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ROMANA EXTRA BAND 55

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Blitzhochzeit im Paradies

1. KAPITEL

„Nein.“

Ein Bogen Papier segelte auf den Schreibtisch. Becky English sah auf und versuchte, sich ihre Reaktion nicht anmerken zu lassen. Die volle Stimme mit dem sexy Klang hätte ihr eine Warnung sein sollen. Der Mann war atemberaubend. Eindeutig schlecht gelaunt, aber dennoch …

Er war mindestens einen Meter achtzig groß, und unter dem dunkelgrünen Sporthemd und den hellen Shorts zeichnete sich ein muskulöser Körper mit breiter Brust, flachem Bauch und den schmalen Hüften der Revolverhelden aus den alten Western-Filmen ab. Er wirkte wie ein Mann, der den Großteil seiner Zeit an der frischen Luft verbrachte.

Sein dunkelbraunes gewelltes Haar fiel bis auf den Hemdkragen herab. Seine Augen hatten dieselbe Farbe wie das Karibische Meer, das die Insel umgab. Im Gegensatz zum Meer wirkte sein Blick allerdings weder warm noch einladend. Wieder drängte sich der Vergleich mit den Revolverhelden auf – kühl und respekteinflößend. Hart. Das alles lenkte jedoch nicht von der Tatsache ab, dass seine Züge einfach nur perfekt waren.

„Und nein“, sagte er.

Das nächste Blatt Papier landete auf der Tastatur ihres Laptops.

„Und was das hier angeht – ganz besonders nein!“

Das dritte Blatt schwebte ihr entgegen. Mit einem raschen Griff verhinderte sie, dass es zu Boden fiel.

Becky machte die Bewegung rein reflexartig. Sie konnte den Blick nicht von ihrem Gegenüber abwenden. Schweißperlen rannen langsam an seinen Schläfen herab – bis zu seinem markant geschnittenen Kinn. Er wischte sie ungeduldig fort.

Es war heiß hier auf der kleinen Insel Sainte Simone. Becky widerstand der Versuchung, sich mit dem Handrücken die eigenen Schweißtröpfchen von der Stirn zu wischen. Endlich fand sie ihre Stimme wieder.

„Entschuldigen Sie – wer sind Sie?“

Seine einzige Antwort war eine emporgezogene Braue.

„Sie müssen einer von Allies Freunden aus Hollywood sein“, schloss Becky.

Er war in seinem ganzen Äußeren derart perfekt, dass er nur zur Welt des Films gehören konnte. Ausschließlich Schauspieler schienen in der Lage, diese Mir-gehört-die-Welt-Selbstsicherheit auszustrahlen, von der Normalsterbliche nur träumen konnten. Außerdem waren seine markanten Züge einfach ideal für die Kamera – diese aristokratische Nase, die vollen Lippen …

„Und? Sind Sie das?“, hakte sie nach.

Um eine solche Situation zu verhindern, hatte sie um eine Gästeliste gebeten, aber nein, Allie war strikt dagegen gewesen. Sie kümmerte sich selbst um die Gästeliste, und sie wollte nicht, dass irgendjemand – nicht einmal ihre Hochzeitsplanerin – die Namen der Menschen kannte, die zu ihrer Hochzeit eingeladen waren.

Der Mann schnaubte verächtlich – was ihr nicht wirklich weiterhalf. Aber wie konnte es sein, dass sogar ein Schnauben sexy wirkte?

„Sie sind sehr früh.“ Becky schlug einen energischen Ton an. Dabei fragte sie sich, wieso ihr Puls raste, als habe sie soeben einen Hundert-Meter-Sprint zurückgelegt. „Die Hochzeit findet erst in zwei Wochen statt.“

Genau das hätte sie erwarten sollen. Menschen mit zu viel Zeit und Geld würden einfach hier auftauchen, wann es ihnen passte.

„Ich bin Drew Jordan.“

Ihre Miene musste verraten haben, dass der Name ihr absolut nichts sagte.

„Der Bauleiter für diesen Zirkus.“

Drew Jordan. Natürlich! Wieso hatte sie nicht gleich geschaltet? Sie hatte ihn bereits erwartet. Er war der Bruder des Bräutigams.

Er mochte der Bauleiter sein, aber Becky war die Leiterin der gesamten Aktion, und das würde sie ihm klarmachen, und zwar schnell.

„Bitte bezeichnen Sie die Hochzeit von Allie Ambrosia nicht als Zirkus“, erklärte sie kühl. „Es wird das Ereignis des Jahres sein.“

Damit gab sie die Worte der Braut wieder, Hollywoods neuestem It-Girl. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihre Position sie selbst ein wenig überwältigte. Sie, Becky English, ein Nobody aus der Kleinstadt, war auserwählt, das Ereignis des Jahres zu organisieren!

Sie erinnerte sich an Allies Warnung vor dem Mann, der jetzt vor ihr stand. „Mein zukünftiger Schwager wird die Bauleitung übernehmen“, hatte sie gesagt. „Er kann ein richtiges Ekel sein. Er ist ein paar Jahre älter als Joe, benimmt sich aber, als sei er fünfundsiebzig. Er hat an allem etwas auszusetzen. Das erklärt wohl auch, wieso er noch ledig ist.“

Der Mann wirkte absolut nicht wie ein Fünfundsiebzigjähriger. Was das Ekel anbetraf – das blieb abzuwarten. Und warum interessierte sie bei all diesen Fakten am meisten, dass er ledig war?

Becky war Hochzeitsplanerin. In einer Mischung aus spontaner Laune und Wunschdenken hatte sie ihre Agentur Für immer und ewig genannt. Die Erfahrungen, die sie in ihrem Beruf machte, ließen schnell auch die letzten romantischen Illusionen schwinden, die ihr nach dem bitteren Ende ihrer langen Verlobungszeit noch geblieben waren. Dabei war Becky gern bereit zuzugeben, dass sie vielleicht zu viele Märchenfantasien gehabt hatte, als sie noch sehr jung und naiv gewesen war.

Der Mann, der jetzt vor ihr stand, musste in jeder Frau den Traum von einem Happy End auslösen. Becky wollte sich ihre Verwirrung nicht anmerken lassen, deshalb griff sie nach dem Papier, das Drew Jordan ihr als letztes hingeworfen hatte – das mit dem ganz besonderen Nein!

Es war ihr eigener Entwurf. Die etwas rudimentäre Zeichnung war mit einem dicken schwarzen Kreuz durchgestrichen worden.

„Aber den Pavillon brauchen wir!“, protestierte sie. „Wo sonst wollen wir zweihundert geladene Gäste zum Essen platzieren?“

„Die Location ist in Ordnung.“

Erwartete er Dank dafür? Ihr Adrenalinpegel war derart gestiegen, dass ihr keine passende Antwort einfiel. Sie rang um Worte.

„Das Essen kann dort stattfinden – auf dem Rasen vor diesem Kasten. Einfach ohne Pavillon.“

„Dieser Kasten ist ein Schloss“, erklärte Becky trocken. Okay, zuerst hatte sie auch gefunden, dass der Bau nicht zum tropischen Flair der Insel passte. Aber während der vergangenen Tage hatte sie gelernt, ihm etwas Positives abzugewinnen. Durch die dicken Mauern war es innen immer angenehm kühl, und jeder Raum, in den sie bislang einen Blick geworfen hatte, bot den Luxus eines Fünf-Sterne-Hotels.

Außerdem war das Gebäude groß genug, um zweihundert Gäste für die einwöchige Feier unterzubringen, die Allie für ihre Hochzeit angesetzt hatte. Bauten dieser Größe waren hier schwer zu finden.

Zudem bot das Insel-Domizil Personal, das es gewohnt war, prominente Gäste zu umsorgen. Besitzer des Ganzen – die Insel eingeschlossen – war der Musik-Mogul Bart Lung, der hier schon manche hochkarätige Veranstaltung mit Stars aus aller Welt veranstaltet hatte.

Offensichtlich hatten all diese Menschen in dem großen Speisesaal des Schlosses gegessen. Der kam für Allie aber nicht infrage. Sie bestand darauf, dass ihre Hochzeitsfeier draußen stattfand.

„Wollen Sie damit sagen, Sie können mir keinen Pavillon bauen?“ Becky schlug einen frostigen Ton an, in dem vor allem eine Nachricht deutlich mitschwang: Sie sind zu ersetzen!

„Es geht nicht ums Können, sondern ums Wollen. Wir haben zwei Wochen, um diesen Zirkus vorzubereiten, nicht zwei Jahre.“

Er ließ sich von ihrem Ton in keinster Weise einschüchtern. Sein Ausdruck verriet, dass er es eher gewohnt war, Anweisungen zu geben, als welche zu befolgen.

Sie erwog, ihn noch einmal auf den Begriff Zirkus anzusprechen, hielt es dann aber für klüger, sich die Worte zu sparen. Sachliche Argumente waren das Gebot der Stunde.

„Es ist nur ein Bau auf Zeit“, erklärte sie ruhig, „und er ist unumgänglich. Was, wenn wir an dem Tag unfreundliches Wetter haben?“

Drew musterte sie so lange nachdenklich, dass es sie nervös machte.

„Was ist?“, fragte sie entnervt.

„Ich versuche herauszufinden, ob Sie zur Märchentruppe der Braut gehören oder nicht.“

Becky hob das Kinn. „Was ist eine Märchentruppe?“

„Das sind Menschen, die keinen Bezug mehr zur Wirklichkeit haben“, erklärte er und deutete dabei auf den Plan in ihrer Hand. „Sie können auf einer Insel, auf der jeder Nagel eingeflogen werden muss, nicht von jetzt auf gleich einen Pavillon für zweihundert Menschen bauen.“

„Es soll doch kein Bau für die Ewigkeit sein“, protestierte sie. „Es ist eine Illusion – wie Kulissen beim Film.“

„Ihr Bauplan mag Sie für die Truppe qualifizieren, aber ansonsten gehören Sie nicht dazu“, entschied er.

„Wieso?“

„Unumgänglich. Unfreundliches Wetter. Illusion.“ Um seine Mundwinkel zuckte es verdächtig. Jetzt begriff sie, dass es ihre Sprache war, die ihn amüsierte.

„Wie auch immer – unfreundliches Wetter ist sehr unwahrscheinlich. Ich habe es gegoogelt. Diese Seite der Insel hat drei Regentage im Jahr. Und dreimal dürfen Sie raten, wie oft es in den vergangenen zweiundvierzig Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hier am Tag aller Tage, am dritten Juni, geregnet hat.“

Die Art, wie er Tag aller Tage sagte, war nicht besser als Zirkus.

Becky bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. Sie öffnete ihren Laptop, um anzudeuten, sie habe nicht die Absicht, sein Wort dafür zu nehmen, und wolle sich stattdessen selbst von der Wetterprognose für den dritten Juni überzeugen.

Ihre Finger folgten einem anderen Gedankengang. Ehe Becky es sich versah, gaben sie in der Google-Suchmaske den Namen DREW JORDAN ein.

Drew betrachtete Becky English derweil nachdenklich. Er hatte eine gestylte, weltgewandte Eventmanagerin von der Westküste erwartet. Die Frau vor ihm mit ihrer sonnenverbrannten Nase und dem Pferdeschwanz machte den Eindruck, als sei sie kaum volljährig.

Sie wirkte wie ein sportlicher Teenager, der sich auf das Training mit dem Team der Cheerleader ihrer Highschool vorbereitete. Die Art, wie sie sprach – mit der Ernsthaftigkeit einer Schülerin, die zum nationalen Buchstabierwettbewerb wollte –, machte sie in seinen Augen zu einer Kreuzung zwischen Streberin und Cheerleaderin. Wer hätte gedacht, dass diese Kombination derart faszinierend sein könnte?

Beckys Haar wirkte, als sei es nie in Berührung mit Haarfärbemitteln oder Ähnlichem gekommen. Offensichtlich hatte sie es am Morgen einfach aus dem Gesicht gestrichen und mit einem Gummi zusammengebunden. Es war von einem undefinierbaren hellen Braun und wirkte dabei doch so glänzend und gesund, dass Drew ein erschreckendes Bedürfnis verspürte, es zu berühren.

Ihre Augen waren braun und nicht einmal von einem Hauch Make-up umgeben. Die helle Haut wäre im Lande des ewigen Sommers, aus dem er kam, als nicht zeitgemäß betrachtet worden. Nach nur wenigen Tagen in den Tropen glänzten ihre Nasenspitze und die Wangen rosig, und die ersten Sommersprossen zeigten sich. Auch ihre schlanken Schultern zeigten Anzeichen eines Sonnenbrands. Ihre Zähne standen eine Spur schief, einer der Frontzähne schob sich leicht über den anderen – ein liebenswerter Makel. Und natürlich fiel ihm auf, dass ihr obenrum jede weibliche Form fehlte.

Drew Jordan arbeitete vorwiegend in Los Angeles. Die Menschen dort – besonders die Menschen, die sich die Dienste seiner Firma leisten konnten – waren so wenig natürlich, wie man es sich nur vorstellen konnte. Die Frauen hatten zierliche Nasen und wulstige Lippen, künstlich gebräunte Haut und faltenfreie Gesichter. Ihre Haare waren blond in allen Schattierungen und die Brüste unnatürlich aufgeblasen. Die Augen schienen durch geschickte Chirurgen dauerndes Erstaunen auszudrücken, und ihre Zähne waren so weiß, dass man eine Sonnenbrille brauchte, um sich vor ihrem blitzenden Lächeln zu schützen.

Drew wusste nicht, wann er sich an all das gewöhnt hatte, aber plötzlich begriff er: Mit dem Gekünstelten kannte er sich aus, daher gab es einem eingefleischten Junggesellen wie ihm ein Gefühl der Sicherheit. Die Faszination für diese Frau hingegen kam daher, dass sie zu einhundert Prozent echt wirkte.

Sie trug ein schlichtes weißes Tanktop, und wenn er sich ein wenig vorbeugte, konnte er Shorts erkennen. Unter dem Tisch sah er ein Paar Sneakers mit rosa Schuhbändern.

„Wie sind Sie an Allie gekommen?“, fragte er. „Sie sehen nicht so aus, wie ich mir eine hochkarätige Hochzeitsplanerin aus Hollywood vorstelle.“

„Und wie würde die aussehen?“ Becky war gekränkt.

„Nicht so … natürlich.“

Sie runzelte die Stirn.

„Nehmen Sie es als Kompliment“, schlug er vor.

Sie schien sich unsicher, ging aber in die Offensive: „Ich betreibe schon mehrere Jahre eine sehr erfolgreiche Agentur für Hochzeitsplanungen“, erklärte sie stolz.

„In Los Angeles?“ Er sah sie ungläubig an.

„Nein, nicht direkt.“

Er wartete. Er hatte sie verwirrt und genoss es.

„In Moose Run und Umgebung“, erklärte sie schließlich kühl.

Machte sie Witze? Es klang wie ein Name, den irgendein Drehbuchautor sich ausgedacht hatte, um Visionen eines idyllischen Amerikas zu wecken, das es schon lange nicht mehr gab. Aber nein, es war ihr eindeutig ernst.

Dennoch musste er fragen. „Moose Run? Büffel-Pfad? Im Ernst?“

„Googeln Sie es doch“, fuhr sie ihn an.

„Wo liegt es? In den Appalachen?“

„Googeln Sie es!“

Als er die Arme vor der Brust verschränkte und eine Braue hob, gab sie nach.

„Michigan“, erklärte sie knapp. „Es ist eine Landgemeinde in Michigan mit einer Einwohnerzahl von ungefähr vierzehntausend. Natürlich kommen noch die umliegenden Gemeinden dazu.“

„Ah. Natürlich.“

„Sagen Sie nicht so Ah!“

„Wie?“ Er war verblüfft.

„So als wollten Sie damit sagen: ̦Ah, das erklärt ja alles!ʼ“

„Aber das tut es doch. Es erklärt alles über Sie.“

„Es erklärt gar nichts!“, widersprach sie hitzig. Auf ihren Wangen erschienen kleine hektische Flecken, die den Sonnenbrand überdeckten.

„Okay.“ Er hob die Hände in einer Geste gespielter Ergebung. Er hätte es dabei bewenden lassen sollen. Hätte ihr sagen sollen, was bautechnisch in der kurzen Zeit möglich war und was nicht. Damit war sein Job getan. Aber aus irgendeinem Grund hatte Drew Spaß daran gefunden, sie zu verwirren.

„Wie alt sind Sie?“, fragte er.

Sie verschränkte nun ebenfalls die Arme vor der Brust. Kampfmodus. Musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Die Frage ist unangebracht. Wie alt sind Sie denn?“, fauchte sie ihn an.

„Einunddreißig“, erklärte er ungerührt. „Ich habe nur gefragt, weil Sie aussehen wie sechzehn, aber nicht einmal Allie wäre so verrückt, einer Sechzehnjährigen diesen Zir… Ich meine, dieses Event zu überlassen.“

„Ich bin dreiundzwanzig, und Allie ist nicht verrückt!“

„Nicht?“

Die zukünftige Frau seines Bruders hatte es fertiggebracht, in ihrem vollen Terminkalender – sie drehte gerade in Spanien – eine Audienz für ihn unterzubringen, als sie einmal für ein paar Tage in L. A. gewesen war. Es war gewesen, kurz nachdem Joe ihn angerufen und etwas verlegen gesagt hatte, dass er heiraten werde.

Drew war nicht glücklich gewesen über die Neuigkeit. Joe war einundzwanzig. Bisher hatte er keine großen Entscheidungen gefällt, ohne Drew vorher um Rat zu fragen. Drew war gegen seine Entscheidung für den Kulissenbau beim Film gewesen, aber er hatte es dennoch gemacht. Und wohin hatte es geführt? Mit fast ehrfurchtsvollem Ton hatte Joe Drew gestanden, wen er zu heiraten gedachte.

Drew war entsetzt gewesen und hatte kein Geheimnis daraus gemacht. Es hatte damit geendet, dass sein normalerweise immer entspannter, nachgiebiger Bruder ihn angebrüllt hatte: „Hör auf, mich ständig zu kontrollieren! Kannst du dich nicht einfach für mich freuen?“

Und dann hatte Joe einfach aufgelegt. Joe, der sonst immer gut gelaunt und von sonnigem Gemüt war. Seither waren ihre Gespräche kurz und knapp gewesen.

„Ich nehme an, Joe ist noch nicht da?“, fragte er Becky betont beiläufig.

„Nein.“ Sie warf einen Blick in einen dicken Terminkalender. „Er sollte morgen früh eintreffen. Allie kommt am Tag der Hochzeit.“

Perfekt! Ein Gespräch mit Joe ohne Allies Einfluss erhöhte die Erfolgsaussichten seiner Mission beträchtlich. Seine Mission war entweder eine Absage der Hochzeit oder zumindest ein Verschieben des Termins, bis alle wieder einen etwas kühleren Kopf hatten.

Drew bildete sich ein, ein Gefühl für Menschen zu haben – die Frau vor ihm bewies es. Aber nach dem Treffen mit Allie Ambrosia hatte er den beunruhigenden Eindruck gehabt, sie überhaupt nicht einordnen zu können.

„Wo ist mein Bruder?“, hatte Drew sie gefragt.

Allie Ambrosia hatte ihn nur verblüfft angesehen. „Das klingt ja fast, als hätte ich ihn gekidnappt!“

Und genau so kam es Drew vor. Für ihn war Allie Ambrosia verantwortlich für den neuen Joe, der das Gespräch mit seinem Bruder einfach so beenden konnte und dann alle Versuche ignorierte, Kontakt zu ihm aufzunehmen.

„Allie Ambrosia ist einfühlsam, brillant und unglaublich nett.“

Interessiert beobachtete Drew, wie Beckys Wangen noch röter wurden. Sie war bereit, für einen anderen Menschen einzustehen, und das sagte ihm fast ebenso viel über sie wie die Tatsache, dass sie aus Moose Run in Michigan kam.

Drew konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand glauben konnte, Allie Ambrosia verteidigen zu müssen. Er mochte frustriert darüber gewesen sein, keinen Draht zu seiner zukünftigen Schwägerin zu haben, aber die Begriffe einfühlsam und unglaublich nett hätten sich für ihn niemals mit dieser Frau verbunden. Vielleicht eher mit Becky, obwohl er sie gerade erst kennengelernt hatte.

Allie – brillant? Vielleicht. Falls ja, hatte es sich zumindest nicht in ihrem Wortschatz gezeigt. Er war bereit, ihr eine gewisse Gerissenheit zu unterstellen. Sie schien in jede gewünschte Rolle schlüpfen zu können, wobei sich die wahre Allie hinter Augen verbarg, die so unglaublich grün waren, dass er sich fragte, ob sie die Farbe mit Kontaktlinsen verstärkte.

Sein Treffen mit ihr hatte ihn zutiefst frustriert. Er hatte sich bereiterklärt, bei den Bauten zu helfen. Seine Hoffnung war dabei, durch die scheinbare Kapitulation vor den Plänen seines Bruders wieder eine Gesprächsbasis zwischen ihnen herzustellen, die ihm die Möglichkeit gab, Joe zur Einsicht zu bringen.

Morgen hatte er seine Chance. Heute konnte er ungeniert versuchen, die Geheimnisse der Frau zu lüften, die sein Bruder heiraten wollte.

„Und woher wollen Sie wissen, dass Allie einfühlsam, brillant und nett ist?“ Er war froh, endlich jemanden gefunden zu haben, der Allie zu kennen schien, wollte es sich aber nicht anmerken lassen.

„Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“

Noch besser! Jemand, der Allie kannte, bevor sie ihren großen Durchbruch beim Film gehabt hatte.

„Allie Ambrosia ist in Moose Run aufgewachsen? Das steht nicht in ihrem offiziellen Lebenslauf.“

Becky schien sich zurückhalten zu wollen, um nicht zu viel über ihre ehemalige Mitschülerin preiszugeben, aber das Bedürfnis, sie zu verteidigen, war stärker.

„Ihre Erinnerungen an Moose Run sind vielleicht nicht die besten“, räumte sie widerstrebend ein.

„Ich muss schon sagen, Allie hat einen weiten Weg hinter sich.“

„Woher wollen Sie das wissen? Wie gut kennen Sie Allie?“

„Ich gebe zu, es ist reine Vermutung. Ich kenne sie kaum“, gestand Drew. „Alles, was ich weiß, ist, dass sie eine stürmische Affäre mit meinem kleinen Bruder, der die Kulissen bei einem ihrer Filme baut, hat. Sie kennen sich gerade erst seit ein paar Wochen – und schon wollen sie heiraten. Das kann doch nicht von Dauer sein, und hier wird sehr viel Zeit und Geld in eine Sache investiert, die bald beendet sein wird.“

„Sie sind zynisch.“ Ihr Ton verriet, dass es kein Kompliment war.

„Wir können nicht alle aus Moose Run in Michigan kommen.“

Sie verteidigte sich nicht, sondern musterte ihn schweigend, was ihm zunehmend Unbehagen verursachte. „Sie machen sich wirklich Sorgen um Ihren Bruder.“

Er war sich nicht sicher, ob es ihm gefiel, dass sie ihn so gut durchschaute. Deswegen schwieg er.

„Offen gestanden glaube ich, dass Sie überhaupt gegen Hochzeiten sind.“

„Was ist das hier – ein Partyspiel? Können Sie meine Gedanken lesen?“ Es sollte witzig klingen, aber sogar er selbst hörte den abwehrenden Unterton in seinen Worten.

„Dann stimmt es also.“

„Ja und? Viele Männer haben etwas gegen Hochzeiten.“

„Und wieso?“

Er runzelte die Stirn. Ein Gespräch über die Bauten war okay, sogar wenn sie so schlecht geplant waren wie diese. Gespräche über Gefühle missfielen ihm. Desgleichen Gespräche über Hochzeiten.

„Sie mögen sie einfach nicht“, beharrte er. „Okay, ich mag sie nicht.“

„Wer hat Sie zum Hüter Ihres Bruders gemacht? Sollten es nicht Ihre Eltern sein, die sich mit ihm darüber unterhalten?“

„Unsere Eltern sind tot.“

„Oh“, sagte Becky ruhig. „Das tut mir leid. Also machen Sie sich als älterer Bruder Sorgen um ihn. Gleichzeitig haben Sie sich erboten, ihm hier zu helfen. Das ist sehr nett von Ihnen.“

Er zuckte die Schultern. „Brüder helfen einander nun einmal.“

„Joe ist wirklich aufgebracht über Ihre Reaktion auf unsere Hochzeit“, hatte Allie ihm gesagt. „Wenn Sie ihm bei den Bauten helfen, würde er Ihre anfängliche Reaktion der Überraschung zuschreiben und verstehen, dass Sie natürlich nur das Beste wollen für ihn.“

Oh, er wollte das Beste für Joe, keine Frage. Etwas musste sich in Drews Ausdruck gezeigt haben, denn Becky runzelte die Stirn. „Wollen Sie versuchen, die Hochzeit zu verhindern?“, fragte sie argwöhnisch.

Hatte Allie ihn auch so gut durchschaut? „Joe ist erwachsen und kann sich seine Meinung selbst bilden. Aber das kann ich auch. Und mir scheint, dass seine Entscheidung in diesem Fall einfach sehr impulsiv gewesen ist.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

„Man hätte doch erwarten können, dass er mich nach meiner Meinung fragt“, erklärte Drew mürrisch.

Er hörte selbst so etwas wie Schmerz in seinem Ton und sah Becky warnend an. Er wollte kein Mitleid.

Glücklicherweise dachte sie gar nicht daran. „Ist das der Grund, wieso ich den Pavillon nicht bekommen soll? Versuchen Sie, das Ganze zu sabotieren?“

„Nein“, beschied er sie knapp. „Ich werde tun, was ich kann, damit mein Bruder und seine Braut einen perfekten Tag bekommen. Falls er schon vorher zu Verstand kommt …“ Er ließ das Ende des Satzes offen.

„Falls er seine Meinung ändert, wären viel Zeit und Geld vergeudet worden.“

„Ich bin sicher, Sie bekommen Ihr Geld.“

„Das ist nicht der Punkt.“

„Genau das ist der Punkt, wenn man eine Firma hat.“ Er sah sie an und seufzte. „Bitte sagen Sie nicht, dass Sie es umsonst machen. Um der Liebe willen.“

Liebe.

Abgesehen von den Gefühlen für seinen Bruder hatte Liebe in seinem Leben keinen Platz. Er bedauerte, das Wort gegenüber Becky English auch nur erwähnt zu haben.

„Da Sie es schon erwähnen – ich hatte den Eindruck, dass Allie und Ihr Bruder sich Hals über Kopf ineinander verliebt haben“, bemerkte Becky ernst.

„Ähm.“ Es war keine Frage, dass Joe verliebt war und nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Allie war schwerer zu durchschauen. Schauspielern war ihr Leben. Drew hatte das Gefühl, dass die Chancen seines Bruders, verletzt zu werden, recht hoch standen.

„Joe hätte es schlimmer treffen können“, bemerkte Becky. „Allie ist eine schöne, erfolgreiche Frau.“

„Das ist sie wohl.“

„Das klingt wieder zynisch.“

Zynisch. Ja, das war Drew Jordan. Und er war gern mit Menschen zusammen, die das Leben ebenso nüchtern betrachteten wie er. Oder?

„Sehen Sie, mein Bruder ist einundzwanzig. Das ist zu jung, um eine solche Entscheidung zu treffen.“

„Auch wenn Sie Moose Run verachten – es ist ein traditionsbewusster Ort, in dem die Menschen nichts mehr lieben als eine schöne Hochzeit. Ich habe Dutzende geplant, und Sie können mir glauben: Alter ist keine Garantie dafür, ob eine Ehe hält oder nicht.“

„Soweit ich weiß, kennt er sie gerade einmal seit acht Wochen!“

„Auch das dürfte nichts damit zu tun haben, ob diese Ehe gut geht oder nicht.“

„Und was hat etwas damit zu tun?“

„Wenn ich das wüsste, würde ich das Geheimnis in Flaschen verpacken und sie teuer verkaufen“, sagte sie. „Ich habe die Hochzeiten vieler junger Leute geplant, die immer noch zusammen sind. Junge Leute haben große Träume und viel Energie. Das braucht man, um das erste Haus zu kaufen und das erste Kind zu bekommen. Um drei Jobs gleichzeitig zu machen und …“

„Ein Kind?“ Drew sah sie entsetzt an. „Ist sie schwanger?“ Das würde die Eile seines Bruders erklären, zum Traualtar zu kommen.

„Ich glaube nicht.“

„Aber Sie sind sich nicht sicher.“

„Das geht mich nichts an. Sie übrigens auch nicht. Und selbst wenn sie schwanger sein sollte – auch diese Ehen gehen oft gut. Ich habe Hochzeiten geplant für Leute, die sich gerade erst ein paar Wochen kannten, und für andere, die schon seit Jahren zusammen waren. Eine Hochzeit habe ich geplant für ein Paar, das seit sechzehn Jahren zusammen war. Sechs Monate später haben sie sich scheiden lassen. Aber ich habe viele Ehen erlebt, die funktionierten.“

„Und wie lange betreiben Sie dieses Geschäft schon?“

„Seit zwei Jahren.“

„Sie haben also viele Ehen gesehen, die zwei Jahre gehalten haben. Zwei Jahre sind noch kein Beweis für eine stabile Beziehung.“

„Das merkt man einfach“, beharrte sie. „Einige Paare werden sich für immer lieben.“

In ihrem Ton schwang ein Hauch Sehnsucht mit. Unbehagen beschlich ihn. Er hatte das Gefühl, vor sich eine dieser Für-immer-Frauen zu haben. Die Art Frau, vor der man sich besser fernhielt.

Aber es würde mehr dazu gehören als ein nettes Mädchen aus Moose Run, um den harten Panzer zu durchbrechen, der sein Herz umgab. Die Richtung seiner Gedanken ärgerte ihn. Sollten sie sich nicht über ihre unrealistischen Baupläne unterhalten?

Drew bedachte Becky mit einem harten Blick. „Vielleicht gehören Sie doch zu dieser Märchentruppe“

„Auch wenn meine Agentur Für immer und ewig heißt …“

Er schloss die Augen. „Das ist fast genauso schrecklich wie Moose Run.“

„Es ist ein passender Name für eine Agentur, die Hochzeiten plant.“

„Ich glaube, ich bekomme Kopfschmerzen.“

„Auch wenn meine Agentur so heißt, habe ich den Glauben an Märchen längst aufgegeben.“

„Noch bevor ich den Namen Ihrer Agentur kannte, wusste ich, dass Sie der Typ Frau sind, der nur auf seinen Traumprinzen wartet.“

„Das stimmt nicht!“

„Jemand hat Ihnen das Herz gebrochen.“

„Unsinn!“, widersprach sie – aber sie war eine schlechte Lügnerin.

„Vielleicht ist es nicht ganz so weit gekommen. Aber auf jeden Fall war es eine romantische Enttäuschung.“

„Und wer tut jetzt so, als könne er Gedanken lesen?“

„Also habe ich recht gehabt!“

Sie sah ihn empört an, sagte aber nichts.

„Sie werden darüber hinwegkommen. Und dann sind Sie wieder auf der Suche nach dem Traumprinzen.“

„Bin ich nicht.“

„Ich bin es übrigens nicht – einfach um das mal klarzustellen.“

„Wer?“

„Ihr Traumprinz.“

„So etwas Unverschämtes! Sie sind egoistisch und absolut lächerlich!“

„Genau – ich bin niemandes Traumprinz.“

„Wissen Sie was? Niemand könnte Sie für einen Traumprinzen halten – nicht einmal wenn Sie eine Krone aufhätten und eine Strumpfhose nebst goldenen Schuhen tragen würden!“

Nachdem er nun ein paar Grenzen gezogen hatte, hatte er Lust, sie noch ein wenig zu necken. „Bitte sagen Sie mir, dass Sie nicht auf Männer in Strumpfhosen stehen!“

„Was ich für Männer mag, geht Sie überhaupt nichts an!“

„Richtig. Es ist nur, dass wir eng zusammenarbeiten werden. Bei meiner Arbeit ziehe ich mir oft das Hemd aus. Und da ist schon manche Frau in Ohnmacht gefallen.“

Er grinste. Er genoss diesen Wortwechsel weit mehr, als ihm lieb sein sollte, aber er hatte den gewünschten Erfolg. Er schuf eine schöne dicke Mauer zwischen ihnen, und er hatte nicht einmal das Baumaterial anliefern müssen.

„Ich glaube, ich bekomme keine Kopfschmerzen“, zischte sie. „Ich habe sie bereits, seit Sie hereingekommen sind!“

„Oh, super! Es geht doch nichts über einen schönen Wettbewerb. Da wollen wir doch mal sehen, wer wem die größeren Kopfschmerzen bescheren kann.“

„Ich könnte Ihnen nur größere Kopfschmerzen bescheren als Sie mir, wenn ich Ihnen diese Lampe über den Schädel zöge!“

Ihre Hand blieb tatsächlich auf einer ziemlich schwer wirkenden Lampe liegen, die auf ihrem Schreibtisch stand. Ihm war klar, dass sie die Idee nur zu gern in die Tat umgesetzt hätte, wäre sie nicht ein derart grundanständiger Mensch.

„Ich bringe wirklich Ihre dunkelsten Seiten ans Licht“, bemerkte er höchst zufrieden.

Entgeistert bemerkte sie ihre Hand am Ständer der Lampe. Sie war derart entsetzt über sich selbst, dass Drew tat, was er am wenigsten wollte. Er lachte.

2. KAPITEL

Becky riss ihre Hand von der Lampe. Sie ärgerte sich über sich selbst und war pikiert, dass dieser eingebildete Drew Jordan es wagte, über sie zu lachen. Sie war nicht der Typ, der anderen Menschen Lampen über den Kopf zog. Nicht einmal die hysterischsten Bräute hatten sie bisher dazu bringen können, die Nerven zu verlieren – und sie war stolz darauf.

Aber Drew Jordan war ein Mann, der eine Frau um den Verstand bringen konnte, ehe sie noch begriff, was los war. Er konnte einer Frau, die stolz auf ihren kühlen Kopf war, bewusst machen, dass Flammen der Leidenschaft in ihr loderten, die darauf drängten, freigelassen zu werden. Und das Schrecklichste daran war, dass er sich dieser Gabe bewusst war!

Er lachte über sie. Und statt empört darüber zu sein, musste sie nur daran denken, wie nett er aussah, wenn er lachte – unter seinem Ernst kam eine fast jungenhafte Freude am Vergnügen zum Vorschein.

Mit gerunzelter Stirn sah sie auf ihren Bildschirm und tat so, als überprüfe sie seine Angaben zum Wetter. Stattdessen las sie, dass ihr Bauleiter der Chef einer Millionen Dollar schweren Bauentwicklungsfirma aus Los Angeles war.

Der zukünftige Schwager der Braut war kein arbeitsloser Handwerker, dem Becky mit Kündigung drohen konnte. Kein Wunder, davon er genervt davon schien, sich um ein Projekt seiner berühmten Fast-Schwägerin kümmern zu müssen.

Und kein Wunder, dass er Profi genug gewesen war, zuerst einmal das Wetter zu googeln. Becky fragte sich, wieso sie es nicht selbst gemacht hatte. Das war an sich das Erste, was sie machte, wenn sie ein neues Projekt startete.

Wahrscheinlich lag es daran, dass Allie sie pausenlos mit neuen Wünschen eindeckte. Gerade war sie dabei gewesen, herauszufinden, wie sie die neueste Idee umsetzen konnte, die Allie in ihrer ersten Mail am Morgen präsentiert hatte: Frisch gepflanzte lila Tulpen sollten den Weg säumen, den sie zu ihrem wartenden Bräutigam nahm.

Google, die allumfassende Wissensquelle, informierte Becky darüber, dass es im Juni in den Tropen keine lila Tulpen gab – dass es zu der Zeit überhaupt keine Tulpen hier gab.

Und jetzt bestätigte Google ihr nicht nur die bevorstehenden Wetteraussichten oder das Fehlen von lila Tulpen, sondern dass Drew Jordan den Umgang mit Millionen-Dollar-Budgets gewohnt war.

Das konnte Becky von sich nun wirklich nicht behaupten. Sie war wie vom Donner gerührt gewesen, als sie den Scheck von Allie erhalten hatte. Bis zu dem Augenblick war sie sich nicht sicher gewesen, ob sich nicht jemand einen Scherz mit ihr erlaubte. Der Scheck, der auf ihre Agentur ausgestellt war, stand für mehr Geld, als sie je in ihrem Leben gesehen hatte.

Mit zitternden Fingern hatte sie die private Handynummer von Allie angerufen.

„Ist das das Budget für die Feier?“

„Nein, natürlich nicht. Das ist bloß die Anzahlung auf dein Honorar.“

„Und wie sieht das Budget dann aus?“

„Unbegrenzt“, bemerkte Allie lässig. „Und ich bin fest entschlossen, diesen Rahmen noch zu sprengen. Du glaubst doch nicht, ich gebe mich mit weniger zufrieden als die Tochter von Roland Strump, oder?“

„Allie, vielleicht solltest du den Hochzeitsplaner nehmen, der die Strump-Hochzeit organisiert hat. Ich …“

„Unsinn. Hab Spaß mit dem Geld. Hast du noch nie richtig Spaß gehabt? Du und Drew – ich hoffe, dass ihr uns nicht die ganze Stimmung vermiest. Spielverderber.“

Spielverderber? Sie war ernst, ja, aber so? Nachdenklich legte Becky den Hörer auf. Hatte sie jemals Spaß gehabt? Den Spaß für andere zu organisieren war eine ernste Angelegenheit.

Gut, jetzt wusste sie, wer Drew war. Und Allie hatte recht gehabt, was ihn betraf. Er konnte tatsächlich ein richtiger Spielverderber sein! Aber viel mehr beunruhigte sie eigentlich die Tatsache, dass er beabsichtigte, bei der Arbeit sein Hemd abzulegen. Nein, sie musste sich wieder um ihre Planung kümmern.

„Mr. Jordan …“

„Drew ist okay. Da wir viel zusammenarbeiten werden, sollten wir auf das Du übergehen. Und wie soll ich dich nennen?“

Verdammt! „Becky. Wir können nicht einfach ein paar Tische auf den Rasen stellen, als wäre es ein Picknick der Kirche.“

„Ach, jetzt sind wir wieder bei dem Problem.“ Um seine Mundwinkel zuckte es. „Ich fürchte, meine Erfahrung mit Veranstaltungen der Kirche ist begrenzt.“

Ja, mit seinem teuflischen Charme kam er eher aus dem anderen Lager, während es keinerlei Zweifel geben konnte, woher sie kam. Sie war mit Veranstaltungen der Kirche und den legendären 4-H-Clubs für Kinder und Jugendliche, bei denen das Feuerwerk anlässlich des Unabhängigkeitstags am vierten Juli das Highlight des Jahres war, aufgewachsen.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem zweiten Nein zu. „Wir brauchen unbedingt irgendeine Art von Tanzfläche. Hast du schon einmal versucht, auf Gras zu tanzen? Oder auf Sand?“

„Ich fürchte, auch das gehört nicht zu meinem Erfahrungsschatz“, bekannte er. „Und du?“

„Ach, weißt du, wir wälzen uns nach einem Kirchen-Picknick gern im Sand.“

Er nickte, als sei es genau das, was er erwartet hatte. Ihre Ironie schien ihm entgangen zu sein.

Sie konzentrierte sich auf sein drittes Veto. Ihre grobe Skizze zeigte einen kleinen Pavillon am Strand. Sie hatte sich vorgestellt, dass Allie und Joe dort ihr Ehegelöbnis sagen sollten, während die Gäste ihnen von eleganten leichten Stühlen aus zusahen und dabei die Aussicht auf das dahinterliegende Meer genossen.

„Und was hast du daran auszusetzen?“

„Dieser Fehler sei dir wegen deiner Herkunft verziehen.“

„Wie bitte?“

„Es wäre wohl zu viel verlangt, wenn jemand aus Michigan dieses Problem vorhergesehen hätte. Die Trauung soll nach meinen Unterlagen am dritten Juni nachmittags um drei Uhr stattfinden.“

„Richtig.“

„Ein Blick auf den Gezeitenplan bei Google hätte dir gezeigt, dass zu der Zeit das Wasser in deinem Pavillon bis zur dritten Stufe stünde. Ich halte ja nicht viel von Omen, aber das würde mir für diese Ehe doch passend erscheinen.“

Sie konnte es allmählich nicht mehr hören. Google! „Und?“ Ihr Ton fiel etwas schärfer aus als beabsichtigt. „Was schlägst du vor?“

„Wenn wir den Pavillon für zweihundert Gäste streichen …“

„Ich könnte dir Leute besorgen, die dir helfen.“

Er fuhr fort, als habe sie gar nichts gesagt. „… dann könnte ich dir so etwas wie einen kleinen Pavillon an einem anderen Ort bauen.“

„Und was ist mit der Tanzfläche?“

„Darüber denke ich nach.“

Ganz eindeutig wusste er, was er tat, und kümmerte sich um jedes Detail. Einschließlich Wetter und Gezeiten. Eigentlich sollte sie ihm dankbar sein. Was, wenn ihre Braut an ihren Tulpen – oder was auch immer es letztlich sein würde – vorbei zu einem Hochzeitspavillon geschritten wäre, der vor ihren Augen langsam im Wasser versank? Widerstrebend musste sie zugeben, dass Drew recht hatte. Das wäre ein schreckliches Omen für die Ehe gewesen.

Aber Becky fühlte alles andere als Dankbarkeit.

„Du gewinnst den Kopfschmerz-Wettbewerb um Längen“, erklärte sie frostig.

„Ich liebe es, mich mit anderen zu messen.“

„Was hat Allie zu dir gesagt? Du hast die Verantwortung für die Bauten?“

„Richtig.“

„Ich werde Allie anrufen und sehen, was das heißt.“ Becky stählte sich gegen sein Lächeln. „Ich überlasse die Bauten gern dir, aber ich finde, ich sollte das letzte Wort haben, was wohin kommt.“

„Einverstanden. Solange es vernünftig ist.“

„Das dürften wir unterschiedlich beurteilen.“

Er grinste. „Davon bin ich überzeugt.“

„Würde es helfen, wenn ich weitere Leute besorge? Zimmerleute und Ähnliches?“

„Ich arbeite nicht mit Fremden. Dieses Projekt ziehe ich mit Joe und meinem Team durch, das morgen kommt.“

„Es wäre nicht sehr romantisch, wenn dein Bruder selbst an den Vorbereitungen seiner Hochzeit mitarbeitet.“

„Das kann man auch anders sehen – er baut mit am Fundament seiner Ehe.“

Sie seufzte. „Du willst ihn hier haben, damit du ihn unter Druck setzen kannst – du willst ihn von der Hochzeit abbringen.“

„Was unterstellst du mir?“

Erstaunt registrierte Becky einen Ausdruck des Zweifels, der über seine selbstsicheren Züge geglitten war. „Er spricht nicht mit dir, oder?“, vermutete sie.

Sie spürte, dass Drew es nicht gewohnt war, derart durchschaut zu werden. Und es gefiel ihm überhaupt nicht.

„Ich bin einen Tag vor den anderen gekommen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Du musst dich jetzt für eine Location entscheiden, an der die Trauung stattfinden soll, damit ich alles weitere planen kann. Wir haben nicht so viel Zeit, wie du zu glauben scheinst.“

Das war in der Tat beängstigend. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Zeit. Becky sah auf ihren Tisch: Blumen mussten bestellt werden, die Details der Zeremonie besprochen. Dann musste die Unterbringung der Gäste organisiert werden, der Fahrplan der Schiffe und nicht zuletzt die Verpflegung. Es ging nicht allein um das Essen bei der Hochzeit, sondern auch für die darauffolgende Woche.

„Nicht zu vergessen das Feuerwerk …“

„Wie bitte?“

„Ach, nichts.“ Becky winkte ab. Sie wollte nicht an so etwas wie ein Feuerwerk denken, solange ein Mann wie Drew Jordan in ihrer Nähe war. Ihr Blick glitt zu seinen Lippen. Sollte sie je einen Mann wie ihn küssen, wäre es mit Sicherheit wie ein Feuerwerk. Und er wusste es. Deswegen lächelte er so vielsagend!

Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, an die frische Luft zu kommen. Bisher hatte sie die Schönheit der Insel nur vom Fenster ihres Büros aus gesehen. Bald würde die Sonne untergehen. Sie konnte einen Platz suchen, an dem die Trauung stattfinden sollte, und dabei den Sonnenuntergang genießen.

„Okay“, sagte sie. „Ich finde eine neue Location. Ich lasse es dich wissen, sobald ich mich entschieden habe.“

„Lass es uns zusammen machen. Das erspart uns vielleicht einige Probleme.“

Sie war sich nicht sicher, ob das Zusammensein mit ihm ihr nicht neue Probleme bescherte. Sie musste fort von ihm … und von den Gedanken an Feuerwerke, die er in ihr geweckt hatte.

„Ich würde es lieber allein machen.“ Becky hatte das Gefühl, klarstellen zu müssen, wer diesen Zir… diese Show leitete.

„Aber das ist doch das Problem.“ Drew schlug einen entnervend geduldigen Ton an.

„Inwiefern?“

„Du suchst dir irgendeine Stelle aus, dann sehe ich sie mir an und sage Nein. Dann suchst du die nächste Stelle aus, und das ganze Spielchen beginnt von Neuem.“

Sie runzelte die Stirn. „Du bist unnötig negativ.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich wollte dir nur klarmachen, dass das eine Endlosschleife werden könnte – und wir haben definitiv nicht endlos viel Zeit.“

„Ich glaube, du sagst nur gern Nein.“

„Stimmt.“ Er schien die Friedfertigkeit in Person.

Sie könnte jetzt argumentieren, dass sie sehr wohl in der Lage war, die Location selbst zu suchen, und dass sie sicher war, bei der nächsten Wahl richtigzuliegen, aber …

„Heute ist es zu spät“, entschied Drew. „Joe kommt morgen mit der ersten Maschine. Wir könnten ihn abholen und dann zu dritt einen Platz suchen.“

„Okay.“ Sie wusste, dass ihr Ton unwirsch war – aber was blieb ihr übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen?

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen war es bereits heiß. Becky überlegte. Sollte sie ihr cremefarbenes Leinenkostüm anziehen, das für Ersttermine mit potenziellen Klienten passend war? Das würde mit Sicherheit einen besseren Eindruck machen als die knappen Shorts und ein Tanktop. Aber bei der Hitze?

Becky war sich bewusst, dass sie viel zu viele Gedanken an ihr Äußeres verschwendete. Kurzentschlossen schlüpfte sie in weiße Shorts und eine ärmellose gelbe Bluse. Sie legte ein wenig Make-up auf und ließ ihr Haar offen auf die Schultern fallen.

Auf der Treppe begegnete sie Drew.

„Guten Morgen!“ Sie empfand eine alberne Genugtuung darüber, wie sein Blick über ihr Haar und dann über ihre leicht glänzenden Lippen glitt.

Er hielt ihr die Tür auf. Eine wahre Hitzewelle schlug ihnen entgegen.

„In zwei Wochen wird es noch heißer sein“, erklärte er, während sie erst einmal stehen blieb und um Atem rang.

„Musst du immer so negativ sein?“

„Pragmatisch“, verbesserte er sie. „Außerdem …“

„Ich weiß. Du hast es gegoogelt.“

Er nickte, offenkundig sehr zufrieden mit sich.

„Mach weiter so“, warnte sie ihn, „und du kannst mir den Preis überreichen: eine Riesenpackung Kopfschmerztabletten.“

Sie standen vor dem Haupteingang zum Schloss. Riesige halbrunde Granitblöcke formten eine Treppe hinunter zur Rasenfläche, die von großen Palmen umgeben war. Dahinter lag ein herrlicher weißer Sandstrand.

„Der Strand sieht jetzt wesentlich weniger verlockend aus, seit ich weiß, dass er am dritten Juni um vier Uhr unter Wasser stehen wird.“

Drew betrachtete Becky verstohlen. Sie wirkte älter und erfahrener mit ihrem offenen Haar und etwas Make-up. Sein Urteil wandelte sich von nett zu attraktiv.

Becky war eine Frau, die den Beschützerinstinkt in einem Mann wecken konnte. Und das war es auch, was er für Joe wollte – er wollte ihn nicht unter Druck setzen, sondern ihn beschützen.

Er hatte die Frage, die er nicht beantwortet hatte, gehasst. Setzte er seinen Bruder unter Druck? Er hoffte nicht. Aber die traurige Wahrheit war, dass Joe sieben gewesen war, als Drew mit siebzehn zu seinem Vormund ernannt wurde. Drew war völlig überfordert gewesen, aber er hatte getan, was getan werden musste, um seinen kleinen Bruder durch die Kindheit zu bringen.

Kein Wunder, dass sein Bruder so ausgehungert war nach Liebe, dass er die erstbeste Frau heiraten wollte, die ihm auch nur einen Hauch von Interesse entgegenbrachte. Es blieb zu hoffen, dass er ihn noch zur Vernunft bringen konnte. Drew neigte seinen Kopf zur Seite. Er war ziemlich sicher, das Flugzeug kommen zu hören.

„Wie heiß soll es am dritten Juni sein?“

Er spürte förmlich, wie sehr es ihr widerstrebte, die Frage zu stellen. „Heißer als die Hölle …“

„Umso mehr Grund für einen Pavillon. Wir brauchen Schutz vor der Sonne. Ich hatte vor, die Tische so zu stellen, dass alle das Meer sehen können und wie die Sonne darin untergeht. Der Kopftisch könnte unten am Fuß der Treppe sein. Stell dir vor, wie Braut und Bräutigam die Stufen herunterkommen zu ihren Gästen.“

Ihre Stimme nahm einen verträumten Ton an. Hatte sie wirklich behauptet, sie sei nicht romantisch? Er hatte sie durchschaut. Sie hatte irgendeine Enttäuschung erlebt, aber in ihr lebte immer noch das kleine Mädchen mit seinen Vorstellungen von einem Traumprinzen.

„Ich habe dir ja schon gesagt, dass das nicht geht“, erklärte er unwirsch. Es überraschte ihn, dass es ihm weniger Vergnügen machte als gedacht, ihren Traum zu zerstören. Er sagte sich, dass es nur zu ihrem eigenen Besten war.

Er war gut darin, für andere zu tun, was zu ihrem Besten war. Man musste nur Joe fragen, obwohl seine unbeholfenen Versuche, die Stelle ihrer Eltern zu übernehmen, zweifellos mit schuld daran waren, dass sein Bruder sich jetzt Hals über Kopf in eine Ehe stürzen wollte.

„Ich bin sicher, uns fällt etwas ein.“ Becky war in Gedanken immer noch bei ihrem Pavillon.

„Uns? Nein, bestimmt nicht.“ Er wollte realistische Dinge planen, auch wenn die Träume dabei zerplatzten!

Die Maschine setzte zur Landung an, und sie gingen hinüber.

„Du redest von einem offenen Bau mit gespanntem Zelttuch. Dafür bräuchte man einen Architekten und einen Ingenieur.“

„Zu Hause arbeite ich mit einem Zeltbauer zusammen“, bemerkte Becky, „aber er ist fast ein Jahr im Voraus ausgebucht. Ich habe ein paar andere Firmen versucht. Dasselbe Problem. Außerdem sind die Maschinen, die hier landen können, nicht groß genug, um so viel Zelttuch zu transportieren. Man müsste ein Schiff chartern. Es gibt nur eines, das flach genug ist, um hier anlegen zu können. Nicht einmal ein unbegrenztes Budget kann einem alle Wünsche erfüllen.“

„Ein unbegrenztes …?“ Er war entsetzt.

Sie ignorierte ihn. „Glaubst du wirklich, ich brauche einen Architekten und einen Ingenieur für ein solches Konstrukt, das gerade einmal einen Abend halten soll?“

„Allie möchte sicher nicht in die Schlagzeilen kommen, weil ihr Hochzeitspavillon die Gäste unter sich begraben hat. Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir: Drei Tote, hundertsiebenundneunzig Verletzte – Hochzeitsplanerin und Bauleiter verschwunden.“

Er hörte, wie sie einen kleinen Aufschrei unterdrückte. Sie war hochrot angelaufen.

„Verschwunden nicht in dem Sinne“, korrigierte er.

„In welchem?“

„In dem, der dich hat so rot werden lassen.“

„Ich bin nicht rot geworden! Das liegt an der Sonne!“

Er tat, als habe er ihren Protest gar nicht gehört. „Ich habe ja nicht gesagt, dass sich die Katastrophe entwickelt hat, während Hochzeitsplanerin und Bauleiter zusammen verschwunden sind.“

„Ich habe uns nie in welcher Weise auch immer zusammen gesehen!“ Es sah ganz so aus, als sei ihre Röte noch gestiegen.

Er betrachtete sie. „Du bist keine so gute Schauspielerin wie deine Auftraggeberin.“

„Ich sehe uns nicht zusammen.“ Ihre Stimme war schrill geworden.

Es machte ihm Spaß, sie zu reizen. „Nein? Du und ich, wie wir unter einer Palme Schutz suchen, während sich um uns die Katastrophe entwickelt?“

Ihr Blick flog zu seinen Lippen und wandte sich gleich wieder ab. Er nutzte den Moment, um ihr Profil zu betrachten. Ihre Lippen waren voll und weich wie reife kleine Pflaumen. Fast bedauerte er es, dies angefangen zu haben. Aber nur fast.

„Du hast recht. Du bist kein Traumprinz. Du bist ein Teufel“, beschied sie ihn und musste ein Lachen unterdrücken.

Er zwirbelte einen eingebildeten Schnurrbart. „Genauso ist es. Ich warte nur auf eine Unschuld aus Moose Run, damit ich im Falle einer Katastrophe jemanden habe, der mich unterhält.“

Ein leichtes Lächeln zuckte über ihre vollen Lippen. Es war ein gefährliches Spiel, das er da trieb.

„Allie will nichts über die Hochzeit in der Presse sehen. Ich bin sicher, sie hat dir gesagt, dass das Ereignis topsecret ist. Sie will an diesem besonderen Tag nicht irgendwelche Hubschrauber mit Paparazzi herumfliegen haben.“

Drew verkniff sich eine zynische Bemerkung. Jemand, der seine Hochzeit topsecret halten wollte, lud nicht zweihundert Leute ein. Als er die Staaten am Vortag verlassen hatte, waren Gerüchte über Allies Verlobung durch alle Unterhaltungssendungen gegeistert.

Benutzte die berühmte Schauspielerin seinen Bruder – und alle anderen, einschließlich Becky English –, um dafür zu sorgen, dass sie überall Schlagzeilen machte; gerade rechtzeitig zum Erscheinungstermin ihres neuesten Films?

Die Überlegung, dass Becky vielleicht ohne ihr Wissen missbraucht wurde, bewegte Drew, seine schlechten Nachrichten etwas abzumildern. „Hier so dicht am Äquator ist es um sechs Uhr dunkel. Das dürfte das Risiko minimieren, dass irgendeiner der zweihundert Gäste einen Hitzschlag erleidet.“

Sie schlugen einen Weg durch dichte Vegetation ein. Auf der anderen Seite war die Landebahn.

„Super!“, bemerkte Becky verdrossen. „Vielleicht kann ich eine Art Raumgefühl erzeugen, indem ich den Bereich mit Fackeln umgebe und Kerzen und Blumen auf die weiß gedeckten Tische stelle.“

„Na ja, was die Fackeln und Kerzen angeht …“ Er sah zur Maschine hinüber, die soeben aufsetzte.

„Was ist damit?“

„Laut Google wehen die Passatwinde am Nachmittag stärker. Und auch am frühen Abend. Ohne irgendeinen Schutz vor dem Wind werden die Fackeln und Kerzen einfach ausgeblasen. Oder Schlimmeres.“

„Zuerst sagst du, ich kann keinen großen Pavillon haben, dann sagst du, wenn ich keinen Pavillon habe, gibt es alle möglichen Probleme?“

Er zuckte die Schultern. „Na ja, da kommt eben eins zum anderen.“

„Falls der Wind stark genug ist, um die Kerzen auszublasen, könnten wir auch andere Probleme damit haben.“

„Ja, natürlich. Es gibt etliches zu bedenken, wenn man seine Hochzeit auf einer kleinen Insel in den Tropen plant.“

Becky maß ihn mit einem wütenden Blick. „Weißt du was? Ich kenne dich kaum, aber ich hasse dich jetzt schon.“

Er nickte. „Ich bin eben unwiderstehlich.“

Die Maschine war inzwischen zum Halten gekommen.

„Das kann man so oder so sehen“, bemerkte Becky schnippisch.

„Heißt das, es wird nichts aus unserem Date unter Palmen?“

„Vergiss es!“

„Du solltest darüber nachdenken – der Pavillon zusammengebrochen, Tischdecken brennen, Frauen, die schreiend wegrennen …“

„Hör auf!“

Er spürte, dass er sie fast dort hatte, wo er sie haben wollte. Wieso drängte es ihn so, die kleine Miss Becky English wütend zu machen? Und auch danach, sie zum Lachen zu bringen?

„… und wir beide unter einem Palmwedel und lecken einander die Hochzeitstorte von den Fingern.“

Zuerst war sie entsetzt. Dann glitt ein Lächeln über ihre Züge. Sie kicherte. Und dann lachte sie. Innerhalb von Sekunden veränderte sich alles – aus der unscheinbaren Frau wurde eine Schönheit.

Eine richtige Schönheit.

Das war genau das, was er gewollt hatte. Er hatte erleben wollen, wie die coole Miss English die Selbstbeherrschung verlor.

Es war gefährlicher, als Drew erwartet hatte. Es drängte ihn, noch einen Schritt weiter zu gehen. Sie noch mehr zum Lachen zu bringen. Oder seine Lippen auf ihre zu drücken und …

Er rief sich in Erinnerung, dass sie nicht der Typ Frau war, mit dem er für gewöhnlich spielte. Er hatte bereits erraten, dass sie in der Vergangenheit enttäuscht worden war. Und deswegen glaubte sie, fertig zu sein mit der Romantik. Sie wollte zynisch sein, war es aber nicht. Er hatte die Wahrheit in ihrem verträumten Ausdruck gesehen, als sie davon gesprochen hatte, wie sie sich alles vorstellte.

Er wusste, was sie brauchte. Einen Ehemann, der sie liebte. Drei Kinder. Ein kleines Haus, in dem sie Gardinen für die Fenster nähen und jedes Jahr neue Blumen im Garten pflanzen konnte.

Eben das perfekte Leben in Moose Run, Michigan.

Drew wusste, dass er ihr das alles nicht bieten könnte. Niemals. Er hatte in seinem Leben schon zu viel verloren, hatte zu viel Verantwortung übernehmen müssen. Aber es gab etwas, was ein abgeklärter Mann wie er weder wollte noch brauchte: auf einer einsamen Insel mit einer Frau festsitzen, deren Lachen sie innerhalb von Bruchteilen von Sekunden von einem Hausmütterchen in eine Göttin verwandelte.

Er wandte sich rasch ab und sah zu, wie die Tür der Maschine geöffnet wurde. Die Besatzung stieg aus, öffnete die Ladeluke und begann, das Gepäck neben die Landebahn zu stellen.

Er runzelte die Stirn. Kein Joe.

Er zog sein Smartphone aus der Tasche und tippte eine SMS. Er drückte auf Senden, aber der Empfang auf der Insel war nicht überall gut. Die Nachricht an seinen Bruder wurde nicht verschickt.

Becky sah ihn forschend an, während er sich bemühte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

„Ich nehme an, wir müssen die Location selbst finden. Joe kommt wohl erst später.“

Er ging nach Norden auf die Palmen zu. Ein ziemlich breiter Pfad führte hindurch.

„Das ist hier ja wie im Dschungel“, bemerkte Becky nach kurzer Zeit.

„Denk nur an die Möglichkeiten! Joe könnte sich an einer Liane zum Traualtar schwingen, nur bekleidet mit einem Lendenschurz. Allie könnte in einem Baumhaus auf ihn warten.“

„Dreimal nein“, beschied sie ihn.

Er sah sich nach ihr um. Sie war gerade dabei, sich eine leuchtend rote Hibiskusblüte hinter das Ohr zu stecken.

„Wenn man in den Tropen eine Blüte hinter diesem Ohr stecken hat, heißt es, dass man zu haben ist. Du möchtest doch sicher nicht das falsche Signal senden.“

Sie warf ihm einen empörten Blick zu und steckte sich die Blüte hinter das andere Ohr.

„Das heißt jetzt, dass du verheiratet bist.“

„Ich kann nicht gewinnen, oder?“

Nein, das konnte sie nicht. Die Blume in ihrem Haar wirkte sehr exotisch. Bezaubernd. Hastig wandte er sich ab und ging weiter.

Nach weiteren fünf Minuten im tiefen Schatten des Dschungels erreichten sie eine Bucht. Der Wind spielte mit der Blüte in Beckys Haar und drückte die Bluse an ihren Körper.

„Oh“, rief sie, „das ist ja herrlich!“

Sie musste die Stimme heben, um das Rauschen der Wellen zu übertönen.

Es war ein wunderschöner Strand. Ein Surfer würde ihn lieben, aber es müsste schon ein guter Surfer sein. Felsvorsprünge ragten ins Wasser. Es schien schwer, ihnen auszuweichen – und schmerzlich, auf sie aufzuprallen.

„Es ist zu laut hier“, rief er ihr zu. „Das Brautpaar müsste sich das Ehegelöbnis zuschreien.“

Er ging zurück in den Schatten. Aus irgendeinem Grund hatte er erwartet, sie werde ihm folgen, aber nach ein paar Minuten begriff er, dass er allein war.

Er drehte sich um. Becky war nirgends zu sehen. Verdrossen ging er zurück. Hatte er nicht deutlich gemacht, dass sie knapp an Zeit waren?

Als er den Strand erreichte, blieb ihm schier das Herz stehen. Sie war auf einen der Felsvorsprünge gestiegen. Dort stand sie nun, leuchtend wie die Sonne in ihrer gelben Bluse, während eine Welle unter ihr an den Felsen schlug. Sie hatte die Hände vor sich ausgestreckt und hielt ihr Gesicht in die aufspritzende Gischt. Mit der Blume im Haar wirkte sie wie eine Göttin, die am Meer eine rituelle Handlung vollzog.

Wusste sie nichts vom Ozean? Natürlich nicht.

Er sah die zweite Welle kommen. Größer als die erste. Die Wellen kamen dicht hintereinander. Und die letzte in der Serie würde die größte sein.

Der Wind verschluckte seine Stimme, aber Becky lächelte ihm zu und winkte. Er sah das Wasser hinter ihr ansteigen. Die zweite Welle schlug auf den Felsen auf. Becky genoss das Schäumen der Gischt.

„Komm da weg!“, brüllte er. Sie sah ihn verwirrt an.

Er rannte los.

Becky stand mit dem Rücken zur dritten Welle. Sie traf sie von hinten in die Beine. Drew sah, wie ihre Lippen ein erstauntes Oh! formten, dann ruderte sie mit den Armen, um die Balance zu halten. Die Welle zog sich zurück. Der Sog war genauso groß wie der Druck, mit dem sie hereingekommen war. Sie riss Becky von dem Felsen, als sei sie nicht mehr als eine Stoffpuppe.

4. KAPITEL

Becky spürte, wie das Wasser sie mit sich fortriss. Es schlug über ihrem Kopf zusammen und drang in Mund und Nase. Sie kam wie ein Korken wieder an die Oberfläche, aber sie war eine unerfahrene Schwimmerin, und sie wusste auch nicht, ob Schwimmen ihr in dem tosenden Wasser geholfen hätte. Sie fühlte sich in einen scheinbar endlosen Abgrund hinuntergezogen.

Ich werde ertrinken, dachte sie und wurde von Wasser und Angst gleichermaßen überwältigt. Wie hatte das passieren können? In einem Moment war das Leben angenehm und schön gewesen, und dann … war alles vorbei.

Ihr Leben war vorüber. Hilflos erlebte sie, wie Bilder vor ihrem geistigen Auge dahinrasten. Drew hatte recht gehabt. Es war kein gebrochenes Herz gewesen. Nur eine romantische Enttäuschung. Albern, jetzt ausgerechnet daran zu denken – andererseits schien jetzt genau der passende Moment, sich Dinge bewusst zu machen, die sie verpasst hatte.

„Hey!“ Drews Stimme hob sich über das Tosen des Meeres. „Halte durch!“

Für einen Moment sah Becky den Felsen, von dem sie gestürzt war. Drew stand dort oben. Dann verschwand sie erneut unter der Wasseroberfläche.

Als sie wieder nach oben kam, war Drew ebenfalls im Wasser. „Keine Panik!“, brüllte er. „Ich komme!“

Sein Rat kam zu spät. Sie war bereits in Panik.

„Tritt auf der Stelle!“, brüllte er. „Nicht schwimmen! Noch nicht. Sieh mich an. Sieh hierher!“

Ihr Blick blieb an seinem Gesicht hängen. Er strahlte Kraft und Ruhe aus, als mache er so etwas jeden Tag. Er war inzwischen näher gekommen.

„Ich bin gleich bei dir“, rief er, „aber du musst ruhig bleiben. Sonst bringst du uns beide um.“

Es schien, als ob seine Worte sich wie Balsam über ihre Nerven legten, obwohl sie immer noch wie ein Korken auf der tobenden See tanzte. Er schien den Moment zu spüren, als sie ihre Panik im Griff hatte, und kam näher.

Fast hätte sie vor Erleichterung geschluchzt, als Drew sie fest an sich zog.

„Lass dich einfach tragen“, sagte er. „Wehr dich nicht.“

Es schien, als ginge es dabei um mehr als das Wasser. Es konnte ihr ganzes Leben betreffen.

Das Wasser schien sie zuerst weit hinauszutragen, aber dann brachte es sie zurück in die Nähe des Strandes. Becky spürte, wie der Sog des Wassers nachließ, aber Drew ließ sie immer noch nicht los.

Sie konnte den Blick nicht von seinem Gesicht wenden. Dabei schien sie immer ruhiger zu werden, fast amüsierte sie die Situation. Falls dies das Letzte war, das sie sehen sollte, war es nicht das Schlechteste.

„Okay“, sagte er, „kannst du schwimmen?“

„Hundepaddeln.“ Das Wasser war zwar nicht kalt, aber ihre Stimme bebte.

„Das reicht. Schwimm, wie du kannst. Wenn du müde wirst, bin ich bei dir.“ Er ließ sie los.

Sie nahmen nicht direkt Richtung auf das Ufer, sondern Drew ließ sie parallel zum Strand schwimmen. Sie versuchte es, aber sie war bald so müde, dass sie ihre Arme nicht mehr heben konnte.

„Roll dich auf den Rücken.“ Er legte ihr eine Hand unter das Kinn und zog sie mit kräftigen Stößen durch das Wasser.

„Okay, hier ist eine gute Stelle.“ Er ließ sie los. „Von hier kannst du zum Strand schwimmen. Ich bin bei dir.“

Sie hatte Angst, sich in die Wellen fallen zu lassen. Es war einfach zu viel. Sie war erschöpft. Aber sie sah in Drews Gesicht und fand ihren Mut wieder.

„Jetzt dreh dich zurück auf den Bauch. Dann wartest du auf die nächste Welle und lässt dich ans Ufer tragen. Achte auf die Felsen an der Seite.“

Sie hatte keine Wahl. Sie musste ihm vertrauen. Sekunden später spürte sie, wie die Welle sie erfasste. Sie mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit Richtung Ufer trug – und sie dann ausspie. Keuchend lag Becky im flachen Wasser. Spürte, wie die Welle an ihr zerrte und versuchte, sie wieder mitzunehmen. Irgendwie fand sie die Kraft, Richtung Strand zu kriechen.

Drew kam ihr nach. Er hob sie aus dem Wasser, um sie aus der Brandung zu tragen.

Am Strand setzte er sie in den warmen Sand. Für einen Moment glitt ihr Blick über den klaren, endlos blauen Himmel. Es war derselbe Himmel wie vor zwanzig Minuten, aber alles fühlte sich anders an. Sie rollte sich auf den Bauch und legte den Kopf auf ihre Arme. Drew ließ sich schwer atmend neben sie fallen.

„Hast du mir gerade das Leben gerettet?“ Ihre Stimme war rau. Ihr Hals schmerzte vom Schlucken des Salzwassers. Sie war wie benommen.

„Du wirst hier Warnschilder aufstellen lassen müssen, bevor die Gäste eintreffen“, sagte er endlich.

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“ Sie warf ihm einen Blick zu. „Ist das eine Angewohnheit von dir?“

Drew sagte nichts. Sie sah ihn an. Hatte das Gefühl, ihn quasi in sich aufzusaugen. Konnte nicht genug davon bekommen. Wahrscheinlich war das normal, wenn einem jemand gerade das Leben gerettet hatte.

Sie sah, wie sich Wassertropfen an seinen Wimpern bildeten. Sah, wie die Sonnenstrahlen auf sein feuchtes Haar fielen. Sie konnte durch sein nasses Hemd sehen, wo es an seinem Körper klebte.

„Hast du mir gerade das Leben gerettet?“, fragte sie noch einmal.

„Ich glaube, die Mädchen aus Michigan sollten sich vom Ozean fernhalten.“

„Könntest du jetzt bitte meine Frage beantworten, Drew? Hast du mir das Leben gerettet?“

Er schwieg.

„Das hast du“, sagte sie schließlich für ihn. „Du hast dein Leben für mich riskiert, obwohl du mich überhaupt nicht kennst.“

„Das stimmt nicht. Wir haben einen Kopfschmerzwettbewerb miteinander laufen. Den ich übrigens gewinne.“

„Das war wirklich heldenhaft von dir.“ Sie wollte nicht zulassen, dass er es einfach so abtat.

„Ich bin kein Held.“

So wie er zuvor darauf bestanden hatte, niemandes Traumprinz zu sein.

„Doch“, beharrte sie, „für mich bist du einer.“

„Ich habe mein ganzes Leben in Ozeannähe gewohnt“, erklärte er. „Ich habe immer gesurft. Ich wusste, was ich tue – im Gegensatz zu dir.“

Sie begriff, dass er versuchte, das Band zu zerstören, das sich zwischen ihnen gebildet hatte.

„Das Leben kann sich sehr schnell ändern“, fuhr er streng fort. „Es kann in einem Augenblick vorbei sein.“

Sie musste ihn einfach wissen lassen, dass sie es ihm nicht vergessen würde. Noch nie hatte sie sich so voller Leben gefühlt.

„Du hattest recht“, sagte sie leise.

„Natürlich.“ Wieder dieses kurze Schnauben. „Man klettert nicht auf einen Felsen, wenn die Wellen so hoch gehen.“

„Das meinte ich nicht.“

„Was dann?“

„Es war kein gebrochenes Herz – es war nur eine romantische Enttäuschung.“

„Bitte?“

„Das ging mir durch den Kopf, als ich im Wasser war. Ich musste an Jerry denken.“

„Du stehst offensichtlich noch unter Schock. Wir sollten …“

„Er war meine Jugendliebe. Wir waren zusammen, seit ich siebzehn war. Ich war immer davon ausgegangen, dass wir heiraten würden. Alle dachten das. Sie nannten uns Salz und Pfeffer.“

„Erzähl mir das später. Ich muss …“

„Es ist wichtig. Ich muss es sagen, bevor dieser Moment vorüber ist.“

„Ach, Unsinn …“

„Ich wollte es. Ich wollte Salz und Pfeffer sein – für immer. Meine Eltern hatten sich ein Jahr zuvor getrennt. Es war schrecklich. Mein Dad hatte ein Geschäft für Haushaltswaren. Es war eine seiner Angestellten. Und er …“

„Hör mal, Becky, du bist offensichtlich etwas durcheinander. Du musst mir das nicht erzählen.“

Sie konnte es nicht zurückhalten. „Sie hatten bald ein Baby zusammen. Plötzlich waren sie die Familie, die wir sonst gewesen waren. Die wir sein sollten. Es war schrecklich, sie überall in der Stadt zu sehen – und wie sie einander angesehen haben. Wie sie den Kinderwagen vor sich herschoben. Ich wollte das alles zurück. Ich wollte wieder das Gefühl haben, zu jemandem zu gehören.“

„Oh, Becky“, sagte er leise. „Das tut weh. Wirklich. Aber …“

Aber sie musste nun alles loswerden. „Jerry ging fort zum Studium. Meine Mom hatte das Geld nicht für das College, und mein Dad hatte neue Prioritäten. Ich sah, was die Stadt brauchte, also habe ich mich mit meiner Agentur selbstständig gemacht.“

„Für immer und ewig“, sagte er. „Obwohl du gerade genau die entgegengesetzte Erfahrung gemacht hattest.“

„Die Agentur war erfolgreicher, als ich es erwartet hatte. Und erfolgreicher, als es Jerry lieb war. Je erfolgreicher ich wurde, desto weniger mochte er mich.“

„Manche Männer sind so.“

„Er hat sich von mir getrennt. Ich habe jetzt etwas verstanden. Ich dachte, mein Herz sei gebrochen. Es ist schrecklich, wenn man in einer kleinen Stadt sitzen gelassen wird. Das war die zweite Demütigung für mich. Zuerst mein Dad und dann Jerry. Aber als ich dort draußen im Wasser war, war ich plötzlich glücklich. Ich wusste, wenn ich Jerry geheiratet hätte, hätte ich etwas verpasst. Etwas Wesentliches.“

„Okay, äh …“

„Eine große Leidenschaft.“

Ihm entfuhr ein Wort, das in Moose Run für Stirnrunzeln gesorgt hätte.

„Salz und Pfeffer? Ha! Wieso sollte man sich damit zufriedengeben, wenn es so viele andere herrliche Gewürze gibt?“

„Hör mal, ich glaube, du bist noch nicht ganz bei dir. Ich habe keine Ahnung, wovon du redest …“

Sie wusste, sie verursachte bei Drew ein großes Unbehagen, aber das war ihr einerlei. Sie hatte vor, sein Unbehagen noch zu erhöhen. Sie beugte sich zu ihm. Er verstummte und betrachtete sie aufmerksam.

Sie musste wissen, ob seine Lebenskraft im Moment ebenso intensiv war wie ihre. Sie hatte eine zweite Chance zu leben bekommen, und diese wollte sie nutzen. Wollte wirklich leben.

Sie legte eine Hand auf Drews Rücken. Spürte seine Muskeln unter dem nassen Hemd. Spürte die Kraft, die sie gerettet hatte.

Sie beugte sich noch näher. Lehnte ihre Stirn an seine, als ob sie ihn damit spüren lassen könne, was Worte nicht zu sagen vermochten. Er hatte eine Chance, sich ihr zu entziehen, aber er tat es nicht. Er war inzwischen so befangen in dem, was sich hier entwickelte, wie sie in der Welle gefangen gewesen war.

Und dann drückte sie ihre Lippen auf seine. Sehr behutsam. Sie brauchte diese Berührung, um ihre Gefühle noch intensiver werden zu lassen.

Seine Lippen schmeckten nach Salz und Kraft und nach etwas, das stärker und zeitloser war als selbst der Ozean. Ein tiefes Verlangen ergriff sie – nicht nur zu leben, sondern zu lieben.

Für einen Moment war Drew deutlich verblüfft, ihre Lippen auf seinen zu spüren. Aber dann schien er zu begreifen, was sie ihm zu sagen versuchte in dieser direkten Sprache, die allein all ihre Gefühle, ihre Lust zu leben ausdrücken konnte.

Seine Lippen erwiderten ihren Kuss. Seine Zunge fuhr sanft zwischen ihre Lippen, drang tiefer. Tastend. Behutsam.

Jetzt war es an Becky einzuhalten. Dies war alles, was sie sich erhofft hatte. Alles, was sie vermisst hatte. Nein, es war sogar mehr als das. Ein Kuss war nicht einfach eine Berührung der Lippen. Nein! Es war eine Reise. Eine Verbindung. Eine Entdeckung. Es war das Verweben der Seelen zweier Menschen.

Drew beendete den Kuss so abrupt, dass sie sich für einen Moment verloren fühlte – so wie wenn ihr jemand in einer kalten Nacht die Decke fortgezogen hätte.

Er sprang auf und starrte auf sie herab. Wassertropfen flogen aus seinem Haar, als er sich mit den Fingern hindurchfuhr. Das sandverkrustete Hemd klebte ihm an der Brust.

„Himmel!“, sagte er. „Was war das denn?“

„Ich weiß es nicht“, gestand sie – und setzte für sich hinzu: Aber es hat mir gefallen.

„Eine Frau wie du küsst keinen Mann wie mich!“

Sie hätte fragen können, was er mit einer Frau wie du meinte – aber sie konnte es sich denken: aus einer Kleinstadt, naiv und hoffnungslos überfordert. Was sie interessierte, war die zweite Hälfte des Satzes.

„Was meinst du mit einem Mann wie dich?“, fragte sie. Ihre Stimme war rau vor Verlangen. Verlangen, das ihren ganzen Körper erfasst hatte. Es war ein ganz neues Gefühl, es war ungewohnt – und es war wunderbar.

„Sieh mal, Becky, ich gehöre zu der Art Männern, vor denen deine Mutter dich gewarnt hat.“

„Du meinst die Art, die einfach so ins Wasser springt, um einen Menschen zu retten?“

„Nein, das meine ich nicht.“

„Sondern?“

„Egoistisch. Bindungsscheu. Genusssüchtig. Überzeugter Junggeselle. Es gibt ganze Artikel über Männer wie mich in deinen Zeitschriften für Bräute. Und nicht etwa darüber, wie man einen solchen Mann fängt, sondern wie man ihm weitestmöglich aus dem Weg geht.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du Zeitschriften für Bräute liest.“

„Das ist nicht der Punkt.“

„Es war nur ein Kuss, nicht die Bestellung des Aufgebots“, bemerkte sie.

„Du stehst noch unter Schock.“

Falls es so war, wollte sie nur hoffen, dass sie diese Erfahrung wiederholen konnte. Und zwar bald!

5. KAPITEL

Drew sah Becky an. Sie lag wieder bäuchlings im Sand. Das nasse Haar klebte ihr am Kopf, Shorts und Bluse waren ebenfalls durchnässt. Für ein Mädchen aus Moose Run trug sie erstaunlich sexy Dessous.

Ihr Kuss war überraschend gewesen. Hungrig und leidenschaftlich. Er musste dafür sorgen, dass es nie wieder dazu kam! Wie sollte er sie ansehen können, ohne an den süßen und gleichzeitig salzigen Geschmack ihrer Lippen zu denken? Oder an die aufflammende Leidenschaft, deren Sog mindestens so stark war wie der der Wellen?

„Becky“, sagte er streng, „mach mich nicht zu deinem Helden. Die Rolle hat mir schon einmal jemand übergestülpt, und ich habe versagt.“

Drew war siebzehn gewesen, als er die Vormundschaft für seinen Bruder übernommen hatte. Er hatte das Gefühl, zu schnell erwachsen werden zu müssen, und das mit einer zu großen Verantwortung. Er wollte nicht noch einmal in eine Situation geraten, in der er verantwortlich für das Glück und Wohlbefinden eines anderen Menschen war. Er hatte nicht das Gefühl, gut darin gewesen zu sein.

„Es war nur ein Kuss“, sagte sie noch einmal, aber vielleicht etwas zu verträumt.

Es war nicht nur ein Kuss gewesen. Wäre es so, hätte er nichts dabei empfunden. Und er würde sich nicht bemüßigt fühlen, sie zurechtzuweisen.

„Wer hat dir die Rolle übergestülpt? Und wieso hast du versagt?“, fragte sie leise.

Ihm fiel auf, dass die Blüte in ihrem Haar erstaunlicherweise das Abenteuer im Wasser überlebt hatte, auch wenn die roten Blätter jetzt kraftlos an Beckys Schläfe klebten.

„Darum geht es jetzt nicht.“ Er musste an sich halten, um sich nicht neben ihr in den Sand fallen zu lassen und zuzulassen, dass sie ihn rettete, so wie er gerade sie gerettet hatte.

„Tut dir etwas weh?“, fragte er nüchtern. „Hast du irgendwelche Hautabschürfungen? Hast du dir den Kopf gestoßen?“

Sie überlegte. „Ich glaube nicht“, entschied sie endlich, „aber mein Bein tut weh. Ich scheine damit gegen einen Felsen geschrammt zu sein.“

Sie rollte sich auf den Rücken und setzte sich auf. Er warf einen Blick über ihre Schulter. An der Innenseite ihres Schenkels entdeckte er mehrere Schrammen, von denen eine ziemlich tief zu gehen schien. Im Sand, der an ihrer Haut klebte, fanden sich Blutspuren.

Was war los mit ihm? Er hätte sie sofort nach Verletzungen untersuchen sollen! Hastig streifte er sein nasses Hemd ab und hockte sich neben sie. Er wusste sehr wohl, wo sein Problem lag. Er war sich ihrer viel zu bewusst. Der Geruch des Meeres klebte an ihrem Körper – einem Körper, den er nun nur zu gut kannte, nachdem er ihn aus dem Wasser geholt hatte. Und nachdem er die Einladung ihrer Lippen angenommen hatte.

Becky hatte recht. Es hatte etwas zutiefst Berührendes, ein Leben aus den Fängen des Todes zurückzuholen.

Vorsichtig beseitigte er den Sand aus ihrer Wunde.

„Oh …“ Becky drückte ihre Finger in seine Schulter. „Du hast mich gewarnt, was passieren würde, wenn du dein Hemd ausziehst.“

„Das war nur ein Scherz“, sagte er angespannt.

„Nein – du wolltest mich abschrecken.“

Wortlos wickelte er sein nasses Hemd um ihre Wunde.

Sie seufzte zufrieden. „Die Frauen bewundern dich.“

„Nicht die klugen“, sagte er. „Kannst du stehen? Wir müssen einen Notfallhelfer finden. Ich glaube, die Wunde ist nur oberflächlich, aber sie blutet ziemlich. Wir müssen sie untersuchen lassen.“

Er half ihr auf die Beine und stählte sich gegen die seidige Berührung ihrer Haut. Sie schwankte ein wenig und suchte Halt bei ihm. Er spürte ihr Kinn an seiner Brust, als sie den Kopf hob, um ihn groß anzusehen.

Hatte er vor gerade einer Stunde geglaubt, ihre Augen seien einfach nur braun? Nein, sie erinnerten ihn an geschmolzene Milchschokolade. Ihr Blick war tief und einladend.

„Du hast recht gehabt.“ Sie lachte leise. „Ich glaube, ich werde schwach.“

„Wir wollen hoffen, dass es nicht am Blutverlust liegt. Kannst du gehen?“

„Natürlich.“

Sie rührte sich nicht.

Ohne lange zu fackeln, hob er sie hoch, ein Arm unter ihren Knien, der andere hinter ihrem Rücken. Sie war leichter, als er gedacht hatte, und das Gefühl ihres Körpers an seinem setzte ihm wesentlich mehr zu als die Umarmungen von Frauen, die weit üppiger ausgestattet waren.

„Du bist sehr herrisch“, erklärte sie, während sie sich an ihn lehnte.

„Das dürfte heutzutage wohl eher nicht als Kompliment gelten.“

„Es ist eine geheime Sehnsucht.“

Er wollte nichts von ihren geheimen Sehnsüchten hören!

„Falls du mir nicht glaubst, lies …“

„Hör auf!“, bat er grimmig.

Er trug sie zurück zum Schloss. Dort suchte er die Küche auf, die jedem Fünf-Sterne-Hotel zur Ehre gereicht hätte.

„Gibt es hier jemanden, der Erste Hilfe leisten kann?“

Die Köchin bat ihn in ein anliegendes Büro. Drew setzte Becky auf einen Stuhl. Ein junger Mann erschien mit einem Notfallkoffer. Er war sehr schlank, hatte eine gold-gebräunte Haut und pechschwarzes Haar sowie mandelförmige Augen.

„Ich bin Tandu“, stellte er sich vor. „Ich bin der Medizinmann.“

Erleichtert wich Drew zurück. Tandu ging vor Becky in die Hocke. Vorsichtig nahm er den provisorischen Verband ab. Einen Moment lang starrte er die Wunde an, dann erhob er sich und drückte Drew den Notfallkoffer in die Hand.

„Ich kann kein Blut sehen.“

„Was ist das denn für ein Notfallhelfer, der …?“

Aber Tandu war bereits verschwunden.

Drew unterdrückte einen Fluch. Er holte sich eine Schüssel mit warmem Wasser und machte sich daran, die Wunde zu versorgen. So professionell wie möglich.

Becky starrte auf den dunklen Kopf des Mannes, der zu ihren Füßen kniete. Er drückte ein warmes, feuchtes Tuch an die zarte Innenseite ihres Schenkels. Die Berührung war wie ein elektrischer Schlag. Sie atmete scharf ein.

„Tut mir leid“, murmelte er, „ich versuche, dir möglichst nicht wehzutun.“

Es war eine der schönsten Schmerzerfahrungen, die Becky je erlebt hatte. Sie spürte ein Prickeln in sich aufsteigen. Es würde sich zu einem Erdbeben ausweiten, wenn er nicht bald fertig war! Sie sehnte sich danach, sein Haar zu berühren. Hob die Hände.

In der Küche klapperte jemand mit einem Topf. Das Geräusch holte Becky unvermittelt zurück in die Wirklichkeit. Sie riss ihre Hände zurück, gerade bevor Drew zu ihr aufsah.

„Ist alles in Ordnung?“

„Ja, natürlich“, versicherte sie ihm, obwohl nichts in Ordnung war. Sie kam sich vor wie ein junges Mädchen, das zu viel getrunken hatte und dabei alle möglichen verrückten Dinge getan hatte, bevor es abrupt wieder zu Verstand kam.

Sie hatte Drew Jordan ungeniert geküsst. Sie hatte ihm alle ihre Geheimnisse anvertraut. Sie hatte gesagt, er sei herrisch – so als ob ihr das gefiele! Und nun hätte sie fast sein Haar berührt, als seien sie ein Paar und nicht Fremde füreinander!

Okay, seine Hand auf ihrem Schenkel sandte offensichtlich die falschen Signale an einige Hirnregionen, aber sie musste sich jetzt zusammenreißen.

„So.“ Er betrachtete den Verband. „Ich glaube …“

Sie ließ ihn nicht aussprechen. Sie sprang auf und hielt den Blick fest auf den Verband gerichtet statt auf Drew. „Ja, ja, es ist perfekt“, sagte sie – und klang dabei in ihren eigenen Ohren wie ein deutscher Ingenieur, der eine Zeichnung abnahm. Ihr Schenkel brannte, und sie war ziemlich sicher, dass es an seiner Berührung lag und nicht an der Wunde.

„Ich muss jetzt wieder arbeiten“, beschied sie ihn mit unterdrückter Stimme.

Er erhob sich. „Du wirst nicht arbeiten. Heute Nachmittag wirst du dich ausruhen.“

„Aber das geht nicht. Ich …“

„Ich sage dir, du wirst dich ausruhen.“

Sie wollte ihm schon wieder an den Kopf werfen, er sei herrisch. Himmel, sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Wahrscheinlich hatte sie ein Monster geschaffen. In ihm und in ihr selbst.

„Leg dich ins Bett“, sagte er. Drews Stimme war ebenso sanft, wie seine Hand es gewesen war – und ebenso verführerisch. „Nur für den Rest des Nachmittags. Später wirst du froh sein, dass du es gemacht hast.“

Mit einem solchen Mann wollte sie nicht das Thema Bett diskutieren! Und schon gar nicht, nachdem er sie so intim an ihrem Schenkel verarztet hatte! Und noch weniger, als ihr nun bewusst wurde, dass seine Stimme die pure Verführung war, tief, warm und zärtlich.

Ein solches Gespräch verbot sich, nachdem sie nun wieder bei Verstand war. Sie öffnete den Mund, um ihm zu sagen, sie könne selbst entscheiden, was zu tun war. Dabei würde das Wort Bett nicht vorkommen. Aber ehe sie etwas sagen konnte, tat er es.

„Ich suche eine passende Location für die Hochzeit. Joe wird bald eintreffen. Wenn du aufwachst, haben wir alles geregelt.“

Ihr Entschluss, ihr Leben wieder in eigene Hände zu nehmen, schmolz dahin wie Zucker in heißem Tee.

Sie hatte das Gefühl, gleich weinen zu müssen. Wann hatte ihr jemand das letzte Mal etwas abgenommen? Nachdem ihr Vater gegangen war, hatte ihre Mutter sich von der Rolle der Erzieherin verabschiedet. Becky hatte das Gefühl, dass sie es war, die sich um alles kümmern musste. Auch Jerry schien es genossen zu haben, dass sie sein Leben für ihn organisierte. Und ihre Agentur war letztlich auch nichts weiter, als sich um die Probleme anderer Menschen zu kümmern und sie möglichst perfekt zu lösen. Sie hatte es sich alles aufgebürdet – bis sie unter der Last fast zusammengebrochen war.

Wo kam jetzt dieser Gedanke her? Sie liebte ihren Job doch. Freudige und erinnerungswürdige Momente für andere zu schaffen hatte ihr geholfen, über den Schmerz hinwegzukommen, den ihr zuerst ihr Vater und später dann Jerry verursacht hatten.

Zumindest war es ihr so vorgekommen – bis Drew Jordan in ihrem Leben aufgetaucht war und ihr gezeigt hatte, dass es noch Helden gab.

Sie wandte sich hastig ab und floh, bevor sie etwas richtig Dummes tun konnte. Wie zum Beispiel, Drew noch einmal zu küssen.

Obwohl Becky gern gegen Drews Rat rebelliert hätte, stellte sie bald genug fest, dass ihr gar keine andere Wahl blieb. Kaum hatte sie die Küche hinter sich, stellte sie fest, dass sie nicht wirklich fest auf den Beinen stand. Die unerwarteten Abenteuer des Tages forderten ihren Tribut. Mit letzter Kraft stieg sie die Treppe hinauf, die zu dem Flügel des Schlosses führte, in dem sich ihr Zimmer befand.

Sie zog sich ihre nassen Sachen aus, war aber zu müde, um sich etwas anderes überzuziehen. Erschöpft kroch sie unter die Laken und war innerhalb von Sekunden eingeschlafen.

Sie träumte, dass jemand an ihre Tür klopfte. Als sie aufmachte, stand Drew mit einem strahlenden Lächeln vor ihr. Er zog sie in seine Arme. Seine Lippen senkten sich auf ihre …

Mit einem Ruck erwachte Becky. Dem Licht nach zu urteilen, war es früher Abend. Das hieß, sie hatte einen ganzen Nachmittag verschlafen. Sie wollte spontan aus dem Bett springen, aber ihr Körper war dagegen. Vorsichtig testete sie alle Glieder. Kein Zweifel: Jedes einzelne tat weh. Ihr Kopf schmerzte. Ihr Mund und der Hals waren rau und ausgedörrt. Aber am schlimmsten war die Scham. Sie hatte die Kontrolle verloren, und das war etwas, was sie zutiefst hasste.

Die Tür ging auf.

„Wie geht es dir?“

Sie fuhr auf und hielt das Laken fest um sich geschlungen. „Was machst du hier?“

„Ich habe geklopft. Da du nicht reagiert hast, dachte ich, es ist wohl am besten, ich sehe mal nach dir. Du hast sehr lange geschlafen.“

Drew sah genau wie in ihrem Traum aus – einfach atemberaubend. Aber das strahlende Lächeln fehlte. Und es sah nicht danach aus, als beabsichtige er, sie in seine starken Arme zu ziehen.

Er kam zwar ins Zimmer, blieb aber neben der Tür stehen und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er trug ein schneeweißes T-Shirt, das die Bräune seiner Haut betonte. Die Khaki-Shorts ließen lange muskulöse Beine sehen.

„Lange?“ Sie warf einen Blick auf das Smartphone auf ihrem Nachttisch. „Es ist erst fünf. Das geht doch noch.“

„Hm, nun ja, vielleicht solltest du einen Blick auf das Datum werfen.“

Stirnrunzelnd betrachtete sie das Display. Vor Entsetzen vergaß sie für einen Moment, ihren Mund zu schließen. „Was? Ich habe einen ganzen Tag geschlafen? Das kann nicht sein!“

Sie wollte das Laken beiseitewerfen, aber dann fiel ihr in letzter Sekunde ein, dass sie nichts anhatte. Hastig riss sie es wieder unter das Kinn.

„Das war wahrscheinlich das Beste, was du tun konntest. Dein Körper weiß, was er braucht.“

Sie sah ihn an. Ja, ihr verräterischer Körper wusste, was er brauchte! Und alles hatte mit Drew zu tun!

„Wenn du mich bitte entschuldigen würdest … Ich brauche …“

Und ihr Gehirn, das verräterische Ding, schrie stumm: dich!

„Ist alles in Ordnung?“

Nein! Wie konnte es sein, dass sie sich so nach seiner Berührung, nach ihm, sehnte?!

„Alles in Ordnung. Ist dein Bruder gekommen?“ Sie war verzweifelt bemüht, von sich abzulenken.

„Nein. Und ich kann ihn auch nicht auf seinem Handy erreichen.“

„Oh, Drew“, sagte sie leise.

Ihr Ton schien ihn zu ärgern. „Du siehst nicht aus, als ob alles in Ordnung wäre“, befand er.

„Okay, du hast recht. Aber ich habe keine Zeit, einen ganzen Tag zu verschlafen. Und davon einmal abgesehen fühle ich mich, als hätte ich den Schleudergang in einer riesigen Waschmaschine hinter mir. Alles tut weh, und mein Kopf fühlt sich an, als hätte ich den schlimmsten Kater meines Lebens.“

„Du hast schon einmal einen Kater gehabt?“ Sein Erstaunen hatte schon etwas Kränkendes an sich.

„Natürlich. Nur weil ich aus Moose Run komme, heißt das ja nicht, dass ich wie eine Nonne gelebt habe.“

„Das wäre auch wirklich eine Verschwendung“, erklärte er spontan, bevor er den Blick hastig wieder von ihren Lippen löste.

„Lass uns darüber sprechen.“

„Darüber, dass du als Nonne verschwendet wärest?“ Er sah sie verblüfft an.

„Nein, darüber, dass du glaubst, so etwas von mir zu wissen. Normalerweise bin ich nicht so. Unter normalen Umständen hätte ich niemals jemanden geküsst, so wie ich dich geküsst habe. Ich schäme mich in Grund und Boden.“

Er zog eine Braue in die Höhe.

„Es bestand überhaupt keine Notwendigkeit, mich so zu echauffieren, ganz gleich, wie dankbar und verwirrt ich gewesen sein mag.“

Um seine Mundwinkel zuckte es.

„Das ist nicht witzig“, empörte sie sich. „Es ist peinlich.“

„Es ist nicht dein schamloses und für eine Nonne untypisches Verhalten, das mich amüsiert.“

„Schamlos?“

„Ich musste lächeln, weil du das Wort echauffieren benutzt hast. Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal gehört zu haben.“

„Schamlos?“, wiederholte sie noch einmal, nun eine Spur schriller.

„Tut mir leid, schamlos war vielleicht ein wenig übertrieben.“

„Vielleicht?“

„Wir sind nicht alle mit deiner Gabe gesegnet, immer genau das richtige Wort zu wählen.“ Er zuckte die Schultern. „Menschen tun merkwürdige Dinge, wenn sie unter Schock stehen. Lass es uns vergessen, okay?“

Eigentlich hätte sie gern herausgefunden, was genau er als schamlos empfunden hatte – es war ja nur ein kleiner Kuss gewesen, nicht einmal die peinliche Berührtheit wert, die sie deswegen durchlitt. Aber es sollte nicht so aussehen, als ob sie das Ganze nicht vergessen könnte.

„Okay“, stimmte sie ungnädig zu. „Aber nur für die Annalen – ich mag keine herrischen Männer. Überhaupt nicht.“

„Keine geheimen Sehnsüchte?“

Er machte sich über sie lustig! Sie hatte wohl noch einen Rest Schwäche in sich, denn es gefiel ihr – aber es wäre ein Fehler gewesen, ihm ihre Schwäche zu zeigen.

„Wie du selbst gesagt hast, war ich unter Schock“, erklärte sie kühl. „Ich habe Dinge gesagt und getan, die an sich überhaupt nicht meine Art sind. Und nun lass uns einen Schlussstrich darunter ziehen.“

Sein Blick blieb an ihren Lippen hängen. Sie hatte das Gefühl, er hätte ihr nur zu gern bewiesen, dass einige Dinge, die sie getan hatte, ihrer Natur doch nicht so fernlagen, wie sie es sie beide glauben machen wollte.

Aber er widerstand der Versuchung scheinbar mühelos und ging wieder zur Tür. „Übrigens, ich glaube, ich habe das Problem mit dem Pavillon gelöst.“

„Wirklich?“ Wäre sie nicht nackt gewesen, wäre sie jetzt aus dem Bett gesprungen und hätte ihn vor Freude umarmt. Aber er sollte nicht wissen, wie viel es ihr bedeutete, dass es jemanden gab, der ihr ungebeten etwas abnahm.

„Ich habe über das nachgedacht, was du gesagt hast – dass man eine Illusion schaffen könnte. Man könnte ein paar Pfähle einschlagen, sie oben mit Leisten verbinden und Stoff davon herunterfallen lassen. So wie ein Bett mit einem Baldachin, ein Himmelbett.“

Sie musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. Das Verlangen, ihn zu berühren, war wieder da, noch stärker als zuvor. Er war ein Mann, in den eine Frau sich verlieben konnte, ehe sie noch wusste, was mit ihr geschah.

6. KAPITEL

„Was weiß ein überzeugter Junggeselle wie du von Himmelbetten?“ Becky hielt ihren Ton bewusst leicht und sah Drew dabei nicht an. „Nein, lass, ich will es gar nicht wissen.“

„Gib es zu!“

„Was?“ Sie wagte es, zu ihm hinüberzusehen, und sah, dass er breit grinste.

„Dass die Idee einfach genial ist?“

Sie musste unwillkürlich lächeln. „Das stimmt. Das wäre die Illusion eines geschlossenen Raumes, und wenn wir Stoff oben drüberlegen, dient er auch als Schutz vor der Sonne. Und es könnte ausgesprochen romantisch sein. Deswegen bin ich ja so überrascht, dass du diese Idee gehabt hast.“

„Zugegeben, ich bin selbst überrascht. Aber obwohl ich den ganzen Nachmittag über die Insel gelaufen bin, habe ich immer noch nicht den richtigen Platz für die Trauzeremonie gefunden. Aber sieh dir doch erst mal an, was sich mit dem Pavillon tut.“

Sie sollte sich nicht zu begeistert zeigen. Oder? Cool zu tun hätte zu viel Mühe gekostet. „Okay. Gib mir fünf Minuten.“

„Gut. Ich warte unten an der Treppe auf dich.“

Natürlich brauchte Becky mehr als fünf Minuten. Zuerst einmal musste sie die letzten Spuren ihres Abenteuers unter der Dusche fortspülen. Sie hatte Sand an den unmöglichsten Stellen. Ihr Haar war eine Katastrophe. Und die Wunde an ihrem Schenkel musste sie neu verbinden.

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