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ROMANA EXTRA BAND 64

SOPHIE WESTON

Mit dir im Hafen der Sehnsucht

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Mit dir im Hafen der Sehnsucht

1. KAPITEL

„Ich glaube es einfach nicht!“ Christina sah den Kassierer hinter der Glasscheibe empört an. Die Kunden hinter ihr wurden bereits unruhig. „Das ist verrückt.“

Der Mann gab nicht nach. „Sie hätten rechtzeitig um einen Termin bitten müssen. Das sind die Vorschriften.“ Er lächelte selbstgefällig. „Zu Ihrer eigenen Sicherheit, Miss … Howard.“

Es bestand kein Anlass, den Auszahlungsschein so abschätzig zu betrachten, und ihr Name musste ihm inzwischen so geläufig sein wie ihr selbst. Doch er war ein typischer kleinlicher Angestellter, der seine Rolle auch noch genoss. Es machte ihm Spaß, sie auf ihre Dummheit und Unkenntnis hinzuweisen. Was konnte man von einer jungen Touristin schon erwarten? Die für einen Mann typische Frage stand ihm ins Gesicht geschrieben – ebenso wie die Überzeugung, dass er hier das Sagen hatte.

„Es liegt Ihnen wohl nichts daran, Ihren Kunden behilflich zu sein?“, fragte sie zuckersüß. Sie wusste, sie hatte verloren, aber vorher sollte er hören, was sie von ihm hielt. Das war sie sich selbst schuldig.

Der Mann schien unsicher zu werden. In einer besseren Welt wäre jetzt der Bankdirektor aus seinem Büro gekommen und hätte gesagt: „Christina, meine Liebe, warum haben Sie mich nicht informiert?“ Dann wäre er unter dem ungläubigen Blick des Kassierers mit ihr verschwunden. Christina schüttelte ihr volles aschblondes Haar. Leider lebte sie nicht in einer idealen Welt, und einem so ritterlichen Banker war sie nie begegnet.

„Wünschen Sie, dass ich eine Anfrage stelle, Miss Howard?“ Diesmal klang die Stimme des Kassierers scharf und ungeduldig, und auch ihren Namen hatte er plötzlich parat. Ihr anhaltender Protest hatte ihn offenbar endlich aufgeweckt. Kein durchschlagender, aber wenigstens ein kleiner Erfolg.

Die Menschen hinter ihr wurden inzwischen noch ungeduldiger. „Nun ja, meinetwegen …“

„Dann füllen Sie bitte diese Formulare aus.“

„Noch mehr Formulare? Ich habe doch schon …“

„Wir müssen Nachforschungen anstellen“, unterbrach der Kassierer sie mit höhnischem Lächeln. „In Ihrem eigenen Interesse. Es gibt …“ Weiter kam er nicht. Ihr eisiger Blick brachte ihn zum Schweigen.

„Ich weiß … die Vorschriften. Also gut. Geben Sie die Vordrucke schon her.“

Sie erhielt zwei und füllte sie hastig aus. Die Frau hinter ihr stieß einen gequälten Seufzer aus, aber den Kassierer beeindruckte die Schnelligkeit und Sicherheit, mit der Christina schrieb, nun wohl doch.

„Danke“, sagte er, nahm die beiden Papiere entgegen und versah sie mit mehreren Stempeln. Sie selbst erhielt nur einen kleinen Abschnitt, der ebenfalls gestempelt war. „Kommen Sie morgen wieder.“

Christina sah ihn spöttisch an. „Sie müssen mich schon für sehr dumm halten, wenn ich glauben soll, dass Sie den ganzen Papierkram bis morgen erledigt haben. Dazu würde nicht mal eine Woche reichen.“

Zu ihrer Überraschung wurde er rot. „Man weiß nie, Miss Howard.“

„Oh doch, ich weiß es. Sie sind nicht der erste Bürokrat in meinem Leben.“

Der Kassierer schob mehrere Broschüren unter der gläsernen Trennscheibe hindurch. „Sie können sich Ihr Geld an diese Filialen überweisen lassen …“ Ihr starrer Blick ließ ihn jedoch wieder verstummen. „Wie auch immer, Sie hören von uns …“

„Ausgeschlossen“, unterbrach sie ihn. „Sie werden nämlich feststellen, dass ich keine Athener Adresse habe. Darum werden Sie von mir hören.“

„Ich freue mich darauf“, gab er ihr noch mit auf den Weg, aber sie vernahm es nicht mehr, weil sie davoneilte. In der Drehtür stieß sie mit einem Mann zusammen, der ihr gefolgt war und ihren Streit mit dem Kassierer offenbar beobachtet hatte.

Christina bemerkte nicht, dass er ihr auf den Fersen blieb. Sie war wütend, trotz des strahlenden Athener Sommerwetters. Es war schließlich ihr Geld und nicht das der Bank! Sie hatte es mit harter Arbeit verdient und war stolz darauf. Jetzt wollte man es ihr tatsächlich vorenthalten. An der nächsten Kreuzung blieb sie stehen und starrte missmutig auf den dichten, übelriechende Abgase verbreitenden Verkehr.

Nein, sie war nicht nur wütend. Sie machte sich auch ernsthafte Sorgen.

Der Fremde sah, dass Christina an der Kreuzung stehen blieb, und verzichtete darauf, ein Taxi herbeizuwinken. Christinas unschlüssige Haltung machte ihn neugierig. Mit wenigen Schritten hatte er sie eingeholt.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Christina zuckte zusammen. Die Stimme des Fremden klang freundlich, aber etwas ungeduldig. Er war groß und trug einen sandfarbenen Designeranzug. Sie kannte keine Männer, die so exquisite Kleidung trugen und so sprachen, als müssten sie sich jedes Wort abringen.

Sie sah ihn irritiert an.

Der Mann zog die Augenbrauen hoch. „Sie scheinen etwas aufgewühlt zu sein.“

Christina nahm ihre Sonnenbrille ab, die im Schatten der hohen Geschäftsgebäude überflüssig war, und betrachtete ihn genauer. Er hatte ein eindrucksvolles Gesicht, das man nicht unbedingt männlich schön genannt hätte. Sein Teint war auffallend dunkel, wozu das tiefschwarze Haar über der markanten Stirn gut passte. Die große Nase und das kräftige Kinn fügten sich harmonisch ein, aber zwei Dinge fielen besonders auf: die vollen sinnlichen Lippen, die er jetzt zusammenpresste, und die dichten Wimpern.

Alles in allem wirkte er ausgesprochen sexy. Sie empfand eine so starke Anziehungskraft, dass ihr vorübergehend der Atem stockte. Das erlebte sie zum ersten Mal. Sie hatte während der letzten sechs Jahre mehrere Freunde gehabt, aber nie so spontan auf männliche Sexualität reagiert und sich gleichzeitig so weiblich und verletzlich gefühlt.

Sie sah ihn mit ihren großen kornblumenblauen Augen an. Es gefiel ihr nicht, wie dieser Mann auf sie wirkte. Verletzlichkeit bedeutete Schwäche, und sie wollte keine schwache Frau sein. Sie hatte mutig um ihre Unabhängigkeit gekämpft und war stolz darauf, dass sie es geschafft hatte und ihr eigenes Geld verdiente.

„Aufgewühlt?“, wiederholte sie verwundert.

Er konnte umwerfend lächeln. „Nun ja, Sie hätten mit der Drehtür fast meine klassische römische Nase ruiniert“, antwortete er und zeigte auf das moderne, mit einer Glasfassade versehene Bankgebäude, das sie gerade verlassen hatten.

Christina errötete. „Es tut mir leid, ich habe nicht darauf geachtet. Ehrlich gesagt habe ich Sie gar nicht wahrgenommen. Man wollte mir in der Bank mein Geld nicht auszahlen. Da habe ich wohl etwas überreagiert.“

„Das habe ich bemerkt.“ Der Mann lachte leise. „Jedenfalls habe ich den Schluss der Auseinandersetzung mitbekommen. Sie schienen Ihre Gründe zu haben.“

„Gründe vielleicht“, gab sie seufzend zu, „aber etwas mehr Beherrschung wäre sicher besser gewesen. Zumal ich unnötig laut geworden bin.“

„Vielleicht wollte der Kassierer auch nur erreichen, dass Sie wiederkommen“, schlug der Mann scherzhaft vor. „Sie waren eine Augenweide an diesem tristen Ort.“

„Nein, das glaube ich nicht.“ Christina wurde verlegen. „Eher zweifelt er an meinem Verstand.“

„Vielleicht zu Recht“, räumte der Mann ein. „Ein Kassierer stellt schließlich nicht die Regeln der Bank auf.“

„Er sollte sich aber auch nicht so sichtbar über die Verlegenheit einer Kundin freuen!“

„Sind Sie da so sicher? Ich glaube eher, die ganze Sache war ihm unangenehm.“

„Dann hätte er anders gehandelt.“

„Ja, vielleicht, aber glauben Sie mir … Kein Mann schlägt einer schönen Frau gern etwas ab. Es ist gegen seine Natur.“ Der ironische Unterton des Fremden war nicht zu überhören.

Christina wurde noch verlegener. „Jedenfalls muss ich jetzt für meine Unbeherrschtheit büßen. Ich habe für diese Woche nur noch zwanzig Dollar.“

„Wollen Sie damit etwa überleben?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich hoffe, dass es mir gelingt.“

„Die Sache interessiert mich“, meinte er nach einer kurzen Pause. „Kommen Sie … wir trinken irgendwo eine Tasse Kaffee. Da können wir die Angelegenheit weiter besprechen.“

Christina zögerte. Der Fremde sah sehr gut aus, war umwerfend charmant und offenbar großzügig, aber irgendwie hatte sie den Eindruck, dass er sich nicht ganz normal verhielt und es auch wusste. Sie hatte keine Angst vor Männern. Wenn nötig, konnte sie sich gegen unerwünschte Annäherungsversuche wehren. Sie ließ sich auch nicht gern etwas vorschreiben, aber ein simpler Kaffee …

Der Mann umfasste locker ihren Arm, woraufhin es sie wie Feuer durchzuckte. Erschrocken musterte sie ihn von der Seite. Er schien seine Wirkung nicht zu bemerken. Vielleicht war er gewohnt, dass Frauen so auf ihn reagierten, und machte sich wenig daraus. Jedenfalls kam er ihr in diesem Moment völlig unbeteiligt vor.

Der Unbekannte führte Christina in eins der schickeren Cafés, in das sie sich allein niemals gewagt hätte. Sie hielt sich lieber an die Tavernen, die von Studenten und jungen Touristen bevorzugt wurden. Ihr Begleiter wirkte allerdings so, als spielte sich sein Leben ausschließlich auf den Prachtboulevards ab. Luxus schien für ihn alltäglich zu sein.

Von einem Kellner, der ihren Begleiter zu ihrer Überraschung sehr persönlich begrüßte, wurden sie an den besten Tisch unter der gestreiften Markise geführt. Daneben stand ein Kübel mit einem zierlichen Orangenbaum, dessen kleine weiße Blüten betörend dufteten.

Nachdem sie Platz genommen hatte, gab er in fließendem Griechisch die Bestellung auf, was Christinas Neid erweckte. Obwohl sie ihre Sommer seit fünf Jahren in diesem Land verbrachte, waren ihre griechischen Sprachkenntnisse immer noch lückenhaft.

Der Kellner notierte ihre Wünsche und verschwand mit einer knappen Verbeugung, die Christina als ungewöhnlich empfand, zumal in einem, wenn auch eleganten, Straßencafé. Sie wollte eine diesbezügliche Frage stellen, aber etwas anderes erschien ihr zunächst wichtiger.

„Warum haben Sie zum Kaffee auch ein Croissant geordert?“, fuhr sie ihn leicht gereizt an. „Außerdem hätte ich gern selbst bestellt.“

Ihr Begleiter machte es sich in seinem Korbsessel bequem und wirkte sehr entspannt. Sein rechter Arm ruhte auf der geflochtenen Seitenlehne, und ihr aggressiver Ton schien ihn eher zu amüsieren.

„Warum hätte ich nicht für Sie bestellen sollen?“, fragte er, die Augenbrauen hochgezogen. „Es war mir ein Vergnügen. Dem Kaffee hatten Sie bereits zugestimmt, und mit so wenig Geld im Portemonnaie … Etwas zu essen, dachte ich, kann da kein Fehler sein.“ Er sah kurz auf seine goldene Armbanduhr. „Jetzt ist es leider für ein deftiges englisches Frühstück zu spät und für den Lunch noch zu früh.“

Christina konnte dagegen wenig einwenden, aber ganz wollte sie sich noch nicht geschlagen geben.

„Wenn der Kellner mir den üblichen übersüßen Mokka bringt, verschwinde ich“, drohte sie.

Das brachte ihn zum Lachen. „Warten wir’s ab“, erklärte er.

Was kam, war jedoch starker kolumbianischer Filterkaffee aus reinsten Arabica-Bohnen. Er duftete so wunderbar, dass Christina für einen Moment die Lider schloss, um das Aroma zu genießen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie in zwei spöttisch funkelnde dunkle Augen.

„Nun?“, fragte ihr Gegenüber. „Verlassen Sie mich jetzt?“

Sie schüttelte seufzend den Kopf. „Kaffee ist leider meine größte Schwäche.“

Er lächelte. „Ich wünschte, ich könnte meine Schwächen mit der gleichen Hingabe genießen.“

Christina bedankte sich bei dem Kellner, der ihr freundlich zunickte, während er eine Karaffe mit frischem Wasser und einen Korb mit Croissants und Pastetchen auf den Tisch stellte.

„Kaffee ist also Ihre größte Schwäche“, stellte ihr Begleiter fest, nachdem der Kellner gegangen war, und schob ihr das Sahnekännchen und die Zuckerschale zu. „Die Sünde hat da wohl kaum noch Chancen.“

Christina sah ihn misstrauisch an. „Immer noch genug“, antwortete sie und bemerkte, dass er seinen Kaffee schwarz trank, aber sehr viel Zucker nahm.

„Eine alte Angewohnheit aus Südamerika“, bekannte er lächelnd beim dritten Löffel. „Mein brasilianischer Onkel pflegte zu sagen, Kaffee müsse so schwarz wie die Nacht, so heiß wie die Hölle und so süß wie die Liebe sein.“

„Oh“, hauchte Christina und schob die Zuckerschale schnell weg. Plötzlich wurde ihr unbehaglich warm, und sie spürte zu ihrem Ärger, dass sie rot wurde. Schnell trank sie einen Schluck von dem eisgekühlten Wasser, das der Kellner mit dem Kaffee gebracht hatte.

„Sie stammen also aus Südamerika?“, fragte sie, um jeder unerwünschten Wendung des Gesprächs vorzubeugen. „Ich habe Sie für einen Franzosen gehalten.“

Sein leises Lächeln verriet, dass er ihre Absicht durchschaute. „Da liegen Sie nicht ganz falsch“, antwortete er. „Ich habe auch französische Vorfahren. Meine Familiengeschichte ist ziemlich bunt, aber ich werde Sie nicht damit langweilen. Ich bin übrigens Luc Henri.“ Die spannungsgeladene Pause, die dieser Erklärung folgte, machte Christina nervös. Musste sie den Namen kennen? Erwartete er, dass sie wusste, wer er war? Der Name sagte ihr nichts, er klang nur französisch.

Ob andere Besucher des Cafés ihn kannten? Unauffällig sah sie sich um. Einige Gäste schienen sie tatsächlich zu beobachten, vor allem teuer angezogene Frauen. Sie warfen ihr neidische Blicke zu. Sie war also nicht die Einzige, die dieser ungewöhnlichen Anziehung erlag. Ein kleiner Trost!

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Luc Henri. Er ist tatsächlich der attraktivste Mann, dem ich jemals begegnet bin, und ganz bestimmt der attraktivste in diesem Café, dachte sie unwillkürlich.

„Luc Henri?“, wiederholte sie langsam. „Sollte mir der Name etwas bedeuten?“

Seine Augen leuchteten auf. „Ich hoffe nicht.“

„Und warum nicht?“

Er lehnte sich zurück. Ein Sonnenstrahl spielte auf seinem dunklen Haar und ließ es glänzen wie das Fell eines schwarzen Panthers. „Ich hatte noch nie das Vergnügen, mit einer Frau zu plaudern, deren größte Schwäche der Kaffee ist“, erwiderte er. „Wir sollten dieses seltene Zusammensein nicht durch überflüssige Fakten belasten.“

„Weil Fremde ehrlicher zueinander sein können?“, platzte Christina heraus.

Er nickte. „Sie sind sehr scharfsinnig.“

„Eigentlich möchte ich nur wissen, woran ich bin.“ Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch, legte ihr Kinn auf die zusammengefalteten Hände und betrachtete ihn kritisch. „Ich könnte Ihnen das Blaue vom Himmel vorlügen, ohne dass Sie es merken.“

„Ist das Ihre Absicht?“

„Die Vorstellung ist verlockend“, gab sie zu. „Mein Vater könnte beispielsweise der Besitzer einer Kaffeeplantage sein.“

Darüber musste er laut lachen. Es klang warm und tief, wie der Ton eines Cellos, und hallte in Christinas Seele wider. Sie lauschte dem Klang nach wie einem entschwindenden Traum.

„Wenn ich es mir genau überlege, sollte ich die Kaffeeplantage vielleicht lieber fallen lassen und mich ebenfalls vorstellen“, lenkte sie ein. „Ich heiße Christina Howard.“ Sie reichte Luc über den Tisch hinweg die Hand. Er betrachtete sie von beiden Seiten, eher er sie drückte.

„Darf man fragen, was Sie nach Griechenland geführt hat, Miss Howard?“, erkundigte er sich. „Abgesehen davon, dass Sie auf Ihr Geld warten?“

Sie nippte an ihrem Kaffee.

„Sind Sie vielleicht eine Touristin?“

Das ärgerte sie. Ganz so schlecht war ihr Griechisch doch nicht. „Eine Touristin? Wie kommen Sie darauf? Ich arbeite hier.“

Er sah sie nachdenklich an. „Habe ich Sie gekränkt? Dann bitte ich um Verzeihung.“

Er wirkt nicht wie ein Mann, der gewohnt ist, sich zu entschuldigen, dachte Christina. „Ich bin nicht so empfindlich“, erwiderte sie heftig. „Die Leute in der Bank haben einen Fehler gemacht … das ist alles.“

„Und was arbeiten Sie, wenn man fragen darf?“

„Ich fahre zur See“, antwortete sie belustigt. Das hatte er jedenfalls nicht erwartet. Erfreut darüber, dass sie ihn verblüfft hatte, griff sie nach einem Croissant, das noch warm war, brach eine Ecke davon ab und schob sie sich in den Mund. „Als Matrosin oder als Schiffsköchin“, fügte sie dann hinzu.

„Aber … warum?“, fragte er verwundert.

„Das ist eine lange Geschichte … mindestens so lang wie Ihre Familiengeschichte.“

Luc zog die Augenbrauen zusammen. „Schlagen Sie mir einen Handel vor, Miss Howard?“ Sie machte ein unschuldiges Gesicht. „Meine Geschichte gegen Ihre?“

„Nun …“ Sie überlegte. „Normalerweise rede ich nicht viel über mich, und ich könnte mir denken, dass Sie auch nicht jedem viel über sich erzählen.“

„Es wäre also ein fairer Handel“, meinte er lächelnd. „Sie haben jedoch recht. Ich spreche selten über meine Familie.“

Christinas Misstrauen erwachte von Neuem. „Muss ich Sie wirklich nicht kennen?“

Er schüttelte den Kopf. „Fangen Sie an. Berichten Sie von Ihrem Beruf.“

„Sie zuerst“, wich sie aus. „Es könnte sonst ein Kuhhandel werden.“

„Oh nein“, klagte er. „So wenig Vertrauen? Aber meinetwegen.“ Die Sache schien ihm immer noch Spaß zu machen. „Meine Mutter war Französin. Ihr Vater war Naturforscher, der seine Familie überallhin mitnahm. Ihre Schwester heiratete einen brasilianischen Tennisspieler, der später sein Leben im Dschungel bei verschiedenen Indianerstämmen verbrachte. Wie es hieß, war er fast so verrückt wie mein Großvater.“

„Und Ihr Vater? Was macht er beruflich?“

Ein Schatten glitt über Lucs Gesicht. „Er lebt nicht mehr.“

„Das tut mir leid. War er auch Naturforscher?“

„Nein.“ Luc schwieg einen Moment in Erinnerung an seinen Vater. „Er war … Sagen wir, er war im Staatsdienst.“

„Und Sie traten in seine Fußstapfen?“

„Das war nicht abgemacht“, protestierte er, gab aber trotzdem bereitwillig Auskunft. „Ja, Sie können mich ebenfalls als Staatsdiener bezeichnen. Naturforscher führen ein äußerst unbequemes Leben, und das liegt mir nicht.“

Er sagte das auf eine Art, die Christina stutzig machte. Außerdem sah er nicht wie ein Beamter oder Stubenhocker aus. Sie hatte das undeutliche Gefühl, beschwindelt zu werden.

„Und Sie?“, fragte er. „Wie kamen Sie zu Ihrer Schiffskarriere?“

„Oh, das ist leicht zu beantworten. Ich habe einen Drang zur Freiheit.“

„Ich habe viel über Seefahrt gehört, doch soviel ich weiß, ist auf einem Schiff nur der Kapitän frei.“

Christina sah ihn erstaunt an. „Damit haben Sie völlig recht.“

„Aber für Sie bedeutet es trotzdem Freiheit? Wurden Sie in einem Kloster erzogen?“

„So ähnlich“, gab sie lachend zu. „In einem strengen Mädcheninternat. Wurden Sie jemals in ein Internat gesperrt?“ Er schüttelte den Kopf. „Dann seien Sie froh. Es ist keine beneidenswerte Erfahrung.“

„Warum haben Ihre Eltern Sie dann nicht von dort weggenommen?“

„Nicht Eltern, sondern Mutter“, verbesserte sie ihn. „Mum war froh, als ich ein Stipendium bekam. Sie hätte die Schule sonst nicht bezahlen können. Ich habe mich daher auch nie beklagt, und ganz so schlimm war es auch nicht. Nur sehr, sehr langweilig.“

„Dagegen ist das Leben an Bord aufregend und abwechslungsreich?“

„Man kommt herum. Bevor es mich hierher verschlug, kannte ich Reisen nur von den Fahrten zum Internat und wieder zurück.“ Christina brach ein neues Stück von dem Croissant ab. „Das ist alles lange her.“

„Sehr lange kann es nicht sein, wenn ich Ihr Alter richtig einschätze“, wandte er ein.

„Lassen Sie sich nicht täuschen. Ich bin älter, als ich aussehe.“

„Und auf welchen Schiffen heuern Sie an?“

„Meistens auf Privatjachten … oder auf Booten, die Sporttaucher hinausfahren. Ich bin gut und muss nie lange auf ein Engagement warten.“

„Und von dem Verdienst können Sie leben?“

Sie lachte. „Wenn die Bank mir mein Geld auszahlt, ja.“

„Und was machen Sie im Winter?“, fragte er weiter.

„Das ist mein Geheimnis.“

„Sie sind ein seltsames Mädchen.“

„Höchstens eine seltsame Frau“, korrigierte sie ihn. „Doch Sie kennen mich nicht.“

Er sah sie durchdringend an. „Wirklich nicht?“

„Nein!“ Plötzlich fröstelte sie trotz der Wärme. „Und keine überflüssigen Fakten, das haben Sie selbst gesagt.“

„Sie haben Angst vor mir, Christina“, stellte er fest.

„Seien Sie nicht albern“, protestierte sie. „Warum sollte ich die vor Ihnen haben? Ich passe schon auf mich auf und fürchte weder Sie noch sonst jemanden.“

„Aber irgendetwas fürchten Sie“, beharrte er. „Was könnte das sein?“

Christina zögerte mit der Antwort. Dabei vermied sie es, Luc anzusehen. „Da ist nichts“, erklärte sie schließlich.

„Warum weichen Sie dann meinem Blick aus?“

Fast hätte sie sich an ihrem Croissant verschluckt. Sie zwang sich, ihn möglichst unbekümmert anzusehen, was ihr schwerfiel, und meinte dann: „Das bilden Sie sich ein. Ich bin allein in Athen und weiß nicht einmal, wo ich heute Nacht schlafen soll. Das könnte mir Angst machen, tut es aber nicht.“

Sie hatte lauter gesprochen, als ihr bewusst war. Der Mann am Nebentisch schrak so zusammen, dass er sein Wasserglas umstieß. Der Inhalt ergoss sich auf die Zeitung, die neben ihm lag, und er winkte dem Kellner, der ihm helfen sollte, das Unglück zu beseitigen.

Christina hatte sich schon eine Weile von dem Fremden beobachtet gefühlt und sagte befriedigt: „Jetzt muss er sich eine neue Zeitung geben lassen, um uns weiter belauschen zu können.“

Luc streifte den Unbekannten, der in mittlerem Alter war und einen dunklen Anzug trug, mit einem gleichgültigen Blick. „Belauschen?“, wiederholte er. „Da müssen Sie sich irren. Wahrscheinlich erwartet er jemanden.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Er kam kurz nach uns und setzte sich ganz bewusst an den Nebentisch. Er tat so, als würde er lesen, hat aber nicht ein einziges Mal umgeblättert.“

Einen Moment wirkte Luc Henri verärgert, aber er fing sich schnell. „Wie auch immer“, meinte er, „was er gehört hat, muss ihn ziemlich gelangweilt haben.“ Er sah wieder auf die Uhr, winkte dem Kellner und bat um die Rechnung.

Christina bedankte sich höflich für das Frühstück und wollte aufstehen, aber Luc hielt sie zurück. „Darf ich Ihnen etwas Geld leihen, damit Sie heute Nacht in einem Hotel übernachten können?“

„Leihen?“, wiederholte sie. „Da wir uns nicht wiedersehen werden, wäre Schenken das richtigere Wort.“

„Meinetwegen. Würden Sie es annehmen?“ Nach einer Pause fügte er mit einem spöttischen Blick hinzu: „Es sind keine Bedingungen daran geknüpft.“

Christina musste erst tief durchatmen, ehe sie antworten konnte. „Nein“, entschied sie dann. „Danke … aber nein. Bei irgendwem werde ich schon unterkommen und auf dem Fußboden schlafen. Neue Arbeit zu finden ist leicht. Ich muss heute Abend nur in den Cafés im Hafen nachfragen.“

„Stellen Sie sich vor, ich wäre Ihr Bruder. Wie würde ich mich freuen, wenn jemand meiner Schwester in ihrer Verlegenheit zu Hilfe käme. Oder meiner Nichte, wenn sie älter wäre.“

„Soso.“ Christina sah ihn nachdenklich an. „Ich fühle mich aber weder wie Ihre Schwester noch wie Ihre Nichte.“ Seine Augen leuchteten auf, daher fuhr sie schnell fort: „Ich bin Ihnen wirklich dankbar für das Angebot, aber es gehört zu meinem freien Leben dazu, dass ich meine Rechnungen selbst bezahle. Das ist ein Grundsatz von mir. Also nochmals danke … aber nein.“ Sie streckte die Hand aus. „Es war eine interessante Begegnung. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Luc erhob sich. Er machte ein wütendes Gesicht, und Christina dachte: Gut, dass er nicht mein Chef ist. Bei dem Gesicht könnte man es tatsächlich mit der Angst bekommen.

Ohne weitere Erklärung holte er seine Brieftasche hervor und nahm ein dickes Bündel Banknoten heraus. „Seien Sie nicht dumm“, drängte er, „nehmen Sie das Geld.“

Der Mann am Nebentisch wusste vor Verlegenheit nicht, wo er hinsehen sollte. Die Szene war ihm sichtlich peinlich und faszinierte ihn zugleich. Luc Henri nahm nichts davon wahr – oder tat wenigstens so. Offenbar war es ihm egal, wie er auf andere Menschen wirkte.

„Seien Sie vernünftig“, flüsterte Christina. „Ich bin nicht Ihre Schwester.“

„Wären Sie es, hätte ich Sie besser erzogen“, stieß er zwischen den Zähnen hervor. „Sie sind äußerst hartnäckig, Miss Howard, und ich finde keine neuen Argumente, um Sie zu überzeugen. Ich appelliere noch einmal an Ihre Vernunft …“

„Keine Bevormundung, bitte!“, unterbrach sie ihn.

Sie standen sich jetzt gegenüber wie zwei Duellanten. Nur der Tisch trennte sie. Plötzlich lächelte er, aber eher boshaft als freundlich. „Ich hätte keine Gegenleistung gefordert“, betonte er noch einmal. „Frauen kommen gewöhnlich freiwillig zu mir.“

Christina hatte plötzlich das Gefühl, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte. Das Blut schoss ihr ins Gesicht, und sie wurde ernsthaft wütend. Doch sie bezwang sich. Im Gegensatz zu ihrem Gönner war es ihr nicht gleichgültig, wie sie in der Öffentlichkeit wirkte.

Mit falschem Lächeln beugte sie sich vor und riss ihm die Geldscheine aus der Hand. Der Mann am Nebentisch sprang daraufhin so entsetzt auf, dass sein Stuhl nach hinten kippte. Lucs Blick war weiter drohend auf sie gerichtet.

„Andere Frauen vielleicht“, erklärte sie zuckersüß, „aber ich nicht.“ Dann trat sie einen Schritt zurück und warf die Scheine hoch in die Luft. Sie flatterten zu Boden, während sie sich zwischen den Tischen hindurchdrängte und das Café verließ.

Kochend vor Wut, stürmte sie davon. Wie konnte ein Fremder es wagen, so über sie zu bestimmen? Sie herumzukommandieren? Ihr Vorschriften zu machen, als wäre er der Boss und sie das Dummchen? Als hätte sie keinen Funken Verstand, und als würde sie kein Plätzchen zum Schlafen finden …

Dann aber kam sie schlagartig zu sich. Mr. Luc Henri mochte kein Recht haben, sich in ihr Leben einzumischen, aber dass sie nicht wusste, wo sie heute Nacht schlafen sollte, war leider richtig. Plötzlich musste sie lachen. Sie würde auf einer Bank im Busterminal enden, wenn sie nicht bald einige Telefongespräche führte.

Der Erfolg blieb nicht aus – trotz Mr. Henris Schwarzseherei. Sie nahm Freundschaften ernst, und das zahlte sich aus. Ihre Freunde hielten zu ihr und ließen sie nicht im Stich.

2. KAPITEL

Sue Stanley erwartete Christina an der Tür zu ihrem Studio, zu dem man eine steile Treppe hinaufsteigen musste. Sie umarmten sich, dann unterdrückte Sue ein Gähnen.

„Du Ärmste!“ Christina erfasste die Situation sofort. „Hattest du wieder Nachtschicht?“

Sue nickte. Sie war Krankenschwester.

„Das tut mir aufrichtig leid. Ich wollte dich nicht aus dem Bett holen.“

Die junge Frau lachte und schloss hinter Christina die Tür. „Einer musste es ja tun, und mein Traummann hat sich noch nicht blicken lassen.“ Sie nahm Christina die Tasche ab und ging in die kleine Küche. „Wie steht es bei dir?“

Christina schnitt ein Gesicht. Ihre Mutter hatte das halbe Leben damit verbracht, auf den Mann zu warten, der sie vom Alltag erlösen würde. Christina hatte ihr alles abnehmen müssen, bis sie am Ende gestorben war. Seitdem konnte sie das Wort „Traummann“ nicht mehr hören. Er gehörte ins Reich der Fantasie.

Sue kannte sie gut genug, um ihr Schweigen zu verstehen. „Hat wirklich noch niemand vor deinen Augen Gnade gefunden?“, fragte sie.

Christina schüttelte energisch den Kopf.

„Wart’s nur ab“, prophezeite die Freundin. „Irgendwann ist es so weit.“

Gegen Christinas Willen tauchte Luc Henris Gesicht vor ihrem geistigen Auge auf. Ein Schauer überlief sie. Was hatte der Mann mit ihr zu tun? Sie würde ihn nie wiedersehen, und sie wollte ihn auch nicht wiedersehen.

In den großen Tonkübeln auf Sues Balkon standen die roten und korallenfarbenen Geranien in voller Blüte. Christina setzte sich auf die oberste Stufe der Feuerleiter und blickte sich um. Sue war ihr gefolgt und fragte geradeheraus: „Nun, Chris? Wer war es?“

Christina runzelte die Stirn. „Wer war was?“

Sie hatte die junge Frau vor drei Jahren auf einem Expeditionsschiff kennengelernt und sich sofort mit ihr angefreundet. Seitdem hatten sie keine Geheimnisse mehr voreinander.

„Wer hat dich heute früh rausgeschmissen?“

Christina entspannte sich. „Niemand. Ich habe heute Morgen abgemustert und bin anschließend zur Bank gegangen. Dort sagte man mir, sie könnten mir vor dem Wochenende nichts auszahlen. Irgendwelche bürokratischen Vorschriften …“

Sue konnte sich das gut vorstellen, obwohl sie davon überzeugt war, dass es in Wirklichkeit um einen Mann ging. Als sie eine entsprechende Andeutung machte, errötete Christina.

„Ich wusste es“, triumphierte Sue. „Erzähl mir von ihm. Wie ist er?“

„Du bist nicht gerade taktvoll“, beschwerte sich Christina, aber die Freundin fühlte sich dadurch doppelt bestätigt.

„Takt ist so langweilig“, erwiderte sie, „und ich spüre, wie stark dein Herz klopft. Ist er so gefährlich?“

„Gefährlich?“ Christina musste lachen. „Wieso das?“

„Wäre er es nicht, hättest du ihn kaum bemerkt. Aber wie auch immer … Ich darf nicht mehr Zeit vertrödeln, sonst gibt es auf dem Markt kein frisches Gemüse mehr. Fühl dich wie zu Hause.“

Sue ging und ließ Christina mit ihrer Unruhe allein. Was hatte sie da gerade gehört, und warum hatte Sue noch nie etwas gesagt? Kannte ihre Freundin sie besser als sie sich selbst? Möglicherweise hatte die kurze Begegnung mit Luc Henri etwas in ihr aufgerührt, das Sue längst ahnte. Keine sehr angenehme Vorstellung!

Doch genauer betrachtet, war das alles Unsinn. Lucs Verhalten hatte ihr gezeigt, dass er übertrieben selbstsicher war und nur seinen eigenen Gesetzen folgte. Eigentlich hatte sie ihn wenig sympathisch gefunden. Nur gut, dass sie ihn nicht wiedersehen würde. Das Leben musste weitergehen, und Träumereien über einen Unbekannten hatten keinen Platz darin.

Sie setzte sich mit Block und Bleistift in den Flur, wo das Telefon angebracht war, und konzentrierte sich auf die nächstliegenden Probleme. Leider blieben ihre Anrufe erfolglos. Niemand wollte ihr Arbeit geben, aber sie ließ den Mut nicht sinken. Am Ende hatte sie Luc Henri fast vergessen.

Als Sue mit ihren Einkäufen zurückkam, ließ die Tageshitze langsam nach. Christina befand sich wieder auf dem Balkon. Sie hatte sich gesonnt, um ihre Sommerbräune aufzufrischen.

„Du siehst prächtig aus“, seufzte Sue. „Ich wünschte, ich wäre auch blond und hätte so schöne lange Beine wie du. Ich würde meine Seele dafür geben.“

Christina stand auf und ging in die Küche, um die alte Kaffeemaschine anzustellen. „Hast du einen neuen Job?“, rief Sue ihr nach.

„Man hat mir eine viertägige Bootsfahrt zu den wichtigsten antiken Stätten angeboten“, antwortete Christina. „Wenn ich nichts Besseres finde …“

„Hast du damit die ganze Zeit verbracht?“

„Ich habe auch etwas gezeichnet.“ Christina kam mit zwei Kaffeebechern in den Händen wieder auf den Balkon und setzte sich auf die Feuertreppe.

„Für die Christina Beachwear Collection?“ Sue wusste von Christinas Designerkursen in Mailand. Sie fanden im Winter statt, und Christina verdiente während der Sommermonate gerade genug Geld, um die Kurse und eine bescheidene kleine Wohnung bezahlen zu können.

Christina nickte. „Die Athener Sonne bringt einen auf Ideen.“

Sue genoss ihren Kaffee. „Ich bin gern hier, aber noch lieber wäre es mir, wenn ich nicht arbeiten müsste.“

„Ohne Fleiß kein Preis“, meinte Christina lakonisch. „Übrigens muss ich heute Abend noch zum Hafen hinunter. Vielleicht hat einer der Kapitäne doch Arbeit für mich.“

„Gut, ich werde dich begleiten. Zu zweit ist es dort immer sehr amüsant, und ich kann etwas Ablenkung gebrauchen, ehe sich die Krankenhaustüren wieder hinter mir schließen. Ich muss vorher nur duschen und mich umziehen.“

Christina und Sue erreichten den Hafen gegen zehn Uhr abends. Die Nacht war klar und zu Beginn des Sommers noch etwas kühl. Nur die hellsten Sterne überstrahlten das Neonlicht der Cafés und den Dunst, der über der Stadt lag. Aus den Lautsprechern dröhnte Musik. Es duftete nach gegrilltem Fleisch, Knoblauch und Wein.

„Lass uns bei ‚Costa’s‘ anfangen“, schlug Christina vor. „Dort sind die meisten Kapitäne anzutreffen. Jackie hat mir am Telefon gesagt, dass ich bei Aldo Marino Glück haben könnte.“

Christina war in der stets überfüllten Taverne gut bekannt. Mehrere Gäste winkten ihr zu, während sie sich mit Sue zwischen den Holztischen zum Wirt durchdrängte, der sie mit einem Kuss begrüßte.

„Aldo?“, fragte er zweifelnd, als sie ihr Anliegen vortrug. „Ich fürchte, nein.“ Er ging wieder hinter die Theke und verteilte Salat auf mehrere Teller. „Was halten Sie denn von Demetrius?“ Er zeigte auf einen Ecktisch, an dem ein mürrisch aussehender Mann saß. „Als Notlösung“, fügte er ehrlicherweise hinzu.

„So dringend ist es nicht“, mischte sich Sue ein. Sie wusste, wie schwierig Demetrius im Umgang war. „Der Mann zahlt schlecht.“

Der Bouzoukispieler neben der Theke musterte Christina herausfordernd und lächelte ihr zu. Doch sie wunderte sich, wie wenig sie das berührte. Luc Henri hatte anders gelächelt. Sie hatte dabei eine Gänsehaut bekommen und war erregt gewesen, was jetzt nicht der Fall war.

Was ist mit mir los? fragte sie sich. Der Musiker ist doch ein hübscher Kerl. Warum muss ich trotzdem an Luc Henri denken?

„Komm.“ Sue nahm ihren Arm. „Wir versuchen es ein Haus weiter.“

„Guten Abend“, erklang es in diesem Moment hinter ihnen.

Christina fuhr herum, als wäre sie von ihrem Todfeind ertappt worden. Eben noch hatte sie an den Mann gedacht, der jetzt in voller Größe vor ihr stand. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und musste all ihre Kraft aufwenden, um das nicht zu zeigen.

„Oh! Sie sind es.“

Luc machte eine leichte Verbeugung.

„Hallo, Sue!“, rief ein Gast über mehrere Tische hinweg. „Wo hast du dich so lange versteckt?“

„Das ist Geoffrey“, erklärte Sue. „Er kommt aus Australien.“ Sie unterzog Luc einer raschen Prüfung und entschied, dass Christina bei einem so eleganten und respektablen Mann keine Anstandsdame brauchte. „Wir treffen uns zu Hause“, flüsterte sie und verschwand in Geoffreys Richtung.

Christina fühlte sich plötzlich schrecklich verlassen, und Luc Henris spöttischer Blick verriet, dass er ihr Unbehagen spürte, und sein Schweigen machte es ihr nicht leichter.

„Der Zufall hat uns also doch wieder zusammengeführt“, sagte sie und räusperte sich. „Was suchen Sie ausgerechnet bei Costa?“

„Dieselbe Frage könnte ich Ihnen stellen, wenn der Grund für Ihre Anwesenheit nicht so eindeutig wäre.“

„Halten Sie mich etwa für ein Flittchen?“

„Oh nein.“ Er lachte kurz auf. „Ich respektiere diese Frauen. Sie verdienen ehrlich ihr Geld.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

Er maß Christina mit einem abschätzigen Blick, der sie so empörte, dass sie einen Schritt zurücktrat und vor Zorn errötete. Luc bemerkte es und lächelte zufrieden. „Ich will damit sagen, dass diese Frauen sich an das halten, was abgemacht ist“, erklärte er. „Sie dagegen …“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein, meine Liebe. Sie halten sich nicht an Verträge.“ Christina hob den Arm. „Wollen Sie mich jetzt schlagen? Das würden Sie niemals tun. Dazu sind Sie viel zu gut erzogen.“

„Was wissen Sie schon über meine Erziehung?“

„Abgesehen von dem Internat wenig, aber ich erkenne die Zeichen. Merkwürdig, dass ich heute Morgen so blind war. Erst so höflich und umgänglich und dann so garstig. Ich hätte es früher merken müssen.“

Christina hatte fast vergessen, wo sie sich befanden. Sie hatten die Unterhaltung leise geführt, aber allmählich wurden die Gäste im Lokal doch aufmerksam. Christina bemerkte die neugierigen Blicke, aber in ihrer Wut achtete sie nicht darauf.

„Wie können Sie es wagen, mich in moralischer Hinsicht zu beurteilen?“, fuhr sie Luc an. „Dazu haben Sie kein Recht.“

„Ein Recht sicher nicht“, gab er zu.

„Trotzdem erlauben Sie sich ein Urteil über mich, obwohl ich gerade erst hereingekommen bin. Ich habe Sie nicht bemerkt. Wahrscheinlich sind Sie nach mir gekommen, haben mich beobachtet und brechen nach wenigen Minuten den Stab über mich.“

„Ja, ich habe Sie beobachtet. Es war faszinierend, mit anzusehen, wie der Wirt Sie voll auf den Mund küsste. Aber hier unten am Hafen …“ Er zuckte die Schultern. „Da herrschen wohl andere Gesetze.“

Christina stockte der Atem. Sie war zu wütend, um sich mit Worten zu verteidigen. Am besten bewies sie, dass sie noch schlimmer war, als er vermutete. Sie lachte kurz auf und ließ ihr gestricktes Top über die rechte Schulter gleiten. Luc folgte der Bewegung mit deutlichem Interesse und verschaffte ihr damit einen heimlichen Triumph.

Eigentlich passte die provozierende Geste nicht zu ihr. Ihre Wut war dafür verantwortlich, und anstatt die Schulter wieder zu bedecken, warf sie den Kopf zurück und schüttelte ihr volles Haar. „Nun? Was sagen Sie dazu?“

Luc ließ den Blick ungerührt auf ihrer entblößten Schulter ruhen. „Mir scheint, Sie spielen gern mit dem Feuer. Das muss mir bisher entgangen sein.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Es geht Sie ja auch nichts an.“

„Wirklich nicht?“ Er zog sie unvermittelt an sich. In seinen dunklen Augen lag dabei etwas, das nicht zu seinem groben Verhalten passte. War es Schmerz, was sie darin entdeckte? Doch gleich darauf war der Spott wieder da. „Brenne, Feuer, brenne“, murmelte er.

Christina rührte sich nicht, als hätte er einen Bann ausgesprochen. Behandelt man so eine Schwester? konnte sie gerade noch denken, ehe alles um sie her versank. Die lärmenden Gäste, der Duft von warmem Brot, gewürztem Fleisch und Wein – nichts existierte mehr als Luc Henri, der sie fest in den Armen hielt und sich weder um ihre Verwirrung noch um die Umgebung kümmerte. Er küsste sie, bis sie zu ersticken glaubte und sich doch ungeheuer lebendig fühlte. Erst allmählich wurde er sanfter, mäßigte sich und ließ sie wieder zu Atem kommen. Erschöpft lehnte sie den Kopf an seine Schulter, aber er schob sie fast heftig zurück.

„Nun? Geht es mich jetzt auch nichts mehr an?“ Er war erregt, aber gewohnt, sich eisern zu beherrschen.

Christina besaß nicht so viel Selbstkontrolle. Es dauerte eine Weile, bis sie fragen konnte: „Mit anderen Worten … Sie fühlen sich jetzt für mich zuständig?“

„So ist es.“

„Sie sind nicht ganz bei Trost!“, brauste sie auf.

Es zuckte um seine Lippen. „Schon möglich.“

„Ich glaube es nicht. Nur, weil Sie mich in aller Öffentlichkeit gewaltsam geküsst, sich mir aufgezwungen haben …“ Weiter kam sie nicht. Ihr fehlten einfach die Worte.

„Ich habe Sie nicht um Hilfe rufen hören“, erwiderte er schlagfertig.

„Wie bitte?“

Er wiederholte seine Worte und warf ihr einen Blick zu, der ihr nicht gefiel. Doch sie wollte keine Angst zeigen. Hatte sie sich jemals einschüchtern lassen? Luc Henri sollte nicht der Erste sein, dem das gelang.

Sie drehte sich um und rief mit lauter Stimme: „Costa!“

Der Wirt erschien so prompt, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet, aber er war nicht der geborene Retter der Unschuld. Auch jetzt schien er mehr belustigt als empört zu sein.

„Werfen Sie den Kerl hinaus!“, befahl Christina.

„Das kann ich nicht.“

„Warum nicht? Haben Sie nicht gesehen, was er getan hat?“

„Doch, schon …“ Costa unterdrückte ein Lächeln. „Ich bin kein Polizist, Christina. Solange die Gäste ihre Rechnungen bezahlen und kein Geschirr zerbrechen, dürfen sie machen, was sie wollen. Und wenn sie zerbrochenes Porzellan bezahlen, ist auch das kein Grund für ein Hausverbot.“

„Und wenn ein Gast beleidigt wird?“

„Beleidigt?“, wiederholte Costa zweifelnd. „Ich glaube, in diesem Fall hat es der Gast eher genossen.“

Luc lachte zustimmend, wurde aber gleich wieder ernst, während Christina wütend mit dem Fuß aufstampfte.

„Ich habe es nicht genossen!“

„Wie schade, aber was erwarten Sie jetzt von mir?“

„Dass Sie den Kerl rausschmeißen!“, schrie Christina.

Inzwischen wurden sie von allen Gästen beobachtet.

„Sehen Sie es mal mit meinen Augen“, fuhr Costa beschwichtigend fort. „Ich kann einen Gast nicht hinauswerfen, weil er Ihrer Ansicht nach nicht gut küsst. Außerdem …“

„Ja?“ Christina warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Außerdem?“

Costa zuckte etwas verlegen die Schultern. „Um ehrlich zu sein … Ich habe schon Schlimmeres erlebt.“

Diesmal lachte Luc frei heraus. „Arme Christina. Ich fürchte, hier wird Ihnen niemand zu Hilfe kommen.“ Er zeigte auf einen freien Tisch. „Warum setzen wir uns nicht einfach hin? Costa bringt uns bestimmt gern eine Flasche von seinem besten Ouzo, und wir regeln alles im Guten.“

Die Blicke, die die beiden Männer bei diesen Worten wechselten, sagten Christina genug. Männer hielten eben immer zusammen. Sie glaubten, gewonnen zu haben, aber da hatten sie sich verrechnet.

Sie schaute zu Sue hinüber. Die Freundin war im Begriff aufzustehen, und Christina deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf den Gang zu den Waschräumen. „Also gut, meine Herren“, gab sie sich scheinbar geschlagen, „ich muss mich nur erst etwas frisch machen.“

Ein kurzer Blick über die Schulter bewies ihr, dass Sue den Wink verstanden hatte und ihr folgte. Im Waschraum hielt sie ihre Handgelenke unter fließendes Wasser und blickte dabei in den Spiegel. Ihre Augen waren ungewöhnlich groß und hatten einen fast trotzigen Ausdruck. Sie fror am ganzen Körper, als hätte jemand sie in Eis gewickelt. Zum Teufel mit Luc Henri, diesem ungehobelten Kerl! Wie konnte er sie so behandeln?

In diesem Moment ging die Tür auf, und Sue kam herein. „Wow!“, sagte sie. „Das war vielleicht eine Szene! Ich nehme an, das ist der sture Banker von heute Morgen?“

„Nein.“ Christina schnitt ein Gesicht. „Es ist jemand, von dem ich mich nicht herumkommandieren lasse.“

„Hast du ihm das gesagt?“

„Schon mehrmals.“

Sue lachte. „Das glaube ich dir aufs Wort, denn er sieht nicht so aus, als würde er schnell aufgeben. Du vergisst manchmal, wie attraktiv du auf Männer wirkst. Seit wir hereingekommen sind, hat er dich nicht mehr aus den Augen gelassen. Er hat dich geradezu mit seinen Blicken verschlungen.“

Christina dachte an den verzehrenden Kuss und griff sich instinktiv an den Hals. „Das habe ich auch bemerkt“, gestand sie leise.

Sofort bedauerte Sue ihre Worte. „Sei nicht böse, Chris. Mag er noch so gut aussehen … Wenn er dich belästigt, obwohl du ihm klargemacht hast, dass er dich nicht interessiert, ist er ein Schuft.“ Sie klopfte Christina auf die Schulter. „Komm. Verlass dich auf mich.“

Interessierte er sie wirklich nicht? Die Sache war zu kompliziert, um sie Sue zu erklären. Sie verstand sich ja selbst nicht. Sie wollte nur weg von Luc Henri – so schnell und so weit wie möglich.

„Ich würde gern von hier verschwinden“, gestand sie, „ohne dass er mich sieht und mir folgen kann.“

„Hm.“ Sue überlegte. „Durch die Küche kannst du nicht, denn Costa ist auf seiner Seite.“

„Das hast du also bemerkt.“

„Costa ist ein Macho, wie fast alle Männer, und demonstriert das gern. Er würde dich festhalten und deinem Verfolger Bescheid sagen.“ Sue überlegte. „Da kommt mir eine Idee. Die Mülltonnen …“

Weg war sie und nach knapp einer Minute wieder da. „Der Hof sieht gräulich aus“, berichtete sie. „Kein Gast würde hier essen, wenn er ihn zu Gesicht bekäme. Darum verirrt sich auch kaum jemand dorthin. Du kannst dich hinter den Mülltonnen verstecken, während ich mit Geoffreys Hilfe für eine Transportmöglichkeit sorge. Hab nur zehn Minuten Geduld.“

Christina folgte Sue auf den Hof, wo sie sich die Nase zuhielt und möglichst nur durch den Mund atmete. Nach wenigen Minuten kam Hilfe. Geoffreys lachendes Gesicht tauchte über dem Zaun auf, der das Areal umgab. „Der Kerl muss dir wirklich Angst eingejagt haben“, sagte er und half Christina über den Zaun.

„Angst hatte ich nicht vor ihm. Ich wollte bloß jede weitere Diskussion in der Öffentlichkeit vermeiden. Danke für deine Hilfe“, fügte sie etwas verspätet hinzu.

„Keine Ursache. Sues Freunde sind auch meine. Was wirst du jetzt tun? Aus der Stadt verschwinden?“

„Sei nicht albern, Geoff. Immerhin ist er ein kultivierter Mann. Außerdem weiß er nicht, wo ich wohne.“

„Das könnte er herausfinden“, warnte Geoffrey. „Auf mich wirkte er genau wie der Typ, der das schafft.“

An der Straßenecke stand Geoffreys alter Wagen mit Sue am Steuer. Geoffrey schob den Beifahrersitz weiter nach vorn und half Christina auf den Rücksitz. „Leg dich flach hin“, riet er, aber das war gegen ihre Würde.

„Luc wird schon kein Suchkommando losschicken“, meinte sie, wurde aber gleich durch Sue widerlegt.

„Ich sehe gerade in den Rückspiegel. Und was ist das?“

Eine große schwarze Limousine mit blendenden Scheinwerfern näherte sich von hinten. Sie glitt langsam am Bürgersteig entlang, als hielte der Fahrer nach etwas Ausschau.

„Duck dich!“, befahl Geoffrey.

Christina vergaß ihre Würde und legte sich flach auf den Sitz. Es war keine Sekunde zu früh. Um die Täuschung vollkommen zu machen, zog Geoffrey Sue in die Arme und küsste sie, sodass die Scheinwerfer nur ein eng umschlungenes Liebespaar streiften. Wenig später nahm die Limousine Fahrt auf und verschwand um die Ecke.

„Nun?“, fragte Geoffrey, nachdem er Sue losgelassen hatte. „Willst du immer noch in der Stadt bleiben?“ Es klang nicht mehr ganz so freundlich. „Immerhin wohnst du bei Sue.“

„Nicht mehr lange“, versprach Christina, die die versteckte Warnung herausgehört hatte. Die viertägige Bootsfahrt zu den antiken Stätten erschien ihr plötzlich sehr verlockend.

„Das ist gut“, meinte Geoffrey versöhnlich.

Sue sagte nichts. Sie ließ den Motor an und fuhr langsam los. „Wer, zum Teufel, ist dieser Mann?“, fragte sie während der Fahrt. „Das würde ich doch zu gern wissen.“

„Er heißt Luc Henri“, antwortete Christina leise.

„Den Namen habe ich nie gehört.“

„Ich auch nicht.“

„Aber der Luxuswagen ist ein Hinweis, dass wir von ihm gehört haben müssten“, gab Geoffrey zu bedenken.

„In jedem Fall ist er an dir interessiert“, entschied Sue. „Es würde mich nicht wundern, wenn er heute Abend deinetwegen bei Costa aufgetaucht ist. Vermutlich wird er nicht so schnell aufgeben.“

Christina erschrak, denn ihr fiel ein, dass sie Luc von ihrer Absicht, abends die Cafés im Hafen zu besuchen, selbst erzählt hatte. Damit stand ihr Entschluss fest. Sie würde morgen mit den Touristen in See stechen.

„Nur noch diese Nacht“, versprach sie Sue. „Dann bin ich weg.“

3. KAPITEL

Christina hielt Wort. Während sie für die Touristen Hotels organisierte und ihnen die alten ehrwürdigen Ruinen zeigte, war sie in Gedanken gleichzeitig bei ihrem Verfolger Luc Henri. Sobald sie die Augen schloss, meinte sie seine Umarmung und den leidenschaftlichen Kuss zu spüren.

Sie kannte den Mann nicht und musste sich doch eingestehen, dass er ihre Leidenschaft geweckt hatte. Noch nie war sie sich ihrer eigenen Sinnlichkeit so bewusst gewesen. Noch nie hatte sie diese verzehrende Sehnsucht empfunden, die sie zu dem Unbekannten hinzog und kaum noch an etwas anderes denken ließ.

„Das ist nichts als Sex“, sagte sie halblaut vor sich hin. „Er reizt dich, aber das wird vorübergehen. Denk einfach nicht mehr an ihn.“

Doch leider ging es nicht vorüber. Manchmal vergaß sie ihre Touristengruppe – fromme Menschen aus einer Gemeinde im amerikanischen Mittelwesten, die jede Säule und jeden Mauerrest anstaunten – so vollständig, dass sie es an der notwendigen Kommunikation fehlen ließ. Dann war sie mit ihren Gedanken weit weg, bei dem großen schwarzhaarigen Mann mit den dunklen Augen, der sie bei Costa in den Armen gehalten und geküsst hatte.

Es war dumm, Angst vor ihm zu haben. Sie besaß genug Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, um sich vor keinem Mann zu fürchten. Und wenn sie ehrlich war, ging es auch nicht um Angst im eigentlichen Sinn. Es war mehr ein Schauer, ein leichtes Frösteln, das sie überlief, wenn sie an ihn dachte. Sie konnte nichts dagegen tun, und das war ihr unheimlich.

Auch die lange schwarze Limousine beunruhigte sie. Es konnte ein Mafioso dahinterstecken – oder einfach ein reicher Geschäftsmann, wie Geoffrey vermutet hatte. Alles war möglich. Luc hatte ihr nicht den kleinsten Hinweis gegeben.

„Und genau da liegt das Problem“, setzte sie ihr Selbstgespräch fort und betrachtete sich dabei in dem kleinen blinden Spiegel ihres Hotelzimmers. „Er spielt absichtlich den Geheimnisvollen, als wäre er auf einem Maskenball, und trotzdem macht er mir so zu schaffen.“

Das war die richtige Stimmung, um Sue anzurufen.

„Er war wieder bei Costa“, erzählte die Freundin.

Christinas Schreck war groß. „Hat Costa ihm etwas gesagt?“, fragte sie ängstlich.

„Kein Wort … du kennst Costa doch. Er respektiert jeden Gast, lässt sich aber nicht gern ausnutzen.“

„Und was hat er zu Costa gesagt?“

„Nicht viel. Er hat eine Telefonnummer hinterlassen. Soll ich sie dir geben?“

„Nein!“, antwortete Christina heftig, doch Sue ließ sich nicht täuschen.

„Er gefällt dir“, sagte sie nach einer kurzen Pause, ohne den triumphierenden Ton, den sie noch vor einigen Tagen angeschlagen hätte. Es war nur eine schlichte Feststellung. „Endlich.“

Das letzte Wort missfiel Christina, zumal sie gerade etwas Ähnliches gedacht hatte. „So ein Unsinn!“, protestierte sie.

„Und wie hast du nach seinem leidenschaftlichen Kuss ausgesehen? Ich habe euch beobachtet. Erzähl mir nicht, er hätte dich kaltgelassen.“

Christina bekam schon bei der Erinnerung Herzklopfen, hätte das aber niemals zugegeben. „Ein Kuss ist nur ein Kuss“, erklärte sie betont locker.

„Und was wirst du jetzt tun?“

„Gar nichts. Ich kenne den Mann nicht, und soweit ich festgestellt habe, ist er nicht sehr sympathisch. Diese Arroganz und Selbstsicherheit! Einfach unerträglich! Er muss lernen, dass man andere in der Öffentlichkeit nicht so behandeln kann.“

Sue musste lachen. „Und privat?“

Diese Frage hatte sich Christina gerade selbst gestellt. „Privat gibt es nichts“, erklärte sie mit Nachdruck und beendete das Gespräch.

Drei Wochen später trug Christina einen riesigen Müllsack keuchend die Stufen zum Hafenpier hinauf und wünschte Costa zum Teufel. Was hatte er ihr versprochen? Einen königlichen Job. Gut, ihre neuen Arbeitgeber waren vielleicht blaublütig, aber der Job ließ einiges zu wünschen übrig.

Die Jacht Lady Elaine, auf der sie als Köchin arbeitete, war eher schlicht und verfügte nur über wenig Komfort. Das hätte ihr nicht allzu viel ausgemacht, wenn die Atmosphäre auf dem Schiff nicht so vergiftet gewesen wäre. Alle litten darunter – von der zusammengewürfelten Crew bis zu Pru und Simon, den Kindern der Prinzessin. Keiner half dem anderen. Jeder drohte, den Prinzen, der die Jacht gechartert hatte, über die Zustände zu unterrichten.

Persönlich hatte sich der Prinz von Kholkhastan bisher nicht blicken lassen. Seine Schwester und ihre Kinder gaben auf dem Schiff den Ton an und erwarteten ihn in jedem neuen Hafen. Auch heute – sie lagen vor einem kleinen süditalienischen Küstenort vor Anker – hofften sie wieder auf sein Erscheinen, ohne recht daran zu glauben. Vor allem die Kinder warteten sehnsüchtig auf ihren Onkel. Christina hegte nur Abneigung gegen ihn. Nach Costa und Kapitän Demetrius stand er als Dritter auf ihrer Abschussliste.

Sie setzte den Müllsack ab und atmete tief durch. Das nächste Mal würde sie nicht so lange warten. Ihre Last war einfach zu schwer. Nur mit Mühe konnte sie diese auf dem Pier weiterschleppen.

„Was denken Sie sich eigentlich dabei?“

Beim Klang der Stimme blieb ihr fast das Herz stehen. Nein, das war unmöglich! Die Hitze und die Anstrengung … Sie musste sich täuschen. Hätte der Müllsack ihr nicht Halt gegeben, wäre sie wahrscheinlich ins Wasser gefallen.

Langsam drehte sie sich um. Es war tatsächlich keine Sinnestäuschung. Vor ihr stand Luc Henri.

„Sie?“, platzte sie heraus und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. „Was machen Sie hier?“

Er umschloss ihre Hand. „Im Moment schaffe ich Müll beiseite“, antwortete er in dem spöttischen Ton, den sie immer noch im Ohr hatte und der sie bis in ihre Träume verfolgte.

„Das schaffe ich schon allein“, wehrte sie ab. Jetzt war nicht der richtige Augenblick, um Träumen nachzuhängen, die sie beim Aufwachen möglichst schnell vergessen wollte. Angesichts des Mannes, der diese Träume beherrschte, schämte sie sich doppelt dafür.

Luc schien ihr Unbehagen nicht zu bemerken. „Seien Sie nicht kindisch!“, fuhr er sie an. „Der Sack ist viel zu schwer für Sie. Wieso schleppen Sie ihn überhaupt herum?“

Christina war wie gelähmt. Alle Kraft verließ sie, und sie spürte nur noch die starke Hand, die ihre umschloss. In seiner Gegenwart habe ich keinen freien Willen mehr. Ich habe nur noch den Wunsch, mich in seine Arme zu schmiegen und meine Träume wahr werden zu lassen, dachte sie.

Sie entzog ihm ihre Hand und überließ ihm den Müllsack, den er sich ohne jede Anstrengung über die Schulter warf. Er wirkte an diesem Tag nicht wie der distinguierte Athener Geschäftsmann, sondern in Jeans und T-Shirt völlig anders. Schultern und Oberarme zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Baumwollstoff ab und verrieten regelmäßiges Fitnesstraining.

Mit zittriger Hand setzte sie ihre Sonnenbrille wieder auf und folgte ihm. Nimm dich zusammen, Christina Howard, ermahnte sie sich nachdrücklich. Er darf nicht merken, wie sehr er dich durcheinanderbringt.

Luc warf den Sack in den zuständigen Müllcontainer und wandte sich wieder ihr zu. Er sah äußerst zufrieden aus. „So etwas machen Sie nie wieder“, ermahnte er sie.

„Sagen Sie das dem Mann, für den ich arbeite“, entgegnete sie schroff.

Das schien er äußerst amüsant zu finden. „Eine gute Idee“, meinte er. „Vielleicht befolge ich den Rat.“

Christina warf einen Blick über die Schulter. Sie hatte sich nach dem Essen mit dem Ersten Offizier der Jacht gestritten und daraufhin von Kapitän Demetrius den unmissverständlichen Befehl erhalten, den Müllsack an Land zu bringen und gleich zurückzukommen. Demetrius und der Offizier – ein Cousin des Kapitäns – hatten ihr von der Reling aus nachgeschaut. Christina hatte ihre lüsternen Blicke förmlich gespürt und war überzeugt, dass sie den Befehl nur erhalten hatte, um vor den Männern Spießruten zu laufen. Sie trug die an Bord üblichen Shorts und ein ärmelloses Top und wünschte sehnlich, sie hätte weniger von ihrer guten Figur gezeigt.

Luc war ihrem Blick gefolgt. Die Männer standen zwar nicht mehr an der Reling, aber er schien ihre Gedanken zu erraten. „Man hat Sie beobachtet, nicht wahr? Darum wollte auch niemand helfen.“

Christina zuckte die Schultern. „Es gehört schließlich zu meinem Job. Kombüsenabfälle beseitigt der Schiffskoch.“

„Aber nicht tonnenweise“, stellte er fest.

„Es gab seit vorgestern keine Gelegenheit, den Müll loszuwerden.“

„Das müssen Sie mir näher erklären.“

„Nun ja …“ Sie überlegte kurz und fuhr seufzend fort: „Ich habe schon Fahrten mitgemacht, die besser organisiert waren.“

Luc runzelte die Stirn. „Aber …“

„Um ehrlich zu sein, ist es eine ziemliche Katastrophe. Nichts ist anständig geplant worden. Die Passagiere geben der Crew die Schuld, die sich wiederum über den Ersten Offizier beschwert. Dieser mag die Kinder nicht, die wir an Bord haben und deren Mutter den Kapitän verabscheut. Letzterer aber hasst alle.“

„Unglaublich!“, platzte Luc heraus.

„Man könnte es beinahe als Spiel betrachten“, meinte Christina. „Ein Spiel für Erwachsene. Wen kann man mit wem allein lassen, ohne dass ein Mord geschieht?“

Damit brachte sie Luc fast zum Lachen. „Das muss ja die Hölle sein.“

„Ein Vorteil in dieser Hölle ist die Ruhe an Bord. Niemand führt dort ein Gespräch. Man könnte dort leicht ein Schweigegelöbnis ablegen. Und was die Eignung des Kapitäns betrifft …“

Schon kurz hinter Athen hatte sich Demetrius zum ersten Mal in der Navigation geirrt. Mrs. Aston – Prinzessin von Kholkhastan und Schwester des Prinzen – konnte die Seekarten zuverlässiger lesen als er, und selbst Christina fand sich besser darauf zurecht.

„Werden Sie von Bord gehen?“, fragte er.

„Eine verlockende Vorstellung.“ Christina seufzte. „Sie ahnen nicht, wie verlockend.“

„Dann lassen Sie sich von mir entführen.“

„Das geht nicht“, erwiderte sie mit einem unschuldigen Blick.

„Warum nicht? Sie sind genervt. Lassen Sie alles hinter sich.“

„Das ist nicht so leicht, wie Sie meinen.“

„Für eine vernünftige junge Frau schon. Aber vielleicht …“ Er machte eine vielsagende Pause. „Vielleicht bin ich nicht der Richtige. Haben Sie so große Angst vor mir, Christina?“

Damit kam er der Wahrheit gefährlich nah. „Die habe ich weder vor Ihnen noch vor sonst jemandem“, protestierte sie.

„Dann lassen Sie mich doch Ihr Retter sein.“

Sie sah ihn mit großen Augen an, und tatsächlich – er lächelte. Nicht unfreundlich, aber für ihren Geschmack doch etwas zu selbstverliebt. Stolz richtete sie sich auf. „Verlockend, Mr. Henri … wirklich sehr verlockend, aber dann müsste der kleine Simon Aston heute Nachmittag umsonst auf seinen Kuchen warten. Genießen Sie weiter Ihren Urlaub“, fügte sie abschließend hinzu.

Sie wollte gehen, doch Luc hielt sie am Arm zurück. Er berührte sie nur ganz leicht, aber ihr wurde plötzlich heiß, und ihr Herz begann heftig zu klopfen. „Ich meine es ernst“, erklärte er. „Ein Auto steht vor meinem Hotel bereit. Kommen Sie mit. Sie müssen die Leute auf der Jacht niemals wiedersehen.“

Christina schüttelte den Kopf. „Ich habe mich für die ganze Fahrt verpflichtet.“

„Verträge kann man brechen, zumal Sie sehr schlecht behandelt werden.“

„Es geht mir nicht nur um den Vertrag …“

„Worum dann?“, fragte er neugierig.

„Um mein Versprechen.“

Das schien er nicht zu verstehen. „Was spielt das für eine Rolle? Ihnen liegt nichts an diesen Leuten.“

„Aber ich breche nicht gern eine Zusage.“

Das verblüffte Luc. „Ein lobenswerter Vorsatz“, meinte er. „Ich kann also gar nichts für Sie tun? Ihnen keine heimlichen Träume erfüllen?“

Christina warf einen Blick auf den leeren schwarzen Müllsack. „Das war eigentlich alles, was ich im Moment zu tun hatte.“ Sie dachte an Kapitän Demetrius, an seinen Cousin, den Ersten Offizier, und auch an den erlauchten Organisator der ganzen Fahrt. „Doch ich fürchte, meine Gegner …“

„… sind nicht zu schlagen? Trauen Sie mir so wenig zu?“

Sie sah auf seine breiten Schultern und musste lachen. „Oh nein, Sie würden spielend mit ihnen fertig, danach wäre ich allerdings wahrscheinlich meinen Job los. Mein Arbeitgeber könnte sich weniger an gegebene Versprechen halten.“

Luc runzelte die Stirn. „Sie haben Probleme mit Ihrem Arbeitgeber?“

„Kann man Probleme mit jemandem haben, der niemals in Erscheinung tritt?“

„Da komme ich nicht ganz mit“, gestand er.

„Ich erhalte meine Befehle vom Kapitän“, erklärte sie, „aber der eigentliche Chef ist ein Tennis spielender Playboy mit einem unaussprechlichen Titel. Er hat auch den Kapitän ausgesucht.“

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fragte Luc: „Auf der Lady Elaine herrscht also keine gute Stimmung?“

Christina lachte höhnisch auf. „Ich habe mich anderswo schon wohler gefühlt.“

Das schien ihn nachdenklich zu stimmen. „Ich hatte keine Ahnung“, sagte er mehr zu sich selbst, und sie wunderte sich wieder, wie er überhaupt hierherkam. Verfolgte er sie vielleicht? Dagegen sprachen sein Aussehen und sein gutes Benehmen. Er verhielt sich einfach nicht wie ein Stalker. Gut, er interessierte sich für sie, aber gerade jetzt beschäftigte ihn offenbar etwas anderes, das war ihm deutlich anzusehen.

„Was tun Sie hier?“, fragte sie geradeheraus.

Er lächelte auf seine übliche charmante Art. „Im Moment überdenke ich gerade meine Strategie.“ Er beugte sich vor, zog ihr die Sonnenbrille von der Nase und sah ihr tief in die blauen Augen. „Warum so misstrauisch, Christina? Sagten Sie nicht, Sie hätten keine Angst vor mir?“

Dann spürte sie seine warmen Lippen auf ihren, und Sekunden später war er fort. Christina blickte verwirrt in die Richtung, in die er verschwunden war. Hatte er sie wirklich geküsst? Alles war so schnell gegangen …

Doch ihre Lippen brannten noch von seinem Kuss. Der Himmel allein wusste, warum der Mann hier war, aber dass er hier war, ließ sich nicht bestreiten.

Ihre Stimmung hob sich beträchtlich. Plötzlich haderte sie nicht mehr mit ihrem Schicksal.

4. KAPITEL

Die Zubereitung des Abendessens war Routine für Christina. Sie dachte dabei an Luc.

Später, in ihrer winzigen Kabine, betrachtete sie sich im Spiegel. Unglaublich, wie sich ihr Gesicht verändert hatte! Ihre blauen Augen strahlten, die Lippen wirkten weicher und voller, als wollten sie den Unbekannten zum Küssen verführen.

„Es wird Zeit, dass du der Sache auf den Grund gehst“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Er wird ohnehin weiter nach dir suchen, und dir wäre dasselbe zuzutrauen.“ Sie lachte hell auf. „Brenne, Feuer, brenne!“ Hatte er ihr das nicht bei Costa zugeflüstert?

Sie brauchten beide nicht nacheinander zu suchen, denn Christina entdeckte Luc schon am nächsten Morgen in dem besten Hotel der kleinen Hafenstadt. Sie hatte die Kinder zum dortigen Swimmingpool gebracht, wo zufällig Karl, ein guter Bekannter aus den letzten Jahren, die Aufsicht führte.

„Achte besonders auf Simon Aston“, bat sie ihn. „Er hält sich für größer und stärker, als er ist.“

„Ich passe gut auf ihn auf“, versprach Karl, und Christina wandte sich erleichtert der Lobby zu, um sich einen kühlen Drink zu bestellen.

Ihr erster Blick fiel auf Luc Henri. Er saß in einem kleinen Nebenraum am Schreibtisch und bemerkte sie nicht. Über der Tür war ein Schild mit der Aufschrift „Pressedienst“ angebracht.

Luc blickte konzentriert auf den Bildschirm eines kleinen Laptops, dann druckte er eine Seite aus und überlas sie.

Christina zögerte. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, Luc könnte Journalist sein. Doch worüber schrieb er? War er einer dieser internationalen Berichterstatter, die die Brennpunkte der Welt aufsuchten und mit ihren Exklusivberichten viel Geld verdienten? Es gab allerdings noch eine andere, sehr viel unangenehmere Möglichkeit. Er konnte ein Klatschreporter sein, der den Reichen und Schönen nachschnüffelte und ihr Privatleben ausschlachtete. Der kleine Küstenort gab diesbezüglich zwar nicht viel her, aber der berühmte Herzensbrecher Stuart Define drehte hier mit seiner Crew einen neuen Film.

Karl war nicht gut auf die Leute zu sprechen. Sie pflegten bis tief in die Nacht am Swimmingpool zu feiern und nichts wegzuräumen. Karl musste dann bei Sonnenaufgang dafür sorgen, dass alles wieder blitzsauber war, bevor die ersten Gäste herunterkamen.

Und noch etwas fiel ihr ein. Gehörte die gelangweilte Mrs. Aston, Prinzessin von Kholkhastan, vielleicht zur heimlichen Begleitung des berühmten Filmstars? In dem Fall hoffte Luc vielleicht auf eine Skandalgeschichte sondergleichen.

Während sie ihn weiter beobachtete, begann er eifrig zu tippen. Über wen zog er jetzt wohl her? Das Gesicht des kleinen Simon tauchte vor ihrem geistigen Auge auf und brachte sie zu einem Entschluss. Solange sie auf der Lady Elaine mitfuhr, würde Luc Henri seine Skandalgeschichte nicht bekommen!

Christina hatte ihre Bluse über der Taille zusammengebunden. Jetzt zog sie den Knoten nach und ging entschlossen auf Luc zu. Wie von Zauberhand gelenkt, sah er von seiner Arbeit auf, und ihre Blicke begegneten sich. Seine Miene blieb ausdruckslos, aber ein eigenartiges Gefühl sagte Christina, dass er über ihr Erscheinen nicht glücklich war.

Kümmere dich nicht darum, dachte sie. Spiel die Naive, für die er dich hält. Er muss verschwunden sein, ehe er mitbekommt, dass Stuart Define der Prinzessin den Rücken mit Sonnenöl einreibt.

„Sie?“, fragte sie gespielt überrascht.

Luc hörte den falschen Ton natürlich heraus und machte ein entsprechendes Gesicht. „Hallo! Darf ich mir einbilden, dass Sie zu mir kommen, oder sind Sie Ihren Job los?“

Christina lachte. „Weder noch. Ich habe die Kinder meiner Chefin zum Schwimmunterricht gebracht.“

„Die Kinder der Prinzessin? Ihr wahrer Chef ist doch wohl der Prinz von Kholkhastan, der auf Reisen und – soviel ich weiß – unverheiratet und kinderlos ist.“

„Chef oder Chefin … läuft das nicht auf eins hinaus?“

„Ich nenne die Dinge nur gern bei ihrem richtigen Namen. Das ist mein Prinzip.“

Ob er dieses Prinzip auch als Reporter verfolgte? Christina fröstelte. Luc hatte ihr immer noch nicht gesagt, wer er war und was er beruflich machte. Und warum tauchte er gerade hier auf?

„Sie nehmen also alles ganz genau?“

Er sah sie erstaunt an. „Natürlich.“

„Auch bei sich selbst?“

„Ich habe Ihnen nichts Falsches über mich erzählt, und Sie sind doch gewiss nicht der Typ, der gleich den letzten Bankauszug und einen Anstellungsnachweis sehen will.“

„Natürlich nicht“, antwortete sie gekränkt.

„Schön, dann wissen Sie alles von mir, was Sie wissen müssen.“

Wieder setzte er sein charmantes Lächeln auf, das von fast hypnotischer Wirkung war. Christina spürte, wie sie schwach wurde, aber diesmal wehrte sie sich nicht dagegen. Luc Henri faszinierte sie immer mehr.

„Soll ich es Ihnen beweisen?“

Christina fühlte sich herausgefordert. „Wie denn?“, fragte sie keck.

„Das lassen Sie meine Sorge sein. Sie geben mir also eine Chance?“

Ich muss verrückt sein, dachte Christina. Ich sollte ihm sagen, dass ich sein Spiel durchschaue, und meiner Wege gehen. Doch zu ihrer Überraschung stimmte sie zu.

Lucs Augen leuchteten auf. „Dann kommen Sie“, sagte er und streckte die Hand aus.

Unwillkürlich legte sie ihre Hand in seine. Er lachte leise, als hätte er gewonnen, aber das schreckte sie nicht ab. Sie wollte nur noch mit ihm gehen und spürte den festen Druck seiner Hand. Er gab sich ganz unbekümmert, aber in seinem Blick lag etwas, das ihr sagte: Er empfindet es auch.

Sie hatte noch nie so instinktiv auf einen anderen Menschen reagiert. Das beunruhigte sie. Sie fühlte sich durchschaut und glaubte gleichzeitig, den anderen zu durchschauen. Dieses fast unheimliche Einverständnis war ebenso erschreckend wie faszinierend.

„Sollen wir auf den Kaffee verzichten?“, fragte er leise.

„Auf den Kaffee?“ Christina verstand nicht, was er meinte.

„Ihre größte Leidenschaft. Schon vergessen?“

„Ach so!“ Sie errötete und konnte nicht verhindern, dass er es bemerkte und sich offensichtlich darüber freute. Er lächelte, noch charmanter und wärmer, aber diesmal wirkte sein Lächeln fast etwas einstudiert. War er doch nur ein routinierter Verführer? Hatte sie die warnenden Anzeichen übersehen? Bei einem Mann, der jedes Frauenherz zum Schmelzen bringen konnte, wäre das nicht verwunderlich gewesen.

Luc bemerkte nichts von ihren Zweifeln. Er war sich seiner selbst viel zu sicher. Vor dem Hotel winkte er einen Mann in Livree heran, der an einem Wagen gelehnt hatte und offensichtlich sein Chauffeur war. Dieser grinste frech und warf ihm ein Schlüsselbund zu, das Luc mit der freien Hand auffing. Daraufhin zog sich der Chauffeur zurück, und Luc machte Anstalten, das Steuer selbst zu übernehmen.

Natürlich fuhr er kein gewöhnliches Auto, sondern eine schwarze, lang gestreckte Limousine mit abgedunkelten Fenstern. Christina dachte an den Wagen, der sie von Costas Restaurant verfolgt hatte. War es dieser Wagen gewesen? Sie hielt es für möglich, war aber nicht sicher. Klatschkolumnisten konnten sich normalerweise kein solches Luxusgefährt mit Chauffeur leisten.

„Ein teurer Spaß … so ein Auto“, sagte sie, ohne ihren Verdacht deutlicher zu äußern.

„Nicht unbedingt“, antwortete er gelassen und öffnete ihr die Tür.

„Dann vielleicht gestohlen? In gestohlenen Autos fahre ich nicht gern.“

„Gestohlen?“ Er lachte. „Sah es etwa so aus, als würde ich Michael das Auto wegnehmen?“

„Welchem Michael?“

„Nun, dem Chauffeur. Ich kenne ihn.“

„Oh.“

Sie zögerte immer noch, bis Luc sie sanft drängte, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. „Machen Sie nicht so ein Gesicht. Er überlässt mir manchmal das Steuer. Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie sich so darüber aufregen.“

„Sie müssen ihn sehr gut kennen, wenn er Ihnen ein so teures Gefährt überlässt.“

„Erraten. Ich kenne ihn tatsächlich sehr gut. Und nun steigen Sie bitte endlich ein. Die Sonne brennt. Wir brauchen Schatten und Einsamkeit.“

Christina gab sich geschlagen. Luc warf die Tür zu, setzte sich ans Steuer und schob den Sitz leicht zurück, um genügend Platz für seine langen Beine zu haben.

„Eins möchte ich von vornherein klarstellen“, begann Christina, sobald sie unterwegs waren. „Sie werden von mir nichts über die Prinzessin oder ihre Familie erfahren.“

Angespanntes Schweigen folgte. „Ich werde unsere gemeinsame Zeit bestimmt nicht mit Gesprächen über Mrs. Aston vergeuden“, antwortete er schließlich kurz angebunden.

Christina warf ihm einen Seitenblick zu. „Also wieder ein Zusammensein ohne überflüssige Fakten … wie damals in Athen?“, fragte sie spöttisch.

Er nahm ihr die Anspielung nicht übel. „Ich habe mich damals vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt“, gab er zu. „Diesmal werde ich geschickter sein.“

Sie verstand nicht genau, was er damit meinte – und wollte es auch nicht wissen. „Solange Sie mir keine neugierigen Fragen über meine Arbeitgeber stellen …“

„Die interessieren uns jetzt nicht“, unterbrach er sie und unterdrückte ein Lächeln. „Heute ist der Tag der Wahrheit.“

„Ich habe keine Ahnung, was Sie damit sagen wollen.“

„Noch nicht“, erwiderte er geheimnisvoll, „aber bald werden Sie es wissen.“

Luc kannte die Umgebung des Küstenstädtchens weit besser als sie und fuhr zu einem abgelegenen Strand, wo man dicht am Ufer parken konnte. Andere Badegäste waren nicht zu sehen.

Sie öffnete die Tür, bevor Luc es tun konnte. „Die Tür ist ziemlich schwer“, stellte sie fest, erhielt aber keine Antwort. Widerstrebend ließ sie sich dann beim Aussteigen helfen und sah sich um.

Was für ein Paradies! Die kleine Sandbucht, die Luc ausgesucht hatte, weitete sich zu beiden Seiten und gab den Blick auf die nahen Berghänge frei, die in den höheren Lagen mit Kastanien und weiter unten mit Olivenbäumen bewachsen waren. Eine Felsbarriere schützte die Bäume vor dem Wasser und ließ nur die kleine Bucht frei. Einzelne Büsche, in denen Insekten summten, standen dichter am Ufer. Es duftete nach wildem Thymian.

„Wie bezaubernd!“, seufzte Christina.

Luc hatte sie beobachtet. „Ja“, stimmte er zu. „Entdecke ich da eine neue Schwäche bei Ihnen?“

„Es ist einfach zu schön. Das Meer sieht so verlockend aus …“

„Schöne Frauen sollten Verlockungen immer nachgeben.“

Sie wusste, er wollte sie necken, und trotzdem errötete sie. Misstrauisch betrachtete sie ihn von der Seite. Zugegeben, er war sexy – unglaublich sexy sogar, aber was kam dann? Was für einen Charakter hatte er? Würde sie ihn am Ende auch gernhaben? Bisher hatte er sich nicht gerade bemüht, besonders freundlich oder umgänglich zu sein. Im Gegenteil. Er war es ganz offensichtlich gewohnt, dass man ihm folgte, ohne viel zu fragen.

Andererseits war er ein kultivierter Mann, der bestimmt die beste Erziehung genossen hatte. Und diese Spannung zwischen ihnen, die sie noch bei keinem anderen Mann gespürt hatte … Durfte sie der Versuchung nicht ein kleines bisschen nachgeben? Einfach abwarten, was geschehen würde? Sie konnte Erfahrungen sammeln, mehr Selbstvertrauen gewinnen …

Weiter kam Christina in ihren Überlegungen nicht. Sie war zu ehrlich, um sich etwas vorzumachen. Was wollte sie eigentlich noch abwarten? Sie hatte Luc doch schon viel zu bereitwillig nachgegeben, sich viel zu sehr mit ihm eingelassen. Noch nie hatte sie ihre übliche Vorsicht gegenüber fremden Männern so außer Acht gelassen!

„Was ist los?“, fragte Luc, der sie nicht aus den Augen ließ.

„Ach, gar nichts“, antwortete sie etwas atemlos. „Vielleicht sollte ich mir einfach weniger Schwächen erlauben.“

„Das wäre jammerschade.“

„Wirklich?“ Lachend breitete sie die Arme aus, als wollte sie Luft und Licht einfangen. „Doch in diesem Fall muss ich Ihnen fast recht geben. Es ist einfach zu schön hier. Das Meer glänzt wie ein Zauberspiegel. Ich würde mich am liebsten hineinstürzen.“

„In einen Zauberspiegel?“

Christina sah ihn spöttisch an. „Wer darin schwimmt, ist gezwungen, die Wahrheit zu sagen.“

Das schreckte ihn nicht. „Ich wüsste schon, welche Fragen ich stellen würde.“

Doch Christina band schon ihr Haar hoch und löste den Knoten ihrer Bluse, sodass der Bikini zum Vorschein kam, den sie darunter trug. Luc beobachtete sie genau.

„Ihrem Teint nach zu urteilen, haben Sie seit Wochen nicht gebadet oder in der Sonne gelegen“, bemerkte er.

„Zumindest seit mehreren Tagen nicht“, gab sie zu, streifte ihre Sandaletten ab und bohrte die Zehen in den weichen, warmen Sand. „Gestern konnte ich kurz entwischen, aber es war das erste Mal seit Athen.“

Sie zog noch die Shorts aus und war fertig. Nachdem sie ihre Sachen zusammengefaltet und auf die Schuhe gelegt hatte, rannte sie ins Wasser. Es reichte ihr gleich bis an die Hüften. Als sie sich umdrehte, stand Luc immer noch am Ufer.

„Los!“, rief sie. „Kommen Sie. Es ist himmlisch.“ Sie schöpfte mit beiden Händen Wasser und schleuderte es in die Höhe, sodass es in tausend schillernden Funken auf sie niedertropfte. „Na los! Warum zögern Sie noch? Sie bringen sich um ein einzigartiges Vergnügen.“

„Sie könnten recht haben“, antwortete er lächelnd, entkleidete sich schnell bis auf die schwarze Badehose und folgte ihr ins Wasser. Christina konnte gerade noch einen Blick auf seine muskulösen Beine und die kräftigen Schultern werfen, ehe er mit kraftvollen Armbewegungen an ihr vorbeikraulte. Jauchzend warf sie sich in die Wellen und schwamm hinter ihm her.

Natürlich war er ein viel zu guter Schwimmer, als dass sie ihn hätte einholen können. Sie war zwar selbst gut in Form, gab aber schließlich die Verfolgung auf.

Nach einer Weile kam er zurück, mit langen, kräftigen Schwimmstößen, mit jeder Bewegung dem fremden Element angepasst. Der Anblick faszinierte sie. Nie hätte sie geglaubt, dass sie einen Mann einmal so schön finden würde. Es war eine ganz neue und seltsame Erfahrung für sie.

Er trat etwas entfernt von ihr Wasser. „Ich habe vergessen, wie schön das hier ist“, sagte er. „Sie hatten recht … wie im Paradies.“

„Vergessen?“ Christina hatte ihn lange genug beobachtet, um zu erkennen, wie durchtrainiert er war. „Sie treiben wohl regelmäßig Sport, oder? So, wie Sie kraulen … Sie wirken sehr athletisch.“

„Leider fehlt mir oft die Zeit dazu. Ich bin nicht mehr so fit wie früher.“

„Trotzdem würde ich mich hüten, gegen Sie anzutreten.“

„Also kein Wettschwimmen zum Ufer?“, fragte er enttäuscht.

Sie dachte nicht lange nach. „Also gut, meinetwegen.“

Luc ließ ihr einen kleinen Vorsprung und folgte ihr – darauf hätte sie schwören können – nicht mit ganzer Kraft. Umso mehr strengte sie sich an und war gleichzeitig mit ihm am Ziel.

„Sie sind der klare Gewinner“, sagte sie und watete langsam ans Ufer. „Bei Weitem zu gut für mich. Wir passen überhaupt nicht zusammen. Sie gehören zu einer ganz anderen Gesellschaftsschicht. Glauben Sie, das weiß ich nicht? Ich bin keine Hochstaplerin.“

Luc überlegte. „Nein“, gab er dann zu. „Dafür sind Sie zu nüchtern und viel zu korrekt.“

Christina schüttelte das Wasser aus ihrem Haar. Die Tropfen blitzten in der Sonne. „Ich nehme die Dinge nur so, wie sie sind … und zwar genau so.“

Ihre Antwort irritierte ihn sichtlich. „Sie sind eine gefährlich gute Beobachterin. Man muss sich vor Ihnen in Acht nehmen.“

Christina ging zu dem kleinen Felsenüberhang, unter dem sie ihre Sachen abgelegt hatte, streckte sich auf dem warmen Sand aus und löste das Band aus ihrem Haar, sodass es ihr über die Schultern fiel.

Luc folgte langsamer nach und blieb dicht vor ihr stehen. „Sie sind also zu keiner Täuschung fähig?“, fragte er ironisch. „Zu keiner Ausrede … keiner kleinen Lüge?“

Sie sah blinzelnd zu ihm auf. „Nein, niemals. Das hat nur unangenehme Folgen.“

„Damit haben Sie vermutlich recht.“ Er setzte sich neben sie und blickte auf das weite Meer hinaus.

Christina nahm jede Bewegung von ihm wahr. Was ist bloß los mit mir? fragte sie sich zum hundertsten Mal. Sie fürchtete, Luc könne ihre Unsicherheit spüren, aber er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein.

„Sie lügen also niemals?“, hakte er nach einer längeren Pause nach. „Das könnte in der Liebe zum Problem werden.“

Christina fuhr auf, als wäre sie von einem der Insekten, die um die blühenden Büsche herumschwirrten, gestochen worden. „Wie bitte?“

Luc versuchte, sachlich zu bleiben. „Wie viel Wahrheit verträgt eine durchschnittliche Liebesbeziehung?“

„Woher soll ich das wissen?“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Also bis heute haben Sie keine einzige Affäre gehabt?“

Christina bemerkte zu spät, dass er sie manipuliert und in eine Falle gelockt hatte. „Es gab durchaus Affären, aber keine von ihnen war durchschnittlich“, erwiderte sie vorsichtig.

Die Antwort schien ihn zu überraschen, und sie war stolz, ihn so weit geschlagen zu haben. Sie stand also noch nicht völlig unter seinem Bann!

„Eins zu null für Sie“, gab er nach kurzem Bedenken zu. „Wann kommt es zu diesen außergewöhnlichen Affären? Etwa im Winter? Schweigen Sie darum so beharrlich über alles, was zwischen den Sommermonaten auf See liegt? Leben Sie mit jemandem zusammen?“ Die letzte Frage klang fast wie ein Vorwurf.

Christina hätte ihm liebend gern weisgemacht, dass es einen Mann in ihrem Leben gab, aber das widersprach ihrem Vorsatz, ehrlich zu sein.

„Nein“, gab sie zu und seufzte leise.

„Aber es hat Männer gegeben?“, forschte er weiter.

Das ging ihr nun doch zu weit. „Und es wird welche geben“, erwiderte sie und straffte die Schultern.

Sein Lachen klang etwas gezwungen. „Sehen Sie so Ihre Zukunft? Ein Mann hier, einer da … wie es sich gerade ergibt …“

Christina wollte sich empört abwenden, aber er umfasste ihren Arm.

„Lassen Sie mich los!“, befahl sie wütend, aber Luc zeigte sich ungerührt. Er beugte sich über sie, obwohl sie ihn mit aller Kraft zurückzustoßen versuchte. Dann packte er ihre Hände und drückte sie über ihrem Kopf in den Sand. Langsam kam er ihrem Gesicht mit seinem näher. Seine Augen glänzten, und Sekunden später – Christina kam es wie eine Ewigkeit vor – berührten sich ihre Lippen. Damit war ihr Widerstand gebrochen.

Sie schloss die Augen und gab sich seinem verzehrenden Kuss hin, den sie leidenschaftlich erwiderte. Ein Taumel hatte sie erfasst. Sie bebte am ganzen Körper und konnte sich nur langsam fassen, als er sie endlich losließ und erregt fragte: „Wer bist du?“

Sie atmete tief durch. „Sollte ich das nicht lieber dich fragen?“

Luc gab keine Antwort. Er küsste ihren Hals und ihre Schultern, löste ihr Bikinioberteil und reizte ihre Brustspitzen mit der Zunge. Christina stöhnte leise und bog sich ihm entgegen. Erst als sie merkte, dass Luc ihr auch den Slip abstreifen wollte, kam sie zu sich. Schlagartig wurde ihr klar, wie zielstrebig er vorgegangen war, ohne irgendetwas von sich preiszugeben. Was hatte er doch gesagt, bevor sie in sein Auto gestiegen war? „Wir brauchen Schatten und Einsamkeit.“

Hatte er die Verführung von Anfang an geplant? War er darum nicht an der Prinzessin interessiert gewesen, weil er davon ausging, dass sie ihm als seine Geliebte noch genug Informationen liefern würde?

Es widerstrebte Christina zutiefst, sich von Männern beherrschen zu lassen. Sie hatte Freunde gehabt, aber sich an keinen länger gebunden. Das Schicksal ihrer Mutter, bei der jede neue Affäre mit Tränen geendet hatte, war ihr eine Warnung gewesen.

Luc spürte ihre plötzliche Zurückhaltung. „Bleib bei mir“, bat er. „Komm zu mir zurück.“

Doch Christina hatte schon zu viel nachgedacht und war aus dem Rausch erwacht. Sie warf sich auf die Seite, und nach kurzem Zögern ließ er sie gewähren. Er atmete tief ein und aus, wobei sich seine Brust hob und senkte, als hätten sie gerade erst das Wettschwimmen hinter sich. Christina konnte seine Erregung nicht übersehen und wandte sich beschämt ab.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Ich hätte früher …“

Ja, was denn? Früher aufhören sollen? Bestimmt war er jetzt wütend auf sie, denn er hatte keinen Anlass gehabt, an ihrer Bereitschaft zu zweifeln. Er war zweifellos davon ausgegangen, dass auch sie sich nach Erfüllung sehnte.

Wenn er wütend war, zeigte er es jedoch nicht. „Du steuerst einen gefährlichen Kurs, Skipper“, sagte er nur. Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Aber wir sind beide schuld, weil wir nicht aufgepasst haben. Du wolltest mich nicht täuschen, und daher ist dir auch kein Vorwurf zu machen.“

Christina tastete nach ihrem Bikinioberteil. Luc bemerkte ihre Verlegenheit, griff kurz über sie hinweg und reichte ihr das winzige Stückchen Stoff. „Hier. Damit fühlst du dich wieder wohl.“

Wenn es doch so gewesen wäre! Wie sollte sie sich wohlfühlen, solange sie noch am ganzen Körper bebte.

„Beruhige dich“, bat er. „Es ist nichts passiert.“

Nichts passiert? Oh doch, für sie war sogar viel geschehen. Luc fand offenbar schnell wieder zu sich, aber ihr kam es vor, als wäre sie in den Zauberspiegel versunken und als neues Wesen wieder aufgetaucht. Hatte sie sich etwa verliebt? Nein, das war unmöglich. Nicht in einen Mann, den sie kaum kannte und dem sie nicht trauen konnte.

„Oh nein!“, sagte sie leise. Luc war ans Ufer gegangen, um ihr Zeit zum Anziehen zu lassen. Als er zurückkam, trug sie wieder Bluse und Shorts und versuchte, den feinen Sand abzustreifen.

„Ich begreife jetzt, warum dich Komplimente misstrauisch machen“, stellte er fest.

„Das ist nicht fair“, protestierte sie, obwohl sie erleichtert war, dass er zu einem normalen Ton zurückkehrte. „So, wie ich jetzt aussehe …“

„Ich meine nicht dein Aussehen. Ich meine die Art, wie du mit deinen Gefühlen umgehst.“

„Ich habe gesagt, dass es mir leidtut.“

„Hältst du jeden so auf Abstand … oder nur mich?“

„Es gab Affären, ja …“

„Keine durchschnittlichen, wenn ich mich recht erinnere.“ Da war wieder sein typischer leicht ironischer Ton. „Ich muss sagen, ich bewundere deine Beherrschung. Könntest du dir vorstellen, dass du sie eines Tages verlierst?“

„Nein“, erwiderte sie schärfer als nötig, denn genau davor hatte sie plötzlich Angst. So, wie er jetzt vor ihr stand, nur in Badeshorts, sonnengebräunt und muskulös, ging von ihm dieselbe Kraft, dieselbe Arroganz und dieselbe männliche Potenz aus, die sie von Anfang an bei ihm bemerkt hatte. Er war wirklich ein einzigartig faszinierender Mann.

Sie strich sich das Haar aus der Stirn und sagte betont locker: „Ich muss zurück, wenn ich meinen Job nicht verlieren will.“

Luc sah sie lange an. Nie hatten seine Augen dunkler, fast schwarz gewirkt. „Ist das alles?“

Sie zuckte die Schultern und griff nach ihren Sandaletten. „Es ist der mieseste Job, den ich seit Langem gehabt habe, aber doch immerhin ein Job. In drei Wochen bin ich davon erlöst.“

„In der Zeit kann viel passieren.“

„Das ist mir klar. Ich könnte ertrinken …“

„… oder deinem Arbeitgeber begegnen.“

Der Prinz! Den hatte Christina ganz vergessen. „Vielleicht taucht er ja gar nicht auf“, entgegnete sie, „und wenn doch, wird er sich kaum mit der Schiffsköchin abgeben. Nur weil er mich bezahlt, muss ich mich ja nicht gleich in ihn verlieben.“

Für einen Moment herrschte angespanntes Schweigen, dann sagte Luc: „Nein, das musst du nicht, oder?“

5. KAPITEL

Lucs Stimmung hatte sich verändert. Er schien plötzlich weit weg zu sein. Liegt es an mir? fragte sich Christina. Habe ich etwas gesagt, das ihn gekränkt hat? Will er nicht an den Prinzen von Kholkhastan erinnert werden, weil er seinen Job vernachlässigt, um mit mir am Strand zu liegen?

Sie beschloss, sich ein für alle Mal Klarheit zu verschaffen, und fragte: „Wo liegt eigentlich Kholkhastan?“

„Das weißt du nicht?“

„Bevor ich diesen Job annahm, hatte ich noch nie davon gehört.“

Luc zuckte die Schultern. „Da bist du sicher nicht die Einzige. Kholkhastan ist ein kleines Fürstentum im Himalaja.“

„Ein Fürstentum? Ist das nicht reichlich unzeitgemäß?“

„Es ist einzig auf seine Art, darin hast du recht.“ Er sagte das so gelangweilt, als ginge ihn das alles wenig an, aber Christina spürte, dass er etwas vor ihr verbarg.

„Wie entstand dieses Fürstentum?“, hakte sie nach.

„Das lässt sich nicht genau sagen.

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