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ROMANA EXTRA BAND 53

JENNIFER FAYE

Die falsche Braut des Millionärs

Um seine Hotelkette zu erweitern, geht Cristo Kiriakas mit Kyra eine falsche Verlobung ein. Fatal! Denn wie soll er einen Deal abschließen, wenn er in ihrer prickelnden Nähe nicht mehr klar denken kann?

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Die falsche Braut des Millionärs

1. KAPITEL

„Heiraten Sie mich!“

Kyra Pappas erstarrte vor Schreck. Sie hatte gerade die Präsidentensuite des Blue Tide Resort betreten, in einer Hand die Schlüsselkarte, in der anderen den rosafarbenen Staubwedel.

Obwohl sie wusste, dass sie störte und das Zimmer besser später putzen sollte, konnte Kyra der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick auf das glückliche Paar zu werfen.

Den ausgesprochen gut aussehenden Mann im grauen Maßanzug kannte sie bereits. Er war hoch gewachsen und athletisch gebaut, mit sonnengebräuntem Teint und hatte welliges dunkles Haar und blaue Augen. Gestern war er in die Suite zurückgekehrt, als sie sie gerade verlassen wollte. Sie hatten sich kurz unterhalten, und als Kyra erwähnte, dass sie Amerikanerin war, hatte er ihr etliche Sehenswürdigkeiten genannt, die sie sich in Griechenland nicht entgehen lassen sollte. Er hatte auf sie einen sehr sympathischen Eindruck gemacht.

Umso mehr wunderte es sie, dass er sie, das Zimmermädchen, ansah, während er einer anderen einen Antrag machte. Nur wem? Niemand sonst war im Raum.

Er meint doch nicht etwa mich? schoss es ihr durch den Kopf. Doch sie verwarf den absurden Gedanken sofort wieder. „Entschuldigung, haben Sie etwas gesagt?“, fragte sie, da er sie nicht aus den Augen ließ.

„Ich habe Sie gebeten, meine Frau zu werden.“

Kyra hatte nie zuvor einen Heiratsantrag bekommen, war noch nicht einmal wirklich verliebt gewesen. Eine Bindung kam für sie derzeit sowieso nicht infrage. Sie war nach Griechenland gekommen, um nach ihren Wurzeln zu suchen. Dennoch ließ sie für den Bruchteil einer Sekunde den Gedanken zu, dass der attraktive Mann es ernst meinte.

Doch wieso machte er einer Fremden einen Antrag? War er verrückt geworden oder handelte es sich um eine Wette?

„Geht es Ihnen gut, Sir?“ Verstohlen sah sie sich nach einer geleerten Schnapsflasche oder einer versteckten Kamera um, nach irgendetwas, das sein seltsames Verhalten erklären könnte.

„Ich war wohl nicht sehr geschickt.“ Verlegen rieb er sich übers Kinn. „Es war ja auch mein erster Heiratsantrag.“

„Handelt es sich um einen Scherz oder eine Wette?“

„Ganz und gar nicht. Es ist ein für Sie sehr lukratives Geschäft“, wehrte er entrüstet ab.

Verwirrt öffnete sie den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Er ist betrunken, entschied sie, obwohl er keinerlei Anzeichen dafür erkennen ließ. Dennoch wich sie einen Schritt zurück.

„Haben Sie keine Angst, ich bin gar nicht so übel.“ Sein charmantes Lächeln ließ sie innehalten. „Lassen Sie mich Ihnen alles erklären.“

„Ich muss noch viele Zimmer putzen.“ Ohne ihn aus den Augen zu lassen, öffnete sie die Tür hinter sich. „Ihres mache ich dann später …“

„Bitte bleiben Sie.“

Er kam auf sie zu, aber sie hob abwehrend die Hand. „Wenn Sie näher kommen, schreie ich.“

„Verzeihung.“ Verlegen raufte er sich das Haar. „Ich habe wohl ein ziemliches Chaos angerichtet. Zum Glück war das kein richtiger Heiratsantrag.“

Irgendwie tat er Kyra leid. Vermutlich steckte er in einer schlimmen Klemme, sonst würde er kaum eine dermaßen absurde Maßnahme ergreifen. „Ich nehme die Entschuldigung an, muss mich aber wirklich an die Arbeit machen.“

„Sind Sie denn kein bisschen neugierig, was es mit dem Antrag auf sich hat?“

Und ob! Nachdenklich betrachtete Kyra ihn. Die obersten Hemdknöpfe standen offen und gaben den Blick auf seine muskulöse Brust frei. An einem Arm trug er eine kostbare Armbanduhr, die Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Er sah aus wie ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein Mann wohlüberlegter Entscheidungen. Aus einem unerfindlichen Grund schien sie in seine Pläne zu passen.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Schießen Sie los. Ich bin ganz Ohr.“

„Kommen Sie erst herein und setzen sich.“

„Ich bleibe lieber hier.“ In New York aufgewachsen, war Kyra mit gesundem Misstrauen gesegnet. Dennoch schloss sie die Tür.

Rastlos trat der Mann von einem Fuß auf den anderen. „Ich fand unser Gespräch gestern sehr angenehm. Sie sind eine interessante junge Frau, die gut mit Menschen umgehen kann.“

„Danke. Das erscheinen mir jedoch keine für eine Ehe ausreichenden Gründe.“

„Ich stehe gerade vor einem wichtigen Geschäft mit einem überaus traditionsbewussten älteren Herren. Er setzt bei seinen Verhandlungspartnern Seriosität voraus, die sich für ihn in Ehe und Familie ausdrückt.“

Du willst Vater, Mutter, Kind spielen? dachte Kyra entgeistert. „Dafür bin ich kaum die Richtige.“

„Im Gegenteil, Sie sind genau die Frau, die ich brauche!“

Kyra warf einen bedeutungsvollen Blick auf die Uhr. „Ich muss mich wirklich wieder an die Arbeit machen.“

„Keine Sorge, ich regle das.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Wer sind Sie eigentlich?“

Ihre Reaktion erstaunte ihn offensichtlich. „Das wissen Sie nicht?“

„Hätte ich sonst gefragt?“

„Darf ich mich vorstellen: Cristo Kiriakas.“

Der Name klang vertraut, doch es dauerte einen Moment, ehe Kyra begriff: Er war der Besitzer der Glamour-Hotel- und Casino-Kette, zu der das Blue Tide Resort gehörte, und damit ihr Arbeitgeber.

„Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Mr. Kiriakas. Ich … ich bin Kyra Pappas. Es tut mir leid, dass ich Sie nicht erkannt habe.“

„Kein Problem. Bitte nennen Sie mich Cristo. Mr. Kiriakas ist mein Vater, wenn Sie mich so ansprechen, sehe ich mich automatisch nach ihm um.“

„Entschuldigung, Sir. Cristo.“ Plötzlich kam ihr ein erschreckender Gedanke. „Hängt mein Job davon ab, ob ich Ihrem Plan zustimme?“

„Nein, ganz und gar nicht.“

Das überzeugte Kyra nicht. „Haben Sie denn keine Freundin, die Sie heiraten können?“

Cristo presste die Lippen aufeinander, ein Muskel an seiner Wange zuckte. „Ich könnte durchaus eine Frau finden, dich mich heiratet, nur möchte ich nicht verheiratet sein.“

„Wozu dann der Aufwand? Sie sind bestimmt reich genug, um zu tun und lassen, was Sie wollen.“

„Mit Geld kann man nicht alles kaufen …“

Das hatte Kyra auch schon begriffen. Sie kannte Wohlstand und Armut mit allen Vor- und Nachteilen. Dass jemand ihre Ansichten diesbezüglich teilte, war allerdings neu für sie. Für ihre Mutter war Geld das Wichtigste im Leben. Wer keines mehr hatte, gab zumindest vor, reich zu sein. Kyra war anderer Ansicht, hatte es aber aufgegeben, sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

„Sie wollen mich der Form halber heiraten, um ein Geschäft unter Dach und Fach zu bringen? Danach gehen wir wieder getrennter Wege?“, fasste sie seinen Vorschlag zusammen.

„So ist es. Nur geht es nicht um einen beliebigen Abschluss, sondern um den wichtigsten meiner gesamten Karriere.“

Verblüfft und voller Mitleid sah Kyra ihn an. Was mochte ihm so viel bedeuten, dass er dafür eine Fremde zu heiraten bereit war? Eine Ehe schloss man aus Liebe, aus keinem anderen Grund. „Gibt es denn keine andere Möglichkeit?“

„Dann hätte ich sie längst genutzt.“

Sie überlegte kurz. „Können Sie nicht lediglich eine Verlobung vortäuschen? Das würde Ihnen viel Aufwand ersparen.“ Dabei dachte sie keineswegs daran, sich für die Rolle der Verlobten zu bewerben, so anziehend sie den sexy Griechen mit den blauen Augen auch fand.

Sie war in sein Land gekommen, um ihr Leben und das ihrer Mutter zu verbessern, und dachte nicht daran, sich aufhalten und in das Drama eines Fremden hineinziehen zu lassen.

Klug ist sie auch noch, dachte Cristo. Das gefiel ihm. Vom ersten Moment an hatte er geahnt, dass die Frau mit den großen braunen, von dichten Wimpern umkränzten Augen und dem seidigen dunklen Haar etwas Besonderes war. Sein Interesse an ihr ging jedoch weit über Äußerlichkeiten hinaus. Schon bei der ersten Begegnung waren ihm ihr freundliches Wesen und ihre Ungezwungenheit aufgefallen. Er hoffte inständig, dass Kyra die Lösung für seine Probleme war.

An diesem Morgen war sein Angebot für die Hotelkette von Nikolaos Stravos kommentarlos zurückgewiesen worden. Seither wusste er, dass er nach den Regeln spielen musste, die der exzentrische Milliardär aufstellte. Geschäft und Privatleben zu vermischen ging ihm gründlich gegen den Strich. Umso besser gefiel ihm Kyras Idee einer bloßen Verlobung. Das Arrangement ließe sich erträglicher gestalten, und er bräuchte keinen wasserdichten Ehevertrag aufsetzen zu lassen.

Nachdenklich betrachtete er sie. Er musste mehr über sie erfahren, ehe er abschätzen konnte, ob es mit ihr funktionieren könnte. „Wie lange sind Sie schon im Blue Tide? Ich glaube, ich habe Sie gestern zum ersten Mal gesehen.“

„Gestern war mein erster Arbeitstag. Zuvor habe ich in Ihrem Hotel in New York gearbeitet.“

„Wie lange?“

„Mehrere Jahre.“

„Als Zimmermädchen?“ Sie nickte verlegen, als enthielte sie ihm etwas vor.

„Was verschweigen Sie mir?“ Vertrauen war in dieser Angelegenheit entscheidend.

Kyra sah ihn abschätzend an. „Ich absolviere derzeit ein Fernstudium in internationalem Hotelmanagement.“

„Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt?“

„Sie sollen nicht denken, ich wäre undankbar.“

„Im Gegenteil. Ich ermutige meine Angestellten, sich fortzubilden. Wir veranstalten sogar regelmäßig Seminare im Haus.“

„Das ist mir bekannt.“

„In welche Richtung wollen Sie sich denn spezialisieren?“

Sie straffte die schmalen Schultern. „Immobilienmanagement.“

„Das ist gewiss das Passende für eine ehrgeizige junge Frau.“

„Danke.“ Sie lächelte erfreut.

Ich hätte ihre Personalakte lesen sollen, dachte Cristo. Dazu hatte die Zeit jedoch nicht gereicht. Nun musste er sich auf seinen Personalchef verlassen und darauf, dass dieser sie vor der Einstellung ebenso gründlich überprüft hatte wie alle übrigen Bewerber. Hätte sie keine weiße Weste, wäre Kyra nicht hier.

„Ich habe unsere Unterhaltung gestern sehr genossen. Sie sind eine einfühlsame, kluge Frau. Ich würde es als großen Gefallen betrachten, wenn Sie mir bei meinem Problem helfen.“

„Meine Arbeit macht mir Spaß, und sie lässt mir genügend Zeit für Privatangelegenheiten … Besichtigungen und so.“

„Würden Sie meinen Vorschlag dennoch in Erwägung ziehen?“

„Da gibt es nichts zu bedenken. Es tut mir leid, Sie müssen sich eine andere suchen.“ Entschlossen öffnete sie die Tür und trat in den Flur hinaus.

„Denken Sie noch einmal darüber nach. Bitte. Ich brauche Ihre Hilfe.“ Er nannte einen enorm hohen Betrag, doch selbst dieser ließ Kyra lediglich für den Bruchteil einer Sekunde innehalten.

Kyra hielt es für das Klügste zu gehen, obwohl Cristo völlig verzweifelt wirkte. Bitte sagte er vermutlich auch nicht allzu häufig.

Wieso nur wollte er seinen verrückten Plan um jeden Preis durchziehen? Und weshalb zerbrach sie sich deswegen den Kopf? Es war sein Problem, nicht ihres.

„Ist Ihnen das zu wenig? Nennen Sie eine andere Summe“, sagte er.

„Ich bin nicht käuflich.“ Sie setzte ihren Weg in den Flur fort, zog die Tür hinter sich ins Schloss und ging zu dem Wagen mit ihren Putzutensilien. Tun sie hier irgendetwas ins Wasser? überlegte sie kopfschüttelnd. Sie und Cristo kannten einander nicht, wie sollten sie da überzeugend ein glückliches Paar spielen?

Während sie die benachbarten Suiten reinigte, dachte sie an das Geld, das er ihr geboten hatte. Sie war zwar keine Goldgräberin, aber eine solche Summe hatte natürlich ihren Reiz – das musste sie zugeben. Nur wäre sie überhaupt dazu fähig, die Rolle seiner Verlobten zu spielen, etwas vorzugeben, das sie nicht war? Machte sie das nicht zur Heuchlerin?

Bist du das nicht ohnehin schon? fragte eine innere Stimme. Seit dem Tod ihres Vaters vor einem Jahr tat sie vor den Freundinnen ihrer Mutter im Country Club so, als hätte sich nichts an ihrem bisherigen gehobenen Lebensstil geändert. Sie machte es aus Mitleid für ihre Mutter, die gleichzeitig mit der Liebe ihres Lebens auch ihren Wohlstand verloren hatte. Nach zwanzig Jahren als glückliche Hausfrau hatte sie einen Job annehmen müssen, um den Schuldenberg abzutragen, den ihr Mann ihr hinterlassen hatte.

Kyra war zunächst wieder bei ihr eingezogen, um sie zu unterstützen, dann hatte sie die gut bezahlte Stelle in Griechenland angenommen, um Geld nach Hause schicken zu können.

Für ihre Reise gab es allerdings einen weiteren Grund. In New York hatte sie weiter keine Familie, die Freundinnen ihrer Mutter zogen sich von ihr zurück, und diese vereinsamte und versank in Depressionen. Daher hatte Kyra beschlossen, die griechischen Verwandten ihres Vaters aufzuspüren. Wenn die sie freundlich aufnähmen, könnte sie ihre Mutter nachholen, und sie könnten Teil einer liebevollen Großfamilie werden.

Cristos Angebot kam daher mehr als ungelegen. Kyra glaubte ohnehin nicht, etwas tun zu können, was sich für sie völlig falsch anfühlte. Andererseits wäre das Geld ein wahrer Segen, denn sie fühlte sich verpflichtet, ihre Mutter finanziell zu unterstützen. Was wog schwerer: ihre Prinzipien oder ihre Pflicht der Mutter gegenüber?

In Griechenland kannte sie niemanden, hier konnte sie sich Freiheiten herausnehmen, die in New York unmöglich waren. Lediglich ihre beste Freundin Sofia Moore hatte gemeinsam mit ihr im Hotel angeheuert. Sie teilten seit Jahren jedes Geheimnis, vielleicht konnte sie ihr einen Rat geben?

Nachdem die letzte Suite blitzblank geputzt war, trat Kyra an eines der riesigen Fenster mit Blick über den Hotelstrand, zog ihr Handy aus der Tasche und schrieb eine Nachricht.

Du wirst es nicht glauben: Ich habe jemanden kennengelernt.

Minutenlang tat sich nichts. Bestimmt arbeitete Sofia noch in einem der exklusiven Bungalows am Strand, für die sie zuständig war. Endlich meldete der Klingelton eine neue Nachricht.

Sofia: Einen Mann?

Kyra: Ja.

Sofia: Hast du nicht kürzlich sämtlichen Männern abgeschworen?

Kyra: Schon. Er hat mich gefunden.

Sofia: Ist es Liebe auf den ersten Blick?

Kyra: Eher ein geschäftlicher Vorschlag.

Sofia: Lass mich raten: Er will dich dafür bezahlen, dass du seine Freundin bist?

Kyra: Ja, und zwar sehr gut.

Sofia: Das ist ein Scherz, oder?

Kyra: Nein.

Sofia: Ist er reich?

Kyra: Sehr.

Sofia: Hast du angenommen?

Kyra: Noch nicht.

Sofia: Warum nicht?

Kyra: Soll ich sein Angebot wirklich ernsthaft in Erwägung ziehen?

Sofia: Wieso nicht? Du hast gerade nichts Besseres in Aussicht.

Kyra: Danke für deine aufmunternden Worte!

Sofia: Wollte dich nicht verletzen. Greif ruhig zu! Muss weitermachen. Bis später.

Kyra las den Chat mehrmals. Greif zu, riet Sofia ihr. Meinte sie das ernst? Möglich wäre es durchaus. Seit Sofia ihren Freund mit einer anderen im Bett erwischt hatte, sah sie Beziehungen in einem neuen Licht. Sie traute Männern nicht mehr, ließ sich auf keinen ernsthaft ein, hatte aber nichts gegen ein wenig Spaß einzuwenden.

Soll ich mich auf etwas ganz Neues einlassen? überlegte Kyra. War sie nicht auch aus diesem Grund nach Griechenland gekommen? Um etwas zu riskieren, weniger konservativ zu sein?

Unvermittelt sah sie Cristos attraktives Gesicht vor ihrem inneren Auge. Es dürfte ihr nicht schwerfallen, für eine kurze Weile seine Verlobte zu spielen. Am Tag zuvor hatten sie nett miteinander geplaudert, und sobald er lächelte, stoben in ihrem Bauch Schmetterlinge auf. Sofia hat recht, dachte sie. Sie hatte nichts zu verlieren, könnte aber viel Spaß haben.

Rasch räumte sie ihre Utensilien fort. Anschließend eilte sie in das winzige Apartment, das sie mit ihrer Freundin teilte, um sich frisch zu machen.

Wenig später klopfte sie nervös, aber entschlossen an die Tür zur Präsidentensuite. Cristo öffnete. Da er sie ein ganzes Stück überragte, musste sie den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen zu blicken. „Ich … ich habe über Ihr Angebot nachgedacht und hätte noch einige Fragen.“

Er zögerte nur einen winzigen Moment, ehe er beiseitetrat und sie einließ.

Im Hereinkommen registrierte Kyra zum ersten Mal, dass seine Räume noch eleganter ausgestattet waren als die übrigen Luxussuiten. Die Couchgarnitur war mit weichem Leder bezogen, an den Wänden hingen Originalbilder, keine Drucke. Zudem wirkten die Zimmer bewohnt und geradezu anheimelnd.

Als Cristo hinter ihr die Tür schloss, verließ sie plötzlich der Mut. Üblicherweise ging sie nicht auf Risiko, sondern war auf Sicherheit bedacht.

„Bedeutet Ihr Besuch, dass Sie Ihre Meinung geändert haben?“, fragte er unvermittelt.

Kyra zwang sich, ihm in die Augen zu blicken. „Das hängt von Ihren Antworten ab.“

„Was möchten Sie wissen?“

Noch stand ihr ein Ausweg offen, daher gelang es Kyra, sich ein wenig zu entspannen. „Unsere Verlobung wäre nur ein Vorwand. Sie würden nicht erwarten, dass ich … mit Ihnen schlafe?“

„Ganz und gar nicht.“

„Wie lange würde das Ganze dauern?“

„Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht.“

„Länger als ein, zwei Tage?“

Er zögerte. „Ja. Wir müssten die Verlobung aufrechterhalten, bis das Geschäft unter Dach und Fach ist. Das könnte Wochen dauern, vielleicht sogar einige Monate.“

„Monate?“ Kyra schüttelte den Kopf. „So lange kann ich unmöglich Ihre Verlobte spielen.“

„Haben Sie vor, in absehbarer Zeit in die Staaten zurückzukehren?“

Kyra wollte Griechenland nicht verlassen, ehe sie die Familie ihres Vaters aufgespürt hatte. Bislang hatte sie allerdings keinerlei Anhaltspunkte und wusste daher nicht, wie lange die Suche dauern würde. „Das nicht. Ich … habe hier etwas zu erledigen.“

„Kann ich Ihnen dabei helfen? Ganz ohne Bedingungen“, setzte er auf ihren skeptischen Blick hin hinzu. „Ich mag Sie. Sie bringen mich zum Lächeln. Das habe ich lange nicht getan. Ich helfe Ihnen gerne, ob Sie meinem Plan zustimmen oder nicht.“

Kyra runzelte die Stirn. Es wäre viel leichter, sein Angebot abzulehnen, wenn er aufdringlich und arrogant wäre. Stattdessen erwies er sich als wahrer Gentleman und sah obendrein zum Anbeißen aus.

„Worum geht es denn?“

„Das ist kein großes Geheimnis. Meine Familie stammt ursprünglich aus Griechenland. Dad und ich wollten unsere griechischen Verwandten schon lange aufspüren. Er ist vor etwa einem Jahr gestorben, nun suche ich alleine.“

„Es scheint Ihnen wichtig zu sein.“

„Das ist es auch, nur versteht meine Mutter das nicht.“ Sie hatte alles getan, um Kyras Reise zu verhindern.

„Ich kenne etliche Pappas, doch der Name ist weit verbreitet.“

„Oh.“

„Haben Sie in den Staaten noch Familie?“

„Niemanden außer meiner Mutter. Ihre wenigen Angehörigen sind bereits verstorben. Ich dachte, sie hätte Verständnis dafür, dass ich etwas über meine Herkunft erfahren will, aber ganz im Gegenteil.“

„Ihr Job im Hotel dient also dazu, Ihre Wurzeln aufzuspüren?“

Kyra nickte, im selben Moment klingelte ihr Telefon. Als sie sah, dass es ihre Mutter war, leitete sie das Gespräch auf die Mailbox um.

„Gehen Sie ruhig dran.“

„Ich kümmere mich später darum. Es ist nicht wichtig.“ In seiner Gegenwart fiel ihr das Denken schwer. Das war ihr noch bei keinem Mann passiert, und sie wusste nicht, ob es ihr gefiel. Zugleich fand sie ihn interessant und fesselnd wie keinen anderen.

„Wie Sie meinen.“ Er ging zum Kühlschrank und nahm eine Flasche Mineralwasser heraus. „Möchten Sie auch eine?“

„Gerne, danke.“ Erneut klingelte ihr Handy, wieder war es ihre Mutter. Seltsam, dachte Kyra. Um diese Zeit sollte sie eigentlich bei ihrem Zweitjob sein.

Als Cristo ihr die Flasche reichte, berührten sich ihre Finger. Ihre Blicke kreuzten sich, und Kyra stockte der Atem. Sie hatte von Anziehung auf den ersten Blick gehört, aber nie verstanden, was die Leute damit meinten. Jetzt wusste sie es. Es würde ihr schwerfallen, Cristo wieder zu vergessen.

„Haben Sie Hunger? Ich könnte etwas aus dem Hotelrestaurant kommen lassen“, bot er an.

„Nein, danke.“ Sie war viel zu aufgeregt, um auch nur einen Bissen herunterzubringen. „Müssten wir gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten?“

„Auf jeden Fall. Wäre das ein Problem? Haben Sie einen Freund?“

„Nein.“ Nachdenklich sah sie an sich herab. Sie trug T-Shirt und Caprihose. „Ich fürchte, mir fehlt die geeignete Garderobe.“

„Die stelle ich Ihnen natürlich zur Verfügung, zusammen mit den Accessoires.“

Wie reich bist du eigentlich? schoss es ihr durch den Kopf, als sie die Flasche an die Lippen führte und trank. Vergeblich versuchte sie, sich auf ihre übrigen Fragen zu besinnen, doch ihr fiel keine mehr ein. Zum Glück waren die wichtigsten Punkte geklärt.

Cristo trat neben sie. „Ich dränge ungern, aber ich muss schnellstmöglich wissen, wie Ihre Antwort lautet.“

„Viel Zeit zum Überlegen lassen Sie mir nicht gerade.“

„So können Sie sich wenigstens keine Ausreden einfallen lassen. Ich weiß jetzt schon, dass Sie mein Leben bereichern werden. Sie sind eine faszinierende Frau, das gefällt mir.“

„Ist das alles, was Ihnen an mir gefällt?“ Erst als die Worte heraus waren, merkte sie, dass sie mit ihm flirtete.

Cristo schien es ebenfalls aufgefallen zu sein, denn er lächelte siegessicher.

Was soll das? schalt Kyra sich. Sie kannte ihn kaum, fühlte sich aber zu ihm hingezogen wie eine Motte zum Licht. Wenn sie nicht achtgab, würde sie sich an ihm verbrennen.

„Definitiv nicht.“

„Die Summe, die Sie vorhin genannt haben, gilt noch immer?“

Er nickte.

„Würden Sie mich wöchentlich bezahlen?“ So könnte sie die Hypothekenschulden ihrer Mutter rasch abtragen.

„Wie Sie wünschen.“

Unter seinem eindringlichen Blick beschleunigte sich ihr Pulsschlag. Wäre es so schlimm, für eine Weile die Verlobte dieses faszinierenden Mannes zu spielen? Man lebt nur einmal, sagte sie sich. Ein kleines Abenteuer konnte nicht schaden.

„Und Sie unterstützen mich außerdem bei der Suche nach meiner Familie?“

„Versprochen.“

„Dann bin ich Ihre Verlobte.“ Kyra reichte ihm die Hand.

Statt sie zu schütteln, zog er sie an die Lippen und hauchte einen zarten Kuss darauf, der einen wohligen Schauer in ihrem Körper auslöste. Viel zu rasch gab er sie wieder frei.

Verlegen räusperte Kyra sich. „Wann fangen wir an?“

„Sofort. Sie haben eine Hochzeit zu planen, und wir müssen uns kennenlernen, ehe wir andere davon überzeugen können, dass wir ein Paar sind.“

Zum dritten Mal klingelte ihr Handy, wieder war es ihre Mutter. Da stimmt doch etwas nicht, dachte sie besorgt. „Entschuldigung, ich muss wohl doch drangehen.“ Sie ging einige Schritte weiter zu dem bodentiefen Fenster, das auf den weißen Sandstrand hinausging, und presste den Apparat ans Ohr. Ehe sie ein Wort sagen konnte, legte ihre Mutter los: „Kyra, geh endlich ans Telefon! Ich mag nicht auf die Mailbox sprechen. Es ist wichtig …“

„Jetzt bin ich ja dran. Beruhige dich und erzähle, was los ist.“

„Jede Menge.“

Ihre Mutter hatte die Angewohnheit zu dramatisieren. Kyra hoffte, dass sie das auch diesmal tat. „Geht es dir gut?“

„Mein Leben ist vorbei. Du musst sofort nach Hause kommen.“

„So schlimm wird es schon nicht sein.“

„Du hast doch keine Ahnung, was passiert ist.“

„Dann sag es mir endlich.“

„Du unterbrichst mich ja dauernd!“

Genervt verdrehte Kyra die Augen. Gespräche mit ihrer Mutter arteten oft in eine Geduldsprobe aus. Ihr Vater musste eine Engelsgeduld gehabt haben. „Ich bin ganz Ohr.“

„Sie haben mich rausgeworfen, kannst du das begreifen? Nach allem, was ich für sie getan habe. Wo bleiben Loyalität und Respekt?“

„Wer hat dich rausgeworfen?“

„Die Reinigungsfirma. Sie behaupten, sie hätten Aufträge verloren und müssten daher Entlassungen vornehmen. Das können die doch nicht machen! Wie soll ich jetzt meine Rechnungen bezahlen? Du musst sofort nach Hause kommen, Kyra. Ich brauche dich.“

„Das geht nicht, ich habe hier einen Job.“

„Dann verlieren wir das Haus! Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin ganz alleine.“

„Keine Sorge.“ Kyra liebte ihre Mutter sehr, wenngleich sie nicht immer einer Meinung waren. „Ich helfe dir.“ Plötzlich wurde ihr bewusst, dass Cristo mithörte. Sie versprach, bald zurückzurufen, und legte auf. Was mochte er wohl verstanden haben? Verlegen wandte sie sich zu ihm um. „Das war meine Mutter.“

„Gibt es Probleme?“

„Nichts, womit ich nicht fertig werde.“

„Sicher? Falls Sie Griechenland verlassen müssen, beenden wir unser Arrangement lieber sofort …“

„Nicht nötig.“ Mit dem Geld, das er ihr bot, konnte sie ihre Mutter unterstützen. Die Frage, ob sie seinen verwegenen Plan durchziehen wollte, stellte sich nicht mehr. Sie musste es tun, ihrer Mutter zuliebe. „Ich bin ganz die Ihre.“

2. KAPITEL

Kyra war die Seine. Der Gedanke gefiel Cristo, und das war längst nicht alles, was ihn an ihr reizte. Dabei hatte er für romantische Tagträume keinen Sinn. Er hatte miterlebt, was geschah, wenn Liebe erkaltete. Seine Eltern verhielten sich wie Eiskönig und – königin. So wollte er nie werden.

Er räusperte sich. „Dann fangen wir am besten ganz neu an.“ Er reichte ihr die Hand. „Ich bin Cristo.“

Kyra schob ihre schmale Hand in seine. Sie fühlte sich kühl an, offenbar war sie ebenso nervös wie er.

„Kyra. Jetzt kann das Abenteuer losgehen.“

„Lass mich wissen, was ich tun kann, um unser Arrangement für dich so angenehm wie möglich zu gestalten“, ging er zum vertraulichen Du über.

„Bist du der Flaschengeist, der mir sämtliche Wünsche erfüllt?“

„Das nicht gerade, doch ich möchte, dass du die Zeit mit mir genießt.“ Nur dann würden sie nach außen hin glaubwürdig erscheinen. Stravos war bekannt dafür, den Hintergrund potenzieller Geschäftspartner gründlich auszukundschaften. „Unsere Verlobung muss so authentisch wie möglich wirken. Daher darfst du auch keine Ausgaben scheuen.“

„Ausgaben wofür?“

„Für die Hochzeit.“

„Ich soll eine Hochzeit planen, die nie stattfindet?“

„Du kennst Nikolaos Stravos nicht. Er ist scharfsinnig und gründlich.“

„Am Ende werden wir den Leuten erklären müssen, weshalb wir unsere Verlobung lösen.“

„Wir tun dasselbe wie andere Leute: Wir verkünden, wir hätten uns in aller Freundschaft getrennt, und bitten, unsere Privatsphäre in dieser schweren Zeit zu respektieren.“

„Freunde und Verwandte werden dennoch genauer nachfragen.“

Insgeheim war Cristo stolz, auf sämtliche Fragen eine Antwort zu wissen. „Wir behaupten, wir werden uns nicht einig über Kinder. Du wünschst dir welche, ich bin strikt dagegen. Wir wären nicht das erste Paar, das daran zerbricht.“

Kyra dachte kurz nach. „Ja, das müsste funktionieren.“

„Es stimmt obendrein. Meine Arbeit lässt mir nicht genügend Zeit für eine Familie.“ Das war nicht der einzige Grund, aus dem Cristo auf Nachwuchs verzichten wollte, doch mehr wollte er ihr nicht erklären. „Unsere Beziehung wird schärfster Beobachtung unterliegen. Aus dem Grund musst du bei mir einziehen.“

„Aber … das geht doch nicht! Du hast gesagt, wir schlafen nicht miteinander.“

„Das erwarte ich auch nicht, doch nach außen hin muss es so aussehen. Ist das ein Problem?“ Er mutete ihr viel zu, sah aber keine Alternative. Bislang hatte sie gute Miene zu seinem Spiel gemacht, dennoch war er bereit, ihr einen Ausweg zu bieten. „Wenn du unter diesen Umständen einen Rückzieher machen willst, bin ich dir nicht böse.“

Einen Moment lang schien es, als hätte sie ihre Meinung geändert. Alles in ihm verkrampfte sich, denn ein Plan B existierte nicht.

Nach kurzem Nachdenken meinte sie gelassen: „Du hast recht. Die Leute könnten Verdacht schöpfen. Sie werden sich ohnehin wundern, dass du dich mit einem Zimmermädchen einlässt.“

„Du hast gerade erst hier angefangen und sicher noch nicht viele Gäste kennengelernt.“

„Das stimmt.“

„Dann mach dir darüber keine Gedanken. Und was unser Zusammenleben angeht: Die Suite hat ein Gästezimmer.“

„Wann soll ich einziehen?“

„Sofort. Ich schicke jemanden, deine Sachen holen. Wohnst du im Personalquartier?“

Kyra nannte ihm die Zimmernummer. „Ich … ich muss meiner Freundin Bescheid geben.“

„Vergiss nicht, unser Arrangement ist streng geheim. Niemand darf davon erfahren. Nikolaos Stravos hat seine Ohren überall.“

„Verstanden. Ich bitte Sofia, meine Sachen gleich zusammenzusuchen.“

„Gut. Wir haben heute Abend noch viel vor.“

Kyra hatte immer noch nicht ganz begriffen, wie ihr geschah, als sie an der Seite des Hotelinhabers das elegante Restaurant betrat. Sie trug ein sündhaft teures weinrotes Kleid aus der Boutique im Erdgeschoss, um ihr Haar und Make-up hatte sich ein Profi gekümmert. Der Aufwand erschien ihr übertrieben für ein simples Dinner. Was hatte Cristo nur vor?

Sie war schrecklich aufgeregt. Nicht einmal das gedämpfte Licht, die Kerzen auf den Tischen oder die unaufdringliche Hintergrundmusik halfen ihr darüber hinweg.

Während sie dem Ober an ihren Tisch folgten, grüßte Cristo zahlreiche Bekannte. Dann rückte er ihr den Stuhl zurecht, ehe er sich ebenfalls setzte. „Du siehst bezaubernd aus.“

Kyra errötete, obwohl ihr bewusst war, dass das Kompliment nur Teil des Schauspiels war, das sie aufführten. Wie alles weitere, was er noch tun und sagen würde. „Du kannst dich ebenfalls sehen lassen.“

„Danke. Darf ich den Wein auswählen? Er könnte dir helfen, dich zu entspannen.“

„Ist meine Nervosität so offensichtlich?“ Rastlos spielte sie mit dem Besteck auf dem Tisch.

Cristo streckte den Arm aus und ergriff ihre Hand. „Ein wenig.“

Instinktiv versuchte sie, die Hand zurückzuziehen, doch er ließ sie nicht los. Stattdessen begann er, mit dem Daumen ihren Handrücken zu streicheln. Ein süßes Prickeln durchströmte ihren Körper.

„Was machst du da?“, fragte sie verwirrt.

„Ich helfe meiner Verlobten, sich zu beruhigen und den Abend zu genießen. Es soll sich doch niemand fragen, weshalb du so hektisch wirkst.“

„Oh!“ Vorsichtig sah sie sich um. Niemand schien sie zu beachten, doch Cristo hatte recht. Sie musste ihren Part überzeugend spielen, egal wie nervös sie war.

„Würdest du bitte meine Hand loslassen?“, bat sie dennoch.

Cristo gab sie kommentarlos frei. Seltsamerweise sehnte sie sich sofort wieder nach der Berührung. Verwirrt griff sie nach der Speisenkarte.

„Die Meeresfrüchte sind hervorragend“, sagte Cristo fürsorglich. „Sie gelten als Spezialität des Hauses.“

„Daraus mache mir nicht viel.“

„Wie wäre es mit Rind? Salat? Pasta?“

„Pasta klingt gut.“

Cristo machte weitere Vorschläge fürs Menu. Seine samtweiche Stimme hatte einen beruhigenden Effekt auf Kyra. Nach einer Weile entschied sie sich für Huhn Alfredo, und er bestellte zwei Portionen.

„Das hättest du nicht tun müssen.“

Überrascht sah er sie an. „Was?“

„Dasselbe wählen wie ich, damit ich mich wohlfühle.“

„Vielleicht haben wir auch nur einen ähnlichen Geschmack?“

Der Gedanke, etwas mit ihm gemein zu haben, gefiel ihr. Hastig rief sie sich in Erinnerung, dass sie kein Date hatten, sondern es nur vortäuschten.

Cristo ließ ihr keine Zeit zum Grübeln. Er verwickelte sie in ein Gespräch über unverfängliche Themen wie das Wetter und die Unterschiede zwischen dem Blue Tide Resort und dem Glamour Hotel in New York, in dem sie zuletzt gearbeitet hatte. Kyra entspannte sich zusehends. Er flirtete mit ihr und brachte sie zum Lachen, als wären sie auf einem richtigen Date. Immer wieder musste sie sich in Erinnerung rufen, dass alles nur Theater war.

Viel später, sie hatten längst aufgegessen, fragte er: „Was hältst du von einem Dessert?“

„Ich passe. Ich werde morgen extra weit laufen müssen, um wenigstens einen Teil der Kalorien abzutrainieren.“

Cristo stützte die Ellbogen auf den Tisch und neigte sich vor. „Wozu? Du bist wunderschön. Genieß den Abend. Betrachte ihn als einen Neubeginn.“

Das klang wie ein Versuch, sie zu verführen! Vielleicht war es das ja auch. Cristo war überaus charmant, sie würde sich in Acht nehmen müssen.

„Ich bekomme bestimmt keinen Bissen mehr herunter.“

„Dabei habe ich etwas ganz Besonderes für dich bestellt.“

„Wirklich?“ Das hatte noch niemand für sie getan.

„Möchtest du es nicht wenigstens kosten? Sonst ist der Chefkoch beleidigt. Wir können es uns teilen.“

„Ja, gerne.“

Auf Cristos Zeichen hin stellte ein Kellner einen Dessertteller mit einem Cupcake vor Kyra auf den Tisch. Es dauerte einen Moment, ehe sie den Diamantring auf dem Sahnehäubchen entdeckte. Er war riesig und wunderschön. Überrascht schnappte sie nach Luft.

Cristo stand umgehend auf, nahm den Ring und kniete neben ihrem Stuhl nieder. Schlagartig wurde es still im Restaurant, sämtliche Gäste wandten sich zu ihnen um. Er blickte ihr tief in die Augen. „Kyra, du bist unerwartet in mein Leben getreten und hast mich an all das erinnert, was ich lange Zeit versäumt habe. Du hast mir gezeigt, dass es im Leben mehr gibt als Geschäfte, du bringst mich zum Lachen. Willst du mich zum glücklichsten Mann auf Erden machen und mich heiraten?“

Der romantische Antrag rührte Kyra fast zu Tränen. Sie wusste, sie sollte an dieser Stelle Ja sagen, doch das Wort blieb in ihrer Kehle stecken. Stattdessen nickte sie nur heftig blinzelnd. Insgeheim wünschte sie, dass eines Tages der Richtige diese Worte zu ihr sagen und sie auch ernst meinen würde.

Cristo ergriff bereits ihre bebende Hand und schob ihr den Ring an den Finger.

Er hatte sie völlig überrascht, dabei hätte sie sich doch denken können, was geschehen würde. Das Designerkleid, der Stylist … Dass er so viel Sinn für Romantik besaß, hatte sie jedoch nicht geahnt. Der ganze Abend war zauberhaft und unvergesslich gewesen. Sie konnte es kaum erwarten, Sofia davon zu berichten.

Cristo stand auf und zog Kyra mit sich hoch. Ihre Blicke kreuzten sich, sie war wie gebannt. Ihr Puls raste, ihr Herz klopfte heftig. Als sein Blick auf ihren Mund fiel, stockte ihr der Atem. Gleich würde er sie küssen. Er umfasste ihr Gesicht, ihre Lippen waren nur noch Zentimeter getrennt.

Dreh dich weg, rief eine innere Stimme ihr zu, während sie gleichzeitig überlegte, wie sein Kuss sich anfühlen würde: zart und neckend oder besitzergreifend und fordernd?

„Du machst mich zu einem besseren Menschen“, raunte er, und sie vergaß alles ringsum. „Womit habe ich dich nur verdient?“ Er sprach so leise, dass niemand es hören konnte, dann endlich senkte er den Kopf.

Instinktiv schmiegte Kyra sich an seinen festen, durchtrainierten Körper. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schloss die Augen. Als seine Lippen ihre berührten, erstarrte sie zunächst, doch dann entlud sich die Spannung, die im Lauf des Abends zwischen ihnen gewachsen war. Voller Leidenschaft schlang sie die Arme um seinen Nacken und schob die Hände in sein seidiges Haar, öffnete die Lippen und hieß ihn willkommen.

Er schmeckte köstlich männlich und zugleich prickelnd wie der Champagner, der zum Dinner serviert worden war. Kyra hatte gedacht, dass sie damit auf ihr Arrangement anstießen, dabei war er Teil des überaus romantischen Heiratsantrags gewesen. Cristo war ein extrem gefährlicher – und toller – Mann. Insgeheim wünschte sie, der Kuss würde nie enden.

Applaus und Pfiffe ließen sie aus ihrer Illusion aufschrecken. Zögernd löste sie sich aus seinen Armen. Dabei fing sie seinen glühenden Blick auf, der ihr zeigte, dass Cristo sie wirklich begehrte. Der Kuss war auch für ihn mehr gewesen als ein Mittel, die Welt von der Echtheit ihrer Beziehung zu überzeugen.

Unwillkürlich legte sie die Finger an die Lippen, auf denen sie seinen Kuss immer noch spürte. Als sie es bemerkte, zog sie sie hastig zurückzog. Dabei fiel ihr Blick auf den Verlobungsring, einen riesigen runden Solitär von bestimmt fünf Karat, in Roségold gefasst, umrahmt von vielen kleineren Diamanten, die obendrein das Band besetzten.

„Gefällt er dir?“ Cristo betrachtete ebenfalls den Ring.

„Er ist ein Traum! Und viel zu kostbar für mich.“

„Er passt zu dir, kann deiner Schönheit aber nicht das Wasser reichen. Was meinst du, sollen wir den Cupcake mit nach oben nehmen?“

Kyras Herz klopfte fast zum Zerspringen. Wieso sah Cristo sie an, als wollte er nicht das Dessert verspeisen, sondern sie?

„Es war ein schöner Abend, oder?“, fragte er unvermittelt.

Sein Atem strich über ihren Nacken, und auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut. „Zauberhaft.“

„Und er ist noch nicht zu Ende.“

Hatte er sich von dem romantischen Ambiente mitreißen lassen? Wollte er sie erneut küssen? Und was wollte sie?

Galant reichte er ihr den Arm und führte sie aus dem Restaurant. „Der Cupcake wird in unsere Suite gebracht, zusammen mit einer Flasche Champagner.“

Unsere Suite. Kyra wusste nicht recht, was sie davon halten sollte – obwohl es zur Show gehörte.

Auf dem Weg zum Aufzug mussten sie mehrmals stehen bleiben und Glückwünsche entgegennehmen. Dabei kam sie sich vor wie eine Hochstaplerin. Erneut bestand ihr Leben aus Lügen und Anspielungen. Nur war diesmal nicht ihre Mutter die Hauptakteurin, sondern sie selbst. Das war nicht gut – hatte aber durchaus positive Seiten. Aus dem Augenwinkel sah sie verstohlen Cristo an.

Dann schlossen sich die Lifttüren hinter ihnen, und sie waren alleine. Cristo drückte den Knopf für die oberste Etage und zog die Schlüsselkarte durch den Schlitz.

Der märchenhafte Abend war vorüber. Kyra versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen, doch das war unmöglich, da Cristo immer noch ihre Hand hielt. Seine Berührung stellte seltsame Dinge mit ihr an. Als sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, legte er seine freie Hand auf ihre.

Verblüfft registrierte sie das Verlangen in seinem Blick. Hatte er vergessen, dass die Show vorbei war? Sie waren alleine. Dennoch blickte er ihr tief in die Augen, und aus einem unerfindlichen Grund drohten die Knie unter ihr nachzugeben.

Wollte er sie erneut küssen? Ganz ohne Publikum? Ihr Pulsschlag dröhnte in ihren Ohren. War es falsch, sich zu wünschen, er täte es? Ihr stockte der Atem, unwillkürlich hob sie das Kinn. Tu es, bitte! dachte sie.

Plötzlich straffte er sich und sah zur Tür. Kyra stöhnte innerlich. Hatte sie ihn falsch verstanden? Ihr schwante, dass es ihr viel schwerer fallen würde, die Abmachung einzuhalten, als sie bislang angenommen hatte.

In diesem Moment glitten die Türen auf. Draußen stand ein Paar, weltvergessen in einen innigen Kuss versunken. Sie bemerkten den Lift gar nicht.

Das muss wahre Liebe sein, dachte Kyra. Was gerade zwischen Cristo und ihr loderte, war dagegen Lust, Neugierde … keine echten Gefühle. Und es war vorbei.

Schweigend geleitete Cristo sie zur Suite, öffnete die Tür und ließ ihr höflich den Vortritt.

Drinnen blieb Kyra neben der Ledercouch stehen und wandte sich zu ihm um. „Vielen Dank für den wunderschönen Abend.“ Sie zog den Diamantring vom Finger und hielt ihn ihm hin. „Nimm den besser an dich. Ich möchte nicht, dass ihm etwas zustößt.“

„Er gehört dir.“

„Unmöglich! Er ist viel zu kostbar.“

„Meine Verlobte kann nicht ohne Ring am Finger herumlaufen.“

„Willst du wirklich, dass ich ihn trage? Und wenn etwas passiert?“

„Was denn? Außerdem sehe ich ihn gerne an deiner Hand.“ Er zog sein Handy aus der Hosentasche und überprüfte die eingegangenen Nachrichten. „Bitte entschuldige mich. Das Geschäft ruft.“

„Es ist doch schon so spät!“

Geistesabwesend murmelte er: „Zum Arbeiten ist es nie zu spät.“

Kyra war, als hätte sich ihre gläserne Cinderellakutsche schlagartig in einen Kürbis zurückverwandelt. Einen Moment lang hatte sie geglaubt, er wäre anders als die Anzugträger, mit denen ihre Mutter sie zu verkuppeln versuchte.

„Ich gehe auf mein Zimmer.“

Im selben Moment klopfte es. Cristo öffnete die Tür. „Sie kommen gerade recht, wir haben Durst.“ Lächelnd wandte er sich zu Kyra um. „Darling, das Dessert ist da. Mach es dir doch schon bequem, ich bringe es dann rein.“

Der Kellner rollte einen Tisch mit dem Cupcake und einer Flasche Champagner ins Wohnzimmer. Er lächelte vielsagend. Dass Kyra allein zu Bett gehen wollte, hätte ihn sicher überrascht.

Rasch ging sie ins Schlafzimmer. Sie war emotional und physisch erschöpft und wollte es sich auf dem Bett bequem machen.

„Du kannst zurückkommen“, rief Cristo jedoch kurz darauf. „Soll ich den Champagner öffnen?“

Kyra hatte weder Lust auf noch mehr Alkohol noch auf eine Unterhaltung mit ihm, vielmehr wollte sie in aller Ruhe ihre Gedanken sortieren. „Ich gehe lieber zeitig schlafen“

„Gute Idee. Du hast morgen viel zu tun. Gute Nacht.“ Er verschwand im ans Wohnzimmer angrenzenden Büro und schloss die Tür hinter sich.

Kopfschüttelnd sah Kyra ihm hinterher. Er konnte seinen Charme an- und ausknipsen, wie es ihm passte. Seufzend ging sie in ihr Schlafzimmer. Die Präsidentensuite war riesig. Sie sollte Fotos machen und ihrer Mutter schicken, hatte aber keine Lust darauf.

Als ihr Handy eine neue Nachricht meldete, ließ sie sich aufs Bett sinken und las.

Spann mich nicht auf die Folter. Wie war dein Date???

Nachdenklich starrte sie auf den Bildschirm. Was sollte sie ihrer Freundin antworten? Dass sie einen zauberhaften, romantischen Abend erlebt hatte? Das stimmte zwar, aber …

Sie hätte sich niemals auf Cristos absurden Plan einlassen dürfen, denn sie war keine Schauspielerin. Anderen etwas vorzumachen fiel ihr schwer, nicht weniger schwer fiel es ihr, Fiktion und Realität zu trennen.

Kyra: Es war nett.

Sofia: Sooo schlimm?

Kyra: Nein, echt schön!

Sofia: Hört sich schon besser an. Wo bleiben die Details?

Kyra: Ich habe ein fantastisches Kleid getragen, Dinner gab’s im Hotelrestaurant.

Sofia: Warum hast du jetzt Zeit zum Chatten?

Kyra: Er muss arbeiten.

Sofia: Was hast du falsch gemacht?

Ich? dachte Kyra empört. Der Abend hatte geendet wie vorgesehen, allerdings hatte sie zwischendurch den Eindruck gehabt, Cristo wäre ehrlich an ihr interessiert. Vielleicht war er auch nur ein fantastischer Schauspieler.

Ich habe Kopfschmerzen. Wir telefonieren morgen Abend.

Sie streifte die Schuhe ab und massierte ihre Füße, die lange nicht mehr in High Heels gesteckt hatten. Obwohl sie todmüde war, konnte sie nicht schlafen. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um den Mann mit den schönen blauen Augen und dem herzerwärmenden Lächeln. Wie sollte sie sich nur auf die Suche nach ihrer Familie konzentrieren, wenn er sie in die Arme nahm und leidenschaftlich küsste?

Wo bleibt sie nur? wunderte sich Cristo. Er trank bereits die dritte Tasse Kaffee an diesem Morgen. Sollte er in ihrem Zimmer nachsehen? In diesem Moment ging die Tür auf, und Kyra kam ins Wohnzimmer. Sie trug ein bunt gestreiftes Top zu schwarzen Laufshorts, die ihre langen, schlanken Beine betonten.

„Guten Morgen.“ Sie dehnte sich, und ein Streifen flacher Bauch blitzte unter dem Top auf. Unwillkürlich musste Cristo schlucken. „Wie lange bist du schon auf?“

Er sah auf die Uhr. Es war kurz nach acht. „Eine ganze Weile. Möchtest du Kaffee?“

„Ja, gerne.“

„Milch, Zucker?“

„Süßstoff bitte.“

Er gab einige Süßstofftabletten in ihre Tasse und rührte um. „Wenn du mehr Kaffee möchtest, findest du alles, was du brauchst, im Schrank über dem Automaten. Fühl dich ganz wie zu Hause.“

„Musst du fort?“

Er reichte ihr die Tasse. „Ich habe Termine in der Stadt. So viel, wie du zu tun hast, wirst du meine Abwesenheit kaum bemerken.“

„Ich? Was denn?“

„Stehst du noch zu unserer Abmachung?“ Er bemerkte, dass sie nervös an dem Ring an ihrem Finger drehte. Wäre er gestern Abend nicht ins Büro geflüchtet, hätte er für nichts garantieren können …

„Ja, natürlich.“

„Gut. Wir haben nämlich für Schlagzeilen gesorgt.“ Er reichte ihr die Zeitung, die auf dem Tisch lag.

Als sie den Gesellschaftsteil aufschlug, schnappte Kyra nach Luft. Selbst Christo hatte das Foto von dem Kuss überrascht. Es hatte natürlich wirken sollen. Dass es glühende Leidenschaft erkennen ließ, hatte er nicht erwartet. Dabei hatte er im entscheidenden Moment selbst völlig vergessen, dass alles nur Theater war. Auch hinterher in der Suite war es ihm schwergefallen, die Hände von Kyra zu lassen. Gerade noch rechtzeitig hatte er sich unter dem Vorwand, arbeiten zu müssen, zurückgezogen – ehe er alle guten Vorsätze vergaß.

„Ich hätte nicht gedacht, dass wir in die Zeitung kommen. Wie schrecklich! Meine Mutter … sie wird glauben, wir wären ein Paar. Wie soll ich ihr das nur erklären?“

„Du musst ihr gar nichts erklären.“

„Doch, natürlich. Sie wird ihren Freunden davon erzählen …“

„Keine Panik. Das Foto ist nur in Athen erschienen, nicht in New York. Dafür habe ich gesorgt.“

„Bist du ganz sicher?“

„Ich habe alles genau geplant. Die Meldung ist für Stravos bestimmt.“

„Ein Mann wie er liest bestimmt nicht die Gesellschaftsteile der Zeitung.“

„Ihm entgeht nichts, was potenzielle Geschäftspartner betrifft. Er mag die Teile nicht persönlich lesen, hat aber seine Leute dafür. Und da er wie ein Einsiedler auf einer griechischen Insel lebt, besteht keine Notwendigkeit, unsere Verlobung auch in den USA bekanntzugeben.“

Erleichtert ließ Kyra sich auf die Couch sinken. „Das hättest du mir sofort erklären müssen.“

„Wäre es so schlimm, wenn deine Mutter uns für ein Paar hielte?“

Kyra nickte mit Nachdruck. „Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich mit dem Sohn einer ihrer Freundinnen zu verkuppeln.“

„Hast du etwas gegen die Ehe?“

„Das nicht. Ich möchte nur nicht als Vorzeigefrau enden, die bei bestimmten Gelegenheiten präsentiert und die übrige Zeit vergessen wird.“

„Dich könnte doch kein Mann vergessen!“

Einen Moment schwieg sie. „Lass uns nicht weiter darüber reden.“

Offenbar gehörte Kyra zu den Frauen, die nicht begriffen, wie wichtig das Geschäft für einen Mann war. Cristo hatte nicht vor, sich jemals von einer Frau diktieren zu lassen, wann er arbeiten durfte und wann nicht. Hätte er die Wahl zwischen seiner Arbeit und etwas – jemand – anderem, würde er sich immer für das Geschäft entscheiden. Es ließ ihn niemals im Stich.

Andererseits fiel es selbst ihm schwer, Kyra zu ignorieren. Sie hatte Persönlichkeit, außerdem dominierte sie jeden Raum mit ihrer Schönheit und Eleganz. Gestern Abend hatte sie ihm tatsächlich den Kopf verdreht. Dabei scheute er vor einer ernsthaften Beziehung zurück. Er könnte gewisse Erwartungen nie erfüllen. Leben waren kostbar und zerbrechlich, ein Moment der Unachtsamkeit führte allzu leicht zur Katastrophe.

Mühsam verdrängte er die schreckliche Erinnerung, die ihn zu überwältigen drohte. Für Schuldgefühle war jetzt nicht der rechte Zeitpunkt.

Kyra seufzte. „Mein Vater war ein Workaholic. Er hat uns geliebt – wir kamen gleich nach seiner Arbeit. Mutter würde das nie zugeben, denn er war ihre große Liebe. Manchmal frage ich mich, ob ihr überhaupt bewusst ist, was sie alles verpasst hat.“

„Dann suchst du einen Mann, der das Gegenteil von ihm ist?“

Sie zuckte die Schultern. „Momentan bin ich nicht an einer Beziehung interessiert, doch ich würde schon an erster Stelle stehen wollen. Ich erwarte die volle Aufmerksamkeit meines Partners. Sein Handy hat beim Dinner nichts zu suchen.“

„Das ist nur fair.“ Gestern Abend hatte er sich ihr ganz gewidmet – weil er eine überzeugende Show für das Publikum abliefern wollte, wie er sich einzureden versuchte. Tatsächlich hatte sie ihn völlig in ihren Bann gezogen.

„Ich habe hier einige Unterlagen, die dir bei den Hochzeitsvorbereitungen helfen werden, und hier sind diverse Brautmagazine, die Telefonnummern guter Geschäfte und eine Kreditkarte für deine Auslagen.“

„Ist es dir recht, wenn ich joggen gehe, ehe ich mit dem Planen loslege?“

Das sportliche Outfit stand ihr gut. Sehr gut sogar. „Wie du willst. Vergiss nur nicht, die Hochzeit findet in sechs Wochen statt. Dir bleibt nicht viel Zeit.“

„So bald schon? Zum Glück heiraten wir nicht wirklich. In der kurzen Zeit kann ich unmöglich sämtliche Details ausarbeiten.“

„Das musst du aber. Nichts darf darauf hindeuten, dass die Hochzeit nicht stattfindet.“

„Ich gebe mir alle Mühe.“ Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie die Unterlagen. „Wie viel darf ich ausgeben? Gibt es ein Budget?“

„Nein. Entscheide selbst. Bedenke nur, dass wir wichtige Leute beeindrucken wollen. Es soll ein großzügiges, wenngleich intimes Fest werden.“

„Du willst es aber nicht wirklich durchzuziehen?“

„Natürlich nicht.“

Kyra betrachtete ihn nachdenklich. „Ich tue, was ich kann. Leider fehlt es mir an Erfahrung.“

„Du schaffst das schon.“ Cristo ergriff seine Aktentasche und eilte zur Tür, weil ihn ihre Nähe auf dumme Gedanken brachte. „Ich habe dir meine Handynummer aufgeschrieben. Ruf an, wenn du etwas brauchst. Ansonsten sehen wir uns zum Dinner.“

„Halt! Wir sind noch lange nicht fertig.“

3. KAPITEL

Cristo blieb abrupt stehen. Hatte er doch etwas übersehen? Bestimmt nicht.

„Du hast versprochen, mir bei der Suche nach meiner Familie zu helfen“, sagte Kyra.

„Hast du es schon im Internet versucht?“ Speziell an diesem Tag hatte er dafür keine Zeit.

„Die Suche lässt sich nicht eng genug eingrenzen. Vermutlich hätte ich mehr Glück in einer Bibliothek oder einem Archiv mit Dokumenten über die Einwohner der Region.“

„Woher stammt deine Familie denn?“

„Ich weiß nur, dass meine Großeltern mit dem Schiff aus Athen übergesetzt sind.“

Unwillig runzelte er die Stirn. Er hatte Wichtigeres zu tun. Für ihn stand alles auf dem Spiel: die Zukunft der Glamour Hotels, die Beziehung zu seinem Vater. Dieser hielt nichts von seiner Idee, die in den USA erfolgreiche Kette weltweit auszudehnen, doch Cristo war überzeugt davon.

„Ich schicke dir einen Wagen, mit dem du die Dörfer der Region und die Bibliotheken in Athen aufsuchen kannst.“

„Ich dachte, du begleitest mich.“

„Tut mir leid, ich habe einen dringenden Termin.“

„Und morgen?“

Die nächsten Tage waren ebenfalls komplett verplant, so etwas wie Freizeit kannte er nicht. Er war zu beschäftigt für eine Beziehung, selbst für eine vorgetäuschte. „Mal sehen, was sich da machen lässt. Ich gebe dir später Bescheid“, vertröstete er sie. „Was hast du denn bislang herausgefunden?“ Sein Handy klingelte. „Moment bitte. Mein Wagen ist da, ich muss gehen. Du kannst mir heute Abend erzählen, wie weit du mit deiner Recherche schon gekommen bist.“

Im Hinausgehen warf er verstohlen einen letzten Blick auf Kyra. Sie sah absolut hinreißend aus in den Shorts, die ihre langen schlanken Beine betonten, und dem knappen Top.

Wieso gehe ich eigentlich nicht mit ihr joggen? fragte er sich. Doch er konnte und wollte sich nicht durch seine schöne Verlobte von seinem Ziel ablenken lassen, dem Erwerb der Stravos Star Hotels. Nikolaos Stravos würde auf sein Angebot reagieren, sobald er von der Verlobung erfuhr. Es war also nur noch eine Frage der Zeit.

Kyras Atem ging stoßweise, ihre Muskeln brannten, sie schwitzte entsetzlich. Erschöpft lehnte sie sich gegen die Steinmauer, die das Resort von der Promenade trennte. Wäre sie nur zeitiger zum Laufen aufgebrochen! Stattdessen hatte sie die Brautmagazine durchgeblättert und sich beim Anblick der männlichen Models im Frack ausgemalt, wie Cristo darin aussehen würde. Er war ein Bild von einem Mann und machte sicher in jedem Outfit eine gute Figur.

Inzwischen war es bereits später Nachmittag, und sie hatte mehr Fragen wegen der fiktiven Hochzeit als am Vormittag. Sie musste dringend mit Cristo besprechen, wie weit sie gehen sollte. Vielleicht war er ja schon zurück?

Als sie die Suite erreichte, war er jedoch nicht da. Er hatte ihr aber einen Zettel mit seiner Handynummer dagelassen. Also schrieb sie ihm eine SMS.

Muss dich wegen der Hochzeit sprechen. Wann kommst du?

Sie erwartete eine rasche Antwort, da sie bereits wusste, dass er sein Handy kaum aus der Hand legte. Wahrscheinlich nahm er es sogar mit ins Bett. Unwillkürlich stellte sie sich vor, etwas anderes läge darin, jemand anderes … Hastig gebot sie ihren Gedanken Einhalt. Im selben Moment traf seine Antwort ein.

Mein Meeting zieht sich übers Dinner hinaus. Warte nicht auf mich.

Frustriert starrte sie auf ihr Telefon. Sie fühlte sich zurückgewiesen, hintangestellt, vergessen. Cristo war genauso schlimm wie die Männer, mit denen ihre Mutter sie zu verkuppeln versuchte. Rasch tippte sie:

Keine Sorge, das werde ich nicht.

Ihr Zeigefinger schwebte über dem Senden-Knopf, dann löschte sie den Text wieder und wünschte ihm lediglich eine gute Nacht. Er war ihr gegenüber zu nichts verpflichtet, sie waren kein Paar. Insgeheim bedauerte sie die Frau, die eines Tages diesem Mann mit dem charmanten Lächeln verfiel. Ihr würde es nicht besser ergehen.

Sie beschloss, die freie Zeit ihrem Fernstudium zu widmen. Durch die Reisevorbereitungen und die Einarbeitung im Blue Tide Resort hinkte sie mit dem Stoff hinterher. Sie duschte, dann machte sie es sich mit ihrem Laptop auf der Couch bequem. Es galt einige Kapitel durchzuarbeiten und einen zugehörigen Onlinefragebogen zu beantworten. Ehe sie jedoch auch nur das erste Kapitel beendet hatte, bekam sie eine Nachricht. In der Hoffnung, sie käme von Cristo, griff sie zum Handy.

Sofia: Was tust du gerade?

Kyra: Ich lerne.

Sofia: Hast du nicht kürzlich einen heißen reichen Typen aufgerissen?

Kyra: Er arbeitet. Ich erwarte ihn erst spät.

Sofia: Mein Date hat mich auch gerade versetzt. Ich komme zu dir.

Die Gesellschaft würde ihr guttun und helfen, einen klaren Kopf zu bekommen, beschloss Kyra. Lernen konnte sie hinterher immer noch.

Wenig später klopfte es, und ihre Freundin stand vor der Tür. Sofia war ein Stück kleiner als sie, dunkle Locken umrahmten ihr herzförmiges Gesicht. Neugierig sah sie sich in der Präsidentensuite um. „Das ist also das Zuhause deines … Freundes.“ Mit den Fingern zeichnete sie Anführungsstriche in die Luft. „Es ist ja noch toller als die Luxusbungalows, die ich putze.“

„Ich hab doch gesagt, dass er reich ist.“

„Hey, was ist das?“ Sie deutete auf die Brautmagazine auf dem Couchtisch.

Mist! dachte Kyra. Die hatte sie völlig vergessen.

„Ich dachte, er bezahlt dich dafür, dass du seine Freundin spielst? Eine Hochzeit hast du nicht erwähnt.“

„Wir heiraten ja auch nicht.“

„Was willst du dann damit?“ Sofia deutete auf die Magazine.

„Ich plane lediglich eine Hochzeit.“

„Für wen?“

„Hm … möchtest du etwas essen? Wir könnten Pizza kommen lassen.“

„Versuch nicht, vom Thema abzulenken. Willst du wirklich jemanden heiraten, den du kaum kennst?“

„Du warst es doch, die mir geraten hat, mich auf ein Abenteuer einzulassen.“

„Von einer Hochzeit war nie die Rede.“

Kyra hatte ihrem Scheinverlobten zwar versprochen, ihr Abkommen geheim zu halten, doch Sofia war ihre beste Freundin, die Schwester, die sie sich immer gewünscht hatte, und sie war absolut vertrauenswürdig. „Lass uns erst Pizza bestellen, danach reden wir.“

„Darauf kannst du dich verlassen!“ Sofia schnappte sich eine der Zeitschriften und setzte sich aufs Sofa.

Kyra rief bei der Rezeption an, fragte nach einer guten Pizzeria, ließ sich mit dieser verbinden und bestellte. Dann setzte sie sich zu Sofia und erzählte ihr alles. „Daher plane ich ein rauschendes Hochzeitsfest.“

„Zeig mir noch einmal den Verlobungsring.“

Kyra hielt ihr die Hand hin. „Findest du falsch, was ich tue?“

Mühsam riss Sofia sich von dem Anblick los. „Cristo scheint ein echter Gentleman zu sein. Außerdem tust du es deiner Mutter zuliebe.“

Kyra nickte. „Sie klang so besorgt wie noch nie und hat mich geradezu angefleht, sofort nach Hause zu kommen.“

„Ich denke, du solltest dein Abenteuer genießen. Es dient schließlich einem guten Zweck.“

„Möchtest du meine Scheinbrautjungfer sein?“

„Das hat mich noch niemand gefragt! Soll ich jetzt geschmeichelt oder beleidigt sein?“

„Fühl dich geschmeichelt. Ich bin ja auch nur eine Scheinbraut auf einer Scheinhochzeit.“ Sie lachten. „Allerdings muss ich eine echte Hochzeit planen.“

„Heißt das, er lässt Unsummen für ein Fest springen, das nie stattfinden wird? Dann hat er mehr Geld, als erlaubt sein sollte. Gib es mit vollen Händen aus.“

Kyra schnappte sich eines der Brautmagazine. „Hilfst du mir, ein sündhaft teures Kleid auszusuchen, Blumen und was man sonst noch braucht? Cristo hat mich nämlich wegen eines Geschäftsessens versetzt.“

Sofia schüttelte den Kopf. „Was haben Männer nur immer mit ihren Jobs? Bist du sicher, dass er arbeitet?“ Sie war von ihrem letzten Freund betrogen worden und glaubte Männern kein Wort mehr.

„Ja. Er ist sehr nett, allerdings auf seine Arbeit fixiert.“

„Schade. Sonst wäre er ein guter Fang.“

Die Pizza, die wenig später geliefert wurde, schmeckte ebenso köstlich wie der mitgeschickte Wein. Kyra genoss den Abend, doch seltsamerweise fehlte Cristo ihr. Sie verstand einfach nicht, weshalb ihm die Arbeit über alles ging. Wusste er denn nicht, was er versäumte?

Müde von einem langen Arbeitstag fuhr Cristo mit dem Lift zu seiner Suite hoch. Er lockerte die Krawatte und öffnete die obersten Hemdknöpfe. Insgeheim sehnte er sich nach Kyras Lächeln, doch es war so spät geworden, dass sie ihn kaum freundlich begrüßen würde, selbst wenn sie noch wach wäre.

Der Termin hatte sich länger hingezogen als erwartet. Beide Seiten hatten unerbittlich um die besten Konditionen gerungen. Irgendwann hatte sein Assistent vorgeschlagen, essen zu gehen. In der gelösten Atmosphäre im Restaurant hatten sie tatsächlich eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden. Bereits am nächsten Morgen sollten die Verträge unterzeichnet werden.

Hoffentlich ist Kyra noch wach, dachte er, obwohl er keine Ahnung hatte, wieso er sich das wünschte. Wollte er ihr von seinem Erfolg berichten, bei ihr abschalten, oder lag es daran, dass er sich in ihrer Gesellschaft schlichtweg wohlfühlte?

Mit seiner Schlüsselkarte öffnete er die Tür zur Suite. Sofort schlug ihm Gelächter von weiblichen Stimmen entgegen und er entdeckte Kyra im Wohnzimmer auf dem Boden sitzend, neben einer ihm unbekannten jungen Frau. Die beiden amüsierten sich über ein Foto in einem der Brautmagazine, die über den Boden verstreut lagen.

Das schlechte Gewissen hätte ich mir sparen können, dachte er. Sie war offenbar in der Lage, sich selbst zu beschäftigen. Er räusperte sich. „Guten Abend.“

Die Frauen sprangen auf und lächelten ihm freundlich zu. Kyras fröhliche Miene tat ihm gut, die Anspannung des harten Arbeitstags fiel von ihm ab.

„Ist es schon so spät?“, fragte Kyra mit Blick auf die Uhr. „Wir haben uns in den Hochzeitsplänen verloren.“ Schuldbewusst betrachtete sie das Chaos auf dem Fußboden.

„Wie ich sehe, hast du dir Unterstützung geholt.“ Cristo lächelte der Unbekannten zu.

„Die hatte ich dringend nötig.“ Dass er sie schmählich im Stich gelassen hatte, brauchte sie gar nicht erst zu betonen. „Das ist meine Freundin Sofia. Sofia, Cristo.“

„Schön, Sie kennenzulernen, Sofia.“

„Ganz meinerseits.“ Sofia zwinkerte ihrer Freundin zu. „Du hast wirklich nicht übertrieben.“

„Hör gar nicht auf sie“, winkte Kyra ab, als Cristo sie fragend ansah.

Die beiden Frauen verstanden sich offensichtlich gut. Kein Wunder, dachte er. Kyra war eine überaus umgängliche, freundliche Person. Auch aus diesem Grund hatte er sie für seinen Plan eingespannt. Stravos würde ihrem Charme erliegen. Dass er selbst ihrem Zauber verfallen könnte, hatte er nicht bedacht.

Er räusperte sich. „Entschuldige, ich wurde aufgehalten.“ Es war die Wahrheit, dennoch blickte Kyra skeptisch drein. „Hattet ihr einen netten Abend?“

„Und wie! Sofia hat eingewilligt, meine Scheinbrautjungfer bei unserer Scheinhochzeit zu sein.“

„Sie weiß Bescheid?“ Er hatte ihr doch ausdrücklich verboten, jemandem davon zu erzählen.

„Äh, ja …“

„Ich denke, ich gehe jetzt besser.“ Sofia schnappte sich rasch ihre Handtasche und ging zur Tür. Als sie an Cristo vorbeikam, hielt sie kurz inne. „Machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Geheimnis ist bei mir sicher.“

„Danke. Es hängt viel davon ab.“

„Kyra und ich sind seit Jahren die besten Freundinnen. Ich würde alles für sie tun. Ist es womöglich besser, wenn ich noch bleibe?“

Falls sie damit andeuten wollte, er könnte sich unangemessen verhalten, täuschte sie sich gründlich. Das war nicht sein Stil. „Keine Sorge. Kyra ist bei mir in guten Händen.“

Nach einem weiteren eindringlichen Blick wandte Sofia sich wieder ihrer Freundin zu. „Ruf mich an, wenn du etwas brauchst. Egal was.“

„Mach ich. Danke.“

„Ich fürchte, deine Freundin traut mir nicht“, stellte Cristo fest, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war.

„Hat sie denn Grund dazu?“

„Das musst du schon selbst wissen.“ Möglicherweise hatte er ein wenig überreagiert, als er erfahren hatte, dass Sofia sein Geheimnis kannte. Es war spät, er war müde, und seine Karriere hing vom Ausgang des Deals ab. Dennoch hatte er nichts Ungebührliches gesagt oder getan. „Ich hoffe, dass ich das Geschäft mit Stravos rasch abschließen kann.“

„Hat er bereits einem Treffen zugestimmt?“

„Noch nicht. Bestimmt höre ich bald von ihm.“

„Ist unser Arrangement dann zu Ende?“

Hatte sie es wirklich so eilig, von ihm fortzukommen? Hoffentlich nicht. Er genoss ihre Anwesenheit. „Nicht sofort. Wir müssen glückliches Paar spielen, bis sämtliche Verträge unterzeichnet sind.“

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen rekelte Kyra sich genüsslich. Es war Wochenende, sie wollte in aller Ruhe die Geschehnisse der Woche verarbeiten und Energie tanken. Dazu würde sie zuerst joggen und sich dann mit Cristo zusammenzusetzen, um herauszufinden, welche Art von Hochzeit ihm vorschwebte. Sie hatte bereits einige Ideen ausgearbeitet, wusste aber nicht, wie er darüber dachte.

Bereits in Sportsachen, machte sie sich auf die Suche nach ihm. Er war weder im Wohnzimmer noch in seinem Büro. Obwohl sie nicht glaubte, dass er noch schlief, wollte sie gerade an seine Tür klopfen, als die Eingangstür aufging und er hereinkam – in Anzug und Krawatte.

„Nimmst du eigentlich nie frei?“

„Wozu?“, fragte er todernst.

„Immer nur arbeiten, niemals spielen …“

„Hältst du mich etwa für einen Langweiler?“

„Kann schon sein.“ Sie lächelte, um der Bemerkung die Spitze zu nehmen. „Ist dir nicht klar, dass du dir gelegentlich mal eine Auszeit nehmen darfst?“

„Die Welt bleibt nicht stehen, nur weil Samstag ist“, entgegnete er finster. „Viele Geschäfte werden am Wochenende getätigt.“

Kyra seufzte. „Und was ist mit der Arbeit, die wir zu erledigen haben?“

Sein Telefon klingelte, und er bedeutete ihr zu warten.

Am liebsten hätte sie es ihm aus der Hand gerissen. Stattdessen verschränkte sie frustriert die Arme vor der Brust und tippte mit dem Fuß auf den Boden. Cristo schrieb eine Nachricht, dann verstaute er das Gerät wieder in der Hosentasche.

„Was brauchst du denn?“, fragte er.

„Dich.“

„Wieso hast du das nicht gleich gesagt? Ich hätte mich dir sofort hingebungsvoll gewidmet.“ Er grinste frech.

„Hat man mit solchen Sprüchen tatsächlich Erfolg bei den Frauen?“

Cristo zuckte die Achseln. „Ich habe es noch nie ausprobiert.“

„Wenn du nichts Besseres auf Lager hast, wundert es mich nicht, dass du dir eine Scheinbraut suchen musst.“

„Ich reiße eben keine Frauen auf.“

„Weil sie dich anbaggern, oder?“ Er war viel zu sexy, um alleine durchs Leben zu gehen.

„Möglich. Willst du mich anmachen?“

„Nein, danke. Du bereitest mir schon genügend Kopfschmerzen, indem du dich weigerst, mir bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen.“

„Das tue ich gar nicht!“

„Du bist immer mit anderem beschäftigt.“ Doch sie war keine Angestellte, auf die er sämtliche lästigen Aufgaben abwälzen konnte. Sie beschloss, ihn daran zu erinnern, was auf dem Spiel stand. „Vielleicht sollten wir die Verlobung abblasen.“

„Unmöglich!“

Kyra stemmte die Hände in die Hüften. „Es hat nicht den Anschein, als funktionierte dein Plan.“

„Immerhin ist unser Foto im Gesellschaftsteil gelandet.“

„Wenn Mr. Stravos so gründlich ist, wie du sagst, erwartet er bestimmt, uns zusammen zu sehen.“

Cristo zuckte lässig die Achseln. „Im Restaurant haben wir jedenfalls alle überzeugt.“

„Das ist schon Tage her. Angeblich ist Mr. Stravos ja so skeptisch.“

„Was schlägst du vor?“

„Lass uns den Tag zusammen verbringen und uns besser kennenlernen.“ Cristo sah sehnsüchtig auf ihren Mund, und ihr Herz setzte unwillkürlich einen Schlag lang aus. „Als glückliches Paar sollten wir viel mehr voneinander wissen.“

„Mein Termin …“

„Kann bestimmt verschoben werden. Das Ganze war deine Idee. Aber wenn du meinst, wir sollten es vergessen …“

„Lass mich kurz telefonieren.“

„Danach ziehst du dir Laufschuhe an. Du joggst doch, oder?“ Womöglich hatte er seine athletische Figur nicht regelmäßigem Training zu verdanken, sondern guten Genen.

Cristo nickte und verschwand. Kurz darauf kehrte er in blauem Tanktop und Laufshorts zurück. Auf dem Weg zum Strand schwieg er. Er war so schweigsam, dass Kyra sich erschrocken fragte, ob sie seinen Tag mit ihren Plänen ruiniert hatte. „Wenn du keine Lust aufs Laufen hast, verstehe ich das“, sagte sie daher vorsichtig.

„Hast du Angst, du könntest nicht mit mir mithalten?“ Er warf ihr einen siegessicheren Blick zu.

Kyra hatte jedoch keine Bedenken. Er wirkte zwar durchtrainiert, war aber nicht gelaufen, seit sie ihn kannte, während sie jeden Morgen ihre Runde gedreht hatte. „Es wird sich herausstellen, wer mit wem mithalten kann.“

Sie dehnten sich und wärmten sich auf, dann starteten sie in einem flotten Tempo. Immer wieder versuchten sie, einander davonzulaufen, was für Kyra, die sonst immer allein trainierte, eine Herausforderung darstellte. Nach einer Weile war sie erschöpft, während Cristo kaum zu schwitzen schien. Dabei müsste er als Büromensch längst am Ende seiner Kräfte sein.

Als spürte er ihren verwunderten Blick, wandte er sich zu ihr um. „Das hast du wohl nicht erwartet?“

„Nein. Du arbeitest rund um die Uhr …“

„Daher hast du angenommen, ich wäre außer Form?“ Er verlangsamte auf Schritttempo. „Die Zeit zum Trainieren nehme ich mir schon.“

„Wann denn? Du hetzt doch von Termin zu Termin.“

„Was mir wirklich wichtig ist, schaffe ich auch. Manchmal trainiere ich vor der Arbeit, oft mittags, und an besonders stressigen Tagen abends.“

Sport bedeutete ihm offenbar mehr als sein Sozialleben. „Hört sich an, als wärst du ein Gesundheitsfanatiker.“

„Ich esse durchaus gerne ein saftiges Steak. Sport hilft mir, Stress abzubauen. Als Schüler habe ich Football gespielt, nach dem Training oder einem Spiel ging es mir immer besser. Deswegen halte ich mich heute noch in Form.“

„Ich wusste gar nicht, dass in Griechenland Football gespielt wird.“

„Ich bin in New York aufgewachsen.“

„Echt? Genau wie ich. Wie klein die Welt doch ist! Lass mich raten: Du warst bestimmt Quarterback.“

„Zur Enttäuschung meines Vaters hat es nur zum Wide Receiver gereicht.“

„Wollte er nicht, dass du Football spielst?“

„Als Kiriakas hätte ich mindestens Spielführer sein müssen. Und da der Wide Receiver lediglich die Pässe des Quarterbacks empfängt, war ihm das nicht genug“

„Bestimmt war er dennoch stolz auf dich.“

Statt darauf einzugehen, schlug Cristo vor: „Lass uns umkehren. Wir laufen um die Wette. Du bekommst einen Vorsprung.“

Den nahm Kyra gern an, obwohl es ihr peinlich war. „Der Sieger zahlt den Lunch.“ Beim Laufen dachte sie nach. Glaubte Cristo wirklich, er hätte seinen Vater enttäuscht? War er aus diesem Grund so verschlossen?

Nach dem Laufen ruhten sie sich an einem Tisch auf der Hotelterrasse aus. Kyra hatte das Rennen knapp gewonnen, der charmante Hoteleigentümer hatte ihr den Sieg geschenkt.

„Jetzt musst du das Essen bezahlen.“ Seine Augen funkelten vergnügt.

„Hast du mich deswegen gewinnen lassen?“

Gespielt entrüstet schüttelte er den Kopf. „Das würde ich nie tun! Du willst wohl kneifen?“

Wieso bist du nicht immer so locker? dachte sie. Ihre Zweckgemeinschaft wäre einfacher, wenn sie ihm nicht jedes Detail seines Lebens mühsam entlocken müsste. „Hast du eigentlich Geschwister?“

„Drei … äh, zwei ältere Brüder. Und du?“

Das war ein seltsamer Versprecher, fand sie, ignorierte ihn jedoch. „Ich bin Einzelkind. Sofia ist die Schwester, die ich mir immer gewünscht habe.“

„Wie lange kennt ihr euch schon?“

„Seit der Schulzeit. Wir sind unzertrennlich.“

„So, weißt du nun genug über mich?“

„Das ist ein Witz, oder? Wir haben kaum angerissen, was Verlobte voneinander wissen müssen.“

„Über mich gibt es nicht viel zu sagen.“

Eingebildet war er jedenfalls nicht. „Im Gegenteil. Was isst du beispielsweise am liebsten?“

Surf and Turf, ich mag diese Kombination aus Meeresfrüchten und Fleisch.“

„Und deine Lieblingsband?“ Kyra hielt ihn für einen Klassikfan.

„U2.“

Verblüfft zog sie die Augenbrauen hoch. „Kaffee oder Tee?“

„Kaffee.“

„Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang?“

„Sonnenaufgang.“

„Links oder rechts.“

„Wie meinst du das?“

„Deine bevorzugte Seite im Bett.“

„Links.“

Gut, dachte Kyra. Sie schlief am liebsten rechts. Gleich darauf schalt sie sich, weil sie wieder einmal Fiktion und Wirklichkeit verwechselt hatte.

„Jetzt bin ich dran.“ Cristo neigte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch, ehe er eine Frage nach der anderen abfeuerte. Kyra fand Spaß an dem Spiel und antwortete bereitwillig.

„Oben oder unten?“, fragte er grinsend.

„Das geht dich gar nichts an!“

„Als dein Verlobter sollte ich das schon wissen.“

Verlegen wechselte sie das Thema. „Was macht das Geschäft mit Stravos eigentlich so bedeutsam?“

Seufzend lehnte Cristo sich zurück und nippte an seinem Kaffee. „Glamour Hotels und Casinos existieren bislang nur in Nordamerika. Ich möchte daraus eine weltweite Kette machen. Die Star Hotels von Stravos gibt es bereits überall auf der Welt. Wie ich gehört habe, möchte sein Enkel sich jedoch künftig ausschließlich aufs Reedereigeschäft konzentrieren. Ich habe mein Interesse an den Hotels bekundet, ehe sie offiziell zum Verkauf stehen.“

Damit war Cristo ihrer Frage geschickt ausgewichen, doch Kyra beschloss, ihn nicht weiter zu bedrängen. Er hatte sich ihr zumindest ein wenig geöffnet. Daher kam sie wieder auf die Hochzeit zu sprechen. „Wie weit soll ich mit meinen Vorbereitungen eigentlich gehen?“

„Bis zum Ende.“ Er schob den Stuhl vom Tisch zurück und wollte aufstehen, doch seine Antwort genügte Kyra nicht.

„Ich habe keine Lust, mir alles aus den Fingern zu saugen. Außerdem finde ich, dass Verlobte wenigstens einige Entscheidungen gemeinsam treffen sollten.“

In seiner Wange zuckte ein Muskel. „Leider habe ich keinerlei Erfahrung mit der Planung von Hochzeiten.“

„Denkst du etwa, ich?“

„Du bist eine Frau. Träumt nicht jede Frau von ihrem großen Tag?“

„Ich nicht. Falls eines Tages der Richtige auftaucht, könnte ich mir zwar vorstellen, sesshaft zu werden. Heiraten, weil meine Mutter es erwartet, werde ich aber nicht.“

„Das heißt, jemand wie ich käme für dich nicht infrage?“

Kyra zögerte. Sollte sie ehrlich sein? Vermutlich bekam ein reicher, mächtiger Mann wie er nicht häufig offen die Meinung gesagt. Sie atmete tief durch. „Nein, dich würde ich nicht heiraten. Du lebst in deiner eigenen Welt. Du sagst zwar das Richtige, doch wenn es darauf ankommt, kneifst du.“

„Das ist unfair! Ich stehe gerade vor dem wichtigsten Abschluss meines Lebens. Du hast ja keine Ahnung, was auf dem Spiel steht.“

„Ich fürchte, du tätigst ständig bedeutende Geschäfte oder musst irgendwelche Katastrophen verhindern. Die Arbeit ist deine große Liebe. Sie lässt in deinem Leben keinen Platz für eine Frau.“

Cristo öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Sie hatte ihn kalt erwischt, er hatte keine Antwort für sie. In diesem Moment klingelte sein Handy.

Kyra seufzte. „Lass mich raten: Du gehst dran, obwohl wir endlich offen miteinander reden.“

„Es könnte wichtig sein.“

„Bekommst du überhaupt jemals einen unwichtigen Anruf?“

Wortlos nahm er das Gespräch entgegen und ging ein Stück Richtung des Geländers, das das Café vom Strand trennte.

Kyra fühlte sich bestätigt in ihrem Entschluss, Single zu bleiben. Sie könnte es nicht ertragen, beiseitegeschoben und vergessen zu werden. Für Cristos Plan war sie eigentlich auch nicht die Richtige. Sie investierte bereits zu viel in einen Mann, der ihr Leben nur kurz kreuzen würde. Doch ausschalten ließen sich ihre Gefühle für ihn nicht.

Das Telefonat zog sich in die Länge, allmählich verlor sie die Geduld. Sie leerte ihre Tasse und wollte gerade zum Duschen in die Suite zurückkehren, als sie bemerkte, dass Cristo sich in Rage redete.

„Du hast doch nur Angst, dass meine Hotelkette deiner Konkurrenz macht, wenn ich den Deal durchbekomme.“

Neugierig spitzte sie die Ohren. Wer mochte ihn wohl dermaßen aus der Ruhe bringen?

„Ich bin nicht illoyal der Familie gegenüber. Es geht ums Geschäft, nicht mehr, nicht weniger. Das habe ich von dir gelernt.“

Es war unhöflich, ein Telefonat zu belauschen, doch Kyra konnte nicht anders. Cristos verletzliche Seite faszinierte sie.

„Es tut mir leid, wenn du so empfindest, Vater. Tu, was du tun musst, ich mache dasselbe.“

Der Ärmste! dachte sie. Sie hatte oft genug mit ihrer Mutter gestritten und konnte nachempfinden, wie er sich gerade fühlte.

„Ich bin für dich seit jeher eine riesige Enttäuschung!“ Mit diesen bitteren Worten legte er auf.

Erschrocken schnappte Kyra nach Luft. Eine Diskussion mit dem eigenen Vater im Streit zu beenden war nicht gut. Sie hatte sich oft über ihre Mutter geärgert, war sich aber ihrer Liebe sicher und brauchte ihr nichts zu beweisen. Was war nur zwischen Cristo und seinem Vater vorgefallen, das sie dermaßen entzweit hatte?

Für Kyra gab es nun kein Zurück mehr. Sie wollte Cristo nicht den Teppich unter den Füßen wegziehen, wenn sein eigener Vater ihn für einen Versager hielt. „Ich bin hungrig vom Laufen. Sollen wir jetzt den Lunch bestellen?“, schlug sie vor, um mehr Zeit zum Reden zu haben.

Müde wandte er sich zu ihr um. Er war blass und schien um Jahre gealtert. Am liebsten hätte sie ihn in die Arme genommen und getröstet, doch das ließe sein Stolz nicht zu.

„Das war mein Vater. Er hat von unserer Verlobung erfahren“, erklärte er, als er wieder an ihrem Tisch war.

„Ich dachte, der Artikel wäre nicht in New York erschienen.“

„Er hat seine Quellen.“ Er rieb sich den Nacken. „Von meinem Angebot an Stravos weiß er auch.“

„Das tut mir leid.“

„Muss es nicht. Du hast nichts damit zu schaffen.“

„Ich bedauere, dass ihr gestritten habt.“

„Ich brauche hier kein Mitleid. Dad ist ein kalter harter Mann. Wenn der Deal durchkommt, besitze ich eine internationale Hotelkette. Damit übertrumpfe ich meine Brüder. Dann muss er endlich meinen Erfolg anerkennen und kann mich nicht länger als verantwortungslosen unnützen Jungen ansehen, der … Egal. Es spielt keine Rolle.“

Kyra war anderer Meinung, wollte ihn aber nicht bedrängen. Immerhin verstand sie ihn jetzt etwas besser. Sie beschloss, alles zu tun, damit er sich seinem Vater gegenüber beweisen konnte.

Den Rücken an die Couch gelehnt, die Beine weit von sich gestreckt, saß Cristo auf dem Boden seiner Suite. Wann hatte er eigentlich das letzte Mal einen Sonntag freigemacht?Frei? Stirnrunzelnd betrachtete er das Brautmagazin, das Kyra ihm gerade reichte. Das perfekte Kleid, stand auf dem Cover und Geständnisse in der Hochzeitsnacht. Er stöhnte.

„Hast du etwas gesagt?“, fragte Kyra.

„Nein.“ Wenn nur das Telefon klingelte! Dann könnte er tun, als gäbe es einen Notfall. Doch zum ersten Mal seit einer Ewigkeit blieb der Apparat stumm. Und er saß fest.

„Ich habe dir einige Seiten markiert.“

Wäre es doch das Wall Street Journal! Stattdessen befasste sich das Magazin mit dem perfekten Nagellack zum Brautkleid, preiswertem Blumenschmuck …

„Hier werden wirklich sämtliche Bereiche abgedeckt. Ich habe beim Lesen wahnsinnig viel gelernt.“

Stirnrunzelnd überflog er einen Artikel: Die unvergessliche Hochzeitsnacht. Plötzlich sah er Kyra vor sich, in einem hauchzarten Etwas … Nein, sie trüge ein klassisches weißes Nachthemd, das er ihr genüsslich vom Leib streifen könnte. Rasch klappte er die Zeitschrift zu.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt.

Nein, dachte er und versuchte, sich rasch auf etwas anderes zu konzentrieren. Da kam ihm eine Idee. „Ich wollte dir übrigens noch etwas sagen.“

Kyra legte Block und Stift beiseite und sah ihn erwartungsvoll an. „Ich höre.“

Er stand auf, trat an die Küchentheke, griff nach seiner Aktentasche und zog einen Umschlag heraus. „Ich habe zwischen den Terminen Informationen über deinen Familiennamen gesammelt.“

Als er ihr das Kuvert reichte, berührten sich ihre Finger. Plötzlich sehnte er sich danach, sie zu berühren, zu küssen. Der Kuss zur Verlobung war viel zu lange her!

„Wie lieb von dir!“

„Erwarte nicht zu viel. Der Name ist weit verbreitet. Wir brauchen nähere Informationen. Was ist mit deinem Vater? Wurde er hier geboren?“

„Er kam in den Staaten zur Welt. Mein Großmutter war bei der Atlantiküberquerung schwanger.“

„Dann existiert hier also keine Geburtsurkunde von ihm. Kennst du weitere Namen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Seine Mutter hat selten über ihre Familie gesprochen – aus Heimweh vermutlich.“

„Und die Familie deines Großvaters?“

„Ist während einer Grippewelle ums Leben gekommen. Er ist bei Freunden seiner Eltern aufgewachsen.“ Nachdenklich sog sie die Unterlippe zwischen die Zähne. „Ich habe etwas, das uns vielleicht weiterhelfen könnte.“

Als sie aufspringen wollte, legte er eine Hand auf ihre Schulter. „Konzentrieren wir uns erst einmal auf die Hochzeit. Um deine Familie kümmern wir uns morgen.“

„Oh“, machte sie enttäuscht und gab ihm den Umschlag zurück. „Vielen Dank dafür. Es gleicht zwar der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, ist aber zumindest ein Anfang.“ Ihre Augen schimmerten feucht. „Womöglich halte ich gerade die Namen eines Verwandten in Händen.“

Erst jetzt begriff Cristo, wie viel ihr die Sache bedeutete. „Ich würde mich freuen, wenn du deine Familie findest.“

„Bislang hatte ich nicht den Eindruck, du wolltest mir helfen.“

Verlegen raufte er sich das Haar. Wie sollte er ihr seine Motive nur erklären, wenn er sich selbst nicht im Klaren darüber war?

„Ich schätze, ich weiß, wie es ist, wenn man sich allein und isoliert fühlt.“ Halt! Empfand er wirklich so? Seelenerforschung war nichts für ihn, doch ihr gespannter Blick veranlasste ihn fortzufahren. „Meine Familie ist noch am Leben, aber ich habe sie freiwillig verlassen. Du dagegen hattest nie die Wahl.“

„Danke für dein Verständnis. Es ist nie zu spät, sich mit den Seinen auszusöhnen. Unsere Hochzeit wäre ein guter Anlass, deine Familie einzuladen.“

Er schüttelte den Kopf. „Womit wir wieder beim Thema wären …“

Am nächsten Morgen erwachte Kyra, noch bevor der Wecker klingelte. Beim Duschen und Anziehen kreisten ihre Gedanken um Cristo. Wenn jemand ihr helfen konnte, ihre Familie aufzuspüren, dann er. Er sprach fließend Griechisch und kannte viele Leute, auch solche namens Pappas. Als sie fertig war, war Cristo nicht im Wohnzimmer. Auch sein Büro war leer. Hatte er womöglich verschlafen? Zufällig fiel ihr Blick auf die Kaffeetheke. Dort lag eine Notiz:

Liebe Kyra,

es gibt Probleme im Büro, um die ich mich persönlich kümmern muss. Überprüfe inzwischen die Websites, die ich unten aufgelistet habe. Vielleicht helfen sie dir weiter.

Bis später

Cristo

Wie dumm von mir zu glauben, dass du mir weiterhilfst! dachte sie frustriert. Sie hätte ahnen müssen, dass etwas dazwischenkam.

Sie beschloss, eine Runde laufen zu gehen, statt ihren Frust mit einer Großpackung Eiscreme zu betäuben. Bewegung, frische Luft und Sonne würden ihr helfen zu verschmerzen, dass Cristo nicht besser war als andere Männer.

Eine Stunde später kehrte sie in die Suite zurück. Es ging ihr besser, und sie war fest entschlossen, ihre Familie aufzuspüren – mit oder ohne seine Hilfe.

Nach einer erneuten Dusche setzte sie sich mit dem Laptop auf die Couch und rief die Websites auf. Viel später hörte sie, wie die Tür geöffnet wurde. Sie zwang sich, auf den Monitor zu sehen, doch in Gedanken war sie bereits bei dem überaus attraktiven Mann, der gerade hinter sie trat.

„Hallo, Kyra.“

„Hi.“ Leicht wollte sie es ihm nicht machen. Er hatte sie versetzt und stillschweigend von ihr verlangt zu akzeptieren, dass seine Arbeit wichtiger war als alles andere.

Er kam um die Couch herum. „Willst du mich nicht ansehen?“

„Brauchst du etwas?“ Sie schenkte ihm nur einen kurzen Blick.

„So ist das also: Du bist eingeschnappt, weil ich arbeiten musste.“

„Kein Problem. Ich komme auch ohne dich zurecht.“

„Wirklich?“ Das klang erfreut. Er zog das Sakko aus und hängte es über die nächste Stuhllehne.

„Ich konnte einige Kontakte herstellen und habe darüber hilfreiche Informationen erhalten.“

„Großartig.“ Er setzte sich neben sie auf die Couch und krempelte die Ärmel hoch. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dich im Stich lassen musste. Jetzt kann ich dir aber helfen, wobei auch immer. Und morgen fahren wir nach Athen und forschen dort weiter.“

„Nicht nötig. Du hast deine Arbeit …“

„Die kann warten. Ich möchte dir wirklich helfen. Morgen lasse ich mich von keinem Notfall aufhalten, das verspreche ich. Einverstanden?“

Kyra lenkte ein. „Ja, okay, danke.“

„Gut. Zeigst du mir deine Ergebnisse? Und bestellst du uns bitte etwas zu essen?“

„Einen Moment.“ Sie sprang auf und ging. Sekunden später kehrte sie zurück und reichte ihm ein Foto.

Cristo nahm den schwarz-weißen Schnappschuss von einem jungen, offenbar schwer verliebten Paar entgegen, betrachtete es eingehend und drehte es um. Die Rückseite war leer. „Wo sind Geburtsurkunden, Trauschein und die Familienbibel?“

„Das Foto ist alles, was ich habe. Der Rest wurde bei einem Brand vernichtet, als mein Vater noch ein Kind war. Das Foto entstand, nur wenige Wochen bevor meine Großeltern ihre Ausreise in die Staaten gestartet haben.“

„Viel ist das nicht gerade“, meinte Cristo.

„Besser als nichts, oder?“

Er seufzte. „Vermutlich. Darf ich es mir borgen? Ich lasse Kopien davon anfertigen.“

Bei dem Gedanken, das einzige Bindeglied zu ihrer Vergangenheit aus der Hand zu geben, war Kyra unwohl. „Wenn es sein muss. Meinst du, es gibt darauf einen Hinweis, der uns weiterhilft?“

„Ich lasse es vergrößern, dann lässt sich vielleicht am Hintergrund erkennen, wo es geknipst wurde.“

„Beim Betrachten mit einer Lupe habe ich nichts entdeckt.“

„Die Gebäude könnten den entscheidenden Hinweis liefern. Was hast du im Internet aufgestöbert?“

Bereitwillig zeigte Kyra ihm ihre Ergebnisse. Die Suche war wie ein Puzzle. Um die einzelnen Teile zusammenzufügen, brauchte sie seine Hilfe. Zugleich gefiel es ihr, im Fokus seiner Aufmerksamkeit zu stehen. Ihr Projekt schien ihn immer mehr zu fesseln, im selben Maß wuchs auch ihre Zuversicht.

Den restlichen Abend über surften sie im Internet und aßen, was der Zimmerservice lieferte. Dabei lernte sie Cristo von einer neuen, bodenständigen Seite kennen, die ihr sehr, sehr gut gefiel.

5. KAPITEL

„Schade, dass wir in der Bibliothek nicht mehr erreichen konnten“, sagte Cristo zu seiner Verlobten, die neben ihm in der Limousine saß.

„Wir haben unser Bestes getan. Du hast mir sehr geholfen mit den zahllosen Zeitungsartikeln, Jahrbüchern und den anderen Büchern.“

„Gib bloß nicht auf. Vielleicht liefert uns das Foto deiner Großeltern ja den Schlüssel.“

„Möglich.“ Trotzdem ließ Kyra entmutigt den Kopf hängen.

„Die Bibliothek ist riesig. Wir haben kaum an der Oberfläche gekratzt“, versuchte er sie zu trösten.

„Du hast ja recht. Dennoch ist es frustrierend.“

„Denk eine Weile an etwas anderes.“

„Ich habe sowieso noch etliche Fragen an dich.“ Sie zog Block und Stift aus ihrer Handtasche. „Wie viele Gäste möchtest du zur Hochzeit einladen?“

„Müssen wir das hier und jetzt besprechen?“

„Wir haben gerade nichts Besseres vor.“

„Ich hätte da schon eine Idee.“ Anzüglich grinsend warf er einen Blick in Richtung Chauffeur. Er brauchte nur die Trennscheibe hochzufahren, dann wären sie allein.

Kyra schmunzelte. „So war das nicht gemeint.“

„Es würde dir bestimmt gefallen.“ Als er spielerisch nach ihr griff, wich sie ihm aus. „Gut, du hast gewonnen“, lenkte er ein. „Was willst du wissen?“

„Wie groß die Hochzeit werden soll.“

„Klein und intim. Etwa fünfhundert Gäste.“

„Ist das dein Ernst?“

„Was hast du denn gedacht?“

„Mir würden zwanzig Gäste genügen. Da du ein bedeutender Geschäftsmann bist, wäre ich auch mit einhundert einverstanden.“

Familie, Angestellte, Geschäftspartner … Cristo überlegte. „Mit etwas Mühe ginge das, da von deiner Seite niemand kommt.“

Kyra machte einen Vermerk auf ihrem Block. „Ich habe im Internet recherchiert. Wir können die Einladungskarten gleich durch den Drucker versenden lassen, gegen einen Aufschlag sogar per Express.“

„Das ist gut.

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