Logo weiterlesen.de
ROMANA EXTRA BAND 7

JANE WATERS

Das goldene Herz der Toskana

Dasselbe blonde Haar, genauso blaue Augen – gut, dass Cathrin seiner Ex nur äußerlich ähnelt. Fast ist Darian bereit, ihr seine Liebe zu schenken. Da macht er eine erschütternde Entdeckung …

FIONA HARPER

Raue Küste, zarte Küsse

Er soll sich mit der eigenwilligen Zoe eine Jacht teilen? Damien ist entsetzt. Notgedrungen schließt er mit ihr Frieden, dann Freundschaft – nur ins Herz schließen darf er sie trotz zarter Küsse nicht …

DIANA HAMILTON

Diana Hamilton

Maddie ist überglücklich in ihrer jungen Ehe. Bis sie ein Telefongespräch mithört und begreift: Dem leidenschaftlichen Dimitri geht es gar nicht um ihre Liebe – der Reeder will nur einen Erben …

LEANNE BANKS

Leanne Banks

Das ist die Idee! Eine Scheinverlobung mit Tara wird Prinz Nicholas vor all den Heiratskandidatinnen retten. Dass sie sich vom hässlichen Entlein in einen schönen Schwan verwandelt, ahnt er ja nicht …

IMAGE

Das goldene Herz der Toskana

1. KAPITEL

Die Landschaft leuchtete im Licht des frühen Mittags. Bis zum Horizont erstreckten sich die anmutigen Olivenhaine, und schlanke Zypressen ragten in den azurblauen Himmel. Büsche blühten am Wegesrand, und ihr Duft vermischte sich mit dem von Ginster und Jasmin, die ihre gelben und weißen Köpfe im Frühlingswind wiegten und dabei flüsternd vom nahenden Sommer erzählten.

Zumindest Cathrin glaubte, die Blumen sprechen zu hören. Die wundervolle Landschaft der Toskana verzauberte sie, seit sie vor wenigen Tagen angekommen war. Der Gedanke, eine längere Zeit hier verbringen zu dürfen, rief ein intensives Glücksgefühl in ihr hervor. Wann hatte sie sich das letzte Mal so frei und leicht gefühlt?

Schade war allerdings, dass ihre Schwester Susan gleich abreisen musste. Längst wartete das Taxi unter dem großen Baum, der mit mächtiger Krone in der Mitte des Hofes stand. Von der Familie Bellucci war niemand zu sehen. Hausherrin Cassandra hatte Susan eben im Salon verabschiedet, und die anderen Familienmitglieder waren wohl zu beschäftigt. Aber wenigstens hatten sie am Abend zuvor alle gemeinsam gegessen.

Wo blieb Susan jetzt nur so lange? Sie hatte doch nur ihre Tasche holen wollen.

Cathrin blickte an der strahlend weißen Fassade des wundervollen Landhauses empor. Einen Augenblick fühlte sie sich beobachtet. Bewegte sich da hinter einem Fenster nicht ein Schatten?

Doch nein, bestimmt war es nur eine Täuschung im gleißenden Licht, das sich in den blanken Scheiben spiegelte. Als sie blinzelte und nochmals hinsah, war der Schatten verschwunden, und sie dachte nicht weiter darüber nach. Stattdessen ließ sie abermals bewundernd den Blick über das Anwesen der Belluccis streifen, das so harmonisch im Chiana-Tal eingebettet lag, einem Landstrich nahe der bezaubernden Ortschaft Montepulciano.

„Casa Portafortuna“ hieß der schöne Flecken: das Haus, das Glück bringen sollte. Der Garten glich einem kleinen Park, und was hier bescheiden als Gästezimmer angeboten wurde, erwies sich als Suite mit dem Komfort eines Fünfsternehotels. Selten hatte Cathrin so exquisit gewohnt.

„Signorina?“ Der Taxifahrer war nun ausgestiegen und blickte zu ihr herüber. „Benötigen Sie vielleicht Hilfe mit dem Koffer, soll ich ihn holen?“

Das war wohl ein freundlicher Hinweis darauf, dass der Fahrer nicht vorhatte, ewig zu warten.

„Nur noch einen Moment, bitte“, erwiderte Cathrin. „Wir kommen gleich.“ Rasch lief sie Richtung Gästetrakt, wo Susan noch sein musste. Von nun an würde sie hier einige Wochen allein wohnen, um in Ruhe für ihr Studienprojekt in London zu recherchieren.

„Susan?“ Sie lief rasch die Stufen hinauf und stieß die Tür auf.

Ihre Schwester verstaute gerade etwas in ihrer Tasche, sie wirkte seltsam angespannt.

„Was ist denn los?“ Cathrin blieb stehen. „Ist etwas passiert? Das Taxi wartet …“

„Ja, ich weiß“, gab Susan etwas ungehalten zurück. „Es ist nur …“

„Was denn?“

„Nun … ich … ich habe das Gefühl, es ist jemand im Zimmer gewesen, während wir eben noch im Salon waren.“

Cathrin zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Fehlt dir denn etwas? Geld? Deine Papiere? Oder Schmuck?“

„Nein …“

„Was dann?“ Cathrin trat näher heran und sah jetzt den dicken Aktenordner, den Susan in die Tasche hatte gleiten lassen. „Was hast du denn da mitgeschleppt?“

„Nichts“, antwortete Susan ausweichend und korrigierte sich nach kurzem Zögern: „Das ist der Ordner mit den Vermögensangelegenheiten unseres Vaters. Du weißt doch, dass ich hier in der Nähe einen Termin hatte und auch deswegen mit nach Italien gekommen bin.“

Cathrin spürte einen heftigen Stich im Herzen, wie immer, wenn sie an ihren Vater dachte. Zwei Jahre war er nun schon tot, und er fehlte ihr immer noch so sehr. „Hast du mit seinem Nachlass denn immer noch viel zu tun?“, fragte sie sanft. „Vielleicht kann ich dir auch mal etwas abnehmen.“

Ihr Vater war mit den Belluccis eng befreundet gewesen. Viele Jahre hatte die Familie hier gemeinsam Urlaub gemacht, damals, als ihre Mutter noch lebte. Und hier in Italien hatte er wohl auch etwas Geld angelegt. Mehr aber wusste sie nicht über die finanziellen Dinge, um die sich ihre Schwester seit seinem Tod kümmerte. Doch plötzlich, und nicht zum ersten Mal, hatte sie das Gefühl, dass Susan etwas vor ihr verheimlichte.

„Nein, das ist nicht nötig.“ Nun lächelte Susan. „Der Termin war nur eine weitere Formsache. Ich war bloß verwirrt, weil der Ordner auf dem Tisch lag. Dort hätte ich ihn aber nie liegenlassen, oder?“

Cathrin sah ihre Schwester an und wollte schon nachhaken, warum sie sich um so etwas sorgte, als Susan eine wegwerfende Handbewegung machte. „Nun, ich sollte jetzt wirklich gehen.“

Cathrin beschloss, die Sache auf sich beruhen zu lassen, und hob Susans Tasche auf. „Leider!“, seufzte sie betrübt. Sie mochte keine Abschiede.

„Wenn du deine Recherchen hier abgeschlossen hast, machen wir gemeinsam Urlaub mit den Kindern“, versuchte Susan, sie beim Hinausgehen zu trösten.

„Okay“, erwiderte Cathrin lächelnd und dachte dabei allerdings nicht nur an die süßen Zwillinge ihrer Schwester, sondern vor allem daran, dieses Studium bald hinter sich zu bringen. Wie lange quälte sie sich schon durch Kurse voll endloser Zahlenreihen und wirtschaftlicher Begriffe?

Dabei wollte sie doch am liebsten etwas ganz anderes: Schriftstellerin werden. Doch das war nur Traumtänzerei, ein inniger Wunsch, den sie bisher vor allen verborgen hielt. Sie hatte zwar schon viele Seiten Papier beschrieben, doch ihren ersten richtigen Roman, eine romantische Kriminalgeschichte, hatte sie gerade erst begonnen.

Draußen knirschten ihre Schritte auf dem Kies, und auf einmal fühlte sich Cathrin ein wenig verloren. „Rufst du mich an, wenn du zu Hause bist?“, fragte sie.

„Mach ich“, versprach Susan und breitete die Arme aus.

Cathrin drückte ihre Schwester fest. Obwohl diese nur ein paar Jahre älter war, hatte sie ihr immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Nun aber würde sie zum ersten Mal längere Zeit weit von ihr weg sein.

„Auf Wiedersehen! Mach’s gut!“

Beide winkten sich zum Abschied zu, bis das Taxi den Hof verlassen hatte und nur noch eine feine Staubwolke in der Luft hing. Gedankenverloren blickte Cathrin über die weiten Olivenhaine hinweg, denn gleich würde das Taxi auf einer Hügelkuppe nochmals auftauchen.

„Bist du dann so weit?“, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Erschrocken fuhr sie herum und sah in ein Paar graue Augen, die sie zwar kühl, aber intensiv musterten. Sie hatte Sergio überhaupt nicht kommen hören! Auf einmal war ihr unbehaglich zumute, genau wie am Abend zuvor. Beim Essen hatte er sie so eindringlich angesehen, und nicht nur das: Völlig unpassend hatte er sie einige Male mit „meine Liebe“ angeredet und damit eine Vertraulichkeit zwischen ihnen vorgetäuscht, die überhaupt nicht bestand.

„Wieso?“, fragte sie nun betont kühl, um ihm zu verdeutlichen, dass ihr sein aufdringliches Verhalten nicht gefiel. Doch Sergio ging mit einem süffisanten Lächeln über ihre frostige Reaktion hinweg.

„Ich dachte, wir hätten heute etwas Schönes vor“, entgegnete er gelassen. „Eine kleine Rundfahrt, die uns beiden bestimmt gefallen wird …“

Cathrin beschloss, seinen jovialen Ton zu ignorieren. Schließlich sollte er ihr heute die umfangreichen Ländereien zeigen, die zum Besitz der Belluccis gehörten. Die Familie hatte sich innerhalb von nur drei Jahrzehnten ein kleines Imperium aufgebaut und war in Gourmet-Kreisen weltweit bekannt für das „Toskanische Gold“, ein besonders exquisites Olivenöl. Sicherlich waren die Belluccis längst Multimillionäre.

Um diese Erfolgsgeschichte zu analysieren, war Cathrin hierhergekommen. Allerdings wäre es ihr lieber gewesen, wenn Cassandra ihr nicht gerade Sergio als Fremdenführer an die Seite gestellt hätte. Doch wen sonst? Die Hausherrin selbst hatte zu viel zu tun, ihr Mann war einige Wochen verreist, Tochter Francesca war mit ihrem Privatunterricht beschäftigt und Sohn Darian hatte sich bis jetzt überhaupt noch nicht blicken lassen.

„Er lebt wie ein Einsiedler“, hatte Cassandra dieses fast schon unhöfliche Verhalten kommentiert, und Cathrin hatte nicht weiter nachgehakt. Sie wusste nur, dass Darian die Rechtsabteilung der Firma „Oro di Toscana“ leitete und sich nebenher auf dem Weingut der Familie betätigte. Es war lange her, dass sie ihn zuletzt gesehen hatte.

„Ich hole eben noch meine Tasche“, sagte Cathrin knapp und wandte sich zum Gehen. Eigentlich war Sergio ein gut aussehender Mann, doch auf eine gewisse Art wirkte er ungehobelt. Aber er war ein Bellucci, auch wenn er einem weit weniger erfolgreichen Teil der Familie entstammte.

„Aber sicher doch. Ich warte hier auf dich“, entgegnete er immer noch glatt lächelnd.

Während sie rasch Richtung Gästetrakt lief, spürte sie deutlich, wie sich Sergios Blicke in ihren Rücken brannten. Was bildete er sich eigentlich ein? Dass sie sich für ihn interessieren könnte? Da hatte sie nun also einen weiteren unverhofften Bewunderer. Sie schien Männer förmlich anzuziehen, die nicht zu ihr passten. Doch solange sie sich nicht in den Falschen verliebte …

Leise seufzte sie. Die Liebe war eben ein schwieriges Kapitel. Sie konnte nur weiterhin vorsichtig sein und hoffen, dass ihr ein ähnliches Unglück wie das von Susan erspart blieb.

Wenig später hatte Cathrin ihr Unbehagen abgeschüttelt und steckte ihren Kopf übermütig in den Fahrtwind. Sie fuhren durch grüne, fruchtbare Täler, durch die sich kleine Wege schlängelten und in denen majestätisch einzelne Villen thronten, umgeben von schönen, üppigen Gärten. Schafe kreuzten ihren Weg, Vögel zogen ihre Bahnen durch die frühlingswarme Luft.

„Der Großteil des Landes hier ist in unserem Besitz“, sagte Sergio, und Cathrin verkniff sich den Kommentar, dass er sich wohl mit fremden Federn schmückte. Denn mitnichten gehörte Sergio irgendetwas hiervon. Es war ein offenes Geheimnis, dass er bei „Oro di Toscana“ nur angestellt war und keinerlei Besitzansprüche hatte.

Nun verlangsamte Sergio das Tempo, und seine Miene schien sich etwas zu verdunkeln, als er auf einen kleinen, holprigen Weg einbog. Sie befanden sich jetzt mitten in einem Weingebiet. Zu beiden Seiten überzogen die zarten Sprösslinge der Reben die sonnenbeschienenen Hänge mit einem hellgrünen Teppich.

„Das ist unser Weingut“, sagte er knapp.

„Und hier wohnt Darian?“, fragte Cathrin interessiert. Sie erinnerte sich daran, was Cassandra über das zurückgezogene Leben ihres Sohnes erzählt hatte.

Statt einer Antwort nickte Sergio nur. Er fuhr ein Stück den Weg entlang, kam zu einer kleinen Plattform und wendete den Wagen.

„Warte, ich möchte aussteigen!“, rief Cathrin. Aus irgendeinem Grund übte der Platz eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Sie wollte unbedingt ein paar Schritte gehen. Außerdem war es ja wohl das Mindeste, Darian endlich Hallo zu sagen, wenn sie sich schon mit dem Unternehmen seiner Familie befasste. Schließlich war das der Grund, weshalb sie überhaupt hier war.

„Aber ich möchte dir noch ein paar andere Dinge zeigen“, protestierte Sergio.

„Ein paar Minuten werde ich mich ja wohl umsehen können“, sagte Cathrin mit fester Stimme. Ihr gefiel nicht, dass Sergio ständig versuchte, sie zu bevormunden. Es war seine Aufgabe, ihr heute die Ländereien zu zeigen, nicht mehr und nicht weniger.

Sie stieg aus. „Ich gehe ein paar Schritte.“

„Warte!“, rief Sergio mit ärgerlichem Unterton und folgte ihr. Cathrin jedoch war schon um die Ecke gebogen und blieb wie gebannt stehen, als ihr Blick auf ein weiß getünchtes zweistöckiges Haus fiel, das sich an den Hang schmiegte. Davor erahnte sie eine mit dichtem Grün umwucherte Veranda, die von äußeren Blicken komplett geschützt schien. Vor diesem Traumhaus parkte ein schicker silberner Sportwagen. Alles war ruhig. Sie atmete tief ein. Was für ein friedlicher Ort dies hier war! Und wie romantisch …!

„Sergio!“, ertönte plötzlich eine tiefe, männliche Stimme.

Cathrin hörte Sergio leise aufstöhnen und wandte sich um. Wie aus dem Nichts war ein groß gewachsener Mann mit kurzem schwarzem Haar aufgetaucht, der aufmerksam zu ihnen herübersah.

Als sein Blick einen Moment zu lang – wie es Cathrin schien – auf ihr ruhte, begann ihr Herz stärker zu pochen, und ihr wurde heiß. Doch das konnte auch an der Mittagssonne liegen, die im Frühjahr schon sehr intensiv auf das Land schien.

Langsam kam der Mann auf sie zu. Er trug ein T-Shirt, durch das sich ein kräftiger Oberkörper abzeichnete, und eine schwarze Hose, die seine schlanke Statur betonte. Sein Gesicht war leicht sonnengebräunt, und seinen markanten Mund umspielte ein feines Lächeln.

All das nahm Cathrin in Sekundenbruchteilen wahr, und nun erst erkannte sie ihn: Darian Bellucci! Er hatte sich in einen überaus stattlichen Mann verwandelt.

Auch er schien einen Moment lang irritiert, bevor er sie erkannte. „Cathrin?“ Sein Händedruck war warm und fest.

„Ja, das ist Cathrin Roberts“, mischte sich nun Sergio ein. „Ich zeige ihr heute unsere Ländereien.“ Er trat zu ihr und fasste nach ihrem Arm, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. Cathrin verspannte sich.

Unsere Ländereien, so, so, lieber Cousin“, wiederholte Darian amüsiert, dann wandte er sich wieder an sie: „Das ist das Weingut ‚Gioia Verde‘, das grüne Juwel. Wir produzieren hier nur eine bescheidene Menge Wein, doch dieser ist dafür exquisit. Ich lebe und arbeite hier, wann immer es geht.“

„Das kann ich verstehen“, beeilte sich Cathrin zu sagen. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, in diesen dunklen Augen zu versinken, die sie interessiert musterten.

„Ach ja?“, fragte er.

Sie fühlte sich auf einmal etwas verlegen, vor allem, als sie merkte, dass Sergio immer noch ihren Arm festhielt. Schnell machte sie sich los und trat einen Schritt zur Seite. „Es ist einfach bezaubernd hier“, sagte sie dann. „Was für ein schöner Name für so ein Weingut!“

„Das stimmt“, pflichtete Darian ihr bei und senkte dann die Stimme: „Schön ist es vor allem abends, wenn außer mir niemand hier ist – nur die Tausende von Sternen am Himmel.“

Sergio räusperte sich. „Mein Cousin ist scheinbar recht romantisch veranlagt“, sagte er ironisch, doch Cathrin hörte gar nicht auf ihn. Stattdessen tauchte genau dieses Bild in ihr auf, von dem Darian eben gesprochen hatte: die samtene Stille der Weinberge in der Nacht, die völlige Geborgenheit im geheimnisvollen Dunkel. Immer noch hielt sie seinem Blick stand und entdeckte darin genau diese samtene Dunkelheit, an die sie gerade gedacht hatte. Seine Augen wirkten nun fast schwarz, und sie glaubte darin eine Spur von Wehmut zu erkennen.

„Bist du denn so gern allein?“, fragte sie und hätte sich gleichzeitig am liebsten auf die Zunge gebissen. Dafür, dass sie Darian so lange nicht gesehen hatte, trat sie vielleicht ein bisschen zu neugierig auf. Aber sie konnte nichts dagegen tun, dass da ein brennendes Interesse in ihr aufflammte. Sie erinnerte sich nun an all die früheren Besuche, doch Darian hatte sich damals immer im Hintergrund gehalten und weder für sie noch für ihre Schwester Interesse gezeigt. Genauso umgekehrt. Plötzlich aber war alles anders. Sie konnte sich kaum von seinem Blick lösen, und er machte sie ganz nervös.

„Gern oder nicht gern, das ist für mich nicht die Frage“, sagte Darian. „Ich lebe halt allein hier draußen, aber das aus freien Stücken.“

Cathrin runzelte etwas die Stirn. Das war eine seltsame Antwort.

„Und nun sollten wir weiterfahren und hier nicht so dumm herumstehen“, meldete sich Sergio wieder zu Wort und wollte abermals nach ihrem Arm greifen. Doch sie wich ihm aus.

„Ich würde mir das Weingut gerne ansehen“, entgegnete sie.

„Warum nicht?“ Darian legte seine Hand auf ihre Schulter, und ebenso wie seinen Blick auf ihrem Gesicht ließ er sie dort gerade so lange ruhen, dass nicht zu erkennen war, ob eine Absicht dahintersteckte. Jedenfalls brachte er Cathrin mehr und mehr durcheinander … Und während er entspannt lächelte, zeichnete sich auf Sergios Stirn eine steile Zornesfalte ab. Deutlich war zu spüren, dass es zwischen den beiden Cousins nicht zum Besten stand. Von Sergio ging eine immer größere Anspannung aus. Vielleicht sollte sie ihn nicht zu sehr reizen.

„Ich kann auch ein anderes Mal wiederkommen, wenn es besser passt“, schlug sie an beide gerichtet vor.

„Nein, warum denn?“ Darian ließ seinem Cousin erst gar keine Zeit zum Antworten und fügte anerkennend hinzu: „Du sprichst ja fließend Italienisch!“

Cathrin nickte lächelnd und dachte dankbar an ihren Vater. Er hatte seine beiden Töchter immer ermutigt, diese Sprache zu lernen.

„Tut mir übrigens sehr leid, dass ich noch nicht vorbeigekommen bin. Ist deine Schwester wirklich schon abgereist?“

„Ja, vorhin.“ Offenbar war Darian über die Vorgänge auf dem Gut bestens informiert. Wie passte es zusammen, dass er sich nicht einmal hatte blicken lassen und nun aber so höflich war? Nach allem, was sie von ihm gehört hatte, hatte sie sich ihn als etwas verschrobenen Kerl vorgestellt. Doch so wirkte er nun wirklich nicht.

„Wie groß ist das Weingut denn?“, erkundigte sie sich interessiert.

„Komm!“, unterbrach Sergio ihr angenehmes Gespräch. „Wir fahren weiter. Wir haben heute noch zu tun.“

Nun hätte sie fast losgelacht. Wie sich Sergio aufspielte! Trotzdem lag ein kleines Stück Wahrheit in dem, was er sagte. Sie war schließlich nicht nur zu ihrem Vergnügen hier. Allerdings würde sie sich viel lieber von Darian die Ländereien oder die schöne Umgebung zeigen lassen …

Sie sah wieder in diese dunklen Augen und versuchte, etwas darin zu lesen. Wollte er, dass sie blieb? Ärgerte er sich über seinen Cousin? Was war Darian für ein Mann – dominant oder eher zurückhaltend? Doch sein Ausdruck blieb unbewegt, bis auf das feine Lächeln.

„Cathrin ist eine erwachsene Frau und weiß bestimmt selbst am besten, was sie möchte und was nicht“, sagte er nun und richtete seinen Blick fest auf Sergio.

Dieser wurde bleich vor Zorn, und mit einem Mal fühlte sie sich unsicher. Was war nur in sie gefahren, dass sie Darian fast anhimmelte? Jedenfalls war es wohl nicht ratsam, den Keil, der zwischen den beiden Männern steckte, noch tiefer zu treiben.

„Nun, wir können auch weiterfahren …“, sagte sie unentschlossen.

„Gute Idee“, erwiderte Sergio giftig.

Darian hatte die Hände nun lässig in die Taschen geschoben und ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten. Es war, als scannte er in wenigen Sekunden jeden Zentimeter ihrer Haut. Sofort wurde ihr wieder heiß, und sie strich sich verlegen eine Strähne ihres blonden Haars zurück. „Sicherlich sehen wir uns ja bald mal wieder …“

„Bestimmt“, entgegnete Darian ruhig, wobei er nicht im Geringsten erkennen ließ, ob er sich darüber freute oder nicht.

Als sie kurz darauf „Gioia Verde“ verließen, verspürte Cathrin eine tiefe Enttäuschung. Wie gern wäre sie einfach geblieben! Jedoch war es andererseits anscheinend besser, nicht noch mehr Öl in Sergios Feuer zu gießen. Und während sie noch einen letzten Blick auf die pittoresken Weinberge warf, beschloss sie, so bald wie möglich wieder hierherzukommen. Ohne Begleitung.

Ganz sicher würden ihr bis dahin noch ein paar wichtige Fragen einfallen, die sie Darian im Dienste ihrer Recherchen stellen konnte – um dabei wieder in seinen tiefdunklen Augen zu versinken. Doch eigentlich wünschte sie sich von diesem atemberaubend attraktiven Mann, den sie kaum kannte, auf einmal noch sehr viel mehr.

2. KAPITEL

„Verflucht!“ Darian warf die Handschuhe auf den Boden. Seit dem Mittag hatte er unablässig gearbeitet, hatte tief in der kühlen Erde gegraben, geschwitzt, sich verausgabt und dabei versucht, jeden Gedanken an Cathrin zu verdrängen. Vergebens.

Diese schlanke, aufreizende Figur, die in der engen Hose so gut zur Geltung kam, und dazu der aparte Pagenschnitt mit den blonden, in der Sonne schimmernden Haaren … Doch damit nicht genug. Dieselben blauen Augen hatte sie auch noch, genau dieselben! Nein, nicht ganz. Er hatte darin einen orangefarbenen Sprenkel entdeckt und dabei gedacht: wie die Sonne, die über dem Meer aufgeht. In Evas Blick hatte er eine solche Wärme immer vermisst. Trotzdem. Was für ein romantischer Blödsinn – Sonne über dem Meer! Und das nur, weil Cathrin Eva verblüffend ähnlich sah.

Rasch ging er ins Haus. Wenig später prasselte warm und wohltuend das Wasser auf seinen Körper, der von der Arbeit im Freien kräftig und stark war. Kein Gramm Fett zu viel. Darian wusste, wie attraktiv er war. Er konnte viele Frauen haben … doch er wollte keine von ihnen. Vielleicht nie mehr, von ein paar flüchtigen Abenteuern mal abgesehen. Denn solche Bekanntschaften rissen einem später wenigstens nicht das Herz aus dem Leib.

Kurz darauf fuhr er mit seinem Sportwagen auf dem Hof des Landsitzes vor, wo er sein zweites Büro hatte. Zunächst würde er seine Mutter Cassandra aufsuchen, die etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen hatte. Doch vor allem wollte er mehr über Cathrin erfahren.

Er wusste nur so viel: Sie wohnte in London, kam aus gutbürgerlichem Haus, ihre ältere Schwester hieß Susan, und sie war wegen irgendeiner Studienarbeit hierhergekommen. Seltsam, dass er Cathrin bei ihren früheren Besuchen immer nur schemenhaft wahrgenommen hatte …

Cassandra saß über den Schreibtisch gebeugt und sah ihren Sohn ernst an, als er in ihr Büro trat. Das bedeutete nichts Gutes, denn normalerweise gab sie sich bestens gelaunt.

„Gut, dass du dich endlich mal sehen lässt“, begrüßte sie ihn kühl.

„Du wolltest mich dringend sprechen …“ Er setzte sich ihr gegenüber ans Fenster und schlug die Beine übereinander.

„Ja, Darian, allerdings. Wir haben Ärger in Portugal, das hatte ich ja bereits angedeutet. Der neue Kunde will die Lieferung immer noch nicht bezahlen, sondern erst einmal persönlich mit uns sprechen. Und es war eine sehr große Lieferung.“

Darian faltete die Hände im Schoß zusammen. So etwas kam vor, das würde sich auch in diesem Fall bestimmt schnell klären lassen. Der Kunde hatte bisher schließlich noch nicht einmal den genauen Grund genannt. Gleich heute würde Darian ihn noch einmal anmahnen.

„Außerdem habe ich kein gutes Gefühl, was dieses Geschäftsjahr betrifft. Wie du weißt, sind die Umsätze schlechter als im letzten Jahr. Wir alle, auch du, müssen noch bessere Arbeit leisten.“

Sie überprüfte mit geübtem Griff den Sitz ihrer Frisur. Wie immer hatte sie ihre feuerroten Haare in einem perfekten Knoten gebändigt, der ihr Markenzeichen war, genau wie ihr stets tadellos gepflegtes Aussehen.

„Aber das liegt doch nicht an uns! Die Weltmarktpreise sind überall dramatisch gesunken, und sie werden sich auch wieder erholen“, wandte er ein.

„Aber es bedeutet, dass wir uns keine weiteren Einbußen leisten können. Es bedeutet, dass wir alle zusammenhalten müssen.“ Seine Mutter legte die Hände mit den feuerrot lackierten und perfekt manikürten Fingernägeln aneinander und sah ihn entschlossen an. „Ich werde alles tun, um einen Niedergang der Firma zu vermeiden!“

Darian lachte auf. Das war typisch. Cassandra hatte einen Hang dazu, alles zu dramatisieren. Mitnichten stand ein Niedergang der Firma bevor, wohl aber herrschten wirtschaftlich schwierige Zeiten. Da war es wichtig, dass alle ihr Bestes gaben.

„Und gerade jetzt kommt Cathrin daher, um uns über die Firma auszufragen.“

Nun war er verblüfft. „Was will sie denn genau wissen? Und wieso hat sie überhaupt die Erlaubnis dazu?“

Cassandra seufzte tief. „Es war der Wille deines Vaters. Du weißt doch, dass er mit Cathrins Vater gut befreundet war. Eine solche Bitte konnten wir nicht ausschlagen. Außerdem tut sie mir auch ein wenig leid. Als junge Frau schon Vollwaise … da kann sie sicher Unterstützung gebrauchen.“

Auch in Darian regte sich Mitgefühl. Als noch junge Erwachsene schon ohne Eltern zu sein, war sicherlich nicht leicht. Dann aber lenkte er sein Interesse wieder auf das Thema zurück: „Wir müssen vor ihr wohl nicht gerade unsere aktuellen Bilanzen offenlegen, oder?“

„Nein, sie möchte nur analysieren, wie wir es geschafft haben, so erfolgreich zu werden. Trotzdem. Es wäre gut, wenn auch du ein Auge auf ihre Recherchen hast. Selbst wenn es nur eine Studienarbeit ist – wir werden darin namentlich genannt, und ich möchte, dass wir bestens dastehen.“

Er sah seine Mutter amüsiert an. Das war Cassandra Bellucci in Höchstform – eben die Frau, die Firma und Familie mit fester Hand zum Erfolg geführt hatte. Hätte sein Vater sie nicht getroffen, wäre von solch einem Aufstieg wohl nur zu träumen gewesen. Obwohl sie sich für seinen Geschmack manchmal ein bisschen zu sehr auf die finanziellen Belange konzentrierte …

„Übrigens … Cathrin sieht doch ein wenig aus wie Eva, findest du nicht?“, wechselte Cassandra nun überraschend das Thema.

Darian erwiderte zunächst nichts. Seine Mutter sprach immer gern von Eva, denn Eva war ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Eine vermögende Erbin, dazu mindestens genauso geschäftstüchtig und auf Reichtum fixiert wie sie selbst. Und immer den richtigen Riecher dafür, wo es am meisten zu holen gab: Spaß, Geld, Sex … Von Letzterem wusste seine Mutter allerdings nichts. Er war viel zu stolz gewesen, um irgendjemand zu erzählen, wie es wirklich gewesen war. In der offiziellen Version hatte er Eva verlassen, weil sie einfach nicht zusammenpassten.

„Ich finde immer noch, du hättest dich nicht von Eva trennen sollen“, sagte Cassandra.

„Bitte!“, rief Darian aus. „Das Thema haben wir doch schon zur Genüge besprochen.“

„Ja, aber erinnert dich Cathrin denn nicht an Eva?“, beharrte sie.

Er stöhnte auf. Natürlich hatte seine Mutter genau ins Schwarze getroffen. Fast hatte er es geschafft, die Vergangenheit zu vergessen, hatte Eva schon fast aus seinen Gedanken verbannt. Doch nun brach die Wunde wieder auf, und Cassandra stocherte darin herum, ohne die Wahrheit zu kennen.

„Willst du damit sagen, dass ich bei jeder Begegnung mit einer blonden Frau, die blaue Augen hat, Eva hinterhertrauern soll?“, fragte er scharf.

Cassandra sog hörbar die Luft ein. „Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten“, entgegnete sie beleidigt. „Dann findest du hübsche blonde Frauen mit blauen Augen eben bis an dein Lebensende abscheulich.“

Beide schwiegen verstimmt und sahen aus dem Fenster. Wie es der Zufall wollte, erschien in diesem Augenblick Cathrin unten auf dem Hof. Ihr blondes Haar schimmerte in der Abendsonne, sie trug jetzt eine große, dunkle Brille, und auch von Weitem war bestens zu erkennen, welch perfekte Figur sie hatte. Dicht neben ihr ging Sergio und redete unaufhörlich auf sie ein. Nun kamen sie näher, und Cathrin wirkte so, als hörte sie gar nicht zu. Doch das war vielleicht nur Wunschdenken. Von hier oben konnte Darian das nicht beurteilen. Er wusste nur, dass ihm der Anblick der beiden, wie sie so nebeneinanderliefen, nicht gefiel. Was erzählte Sergio ihr wohl gerade?

„Sieh an“, nahm nun seine Mutter das Gespräch wieder auf. „Ein schönes Paar die beiden, findest du nicht?“

Darian blickte sie entgeistert an.

„Ich habe Sergio gebeten, sich ein wenig um Cathrin zu kümmern, nachdem du dich ja trotz meiner Bitten mal wieder tagelang nicht hast blicken lassen.“ Cassandra lächelte. „Cathrin könnte Sergio sehr guttun, findest du nicht?“

Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „So ein Quatsch! Sergio kann Cathrin nicht das Wasser reichen!“

„Ach ja? Was weißt du denn über sie?“

„Zumindest weiß ich eine Menge über Sergio.“

„Er ist dein Cousin, und wir als Familie …“

„Cathrin und Sergio! Das soll doch wohl ein Witz sein“, unterbrach er sie, der Gedanke machte ihn plötzlich wütend. Seine Mutter wollte die beiden also verkuppeln?

„Gönnst du deinem Cousin so etwas nicht? Eine Frau wie Cathrin könnte ihm Selbstvertrauen geben.“

„Klar. Er könnte sie dann schön ausnehmen.“ Seine Stimme klang zynisch.

Cassandra runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht. Ihr Vater war sicherlich nicht arm, aber auch nicht übermäßig reich.“

„Wie auch immer.“ Darian stand auf und starrte aus dem Fenster, bis die beiden nicht mehr zu sehen waren. Dann wandte er sich wieder um. „In deinen Augen ist Cathrin nicht vermögend genug, stimmt’s? Aber für Sergio, den Habenichts, ist sie gut genug, das meinst du doch, oder?“ Er fühlte sich mit einem Mal streitlustig. So dankbar er seinen Eltern war, dass er in besten Verhältnissen aufwachsen durfte, so sehr ging ihm der Standesdünkel auf die Nerven, den sie als Superreiche oft an den Tag legten.

„Warum bist du denn so aufgebracht?“, fragte seine Mutter mit gespieltem Erstaunen. „Ich glaube, dein Eremitendasein da draußen bekommt dir nicht. Du musst wieder unter die Leute. Wir sind bald eingeladen zu einer exklusiven Party bei …“

Doch Darian hörte nicht weiter zu. Er hatte genug exklusive Partys gefeiert. Dabei hatte er Eva kennengelernt, und er hatte sie dieser feinen Gesellschaft auch gern wieder überlassen.

„… und du bleibst doch bis zum Abendessen?“

„Was?“ Darian zwang sich, aus dem Nebel der Erinnerung wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren.

„Wir sehen uns nachher noch, ja?“

Er setzte eine freundlichere Miene auf. „Gut, ich komme später dazu“, sagte er, obwohl er am liebsten sofort wieder zum Weingut zurückgefahren wäre. Doch da gab es nun ja plötzlich eine schöne Frau mit blondem Pagenschnitt und blauen Augen, die ihm seit ihrer Begegnung am Mittag die innere Ruhe raubte.

Als er aus dem Büro trat, blieb er noch eine Weile vor der Tür stehen. Wieder tauchten diese Bilder vor ihm auf: Wie die Engländerin ihre vollen Lippen verführerisch geöffnet hatte, als sie ihn so freundlich angelächelt hatte. Der oberste Knopf ihrer weißen Bluse war geöffnet gewesen und hatte ein Stück ihres hellen, glatten Dekolletés freigegeben. Wie von selbst hatte er seine Hand auf ihre Schulter gelegt und sie dort ein bisschen zu lange liegen lassen. Es hatte sich gut angefühlt …

Gequält schloss er die Augen. Hatte er sich nicht geschworen, dass es niemals eine zweite Eva in seinem Leben geben würde? Doch offensichtlich führte kein Weg an Cathrin vorbei, denn sie würde nun eine ganze Zeit lang in seiner Nähe sein. Im besten Fall jedoch würde sich die anfängliche Faszination, die er bei ihrem Anblick verspürt hatte, bei einem näheren Kennenlernen wieder verflüchtigen. Aber was auch immer passierte, eines wusste er genau: Tiefe Gefühle jeder Art waren bei dieser Bekanntschaft ausgeschlossen.

Es war schon dunkel. Im Esszimmer saßen Cathrin, Sergio, Cassandra und Francesca. Darians Vater befand sich auf seiner jährlichen Kur, weil er streng auf die Gesundheit achten musste. Eine Flasche Wein stand auf dem Tisch, und es wurde gelacht. Alle blickten auf, als er eintrat. Cathrins Gesicht schien vor Überraschung aufzuleuchten.

„Guten Abend!“, sagte er locker.

„Darian!“ Seine Mutter breitete die Arme aus. „Ich dachte schon, du kommst nicht mehr. Wir sind gerade fertig mit dem Essen.“

„Ein Glas Wein?“, fragte Francesca fröhlich. „Komm, setz dich. Wir sehen uns ja kaum, so rar machst du dich!“

Der Stuhl neben Cathrin war frei, Sergio saß ihr gegenüber und sah ihn feindselig an. Darian nahm lächelnd Platz, ließ sich das Glas füllen und blickte in die Runde. „Na dann, alla salute! Zum Wohl! Über was sprecht ihr gerade?“

Cassandra lachte. „Ich erzähle Cathrin von unseren Anfängen mit der Firma. Als wir, statt in diesem Salon, noch in der kleinen Bauernstube zu Abend gegessen haben und du, Darian, gerade geboren warst. Es war alles noch sehr einfach. Aber auch wunderschön.“

Darian verdrehte die Augen. Hoffentlich kam seine Mutter jetzt nicht auf die Idee, irgendwelche alten Fotos herauszuholen und langatmig in Erinnerungen zu schwelgen. „Warum interessierst du dich gerade für unsere Firma, Cathrin?“, wandte er sich unverblümt an die Engländerin und hätte schwören können, dass sich ihre Pupillen für einen Moment weiteten, als er sie so direkt ansah.

„Es geht in meiner Studie um Unternehmen, die Marktführer in ihrer jeweiligen Branche sind“, begann sie ohne Umschweife zu erzählen. „Meiner Kenntnis nach seid ihr nicht die einzigen Landbesitzer, die mit dem Anbau von Oliven in Italien vor vielen Jahren expandiert haben. Trotzdem hat ‚Oro di Toscana‘ die Konkurrenz weit hinter sich gelassen. Es ist eine exemplarische Erfolgsgeschichte, und ich möchte die wirtschaftlichen Komponenten …“

In diesem Moment berührte er unter dem Tisch unabsichtlich ihr Bein. Zu seiner großen Verblüffung brachte er Cathrin damit augenblicklich zum Schweigen. Kurz war es still im Raum. Ihre Zuhörer sahen sie fragend an.

Francesca beendete den Satz: „… untersuchen?“

„Wie?“, fragte Cathrin. Sie schien völlig den Faden verloren zu haben. Noch immer berührten sich ihre Beine unter dem Tisch. Sie bewegte sich nicht. Er auch nicht. Denn es fühlte sich großartig an … magnetisch. Heiß.

Cathrins Gesicht war nun von einer feinen Röte überzogen, und sie wirkte plötzlich nervös. Da jedenfalls unterschied sie sich bereits von Eva: Eva war nie aufgeregt gewesen. Sie hatte immer alles unter Kontrolle gehabt. Selbst als sie ihm gestand, was so alles vorgefallen war, blieb sie so unbewegt, als hätte sie damit gar nichts zu tun …

„Und du?“, holte ihn Cathrin in die Gegenwart zurück.

Nun waren alle Augen auf ihn gerichtet. Niemand mischte sich weiter in die Unterhaltung ein, und es schien fast so, als säße er mit Cathrin allein hier.

„Was genau machst du in der Firma?“, hakte sie nach.

„Rechtsangelegenheiten“, antwortete er lapidar. Er hatte eigentlich keine Lust, nun über solche Dinge zu reden.

„Aber was heißt das genau? Kannst du mir ein Beispiel nennen?“

Er lehnte sich zurück. Offensichtlich fühlte sie sich in ihrer Rolle der Analysierenden recht sicher. Sein Bein drückte sich einen Hauch enger an ihres. Ihre Mundwinkel zuckten leicht, doch sonst blieb sie ganz ruhig.

„Nun, wir haben weltweit mit die aufwendigste Produktion und einen untadeligen Ruf. Und unsere Abnehmer sitzen in vielen verschiedenen Ländern“, begann er etwas umständlich, denn es fiel ihm bei der aufregenden Begegnung unter dem Tisch nicht ganz leicht, sich zu konzentrieren.

Cathrin nickte und sah ihm fest in die Augen. Spielte sie etwa ein Spiel mit ihm? Oder betrieb sie ihre Untersuchungen tatsächlich auch abends bei einem Glas Wein?

„Jedenfalls kann es etwa vorkommen, dass ein Abnehmer den abgemachten Preis nicht zahlen will …“, fuhr er fort und wurde sofort an Portugal erinnert, als Cassandra sich an dieser Stelle laut räusperte.

„Wie das?“

„… zum Beispiel, weil eine Lieferung angeblich nicht korrekt war, oder es werden ähnliche fadenscheinige Argumente angeführt. So etwas regelt dann die Rechtsabteilung.“

Er versuchte, gelassen zu bleiben, dabei brannte unter dem Tisch die Luft. Nicht auszudenken, wie es wäre, Cathrins nackte Haut zu spüren …

Nun setzte sie sich aufrecht hin und zog dabei das Bein etwas zur Seite. Es war wie ein kalter Luftzug, und ihm wurde schlagartig klar, dass die Begegnung mit ihr vielleicht doch mehr sein könnte als nur ein flüchtiger Reiz. Oder warum sonst sandte das Schicksal ihm eine Frau wie diese bis vor die Haustür seiner Einsamkeit? Eine Frau, die Eva an Ausstrahlung noch übertraf?

„Ihr tut so, als wärt ihr immer im Recht!“, fuhr Sergio plötzlich auf.

„Was soll das denn heißen?“, fragte Cassandra mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Als ob es nicht passieren könnte, dass eine Lieferung tatsächlich mangelhaft ist“, ereiferte sich Sergio weiter. „In Portugal …“

„Jetzt ist es aber genug!“, schnitt seine Tante ihm das Wort ab.

Darian betrachtete seinen Cousin prüfend. Was war denn nun schon wieder in ihn gefahren? Für Sergio war Gesprächskultur eben ein Fremdwort. Stattdessen provozierte er lieber und polterte herum, um im Mittelpunkt zu stehen. Darian hätte ihn am liebsten zur Hölle geschickt. Und Cathrin gingen die Probleme der Firma nun wirklich nichts an.

„Ich kann mich nicht erinnern, je einen Rechtsstreit verloren zu haben“, sagte er kühl.

„Du erzählst doch Cathrin nicht irgendwelche Geschichten?“, fragte Cassandra Sergio streng.

Dieser griff nach der Flasche Wein. „Ich tue gar nichts“, knurrte er.

„Nun hört doch auf zu streiten!“, warf Francesca ein.

Darian konnte sehen, dass Cathrin der plötzliche Stimmungsumschwung unangenehm war. Sie kniff ihre Lippen zusammen und strich sich umständlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Würdet ihr mich entschuldigen? Ich möchte noch ein wenig arbeiten.“ Sie stand auf. „Gute Nacht und danke für den schönen Abend.“

Er war viel zu verblüfft, um gekränkt zu sein. Keine zehn Minuten hatte sie neben ihm gesessen. So schnell hatte sich noch keine Frau aus dem Staub gemacht.

Als Cathrin gegangen war, sank seine Stimmung auf den Nullpunkt.

„Du hast sie vertrieben“, sagte Francesca anklagend zu Sergio.

„Das ist nicht wahr! Warum hackt ihr eigentlich immer auf mir herum?“ Sergios Gesicht war rot vor Ärger, und außerdem hatte er offensichtlich zu viel getrunken.

Auch Darian erhob sich. „Entschuldigt mich. Ich muss noch mal ins Büro. Und dann fahre ich zurück.“ Bestimmt wollte er sich hier nicht mit seinem Cousin herumstreiten, doch wenn er bliebe, würde genau das passieren.

Rasch verließ er den Salon. Zunächst brauchte er frische Luft. Seine Schritte knirschten auf dem Kies, als er unschlüssig ein paar Schritte über den Hof ging. Dann aber wandte er sich Richtung Gästetrakt. Denn schließlich konnte das nicht die ganze Begegnung mit Cathrin gewesen sein.

Als er die kleine Treppe zur Suite hinaufstieg, fing sein Herz stärker an zu schlagen. Trotzdem fühlte er sich völlig souverän. Denn die Engländerin war nicht nur wegen des Streits, sondern auch vor ihm fortgelaufen, das wurde ihm immer klarer. Ein reizvoller Gedanke …

Entschlossen klopfte er an die Tür. Erst herrschte Stille, dann hörte er ein etwas erschrockenes „Ja?“. Langsam drückte er die Türklinke hinunter. Es war nicht abgeschlossen, und er trat in den Vorraum der Suite.

Da erschien Cathrin auch schon. Das blonde Haar lag etwas wirr um ihren Kopf, und aus großen blauen Augen sah sie ihn fragend an.

„Ich wollte nur wissen, ob alles in Ordnung ist“, sagte er.

„Sicher“, erwiderte sie etwas verwundert.

„Ich hatte das Gefühl, du bist eben weggelaufen.“

„Nein, nein“, meinte sie abwehrend. „Ich habe wirklich noch zu tun.“

„Mit deiner Studienarbeit?“

Sie zögerte. „Hm, ja.“

Er blickte an ihr vorbei, doch sie hatte die Tür, die in die Suite führte, zugezogen. Gab es darin denn etwas zu verbergen? Darian musterte Cathrin interessiert, so lange, bis diese verlegen lächelte. Er wurde aus ihr nicht schlau. Mal wirkte sie schüchtern, dann wieder völlig selbstsicher. „Wenn du Fragen hast, so kannst dich von nun an jedenfalls auch an mich wenden. Das wollte ich dir noch sagen, aber du warst ja eben viel zu schnell weg.“

„Entschuldige.“ Nun lachte sie wieder so bezaubernd, und ihre Augen leuchteten auf. „Vielen Dank für das Angebot.“

Immer noch stand sie am gleichen Fleck. Offenbar hatte sie nicht vor, ihn hereinzubitten, und das machte ihn fast ein wenig ärgerlich. Aber was hatte er erwartet? Dass sie ihn sofort in ihr Zimmer bittet, um sich von ihm verführen zu lassen? Sie war eben keine Eva, und ganz gewiss war das auch besser so. Er nickte nur und wandte sich zum Gehen.

„Warte.“ Sie rief es beinahe. „Ich habe tatsächlich eine Frage: Was ist zwischen dir und deinem Cousin? Heute Mittag und auch gerade eben war die Luft ja zum Schneiden.“

Darian steckte seine Hände in die Hosentaschen. „Gehört das auch zu dieser wissenschaftlichen Arbeit?“

„Es interessiert mich einfach. Wenn ihr aufeinandertrefft, herrscht so eine angespannte Stimmung …“, sagte Cathrin.

Darian zuckte die Schultern. Es war schließlich kein Geheimnis, was er nun verriet: „Sergio ist neidisch auf den Erfolg unserer Familie. Mein Vater hat vor langer Zeit seinen Geschwistern, also auch Sergios Vater, den Anteil des Landes hier abgekauft. Meine Eltern bauten die Olivenzucht aus und hatten großen Erfolg. Mein Onkel hingegen hat das Geld einfach nur verspielt. Sicherlich war er kein großes Vorbild.“

„Aha“, sagte Cathrin nur.

„Sergio hat weder die Bildung noch die Zuwendung erfahren, die ich genossen habe“, fuhr er fort. „Er kämpft ständig mit mir. Meistens gehe ich ihm aus dem Weg, weil mir ein Streit sinnlos erscheint.“

„Das ist klug von dir.“

„Wäre er kein Familienmitglied, hätte ich ihn längst gefeuert“, sagte Darian nun ein wenig grimmig.

„Wieso? Macht er seine Arbeit nicht gut?“

„Das solltest du vielleicht lieber selbst herausfinden.“ Darian spürte, wie seine innere Anspannung wuchs. Er konnte kaum glauben, dass Cathrin ausgerechnet über Sergio reden wollte. Deshalb beendete er das Thema: „Du wolltest ja noch arbeiten.“ Es war Zeit zu gehen, schließlich konnte er ja nicht ewig hier stehen.

„Okay.“ Cathrin lächelte. „Ich melde mich dann bald bei dir, bestimmt.“

Nachdenklich verließ Darian den Gästetrakt. Er fühlte sich missmutig. Die geschäftliche Situation war schwierig, und seit Cathrin da war, ging ihm Sergio mehr denn je auf die Nerven. Doch plötzlich wusste er um den nächsten Schritt.

Er würde seinen Cousin nach Portugal schicken. Sergio fungierte in der Firma hin und wieder auch als Handelsvertreter, und er hatte dieses Geschäft in Portugal ins Rollen gebracht. Sollte sein Cousin doch erst einmal klären, wo genau das Problem lag, und dann konnte er immer noch selbst alle Hebel in Bewegung setzen, um Recht zu bekommen. So war Sergio erst einmal aus seinem Blickfeld und auch aus dem von Cathrin.

Rasch lief er zu seinem Wagen, sprang hinein und startete ihn. Das Aufheulen des Motors durchschnitt die Stille der Nacht. Ja, das war wohl erst einmal die richtige Entscheidung. Das ungute Gefühl, das er dabei jedoch in der Magengrube hatte, überging er. Stattdessen stellte er sich lieber vor, was er mit Cathrin tun würde, wenn er endlich mit ihr ganz allein wäre.

3. KAPITEL

Mit klopfendem Herzen lief Cathrin durch den weiten Garten. Im Halbschatten einer großen Pinie entdeckte sie eine Bank, an die sich ein paar Büsche schmiegten – ein herrlich einsames Plätzchen. Sie setzte sich und holte ihr Telefon aus der Tasche. Würde sie es wagen?

Warum denn nicht? antwortete der viel mutigere Teil von ihr. Außerdem musste sie ja wirklich mit Darian über das Unternehmen sprechen, denn sie brauchte noch einige Informationen. Und hatte er seine Hilfe nicht ausdrücklich angeboten?

Wenn sie nur daran dachte, wie er vor wenigen Tagen abends an ihre Tür geklopft hatte, wurde sie schon nervös. Was, wenn sie ihn hereingebeten hätte? Doch das war allein deswegen nicht möglich gewesen, weil überall im Zimmer die Seiten ihres Romanmanuskripts herumgelegen hatten. Es wäre ihr peinlich gewesen, hätte er herausgefunden, dass sie hier weitaus mehr mit ihrer Schriftstellerei beschäftigt war als mit dem Studium. Davon brauchte niemand zu wissen.

Ihre Hand zitterte leicht, als sie das Handy ans Ohr hielt. Vielleicht sollte sie doch lieber …

„Darian Bellucci, buongiorno?“

Zu spät. „Darian!“, entfuhr es ihr, doch schnell fasste sie sich wieder: „Hier ist Cathrin, hallo.“

„Oh, hallo!“

„Cassandra hat mir deine Telefonnummer gegeben …“

„… und wahrscheinlich gesagt hat, dass ich dir jederzeit mit Informationen rund um ‚Oro di Toscana‘ zur Verfügung stehe“, beendete er den Satz lachend. Er klang entspannt.

Cathrin lachte mit. „So ungefähr.“

„Kein Problem. Was willst du wissen?“

„Ja also …“ An ein Telefoninterview hatte sie eigentlich nicht gedacht.

„Wenn es dir hilft, könnte ich auch vorbeikommen.“

Sie atmete auf. Seine schnelle Reaktion überraschte sie. Gleichzeitig sandte die Stimme an ihrem Ohr einen kleinen Schauer durch ihren Körper. Bis jetzt hatte sie sich eingeredet, sie rufe tatsächlich in erster Linie wegen ihrer Arbeit an, aber das stimmte nicht. Ihre körperliche Reaktion verriet sie.

Viel zu oft hatte sie an Darian gedacht, und wie von allein hatte auch ihr Romanheld sein Aussehen angenommen: groß, schlank und doch kräftig, schwarze Haare, sonnengebräunte Haut, einen markanten Mund, Augen zum Darin-Versinken …

„Ja, gern. Wann?“ Hoffentlich hörte er nicht, wie aufgeregt sie war.

„Zufällig habe ich gerade etwas Zeit“, antwortete Darian. „Das ist nicht immer so. Möglicherweise muss ich bald verreisen.“

Sie versuchte, fest zu klingen: „Und wo können wir uns treffen?“

„Wo bist du?“

„In eurem herrlichen Garten. Ich sitze auf einer Bank.“

„Etwa auf der Bank unter der Pinie?“

„Ja.“

„Nun, dann hast du einen der schönsten Plätze gefunden, nicht wahr?“

„Absolut“, bestätigte sie und wusste gar nicht, wie ihr geschah. Was er sagte, klang so vertraulich …

„Weißt du was, ich komme dorthin. Besser, als sich im staubigen Büro zu treffen. Oder geht es dir nur um Fakten und Zahlen?“

„Nein … schon auch, aber nicht nur …“ Was stammelte sie hier nur so herum? Sie war doch sonst auch nicht auf den Mund gefallen, aber wenn sie mit Darian sprach, schaltete sich ihr Verstand einfach ab. Gleichzeitig hatte sie das Bedürfnis zu jubeln. Er würde kommen. Hierher. Jetzt gleich.

„Nicht weglaufen“, sagte er mit nun fast ernstem Unterton. „In etwa einer halben Stunde bin ich da. Bis gleich.“

Cathrin blickte noch eine Weile auf das Telefon in ihren Händen, dann schloss sie die Augen. Dass ein Mann sie so aus der Bahn werfen konnte! Natürlich war sie schon einmal verliebt gewesen, aber damals hatte es langsam begonnen. Darian hingegen brach in ihre Gefühlswelt ein wie ein Donnerschlag. Passierte so etwas sonst nicht nur in Liebesromanen?

Einige Zeit saß sie einfach nur da, doch sie fühlte sich immer nervöser. Rasch kramte sie ihr Notizbuch und einen Stift aus der Tasche. Irgendwie musste sie die Zeit ja überbrücken.

Sie überlegte eine Weile, dann überkam sie das vertraute Gefühl der Inspiration, und sie begann zu schreiben …

Die halbe Stunde wollte nicht vorübergehen. Aufgeregt, mit einer süßen leisen Vorahnung im Herzen, saß sie da und wartete. Sie hatten sich im Park verabredet, an einer Stelle, die sie beide zufällig kannten. Es würde ihr erstes Rendezvous sein, mitten am Tag, in aller Öffentlichkeit. Und unter dem Vorwand einer rein geschäftlichen Unterredung. Das war perfekt. So konnte sie besser verbergen, was sie bisher nur ahnte: Nämlich dass dieser Mann sie im Sturm erobern würde. Dabei spielte sie zwar mit dem Feuer, doch in diesem Moment war ihr die Gefahr egal. Wenn sie nur daran dachte, dass er sie vielleicht heute noch küssen und …

„Na, wer ist denn da so fleißig?“

Cathrin fuhr auf und klappte ihr Notizbuch schnell zu. Jemand warf einen Schatten auf sie. Doch bitte nicht … Sergio!

„Hallo, Cathrin. Ein bezaubernder Platz hier, nicht wahr?“

„Hallo … ja … Ich dachte, du wärst längst abgereist?“

„Gleich, gleich. Ich wollte mich noch von dir verabschieden, mia bellissima Cathrin. Alles andere wäre doch unhöflich, oder?“

Sie schwieg.

„Du bist wirklich unglaublich ehrgeizig und fleißig. Man sieht dich ja kaum.“ Er grinste.

Etwas hilflos hob sie die Schultern. Mit Sergio hatte sie hier nicht gerechnet. In den vergangenen Tagen war sie ihm meist geschickt aus dem Weg gegangen, und dann hieß es, dass er ein paar Tage ins Ausland fahren würde. Seit gestern hatte sie ihn nicht gesehen.

„Manchmal arbeitest du sogar abends“, redete er einfach weiter.

Sie rang sich ein Lächeln ab. Tatsächlich hatte sie diesen Vorwand für sich entdeckt, um dem Abendessen auch mal fernbleiben zu können. Sie hatte einfach keine Lust, währenddessen ständig von Sergio fixiert zu werden und über seine Witze lachen zu müssen.

Er setzte sich neben sie und streckte die Beine aus. „Was für ein schöner Tag.“

Sie antwortete nicht und verstaute ihre Sachen in der Tasche. Verflixt, eigentlich hatte sie ja auch noch einen Blick in den Spiegel werfen wollen, bevor Darian eintraf. Aber neben Sergio kam ihr das mehr als unpassend vor.

„Ich störe doch hoffentlich nicht?“, fragte er.

Ihre gute Erziehung verbot es ihr, einfach Ja zu sagen. „Ich wollte sowieso gerade eine Pause machen“, antwortete sie ausweichend.

Nun sagte er eine Weile nichts, und schweigend blickten sie aneinander vorbei. Wie unangenehm. Doch schließlich war es Sergio, der hier so einfach in ihre Privatsphäre eindrang. Sollte er ruhig spüren, dass sie darüber alles andere als begeistert war.

„Was für ein Luxus, am Nachmittag einfach so dasitzen zu können“, begann er nun. Seine Hand lag hinter ihr auf der Lehne und berührte fast ihre Schulter. Cathrin rückte unmerklich noch ein paar Zentimeter von ihm ab.

„Und – mein Cousin macht das schon immer ganz richtig – am besten genießt man diesen Luxus in Gesellschaft einer schönen Frau.“ Er seufzte auf.

Mit einem Mal wurde Cathrin das Herz schwer. War Darian etwa liiert? Darüber hatte bisher niemand ein Wort verloren.

„Du meinst … Darian?“, fragte sie vorsichtig.

Nun wandte er den Kopf zur Seite und fixierte sie mit seinen grauen Augen. Wieder dieses Grinsen. „Natürlich, wen denn sonst? Er ist wirklich ein Glückspilz. Er bekommt jede Frau, die er haben will.“

Cathrin hielt kurz die Luft an. „Ach.“ Sie versuchte, neutral zu klingen. „Und wer ist die Glückliche?“

Die Glückliche?“ Sergio lachte auf. „Du meinst, die Glücklichen?“

Nun wurde ihr richtig elend. An so etwas hatte sie überhaupt nicht gedacht. In ihrer Vorstellung lebte Darian wie ein Einsiedler. Die Vorstellung, dass er, wenn nicht schon sein Leben, dafür aber seine Nächte mit unterschiedlichen Frauen verbrachte, wirkte wie eine kalte Dusche. Andererseits war es aber auch naiv, zu glauben, er habe nur auf sie gewartet.

Außerdem – hatte sie selbst neuerdings nicht auch einen ziemlich ernst zu nehmenden Verehrer? Zwar war sie in Martin Mills nicht verliebt, aber sie fühlte sich durch sein Interesse geschmeichelt und hatte sich ein paarmal von ihm ausführen lassen. Schließlich war sie nur eine kleine Studentin und er einer von Londons Top-Bankern und somit eine wichtige Persönlichkeit. Und sehr kultiviert. Schade, dass er nicht annähernd Darians männliche und etwas mysteriöse Ausstrahlung besaß.

„Aber was erzähle ich da?“ Sergio machte eine Handbewegung, als wollte er ein Insekt verscheuchen. „Niemals würde Darian so etwas zugeben. Das Weingut ist wirklich die perfekte Tarnung für seinen Lebenswandel. Eine hier, eine da … na ja, aber das ist natürlich Geschmackssache. Für mich wäre das nichts. Sogar seine Mutter glaubt, er lebe dort völlig einsam.“

Cathrin schluckte nur. Sie wusste nichts zu erwidern. Auf einmal legte Sergio seine Hand vertraulich auf ihre Schulter.

„Vergiss bitte, was ich gesagt habe, ja? Das war sehr indiskret von mir. Außerdem sitze ich mit einer schönen Frau auf einer Bank – was will ich mehr? Wollen wir noch ein wenig spazieren gehen?“

Sie schüttelte nur den Kopf. Sergios Hand lastete auf ihr wie ein Stein. Am liebsten wäre sie davongelaufen, doch sie konnte sich nicht rühren. Eine große, nur allzu bekannte Angst stieg in ihr auf. Lauerte da etwa ein ähnliches Schicksal wie das ihrer Schwester?

Auch Susan hatte sich in einen fantastisch aussehenden – und auch noch wohlhabenden – Mann verliebt und ihn schließlich geheiratet. Sie hatte gehofft, als Ehemann würde er sich ändern, doch er hatte sie weiterhin belogen und betrogen. Cathrin hatte ihre Qual hautnah miterlebt und zutiefst mitgelitten. Erst nach dem Tod des Vaters wurde dann endlich die Scheidung vollzogen. Damit hatte Susan viel zu lange gewartet.

„Cathrin.“ Kaum merklich verstärkte Sergio den Druck seiner Hand auf ihrer Schulter. „Was ist denn los? Geht es dir nicht gut?“

Sie straffte die Schultern. „Es ist nichts. Und ich kann nicht spazieren gehen. Ich treffe mich gleich mit … Darian. Wir haben etwas zu besprechen.“

Plötzlich hatte sie das Gefühl, sich vor Sergio rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig fragte sie sich, warum er ihr all das ungefragt erzählte. Nur weil er eifersüchtig auf seinen Cousin war? Doch was, wenn alles stimmte? Wenn Darian tatsächlich ein Casanova war? Konnte sie es ausschließen? So wie er aussah? Auf keinen Fall wollte sie sich mit einem solchen Mann einlassen.

„Ach, der Herr hat sich heute mit dir verabredet?“, fragte Sergio ironisch. „Ein Treffen hier auf der Parkbank?“

Cathrin sah ihn zweifelnd an, und Sergio stand auf.

„Ich muss ohnehin los. Ich habe noch eine wichtige Verabredung, und das Taxi kommt gleich. Pass besser gut auf dich auf!“

Sie sah ihm hinterher, wie er erhobenen Hauptes davonging. Hin- und hergerissen, alarmiert und betäubt zugleich, versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen. Wie sollte sie sich jetzt nur verhalten?

Doch zum Grübeln blieb ihr nur wenig Zeit, denn abermals legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Sie fuhr herum und versank in einem Paar abgründig dunkler Augen.

„Hallo, Cathrin“, sagte Darian mit tiefer Stimme und lächelte sie an.

Und schon passierte es – wie ein Sog. Sie konnte ihre Augen nicht von ihm nehmen und registrierte jede Einzelheit: wie er sich mit einer geschmeidigen Bewegung setzte und dann den Kopf leicht nach hinten legte. Die dunklen Stoppeln, die seine Lippen säumten. Wie er mit seiner Hand langsam über sein markantes Kinn fuhr – als wüsste er genau, wie gut er mit diesem Dreitagebart aussah. Gegen Darian wirkte ihr Verehrer Martin Mills ziemlich blass. Ebenso wie jeder andere Mann, der sich bisher für sie interessiert hatte.

War Darian gekommen, um sie im Sturm zu erobern, genau wie der Held in ihrem Roman? Sie schluckte schwer. Doch der Held ihres Romans war der Heldin treu ergeben, er hatte keine anderen Frauen, er wollte nur die eine, unter allen Umständen.

Und eine andere Geschichte als diese interessierte sie nicht. Sie musste also unbedingt herausfinden, woran sie mit Darian war. Wenn das Schicksal ihrer Schwester einen Sinn gehabt haben sollte, dann den, ihr selbst eine ähnliche Erfahrung zu ersparen.

Das nahe gelegene Montepulciano war hinreißend.

„Es ist das Schmuckstück der Toskana“, sagte Darian, als sie durch die charmanten Gassen der Altstadt über die Plaza Grande bis hinauf zur Kathedrale schlenderten. Umgeben von alten Stadtmauern, thronte das Städtchen auf einem Hügel mit einem wunderbaren Blick auf die Landschaft Umbriens und den nahe gelegenen Lago Trasimeno. Cathrin war früher schon einmal hier gewesen, doch das Flair dieses Ortes wusste sie erst jetzt als erwachsene Frau zu schätzen.

Ihr war fast schwindelig vor Glück. Dabei ging ihr alles fast zu schnell. Sie hatten nicht lange auf der Bank unter der Pinie gesessen und sich über den Erfolg der Firma unterhalten, da hatte Darian einfach ihre Hand genommen und gesagt: „Komm, wir machen einen Ausflug, der nichts mit deiner Arbeit zu tun hat. Das dürfte doch drin sein, oder?“ Dann hatte er sie von der Bank hochgezogen und dabei den Arm um ihre Hüfte gelegt. Erst wollte sie lachend ablehnen, doch dann fiel ihr ein, dass sie sich genau das bei ihrer ersten Begegnung auf dem Weingut gewünscht hatte. Darian sollte ihr etwas von der hübschen Umgebung zeigen. Warum auch nicht?

Jetzt war sie wie elektrisiert. Er sah sie von der Seite an, mit einem seltsam undurchdringlichen Blick. Ihr Körper begann zu kribbeln, in der Magengrube wurde es warm, das Herz schlug schnell, und … immer wieder kam ihr der Gedanke, dass dieser Mann vielleicht gefährlich für sie war. Aber wie konnte sie das herausfinden? Doch nur, indem sie sich erst einmal näher auf ihn einließ, oder?

Vor einem kleinen Restaurant blieben sie stehen.

„Zeit für eine Stärkung. Es ist ein einfaches Lokal, aber es hat eine ausgezeichnete Küche.“

„Gern!“ Jetzt erst merkte Cathrin, dass sie großen Hunger hatte.

Es war eine gemütliche Trattoria mit nur wenigen Tischen. Noch war es früher Abend, und sie waren die einzigen Gäste. Darian bestellte eine Karaffe Wein und für beide das Tagesgericht, Spaghetti con Scampi. Es schmeckte köstlich. Cathrin erfuhr einiges Interessantes über die Gegend, wie etwa, dass sich die Einwohner von Montepulciano „Poliziani“ nannten oder dass die Stadt immer wieder Schauplatz preisgekrönter Filme war. Der Wein lockerte ihre Zunge, sie lachte und plauderte mit Darian wie mit einem guten Freund. Welch herrlich entspannte Atmosphäre! Bis er unter dem Tisch wieder an ihr Bein stieß …

Erst war die Berührung nur sachte, und sie versuchte, sie zu ignorieren. Doch dann wurde der Druck etwas stärker, und Da­rian bewegte sein Bein so, dass es sich wie ein Streicheln anfühlte. Überall an ihrem Körper stellten sich die Härchen auf, so wohlig war der Schauer, der sie durchlief.

Sie sah in seine Augen und entdeckte in der samtenen Dunkelheit plötzlich ein beunruhigendes Glitzern. Nun konnte sie es sehen und spüren: Er begehrte sie. Sie schluckte, ihre Kehle schien plötzlich wie ausgetrocknet.

„Der Wein ist leer“, sagte Darian und sein feines, fast unsichtbares Lächeln wirkte wie ein Versprechen. „Wollen wir fahren?“ Seine Stimme hatte eine raue Färbung angenommen.

Cathrin nickte unbewusst, wagte nicht zu fragen, wohin. Nicht, weil sie Angst hatte. Es war nur, weil sie selbst nicht wusste, was sie jetzt wollte. Würde er sie nach Hause bringen? Sie wäre maßlos enttäuscht. Würden sie gemeinsam zu ihm fahren? Sie wäre furchtbar aufgeregt.

Draußen legte er fast besitzergreifend den Arm um sie, und sie gingen ein paar Schritte. Als sie noch immer nichts sagte, blieb er stehen und sah ihr mit brennendem Blick in die Augen.

Jetzt war ihr heiß und kalt zugleich. Etwas musste nun geschehen, er wartete auf ein Zeichen von ihr, das war offensichtlich. Ja oder nein – nein oder ja …? Ging das nicht alles viel zu schnell? Doch instinktiv hob sie ihm ihr Gesicht entgegen, und dann passierte, was sie sich die ganze Zeit schon so sehnlich wünschte. Er küsste sie.

Der Boden schien ihr unter den Füßen wegzugleiten. Eine heiße Welle durchflutete ihren Körper, als sie seine Lippen auf ihrem Mund spürte, dann seine Zunge, fordernd und zart zugleich. Seine Bartstoppeln rieben an ihrer Haut, und sein männlicher Duft ging ihr durch und durch. Der Kuss dauerte eine halbe Ewigkeit, und war doch viel zu kurz. Dann, schwer atmend, lehnte sie sich an seine starke Brust, und er hielt sie einfach nur umschlungen. So standen sie eine Weile, bis er sie aufforderte: „Komm!“

Während der schweigsamen, spannungsgeladenen Fahrt schloss Cathrin immer wieder die Augen. Um sich zu beruhigen, versuchte sie, an ihren Roman zu denken. Genau jene innere Aufruhr, die sie gerade selbst spürte, würde sie später auch ihre Heldin erleben lassen. Diese steckte allerdings in einer viel schwierigeren Situation. Als Privatdetektivin durfte sie sich auf keinen Fall mit dem Mann einlassen, den sie bespitzelte, und tiefere Gefühle für ihn dürfte sie erst recht nicht hegen. Das konnte nicht gut ausgehen.

In ihrer Aufregung fühlte sich Cathrin ihrer Heldin sehr nah, denn sie spürte einen ähnliches Zwiespalt. Sie durfte sich nicht einfach so verlieben! Sie hatte sich doch geschworen – und auch ihrer Schwester versprochen –, vorsichtig zu sein! Sich unüberlegt in eine heiße Affäre zu stürzen, war vielleicht ein großer Fehler, und Sergio hatte zuvor genau das angesprochen, wovor sie sich nur zu sehr fürchtete: nämlich wie Susan in ihr Unglück zu taumeln, nur weil sie einem attraktiven, undurchsichtigen Mann, den sie kaum kannte, nicht widerstehen konnte.

Cathrin öffnete die Augen. Tatsächlich. Sie fuhren geradewegs auf das Weingut zu, und die letzten Meter waren eine Qual. Der Kampf zwischen dem Impuls, doch noch Nein zu sagen, und der Sehnsucht danach, gleich in Darians starken Armen zu liegen, riss sie fast in Stücke. Er hingegen schien sich seiner Sache wohl ziemlich sicher zu sein.

Als sie hielten, rührte sie sich zunächst nicht. „Was jetzt?“ Seine Stimme war tief und rau. Und unwiderstehlich.

Er wandte sich ihr zu. Wieder dieser brennende Blick. Sie wollte etwas sagen, aber das Wort Nein kam ihr nicht über die Lippen. Sie hatte einfach nicht die Kraft, Darian zu widerstehen. Das konnte sie vielleicht später tun, falls sich wirklich andeutete, dass Sergio recht hatte. Doch bis jetzt waren seine Worte nichts als böse Anschuldigungen. „Jetzt kannst du mich küssen“, hörte sie sich selbst leise sagen.

„Das werde ich.“

Cathrins Beine zitterten, als sie Arm in Arm auf das Haus zugingen. Sie traten auf die Veranda, die durch das wuchernde Weinlaub vor fremden Blicken geschützt war. Die Luft war immer noch angenehm warm, und über den Hügeln ging langsam die Sonne unter. Am liebsten würde sie gleich hier …

Darian schien ihre Gedanken zu lesen. Er stellte sich hinter sie, zog sie an sich und ließ seine Hände langsam über ihren Körper gleiten.

„Du bist wunderschön“, flüsterte er in ihr Ohr.

Instinktiv drängte sie sich an ihn. Als er über ihre Brüste strich, wusste sie, dass auch die letzte Chance, sich zu wehren, verstrichen war. Sie legte den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen, während er schon die Knöpfe ihrer Bluse öffnete.

Das ging schnell – doch wenn sie ehrlich war, brannte sie bereits vor Verlangen, und das war eine völlig neue Erfahrung. Ihr Körper leistete nicht den geringsten Widerstand, als sich seine Finger unter ihren BH schoben und dort die nackte, zarte Haut ihrer Brüste berührte. Im Gegenteil.

Sie schmolz förmlich dahin, als er nun ihre harten Brustwarzen zwischen seine Fingerspitzen nahm und begann, sie sanft zu massieren. Scheinbar eine Ewigkeit standen sie so, während er weiter mit ihr spielte. Dann strich er mit einer Hand weiter nach unten, über ihren Bauch, fast bis an ihre intimste Stelle, die sie überdeutlich spürte.

Nun stellte er sich vor sie. Sie war völlig willenlos – nein, das stimmte nicht. Sie wollte ihn spüren, von ihm begehrt werden. Unbedingt.

Sie begann nun, sein Hemd aufzuknöpfen. Sie genoss den Anblick seiner starken männlichen Brust und atmete tief seinen herben Duft ein. Er strich ihr die Bluse von den Schultern und löste den Verschluss ihres BHs. Wie geschickt und zielstrebig er das alles tat! In diesen Dingen erschien er nicht gerade ungeübt… Doch ihr blieb keine Zeit, sich darüber weitere Gedanken zu machen, denn nun ging er vor ihr in die Knie. Ihr stockte der Atem. Was hatte er vor? Während er begann, ihren Bauch zu küssen, der zu glühen schien, streichelte er weiterhin ihre nackten Brüste. Nun begann ihr Atem zu rasen. Noch nie zuvor hatte sie sich so erregt gefühlt. Ihre Hände lagen auf seinen Schultern, die kräftig und muskulös waren.

Jetzt öffnete er den Knopf ihrer Hose. Ihr wurde schwindelig.

„Halte dich an mir fest“, hörte sie seine Stimme wie von weit her. Sie umklammerte seine Schultern, als er ihre Hose mit dem Slip herunterzog. Konnte das alles wahr sein, passierte das wirklich? Ließ sie sich hier mitten im Freien von einem fast unbekannten Mann einfach so ausziehen?

Immer noch kniete er vor ihr, liebkoste weiterhin ihren Bauch. Dann wanderte sein Gesicht ein wenig tiefer, und noch tiefer … Immer intensiver wurden ihre Empfindungen, und sie schrie erregt auf, als er ihre empfindlichste Stelle berührte. Doch damit nicht genug. Nun umfasste er ihre Hüften und drückte sie mit sanftem Druck an sich. Und auch das ließ sie geschehen, zu köstlich und erregend war das Gefühl, das er ihr schenkte. Fast schon wollte sie sich bedingungslos ihrer aufschäumenden Lust hingeben, als er von ihr abließ.

Sie sank ebenfalls auf die Knie, schloss einen Moment lang die Augen. Der Steinboden unter ihr war hart und kalt, doch genau dieser Kontrast zu der heißen, schmelzenden Wonne, die sie empfand, machte alles noch aufregender.

Nun zog sich Darian ebenfalls ganz aus. Was für einen durchtrainierten, athletischen Körper er hatte! Bewundernd strich sie über seine gebräunte Haut, die sich warm und fest anfühlte. Als sie seine Erregung sah, stockte ihr für einen Augenblick der Atem. Dann erst bemerkte sie, dass er eine Decke auf dem kalten Stein ausgebreitet hatte.

„Komm“, sagte er wieder mit diesem entschlossenen Tonfall, dem sie einfach nichts entgegensetzen konnte. Und auch nicht wollte.

Sie ließ sich in seine Arme gleiten. Schon kam er über sie, und instinktiv öffnete sie ihre zitternden Schenkel. Als er dann endlich bei ihr war, versuchte sie, in seinen dunklen Augen zu forschen. Was sie dort sah, war alles auf einmal: Begehren, Gefahr, Liebe und auch ein wenig Schmerz. Doch bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, hatte er sie in Besitz genommen, und wieder hielt sie sich an seinen Schultern fest, ganz fest. Als er begann, sich in ihr zu bewegen, trugen die Wellen der Lust sie davon. Über ihr nahm der Himmel langsam die Färbung des Abends an.

„Das hier ist erst der Anfang“, raunte Darian in ihr Ohr. „Es gibt noch den Salon und das Schlafzimmer und …“

Dann hörte sie nur noch ihr eigenes lustvolles Stöhnen.

4. KAPITEL

… gab es Worte, die beschreiben konnten, was sie erlebt hatte? Immer noch spürte sie seine Küsse auf ihrer Haut, seine Hände, die sie überall gestreichelt hatten. Und das alles unter dem endlos funkelnden Sternenhimmel der Toskana. Unvorstellbar, dass sie irgendwann und irgendwo noch mal einen Mann treffen würde, der sie zärtlicher und intensiver lieben konnte. Doch was passiert war, durfte nicht sein. Sie dürfte sich in alle Männer der Welt verlieben – aber nicht in diesen! Was, wenn er herausbekam, wer sie wirklich war? Er würde sie zum Teufel jagen.

Cathrin sah von ihrem Notizbuch auf und betrachtete nachdenklich die Tauben, die vor dem kleinen Straßencafé herumtrippelten. Um sich abzulenken, hatte sie mit ihrem Leihwagen die Gegend erkundet und war schließlich in Montepulciano gelandet, was sie allerdings erst recht an Darian erinnerte.

Sobald ihr die Liebesnacht vor zwei Tagen in den Sinn kam, spürte sie sofort dieses Prickeln und konnte an nichts anderes mehr denken. Zum Glück war sie aber nicht in einer so prekären Situation wie ihre Romanheldin, auch wenn sie sich Darian vielleicht viel zu schnell hingegeben hatte.

Aber nachdem er sie stundenlang innig geliebt hatte, waren ihre Bedenken nach und nach weniger geworden. Stattdessen hatte sie in seinen Armen ein tiefes Gefühl der Geborgenheit empfunden. Es war mehr als nur prickelnder Sex gewesen, viel mehr.

Sie hatte das Gefühl, vor Glück fast zu platzen. Und das musste sie dringend jemandem mitteilen. Rasch holte sie ihr Handy aus der Tasche.

„Cathrin“, rief ihre Schwester gut gelaunt ins Telefon.

„Du glaubst nicht, was passiert ist“, sprudelte es aus Cathrin heraus. Und ohne eine Reaktion abzuwarten, erzählte sie es.

Susan am anderen Ende schwieg zunächst. „Das ging aber schnell“, sagte sie dann. „Glaubst du nicht, dass es besser ist, einen Mann erst einmal näher kennenzulernen, bevor …“

Cathrin wusste genau, worauf sie hinauswollte. „Darian ist nicht wie dein Ex, ganz bestimmt nicht.“

Sie konnte verstehen, dass ihre Schwester nach ihrer gescheiterten Ehe mit einem Vollblutcasanova mehr als vorsichtig war. Aber dies hier war bestimmt etwas ganz anderes.

„Woher willst du das wissen?“

Cathrin biss sich einen Moment lang auf die Unterlippe. Wie konnte man ein intuitives Gefühl begründen? Nachdem sie nichts zu erwidern wusste, sagte ihre Schwester: „Dann hast du Martin Mills also schon vergessen? Na ja, das ist bestimmt auch besser so.“

„Ach ja?“ Augenblicklich fühlte sich Cathrin beklommen. Die Gedanken an ihren Verehrer in London hatte sie bisher erfolgreich verdrängt. In einem Hochglanzmagazin war der Banker als einer der begehrtesten Junggesellen Großbritanniens bezeichnet worden. Zufällig hatte sie ihn im Londoner Bankenviertel kennengelernt, als er sie im Gedrängel in einem Lokal angerempelt hatte. Er hatte sie zur Entschuldigung zum Lunch eingeladen und machte ihr seitdem den Hof. Nun aber war sie hier in der Toskana und hatte ihn im Unklaren zurückgelassen. Doch wenn sie ganz ehrlich zu sich war …

„Am meisten hat dich an Martin Mills doch fasziniert, dass er reich und erfolgreich ist, oder nicht?“, fragte Susan.

„Das stimmt …“, räumte Cathrin zögernd ein.

„So etwas sollte aber kein Grund sein, sich für einen Mann zu entscheiden“, dozierte Susan nicht zum ersten Mal. „Das hätte auch unser Vater nicht gewollt. Mach dir bitte um deine finanzielle Zukunft keine Gedanken.“

Irritiert hob Cathrin die Augenbrauen. Eigentlich hatte sie über ihre Gefühle sprechen wollen und nicht über etwaige Geldsorgen. „Darian fasziniert mich aus völlig anderen Gründen, einfach weil er … Darian ist! Er ist ein wenig mysteriös. Er hat die tiefsten und schönsten Augen der Welt. Er liebt die Ruhe und Einsamkeit. Er küsst fantastisch. Und dass er vielleicht sehr wohlhabend ist, ist mir ganz egal. Weißt du, was ich meine?“

Susan seufzte leise. „Ja. Das klingt so, als hättest du dich wirklich verliebt.“ Nun wurde ihre Stimme wieder sanft: „Pass bitte auf dich auf! Falls es das kleinste Anzeichen dafür gibt, dass dieser Mann nicht ehrlich zu dir ist, lass die Finger von ihm.“

„Das tue ich“, versprach Cathrin schnell, denn sie hatte sich ja sowieso vorgenommen, vorsichtig zu sein.

Die Schwestern plauderten noch eine Weile, dann beendete Cathrin das Gespräch. Was waren das für seltsame Andeutungen, die ihre Schwester da bezüglich der Finanzen machte? Susan selbst hatte bei der Scheidung eine mehr als großzügige Abfindung bekommen, aber sie tat so, als wäre da auch noch irgendwo ein geheimer Millionen-Schatz versteckt … Cathrin schüttelte nachdenklich den Kopf.

Ein leichter Wind kam auf und wehte ihre Serviette vom Tisch. Als sie sich danach bückte und dabei zur Seite drehte, hielt sie inne. Da drüben an der Ecke, war das nicht Darians silberner Sportwagen? Langsam richtete sie sich wieder auf. Nein, sie musste sich täuschen. Denn schließlich hatte er am Morgen nach der gemeinsamen Liebesnacht gesagt, er wäre die beiden folgenden Tage, also auch heute, ununterbrochen auf dem Weingut beschäftigt.

Eine Weile saß sie still und sah zu dem Wagen hinüber, der dort in der Sonne funkelte. Eigentlich hatte sie jetzt zurückfahren wollen, doch ein aufkeimendes ungutes Gefühl hielt sie zurück. So ein Quatsch, sagte sie dann aber zu sich selbst. Ich werde Darian doch nicht auflauern wie eine Detektivin!

Sie holte ein paar Münzen aus der Tasche, um ihren Espresso zu bezahlen, als plötzlich tatsächlich Darian um die Ecke bog. Und er war nicht allein. Er musste aus einem nahe gelegenen Haus gekommen sein, denn sie hatte ihn nicht die Straße entlangkommen sehen. Neben ihm ging eine junge Frau. Sie hatte pechschwarzes lockiges Haar und trug ein kurzärmeliges rotes Kleid. Sie war nicht sehr groß, schlank – und extrem hübsch. Cathrin schätzte sie ein paar Jahre jünger als sich selbst. Auf die Entfernung konnte sie sich aber auch täuschen.

Was machte Darian hier? Warum hatte er ihr verschwiegen, dass er nach Montepulciano fahren würde – ihr gemeinsames Montepulciano? Immerhin hatten sie sich hier das erste Mal geküsst! Und wer war diese junge Frau an seiner Seite?

Kerzengerade saß sie da und sah zu den beiden hinüber. Die Frau lehnte nun lasziv an Darians Wagen, stütze sich hinten mit den Händen auf und lachte ihm ins Gesicht. Sie schien ihm ihre Brüste, die sich allzu deutlich unter dem Kleid abzeichneten, förmlich entgegenzustrecken. Nun schüttelte sie ihr Haar, warf den Kopf nach hinten. Wie sie sich ihm anbiederte!

Darian stand lässig vor der Schwarzhaarigen, schien sie genau zu beobachten. Sie redeten miteinander, völlig ins Gespräch versunken, ohne von ihrer Umwelt Notiz zu nehmen. Das war auch gut so, denn Cathrin wollte auf keinen Fall gesehen werden. Rasch setzte sie ihre große Sonnenbrille auf. Doch Darian würde sie wohl ohnehin kaum hier vermuten und auch bei einem zufälligen Blick in ihre Richtung nicht gleich erkennen.

Verzweifelt versuchte Cathrin, ihre Gedanken zu sortieren. Nun gut, Darian unterhielt sich eben mit einer Bekannten, was war schon dabei? Er war schließlich in dieser Gegend aufgewachsen und kannte bestimmt eine Menge Leute. Dass auch er die eine oder andere Verehrerin hatte, war doch völlig normal. So wie Martin Mills in London als begehrter Junggeselle galt, so hatte bestimmt auch Darian in dieser Gegend seinen Ruf. Und sie selbst hatte ihm ja auch nichts davon erzählt, dass sie einen Verehrer hatte, der durchaus ernst zu nehmen war – zumindest was seine gesellschaftliche Position betraf.

Langsam beruhigte sich Cathrin wieder. Diese junge Frau war doch keine wirkliche Rivalin, oder? Sie war ja fast noch ein Mädchen …

Nun allerdings legte Darian der Unbekannten vertraulich seine Hand auf die Schulter. Genau mit dieser Berührung hatte er sie selbst bei ihrem ersten Wiedersehen vor wenigen Tagen gefangen genommen. Cathrin wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Hatte sie nicht noch vor wenigen Minuten am Telefon behauptet, sie könnte Darian vertrauen? Einmal mehr klammerte sie sich an die wenigen Worte, die sie ihm in jener Nacht über sein Privatleben entlockt hatte.

„Bist du … allein?“, hatte sie ihn vorsichtig gefragt. Daraufhin hatte er leise gelacht und sie einfach nur geküsst.

„Das ist keine Antwort“, hatte sie sich weiter vorgewagt.

Woraufhin er schließlich erwidert hatte: „Ich bin allein. Weil ich es so will.“

„Du hast also keine anderen Geliebten?“ Für diese Frage hatte Cathrin ihren ganzen Mut zusammengenommen.

„So denkst du?“ Er hatte sie aus seinen Armen entlassen und skeptisch angesehen. „Dass ein Mann wahrscheinlich gleich mehrere Geliebte hat, wenn er ungebunden ist und ganz passabel aussieht?“

In diesem Moment hatte sie sich ein wenig geschämt, denn tatsächlich dachte sie in diese Richtung. Aber ursprünglich waren es ja gar nicht ihre eigenen Gedanken gewesen. Sergio hatte diesen Samen des Misstrauens in ihr gesät. Am liebsten hätte sie das ausgeplaudert. Doch Darian zu gestehen, dass Sergio sie tief verunsichert hatte, hätte sicherlich die wunderschöne Stimmung zwischen ihnen zerstört. Und so hatte sie Darian stattdessen umarmt und geflüstert: „Entschuldige.“

Ein Wort, das nun seltsam in ihren Ohren widerhallte, denn was sie jetzt beobachtete, wollte sie lieber gar nicht sehen. Die Schwarzhaarige stellte sich auf die Zehenspitzen, schlang die Arme um Darians Nacken und zog ihn zu sich hinunter. Er ließ es geschehen. Cathrin schloss die Augen, als könnte sie die Szene so ungeschehen machen. Als sie die Augen wieder öffnete, ließ die Fremde von Darian ab. Dann stieg er allein in den Wagen und fuhr in die andere Richtung davon.

Cathrins Herz schlug hart in ihrer Brust. Das alles bedeutet noch gar nichts, sagte sie sich. Die beiden können auch einfach nur gute Freunde sein. Hatten sie sich denn richtig geküsst? Sie hatte es zumindest nicht gesehen ….

Wild liefen ihre Gedanken durcheinander. Warum stand das Mädchen dort noch so lange herum und sah Darian versonnen hinterher? Nun kam die Unbekannte direkt auf das Straßencafé zu. Einen Moment dachte Cathrin, sie müsste sich irgendwie verstecken, doch das war ja Unsinn. Die junge Italienerin kannte sie ja überhaupt nicht und schlenderte ganz ungezwungen heran. Als sie immer näher kam, erkannte Cathrin, dass sie tatsächlich ziemlich hübsch war, doch sie mochte vielleicht gerade mal zwanzig sein. Auf ihrem Gesicht lag ein Lächeln, und sie wiegte beim Gehen leicht die Hüften. Als die Schwarzhaarige dicht an ihr vorüberging, hörte Cathrin, dass sie eine leise Melodie summte.

Cathrin war wie betäubt. Dass das Mädchen von der Begegnung mit Darian beglückt war, hätte auch ein Blinder sehen können.

Eine ganze Weile starrte sie auf ihr Notizbuch, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Ohne es zu wollen, hatte sie Darian eben observiert, so, wie es auch ihre Romanheldin mit dem Mann tat, in den sie sich unglücklicherweise verliebt hatte. Doch was nun? Was sollte sie mit ihren Beobachtungen anfangen?

Langsam stand sie auf, legte das Geld auf den Tisch und griff nach ihrer Tasche. Was sie gesehen hatte, konnte sie nicht ungeschehen machen, und so gab es eigentlich nur eine vernünftige Lösung, um Licht ins Dunkel zu bringen: Sie musste Darian zur Rede stellen. Aber um sicherzugehen, wollte sie vorher noch ein wenig Detektivarbeit leisten. Denn der Schock, der ihr schon jetzt in den Knochen saß, zeigte ihr deutlich, wie fatal es sein konnte, wenn sie ihrem Herzen blind vertraute.

Darian trat aufs Gaspedal, und sein silberner Flitzer schoss dahin. Er liebte es, wenn die Landschaft an ihm vorbeiflog. Doch gleichzeitig trieb ihn ein seltsames Gefühl an. Er musste dringend nach „Portafortuna“, um nach dem Rechten zu sehen. Und das hatte nicht nur mit Cathrin zu tun, die am Telefon plötzlich so spröde gewesen war.

Kaum war er in seinem Büro angekommen, als seine Mutter schon an die Tür klopfte. „Was ist denn?“, fragte er knapp. Ihre Begegnungen verliefen oft ein wenig angespannt, weil Cassandra nicht nur eine äußerst patente Geschäftsfrau, sondern auch ein wenig herrisch war. Sie liebte es, anderen Vorschriften zu machen.

Nun trat sie ein und kam umgehend zur Sache: „Ich kann nicht verstehen, warum du Sergio nach Portugal geschickt hast. Die Sache ist dafür doch viel zu brisant. Es wäre dein Job gewesen!“ Sie war wütend und ließ ihn ihren Unmut spüren.

„Willst du damit sagen, ich mache meine Arbeit nicht gut genug? Dann nenne mir bitte ein Beispiel, wo ich für die Firma nicht das Beste herausgeholt habe“, konterte er.

Cassandra stand nun vor seinem Schreibtisch und sah ihn ärgerlich an. „Hochmut kommt vor dem Fall, weißt du das nicht? Ich bleibe bei meiner Meinung. Du hättest selbst fahren sollen.“

„Ich werde fahren, sobald ich weiß, ob es wirklich nötig ist. Vielleicht kann Sergio die Sache ja gleich vor Ort klären …“

Sie stemmte die Arme in die Hüften. „Seit wann traust du deinem Cousin denn so viel zu? Normalerweise lässt du es dir doch nicht nehmen, dich persönlich darum zu kümmern, wenn eine Lieferung nicht korrekt bezahlt wird.“

Darian wurde blass vor Ärger. Doch er würde sich nicht provozieren lassen. „So, wie ich das sehe, haben die da drüben wenig Ahnung von Recht und Gesetz. Einfach nur zu behaupten, die Lieferung wäre mangelhaft, ohne es beweisen zu können, ist lächerlich. Damit kommen sie nicht durch. Und diese Botschaft kann auch Sergio übermitteln.“

Außerdem überlegte er, ob er seinen Cousin vielleicht tatsächlich falsch eingeschätzt hatte. Dieser hatte sich nämlich ziemlich kooperativ gezeigt, als er ihn fortgeschickt hatte. Dabei musste er doch wissen, dass er dadurch Cathrin an ihn, Darian, verlieren würde.

Doch Sergio hatte ganz ruhig gesagt: „Okay, ich werde sehen, wo das Problem liegt. Wenn ich die Sache nicht klären kann, kommst du ins Spiel. In ein paar Tagen wissen wir mehr.“

Kein Wort von Cathrin, kein böser Blick. Eigentlich mehr als seltsam …

Das fand offenbar auch Cassandra.

„Ich wundere mich, dass Sergio so widerstandslos gefahren ist, denn offensichtlich ist er doch an Cathrin interessiert. Es ist sehr untypisch für ihn, dass er sich darüber nicht aufgeregt hat.“

„Allerdings ist Cathrin nicht an ihm interessiert.“

„Nein?“

„Nein“, stieß Darian entnervt aus. „Sag mal, was willst du eigentlich?“

Cassandras Blick wurde hart, wie immer, wenn sie etwas Bestimmtes erreichen wollte und ihr alles andere egal war. „Ich dachte, du hast mit blonden, blauäugigen Frauen für immer abgeschlossen?“

„Das ist ja wohl meine Sache!“ Natürlich – Cassandra hatte registriert, dass Cathrin eine Nacht nicht dagewesen war und er sie nach Hause gebracht hatte.

„Hör zu, Cathrin ist eine Studentin, die erst noch ihren Platz im Leben finden muss. Aber doch nicht hier in unserer Familie!“

„Warum nicht?“, fuhr Darian auf. Nicht dass er nur annähernd so weit dachte wie seine Mutter, aber ihr Verhalten provozierte ihn geradezu.

„Das meinst du doch nicht ernst! Ziehst du etwa in Erwägung, sie in Evas Fußstapfen treten zu lassen? Sie hat doch gar nicht Evas Format!“ Cassandra fuhr sich aufgeregt mit der Hand durch ihre roten Haare.

Entnervt schwieg Darian einen Moment. Seine Mutter dachte immer nur an das Vermögen, das Eva in eine mögliche Ehe und in die Firma eingebracht hätte. Er hingegen dachte daran, wie unerträglich es wäre, wenn Cathrin ihn ähnlich niederträchtig behandeln würde, wie Eva es getan hatte – deswegen konnte und durfte sie nicht in Evas Fußstapfen treten. Doch diese Vorkommnisse gingen niemanden etwas an.

„Ich bin wirklich erleichtert, dass du dich wieder für andere Frauen interessierst, glaube mir.“ Cassandras Tonfall hatte nun wieder diese tückische Sanftheit. „Wieso kommst du nicht nächste Woche auch zu dieser Gala, von der ich dir erzählt habe? Dort trifft sich alles, was Rang und …“

Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ein für alle Mal! Es ist allein meine Sache, für welche Frau ich mich interessiere! Du kannst dich einmischen, wenn es um dringende geschäftliche Anlässe geht, aber ansonsten verbitte ich mir das!“

Seine Mutter sah ihn kühl an. „Du glaubst also, das alles hier“, sie machte eine ausschweifende Handbewegung, „sei aus reinem Zufall entstanden?“

Darian stöhnte innerlich auf. Nicht schon wieder so eine Predigt!

„Meinst du, ich arbeite mich kaputt, damit meine Kinder später mit ihrem Erbe umgehen, wie es ihnen beliebt?“

„Hör jetzt auf!“, befahl Darian scharf und stand auf. Er trat zu ihr und fasste sie bei den Schultern. „Ich bin dir für vieles dankbar, wirklich. Aber mein Privatleben ist nicht dein Eigentum, auch wenn du viel in mich und deine Familie investiert hast.“

„Ich kann nicht dulden, dass du private Interessen vor die Interessen der Firma stellst. Es geht hier um Prinzipien und nicht um irgendwelche amourösen Abenteuer.“

„Du gehst zu weit!“

„Wie du meinst“, erwiderte Cassandra beleidigt. „Dann kann ich nur hoffen, dass du zur Vernunft kommst und Sergio bald gute Nachrichten für uns hat! Dein Vater wäre übrigens auch nicht begeistert, wenn er wüsste, dass das Geschäft für dich plötzlich zweitrangig ist.“

Mit diesen Worten verließ sie das Büro.

Darian trat ans Fenster und lehnte seine Stirn gegen die Scheibe. Wie er diese Streitereien hasste! Eine Weile starrte er hinaus in den Hof, wo sich die Blätter des großen Baums sanft im Wind bewegten. Dann wanderten seine Gedanken zu Cathrin. Nun würde er erst recht nicht die Finger von ihr lassen, schon allein, um seiner Mutter ein für alle Mal deutlich zu machen, dass sein Privatleben ihm gehörte.

Doch wenn er ehrlich war, wollte er die Engländerin ohnehin wiedersehen. Er hatte die Nacht mit ihr in vollen Zügen genossen. Wie lange schon hatte er keine Frau mehr körperlich geliebt, und wie reizvoll und süß hatte sich Cathrins zarter weiblicher Körper unter seinen Händen angefühlt. Zwar hatte er in manchen Augenblicken plötzlich Eva vor Augen gehabt, doch er konnte dieses Gespenst immer wieder vertreiben und sich ganz und gar auf Cathrins Reize konzentrieren. Ja, er begehrte sie, und das stand ihm auch zu. Warum aber hatte sie sich vorhin am Telefon so abweisend verhalten?

Lustlos erledigte er die Post und checkte seine E-Mails, doch von Sergio gab es kein Lebenszeichen. Auch am Telefon war er nicht zu erreichen. Dieses Verhalten passte bestens zu seinem Cousin. Möglicherweise vergnügte er sich in Portugal erst einmal auf Kosten der Firma, bevor er sich um diesen zahlungsunwilligen Neukunden kümmerte. Hätte er vielleicht doch lieber selbst dorthin fahren sollen …?

Darian schaltete den Computer wieder aus und griff entschlossen nach seiner Jacke. Es würde bald dämmern, und er wollte vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Aber nicht allein! Er würde Cathrin mitnehmen, und solange er den wichtigsten Unterschied zu Eva nicht vergaß, war alles in Ordnung: Sein Herz mochte stark vor Erregung schlagen, aber nicht aus Liebe. Geschützt und abgeschirmt lag es in seiner Brust wie in einem Panzer.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Extra Band 7" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen