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ROMANA EXTRA BAND 66

KIM HENRY

Zärtliche Küsse am Comer See

Waren ihre leidenschaftlichen Küsse pure Heuchelei? Fassungslos hört Delikatessenhändler Thierry, wer die Frau in seinen Armen ist. Kann es sein, dass Kathryn ihn die ganze Zeit hintergangen hat?

MICHELLE DOUGLAS

Weites Land und süße Sehnsucht

Wynne droht ihr Motel zu verlieren: Xavier hat es ge-kauft und will es zu einem Luxushotel umbauen. Das muss Wynne unbedingt verhindern! Wenn der spanische Hotelmagnat nur nicht so unwiderstehlich wäre …

JULIA JAMES

Ist es Liebe - oder nur ein Spiel?

Verzweifelt fragt Carrie sich: Spielt der attraktive Grieche Alexeis Nicolaides nur mit ihrer Liebe? In seiner weißen Villa auf der Insel Lefkali kommt es zu einer dramati-schen Entscheidung …

SHOMA NARAYANAN

Eine magische Nacht in deinen Armen

Die Stunden in Samirs Armen waren für Melissa reine Magie! Doch ist ihr Boss wirklich anders als der Mann, der sie früher so schwer enttäuscht hat? Oder war sie für Samir nur eine belanglose Affäre?

Zärtliche Küsse am Comer See

1. KAPITEL

Geräuschvoll entrollte sich die riesige Plane vor der Fassade des Hauses in der Via Pietro Boldoni in der Innenstadt von Como. Kathryn Jansen schirmte die Augen mit der flachen Hand ab, um besser sehen zu können. In ihrem Bauch kribbelte es vor Aufregung. Sie war voller Vorfreude, hegte aber auch Zweifel, ob sie der Aufgabe wirklich gewachsen war, für die sie in die Lombardei gekommen war. Sie schluckte. Nun, zumindest die Druckerei hatte den Auftrag wie gewünscht ausgeführt. Die Plane erstreckte sich in voller Breite über alle vier Stockwerke des Gebäudes. Darauf war die Fassade in ihrer tatsächlichen Größe abgedruckt. Man erkannte den zart roséfarbenen Putz, die hohen, halbrunden Sprossenfenster mit den hellgrünen Fensterläden sowie die kunstvolle Rankenbemalung unter dem Dachfirst. Darüber stand in fast mannshohen Buchstaben:

„Hier baut Jansen’s für Sie – Willkommen im Schlemmerparadies“. Darunter das Datum der Filialeröffnung und das Logo der Supermarktkette.

Kaum hatte das Werbetransparent die Pflastersteine berührt, blieben erste Passanten stehen und beäugten es. Man tuschelte. Natürlich, der Name Jansen war überall auf der Welt bekannt. Man konnte von ihm halten, was man wollte, Kathryns Vater hatte immer den richtigen Riecher fürs Geschäft besessen. Harold Jansens Konzept funktionierte seit über dreißig Jahren.

Angefangen hatte er mit einem einzigen Laden in London: einem Supermarkt, der Luxuswaren zu Discounterpreisen anbot. Über die Jahrzehnte war die Firma immer weiter gewachsen. Das Konzept blieb dasselbe. Wo Harold Jansen eine Filiale eröffnete, schloss er Verträge mit den besten Zulieferern der Region. Er kaufte große Mengen und verpackte die Lebensmittel im charakteristischen Design der Kette. Ergänzt wurde die Produktpalette durch Überproduktionen von Artikeln, die die Firma in großen Stückzahlen aufkaufte und neu verpackte. Wo immer auf der Welt ein Kunde eine Jansen’s-Filiale betrat, erwarb er Luxusgüter zu niedrigen Preisen.

Dank der oft malerischen Lage der Ladengeschäfte wurde ein Besuch bei Jansen’s zum Einkaufserlebnis. Statt wie andere Supermärkte in den Randbezirken, fand man Jansen’s-Filialen in den Herzen der Metropolen. Mit der Neueröffnung in Como konnte die Firma nun auch ihre erste Niederlassung in Italien verzeichnen. Nach England, den USA, Frankreich, Deutschland, Argentinien, Belgien, der Schweiz und Dänemark war Jansen’s damit in neun Ländern vertreten – eine weitere Sprosse auf der Erfolgsleiter von Harold Jansen.

Der Cheftechniker, der für das Anbringen verantwortlich war, löste sich von seinem Posten unten am Gebäude und trat auf Kathryn zu. „Gefällt es Ihnen, Signora Jansen?“ Er hatte einen starken Akzent, sprach aber fehlerfrei Englisch. Die paar Worte Italienisch, die sie gelernt hatte, ehe sie von London aus zu diesem Auftrag aufgebrochen war, hätte sie sich wahrscheinlich sparen können. Doch sie wusste, dass ihr Dad nur auf einen Fehler von ihr wartete, und wollte es keinesfalls riskieren, dass die Sprachbarriere ihr in den Weg kam.

„Ja, es ist wirklich schön geworden. Aber sind Sie sicher, dass alles hält, auch wenn es mal gewittert oder stürmt?“

Der Mann kratzte sich am Kinn, während er grinsend in den wolkenlosen Himmel blickte. „Keine Angst, Signora, hier stürmt es nicht. Aber natürlich befestigen wir alles. Sehen Sie die Löcher im Pflaster? Die haben wir gestern schon eingelassen. Da kommen Haken rein, dann wird alles festgezurrt. Dann kann die Welt untergehen, aber hier verrutscht nichts.“

Kathryn folgte seinem Blick. Drei Männer waren damit beschäftigt, das Werbebanner zu befestigen und zu sichern. Wie es aussah, hatten die Arbeiter alles im Griff.

„Dann brauchen Sie mich hier nicht mehr?“

„Nur noch für die Unterschrift.“ Mit großer Geste zog er das Klemmbrett hervor, das hinten in seinem Hosenbund steckte, und hielt es Kathryn unter die Nase. Mit der freien Hand deutete er auf eine Linie am unteren Rand des Formulars auf dem Brett. Obwohl sie sich sicher war, dass alles mit rechten Dingen zuging, las Kathryn die Angaben gründlich durch, ehe sie unterschrieb. Sie würde nicht zulassen, dass ein Fehler sie als Anfängerin outete. Schließlich hatte sie ihr Studium nicht zum Spaß in Rekordzeit hinter sich gebracht.

Wen kümmerte es schon, dass sie sich diesen Erfolg mit Albträumen und Schlaflosigkeit hatte erkaufen müssen? Sie hatte Eindruck gemacht, und ihre Professoren hatten ihr eine große Zukunft vorausgesagt. Deshalb las sie auch das Kleingedruckte. Ohne Ausnahme. Sie hatte gelernt, eine harte Verhandlungspartnerin zu sein und ihre Gefühle auszublenden. Sie arbeitete nicht acht Stunden am Tag, sondern zwölf. Deshalb gab es auch keine Männer in ihrem Leben. Nicht mehr.

Kathryn schüttelte die traurigen Gedanken ab. Was zählte, war das Hier und Jetzt, alles andere konnte sie nicht mehr ändern.

Sie unterschrieb das Formular, wechselte noch ein paar Worte mit dem Techniker und verabredete, dass sie sich wieder bei ihm melden würde, sobald es an den Innenausbau der Filiale ging. Erst dann warf sie einen Blick auf die Uhr. Gerade mal kurz nach neun Uhr morgens, perfekt. Sie hatte noch gut drei Stunden Zeit, ehe sie mit Tante Phyllis zum Lunch verabredet war. Zeit genug, um die Dinge abzuarbeiten, die im Laufe des Vormittags auf ihrem Schreibtisch aufgelaufen waren.

„Einen erfolgreichen Tag, Monsieur Denoix“, flötete die langhaarige Blondine hinter dem Sicherheitsglas am Bankschalter. Als Thierry ihr dankte, zwinkerte sie ihm verschwörerisch zu und ergänzte: „Ich freue mich schon auf das nächste Mal, wenn ich Ihnen helfen kann.“

Kommentarlos stopfte er die Geldscheine in seine Brieftasche und eilte zur Tür. Er war spät dran, ihm stand nicht der Sinn nach einem belanglosen Flirt. Arturo, der greise Milchbauer, der wie jeden Morgen seine zehn Holzkisten voller Waren direkt an der Villa in Bellagio abgeliefert hatte, hatte Thierry eine ordentliche Standpauke gehalten. „Nur Bargeld, Ragazzo! Ich bin nicht der geworden, der ich bin, weil ich mich auf dieses ganze neumodische Zeug einlasse. Überweisung, Scheck? Hast du den Verstand verloren?“

Seit vier Jahren arbeitete Thierry mit Arturo zusammen. Zwei Kilometer hinter dem winzigen Bergdorf Piano Rancio lag der Kuhstall des Bauern, in einem Schuppen daneben stand eine kleine, uralte Pasteurisiermaschine. Ansonsten hielt Arturo Technik für Teufelswerk. Bargeld, auf die Hand, Ware für Münze, das waren seine Prinzipien. Wenigstens war Arturo inzwischen bereit, Thierry einen Tag Aufschub zu gewähren, wenn dieser es nicht geschafft hatte, abends noch zur Bank zu gehen. Um dieses Maß an Vertrauen zu gewinnen, hatte er drei Jahre und acht Monate gebraucht. Doch die Molkereiprodukte von Arturos Kühen, die im Rancio-Tal und bis hinauf an den Nordflanken des Monte San Primo weideten, waren jede Mühe wert.

Mit einem leisen Geräusch schloss sich die gläserne Schiebetür hinter ihm. Da Thierry keinen Parkplatz gefunden hatte, stand sein Porsche direkt vor dem Eingang der Bankfiliale und versperrte allen anderen Fahrzeugen den Weg. Thierry hob die Hand und machte eine beschwichtigende Geste in Richtung des verärgerten Fahrers eines BMWs mit ausländischem Kennzeichen, dann setzte er seine Sonnenbrille auf und sprang in den Sportwagen. Die Glasflaschen in einer der Kisten auf der schmalen Rückbank schepperten, als der Motor röhrend zum Leben erwachte. Thierry ließ eine Gruppe Schulkinder die Straße überqueren, ehe er in die Via Pietro Boldoni einbog.

Viertel nach neun. Er verdrehte die Augen. Er kam nie zu spät zur Arbeit. Marco würde ihn den ganzen Tag damit aufziehen. Aber die Gefahr, abends den Gang zur Bank wieder zu vergessen, war zu groß gewesen, also hatte er das gleich erledigt.

Die Tische vor dem kleinen Café Saffron gegenüber dem neu eröffneten Kosmetiktempel Coin waren voll besetzt. Das Straßenpflaster reflektierte das grelle Sonnenlicht. Thierry fluchte, als er feststellte, dass nicht nur die Cafétische die Straße verengten, sondern auch mehrere Kleintransporter einer Mailänder Werbefirma. Gerade hob ein Arbeiter eine Klappleiter von einer Ladefläche herunter. Während er im Schritttempo fuhr, blickte Thierry an der Fassade der hellrosafarbenen Stadtvilla hinauf, die seit Monaten leer gestanden hatte. Vor etwa drei Wochen war dort plötzlich hektische Betriebsamkeit ausgebrochen. Bisher hatte niemand gewusst, wer dort einziehen würde. Jetzt hatte man die Katze offenbar aus dem Sack gelassen.

Trotz der Hitze wurden seine Hände eiskalt, als er las, was auf der Plane stand, die die gesamte Fassade bedeckte:

„Hier baut Jansen’s für Sie. Willkommen im Schlemmerparadies“.

Wütend trat er aufs Gaspedal und ließ den Motor des Porsche aufheulen. Einige Gäste im Saffron blickten sich entrüstet zu ihm um, weil er ihre morgendliche Ruhe störte. Thierry biss die Zähne zusammen und sah starr geradeaus. Der Kerl mit der blöden Klappleiter stand ihm immer noch im Weg. Nur mit Mühe konnte Thierry es sich verkneifen, auf die Hupe zu drücken. Sein Blick fiel auf eine Frau, die vor der Villa stand und sich jetzt zu ihm umdrehte.

Der akkurate Kurzhaarschnitt glänzte in verschiedenen Rottönen im Sonnenlicht. Die Frau trug ein lavendelfarbenes, ärmelloses Top und weiße Capri-Jeans. Über den Rand ihrer riesigen Sonnenbrille hinweg sah sie ihn missbilligend an.

Er ertappte sich dabei, dass er es bereute, sie nicht weiter anschauen zu können, als der Leiterträger endlich aus dem Weg war und Thierry weiterfahren konnte. Irgendwie hätte er gerne gewusst, was für Schuhe sie trug, ob ihre Beine so unverschämt lang wirkten, weil sie mit Highheels nachhalf, oder ob alles Natur war. Sie war eigentlich nicht sein Typ. Nicht auf den ersten Blick, und doch hatte sie etwas an sich, das seine Neugier weckte und seinen Blick fesselte.

Nach nur fünfzig Metern erreichte er sein Ziel. Er bremste hinter einem Zeitungskiosk und sprang aus dem Porsche.

Wenn er sich nun umgewandt hätte, hätte er sich womöglich die Schuhe der Frau anschauen können. Aber dann hätte er auch noch einmal das Werbeplakat für Jansen’s gesehen, und darauf war er nicht scharf.

Er nahm die erste der drei Kisten von der Rückbank hoch und ging zur weit offen stehenden Tür des Bon Vivant. Der Gastraum war leer, aber er konnte an der gläsernen Theke vorbei in den Garten schauen. Dort waren, wie auch im Saffron, alle Tische besetzt. Normalerweise hätte ihn das gefreut. Heute aber verdunkelte eine verfluchte Plane jeden schönen Gedanken.

Willkommen im Schlemmerparadies. Dass ich nicht lache.

Marco kam hinter der Theke hervor, ein Geschirrtuch in Händen. „Morgen, Chef“, sagte er fröhlich.

„Morgen. Holst du die anderen Kisten aus dem Porsche?“

„Porsche? Du hast doch niemals zehn Kisten …“

„Drei, Marco“, unterbrach Thierry seinen Barista ungehalten. „Auf der Rückbank stehen noch zwei in der prallen Sonne. Wenn du also so nett wärst, sie reinzuholen, wäre ich dir sehr verbunden.“ Normalerweise fuhr Thierry den Kühltransporter morgens selbst von seiner Villa in Bellagio nach Como, aber heute hatte ihm die Zeit im Nacken gesessen, weshalb er nur das Nötigste in den Porsche geladen hatte – frische Milch, Joghurt, Sahne, was eben fürs Morgengeschäft gebraucht wurde. „Die anderen Sachen kann Enrico später mit dem Lieferwagen holen.“

Marco sah aus, als wollte er etwas sagen, holte dann aber die beiden restlichen Kisten, während Thierry die Milch in die Küche trug. Er kam nicht umhin zu bemerken, dass die beiden Köche der Frühschicht seinem Blick auswichen und ihn nur kurz grüßten. Die Zubereitung eines Omeletts und das Spülen diverser Utensilien schienen an diesem Morgen ihre gesamte Konzentration zu beanspruchen. Offensichtlich war auch ihnen das Werbeplakat nicht entgangen.

Schnaufend wuchtete Marco die anderen beiden Kisten auf die Arbeitsplatte. Thierry wischte sich die Hände ab und blickte auf den Dienstplan, der neben der Tür hing. „Die Morgenschicht für oben ist schon da?“, fragte er, ohne jemand Bestimmten anzusehen.

„Alle da“, bestätigte Marco und begann, die Milchprodukte in die Kühlung zu räumen. „Von Bernardis ist heute kein Buchweizen geliefert worden.“

„Wir haben doch noch, oder?“

„Wenn er morgen wieder nicht liefert, kriegen wir aber ein Problem.“

„Ich rufe ihn an.“ Thierry ging zur Tür.

„Hey Chef“, rief Marco, „was ist mit dem Porsche?“ Hoffnungsvoll blickte der junge Barista ihn an.

„Vergiss es, den fahre ich selber weg.“

Marco schob in gespielter Enttäuschung die Unterlippe vor. Angespanntes Schweigen breitete sich aus, während Marco offenbar den Mut sammelte, das anzusprechen, was sie alle an diesem Morgen beschäftigte.

„Ich nehme mal an, dass du das Plakat gesehen hast, das sie an der rosa Villa aufgehängt haben? Ziemlicher Mist, oder?“

Thierry wusste, dass er aufmunternde Worte für seine Mitarbeiter hätte finden sollen, aber er konnte nicht. Noch nicht. Die Erinnerung daran, wie es war, alles zu verlieren, griff mit eisigen Fingern nach ihm. Er setzte die Sonnenbrille wieder auf, knurrte ein „Cazzo“, obwohl er sonst nie auf Italienisch fluchte, und ging, ohne ein weiteres Wort nach draußen. Besser, er fuhr seinen Wagen weg, ehe der verknöcherte alte Kerl vom Zeitungskiosk ihm die Leviten las. Das hätte ihm gerade noch gefehlt.

Die Rothaarige vor der Villa war verschwunden. Nur die Arbeiter waren noch da. Einer stand oben auf der Klappleiter und fing das in der leichten Brise wehende Werbebanner ein, um es an einem Haken in der Fassade zu befestigen.

Thierry würde nie erfahren, ob die Rothaarige nun High Heels oder flache Schuhe getragen hatte, und wahrscheinlich war das auch egal.

Es war noch nicht einmal halb zehn am Morgen und schon hätte er den Tag am liebsten aus dem Kalender gestrichen. Vielleicht wäre dann auch das Plakat verschwunden.

2. KAPITEL

Auf dem Aperol Spritz zum Lunch hatte ihre Tante bestanden. Immerhin seien sie in Italien, hatte sie gesagt. Kathryn hatte sich nicht gewehrt. Der Vormittag war gut verlaufen. Die Plane hing, der Bauleiter hatte Kathryn versichert, dass sie voll und ganz im Zeitplan lagen, und sie hatte die Zusagen von drei regionalen Lieferanten bekommen, die künftig mit Jansen’s zusammenarbeiten wollten. Da konnte sie sich guten Gewissens eine Pause gönnen. Die Eiswürfel in der leuchtend orangefarbenen Flüssigkeit klirrten leise, als Kathryn ihr Glas abstellte. Sie schloss die Augen und reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen.

Neben ihr lachte Phyllis auf. „Wie ich gesagt habe, Liebes, dir wird es hier wunderbar gefallen. Noch nicht einmal zwei Tage in der Stadt, und die Genießerin in dir kommt zurück ans Tageslicht. Zu schade, dass sie wieder verschwinden wird, wo du nun endgültig beschlossen hast, in die Fußstapfen meines lieben Bruders zu treten.“

Seufzend öffnete Kathryn die Augen. Es war kein Geheimnis, dass ihre Tante Phyllis und ihr Vater Harold nicht die besten Freunde waren. Seit sie denken konnte, bezeichnete Harold seine ältere Schwester als schrullig. Zu extravagant, zu wenig ehrgeizig. Seit mehreren Jahrzehnten lebte Phyllis als Malerin am Comer See. Ihre Kunstwerke verkauften sich gut, wenn sie auch den Löwenanteil ihres Umsatzes mit Touristenkitsch machte.

Kathryn hingegen hatte ihre Tante schon immer geliebt. Ihre Mutter, Pamela, war die klassische Millionärsgattin, von der nichts weiter erwartet wurde, als an der Seite eines erfolgreichen Ehemanns schön auszusehen und Konversation zu betreiben. Dazu war Pamela erzogen worden, und sie hatte nie versucht, ihrer einzigen Tochter eine andere Erziehung mit auf den Weg zu geben. Wann immer Kathryn ihre Haltung schleifen ließ oder sich in der Wortwahl vergriff, hatte ihre Mutter sie streng zurechtgewiesen. In düsteren Farben hatte sie Kathryn die Konsequenzen solcher Fehltritte ausgemalt.

Bei Phyllis hingegen konnte Kathryn immer sie selbst sein. Phyllis urteilte nie über sie. Sie lebte ihr Leben nach ihren eigenen Regeln und gestand dies auch anderen zu. Deshalb besuchte Kathryn ihre Tante, so oft es ging.

„Ich habe keine andere Wahl“, antwortete sie geduldig, wie immer, wenn die Sprache auf dieses Thema kam. Die Fußstapfen ihres Vaters waren zu groß für jeden, der nicht das Ego einer Dampfwalze besaß. Oder wenigstens die Cleverness einer Wüstenspitzmaus, so wie Thomas. Ihn hatte nichts und niemand aus der Ruhe bringen können, und er hatte genau gewusst, was er wollte und warum. Dem Vater der perfekte Sohn sein. „Ich muss tun, was Thomas getan hätte. Und nicht nur das. Ich will tun, was er getan hätte. Wenn ich nicht …“

Ehe sie weitersprechen konnte, brach ein paar Tische weiter ein kleiner Tumult aus. Ein hochgewachsener, elegant gekleideter Mann mit dunklen Haaren nahm sich der Sache an, bei der es um eine Tischreservierung zu gehen schien. Gebannt sah Kathryn ihm zu. Mit einer beeindruckenden Ruhe und Gelassenheit brachte er die Angelegenheit ins Reine, und alle Beteiligten schienen zufrieden zu sein.

„Wer ist das?“, flüsterte Kathryn ihrer Tante ins Ohr.

Phyllis lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, ein schelmisches Blitzen in den Augen. „Das ist Thierry Denoix. Ihm gehört das alles hier.“ Ihre Handbewegung hätte die ganze Welt meinen können. „Er ist Franzose. Vor ein paar Jahren ist er wie aus dem Nichts hier aufgetaucht. Angeblich hatte er in Südfrankreich eine spektakuläre Pleite hingelegt. Angefangen hat er als Küchenchef im Grand Hotel Tremezzo, das dann auch bald einen Michelin-Stern bekam. Doch kaum hatte er genug Geld zusammen, hat er das Bon Vivant aufgezogen. Hier trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Und wer irgendwo in der Nähe von Como eine exklusive Party ausrichten will, der wendet sich an Thierry. Sein Partyservice ist legendär. Was er anfasst, wird zu Gold. Das Bon Vivant ist als Delikatessenladen gestartet, inzwischen erstreckt er sich über den zweiten und dritten Stock. Die Tagesbar hier im Erdgeschoss mit dem tollen Garten gehört dazu und das Sternerestaurant oben im vierten mit Ausblick auf den See und die Berge. Da gehen wir auch bald essen. Trüffel, Kathy, ich sag nur Trüffel. Thierry Denoix hat einfach ein Händchen für exklusive Gastronomie.“ Phyllis kicherte. „Ich wette, dass du ihm mit deinem Supermarkt direkt gegenüber ordentlich in die Suppe spuckst. Sein Konzept ist eigentlich das gleiche wie das von Jansen’s. Mit dem Unterschied, dass er es wirklich gut macht, auf eine ehrliche Weise. Mit echten Gourmetprodukten.“

Nach dieser Lobrede betrachtete Kathryn den Mann noch einmal genauer. Thierry Denoix war geradezu grotesk gut aussehend. Sein Gesicht war wie dafür gemacht, teure Autos oder Designerkleidung zu verkaufen.

Sein Profil erinnerte Kathryn an eine Abbildung von Alexander dem Großen, die sie einmal gesehen hatte. Kräftige Augenbrauen über tiefliegenden, mandelförmigen Augen. Die markante Stirn und ebensolche Nase verliehen ihm etwas Verwegenes, das durch die pechschwarzen Haare, die ihm locker in die Stirn fielen, betont wurde. Er strahlte eine Präsenz aus, wie man sie sonst nur bei einem Schauspieler sah. Mit seiner Haltung und seiner ruhigen, von einem dezenten Lächeln begleiteten Konversation beherrschte er die Terrasse. Trotz der Hitze trug er einen maßgeschneiderten Anzug. Kathryn vermutete aber, dass der oberste Knopf seines Hemds nicht offenstand, um ihm die Hitze erträglicher zu machen, sondern um seine weiblichen Gäste um den Verstand zu bringen.

Nun, es wirkte. Ihre Kehle wurde trocken, so intensiv war sein Effekt auf sie. Ihr war, als wäre er plötzlich der Mittelpunkt der Welt.

Endlich gelang es ihr, den Blick von ihm zu lösen, und sie stürzte die Hälfte ihres Spritz herunter, als hinge ihr Leben davon ab. Ihr war fürchterlich heiß.

„Er wirkt recht jung für jemanden, der so viel Erfolg hat“, brachte sie heraus. Alles, woran sie denken konnte, war, wie es wäre, wenn dieser Mann seine Aufmerksamkeit statt auf die Arbeit auf sie richtete … Schluss! Das war ganz und gar nicht die Richtung, in die sie denken sollte. Erst recht nicht über einen Mann, der offenbar ihr größter Konkurrent war. Nur besser, wenn sie Phillys glauben wollte.

Phillys hob die Schultern. „Ich glaube, er ist so Mitte Dreißig. Er arbeitet eben hart. Soweit ich weiß, macht er nichts anderes. Sicher, ihm wurde schon die eine oder andere Affäre nachgesagt. Aber wenn du mich fragst, entspringen die Gerüchte eher dem Wunschdenken der Damen. Er flirtet, was das Zeug hält, aber ich glaube nicht, dass er viel weiter geht. Dazu ist ihm das Geschäft zu wichtig.“

Je mehr Phyllis über Thierry erzählte, desto flauer wurde Kathryn im Magen. Sie wusste, wie es war, die Arbeit über alles zu stellen. Wie es war, wenn man anderen etwas beweisen wollte. Dummerweise wusste sie aber auch, dass am Ende nur einer von ihnen beiden gewinnen konnte. Da sie Konkurrenten waren, würde einer von ihnen früher oder später den Kürzeren ziehen.

„Ich gehe mich mal frisch machen“, entschuldigte sie sich bei ihrer Tante. Vielleicht würde ihr ein wenig kaltes Wasser helfen, die Hitze in ihrem Inneren abzukühlen. „Bin gleich wieder da.“

Ob sie den Weg zu den Toiletten absichtlich verfehlte, hätte sie hinterher nicht sagen können. Aber plötzlich war da etwas. Neugier, aber nicht nur. Eine Fährte, die der Spürhund in ihr aufnahm und der er nachgehen musste. Sie witterte eine Chance, doch nicht heillos gegen Thierry Denoix unterzugehen. Das, was sie auf der Terrasse von ihm gesehen hatte, war einfach zu perfekt. Sie wollte nicht glauben, dass es Menschen gab, denen alles gelang, ohne dass sie dafür einen Preis zahlen mussten. Ihr selbst hätten ihre Träume beinah das Genick gebrochen. Wie sollte jemand wie sie gegen ihn bestehen?

Vielleicht war es aber doch nur aus Schusseligkeit, dass sie sich plötzlich im Gang zur Küche wiederfand.

Aufgeregte Stimmen drangen an ihr Ohr. Das Geräusch von klappernden Töpfen und Pfannen, das Zischen von heißem Fett und eine aufgebrachte Männerstimme. Instinktiv blieb sie stehen, drückte sich an die Wand, schlich Schritt für Schritt näher.

Ihr Herz machte einen aufgeregten Satz. Keine fünf Schritte vor ihr stand Thierry Denoix und hielt einen deutlich jüngeren Mann in Küchenuniform am Kragen gepackt. Denoix’ ganzer Körper war angespannt vor Wut, während er den armen Kerl an die Wand drückte und aufgebracht auf ihn einredete. Da war nichts mehr von der überlegenen Gelassenheit, mit der er sich vor wenigen Minuten seinen Gästen präsentiert hatte. Kathryn sprach nicht genug Italienisch, um alles zu verstehen, aber was sie sah, genügte. Jemand, der so mit seinen Untergebenen umging, konnte nicht perfekt sein. Thierry Denoix war ebenso wenig fehlerlos wie sie. Wenn es wirklich zu einem Kräftemessen zwischen ihm und Jansen’s kam, verdiente er den Sieg nicht mehr als sie.

Eine Viertelstunde nach Mitternacht. Das Ende eines weiteren langen Tages, der von Anfang an verflucht gewesen zu sein schien. Thierry ließ die Bürotür hinter sich zufallen. Ohne das Licht anzuschalten, lief er an seinem mit Papieren überhäuften Schreibtisch vorbei zum Fenster. Er legte das Futteral mit den Küchenmessern auf dem hüfthohen Aktenschrank ab, wo er es am kommenden Tag wiederfinden würde.

Eigentlich wollte er das Rollo herunterziehen, damit nicht sofort Schwärme von Mücken über ihn herfielen, sobald er das Licht anschaltete. Handgriffe, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren. Jeden Abend dasselbe, nachdem die Gasflammen heruntergedreht, der letzte Espresso serviert und der letzte Gast persönlich verabschiedet worden waren.

Durch das Fenster hindurch fiel sein Blick auf die Via Pietro Boldoni, auf das Straßenpflaster, das im goldenen Licht der Straßenlampen glänzte, auf die wenigen erleuchteten Fenster und auf den einzigen noch besetzten Tisch vor der Tabaccheria gegenüber, an dem das Personal für die Feierabendzigarette Platz genommen hatte. Sein Blick wanderte weiter zu der Plane an der Fassade der hellrosa verputzten Stadtvilla.

„Willkommen im Schlemmerparadies“.

Die Neuigkeit hatte nichts von ihrem Schrecken verloren. Thierry hatte am Comer See keinerlei Konkurrenz gehabt. Neben dem Bon Vivant in Como, das Café, Bistro, Restaurant und Delikatessen-Einkaufstempel in sich vereinte, gehörten ihm eine Trattoria in Bellagio und ein Café in Varenna. Zwei weitere Restaurants waren in Planung. Seit zwei Jahren versuchte sein Bankberater ihn zu überreden, einen Ableger des Bon Vivant in Mailand zu eröffnen. Die Berühmtheiten, die sich jedes Jahr am Comer See aufhielten, waren seine Stammkunden. Er kannte sie persönlich, und sie kannten ihn. Er war ein Goldjunge. Ein Ausnahmetalent.

Und jetzt kam Jansen’s. Ihn schauderte, wenn er daran dachte, was in Marseille passiert war, nachdem Jansen’s dort eine Filiale eröffnet hatte. Er war selbst schon nicht mehr dort gewesen, hatte nur durch Freunde von dem Debakel gehört. Hervé, sein Lehrmeister, hatte sein Geschäft aufgeben und sich zur Ruhe setzen müssen. Seine Kunden waren ihm davongelaufen. Und nicht nur ihm.

Jansen’s bot Masse statt Klasse. Jansen’s verpackte hübsch – und eintönig. Jansen’s unterbot die Preise alteingesessener Gourmetrestaurants und Delikatessengeschäfte, und früher oder später gaben sie alle auf.

Jetzt also war Como an der Reihe.

Thierry biss die Zähne aufeinander und zerrte das Rollo nach unten. Dann knipste er die Schreibtischlampe an, ließ sich in den Drehstuhl fallen und blätterte durch den Stapel Papiere, die seine Assistentin Regina ihm hingelegt hatte. Unter all den Umschlägen fand er Ausdrucke der Umsatzzahlen des vergangenen Monats. Nachdenklich ließ er den Blick über die Zahlenkolonnen schweifen und überlegte, wie lange die noch so aussehen mochten.

Schließlich schob er die Papiere beiseite und fuhr den Rechner hoch. Er würde nicht untergehen. Das würde er sich kein zweites Mal gefallen lassen. Beim letzten Mal hatte er der falschen Frau vertraut, aber diesmal wusste er genau, wer sein Feind war. Er würde nicht zulassen, dass diese verfluchte Kette, die von Bürokraten statt von Gourmets geführt wurde, zerstörte, was er sich aufgebaut hatte. Was verstanden die schon von seinem Geschäft? Sie wussten, wie man Geld verdiente, aber sie hatten keine Ahnung davon, wie man Menschen mit Geschmack und Genuss faszinierte.

Er checkte seine E-Mails. Bestellbestätigungen von Lieferanten, eine kurze Nachricht seiner Mutter, die ihm berichtete, dass sein Vater wieder mal wegen eines Nierensteins im Krankenhaus lag, und die wissen wollte, wann er endlich zu Besuch nach Südfrankreich kam. Die nächste Mail war von Pietro Catanzaro, der ihm den Buchweizengries lieferte, den er für seine berühmten Polentatörtchen brauchte.

Wortreich entschuldigte Catanzaro sich dafür, dass er seinen Lieferverpflichtungen künftig nicht mehr nachkommen könne. Er habe einen Großabnehmer gefunden, der ihm auf drei Jahre im Voraus feste Preise und Abnahmemengen garantiere. Sicher würde Thierry verstehen, dass unter den gegebenen Umständen …

Thierry las nicht weiter. Natürlich nannte Catanzaro keine Namen. Das musste er auch nicht. Der Name stand zwischen den Zeilen, hatte Thierry bereits am Morgen von diesem verfluchten Werbebanner aus verhöhnt.

„Willkommen im Schlemmerparadies“.

Er klickte die Mail weg. Die nächste lieferte ihm eine Übersicht mit Links zu Websites, auf denen seine Geschäfte in den letzten vierundzwanzig Stunden erwähnt worden waren. Was konnte da schon stehen, was ihm den Tag noch weiter verderben konnte? Nur noch diese Mail, dann hatte er es endlich hinter sich. Dann konnte er den Tag abhaken. Morgen musste er sich überlegen, wie er seine Existenz retten würde.

Die ersten Links zeigten genau das, was er erwartet hatte. Die üblichen Besprechungen in Kolumnen großer Tageszeitungen, ein paar neue Bewertungen bei Tripadvisor, ein dreiseitiger Artikel in der amerikanischen Zeitschrift „Dine“.

Der letzte Link in der Liste führte zu „Kats Küchenklatsch“. Er kannte den Blog. Einige seiner Kunden schwärmten von der Bloggerin, die sich als „Küchenfee“ bezeichnete und zu Restaurantkritiken der Haute Cuisine besonders gern saftige Geschichten über die Stars und Sternchen der Nobelgastronomie servierte. Ein paarmal hatte er reingelesen. Aber was interessierte es ihn, wer mit wem und warum?

Seufzend klickte er auf den Link und erstarrte.

Die Frau behauptete, am Mittag, also vor nicht einmal zwölf Stunden, zum Lunch im Bon Vivant gewesen zu sein. Die Alborelle mit Törtchen aus Buchweizenpolenta und Apfelschaum seien ein Gedicht gewesen, das Ambiente verführerisch, der junge Mann, der sie bedient habe, höflich und zuvorkommend. Der Lunch hätte wirklich sensationell werden können, wäre da nicht der Herr des Hauses gewesen, der es offenbar für eine akzeptable Form der Mitarbeiterführung hielt, seinen Lehrjungen verbal niederzumachen.

„Verbal niederzumachen?“ Er musste die Zeile ein zweites Mal lesen. Sie musste wirklich im Bon Vivant gewesen sein, denn als Tagesgericht hatte es heute tatsächlich Alborelle gegeben, kleine Seefische, die erst getrocknet und dann in Olivenöl ausgebraten wurden. Und Marco der Kellner hatte bisher jede Frau um den Finger gewickelt.

Aber das verbale Niedermachen …

Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Merde! Sein Disput mit Enrico, dem Lehrling! In seinem zweiten Lehrjahr hatte Enrico immer noch nicht gelernt, dass es eine Sache gab, die Thierry niemals akzeptierte: fehlende Konzentration bei der Arbeit. Es war verzeihlich, wenn ein Lehrjunge teure Zutaten wie Safran verschwendete, weil er zum Beispiel nicht korrekt unterwiesen worden war oder weil es ihm an Übung fehlte. Doch Enrico hatte gleich mehrere Fäden des Gewürzes verdorben, das kostbarer war als Gold. Und das nicht etwa aus Unwissenheit oder Unvermögen. Statt seine Aufgabe ernst zu nehmen, hatte er während der Arbeit Textnachrichten mit seiner neuen Freundin ausgetauscht. Eine solche Nachlässigkeit konnte Thierry ihm unmöglich durchgehen lassen. Seine schlechte Laune hatte ihr Übriges getan. Enrico hatte genau gewusst, dass er seinen Chef nicht hätte reizen dürfen, aber er hatte es geflissentlich ignoriert.

Die Küchenfee allerdings hielt in einem solchen Fall eine fristlose Kündigung im stillen Kämmerlein offenbar für angemessener als ein paar deutliche Worte.

Er musste sich eingestehen, dass dieser Tag doch noch schlimmer geworden war. Eine Filiale von Jansen’s vor der Nase, der Verlust eines treuen Lieferanten und ein vollkommen unsachlicher Verriss in einem der meistgelesenen Gourmet-Blogs der westlichen Hemisphäre, wenn er seinen Gästen glauben wollte.

Selten hatte er sich so hilflos gefühlt. Dann kam ihm eine Idee. Sobald er die Adresse der ominösen Küchenfee ins entsprechende Feld getippt hatte, hörten seine Finger auf zu zittern.

3. KAPITEL

Von: Thierry Denoix

Gesendet: Mittwoch, 1. Juni 2016, 23:47

An: Kathy Küchenfee

Betreff: Verbales Niedermachen

Sehr geehrte Miss Küchenfee,

ich möchte mich auf diesem Wege ganz herzlich für Ihre erhellenden Ausführungen bedanken.

Da ich in meinem Betrieb nur erwachsene, mündige Frauen und Männer einstelle, bin ich sicher, dass der Lehrling, dem ich seinen Fehler auf eindringliche Art deutlich gemacht habe, sehr genau weiß, wofür er – um es mit Ihren Worten auszudrücken – verbal niedergemacht wurde. Des Weiteren bin ich zuversichtlich, dass er einschätzen kann, ob mein Verhalten gerechtfertigt war oder nicht. Das kann ich bei jemandem, den ich aufgrund mangelnder Reife niemals beschäftigen würde, selbstverständlich nicht voraussetzen.

In diesem Sinne verbleibe ich

hochachtungsvoll

Ihr T. Denoix

(5 Michelin-Sterne)

Bitte besuchen Sie uns auf www.bonvivant.it – oder am schönen Comer See.

Von: Kathy Küchenfee

Gesendet: Donnerstag, 2. Juni 2016, 00:04

An: Thierry Denoix

Betreff: Re: Verbales Niedermachen

Lieber T. Denoix,

es freut mich, zu erfahren, mit wie viel Aufmerksamkeit ein Mann wie Sie – 5 Michelin-Sterne, Gott bewahre! – den erhellenden Ausführungen einer unterbelichteten Küchenfee folgt.

Zwar kennen wir uns nicht, trotzdem haben Sie offenbar eine ganz konkrete Meinung von mir. Lassen Sie es sich gesagt sein: Ihre Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit. Sollte Ihnen das nächste Mal jemand in Ihre hochdekorierte Suppe spucken, empfehle ich Ihnen einen Schluck des ausgezeichneten Prosecco aus dem Anbaugebiet Cartizze, den ich leider auf Ihrer Weinkarte vermisst habe. Dabei würde er so gut zu Ihnen passen: kräftig, knochentrocken, einzigartig.

Sollte das nicht helfen, hilft womöglich regelmäßiger Schlaf. Haben Sie schon mal auf die Uhr geguckt?

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Küchenfee Kathy

Von: Thierry Denoix

Gesendet: Donnerstag, 2. Juni 2016, 00:13

An: Kathy Küchenfee

Betreff: Re: Re: Verbales Niedermachen

Gute Nacht, Miss Küchenfee,

fünf Michelin-Sterne fallen keinem Mann in den Schoß. Ich bin es gewohnt, für meinen Erfolg hart zu arbeiten. Die Branche, in der ich tätig bin, zeichnet sich dadurch aus, dass die Tage sehr lang sind. Gewöhnlich nutze ich die späte Stunde für Konversationen mit meiner Mutter, die mich daran erinnert, zu Bett zu gehen. Sie sehen, Sie werden also nicht gebraucht.

Zu Ihrer Information: Der Schaumwein aus Cartizze steht zwar nicht auf meiner Karte, aber sehr wohl in meinem Keller. Allerdings serviere ich ihn nur ganz besonderen Gästen. Verraten Sie mir die Internetseite, auf der Sie sich dieses Blitzwissen über Prosecco angelesen haben?

Das Ende dieser Nacht herbeisehnend

T. Denoix

(immer noch 5 Michelin-Sterne)

Von: Kathy Küchenfee

Gesendet: Donnerstag, 2. Juni 2016, 00:16

An: Thierry Denoix

Betreff: Re: Re: Re: Verbales Niedermachen

Lieber Sternesammler,

gehe eigentlich nur ich Ihnen auf die Nerven, oder ist das Ihr Allgemeinzustand? Wenn nötig, kann ich Ihnen gerne die Adresse eines guten Psychiaters heraussuchen. Meine Fertigkeiten, Internetsuchen betreffend, haben Sie ja bereits bewundert.

Auch ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Wenn Sie unbedingt wollen, können wir uns morgen weiter bekriegen. Denn eines muss ich zugeben: Ich bewundere Ihre Verbalakrobatik.

Viel Spaß auf dem Weg zu Ihrem Cartizze im Keller. Mit ein wenig Glück finden Sie auch Ihren Humor zwischen den angestaubten Flaschen. Die Frage nach der Internetseite lässt hoffen, dass Sie ihn nur verloren haben und nicht von Natur aus darauf verzichten müssen.

LG

Ihre Küchenfee Kathy

Von: Kathy Küchenfee

Gesendet: Montag, 6. Juni 2016, 19:16

An: Thierry Denoix

Betreff: Angegoren?

Sind Sie immer noch sauer auf mich? Ich wollte Ihnen nur sagen, dass das Risotto Milanese heute ein Gedicht war. Einfache Gerichte zur Perfektion zu bringen, ist die wahre Kunst der hohen Küche. Tatsächlich konnte ich jede einzelne Zutat herausschmecken. Reis, Safran, Butter, Pecorino. Köstlich!

Sollten Sie Ihren alten Freund, den Humor, mal wieder treffen, grüßen Sie ihn von mir. Vielleicht brauchten Sie beide nur eine kurze Beziehungsauszeit und finden doch wieder zueinander. Ich würde mich für Sie freuen.

LG

Ihre Küchenfee Kathy

Von: Kathy Küchenfee

Gesendet: Montag, 6. Juni 2016 21:45

An: Thierry Denoix

Betreff: Fw: Angegoren?

Hallo, Mister Griesgram? Eine Mail von mir ganz ohne Retour-Beleidigung von Ihnen stimmt mich nachdenklich. Alles okay bei Ihnen?

Von: Thierry Denoix

Gesendet: Mittwoch, 8. Juni 2016, 00:01

An: Kathy Küchenfee

Betreff: Re: Fw: Angegoren?

Haben Sie mich vermisst? Mir war nicht bewusst, dass ich Ihnen Rechenschaft über meinen Verbleib schulde.

Trotzdem wird es Sie freuen zu hören, dass das geschulte, mündige Personal in meinen Geschäften in der Lage ist, den Betrieb auch ohne mich für einige Tage aufrechtzuerhalten. Dennoch gebe ich zu, dass es mich freut, dass das Risotto Ihnen geschmeckt hat. Eine gewisse Unsicherheit bleibt doch, wenn ein Sternesammler nicht selbst am Herd stehen kann.

Ich habe heute Mittag eine neue Lieferung aus Cartizze entgegengenommen. Erzählen Sie mir, warum Sie es sich leisten können, nicht nur tage-, sondern wochen- und vor allem nächtelang am Comer See auszuharren? Oder haben Sie vor, nach meinen Sternen zu greifen und sie mir abspenstig zu machen, indem Sie mich um meinen wohlverdienten Schlaf bringen?

Mit kulinarischen Grüßen

Der Griesgram

Von: Kathy Küchenfee

Gesendet: Mittwoch, 8. Juni 2016, 00:09

An: Thierry Denoix

Betreff: Re: Re: Fw: Angegoren?

Oh, ich freue mich so für Sie! Sie haben wieder zusammengefunden – Sie und Ihr Humor. Die Unterschrift unter Ihrer Mail zeigt es ganz deutlich.

Da mich Geschichten über wiedergefundene Liebschaften immer erfreuen und ganz sentimental machen, verrate ich Ihnen ein Geheimnis. Und ein zweites gleich hinterher. Ja, ich habe Sie tatsächlich vermisst. Wie Sie sich vielleicht denken konnten, bin ich nicht nur beruflich in der Gegend, sondern auch ziemlich neu. Manchmal können die Abende ziemlich einsam werden. In solchen Augenblicken geht nichts über die Erinnerung daran, dass ich nicht die Einzige bin, deren Leben armselig genug ist, um noch weit nach Mitternacht arbeitend vor dem Rechner zu sitzen.

Darf jetzt auch ich eine Frage stellen? Warum waren Sie letzte Woche so schlecht gelaunt? Geht Ihnen wirklich jede Kritik derart an die Leber?

LG

Ihre Küchenfee Kathy

Von: Thierry Denoix

Gesendet: Mittwoch, 8. Juni 2016, 00:32

An: Kathy Küchenfee

Betreff: Re: Re: Re: Fw: Angegoren?

Berufliche Gründe. Ausnahmsweise nichts, was Sie tangieren würde, Miss Küchenfee, um auf die von Ihnen so geschätzte Verbalakrobatik zurückzugreifen. Sterngucker wie ich reagieren sehr empfindlich darauf, wenn ihnen jemand einen Kuckuck in den Kochtopf setzt, und eben dies war mir an jenem Tag passiert, als wir beide das Pech hatten, einander schriftlich kennenzulernen.

Darf ich Sie noch etwas fragen?

Wie deutlich muss eine Einladung an Sie formuliert werden? Oder haben Sie einen E-Mail-only-Fetisch? Es wäre hilfreich, das zu erfahren. Ich hatte gehofft, mein Verweis auf die Lieferung aus Cartizze würde genügen. Helden am Herd tun sich oft sehr schwer damit, Damen direkt anzusprechen. Wir haben immer die Befürchtung, dass ein Saucenspritzer auf der Krawatte oder der Geruch von Knoblauch im Haar uns unattraktiv macht.

Ich hatte tatsächlich gehofft, dass Sie mir den Grund für Ihren verlängerten Aufenthalt in dieser Gegend persönlich über einem Glas Prosecco verraten würden.

Immer noch hoffnungsvoll in die Sterne blickend

Der Sammler

Mit einem Lächeln auf den Lippen schloss Kathryn die letzte Mail ihres Sternesammlers. Ihres Sternesammlers. Allein so von Thierry Denoix zu denken, war sehr weit hergeholt. Er wusste nicht einmal, wer die Frau war, mit der er manchmal nachts E-Mails austauschte. Für ihn war sie „Kathy die Küchenfee“. Niemand wusste, wer hinter diesem zugegebenermaßen wenig kreativen Pseudonym steckte.

„Kats Küchenklatsch“ war ihr Geheimprojekt. Ein heimlicher Genuss, den sie sich gönnte, wie man sich mitten in der Nacht ein Stück handconchierter Schokolade gönnte. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen, das dem geheimen Vergnügen den Reiz des Verbotenen verlieh und es umso unwiderstehlicher machte.

Schon immer war sie ein Fan herausragender Kochkunst gewesen. Sie schätzte das Handwerk, das hinter echten Gaumenfreuden steckte, die Einzigartigkeit, die Leidenschaft. Kein Massenartikel, und sei er noch so schön verpackt, konnte mithalten mit einer von Hand gefertigten Köstlichkeit.

Allerdings hatte die Arbeit im Familienunternehmen sie auch gelehrt, dass die wenigsten Kunden den Unterschied überhaupt bemerkten. Schon früh hatte sie erfahren müssen, dass die meisten Leute lediglich mitreden wollten, wenn es um den Unterschied zwischen Fleur de Sel und herkömmlichem Meersalz ging, oder darum, welche Rebsorte aus welchem Anbaugebiet am besten schmeckte.

Das war es, was Jansen’s sich zunutze machte. Eigentlich fand Kathy daran nichts Verwerfliches. Neben den lukullischen Genüssen der Sterne-Gastronomie beschäftigte sie sich mit den Eigenheiten der Klientel der Gourmettempel dieser Welt. Es hatte sich angeboten, und mittlerweile hatte ihr Blog eine Leserzahl, auf die so manches Gourmetmagazin neidisch gewesen wäre.

Als der Bildschirm in den Energiesparmodus schaltete, zwang sie ihre Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. Sie sollte ihn nicht treffen. Doch seine letzte Mail klang verheißungsvoll. Sie mochte seinen hintergründigen Humor. Ein erwartungsvolles Prickeln lief ihr jedes Mal über den Rücken, sobald sie ihr Mailprogramm öffnete, weil sie hoffte, dass eine Nachricht von ihm auf sie wartete.

Seit Thomas gestorben war, hatte sie nie das Verlangen verspürt, einen Mann näher kennenzulernen. Nun war es ausgerechnet Thierry Denoix, der völlig unangemessene Gefühle in ihr auslöste. Vielleicht sollte sie mit offenen Karten spielen. Bei einem Glas Prosecco aus Cartizze ließ sich bestimmt leichter reden, und er würde vielleicht verstehen, warum sie tat, was sie tun musste. Es musste doch für sie beide Platz sein.

Das Klingeln des Festnetztelefons ließ sie zusammenfahren. Sie sah auf die Uhr. Es gab nur einen Menschen, der sie um diese Zeit anrief, weil er wusste, dass sie jetzt noch arbeitete. Mit einem Seufzen nahm sie das Gespräch entgegen.

„Dad. Was gibt es? Hast du gesehen, dass ich den Müller an Land gezogen habe, der die hochdekorierten Buchweizenprodukte anbietet? Was hältst du davon?“

Es hätte keinen Sinn gehabt, so zu tun, als würde ihr Vater wegen etwas anderem als dem Geschäft anrufen. Schon gar nicht, wenn es weit nach Mitternacht war.

„Hab ich. Klingt nicht schlecht, aber deshalb rufe ich nicht an.“

„Aha?“

„Ich habe endlich die Wettbewerbsanalyse für den neuen Standort. Ich hab sie dir gerade geschickt. Hast du schon einen Blick drauf geworfen?“

Noch während er redete, klickte sich Kathryn zurück ins Mailprogramm. Tatsächlich. Während sie über ihren verbotenen Mailwechsel mit Thierry Denoix nachgedacht hatte, war Post von ihrem Vater eingegangen. Geistesabwesend klickte sie auf das Büroklammersymbol, um den Anhang zu öffnen.

„Ist denn etwas Überraschendes rausgekommen?“ Wenn sie ihren Vater schon mal in der Leitung hatte, konnte er ihr auch sagen, was sie morgen in der Analyse lesen würde.

„Nicht wirklich. Laut der Unternehmensberatung gibt es am Comer See im Grunde nur einen Wettbewerber, der Jansen’s wirklich Probleme machen könnte.“

„Das Bon Vivant.“ Sie musste nicht darauf warten, dass ihr Vater aussprach, was sie ohnehin wusste. Die kribbelige Wärme, die Thierrys Mails in ihrem Bauch ausgelöst hatten, verwandelte sich in ein flaues Gefühl.

„Richtig.“

„Dad, ich hab mir gedacht …“

„Was, Kathryn?“, unterbrach er sie. „Was hast du dir gedacht? Dass du mal wieder mit unseren Konkurrenten gut Freund sein könntest? Dass es einen anderen Weg gibt als den, der Jansen’s seit Jahrzehnten zum Erfolg führt? Wenn du mir sagen willst, dass du nicht tun kannst, was zu tun ist, schicke ich jemand anderen. Ich hab ja von Anfang an geahnt, dass du zu zartbesaitet für den Job bist. Wenn Thomas noch leben würde …“

Der Rest des Redeschwalls ging unter im Rauschen in ihren Ohren. Blitzartig schossen Bilder durch ihre Erinnerung. Regen, der in Strömen über die Windschutzscheibe lief. Das hektische Flopp-Flopp-Flopp der Scheibenwischer. „Wir haben es dir doch alle gesagt.“ Das waren die letzten Worte ihres Bruders gewesen. Danach kam der Knall. Das Geräusch von berstendem Metall.

„Wenn Thomas noch leben würde.“ Darauf lief es immer hinaus. Thomas, der designierte Nachfolger ihres Vaters, der verhätschelte Erbe, das betriebswirtschaftliche Wunderkind, war tot. Und es war ihre Schuld.

Sie schluckte den Schmerz hinunter und räusperte sich. „Ich habe kein Problem damit, zu tun, was getan werden muss“, sagte sie, sobald sie sicher sein konnte, dass ihre Stimme nicht mehr zitterte.

„Bist du sicher?“ Die Skepsis war deutlich aus seinen Worten herauszuhören.

„Ganz sicher.“

Sie würde Thierry nicht wieder schreiben. Sie würde niemals mit ihm auf der Terrasse sitzen und ein Glas eisgekühlten Cartizze-Prosecco genießen. Sie konnte es nicht. Denn das, was sie tun musste, konnte sie nur durchziehen, wenn sie ihn ausschließlich als Konkurrenten sah. Nicht als Mann. Schon gar nicht als Freund.

4. KAPITEL

Thierry saß bei einem Salat aus frischen Spinatblättern und karamellisierten Walnüssen mit einer Parmesan-Vinaigrette allein an einem Tisch in der Nähe des Durchgangs zur Küche. Er mochte die Atmosphäre in seinem Restaurant Sublime in Bellagio, das von Como aus in einer guten halben Stunde erreichbar war. Das Sublime hatte er ein Jahr nach dem Bon Vivant eröffnet, und dank des unermüdlichen Einsatzes von Billy, seinem Souschef, strebte es dem dritten Michelin-Stern entgegen.

Er hatte nichts essen, sondern nur ein wenig die Ruhe vor den Abendstunden genießen wollen, die auch hier, in dem beschaulichen kleinen Ort mit seiner einzigartigen Atmosphäre, ziemlich hektisch verliefen. Doch Billy hatte darauf bestanden, dass Thierry seine Kreation probierte.

Die Zusammenstellung war perfekt. Thierry hatte keinen Hunger, doch er verspeiste einen Bissen nach dem anderen. Es war sträflich, Billy als Souschef zu behalten. Wäre der junge Mann sein eigener Chef gewesen, hätte er längst einen eigenen Stern erworben. Aber Thierry war egoistisch. Er hatte ein Händchen für neue Talente, und so manchen seiner jungen Mitarbeiter hätte er am liebsten in Handschellen gelegt, damit er blieb.

Was Kathy wohl über diesen Salat schreiben würde?

In letzter Zeit dachte er bei allem, was er aß, zuerst an Kathy die Küchenfee. Verrückt. Seit zwei Wochen ging das jetzt so.

Aber warum hatte sie sich nicht mehr gemeldet? Ließ sein Erfolg bei Frauen nach? Neben seinem untrüglichen Gespür für Geschmackserlebnisse war sein Talent bei Frauen eines der Dinge, auf die er sich immer hatte verlassen können.

Hatte seine Einladung zum Prosecco wirklich so stümperhaft geklungen? Wie oft hatte er die Mail in den letzten Tagen gelesen, auf der Suche nach einem Hinweis, was er falsch gemacht haben könnte! Doch was stand da schon drin? Die Einladung zum Prosecco. Und die Sache mit dem Ärger über seinen plötzlich aufgetauchten Konkurrenten. Keine Namen, denn was die Küchenfee nicht betraf, musste sie auch nicht wissen.

Das könnte sich ändern, wenn sie sich einmal von Angesicht zu Angesicht begegnen würden. Falls er herausfand, dass er mit ihr reden konnte und dass ihr Interesse echt war. Vielleicht hätte er sie dann auch nach ihrer Meinung zu Jansen’s gefragt. Aber bis dahin war es sein Problem, nicht ihres, und so sollte es auch bleiben.

Sie war Gourmet-Bloggerin. Sie musste sich auskennen, und es hätte ihn brennend interessiert, was jemand wie sie von einer Kette wie Jansen’s hielt. Doch nun meldete sie sich nicht mehr, und er hatte keine Ahnung, wieso. Es wurmte ihn, dass sie nicht reagierte. Es kratzte empfindlich an seinem Ego.

Er stand auf und trug den Teller zurück in die Küche. Erwartungsvoll sah Billy ihm entgegen.

„Sehr gut“, sagte er. „Etwas weniger Zucker auf den Nüssen, damit sie den Hauch Meersalz in der Vinaigrette nicht so überlagern. Hast du es mit Honig statt Zucker versucht?“

„Der Geschmack der Nüsse verschwindet unter dem Honig.“

Thierry überlegte, dann nickte er. War möglich. Die Walnüsse aus dem Paglio-Tal mit ihrem cremig-seidigen Fruchtfleisch und der milden Süße, die den Gaumen auch im Nachgeschmack noch verwöhnte, mussten sorgfältig behandelt werden, sonst zerstörte man ihren einzigartigen Geschmack.

„Gute Arbeit“, lobte er seinen Angestellten noch einmal. „Ich fahre jetzt für zwei Stunden nach Hause. Heute Abend bin ich in Varenna, falls etwas ist.“

„Ich komme schon klar, Chef.“ Billy wandte sich wieder seinen Töpfen zu.

Zu Hause fuhr Thierry den Computer hoch. Nur Werbemails, die tägliche Nachricht von Google-Alert, ein Kontoauszug von der Bank. Er versuchte, an etwas anderes zu denken, aber schließlich klickte er doch auf den längst in den Favoriten abgespeicherten Link zu Kathys Blog. Ihre Einträge kamen unregelmäßig, alle paar Tage, hatte er festgestellt, ohne erkennbaren Takt. Wenn sie etwas zu sagen hatte, schrieb sie.

„Wo schwimmen die dicksten Fische im Teich?“, lautete der Titel des Eintrages, den sie am Morgen online gestellt hatte.

Er nippte an seinem Espresso. Eine sanfte Brise vom See bauschte den hellen Vorhang in seinem Arbeitszimmer auf, Sonnenlicht blinkte auf den kleinen Wellen. Kindergeschrei klang vom nahen Ufer herauf, wo im Schatten mächtiger Bäume altersgefleckte Steinstufen ins türkisgrüne Wasser führten. Sommerferien.

Kathy die Küchenfee ließ sich über die Unzulänglichkeiten der Fischmärkte entlang des Sees aus. Offenbar war sie also noch in der Gegend. Sie habe mehrere kleine Orte besucht, schrieb sie, auf der Suche nach dem perfekten Fang. Um den ursprünglichen Charakter der Fischmärkte einzufangen, habe sie sich von den touristischen Zentren ferngehalten. Doch den perfekten Fang habe sie nicht gefunden.

Er grinste in seine Tasse hinein, trank den letzten winzigen Schluck und rieb sich die Hände. Seine Mails konnte sie ignorieren. Aber sie ignorierte es nie, wenn ein Leser auf ihrem Blog einen Kommentar zu einem Artikel schrieb. Sie antwortete immer, und es wäre schlechter Stil gewesen, das plötzlich nicht mehr zu tun, ganz gleich, was sie von ihm hielt.

„Liebe Miss Küchenfee“, schrieb er direkt unter den Artikel. „Es betrübt mich, von Ihren ernüchternden Erlebnissen mit den Fischern am Comer See zu lesen. Ich möchte Sie einladen, sich morgen (Freitag) um halb sechs (ja, morgens) am Bootsanleger am Lungo Lario Trieste in Como einzufinden (dort gibt es direkt einen Parkplatz, Sie müssen nicht mal weit laufen). Ich hole Sie ab und zeige Ihnen den schönsten Fischmarkt, den Sie je gesehen haben. Liebe Grüße, Ihr Griesgram.“

Er wartete. Aktualisierte die Seite. Wartete. Mit jeder Sekunde, die verstrich, nahm sein Herzschlag an Tempo auf. Das war ja lächerlich.

Nach weniger als fünf Minuten flackerte eine Antwort auf. „Sagen Sie mir, wo dieser Fischmarkt ist?“

Er musste lachen und legte die Finger auf die Tastatur. „Netter Versuch, Kathy. Nein. Geheimnis.“

„Erpressung.“

„Vielleicht.“

Er holte sich einen weiteren Espresso aus der Küche. Nach dem Kontakt mit der Fee war er ohnehin zu aufgekratzt, um seinen ursprünglichen Plan umzusetzen, eine Stunde im Schatten auf der Terrasse zu dösen.

„Ich werde da sein“, schrieb sie.

Noch hing das Zwielicht der schwindenden Nacht über dem See, als Kathryn ihren Wagen auf den Parkplatz lenkte. Nebelschwaden stiegen von der Wasseroberfläche auf und legten sich wie ein dünner Mantel über die dichtbewaldeten Hänge, die den See umschlossen.

Die Parkautomaten auf der Lungo Lario Trieste waren noch für die Nacht ausgeschaltet. Erst ab acht Uhr morgens musste man wieder eine Gebühr entrichten. Kathryn wusste nicht, ob sie hoffen sollte, bis dahin wieder zurück zu sein. Überhaupt wusste sie nicht, was sie von diesem Treffen erwartete. Genaugenommen war es ziemlich gewagt, überhaupt hier zu sein.

Ihre Finger zitterten ein wenig, als sie den Z3 per Fernverriegelung abschloss. Sie tat es fürs Geschäft. Immer wieder sagte sie sich die Worte vor. Ihr Vater verlangte von ihr, Thierry Denoix’ Schwachstellen zu finden, um sie dann schamlos für ihre Zwecke auszunutzen. Eine Schwachstelle kleiner Geschäfte waren immer die Lieferanten. Jeder Gourmet wusste, dass hochklassige Küche beim Einkauf anfing. Kein Koch, der etwas auf sich hielt, ließ es sich nehmen, die Zutaten für seine Kreationen selbst auszusuchen.

An diesem Punkt setzte Jansen’s an. Die Kette machte den regionalen Lieferanten Angebote, denen sie nicht widerstehen konnten. Abnahmegarantien zu Festpreisen, Werbekostenzuschüsse, garantierter Regalplatz. Bei einem solchen Angebot konnte kein Kleinunternehmer mithalten. Und so verlor die Konkurrenz ihre Rohstoffe.

Die Rechnung war denkbar einfach und bisher überall aufgegangen. Kathryn musste nur herausfinden, woher Thierry seine Waren bezog, alles andere wäre reine Routine. Eigentlich war der Artikel auf dem Blog gar nicht als Köder gedacht gewesen. Oder doch? Es kostete Kraft, sich einzureden, dass sie ihn damit nicht aus der Reserve hatte locken wollen. Sie benutzte den Blog nicht fürs Geschäft. Nie.

Bis gestern.

Mit dem Angebot, ihr seinen geheimen Fischmarkt zu zeigen, hatte er sich ihr quasi auf dem Silbertablett serviert. Sie musste nur zugreifen. Deshalb war sie hier. Außer ihr waren um diese Zeit nur Bäcker und Priester unterwegs. Eine einsame Kehrmaschine surrte die Straße entlang.

Trotzdem machte ihr Herz einen schmerzhaften Satz, als das Röhren eines Sportbootmotors die morgendliche Stille durchbrach. Aber das lag nicht daran, dass sie aufgeregt war, weil sie Thierry wiedersehen würde, sondern einzig daran, dass sie lärmempfindlich war. Genau.

Elegant durchschnitt das Boot die Wellen und hielt auf den schmalen Anleger zu. Der Motor erstarb, das glänzende Gefährt aus schimmerndem Edelholz schaukelte an den Steg heran, und es sah verboten aus, wie lässig dieser Mann am Steuer stand: breitbeinig, cool.

Insbesondere nach seinen Mails hatte sie Schlips und Kragen erwartet. Ihre Vorstellung hätte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können. Statt Anzug und Krawatte trug er ein einfaches schwarzes T-Shirt mit tiefem V-Ausschnitt und einem Band-Logo auf der Brust. Dunkle Härchen zeigten sich im Ausschnitt. Darüber trug er ein kurzärmliges, grau-weiß gestreiftes offenes Jeanshemd, und seine langen Beine steckten in hellen Leinenhosen. Eine Sonnenbrille saß locker auf seinen Haaren.

Eine glänzende schwarze Strähne fiel ihm ins Auge, als er auf den Steg sprang. Sie erkannte winzige Wassertropfen auf seinen braungebrannten Unterarmen.

Natürlich erriet er sofort, wer sie war. Die Auswahl an möglichen Kandidatinnen war ja nicht sonderlich groß. Außer ihr war da nur eine bucklige Zeitungsfrau, die ächzend einen Handwagen zu einem der Kioske zerrte.

Grüßend nickte er Kathy zu, als er näher trat. Federnde Schritte, leicht und temperamentvoll zugleich, und bei jedem dieser Schritte spannte sich die ansonsten locker auf seinen Hüften sitzende Jeans um seine Oberschenkel.

Nur fürs Geschäft. Nur fürs Geschäft. Das Mantra in ihrem Kopf wurde immer leiser. In der kurzen Zeit, die Thierry brauchte, um die paar Schritte vom Steg bis zu ihr zu gehen, musste sie all ihre Willenskraft aufbieten, um nicht einfach dahinzuschmelzen. Das durfte nicht sein. Sie waren Konkurrenten. Sie war hier, um seine Geheimnisse auszuspionieren und ihm zu schaden. Ihr blieb keine andere Wahl, um ihrem Dad zu beweisen, dass sie etwas wert war. Sie würde es durchziehen. Sie musste. Es führte kein Weg dran vorbei. Sie hatte es versprochen.

Selbst wenn sie nicht die Einzige gewesen wäre, die zu dieser gottlosen Stunde auf einem der rot-weißen Begrenzungssteine zwischen dem Pier und der Straße saß, hätte er sie erkannt. Er hatte sie schon einmal gesehen. An jenem Morgen, als Jansen’s die Plane entrollt hatte. Natürlich war Kathy Küchenfee das Plakat aufgefallen. Deshalb war sie stehengeblieben und hatte es angestarrt. Sie widmete ihr Leben dem Genuss. Genau wie er.

Hinter ihm tuckerte der Motor des Bootes im Leerlauf weiter. Am anderen Ende des Piers entlud ein Fischer seinen Fang. Thierry ging auf Kathy zu und streckte die Hand aus.

„Thierry Denoix“, sagte er.

Ihre Finger waren kühl, ihr Händedruck fest, trotzdem meinte er, ein leises Beben zu ertasten. Perfekt.

„Ich weiß“, erwiderte sie. „Kathy.“

„Ich weiß“, echote er. „Haben Sie ausgeschlafen?“

„Sehr witzig.“ Ihr kurzes, herbstlaubfarbenes Haar reflektierte das Licht des frühen Morgens. Er überlegte einen Moment, aber er konnte sich nicht erinnern, sich jemals mit einer Frau getroffen zu haben, die keine langen Haare gehabt hatte. Kurzhaarige Karrierefrauen entsprachen nicht seinem Typ. Er schüttelte den Gedanken ab. Er wollte nichts von ihr. Er wollte ihr etwas zeigen, weil er Spaß daran hatte, mit ihr zu korrespondieren. Mehr nicht.

„Ein Boot?“, fragte sie. „Ist das wirklich notwendig? Wir könnten meinen Wagen nehmen.“

„Nein“, sagte er, ein wenig überrascht, dass dies ihre größte Sorge zu sein schien. Wer kam denn an den Comer See und hatte Angst vor dem Wasser? „Das dauert viel zu lange. Regel Nummer eins für den Fischmarkt: Erster sein.“ Er deutete mit einem Nicken zum Ende des Piers, wo gerade ein altes Fischerboot anlandete. „Sehen Sie? Gleich kommen die Anwohner und prügeln sich um das, was er aus dem See geholt hat.“

„Das ist Ihr geheimer Fischmarkt, ein alter Mann mit einem löchrigen Boot? Dafür bin ich mitten in der Nacht aus dem Bett gefallen?“

Er lachte. Ihre Entrüstung war süß, auch wenn er spürte, dass sie gespielt war. Kathy war klug genug, um zu wissen, dass ihr kleiner Ausflug hier noch nicht endete.

„Lassen Sie sich überraschen. Kommen Sie, steigen Sie ein. Halt, einen Moment noch.“

Verwirrt hielt sie inne und blickte ihn an. „Was ist denn?“

Er konnte es nicht verhindern. Es musste sein. Er trat drei Schritte zurück und blickte auf ihre Füße.

Sie trug leichte, helle Sneaker mit kunstvoll bestickten Löchern. Sommerschuhe. Keine Absätze. Schuhe, die perfekt zu der Caprijeans und dem gestreiften T-Shirt passten. Ihr Auftreten signalisierte Tatendrang und Abenteuerlust.

Er nahm ihre Hand und zog sie in Richtung Boot. Verdammt. Ein paar Sekunden in ihrer Gegenwart, und schon fiel es ihm schwer, die Distanz zu wahren. Verdammt schwer. Aber Thierry wäre nicht der, der er war, ohne seine Prinzipien eingehalten zu haben. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er zugelassen, dass eine Frau ihm zu nahekam, und es hatte ihn seine Existenz gekostet. Damals war er jung gewesen und naiv. Heute war er klüger. Er bestimmte, was in seinem Leben eine Rolle spielte, und Frauen gehörten nicht dazu.

„Können Sie mir sagen, was das sollte?“

„Ihre Schuhe“, sagte er wahrheitsgetreu. „Wissen Sie, ich sehe Sie nicht zum ersten Mal. Ich hab Sie schon mal gesehen, vor der Filiale von Jansen’s, die demnächst eröffnet.“ Warum fiel es ihm plötzlich so leicht, über diese Sache zu sprechen, die ihm seit Tagen die Stimmung verdarb und seinen Bankberater rotieren ließ?

Er half Kathy ins Boot und nahm seinen Platz hinter dem Steuer ein.

„Festhalten!“

Kurz glaubte er, einen erschrockenen Ausdruck auf ihrem Gesicht zu erkennen, aber dann hatte sie sich auch schon wieder gefangen.

„Das verstehe ich nicht“, schrie sie gegen das Aufheulen des Motors an. „Was hat Jansen’s mit meinen Schuhen zu tun?“

Er lenkte das Boot rückwärts vom Steg weg, wendete und steuerte auf den offenen See zu. Der Fischer winkte ihm, Thierry winkte zurück. Als der Steg hinter ihnen lag, gab er Gas. Das Heck grub sich tief ins Wasser.

Kathy stieß einen kleinen Schrei aus und klammerte sich an seinen Oberarm, als sie die Balance zu verlieren drohte. Das Boot nahm Fahrt auf und hüpfte über die Wellen.

Himmel, wie er das liebte!

„Nichts“, beantwortete er ihre Frage, während aufspritzendes Fahrwasser sie beide traf. Er hielt sein Gesicht in den erfrischenden Schauer. „Aber ich habe damals nicht auf Ihre Schuhe geachtet und mich seither immer gefragt, was für Schuhe Sie tragen.“

„Warum denn das?“ Sie sah süß aus, wenn sie die Stirn runzelte. Zu süß. Seine Entschlossenheit geriet ins Wanken.

„An den Schuhen einer Frau erkenne ich ihren Charakter.“

„So ein Unsinn!“, rief sie, und dann jauchzte sie auf, als er Gas gab und das Boot durch die Wellen pflügte.

„Ach ja? Könnte ich das hier machen, wenn Sie High Heels tragen würden?“ Übermütig jagte er das Boot in eine scharfe Kurve. Kathy hielt sich an ihm fest. Ihre Hände an seinen Schultern fühlten sich gut an. Verboten gut.

„Woher wollen Sie denn wissen, dass ich nicht an allen anderen Tagen Mörderabsätze trage?“

„Selbst wenn Sie es täten, heute tun Sie es nicht. Und das sagt mir, dass Sie Lust haben, etwas zu erleben. Habe ich Recht?“ Er bremste das Boot ab, sodass sie gemächlich weitertuckerten.

„Sie haben mir einen Fischmarkt versprochen“, sagte sie. „Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass Stöckelschuhe unpraktisch sind. Ich habe keine Lust, heruntergefallene Heringe aufzuspießen und mitzunehmen.“

Sie fuhren an Bellagio vorbei, und er hielt auf Varenna zu. Der Himmel strahlte in immer hellerem Blau, die aufgehende Sonne tauchte die Berge hinter Menaggio und Acquaseria auf der gegenüberliegenden Seite in sanft goldenes Licht und löste den Morgennebel auf. Normalerweise verschlief er diesen Anblick, und in Momenten wie diesem bereute er, sich für einen Beruf entschieden zu haben, der ihn zwangsläufig zum Nachtschwärmer machte.

„Wow“, sagte Kathy ehrfürchtig. Das goldene Licht spiegelte sich in ihren klaren hellbraunen Augen. Er beobachtete, wie sie tief durchatmete, wie sie die Augen schloss und zu lauschen schien.

Für einen Augenblick war er versucht, den Motor abzustellen, damit sie das Erwachen des Morgens hier auf dem See miterleben konnten. Doch die Zeit drängte. Varenna und der Fischmarkt warteten. Zum Glück. Nur dieser Umstand erlaubte es ihm, noch ein wenig länger der Versuchung der Küchenfee zu widerstehen.

„Warum hatten Sie Angst?“, fragte er, als er das Boot an den Anleger steuerte, den Motor ausschaltete und es festmachte.

Auf der anderen Seite am Steg schaukelte eine Miniaturyacht. Unzählige weiß und grau gestrichene Fischerboote ruhten auf dem feinen silbergrauen Sand der halbrunden Bucht von Varenna. Im Licht der frühen Morgensonne leuchteten die Fassaden der mehrstöckigen Häuser entlang der Promenade in Weiß, Rot und fröhlichem Gelb. Die Pflanzkästen an den schmiedeeisernen Balkonen quollen über vor prächtigen Blüten.

„Angst? Vor Ihnen?“, fragte sie zurück.

„Vor dem Boot. In Como. Sie haben gesagt, Sie wollten lieber mit dem Auto fahren. Warum?“

Sie wurde etwas blass um die Nase. „Es ist ein ziemlich sportliches Boot. Schnell.“ Sie zögerte. „Gefährlich.“

„Gefährlich ist es nur, wenn man nicht damit umgehen kann.“ Er kletterte auf den Steg und streckte ihr die Hand entgegen.

In den engen Straßen herrschte schon reger Betrieb. Vor allem Frauen strebten in Richtung von Anninas Pension. Im Hinterhof der Pension, im Schatten der weit überhängenden Balkone und der verschachtelten alten Häuser breiteten die Fischer ihre Waren aus. Die meisten Händler nutzten die Pflastersteine als Verkaufsauslage, nur wenige bockten uralte Holzplatten auf wacklige Beine.

Kathy wies auf den markanten Turm, der den Berg hinter dem Dorf krönte. „Was ist das?“

„Das Castello di Vezio“, antwortete Thierry. Er genoss es viel zu sehr, wie sie sich an seine Hand klammerte, als hätte sie Angst, ihm verlorenzugehen und nie mehr nach Hause zu finden. „Wollen Sie sich die Burgruine ansehen?“

„Müssen Sie nicht arbeiten? Ich meine, der Fischmarkt nützt Ihnen vielleicht auch, wenn Sie einkaufen …“

„Mich beliefert ein Fischer jeden Morgen direkt“, unterbrach er sie. „Hierher komme ich einmal in der Woche für weiterverarbeitete Spezialitäten, aber das ist nicht heute.“

Entgeistert blickte sie ihn an. „Und trotzdem nehmen Sie sich die Zeit?“

Er zuckte mit den Schultern. Wenn er ehrlich war, begriff er es selbst nicht, aber er hatte jetzt keine Lust, sich darüber Gedanken zu machen.

„Ich kann nicht zulassen, dass Europas führende Gourmet-Bloggerin nicht weiß, wo man den besten Fisch am Comer See bekommt. Also, wollen Sie sich die Festung ansehen? Der Ausblick von dort oben ist einmalig.“

„Und Ihre Restaurants?“

„Wie ich Ihnen bereits schrieb: Ich habe Personal.“

„Aber keine Arbeitsmoral.“

Er lachte und zog sie weiter. „Ich arbeite sieben Tage die Woche, Küchenfee. Ich denke, ich kann es mir leisten, einen halben Tag freizunehmen.“

Schließlich tauchten sie ein in das Gewirr der Gassen. Der unnachahmliche Duft fangfrischer, aber auch der Geruch getrockneter und geräucherter Seefische lag in der Luft.

Kathy machte Fotos, während Thierry bei einem Fischer eine prächtige, fette Seeforelle im Preis herunterhandelte. Es wäre nicht nötig gewesen, aber es machte Spaß, und als der Handel abgeschlossen war, notierte er sich die Telefonnummer des jungen Mannes.

„Für später“, sagte er zu Kathy.

„So läuft das also?“, fragte sie.

Er hob den Kopf. „So läuft was?“

„Lieferanten zu ködern.“

Er schürzte die Lippen. „Ich habe meinen Lieferanten, aber es schadet nie, weitere in der Hinterhand zu haben. Krankheitsausfälle oder Bootsschäden kommen eben vor, und diese Fischer gehören nur sich selbst und sind keine Großunternehmer.“

Sie wies auf den in Zeitungspapier eingewickelten Fisch. „Und was machen wir damit?“

„Frühstück“, sagte er.

Sie verzog das Gesicht, und sein Herz machte beim Anblick ihrer glänzenden Augen einen Satz. Zum Teufel, er wusste, dass er eine Dummheit beging. Das hier war viel zu privat, zu persönlich, und ein Privatleben gab es für ihn seit Jahren nicht mehr. Aber verflucht sollte er sein, wenn diese Dummheit sich nicht verdammt richtig anfühlte.

Thierry musste verrückt sein. Nur ein Verrückter konnte vorschlagen, rohen Fisch zum Frühstück zu essen, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Das wirklich Abwegige jedoch war, dass Kathy der Vorschlag nicht einmal seltsam vorkam.

Obwohl die Sonne langsam über die Bergrücken hinter Varenna kletterte und das goldene Licht auf den Hängen immer heller wurde, prickelte die Luft auf ihrer Zunge wie junger Wein, so frisch war sie.

Ein leichter Duft nach Oleander mischte sich unter die Gerüche des Fischmarkts. Immer mehr Händler öffneten ihre Verkaufsstände. Zu den Fischern gesellten sich Gewürzhändler, Gemüse- und Obstfrauen, sogar ein paar Blumenhändler sah sie.

„Sie hatten mir einen Fischmarkt versprochen“, neckte sie Thierry, während er an einem Stand stehen blieb, der Gewürze anbot. „Das hier wirkt eher wie das Koch-Schlaraffenland.“

Prüfend ließ er seine Finger durch die Warenschütten gleiten, nahm ein wenig Pulver zwischen Mittelfinger und Daumen und zerrieb es, während er daran roch. Seine Nasenflügel blähten sich, so tief inhalierte er, dann schloss er kurz die Augen, als würde er den Duft der Würzmischung nicht nur mit der Nase aufnehmen, sondern mit dem ganzen Körper. In diesem Moment wirkte er, als bestünde die Welt für ihn nur aus diesem einen Duft. Noch nie hatte sie etwas Intensiveres erlebt, als ihn dabei zu beobachten, wie er diese Waren prüfte.

Das will ich auch! Der Gedanke war plötzlich da, allumfassend. Ich will, dass er mich so intensiv wahrnimmt. Ein Augenaufschlag in seine Richtung, und ihr Wunsch erfüllte sich. Zumindest zum Teil. Der Blick, mit dem er sie musterte, berührte sie zutiefst. Er berührte ihre Seele.

„Nicht gut?“, fragte sie, als sie die Spannung zwischen ihnen nicht mehr aushielt. Sie fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Sie wusste, sie durfte nicht so empfinden, aber gegen die Anziehung, die dieser Mann auf sie ausübte, war sie machtlos.

„Bilden Sie sich selbst ein Urteil. Riechen Sie.“ Nun hielt er ihr seine Finger unter die Nase. Sie roch, wie er es zuvor getan hatte, schloss die Augen, inhalierte tief. Die Gerüche explodierten in ihrer Nase.

„Was riechen Sie?“, wollte er wissen.

„Thymian. Ein bisschen Koriander. Zimt. Wenn ich mich nicht täusche, ist auch ein wenig Anis dabei.“

„Sie sind gut.“ An einem Taschentuch, das er aus der Hosentasche hervorzauberte, wischte er sich die Finger ab. „Aber das ist auch das Problem an der Sache. Das hier ist eine Fertigwürzmischung. Ich glaube, da sind auch getrocknete Tomaten drin, vielleicht ein paar schwarze Oliven. Haben Sie das leicht tranige Aroma wahrgenommen? Das könnten Oliven sein.“

Bisher hatte sie ihren Geruchssinn immer für gut ausgebildet gehalten, doch gegen ihn konnte sie einpacken. Als er geschrieben hatte, dass seine Auszeichnungen ihm nicht zugeflogen waren, hatte er offenbar nicht gelogen. Sie konnte nur ahnen, wie viel Übung und Fleiß es ihn gekostet hatte, seine Sinne derart zu schulen.

„Sehen Sie, wenn der Händler Ihnen etwas von der Mischung abfüllt, wird er nie dasselbe Mischverhältnis hinbekommen. Die gröberen Partikel setzen sich oben ab, die feineren unten im Glas. Wenn Sie mit so einer Mischung kochen, überlassen Sie die Dosierung der Zutaten dem Zufall. Kein Koch würde das tun.“

„Was empfehlen Sie dann?“

„Oh, das kann ich Ihnen gern zeigen.“ Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Ein geheimnisvolles Lächeln, wahnsinnig anziehend. In ihrem Bauch wurde es ganz warm.

„Kommen Sie mit mir hoch zum Castello, da gibt es öffentliche Grillplätze. Ich brate den Fisch für Sie. Ganz ohne Würzmischung, ohne Zufälle. Sie werden sehen, dass ein gutes Essen kein Hexenwerk ist, für das man Zufall oder Glück bemühen muss.“

Das brachte sie zum Schmunzeln. Natürlich würde sie mitgehen, doch das war es nicht. Es war die Art, wie er um sie warb, wie er ihr offenbar etwas beweisen wollte.

„Sie sind kein Freund von Zufällen“, mutmaßte sie. „Dabei kann sich ein Goldjunge wie Sie doch sicher auf sein Glück verlassen. Egal, wen man fragt, alle loben Sie in den höchsten Tönen.“

Es hätte ein Kompliment sein sollen, doch mit ihren Worten traf sie offenbar einen wunden Punkt bei ihm. Seine Miene veränderte sich. Plötzlich war da eine unsichtbare Mauer um ihn, und Kathryn wünschte, sie könnte zurücknehmen, was sie gesagt hatte. Es sollte doch nur ein Scherz sein.

„Ich habe gelernt, mich nur auf mich selbst zu verlassen. An das Glück glaube ich schon lange nicht mehr.“

Seine Worte klangen scharf. Eben noch hatten Ausgelassenheit und sirrende Vorfreude zwischen ihnen geherrscht, doch nun schwiegen sie plötzlich betreten.

Kathy senkte den Blick. Schon erstaunlich, wie schnell so etwas passieren konnte. Wie schnell unbedachte Worte etwas zerstören konnten, das gerade im Entstehen gewesen war. Mit einem Mal wirkte er völlig distanziert.

Das Klingeln ihres Handys erschien ihr in diesem Augenblick wie ein Rettungssignal.

„Entschuldigung. Da muss ich rangehen.“ Um ungestört telefonieren zu können, wandte sie sich von Thierry ab und entfernte sich einige Schritte vom Gewürzstand. „Hallo?“

„Signorina Jansen? Tommaso Rossi hier. Gut, dass ich Sie erreiche.“

„Gibt es Probleme auf der Baustelle?“ Natürlich gab es die. Irgendwelche Probleme gab es immer, und die Stimme des jungen Vorarbeiters klang so aufgebracht, dass sie sein Englisch kaum verstehen konnte.

„Ja, leider. Heute sollten doch die Kühlaggregate für die Fleischwarenabteilung eingebaut werden. Sie sind da, aber sie passen nicht an die vorgesehene Stelle. Der Lieferant weigert sich, die Bauteile wieder mitzunehmen. Er besteht darauf, dass er die richtigen geliefert hat. Aber wenn wir die behalten, muss die ganze Abteilung neu geplant werden, und …“

„Tommaso“, unterbrach Kathryn den aufgeregten Vorarbeiter. Hinter ihrer Stirn begann es zu pochen. Konnte nicht ein Mal etwas glatt laufen? In diesem Augenblick erschien ihr nichts verlockender als ein vom Maestro der feinen Küche zubereiteter Fisch zum Frühstück, weit weg von der neuen Jansen’s-Filiale und ihren verhassten Pflichten. „Ich bin heute unterwegs. Von hier aus kann ich nichts machen. Sprechen Sie mit dem Architekten. Nur er kann sagen, ob er mit den gelieferten Aggregaten arbeiten kann oder nicht.“

„Wollen Sie nicht …?“

„Nein.“

Sie wollte nicht. Ihr Vater würde ihr eine Standpauke halten, sie selbst konnte kaum glauben, dass sie es wirklich aussprach, aber sie wollte tatsächlich nicht. Sie wollte sich nicht mit dem Lieferanten streiten, sie wollte nicht mit dem Architekten über Bauplänen sitzen und sich Alternativen ausdenken.

Sie wollte einfach noch ein wenig genießen, was sie hatte, und sie wollte, dass Thierry wieder mit ihr sprach und dass die gelöste Stimmung zwischen ihnen zurückkam. Verhielt sie sich verantwortungslos? Und wenn schon. Es war ein Tag. Ein einziger freier Tag seit über zwei Monaten. Hatte sie sich den nicht verdient?

Sie straffte die Schultern, um sich für den Widerspruch des Vorarbeiters zu rüsten, noch ehe dieser überhaupt Luft geholt hatte.

„Ich kann heute nicht auf die Baustelle kommen. Schreiben Sie mir eine Textnachricht, sobald der Architekt weiß, wie er weiter vorgehen will.“ Noch ehe Tommaso etwas erwidert hatte, beendete sie das Gespräch.

Immer wieder blickte Thierry hinüber zu Kathy, während er sich von einer jungen Frau Zweige von Estragon, Rosmarin und Schokoladenminze in ein Stoffsäckchen füllen ließ. Die Kräuterfrau hatte Grübchen in den Wangen vom vielen Lachen. Sie flirtete offen mit ihm, obwohl er nicht darauf ansprang.

„Sie sind neu hier“, sagte er. „Aus der Schweiz?“

Sie strahlte. „Ein Kenner.“ Mit einem Zwinkern reichte sie ihm das Säckchen. „Forelle?“, fragte sie.

Er hielt den in Zeitungspapier eingewickelten Fisch hoch. „Gut geraten.“

„Pinseln Sie die Haut vor dem Grillen mit reichlich Öl ein. Macht sie schön kross.“

Er hob eine Braue. Sie gab ihm Kochtipps? Erfrischend, fand er.

„Zitronenöl“, sagte er. „Zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Wieder sah er sich zu Kathy um, aber die telefonierte noch immer und war zu weit weg, als dass er sie hätte hören können. „Leider habe ich keins dabei, und wir wollen oben auf dem Castello frühstücken. Einen Grill und Kohle gibt es dort. Sonst noch irgendwelche Tipps?“

Die Schweizerin grinste verschwörerisch und griff unter ihrem Verkaufstisch in einen Korb, in dem Glasflakons klirrten.

„Geheimrezept“, sagte sie.

„Ich liebe Geheimrezepte.“ Ihm fiel auf, dass sie einen schwingenden, knielangen Rock trug und barfuß war. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie in diesem Aufzug an den Berghängen oben durch Wald und Wiesen kletterte und ihre Wildkräuter sammelte wie in einem Fünfzigerjahre-Heimatfilm.

Sie zog den Stöpsel aus dem Flakon und ließ ihn an der Flüssigkeit riechen. Olivenöl mit einem Hauch Limette und dem unverkennbaren Duft von Brombeerminze. Weiter nichts.

„Wie stellen Sie das her?“, fragte er und nahm ihr den Flakon aus der Hand.

„Es wäre ja kein Geheimrezept mehr, wenn ich Ihnen das verrate“, sagte sie und lachte.

Er nahm an, dass sie Limettenschale und Minzzweige in Öl einlegte und in der Höhensonne eine ganze Weile ziehen ließ, aber es war schwer zu sagen. Die dezenten Aromen beeindruckten ihn. Er zückte seine Brieftasche.

„Haben Sie eine Visitenkarte? Kommen Sie öfter hierher?“

„Mein Mann und ich sind vor ein paar Wochen nach San Carlo gezogen. Ich werde sicher öfter hier sein. Wozu brauchen Sie eine Visitenkarte?“

„Ich würde darüber nachdenken, mich von Ihnen beliefern zu lassen.“ Er nahm das Wechselgeld entgegen, dann streckte er ihr die Hand hin. „Thierry Denoix vom Bon Vivant. Sie haben vielleicht davon gehört?“

Ihr Blick zeigte nicht, ob sie beeindruckt war oder nicht. Sie lächelte. „Angenehm, Signor Denoix. Ja, habe ich.“

„Wie kann ich Sie erreichen, um die Details zu besprechen?“

Einerseits ärgerte er sich, nicht mehr Zeit zu haben, denn diese junge, energiegeladene Kräuterfrau verstand ihr Handwerk, und genau solche Leute brauchte er. Andererseits war da Kathy, die ihr Telefonat beendet hatte und sich ihm näherte, und die Aussicht auf den gemeinsamen Tag.

Wie angenehm dieser Tag tatsächlich werden würde, hing davon ab, ob es ihm gelang, die Erinnerungen abzuschütteln, die Kathy mit der Erwähnung von Glück und Zufall heraufbeschworen hatte. Himmel, er wollte die Frau ja nicht gleich heiraten. Was sprach gegen eine kleine Affäre?

Die Chemie zwischen ihnen stimmte, das konnte nicht einmal er ignorieren. Warum ließ er sich von Giselle und der Vergangenheit immer noch das Leben diktieren? Es war an der Zeit, damit abzuschließen.

Er reichte der Kräuterfrau seine Karte. „Rufen Sie mich an. Am besten morgens. Wir reden.“

„Nur nicht heute, nicht wahr?“, sagte sie augenzwinkernd mit einem Blick auf Kathy, die neben ihn getreten war.

„Nein, heute passt es mir nicht.“

Sein Blick folgte dem der Kräuterfrau, und unwillkürlich musste er lächeln. Kathy die Küchenfee war wirklich eine Augenweide. Der Name passte zu ihr, fand er. Die kupferfarbenen, kurzen Haare, die elfenhafte Figur, ihr schmales, zartes Gesicht. Wenn er sie so ansah, hätte er fast geglaubt, dass sie eine Fee war, die aus dem Märchenland zu ihm geflattert war, um ihn aus seinem Kokon aus Arbeit und Verbitterung zu locken.

Die Kräuterfrau gab ihm eine Papiertüte mit seinen Einkäufen. Kathy und er schlugen den Weg ein, der hinter den bunten Häuserzeilen aus der Stadt hinaus und in Richtung des Castello di Vezio führte. Kathy blieb neben ihm, war aber immer noch schweigsam. Vermutlich hatte er sie mit seinem abrupten Stimmungswechsel verschreckt.

„Schlechte Nachrichten?“, fragte er.

„Was?“

„Am Telefon.“

„Nur das Übliche. Und Sie? So finden Sie Ihre Lieferanten?“

„Mit etwas Glück und einem guten Händchen.“

Er sah sie von der Seite an und zwinkerte ihr zu. „Nur mit Menschen, die meine Leidenschaft teilen, von allem nur das Beste auf den Tisch zu bringen, kann ich erreichen, was ich mir vorgenommen habe. Ich glaube, Sie gehören auch dazu, nicht wahr?“ Sanfte Röte stieg ihr als Antwort auf seine Worte in die Wangen, und er war sicher, dass er den Tag gerettet hatte.

Der Weg hinauf zum Castello war steil und zog sich hin. Loser Schotter knirschte unter ihren Füßen. Das Geschnatter der Spatzen in den uralten Maulbeerbäumen wurde übertönt vom Kreischen eines Bussards hoch über ihnen.

„Was sind das für Bäume?“, fragte Kathy.

Überrascht sah er sie an. „Die Maulbeeren? Die kennen Sie nicht?“

„Das sind Maulbeerbäume? Wirklich? Ich dachte, die gibt es nur in Asien.“

Er ließ sich ein wenig zurückfallen, damit sie wieder nebeneinander gingen. Es beeindruckte ihn, dass sie trotz des steilen Aufstieges nicht außer Atem geriet.

„Die Gegend um diesen See herum ist das Seidenzentrum Italiens, wussten Sie das?“, fragte er.

„Ja, schon, aber die Raupen werden ja nicht hier gezüchtet. Das wüsste man doch.“

„Nicht mehr“, gab er zu. „Die Rohseide wird aus China importiert.“ Er wies nach oben in die Baumkronen. „Aber das war mal anders. Vor weniger als hundert Jahren noch wurden diese Bäume tatsächlich für die Seidenraupenzucht genutzt.“

Der faszinierte Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie stehen blieb und nach oben schaute, machte ihm das Herz leicht.

„Wow“, sagte sie ehrfurchtsvoll. „Nein, das habe ich wirklich nicht gewusst.“

Er lachte. „Jetzt wissen Sie es. Kommen Sie, wir haben es gleich geschafft.“

An dem winzigen Haus neben dem Eingang zu der alten Burg, das als Kassenhäuschen diente, drückte er auf den Klingelknopf. Pietro, ein alter Bekannter von Thierry, öffnete ihnen. Er verwaltete das Castello. Auf Thierrys Nachfrage hin rückte er sogar einen Sack Kohle für sie heraus.

Nach wenigen Schritten durch den geschotterten Innenhof erreichten sie die Außenmauer, die gefährlich nah an der Felskante gebaut war. Während Thierry die Grillkohle in die Feuerschale an der Mauer schüttete und das Feuer entfachte, erkundete Kathy den Innenhof. Sie machte große Augen, fast wie ein Kind.

Lachend zeigte sie auf die pittoresken Steinfiguren. Einige lehnten sich über die Mauer und blickten auf den See, andere saßen auf der Mauer, an den Turm gelehnt.

Thierry nahm die Einkäufe aus der Papiertüte und wischte mit der Tüte noch einmal über den Grillrost, ehe er ihn auf die brennenden Kohlen legte.

Der Fisch war noch feucht und duftete frisch nach Seewasser. Der Fischer hatte ihn bereits küchenfertig ausgenommen. Forellen wurden an strategisch günstigen Stellen im See ausgesetzt, um irgendwann von den Fischern wieder herausgeholt zu werden. Aber dieses helle Exemplar mit den dunkelbraunen Flecken kam aus dem Norden, wo die Flüsse aus den Alpen in den See flossen. Dies war eine wilde Forelle, und deshalb hatte er sie gekauft.

Im Schneidersitz hockte er sich in den Schotter. Hin und wieder blies der laue Wind ihm etwas Rauch vom Grillfeuer in die Nase. Vorsichtig füllte er den Fisch mit den Kräutern der Schweizerin, dann benetzte er seine Hände mit dem Limettenöl und begann, die Forelle rundherum sacht zu massieren. Er schloss dabei die Augen, lauschte auf das Krakeelen der Spatzen, die fernen Rufe der Möwen und Kathys Schritte.

Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so viel Spaß an der Zubereitung eines so einfachen Gerichtes gehabt hatte. Er wusste nicht, ob das an der Umgebung oder an der bezaubernden Gesellschaft lag.

„Hey, wow, haben Sie das gesehen?“ Das Kreischen eines Vogels unterbrach Kathy mitten im Satz. Gelassen blickte Thierry auf und sah den Schatten eines Falken, der den Hof überflog und sich dann um den Turm herum in die Höhe schraubte. Der Vogel ließ sich auf der zerklüfteten Mauer des Turms nieder, schüttelte sein Gefieder und blickte auf sie herab, als wollte er wissen, was sie hier um diese Zeit schon zu suchen hatten.

„Wieso kommen die so nah an Menschen ran?“, fragte Kathy und trat näher.

Thierry schmunzelte. „Die gehören dem Falkner. Die Volieren sind da hinten.“ Er wies den Schotterpfad hinauf, der sich neben dem Turm in die höheren Bereiche des Burghofes wand. „Der Falkner lässt sie morgens raus, ehe die Touristen kommen, damit sie sich ein wenig bewegen.“

Sie ließ sich neben ihm auf den Schotter sinken, ohne Rücksicht auf ihre Kleidung. Er deutete auf ein Fenster, das auf halber Höhe in den Turm eingelassen war. Ein Kauz hockte dort und betrachtete sie aus halbgeschlossenen Augen. Amüsiert schüttelte Kathy den Kopf.

„Ich bin ziemlich blind, was?“

„Nein“, sagte er und stand auf. Das Feuer im Grill brannte langsam herunter. Mit einem Tropfen Öl prüfte er, wie heiß die Gitterstäbe des Rosts waren. „Nur erschlagen von zu vielen Eindrücken. Das ist verzeihlich, denke ich.“

„Kommen Sie öfter hierher?“, wollte sie wissen.

„Sie meinen, zu einem romantischen Stelldichein? Nein, dies ist eine Premiere.“

Die Frage, mit wem sie telefoniert hatte, brannte ihm auf der Zunge. War sie vergeben? Gab es einen Mann in ihrem Leben? Hatte sie deshalb nicht gewollt, dass er ihr Gespräch mitbekam?

Wieder beschlich ihn der Gedanke an Giselle. Wann immer das geschah, hasste er den dummen Jungen, der er damals gewesen war. Eine verheiratete Frau, so viel älter als er. Er hätte den Braten riechen müssen. Stattdessen war er ins offene Messer gerannt. Damals hatte er sich geschworen, nie wieder die zweite Geige zu spielen und nie wieder auf Versprechungen zu hören.

„Es gibt also keine Madame Denoix?“, fragte Kathy offen.

Er blickte sie durch die flirrende Hitze des Grillfeuers hindurch an. „Nein“, sagte er ernst.

Ihr Lächeln erlosch. „Tut mir leid. Ich wollte nicht schon wieder an etwas rühren, was mich nichts angeht.“

In ihrem klaren Blick stand die Frage, was ihn vorhin so aus dem Konzept gebracht hatte. Er wollte nicht mit ihr darüber reden. Sie kannten einander kaum. Sich selbst für seine Naivität zu verachten war das Eine. Verachtung oder gar Mitleid in den seelenvollen Augen von Kathy der Küchenfee zu sehen, weil er einst ein dummer, naiver Junge gewesen war, würde diesem wundervollen Tag endgültig den Zauber nehmen.

Später saßen sie oben im Turm an einer der Fensteröffnungen, das perfekt gegrillte Forellenfleisch zwischen sich auf der Papiertüte. Kathy hatte keine Angst vor der gewaltigen Höhe, stattdessen leuchteten ihre Augen bei dem Anblick, der sich von hier aus bot. Fast den gesamten See konnten sie überblicken. Das tiefe, einzigartige Blau, die sattgrünen Wälder, die sich an den Bergflanken beider Ufer hinaufzogen, die langgestreckten Siedlungen am Wasser und weiter oben in den Bergen. Immer mal wieder kreiste einer der Raubvögel des Falkners über ihnen. Sie beobachteten Pietro, der den gepflasterten Teil des Hofes vorn bei seinem Haus fegte, und lauschten auf das Rascheln der Maulbeerblätter im sanften Wind.

„Das ist perfekt“,

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