosteron und dummen Ideen. Auch er war von der Schule geflogen, auch er hatte die falschen Freunde gehabt. Das Einzige, was ihn gerettet hatte, war seine Leidenschaft für Sport gewesen – und das Glück, in letzter Sekunde doch noch eine Chance zu bekommen. Sein Blick verdüsterte sich. Unwillkürlich musste er an seinen Bruder denken, der dieses Glück nicht gehabt hatte.

Dann aber schob er jeden Gedanken an seine eigene Vergangenheit beiseite. „Wir bilden ab Herbst Bodyguards und Sicherheitskräfte aus – in erster Linie für unseren eigenen Bedarf“, sagte er. „Das ist Neuland für uns, aber wir sind ein stark expandierendes Unternehmen und suchen ständig qualifizierten Nachwuchs.“

Anfangs hatte David sich noch eingeredet, dass es rein wirtschaftliche Gründe waren, die ihn dazu bewogen hatten, sich auch noch eine Akademie aufzubürden. Als Inhaber und CEO eines Weltkonzerns war er schließlich mehr als ausgelastet.

Novak Securities war Marktführer im Bereich hochsensible Alarmanlagen und Personenschutz. In nur zehn Jahren hatte David die Holding aufgebaut und an die Börse geführt – als Autodidakt ohne Highschool-Abschluss und Studium. Das erfüllte ihn einerseits mit Stolz, denn es war harte Arbeit, die ihn so weit gebracht hatte.

Andererseits wurde sein wachsender Erfolg für ihn zunehmend zur Verpflichtung – er musste die hohen Erwartungen seiner Kunden erfüllen und vor allem auch seine eigenen. Dafür brauchte er hochprofessionelle Mitarbeiter. Was also lag da näher, als eine Ausbildungsstätte zu gründen, passgenau zugeschnitten auf die Anforderungen seines Unternehmens? Und wenn man sich die jungen Leute schon selbst aussuchen konnte – warum sollte man nicht diejenigen einstellen, deren Lebensweg man nachvollziehen konnte?

Ein lautstarkes Poltern ertönte vor dem Büro, und die beiden Frauenstimmen kamen immer näher. Irritiert blickte Jonathan in Richtung Tür, blieb aber sitzen und wartete ab, was als Nächstes geschehen würde.

David musterte den Jungen unauffällig. Er konnte nicht sagen, warum, aber aus irgendeinem Grund erinnerte er ihn an seinen Bruder Mark. Der gleiche Trotz im Blick, der gleiche, mühsam unterdrückte Zorn auf das Leben. Das war in Ordnung, solange diese Wut einen Antrieb darstellte und nicht als Ausrede für das Nichtstun herhalten musste – ein schmaler Grat, an dem Mark damals jäh gescheitert war.

Was David suchte, waren Kämpfernaturen, unabhängige Geister, die den Mut zu eigenen Ideen hatten – ganz egal, was vorher alles in ihrem Leben schiefgelaufen war. Sie würden Novak Securities weiter voranbringen als irgendwelche Ja-Sager mit College-Diplom, davon war er überzeugt. Und je länger er den Bewerbern zuhörte, ihren Geschichten vom Scheitern und Straucheln, vom Pech und vom Versagen, desto deutlicher wurde ihm, welche Verantwortung er trug: Wenn er ihnen nicht half, tat es keiner. Sie würden enden wie sein Bruder – und schon den Gedanken daran konnte er nicht ertragen.

Deshalb wurde die Liste der Akademie-Studenten immer länger, deshalb stellte er zusätzliche Lehrkräfte ein, und deshalb suchte er händeringend ein Gebäude, das ihnen allen genug Platz bieten würde.

Doch genau da lag das Problem: Im überhitzten Londoner Immobilienmarkt war es schier unmöglich, ein geeignetes Objekt zu finden – und das, obwohl David bereit und in der Lage war, jeden Preis zu zahlen.

Dennoch hatte er bisher keinen Zuschlag erhalten – was vielleicht auch darauf zurückzuführen war, dass die vornehme Londoner Klientel, mit der er verhandelte, keine Akademie für ehemalige Kleinkriminelle in der Nachbarschaft dulden wollte. Ohne Beziehungen würde es nicht gehen, so viel stand fest. Allerdings rannte ihnen die Zeit davon: Es war bereits Juni, ab Oktober sollte das erste Semester beginnen.

„Nein, Miss – das dürfen Sie nicht!“, hörte David seine Sekretärin nun aufschreien, dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Er hob den Kopf, und da stand sie: Annabeth Kingsley.

Für den Bruchteil eines Augenblicks schien sein Herzschlag auszusetzen. Wie lange war es jetzt her, dass sie sich zuletzt gesehen hatten? Zehn Jahre, vielleicht elf? Und bei Gott, sie hatte sich verändert. Aus dem schlaksigen, hageren Teenager von einst war eine elegante Erscheinung im Businesskostüm geworden.

„Ich muss verdammt noch mal mit dir reden, David“, sagte sie ohne Einleitung und funkelte ihn zornig an.

„Entschuldigen Sie, Sir – sie hat sich einfach nicht aufhalten lassen“, rief Nancy, die reichlich derangiert aussah – offenbar eine Folge des Gerangels mit dem ungebetenen Gast.

„Schon gut, ich kümmere mich darum“, sagte er, ohne Annabeth aus den Augen zu lassen.

„Aber Ihr nächster Termin wartet schon im Konferenzraum, Sir!“

„Der Herr wird Verständnis haben“, entgegnete David und reichte Jonathan eine Karte über den Tisch. „Hier, komm morgen früh um 9 Uhr zu dieser Adresse. Wir machen einen Eignungstest mit dir. Das wird ein paar Stunden dauern, also nimm dir besser nichts anderes vor.“

Erfreut sprang der junge Mann auf. „Echt jetzt? Danke, Sir! Das – das werde ich Ihnen nie vergessen …“

„Es ist noch keine Platzzusage, du musst uns vorher erst von dir und deinen Fähigkeiten überzeugen.“

„Das werde ich, Sir – versprochen!“

David nickte ihm zum Abschied zu und richtete dann seinen Blick auf Annabeth, die noch immer wie ein Racheengel in der Tür stand. „Nancy? Lassen Sie mich doch bitte kurz mit der Dame allein.“

„Ich will mich wirklich nicht einmischen, Sir …“ Seine Sekretärin rang mit sich und sagte es dann doch. „Was – was ist mit Mr. Kingsley? Er ist es nicht gewohnt, dass man ihn warten lässt …“

Annabeth wirbelte herum. „Was? Mein Vater ist hier?“

„Wir haben seit einer Viertelstunde einen Termin“, bestätige David nach einem unauffälligen Blick auf die Uhr. Sein Zeitplan für heute war gehörig durcheinandergeraten, was im Klartext bedeutete, dass er sein Büro weitaus später verlassen würde als gedacht.

Normalerweise störte ihn das nicht, er war Herr seiner Zeit und hatte niemanden, der nach Feierabend auf ihn wartete. Heute aber hatte er seinen Privatjet am Flughafen bereitstellen lassen, um für ein verlängertes Wochenende zu seinem Haus in Dubrovnik zu fliegen.

Auszeiten wie diese gönnte er sich nicht oft, aber wenn, verteidigte er sie gegen alles, was von außen an ihn herangetragen wurde – er schaltete sein Handy aus, sagte Termine ab und verschwand für ein paar Tage vom Radar seiner vielen Verpflichtungen.

Jetzt aber stand Annabeth vor ihm, voller Wut, die ihre wunderschönen braunen Augen verdunkelte. Es überraschte ihn nicht, dass sie hergekommen war – an ihrer Stelle hätte er genauso gehandelt. Wer ließ sich schon gern vom eigenen Vater bevormunden und gleich zwei Bodyguards aufzwingen?

Er hatte George Kingsley gewarnt, dass seine Tochter alles andere als erfreut sein würde, wenn sie herausfand, dass ausgerechnet seine Firma für ihren Schutz sorgen sollte. Doch der Multimilliardär hatte sich wie immer durchgesetzt und wartete jetzt nebenan im Konferenzraum, während Annabeth ihm, David, offenbar am liebsten den Kopf abreißen würde.

Doch da kam ihm eine Idee, mit der er womöglich Zeit sparen konnte. „Warum bitten wir deinen Vater nicht einfach dazu?“, fragte er.

Eine Antwort darauf erübrigte sich, denn George Kingsley erschien in diesem Moment im Türrahmen. „Dachte ich mir doch, dass ich deine Stimme gehört habe, Spätzchen“, sagte er gut gelaunt, trat auf seine Tochter zu und kniff sie in die Wange. „Bist du hier, um mit David über das Sicherheitskonzept zu sprechen?“

„Nein, ich bin hier, um ihn zu feuern“, entgegnete sie unwirsch und schob seine Hand weg.

David gab seiner Sekretärin ein Zeichen. „Danke, Nancy – das wäre für den Moment alles.“

Sie nickte und zog sich zurück.

Annabeth trat mit zitternden Knien an die Fensterfront des Büros. Noch immer klopfte ihr Herz bis zum Hals, denn es hatte sie alle Kraft gekostet, sich an der Sekretärin vorbei in Davids Büro zu drängeln.

Jetzt, da sie ihr Ziel erreicht hatte und zu allem Überfluss auch noch ihr Vater aufgetaucht war, wusste sie nicht recht, was sie als Nächstes tun sollte – schreien? Mit den Fäusten auf beide losgehen? Oder Davids sorgsam frisiertes Haar zerzausen, bis es in alle Richtungen abstand, so wie früher?

Beim letzten Gedanken erschrak sie über sich selbst. Das, was zwischen ihnen geschehen war, gehörte ein für alle Mal der Vergangenheit an. Er hatte sie verraten, verflucht noch mal – und besaß die Dreistigkeit, nach elf Jahren Funkstille wieder in ihr Leben zu schlendern, als sei nie etwas gewesen. Natürlich nur, weil ihr Vater ihn dafür bezahlte. Daran hatte sich in all der Zeit nichts geändert.

Um sich zu beruhigen, konzentrierte Annabeth sich auf die Aussicht, die vor ihr lag. Der Blick über die Dächer von London war einzigartig, das musste sie zugeben.

Davids Unternehmen war in einem modernen Gebäudekomplex mitten im angesagten Finanzdistrikt Canary Wharf untergebracht. Allein die Ausstattung des Büros – Designermöbel, Chrom und cremefarbener Marmor – musste ein Vermögen gekostet haben. Ein gewaltiger Unterschied zu der heruntergekommenen Garage in der Sozialbausiedlung von Southwark, in der David einst an seiner ersten Alarmanlage herumgeschraubt hatte.

„Der Junge hat es weit gebracht, was?“, polterte ihr Vater und unterbrach Annabeths Gedanken.

„Mit deiner Hilfe – kein Wunder“, sagte sie verächtlich.

„Oh, da irrst du dich, Spätzchen. Ich habe mit Davids Erfolg nicht das Geringste zu tun. Abgesehen davon, dass ich ihn hin und wieder weiterempfohlen habe.“

„Was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft.“ Annabeth drehte sich zu David um. „Seit zwei Tagen folgen mir zwei Typen mit Sonnenbrille und dunklem Anzug auf Schritt und Tritt. Ich will, dass du deine Schergen zurückpfeifst, und zwar sofort!“

Er erwiderte ihren Blick und wandte sich dann an Kingsley. „George? Vielleicht erklärst du deiner Tochter die Situation einfach selbst.“

„Wie? Ach, ja – natürlich.“ Der Milliardär räusperte sich. „Wir hatten doch schon darüber gesprochen, Spätzchen. Es geht um die Drohbriefe, die ich in letzter Zeit erhalten habe. Irgendein Spinner prahlt damit, deinen Wohnort zu kennen, und fordert eine wirklich dreiste Summe, damit er dich in Ruhe lässt.“

„Ich weiß davon“, entgegnete Annabeth unbeeindruckt. „Aber ich brauche keinen Personenschutz.“

„Das mag unter normalen Umständen ja richtig sein. Aber jetzt, da die Hochzeit deiner Schwester näher rückt, sollten wir …“

„Diese verdammte Hochzeit findet doch sowieso ohne mich statt!“, fiel sie ihm ins Wort.

David musterte sie überrascht. „Tatsächlich? Wieso das?“

„Weil mir der Medienzirkus, den sie veranstaltet, absolut zuwider ist.“

„Was redest du da für einen Unsinn, Spätzchen?“, fragte George entgeistert.

„Nenn mich nicht dauernd Spätzchen, Dad!“

Ihr Vater ging nicht weiter darauf ein. „Natürlich nimmst du an der Hochzeit deiner Schwester teil – wir sind eine Familie!“

„Sie ist meine Halbschwester, und wir stehen uns nicht besonders nahe“, stellte Annabeth klar. „Jedenfalls nicht nahe genug, dass ich wegen dieser albernen Zeremonie meine sorgsam aufgebaute Anonymität aufgebe!“

„Du solltest diese Dinge wirklich nicht so verkrampft sehen, Spätzchen“, erwiderte George. „Anonymität, ich bitte dich! Als ob eine meiner Töchter so etwas nötig hätte!“ An David gerichtet fügte er hinzu: „Sie geht arbeiten. Für Geld, verstehst du? Keine Ahnung, warum sie sich das jeden Tag antut …“

„Himmelherrgott noch mal, Dad – ich bin Anwältin!“, fuhr Annabeth ihn an. „Und ich werde mich nicht dafür rechtfertigen, dass ich diesen Beruf auch ausüben will!“

„Vielleicht beruhigen wir uns alle jetzt mal wieder“, schlug David vor. „Annabeth, ich verstehe deine Vorbehalte. Aber so, wie wir die Situation einschätzen, wirst du für die nächsten Wochen ein paar Sicherheitsvorkehrungen akzeptieren müssen. Zu deinem eigenen Besten.“

„Komm schon, ich lebe seit Jahren fernab des roten Teppichs – kaum jemand weiß, wo ich wohne oder wo ich arbeite!“, brach es aus ihr heraus. „Da ist es doch extrem unwahrscheinlich, dass irgendjemand ausgerechnet mir etwas antun will, oder?“

„Du bist die Tochter eines in der Öffentlichkeit stehenden Multimilliardärs“, gab David zu bedenken. „Und wer deinen Vater angreifen will, hat mit dir ein verdammt leichtes Ziel.“

„Wie meinst du das?“

„Sieh dich doch an: Du wohnst in einem Apartment ohne Alarmanlage in Hammersmith und hältst dich schon für clever, weil du dies unter dem Mädchennamen deiner Mutter tust.“

„Sie war ein sehr zurückhaltender Mensch und ist seit mehr als zwanzig Jahren tot“, rief Annabeth aufgebracht. „Niemand kennt sie!“

„Ihr voller Name steht im Wikipedia-Eintrag deines Vaters“, warf David ein. „Und wer lange genug nach ihr googelt, findet ein Jugendfoto, auf dem sie dir erschreckend ähnlich sieht.“ Dasselbe rote Haar. Dieselbe kleine Nase. Dasselbe verschmitzte Lächeln. David hätte dieses Gesicht unter Tausenden sofort wiedererkannt.

„Du kapierst es nicht, oder?“ Trotzig kreuzte sie die Arme vor der Brust. „Ich habe einen Job, treffe meine Freunde im Pub und kann bei Debenhams unerkannt nach Schnäppchen jagen. Das ist meine Definition von Freiheit. Und die ist verdammt noch mal in Gefahr, wenn mir deine Blues Brothers überallhin folgen!“

„Von dieser Freiheit wirst du nicht mehr viel haben, wenn David dich nicht beschützt, Spätzchen“, meldete ihr Vater sich wieder zu Wort. „Und falls es wirklich so ist, dass seine Leute nicht dezent genug auftreten, wird er das ändern. Nicht wahr, mein Junge?“

„Selbstverständlich“, sagte David mit Nachdruck. „Es wäre grob fahrlässig, deine Bodyguards abzuziehen, Anna – ausgerechnet jetzt, da deine Familie mehr im Fokus der Medien steht als jemals zuvor.“

In diesem letzten Punkt musste Annabeth ihm widerwillig zustimmen. Seit ihre Halbschwester Claire die Bildrechte an ihrer Hochzeit mit einem Formel-1-Piloten meistbietend an die Boulevardpresse verkauft hatte, hatte der allgemeine Trubel um ihre Familie noch mehr Fahrt aufgenommen.

Seit Wochen lief im Fernsehen eine Doku-Soap, die von der Auswahl der Torte bis hin zur Anfertigung des Brautkleides alles zeigte und in der neben Claire und ihrem Bräutigam sogar ihr Vater regelmäßig auftrat. Hinzu kamen fast täglich Interviews mit Zeitungen, Magazinen, Radio- und TV-Stationen. In ganz Großbritannien schien es derzeit keine wichtigere Frage zu geben als die, wie viel Karat der Diamant auf Claire Kingsleys Ehering haben mochte.

„Ich hasse das alles“, sagte Annabeth aus vollem Herzen.

„Ich weiß.“ David unterdrückte ein Seufzen. Sie hatte schon immer gegen den Reichtum ihres Vaters rebelliert und stets darauf bestanden, ihren eigenen Weg zu gehen – um jeden Preis. „Dein Drang nach Unabhängigkeit hat es uns schon damals schwergemacht, dich zu beschützen“, fügte er laut hinzu.

Sie versteifte sich augenblicklich. „Nun, dir war jeder Trick recht, um mich trotzdem irgendwie zu kontrollieren, nicht wahr?“

„Du warst siebzehn Jahre alt und wolltest von zu Hause weglaufen“, gab er zurück. „Mein Job war es, auf dich aufzupassen. Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen?“

„Ehrlich sein, vielleicht?“

„Das war ich“, sagte er, ohne ihrem Blick auszuweichen.

„Kinder, nun lasst doch diese alten Geschichten“, rief George in die Runde, völlig ungerührt von der Spannung, die spürbar zwischen ihnen im Raum hing. „Wir sollten uns lieber überlegen, wie wir dich aus der Gefahrenzone bringen, Spätzchen – und zwar so lange, bis dieser Wahnsinnige gefasst ist.“

Annabeth hörte ihm nicht zu. Plötzlich fühlte sie sich mit Wucht in die Vergangenheit zurückkatapultiert, und vor ihrem geistigen Auge stiegen Bilder auf, die sie längst verdrängt geglaubt hatte: das Cottage in den Cotswold Hills, zu dem sie mit David gefahren war. Das Kaminfeuer. Der Wein. Sein Hemd neben ihrem Sweatshirt auf dem Dielenboden. Es war das erste Mal gewesen, dass sie mit jemandem geschlafen hatte.

Doch dann war da das grelle Licht der Scheinwerfer, das plötzlich durch die Fenster fiel. Das Zuschlagen von Autotüren. Die schweren Schritte und Stimmen, die immer näher kamen. Annabeth wusste noch, dass sie aufgesprungen war und hektisch nach ihren Kleidern gegriffen hatte, während David regungslos liegen geblieben war.

„Woher wissen die, dass wir hier sind?“, hatte sie gefragt – und keine Antwort erhalten.

Wenige Augenblicke später hatte der Sicherheitschef ihres Vaters in der Tür gestanden und die Situation sofort erfasst. „Guter Gott, Novak – Sie sollten Ms. Kingsley aufhalten und nicht intim mit ihr werden!“, hatte er ihn angeherrscht. „Von Ihnen als werdender Vater hätte ich da deutlich mehr Professionalität erwartet!“

Beschämt und bestürzt hatte Annabeth von einem zum anderen geblickt – und dann erst begriffen, dass David niemals vorgehabt hatte, mit ihr zu fliehen. Und dass sie ihr erstes Mal mit einem Mann verbracht hatte, der längst an eine andere Frau gebunden war. Eine Frau, die sogar ein Baby von ihm erwartete. Wer war sie? Und was war aus dem Kind geworden? Sie hatte es nie erfahren.

Das alles war jetzt elf Jahre her. Doch der Schmerz über seinen Verrat hatte nie aufgehört wehzutun.

„Dein Vater hat recht, Anna“, sagte David in einem Ton, dessen kühle Geschäftsmäßigkeit ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Lassen wir die Vergangenheit ruhen.“

„Oh, ich habe nicht vor, sie wieder aufleben zu lassen“, versicherte sie ihm. „In keiner Weise. Weshalb ich es auch kategorisch ablehne, dass du für meine Sicherheit sorgst.“

In seinen dunklen, fast schwarzen Augen blitzte es auf. „Das übernehmen meine Angestellten, Anna. Ich arbeite nicht mehr selbst als Bodyguard, diese Zeiten sind vorbei.“

„Dann lass es mich noch etwas klarer ausdrücken“, erwiderte sie. „Ich vertraue dir nicht. Und sollte irgendein Irrer da draußen tatsächlich nach meinem Leben trachten, wäre dein Unternehmen das letzte, an das ich mich wenden würde!“

„Du weißt hoffentlich, dass wir die Besten am Markt sind?“

„Und du weißt hoffentlich, dass mir das vollkommen egal ist“, gab sie zurück. „Zieh deine Leute ab, und zwar sofort.“

David warf George einen vielsagenden Blick zu. „Du hast es gehört. Unter diesen Umständen können wir nichts anderes tun, als die Entscheidung deiner Tochter zu akzeptieren.“

Doch davon war der Milliardär meilenweit entfernt. „Also wirklich, Spätzchen! Ich frage mich, warum du dich so sträubst …“

„Und ich frage mich, ob es dir tatsächlich um meine Sicherheit geht“, antwortete Annabeth. „Oder darum, David einen lukrativen Job zuzuschanzen.“

„Hey, vielen Dank – aber ich halte mich auch so einigermaßen über Wasser“, sagte David voller Ironie. „Mal ganz abgesehen davon, dass mich dieser Auftrag schon jetzt mehr Zeit und Nerven kostet, als er jemals eingebracht hätte, hält mich diese Sache hier bereits seit zwanzig Minuten davon ab, das Büro zu verlassen, mein Flugzeug zu besteigen und in mein verlängertes Wochenende zu starten.“

„Das werde ich mir natürlich niemals verzeihen“, sagte Annabeth trocken und wandte sich zum Gehen. „Bis bald, Dad – wir sehen uns. David?“

„Ja?“

„Fahr zur Hölle. Von mir aus auch mit dem Flugzeug.“ Mit einem lauten Knall fiel die Tür hinter Annabeth ins Schloss.

2. KAPITEL

Sobald die Schritte von Annabeth auf dem Flur verklungen waren, stieß David einen abgrundtiefen Seufzer aus. „Das war deutlich“, sagte er an George gewandt. „Du wirst einen anderen Sicherheitsdienst beauftragen müssen.“

„Kommt nicht infrage.“

„Hast du nicht gehört, was sie gerade gesagt hat? Sie vertraut mir nicht. Und auf dieser Basis können wir nicht seriös zusammenarbeiten.“

Ich vertraue dir“, entgegnete George mit Nachdruck. „Das ist alles, worauf es ankommt.“

Kingsley war es gewohnt, sich durchzusetzen. Mit seinem Geld erkaufte er sich Macht und Menschen, Ansehen und Prestige. Er war der Schöpfer einer Welt, die sich ausschließlich um ihn drehte.

Aber David gehörte nicht dazu. Nicht mehr. In jüngeren Jahren hatte er sich vom Gebaren des Milliardärs noch beeindrucken und, ja, auch manipulieren lassen. Doch er hatte seine Lektion gelernt – auf die bitterste Weise. Das würde sich nicht noch einmal wiederholen.

Heute wusste er, dass Unabhängigkeit ein hohes Gut war, das es um jeden Preis zu schützen galt. Nie wieder würde er sich auf etwas einlassen, das er nicht vor sich selbst vertreten konnte – schon gar nicht, wenn Annabeth davon betroffen war.

Ihr Auftritt vorhin hatte die widersprüchlichsten Gefühle in ihm ausgelöst und Erinnerungen geweckt, die ihn zu sehr schmerzten, um sie zuzulassen. Schon allein deswegen hielt er es für besser, das Gespräch mit George so schnell wie möglich zu beenden und sich wieder seinem eigenen Leben zuzuwenden.

„Tut mir leid“, sagte er deshalb. „Ich will den Auftrag nicht.“

„Was soll das heißen – du willst nicht?“

„Genau das“, erwiderte David ruhig. „Deine Tochter hat klar zum Ausdruck gebracht, dass sie meine Hilfe nicht wünscht. Ich respektiere sie zu sehr, um ihr etwas aufzuzwingen, und würde dir empfehlen, dasselbe zu tun.“

„Soso. Würdest du das.“ Kingsley warf ihm einen prüfenden Blick zu. Dann lachte er leise und schüttelte den Kopf. „Mir scheint, ich habe eure Kindereien von damals wirklich unterschätzt.“

„Wie bitte?“

„Nun tu nicht so ahnungslos. Eurer Techtelmechtel in den Cotswolds. Hätte dich fast deinen Job gekostet.“

Seinen Job hatte er damals behalten, dachte David grimmig. Trotzdem hatte er kurz darauf fast alles verloren. Seinen Bruder. Christine und das Baby. Und natürlich Annabeth. „Ich war zwanzig Jahre alt“, sagte er in dem Versuch, die dunklen Schatten von einst wieder in die hinterste Ecke seines Gehirns zu verbannen. „Ich stand noch am Beginn meiner beruflichen Laufbahn …“

„Du warst unprofessionell“, fiel George ihm ins Wort. „Und du hast Angst, dass es wieder passieren könnte – deshalb lehnst du den Auftrag ab.“

„Du hast vorhin wirklich nicht zugehört, oder? Ich bin nicht mehr als Bodyguard aktiv, ich habe meine Leute dafür. Und wäre daher nie auch nur in die Nähe deiner Tochter gekommen, selbst wenn sie diesem Auftrag zugestimmt hätte.“

„Aber sie bedeutet dir noch etwas, das ist offensichtlich. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum du nicht alles in deiner Macht Stehende tust, um sie zu beschützen!“

„Wie schon gesagt, ich respektiere deine Tochter“, antwortete David, ohne sich provozieren zu lassen. „Und natürlich will ich nicht, dass ihr etwas geschieht. Aber Personenschutz ist keine Einbahnstraße. Wenn die zu schützende Person nicht kooperiert, kann der beste Bodyguard der Welt nichts ausrichten.“

Er öffnete seine Schreibtischschublade und nahm eine Karte heraus. „Vielleicht setzt du dich mit dieser Firma hier in Verbindung. Dort wird man euch weiterhelfen.“

Widerwillig nahm Kingsley die Karte entgegen und warf einen Blick darauf. „Du schickst mich zur Konkurrenz?“

„Sehr ungern, das kannst du mir glauben. Aber im vorliegenden Fall ist das wohl das Beste.“

George antwortete nicht sofort. Er trat ans Fenster und schien seine Möglichkeiten abzuwägen. Dann endlich drehte er sich wieder zu David um und warf die Visitenkarte achtlos vor ihm auf den Tisch. „Ein anderes Unternehmen kommt nicht für uns infrage.“

„Aber …“

„Weißt du eigentlich, weshalb ich heute hergekommen bin?“, unterbrach ihn der Milliardär. „Ich habe ein Gebäude für dich. Für deine Akademie.“

Da war er, der Köder, mit dem David eingefangen werden sollte. Sofort schrillten in seinem Inneren sämtliche Alarmglocken.

„Ein Gebäude für die Akademie?“, wiederholte er und setzte eine betont unbeteiligte Miene auf. „Das ist ja ein Zufall.“

„Liegt nicht weit vom Piccadilly Circus und ist ideal für deine Zwecke. Bei der Miete mache ich dir einen Freundschaftspreis.“ Kingsley griff in seine Jackettasche. „Hier, der Vertrag ist fertig ausgearbeitet, du musst nur noch unterschreiben …“

„Klingt fast zu schön, um wahr zu sein“, entgegnete David unbeeindruckt. „Was ist dein Preis?“

„Das kannst du dir denken, oder? Annabeth. Ich will, dass du sie beschützt – und zwar höchstpersönlich, rund um die Uhr. Kümmere dich um sie bis nach der Hochzeit ihrer Schwester, und das Gebäude steht zu deiner Verfügung.“

David fühlte sich, als hätte man ihm eine Schlinge um den Hals gelegt, die sich von Sekunde zu Sekunde immer weiter zuzog. An diesem Punkt war er schon einmal gewesen, damals, vor elf Jahren. Zu jener Zeit hatte er mit dem Rücken an der Wand gestanden und keine andere Wahl gehabt, als sich Kingsley komplett auszuliefern.

Seither hatte sich viel verändert, er war nicht mehr der leicht zu beeindruckende Zwanzigjährige ohne Geld und Verbindungen. Heute konnte er es sich leisten, Kingsleys generöses Angebot einfach abzulehnen, ganz egal, wie verzweifelt er nach einer Immobilie für seine Akademie suchte. Er würde schon noch etwas anderes finden.

Doch dann sah er vor seinem geistigen Auge wieder Jonathan vor sich, der vorhin noch nervös auf seinem Stuhl herumgerutscht war und auf eine Chance gewartet hatte. Es waren Menschen wie er, die dringend einen Ort wie seine Akademie brauchten, damit sie nicht so endeten wie sein Bruder Mark. Dessen Zorn hatte sich irgendwann in eine alles verschlingende Kraft verwandelt und unschuldige Menschen wie Christine in einen tödlichen Abgrund gerissen. Noch immer fühlte David sich schuldig deswegen. So etwas wollte er nie wieder erleben.

Die Akademie war seine Art der Wiedergutmachung, ein Versuch, den Dämonen der Vergangenheit etwas Positives entgegenzustellen. Um das zu verwirklichen, war er bereit, viele Opfer zu bringen. Und doch hatte diese Bereitschaft genau da ihre Grenzen, wo sein Inneres aus der Balance geriet.

Seine kurze Begegnung mit Annabeth vorhin hatte alles wieder zutage gefördert, was er schon vor Jahren tief in sich vergraben hatte – seine Gewissensbisse, seine Reue, seinen Schmerz. Deshalb zögerte er nicht lange, sah Kingsley gerade ins Gesicht und sagte: „Ich pfeife auf dein Angebot.“

3. KAPITEL

Annabeth saß am Schreibtisch und versuchte vergeblich, sich auf ihre Akten zu konzentrieren. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, nach der Begegnung mit David wieder ins Büro zu fahren, überlegte sie, während sie resigniert auf den Schriftsatz starrte. Sie war zu aufgewühlt, um irgendetwas zustande zu bringen – und das passierte ihr sonst nie.

Die Fälle, die sie im Auftrag der Stiftung Helping Hands bearbeitete, hatten für sie normalerweise oberste Priorität. Schließlich ging es darum, alleinerziehende Mütter dabei zu unterstützen, ihren Unterhalt einzuklagen.

Die Frauen, die zu ihr in die Sprechstunde kamen, leisteten Großartiges. Sie versorgten den Haushalt, die Kinder, gingen zur Arbeit und kämpften dafür, am Monatsende nicht wieder in den Dispo zu rutschen. Anerkennung erhielten sie dafür nicht, weder vom Staat noch vom Kindsvater, der immer einen Grund fand, seiner Familie das Geld vorzuenthalten.

Das Mindeste, was Annabeth für diese Frauen tun konnte, war es, ihnen ihre gesamte Aufmerksamkeit zu schenken. Doch dazu sah sie sich gerade nicht in der Lage.

Resigniert klappte sie den Aktendeckel zu und beschloss, nach Hause zu fahren, joggen zu gehen und sich anschließend unter die kalte Dusche zu stellen. Also griff sie nach der Maus auf der Tischplatte, um den Computer herunterzufahren. Im letzten Moment aber besann sie sich anders und gab Davids Namen bei Google ein.

Sofort öffnete sich eine lange Liste von Einträgen, meist Wirtschaftsnachrichten und Börsennotizen, die sich um Novak Securities drehten. Der Konzern, den David über die Jahre aufgebaut hatte, war mittlerweile Millionen wert.

Annabeth überflog Firmenporträts und Analystenkommentare, Abhandlungen über Alarmanlagen und Patente, Artikel über Preise und Auszeichnungen, die David erhalten hatte. Zu persönlichen Dingen erfuhr sie kaum etwas, es gab lediglich ein paar Fotos, die ihn im schmal geschnittenen Anzug zeigten, sein dunkles, von Natur aus welliges Haar seriös gebändigt und geschnitten. Als ehemaliger Bodyguard schien er eine seiner wichtigsten Sicherheitsregeln selbst beherzigt zu haben: Privates sollte privat gehalten werden, um privat zu bleiben.

Zu ihrer Enttäuschung entdeckte Annabeth daher auch keine Informationen zu seinem Beziehungsstatus. David schien die sozialen Netzwerke zu meiden und war bisher auch nirgendwo in Begleitung einer Frau abgelichtet worden. Ob er verheiratet oder geschieden und was aus seinem Kind geworden war, von dem sie damals quasi im Nebensatz erfahren hatte – das Internet gab nichts darüber preis.

Aber gerade, als ihr einfiel, dass sie das alles eigentlich gar nichts anging, piepte ihr Smartphone.

Wo bist du gerade?, las sie auf dem Display. Sie runzelte die Stirn. Eine Nachricht von Brad, wieder einmal. Dabei hatten sie doch eine Auszeit vereinbart, um endlich Abstand voneinander gewinnen zu können.

Fast ein Jahr lag ihre Trennung nun schon zurück, aber noch immer fiel es ihrem Ex-Freund schwer, das zu akzeptieren. Meist schaffte er es nur zwei Wochen am Stück, sich nicht zu melden, und schickte ihr dann wieder Blumen, Pralinen oder Kurznachrichten.

Anfangs hatte Annabeth ein extrem schlechtes Gewissen gehabt, weil die Trennung von ihr ausgegangen war. Ein bisschen fühlte sie sich noch immer schlecht deswegen. Allerdings musste sie sich inzwischen auch eingestehen, dass ihr dieser Dauerbeschuss an ungewollten Aufmerksamkeiten auf die Nerven ging.

Entsprechend knapp fiel daher ihre Antwort aus. Büro, tippte sie in ihr Smartphone und fuhr kurz entschlossen den Computer herunter. Es wurde wirklich höchste Zeit, dass sie nach Hause kam.

Doch schon Sekunden später blinkte eine neue Nachricht von Brad auf ihrem Handy auf. Können wir uns heute noch sehen?, fragte er.

Verärgert presste Annabeth die Lippen zusammen. Was sollte das denn jetzt? Nein, schrieb sie zurück. Wir haben uns getrennt, versteh das endlich.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Ist nicht so einfach. Du fehlst mir.

Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog. Gott, sie hasste es, anderen Menschen wehzutun. Tut mir leid. Aber es ist besser so, schrieb sie zurück.

Piep. Da war sie schon, die nächste Nachricht. Wenn du das sagst, las Annabeth auf dem Display. Legst du eine Spätschicht in der Kanzlei ein?

Nein, bin schon fast auf dem Weg nach Hause, antwortete sie. Mach’s gut. Damit verstaute sie das Handy und ein paar Akten in ihrer geräumigen Tasche und verließ das Büro.

Durch die Aufregung um David war eine Menge Arbeit liegengeblieben, die sie über das Wochenende würde nachholen müssen. Aber das war in Ordnung, schließlich wusste sie, für wen sie das alles tat. Und wenn sie ihre Akten zu Hause auf ihrem winzig kleinen Balkon lesen und dabei eine Tasse Earl Grey trinken konnte, war das auszuhalten.

Draußen trat Annabeth in einen für Londoner Verhältnisse ­relativ warmen Juliabend, wie gemacht für eine Joggingrunde durch die Furnivall Gardens an der Themse. Vorsichtig sah sie sich um. Keiner der beiden Bodyguards, die sich in den vergangenen Tagen an ihre Fersen geheftet hatten, war in Sicht. David hatte also Wort gehalten. Wenigstens dieses eine Mal.

Sie nahm die U-Bahn bis zur Hammersmith Station und machte noch einen Abstecher zu Tesco’s, um sich für den Abend mit ­Tomaten, Käse und Wein einzudecken. Während sie an der Kasse wartete, klingelte plötzlich ihr Handy. Sie nahm den Anruf entgegen – es war eine ihrer Freundinnen, die vorschlug, in einen Club zu gehen. Aber Annabeth lehnte ab. Ihr stand nicht der Sinn nach Musik und Gesellschaft.

Schließlich machte sie sich zu Fuß auf den Nachhauseweg, vorbei am St. Paul’s Centre und dem dazugehörigen Park. In einer zentral gelegenen, aber ruhigen Seitenstraße bewohnte sie ein Apartment im ersten Stock eines Backsteinkomplexes mit schmalen Treppenaufgängen und weißen Fensterrahmen.

Sie liebte das Unprätentiöse ihres Viertels, die Delis und Pubs, das freundliche Desinteresse ihrer Nachbarn. Hier kümmerte es niemanden, ob sie die Tochter eines Milliardärs oder eines Müllmanns war, hier hatte sie die Freiheit, unbeobachtet so zu leben, wie sie es sich vorstellte – und dafür war sie jeden Tag aus tiefstem Herzen dankbar.

Vor ihrem Haus angekommen, blieb sie stehen und kramte nach ihrem Schlüssel, der in den Tiefen ihrer Tasche verschwunden zu sein schien. Entnervt stellte sie die Einkaufstüte neben sich auf dem Bürgersteig ab, um beide Hände frei zu haben. Sie sollte sich wirklich angewöhnen, den Schlüssel in das kleine Seitenfach zu schieben, dachte sie noch, als auf der Straße vor ihr plötzlich ein Motor aufheulte.

Annabeth hob den Kopf, und das Nächste, was sie sah, war ein schwarzer Lieferwagen, der ungebremst auf sie zuraste. Sie blickte in das grelle Licht von Scheinwerfern, die immer näher kamen, und der beißende Geruch von verbranntem Gummi stieg ihr in die Nase. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, brachte aber keinen Ton heraus.

Unfähig, sich zu rühren, sah sie den Tod auf sich zurollen. Doch im nächsten Moment wurde sie von hinten an der Hüfte gepackt. Bevor sie wusste, was geschah, riss sie jemand zur Seite und beförderte sie unsanft über den flachen Vorgartenzaun zu ihrer Rechten.

Mit Wucht schlug sie auf dem penibel gemähten Rasen auf, spürte einen stechenden Schmerz an ihrer Schläfe und schmeckte Erde in ihrem Mund.

Wie aus weiter Ferne drang das Quietschen von Reifen an ihr Ohr, gepaart mit dem Klang entschlossener Schritte, die über den Asphalt hallten.

Sie schloss die Augen und sank in ein tiefes, undurchdring­liches Schwarz.

4. KAPITEL

„Anna? Kannst du mich hören?“

Sie fühlte, dass zwei Hände nach ihr griffen und sie nach oben zogen.

„Komm, ich bringe dich hier weg.“

Benommen registrierte sie, dass sie hochgehoben wurde. Ihre Wange lag auf einer starken Schulter, und mit ihrer Nasenspitze berührte sie eine sauber rasierte Halsbeuge.

Dieser Duft. Eine Mischung aus Moschus, Seife und Aftershave. Sie erkannte ihn sofort.

„David“, sagte sie leise. „Wo sind meine Tomaten?“

„Wie bitte?“

„Meine – Tomaten“, wiederholte sie. „In der Tüte. Auf dem Bürgersteig …“

„Oh.“ Ohne stehenzubleiben, schaute er über die Schulter zurück. „Die sind … Sieh besser nicht hin.“

Annabeth runzelte die Stirn und versuchte zu erfassen, was eigentlich geschehen war. Der Lieferwagen. Die Tomaten. Wenn David nicht gewesen wäre … Eine eisige Faust legte sich um ihr Herz. Irgendjemand hatte tatsächlich versucht, sie umzubringen.

„Danke, dass du da warst“, flüsterte sie. „Aber – wieso bist du eigentlich da?“

„Reiner Zufall“, entgegnete er und steuerte mit ihr geradewegs auf seinen Wagen zu, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand. Der Fahrer hatte ihn bereits kommen sehen und die hintere Tür weit geöffnet.

Ohne Zeit für weitere Erklärungen zu verlieren, setzte er Annabeth auf der Rückbank ab und glitt neben sie. Kaum hatte der Fahrer die Tür hinter ihnen geschlossen und am Steuer Platz genommen, wies David ihn an: „Zum Flugplatz, bitte.“

Sie rührte sich nicht, als der Wagen sich in Bewegung setzte, fragte auch nicht danach, wohin er sie bringen würde. David schob das auf den Schock, unter dem sie ganz offensichtlich noch stand – und auch ihm selbst stockte der Atem, wenn er an das dachte, was sich eben abgespielt hatte.

Der Lieferwagen war ihm sofort aufgefallen, ohne dass er hätte sagen können, warum. Instinkt. Das Nummernschild kaum lesbar, der Fahrer vermummt – so etwas war immer verdächtig. Und dann scherte der Typ auch noch auf den Bürgersteig aus, geradewegs auf Annabeth zu, die vor ihrem Haus stehen geblieben war.

David hatte nicht nachgedacht, sondern war einfach losgerannt. Hatte sie gepackt, in den Vorgarten verfrachtet und auf dem Absatz kehrtgemacht, um die Verfolgung aufzunehmen – natürlich vergeblich. Der Fahrer hatte das Gaspedal durchgedrückt und war genauso schnell wieder verschwunden, wie er auf der Bildfläche erschienen war.

Neben ihm gab Annabeth nun einen kleinen gequälten Laut von sich, und David drehte sich zu ihr um. Sie hatte die Augen geschlossen, und in ihrem Haar steckten lauter Grashalme. Allein der Gedanke daran, was hätte passieren können, wenn er nicht zufällig zur Stelle gewesen wäre, brachte sein Herz aus dem Takt.

Es war keine zwei Stunden her, da hatte er noch geglaubt, es seiner Professionalität schuldig zu sein, ein letztes Mal mit ihr zu reden, bevor er sich in sein verlängertes Wochenende und für immer aus ihrem Leben verabschiedete. Schließlich waren George und er im Streit auseinandergegangen, und bis zum Schluss hatte sich der Multimilliardär geweigert, einen anderen Sicherheitsdienst für seine Tochter auch nur in Erwägung zu ziehen.

„Du änderst deine Meinung schon noch“, hatte er gesagt – und David mit einem Gefühl wachsender Unruhe zurückgelassen.

Wie konnte er nach Dubrovnik aufbrechen, wenn nicht geklärt war, wer Annabeth künftig beschützen würde? Ob er es nun wollte oder nicht, die Angelegenheit betraf auch ihn, schließlich war seine Firma ursprünglich mit dem Auftrag betraut gewesen. Und Klienten, für deren Sicherheit Novak Securities einmal verantwortlich war, überließ er nicht sich selbst. Auch dann nicht, wenn sie so uneinsichtig waren wie Annabeth.

Deshalb hatte er nicht den direkten Weg zum Flughafen gewählt, sondern seinen Fahrer gebeten, einen Abstecher nach Hammer­smith zu machen. Er wollte Annabeth die Visitenkarte geben, die ihr Vater abgelehnt hatte, damit sie wenigstens eine Adresse hatte, an die sie sich im Notfall wenden konnte.

Und jetzt saß sie neben ihm. Er wusste, dass er ihr anbieten sollte, sie zu ihrer Familie zu bringen, statt sie einfach ungefragt nach Dubrovnik zu entführen. Und doch blieb er stumm. Er ahnte, dass er das alles schon bald bereuen würde, sah stur geradeaus und hoffte, dass der Streit mit Anna erst dann losbrach, wenn sie längst in der Luft waren.

Was genau ihn dabei antrieb, wollte er selbst nicht so genau wissen. Das Einzige, was er mit Gewissheit sagen konnte, war, dass es nichts mit George Kingsleys jüngstem Angebot zu tun hatte. Die Akademie lag ihm am Herzen, das war unbestritten. Aber er würde sich trotzdem von nichts und niemandem kaufen lassen.

Der Wagen erreichte den Flugplatz, wurde vom Sicherheitspersonal zum Bereich der Privatjets durchgewinkt und kam schließlich vor einer silbergrauen Maschine mit der Aufschrift „Novak Securities“ zum Stehen. Annabeth sah ungläubig aus dem Fenster.

„Wo – wo bringst du mich hin?“, fragte sie.

„In Sicherheit.“

„Geht das ein bisschen konkreter?“

David seufzte. So viel also zu seiner Hoffnung, sich erst über den Wolken mit ihr streiten zu müssen. Mit ein bisschen Pech endete die ganze Sache gleich hier auf dem Rollfeld. „Ich fliege für ein paar Tage privat nach Dubrovnik und würde dich gerne mitnehmen“, sagte er dann. „So kann ich mich vergewissern, dass dir in der Zeit meiner Abwesenheit nichts geschieht, während wir ein langfristiges Schutzkonzept für dich ausarbeiten, mit dem du dich auch wohlfühlst.“

Sie öffnete den Mund zu einer schnellen Antwort und schloss ihn wieder. Dann, nachdem sie ein paar Sekunden vor sich hingestarrt hatte, sagte sie zu seiner Überraschung: „Es war naiv von mir zu glauben, dass ich keinen Personenschutz benötige. Ich war wirklich davon überzeugt, dass mir nichts geschieht. Aber das eben … Dieser Lieferwagen – damit hätte ich nie gerechnet …“

Er nahm ihre Hand. „Ich weiß.“

Sie verstummte und schien ihren Gedanken nachzuhängen. „Dubrovnik?“, fragte sie nach einer Weile.

„Wie du weißt, bin ich dort geboren“, entgegnete er. „Meine Mutter hat diese Stadt geliebt. Leider starb sie, bevor ich mir dort mein eigenes Haus leisten konnte. Warst du schon mal da?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ein Dichter hat mal geschrieben, dass alle, die das Paradies auf Erden suchen, nach Dubrovnik reisen sollten.“

Skeptisch verzog Annabeth das Gesicht. „So schön ist es dort?“

„Schöner als alles, was du bisher gesehen hast.“

Ihre Blicke trafen sich, und in diesem Moment wurde David die Nähe zu ihr überdeutlich bewusst. Er spürte ihre Wärme, atmete ihren Duft ein, entdeckte die winzig kleinen Sommersprossen auf ihrer Nasenspitze.

Doch dann entzog sie ihm ihre Hand, setzte sich aufrecht hin und sagte: „Ich werde nicht mit dir schlafen, weißt du.“

David war so verblüfft, dass er nicht wusste, ob er amüsiert oder pikiert sein sollte. Irgendwie aber schaffte er es, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen. „Das wäre also geklärt“, erwiderte er dann und stieg aus.

Sie flogen in die Dämmerung hinein, und der Himmel vor dem kleinen Kabinenfenster zeigte sich in allen erdenklichen Blau- und Graunuancen. Annabeth blickte hinaus, bis es immer dunkler wurde und sie schließlich in der Finsternis der Nacht nichts mehr erkennen konnte. Unauffällig sah sie zu David hinüber, der sich in eine Zeitung vertieft hatte. Was zum Teufel machte sie hier eigentlich?

Statt das Wochenende wie geplant zu Hause zu verbringen, flog sie mit David Novak an die Adriaküste. Ausgerechnet mit dem Mann, dem sie nie wieder vertrauen wollte – und in dessen Armen sie sich vorhin trotzdem so sicher gefühlt hatte.

Annabeth versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, aber alle ihre Instinkte waren alarmiert. Sie wusste, dass sie in Gefahr war, doch paradoxerweise hatte sie dabei weniger Angst vor dem Fahrer des Lieferwagens als vor David.

Schließlich hatte er ihr schon einmal das Herz gebrochen. Von einem Tag auf den anderen war er aus ihrem Leben verschwunden und hatte sie mit ihrer Wut, ihren Fragen, ihren zerstörten Hoffnungen und ihrem Schmerz zurückgelassen. Es hatte danach unendlich lange gedauert, bis sie einigermaßen wieder Fuß gefasst hatte. Damals hatte sie sich geschworen, ihn niemals wieder so nah an sich heranzulassen. Und jetzt warf sie all diese Vorsätze über Bord und lieferte sich ihm freiwillig aufs Neue aus? Was war nur mit ihr los?

Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und versuchte, sich über das klar zu werden, was in ihr vorging. Das Bild des schwarzen Lieferwagens, der auf sie zuraste, stieg vor ihr auf, und sie fing an zu zittern. Wer auch immer es war, der ihr nach dem Leben trachtete, er meinte es ernst. Und David hatte absolut richtig gehandelt, als er beschlossen hatte, sie so schnell wie möglich an einen anderen Ort zu bringen.

Natürlich hätte es auch Alternativen gegeben. Ihr Vater besaß Immobilien in allen Winkeln der Erde. Nur hätte sie dort nicht allein bleiben wollen, nicht nach dem, was sie vorhin erlebt hatte. Genauso wenig hätte sie die Gesellschaft ihres Vaters und ihrer Halbschwester ertragen. Und bei David fühlte sie sich paradoxerweise so geborgen wie noch niemals zuvor.

Doch genau das war die Falle, in die sie kein zweites Mal tappen durfte. Er hatte ihr das Leben gerettet, ohne Zweifel. Trotzdem konnte sie ihm nicht trauen. Hinterher stellte sich noch heraus, dass ihr Vater die ganze Sache nur inszeniert hatte, damit sie endlich einwilligte, sich von David und seinen Leuten beschützen zu lassen.

Bei diesem Gedanken erstarrte sie. War es nicht ein merkwürdiger Zufall, dass David ausgerechnet dann zur Stelle gewesen war, als sie ihn am nötigsten brauchte?

„Sag mal, weiß mein Vater schon, was geschehen ist?“, fragte sie so beiläufig wie möglich.

David ließ die Zeitung sinken und sah sie an. „Von mir nicht.“

„Hat er dich gebeten, bei mir nach dem Rechten zu sehen, oder warum bist du so plötzlich vor meiner Wohnung aufgetaucht?“

„Er hat mich gebeten, weiterhin für deinen Schutz zu sorgen, aber ich habe diesen Auftrag abgelehnt“, antwortete er mit fester Stimme.

Annabeth hob eine Augenbraue. „Tatsächlich? Wieso das?“

„Weil du mir unmissverständlich klargemacht hast, dass du meine Hilfe nicht willst.“

„Und … was wolltest du dann bei mir?“

„Dir einen unserer Mitbewerber empfehlen. Damit irgendwer auf dich aufpasst.“

Ihr Herz schlug plötzlich einen Takt schneller. „Warum ist dir das so wichtig?“

„Aus professionellen Gründen.“ David hob die Zeitung wieder vor sein Gesicht. „Wenn sich in der Branche rumspricht, dass wir nicht alles Erdenkliche versuchen, um unsere Klienten zu schützen, schadet das unserem Ruf.“

„Verstehe“, sagte sie tonlos.

Er seufzte und legte die Zeitung beiseite. „Du glaubst mir kein Wort, oder?“

„Nun, ich frage mich schon, wie du es geschafft hast, in genau der Sekunde als Retter in der Not aufzutauchen, als dieser Lieferwagen auf mich zuraste.“

„Ich habe dir das schon mal gesagt: Es war Zufall.“

„Zufall oder ein genialer Schachzug meines manipulativen ­Vaters?“

„Das eben hätte dich dein Leben kosten können“, sagte David, und seine Miene verdüsterte sich. „Nicht einmal George wäre so verrückt, dich einer solchen Gefahr auszusetzen. Und ich würde bei so etwas ganz sicher nicht mitmachen – niemals.“

Annabeth sah ihn an und suchte in seinem markanten Gesicht nach Antworten. Seine Augen wirkten noch dunkler als sonst, und seine Lippen waren vor Wut fest aufeinandergepresst. War er wirklich ehrlich zu ihr? Es schien so, aber wirklich sicher konnte sie sich bei ihm nie wieder sein.

Abwesend griff sie neben sich und stellte zum ersten Mal fest, dass ihre Tasche verschwunden war. Oh Gott, war die etwa auf der Straße liegen geblieben – mit all den vertraulichen Unterlagen zu ihren anstehenden Gerichtsverfahren?

„Suchst du etwas?“, fragte David.

„Ja, meine Aktentasche – haben wir die eben mitgenommen?“

„Natürlich, sie liegt über dir in der Gepäckablage.“

„Gott sei Dank!“ Eilig schnallte Annabeth sich ab und stand auf, um die Tasche aus dem Fach zu nehmen. Dann setzte sie sich beruhigt wieder hin.

„Ist was Wichtiges drin?“, hakte er nach.

„Ja, meine Akten.“

„Da wäre ich jetzt nie drauf gekommen.“

Ein winzig kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. Früher hatte er sie mit seinem trockenen Humor oft zum Lachen gebracht, aber das war lange her. Daher bemühte sie sich um einen möglichst sachlichen Ton, als sie antwortete: „Ich hatte mir für das Wochenende Arbeit mit nach Hause genommen. Und Unterlagen wie diese sollte man nirgendwo liegen lassen.“

„Was machst du genau? Also, beruflich, meine ich.“

„Hast du das denn vorher nicht recherchiert?“

„Ich bin kein Stalker“, stellte David klar. „Und natürlich weiß ich, dass du als Juristin für eine Stiftung arbeitest – nicht aber, was genau du da tust.“

„Ich helfe alleinerziehenden Müttern, ihre Unterhaltsansprüche einzuklagen, und vertrete sie auch vor Gericht“, antwortete sie.

David warf ihr einen anerkennenden Blick zu. „Eine sehr ­ehrenvolle Aufgabe.“

„Meinst du das ernst?“

„Absolut. Meine Mutter war auch auf sich allein gestellt, nachdem mein Vater uns verlassen hatte, und das Geld reichte hinten und vorne nicht.“

Annabeth umklammerte ihre Aktentasche. „Weißt du, das ist der Grund, warum ich auch am Wochenende viel von zu Hause arbeite. Diese Frauen rackern sich oft in zwei verschiedenen Jobs ab und können ihren Kindern trotzdem den Klassenausflug nicht bezahlen, während die dazugehörigen Väter sich um jeden Cent bitten lassen. Diese Familien brauchen eine schnelle Klärung ihrer Situation, und da bringe ich es einfach nicht übers Herz, die Akten lange unbearbeitet zu lassen.“

„Nun, du kannst das Büro und den WLAN-Anschluss in meinem Haus selbstverständlich nutzen“, sagte David. „Trotzdem hoffe ich, dass du dich nicht die ganze Zeit in deinen Unterlagen vergräbst und stattdessen das Meer genießt, das direkt vor der Haustür liegt.“

„Dein Haus ist also direkt am Wasser?“

„Mit eigenem Strand.“ Er lächelte. „Und von der Balkonterrasse aus hast du einen großartigen Blick auf die Altstadt.“

Über den Lautsprecher kam die Durchsage, dass sie zum Landen ansetzten, und Annabeth schloss eilig wieder ihren Sicherheitsgurt. Sie hätte sich niemals träumen lassen, zusammen mit David in seine Heimat zu reisen, obwohl er ihr damals oft davon erzählt hatte. Als Kind war er mit seinen Eltern vor dem Kroatienkrieg nach Großbritannien geflohen, hatte aber nie vergessen, woher er kam.

„Du musst sehr müde sein“, sagte David, nachdem er ihr einen prüfenden Blick zugeworfen hatte. „Aber keine Sorge, die Fahrt vom Flughafen dauert nicht lange.“

Wenig später setzte die Maschine auf dem Rollfeld auf. Genau wie in London stand ein Wagen für sie bereit. Neben dem Fahrer wartete diesmal allerdings auch ein uniformierter Mitarbeiter der Einreisebehörde, der ihre Papiere kontrollierte. Anschließend stiegen Annabeth und David in die Limousine und fuhren in die Nacht hinaus.

Ihr war aufgefallen, dass David kaum Gepäck bei sich hatte. Sie selbst jedenfalls würde bei nächster Gelegenheit einen Einkaufsbummel einplanen müssen, schließlich war sie völlig unvorbereitet mit Businesskostüm und Aktentasche ins Flugzeug gestiegen.

„Gibt es in deinem Haus eine Gästezahnbürste?“, fragte sie deshalb.

Er lächelte. „Sogar mehr als das. Ich habe die anderen gebeten, dir ein paar Sachen zu besorgen. Damit es dir an nichts fehlt, bis wir nach deinen Vorstellungen für dich einkaufen können.“

Die anderen? Wen meinte er? Annabeth wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Wann bitte schön hatte er die Zeit gehabt, jemanden zu bitten, für sie einzukaufen? Da fiel ihr ein, dass er vor dem Start der Maschine eilig auf seinem Smartphone herumgetippt hatte. Wahrscheinlich hatte er auf diese Weise irgendwelche Mitarbeiter beauftragt, und wahrscheinlich sollte sie endlich damit aufhören, so verdammt misstrauisch zu sein. Doch nach allem, was in der Vergangenheit zwischen ihnen vorgefallen war, fiel ihr das unendlich schwer.

Je näher sie der Altstadt kamen, desto belebter wurden die Straßen. Annabeth sah junge Mädchen in Sommerkleidern, die lachend zu ihren Freunden ins Auto stiegen. Ältere Frauen, die schwatzend vor ihren Häusern saßen. Männer im Straßencafé, die wild gestikulierend aufeinander einredeten. Schließlich ragte die hell erleuchtete Stadtmauer Dubrovniks vor ihr auf: Mit Toren und Bastionen schlängelte sie sich auf wuchtigen Felsen entlang, die unermüdlich von der Adria umspült wurden. Etwas derartig Majestätisches hatte Annabeth noch nie gesehen.

„Wow“, entfuhr es ihr. „Ist die echt?“

„Jeder Stein“, entgegnete David, und in seiner Stimme schwang so viel Stolz mit, als hätte er die Mauer eigenhändig erbaut. „Seit der ersten Belagerung der Stadt im neunten Jahrhundert ist sie unverwüstlich.“

„Man kann doch draufklettern, oder?“

„Wenn du es vorher schaffst, die vielen Touristen beiseitezustoßen, hast du vielleicht eine Chance.“ Er grinste schief. „Es ist wirklich unglaublich, welche Menschenmassen die Kreuzfahrtschiffe hier tagtäglich auf die Stadt loslassen. Aber wenn wir früh morgens aufbrechen, ergattern wir vielleicht noch einen guten 65. Platz in der Warteschlange vor dem Aufgang.“

„Oha, ich weiß nicht, ob ich mir diesen Sightseeing-Stress wirklich antun sollte.“

„Bist du nicht extra deswegen hergekommen?“

Sie musste lächeln. „Klar, ich wollte schon immer mit einer Horde Pauschalreisender in der Mittagshitze stehen und aufs Meer hinunterblicken.“

„Ich verspreche dir, dass du diese Strapaze nicht bereuen wirst“, erwiderte er leichthin.

„Irgendwie klingt das nicht, als hätte ich eine Wahl.“

„Sagen wir mal so: Du wirst dieses Land nicht verlassen, bis du ein Selfie von dir auf der Stadtmauer gemacht hast. Übrigens – wir sind da.“

Der Wagen rollte in die Einfahrt eines weitläufigen Anwesens, das von Oliven- und Pinienbäumen gesäumt war. Ungeachtet der späten Stunde war alles hell erleuchtet, die Fenster der mehrstöckigen, auf einer Anhöhe gelegenen Villa genau wie die Laternen in den Grünflächen. Annabeth runzelte die Stirn. Während des gesamten Flugs hatte sie sich gefragt, wie sie es aushalten sollte, ein paar Tage lang allein mit David in seinem Haus zu verbringen. Aber so, wie es schien, wurden sie bereits erwartet.

Noch bevor sie die Wagentür öffnete, entdeckte sie das kleine Grüppchen, das auf der Veranda stand und offenbar nur darauf wartete, sie in Empfang zu nehmen. Im ersten Moment dachte Annabeth, dass es sich um Davids Mitarbeiter handeln musste, das Serviceteam, das die Villa in seiner Abwesenheit für ihn in Schuss hielt. Aber dann sah sie genauer hin und entdeckte … Kinder. Zwei Jungen und ein Mädchen mit zwei Zöpfen, um genau zu sein. Der Größte unter ihnen war schätzungsweise elf oder zwölf Jahre alt.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Doch bevor ihr Gehirn diese Information vollständig verarbeiten konnte, war David ausgestiegen, lachte und rief etwas auf Kroatisch, das Annabeth nicht verstehen konnte. Daraufhin löste sich eine schlanke junge Frau aus der Gruppe, sprang leichtfüßig die Treppen herunter und fiel in seine weit ausgebreiteten Arme.

5. KAPITEL

Das war sie also, schoss es Annabeth durch den Kopf. Die Frau, die vor elf Jahren schwanger von ihm gewesen war. Die Mutter seiner Kinder, ganz offensichtlich, vielleicht sogar seine Ehefrau. Gott, er hatte sie zu seiner Familie gebracht! Und sie? Hatte sie ihm vorhin tatsächlich gesagt, dass sie nicht mit ihm schlafen würde? Er musste sich innerlich halb totgelacht haben.

Sie atmete tief durch, zwang ein Lächeln in ihr Gesicht und versuchte, nicht wie der begossene Pudel auszusehen, wie der sie sich gerade fühlte. Alles in Ordnung, sagte sie zu sich selbst. Eine Neuauflage ihrer Beziehung mit David war schließlich das Letzte, was sie gewollt hatte. Warum aber tat es dann so weh, seine Hand auf der Hüfte dieser Frau liegen zu sehen, und ihn dabei zu beobachten, wie er über all das lachte, das sie ihm wild gestikulierend erzählte?

Da drehte David sich plötzlich zu ihr um. „Anna, komm her zu uns. Ich möchte dir Maria vorstellen.“

Mit zitternden Knien stieg sie aus dem Wagen, trat näher und sah sich einer hübschen Brünetten gegenüber, die etwa in ihrem Alter sein musste. Sie trug Jeansshorts, T-Shirt und Flipflops und lächelte sie freundlich an.

„Schön, dich endlich kennenzulernen, Anna“, sagte sie in fast akzentfreiem Englisch. „Splash hat uns schon viel von dir erzählt.“

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Wer?“

Lachend drehte Maria sich zu David um und stieß ihn in die Seite. „Sag bloß, sie kennt deinen Spitznamen nicht.“

„Nein, und es gibt auch keinen Grund, sie ausgerechnet jetzt darüber aufzuklären.“

„Aber das muss sie einfach von dir wissen!“ Sie wandte sich wieder an Annabeth. „Also, wir waren etwa zwölf und haben wie immer versucht, auf die Boote zu klettern, die unten am alten Stadthafen vor A…“

„Wirst du wohl aufhören, hier meine dunkelsten Geheimnisse auszuplaudern“, fiel David ihr ins Wort und gab ihr mit dem Zeigefinger einen spielerischen Stups auf die Nasenspitze. Dann nahm er Anna bei der Hand. „Ich glaube, das ist ein guter Zeitpunkt, Marias Familie zu begrüßen, wenn auch nur ein Bruchteil davon anwesend ist.“

Marias Familie? Nicht seine? Annabeth verstand kein Wort, wurde aber schon im nächsten Augenblick von einer älteren Dame mit grauem Dutt in die Arme geschlossen, die ihr als Mara, Marias Großmutter, vorgestellt wurde. Mirko und Paul, offensichtlich Brüder, gaben ihr höflich die Hand und begrüßten sie auf Englisch. Die Kinder nickten ihr nur verstohlen zu und drängten sich gleich um David, der das Mädchen sofort auf den Arm nahm und den beiden Jungs liebevoll die Haare verstrubbelte.

„Tom kommt leider erst morgen, er hat heute dienstlich in Zagreb zu tun“, sagte Maria hinter ihr.

„Wer – wer ist Tom?“

„Na, mein Mann natürlich. Splash hat dir ja anscheinend gar nichts von uns erzählt, was?“

Annabeth schüttelte den Kopf, während sie spürte, wie eine vollkommen irrationale Welle der Erleichterung durch sie hindurchströmte. Mein Mann. Maria war verheiratet, und das nicht mit David. Streng genommen konnte ihr das natürlich völlig egal sein, war es aber ganz offensichtlich nicht. Und das gab ihr wirklich zu denken.

„Dann – dann sind das hier eure Kinder?“, fragte sie, sobald sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte.

„Drei davon“, entgegnete Maria mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. „Die Zwillinge schlafen oben.“

„Was? Ihr habt tatsächlich fünf Kinder?“

„Tja, was soll ich sagen … Die Nächte hier sind lau, und Tom ist einfach unwiderstehlich.“ Sie zwinkerte Annabeth zu. „Aber keine Sorge, unsere Brut wird euch für die Dauer eures Aufenthaltes hier nicht auf die Nerven gehen. Die Jungs fahren morgen für eine Woche ins Fußball-Camp, meine Tochter ist pflegeleicht, und die Zwillinge sind erst zweieinhalb.“ Maria hakte sich bei Annabeth unter und führte sie zum Hauseingang. „Und jetzt komm, das Essen wird kalt.“

Annabeth wusste nicht genau, was sie sich vorgestellt hatte, als David ihr vor ein paar Stunden angeboten hatte, ihn nach Kroatien zu begleiten. Eine Luxusvilla vielleicht, edel und genauso unpersönlich eingerichtet wie sein Büro. Das Letzte, was sie erwartet hatte, war der Anblick von Kinderschuhen und Taucherflossen auf Terrakottafliesen, Familienfotos an den Wänden und eine Küche, die auf sympathische Weise unaufgeräumt wirkte. Getrocknete Kräutersträuße hingen von der Decke, Töpfe stapelten sich im Spülbecken, eine Katze schlief auf einem Holzstuhl, und eine ganze Armada von Kochbüchern quoll aus dem weiß lackierten Regal in der Ecke. Der Duft von Basilikum, Knoblauch und Tomaten hing in der Luft, gepaart mit dem Aroma von frisch gebratenem Fisch. Jetzt erst stellte Annabeth fest, wie hungrig sie war – vorhin im Flugzeug hatte sie noch keinen Bissen hinunterbekommen.

Marias Großmutter dirigierte die ganze Gruppe nach draußen auf die beleuchtete Balkonterrasse, wo ein langer, blank gescheuerter Holztisch stand, der mit himmelblauen Keramiktellern gedeckt war. Irgendjemand zog einen Korken aus einer Flasche, und gleich darauf wurde ein roter Landwein in einfache Wassergläser gegossen. Alle redeten durcheinander, während Maria und ihre Großmutter Berge von Köstlichkeiten aus der Küche heranschafften: eingelegte Oliven, gebratene Sardellen, selbst gebackenes Weißbrot, fruchtige Tomatensuppe und blaue Weintrauben.

Annabeth kam sich in dem ganzen Trubel ein bisschen verloren vor und trat an die Brüstung der Balkonterrasse, die hoch über den Felsen lag. Zu ihren Füßen schimmerte nachtblau die Adria, und rechts von ihr funkelten die Lichter der Altstadt von Dubrovnik. Zikaden zirpten in den Zweigen der Pinien, der Halbmond versteckte sich hinter einer kleinen Wolke, und Sterne übersäten das Firmament. Maria hatte recht gehabt: Die Nächte hier waren tatsächlich lau, wie geschaffen für die Liebe.

„Ach, hier bist du.“ David war hinter sie getreten, ohne dass sie es bemerkt hatte. Eine Weile standen sie einfach nur da und schwiegen. „Und? Gefällt es dir?“, fragte er dann.

„Es ist wunderschön“, sagte sie leise.

„Warte ab, bis du das alles bei Tag siehst.“ Behutsam nahm er ihren Arm. „Und jetzt komm – Mara kann es nicht ausstehen, wenn ihr Essen kalt wird.“

Als kurz darauf alle um den großen Tisch herumsaßen, fühlte Annabeth sich in eine andere Welt versetzt. Ihr Leben in London mit all seiner Hektik war meilenweit entfernt, und selbst der Angriff des schwarzen Lieferwagens bereitete ihr – in diesem Moment jedenfalls – keinerlei Kopfzerbrechen. Der Täter würde gefasst werden, das war nur eine Frage der Zeit. Daran hatte sie plötzlich keinen Zweifel mehr.

Seltsam, wie schnell sich die Dinge am Meer entspannen konnten. Der immer gleiche Klang der Wellen, die vor dem Haus gegen die Felsen schlugen, hatte eine beruhigende, fast einlullende Wirkung auf sie, und sie fragte sich, wovor sie eigentlich die ganze Zeit Angst gehabt hatte. Vor David etwa?

Er saß ihr gegenüber, hatte Jackett und Krawatte abgelegt, den Kragen seines blütenweißen Hemdes aufgeknöpft und die Ärmel hochgerollt. Während er sich mit Marias Brüdern auf Kroatisch unterhielt, brach er sich ein Stück Weißbrot ab, führte es zum Mund und kaute. Annabeth verfolgte jede seiner Bewegungen, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

Sein dichtes Haar war durch die leichte Brise, die vom Meer herüberwehte, in Unordnung geraten, und ein paar widerspenstige dunkle Locken ringelten sich auf seiner Stirn. So, wie er jetzt dasaß, erinnerte er sie an den Zwanzigjährigen, der ihr voller Eifer von seiner selbst konstruierten Alarmanlage erzählt hatte. Damals, mit siebzehn, hatte sie nicht mal die Hälfte von dem verstanden, was er sagte, sondern nur auf seinen Mund gestarrt und sich gefragt, wie es wäre, ihn zu küssen.

Und ehrlich gesagt fragte sie sich das jetzt wieder, denn der David, der vor ihr saß, war nicht der feige Verräter, der ihr nicht mehr in die Augen blicken konnte, nachdem sie in den Cotswolds erwischt worden waren. Er hatte auch keine Ähnlichkeit mehr mit dem kühlen Manager, der ihr in seinem Büro mit größtmöglicher Distanziertheit die Gründe dargelegt hatte, warum sie Personenschutz benötigte. Nein, der David, den sie vor sich sah, war derjenige, in den sie sich vor Jahren verliebt hatte. Und die Tatsache, dass ihr Herz bei diesem Gedanken schneller schlug, war irgendwie kein gutes Zeichen.

„Du willst sicher wissen, was wir hier alle machen“, meinte Maria neben ihr.

„Entschuldige – was hast du gerade gesagt?“

„Na ja, fragst du dich nicht, warum wir alle hier sind?“

„Ähm, vielleicht weil ihr hier wohnt?“, tippte Annabeth auf das Offensichtliche.

„Stimmt genau.“ Maria lachte und trank einen Schluck Wein. „Splash wollte das Haus nicht das ganze Jahr über unbewohnt lassen, nachdem er es gekauft hatte, und wir brauchten eine Menge Platz. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für meine Großmutter, die nach dem Tod von meinem Opa nicht allein bleiben wollte.“

„Dann ist das doch eine perfekte Lösung“, sagte Annabeth, beeindruckt davon, wie großzügig David seine Freunde unterstützte. „Wie lange kennt ihr euch denn schon?“

„Seit unserer Kindheit. Wir kommen zwar alle aus Dubrovnik, aber unsere Eltern haben sich erst in London bei der Asylbehörde richtig kennengelernt. Splash, Tom und ich sind in England zur Schule gegangen, haben die Sommerferien nach Kriegsende aber immer hier verbracht.“

„Deshalb sprichst du so gut Englisch.“

„Danke, aber ich habe schon wieder viel vergessen. Ich bin früher als die beiden Jungs nach Kroatien zurückgekehrt, weil meine Eltern in London nie richtig Fuß gefasst haben und außerdem fanden, dass ich dort nur schlechten Umgang habe.“ Sie grinste schief. „Tom und Splash waren zwischenzeitlich ja auch ganz schön in Schwierigkeiten, aber sie haben sich dann zum Glück doch noch wieder gefangen.“

Annabeth erinnerte sich daran, dass David ihr einmal davon erzählt hatte, wie er zusammen mit einer Gruppe von Freunden mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Man hatte ihn beim Autoknacken erwischt und ihm danach eine mehrmonatige Jugendstrafe aufgebrummt, die er unter anderem als Gärtnergehilfe in einem der Immobilienkomplexe ihres Vaters ableisten musste. Dort war er George Kingsley aufgefallen und hatte zuerst als Wachmann für ihn gearbeitet, bevor er später wegen seiner guten Leistungen und seiner Verlässlichkeit ins Team der Bodyguards übernommen worden war.

„Und – dein Mann? Was macht er beruflich?“, erkundigte sie sich schließlich bei Maria.

„Er leitet das kroatische Tochterunternehmen von Novak Securities von Zagreb aus“, erzählte die junge Frau. „Leider ist er unter der Woche deshalb nicht bei uns, dafür aber an den Wochenenden. Du wirst ihn morgen kennenlernen, dann gehen wir gemeinsam in die Stadt.“

„Ist dort denn etwas Besonderes los?“

„Das fragst du noch? Das Dubrovniker Sommerfestival wird morgen Abend eröffnet, und da gibt es ein riesengroßes Feuerwerk!“

„Oh – klingt ja toll“, entgegnete Annabeth und unterdrückte ein Gähnen. Sie fühlte sich nach all den Ereignissen dieses langen Tages plötzlich so erschöpft, dass allein der Gedanke an große Menschenmengen den Reflex bei ihr auslöste, sich die Bettdecke über den Kopf ziehen zu wollen.

„Entschuldige bitte – ich rede und rede die ganze Zeit und merke gar nicht, dass dir schon fast die Augen zufallen.“ Maria legte ihr die Hand auf den Arm. „Möchtest du dich zurückziehen? Dann zeige ich dir dein Zimmer.“

„Ja, gern.“ Annabeth erhob sich und weckte damit Davids Aufmerksamkeit, der sofort aufsprang.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte er. „Brauchst du etwas?“

„Nein, danke, ich bin nur sehr müde.“

„Natürlich, ich zeige dir, wo du schlafen kannst …“

„Das mache ich schon, Splash, setz dich wieder hin“, sagte ­Maria und drückte ihn sanft auf seinen Stuhl zurück.

„Aber …“

„Keine Widerrede, hörst du? Wer weiß, wann ich je wieder die Gelegenheit bekomme, die gesammelten Peinlichkeiten aus unserer Pubertätszeit zu erzählen, ohne dass du dazwischenfunkst …“, entgegnete Maria und schob Annabeth entschlossen ins Haus.

„Hier entlang“, sagte sie, als sie im Flur angekommen waren. „Wir fahren mit dem Fahrstuhl ins Dachgeschoss, da hat Splash sein eigenes Reich.“

Mit gemischten Gefühlen sah David den beiden nach. Marias Eifer war gut gemeint, aber er sah sich plötzlich an die Seite gedrängt. Eigentlich hatte er Anna sein Haus selbst zeigen wollen, Raum für Raum.

Warum ihm das so wichtig war, konnte er sich nicht genau erklären. Imponiergehabe vielleicht? Wollte er ihr vorführen, was er sich in den vergangenen Jahren erarbeitet hatte? Beweisen, dass sein Reichtum dem ihres Vaters mittlerweile in nichts nachstand?

Als ob er sie damit beeindrucken könnte. Über sich selbst den Kopf schüttelnd, griff David nach seinem Weinglas und lehnte sich zurück. Er lauschte dem Klang der Wellen und dem Gelächter seiner Freunde und spürte, wie die Anspannung der vergangenen Stunden von ihm abfiel.

Annabeth. Er hoffte, dass sie einschlafen konnte nach dem, was sie an diesem Tag erlebt hatte. Dass es ihr gut ging und sie die unfreiwillige Reise nach Kroatien trotz der widrigen Umstände ein bisschen genießen würde. Er selbst nahm sich vor, alles zu tun, was in seiner Macht stand, um dazu beizutragen.

Er schuldete ihr so viel mehr als das, denn Annabeth war der einzige Mensch, der nie etwas von ihm gewollt hatte. Seit er denken konnte, hatten andere immer Erwartungen an ihn gestellt. Seine Mutter, überfordert vom Alltag als Alleinerziehende in einem fremden Land, hatte die starke Schulter ihres ältesten Sohnes zum Anlehnen gebraucht. Sein drogenabhängiger Bruder hatte sein Geld und seine Hilfe eingefordert, wenn er mal wieder mit der Polizei in Schwierigkeiten geraten war. Und Christine hatte einen Vater für ihr ungeborenes Kind gesucht.

Mit Annabeth hingegen war es von Anfang an anders gewesen. Sie, die seit dem Tag ihrer Geburt alles besaß, brauchte nichts von ihm. Außer vielleicht, dass er ihre Träume teilte und sie in ihren aberwitzigen Ideen unterstützte. Aber sie hatte das Gleiche für ihn getan, stundenlang mit ihm in seiner Garage gesessen und sich den Prototyp seiner ersten Alarmanlage vorführen lassen. Sie hatte ihm die Arme um den Hals geschlungen und Dinge gesagt wie: „Du schaffst das. Ich glaube an dich.“

Ein Teil von ihm wünschte sich plötzlich wieder zu dieser unbeschwerten Zeit mit ihr zurück. Mit einem Mal hätte David alles dafür gegeben, sich endlich von der Vergangenheit zu befreien. War das wirklich so unmöglich? Wer sagte denn, dass man sich nicht vergeben, keinen Neuanfang wagen konnte?

Wenn der grausame Anschlag auf Annabeth irgendeinen Sinn hatte, dann vielleicht den, dass sie beide dadurch wieder zusammenfanden. Und vielleicht sollte er diese unverhoffte Chance einfach nutzen, statt trübsinnig über das Meer zu starren.

„Was wirst du tun, David?“, fragte die alte Mara neben ihm und lächelte, als hätte sie seine Gedanken erraten. „Hast du schon Pläne für die nächsten Tage hier gemacht?“

Er lächelte zurück. „Ich denke, ich werde Annabeth morgen die Stadtmauer zeigen.“

„Bist du sicher, dass dies ein guter Anfang ist?“, fragte die alte Frau skeptisch.

„Was spricht denn dagegen?“

„Du willst Annabeth doch für dich gewinnen und ihre Bastionen einreißen, oder?“ Marias Großmutter lächelte wissend. „Warum suchst du dir dafür ausgerechnet eine Festung aus, die nicht mal die Venezianer mit ihrer legendären Flotte zum Einsturz bringen konnten?“

Ein weitläufiges Penthouse erstreckte sich vor Annabeth, als sie mit Maria aus dem Lift trat. Der warme Terrakotta-Fußboden war dergleiche wie im Untergeschoss, doch die weiß getünchten Wände hier oben waren nicht mit Kinderzeichnungen und Familienbildern, sondern mit großen gerahmten Fotografien behängt. Annabeth betrachtete die schwarz-weißen Landschaftsaufnahmen, die in der näheren Umgebung entstanden sein mussten – hohe Wellen brachen sich an schroffen Felsen, eine Boje dümpelte in spiegelglattem Wasser, und ein zurückgelassenes Fischernetz lag einsam am Strand.

„Die sind schön“, sagte sie anerkennend und drehte sich zu Maria um. „Wer hat die gemacht?“

„Na, Splash natürlich“, antwortete die junge Frau. „Wenn wir anfangen, ihm auf die Nerven zu gehen, schnappt er sich seine ­Kamera und verschwindet für ein paar Stunden. Manchmal bekommen wir ihn auch tagelang nicht zu Gesicht, weil er seine Ruhe haben will. Im Grunde ist er ein richtiger Einzelgänger. Darum konnte ich es erst auch gar nicht glauben, als er uns vorhin schrieb, dass er dieses Mal Besuch mitbringt.“

Annabeth schluckte. „Macht – macht er das denn sonst nicht?“

„Nie.“ Maria verzog das Gesicht. „Wenn wir nicht wären, würde er wie ein Eremit leben. Ich habe mir schon Sorgen deswegen gemacht, denn manchmal denke ich, dass er sich den Unfall seines Bruders noch immer vorwirft.“

„Welchen Unfall?“

„Weißt du das denn nicht? Mark ist vor mehr als zehn Jahren mit dem Auto tödlich verunglückt.“

„Oh, mein Gott.“

„Es war so schrecklich.“ Maria starrte ins Leere. „Ich denke nicht, dass er je darüber hinweggekommen ist, aber Tom sagt, dass wir uns da raushalten sollen. David würde sich schon melden, wenn er Hilfe braucht. Allerdings finde ich, dass es uns durchaus etwas angeht, ob er glücklich ist oder nicht – schließlich sind wir alles an Familie, was er hat.“

Die Gedanken in Annabeths Kopf überschlugen sich. Vom diesem Unfall hörte sie zum ersten Mal und hätte gern mehr über die Hintergründe erfahren. Doch es erschien ihr taktlos und unpassend, weitere Fragen zu stellen. Sie wollte Maria nicht aushorchen.

„Ach, das ist alles schon so lange her“, sprach diese weiter. „Und jetzt bist du ja da, oder?“

Annabeth zuckte zusammen. „Was? David und ich – also – wir sind nicht …“

„Aber ihr wart mal, oder?“

War das etwa so offensichtlich? Sie errötete. „Woher weißt du das?“

„Ich kenne Splash mein halbes Leben lang, und ich habe gesehen, wie er dich anschaut.“

„Wie – wie schaut er denn?“, fragte Annabeth und spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg.

„Voller Zuneigung.“ Maria schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Er sieht dich an wie jemanden, zu dem er sich sehr hingezogen fühlt. Und jetzt tu nicht so, also ob du das nicht schon selbst bemerkt hättest.“

„Also, um ganz ehrlich zu sein …“ Sie kaute an ihrer Unterlippe. „Was David betrifft, weiß ich im Moment gar nicht so recht, was ich fühle. Oder was ich denken soll. Es ist kompliziert.“

„Das ist es immer. Aber ihr kennt euch doch schon länger, oder?“

Annabeth nickte. „Er hat mal für meinen Vater gearbeitet.“

„Und jetzt bist du hier. Mehr muss ich im Moment gar nicht wissen.“ Maria nahm ihre Hände. „Ich habe ein gutes Gefühl, was dich betrifft. Und ich glaube, du könntest zu uns passen.“

Darauf wusste Annabeth zunächst keine Antwort. Es beschämte sie, dass Maria ihr unaufgefordert einen solchen Vertrauensvorschuss schenkte, während sie selbst so viele widersprüchliche Empfindungen in sich trug. „Danke dir“, brachte sie schließlich heraus. „Wo, ähm, kann ich denn schlafen?“

„Komm mit, dein Zimmer ist gleich hier vorne.“

Maria ging voraus und führte sie den Gang hinunter. Dann öffnete sie eine weiß lackierte Tür und ließ Annabeth eintreten. Der Raum war mit hellen Designermöbeln eingerichtet, verfügte über ein eigenes Bad und einen Balkon mit Blick zum Meer. Auf dem frisch bezogenen Bett lagen Handtücher, ein Pyjama und ein Kulturbeutel bereit.

„Wir haben dir für die erste Nacht das Nötigste besorgt“, sagte Maria. „Im Schrank findest du außerdem noch Shorts, T-Shirts und einen Badeanzug – falls du morgen früh gleich schwimmen gehen möchtest.“

„So viel Mühe meinetwegen – vielen Dank, Maria. Ihr habt wirklich an alles gedacht.“

„Wir wollen eben, dass du dich wohl bei uns fühlst.“

„Das tue ich. Es ist schon fast wie Urlaub.“

Maria lachte überrascht auf. „Was sollte es denn sonst sein?“

In diesem Moment erkannte Annabeth, dass David seinen Freunden offenbar nicht alles über die Umstände erzählt hatte, die zu ihrem Besuch in seinem Haus geführt hatten. Sie beließ es dabei. „Natürlich ist es Urlaub“, versicherte sie schnell. „Ich wollte auch nur sagen, dass die Entspannung angesichts eurer Gastfreundschaft schon längst bei mir eingesetzt hat.“

„So soll es sein.“ Maria ging zur Tür. „Also dann: Gute Nacht, Anna. Oder, wie wir hier in Kroatien sagen: Laku noć.“

„Laku noć, erwiderte Annabeth und war wenige Augenblicke später endlich allein. Erschöpft ließ sie sich auf das Bett sinken. In ihrem Kopf drehte sich alles, und wieder stiegen die Bilder des ­Tages vor ihr auf – der schwarze Lieferwagen, David, sein Flugzeug, seine Freunde und die Balkonterrasse im Mondschein. Es war zu viel, um wirklich zu erfassen, was eigentlich geschehen war, und sie fühlte sich auch viel zu müde dazu. Deshalb ging sie kurz entschlossen ins Bad, duschte ausgiebig und fiel wenig später in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

6. KAPITEL

Annabeth erwachte vom Klang der Wellen, die unten vor dem Haus gegen die Felsen schlugen. Sie drehte sich im Bett zur Balkontür um und sah, wie das Sonnenlicht durch die Fensterläden in ihr Zimmer fiel. Wie spät mochte es sein?

Verschlafen angelte sie sich ihr Smartphone vom Nachttisch. Es war noch nicht mal halb sieben. Eine neue Nachricht von Brad blinkte auf dem Display. Er hatte anscheinend gestern Abend versucht, sie zu erreichen. Alles klar bei dir?, schrieb er. Habe versucht, dich anzurufen. Wo steckst du?

Entnervt setzte Annabeth sich auf. Wann nahm das endlich ein Ende? Vielleicht sollte sie sich eine neue Handynummer zulegen, dann konnte er sie nicht ständig mit Anrufen und Kurznachrichten belästigen. Andererseits kannte er ihre Adresse, ihre Festnetznummer und wusste auch, wo sie arbeitete. Für Brad gab es also genug Möglichkeiten, sie im Alltag abzufangen, und sie würde sich nicht vor ihm verstecken. Warum auch? Sie hatte die Beziehung beendet, so freundschaftlich und fair wie irgend möglich, also war es völlig legitim, dass sie jetzt ihre Ruhe haben wollte.

Doch wenn sie an jenen Abend zurückdachte, an dem sie Brad ihre Entscheidung mitgeteilt hatte, zog sich alles in ihr zusammen. Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet und war aus allen Wolken gefallen. „Warum?“, hatte er immer wieder gefragt und schließlich sogar vor ihren Augen geweint. „Wir sind doch so glücklich miteinander!“

Dabei war Annabeth schon in den Wochen zuvor immer mehr auf Abstand zu ihm gegangen, hatte ihn zwar geschätzt, sich aber durch seine Anhänglichkeit und die Art, sich an sie zu klammern, zunehmend eingeengt gefühlt. Ihn dann schluchzend auf ihrem Sofa sitzend zu sehen, hatte Gewissensbisse bei ihr ausgelöst, sie aber auch darin bestärkt, dass eine Trennung unausweichlich war.

Ihr schlechtes Gewissen plagte sie noch immer, und jedes Mal, wenn sie kurz davor stand, ihn per SMS in seine Schranken zu verweisen, dachte sie daran, wie schrecklich es sich anfühlte, verlassen zu werden. Sie selbst hatte Jahre gebraucht, um ansatzweise über David hinwegzukommen, und so richtig gelungen war ihr das bis heute nicht. Diesen Schmerz wollte sie niemand anderem zufügen, was auch der Grund dafür war, dass sie Brad immer wieder antwortete. Es geht mir gut, schrieb sie deshalb zurück. Bin spontan über das Wochenende verreist.

Anschließend sprang sie aus dem Bett, öffnete Balkontüren und Fensterläden und trat auf den Balkon hinaus. Das, was sie sah, verschlug ihr die Sprache. Vor ihr erstreckte sich das türkisblaue Meer bis zum Horizont, Möwen kreischten am Himmel, und die Festung der Altstadt von Dubrovnik lag rechts von ihr im Sonnenschein. Es war bereits sommerlich warm, und die Luft duftete nach Pinien und Lavendel. Annabeth schloss die Augen und atmete tief durch. Ein leises kleines Glücksgefühl breitete sich in ihr aus, kribbelnd und unerwartet. Sie lächelte. In diesem Moment gab es keinen Ort auf der Welt, an dem sie lieber gewesen wäre.

Da piepte das Smartphone hinter ihr, und sie schreckte auf. Es war nicht schwer, zu erraten, wer ihr so früh am Morgen zurückschrieb. Sollte sie wirklich nachsehen? Es war doch alles gesagt, sie hatte ihm schon geantwortet. Dann aber blickte sie wieder auf das Panorama vor ihrem Balkon und dachte: Was soll’s? Sie hatte das große Glück, so etwas Schönes sehen zu dürfen. Da konnte sie auch großzügig sein, dieses eine Mal noch.

Sie ging zum Bett hinüber und griff nach ihrem Handy. Bin froh, das zu hören – hatte mir schon Sorgen um dich gemacht, schrieb Bad.

Annabeth runzelte die Stirn. Sorgen? Warum? Das mit dem Lieferwagen konnte er doch gar nicht wissen, oder? Ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie, doch dann fiel ihr ein, dass Brad mehrfach versucht hatte, sie anzurufen. Sicher war er deshalb besorgt gewesen.

Das mit deinem Wochenendtrip klingt gut, bin ganz neidisch, las sie weiter. Wo bist du denn genau?

Typisch für ihn, dass er immer wissen wollte, wo sie war. Aber wenn ihm das irgendwie weiterhalf … Ohne lange nachzudenken, trat sie wieder auf den Balkon hinaus und machte ein Foto von Himmel, Meer und Altstadt. Dubrovnik, schrieb sie zurück und postete das Foto kurz entschlossen hinterher. Es ist himmlisch.

Anschließend schaltete sie das Handy aus und verstaute es in ihrer Nachttischschublade. Sollte Brad doch antworten, wenn er wollte – sie jedenfalls würde seine Nachrichten erst einmal nicht mehr lesen.

Im Kleiderschrank fand sie den schlichten schwarzen Badeanzug, den Maria ihr besorgt hatte, und beschloss, noch vor dem Frühstück schwimmen zu gehen. Schnell zog sie sich um, schnappte sich Handtuch und Bademantel und schlich aus dem Zimmer. Sie hatte keine Ahnung, in welchem der Räume David schlief und wollte ihn nicht aufwecken – einer Begegnung mit ihm fühlte sie sich so früh am Tag noch nicht gewachsen, schon gar nicht, wenn sie so wenig anhatte. Daher verzichtete sie darauf, den Fahrstuhl nach unten zu nehmen, und ging barfuß so leise wie möglich die Treppe hinunter.

Aus der Küche vernahm sie das Geräusch von klapperndem Geschirr, und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee lag in der Luft. Die alte Mara deckte den Tisch auf der Balkonterrasse und lächelte erfreut, als sie Annabeth bemerkte.

„Dobro jutro“, sagte sie, was offenbar so viel wie „Guten Morgen“ bedeutete. Dann fügte sie eine lange Litanei auf Kroatisch hinzu. Annabeth, die kein einziges Wort verstand, konnte dazu nur entschuldigend lächeln und den Kopf schütteln.

Da machte die alte Dame mit beiden Armen Schwimmbewegungen und sagte: „Unten gehen.“ Dann deutete sie auf eine ­schmale Treppe, die von der Terrasse aus zum hauseigenen Strand hinunterführte.

„Oh, Sie sprechen Englisch?“, fragte Annabeth erfreut.

„Nix viel, nix gut. Nur verstehen bisschen.“ Die alte Dame legte sich den Finger auf die Lippen und lächelte verschmitzt. „Nix verraten, nein?“

„Von mir erfährt keiner was, versprochen.“ Sie lachte und schlug die Richtung ein, die Mara ihr gewiesen hatte.

Steinerne Stufen führten steil nach unten, vorbei an Beeten, in denen Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel wuchsen. Annabeth hörte Bienen summen, Grillen zirpen, das Meer rauschen und konnte es kaum erwarten, endlich in die Wellen zu springen. Sie lief weiter und erreichte schließlich eine kleine Bucht, die mit feinem Kies aufgeschüttet worden war. Rechts daneben führte ein befestigter Weg zu einem Badefelsen hoch, von dem aus eine Metallleiter ins Wasser ragte.

Eilig stieg Annabeth hinauf, warf Handtuch und Bademantel auf den schroffen Felsboden und blickte hinunter. Das türkisblaue Wasser war so klar, dass sie bis auf den Grund sehen konnte. Ohne länger zu zögern, hob sie die Arme über den Kopf und sprang hinein.

Die Kühle, die sie umfing, war im ersten Moment ein Schock. Doch dann gewöhnte sich ihr Körper an die Temperatur des Wassers, und Annabeth schwamm mit kräftigen Zügen zu einer Boje hinaus, die rot leuchtend auf den Wellen schaukelte. Eine Weile ließ sie sich mit der Strömung treiben, legte sich auf den Rücken und blickte in den wolkenlosen Himmel hinauf. Dann kraulte sie ans Ufer zurück und kletterte über die Leiter wieder auf den Fesen hinauf.

Sie hatte sich gerade abgetrocknet und auf das Handtuch in die Morgensonne gelegt, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie hob den Kopf und erstarrte. David kam auf sie zugelaufen, mit nichts anderem bekleidet als blauen Badeshorts, die seine langen, muskulösen Beine betonten. Ihr Blick wanderte höher, von seinem durchtrainierten Waschbrettbauch bis hin zu seinen breiten Schultern, und sie fühlte, wie ihr Mund trocken wurde.

„Guten Morgen“, begrüßte er sie und breitete wie selbstverständlich sein Handtuch neben ihr aus. „Wie ist das Wasser?“

„Klasse“, brachte sie hervor und zwang sich, ihn nicht allzu offensichtlich anzustarren.

Er nickte nur, trat an die Kante des Felsens und sprang kopfüber hinein. Annabeth sah zu, wie er ein paar Meter tauchte und dann in Richtung Boje schwamm. Dabei dachte sie fieberhaft darüber nach, was sie als Nächstes tun sollte. Aufstehen und ins Haus zurückgehen? Nein, dazu fand sie es hier in der Sonne viel zu angenehm – außerdem war sie zuerst da gewesen, wozu also das Feld räumen?

Sie könnte sich ihren Bademantel überziehen, überlegte sie weiter, aber das würde verklemmt wirken. Und wie ein Eingeständnis, dass sie irgendein Problem damit hatte, ihren Körper zu zeigen. Was übrigens nicht zutraf, sie hatte lediglich ein Problem damit, nicht über seinen herzufallen.

Da kam David wieder angeschwommen und kletterte über die Leiter aus dem Wasser. Patschnass lief er zu ihr und ließ sich bäuchlings neben sie auf das Handtuch fallen.

Sie hörte ihn atmen, spürte seine Nähe. Mit geschlossenen Augen lag er da, das nasse Haar in der Stirn. Annabeth sah die kleine Narbe unter seinem rechten Auge und stellte irritiert fest, dass sie nichts lieber tun wollte, als ihn zu berühren.

„Ich liebe es“,

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