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ROMANA EXTRA BAND 67

MARION LENNOX

Liebesstern über dem Outback

Verblüfft erkennt Jack: Der neue Tierarzt für seine Ranch ist eine hübsche junge Frau. Seine selbstgewählte Einsamkeit ist in Gefahr! Aber Alex wegschicken? Das verbietet ihm sein Herz …

PENNY ROBERTS

Tausend Rosen am Mittelmeer

Sie ist bezaubernd – aber unglaublich stur! Wie kann Jean die junge Engländerin Sophie nur überzeugen, dass sie ihm ihre Immobilie an der Côte d’Azur verkauft? Ein Kuss ist der Anfang …

KATE HEWITT

Für jetzt und immer

Was verbirgt die faszinierend attraktive Althea hinter ihrer sexy Fassade? Als Demos Atrikes die Wahrheit über das Partygirl erfährt, verspürt er wider Willen ungeahnt tiefe Gefühle …

NANA PRAH

Meine zärtlichste Versuchung

Millionär Dante Sanderson kann die bezaubernde Lanelle nicht vergessen. Als er sie auf einem Wohltätigkeitsball wiedersieht, tanzt er nicht nur mit ihr, sondern macht ihr auch einen gewagten Vorschlag …

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Liebesstern über dem Outback

PROLOG

Er hatte versagt.

Jack Connor stand am Grab seiner Schwester und musste sich eingestehen, dass er die Bitte seiner Mutter nicht erfüllt hatte.

„Sorge für deine Schwester“, hatte sie gesagt.

Er war acht und Sophie sechs Jahre alt gewesen, als seine Mutter die Familie verließ.

Das Ergebnis war eine freudlose, harte Kindheit. Zwischen den Arbeiten auf der Farm, die sein Großvater ihm abverlangte, hatte er noch Schulaufgaben machen und sich um Sophie kümmern müssen, bis er der Tyrannei des Großvaters endlich entkommen war, selbst Geld verdient und aus dem Nichts eine Firma aufgebaut hatte. Nur so waren die Mittel zu beschaffen gewesen, die durch Sophies Krankheit entstanden.

Am Ende hatte es doch nicht funktioniert. Genug Geld war da gewesen, aber es kam zu spät. Er hatte mit ansehen müssen, wie seine Schwester sich langsam selbst zerstörte.

Die zuständige Sozialarbeiterin war ebenfalls zu der Beerdigung erschienen. Ein netter Zug von ihr. Damit waren immerhin drei Personen anwesend.

„Es ist nicht Ihre Schuld“, versuchte sie ihn zu trösten, denn sie sah ihm an, wie sehr er litt. „Dass Ihre Mutter fortgegangen ist, hat Sophie tief getroffen, aber letztlich war sie für sich selbst verantwortlich.“

Jack blickte starr auf das Grab und konnte ihr nicht recht geben. Sophie war tot, und die Verantwortung dafür lag bei ihm. Wie sollte es jetzt weitergehen? Sollte er nach Sydney zurückkehren, zu seiner IT-Firma und den Reichtümern, die ihm nichts gebracht hatten?

Er betrachtete die regennassen Rosen, die er auf das Grab gelegt hatte, und dabei wurden Erinnerungen in ihm wach. Er sah Sophie auf der Farm, bei einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen ihr Großvater so volltrunken gewesen war, dass sie ihn nicht mehr fürchten mussten. Sophie im halb verfallenen Rosengarten ihrer Großmutter. Sophie, die die Blumen in ihren Büchern presste.

„So werden sie uns für immer bleiben“, hatte sie gesagt.

Plötzlich kamen ihm auch die Pferde in den Sinn, die er seit Jahren nicht gesehen hatte. Die Pferde seines Großvaters, die Freunde seiner Kindheit. Sie hatten nichts verlangt als Futter, Pflege und Training. Bei ihnen war er beinahe glücklich gewesen.

Die Farm gehörte jetzt ihm. Sein Großvater war vor einem Jahr gestorben, aber wegen Sophies fortschreitender Krankheit hatte er bisher nicht hinfahren können. Wahrscheinlich war sie inzwischen ziemlich heruntergekommen. Der flüchtige Kontakt mit dem eingesetzten Verwalter hatte ihn misstrauisch gemacht. Würde es ihm gelingen, der Farm den alten Glanz zu verleihen und weiter australische Stockhorses zu züchten? Eine Überlegung war es zumindest wert.

Lange stand Jack so da. Ja, er konnte auf das Anwesen zurückkehren. Er hatte den Umgang mit Pferden nicht verlernt, aber reichten seine Kenntnisse aus? Vielleicht nicht, dann musste er eben dazulernen.

Die Entscheidung war gefallen. Er würde den Betrieb wieder in Gang bringen, und wenn er scheiterte …

Nach Sophies Tod war ihm eigentlich nichts mehr wichtig. Außer den Pferden natürlich.

1. KAPITEL

Alex Patterson kamen Zweifel. Sehr ernste Zweifel.

Auf dem Papier hatte die Reise problemlos gewirkt. Von Manhattan nach Los Angeles. Von Los Angeles nach Sydney. Von Sydney nach Albury. Von Albury nach Werarra.

Nun, vielleicht nicht ganz problemlos. Einige Stunden vor der Landung in Sydney hatte die Müdigkeit sie übermannt, und jetzt, nach drei Stunden Autofahrt durch strömenden Regen, war sie am Ende ihrer Kraft angelangt. Sie sehnte sich nur noch nach einem langen heißen Bad und Schlaf.

Jack Connor würde kaum erwarten, dass sie vor Montag mit der Arbeit anfing, aber wichtiger war in diesem Augenblick, wo sie sich eigentlich befand. „Nur noch um die nächste Kurve“, hatte der Junge gesagt, bei dem sie zuvor kurz angehalten hatte, um sich zu erkundigen. Er hatte halb verhungert gewirkt, und sein Anblick hatte ihre Zweifel noch erhöht. Sie hatte eine blühende Gegend erwartet – mit Zuchtpferden, die Geld und damit Wohlstand brachten. Wie passte der verwahrloste Junge in dieses Bild?

Werarra würde bestimmt einen besseren Eindruck machen. Australische Stockhorses waren weltberühmt, und auf der entsprechenden Website war ein schönes, lang gestrecktes Farmhaus in den üppigen Wiesen am Fuß der Snowy Mountains zu erkennen gewesen. Sie hatte sich große, schön eingerichtete Zimmer vorgestellt, einen Job, um den ihre Freunde sie nur beneiden konnten.

Werarra. Endlich tauchte das Schild auf. Sie sah es, bog in den Seitenweg ein – und trat unvermittelt auf die Bremse.

Oh nein!

Mehr fiel ihr einfach nicht ein. Nein, nein und nochmals nein!

Die Website war Betrug! Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hatte das Farmhaus vielleicht so ausgesehen, aber die alte Pracht war verschwunden. Seit Jahren hatte es keinen neuen Anstrich gesehen. Niemand hatte das Dach repariert oder die schiefen Verandapfosten wieder aufgerichtet. Einige Fenster waren sogar mit Brettern vernagelt worden. Überall Vernachlässigung und Verfall.

Irgendwo auf der Rückseite des Hauses brannte Licht, und auf dem Hof war ein Geländewagen geparkt. Sonst war kein Lebenszeichen zu sehen.

Es goss weiter in Strömen. Alex war so erschöpft, dass alles vor ihren Augen verschwamm. Der nächste Ort, Wombat Siding, lag dreißig Meilen zurück, und es war mehr als fraglich, ob es dort ein Hotel gab und ob sie es bis dahin schaffen würde.

Jemand klopfte in diesem Moment an das Seitenfenster und jagte ihr einen gehörigen Schreck ein. Du schaffst es, Alex Patterson, sprach sie sich Mut zu. Du hast zu Hause überall verkündet, wie zäh du bist, also beweise es jetzt. Du bist nicht das verwöhnte Kind, als das du immer behandelt wirst.

Aber dies war vielleicht doch zu viel. Einfach zu …

Erneutes Klopfen. Alex hob den Kopf und sah hinaus. Ein Mann stand neben dem Auto und überragte es wie ein riesiges schwarzes Gespenst. Ein Krieger von kolossalen Ausmaßen. Er trug einen weiten schwarzen Regenmantel, von dem der Regen tropfte, und sehr große Stiefel.

Sein Gesicht war sonnengebräunt, das dichte schwarze Haar klebte ihm auf der Stirn. Die dunklen Bartstoppeln waren sichtlich älter als drei Tage, und in seinen Augen lag ein durchdringender, bohrender Ausdruck. Er wartete offensichtlich darauf, dass sie die Tür öffnete, aber sie wollte nicht nass werden.

Als sie zu lange zögerte, machte er selbst die Tür so heftig auf, dass sie zusammenfuhr und sich wegduckte.

„Haben Sie sich möglicherweise verirrt?“, fragte er mit tiefer, aber nicht unfreundlicher Stimme. „Kann ich Ihnen weiterhelfen?“

Wenn es doch so wäre, dachte sie, schon am Rand der Verzweiflung.

„Mr. Connor?“, stieß sie mühsam hervor. „Mr. Jack Connor?“

„Ja, bitte?“ Er sah sie verwundert an.

„Ich bin Alex Patterson“, antwortete sie. „Ihre neue Tierärztin.“

Alex war es gewohnt, dass man ihr mit Schweigen begegnete. Ihre Mutter sagte nichts, wenn sie nach deren Meinung falsch angezogen war – also fast immer. Ihr Vater und ihr Bruder Matt schwiegen, wenn sie sich gestritten hatten. In ihrer Familie war sehr oft kein Wort gefallen, und dieses Schweigen hatte ihre ganze Kindheit bestimmt.

Jetzt hatte sie die weite Reise nach Australien gemacht, um dem Schweigen zu entkommen, und es war wieder da. Wie die Pause zwischen Blitz und Donner. Geblitzt hatte es schon, und nach Jack Connors Gesicht zu urteilen, würde der Donner jeden Moment folgen.

Doch er grollte nicht, sondern fragte eisig: „Alexander Patterson?“

„Ja.“ Lass es nicht so klingen, als müsstest du dich entschuldigen. Was hat der Mann für ein Problem? „Alex Patterson, der Sohn von Cedric Patterson …“ Weiter kam sie nicht, denn plötzlich erkannte sie selbst das Problem.

Der Sohn von …

Die Warnung ihrer Mutter fiel ihr ein. „Alex, dein Vater ist krank, du musst dir die Sache dreimal überlegen …“, hatte sie gesagt.

„Dad geht es gut. Du machst aus einer Mücke einen Elefanten. Ihm fehlt nichts“, hatte sie ihre Mutter angeschrien und gleichzeitig gewusst, dass sie sich irrte. Alzheimer war schlimm, ein schwarzes Loch, in das ihr Vater hineingezogen wurde. Sie hatte es nicht wahrhaben wollen und wehrte sich immer noch dagegen.

Sie hatte ihrem Vater vertraut, und warum auch nicht? Was war an der ganzen Sache so schlimm? Mann oder Frau – sie war als Veterinärin hier.

„Haben Sie gedacht, ich sei ein Mann?“, begann sie es von Neuem und erntete einen finsteren Blick.

„Sie wurden mir als Mann angekündigt … als Cedrics Sohn.“

„Das wollte Dad so. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich ein Sohn sein sollen. Er hat sich mit der Wirklichkeit nie abgefunden.“ Alex machte eine Pause, ehe sie den nächsten Anlauf nahm. „Fühlen Sie sich imstande, mich ins Haus zu bitten? Ich diskutiere äußerst ungern über die Tatsache, dass ich eine Frau bin, und außerdem werde ich allmählich nass.“

„Sie können nicht bleiben.“

Das klang schlimm, und es sollte noch schlimmer kommen. Mochte ihr Vater auch schuld sein, sie musste irgendwie mit der Situation fertig werden.

„Vielleicht hätten Sie mir das mitteilen sollen, bevor ich New York verließ“, erwiderte sie hitzig und stieg aus. „Ich habe eine endlose Reise hinter mir. Sie hat drei Tage gedauert, und ein Tag ist durch die Zeitverschiebung dazugekommen oder verloren gegangen … genau weiß ich das nicht. Ich habe mich guten Glaubens um einen Job beworben und Ihnen alle notwendigen Unterlagen zugeschickt. Mein Visum ist sechs Monate gültig, für die Arbeit auf einer Pferdezuchtfarm, die …“, sie warf einen verächtlichen Blick auf das halb verfallene Haus, „… nicht zu existieren scheint. Und jetzt machen Sie das Maß voll, indem Sie behaupten, dass Sie mich nicht haben wollen. Anscheinend sitze ich in dieser Einöde fest, jedenfalls so lange, bis es nicht mehr regnet, ich etwas gegessen und mindestens vierundzwanzig Stunden geschlafen habe. Dann löse ich mich freiwillig in Luft auf oder versinke im Schlamm … ganz wie Sie wollen. In jedem Fall sind Sie mich dann los.“

Sie hatte ruhig und überlegt sprechen und vor allem ihre Würde wahren wollen. Doch statt sich ihrem Vorsatz entsprechend zu verhalten, hatte sie immer schneller und lauter gesprochen und zuletzt fast geschrien. Aber wen störte das? Was Jack Connor dachte, war ihr egal. Sie ging nach hinten, öffnete die Kofferraumhaube, um ihr Gepäck herauszunehmen. Dabei trat sie in ein vom Regen überschwemmtes Schlagloch, verlor das Gleichgewicht und wurde im gleichen Moment aufgefangen.

Es war, als wäre sie in einen Schraubstock geraten. Jack hielt sie so fest, dass sie sich nicht rühren konnte, aber er zog sie wenigstens aus der Gefahrenzone heraus. Sie blickte ihn an und sah seinem Gesicht an, wie ärgerlich er war – und wie überwältigend attraktiv. Beinahe hätte sie vergessen zu atmen.

Er hatte äußerst markante Gesichtszüge, und unwillkürlich musste sie an zwei Helden aus der englischen Literatur denken: an Heathcliff und Mr. Darcy. Auch alle Cowboys aus verschiedensten Filmen, für die sie jemals geschwärmt hatten, fielen ihr plötzlich ein. In Jack Connor waren sie alle vereinigt.

Er ließ sie los, ergriff ihren pinkfarbenen Koffer – ein Geschenk ihrer Mutter –, warf einen missbilligenden Blick darauf, schlug den Deckel des Kofferraums zu und ging energischen Schritts auf das Haus zu.

„Parken Sie das Auto, wenn der Regen aufgehört hat“, rief er ihr über die Schulter hinweg zu. „Für die Nacht steht es da gut.“

Ein Blitz zuckte über den Himmel, und kurz darauf donnerte es. Was hatte sie eigentlich anderes erwartet? Es passte zu gut zur Situation.

Jack hatte inzwischen die baufälligen Stufen zur Veranda erreicht. Er trug ihren Koffer hinauf, ohne stehen zu bleiben und auf Alex zu warten. Leise vor sich hin schimpfend folgte sie ihm.

Zu Hause hielt man sie für ein hilfloses Baby, und genau diesem Bild entsprach sie in diesem Augenblick. Sie fühlte sich auch so. Nichts wünschte sie sich mehr, als wieder in Manhattan zu sein, in ihrem pfirsichgelb tapezierten Schlafzimmer zu liegen und darauf zu warten, dass Maria ihr einen Becher mit heißem Kakao brachte.

Wo blieb das Hausmädchen, wenn sie es am dringendsten brauchte? Die halbe Welt lag zwischen ihnen, und es blitzte wieder. Wirklich zu gütig vom Himmel!

Jack verschwand an der Seite von der Veranda mit ihrem Koffer. Nein, sie hatte keine Wahl. Sie atmete tief ein, dann lief sie hinter ihm her.

Nachdem er Alex das Schlafzimmer gezeigt hatte, ließ Jack sie allein. Sekunden später saß er in seinem behelfsmäßigen Büro und öffnete den Computer. Im Nu hatte er den ersten entscheidenden Brief gefunden. Konnte er jemanden entlassen, weil er das falsche Geschlecht hatte? Weil Er eine Sie war? Nur, wenn sie sich unter einem falschen Vorwand eingeschlichen hatte.

Er las das Schreiben noch einmal.

Mein Sohn Alexander möchte auf einer australischen Pferdezuchtfarm arbeiten. Er hat Veterinärmedizin studiert und ist bereit, auch zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Das Gehalt spielt keine Rolle. Es geht Alex vor allem um Erfahrung.

Mein Sohn.

Jack druckte die E-Mails aus, die er im Anschluss an Cedrics Mitteilung direkt mit Alex gewechselt hatte. Mit ihr. Ihren Mails ließ sich nicht entnehmen, dass sie eine Frau war, so viel musste er zugeben. Sie klangen höflich und geschäftsmäßig, auf ihr Geschlecht wurde kein einziges Mal angespielt.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Lebensumstände primitiver sein werden, als ich es gewohnt bin, aber das nehme ich gern in Kauf. Später möchte ich einmal auf einer Pferdezuchtfarm in den Vereinigten Staaten arbeiten, aber es ist schwer, gleich nach dem Examen so einen Job zu bekommen. Wenn ich mich bei Ihnen bewähre, bin ich meinen ehemaligen Kommilitonen vielleicht einen Schritt voraus.

Jack hatte einen jungen, frischgebackenen Veterinär erwartet, der vielleicht nicht genau wusste, worauf er sich einließ, aber bereit war, für den Job Opfer zu bringen. Trotz allem waren die in Werarra gezüchteten Pferde immer noch weltweit begehrt, und dort mitgearbeitet zu haben, konnte beruflich eine Empfehlung sein.

Doch nie im Leben hätte er eine Frau engagiert.

Cedric Pattersons Brief war an Jack Connor, Jacks gleichnamigen Großvater, gerichtet gewesen und zu einem denkbar schlechten Moment gekommen. In Gedanken noch bei seiner toten Schwester, hatte Jack sich spontan entschlossen, einen Tierarzt einzustellen, der ihm auch praktisch zur Hand gehen würde. Die Zäune mussten repariert werden, am Haus gab es viel zu tun … Der Bungalow des ehemaligen Managers war unbewohnbar, aber ein junger Bursche konnte bei ihm einziehen …

Er hatte Cedric geantwortet und erklärt, dass sein Großvater, den er als junger Mann einmal in Werarra besucht habe, gestorben sei, ebenso wie seine Großmutter, die für ein gemütliches Zuhause gesorgt habe. Inzwischen sei die Farm ziemlich verfallen. Es gäbe keine eigene Unterkunft für Alex, aber wenn er bereit sei, die harten Bedingungen zu akzeptieren …

Alex hatte persönlich geantwortet und in seinen – ihren – E-Mails vorbehaltlos erklärt, dass harte Bedingungen okay seien.

Was nun? Es gab nicht mal ein funktionierendes Badezimmer. Einen Mann konnte er ungeniert bitten, das Außenklo zu benutzen, aber eine Frau? Er würde das Badezimmer wieder instand setzen, aber bestimmt nicht mehr an diesem Abend!

Außerdem wollte er keine Frau. Abgesehen von seiner Großmutter, hatten ihn weibliche Wesen nur unglücklich gemacht. Jetzt wieder eine bei sich aufzunehmen, das Haus, sein Leben mit ihr zu teilen …

Schluss mit der Schwarzseherei, ermahnte er sich selbst. Alex würde sowieso nicht bleiben, selbst wenn es sein Wunsch war. Sie hatte ganz offensichtlich eine eher romantische Vorstellung vom Leben auf einer Pferdezuchtfarm am Rand des australischen Outback. Ein Blick in das Außenklo – und sie würde freiwillig das Weite suchen.

Daraus war ihr kein Vorwurf zu machen, aber bis dahin musste er sich um sie kümmern. Er ging in die Küche, warf Bratwürste in die Pfanne und schnitt verbissen Zwiebeln, die er lieblos daraufhäufte, als könnte er dadurch seinem Ärger Luft machen. Doch eigentlich ärgerte er sich nur über sich selbst. Wie hatte er jemanden einstellen können, bevor das Farmhaus wieder voll bewohnbar war?

Und nun gar eine Frau …

Er deckte den Tisch. Zwei Messer, zwei Gabeln, zwei Becher und eine Flasche Ketchup. Jedem Mann würde das genügen. Eine Frau wünschte sich vielleicht mehr, aber sie würde nicht mehr bekommen. Außerdem wusste er nicht, was Frauen sich wünschten – speziell diese Frau, die ein Mann hätte sein sollen.

Noch während er darüber nachdachte, kam sie herein und raubte ihm vorübergehend den Atem. Bei ihrer Ankunft hatte sie eine schwarze Hose und einen maßgeschneiderten Wollblazer getragen, dazu halbhohe rote Stiefel mit Metallverzierungen. Ganz wie es zurzeit in New York Mode war.

Er hatte eine Waschschüssel mit Krug in ihr Schlafzimmer gestellt und beim Hinausgehen kurz bemerkt: „Es gibt zwar ein Badezimmer, aber die Leitungen sind defekt … wegen der starken Baumwurzeln. Benutzen Sie deshalb bitte das Außenklo. Eine Taschenlampe liegt bereit.“

Offensichtlich hatte sie von dem Waschgeschirr ausgiebig Gebrauch gemacht. Die blonden Locken, die ihr bis zu den Schultern reichten, waren noch feucht, und ihr ungeschminktes Gesicht glänzte. Sie trug Jeans und einen weiten Pullover, dazu dicke pinkfarbene Socken.

In ihrem kurzen Lebenslauf hatte sie ihr Alter mit fünfundzwanzig angegeben, aber in diesem Moment sah sie mehr wie sechzehn und sehr hübsch aus. Wirklich hübsch und auch ein bisschen verängstigt.

„Setzen Sie sich“, forderte er sie barsch auf.

„Danke.“ Alex schob sich auf den Stuhl am äußersten Tischende. Sie sah immer noch ängstlich aus.

„Drei Bratwürste?“

„Eine.“

„Wie Sie wollen.“ Jack legte die Wurst auf einen angeschlagenen Teller, fügte großzügig Kartoffelmus und Erbsen hinzu und stellte den Teller vor sie hin. Für sich selbst tat er sehr viel mehr auf, nahm dann ebenfalls Platz und begann zu essen.

Alex saß stumm da und blickte starr auf ihren Teller.

„Nun?“, fragte er.

„Ich habe Sie nicht belogen“, antwortete sie kleinlaut.

„Und ich habe die schriftlichen Unterlagen.“ Er tippte auf den Papierstapel, den er aus seinem Büro mitgenommen hatte. „Mein Sohn. So bezeichnet man normalerweise einen Mann.“

„Ich habe in keiner meiner E-Mails behauptet, ein Mann zu sein.“

„Der Hinweis wäre auch überflüssig gewesen. Ich hatte ja den Brief Ihres Vaters und den Visumsnachweis … dazu den Namen Alexander. Das ist ein Männername.“

„Ja“, gab sie zu und schob ihren Teller zurück. „Das stimmt.“

„Also?“

„Dad und mein älterer Bruder verstehen sich nicht gut.“ Es klang mutlos, als wäre sie mit ihrer Kraft am Ende. „Ich habe nie einen Grund dafür erfahren, es war einfach so. Ich habe auch noch zwei ältere Schwestern und sollte nach Dads Wunsch unbedingt ein Sohn werden, mit dem er sich besser verstehen würde als mit Matt. Der Name Alexander stand schon fest, bevor ich auf die Welt kam, aber leider wurde es eine Alexandra. Dad füllte die Geburtsurkunde aus und trug den Namen Alexander ein. Vielleicht war er betrunken und passte nicht richtig auf. Vielleicht war es auch die Wut darüber, dass ich kein Junge war. Jedenfalls blieb es bei Alexander. Für meine übrige Familie bin ich Alexandra oder einfach Alex, aber offiziell heiße ich Alexander.“ Sie sah ihn fragend an. „Ist das ein Problem für Sie?“

„Ja, das ist es. Ihr Vater hat Sie als seinen Sohn angekündigt. Ich wüsste gern, warum er mich belogen hat.“

„Es war ein Irrtum …“

„Solche Irrtümer gibt es bei Vätern nicht.“

„Nur, wenn sie sich statt einer Tochter einen Sohn gewünscht haben. Oder …“, sie schloss kurz die Augen und ballte dazu die Hände zu Fäusten, „… wenn sie an Alzheimer leiden.“

Schweigen. Es war immer wieder dasselbe.

Auf nichts war Jack weniger vorbereitet. Das Wort stand drohend im Raum, und er spürte, dass es Alex gegen ihren Willen herausgerutscht war. Zugeben zu müssen, dass ihr Vater an dieser schrecklichen Krankheit litt, musste sie unsagbar quälen.

Plötzlich gab es für seinen Ärger keinen Grund mehr. Er war unfreundlich, fast grausam gewesen und hatte damit etwas angerichtet, das nicht so schnell wieder gutzumachen war.

„Also“, begann sie mit sichtlicher Anstrengung von Neuem. „Wo liegt das Problem? Haben Sie etwas gegen Frauen?“

„Nein.“

„Ich habe mich nach dem Examen schon mehrfach beworben“, fuhr sie fort. „Ich will unbedingt mit Pferden arbeiten … mit richtigen Pferden, nicht mit Ponys oder irgendwelchen Haustieren. Versuchen Sie mal, auf einer Pferderanch akzeptiert zu werden, wenn Sie fünfundzwanzig Jahre alt, blond und niedlich sind.“

Sie sprach das Wort niedlich mit so hörbarer Verachtung aus, dass er fast lächeln musste. „Nun, ich kann es mir vorstellen …“

„Das können Sie eben nicht! Sie sind über ein Meter achtzig groß, kräftig gebaut und ein Mann. Sie wissen nichts von dem Herzenswunsch, mit Pferden zu arbeiten. Dieses halbe Jahr in Werarra soll die amerikanischen Rancher von meinen Fähigkeiten überzeugen, aber Sie sind genauso stur wie der letzte Macho-Cowboy in den Staaten, der einem weiblichen Wesen so etwas nicht zutraut.“

„Sie würden sich also ein halbes Jahr lang mit einem Außenklo abfinden?“

„Nicht, wenn ich zusätzlich einen arroganten, chauvinistischen Boss in Kauf nehmen muss. Und nicht, wenn man von mir verlangt, pures Fett zu essen.“ Sie schob ihren Teller noch weiter weg, bis er fast mit seinem zusammenstieß. Er nahm ihn unwillkürlich und leerte ihn auf seinen eigenen Teller. Niedlich? dachte er dabei. Das Wort passt wirklich nicht für sie.

Doch er unterdrückte diese Wahrnehmung schnell, denn sie ging in die falsche Richtung. Er wollte keine Frau niedlich finden.

„Dann werden Sie morgen wieder nach Hause fahren.“ Jetzt konnte sie ihm den vollen Teller wenigstens nicht mehr an den Kopf werfen!

„Warum sollte ich? Ich habe mich – im Gegensatz zu Ihnen – keiner Lüge schuldig gemacht.“

„Ich … ein Lügner?“, fuhr er auf. „Die unwirtlichen Verhältnisse waren ihnen bekannt.“

„Ja, aber ich verstand darunter das typische Leben im Outback … bestimmt kein halb verfallenes Farmhaus. Auf der Website machte es einen fantastischen Eindruck.“

„Das Foto wurde vor achtzig Jahren aufgenommen.“

„Und damit einen falschen Eindruck erweckt.“

„Ich habe nicht für mein Haus Werbung gemacht, sondern für meine Zuchtpferde. Ich wollte nur zeigen, dass die Werarra-Stockhorses ein Stück Geschichte verkörpern und zur Tradition unseres Landes gehören.“

„Dann hätten Sie das Außenklo abbilden sollen. Es wirkt sehr historisch.“

„Und Sie verhungern, wenn Sie jetzt nichts essen.“

„Ich würde für Geld keine Bratwurst hinunterbringen.“

„Sind Sie etwa Veganerin?“

„Nein.“

„Warum können Sie dann …?“

„Weil ich eine dreitägige Reise hinter mir habe“, unterbrach sie ihn. „Weil ich an Jetlag leide, übermüdet und überreizt bin. Weil mein Magen – wenn Sie es unbedingt wissen wollen – wie zugeschnürt ist und ich mich nur nach einem Gurkensandwich und einer Tasse schwachem Tee mit Honig sehne … nicht nach einer halben Tonne Fett. Doch wenn es sein muss, gehe ich auch ohne einen Bissen ins Bett.“ Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Gute Nacht.“

„Alex …“

„Was noch?“

„Setzen Sie sich wieder hin.“

„Ich will aber nicht.“

„Sie wollen keine Bratwürste“, stellte er seufzend fest, stand auf und schob seinen Teller in den vorgewärmten Backofen des riesigen altmodischen Kochherds, der fast die halbe Wand einnahm. „Ich bereite etwas zu, das Ihnen bekommt.“

„Ein Gurkensandwich?“

Er musste lächeln. „Nein, vergessen Sie die Gurken. Sie standen nicht auf meiner Einkaufsliste. Jetzt setzen Sie sich endlich wieder hin, und halten Sie den Mund. Mal sehen, was wir als Alternative finden.“

Alex ließ sich wieder nieder und beobachtete ihn, teils misstrauisch und teils hoffnungsvoll. Das rührte ihn. Unwillkürlich musste er an Sophie denken, mit der Todesblässe im Gesicht, lustlos auf ihrem Teller herumstochernd. „Ich kann nichts essen, Jack …“, hatte sie geflüstert.

Sophie.

Er brachte Wasser zum Kochen, goss es über einen Teebeutel und fügte Honig hinzu. Dann stellte er den dampfenden Becher vor Alex hin.

Sie legte beide Hände darum, als suchte sie Trost. Der Herd strömte eine angenehme Wärme aus, und Jack musste zugeben, dass die Küche der einzige einigermaßen gemütliche Raum im Haus war.

Doch er sah Alex an, dass sie sich unwohl fühlte. Sie wirkte unsicher und verloren. Vielleicht war er wirklich grausam, aber es würde ihm helfen, sie am nächsten Morgen nach ihrer Abreise zu vergessen.

Würde es wirklich so sein? So, wie sie dasaß, den Becher umklammerte und starr auf den alten verwitterten Holztisch blickte, ließ es Zweifel in ihm aufkommen.

Nein, er würde trotzdem erleichtert sein.

„Mal sehen, ob Ihnen das mehr zusagt“, begann Jack und stellte einen zweiten Teller vor sie hin.

Alex warf einen Blick darauf und konnte nicht mehr wegsehen. Keine Bratwürste! Auf einem kleineren, nicht angestoßenen Teller aus feinem Porzellan lag eine Scheibe goldgelb gerösteter Toast, in vier Teile zerschnitten. Daneben befand sich ein perfekt zubereitetes pochiertes Ei. Bei dem Anblick stürzten ihr fast die Tränen aus den Augen.

„Sie sind fix und fertig“, fuhr er mit fast sanfter Stimme fort. „Essen Sie das, und gehen Sie dann schlafen. Morgen früh sieht alles besser aus.“

Alex sah ihn an. Was für eine überraschende Geste! Wie kam dieser Mann plötzlich dazu?

„Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich bei meinen Bratwürsten bleibe“, sagte er noch, holte sie aus dem Backofen und begann wieder zu essen.

Alex hatte geglaubt, zu überreizt zu sein, um noch irgendetwas zu sich nehmen zu können, aber da Jack nun schwieg und sich ganz auf sein Essen konzentrierte, gelang es ihr, den Teller zu leeren.

Sie bekam noch einen zweiten Becher Tee und trank den ebenfalls aus. Für eine Unterhaltung war sie einfach zu fertig – sogar zu fertig, um über ihre eigentümliche Lage nachzudenken. Sie musste erst schlafen, um wieder sie selbst zu sein.

„Ich bin durchaus in der Lage, so ziemlich alles zu machen, was ein Mann machen kann“, erklärte sie etwas zusammenhanglos am Ende der Mahlzeit.

„Vielleicht, aber Sie werden nicht bleiben.“

„Nun gut, das wäre also geklärt.“ Sie stand langsam auf. „Vielleicht sollte ich mich für das Ei bedanken, aber ich verzichte darauf. Der Flug um die halbe Welt war teuer, und den Job, für den ich die weite Reise auf mich genommen habe, gibt es nicht. Rechnet man das gegeneinander auf, ist ein pochiertes Ei eine ziemlich kümmerliche Entlohnung.“

2. KAPITEL

Das Schlafzimmer entsprach nur wenig der Vorstellung, die Alex sich davon gemacht hatte. Die Blumentapete war verblichen, die Gardinen vor den großen Fenstern hatten zwar Troddeln, aber auch Risse, und in das Bett hätte sie dreimal gepasst. Ein Hauch von Schönheit lag dennoch über dem Ganzen, aber die einstige Pracht war dahin. Nur das Bettzeug war frisch bezogen, und die Matratze und die Kissen waren so angenehm weich, dass sie trotz ihrer Übermüdung und Gereiztheit und obwohl es erst sieben Uhr war, sofort einschlief. Kurz nach Mitternacht schreckte sie jedoch hoch und erinnerte sich, wo sie war und wie wenig die weite Reise gebracht hatte. Sie war förmlich am Ende.

Oder doch nicht? Vielleicht übertrieb sie etwas, während sie in die Dunkelheit starrte. Sie hatte genug Geld mitgenommen, um Ferien zu machen. Sie konnte nach Sydney fahren, sich die Stadt ansehen und dann nach New York zurückfliegen, um dort jedem zu erzählen, dass sie reingelegt worden war.

Ihre Freunde hatten sie ausgelacht, als sie von ihren Plänen erfuhren. „Du? Auf einer Ranch im Outback? Als Mädchen für alles und obendrein Ärztin für Stockhorses? Komm zu dir, Alex. Du bist zu zart und zu blond“, hatten sie gesagt.

Das war mehr oder weniger scherzhaft gemeint gewesen, aber sie hatte die ernsten Befürchtungen herausgehört. Niemand würde überrascht sein, wenn sie unverrichteter Dinge nach Hause zurückkam.

Und was dann? Natürlich konnte sie dem Rat ihrer Mutter folgen, sich geschlagen geben und in einer New Yorker Kleintierpraxis verwöhnte Schoßhündchen therapieren. Ihre Mutter hatte genug Kontakte, um ihr eine solche Stellung zu verschaffen. Anders ihr Vater. Ihm gefiel die Idee, mit Pferden zu arbeiten, und darum hatte er die einzige Verbindung genutzt, die ihm geblieben war – leider vierzig Jahre zu spät.

Außerdem hatte er einen Sohn und keine Tochter angekündigt.

Plötzlich dachte sie nur noch an ihren Vater. War der Unterschied wirklich so groß? Sie hatte nie richtig verstanden, warum ihm der eine Sohn nicht genügte und er sich unbedingt einen zweiten gewünscht hatte.

Genauso wenig verstand sie, warum Jack Connor so große Probleme damit hatte, dass sie eine Frau war.

Er hatte ihr ein pochiertes Ei zubereitet. Eigentlich eine Kleinigkeit, aber gemessen an seinem rauen Verhalten zumindest inkonsequent. Der Unterschied war ihr sofort aufgefallen.

Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Drei Uhr früh. Noch vier Stunden, bis sie Werarra verlassen konnte, um nie wiederzukommen.

Also die Niederlage eingestehen? „Ja“, murmelte sie, das Gesicht in die Kissen gedrückt. „Eine andere Wahl habe ich nicht.“

Sie drehte sich um und sah Licht durch die Vorhänge schimmern. Da draußen war jemand, vielleicht Jack auf dem Weg zum Außenklo. Sie verkroch sich tief unter ihre Bettdecke und versuchte weiterzuschlafen. In Manhattan war es jetzt Mittag, und sie war hellwach.

Das Licht.

Achte nicht darauf. Schlaf weiter.

Ihre Beine zuckten. Sie hatte zu lange in zu vielen Flugzeugen gesessen.

Na und? Schlaf weiter.

Doch das war nicht so einfach.

Sancha war eine der prämierten Stuten von Werarra, und sie sollte ihr zweites Fohlen bekommen. Jack hatte keine Schwierigkeiten erwartet. Gegen halb drei schien es so weit zu sein, und alles wirkte normal. Das Herz des Fohlens schlug kräftig und regelmäßig. Er hatte frisches Stroh in die Box gebracht und setzte sich hin, um zu warten. Die Geburt verlief meist kurz und kam ganz plötzlich. Länger als eine halbe Stunde dauerte sie eigentlich nie.

Diesmal leider doch. Sancha hatte Probleme und das Fohlen ebenso. Es lag falsch, und sein Herzschlag wurde unregelmäßig.

Er brauchte einen Tierarzt – und zwar sofort. Er hatte zwar eine Tierärztin im Haus, bezweifelte aber ihre Fähigkeiten. Außerdem hatte er sie entlassen, beziehungsweise gar nicht erst eingestellt. Er konnte sie jetzt nicht um Hilfe bitten.

Aber was dann? Der Tierarzt aus Wombat Siding würde eine Stunde brauchen, und die Zeit wurde knapp.

Dann besiegte er seinen Stolz.

Alex hüllte sich in ihren flauschigen Bademantel und eilte auf die Veranda. Sie musste wissen, was da unten los war, und weiterschlafen konnte sie ohnehin nicht. Es blitzte noch am Horizont, aber das Gewitter war abgezogen, und der Regen hatte aufgehört. Die Luft war kühl und frisch. Genau das brauchte sie, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Sie benutzte die Hintertür und stieß dort mit Jack zusammen. Er musste sie einen Moment stützen, bis sie sich gefasst hatte. Er war so groß und jetzt, mitten in der Nacht … Ihr wurde ganz unheimlich zumute.

„Sind Sie wirklich Tierärztin?“, fragte er.

„Und wenn schon.“ Sie wich einen Schritt zurück. „Warum interessiert Sie das plötzlich?“

„Weil eine meiner Stuten Schwierigkeiten bei der Geburt ihres Fohlens hat. Die Wehen haben vor mehr als einer Stunde eingesetzt, aber nichts geschieht. Ich kann das Fohlen nicht in die richtige Lage bringen. Ich spüre nur überall kleine Hufe und werde Sancha möglicherweise verlieren.“

„Meine Arzttasche liegt im Auto“, erwiderte Alex kurz angebunden. „Holen Sie sie, und zeigen Sie mir Sancha.“

Von da an galt Alex’ ganze Aufmerksamkeit der Stute. Jack stand nur dabei und beantwortete ihre kurz angebundenen Fragen, während sie Sancha untersuchte.

„Wie lange beobachten Sie sie schon? Wirkte sie beunruhigt, und ist dies ihre erste Geburt?“

„Es ist ihr zweites Fohlen. Das erste kam problemlos zur Welt, aber diesmal stimmt die Lage nicht.“

Alex streifte den rechten Ärmel ihres Bademantels hoch, tauchte den Arm in den Eimer mit warmem Seifenwasser, der bereitstand, und nahm eine rasche Untersuchung vor. Sie traute Jack nicht.

Warum auch?

Die Stute war in ziemlicher Not. Sie stampfte unruhig, legte sich hin, wälzte sich und stand wieder auf. Alex folgte jeder Bewegung, ohne eine Verletzung zu riskieren. Schnell stand ihr Entschluss fest.

„Das Fohlen liegt so ungünstig, dass es nicht auf dem natürlichen Weg herauskommen kann, und eine Korrektur der Lage wäre zu diesem Zeitpunkt zu riskant. Die einzige Alternative ist ein Kaiserschnitt, aber für den bräuchte ich Hilfe und vor allem die richtige Ausrüstung.“

„Die habe ich … und assistieren kann ich auch“, versicherte Jack, ohne zu wissen, ob er damit nicht zu viel versprach. Hatte er wirklich alle notwendigen Instrumente da? Ein Kaiserschnitt … hier im Stall? Die Umgebung war nicht steril. Außerdem brauchte man ein Operationsbesteck, Betäubungsmittel … Würde er Sancha allein festhalten können? Wenn er noch einen Mann zur Unterstützung gehabt hätte …

Was er hatte, war eine niedliche Blondine in einem flauschigen Bademantel.

Doch Alex schien nicht einmal zu bemerken, wie ungeeignet sie für die Aufgabe war, die vor ihr lag. Stattdessen musterte sie die Deckenbalken.

„Sind Sie empfindlich?“, fragte er.

„Nein“, antwortete sie empört. „Ich brauche Seile und mehr Wasser … außerdem helleres Licht. Ferner warme Decken und möglichst einen Ventilator, der sich hier anschließen lässt. Wie gut sind Sie wirklich ausgerüstet?“

„Ich hoffe, wir finden alles, was Sie brauchen“, antwortete er und führte sie in den Lagerraum am Ende des Stalls. Der Tierarzt aus Wombat Siding hatte erstaunlich gut vorgesorgt. Es gab über hundert Pferde auf der Farm, daher hatte er ein kleines Basislager angelegt, um im Notfall kostbare Zeit zu sparen.

Alex’ Augen leuchteten auf, als sie die Bestände musterte. Ohne lange zu zögern, suchte sie alles zusammen, was sie brauchte, und übergab es Jack.

„So weit, so gut“, erklärte sie. „Hiermit schaffen wir es vielleicht. Mein Ziel ist es, die Stute zu retten, das ist Ihnen hoffentlich klar. Das Fohlen hat unter diesen Bedingungen nur eine Überlebenschance von zehn Prozent.“

„Das weiß ich.“

„Und Sie werden nicht ohnmächtig?“

„Nein.“

„Ich habe härtere Typen gesehen, die ohnmächtig wurden, aber bei Ihnen würde es den Verlust der Stute bedeuten. So einfach ist das, denn allein schaffe ich es nicht.“

„Ich bleibe die ganze Zeit bei Ihnen.“

Alex musterte ihn scharf und nickte kurz, als habe er einen Test bestanden. „In Ordnung. Fangen wir an.“

Es war ein schwerer Job – und ein riskanter dazu. Doch schließlich war Alex ausgebildete Tierärztin. Sie sprach leise auf die Stute ein, spritzte ihr das Betäubungsmittel und erreichte, dass sie sich hinlegte.

Mit Jacks Hilfe brachte sie Sancha in die richtige Position, was viel Kraft erforderte und nur durch die Seile an den Deckenbalken gelang. Nachdem die Stute eingeschläfert war, setzte Alex einen Tropf an, der Sancha die nötigen Flüssigkeiten zuführte, und bat Jack, den Tropf und den Ventilator zu überwachen. Sie gab nur kurze, knappe Anweisungen, aber Jack folgte ihr aufs Wort. Jetzt war sie dran.

Sie entfernte die Haare vom Bauch der Stute, sorgte für eine sterile Umgebung und kontrollierte noch einmal die Instrumente. „Fertig?“, fragte sie und sah Jack fragend an.

„Ja“, beteuerte er, ohne ganz sicher zu sein.

Voller Bewunderung sah er zu, wie Alex mit einem beherzten, etwa dreißig Zentimeter langen Schnitt erst die Bauchdecke und dann die Gebärmutter öffnete, um das Fohlen zu erreichen.

„Und jetzt beten“, forderte sie Jack auf, als der erste kleine Huf zum Vorschein kam, dann der zweite und schließlich die beiden anderen. Das Fohlen war klein, aber gemessen an Alex’ Zierlichkeit …

„Die Sauerstoffmaske hat sich verschoben!“, fuhr sie ihn an. „Erst die Stute, dann das Fohlen.“

So viel war Jack bekannt. Er wusste, dass bei einem Kaiserschnitt das Fohlen meist nicht überlebte. Auch hier ging es vor allem um Sancha.

Alex schwankte ein wenig, als sie das Fohlen ganz aus der Gebärmutter befreite, aber Jack hütete sich, ihr in die Quere zu kommen. Sie fand auch gleich wieder festen Halt, untersuchte das Tier, hielt ihr Gesicht kurz an seine Nüstern und trug es dann zu dem Strohlager in der Ecke, das Jack noch mit wärmenden Decken ausgelegt hatte. Der kleine Körper war ganz schlaff, aber vielleicht gab es noch Hoffnung …

Alex kniete schon wieder bei der Stute, um die Wunde zuzunähen. Das Fohlen musste sie für den Augenblick sich selbst überlassen. Jack half, Sancha zu stützen, und überwachte dabei weiter die Sauerstoffzufuhr. Zwischendurch warf er ängstliche Blicke auf das Fohlen, das sich wunderbarerweise zu bewegen begann.

Auch in die Stute kam langsam wieder Leben. Ein leises Zittern durchlief ihren Körper. „Achten Sie nur auf Sancha“, befahl Alex, „oder wollen Sie beide verlieren?“

Nein, das wollte er auf keinen Fall. Also widmete er sich wieder seiner Aufgabe, um wenigstens Sanchas Leben zu retten.

Alex nähte die Wunde weiter zu. Stich um Stich. Jack konnte ihr nur staunend zusehen, wie sie am Boden kniete, den blonden Kopf leicht vorgebeugt … Unwillkürlich musste er an die Bratwürste und das Außenklo denken und kam sich wie ein Idiot vor.

Wie ein grausamer Idiot.

Diese Frau war um die halbe Welt gereist, um hier das zu tun, was sie brillant beherrschte. Und er hatte ihr fast ein Ei missgönnt! Doch für solche Selbstvorwürfe war jetzt keine Zeit. Sobald die Wunde vernäht war, löste Alex die Seile, und er musste ihr helfen, Sancha in eine bequeme Seitenlage zu bringen.

„Passen Sie gut auf sie auf“, sagte Alex, jetzt in sanfterem Ton, und widmete sich wieder dem Fohlen. „Es ist ein junger Hengst … und er lebt.“ Sie schien selbst überrascht zu sein. „Nein, ich habe mich geirrt. Es ist eine Sie, und sie soll gleich den richtigen Namen bekommen.“

Sancha machte eine schwache Bewegung, hob den Kopf und wieherte leise.

„He!“ Jack drückte seine Wange an ihren Kopf, wie er es als Kind getan und bei seinem Großvater gelernt hatte. Der alte Jack war ein boshafter Trunkenbold gewesen, aber ungemein zutraulich zu seinen Pferden. Sein Enkel hatte ihn beobachtet und mit der Zeit alles gelernt, was man beim Umgang mit den Tieren beachten musste. „Noch nicht aufstehen“, flüsterte er Sancha ins Ohr. „Für dein Baby wird gut gesorgt.“

Sie mussten jetzt nur noch warten. Alex glich in nichts mehr der Prinzessin aus Manhattan, die Jack anfangs in ihr gesehen hatte. Sie nahm sich Zeit und bewies rührende Geduld.

Und tatsächlich! Nach einer Weile begann das Fohlen zu zappeln. Es versuchte aufzustehen, und Alex half dem zitternden Bündel aus zu langen, dünnen Beinen und einem zu großen Kopf.

Jack kämpfte mit seiner Rührung. Er wollte nicht zeigen, wie nah ihm alles ging, sondern ruhig und beherrscht erscheinen. Doch ganz gelang ihm das nicht.

Das Fohlen wieherte schwach, und die Stute antwortete. Sie wollte ebenfalls aufstehen, und Alex war sofort an ihrer Seite, um zu helfen. Schließlich war es geschafft. Mutter und Kind standen beide auf ihren vier Beinen, noch etwas wacklig, aber aufrecht.

Sancha wandte den Kopf, stupste ihr Fohlen an, und wie durch ein Wunder begann es, leise wiehernd nach dem Euter zu suchen. Alex strahlte. Sie half dem Fohlen, die Zitzen zu finden und trat, nachdem sie tief durchgeatmet hatte, zurück.

„Es scheint fast so, als hätten wir gewonnen“, flüsterte sie, und dabei liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie scheute sich nicht, ihre Gefühle zu zeigen, und Jack war in großer Versuchung, ihr die nassen Spuren abzuwischen, sie zu umarmen, hochzuheben und in der Luft herumzuwirbeln. Natürlich durfte es nicht dazu kommen, aber er konnte den Drang kaum unterdrücken.

Alex fuhr sich mit dem Ärmel des Bademantels über das Gesicht, lächelte unter Tränen und begann, das blutbefleckte Stroh zusammenzufegen. Sie machte einfach weiter. Sie blieb vernünftig – viel vernünftiger als er.

„Sancha braucht während der nächsten Wochen äußerste Ruhe“, sagte sie sachlich. „Sie ist viel schwerer als ein Mensch, und ihre Eingeweide drücken auf die Naht. Andererseits braucht das Fohlen viel Bewegung. Es muss sich austoben dürfen, während die Mutter behutsam herumgeführt wird. Das ist nun Ihre Aufgabe. Da Sie mich entlassen haben, werden Sie zusätzliche Hilfe brauchen.“

Alex vermied es, ihn anzusehen, während sie das sagte, aber Jack beobachtete sie umso genauer. Ihr Bademantel war jetzt fleckig und blutverschmiert, das blonde Haar klebte ihr am Kopf. Dennoch glaubte er, nie etwas Schöneres gesehen zu haben, und damit stand sein Entschluss fest. Er würde ihr den Job geben. Obwohl er sie abscheulich behandelt hatte, verdankte er ihr das Leben seiner besten Stute und ihres Fohlens.

„Die Leitungen im Badezimmer sind erst seit letzter Woche kaputt“, sagte er, bevor er in Gefahr geriet, es sich anders zu überlegen. „Ich kann morgen einen Klempner bestellen, dann dürfte abends wieder alles funktionieren. Bis dahin …“ Er schien kurz zu überlegen. „Mit dem Boiler in der Waschküche kann man genug heißes Wasser aufbereiten, um die Badewanne zu füllen.“

Alex sah ihn mit großen Augen an. „Heißes Wasser?“

Er nickte.

„Sie bieten mir ein heißes Bad an?“

„Und einen Job.“

„Das Bad ist mir im Moment wichtiger.“ Sie richtete sich auf und blickte ihm ins Gesicht. „Ein richtiges köstliches Bad in einer richtigen Badewanne? Ich trage die Eimer selbst, wenn es sein muss.“

„Sie tun heute Nacht gar nichts mehr“, entschied er. „Sie haben genug geleistet. Was den Job betrifft …“

„Alles Weitere besprechen wir morgen“, unterbrach sie ihn. „Alles, was Sie wollen, aber zuerst das Bad.“

Es dauerte eine Weile, bis die Badewanne – ein uraltes Modell mit Löwentatzen – gefüllt war, und Alex durfte nur zuschauen, während Jack die Eimer trug. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass sie mit allem Nötigen versorgt war, kehrte er in den Stall zurück, um Sancha und das Fohlen weiter zu bewachen. Dabei ließ es sich gut über manches nachdenken.

Als er nach Sophies Tod auf die Ranch gekommen war, hatte er geglaubt, einen fähigen Manager und einen Stalljungen vorzufinden. Letzteren hatte es nie gegeben, und auch bei den Abrechnungen über die angeblichen Gebäudereparaturen hatte der Manager ihn betrogen. Allem Anschein nach hatte sich sein Großvater seit Jahren um nichts als die Pferde gekümmert, und der Manager hatte nicht viel getaugt. Das Ergebnis war, dass Jack keine Hilfe hatte und im Grunde auch niemanden unterbringen konnte.

Als Cedric Pattersons Brief kam, war er am Rand der Verzweiflung gewesen, und das Angebot, Tierarzt und Handwerker in einer Person zu gewinnen, war ihm wie ein Himmelsgeschenk erschienen. Der Bungalow des Managers war zwar unbewohnbar, und die Reparaturen hätten zu viel Zeit beansprucht, aber warum sollte ein junger Mann nicht mit ihm im Haupthaus wohnen? Ein Absolvent, frisch von der Universität, der zu Hause keinen Job fand und erste Erfahrungen sammeln wollte? Doch statt des jungen Mannes war eine junge Frau gekommen, und falls sie sein Angebot morgen annahm, würde er für ein halbes Jahr mit ihr zusammenleben.

Das konnte nur gelingen, wenn er äußerste Zurückhaltung übte. Der Kummer um Sophie war noch zu frisch, um andere Gefühle aufkommen zu lassen. Am liebsten hätte er gar nichts mehr gefühlt und nie wieder für einen anderen Menschen Verantwortung übernommen.

„Meine einzige Aufgabe ist es, die besten Stockhorses in Australien zu züchten“, sagte er halblaut zu Sancha, die ihr Fohlen weiter trinken ließ. „Alles andere ist mir gleichgültig.“

Alex lag in der großen altmodischen Wanne und ließ die wohltuende Wärme auf sich wirken. Nichts zählte, als dieses wunderbare heiße Bad – und natürlich der medizinische Erfolg, den sie errungen hatte.

Und wie stand es um Jack Connors Angebot?

Eigentlich konnte sie es nur ablehnen. Er war ein arroganter Macho und die ganze Ranch eine Bruchbude! Mit Ausnahme der Ställe, der medizinischen Ausrüstung und allem, was Pferde brauchten. An die Tiere hatte er zuerst gedacht. Einem Mann, dem die Bedürfnisse seiner Tiere wichtiger waren als seine eigenen, konnte man einiges nachsehen. Außerdem wollte er die Leitungen im Badezimmer reparieren lassen. Dann konnte sie jeden Abend ein so schönes Bad nehmen.

Wenn sie blieb, musste sie nicht erfolglos nach Hause zurückkehren und den Wünschen ihrer Mutter folgen. Doch bei Jack bleiben? Genau darüber wollte sie eigentlich nicht nachdenken. Er war zwar ein Macho, aber auch sehr sexy, und sein Lächeln, als sich das Fohlen zum ersten Mal bewegt hatte … Wenn sie daran dachte, wurde ihr immer noch mulmig.

Nein, je eher sie diesem Mann den Rücken kehrte, desto besser.

Sie streckte einen Fuß aus dem Wasser und betrachtete die Nägel, die sie vor ihrer Abreise aus New York rosa lackiert hatte. Was war da bloß in ihr vorgegangen? Sich für eine australische Pferdezuchtfarm die Fußnägel zu lackieren!

„Jedenfalls habe ich es nicht getan, um Jack Connor zu beeindrucken“, murmelte sie vor sich hin. „Falls ich bleibe, werde ich sowieso nur Stiefel tragen.“

Also gut. Sie wollte Jack Connor nicht imponieren, aber sie hatte seine Stute und ihr Fohlen gerettet und ihn zum Lächeln gebracht. Und er hatte ihr ein pochiertes Ei serviert.

„Sei nicht albern, Alex Patterson“, setzte sie ihr Selbstgespräch fort. „Für deinen Vater bist du ein Junge. Wenn du hierbleiben willst, musst du dich selbst genauso einschätzen und darfst in Jack Connor nicht den attraktiven Mann sehen.“

Wirklich nicht?

Nein.

Sie hielt den Fuß immer noch aus dem Wasser, und die rosa lackierten Nägel waren plötzlich wie ein Zeichen. Ein Zeichen für das, was nicht ganz zu der vernünftigen Ärztin passte.

3. KAPITEL

Alex wachte am nächsten Vormittag um elf Uhr auf. Jemand hämmerte vor ihrem Schlafzimmerfenster, und auch Männerstimmen waren zu hören. Sie tappte zum Fenster und schob vorsichtig die Gardine zurück. Das konnte nur Jack sein, aber zu ihrer Überraschung stand ein Kleinlaster vor dem Haus, mit der Aufschrift „Klempnerei Wombat Siding“. Drei Männer machten sich mit Schaufeln zu schaffen. Die Badezimmerleitungen wurden offenbar repariert!

Jack war also ein Mann, der Wort hielt, aber von ihm selbst war nichts zu sehen. Egal. Die Sonne schien, die Luft war frisch und klar. Wie mochte es Sancha und dem Fohlen gehen?

Sie brauchte nur Minuten, um sich anzuziehen. Mit der Zeitverschiebung kam sie immer noch nicht ganz zurecht, denn zu Hause wäre sie jetzt schlafen gegangen, aber sie hatte erfolgreich ein Fohlen zur Welt gebracht, und der Job schien einiges zu versprechen.

Jack war nicht in der Küche. Stattdessen fand sie eine handgeschriebene Nachricht vor.

Tut mir leid, aber Sie müssen heute Morgen noch einmal das Außenklo benutzen. Bis zum Abend sollen die Leitungen repariert sein. Machen Sie sich Frühstück, und legen Sie sich dann wieder hin. Sie haben Ruhe verdient. Ich arbeite im Wäldchen, sehe aber alle zwei Stunden nach Sancha und dem Fohlen. Beide machen einen prächtigen Eindruck. Ich danke Ihnen.

Das war keine besonders aufregende Nachricht. Nichts, um gute Laune zu bekommen, aber wieder ins Bett gehen? Sie hatte geglaubt, tagelang schlafen zu können. Was für ein Irrtum!

Nach zwei Scheiben Toast und zwei Bechern starkem Kaffee – die Sorte sprach für Jacks guten Geschmack – war sie schon auf dem Weg zu den Ställen.

Wie angedeutet, ging es Mutter und Kind wirklich gut. Sancha war ein tiefbrauner Fuchs mit weißer Stirnlocke und weißen Beinen, und das Fohlen glich ihr aufs Haar. Beide wirkten ausgesprochen zufrieden. Sancha wehrte sich nicht gegen die Nachuntersuchung, und Alex konnte nichts Schlimmes feststellen.

„Wir gehen heute Nachmittag ein klein wenig spazieren“, versprach sie der Stute. „Du musst in der nächsten Zeit sehr geschont werden, aber dein Kind braucht Auslauf.“

Jack hatte in seiner Nachricht ein Wäldchen erwähnt. Wo mochte das sein? Die Klempner machten großen Lärm, aber ihr war, als hörte sie hinter dem Haus eine Kettensäge. Das musste Jack sein. Sie hätte ihn getrost sich selbst überlassen können, aber untätig herumsitzen? Nein, das lag nicht in ihrer Natur.

Sie ging dem Krach nach, immer am Bach entlang, der hinter dem Haus vorbeifloss. Jack besaß wirklich ein einmalig schönes Grundstück, das sicher vor langer Zeit gerodet und in idyllisches Weideland verwandelt worden war. Einige rote Eukalyptusbäume hatte man stehen lassen, als angenehme Ruhepunkte für das Auge. Eine kleine Herde kräftiger Rinder suchte zwischen den Bäumen nach Futter. Vermutlich hatte man die Tiere angeschafft, um das Gras kurz zu halten, was bei den ausgedehnten, unebenen Wiesen eine Notwendigkeit war.

Am Horizont ragten die Gipfel der Snowy Mountains auf – eine fantastische Silhouette. Die Regengüsse der letzten Nacht hatten alles rein gewaschen, jeder Vogel schien darüber zu jubilieren. Was Alex im Internet über die Schönheit des australischen Hochlands gelesen hatte, entsprach tatsächlich der Wahrheit. Die Landschaft war wirklich atemberaubend schön.

Der Bach machte eine kleine Biegung und gab den Blick auf etwas noch Schöneres frei. Auf Jack, der mit nacktem Oberkörper dastand und einen abgestorbenen Baumstamm zersägte.

Alex blieb wie angewurzelt stehen. Nie zuvor hatte sie einen so … männlichen Körper gesehen. Ein unschuldiges, schüchternes Mädchen wäre jetzt seufzend in Ohnmacht gefallen, und für einen Moment glaubte sie, selbst die Fassung zu verlieren. Da sah Jack auf und entdeckte sie.

„He, Sie sollten im Bett liegen und schlafen!“, rief er.

„Ich bin hergekommen, um zu arbeiten.“ Ihr Blick fiel auf einen Traktor mit Anhänger und den Holzstapel, der danebenlag. Ohne lange zu zögern, ging sie hin und begann, das Holz aufzuladen.

Jack wollte sie zurückhalten. „Das können Sie nicht tun!“

Sie hob schon den zweiten Klotz auf. „Warum nicht?“

„Weil das nicht zu Ihrer …“

„… Arbeit gehört? Oh doch. Laut Vertrag bin ich Tierarzt und Handwerker.“

„Handwerker“, wiederholte er mit Betonung der letzten Silbe.

„Müssen wir mit dem Theater von vorn anfangen?“

„Nein, aber …“

„Dann ist es ja gut.“ Sie nickte ihm lächelnd zu und warf weiter Holzklötze auf den Anhänger.

„Auch einem Mann würde ich raten, wenigstens Handschuhe anzuziehen“, murrte er. „In der Sattelkammer liegt ein ganzer Stapel. Suchen Sie Ihre Größe heraus, und kommen Sie nicht ohne zurück.“

„Ich brauche keine …“

Er ließ sie nicht aussprechen. „Ich bin hier der Boss und bezahle die Krankenversicherung für Sie. Entweder arbeiten Sie mit Handschuhen … oder gar nicht.“

Alex richtete sich auf und funkelte ihn an. Dieser Blick könnte manchen Mann einschüchtern, dachte er, aber mich nicht. „Also bitte. Entscheiden Sie sich.“

Es nützte nichts. Sie musste umkehren und sich Handschuhe holen. Danach arbeitete sie schweigend weiter.

Zwei Stunden vergingen, ohne dass Jack umgänglicher wurde. Er sägte jetzt kleinere Klötze ab, um Alex das Aufladen zu erleichtern. Seine anfängliche Hoffnung, sie würde schnell ermüden und von sich aus aufhören, erfüllte sich nicht.

Sie blieb, und schließlich war der Holzstapel auf dem Anhänger so groß, dass er mit dem Traktor zum Hof fahren musste, um abzuladen. Auch dabei half sie ihm, und als er anschließend im Stall verschwand, um kurz nach Sancha zu sehen, hörte er, wie sie mit dem Traktor wieder zum Bach hinunterfuhr.

Entweder war sie kräftiger, als ihre zierliche Figur vermuten ließ, oder der Trotz hielt sie aufrecht. Ein Blick auf ihre Hände hätte diese Frage geklärt, aber da sie auf seinen Befehl hin Handschuhe trug, musste er sie weiterarbeiten lassen. Sie tat es mit einer Beharrlichkeit, die ihn zunehmend irritierte. Kam sie nicht aus New York? Lernte man dort, wie ein Holzfäller zu schuften? Sicherlich nicht.

Endlich war der Anhänger zum zweiten Mal voll beladen. Was jetzt?

Pause.

Jack hatte für sich belegte Brote vorbereitet und zwei Dosen Bier mitgebracht. Für zwei Leute war es nicht genug, und außerdem musste Alex sich endlich einmal ausruhen. „In der Küche finden Sie genug zu essen“, sagte er. „Sie haben Ihr Soll für heute mehr als erfüllt. Gehen Sie zurück, und erholen Sie sich von der Arbeit.“

Alex schüttelte den Kopf. Sie hatte anfangs einen Pullover getragen, der jetzt am Waldrand lag. Sie ging hin und zog eine Flasche Mineralwasser und Sandwichs hervor.

„Woher wussten Sie …?“

„Brot, Brett und Messer lagen noch auf dem Küchentisch“, antwortete sie. „Man musste nicht Einstein sein, um zu erkennen, dass da jemand für seinen Lunch gesorgt hatte. Sie wollten den Klempnern offenbar aus dem Weg gehen, und so beschloss ich, dasselbe zu tun.“

„Ich gehe denen nicht aus dem Weg.“

„Dann vielleicht mir? Was haben Sie eigentlich gegen Frauen?“

„Gar nichts. Ich war nur der Ansicht, dass Sie für den Job ungeeignet sind.“

„Und das hat sich inzwischen als Irrtum herausgestellt.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, als hätte er ihr gerade das schönste Kompliment gemacht.

Zum Teufel! Macht sie sich etwa über mich lustig?

Dennoch musste er lächeln. Sie war einfach unwiderstehlich. „Als ein großer Irrtum. Das haben Sie heute Nacht bewiesen und sich den Lohn für ein ganzes halbes Jahr verdient. Sie können getrost nach Hause fahren.“

„Falls ich überhaupt nach Hause fahren will.“

„Und das ist nicht der Fall?“

„Nein“, gestand sie ehrlich. „Ich möchte bleiben. Sechs Monate harte Arbeit und zum Abschluss eine Empfehlung von Werarra sichern mir zu Hause eine erfolgreiche Zukunft.“

Das schien Jack einzuleuchten. „Die Pferde von Werarra gehören weltweit zu den besten Stockhorses“, gab er zu. „Wahrscheinlich sind es sogar die besten. Seit dem Tod meiner Großmutter hat sich mein Großvater nur noch um die Tiere gekümmert. Alles andere hat er schleifen lassen, aber den Pferden ging es gut.“

Alex nickte. „Mein Bruder hat sich im Internet genau über die Farm informiert … natürlich in meinem Interesse. Er fand auch heraus, dass sie nach dem Tod Ihres Großvaters vor einem Jahr von einem Manager weiterbetrieben wurde. Sie waren der Besitzer, ließen sich aber niemals blicken.“

„Ich leitete eine IT-Firma und musste mich außerdem um meine Schwester kümmern.“ Es klang, als hätte er sich dieses Geständnis abgerungen. Das erregte ihr Mitgefühl.

„Sie ist tot, nicht wahr?“

„Ja, sie starb. Ihre Depressionen führten sie in Abgründe, aus denen sie niemand zurückholen konnte. Vielleicht habe ich mir nicht genug Zeit für sie genommen.“

„Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Sie haben sich bestimmt für sie aufgeopfert, und ihr Tod tut mir sehr leid.“

Sie sah zu dem leicht erhöht liegenden Farmhaus hinauf. Drei Stuten standen auf der angrenzenden Koppel und beobachteten sie. Ihr Fell glänzte in der Mittagssonne. Man erkannte auf den ersten Blick, wie gut es ihnen ging. Wie vortrefflich sie gepflegt wurden.

Jacks Miene war finster geworden. Er bereute es, Sophies Tod erwähnt zu haben, obwohl er spürte, wie gut Alex ihn verstand. Er brauchte kein Mitgefühl und wollte keine Sympathie.

„Sie haben schon als Kind gelernt, mit Pferden umzugehen, nicht wahr?“, fuhr sie fort, um ihn abzulenken. „War es hier?“

„Ja, hier in Werarra“, erwiderte er schroff. Warum hatte er bloß nicht den Mund gehalten?

„War Ihr Großvater Ihr Lehrer?“

„Ich habe ihm zugesehen.“

Alex hörte den feinen Unterschied heraus. „Und nach seinem Tod überließen Sie alles dem Manager, damit Sie für Ihre Schwester sorgen konnten?“

Er nickte. Woher wusste diese Frau das alles? Sie ersparte ihm sogar die Antwort.

„Mit dem Ergebnis, dass die Pferde prächtig gepflegt sind, während alles andere verfällt.“

„Das Haus war nicht so wichtig.“

„Es ist wichtig, wenn Baumwurzeln die Wasserleitungen beschädigen“, widersprach sie, „und es ist wichtig, wenn ich bleibe. Zum Beispiel brauche ich neue Gardinen für mein Schlafzimmer. Die Klempner konnten durch die Risse praktisch bis zu meinem Bett sehen. Parkett, erste Reihe, Mitte.“

Das heiterte ihn endlich etwas auf. Die wehmütige Stimmung war verflogen. Alex hatte ihren frechen Ton wiedergefunden. Sie strahlte Zuversicht aus.

Sie war niedlich.

„Ich verschaffe Ihnen neue Gardinen“, versprach er.

„Gut. Wollen Sie heute noch das ganze Holz nach oben schaffen?“

Anstatt zu antworten, zog Jack ihr einen Handschuh aus. Sie zuckte zurück, jedoch nicht schnell genug. Er nahm ihre Hand und betrachtete die Innenfläche. Sie hatte drei Blasen, offen und etwas blutig. Er hatte es gewusst. Sie kam aus New York und frisch von der Universität. Ihre Kraftanstrengung war gespielt.

„Es genügt, Alex“, stellte er ruhig fest.

„Aber ich will den Job“, flüsterte sie verzweifelt. „Sie ahnen nicht, wie sehr.“

„Dann müssen Sie sich abhärten“, fuhr er fort, ohne ihre Hand loszulassen, „und das schafft man nicht, indem man mit dem Kopf gegen die Wand rennt. Am Ende des halben Jahrs werden Sie mehr leisten als der beste Waldarbeiter, aber für heute ist es genug. Gehen Sie nach oben, waschen Sie sich die Hände, und ruhen Sie sich aus.“

„Ich …“

„Tun Sie einfach, was ich gesagt habe.“

Sie hob den Kopf und sah Jack an. Das war ein Fehler, denn sie saßen zu nah beieinander. Er bemerkte die Schatten unter ihren Augen, die auf den Jetlag und die Anstrengung der letzten Nacht zurückzuführen waren. Außerdem war sie zu blass, zu klein, und ihre verletzte Hand lag immer noch in seiner. Ihr Blick war der eines Tiers in der Falle, aber in Wirklichkeit fühlte er sich gefangen.

Genau das wollte er nicht.

Ein Rascheln im Gebüsch ließ ihn aufhorchen. Die Ablenkung kam ihm gerade recht, denn sie rettete die Situation. Er ließ Alex’ Hand los und drehte sich um.

Oliver.

Er kannte den Jungen, den elfjährigen Sohn des ehemaligen Managers. Er war Brians Ältester. Er hatte struppiges rotblondes Haar und Sommersprossen, war viel zu dünn, außerdem sichtbar verwahrlost und so scheu und ängstlich wie ein nervöses Fohlen. Bei Jacks Rückkehr auf die Farm hatte er ihn immer im Schlepptau seines Vaters gesehen, aber dann war Brian verschwunden und Oliver mit ihm. Erst während der letzten Wochen hatte Jack bemerkt, dass der Junge ab und zu auftauchte und ihn heimlich beobachtete, fast unsichtbar, wie ein vorbeihuschender Schatten.

Beim letzten Mal hatte Jack ihn abgefangen, zur Rede gestellt und nach Hause geschickt – freundlich, aber nachdrücklich. Das Kind sollte nicht in die Nähe von Tieren kommen, die ihn um ein Vielfaches überragten. Das war gefährlich, und Jack konnte nicht überall zugleich sein.

Er war bei Brenda – der von Brian verlassenen Ehefrau, die das Cottage nebenan bewohnte – vorbeigefahren und hatte sie gebeten, besser auf ihren Sohn aufzupassen und ihn von der Farm und den Pferden fernzuhalten. Brenda hatte ihm entgegnet, Oliver sei nicht ihr leiblicher Sohn, stamme aus einer von Brians früheren Beziehungen, und sie habe zu viel mit ihren eigenen beiden Töchtern zu tun, um auch noch ständig auf den Jungen aufpassen zu können.

„Sorgen Sie nur dafür, dass er nicht auf mein Grundstück kommt“, hatte er geantwortet, aber jetzt hatte Oliver sich hinter ihnen in die Büsche geschlichen und beobachtete sie. Als er sich jetzt ertappt fühlte, wollte er fliehen, aber inzwischen war auch Alex auf ihn aufmerksam geworden.

„He“, sagte sie. „Bist du nicht der Junge, den ich gestern nach dem Weg gefragt habe? Nochmals danke für deine Auskunft. Möchtest du vielleicht ein Sandwich haben?“

Damit durchkreuzte sie Jacks Absichten, der den Jungen energisch wegschicken wollte, aber Alex war schon aufgesprungen. „Wurst oder Marmelade?“, fragte sie.

Oliver kam aus dem Gebüsch geschossen, als hätte man ihn herauskatapultiert. Bevor Jack ein Wort sagen konnte, hatte er schon die Brotscheiben in der Hand und biss hinein.

Alex strahlte. „Ich mag es, wenn jemandem mein Essen schmeckt“, erklärte sie. „Wie heißt du?“

„Oliver“, antwortete der Junge mit vollem Mund.

„Nett, dich kennenzulernen, Oliver.“ Sie warf Jack einen Blick zu. „Ist er ein Freund von Ihnen?“

Was sollte Jack darauf antworten? Brian war mit einer anderen Frau und Geldern aus der Farmkasse durchgebrannt, und das ließ sich nicht so schnell erklären. „Olivers Mutter wohnt im Cottage nebenan“, antwortete er kurz angebunden. Dass das Nachbargrundstück ihm ebenfalls gehörte und er Brenda und die Kinder mietfrei dort wohnen ließ, sagte er nicht. Er hatte schon mit dem Gedanken gespielt, sie hinauszuwerfen und das Haus einem fähigen Landarbeiter zu überlassen, aber Brian hatte auch Brendas Konto geplündert, und so hartherzig konnte selbst er nicht sein.

Trotzdem wollte er Oliver nicht bei sich haben. Sein trostloser Anblick, die traurigen, ängstlich blickenden Augen ließen ihn an jemand anders denken: an seine schwache, hilflose Schwester, die ihn mit den Augen dieses Jungen ansah.

„Deine Mutter wird sich Sorgen machen“, sagte er schroff.

„Brenda weiß, wo ich bin.“

„Sie weiß auch, dass du nicht hierherkommen sollst.“

„Aber ich könnte helfen“, erklärte Oliver und griff nach dem zweiten Sandwich. „Bei den Pferden. Ich würde es gern tun.“

Auch diesmal war Alex schneller. „Vielleicht wäre das möglich“, sagte sie, während Oliver mit einem Heißhunger zubiss, als hätte er seit Tagen nichts zu essen bekommen. „In der Nacht haben wir ein neues Fohlen bekommen. Möchtest du es sehen? Ich führe seine Mutter nachher ein bisschen spazieren. Du könntest mir dabei helfen, bevor du nach Hause gehst.“

Oliver nickte, warf dabei aber einen ängstlichen Blick auf Jack.

„Na, dann los.“ Sie sah Jack ebenfalls an. „Sie sind doch einverstanden, dass ich Sancha ein bisschen an die frische Luft bringe? Ich spreche als Tierärztin.“

„Oliver müsste in der Schule sein.“

„Heute ist Sonnabend“, erinnerte ihn der Junge, als wäre Jack nicht ganz richtig im Kopf, und genau so fühlte er sich auch. Nicht ganz richtig. Die Farm gehörte ihm, und er wollte weder diese Frau noch den Jungen bei sich haben.

„In zwei Stunden ist er weg“, sagte Alex, als hätte sie seine Gedanken erraten. „Mich sind Sie damit allerdings nicht los. Auf geht’s, Oliver. Wir haben zu tun.“

„Ihre Hände“, gab Jack zu bedenken.

„Keine Sorge, ich wasche sie mir vorher und reibe sie mit Wundcreme ein. Oliver kann mir auch dabei helfen.“

„Ich würde lieber Jack helfen“, erklärte Oliver, und genau das hatte dieser befürchtet. Brenda kam mit den Kindern nicht zurecht. Sie schaffte es gerade, mit den zwei- und vierjährigen Mädchen zurechtzukommen, aber für Oliver, dem der Vater fehlte, blieb keine Zeit.

Jack fühlte sich außerstande, Brians Rolle zu übernehmen. Er konnte Brenda finanziell helfen, indem er keine Miete für das Cottage verlangte, aber dabei musste es bleiben.

„Meinetwegen … hilf Alex“, sagte er und wandte sich unwirsch ab. „Tu, was du willst, aber lass mich in Ruhe.“

4. KAPITEL

Alex holte Sancha aus ihrer Box, und das Fohlen folgte ihnen schwankend auf seinen dünnen Beinen. Oliver strahlte über das ganze Gesicht, als hätte er allen Grund, stolz zu sein. Schritt für Schritt verließen sie mit den Tieren den Stall. Eigentlich hätte Alex die Stute lieber mehrere Wochen lang in der Box gelassen. Der Druck auf die frische Naht war aufgrund von Sanchas Körperfülle enorm, aber wenn das Fohlen durchkommen sollte, brauchte es Bewegung in freier Natur, und das war nur möglich, wenn die Mutter mitkam.

„Lässt du Sancha frei laufen?“, fragte Oliver aufgeregt. Alex hatte ihm auf dem Weg zum Stall das Du angeboten.

„Nein“, antwortete sie. „Die Naht auf ihrem Bauch ist noch zu frisch, aber du darfst die Zügel halten, wenn du ganz vorsichtig bist.“

Das ließ sich Oliver nicht zweimal sagen. Er übernahm die Zügel und hielt sie so vorsichtig, als wären sie mit Diamanten besetzt. „Das würde er mir nie erlauben.“

„Er?“

„Jack, meine ich. Dad ließ mich helfen, aber seit er weg ist, darf ich nicht mehr auf die Farm kommen.“ Der Junge sagte das so traurig, als bedeute es für ihn das Ende der Welt. „Brenda meint, das sei kein Wunder. Sie sagt, Dad habe nicht nur uns, sondern auch Jack um viel Geld betrogen. Wir könnten froh sein, dass er uns noch im Cottage wohnen lässt, und müssten ihn daher in Ruhe lassen. Jetzt darf ich Cracker nicht mehr reiten. Er ist alt, aber mein Freund. Jack hat ihn auf eine entfernte Koppel gebracht, und ich vermisse ihn sehr.“

Alex merkte, wie locker die Tränen bei Oliver saßen, und hätte fast mitgeweint. Was hatte der arme Junge bloß verbrochen, dass Jack ihm den Umgang mit seinem Lieblingspferd verbot?

„Kann ich noch ein Sandwich bekommen, bevor ich nach Hause gehe?“, fragte Oliver zögernd.

„Natürlich“, versprach Alex, obwohl sie sich damit wahrscheinlich Ärger einhandelte. Jack war ihr Boss und forderte Respekt, aber das entsprach nicht ihrer Natur. Ein Kind in Not bedeutete ihr mehr als Respekt vor einem übellaunigen Boss. Und was war schon ein Sandwich?

Jack konnte bedeutend mehr für den Jungen tun.

Der Jetlag war gar nicht so leicht zu überwinden. Manchmal war Alex hellwach, und im nächsten Moment wollten ihr fast die Augen zufallen. Sie hatte sich nach dem Spaziergang mit Sancha hingelegt, und als sie aufwachte, verschwand die Sonne gerade hinter den Bergen. In den Eukalyptusbäumen vor ihrem Fenster sang ein Vogel sein Schlaflied. Die rissigen Gardinen bauschten sich im Abendwind. In Manhattan herrschte jetzt Winter, aber sie würde hier zurechtkommen, davon war sie inzwischen fest überzeugt.

Dann fiel ihr Jack Connor ein, und plötzlich war sie nicht mehr so sicher. Schön, er war ein arroganter Macho, aber daran lag es nicht allein. Er hatte so etwas …

Nein, er hatte sogar sehr viel. Alex kannte aus ihrer Studienzeit genug Typen, die sich zu viel auf ihre Männlichkeit einbildeten, und während des Praktikums auf verschiedenen Ranchs hatte sie nicht nur einen heißblütigen Macho kennengelernt. Allerdings war ihr keiner gefährlich geworden – jedenfalls nicht in dem Maß wie Jack Connor.

Was ihr jetzt, fast noch im Halbschlaf, durch den Kopf ging, hatte mit dem Jetlag nichts mehr zu tun. Dieses Kribbeln im Bauch … Sie musste sich zusammennehmen. Jack war brummig und überheblich. Er jagte Oliver von der Farm und verbot ihm den Umgang mit Cracker.

Empört schlug sie die Bettdecke zurück. „Denk nur daran“, ermahnte sie sich. „Wenn du das tust, wirst du das halbe Jahr überstehen. Sonst …“

Sie eilte in die Küche, wo wieder Würste in der Pfanne brutzelten. Etwas anderes schien Jack nicht einzufallen, aber er briet sie wenigstens selbst. Eigentlich ein Wunder, dass er ihr noch keine Schürze in die Hand gedrückt und sie zur Köchin degradiert hatte! Aber immer wieder Bratwurst …

„Ich hatte für heute Abend Hühnchen vorgesehen“, sagte er, bevor sie eine Beschwerde vorbringen konnte. „Es scheint davongeflogen zu sein, und mit ihm ist noch mehr verschwunden. Das ganze Roastbeef, der Apfelstrudel und das Obst für die halbe Woche sind ebenfalls weg.“

„Ich habe alles Oliver mitgegeben“, bekannte sie, und das gab ihm den Rest.

„Woher haben Sie das Recht genommen …?“

„Ziehen es mir vom Gehalt ab“, unterbrach sie ihn.

„Es ist falsch, den Jungen zu ermutigen.“

„Er war halb verhungert.“

„Unsinn. Seine Mutter bezieht Rente und muss keine Miete zahlen. Das Geld reicht für Lebensmittel.“

„Warum war Oliver dann so entsetzlich hungrig?“

„Das geht mich nichts an!“, brauste er auf.

Alex bekam Herzklopfen, aber sie hielt Jacks Blick stand. Ein verhungerndes Kind ging ihn nichts an?

Am Ende lenkte Jack ein. „Ich rede mit Brenda“, versprach er.

„Wann?“

„Warum ist Ihnen das eigentlich so wichtig?“

„Weil Oliver für ein Marmeladenbrot seine Seele verkauft hätte. Abgesehen davon … Wissen Sie, was er sagte, als ich ihm die Sachen übergab? ‚Ich kann sie nicht annehmen, wenn Jack dafür hungern muss.’ Er hat Sie die ganze Zeit beobachtet. Sie sind sein heimlicher Held.“

Das machte Jack noch grimmiger. „Gerade das will ich nicht“, antwortete er scharf. „Sie zahlen keine Miete. Was soll ich sonst noch tun?“

„Sich engagieren.“

„Dazu habe ich keine Lust!“, polterte er los. „Wenn Sie hierbleiben wollen, müssen Sie sich damit abfinden. Ich mische mich nirgendwo ein und erwarte von Ihnen dasselbe.“

„Ein halbes Jahr lang?“

„Ja.“

„Ich lasse ein Kind nicht verhungern!“

„Ich auch nicht.“ Jack raufte sich das Haar. „Danke, dass Sie ihm das Hühnchen gegeben haben.“

„Für Sarkasmus besteht kein Anlass.“

„Ich wollte nicht sarkastisch sein … ob Sie es glauben oder nicht.“ Jack kehrte an den Herd zurück. „Ich meine nur, dass es besser ist, wenn Sie sich engagieren, als wenn ich es tue. Wie viele Bratwürste für Sie? Zwei?“

Alex warf einen Blick in die Pfanne und dachte dabei an das wundervolle pochierte Ei vom letzten Abend. Leider knurrte ihr gleichzeitig der Magen.

Sie hatte einen langen, anstrengenden Tag hinter sich und einen womöglich noch anstrengenderen vor sich. Wie konnte sie erreichen, dass Jack sich Olivers annahm?

„Drei“, antwortete sie frech, ließ sich auf einen Stuhl sinken und sah zu, wie ihr chauvinistischer, arroganter, überheblicher Boss das Abendessen zubereitete.

Jack konzentrierte sich auf die Bratwürste, die sich eigentlich von selbst brieten. Er spürte, dass Alex ihn beobachtete. Die Spannung zwischen ihnen nahm zu. Würde er das ein halbes Jahr lang aushalten?

Nur, wenn Alex gewisse Grundregeln einhielt. Er hatte sie eingestellt, aber nicht, weil sie sein Leben umkrempeln sollte. Er war ein Einzelgänger, und so sollte es auch bleiben. Warum mischte sie sich ein, und was sollte das ganze Theater um Oliver?

Er sah den Jungen vor sich, sah, wie er gierig in das Brot biss, als hätte er tagelang nichts gegessen. Plötzlich war da ein Druck auf seiner Brust. Er wollte sich nicht wieder um jemanden kümmern, und doch …

„Ich gehe morgen früh hinüber“, sagte er spontan, und Alex fiel ein Stein vom Herzen.

„Darf ich mitkommen?“

„Sancha muss unter Beobachtung bleiben, ebenso wie die anderen trächtigen Stuten.“

„Soweit ich gesehen habe, befindet sich keine kurz vor der Geburt. Außerdem werden wir nicht stundenlang bei Brenda bleiben.“

Wir. Das Wort gefiel ihm nicht. „Ich habe Arbeit für Sie.“

„Morgen bin ich krankgeschrieben … bei vollem Lohn.“ Sie hielt ihre Hand hoch. „Ich bin arbeitsunfähig, und mein Boss ist schuld. Im Internet kann man auch Einzelheiten über das australische Arbeitsrecht finden. Ich bin gut abgesichert.“

„Ist die Anklageschrift schon fertig?“

„Nein“, verriet sie, während Jack den Tisch deckte. „Dafür machen wir den Besuch bei Oliver. Er ist ein prächtiger Junge, und ich habe mir überlegt … Sie könnten ihn dafür bezahlen, dass er in den nächsten vier Wochen mit Sancha und dem Fohlen spazieren geht. Nicht viel natürlich, nur als kleine Unterstützung für den Einkauf von Lebensmitteln. Es würde ihm großen Spaß machen, und wir wären eine Sorge los.“

„Aber gerade dafür habe ich Sie engagiert.“

„Da sind auch noch die anderen Pferde, und außerdem ist an diesem Haus viel zu tun. Die Pfosten und das Geländer der Veranda brechen fast zusammen, die Fensterrahmen sind angefault … Besorgen Sie mir frisches Holz, und Sie haben eine Handwerkerin zur Verfügung.“

„Im Ernst?“

„Aber ja.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Vielleicht sind persönliche Beobachtungen nicht angebracht, aber mein Boss scheint beachtliche Probleme mit den Geschlechtern zu haben. Dass Sie als Mann kochen, ist okay, aber sonst … Wenn ein Arzt “, sie betonte das Wort absichtlich, „… Ihnen anbieten würde, die Veranda zu reparieren … Hätten Sie da auch Bedenken?“

„Sie sind fünfundzwanzig und kommen aus Manhattan“, entgegnete er. „Soll ich Ihnen wirklich abnehmen, dass Sie tischlern können?“

„Ich kann sogar Automotoren auseinandernehmen“, versicherte sie gespielt bescheiden. „Und ich trinke Bier. Das hat mir mein Dad beigebracht, und da wir gerade davon sprechen …“ Sie hielt ihr mit Wasser gefülltes Glas hoch.

Jack blickte sie sprachlos an, und sie erwiderte seinen Blick. Nach einer Weile stand er auf, nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und reichte sie ihr. Sie schlug den Deckel an der Tischkante ab, setzte die Flasche an und trank sie in einem Zug halb leer.

„Vielleicht hatte Ihr Vater doch recht, und Sie sind ein Junge“, meinte Jack mit einem etwas verunglückten Lächeln, das Alex aber vollauf genügte. Es lockerte die Atmosphäre und brachte so etwas wie menschliche Wärme in die Küche, die ihr lange gefehlt hatte.

Jack wehrte sich allerdings dagegen. Er wollte sich von einer strahlenden, Bier trinkenden Frau nicht einwickeln lassen. Sie beendeten die Mahlzeit schweigend, und beim Abräumen sagte er mürrisch: „Am besten legen Sie sich wieder hin. Der Jetlag steckt Ihnen noch in den Knochen. Ich sehe kurz nach den Pferden und kümmere mich dann um den Abwasch.“

„Nein“, widersprach sie, ohne ihre gute Laune zu verlieren. „Wir machen den Abwasch, nachdem wir nach den Pferden gesehen haben.“

„Sie müssen nicht unbedingt …“

„Ich bin die Ärztin“, unterbrach sie ihn. „Sancha ist meine Patientin.“

„Wie Sie wollen.“ Er bemühte sich um keinen freundlichen Ton, aber sie tat so, als hätte er um ihre Begleitung gebeten.

Das gefiel ihm gar nicht. Sie irritierte ihn. Sein mühsam gewonnenes Gleichgewicht war in Gefahr. Ohne ein weiteres Wort verließ er die Küche. Sollte sie ihm folgen oder nicht. Es war ihm egal.

Lügner, wisperte eine Stimme in ihm, aber er verschloss sich ihr. Es musste ihm egal sein.

Es war ein warmer, stiller Abend. Die Pferde standen friedlich in ihren Boxen. Sancha hob den Kopf und wieherte leise, als Jack zu ihr hereinkam. Sie lag friedlich im Stroh, das Fohlen dicht daneben. Ihre Welt schien in Ordnung zu sein.

Er dachte daran, wie schockiert er bei seiner Rückkehr auf die Farm gewesen war. Die Verwahrlosung und die Entdeckung von Brians ungeheuerlichem Betrug hatten ihn fast verzweifeln lassen. Wenn da nicht die Pferde gewesen wären. Ja, die hatte er noch.

Der Hass seines Großvaters fiel ihm ein, nachdem er Sophie mit nach Sydney genommen hatte. „Hau bloß ab. Ich will nie wieder etwas mit dir zu tun haben!“, hatte er ihm entgegengeschleudert. Doch die Erinnerung an die Farm und die Sehnsucht nach den Pferden hatten Jack auch in der Großstadt nicht verlassen. Sie hatten ihm sogar geholfen, den Schmerz um Sophie zu ertragen.

Erst beim Überprüfen der Konten war Jack aufgefallen, welche Unsummen Brian veruntreut hatte. Die Gehälter für diverse Mitarbeiter – alles Betrug. Die Versicherung, die Farmgebäude seien in gutem Zustand – ebenfalls Betrug. Auch die Pferde zu vernachlässigen hatte er sich zum Glück nicht getraut. Der Ruf der Werarra-Stockhorses war unbeschädigt geblieben.

Jack dachte auch an Brenda und ihre Kinder. Brian war mit einer anderen Frau durchgebrannt und hatte eine völlig mittellose Familie zurückgelassen. Er, Jack, hatte versucht zu helfen, aber jeder Blick von Alex bewies ihm, dass diese Hilfe nicht ausreichte. War seine Verantwortung denn wirklich so groß? Genügte es nicht, dass er Brenda keine Miete abverlangte?

Dass Oliver sichtbar Hunger litt, war ihm unter die Haut gegangen. Dazu Alex’ Vorwürfe … Sie hatte recht. Er musste am nächsten Tag diesen Besuch machen und sich auch finanziell stärker engagieren. Den Missständen musste abgeholfen werden.

„Oliver vergöttert Sie“, hörte er Alex in diesem Moment hinter sich sagen. Er hatte gehofft, sie würde ihm nicht folgen. Warum spielte sie sich als sein Gewissen auf? Er brauchte kein Vögelchen aus Manhattan, das ihm zuzwitscherte, was er zu tun habe. „Er beobachtet Sie unentwegt. Sie sind sein großer Held.“

„Oliver geht mich nichts an“, erwiderte er schroff.

„Australien ist doch ein Sozialstaat“, fuhr Alex fort, als hätte sie nicht gehört, was er gesagt hatte. „Warum wird nicht für die Familie gesorgt? Wo liegt das Problem?“

„Ich werde dieses Problem lösen“, konterte er. „Wenn Brenda nicht zurechtkommt, kann die Familie nicht länger hierbleiben. Ich werde ihren Umzug in die Stadt organisieren.“

„Eine große Hilfe“, spottete Alex. „So wird man eine Sorge los.“

„Ich verlange keine Miete. Was kann ich sonst noch tun?“

„Sie könnten nachfragen, was dort drüben eigentlich los ist.“

„Das habe ich mir ja für morgen früh vorgenommen.“

„In dieser Stimmung?“ Es war Alex anzuhören, wie wenig sie sich davon versprach. „Da bestellen Sie doch höchstens die Möbelwagen.“

„Das geht Sie nichts an!“

„Wenn ein Kind hungert, geht es mich etwas an“, beharrte sie.

Damit hat sie recht, dachte er. Würde sie auch weiterhin recht behalten – sechs Monate lang? Ihm sagen, was er zu tun hatte, und wo seine Verantwortung lag? Sie redete ihm ins Gewissen, das er selbst mit fadenscheinigen Gründen beschwichtigte. Wusste er denn nicht, wie isoliert Brenda war? Wie einsam und verlassen, nachdem Brian mit dem ganzen Geld abgehauen war?

Es stimmte. Sie und ihre Kinder litten Not.

„Wir werden die Sache morgen klären“, fuhr Alex unbekümmert fort. „Vielleicht ist ja alles nicht so schlimm. Vielleicht ist Brendas Auto kaputt, sodass sie nicht zum Einkaufen kommt. Ich repariere den Wagen, während Sie mit ihr nach Wombat Siding fahren.“

„Alex …“

„Wenn Sie auf unbedingten Abstand halten, hätten Sie mich nicht mit Oliver allein lassen dürfen. Er ist ein guter Junge … ein liebenswerter Junge. Bei den Pferden helfen zu dürfen, ist sein größter Wunsch. Also, wie ist es?“ Sie sah Jack an. „Machen wir morgen den Besuch? Es ist Sonntag … der geheiligte Ruhetag. Ich muss nicht arbeiten, das steht in meinem Vertrag. Falls Sie mich dazu zwingen …“

Jack ließ sie nicht ausreden. „Morgen um zehn Uhr“, unterbrach er sie unwillig. „Reicht Ihnen das?“

„Allemal.“ Sie bückte sich und streichelte das Fohlen. „Dann ist ja alles geklärt. Ich gehe jetzt schlafen. Wecken Sie mich, falls Sie mich brauchen.“

„Das wird nicht der Fall sein.“

„Immerhin haben Sie mich als Tierärztin eingestellt“, erwiderte sie. „Da weiß man nie.“ Sie richtete sich wieder auf und strahlte ihn an. „Seien Sie doch nicht immer so schlecht gelaunt. Das steht Ihnen nicht. Gute Nacht.“

Sie ging und schloss hinter sich die Stalltür.

5. KAPITEL

Alex stand mit der Dämmerung auf. Jack war schon in den Ställen beschäftigt und sah, wie sie das Haus verließ. Sie trug ein T-Shirt, Jeans und Reitstiefel. Das blonde Haar hatte sie locker im Nacken zusammengefasst.

Leise vor sich hin pfeifend, ging sie zum Bach hinunter. Wie gern hätte Jack sie begleitet, ihr sein Land gezeigt und sie mit den Pferden auf den entfernteren Koppeln bekannt gemacht.

Natürlich blieb er und mistete weiter die Ställe aus. In den Boxen standen noch zwölf trächtige Stuten, die während der nächsten Wochen ihre Fohlen zur Welt bringen würden. Sancha hatte nur den Anfang gemacht.

Dass er jetzt eine Tierärztin hatte, die die Geburten überwachen würde, war eine große Erleichterung für ihn. Dass diese Ärztin Alex hieß und ihm ständig ins Gewissen redete, war weniger angenehm.

Sie hielt den Termin für den verabredeten Besuch bei Brenda ein und kam um halb zehn zurück. Ihre Wangen waren frisch gerötet, in dem windzerzausten Haar steckten Blüten und Grashalme. Jack sah sie über den Hof gehen und war überrascht, wie selbstverständlich ihm das erschien. Es war fast, als gehörte sie hierher …

Alex hatte ihn ebenfalls entdeckt. „Es ist fantastisch!“, rief sie. „Wie im Märchen. Gut möglich, dass ich auch ohne ein funktionierendes Badezimmer geblieben wäre.“

„Lügnerin!“

„Nun ja.“ Sie lachte ihn frech an. „Vielleicht nicht. Aber es ist so schön hier, Jack. Und die Pferde … Sie müssen mich jedem Tier vorstellen. Ich sagte allen Guten Morgen, aber mir fehlten die Namen, um sie einzeln zu begrüßen.“

„Sie werden die Namen früh genug erfahren“, vertröstete er sie und dachte: Wenn sie jeden Morgen so aussieht, sechs Monate lang …

„Sind Sie wieder mit dem linken Bein aufgestanden?“, fragte sie.

Das ärgerte ihn gewaltig. „Ich bin jeden Morgen schlecht gelaunt“, erwiderte er. „Nehmen Sie das einfach zur Kenntnis.“

„Ich werde es zur Kenntnis nehmen und ignorieren. Dad fand mein Pfeifen morgens unerträglich, aber das kümmerte mich nicht. Genauso mache ich es jetzt bei Ihnen. Wollen wir das Auto stehen lassen und Brenda lieber zu Pferd unseren Besuch abstatten?“

Jack war neugierig, wie Alex sich im Sattel machen würde. Angeblich konnte sie reiten, aber er hätte sich gern selbst davon überzeugt. „Ich habe schon mit einem solchen Wunsch Ihrerseits gerechnet und Cracker für Sie gesattelt.“ Jack führte zwei Pferde aus dem Stall. „Ich reite Maestro.“

„Hallo, Cracker … hallo, Maestro.“ Alex kam über den Hof und kraulte beide Pferde hinter den Ohren. „Verstehe ich Sie richtig? Sie reiten den feurigen Zweijährigen und überlassen mir das Schaukelpferd?“

Sie kannte sich wirklich aus. Maestro war Jacks Lieblingspferd und gerade erst zugeritten, während Cracker auf ein Alter von zwanzig Jahren zurückblicken konnte. Er hatte zum Schluss nur noch Jacks Großvater getragen.

„Ich will dich nicht kränken, Cracker“, fuhr sie liebevoll fort, „aber dein Besitzer misstraut meinen Reitkünsten, und auf deinem Rücken kann ich sie nicht beweisen.“ Sie schwang sich so geschickt in den Sattel, als wäre sie zur Reiterin geboren, und ergriff die Zügel. „Was halten Sie davon, wenn wir zu den Koppeln reiten, und ich mir dort ein anderes Pferd aussuche? Eins, das wirklich gefordert werden will? Das wäre nämlich auch mein Wunsch.“

„Ich dulde nicht, dass Sie Ihren Hals riskieren“, erwiderte Jack.

„Und ich dulde nicht, dass Sie ständig an mir zweifeln. Ich habe mich freiwillig um diesen Job beworben, und das hätte ich kaum getan, wenn ich nicht mit Pferden umgehen könnte.“

„Mit Pferden vielleicht, aber australische Stockhorses sind eine Nummer für sich.“

„Genau darum will ich sie besser kennenlernen“, erklärte Alex. „Keine Bevormundung, Jack. Ich wähle mir mein Pferd selbst aus.“

Jack beobachtete Alex, während sie zu der Koppel ritten, in der seine besten Pferde grasten. Cracker ist tatsächlich nichts für sie, dachte er. Die Frau kann reiten, und sollte ihr Übermut ein bisschen gedämpft werden, schadet es auch nichts. Sie kommt aus einer reichen Familie, und die Welt ist für sie ein Spielplatz, auf dem man die schönsten Abenteuer erleben kann.

Welches Pferd sollte sie reiten? Einen feurigen jungen Hengst, der zu Kapriolen neigte? Jedenfalls kein Schaukelpferd. Ziemlich frech, wie sie ihm das an den Kopf geworfen hatte!

„Grübeln Sie schon darüber nach, wer Cracker ersetzen soll?“, fragte sie über die Schulter hinweg. „Wollen Sie mir vielleicht eine Lektion erteilen?“

Unglaublich. Sie schien seine Gedanken lesen zu können, obwohl sie einige Meter vorausritt. Das beunruhigte ihn sehr. „Sie wollen ein richtiges Stockhorse kennenlernen“, antwortete er, „und ein Stockhorse sollen Sie haben.“

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