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ROMANA EXTRA BAND 54

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Im Bann des Wüstenfeuers

1. KAPITEL

„Meinen herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag!“

Nabil bin Rashid Al Sharifa, der Scheich von Rhastaan, erhob sein Glas in Richtung der beiden Ehrengäste. Das Paar, das hier gefeiert wurde, zählte heute trotz allem, was in der Vergangenheit passiert war, zu seinen besten Freunden.

„Herzlichen Glückwunsch zu euren zehn gemeinsamen Jahren. Zu zehn glücklichen Jahren.“

Die letzten Worte blieben ihm fast im Halse stecken. Für seine Freunde waren es glückliche Jahre gewesen. Aber er hätte diese Zeit am liebsten aus seinem Gedächtnis gestrichen, wenn er die Wahl gehabt hätte.

„Auf Clemmie und Karim!“, beendete er seinen Toast.

Die elegante dunkelhaarige Frau, die in ihrer dunkelroten, reich mit Gold bestickten Robe wahrlich königlich wirkte, schenkte ihm ein warmes Lächeln. Der Mann an ihrer Seite, Scheich Karim al Khalifa, war wie Nabil in die fließenden Gewänder und den landestypischen Kopfschmuck gekleidet und erhob sein Glas, um Nabil zu danken. Niemand hätte vor zehn Jahren diesen Moment je für möglich halten können. Damals war alles arrangiert gewesen für eine Vermählung von Nabil und Clemmie, aber Nabils Leidenschaft für die jüngere Sharmila war stärker gewesen. Er verweigerte sich der vorbestimmten Heirat und nahm stattdessen seine Geliebte zur Frau. Doch nun feierte man im Palast von Rhastaan dieses Fest zu Ehren des zehnten Hochzeitstages von Clemmie und Karim …

Zu Ehren von zehn Jahren Liebe und Ehe.

Zu Ehren ihrer Kinder.

Abrupt stellte Nabil sein Glas auf den nächsten Tisch. Das feine Kristall stieß hart auf die polierte Oberfläche. Auch wenn man ihm die frohe Kunde noch nicht mitgeteilt hätte, wäre es unmöglich gewesen, die leichte Rundung von Clemmies Bauch unter der seidenen Robe nicht zu bemerken. Clementina war schon immer schön gewesen. Sogar in seiner Phase des jugendlichen Aufbegehrens gegen die alten Traditionen hatte er dies eingestehen müssen. Aber jetzt, mit den Anzeichen der frühen Schwangerschaft, strahlte sie ein Glück aus, das sie fast leuchten ließ.

„Meinen Glückwunsch!“, wiederholte Nabil noch einmal und zwang sich zu einem Lächeln für seine Freunde.

Es sollte ihnen zeigen, dass er sich über ihr Glück freute. In seinem tiefsten Inneren tat er es tatsächlich. Gleichzeitig konnte er nicht verhindern, dass er ihr erfülltes Leben mit seinem eigenen verglich.

Sie hatten das Glück in Fülle, nach dem er sich so sehnte. Aber er sah keine Möglichkeit, es je für sich zu finden.

Vor vielen Jahren, zu Beginn seiner Ehe, war auch er überzeugt gewesen, alles zu haben: eine schöne Frau an seiner Seite und ein Kind, das in ihr wuchs. Die Zukunft seines Landes schien gesichert. Ein Narr war er gewesen – jung, blind und unbedacht. Ihm war es nur darum gegangen, gegen das Schicksal aufzubegehren.

Also hatte er sich aufgelehnt und sich damit dem Schicksal noch mehr ergeben. Es schien, er habe sich an dieses Schicksal gekettet und den Schlüssel dann fortgeworfen.

„Auf zehn wunderbare Jahre!“

Karim mochte die Stimme gehoben haben, um die Gäste in dem großen Saal zu erreichen, aber sein Blick galt allein seiner Frau. Sie befanden sich in ihrer eigenen glücklichen Welt, und unbewusst legte Clemmie eine Hand auf die kaum merkliche Rundung ihres Bauches – das Versprechen ihres ungeborenen Kindes.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, erfüllt von Emotionen und einem Hauch von Sinnlichkeit, als plötzlich schnelle Schritte zu hören waren und zwei kleine Kinder sich jubelnd in die Arme ihrer Eltern warfen.

„Adnan, Sahra …“ Clemmies Stimme war weich und warm, auch als sie versuchte, einen Unterton des Tadels hineinzulegen. „Verhalten sich ein Prinz und eine Prinzessin so bei einem öffentlichen Anlass?“

„Aber es ist ein Fest für Mummy und Daddy“, erklärte Adnan mit der Selbstsicherheit eines Fünfjährigen. „Kein öffen… öffener Anlass.“

Clemmie und Karim teilten einen lächelnden Blick, und der Vater ließ seine Hand liebevoll über das dunkle Haar seines Sohnes gleiten. Es war die Art von Zärtlichkeit, die Nabil von seinem eigenen Vater niemals erfahren hatte. Der war ein kalter, distanzierter Mann gewesen, der von seinem Sohn kaum mehr wusste als den Namen.

„Es ist beides“, sagte Karim ruhig.

Nabil wäre am liebsten gegangen, aber er zwang sich zu bleiben. Als Gastgeber war es seine Pflicht, hier zu sein und dafür zu sorgen, dass alles perfekt war. Aber im Moment …

Geh schon …

Unausgesprochene Worte, aber er glaubte förmlich, sie zu hören. Sein Blick suchte Clemmie, und sie machte eine kaum spürbare Bewegung mit dem Kopf in Richtung der Türen, die hinaus auf die Galerie führten. Die Wärme ihres Lächelns verriet, dass sie wusste, was in ihm vorging. Sie schenkte ihm die Zeit, die er brauchte, um allein zu sein und sich wieder zu fangen.

„Wolltet ihr beiden nicht ein Lied für uns singen?“

Clemmies Frage lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Kinder.

Mit einem stummen Dank in Richtung der Frau, die er dem Willen seines Vaters nach hätte heiraten sollen und die nun mit ihrem Mann zu seinen besten Freunden gehörte, nutzte Nabil die Gelegenheit, den Saal unbemerkt zu verlassen und auf den Balkon hinauszutreten.

Eine leichte Brise fuhr durch seine Kleidung. Im Schwarz des Nachthimmels schob sich die silberne Sichel des Mondes soeben über den Horizont. Nabil atmete tief durch, während er die lange Galerie entlangging und schließlich stehen blieb und die Hände auf die Brüstung legte, um auf die Lichter unterhalb des Palastes herabzusehen. Dort hatten die Menschen seines Landes ihre tägliche Arbeit beendet und brachten jetzt ihre Kinder zu Bett.

„Verdammt!“

Er ballte eine Hand zur Faust und schlug damit gegen den harten Stein, um die Bilder zu verdrängen, die vor seinem geistigen Auge aufbauten. Es schien, als ob sich an diesem Tag alles dazu verschworen hätte, ihm zu zeigen, was er hätte haben können. Einmal hatte er geglaubt, alles zu haben – um dann erleben zu müssen, wie ihm alles wieder genommen wurde. Mit einer Bewegung, die ihm mittlerweile zur Gewohnheit geworden war, fuhr er sich mit der Hand über die Seite seines Gesichts, wo eine lange Narbe über dem Wangenknochen verlief. Der schwarze Bart, den er sich hatte wachsen lassen, konnte sie kaum verbergen. Sie kam ihm vor wie ein Kainsmal, das ihn immer, wenn er in den Spiegel sah, an seine Schuld erinnerte.

Ein leises Geräusch brachte ihn jäh zurück in die Gegenwart. Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück in die Schatten. Irgendwie schien ihm die Dunkelheit an diesem Abend voller Gefahren.

Oder war es nur der Zustand seines Gemüts?

Von links kam das Geräusch erneut. Er fuhr abrupt herum. Wer war da?

„Hoheit.“

Die Stimme war leise und ruhig, enthielt aber auch eine Spur von Angst. Sie gehörte offensichtlich einer Frau. Das hätte ihn entspannen lassen sollen, aber etwas in dieser Stimme weckte lange vergessen geglaubte Erinnerungen und zerrte sie in sein Bewusstsein.

„Wer ist da? Zeigen Sie sich.“

Stoff raschelte über den Boden, als die Frau ins Mondlicht trat. Sie war klein und schlank, hatte ein blasses Gesicht und dunkles Haar. Ein bestickter Umhang umhüllte ihren Kopf und ihren Körper, sodass sie fast vollständig bedeckt war.

Für einen Moment verschlug es ihm den Atem.

„Sharmila?“

Er glaubte nicht an Geister, aber etwas sprach zu ihm …

„Verzeihen Sie, Hoheit.“

Sie hatte die Hände aneinandergelegt und berührte damit ihre Stirn, während sie den Kopf neigte zu einer Geste von Achtung und Unterwürfigkeit. Zuerst nahm er ihr Parfum wahr, eine Mischung aus Sandelholz und Jasmin, voll und sinnlich. Es erreichte ihn wie eine duftende Wolke und weckte seine Sinne auf eine neue und sehr angenehme Weise. Er atmete tief ein. Empfand den Duft wie einen schweren Wein, der ihm zu Kopf zu steigen schien. Er musste sich einen Ruck geben, um wieder klar sehen zu können. Dabei fiel ihm auf, dass die linke Hand, die sie an ihre Stirn gehoben hatte, eine Eigenart aufwies. Der kleine Finger war leicht verkrümmt, sodass er nicht ganz fest am Ringfinger lag.

Irgendwo in den Tiefen seiner Erinnerung regte sich etwas – drängte für einen Moment an die Oberfläche, um gleich wieder zu verschwinden. Hatte er sie schon einmal gesehen? Wann? Wo?

Die Frau – eine junge Frau – sprach wieder, und ihre Worte brachten seine Aufmerksamkeit zurück in die Gegenwart.

„Verzeihen Sie, Hoheit. Ich wusste nicht, dass jemand hier draußen ist.“

Azizas Stimme zitterte. Sie hätte wissen müssen, dass man sie hier, abseits der Festivitäten im großen Saal entdecken könnte. Sie wusste auch, dass Scheich Nabil ein harter, schwieriger Mann war, der innerhalb seines Palastes großen Wert auf Sicherheit legte. Wer konnte es ihm verübeln, nach allem, was passiert war? Aber der Lärm und die Hitze im Saal waren einfach zu viel gewesen für sie. Das und die Tatsache, dass ihre ältere Schwester Jamalia aber auch mit jedem jungen Mann flirtete – so offen, wie es die Anwesenheit ihrer Eltern erlaubte.

Sie musste einfach fort. Weg von dem Fest. Fort davon, immer nur im Schatten ihrer Schwester zu stehen. Fliehen vor den kritischen Augen ihres Vaters, für den seine zweite Tochter nicht mehr zu sein schien als eine Dienerin und von der erwartet wurde, dass sie sich im Hintergrund hielt. Sie war nur hier, um die Anstandsdame zu spielen. Natürlich wollte Jamalia sie nicht in ihrer Nähe haben, und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Aziza war überall lieber als in der Nähe ihrer Schwester. Sie hatte gar nicht zu diesem Fest kommen wollen, aber ihr Vater hatte darauf bestanden. Jeder, der etwas galt, würde zugegen sein – und ihre Abwesenheit wäre nicht unbemerkt geblieben.

„Ich will nicht!“, hatte Aziza vor sich hin gemurmelt, aber ein scharfer Blick ihrer Mutter hatte sie gewarnt, die Worte laut auszusprechen. Also hatte sie ihren Protest hinuntergeschluckt, hatte sich in die dunkelrosa Seidenrobe gehüllt, die ihr zugedacht war, und war ihren Eltern zum Fest in den goldenen Palast gefolgt.

Jamalia hatte natürlich gedacht, sie sträube sich nur, weil sie nicht die Anstandsdame geben wollte und weil sie sich stets unwohl fühlte in der Nähe der jungen Männer, die ihre ältere Schwester umschwärmten. Aber es war mehr als das.

Und nun stand der wahre Grund für ihren Widerwillen direkt vor ihr. Er war groß und kräftig. Der Duft seiner Haut umnebelte ihre Sinne. Sein dunkler Kopf verdeckte das Licht des Mondes, sodass sie völlig in seinem Schatten stand.

Es war ein Platz, an den sie sich gewöhnt haben sollte. Sie war immer in Nabils Schatten gewesen. Sie war fünf, er zwölf Jahre alt, als er das Anwesen ihrer Eltern das erste Mal besuchte und vor ihr vom Rücken eines Pferdes sprang, das aus ihrer Sicht einfach nur riesig war.

„Wer sind Sie?“, fragte er sie nun.

Die Frage kam hart und scharf, genauso wie vor vielen Jahren. Daher dauerte es einen Moment, bis Aziza begriff, dass sie sich nicht in ihrer Erinnerung befand, sondern dass Nabil sie direkt angesprochen hatte.

„Nur eine Zofe.“

Und so sah sie ja auch aus, fand sie. Die Seidenrobe war natürlich nicht neu, sondern bereits von Jamalia getragen. „Das Kleid ist noch gut genug für Zia“, hatte ihr Vater gesagt. Schließlich sollte nicht sie dem Scheich in der Hoffnung auf eine vorteilhafte Heirat vorgeführt werden, sondern ihre Schwester.

„Ich … ich gehöre zu Jamalia, Hoheit.“

Sie versank in einem tiefen Hofknicks. Irgendwie hoffte sie, damit die Spannung zu mildern, die der Mann vor ihr auszuströmen schien. Ihre Mutter hatte befürchtet, sie könne in eine unangenehme Situation geraten, wenn sie allein herumlief, und im Moment sah es ganz so aus, als habe Naddiya recht gehabt.

„Wie heißen Sie?“

„Zia.“

Rein instinktiv sagte sie ihren Kurznamen, der nur innerhalb der Familie benutzt wurde. Zumindest bestand so eine Chance, dass der Scheich sie nicht gleich mit ihren Eltern in Verbindung brachte. Der Gedanke daran, wieso ihr Name derart verkürzt worden war, versetzte ihr einen kleinen Stich.

„Aziza, hmm?“, hatte ihr Vater gesagt. „Der Name bedeutet ‚die Schöne‘ – und der soll zu jemandem passen, der so klein und hässlich ist? Ich glaube nicht. Unsere zweite Tochter wird nie so hübsch sein wie ihre Schwester.“ Er hatte ihren Namen auf Zia verkürzt, und dabei war es geblieben.

„Ich brauchte etwas frische Luft. Bitte verzeihen Sie …“

Mit einer ungeduldigen Handbewegung unterbrach er sie. Verwirrt hielt sie ein. Hatte er ihr verziehen, dass sie sich hier im Dunkeln versteckt gehalten hatte? So musste es für ihn aussehen. Sie war wirklich ein Risiko eingegangen, wenn man bedachte, wie streng die Sicherheitsmaßnahmen im Palast waren. Falls es nun ein Problem gab, hatte sie das sich selbst zuzuschreiben.

Vielleicht hätte sie ihm ihren richtigen Namen nennen sollen, aber alles in ihr sträubte sich dagegen. In dem Moment, als der zwölfjährige Nabil sie wahrgenommen hatte – sie, und nicht ihre Schwester Jamalia –, hatte sie ihr Herz an ihn verloren. In den folgenden Tagen war sie ihm gefolgt wie ein kleines Hündchen, immer in der Hoffnung, einen weiteren Blick von ihm zu erhaschen. Sie war es so wenig gewohnt, beachtet zu werden, dass seine Geduld und sein gelegentliches Lächeln sie völlig aus dem Gleichgewicht brachten. Sie verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Ein Gefühl, das umso stärker war, als es so unschuldig und kindlich war. Sie hatte ihm ihr Herz geschenkt, und daran hatte bis heute niemand etwas ändern können.

Sie hätte ihn immer und überall erkannt, ob mit oder ohne Bart. Aber etwas hielt sie davon ab, ihm ihren richtigen Namen zu nennen. Was, wenn er sich nicht an sie erinnerte? Immerhin waren viele Jahre vergangen. Es dürfte sie nicht verletzen, wenn er sie vergessen hätte, aber dennoch … Instinktiver Selbstschutz hielt sie davon ab, das Risiko einer Enttäuschung einzugehen.

„Wenn Sie mich entschuldigen würden …“

Sie hatte sich zum Gehen gewandt, als sie ihn sagen hörte:

„Bitte, gehen Sie nicht!“

Nabil wusste selbst nicht, wieso er das gesagt hatte. Warum wollte er die Frau zurückhalten? War er nicht hier draußen, um allein zu sein und Ruhe zu finden? Aber als diese zierliche Frau ihn allein lassen wollte, spürte er förmlich, wie sich eine neue Leere auf die Leere zu legen drohte, die ihn bereits erfüllte.

„Hoheit?“

Sichtlich erschreckt drehte sie sich zu ihm herum. Im Licht des Mondes wirkten ihre Augen groß und dunkel.

„Bleiben Sie noch einen Moment.“

Es war mehr ein Befehl als eine Bitte. Er bemerkte dies am Wechsel ihres Gesichtsausdrucks. Für einen Moment glitt ihr Blick zur offenen Tür, aus der das Licht des Festsaals einen Teil der Galerie erhellte. Stimmengemurmel und Gläserklirren drangen hinaus und erfüllten die Nacht. Dann schien sie zu dem Schluss zu kommen, dass es klüger sei, seiner Aufforderung nachzukommen. Sie knickste erneut.

„Hören Sie auf damit“, knurrte Nabil unwirsch. Er wollte keine Unterwürfigkeit, er wollte …

Ja, was eigentlich?

Verdammt, wenn er es selbst nicht wusste, was sollte er dann von ihr fordern?

„Hoheit“, war alles, was sie sagte, aber der veränderte Ausdruck ihrer Augen war ebenso unübersehbar wie die unerwartete Art, mit der sie das kleine Kinn hob, als sie ihn ansah. In der kleinen Bewegung lag kein Trotz, aber etwas kam ihm daran bekannt vor. Etwas, das eine Erinnerung in ihn aufsteigen ließ, die ihm gleich wieder entglitt.

Sie wahrte den gebührenden Abstand zwischen ihnen, aber der reichte nicht aus, um zu verhindern, dass der Duft ihres Parfums ihm in die Nase stieg. Die Mischung aus Sandelholz und Jasmin erregte seine Sinne auf eine Weise, die er schon seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Es schockierte ihn zu spüren, wie sein Puls schneller schlug und sein Blut in Wallung geriet. Das plötzlich aufflackernde Verlangen ließ ihn schwindeln. Seit Jahren versuchten die schönsten, sinnlichsten Frauen, diese Wirkung bei ihm hervorzurufen und blieben erfolglos. Und nun weckte diese kleine, unscheinbare Frau seine Lust auf eine Weise, die er schon fast vergessen hatte.

„Soll ich Ihnen etwas zu trinken holen?“

Sie hatte gesehen, wie seine Zunge die plötzlich trockenen Lippen anfeuchtete und deutete die Bewegung falsch. Es erschreckte ihn, dass sie ihn so aufmerksam beobachtete.

„Nein, es ist alles in Ordnung.“

Was war sie? Eine Zofe? „Ich gehöre zu Jamalia“, hatte sie gesagt. Damit musste sie die älteste Tochter der Familie El Afarim meinen.

Er wusste, dass seine Miene sich verfinstert hatte, aber er gab sich keine Mühe, es zu verbergen. Der Gedanke an Farouk El Afarim und dessen offensichtliche Beweggründe dafür, wie er die schöne Jamalia vor Nabil präsentierte, verursachten ein Gefühl des Unbehagens. Er hatte das alles für diesen einen Abend vergessen wollen. Er wollte sich nicht mit den Unruhen beschäftigen, die wieder aufzukommen drohten. Er wollte sich nicht an die Notwendigkeit erinnern, wie wichtig es war, sich der Loyalität El Afarims zu versichern, um diesen davon abzuhalten, zur Seite der Rebellen überzulaufen.

„Bleiben Sie einfach nur – und reden Sie.“

„Worüber?“

„Einerlei. Zum Beispiel …“ Er machte eine vage Handbewegung in Richtung der Lichter der Stadt und zu den Bergen, die sich vor dem dunklen Nachthimmel abzeichneten. „Was sehen Sie dort?“

„Was ich sehe?“ Gehorsam wandte sie ihren Blick in die Weite. „Wieso fragen Sie?“

Eine weitere Frage, die er nicht direkt beantworten konnte.

„Tun Sie mir den Gefallen.“

Die Wahrheit war, dass er mit jemandem reden wollte, der nichts zu tun hatte mit den Forderungen und Debatten, den Verträgen und den Unstimmigkeiten, die sein Leben in den vergangenen Monaten beherrscht hatten. Er wollte mit jemandem reden, dem gegenüber er nicht ständig auf Diplomatie bedacht sein musste und nicht jedes Wort auf die Waagschale zu legen hatte.

Er wollte noch einen Moment mit dieser Frau zusammen sein, die seine Sinne auf eine Weise erregte, wie er es schon seit Langem nicht mehr erlebt hatte. Es war, als käme wieder Leben in ihn, und er wollte mehr davon.

Für einen Augenblick lang erwog er ernsthaft, sich ihr noch mehr zu nähern und sie zu verführen. Sie war bereit, daran konnte es keinen Zweifel geben. Er sah es in ihrem Ausdruck, hörte es in ihrer Stimme, in ihrem atemlosen Sprechen. Sollte er mehr wollen, würde sie sich nicht widersetzen.

Er ließ die Sekunden verstreichen. Genoss die Gefühlsregungen, die ihm so lange verwehrt gewesen waren. Doch dann trennte er sich von ihnen, langsam und widerstrebend. Wenn die vergangenen zehn Jahre ihn etwas gelehrt hatten, dann, dass diese Art Beziehung, die ihn für eine Nacht in ihren Bann ziehen konnte, letztlich nichts brachte. Die Dunkelheit, die ihn umgab, war immer noch da, wenn er erwachte, und sie fühlte sich nach einer Nacht der Leidenschaft im kalten Licht des Tages nur noch schrecklicher an als sonst.

Er sollte die Frau gehen lassen. Er sollte sich abwenden, aber seine Sinne hielten ihn gefangen. Und als sie wieder sprach, war allein der Klang ihrer Stimme Verlockung genug.

„Was ich sehe …“

Aziza war gleichermaßen erleichtert und enttäuscht, den Blick von dem Mann an ihrer Seite zu lösen und sich auf die Szenerie unter ihnen zu konzentrieren. Es war nicht einfach. In dem Moment, als sie sich abwandte, musste er näher gekommen sein, denn sie hörte das leise Rascheln seiner Gewänder. Fast glaubte sie, die Wärme seines Körpers zu spüren. Sein Duft stieg ihr in die Nase. Ihre Lippen wurden trocken, ihre Kehle eng. Sie musste einmal tief durchatmen.

„Sie müssen doch genau wissen, was dort draußen ist – auch wenn Sie es im Moment nicht erkennen können. Bei Tag blicken Sie rechts auf das Meer, auf Alazar dort oben vor den Bergen und hier …“

Ihre Stimme wurde brüchig und ihr stockte der Atem, als ihr Arm, mit dem sie in die Ferne deutete, den feinen Stoff seines Gewandes zufällig streifte und ihr damit zeigte, wie nah er ihr jetzt war.

„Und hier …?“

Bedeutete sein rauer Tonfall, dass es ihm ging wie ihr? War es möglich, dass er näher gekommen war, weil er sich ebenso zu ihr hingezogen fühlte wie sie sich zu ihm? Die Gefühle, die sie erlebte, hatten nichts mehr mit der kindlichen Bewunderung der Fünfjährigen zu tun, die ihm ihr Herz geschenkt hatte. Sie waren auch nicht mehr vergleichbar mit der heimlichen Schwärmerei, die Aziza als junges Mädchen für ihn empfunden hatte.

Nein, es war die Reaktion einer erwachsenen Frau auf einen reifen Mann. Auf einen Mann, der alle Sinne ihrer Weiblichkeit zum Leben erweckte. Auf einen Mann, von dem sie sich fernhalten musste. Sie durfte nicht vergessen, wieso sie und ihre Familie hier waren. Er sollte sein Augenmerk auf Jamalia richten, nicht auf sie.

„Sie wissen, was ich hier unten sehe: Hazibah – die Hauptstadt. Ihre Hauptstadt, Majestät. Und dort …“ Sie sprach jetzt fester, weil es nichts anderes war als die Wahrheit. „Dort leben Tausende von Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die alle den Frieden des Tages genießen. Und das haben sie Ihnen zu verdanken.“

„Glauben Sie das wirklich?“

2. KAPITEL

Nabils Ton drückte Skepsis aus. Aziza fuhr zu ihm herum.

„Ja. Wie können Sie daran zweifeln?“ Wie konnte er ihr plötzlich so nah sein? Sie hatte nicht bemerkt, dass er noch näher gekommen war. Ihr Blick brannte sich in seinen. Ihr Atem schien sich in der kühlen Abendluft miteinander zu vermischen. „Nach allem, was geschehen ist. Nach allem, was Sie ertragen mussten …“

Ebenso gut hätte sie gegen eine Wand sprechen können, denn ihre Worte schienen ihn nicht zu erreichen. Aber Aziza hatte diese schlimme Zeit miterlebt. Sie erinnerte sich an die Angst, die das ganze Land erfasst hatte, als sich eine Gruppe von Rebellen mit einem gewaltsamen Umsturzversuch gegen den jungen König auflehnte.

„Nach allem, was ich ertragen musste?“ Er lachte freudlos. „Was wissen Sie denn davon?“

„Wissen es nicht alle?“

Damals war Aziza dreizehn Jahre alt und hatte die schockierenden Bilder im Fernsehen bewusst wahrgenommen. Die Schüsse, die alle für einen Moment erstarren ließen. Dann waren Sicherheitsleute vorgestürzt, einige zum Eingang der Bibliothek, wo Nabil und seine junge Königin gestanden hatten, andere in die entgegengesetzte Richtung auf der Suche nach dem Attentäter. Wie konnte man jemals das Bild vergessen, wie Nabil blutüberströmt zu Boden gesunken war, in seinen Armen die tödlich getroffene Königin?

Dieses Bild nährte die Flamme, die in ihrem Herzen für ihn brannte, seit sie ihn das erste Mal getroffen hatte. Es hielt sie auch während der langen Jahre lebendig, in denen er für sie nur eine unerreichbare Gestalt gewesen war, die man gelegentlich bei einem öffentlichen Anlass aus der Ferne betrachten konnte.

„Hätten Sie sich anders verhalten, hätte es zu einem Bürgerkrieg kommen können. Aber das Vorbild, das Sie gegeben haben, als Ihre Frau umgekommen ist …“

Was um alles in der Welt hatte sie gesagt? Sie hatte ihre Bewunderung für ihn zum Ausdruck bringen wollen. Ihre Hochachtung für die Art, wie er die schwierige, tragische Situation gemeistert hatte. Stattdessen war es, als habe sie ihm eine ätzende Säure direkt ins Gesicht geschleudert. Er starrte sie mit einem kalten, zynischen Blick an. Das Mondlicht fiel auf die weiße Narbe auf seiner Wange – eine bleibende Erinnerung an jenen schrecklichen Tag.

„Ich denke nicht mehr daran“, sagte er kühl. „Ich möchte nichts mehr davon hören.“

Seine Worte trafen sie messerscharf und er machte einen weiteren Schritt auf sie zu. Sein energisches Kinn war nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt, Augen funkelten im Mondschein. Sein Körper verdunkelte das Licht, das aus den Fenstern strömte, sodass er wie ein düsterer, gefährlicher Schatten über ihr lag.

Sie sollte Angst haben. Der nüchterne Verstand riet ihr, augenblicklich die Flucht zu ergreifen. Aber etwas hielt sie zurück.

Sie empfand keine Furcht. Nein. Aziza fühlte sich magisch angezogen von seiner männlichen Ausstrahlung. Der Duft seines Körpers umgab sie. Sie glaubte, die Wärme seiner Haut zu spüren. Sein Kinn war so nah, dass sie nur die Hand zu heben brauchte …

„Was zum Teufel …?“

Nabils harscher Ausruf ließ sie erstarren. Schockiert begriff sie, dass sie ihre Gedanken unbewusst in die Tat umgesetzt hatte. Ihre Finger waren tatsächlich leicht über die dunklen Haare seines Bartes geglitten.

„Was machen Sie da?“

Sie sollte den drohenden Unterton in seiner Stimme beherzigen. Sie wusste, dass sie den Scheich nicht hätte berühren dürfen, aber sie konnte es weder bedauern noch rückgängig machen. Das Anfassen seines Bartes hatte etwas Magisches. Es löste kleine Schauer aus, die ihren ganzen Körper durchströmten. An Nabils Schläfen zeigten sich erste Spuren grauer Haare und verrieten, dass die Zeit auch bei ihm Spuren hinterlassen hatte. Und auf seiner linken Wange sah sie die Narbe, die er von jenem Attentat davongetragen hatte und die von seinem üppigen Bart nur unzureichend verdeckt wurde.

„Ich kann sehen, warum Sie sich so fühlen.“

Ihre leisen Worte ließen ihn den Kopf noch tiefer zu ihr herab- neigen. Sein Mund war ganz nah bei ihrem. Sie sah, wie er die Lippen aufeinanderpresste. Spürte, wie sich ihre eigenen Lippen leicht öffneten. Spürte seinen Atem auf ihrer Wange.

„Ich verstehe.“

Hatte er die Absicht, sie zu küssen? Sie kam nicht dazu, den Gedanken daran zu vertiefen, weil die Heftigkeit seiner Reaktion sie erschreckte.

„Sie verstehen das?“, herrschte Nabil sie an. „Ach, wirklich? Und was genau verstehen Sie?“

„Ich … Sie …“ Sie konnte nicht weitersprechen. Wie hatte sie nur in eine solche Situation mit dem Herrscher von Rhastaan kommen können? Sie hatte eine unsichtbare Grenzlinie übertreten. Hatte einen Zorn geweckt, den sie nicht verstand.

„Was wissen Sie von mir? Von irgendetwas?“

Nabil schob seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

„Was könnten Sie mir sagen, was ich nicht bereits wüsste?“

Nabil hatte Mühe, seine Gefühle zu beherrschen. Ihre Worte hatten Erinnerungen geweckt, an denen er nicht rühren wollte. Er hatte überlebt, und dennoch hatten die Ereignisse ihn fast zu Grunde gerichtet. Das wollte er jetzt nicht noch einmal durchleben.

Nicht jetzt, wo diese unbekannte Frau mit ihren sanften Formen, dem dunklen Haar und den großen Augen ihn so sehr an Sharmila erinnerte. An die Frau, die in seinen Armen gestorben war – durch die Kugel, die der Attentäter für ihn bestimmt hatte. Erst viel später hatte Nabil gemerkt, dass das Geschoss zunächst seinen Wangenknochen getroffen hatte, von dem es zu einem neuen, verletzlicheren Ziel abprallte.

In dem Moment hatte er seinen eigenen, körperlichen Schmerz nicht wahrgenommen. Die Kugel hatte das Leben seiner jungen Frau beendet und damit auch die Zukunft seines Landes zerstört. Die Leere, die ihr Tod in seinem Leben hinterlassen hatte, war auch jetzt noch ein tiefer Schmerz für ihn. Sharmila war schwanger gewesen. Sein Thronerbe war mit ihr gegangen. Das war ein Verlust, den er noch nicht hatte ersetzen können.

Es war aber auch der Grund, weshalb er in naher Zukunft zu einer Entscheidung kommen musste. Das wurde ihm von allen Seiten immer wieder zu verstehen gegeben. Sogar Clemmie hatte ihm auf ihre sanfte Art gesagt, dass das Land sich nach einem Thronfolger sehnte. Er hatte keine Zeit und sollte auch kein Verlangen haben, sich mit einer Frau abzugeben, die er soeben rein zufällig getroffen hatte.

Azizas Versuch, sich seinem, nun noch festeren Griff zu entziehen, ließ ihn abrupt in die Gegenwart zurückkehren. „Sie wissen gar nichts“, sagte er grimmig. „Überhaupt nichts.“

„Ich habe gesehen …“

„Sie haben gesehen, was Sie sehen wollten – was alle sehen wollten. Und es hat nichts mit Ihnen zu tun.“

Sein Blick fiel auf ihre leicht geöffneten Lippen. Er sah, wie ihre Zungenspitze rasch darüberfuhr – eine kaum merkliche Bewegung, die seinen Puls unvermittelt schneller schlagen ließ. Eine leichte Wendung ihres Kopfes brachte ihr Gesicht näher an seines. Er spürte ihre weiche Haut an seinen Fingerkuppen.

Wie konnte sie derartiges Verlangen in ihm wecken, nachdem er so lange nur Gleichgültigkeit empfunden hatte? Er sehnte sich danach, seine Lippen auf ihre zu drücken.

Eine Nacht …

Sein Körper reagierte bei diesem Gedanken sofort, doch gleichzeitig setzte der nüchterne Verstand ein. Darauf würde er sich nicht noch einmal einlassen, auch wenn die Frau die pure Versuchung darstellte. Das Bedürfnis, sie in seine Arme zu ziehen, empfand Nabil wie einen körperlichen Schmerz. Das Verlangen drohte seinen Verstand zu besiegen.

„Sie möchten, dass ich Sie küsse?“

Er verspürte so etwas wie eine grimmige Genugtuung, als er an ihrer erschreckten Miene sah, wie nahe seine Vermutung der Wahrheit kam.

„Sie kleine Närrin – Sie wüssten nicht einmal, wer es ist, den Sie da küssen. Welchen Mann Sie da begehren …“

Das Stimmengewirr aus dem Saal erinnerte ihn an seine Pflichten als Gastgeber. Pflichten, denen er sich nicht entziehen durfte. Es wurde Zeit, dass er sich der Versuchung widersetzte. Aber sein Körper protestierte vehement gegen diese Vorstellung.

„Ich …“ Aziza wusste nicht, wie sie ihm antworten sollte. Sie hatte sich tatsächlich nach seinem Kuss gesehnt. Warum sollte sie es leugnen, wenn ihre Miene es mit derartiger Klarheit bereits verraten hatte? Aber wollte sie es immer noch?

Ja, egal ob zweimal Närrin, sie wollte es.

Und er musste auch das in ihrem Blick gelesen haben. Der Druck seiner Finger verstärkte sich. Er senkte den Kopf. Drückte seine Lippen fest auf ihren Mund, hart und fordernd und gleichzeitig schockierend sinnlich. Ein heißer Schauer des Verlangens durchströmte sie. Ihre Beine drohten unter ihr nachzugeben, während sie ihre Lippen öffnete und ihre Zunge sich mit seiner zu einem erotischen Duell fand.

Noch während sie sich der Woge an Gefühlen hingab, die er in ihr auslöste, spürte sie die Veränderung, die plötzlich in ihm vorging.

„Nein …“ Abrupt löste er sich von ihr. „Genug!“, fauchte er sie an. „Sie sind entlassen.“

Entlassen?

Für wen hielt er sie? Nicht für Aziza El Afarim, so viel war sicher. Nabil hätte die Tochter von Farouk El Afarim niemals so grob behandelt. Aber dies war natürlich nicht mehr der junge Nabil, den sie einmal gekannt hatte. In seinen Augen war sie nur eine Zofe in Begleitung von Jamalia. Eine Zofe namens Zia. Nicht „die Schöne“ oder „die andere Tochter“ von El Afarim. Die problematische Tochter, wie ihr Vater zu sagen pflegte.

„Hoheit …“

Mehr brachte sie nicht über ihre plötzlich wie erstarrten Lippen. Sie wollte sich abwenden, wollte sich entfernen, wie er es gesagt und mit einem arroganten Fingerschnippen befohlen hatte, aber ihre Beine wollten nicht gehorchen.

Nabil kam ihr zuvor. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging hinüber zum Saal, mit seinen Gedanken offensichtlich schon wieder ganz bei der Gesellschaft. Er würdigte Aziza keines weiteren Blickes.

Dafür konnte sie ihm nur dankbar sein. Sie wollte nicht, dass Nabil auch nur etwas ahnte von dem Kampf, der in ihr tobte. Tränen brannten ihr in den Augen und schnürten ihr den Hals zu. Aber sie konnte ihre aufrechte Haltung wahren, bis der Scheich im Saal verschwunden war.

Erst dann senkte sie den Kopf und gab ihren Gefühlen nach. Gestand sich ein, dass dies nicht der Nabil war, den sie immer bewundert hatte. Er war ein anderer Mensch geworden. Ein anderer Mann. Härter, kälter. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich jemals wieder nach seiner Nähe zu sehnen.

Das Gefühl des Verlustes war fast mehr, als sie ertragen konnte.

3. KAPITEL

„So geschehe es nun.“

Nabil lauschte dem Klang der traditionellen Formel nach, während er die Verbeugung seines Kanzlers entgegennahm. Mit nur vier Worten hatte er einen Prozess in Bewegung gesetzt, der sein ganzes Leben für immer verändern und hoffentlich die Zukunft seines Landes sichern würde.

Nie hätte er es für möglich gehalten, dass nicht einmal ein Monat nach der Feier zu Ehren von Karim und Clemmie vergehen würde, bis er die Prozedur in Gang setzen würde, eine Braut für sich zu finden. Natürlich war das Verfahren einer Brautschau in den Stammesbüchern von Rhastaan seit Generationen genau vorgeschrieben. Er musste nichts weiter dazu tun.

Bis jetzt.

Nun musste er entscheiden, welche der vorgeschlagenen Frauen die Scheicha von Rhastaan werden sollte.

Ihm war es eigentlich völlig einerlei. Schließlich hatte er bisher kein sonderliches Geschick darin gezeigt, wenn es darum ging, sich für eine Frau zu entscheiden, mit ihr zu leben und Kinder zu haben. Das Land forderte Thronerben.

Clemmie hatte vor ihrer Abreise mit ihm darüber gesprochen.

„Finde eine Frau, die Sharmilas Platz einnehmen kann“, hatte sie gesagt und ihm dabei tief in die Augen gesehen. „Eine Frau, die dich glücklich machen und dir eine Familie schenken kann.“

Clemmie hatte seinen Wunsch in die richtigen Worte gefasst. Eine Familie – das war etwas anderes als die Ehe mit einer Frau, die ihm lediglich Erben schenken sollte. Eine Familie war das, was Clemmie und Karim miteinander aufgebaut hatten. Es war das, was er einmal geglaubt hatte, mit Sharmila haben zu können.

Ihn schmerzte die Erinnerung, wie er Clementina Savaneski damals abgewiesen hatte. Sie war die Braut, die seine Eltern für ihn bestimmt hatten, als er noch ein Kind gewesen war. Aber er war verliebt und vernarrt gewesen in Sharmila. Hatte geglaubt, sie könne die Leere in seinem Leben füllen. Eine Frau, die ihn um seiner selbst willen wollte und nicht, weil sein Vater es befohlen hatte. Also hatte er Gerüchte, die ihm zugespielt worden waren, als Vorwand genutzt: Gerede darüber, dass Clemmie eine Nacht mit Karim verbracht habe.

Diese Gerüchte stammten von Feinden des Königshauses und verzerrten die Wirklichkeit, aber das war ihm egal. Er hatte kaum mit der Wimper gezuckt, als Clemmie ihm gestand, dass sie tatsächlich einen anderen liebte. Er hatte eine potenziell perfekte Ehefrau verloren – aber gleichzeitig eine wunderbare Freundin gewonnen.

Aber nicht einmal dieser Freundin hatte er je die Wahrheit über seine Beziehung mit Sharmila erzählt. Hätte er es getan, hätte sie ihn niemals bedrängt, eine Frau zu finden, die ihn glücklich machen könne. Das war mit Sicherheit nicht das Gefühl, das er für die Frau, die einmal seine Königin gewesen war, heute noch hegte.

„Majestät?“ Der Kanzler hatte offensichtlich eine Frage gestellt und wartete auf die Antwort.

Nabil zwang seine Gedanken zurück in die Gegenwart und nickte knapp.

„Setzen Sie den Prozess in Gang.“

Nach einer weiteren Verbeugung verschwand der Mann. Nabil war wieder allein. Er sollte sich inzwischen daran gewöhnt haben. Seine Eltern hatten sich nur wenig um ihn gekümmert. Nur deswegen hatte Sharmila eine derartige Wirkung auf ihn haben können. Nie hätte er sich vorstellen können, dass er mit ihr zusammen einsamer sein würde als je zuvor in seinem Leben. Inzwischen hatte er sich an diesen Zustand gewöhnt und zog ihn allen anderen vor.

Nabil erhob sich. An der Tür wandte er sich noch einmal um und ließ seinen Blick über die beiden reich verzierten Thronsessel gleiten.

Jetzt ging es um die Frau, die als seine Königin neben ihm auf einem dieser Sessel sitzen sollte. Seine Erwartungen waren bescheiden: Sie sollte einigermaßen attraktiv sein und verträglich im Umgang.

Und fruchtbar.

Mehr Wünsche hatte er nicht geäußert. Als Gegenleistung würde er ihr ein Leben bieten, von dem die meisten Frauen nur träumen konnten – ein Leben im Luxus. Er war sicher, dass die Frauen, die der Kanzler ihm vorschlagen würde, das akzeptabel fanden. Er war kein Tyrann. Er würde jeden Wunsch erfüllen – im Rahmen seiner Möglichkeiten. Das Einzige, was er nicht bieten konnte, war, was gemeinhin als Liebe bezeichnet wurde.

Liebe hätte vorausgesetzt, dass er auch sein Herz geschenkt hätte.

Wieso wanderten seine Gedanken immer wieder zu der jungen Frau, die er bei der Feier zu Ehren von Karim und Clemmie auf der Galerie getroffen hatte? Im Geiste sah er wieder ihr dunkles Haar und die weichen Lippen vor sich. Glaubte, den Duft ihres Parfums in der Nase zu haben.

Nach allem was passiert ist … Nach allem, was Sie durchgemacht haben.

Ihre Worte gingen ihm durch den Sinn. Ihre Worte und ihre weichen, feuchten Lippen. Ein plötzlich aufkommendes Verlangen trieb ihn hinaus und er eilte den Gang hinunter.

Er hatte die Frau an jenem Abend nicht wiedergesehen, hatte sich aber auch nicht wirklich darum bemüht, sie zu finden. Er war wenig geneigt, den Clan der El Afarims aufzusuchen. Allen war bewusst, dass Farouk El Afarim das einzig ausgleichende Element zwischen der Krone und dem Führer der Rebellen war. Falls er sich auf die Seite Ankharas stellte, wäre der hart erkämpfte Frieden wieder in höchster Gefahr.

Nabil wusste nur zu gut, wie gefährdet dieser Frieden war, und er war bereit, alles zu tun, um ihn zu festigen. Deshalb war ihm auch klar, dass El Afarims Tochter unausweichlich auf der Liste der vorgeschlagenen Bräute stehen würde. Das Risiko, Zia in der Gesellschaft von Farouk vorzufinden, war ihm zu groß gewesen.

„Nein!“

Heftig ließ er die Tür zu seinen Privaträumen hinter sich zufallen und schloss damit den Rest der Welt aus. Aber seine Gedanken gaben keine Ruhe. Sie schweiften immer wieder zu der unbekannten jungen Frau. Es schien, als folge sie ihm wie ein Schatten – bis in seine nächtlichen Träume.

Er musste eine Ehefrau finden. Und es spielte keine Rolle mehr, dass es genau die Art arrangierter Ehe sein würde, gegen die er vor Jahren rebelliert hatte. Doch wohin hatte seine Rebellion ihn gebracht? Er war jetzt älter und weiser. Er würde seine Pflicht gegenüber dem Land erfüllen. Er würde eine Frau heiraten, um dem Königshaus den Thronfolger zu schenken, der den Fortgang der Dynastie sichern und den Frieden wahren half.

Und das war alles.

Nabil würde ein pflichtbewusster König sein, ein treuer Ehemann, ein liebevoller Vater. Seine eigenen Eltern waren in dieser Hinsicht kein gutes Vorbild gewesen, aber das hieß nicht, dass er selbst kein guter Vater sein konnte.

Er brauchte eine Ehefrau, und er würde sie wie eine Königin behandeln. Aber niemals würde er sie ganz an sich heranlassen. Sonst könnte sie in sein Inneres sehen und erkennen, dass dort, wo ein Herz sein sollte, nur eine kalte Leere herrschte.

Dort leben Tausende von Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die alle den Frieden des Tages genießen. Und das verdanken sie Ihnen.

Zias Stimme schien so dicht an seinem Ohr, dass er der Versuchung widerstehen musste, sich umzudrehen und nachzusehen, ob sie tatsächlich da war. Aber es war alles nur Einbildung und Erinnerung an diesen Abend.

Hätte er sie an jenem Abend nochmals ausfindig gemacht – was wäre dann passiert? Eine Nacht heißer Leidenschaft, in der er versucht hätte, seinen Hunger, seine Ruhelosigkeit mit der Wärme ihres Körpers zu stillen? War es wirklich so weit mit ihm gekommen, dass er erwog, sie derart zu benutzen, nur weil sie Gefühle weckte, die er längst tot geglaubt hatte?

Nein!

Sie hatte etwas Besseres verdient. Einen besseren Mann als ihn.

So geschehe es nun.

Die zeremonielle Formel hatte den Prozess in Gang gesetzt. Sein Kanzler hatte ihn informiert, dass mögliche Bräute ausgewählt und ihre Familien davon in Kenntnis gesetzt worden waren. Nun war es an ihm, sie sich anzusehen und dann seine Wahl zu treffen.

„Wahl!“

Er stieß das Wort hervor wie einen bösen Fluch, während er aus dem Fenster starrte. Bei jedem Kauf eines Pferds oder Jagdhunds hatte er mehr persönlichen Einfluss auf die Wahl. Doch für die Brautwahl waren allein Politik und Diplomatie entscheidend. Es ging hauptsächlich darum, welche Vorteile die Frau dem Königreich brachte. Ginge es nach ihm, würde er sich das alles ersparen.

Aber er hatte geschworen, seine Pflicht gegenüber dem Land zu erfüllen, und dieser Schwur band ihn wie eine Fessel.

„Aber du brauchst mich dort nicht!“ Aziza sah ihre Schwester empört an. „Dich haben sie bestellt, nicht mich!“

„Ich weiß.“

Jamalias Lächeln enthielt eine Spur des Triumphs. „Aber ich kann nicht allein gehen. Ich brauche jemanden, der mich begleitet und mir hilft. Einen Anstandswauwau.“

„Aber wieso muss ich das sein?“

„Ich verstehe dich nicht.“ Jamalia runzelte die Stirn. „Ich hätte gedacht, du freust dich, noch einmal in die Hauptstadt zu kommen. Das Fest vor einigen Wochen hat dir doch gefallen, oder nicht?“

Aziza murmelte etwas, das als Zustimmung gedeutet werden konnte. Ihre Gefühle waren äußerst gemischt, wenn sie an den Mann dachte, der einmal einen so großen Platz in ihrem Herzen eingenommen hatte.

Wie konnte er sich in den zehn Jahren, in denen sie ihn nicht gesehen hatte, so verändert haben? Oder war es vielmehr so, dass sie selbst sich geändert hatte? Sie war erwachsen geworden, sah ihn nicht mehr mit den Augen des Kindes, das sich von seinem gelegentlichen Lächeln hatte verzaubern lassen.

Er hatte sie nicht einmal erkannt! Und dennoch hatte seine männliche Ausstrahlung sie in ihrem tiefsten Inneren angesprochen. Allein der Gedanke daran ließ ihr einen Schauer über den Körper laufen.

„Bist du überhaupt sicher, dass du hingehen willst?“

Sie wusste, es war die falsche Frage, aber sie musste sie stellen. Die Politik verlangte, dass der Scheich sich eine Frau nahm, und Jamalia war eine erstklassige Kandidatin. Deswegen war die Familie vor einigen Wochen auf der Feier im Palast gewesen – in der Hoffnung, dass Nabil Jamalia bemerken würde. Aber Jamalia und ihre Eltern hatten Nabil an jenem Abend nicht persönlich getroffen.

Aziza musste an den kalten, verbitterten Mann denken, mit dem sie gesprochen hatte. Konnte sie zusehen, wie ihre Schwester ihn heiratete?

„Ob ich mir sicher bin? Natürlich bin ich das. Stell dir doch nur vor, Aziza – Scheich Nabil zu heiraten … Scheicha zu werden …“ Jamalias Augen leuchteten. „Die Kleider … die Juwelen …“

„Ist das alles?“

„Alles?“ Jamalia sah sie fassungslos an. „Das ist doch sehr viel. Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass der Scheich ein atemberaubender Mann ist!“

Aziza musste an die Gefühle denken, die dieser Mann an jenem Abend auf der Galerie in ihr ausgelöst hatte.

„Außerdem: Du musst meine Anstandsdame sein. Papa hat es gesagt.“

Wenn der Vater etwas befahl, dann hatte es zu geschehen, das wusste Aziza. Sein Wort war Gesetz. Die Vorstellung, seinen Zorn zu erregen, war schrecklicher als der Gedanke an ein Wiedersehen mit Nabil.

„Du kommst also mit?“

Sie hatte keine Wahl. Außerdem musste sie Nabil ja nicht treffen. Es gab keinen Grund, wieso sie Kontakt mit ihm haben sollte.

„Nun gut. Ja, ich komme mit.“

4. KAPITEL

Nabil hatte genug. Er war davon ausgegangen, dass alles ganz einfach sein würde, wenn er einer arrangierten Ehe zustimmte. Jetzt schien als, als nähmen die Rituale überhaupt kein Ende. Heute hatte er erwartet, die ausgewählten Kandidatinnen anzuschauen und seine Wahl zu treffen. Stattdessen erwog er zusammen mit seinem Kanzler mögliche Konsequenzen und diskutierte, wer und was am besten für den Erhalt des Friedens im Lande war.

Er musste an sich halten, um zuzuhören, was Omar ihm zu sagen hatte. Hatte er in den vergangenen zehn Jahren mit großem Aufwand versucht, das Land in das zwanzigste Jahrhundert zu führen, nur um jetzt festzustellen, dass die Wahl seiner Braut es wieder zurück in die finsterste Vergangenheit versetzte?

„Ich verstehe“, sagte er schließlich gereizt. „Geben Sie mir die Liste.“

Ein Name sprang ihm sofort ins Auge. Er wusste, dass es unausweichlich gewesen war. Natürlich standen auch andere Namen auf der Liste, aber sie waren ohne Bedeutung. Wenn ihm wirklich daran gelegen war, den Frieden zu sichern, dann gab es nur eine Möglichkeit.

Jamalia. Farouk El Afarims älteste Tochter.

Nur eine Zofe. Ich gehöre zu Jamalia.

Verdammt, Zia! Verschwinde aus meinem Kopf! Er musste klar denken, und das war ausgeschlossen, solange die Frau, die er auf der Galerie kennengelernt hatte, in seinen Gedanken herumspukte. Eine Verbindung zu den El Afarims war das kostbarste Geschenk, das er seinem Land machen konnte. Daran gab es keinen Zweifel.

„Ist Jamalia heute hier?“

„Ja, Hoheit, aber …“

„Ich will sie sehen. Sie und keine andere. Ich weiß, dass es nicht dem Protokoll entspricht“ – er betonte das Wort ironisch – „sie jetzt schon zu treffen. Aber es muss eine Möglichkeit geben, sie kennenzulernen, ohne ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber- zustehen.“

„Es gibt einen Raum – mit einem doppelten Spiegel.“

„Das genügt.“

„Oh, Zia, was glaubst du, wieso wir hier sind? Was passiert hier?“

„Woher soll ich das wissen?“

Aziza bedauerte die Schärfe ihres Tons augenblicklich. Seit sie sich auf den Weg zum Palast gemacht hatten, war sie ein reines Nervenbündel. Allein die Vorstellung, unter einem Dach mit ihm zu sein, machte sie unruhig und verkrampft. Nachdem man sie gebeten hatte, hier in diesem Raum zu warten, waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt und das Atmen fiel ihr schwer.

„Es tut mir leid, aber ich weiß nicht mehr als du.“

Jamalia war auch so schon nervös genug, da wollte Aziza nichts von ihrer Vermutung sagen, dass der große Spiegel, in dem ihre Schwester sich betrachtete, in Wirklichkeit eine Art Fenster war, durch das man sie beobachten konnte.

„Mein Haar sieht furchtbar aus!“ Jamalia zupfte an einer Strähne ihres seidigen Haars und drehte sie sich um den Finger. „Ich hätte dich bitten sollen, es zu machen, statt …“

„Soll ich es jetzt machen?“, bot Aziza hastig an, um ihre Schwester abzulenken.

Sie hatte schon als kleines Mädchen gelernt, Jamalias Haar zu frisieren. Dabei hatte sie immer gehofft, dafür ein Lob ihres Vaters zu erhalten. Das war ihr nicht gelungen, aber zumindest Jamalia wusste die Fingerfertigkeit ihrer Schwester zu schätzen.

„Es geht ganz schnell – ich flechte diese Strähnen neu und stecke sie dann an den Seiten hoch.“

„Ja, gut.“ Jamalia entspannte sich ein wenig, als sie im Spiegel zusah, wie ihre jüngere Schwester sich ans Werk machte. „Das sieht gar nicht schlecht aus. Und ich habe eine Idee, wie es noch besser aussehen würde …“

Sie nahm ihre Halskette ab und legte sie auf ihr Haar, sodass der mit schweren Juwelen besetzte Anhänger auf ihrer Stirn zu liegen kam. „Hilf mir, sie zu befestigen, Zia.“ Sie bewegte den Kopf, um den Effekt besser sehen zu können. „Das ist doch perfekt für die neue Scheicha.“

Aziza konnte ihre Schwester nur beneiden um dieses Selbstbewusstsein. Aber Jamalia hatte schon immer gewusst, dass sie hübsch war. Ihre Eltern hatten sie stets wie ein Juwel behandelt. Jamalia glich ihrem Vater: Sie war groß, schlank, elegant, mit ebenmäßigen Zügen. Vater und Tochter waren einander so ähnlich, dass es kein Wunder war, dass sie Farouks Liebling war. Neben ihrer Schwester fühlte Aziza sich wie ein kleines, pummeliges Hündchen, knuffig vielleicht, aber ohne die Klasse, die Jamalia so mühelos zur Schau stellte. Unter den Umständen hatte es sie nie gewundert, dass sie immer wieder zu hören bekam, ihre Familie werde eine große Mitgift aufbringen müssen, um einen Mann für sie zu finden.

Sie möchten, dass ich Sie küsse? Aus den Tiefen ihrer Erinnerung hörte sie die Stimme von Scheich Nabil, erfüllt von Spott und Verachtung. Sie klang so deutlich in ihren Ohren, dass sie fast das Gefühl hatte, er stünde hinter ihr. Sie kleine Närrin – Sie wüssten nicht einmal, wer es ist, den Sie da küssen. Welchen Mann Sie da begehren …

Wusste Jamalia, was für einen Mann sie heiraten wollte? Interessierte es sie überhaupt? Ihre Schwester schien weniger an dem Mann, vielmehr an dem Titel der Scheicha interessiert zu sein. Damit verbundener Status und Luxus schienen ihr äußerst wichtig zu sein. Als Nabils Gemahlin würde ihr keine unterwürfige Rolle zugewiesen sein, wie es in früheren Zeiten noch gewesen war. In den zehn Jahren seit dem Tod seiner ersten Frau hatte der Scheich sich unermüdlich für mehr Gleichberechtigung eingesetzt und dafür, das Leben der Frauen zu verbessern.

Aziza hatte sich diese Neuerungen zunutze machen wollen. Sie hatte sich gewünscht, die Universität besuchen und Sprachen studieren zu können. In den Augen ihres Vaters war das ein weiterer Punkt, der gegen sie sprach. Welcher Mann würde eine Frau heiraten wollen, die ihre Zeit mit Büchern verbrachte? Wenigstens das Autofahren hatte sie erlernen dürfen, und sie genoss die damit verbundene Unabhängigkeit. Jamalia hatte sich nicht einmal dafür interessiert.

Als Scheicha hätte Jamalia es ohnehin nicht nötig, sich selbst ans Steuer zu setzen. Sie würde einen eleganten Luxuswagen erhalten und dazu einen Chauffeur, der ihr Tag und Nacht zur Verfügung stand.

Jamalia als Scheicha – Aziza mochte es sich nicht vorstellen. Aber nicht die Position der Scheicha war es, die ihr Unbehagen verursachte – es ging um die Rolle als Nabils Ehefrau.

„Das ist die Frau, die Sie meinen?“

Nabil hatte sich schon wieder von dem Spiegel abgewandt, durch den er die beiden Frauen im Nebenzimmer beobachtet hatte. Er hatte genug gesehen. Mehr, als er je gewünscht oder erwartet hätte.

Nie hätte er vermutet, sie dort zu sehen. Sie – die Frau, die ihm immer wieder durch den Sinn gegangen war, dort bei seiner vielleicht zukünftigen Braut. Natürlich hatte er gewusst, dass diese Zia Jamalias Zofe war. Sie hatte es ihm selbst gesagt. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie jetzt hier sein würde.

Ihre Anwesenheit warf ihn aus dem inneren Gleichgewicht.

Er musste daran denken, wie Zia vor ihm auf der Galerie gestanden hatte. Allein der Duft ihrer Haut hatte Verlangen nach mehr geweckt und ihn an die Intimität eines Schlafzimmers, an weiche Laken… denken lassen.

Verdammt! Er musste sich jetzt wirklich auf anderes konzentrieren. Vielleicht hätte er an jenem Abend mit ihr schlafen sollen – sie hatte ihn ja mehr oder weniger dazu eingeladen. Dann wären Hunger und Verlangen gestillt gewesen und er hätte die Sache abhaken können.

„Majestät?“ Omar sah ihn erwartungsvoll an. „Ist sie die Frau Ihrer Wahl?“

„Sie …“ Es wurde immer schlimmer. Fast hätte er Ja gesagt, weil sein Blick immer noch auf die Zofe gerichtet war, die neben seiner potenziellen Braut im anderen Raum stand.

Hastig schüttelte er den Kopf.

„Nein. Nein, sie ist es nicht.“

Wie sollte er Jamalia heiraten, wenn sie als seine Scheicha mit Sicherheit ihre Zofe mit an den Hof bringen würde? Aber wie konnte er Jamalia als Braut ablehnen, ohne ihren Vater zu kränken?

Er verstand, wieso Jamalia ausgewählt worden war. Sie sah gut aus, daran war kein Zweifel. Sie würde eine beeindruckende Königin abgeben. Aber er wollte mehr als eine Königin, mehr als eine Frau, die ihm einen Thronerben schenken konnte. Er wollte auch eine richtige Mutter für seine Kinder. Ihm war bisher nicht bewusst gewesen, wie wichtig ihm dieser Aspekt war. Es war ihm erst gekommen, als er zusah, wie eitel Jamalia sich im Spiegel betrachtete – das hatte ihn zu sehr an seine eigene Mutter erinnert.

Sie hatte ihre Rolle als Scheicha so sehr geliebt, dass sie keine Zeit für ihren Sohn gehabt hatte. Er hatte seine Eltern höchstens eine Stunde pro Woche gesehen, und dann war es eine Art höfisches Ritual gewesen. Unter den Umständen war es kein Wunder, dass der Hubschrauberabsturz, bei dem seine Eltern umgekommen waren, ihn kaum berührt hatte. Wie sollte er Menschen vermissen, die ihn zwar gezeugt hatten, die aber ansonsten keine Rolle in seinem Leben spielten? Der Tod seiner alten Kinderfrau zwei Jahre später, als er sechzehn Jahre alt war, hatte ihn wesentlich mehr berührt.

Ein solches Leben wollte er seinen Kindern ersparen. Er hatte Clemmie mit ihren Kindern beobachtet – so sollte eine richtige Mutter sein. Jamalias Eitelkeit stieß ihn zutiefst ab.

„Nein?“

Omar sah ihn an, als habe er den Verstand verloren. Das Gegenteil war der Fall: Nabil wusste besser denn je, was er wollte.

„Aber, Majestät – der Vertrag …“

Er wusste selbst, wie wichtig der Vertrag war, aber gleichzeitig wusste er plötzlich etwas anderes: Als er zwölf gewesen war, hatte er einige Zeit in Farouks Haus verbracht. Man hatte ihm gesagt, er werde einige Zeit bei einer wichtigen Familie verbringen, und er hatte sich unwillkürlich an das Wort Familie geklammert. Hatte gehofft, dort jemanden zu finden, der ein Freund werden konnte. Oder zumindest zu erfahren, wie ein Familienleben sein konnte.

Aber es war schon sehr bald deutlich geworden, dass der Besuch mit Diplomatie und Politik zu tun hatte. Schon damals war klar gewesen, dass im Hintergrund Pläne geschmiedet wurden. Er erkannte es daran, wie man immer wieder versuchte, ihn mit Jamalia zusammenzubringen. Er hatte der ältesten Tochter El Afarims nie etwas abgewinnen können, aber …

„Es gibt noch eine jüngere Tochter, nicht wahr?“

Er wusste selbst nicht, woher dieser Erinnerungsfetzen kam, aber plötzlich war er da. Das Bild eines kleinen, scheuen Mädchens, das sich hinter dem Rücken seiner Mutter versteckt und verstohlen zu ihm herübergesehen hatte. Das Mädchen war kleiner gewesen als die Schwester und rundlicher, aber es hatte das Lächeln eines Engels und hatte ihm augenblicklich das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. Es hatte sich liebevoll um einen Wurf junger Katzen gekümmert und die verwaisten Tiere geduldig mit Milch aus der Flasche gefüttert. Wenn er schon eine arrangierte Heirat eingehen musste, um die Zukunft seines Landes zu sichern, dann wollte er wenigstens dafür sorgen, dass seine Kinder eine Mutter bekamen, die ihnen mehr Liebe geben konnte, als er sie von seiner Mutter erfahren hatte.

„Der Vertrag sieht vor, dass ich eine Tochter von El Afarim heirate?“

„Ja, aber …“

„Nichts aber!“ Nabils erhobene Hand unterband jede weitere Diskussion. „Genug. Falls der Vertrag auch so gültig ist, dann soll es so sein. Ich nehme die jüngere Schwester.“

5. KAPITEL

Wie konnte das Leben sich innerhalb weniger Tage derart verändern? Das fragte Aziza sich, während sie vor der Tür zum großen Saal stand und auf den wahrscheinlich längsten Gang ihres Lebens wartete. Die Tage waren wie im Flug vergangen mit hektischen Anproben und Besprechungen – alles, um sie in die Braut des Scheichs zu verwandeln.

Die auserwählte Braut des Scheichs.

Es war so unfassbar, dass sie sich fest an den Arm ihres Vaters klammern musste aus Angst, die Beine könnten unter ihr nachgeben. Das reich bestickte Gewand lag schwer auf ihren Schultern, und der mehrschichtige Schleier vor ihrem Gesicht nahm ihr fast die Luft zum Atmen und behinderte ihre Sicht.

„Vorsicht“, mahnte ihr Vater leise, als sie leicht schwankte.

Nichts konnte die Veränderung der Umstände deutlicher machen, als die Tatsache, dass ihr Vater ihr beruhigend zusprach. Sie war jetzt ein neuer Mensch, und Farouks Einstellung zu ihr hatte sich so geändert wie ihr ganzes Leben.

„Vergiss nicht, er hat dich erwählt.“

Er hat dich erwählt. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Fast einen ganzen Tag hatten Jamalia und sie in einem Raum des Palastes darauf gewartet, die Entscheidung des Scheichs über seine zukünftige Braut zu erfahren. Sie hatten sofort gewusst, dass etwas Unerwartetes vorgefallen sein musste, als Farouk hereinkam. Seine Lippen waren aufeinandergepresst, seine dunklen Augen brannten vor unterdrückter Erregung.

„Scheich Nabil hat seine Wahl getroffen“, erklärte er, und Azizas Blick wanderte unwillkürlich zu ihrer Schwester, auf deren Wangen sich Flecken hektischer Röte zeigten. Das „Diadem“, das sie aus ihrer Kette gemacht hatte, glänzte auf ihrer Stirn wie ein Omen.

Aber Farouk wandte sich an seine jüngere Tochter. Sein Lächeln verriet Unsicherheit. Natürlich war er erfreut, dass eine seiner Töchter die Braut des Scheichs werden sollte, aber er konnte nicht fassen, dass die Wahl auf Aziza gefallen war und nicht auf sein Juwel, die Älteste.

Aziza bemühte sich, gleichmäßig zu atmen, während sie am Arm ihres Vaters über den Marmorboden durch den Saal schritt zu dem Mann, der am anderen Ende auf sie wartete.

Nabil – ihr zukünftiger Mann! – erschien ihr in seinem zeremoniellen Aufzug wie eine weiße Wolke. Auf dem Kopf trug er die Gutra, den traditionellen Kopfschmuck, der von einem goldenen Kopfring, dem Igal, gehalten wurde. Sein Gesicht blieb ihr verborgen.

So war es vorgesehen in dieser Zeremonie. Aziza wusste, dass Nabil und sie in diesem Moment nur Symbole waren – der Herrscher und seine Gemahlin. Nicht einfach ein Mann und eine Frau. Diese Ehe wurde zum Wohle des Volkes geschlossen.

Das war einer der Gründe, wieso sie sich diesem Plan nicht hatte widersetzen können. Zum Wohle des Volkes! Das hatte sie immer wieder zu hören bekommen, nachdem man ihr Nabils Wahl mitgeteilt hatte. Im Vertragswerk, in das man die Verbindung bis ins Kleinste niedergeschrieben hatte, war eine Weigerung ihrerseits nicht vorgesehen. Hierbei ging es nicht um Aziza als Frau, sondern um Aziza als Vertragsgegenstand. Niemand interessierte sich für ihre Hoffnungen, Träume oder gar Gefühle. All das war nebensächlich vor dem überwältigenden Stolz darüber, die erwählte Braut des Scheichs in der Familie zu haben. Deswegen erhielt sie jetzt die Anerkennung ihres Vaters. Sie war die Auserwählte.

Er hat dich erwählt.

Niemand – nicht einmal Aziza selbst – hatte dabei an die Erinnerungen gedacht, die sie seit ihrer Kindheit in sich trug. Erinnerungen an eine glühende Liebe, die sie schon damals für Nabil empfunden hatte. Diese kindliche Liebe war gewachsen, als sie aus der Ferne erlebte, wie er zum Mann wurde und Verlust und Verrat durchleiden musste.

Aber wer war Nabil jetzt? Waren ihre Erinnerungen an ihn nur die Fantasien eines Kindes? In ihren Träumen war er immer der Mann gewesen, den sie einmal heiraten würde. Nie hatte sie dabei den harten, kalten Mann gesehen, den sie an jenem Abend auf der Galerie kennengelernt hatte. Seine Demütigung hatte ihre Welt wie ein Kartenhaus zusammenstürzen lassen.

Und doch schien es, als könne sie die Träume ihrer Kindheit nicht vergessen. Sie waren mit einem Schlag wieder da, nachdem ihr Vater ihr mitgeteilt hatte, sie sei die erwählte Braut des Scheichs. Mit ihnen kamen neue Hoffnungen, andere Sehnsüchte, die sich ihr kindliches Ich niemals hätte vorstellen können.

Sie wollte die Auserwählte sein. Egal, ob Zofe Zia oder minderwertvolle Tochter Aziza – sie wollte für jemanden etwas Besonderes sein. Und Nabil hatte sich für sie entschieden, nachdem er beide Schwestern durch den einseitig durchlässigen Spiegel beobachtet hatte.

Sie stand jetzt an Nabils Seite. Ihr Vater nahm ihre rechte Hand und legte sie in die Hand des Scheichs.

Und da war es wieder: dieses prickelnde Gefühl, das allein durch seine Berührung in ihr ausgelöst wurde. Ihr Puls raste.

Es war wie an jenem Abend auf der Galerie. Seine Nähe brachte alle Gefühle zurück. Auch durch den Schleier hindurch glaubte sie das Brennen seines Blicks auf ihrer Haut zu spüren. Glaubte zu spüren, wie er sie zu seiner Frau machte.

Sie wollte es. Sie wollte diesen Mann, wie sie noch nie einen anderen Menschen in ihrem Leben gewollt hatte. Sie wollte, dass die Träume ihrer Kindheit wahr wurden. Natürlich wusste sie, dass das unmöglich war. Der Nabil, den sie auf der Galerie erlebt hatte, war Lichtjahre entfernt von dem Helden ihrer Kindertage. Sie wusste, dass er sich geändert hatte. Er war ein harter Mann geworden. Sie sollte diese Verbindung nicht eingehen, aber ihr dummes Herz wollte nicht auf den Verstand hören.

Irgendwie brachte sie die Trauung hinter sich. Sie nahm den Ring entgegen, den Nabil ihr auf den Finger schob. Dann wandte sie sich um, die Hand auf dem Arm ihres Ehemannes, und schritt an seiner Seite den Weg zurück durch den Saal. Die Atmosphäre hatte sich verändert, die Haltung der Gäste ihr gegenüber war anders als zuvor. Sie war jetzt nicht mehr die erwählte Braut, sie war nun wirklich die Gemahlin des Scheichs.

Der größte Schock für sie war, zu sehen, wie ihre Mutter vor ihr in einen Hofknicks sank und ihr Vater – ihr Vater! – respektvoll den Kopf neigte. Erst in diesem Moment begriff sie, dass ihr Leben sich verändert hatte.

Sie stand hinter niemandem mehr zurück – außer natürlich hinter Nabil, ihrem Ehemann. Ihre Tage als „die andere Tochter“, die man möglichst im Verborgenen hielt, waren vorüber. Sie musste nicht mehr ihrem Vater gehorchen und alles, was sie tat, seiner Kritik aussetzen. Sie war frei.

War sie das wirklich? Sie hatte ihr Leben und ihre Zukunft – und auch ihren Körper – in die Hände des Mannes gegeben, der jetzt an ihrer Seite ging. Der Druck seiner Finger war fest, seine Hand war warm und führte sie. Ein Prickeln überlief sie bei der Vorstellung, diese Finger auf anderen Teilen ihres Körpers zu spüren. Sie war blind in diese Verbindung hineingestolpert. Hatte darauf vertraut, dass Nabil viel für die Verbesserung des Lebens der Frauen in seinem Land getan hatte. Seine Einstellung zu den Frauen war so ganz anders als die traditionelle Sicht ihres Vaters. Aber war diese Freiheit wirklich möglich, oder hatte sie nur eine Form der Sklaverei gegen eine andere getauscht?

Wie in Trance durchlebte sie die Feier, die der Trauung folgte. Das Gefühl des Unwirklichen wurde noch verstärkt dadurch, dass sie hinter ihrem Schleier verborgen war. Falls sie etwas essen wollte, musste sie den Schleier anheben, um ihren Mund zu erreichen.

Aber ihr war nicht nach Essen zumute. Sie schob die reichhaltigen, gewürzten Speisen auf der goldenen Oberfläche ihres Tellers hin und her und mochte keinen Bissen über die Lippen bringen. Neben ihr saß Nabil, scheinbar entspannt zurückgelehnt. Da sie ihm so nahe war, bemerkte sie, wie aufmerksam er jede Bewegung im Saal verfolgte. Seine Wachsamkeit beunruhigte sie.

„Hoheit …“

Ihre Stimme krächzte leise vor Anspannung. Er fuhr abrupt herum. Der Blick seiner dunklen Augen schien sich durch ihren Schleier zu bohren.

„Mein Name ist Nabil.“ Sein Ton war leise, aber dennoch unerwartet scharf. Azizas Blick fiel unwillkürlich auf seine Hand, die plötzlich die goldene Gabel neben seinem Teller fest umklammert hielt. Auch er hatte sein Essen kaum angerührt. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass nur wenige Menschen das Recht hatten, ihn mit seinem Vornamen anzusprechen. In seiner Position als Regent von Rhastaan war er der Scheich, der König. Seine Hoheit. Nur wenige Menschen nannten ihn Nabil.

Und plötzlich erschien wieder ein Bild vor ihrem geistigen Auge. Die Szene nach dem Attentat. Nabil, der sich blutend über Sharmila, seine tödlich getroffene, schwangere Frau beugte. Und während er ihren Kopf hielt, konnte man sehen, wie sich ihre Lippen bewegten, um stumm ein Wort zu formen: Nabil.

„N…Nabil“, versuchte sie zögernd. Am liebsten hätte sie ihre Hand auf seine gelegt, aber er schien derart abwesend, sodass sie ihre Hand in den Schoß legte und abwartete.

Nabil zwang sich, den Druck seiner Finger um die Gabel zu lockern. Jetzt war nicht der Moment, an das letzte Mal zu denken, als eine Frau – von Clemmie einmal abgesehen – seinen Namen gesagt hatte. Der dichte Schleier dämpfte die Stimme darunter derart, dass sie sowohl einer alten wie einer jungen Frau gehören konnte. Es war so befremdlich, dass er keine Ahnung vom heutigen Aussehen seiner neuen Ehefrau hatte. Er kannte sie nur als kleines Mädchen. Nur dieses Erinnerungsbild hatte ihn zu einer Entscheidung veranlasst, die vielleicht ebenso dumm und unbedacht war wie die vor vielen Jahren für Sharmila. Aber zumindest war diese Entscheidung nun mit klarem Verstand getroffen worden. Damals hatten ihn Verlangen, Einsamkeit und Aufbegehren in Sharmilas Arme getrieben.

Ähnliche Motive hatten ihn tatsächlich erwägen lassen, mit der Zofe von Azizas Schwester zu schlafen.

Verdammt, nein! Zia drängte sich genau im falschen Moment in seine Gedanken. Er sollte sich auf seine Braut konzentrieren – auf Aziza.

Aziza war kein kleines Mädchen mehr. Der schlanke Körper zeigte eindeutig eine erwachsene Frau, unter deren Kleidung sich hohe feste Brüste und sanft gerundete Hüften vermuten ließen. Ihr Gesicht war völlig hinter dem Schleier verborgen, wie die Tradition es verlangte. Er wusste, dass ihre Schwester als die Schönheit in der Familie galt, und er hoffte, dass Aziza nichts von ihrem engelhaften Äußeren eingebüßt hatte, an das er sich erinnerte. Vor vielen Jahren war sie die Einzige gewesen, die ihn wie einen normalen Menschen behandelt hatte und nicht wie den zukünftigen König, den man entsprechend hofierte. Das Mädchen hatte gekichert, als er es dabei überraschte, wie es Süßigkeiten stibitzte. Aziza hatte einen Finger an ihre Lippen gelegt als stille Bitte, sie nicht zu verraten. Und dieses Lächeln …

Innerlich verfluchte Nabil die Tradition des goldenen Brautschleiers. Wenn er doch nur einen Blick auf seine Frau werfen könnte!

Frustriert gab er den Versuch auf, den Schleier mit Blicken zu durchdringen. Plötzlich bemerkte er ihren unberührten Teller.

„Du isst ja gar nichts.“

In Azizas Ohren klang es wie ein Vorwurf.

„Ich … ich habe keinen Hunger.“

Erstaunt registrierte sie, dass ihre Antwort ein unerwartetes Lächeln bei Nabil hervorrief.

„Das ist nicht die Aziza, an die ich mich erinnere.“

„Sie … du erinnerst dich?“ Sie konnte es kaum fassen.

„Du hast kandierte Früchte gestohlen“, bemerkte er. „Es hat mich gewundert, wie du es geschafft hast, denn du konntest kaum auf den Tisch sehen.“

„Ich habe sie für das Kindermädchen genommen!“, konterte Aziza. Es irritierte sie, dass er sich nur ein an gieriges kleines Mädchen erinnerte.

„Ja, natürlich.“

Wenn er so lachte, hätte sie dahinschmelzen mögen. Es war kaum zu glauben, dass sich dieser sexy Mann für sie interessieren könnte. Und er hatte die Chance gehabt, ihre Schwester zu heiraten …

Die plötzliche Erkenntnis verschlug ihr fast den Atem, und sie war froh, dass der Schleier sie vor seinem Blick verbarg. Wenn er Jamalia und sie zusammen gesehen hatte, dann musste er wissen, dass sie die Zia war, die sich als Zofe ihrer Schwester ausgegeben hatte. Er hatte sie gesehen, sie als Zia erkannt und hatte dennoch Aziza erwählt. Ihr schwindelte bei der Vorstellung.

„Magst du immer noch kandierte Früchte?“

Nabils Stimme lag plötzlich ein ungeduldiger Unterton. Er sah sich suchend auf dem Tisch um. Mit einer Handbewegung verscheuchte er einen aufmerksamen Diener und zog einen Teller mit kandierten Weintrauben und Datteln zu sich heran. Er nahm eine saftige Traube und hielt sie ihr verlockend hin.

„Koste diese mal.“

Aziza vergaß alles um sich herum. Es gab nur noch Nabil und die Traube zwischen ihnen.

„Hier …“

Bevor sie begriff, was er vorhatte, beugte er sich zu ihr, schob mit der freien Hand ihren Schleier ein wenig beiseite und drückte die Traube sanft an ihre Lippen.

„Probier sie!“

Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Lippen zu öffnen, die Traube in den Mund zu nehmen und hineinzubeißen. Frischer, herzhafter Saft lief ihr in den Mund, ergänzt von dem Geschmack des feinen Zuckers.

„Gut?“

Aziza konnte nur hoffen, dass er ihr kaum merkliches Nicken wahrnahm. Sie ließ den Geschmack auf der Zunge vergehen und wünschte augenblicklich …

„Mehr?“ Er schien ihre Gedanken lesen zu können. Langsam schob er eine zweite Traube an ihre Lippen.

Nabil spürte ihre weiche Haut und die Wärme ihres Atems an seinen Fingern. Er wünschte, er könne ihr Gesicht sehen, um endlich zu wissen, wen er eigentlich geheiratet hatte. Sie war nur ein Schatten hinter dem Schleier. Dunkles Haar, große dunkle Augen. Aber er konnte sich nur vage daran erinnern. Sie hatte sich sicher verändert …

Er hätte sie gern weiter berührt, und als er sich vorbeugte und sie sich ihm zuwandte, spürte er plötzlich einen ganz besonderen Duft in der Nase.

Betörend vertraut.

Schockierend vertraut.

Er erstarrte und begriff. Er kannte dieses Parfum. Sandelholz und Jasmin. Es war ein Duft, den er nur mit einer einzigen Frau verband. Zia.

Seit wann benutzte eine Zofe dasselbe Parfum wie ihre Herrin?

Es sei denn …

War er noch einmal in dieselbe Falle gegangen? Verheiratet so wie damals mit Sharmila? War er wieder auf ein hübsches Gesicht hereingefallen? Auf einen verführerischen Körper?

Wer zum Teufel war sie?

Nabil saß so reglos, dass Aziza das Gefühl hatte, als befänden sie sich ganz allein in einem Vakuum. Ihre Sinne waren aufs Höchste gespannt. Von der Hand, die den Schleier hielt, ging ein warmer, fast sanfter Duft aus. Sie war so nah, dass Aziza kleine Schwielen an den Fingern erkennen konnte, die von seiner Reitbegeisterung für wilde Araberhengste herrührten. In Gedanken malte sie sich aus, wie Nabil den Jilbab, ihr alles bedeckendes Gewand, abstreifen und zu Boden gleiten lassen würde. Sie meinte förmlich, seine Hände auf ihrem Körper zu spüren. Ihr wurde ganz heiß. Sie musste sich auf die köstliche Frucht konzentrieren, die er ihr immer noch hinhielt. Nervös öffnete sie den Mund, versuchte, sie zu erhaschen, und spürte, wie sich ihre Lippen dabei auch um Nabils Finger schlossen.

Himmel! Panische Angst befiel sie, während sie mit angehaltenem Atem darauf wartete, dass er ihr seine Hand entriss, empört über ihre Ungeschicklichkeit.

Er rührte sich nicht. Es blieb nur diese totale, schockierende Stille.

Sie hatte nur den Wunsch, ihm irgendeine Reaktion zu entlocken. Ihn dazu zu bringen, sich zu bewegen, etwas zu sagen oder zu lächeln.

Ermutigt von der prickelnden Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, ließ sie ihre Zungenspitze über seine Finger fahren. Genoss den Geschmack seiner Haut. Den leichten Moschusduft.

„Aziza …“

Diesen Ton – halb Seufzen, halb Lachen – hatte sie schon einmal von ihm auf der Galerie gehört. Danach hatte er sie barsch zurückgewiesen, hatte sich abgewandt und war gegangen. Aber heute hatte er keine Möglichkeit, sie abzuweisen. Sie gehörte ihm. Sie war seine Königin. Erregung und rein weibliches Verlangen drohten fast übermächtig zu werden.

Sie wollte irgendeine Antwort von ihm haben. Doch vielmehr wollte sie seinen Geschmack noch einmal auf ihrer Zunge haben. Sie schluckte die Traube hastig hinunter und ließ ihre Zunge nochmals um die kräftigen Finger fahren, während sie ihre Wange gegen seine andere Hand lehnte.

„Aziza!“ Diesmal klang seine Stimme anders. Das Lachen war eindeutig verschwunden. Der Ton war hart und streng, auch wenn Nabil nur geflüstert hatte. „Genug jetzt!“

Es traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Jäh kehrte sie in die Wirklichkeit zurück. Er zog seine Hände fort, wobei der Ring an seinem Finger sich im feinen Stoff ihres Schleiers verfing. Ihr traten vor Schmerz Tränen in die Augen, als er sich mit einem Ruck daraus befreite, da der Schleier an ihrem Haar befestigt war.

Nabil war aufgesprungen. Alle verstummten und sahen zu ihnen herüber.

Die totale Stille, die sich sofort über den Saal gelegt hatte, war Beweis genug für Nabils königliche Macht. Alle warteten mit angehaltenem Atem auf das, was nun folgen würde. Er musste nichts sagen. Allein seine Körperhaltung verriet die Position des Nabil bin Rashid Al Sharifa. Groß und stolz stand er neben ihr und streckte ihr seine Hand hin. Kein Wort, nur ein stummer Befehl, dem sie sich nicht widersetzen durfte.

Langsam legte sie ihre Hand in seine. Spürte sich mit solcher Kraft in die Höhe gezogen, dass sie gegen ihn fiel.

„Wir gehen“, murmelte er in ihr Ohr, während sein Blick den Gästen im Saal galt.

„Meine Braut ist müde …“

Alle schienen wie erstarrt durch diese unerwartete Wende der Ereignisse, die gegen alle Regeln des Rituals verstieß.

„Ich bin nicht …“, begann Aziza, aber eine Bewegung seines Kopfes in ihre Richtung ließ sie verstummen. Er zog sie noch fester an sich heran.

„Wir gehen.“

Irgendwo fiel eine Tür laut ins Schloss. Der Knall ließ alle zusammenzucken. Aziza spürte sofort die extreme Spannung in Nabil. Einen Moment verharrte er regungslos. Ihr stockte schier der Atem, während sie überlegte, was seine Stimmung derart hatte umschlagen lassen.

„Nabil …“

Aber dann schien er in die Gegenwart zurückzukehren. Er hob den Kopf. Es war alles so schnell gegangen, dass außer Aziza niemand die Veränderung bemerkt zu haben schien, die in ihm vorgegangen war.

„Meine Braut und ich gehen jetzt“, wiederholte er so gelassen, dass sie sich fragte, ob sie sich alles nur eingebildet hatte. „Aber bitte feiern Sie weiter …“

Und das war alles. Er wandte sich ab und ging zur Tür. Aziza blieb nichts anderes übrig, als mitzugehen, weil er immer noch den Arm um sie gelegt hielt und sie aus dem großen Saal einen langen Korridor hinunter in die privaten Gemächer führte.

Hatte sie etwas falsch gemacht? Aziza wusste nicht, ob ihr Puls vor Angst oder vor Erregung so raste. Nabil hielt sie so fest, dass sie keinerlei Möglichkeit gehabt hätte, sich ihm zu entwinden, selbst wenn sie es gewollt hätte. Aber wollte sie es? Sie sehnte sich nur nach einem: weiter so gehalten zu werden, gefangen in den starken Armen dieses Mannes.

Und Aziza hatte gedacht, sie sei jetzt freier! Sie hatte gehofft, dass diese Ehe ihr eine Chance geben würde, sie selbst zu sein und nicht mehr länger dem tyrannischen Willen ihres Vaters unterworfen zu sein. Aber der abrupte Abgang von der Feier hatte eines deutlich gezeigt. Sie musste nicht länger ihrem Vater gehorchen, aber an dessen Stelle war nun ihr Ehemann getreten. Und wenn Nabil etwas entschied, dann war sie machtlos. Er bekam, was er wollte. Was wollte er jetzt?

Sie hatte befürchtet, einen Fehler gemacht zu haben. Erst als sie sah, wie Nabil mit einer abweisenden Geste die Diener, die ihnen gefolgt waren, beiseitewinkte, begriff sie, dass es hier um etwas ganz anderes ging: um die elementarste Beziehung zwischen Mann und Frau.

„Meine Gemahlin und ich möchten allein sein“, erklärte er.

Meine Gemahlin und ich …

Die Wahrheit dämmerte ihr in dem Moment, als Nabil mit ihr in einen weiteren Korridor einbog und mit einem tiefen Seufzer eine schwere Tür hinter ihnen ins Schloss fallen ließ.

Dieser Seufzer war so anders als seine Reaktion auf die zufallende Tür zuvor, dass Aziza keinen Zweifel mehr hatte, wieso sie hier war.

Nabil wollte allein sein mit seiner Gemahlin – und das war sie.

6. KAPITEL

Nabil hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen, und war überrascht darüber, dass er auf dem Weg vom Saal in seine privaten Gemächer keine Brandspuren auf dem Boden hinterlassen hatte. Es war, als sei sein Körper nach zehn Jahren wieder zum Leben erwacht und er war heiß und voller Verlangen. Und doch ahnte er, dass das Ende dieser Nacht anders sein würde als erwartet.

Als die Tür zwischen ihnen und den Dienern geschlossen war, zog er Aziza abrupt an sich, sodass ihr zarter Körper gegen seinen prallte. Die Spannung ihrer Brüste, der Duft ihrer Haut und ihres Haars, die Art wie sich seine Erregung an ihren weichen Körper schmiegte – das alles ließ ihn schwindelig werden vor Verlangen.

Irgendetwas stimmte nicht. Wie konnte es sein, dass zwei Frauen so kurz hintereinander sein Verlangen weckten – Aziza und die Zofe? Er konnte sich vorstellen, was die Gäste von ihrem vorzeitigen Aufbruch von der Feier dachten. Er wünschte, sie hätten Recht mit ihrer Vermutung, dass ihm nur daran gelegen war, mit seiner Frau allein zu sein und dafür zu sorgen, dass es bald einen Thronerben gab. Sie konnten nicht wissen, dass er schon einmal in einer ähnlichen Situation gewesen war, die ihm beinahe das Leben gekostet hatte.

Was hatte ihn nur davon abgehalten, den Schleier zu lüften und allen Anwesenden die Wahrheit zu zeigen? Fürchtete er die politischen Folgen, falls sich sein Verdacht bestätigt hätte? Oder hatte ihn der Gedanke abgehalten, seiner jungen Braut Unrecht anzutun – falls tatsächlich Aziza unter dem Schleier war?

Wie sollte er klar denken können, wenn sein Verlangen nach dieser Frau alles andere verdrängte?

Sie war ihm willig gefolgt. Aber er konnte sie jetzt nicht loslassen. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter, während sein Arm sie umfasst hielt, die Hand knapp unter ihrer linken Brust. Die Wärme ihres Körpers schien sich durch die Kleidung in seine Haut zu brennen. Er wollte mehr – wollte sie spüren – mehr von ihr. Gleichzeitig wünschte er, sie wäre irgendwo, aber nicht hier, falls sein Verdacht richtig war.

Er hatte erwartet, dass der Abend anders verlaufen würde. Er war davon ausgegangen, dass er sie in ihrer ersten Nacht überreden musste, sich ihm hinzugeben. Nabil hatte angenommen, dass er sich Zeit nehmen musste, um sie in die Kunst der Liebe einzuführen. Darauf hatte er sich vorbereitet und sich sogar darauf gefreut, weil allein die Planung Gefühle und Bedürfnisse in ihm weckte, die so lange vergraben gewesen waren. Nun war dieses Verlangen so intensiv, dass es ihn förmlich zerriss. Und das in einem Moment, in dem er mit sich kämpfen und die Gefahren erkennen musste, die in diesen Gefühlen lagen.

Er drehte sich zu Aziza. „Komm zu mir, meine Braut.“

Meine Braut.

Aziza wusste nicht, was den Schauer auslöste, der ihr über den Rücken lief. Was es Erregung oder Panik? Die Aussicht auf die Hochzeitsnacht hatte wie eine dicke Wolke über ihr gehangen, gleichermaßen erschreckend und verheißend. Sie hatte diesem Mann bereits vor Jahren ihr Herz geschenkt und ihn seither aus der Ferne bewundert. Aber die Begegnung auf der Galerie hatte all das, was sie von ihm zu wissen glaubte, infrage gestellt.

Ihre Zweifel konnten jedoch die Fantasien aus Kindertagen nicht zerstören. Jetzt vermischten sie sich mit den neuen Gefühlen einer erwachsenen Frau zu einem berauschenden Cocktail. Gefühle, die jede Frau für den Mann empfinden sollte, der einmal Vater ihres Kindes sein würde.

Allein der Gedanke daran ließ ihr die Knie weich werden, sodass sie fast zu Boden gegangen wäre. Hastig überspielte sie diese Schwäche, indem sie in einen Hofknicks sank. Nabils Reaktion fiel anders aus als erwartet.

„Nein! Das ist doch nicht die Art, wie eine Frau ihren Ehemann begrüßen soll. Steh auf und empfange mich, wie du es versprochen hast.“

„Wie ich … es versprochen habe?“

„Am Tisch – als ich dir die Trauben gegeben habe.“

Jetzt verstand sie. Zumindest glaubte sie es. Er sprach von dem wortlosen, sinnlichen Versprechen, das sie ihm gegeben hatte, als sie nicht nur die Traube mit den Lippen, sondern auch seine Finger in den Mund genommen hatte.

„Ich dachte, du wärst mir böse, weil ich irgendetwas falsch gemacht habe.“

Sie war sich sicher, dass er wütend auf sie gewesen war und dass ihn das zu dem eiligen Abgang von der Feier bewegt hatte. Aber irgendetwas in seinem Ton stimmte immer noch nicht. Etwas warnte sie, vorsichtig zu sein.

„Wieso sollte ich dir böse sein?“, wollte Nabil wissen. „Was hast du falsch gemacht?“

„Vielleicht habe ich dich zu vertraut angesprochen …“

„Du bist der erste Mensch – abgesehen von Clementina und Karim, der sich mir gegenüber natürlich verhält seit …“

Er dachte an Sharmila. Seine Frau. Seine Liebe. Sein Leben.

Für einen Moment war Aziza wie benommen. Kaum hatte er ihr etwas gegeben, wonach sie sich sehnte, nahm er es im nächsten Augenblick wieder weg. Bei der Feier hatte sie das Gefühl gehabt, endlich als Mensch wahrgenommen zu werden, der etwas galt. Jemand, der nicht nur „die andere Tochter“ war, für die der Vater einen Bräutigam suchen und eine Mitgift bereitstellen musste.

Nun wusste sie: Auch wenn sie Nabils Königin war, war das Ganze für ihn nur eine Zweckehe, weil die Pflicht gegenüber dem Volk dies von ihm verlangte. Die Königin seines Herzens war tot, und keine andere Frau konnte sie ersetzen. Mit Sicherheit nicht die Frau, die er lediglich als kleines Mädchen kannte. War Aziza bisher „die andere Tochter“ gewesen, so war sie jetzt „die andere Frau“.

„Du hast mich wie einen Mann behandelt.“

Nabils Stimme war rau. Er packte sie bei den Armen und zog sie wieder auf die Füße. Der Griff seiner Finger war so fest, dass sie fürchtete, an den Druckstellen blaue Flecken zu bekommen.

Warum um alles in der Welt musste er ausgerechnet jetzt an Sharmila denken? Damit verstärkte er nur den Konflikt, der in seinen Gedanken eh schon tobte. Die Erinnerung an Sharmila hielt ihn davon ab, den Schleier zu lüften, um zu erkennen, wer seine Frau war und wie sie aussah. Er hätte es früher tun sollen, um zu wissen, worauf er sich einließ. Aber die schlichte Tatsache, dass er gezögert hatte, sagte ihm mehr über seinen Gefühlszustand, als ihm lieb war.

Alles wäre viel einfacher gewesen, wenn er vor einigen Wochen seinem Instinkt gefolgt wäre und die Nacht mit der Zofe Zia verbracht hätte. Daraus hätten sich keine politischen oder dynastischen Komplikationen entwickelt. Sollte sie damals seine Schwäche erkannt haben und sich jetzt unter dem Schleier verbergen, dann wäre sie Teil eines Komplotts gegen ihn. Und er säße in der Falle.

„Du hast mich behandelt wie einen Mann, den du begehrst. Ist das wahr?“

„Wahr?“, wiederholte Aziza unsicher. Sein harscher Ton ließ sie erkennen, wie schamlos ihr Verhalten aus seiner Sicht gewirkt haben musste. Sie antwortete zögerlich: „Ja.“

Sie war selbst so überwältigt gewesen von ihrem spontanen Verlangen und der Unfähigkeit, es zu unterdrücken. Nabil war ein Mann, dessen Ruf bei Frauen wohl bekannt war. Er hatte alle Freiheiten, sich jede zu nehmen, aber sicher erwartete er traditionsgemäß, dass seine Braut als Jungfrau in die Ehe kam. Das war sie, denn unter dem strengen Regime ihres Vaters wäre es keiner Tochter gelungen, anders als unberührt in die Ehe zu gehen.

Aber was verlangte Nabil? Wie würde er sie einschätzen nach diesem Eingeständnis? Die Gedanken jagten ihr durch den Kopf. Sie war verheiratet. Mit dem atemberaubendsten Mann, den sie je kennengelernt hatte. Dies war ihre Hochzeitsnacht. Ihr Mann hatte das Recht, sie zu nehmen und sie zu seiner Frau zu machen. Unsicherheit befiel sie. War es möglich, dass er seine Wahl bereute?

„Auch ich begehre dich.“

Nabils Bekenntnis durchbrach ihre Gedanken und lenkte sie in eine ganz neue Richtung. War es tatsächlich möglich, dass sie eine solche Wirkung auf diesen Mann haben konnte?

„Aber … alle dachten … Jamalia …“

„Deine Schwester?“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie würde ein gutes Konterfei auf den Briefmarken abgeben, aber du …“

Sein Ton ließ ihre Beklemmungen verfliegen.

„Verdammt, Aziza, ich hasse diesen Schleier.“

Er zerrte an dem feinen Material, das mit vielen Nadeln an ihrem Haar befestigt war. „Wie werden wir ihn los?“

„Lass mich das machen …“

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