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ROMANA EXTRA BAND 58

JENNIFER FAYE

Heiratsantrag auf Hawaii

An Liebe glaubt der griechische Tycoon Nikolaos Stravos nicht. Doch als Sofia ihm überraschend gesteht, dass sie sein Kind erwartet, denkt er sofort an Heirat. Natürlich nur aus Vernunftgründen, oder?

NORAH WEST

Sinnliche Küsse am Comer See

Modedesigner Fabio Camello scheint wirklich ein gewissenloser Playboy zu sein! Trotzdem schmilzt die junge Lucy ungewollt dahin, als er sie in seiner Villa am Comer See mit einem Kuss überrascht …

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Sambanächte mit dem Boss

Ein Spiel mit dem Feuer beginnt, als Marianne sich in ihren neuen Boss Eduardo de Souza verliebt. Denn der attraktive Brasilianer ist nicht nur heißblütig – er hat auch ein Geheimnis …

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Mit dir im Garten unserer Liebe

Unternehmer Linc MacKay sollte besser ignorieren, wie sehr er sich zu der hübschen Gärtnerin Cecilia hingezogen fühlt. Schließlich ist sie als seine Mitarbeiterin absolut tabu für ihn!

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Heiratsantrag auf Hawaii

PROLOG

Der Brautstrauß flog direkt auf Sofia Moore zu, und sie fing ihn geschickt auf. Glücklicherweise war sie nicht allergisch gegen die weißen Lilien und blauen Orchideen, aus denen das elegante Brautbukett ihrer besten Freundin Kyra bestand.

Applaus ertönte, und als sie aufsah, blickte sie geradewegs in ein Paar strahlend blauer Augen. Unwillkürlich beschleunigte sich ihr Herzschlag.

Niko Stravos sah gleich wieder beiseite, doch es war offensichtlich, dass sie ihm gefiel. Dasselbe galt auch umgekehrt. Sie fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Kein Wunder, er sah toll aus, dunkel und geheimnisvoll, und da war noch mehr, das sie nicht in Worte zu fassen vermochte.

Gemächlich schlenderte Sofia zu ihm hinüber. Gerade noch hatten sie vergnügt miteinander geplaudert und gescherzt, nun wirkte er seltsam steif und angespannt. „Wollen wir tanzen?“, fragte sie dennoch. Sie war nicht bereit, den netten Abend schon enden zu lassen.

Befangen betrachtete Niko das Bukett. „Bist du denn nicht müde?“

„Im Gegenteil! Ich liebe Hochzeiten.“ Zum ersten Mal seit ihrer geplatzten Verlobung amüsierte sie sich wieder richtig gut. „Du etwa nicht?“

„Was?“

„Magst du keine Hochzeiten?“

Erneut fiel sein Blick auf die Blumen in ihrer Hand. „Nicht besonders. Außerdem habe ich meist zu viel zu tun, um hinzugehen.“

„Umso gründlicher solltest du diese Gelegenheit auskosten. Kyra weiß bestimmt zu schätzen, dass du für sie eine Ausnahme machst.“

Als sie bemerkte, dass er den Brautstrauß immer wieder skeptisch betrachtete, legte sie ihn beiseite. „Ich liebe diesen Song. Lass uns tanzen!“

Verlegen wich er ihrem Blick aus. „Ich … ich darf dich nicht den ganzen Abend mit Beschlag belegen. Ich sollte gehen.“

„Aber wir amüsieren uns doch prächtig!“ Niko tat ihr gut, bei ihm fühlte sie sich endlich wieder lebendig, nach einer langen, unglücklichen Beziehung.

Zögernd gab er nach und bot ihr seinen Arm. „Darf ich bitten?“ Er geleitete sie auf die Tanzfläche unter einem weißen Pavillon am Strand des Blue Tide Resorts, die eingefasst war von festlich gedeckten, mit Kerzen und Blumengestecken geschmückten Tischen. Die übrigen Hochzeitsgäste feierten ausgelassen, und Sofia ließ sich von der guten Stimmung mitreißen.

Unvermittelt lächelte auch Niko. „Du bist ganz anders als die Frauen, die ich sonst kenne. Ich weiß nie, was ich von dir erwarten soll.“

„Ich habe allzu lange versucht, den Erwartungen anderer zu entsprechen, aber sosehr ich mich auch bemüht habe, genügt hat es nie. Am Ende ist es trotzdem zur Katastrophe gekommen. Seither lebe ich nach meinen eigenen Regeln.“

„Funktioniert das?“

„Ziemlich gut sogar. Du solltest es einmal ausprobieren.“

„Wieso denkst du, dass ich das nicht ohnehin tue?“

„Es ist nur so ein Gefühl.“ Niko wirkte ausgesprochen konservativ. Steif wie ein Tanzschüler hielt er sie in seinen Armen, nicht zu nah an sich herangezogen, seine Hände lagen exakt an den vorgeschriebenen Stellen. Andererseits trug er das dunkle wellige Haar eine Spur zu lang, und wenn er sich unbeobachtet glaubte, verschlang er sie geradezu mit Blicken. Der Gedanke, dass er eine geheime, impulsive Seite besaß, gefiel ihr.

Um ihn aus seiner Komfortzone zu holen, schmiegte Sofia sich an ihn. Als ihre Brust seinen Oberkörper streifte, schnappte er nach Luft.

„Keine Angst, ich beiße nicht“, raunte sie ihm zu und kam sich dabei vor wie eine Draufgängerin. Ob das gedämpfte Licht oder der Champagner schuld an ihrem Anflug von Verwegenheit war, wusste sie nicht. Sie hatte jedenfalls viel zu viel Spaß daran, um aufzuhören.

Leise lachend zog Niko sie fester an sich. Ganz nah. Eng umschlungen tanzten sie weiter. Sein Atem streifte ihren Nacken, und auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut. „Kann es sein, dass du mich zu manipulieren versuchst?“

Ihr Pulsschlag beschleunigte sich, sie musste schlucken. „Wäre das so schlimm?“

„Das ist noch niemandem gelungen.“

„Lass es einfach zu, sonst verpasst du möglicherweise etwas.“ Für flüchtige Affären war Sofia sonst nicht zu haben, doch in dieser Nacht unterlag die Stimme der Vernunft ihren Gefühlen. Sie schlug alle Vorsicht in den Wind und beschloss, für Niko eine Ausnahme zu machen.

„… Sofia, hast du mich gehört?“

„Entschuldige, es ist so laut hier.“ Tief in Gedanken versunken, hatte sie nicht mitbekommen, was er sagte, dabei hatte er eine herrliche tiefe Stimme und einen sexy Akzent.

„Wollen wir auf meine Suite gehen? Dort können wir unsere Unterhaltung ungestört fortsetzen. Oder möchtest du lieber die Nacht durchtanzen?“

Beinahe hätte sie seine Einladung ausgeschlagen, doch sie besann sich gerade noch rechtzeitig. Am nächsten Tag würde er abreisen, während sie ihr blaues Chiffonkleid gegen die schwarz-weiße Zimmermädchenuniform eintauschte. Nichts sprach dagegen, sich eine märchenhafte Nacht zu gönnen, von der sie noch jahrelang träumen konnte …

1. KAPITEL

Zwölf Wochen später

Nikolaos Stravos duschte in aller Eile. Er hatte verschlafen. Das war ihm noch nie passiert. Das Blue Tide Resort schien ihn zu atypischem Verhalten zu verleiten. Bei seinem letzten Aufenthalt hatte er den ersten One-Night-Stand seines Lebens gehabt. Die Erinnerung an die Stunden mit der faszinierenden Frau ließ ihn lächeln.

Seit jener Nacht hatte sich viel verändert in seinem Leben. Er war inzwischen alleiniger Geschäftsführer des Stravos Trusts, eine Position, auf die er von Jugend an vorbereitet worden war und die geradezu übermenschliche Anstrengungen von ihm forderte.

Angefangen hatte alles hier im Resort, bei der Hochzeitsfeier seiner neu gefundenen Cousine Kyra mit dem Hotelier Cristo Kiriakas. Das Fest hatte für Niko in einer unvergesslichen Nacht mit der Brautjungfer Sofia geendet. Kurz darauf war sein Großvater einem Herzanfall erlegen, plötzlich und unerwartet, und er war ganz allein dagestanden – nicht zum ersten Mal in seinem Leben.

Er drehte den Wasserhahn zu, schnappte sich ein Badetuch und frottierte sich ab. Statt sich gedanklich auf die Konferenz mit Cristo vorzubereiten, ging ihm Sofia nicht aus dem Kopf. Er nahm sich vor, sich nach ihr zu erkundigen, denn er wusste so gut wie nichts über sie. Als er am Morgen nach der Hochzeit aufgewacht war, war sie nicht mehr da gewesen, verschwunden wie ein Traum.

Ein Poltern riss ihn aus seinen Gedanken. Es klang, als wäre etwas umgefallen. Was und warum? Er hatte kein Fenster offen stehen gelassen, Zugluft konnte also nicht die Ursache sein. Er beschloss nachzusehen, was passiert war, schlang das Handtuch um seine Hüften und ging los. Auf den Fliesen machten seine nackten Füße kein Geräusch.

Im Wohnzimmer entdeckte er die Ursache für das Poltern: Eine schöne junge Frau hatte offenbar die Lampe auf dem Ecktisch umgeworfen. Gerade versuchte sie, sie aufzurichten. Als sie ihn bemerkte, zuckte sie zusammen und schrie vor Schreck auf.

Es dauerte einen Moment, ehe ihm bewusst wurde, dass er sie kannte: Es war Sofia, Kyras Brautjungfer. Ihr Blick fiel auf das Handtuch um seine Hüften, und sie errötete heftig. Das amüsierte ihn, schließlich hatten sie eine leidenschaftliche Nacht miteinander verbracht.

Es tat Niko zwar leid, sie erschreckt zu haben, doch die unerwartete Begegnung ließ ihn seine guten Manieren vergessen. Statt sich zurückzuziehen, um sich etwas überzuziehen, fragte er: „Was machst du denn hier?“

Sie öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Unvermittelt drehte sie sich um und stürmte aus der Tür, aus dem Bungalow.

„Hey, warte!“ Das hatte er nicht beabsichtigt. Verblüfft registrierte er, wie sehr ihn das Wiedersehen freute. Sie durfte ihm nicht entkommen! Erst wollte er den Grund für ihren Besuch erfahren. Kurz entschlossen lief er ihr hinterher. Erst als er im Freien stand, wurde ihm bewusst, dass er nichts am Leib trug als ein Handtuch. Verlegen blieb er stehen und sah ihr nach.

Während andere Frauen sich an ihn klammerten, lief Sofia immer wieder vor ihm davon. Das erregte seine Neugier. Er nahm sich vor, bei der nächsten Begegnung behutsamer vorzugehen.

Eine Hand aufs Geländer gestützt, sah er ihr nach, bis sie außer Sicht war. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie eine Zimmermädchenuniform trug. Arbeitete sie etwa im Hotel?

Ein Pfiff ertönte, und er wandte sich um. Vor dem Nachbarbungalow sonnte sich eine hübsche Brünette im roten Bikini. Sie lächelte und winkte ihm zu, doch er erwiderte die Geste nicht.

Drinnen klingelte sein Handy zur Erinnerung an seinen Termin in fünfzehn Minuten. Widerwillig kehrte er ins Haus zurück, aber Sofia ging ihm nicht aus dem Kopf. Hatte sie die gemeinsame Nacht ebenso wenig vergessen können wie er? War das der Grund für ihren Besuch? Wieso war sie dann geflohen? An seiner spärlichen Bekleidung lag es sicher nicht.

Nachdenklich schlüpfte er in den erstbesten Anzug. Seine Erfahrungen mit Frauen waren begrenzt, und daran gedachte er so bald auch nichts zu ändern. Sollte er eines Tages heiraten, würde es eine Vernunftehe sein. Er hatte in seinem Leben bereits zu viele Verluste erlitten, um sein Herz für eine Romanze aufs Spiel zu setzen. An Liebe glaubte er ohnehin nicht. Eine strategisch geplante, auf Respekt und gemeinsamen Zielen basierende Ehe erschien ihm als ideal für alle Beteiligten.

Vergiss Sofia, sagte er sich. Sie erwartete vermutlich etwas Dauerhaftes, während er ihr bestenfalls flüchtige Aufmerksamkeit schenken könnte. Bereits am nächsten Morgen musste er auf eine Mission abreisen, auf die sein Großvater ihn gesandt hatte. Für die schöne Frau mit den geheimnisvollen Augen blieb ihm keine Zeit.

Sofias Herz pochte heftig, als sie in den Umkleideraum im Untergeschoss des Resorts schlüpfte. Es war Vormittag, ihre Kollegen waren bei der Arbeit, während die Hotelgäste sich am Strand in der Sonne aalten, Golf spielten oder die malerische griechische Küste erkundeten.

Sie trat an ihren Spind und lehnte sich schwer atmend dagegen. Was wollte Niko im Blue Tide Resort? Warum hatte Kyra nichts von seinem Besuch erwähnt? Mit bebenden Händen zog sie ihr Handy aus der Tasche. Ihre Augen brannten, ihr Magen revoltierte. Die unerwartete Begegnung hatte sie zutiefst erschüttert. An der Tür seines Bungalows hatte kein Bitte nicht stören-Schild gehangen. Wie vorgeschrieben, hatte sie dennoch mehrfach angeklopft und war erst eingetreten, als sie keine Antwort erhalten hatte. Daher hatte sie sich fast zu Tode erschreckt, als jemand ins Zimmer getreten war. Ausgerechnet Niko! Mit bebenden Fingern schrieb sie eine Nachricht an Kyra:

Er ist hier!

Sekundenlang passierte nichts. Wenn man Kyra einmal brauchte … Unwillkürlich legte sie eine Hand auf ihren noch flachen Bauch. „Schon gut, Kleines. Wir kriegen das hin, das verspreche ich dir.“ Ungeduldig tippte sie:

Ich brauche dich.

Endlich antwortete Kyra.

Bin schon da. Wer ist hier?

Niko. Was soll ich nur tun?

Willst du ihn sehen?

Sofia hatte Kyra nichts von dem One-Night-Stand erzählt, obwohl sie bisher alles mit ihrer besten Freundin geteilt hatte. Niko war Kyras neu entdeckter Cousin, das machte es so kompliziert. Außerdem gab es noch etwas, das sie ihr verheimlichte: ihre Schwangerschaft. Davon hatte sie selbst erst Anfang der Woche erfahren. Sie wollte es Kyra sagen, sobald sie wusste, wie Niko dazu stand.

Nein. Ja. Ich weiß nicht.

Soll ich ihm etwas von dir ausrichten?

Nein!

Sag Bescheid, falls du deine Meinung änderst.

Wie immer zeigte sich Kyra großzügig und hilfsbereit. Sie hatte ihrer Freundin auch einen Platz im Programm für das hauseigene Managementtraining verschafft. Trotzdem dachte Sofia ernsthaft darüber nach, in die USA zurückzukehren und dort Rechnungswesen zu studieren. Sie hatte schon immer ein Händchen für Zahlen gehabt.

Kyras Angebot, die Vermittlerin zwischen ihr und Niko zu spielen, war verlockend, doch sie musste ihn persönlich sprechen. Wie würde er wohl auf ihre Neuigkeit reagieren?

Beschwingt kehrte Niko in seinen Bungalow zurück. In einer Hand hielt er die Notizen, die er während des Treffens mit Cristo angefertigt hatte, mit der anderen löste er seine Krawatte und öffnete die obersten Hemdknöpfe. Aus Gewohnheit war er im Anzug zu dem Meeting gegangen. In formeller Kleidung fühlte er sich mehr in Kontrolle, ganz wie sein Großvater es ihm vorgelebt hatte. Da sein Vater jung verstorben war, war Niko die Rolle des Konzernerben zugefallen. Er tat alles, um seinen Vater und Großvater stolz auf sich zu machen.

Cristo dagegen war leger gekleidet erschienen, obwohl der Ankauf der Stravos-Star-Hotelkette ein wichtiges Projekt war. Die Verhandlung war gut verlaufen, und Niko hätte eigentlich in Hochstimmung sein müssen, aber sobald er das Wohnzimmer betrat, hatte er ein schlechtes Gewissen.

Sofia hatte ihn angesehen wie Rotkäppchen den bösen Wolf. Er hätte sie nicht so unfreundlich ansprechen dürfen!

Kopfschüttelnd setzte er sich hinter den geräumigen Schreibtisch und schaltete den Laptop ein. Seit dem Morgen waren zahlreiche geschäftliche E-Mails eingetroffen. Sie würden noch eine Weile warten müssen. Stattdessen formulierte er ein Schreiben an seine Rechtsabteilung bezüglich seiner Absprachen mit Cristo. Dabei drängte sich immer wieder Sofia in seine Gedanken. Er erinnerte sich an ihren erschrockenen Blick und ihre Flucht. Mühsam konzentrierte er sich wieder auf seine Arbeit und las die Mail aufmerksam durch, bevor er sie abschickte. Inzwischen waren weitere Nachrichten in seiner Eingangsbox aufgelaufen, aber erneut musste er an Sofia denken.

Was hatte sie nur zu ihm geführt? Sie hatte geradezu ängstlich ausgesehen. Da er ahnte, dass er sich erst wieder auf die Arbeit konzentrieren konnte, wenn er die Antwort darauf kannte, griff er zum Telefon. An der Rezeption bat er, man möge ihm das für seine Räume zuständige Zimmermädchen schicken. Er hätte Papiere verlegt, die sie ihm finden helfen sollte. Geradeheraus nach Sofia zu fragen hätte zu viele Fragen aufgeworfen.

Kaum fünf Minuten später klopfte es an der Tür. Draußen stand Sofia, einen Stapel flauschiger weißer Handtücher im Arm. „Hallo! Danke, dass du gekommen bist.“

Verlegen wich sie seinem Blick aus. „Ich … ich habe keine Unterlagen bemerkt.“

„Wie auch? Du warst ja wie der Blitz aus der Tür.“

„Ich wusste nicht, dass sich noch jemand im Bungalow aufhält.“

Niko hatte bis spät nachts gearbeitet und morgens verschlafen. Obendrein hatte er vergessen, das Nicht stören – Schild aufzuhängen. Das beantwortete einige seiner Fragen, aber längst nicht alle. „Ich verstehe. Trotzdem müssen wir reden.“

Ängstlich sah sie ihn an. „Das … müssen wir wohl.“

Ihr Missbehagen und der nervöse Blick verrieten ihm, dass ihm nicht gefallen würde, was sie zu sagen hatte. Allerdings hatte er nicht die leiseste Vorstellung, worum es sich handeln könnte. Am besten machte er kurzen Prozess und verabschiedete sich hier und jetzt für immer von ihr. Stattdessen trat er beiseite. „Komm rein!“

Sie zögerte, dann ging sie an ihm vorbei, bemüht, ihn ja nicht zu berühren. Die Hände ringend, blieb sie im Wohnzimmer stehen.

„Setz dich“, forderte er sie auf.

Zaghaft ließ sie sich auf die äußerste Kante der Couch sinken und verschränkte die Hände im Schoß. Eine Weile herrschte drückende Stille.

„Worüber möchtest du reden?“ So schlimm, wie ihre Körpersprache es andeutete, konnte es kaum werden. Wahrscheinlich bedauerte sie im Nachhinein, dass sie am Morgen nach der Hochzeit ohne Abschied gegangen war und hoffte auf eine zweite Chance. Leider musste er ihr eine Abfuhr erteilen, so gern er sie näher kennengelernt hätte. An eine ernsthafte Beziehung konnte er nicht einmal denken, sein Arbeitspensum ließ es nicht zu. Das würde er ihr behutsam beibringen, um ihr nicht wehzutun.

Sie wirkte sehr verletzlich und weckte einen Beschützerinstinkt in ihm, den Niko nie zuvor an sich bemerkt hatte. Ihre großen braunen Augen glänzten feucht, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Weinende Frauen waren ihm ein Gräuel. Daher stellte er, wenn er sich gelegentlich für Geschäftsessen oder soziale Events mit Frauen verabredete, immer schon im Vorfeld klar, dass nichts Ernsthaftes daraus erwachsen würde.

Hatte er ihr das auch erklärt? Seine Erinnerungen an die Hochzeit waren verschwommen. Er wusste noch, dass sie allein am Tisch gesessen und er sie angesprochen hatte. Sie hatte ihn fasziniert, besonders ihr Lächeln hatte es ihm angetan. Es ließ ihr Gesicht erstrahlen und war unglaublich ansteckend. Sie hatten getanzt und Champagner getrunken, und er hatte sich gewünscht, die Nacht würde nie enden.

Die Frau, die ihm in diesem Moment gegenübersaß, besaß wenig Ähnlichkeit mit der sprudelnden, mitreißenden Brautjungfer. Sie sah aus, als würde das Gewicht der Welt auf ihren schmalen Schultern lasten.

Ihre Probleme gehen dich nichts an, rief er sich energisch zur Ordnung. So gern er ihr auch helfen würde, morgen schon musste er abreisen.

Sofia hatte keine Ahnung, warum Niko sie zu sich beordert hatte. Seine Räume waren sauber, sie war später am Morgen zurückgekehrt und hatte sie gründlich geputzt und mit frischen Handtüchern ausgestattet. Als sie bemerkte, dass sie den Stapel immer noch in den Händen hielt, legte sie ihn neben sich aufs Sofa.

An die gemeinsame Nacht anknüpfen wollte er offenbar nicht, dazu sah er viel zu ernst drein. Hatte er womöglich von ihrer Schwangerschaft erfahren? Unmöglich. Sie wusste es ja selbst erst seit wenigen Tagen und hatte niemandem davon erzählt.

Am klügsten wäre es, ihm rasch reinen Wein einzuschenken, doch sie brachte die Worte nicht über die Lippen. Sein eindringlicher Blick machte sie verlegen, und sie starrte zu Boden. Ihr wurde übel.

Sprich es aus, du willst schließlich nichts von ihm, sagte sie sich. Sie beabsichtigte, sich allein um ihr Baby zu kümmern, fand aber, er hätte ein Recht, von seiner Vaterschaft zu erfahren.

Niko räusperte sich. „Du bist vermutlich gekommen, weil du denkst, wir könnten weitermachen, wo wir aufgehört haben …“

„Was? Nein!“

„Nicht?“, fragte er verblüfft.

„Wofür hältst du mich?“ Verärgert presste Sofia die Lippen aufeinander. Sie würde sich ihm nie an den Hals werfen, so sexy und reich er auch war.

„Verzeih mir. Ich habe wohl voreilig Schlüsse gezogen.“ Ganz glaubte er ihr jedoch nicht. „Wieso wolltest du mit mir reden?“

„Ich … ich …“ Mit einem Mal wurde ihr entsetzlich übel. Um sich nicht in seiner Anwesenheit zu übergeben, sprang sie auf und lief zur Tür. Sie würde ihm später von der Schwangerschaft berichten, sobald sie sich besser fühlte.

„Warte“, hörte sie ihn rufen.

Vor der Tür des Bungalows blieb sie stehen, umfasste Halt suchend das Treppengeländer und atmete tief durch. Allmählich beruhigte sich ihr Magen. „Ich muss dir etwas sagen“, begann sie zaghaft. „Es geht um unsere gemeinsame Nacht.“

„Schon gut.“ Niko trat neben sie. Seine Stimme klang viel sanfter als eben. „Ich verstehe. Ich muss auch immer wieder daran denken.“

„Wirklich?“

„Sie war etwas Besonderes. Leider bist du verschwunden, ohne dich zu verabschieden. Ich dachte, du bereust, was geschehen ist.“

Ihr stockte der Atem. Träumte sie, oder hatte sie ihn völlig falsch eingeschätzt? „Meinst du das ernst? Dass es dir etwas bedeutet hat?“

Niko senkte den Kopf und küsste Sofia auf den Mund. Sein Kuss ließ keinen Raum für Zweifel und versetzte sie sofort zurück in jene magische Nacht. Zugegeben, der Champagner und die romantische Musik hatten ihren Teil beigetragen, aber es war Niko gewesen, der ihr Herz im Sturm erobert hatte.

Seine Lippen verscheuchten ihre Ängste, und reine, ungetrübte Leidenschaft erwachte in ihr. Jetzt wusste sie wieder, wie es hatte geschehen können, dass ihr Verstand ausgesetzt hatte und sie der Stimme ihres Herzens gefolgt war. Aus der Nacht hätte nichts Ernstes erwachsen sollen, dennoch hatte sie ungeahnte Konsequenzen gehabt. Lebensverändernde sogar.

Niko streichelte über ihren Rücken. Sofia entspannte sich unter seinen Händen und lehnte sich an ihn. Sie schlang die Hände um seinen Nacken und vergrub die Finger in seinem dunklen Haar …

Peng!

Wie vom Blitz getroffen, schrak sie zurück und wandte sich um. Erst sah sie den Volleyball, dann lief eine Gruppe von Mädchen auf den Bungalow zu. Sie entschuldigten sich vielmals. Niko versicherte ihnen, dass nichts passierte wäre.

Währenddessen versuchte Sofia zu begreifen, wie es so weit hatte kommen können. Verlegen presste sie die Hand an ihre Lippen, wo sie seinen Kuss noch immer spürte. Ihr Herz pochte heftig. Innerlich schalt sie sich. Sie hätte sich beherrschen müssen. Ihren Gefühlen nachzugeben würde ihre Lage nur unnötig verkomplizieren.

Als Niko zu ihr trat, wäre sie am liebsten davongelaufen, um seinen unausweichlichen Fragen auszuweichen.

„Denk nicht einmal daran. Diesmal bin ich angezogen. Du entkommst mir nicht.“

„Der Kuss … das darf nicht noch einmal geschehen.“ Bring es hinter dich, riet ihr eine innere Stimme. Je eher, desto besser. Ihre Handflächen waren feucht, ihr Mund fühlte sich wie ausgetrocknet an. Was sie zu sagen hatte, würde einen Keil zwischen sie treiben und alles unwiderruflich verändern.

„Was hast du mir denn nun zu sagen?“, fragte er ernst.

Erneut tat ihr Magen einen Satz. Die Worte, die sie mühsam einstudiert hatte, waren wir fortgeblasen.

„Sofia?“

Du bist nicht von allein in diese Situation geraten, sagte sie sich, doch das machte es nicht besser. Wieso nur fiel es ihr so schwer, darüber zu sprechen? Weil er ihr die Schuld geben würde!

„Ich habe nicht viel Zeit“, drängte Niko mit einem Blick auf seine teure Armbanduhr. „Sollen wir später reden?“

„Nein!“

„Dann ist es anscheinend wichtig.“ Als sie nur nickte, hielt er ihr die Tür auf. Sie kehrten in den Bungalow zurück.

Sofia wusste, sie brauchte nur drei Worte zu sagen: Ich bin schwanger. Wieso brachte sie sie nicht heraus?

„Möchtest du etwas trinken? Eine Mimosa vielleicht?“, fragte Niko und ging zur Minibar.

Alkohol wollte sie in ihrem Zustand nicht trinken. „Ich bin noch im Dienst“, erklärte sie knapp. „Hast du ein Wasser für mich?“

Er reichte ihr das Gewünschte. „Hier. Worüber wolltest du denn nun mit mir reden?“

Sie befeuchtete ihre trockene Kehle. „Ich bin schwanger.“

Einen Moment lang schien die Welt stillzustehen, und Niko erblasste. „Ist … ist es von mir?“, stieß er mühsam heraus.

„Natürlich. Glaubst du etwa, dass ich mit jedem Mann ins Bett gehe, dem ich begegne?“

„Woher soll ich das wissen?“ Er schüttelte den Kopf. „Entschuldige. Ich kann gerade nicht klar denken.“ Er begann, im Zimmer auf und ab zu laufen. Irgendwann blieb er stehen und sah sie an. „Wie konnte das nur passieren?“ Erneut schüttelte er den Kopf. „Vergiss es, das war eine dumme Frage. Ich stehe unter Schock. Wir haben doch aufgepasst!“

„Was genau passiert ist, werden wir wohl nie erfahren. Es ändert auch nichts am Ergebnis.“

Niko wurde noch eine Nuance blasser. „Die Dinge sind ziemlich aus dem Ruder gelaufen.“

Das war die Untertreibung des Jahrhunderts! Sofia hatte an einen One-Night-Stand nie auch nur gedacht – bis Niko ins Spiel gekommen war. Er war sexy und freundlich zugleich gewesen, eine unwiderstehliche Kombination aus Zärtlichkeit, Leidenschaft und Kraft.

Seltsamerweise ging es ihr seit ihrem Geständnis besser. Das hatte sie nicht erwartet. Lag es daran, dass sie ihr unfassbares Geheimnis nicht länger allein mit sich herumtrug? Von nun an könnten sie Entscheidungen gemeinsam treffen.

„Bist du dir auch ganz sicher?“

„Ich war diese Woche beim Arzt. Er hat meinen Verdacht bestätigt.“

Niko ließ den Kopf hängen. „Oh.“

Irgendwie tat er ihr leid. Bestimmt hatte er nicht geplant, in absehbarer Zeit eine Familie zu gründen. Die Nachricht hatte ihn aus heiterem Himmel getroffen. Doch wie sonst hätte sie sie ihm beibringen sollen? Natürlich könnte sie von ihm verlangen, einen Teil der Verantwortung zu übernehmen, doch das wollte sie nicht. Sie hatte ihn lediglich informiert, weil er als Vater ein Anrecht darauf hatte.

„Mir ist natürlich klar, dass du kein Kind willst.“

Er hob den Kopf und sah sie an. „Und was willst du?“

Sofia hätte es vorgezogen, den Vater ihres Kindes zu lieben, eine Familie mit ihm zu gründen. Sie mochte Niko sehr, glaubte aber nicht an Liebe auf den ersten Blick. In jener Nacht hatte eine wahnsinnige Chemie zwischen ihnen geherrscht, mehr war es aber nicht gewesen.

„Ich behalte das Baby, falls du darauf abzielst.“

Seine Miene war undurchdringlich. „Ich brauche Zeit, um alles zu verdauen.“

„Natürlich. Wie lange?“

Zerstreut strich er sich durchs Haar. „Keine Ahnung. Warum?“

„Weil ich in zwei Wochen abreise. Bitte verrate es niemandem, ich habe noch nicht gekündigt.“

„Wohin gehst du?“

„Nach Hause, zurück nach New York. Ich will mein Baby …“

„Unser Baby.“

„Unser Baby soll im Kreis meiner Familie aufwachsen.“

Niko wollte gerade etwas erwidern, als ihr Handy klingelte. Sofia sah auf das Display. „Das ist meine Chefin. Ich muss drangehen.“

2. KAPITEL

Völlig außer sich, lief Niko im Zimmer auf und ab. Sofia war, zu ihrer offensichtlichen Erleichterung, an die Arbeit zurückbeordert worden. Sie hatten noch Telefonnummern ausgetauscht, und er hatte versprochen, sich bei ihr zu melden, sobald er dazu bereit war.

Das könnte noch eine Weile dauern, denn er war weder in der Lage, klar zu denken, noch einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Niko hatte sein Leben durchgeplant, doch dann hatte der plötzliche Tod seines Großvaters alles durcheinandergewirbelt. Und nun wurde er auch noch Vater! Er war doch gar nicht bereit dafür und hatte keine Vorstellung, was auf ihn zukam.

Großvater hätte sich über einen Erben gefreut, dachte er. Zu schade, dass er nicht mehr lebt.

Sein Handy klingelte, und er ignorierte es, was er nur in Ausnahmefällen tat. Er mochte nicht übers Geschäft reden, stand vermutlich unter Schock.

Ich bin nicht bereit für eine Familie, ging es ihm durch den Kopf. Erst musste er den altmodischen Konzern umstrukturieren und fit für die Zukunft machen – eine wahre Herkulesaufgabe. Ein Baby passte nicht in diese Pläne.

Natürlich brauchte er irgendwann einen Erben oder zwei, aber doch nicht jetzt!

Das Kind war jedoch unterwegs, das ließ sich nicht ändern, und er dachte auch nicht daran, seinem eigenen Fleisch und Blut den Rücken zuzukehren. Wie sich das mit seinem Leben vereinbaren ließ, wusste er nicht.

Großvater hätte auf eine rasche Heirat gedrängt. Und seine Eltern? Hätten sie sich für ihn gefreut, oder wären sie enttäuscht gewesen? Sie fehlten ihm entsetzlich, gerade in Zeiten wie diesen.

Was sollte er nur tun? Sofia heiraten? Würde sie sich auf eine Vernunftehe einlassen?

Auf der Hochzeitsfeier hatte ihr ansteckendes Lachen ihm den Kopf verdreht. Sie war wie eine frische Brise gewesen, er hatte nicht genug von ihr bekommen können. Würden sie je wieder so unbeschwert sein? Hoffentlich konnten sie wieder miteinander lachen, sobald der Schock überwunden war. Niko wollte zwar noch keine Familie gründen, aber wenigstens verstand er sich gut mit Sofia. Freundschaft war ihm wichtig in einer Ehe, Romantik brauchte er nicht. Dass sie im Bett harmonierten, war ein unverhoffter Glücksfall.

Würde sie einen Heiratsantrag freudig akzeptieren oder ihm einen Korb geben? Er kannte sie kaum, sie erschien ihm unberechenbar. Das faszinierte ihn, machte es ihm aber unmöglich, die Situation einzuschätzen.

Er griff zum Telefon und bat um einen Termin bei Cristo. Der Inhaber des Blue Tide Resorts könnte ihm helfen, einige Fragen zu klären, über die man am Telefon nicht sprechen konnte.

Wenig später betrat er die luxuriöse Suite, in der erst vor Stunden wichtige Geschäfte getätigt worden waren. Diesmal ging es jedoch um Privates. Im Verlauf der vergangenen Monate waren Cristo und Niko nicht nur Familie, sondern auch enge Freunde geworden. Sie hatten viel gemeinsam, beide entstammten mächtigen Familien mit unrealistischen Erwartungen an den Nachwuchs.

Sie setzten sich auf den Balkon mit Blick auf den Hotelstrand, an dem Sonnenanbeter sich aalten und Wasserratten ein Bad im Meer genossen. Niko konnte sich nicht erinnern, je so entspannt und frei gewesen zu sein.

Ihm wurde übel, wenn er nur daran dachte, dass jede Entscheidung, die er jetzt traf, nicht nur Auswirkungen auf sein Leben hatte, sondern auch auf das von Sofia und dem Baby. Er durfte nichts übers Knie brechen. Am klügsten wäre es, seine Reise abzukürzen, um alles mit Sofia zu klären, solange sie sich noch im Blue Tide Resort aufhielt.

„Tut mir leid, dass du warten musstest. Es gab noch Personalangelegenheiten, um die ich mich kümmern musste“, begrüßte Cristo ihn.

„Du packst gern selbst an, nicht wahr?“

Cristo schenkte ihnen Kaffee ein. „Ich habe das Hotel selbst entworfen, gebaut und eröffnet. Außerdem haben Kyra und ich hier geheiratet. Es ist mein Zuhause.“

„Mehr noch als New York?“

„Mein Heim ist bei meiner Frau, und derzeit ist sie hier glücklich.“ Cristo nippte an seiner Tasse. „Verrate mir doch, was du auf dem Herzen hast.“

„Ich würde gern etwas über Sofia erfahren.“

„Mir ist schon bei der Hochzeit aufgefallen, wie gut ihr euch versteht. Kyra wollte Kupplerin spielen, aber ich habe ihr davon abgeraten. Ist es ernst zwischen euch?“

Das wusste Niko selbst nicht. „Möglich.“

„Du fragst dich, ob es einen Grund gibt, aus dem du dich nicht mit ihr einlassen solltest?“

„So in etwa.“

„Da kann ich dir nicht weiterhelfen. Von Romantik und Beziehungen verstehe ich nichts.“

„Du bist doch glücklich verheiratet!“

„Das habe ich meiner klugen Frau zu verdanken. Sie hat an uns geglaubt und mir geholfen, Probleme aus der Vergangenheit zu bewältigen. Ohne sie wäre ich immer noch unglücklich und allein.“

„Warst du als Single unglücklich?“

Cristo zuckte die Achseln. „Schon, nur habe ich es mir nicht eingestanden. Ich dachte, ich wüsste, was mir guttut. Kyra hat mir die Augen geöffnet. Sie ist sehr klug. Wenn du ihr verrätst, dass ich das gesagt habe, streite ich alles ab.“

Niko grinste. „Keine Sorge, ich schweige wie ein Grab. Jeder sieht doch, wie glücklich ihr seid.“

„Wir haben eben den richtigen Partner gefunden. Glaubst du, Sofia ist die Richtige für dich?“

„Ich denke, schon“, meinte Niko gepresst.

„Aber?“

„Die Frage ist, ob sie das auch so sieht.“

„Ich verstehe. Aus Frauen wird man einfach nicht klug.“

„Kennst du sie schon lange?“

„Genauso lange wie Kyra. Sie ist loyal und vertrauenswürdig. Wenn du mehr wissen willst, rede am besten selbst mit ihr.“

„Es ist nur … Egal. Erst muss ich meine Reise hinter mich bringen; um den Rest kümmere ich mich später.“

„Wie lange wirst du unterwegs sein?“

„Einige Wochen.“ Niko wollte die Zeit nutzen, um gründlich über eine Ehe mit Sofia nachzudenken.

„Nach den anstrengenden letzten Monaten solltest du dir erst einmal ein wenig Ruhe gönnen.“

„Arbeit hat eine geradezu therapeutische Wirkung auf mich.“

Cristo nickte verständnisvoll. „Dann tut die Reise dir vermutlich gut.“

„Ehrlich gesagt freue ich mich nicht darauf. Der Zeitpunkt ist ungünstig.“

„Verschieb sie doch!“

„Das täte ich gern, nur würde das die Übergabe meiner Hotels an dich verzögern. Und das wollen wir beide nicht.“

„Wann reist du ab?“

„Morgen.“

„Und was ist mit Sofia? Lass dir die Chance nicht entgehen. Es könnte deine letzte sein.“

Niko horchte auf. „Sagst du das aus einem bestimmten Grund?“

Nachdenklich rieb Cristo sich das Kinn. „Ich darf es eigentlich nicht verraten …“

„Wenn es um Sofia geht, muss ich es unbedingt wissen.“

„Also gut. Der Hotelmanager hat mich gerade informiert, dass sie uns verlässt. Sie fängt wieder in unserem New Yorker Hotel an.“

„Wann reist sie ab?“

„In zwei Tagen, mit dem nächsten Direktflug nach New York. Weißt du, warum sie es so eilig hat?“

„Eine Ahnung habe ich schon.“ Niko dachte nach. „Wäre es dir möglich, sie für eine Weile zu beurlauben?“

„Wie lange? Einen Tag, zwei?“

„Mehrere Wochen.“

Cristo sah ihn erstaunt an. „Das lässt sich machen. Was wird sie dazu sagen?“

„Das werde ich gleich herausfinden. Danke. Ich muss los.“

Niko wusste noch nicht, wie er Sofia aufhalten sollte, hoffte aber, dass ihm rechtzeitig etwas einfiel. Er hatte keine andere Wahl.

Nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag machte Sofia es sich auf der Couch in ihrem winzigen Apartment gemütlich. Sie wollte nur noch ausruhen, die Pizzareste vom Vortag essen und eine Schnulze ansehen. Oder doch lieber einen Actionfilm?

Die Begegnung mit Niko hätte schlimmer verlaufen können – aber auch besser. Statt sich über ihre Neuigkeit zu freuen, wie sie insgeheim gehofft hatte, hatte er ausgesehen, als hätte man ihm gerade mitgeteilt, dass ihm nur noch ein Monat zu leben blieb.

Angewidert betrachtete sie das Stück Pizza in ihrer Hand und legte es zurück auf den Teller. Übelkeit machte ihr erst seit wenigen Tagen zu schaffen, vielleicht war es auch nur ihre Nervosität. Wie auch immer – es war sehr unangenehm.

Ihr Handy klingelte. In der Hoffnung, es wäre Kyra, griff sie sofort danach.

Schon seit der gemeinsamen Schulzeit waren sie beste Freundinnen und ergänzten einander perfekt. Während Sofia sich waghalsig und bedenkenlos in Risiken stürzte, hielt Kyra sich lieber an Regeln. Gemeinsam hatten sie es geschafft, größeren Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen – oder sich zumindest bei nichts ertappen zu lassen. Dennoch war Sofia unsicher, wie Kyra auf die Nachricht von dem Baby reagieren würde, das sie von ihrem Cousin erwartete.

Die Nachricht auf dem Handy stammte jedoch nicht von Kyra, sondern von Niko. Sofort wurden ihre Handflächen feucht, ihr Herz begann, wild zu pochen.

Können wir uns sehen?

Wann?

Jetzt.

Stirnrunzelnd sah sie an sich herab. In der grauen Jogginghose und dem ausgebleichten T-Shirt konnte sie sich unmöglich zeigen, zumal Niko immer wie aus dem Ei gepellt aussah.

Jetzt passt es gerade nicht.

Es muss aber vor deiner Abreise sein.

Woher wusste er davon? Aber er hatte ja recht. Sie mussten klären, wie es weitergehen sollte mit dem Baby. Allerdings würde sie sich nicht von ihrem Plan abbringen lassen, nach Hause zurückzukehren. In Cristos New Yorker Hotel war gerade eine Stelle frei geworden. Sie hatte sich darauf beworben, damit ihr Kind bei ihrer Familie aufwachsen konnte.

Gib mir ein paar Minuten.

Beeil dich!

Sofia stand auf, stellte die Pizza zurück in den Kühlschrank, schnappte sich frische Wäsche und sprang unter die Dusche. Als sie wieder angezogen war, betrachtete sie sich im Spiegel. Das geblümte Sommerkleid stand ihr gut, wirkte aber nicht, als hätte sie sich besonders herausgeputzt. Sie ging schließlich zu keinem Date.

Rasch schrieb sie Niko, dass sie fertig war, und er bat sie an den Strand, der um diese Uhrzeit menschenleer sein würde. Die meisten Hotelgäste saßen beim Dinner.

Unterwegs fragte sie sich, was er von ihr wollte. Eine Hand auf ihrem Bauch, murmelte sie beschwörend: „Mach dir keine Sorgen, Kleines. Alles wird gut. Dein Dad begreift bestimmt, dass ich das tue, was das Beste für alle ist.“

Niko hatte ihr keinen genauen Treffpunkt genannt, und der Strand war riesig. Dennoch entdeckte sie ihn sofort. Die untergehende Sonne zeichnete rosa- und lilafarbene Muster auf die dunkle Wasseroberfläche, aber das war es nicht, was ihr Herz aus dem Takt geraten ließ. Es war der atemberaubend schöne Mann, der direkt am Ufer stand, das Haar aus dem Gesicht gekämmt. Hoffentlich kommt das Baby nach ihm, dachte Sofia.

Zur dunklen Stoffhose trug er ein blaues Hemd. Ob Niko überhaupt Freizeitkleidung besaß? Auf Jackett und Schlips hatte er verzichtet, die Hemdsärmel waren hochgekrempelt und die obersten Hemdknöpfe geöffnet. Es kribbelte sie in den Fingern, seine nackte Brust zu berühren wie in jener unvergesslichen Nacht.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte er, als er ihren Blick bemerkte.

Sofia schüttelte errötend den Kopf.

„Bestimmt nicht? Habe ich mich irgendwo bekleckert?“

„Ich habe mich lediglich gefragt, ob du etwas anderes als Anzüge besitzt.“

„Darüber zerbrichst du dir den Kopf? Was ist falsch an einem Anzug?“

Sie machte eine weit ausholende Geste. „Wir befinden uns in einem Strandhotel. Die Leute kommen zum Entspannen und Erholen hierher, während du aussiehst, als wolltest du einen millionenschweren Vertrag abschließen.“

„Dazu bin ich hier.“ Er lächelte, und ihr Magen tat einen Satz.

„Spannst du nie aus?“

„Doch, natürlich.“

„Ich vermute eher, du denkst ständig ans Geschäft.“

„Und wenn ich mich dabei entspanne?“

„Wozu dann die Anzüge?“

„Mein Großvater war der Meinung, man müsste sich seiner Arbeit entsprechend kleiden.“

Sofia schüttelte den Kopf. Sie war nicht gekommen, um seinen Kleidungsstil zu kritisieren, trotzdem begrüßte sie die Ablenkung. Ihr Nerven waren zum Zerreißen gespannt. „Wie wäre es mit Shorts und T-Shirt – oder einem Polohemd?“

„Im Anzug fühle ich mich wohler.“

„Besitzt du überhaupt Freizeitkleidung?“

„Selbstverständlich“, sagte er etwas zu schnell. „Ich war nur gerade noch in einer Besprechung.“

„Hast du lässige Sachen dabei?“, fragte sie. Vielleicht wäre er in einem legeren Outfit zugänglicher und weniger ernst.

„Ja.“

„Dann warte ich hier, bis du umgezogen bist.“

„Wozu soll ich mich umziehen?“

„Damit wir einen Strandspaziergang machen können.“

Niko sah am Strand entlang. „Wollen wir nicht lieber beim Dinner auf der Terrasse reden?“

Beim Gedanken an Essen wurde ihr übel. „Ich bin nicht hungrig und würde mich viel lieber ein bisschen bewegen.“

„Fühlst du dich auch wohl?“, fragte er besorgt. „Du bist so blass.“

„Danke, so etwas hört jede Frau gern.“

„Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich denke nur … Egal. Warte hier. Ich bin gleich zurück. Nicht, dass du fortläufst. Wir haben Wichtiges zu bereden.“

Sofia überlegte, ob ihr gefallen würde, was er ihr zu sagen hatte. Sie wusste nicht, was sie eigentlich hören wollte, und das bereitete ihr Kopfschmerzen. Nachdenklich setzte sie sich in den Sand und sah aufs Meer hinaus. Alles wird gut, sagte sie sich immer wieder.

Das Wasser schlug sanft gegen das Ufer, am glutroten Himmel ging die Sonne unter. Es war ein Bild wie aus einem Liebesfilm, wo Held und Heldin Hand in Hand in den Sonnenuntergang gingen. So ein Happy End würde es für sie und Niko nie geben.

Behalte heute Abend einen klaren Kopf, ermahnte sie sich. Sie durfte sich zu keiner weiteren Umarmung hinreißen lassen. Das würde ihnen nicht weiterhelfen.

Trotzdem ging ihr der letzte Kuss nicht aus dem Sinn. Niko hatte ihr das Gefühl vermittelt, sie wäre die einzige Frau auf der Welt …

Stopp! befahl sie sich. Sie musste der Versuchung widerstehen. Irgendwie …

3. KAPITEL

Als Niko zu Sofia zurückkehrte, trug er Shorts und Polohemd. Insgeheim wunderte er sich, dass er sich von ihr Vorschriften machen ließ. Sonst war er der Boss und erteilte Befehle. Wozu hatte er überhaupt Freizeitkleidung eingepackt? Um auf alle Fälle vorbereitet zu sein? In seinem Koffer befand sich allerdings nichts, was ihn auf ein Gespräch über ein Baby vorbereitet hätte. Sein Baby.

„… Niko?“, riss Sofia ihn aus seinen Gedanken.

Er hatte keine Ahnung, was sie gerade gesagt hatte, und das war untypisch für ihn. Als Meister im Multitasking konnte er während einer Präsentation E-Mails lesen und beantworten, ohne ein einziges Wort des Vortrags zu verpassen. Lediglich in Sofias Gesellschaft fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren.

„Was hast du gesagt?“

„Ich wollte wissen, wie dein Meeting verlaufen ist.“

„Ziemlich gut, danke. Aber haben wir nicht gerade Wichtigeres zu besprechen?“

„Du meinst meine Schwangerschaft?“

Das Wort ging ihr so leicht über die Lippen, als hätte sie sich bereits mit dem Gedanken angefreundet, freute sich sogar darüber. „Was hast du vor? Wenn du …“, begann er.

„Danke, nein. Ich werde das Baby behalten.“

Gekränkt runzelte er die Stirn, schließlich hatte er nicht an eine Abtreibung gedacht. „Ich wollte dir lediglich anbieten, die Arztkosten zu übernehmen.“ Er hatte nur ihr Bestes im Sinn und das ihres Kindes. Gleichzeitig beeindruckte ihn, dass Sofia sofort für ihr Baby einstand. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie einen ausgeprägten Mutterinstinkt entwickelt, während er noch kaum verarbeitet hatte, dass er Vater wurde. „Seit wann weißt du von der Schwangerschaft?“

„Seit Anfang der Woche, wie ich bereits erwähnt habe.“ Sie wandte sich um und marschierte los, über den Strand, fort vom Hotel.

Stimmt, erinnerte er sich, während er neben ihr herging. Das hatte er ganz vergessen. „So kurz erst? Wie kannst du dir da schon sicher sein, dass du das Kind willst? Es wird dein Leben komplett auf den Kopf stellen. Nichts wird mehr so sein wie vorher.“

„Das Timing ist nicht optimal, aber ich habe mir immer ein Kind gewünscht.“ Unbewusst legte sie eine Hand auf ihren Bauch, ließ sie aber gleich wieder sinken, als sie es bemerkte. „Ich verstehe natürlich, dass du nicht dasselbe empfindest, und … und das ist okay. Lass uns Lebewohl sagen und …“

„Davon kann keine Rede sein!“ Sie war die Mutter seines Kindes – seines Erben. Dadurch waren sie untrennbar miteinander verbunden.

Verblüfft sah sie ihn an. „Heißt das, du willst … mit dem Baby zu tun haben?“

„Es ist schließlich mein Kind …“

„Unser Kind.“

Niko war ein Einzelkind und nicht ans Teilen gewöhnt, doch auch das würde er schaffen, so wie er alles im Berufsleben bewältigte. „Woher weißt du, dass es für dich das Richtige ist, jetzt Mutter zu werden?“

„Falls du damit andeuten willst, ich will das Baby, weil du der Vater bist, irrst du dich.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Sofia ließ sich Zeit mit ihrer Erwiderung. „Vor einiger Zeit habe ich einen vermeintlich tollen Mann kennengelernt. Er war liebevoll und charmant und schien alles in sich zu vereinen, was ich mir von einem Partner wünsche. Außerdem war er fleißig und hatte eine glänzende Zukunft in der Baufirma seines Onkels vor sich.“

„Es gab einen Haken?“

Sie nickte. „Damals war ich im Glamour Hotel in New York angestellt. Unsere Arbeitszeiten waren sehr unterschiedlich, es war schwierig, Termine für Dates zu finden, zumal er häufig Überstunden gemacht hat.“

Das fand Niko nicht außergewöhnlich. Er ging ja selbst ganz in seiner Arbeit auf.

„Meine Familie hatte Bobby ebenfalls ins Herz geschlossen. Mom konnte es kaum erwarten, unsere Hochzeit zu planen.“

„Die Familie hat oft die besten Absichten, aber sie hat nicht immer recht.“

„Denkst du an deinen Großvater?“

Er nickte. „Deine Mutter scheint ihm zu gleichen. Allerdings hätte er nie eine Hochzeit geplant – dazu wäre ihm seine Arbeitszeit zu kostbar gewesen.“

„Jedenfalls war Bobby abends regelmäßig zu müde für Unternehmungen. Meine Mutter fand das normal und riet mir, mich besonders um ihn zu bemühen. Daraufhin habe ich mein Apartment gekündigt und bin bei ihm eingezogen.“

Sofia offenbarte Niko viel mehr, als er erwartet hatte. Das machte es ihm schwer, Abstand zu wahren. Daher erinnerte er sie an seine Frage. „Was hat das mit deiner Entscheidung zu tun, das Baby zu behalten?“

„Darauf komme ich gleich.“

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich halbherzig für die Unterbrechung. Er wollte lieber keine Details erfahren, wollte nicht mir ihr empfinden, sich nicht in ihr Leben hineinziehen lassen. Ganz würde er das wegen des Babys allerdings nicht vermeiden können.

„Ich dachte, es täte unserer Beziehung gut. Anfangs war es auch so, doch bald kehrte Routine ein. Er war Tag und Nacht im Büro, auch an den Wochenenden.“

„Geschäfte werden eben nicht nur zu den regulären Bürozeiten geschlossen.“

Verärgert stemmte sie die Hände in die Hüften. „Wer erzählt die Geschichte?“

Hatte sie ihn tatsächlich gerade zurechtgewiesen? Auch das war neu für Niko. Die Leute zollten ihm Respekt, ohne dass er ihn einfordern musste, was vermutlich ein Vermächtnis seines Großvaters war. Dieser hatte mit einem strengen Blick erwachsene Männer in Angst und Schrecken versetzt.

„Ich wollte nur …“ Auf Sofias entnervten Blick hin machte er eine entschuldigende Geste. „Schon gut. Fahr fort!“

„Bobby hat versprochen, bald würde alles besser. Während er an seiner Karriere feilte, kochte, wusch und putzte ich für ihn. Das ging eine Weile so, bis ich schwanger wurde. Er hat sich riesig gefreut, wir haben uns verlobt, und er verbrachte mehr Zeit zu Hause. Im Gegenzug hat er erwartet, dass ich meinen Job aufgab. Er fand, mein Platz wäre zu Hause.“ Sie runzelte die Stirn. „Anfangs habe ich mich geweigert. Finanzielle Unabhängigkeit war mir wichtig, und die Arbeit hat mir Spaß gemacht.“

Ihr Unabhängigkeitsstreben war Niko bereits aufgefallen. Eine Weile schlenderten sie schweigend nebeneinanderher, und er wartete gespannt auf das Ende ihrer Geschichte.

„Dann habe ich das Baby verloren“, sagte sie mit schmerzerfüllter Stimme. „Bobby hat mir keine Vorwürfe gemacht, insgeheim gab er mir aber die Schuld.“

Niko legte ihr eine Hand auf den Arm. „Ich weiß nicht viel über Schwangerschaften, aber manche Dinge können wir nicht kontrollieren. Du hast bestimmt nichts falsch gemacht.“

Erstaunt sah sie ihn an. „Du kennst mich doch kaum …“

„Ich sehe, dass du ehrlich bist und ein gutes Herz besitzt. Du würdest alles für dein Kind tun.“

„Du bemerkst so einiges“, sagte sie mit belegter Stimme.

„Nur das Offensichtliche.“ Jetzt verstand er auch, warum sie bereit war, ihr Leben auf den Kopf stellen zu lassen. Sie würde ihr Baby lieben, wie jedes Kind geliebt werden sollte. Das erfüllte ihn mit Dankbarkeit.

„Wie ist es weitergegangen? Hat dein Freund dich verlassen, weil du seinen Ansprüchen nicht genügt hast?“

„So leicht hat er es mir leider nicht gemacht.“ Als er sie fragend ansah, schüttelte sie den Kopf. „Egal. Ich sollte nicht so drauflosplappern.“

Frustriert sah Niko sie an. Gerade wenn es interessant wurde, machte sie dicht. Wie hatte der Kerl ihr das Herz gebrochen? „Damals hast du Männern abgeschworen?“

„So ist es. Und jetzt bin ich schwanger und habe ohnehin keine Zeit mehr für Verabredungen.“

„Solltest du es nach deiner Fehlgeburt nicht langsam angehen lassen?“ Sie brauchte nicht zu arbeiten, er konnte sie während der Schwangerschaft unterstützen.

„Mir geht’s gut.“ Sie lächelte. „Der Arzt hat mich gründlich untersucht und sieht keinen Grund zur Besorgnis.“

Erst jetzt bemerkte Niko, dass er aus Sorge den Atem angehalten hatte. Erleichtert stieß er die Luft aus. Inzwischen war ihm allerdings klar geworden, dass Sofia zu diesem Zeitpunkt einen Heiratsantrag zurückweisen würde. Daher beschloss er, den Plan umzusetzen, der in den vergangenen Stunden in ihm herangereift war. „Darf ich einen Vorschlag machen?“, begann er vorsichtig.

„Bitte.“

„Ich möchte dir einen Job anbieten.“

Abrupt blieb sie stehen und sah ihn an. „Ich soll für dich arbeiten? Als was denn?“

„Es geht ums Ausräumen und Putzen, und es wird sich lohnen.“

Verwirrt sah sie ihn an. „Dein Bungalow ist doch schon blitzblank!“

„Nicht hier. Ich trete morgen eine Reise um die Welt an. Meine Familie besitzt private Apartments in diversen Stravos Star Hotels, die ich leer räumen und reinigen muss, bevor ich die Häuser an Cristo übergebe.“

„Ich würde dir ja gern helfen, aber ich kehre nach New York zurück.“

„Am Ende der Reise würde ich dich dort absetzen.“

Sofia schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Ich muss ein Zuhause für mich und mein Baby finden.“

„Es handelt sich nur um wenige Wochen, und bei der Wohnungssuche helfe ich dir gern.“ Dass er sie auf seiner privaten Insel in Griechenland unterzubringen gedachte, verschwieg er ihr vorsichtshalber.

„Ich habe dir nicht von dem Baby erzählt, damit du mir zu Hilfe eilst wie ein Ritter in schimmernder Rüstung.“

„Was genau hast du in New York vor?“

„Am liebsten würde ich studieren. Ich war in der Schule immer gut.“

„Warum hast du dann nicht direkt nach dem Abschluss angefangen?“

„Weil ich kurz zuvor meinen Ex kennengelernt habe. Ich dachte, es wäre Liebe, wollte ihn glücklich machen und habe das Studium auf später verschoben.“

„Welches Fach hast du denn im Auge?“

„Da ich gut mit Zahlen umgehen kann, denke ich an Rechnungswesen.“

„Mutig. Aber du schaffst das bestimmt.“ Umso nötiger brauchte sie Unterstützung. Alleinerziehende hatten es schwer genug, und dann auch noch ein Studium …

Scharfsinnig, wie er war, ergriff Niko sofort die Chance, sie für seine Zwecke zu gewinnen. „Wenn du mich auf meiner Reise begleitest, übernehme ich im Gegenzug die Studiengebühren an der Uni deiner Wahl.“

Für einen Moment war Sofia sprachlos. Niko schien es ernst zu meinen. „Wieso liegt dir so viel an meiner Begleitung?“

„Wir profitieren beide davon. Ich bekomme Hilfe beim Herrichten der Suiten, und du kannst mit dem Geld deine Träume verwirklichen.“

Das Angebot war verlockend, doch sie hatte gelernt, allzu großzügigen Vorschlägen mit Skepsis zu begegnen. Niko hatte erwähnt, er hätte ihre gemeinsame Nacht nie vergessen. Wollte er womöglich daran anknüpfen? Nicht mit mir, dachte sie. An einer Beziehung war sie nicht interessiert, sie hatte im Leben bereits zu viele Narben davongetragen. Ihrem Baby zuliebe durfte sie ihr Herz nicht erneut riskieren. „Wieso ausgerechnet ich? Du könntest doch irgendwen anheuern.“

„Ich möchte aber nicht mit irgendwem um die Welt reisen. Mein Jet ist zwar geräumig, so groß ist er jedoch auch wieder nicht. Wir verstehen uns doch sehr gut, ich unterhalte mich gern mit dir, und wir haben längst bewiesen, dass wir miteinander auskommen.“

„Daran war der Champagner schuld. Du darfst deine Entscheidung nicht auf jene Nacht gründen.“

„Sie war unvergesslich.“

Verlegen sah Sofia beiseite. Er hatte ja recht, es war wunderbar gewesen. Hinterher war sie allerdings aus dem schönen Traum erwacht und in die Realität zurückgekehrt. „Falls ich deinem Plan zustimme, dann auf rein geschäftlicher Basis.“

Niko seufzte. Es hatte ihn noch nie so viel Mühe gekostet, eine Frau als Reisebegleiterin zu gewinnen. „Wie du willst“, stimmte er zu, um sie nicht zu verschrecken.

„Ich habe noch eine weitere Bedingung.“ Ihre Augen glitzerten schelmisch.

„Welche?“ Niko ahnte, dass sie ihr nicht gefallen würde.

„Deine Garderobe. Du wirst mir beim Einpacken der Erinnerungsstücke helfen wollen. Im Anzug geht das nicht. Dafür brauchst du Freizeitkleidung.“ Sie war überzeugt, dass er nie zuvor geputzt und aufgeräumt hatte. Er war in völlig anderen Verhältnissen aufgewachsen als sie. „Hast du so etwas überhaupt schon einmal gemacht?“

„Es mag dich überraschen, aber im Internat war ich für meine Zimmerhälfte selbst verantwortlich. Ich kann Wäsche waschen, Betten machen, abstauben und Böden wischen. Freitags wurden die Zimmer kontrolliert, gelegentlich gab es auch unangekündigte Kontrollen.“

Verblüfft starrte sie Niko an. Er konnte waschen? Bobby hatte warmes Essen auf dem Tisch und saubere Wäsche im Schrank erwartet, ohne auch nur einen Finger dafür zu krümmen. Insofern hatte Niko ihm einiges voraus.

„Das hättest du wohl nicht gedacht? Wir mussten unsere Koffer aus- und wieder einpacken. Ja, ich kann putzen und packen, obwohl du mir darin sicher überlegen bist.“

Seit dem Beziehungsdrama mit Bobby vertraute Sofia nicht mehr in ihre Urteilskraft in puncto Männer. Doch egal, wie fähig Niko in Haushaltsangelegenheiten auch war, für sie gab es noch einen weiteren Grund, der gegen die Reise sprach. Sie hatte von einem preiswerten Apartment in der Nähe ihres Elternhauses gehört, das bald frei werden sollte. Erschwingliche Wohnungen waren in New York Mangelware, sie musste sich so rasch wie möglich dem Vermieter vorstellen. „Du findest problemlos anderweitig Hilfe.“

„Ich will aber dich – und meist bekomme ich auch, was ich will. Cristo stellt dich für die benötigte Zeit frei, das habe ich bereits geklärt.“

„Wie konntest du das nur tun!“ Wütend starrte sie ihn an. „Dazu hattest du kein Recht.“

„Er hat mich gewarnt, dass du es in den falschen Hals bekommen könntest, aber er kennt die Umstände nicht.“ Niko fuhr sich durchs Haar. „Ich dachte …“

„Dann hast du dich eben geirrt! Egal, wie reich und mächtig du bist, du kannst dich nicht einfach über meine Wünsche und Bedürfnisse hinwegsetzen.“

„Das war nicht meine Absicht.“

Angriffslustig hob Sofia das Kinn. „Wenn du unser Kind gemeinsam mit mir aufziehen willst, musste du lernen, dass ich mich nicht herumkommandieren lasse. Ich treffe meine eigenen Entscheidungen, selbst wenn sie mit deinen kollidieren. Verstanden?“

Diesen Ausbruch hatte Niko nicht erwartet. Verblüfft lenkte er ein. „Okay. Darf ich dir wenigstens erklären, warum ich Cristo um Urlaub für dich gebeten habe?“

Überzeugt, dass er denselben Fehler nicht wiederholen würde, nickte sie.

„Ich muss morgen zeitig abreisen und kehre lange nicht zurück. Ich möchte, dass du mich begleitest und mir hilfst.“

„Das geht nicht.“

„Ist es wegen des Babys? Gibt es ein Problem?“

Es wäre so einfach, ihn zu belügen, doch als sie die Sorgenfalten auf seiner Stirn sah, wollte sie ihm nicht unnötigen Kummer bereiten. „Das Baby ist kräftig und gesund, seinetwegen könnte ich schon reisen.“

„Bestimmt? Ich möchte nichts tun, das dich oder es gefährdet.“

Seine Fürsorge rührte Sofia. Bobby hatte sie nach der Fehlgeburt kein einziges Mal im Krankenhaus besucht, und Niko war noch nicht einmal ihr Partner.

Lies nicht zu viel in sein Verhalten hinein, ermahnte sie sich. Er machte sich lediglich Sorgen um seinen Erben. Sie selbst bedeutete ihm nichts, und so sollte es auch bleiben. Ihr Herz war ein Flickenteppich aus Narben, dem sie keine neuen hinzufügen wollte.

„Ich habe von einem Apartment in New York gehört, um das ich mich bewerben will.“

„Meine Assistentin könnte einen Besichtigungstermin für dich vereinbaren und nach weiteren Wohnungen Ausschau halten.“

„Da ist noch mehr: Ich muss mich an den Universitäten bewerben, Kinderbetreuung organisieren, Möbel kaufen, Windeln … Die Liste ist ellenlang.“

„Das wusste ich nicht. Jetzt verstehe ich auch, warum Cristo meinte, du hättest kein Interesse an meinem Angebot.“

„Von der Schwangerschaft weiß er nichts, aber vermutlich hat Kyra ihm von meinen Studienabsichten erzählt.“

„Du planst es schon länger? Schon bevor du von der Schwangerschaft wusstest?“

„Ja, sicher. Ich wollte nicht ewig in Griechenland bleiben, sondern nur so lange, bis ich einen klaren Kopf habe. Es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Ich suche mir ein Apartment in der Nähe meiner Eltern. Sie helfen mir sicher gern mit dem Baby, das spart mir Betreuungskosten. Und einen Termin beim Arzt muss ich demnächst auch machen.“

„Du hast viel vor. Und was ist mit uns?“

„Mit uns? Es gibt kein Uns.“

Niko runzelte die Stirn. „Du bist schwanger mit meinem Kind. Das macht aus dir und mir ein Uns, finde ich.“

„Das sehe ich anders. Wir erwarten ein gemeinsames Kind, ansonsten verbindet uns nichts.“ Dabei wusste Sofia es besser. Das Baby band sie unwiderruflich an ihn.

„Ich hätte nicht deinetwegen bei Cristo vorsprechen dürfen. Dafür entschuldige ich mich. Es wird nicht wieder vorkommen, sofern du meinen Vorschlag ernsthaft erwägst.“

„Zuvor musst du mir aber noch einmal genau erklären, weshalb ausgerechnet ich dich auf der Reise begleiten soll. Du erwartest doch mehr von mir als nur Hilfe beim Putzen.“

Dass er versprochen hatte, ihre Studiengebühren zu übernehmen, reizte sie sehr. Sie hatte gespart, doch Kinder waren kostspielig. Bevor sie Nikos Vorschlag zustimmte, wollte sie allerdings noch herausfinden, wie wichtig ihm ihre Begleitung war und ob er sich ihr öffnen würde.

Niko seufzte. Wieso musste Sofia nur alles infrage stellen, was er sagte? Gleichzeitig bewunderte er sie für ihre Hartnäckigkeit.

Er überlegte eine Weile und beschloss dann, ihr die Wahrheit zu sagen. Was hatte er schon zu verlieren? Sie hatte ihm freimütig von dem Baby erzählt und erklärt, warum sie es behalten wollte. Sie spielte nicht mit ihm und versuchte nicht, Profit aus der Situation zu schlagen, wie andere Frauen es getan hätten. Dafür respektierte er sie.

„Also gut. Die Reise bietet uns Gelegenheit, einander näher kennenzulernen. Schließlich erwarten wir ein Kind.“

„Falls du an Heirat denkst, vergiss es. Einen Ehemann brauche ich nicht. Ich komme gut allein zurecht.“

Niko plante, die gemeinsame Zeit zu nutzen, um Sofia vom Gegenteil zu überzeugen. „Willst du wirklich alles allein auf dich nehmen? Das nächtliche Aufstehen zum Füttern, den Schlafmangel, die Koliken, übermüdet zur Arbeit gehen? Ich habe zwar keine Kinder, höre aber viel von meinen Angestellten. Dinge, die ich manchmal lieber nicht erfahren würde.“

„Das klingt ja, als wäre Eltern sein etwas Schreckliches“, sagte Sofia erschrocken, und ihre Augen wurden feucht.

Wein bloß nicht, dachte Niko entsetzt. Er hatte sie nicht traurig machen wollen, sondern nur seine Bedenken geäußert. Künftig würde er vorsichtiger sein.

Als sie ihn aus tränenfeuchten Augen ansah, wurde ihm ganz seltsam zumute. Sie ging ihm unter die Haut, mehr als andere Frauen. Sie war unberechenbar: im einen Moment stark, im nächsten verletzlich. Er wollte sie trösten, ihr die Energie zurückgeben, die sie meist verströmte. Zärtlich streichelte er über ihre Wange. „Mach dir keine Sorgen. Wir kriegen das schon hin.“

„Meinst du?“

„Wir ziehen das gemeinsam durch“, sagte er mit mehr Zuversicht, als er empfand.

Sofia hob die Hand und drückte seine. Die Berührung durchzuckte ihn wie ein Stromschlag. Am liebsten hätte er sie in seine Arme gezogen und ihre Ängste weggeküsst. Unwillkürlich neigte er sich zu ihr. Ein Stück noch, dann würden sich ihre Lippen berühren. Sein Herz schlug wie wild, so laut, dass es die Stimme der Vernunft übertönte, die ihn vor einer unüberlegten Handlung warnte.

Die unvergessliche Liebesnacht war nicht dem Champagner zu verdanken gewesen, sondern Sofia. Ihr bezauberndes Lächeln, ihre witzigen Bemerkungen hatten Niko regelrecht berauscht.

Mit dem Daumen strich er über ihr Kinn, bis er ihre Lippen berührte. Er verzehrte sich nach ihr, wollte sie erkunden bis in den letzten Winkel ihres Wesens.

Wie würde sie reagieren, wenn er sie küsste? Ihr sehnsüchtiger Blick verriet ihm, dass sie ihn ebenfalls begehrte. Oder war das nur Wunschdenken? Er könnte sich einfach vorneigen, die Lippen auf ihre pressen und sie so davon überzeugen, das Richtige für ihr Kind zu tun. Sie würden eine gute Ehe führen, wenn sie ihnen nur die Chance dazu gäbe!

Plötzlich setzte sein Verstand wieder ein, und er verfluchte sich innerlich. Er hatte sich einer Fantasie hingegeben. Es wäre ein großer Fehler, Sofia jetzt zu küssen. Schließlich wollte er sie als Reisebegleiterin gewinnen. Nach einem Kuss würde sie seinen Vorschlag rundweg ausschlagen, weil sie dann denken würde, die Einladung wäre ein Versuch, sie wieder in sein Bett zu locken.

Das durfte nicht geschehen. Er musste ihr beweisen, dass er sich im Griff hatte – noch eine ganze Weile. Nach der Hochzeit würden sie weitersehen …

Langsam ließ er die Hand sinken, wich einen Schritt zurück und räusperte sich. „Ich verspreche, dass wir die Reise so schnell wie möglich hinter uns bringen. Und falls du in New York keine geeignete Wohnung findest, kaufe ich ein Haus und vermiete dir ein Apartment.“

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Ich habe noch nie etwas so ernst gemeint. Komm mit mir. Du wirst es nicht bereuen. Außerdem bekommt man nicht jeden Tag eine Weltreise geboten, oder?“

„Am Ende setzt du mich in New York ab?“

„Versprochen. Es liegt ohnehin auf der Reiseroute.“

4. KAPITEL

Sofia traf sich mit Kyra, um ihr persönlich zu beichten, was zwischen ihr und Niko vorgefallen war. Vielleicht konnte sie ihr im direkten Gespräch begreiflich machen, dass manches im Leben passierte, wenn man es am wenigsten erwartete. Sie hatte es ja selbst noch nicht ganz verarbeitet.

„Du bist schwanger? Von meinem Cousin?“, rief Kyra fassungslos.

„Du wirkst genauso schockiert wie er“, stellte Sofia fest.

Als ihre Freundin eine ganze Weile schwieg, bekam sie es mit der Angst zu tun. Sei mir bitte nicht böse, flehte sie innerlich. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. „Was denkst du?“

„Willst du das wirklich wissen?“

Ihr stockte der Atem. „Sag schon!“

„Von jetzt an gehörst du offiziell zur Familie.“ Kyra lächelte strahlend. „Für mich tust du das ja schon immer, aber ab sofort ist es offiziell.“ Freudentränen liefen ihr über die Wangen.

Sofia stieß die angehaltene Luft hörbar aus. „Sogar, wenn ich deinen Cousin nicht heirate? Du weißt, dass ich es mit keinem Mann lange aushalte.“

„Das ist gleichgültig. Du und ich sind jetzt eine Familie.“ Kyra umarmte die Freundin, dann ließ sie sie los und sah sie ernst an. „Solltest du nicht packen? Schließlich gehst du auf Weltreise.“

Das hatte Sofia aus Sorge um die Reaktion ihrer Freundin fast vergessen. Sie umarmte Kyra zum Abschied.

„Gib Niko eine Chance. Man weiß nie, was passiert. Und das sage ich nicht nur, weil er mein Cousin ist.“

„Mach dir keine Hoffnungen.“

„Tu ich nicht. Denk einfach an meine Worte.“

Sofia versprach es, bevor sie ging. Dabei war sie überzeugt, Niko standhalten zu können. Er würde sie nicht auch noch verletzen. Denn so rasch wie der Schock über das Baby würde auch seine Faszination verfliegen. Dann würde er in die Welt der Reichen entschwinden, während sie in ihr bürgerliches Leben an der Upper East Side zurückkehrte.

Ich bin in Tokio! Sofia konnte es kaum fassen. Die Reise von New York nach Griechenland war ihr bereits als große Sache erschienen, doch das war nichts im Vergleich mit einem Flug im Privatjet mit einem der begehrtesten Junggesellen der Welt. Allein beim Gedanken an Niko, der gerade im Raum nebenan telefonierte, beschleunigte sich ihr Herzschlag.

Sie legte Schere und Packpapier beiseite und sah aus dem Fenster der luxuriösen Suite. Vom fünfzigsten Stock aus bot sich ihr ein fantastischer Blick über die nächtliche Stadt, die in ein buntes Lichtermeer getaucht war. Von Niko wusste sie, dass das Hotel eines der ersten der Stravos Star – Kette gewesen war. In der eleganten, durch viel Glas und weißen Marmor hellen und freundlichen Lobby war sie sich vorgekommen wie in einer fremden Welt.

Niko dagegen bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit durchs Hotel, als wäre es sein zweites Zuhause. Anheimelnd wirkte es allerdings nicht, dazu war es für Sofias Geschmack zu modern eingerichtet, von den orientalischen Kunstwerken an den weißen Wänden bis hin zu den Computerarbeitsplätzen an einer Seite der Lobby. Per Schlüsselkarte gelangte man in alle Bereiche des Hotels, beispielsweise in das verlockende Spa. Sie hatte es am vergangenen Abend nach dem Putzen ausprobieren wollen, doch es hatte bereits geschlossen.

„Tut mir leid“, sagte Niko, der gerade ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Das war mein Büro in Athen.“

Diese Entschuldigung hatte Sofia im Verlauf der Reise bereits mehrfach vernommen. Während sie ein Foto in Seidenpapier wickelte, überlegte sie, wie es sich anfühlen mochte, so bedeutend und unabkömmlich zu sein. So angespannt, wie Niko wirkte, konnte es keinen großen Spaß machen.

„Das war das letzte Foto“, sagte sie. „Was soll ich mit den Gemälden machen?“

„Tut mir leid, dass der Großteil der Arbeit an dir hängen geblieben ist. Die Besprechungen gestern ließen sich leider nicht verschieben, und heute sind überraschend Probleme aufgetreten. Dafür übernehme ich jetzt den Rest, und du ruhst dich aus.“

Sofia hielt in ihrer Bewegung inne und sah ihn verblüfft an. Er wollte ihre Arbeit erledigen? Das kam natürlich nicht infrage. „In dem schönen Anzug?“

„Keine Sorge, ich passe auf.“

„Das ist leichter gesagt als getan. Außerdem hast du mich fürs Ausräumen angeheuert.“

„Ich dachte, wir erledigen es gemeinsam, als Team.“ Er trat zu ihr und nahm ihr Schere und Klebeband aus der Hand. „Gib her! Ich übernehme das.“

Wenn du darauf bestehst, dachte Sofia und griff nach einem sauberen Staubtuch. „Warst du schon oft hier?“

„Oh, ja. Großvater ist häufig verreist. Wenn ich Ferien hatte, hat er mich mitgenommen. Dort drüben liegt mein Schlafzimmer, das erste rechts. Es sieht noch genauso aus wie damals.“

„Hast du es nicht verändert, als du älter wurdest?“

„Wieso hätte ich das tun sollen?“

In dem Zimmer gab es keine Fußbälle, keine Poster, keine Erinnerungsstücke – ganz anders als in den chaotischen Räumen, die Sofias Brüder bewohnt hatten und in denen heute noch Spuren ihrer Vergangenheit existierten. Ihre Mutter hatte es nicht übers Herz gebracht, alles wegzuwerfen.

Nikos Zimmer dagegen unterschied sich in nichts von den übrigen Gästezimmern. Es wirkte ebenso unpersönlich, formell, erwachsen. Unwillkürlich bedauerte sie den Jungen, der in dieser sterilen, erdrückenden Umgebung aufwachsen musste.

„Ich habe am Fenster gesessen und gelesen, während Großvater Besprechungen abgehalten hat. Das hat meine Fantasie gefördert“, erzählte er.

„Wie praktisch!“

„Dass ich mich allein amüsieren konnte? Keine Sorge, ich habe immer etwas zu tun gefunden.“

„Das habe ich nicht gemeint.“ Im Geist sah sie einen einsamen kleinen Jungen in der riesigen Suite. Wie grässlich musste es für ihn gewesen sein, ohne Altersgenossen aufzuwachsen. Sie dagegen war ständig von Brüdern, Cousins und Cousinen umgeben gewesen. „Jetzt bist du der Boss und kannst deiner Fantasie freien Lauf lassen, um deine Firma in eine glänzende Zukunft zu führen.“

„Ich habe tatsächlich große Pläne für den Stravos Trust. Wenn meine Ideen nur nicht auf die vielen Widerstände stoßen würden!“

„Du hast die Firma doch gerade erst übernommen.“

„Auf die eine oder andere Art habe ich immer schon hier gearbeitet.“

„Wirklich?“ Verblüfft hielt Sofia inne, eine Hand auf den vergoldeten orientalischen Tisch mit Intarsien in Form rosafarbener Blüten und Kolibris gestützt, den sie gerade abstaubte. „Schon als Kind?“

Niko stellte das fertig verpackte Familienporträt an die Wand zu den anderen Dingen, die nach Griechenland verschifft werden sollten. „Ich hatte natürlich keine volle Stelle, habe aber von klein an dafür trainiert, eines Tages die Leitung zu übernehmen.“

„Wärst du nicht lieber mit Freunden draußen herumgetollt?“

„Freunde hatte ich nur einige wenige im Internat. Statt herumzuhängen, habe ich mich lieber aufs Lernen konzentriert.“

„Du warst also ein Streber.“

Niko zuckte mit den Schultern. „Ich musste gewisse Erwartungen erfüllen und meinem Vater Ehre machen. Ein Stravos ist immer Klassenbester, der zweite Platz ist nicht gut genug.“

„Wie grässlich! Wie hast du diesen Druck nur ausgehalten?“

„Mein Vater und Großvater wurden auf dieselbe Weise erzogen.“

„Oh!“ Mehr fiel ihr dazu nicht ein.

„Die Interessen meiner Firma sind weit gestreut. Es dauert Jahre, alles zu überblicken. Da mein Vater den Platz an der Spitze nicht einnehmen konnte, fiel diese Aufgabe eben mir zu.“

Sofia fand das viel Verantwortung für einen so jungen Menschen. Hatte Niko jemals ein richtiger Junge sein dürfen? Hoffentlich wünschte er seinem eigenen Kind ein besseres Leben. Unwillkürlich legte sie eine Hand auf ihren Bauch.

„Was ist?“, fragte Niko besorgt. „Geht’s dir nicht gut?“

Hastig zog sie die Hand zurück. Es war nicht der rechte Zeitpunkt, um ihm ihre Gedanken mitzuteilen. Sie hatten ja noch nicht einmal das Sorgerecht geregelt. „Doch, alles in Ordnung.“

„Du solltest dich ausruhen.“ Er trat neben sie, nahm ihr den Lappen aus der Hand und hielt ihn außer Reichweite, was ihm nicht schwerfiel, da er sie um einiges überragte. „Leg dich hin. Ich erledige den Rest.“

Sofia gab nach. Das Wohnzimmer war ohnehin der letzte Raum, der noch nicht ganz fertig war. Die Knie, der Rücken taten ihr weh, doch es duftete im gesamten Apartment so frisch und sauber, wie sie es mochte.

Sie legte sich aufs Sofa und sah zu, wie Niko sich geschickt und energisch an die Arbeit machte. Als sein Handy klingelte, ignorierte er es. „Wenn du drangehen musst, mache ich weiter“, bot sie an.

„Ich rufe später zurück.“

„Wann reisen wir ab?“, erkundigte sie sich nach einer Weile.

„Morgen früh.“

„Oh!“, sagte sie enttäuscht. Sie hätte sich zu gern zuvor die Stadt angesehen. Bislang kannte sie nur den Weg vom Flughafen zum Hotel. „Hast du deine Geschäfte abgeschlossen?“

Er nickte. „Außerdem habe ich das erste Puzzleteil gefunden.“

„Ein Puzzleteil? Bist du auf so etwas wie einer Schnitzeljagd?“

„In gewisser Weise.“

„Wie spannend! Darf ich fragen, wonach du suchst?“

Er zögerte. „Nichts. Ich hätte es nicht erwähnen sollen.“

„Ich dachte, wir wollten uns auf dieser Reise besser kennenlernen.“

„Du hast ja recht.“ Er ging aus dem Raum und kehrte gleich darauf mit einem Umschlag in der Hand zurück, den er ihr reichte. „Hier. Das erklärt alles.“

Sofia zog einen handgeschriebenen Brief heraus. Erst zögerte sie, doch Niko nickte ihr aufmunternd zu. Nachdenklich betrachtete sie die ordentliche, energische Handschrift, dann las sie:

Niko,

so leid es mir tut, ich war kein guter Ersatz für deinen Vater. Als du zu mir kamst, war ich bereits alt und in meinen Gewohnheiten festgefahren. Aber so war ich nicht immer. Du kannst dich nicht an die Abenteuer erinnern, die wir mit deinem Vater erlebt haben, und daran bin ich schuld. Statt die Erinnerungen wachzuhalten, war es weniger schmerzlich für mich zu schweigen.

Daher sende ich dich nun auf eine Mission. Du sollst unsere Apartments an den folgenden Orten aufsuchen: Tokio, Honolulu, New Orleans, in der Karibik und New York.

Das meiste, was du dort vorfindest, ist wertlos, doch in jedem Apartment gibt es einen Safe, der ein Teil deiner Vergangenheit enthält. Dinge, die ich dir längst hätte geben sollen. Bitte, vergib mir dieses Versäumnis!

Sollte ich sterben, bevor deine Mission erfüllt ist, gehört der Stravos Trust dir. Ich habe dir alles übers Geschäft beigebracht, was ich weiß, aber nichts über das Leben darüber hinaus. Mit dieser Mission versuche ich diesen Fehler wieder wettzumachen.

Geh mit offenem Herzen und Verstand an die Aufgabe heran und sei dir bewusst, dass ich dich liebe und immer lieben werde.

Gute Reise!

Sofia wusste nicht, was sie sagen sollte. Niko befand sich tatsächlich auf einer Schnitzeljagd in seine Vergangenheit. Verlegen blickte sie zu ihm herüber und sah den kleinen Jungen, der die Eltern verloren, den sein Großvater vergessen hatte.

Als ihre Blicke sich kreuzten, sagte sie spontan das Erste, was ihr einfiel. „Demnach ist unser nächster Stopp Hawaii?“

„Stimmt. Wie findest du das?“

„Prima. Dorthin wollte ich schon immer.“

„Dein Wunsch ist mir Befehl.“

Wenn es nur so wäre … Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie Niko sie in die Arme nahm und ihren Mund eroberte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Seufzend betrachtete sie den Mann ihrer Träume: breitschultrig, mit schmalen Hüften und athletisch. Zu schade, dass ihre Reise nicht ewig dauern würde.

Der Jet näherte sich Hawaii. Niko sah zu Sofia herüber, die in ihrem Sessel eingeschlafen war, statt das Bett im Heck des Flugzeugs zu benutzen, das er ihr angeboten hatte. Ihr Kopf hing unbequem schief, die Arme hatte sie um sich geschlungen, als wäre ihr kalt. Er stand auf und legte ihr fürsorglich sein Jackett um die Schultern. Sie murmelte etwas Unverständliches, wachte aber nicht auf. Das Putzen in Tokio hatte sie offenbar ziemlich angestrengt. Er hätte ihr mehr helfen müssen.

Erneut nahm er ihre einzigartige Schönheit wahr. Am liebsten hätte er ihre zarten Wangen berührt. Hoffentlich ähnelte das Baby Sofia. Bisher hatte er sich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt, dass sie sein Kind trug.

Behutsam zog er sich wieder auf seinen Platz zurück und nahm seinen Laptop zur Hand. Seine Gedanken kreisten jedoch weiterhin um sie und das Baby. In sechs Monaten würde ein neuer Stravos zur Welt kommen. Lange vorher gedachte er Sofia zu heiraten. Je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto klüger erschien ihm dieser Plan.

Er rieb sich die müden Augen und klappte seufzend den Computer zu. Seit Wochen absolvierte er ein absurdes Arbeitspensum, und allmählich spürte er die Folgen.

Sein Blick fiel auf einen Ordner, der aus seiner Aktentasche herausragte. Er stammte aus dem Safe im Penthaus in Tokio. Niko war noch nicht dazugekommen hineinzusehen. Was mochte so wichtig sein, dass sein Großvater ihn deswegen auf eine Weltreise schickte?

Er griff danach und zog einen Umschlag voller Schwarz-Weiß-Fotos heraus.

„Was soll denn das?“, fragte er laut, ohne es zu merken. Sofia regte sich, und er erstarrte, bis sie wieder zur Ruhe kam. Erst jetzt sah er die Fotos durch, eines nach dem anderen. Die Bilder zeigten Menschen, die ihm nicht vertraut waren. Dass sie zur Familie gehörten, bewiesen die auf der Rückseite vermerkten Namen und Daten.

Nach einer Weile wachte Sofia auf. Gähnend reckte sie die Arme über den Kopf. Das Jackett glitt von ihren Schultern in ihren Schoß. „Was machst du da?“, fragte sie noch ganz verschlafen.

Ihr dunkles Haar war zerwühlt, ihre Wangen glänzten rosig, und als sie lächelte, funkelten ihre Augen wie Juwelen. Sie sah zum Anbeißen aus, und Niko wurde ganz warm ums Herz.

„Ist alles in Ordnung, Niko?“

„Hm? Oh, ja. Ich betrachte gerade Fotos, die ich im Safe gefunden habe. Ich kenne die Leute darauf nicht, aber es muss Verwandtschaft sein.“ Was wollte sein Großvater ihm damit nur sagen? Frustriert schob er die Bilder zurück in den Ordner. „Ich wusste doch, dass diese Reise die reine Zeitverschwendung ist!“

„Darf ich sie mir ansehen?“

„Klar. Für mich sind sie wertlos.“

„Wie kannst du das sagen? Sie sind deine Familie.“

„Ich habe sie nie kennengelernt, sie bedeuten mir nichts.“

Sofia runzelte die Stirn, sagte aber nichts, sondern betrachtete ein Bild nach dem anderen. „Tatsächlich? Die meisten Leute wollen möglichst viel über ihre Vergangenheit wissen. Denk nur an deine Cousine Kyra! Sie ist um den halben Globus gereist, in der Hoffnung, Spuren der Vergangenheit zu finden.“

„Ich bin anders, mir genügt die Gegenwart. Ich brauche keine alten Fotos, um mich als ganzer Mensch zu fühlen.“

„Hast du dich nie gefragt, von wem du dein dunkles, welliges Haar hast oder die blauen Augen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich ähnele meinem Großvater, aber wen interessiert das schon?“

„Deinen Sohn oder deine Tochter vielleicht? Es wäre doch schön, wenn du ihnen etwas über ihre Familie erzählen könntest.“

Daran hatte Niko noch gar nicht gedacht. „Da gibt es nicht viel zu berichten.“

„Vielleicht versucht dein Großvater ja, dir Antworten zu geben auf Fragen, die zu stellen dir noch nie in den Sinn gekommen ist. Die Fotos bedeuten dir jetzt nichts. Aber möglicherweise ändert sich das ja, sobald du Vater geworden bist. Wenn Vergangenheit und Zukunft aufeinandertreffen.“

„Kann sein.“

Instinktiv spürte Niko, dass sein Großvater Sofia gemocht hätte. Sie war scharfsinnig und direkt und hätte ihn vermutlich besser verstanden, als es ihm je gelungen war.

Falls sie recht behielt, vergeudete er mit dieser Reise doch keine Zeit. Andererseits wäre es viel einfacher für ihn gewesen, wenn sein Großvater sämtliche Fotos zusammengesucht und in einer Kiste in der Villa auf seiner Privatinsel aufbewahrt hätte. Warum schickte er ihn stattdessen von Land zu Land, um sie einzusammeln?

Eine sinnlose Aufgabe hätte sein Großvater ihm nie gestellt. Es musste mehr dahinterstecken. Nur was?

Niko stand auf und schlenderte im Flugzeug auf und ab, um seine Muskeln zu lockern. Reisen empfand er nicht als Vergnügen. Je schneller er den Letzten Willen seines Großvaters erfüllte, desto rascher konnte er sich seinen Plänen widmen, der Umstrukturierung des Stravos Trust. Er wollte den Schifffahrtssektor ausbauen, der erste Megafrachter war bereits bestellt.

Sein Handy klingelte. Nach dem Gespräch wandte er sich an Sofia. „Das war der Pilot. Wir landen gleich auf Honolulu und sollen uns anschnallen.“

„Ich war noch nie dort“, sagte sie sehnsüchtig. „Wie lange bleiben wir?“

„Bis wir die Suite geräumt haben.“

„Oh“, machte sie enttäuscht.

Als er sie auf die Reise eingeladen hatte, hatte Niko sich keine Gedanken über ihre Erwartungen gemacht. Er hätte ihr erklären sollen, dass ihr Zeitplan eng war und keine Zeit zum Sightseeing oder Entspannen am Strand ließ. Jetzt erkannte er, dass es ihr gegenüber nicht fair war, sie wie eine Gefangene in seinem Jet zu halten. „Würdest du gern ein paar der Sehenswürdigkeiten besichtigen?“, fragte er, obwohl er nichts weniger wollte, als Tourist zu spielen.

„Ja“, rief sie spontan. Gleich darauf presste sie verlegen die Lippen aufeinander. „Natürlich nur, wenn du nicht zu viel zu tun hast.“

Wenn sie nachts fliegen würden, konnte er durchaus einen Tag freischaufeln. „Dann ist es abgemacht. Wir gehen auf Besichtigungstour. Hast du etwas Bestimmtes im Sinn?“

„Alles.“ Ihre Augen strahlten voller Vorfreude auf.

„Sehen wir zu, was wir schaffen. Am besten erstellst du eine Liste. Und möchtest du mir die nicht zurückgeben?“ Er deutete auf die Fotos. „Sie sind nichts Besonderes.“

Sofia betrachtete den Stapel in ihrer Hand. „Hast du sie denn noch nie gesehen? Gab es keine Abzüge in eurem Haus in Griechenland?“

„Nein.“ Darüber hatte er sich auch schon gewundert. „Gibst du sie mir?“

Sie reichte ihm die Hälfte, und er blätterte sie durch. Diesmal konzentrierte er sich nicht auf die Menschen, sondern auf den Hintergrund. Fast jedes Bild war an einem Ort in Tokio aufgenommen. „Das Penthouse stand augenscheinlich der gesamten Großfamilie offen. Kein Wunder, dass es so viele Bilder gibt.“

„Du solltest sie in ein Album kleben.“

„Wozu?“

„Damit sie ansehnlich bleiben und du sie bequem betrachten kannst.“

„Machst du das mit deinen Fotos so?“

„Darum kümmert sich meine Mutter. Sie bastelt sogar die Alben selbst. Sie sind wunderschön und in der ganzen Familie als Geschenk zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder Taufen begehrt.“

Niko hatte niemanden gehabt, der die kleinen und größeren Ereignisse seines Lebens zu einem Buch zusammengefasst hätte. Er wusste noch nicht einmal, ob sein Großvater Schnappschüsse von ihm als Kind besessen hatte. „Ein wirklich besonderes Geschenk.“

„Allerdings. Wenn ich erst wieder in New York lebe, wird Mom mich mit der Kamera verfolgen. Sie wird sich riesig über ihr erstes Enkelkind freuen. Ich möchte bei meiner Familie sein, wenn das Baby da ist.“

Und zu der gehöre ich nicht, dachte Niko. Wieder einmal fühlte er sich als der Außenseiter, der er zeitlebens gewesen war. Statt Teil von Sofias Familie zu sein, durfte er nur von außen zusehen. Um dazuzugehören, musste man sich anstrengen. Dabei hatte er immer gedacht, so etwas würde von allein kommen.

Doch so schnell würde er nicht aufgeben. Sein Sohn oder seine Tochter sollte nicht aufwachsen wie er, ohne beide Elternteile zu kennen.

Nachdenklich betrachtete er die Fotos. Vielleicht sollte er nicht gar so viel über Sofia und das Baby nachdenken. Irgendwie würde schon alles funktionieren. Er bekam immer, was er wollte. Manches dauerte einfach länger.

Er sah zu ihr hinüber. Bis du Ja sagst, werde ich noch viel Geduld aufbringen müssen, ging es ihm durch den Kopf.

Das also ist Hawaii, dachte Sofia. Lächelnd sah sie vom Balkon des Penthouses auf Honolulu hinunter. Eine warme Brise strich über ihre Haut. Es wunderte sie, dass Niko diesen atemberaubenden Blick aufzugeben bereit war: blauer Himmel, der weiße Strand von Waikiki, unendlicher Ozean. Der Anblick erinnerte sie ans Blue Tide Resort, war aber dennoch völlig anders.

Als sie morgens aufgewacht war, war Niko bereits gegangen. Dabei hatten sie an diesem Tag ihre Besichtigungstour machen wollen. Er hatte ihr eine Nachricht in der Küche hinterlassen:

Bin mittags zurück. Lass dir etwas aufs Zimmer kommen oder nimm dir aus dem Kühlschrank, was du willst. Bis später, Niko.

Sofia sah auf die Uhr. Es war bereits halb eins, sie konnte es kaum erwarten, die Insel zu erkunden. Zu dumm, dass sie verschlafen hatte! Aber offenbar hatte sie die Ruhe gebraucht.

Ihr Handy meldete das Eintreffen einer Nachricht. Insgeheim hoffte sie auf eine Botschaft von Niko. Er fehlte ihr bereits. Doch nicht er hatte geschrieben, sondern ihre Freundin.

Denke gerade an dich. Wo seid ihr?

Auf Hawaii. Es ist traumhaft schön!

Jetzt bin ich aber neidisch!

Wieso das? Du bist im sonnigen Griechenland.

Eine Weltreise ist etwas ganz anderes …

Wenn nur die Umstände andere wären, dachte Sofia betrübt. Niko hatte sie nicht mitgenommen, um an die Nacht von Kyras Hochzeit anzuknüpfen. Stattdessen versuchten sie herauszufinden, wie sie ihr Kind aufziehen wollten. Mit seinem Reichtum und seinen Beziehungen wäre es ihm ein Leichtes, das alleinige Sorgerecht zu erwirken, falls er es darauf anlegte. Daher musste sie ihn davon überzeugen, dass sie sehr wohl in der Lage war, sich gut um ihr Baby zu kümmern.

Eine neue Nachricht traf ein:

Wie läuft es zwischen dir und Niko?

Darüber musste Sofia erst nachdenken. Kyra glaubte vermutlich, sie wären inzwischen ein Paar, doch der Zug war längst abgefahren. Sie versuchten, Freunde zu werden. Niko gab sich alle Mühe. Wenn er nicht gerade geschäftlich telefonierte oder am Computer arbeitete, sprach er mit ihr. Dabei wünschte sie sich mehr …

Bist du noch dran?

Entschuldige. Es läuft recht gut.

Recht gut? Das klingt nicht gerade toll.

Was sollte sie darauf nur antworten? Sofia konnte schlecht mit Nikos Cousine über ihre komplizierte Beziehung sprechen.

Mach dir keine Sorgen. Ich habe es nur gerade eilig.

Da bin ich aber erleichtert!

Ich melde mich später.

Bis dann!

Sosehr Sofia ihre Freundin auch vermisste, mit der aktuellen Situation musste sie allein zurechtkommen. Sie konnte Kyra nicht von Nikos Küssen erzählen, nichts von den feurigen Blicken, die sie gelegentlich tauschten. Sie würde nur falsche Schlüsse ziehen und auf ein Happy End hoffen.

Bis auf eine gewisse Chemie – und das Baby – verband Sofia jedoch nichts mit Niko. Er würde zum Tagesgeschäft übergehen und sie das Kind in Ruhe erziehen lassen, sobald sie ihn von ihren Fähigkeiten als Mutter überzeugt hatte. Das hoffte sie zumindest.

Sie beschloss, ihre Selbstständigkeit unter Beweis zu stellen, indem sie allein zur Besichtigungstour durch Honolulu aufbrach. Entschlossen schnappte sie sich Handy und Handtasche, kritzelte eine Nachricht für Niko und verließ das Apartment. Mit dem Lift fuhr sie in die belebte Hotellobby hinunter. Dort sah sie sich unwillkürlich nach ihm um, entdeckte ihn aber nirgends. Leicht enttäuscht startete sie in ihr Abenteuer. Sie wollte Spaß haben und viele Fotos machen, um sie an ihre Mutter und Kyra zu schicken. Vielleicht vergaß sie darüber ja für eine Weile ihre Sorgen.

Die Sonne brannte vom Himmel, sie setzte ihre Sonnenbrille auf und ging in Richtung Strand los. Ein Spaziergang am Wasser würde ihr helfen, die Anspannung abzuschütteln. Auf der Promenade oberhalb des Strandes hielt sie an und betrachtete die Menschen, die sich im weißen Sand vergnügten: ältere und jüngere, Kinder jeden Alters, natürlich die Rettungsschwimmer – und zahllose Paare. Sie lagen lesend nebeneinander, spielten und lachten miteinander oder machten Hand in Hand einen Spaziergang.

Plötzlich fühlte sich Sofia sehr einsam. Eine solche Nähe würde sie wohl nie erleben, denn weniger als wahre Liebe kam für sie nicht in Betracht – eine ernsthafte, lebenslange Liebe, wie ihre Eltern und Großeltern sie gefunden hatten.

Unwillkürlich musste sie an Bobby denken. Niko hatte die richtigen Worte gesagt, letztendlich aber nur eine Frau gesucht, die ihn von vorn bis hinten bediente.

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