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ROMANA EXTRA BAND 50

RACHAEL THOMAS

Um Mitternacht allein mit dir

Xaver Moretti ist ein italienischer Ehrenmann! Nie würde er die schöne Tilly küssen, solange sie für ihn arbeitet. Aber um Mitternacht endet ihr Vertrag. Soll er es wagen und sie einfach in seine Arme ziehen?

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Um Mitternacht allein mit dir

1. KAPITEL

Nichts konnte Tilly Rogers Begeisterung dämpfen. Sie hatte einen neuen Auftrag an Land gezogen und sollte heute Abend das Catering für Xavier Morettis Silvesterparty übernehmen – das würde ihrer neuen Firma den nötigen Auftrieb geben.

Das Herrenhaus, das er für diese Gelegenheit gemietet hatte, lag zwar am Rande von Exmoor und war etwas schwierig zu finden, aber nicht einmal das störte sie. Sie würde weit weg sein von London und froh, dass dieses Silvester sich sehr von dem des letzten Jahres unterscheiden würde.

Tilly umfasste das Steuerrad ihres kleinen weißen Lieferwagens fester, als der Schnee immer dichter fiel. Eigentlich müsste sie das Anwesen gleich erreichen, und tatsächlich erblickte sie nach der nächsten Kurve ein großes schmiedeeisernes Tor. Doch ihre Erleichterung schwand schnell wieder.

Denn das Tor war fest verschlossen, und sie betrachtete unschlüssig die lange Einfahrt. Sie konnte das Herrenhaus noch nicht mal sehen, aber dann entdeckte sie eine Plakette auf einer der großen Säulen rechts vom Tor. Wimble Manor stand darauf – sie war also richtig.

Die prächtige Einfahrt ließ darauf schließen, dass es sich hier um den Haupteingang handelte. Doch Tilly wusste von ihrem kurzen Gespräch mit der Haushälterin, dass sie den hinteren Eingang für das Personal benutzen sollte. Deshalb legte sie den Rückwärtsgang ein. Der Schnee bedeckte bereits die vor ihr liegende asphaltierte Straße. Wie gut, dass sie früher als geplant von London aufgebrochen war.

Nach ein paar Metern entdeckte sie ein kleines Pförtnerhaus. Sie folgte den Reifenspuren in der Einfahrt. Irgendjemand musste hier kurz zuvor entlanggefahren sein. Katie und Jane, ihre beiden Mitarbeiterinnen, konnten es nicht gewesen sein. Sie würden erst heute Nachmittag eintreffen, und bis dahin würde es hoffentlich aufgehört haben zu schneien.

Vorsichtig folgte sie der weißen Spur und sah sich staunend auf dem Grundstück um, das sich mehr und mehr in eine winterliche Märchenlandschaft verwandelte. Die schmale Straße führte durch ein Wäldchen und über eine alte Steinbrücke. Danach erblickte Tilly Wimble Manor.

„Oh, mein Gott“, rief sie leise und betrachtete staunend das beeindruckende Herrenhaus. Der Schnee verlieh ihm etwas Geheimnisvolles, Romantisches. Sie hätte sich gewünscht, Zeit für einen Spaziergang zu haben, aber diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten. Sie musste den Auftrag unbedingt erfolgreich erledigen, das war das einzig Wichtige. Xavier Moretti, der unbestrittene König des Motorsports, der sich inzwischen zu einem Geschäftsmann und Mentor für junge Rennfahrer entwickelt hatte, war ihr bisher prominentester Kunde.

Die E-Mail, in der er sie mit dem Catering für seine Silvesterparty beauftragt hatte, hatte Tilly aufgewühlt. Und das war noch untertrieben. Denn sie brauchte diesen Auftrag unbedingt: nicht nur für ihre junge Firma, sondern vor allem für sich selbst. Die Arbeit war eine willkommene Abwechslung, denn sonst hätte sie bestimmt nur die ganze Zeit darüber nachgedacht, was am letztjährigen Silvesterabend geschehen war. Und außerdem lieferte sie ihr die perfekte Entschuldigung dafür, keine Party besuchen zu müssen.

Dann hatte allerdings ihre beste Freundin Vanessa die ganze Sache kompliziert, als sie verkündete, dass sie am Neujahrstag ihre Verlobung bekanntgeben wolle. Vanessa wusste genau, was im Jahr zuvor passiert war, und hatte sich um sie Sorgen gemacht. Doch Tilly hatte ihr glaubhaft versichert, dass sie längst über alles hinweg sei. Sie werde zu ihrer Party kommen und damit sowohl ihren Freunden als auch sich selbst beweisen, dass sie dabei war, sich neu zu erfinden – genau so, wie sie es mit ihrem Geschäft gemacht hatte.

Tilly zwang sich, jetzt nicht mehr an Vanessas bevorstehende Verlobung zu denken, sondern sich auf ihren Auftrag zu konzentrieren. Xavier Moretti hatte sie gebeten, ein authentisches italienisches Essen auszurichten, was ihr bestimmt nicht schwerfallen würde, schließlich hatte sie als junges Mädchen viele Stunden in der Küche ihrer italienischen Großmutter verbracht. Als sie sich daran erinnerte, musste sie unwillkürlich lächeln. Sie war fest entschlossen, ein ganz besonderes Mahl zu servieren, die Gäste sollten noch lange darüber sprechen.

Sie dachte über Einzelheiten des Menüs nach, während sie um das Haus herumfuhr und dann zu einem Innenhof kam. Die Reifenspuren waren auch hier noch zu erkennen. Sie nahm an, dass das Auto der Haushälterin gehörte, die alles für Xavier Morettis Ankunft vorbereitete. Hoffentlich würde es noch eine Weile dauern, bis er eintraf. Denn sie brauchte den Vormittag für ihre Vorbereitungen.

Noch in Gedanken versunken, registrierte sie erst jetzt, dass die Reifenspuren zu einem kleinen schwarzen Sportwagen führten, der inzwischen fast eingeschneit war. Sie parkte ihr Auto, stieg aus und sah sich staunend in der prächtigen Umgebung um. Dabei war ihr egal, dass der Schnee weiterhin auf ihr Gesicht fiel und sich in ihrer roten Wollmütze verfing.

Tilly zog ihren Schal fester um den Hals und widerstand dem Impuls, den kopfsteingepflasterten Hof zu überqueren und zu erkunden, was sich in den anderen Gebäuden befand. Dafür würde sicher später noch Zeit sein. Jetzt musste sie erst einmal ihren Lieferwagen ausladen und alles in die Küche bringen. Für die Party heute Abend gab es schließlich noch eine Menge zu tun. Sie seufzte bedauernd, drehte sich um und blieb plötzlich wie erstarrt stehen.

Denn im offenen Türrahmen stand ein Mann, der so attraktiv und selbstsicher wirkte, dass es nur Xavier Moretti sein konnte. Tilly hatte Fotos von ihm im Internet gesehen. Er schaute sie mit einer Mischung aus Zuversicht und Amüsement an. Der Schatten eines Lächelns umspielte seinen Mund.

Sein dunkles Haar wehte im Wind, und die Schneeflocken setzten sich weiß dagegen ab, bevor sie schmolzen. Sein gebräunter Teint bildete einen starken Kontrast zu Englands Winterwetter, und sie konnte den Blick kaum von ihm abwenden. Er wirkte so exotisch, mit einem Hauch von Wildheit, den sie merkwürdig aufregend fand.

Da sie es nicht gewohnt war, in der Nähe eines solchen Mannes zu sein, errötete Tilly, bemühte sich aber, die Kontrolle zurückzugewinnen. Sie spürte ein Flattern im Magen. Doch innerlich wusste sie, dass es mehr war. Sie versuchte, das Gefühl zu ignorieren. Denn egal, was auch passieren würde, sie musste ihm gegenüber professionell bleiben. Es war das erste Mal, dass er Tilly’s Table für eine Dinnerparty gebucht hatte, und sie brauchte noch mehr solche Aufträge, damit sie sich einen Namen machen konnte.

Xavier Moretti trug einen dunkelgrauen Pullover, der warm und lässig aussah, darunter ein blaues Hemd. Zu ihrem eigenen Entsetzen konnte sie ihren Blick nicht von seinen langen Beinen lösen, die in einer engen Jeans steckten. Was, zum Teufel, war nur mit ihr los? Noch nie zuvor hatte sie auf einen Mann eine solche Lust gehabt. Schließlich riss sie sich zusammen und sah, dass er sie aufmerksam beobachtete.

„Hallo! Ich bin Tilly Rogers, und ich soll heute Abend für das Catering auf der Dinnerparty von Mr. Moretti verantwortlich sein.“ Er lächelte erneut, und sie fühlte sich in ihrem Verdacht bestätigt. Kein Zweifel, das war Xavier Moretti.

Buongiorno, Xavier Moretti“, erwiderte er. Sein italienischer Akzent ließ ihn noch attraktiver erscheinen. „Ich habe noch nicht so früh mit dem Vergnügen Ihrer Gesellschaft gerechnet, Ms. Rogers.“

Tilly lächelte. „Und ich habe nicht erwartet, dass Sie bereits hier sind, Signor Moretti.“

„Xavier, bitte.“ Er zuckte mit den Schultern. „Bitte, kommen Sie doch herein. Sonst erkälten Sie sich noch.“

„Mir geht’s gut“, erwiderte Tilly. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, den Schauer zu ignorieren, den sie beim Klang seiner Stimme verspürte. „Außerdem muss ich auspacken, damit ich mit der Arbeit anfangen kann.“

Er ging über den verschneiten Hof auf sie zu und öffnete die hintere Tür des kleinen Lieferwagens. Tilly beugte sich über die Ladefläche und zog mehrere Kisten heraus. Als er sie von ihr in Empfang nahm, berührten sich kurz ihre Hände. Es durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an. Einen Moment lang begegneten sich ihre Blicke, und es war, als würde die Zeit stehen bleiben. Nichts anderes auf der Welt war mehr von Bedeutung.

Tilly hatte das Gefühl, als würde ihr Herz langsamer schlagen, und sie konnte kaum atmen. Xavier wirkte ruhig und gefasst, sie hätte ihn ewig anschauen können. Doch sie spürte auch die Gefahr, die im Raum lag.

Aber wie kam sie nur darauf? Ein Mann wie er würde eine Frau wie sie nicht zweimal anschauen. Tilly wandte den Blick ab und gab vor, den Inhalt der Kisten zu überprüfen.

„Darf ich Ihnen helfen?“ Seine Stimme klang rau, und zu ihrem Ärger errötete sie erneut. Xavier trug die Kisten ins Haus. Sie sah ihm nach und war froh, dass sie wieder richtig atmen konnte.

Sie holte weitere Kisten aus dem Wagen und folgte ihm. „Hoffentlich hört es bald auf zu schneien“, sagte sie und betrat die Küche. Xavier hatte die Kisten bereits auf einem großen Tisch abgesetzt.

Si. Aber wenigstens sind Sie jetzt hier. Ich freue mich schon sehr darauf, Ihre Kochkünste kennenzulernen, die mir von mehreren Seiten sehr empfohlen wurden.“

Um ihre Verlegenheit zu verbergen, drehte sie sich um und studierte die riesige Küche, die ganz in Glas und Stahl gehalten war. Die Töpfe und Pfannen waren aus Kupfer, was den Charme der Vergangenheit mit den Annehmlichkeiten der Gegenwart kombinierte.

„Diese Küche ist ein Traum. Ich kann es kaum erwarten, hier zu arbeiten.“

„Si, è bello“, sagte er gleichmütig.

Musste er denn unbedingt so italienisch und so sexy klingen? Unwillkürlich dachte Tilly an die glückliche Zeit, die sie als kleines Mädchen in der Küche ihrer Großmutter in der Toskana verbracht hatte. An der Decke hatten Büschel mit Kräutern gehangen, und in ihrer Erinnerung schien immer die Sonne.

Sie ging zurück zum Auto und stellte fest, dass der Schneefall nachgelassen hatte. Nur noch ein paar vereinzelte Flocken fielen zu Boden. Wenigstens musste sie sich deswegen jetzt keine Sorgen mehr machen.

Als sie sich ins Auto beugte, schob sie das Kleid beiseite, das sie extra für Vanessas Verlobungsparty gekauft hatte. Sie strich mit den Fingern über die schwarze Spitze und musste an das Hochzeitskleid denken, das sie vor genau einem Jahr hätte tragen sollen. Plötzlich hörte sie auch Jasons entschlossene Stimme, als er sagte, dass er mehr brauche als nur Freundschaft. Er hatte sie gebeten, neue Erfahrungen zu machen und das Leben zu genießen – genau wie er.

Schmerz und Demütigung überwältigten sie. Nein, sie durfte jetzt auf keinen Fall an die Vergangenheit denken. Das würde ihr nicht helfen. Seufzend zog sie die letzten Kisten aus dem Auto und drehte sich um. In diesem Moment trat Xavier aus dem Haus. Er sah mit ernstem Gesichtsausdruck zum grauen Himmel hinauf.

„Bitte, lassen Sie mich das machen“, sagte er und nahm ihr die Kisten ab.

„Vielen Dank.“ Eine plötzliche Schüchternheit überfiel sie. Es gefiel ihr nicht, dass dieser Mann sie so durcheinanderbringen konnte.

„Prego.“

Und da war sie wieder, diese ungemein sexy Stimme und diese Sprache, die Tilly aus der Kindheit so vertraut war. Ihre Großmutter hatte immer italienisch mit ihr gesprochen und ihr damals all ihre Küchengeheimnisse verraten.

Tilly schloss die Wagentür und ließ das Kleid und ihre kleine Tasche im Auto zurück. Sie war fest entschlossen, morgen Abend auf Vanessas Verlobungsfeier zu gehen. Das schuldete sie ihrer Freundin, die ihr an dem Tag, an dem ihre Welt zusammengebrochen war, so beigestanden hatte. Heute vor einem Jahr war ihre eigene Verlobungszeit zu Ende gegangen. An diesem Tag hatte ihr Jugendfreund ihr gestanden, dass er sie nicht mehr heiraten wollte.

Irritiert darüber, dass diese Erinnerungen ihr immer noch so wehtun konnten, kehrte sie in die Küche zurück. Xavier wirkte so entspannt, als wäre er bei sich zu Hause und nicht in einem gemieteten Herrenhaus. Sie stellte die letzte Kiste auf dem Tisch ab und merkte, dass er sie nicht aus den Augen ließ.

Xavier lehnte gegen den Herd, was ihn an seine Kindheit erinnerte, und beobachtete, wie Tilly Schal und Mütze ablegte. Er sah ihr zerzaustes dickes blondes Haar, und unwillkürlich entstanden in seiner Fantasie Bilder, in denen sie nach einer leidenschaftlichen Nacht in seinem Bett lag. Diese unerwartete Vorstellung entflammte seine Lust.

Die plötzliche Anziehung, die er verspürte, gefiel ihm gar nicht. Schließlich hatte er sie engagiert, um das Catering auszurichten. Man hatte ihm Tilly empfohlen, und er hätte nie gedacht, dass er die Besitzerin von Tilly’s Table derart attraktiv finden würde.

Wahrscheinlich hing es mit diesem Haus zusammen, damit, dass er sich in einer warmen, behaglichen Umgebung befand, so wie er es als Kind gekannt hatte. Erneut kamen ihm unanständige Gedanken, während er die Besitzerin der kleinen Catering-Firma betrachtete. Ja, sie war attraktiv und gleichzeitig bodenständig, was ihm ausnehmend gut gefiel. Es erinnerte ihn an sein fernes Ziel, irgendwann einmal sesshaft zu werden und glücklich zu sein. Aber das war unmöglich. Der Unfall vor drei Jahren hatte all diese Hoffnungen zunichte gemacht.

„Möchten Sie einen Kaffee?“ Ihre weiche Stimme unterbrach ihn in seinen Gedanken, was Xavier nicht unlieb war. Denn schließlich würden seine Eltern, seine Cousine und ihr Mann bald hier sein, und bis dahin gab es noch viel zu tun.

In diesem Moment legte Tilly auch ihren Mantel ab. Ihre engen Jeans und der schwarze Rollkragenpullover betonten ihre schlanke, aber kurvige Figur. Erneut musste Xavier daran denken, wie es sein mochte, mit ihr im Bett zu liegen.

„Grazie“, sagte er und gab sich Mühe, seiner Emotionen Herr zu werden.

Normalerweise ließ er sich nicht so leicht von einer Frau ablenken. Aber von der ersten Sekunde an hatte Tilly Rogers ihn gefesselt. Nun gut – welcher Mann würde sich nicht zu einer so attraktiven Frau hingezogen fühlen? Trotzdem war das Ganze neu für ihn.

Er fand sie sehr erfrischend, spürte jenseits ihres Lächelns und ihrer Wärme eine Sensibilität, die ihn an sich selbst erinnerte und ihn unweigerlich zu ihr hinzog.

Gleichzeitig war ihm klar, dass es keine Frau gab, die sich mit ihm einlassen würde, sobald erst einmal die Wahrheit ans Licht gekommen war. Die Narben an seinen Beinen erinnerten ihn täglich daran, dass er es nicht verdient hatte, glücklich zu sein. Und deshalb war er in den letzten drei Jahren lediglich mal mit einer Frau essen gegangen oder auf eine Party.

Er spürte, wie Tilly ihm nachblickte, als er zum Küchenfenster ging und von dort auf den Hof hinausblickte. Warum wollte er plötzlich Dinge, die ihm verwehrt waren? Ob es mit Carlotta zusammenhing? Er hatte den Ekel auf ihrem Gesicht gesehen nach dem Unfall, hatte gewusst, dass sie ihm die Schuld daran geben würde. Genauso war es dann auch gekommen. Nein, er hatte es nicht verdient, glücklich zu sein – nach allem, was er getan hatte.

„Ich muss noch meine Unterlagen aus dem Wagen holen“, sagte Tilly in diesem Moment und griff nach ihren Autoschlüsseln. „Bin gleich wieder da.“

Er beobachtete, wie sie zur Tür ging, und ihr Hüftschwung faszinierte ihn – als wäre er ein hormongesteuerter Teenager. Kopfschüttelnd folgte er ihr hinaus.

Im Hof lächelte sie ihn an, ihre Augen funkelten. „Wie schade, es schneit ja kaum noch. Ich hatte mich schon so sehr darauf gefreut, die Landschaft ganz in Weiß gehüllt zu sehen.“

Xavier sah hoch zum Himmel, an dem graue Wolken hingen. „Vielleicht wird Ihnen Ihr Wunsch ja noch erfüllt.“

„Der Wetterbericht sagt aber etwas anderes“, erwiderte sie. Sie schloss die Autotür auf, beugte sich nach vorn und holte eine rote Mappe vom Rücksitz.

„Ich bin in Norditalien aufgewachsen, wo Schnee im Winter nichts Ungewöhnliches ist. Glauben Sie mir, es wird später bestimmt wieder schneien, das verrät mir der Himmel.“

„Oh, das klingt gut. Aber hoffentlich erst dann, wenn die Gäste da sind.“ Sie beugte sich erneut nach vorn, und er erhaschte einen Blick auf ihre cremeweiße Haut, als ihr Pullover verrutschte. Er atmete tief ein und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Wusste diese Frau überhaupt, welche Wirkung sie auf ihn hatte? Am liebsten hätte er sie in seine Arme geschlossen und geküsst. Diesen Wunsch hatte er schon lange nicht mehr verspürt.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Esszimmer und die Lounge.“

Er drehte sich brüsk um und ging zurück ins Haus. Tilly folgte ihm. In der großen Halle blieb er stehen. Mitten im Raum stand ein Weihnachtsbaum. Dabei hatte Xavier darum gebeten, ihn zu entfernen, weil auch dieser Baum ihn an das erinnerte, was er nicht mehr verdient hatte.

„Oh, wie schön!“ Mit großen Augen sah Tilly sich in der Halle um. „So einen Baum habe ich mir immer gewünscht. Aber natürlich hab’ ich ihn nie bekommen.“ Ihre Stimme klang plötzlich traurig.

„Eigentlich sollte er gar nicht mehr hier stehen. Das habe ich ausdrücklich angeordnet.“

„Warum denn?“ Schockiert sah sie ihn an. „Es ist doch schließlich Weihnachten!“

„Weihnachten ist längst vorbei.“ Xavier kämpfte mit Gefühlen, von denen er wusste, dass niemand sie teilen konnte. Wie sollte er mit dem Wissen weiterleben, dass er schuld am Tod seines Freundes war? Durch seinen tollkühnen Fahrstil hatte er den Kindern ihren Vater genommen. Diese Familie würde nie wieder gemeinsam Weihnachten feiern.

Tilly schüttelte entschieden den Kopf. Ihr Haar glänzte golden im matten Licht der Halle. „Unsinn! Weihnachten ist längst noch nicht zu Ende, und Sie wollen doch hier Silvester feiern.“

„Ich gebe ein Fest für meine Familie. Nicht mehr und nicht weniger.“ Damit beendete Xavier das Gespräch und ging weiter ins Esszimmer. Sie hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen.

„So, hier soll die Feier stattfinden“, erklärte er und trat zurück, damit sie das große Zimmer betrachten konnte, in dessen Mitte ein Tisch stand, an dem mindestens zehn Personen Platz hatten.

Sie zog ihren Notizblock und einen Kugelschreiber aus der Tasche und begann, sich Notizen zu machen.

„Der Tisch ist ziemlich groß. Wo möchten Sie ihn stehen haben? Vielleicht in der Nähe des Kamins?“ Sie sah ihn an, und er bemerkte ihre geröteten Wangen.

Si, beim Kamin ist eine gute Idee.“ Er trat einen Schritt zurück, um den Abstand zu vergrößern, konnte aber nicht aufhören, sie zu beobachten.

„Wo sollen wir den Champagner hinstellen? Vielleicht dorthin, auf das Sideboard?“ Sie ging hinüber zu der prächtigen Anrichte aus dunklem Holz und betrachtete sie prüfend. Danach trat sie zum Fenster, und ihre Augen leuchteten auf. „Schauen Sie nur – es schneit wieder!“

Xavier ging zu ihr hinüber und stellte sich hinter sie. Erst jetzt fiel ihm auf, wie klein und zierlich sie war. Plötzlich spürte er den überwältigenden Wunsch, sie zu beschützen.

In dem Moment, als er auf sie herabblickte, sah sie zu ihm hoch. Das Blau in ihren Augen, das ihn unwillkürlich an die Farben des Mittelmeers erinnerte, zog ihn magisch an. Er konnte ihr Parfüm riechen, das schwach nach Rosen duftete, und erneut verspürte er den Wunsch, sie zu küssen.

„So, jetzt sollte ich wohl besser anfangen zu kochen.“ Sie trat einen Schritt zurück.

Xavier blieb am Fenster stehen und fragte sich verwundert, was gerade geschehen war. Um ein Haar hätte er die Kontrolle verloren, hätte sich Wünsche gestattet, die er sich nicht länger erfüllen durfte, denn seit dem Unfall war er ein anderer geworden. Er hatte kein Recht mehr darauf, eine Frau zu begehren.

Und auf gar keinen Fall durfte er noch einmal jemanden verletzen.

Tillys Herz klopfte so stark, dass sie sich sicher war, dass man es im ganzen Haus hören müsste. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie das Verlangen in Xaviers Augen aufblitzen sehen und das Gefühl gehabt, dass er sie küssen wollte. Aber das war nicht möglich. Ein dermaßen attraktiver und erfolgreicher Mann konnte sich nicht zu ihr hingezogen fühlen. Dabei hatte sie sich so nach seinem Kuss gesehnt, und das in einer Intensität, die sie noch nie zuvor erlebt hatte. War es vielleicht das, was Jason von ihr gewollt hatte?

Sie stöhnte laut auf. Nein, jetzt durfte sie nicht an Jason und an das denken, was vor einem Jahr passiert war. Schließlich hatte sie London genau deshalb verlassen.

„Ich habe Ihren Menüvorschlag ein wenig verändert“, stieß sie hervor und versuchte, ihre aufgewühlten Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Solange es ein italienisches Essen bleibt, habe ich nichts dagegen“, erwiderte er.

„Ich habe als Kind bei meiner Oma in der Toskana gelebt“, erklärte Tilly. „Von ihr habe ich auch die Liebe zum Kochen gelernt. Ich verspreche Ihnen, es wird ein richtig italienisches Festmahl werden.“

Xavier sah sie scharf an. „Ihre Oma ist Italienerin?“

„Ja“, sagte sie stolz. „Sie hat mich Natalie genannt, aber nur sie nennt mich bei meinem vollen Namen. Für meine Mutter und alle anderen bin ich Tilly.“

„Aber Ihr Nachname ist nicht italienisch.“

„Nein, meine Großmutter hat einen Engländer geheiratet, und mein Vater war das einzige Kind aus dieser Ehe. Dann hat er wiederum eine Engländerin geheiratet, und sie sind nach London gezogen.“

Xavier nickte. „Gut. In diesem Fall bin ich gespannt darauf, wie Sie das Menü verändert haben.“

Tilly fand seinen Akzent äußerst sinnlich und fühlte sich immer mehr zu ihm hingezogen.

„Danke. Ich bin sicher, meine Vorschläge werden Ihnen gefallen.“

Er sprach weiter italienisch, und sie sah ihn schockiert an.

„Bitte, entschuldigen Sie“, unterbrach sie ihn traurig. „Ich spreche leider nicht sehr gut italienisch. Meine Großmutter ist gestorben, als ich dreizehn Jahre alt war. Meine Mutter ist Engländerin, daher konnte ich die Sprache nie richtig lernen.“

Manchmal wünschte sie sich, sie könnte sich noch an all die Gespräche erinnern, die sie und ihre Oma damals geführt hatten. Aber im Grunde war sie dazu noch nicht bereit, denn das bedeutete, all die Einsamkeit und den Schmerz noch einmal zu erleben, mit denen sie seit dem Tod ihres Vaters zu kämpfen gehabt hatte. Erst jetzt konnte sie erkennen, wie sehr Jason ihr damals geholfen hatte, bevor ihre Jugendfreundschaft zu einer Verlobung geworden war. Er hatte eine große Leere in ihrem Leben ausgefüllt – bis er dann jemand anderen gefunden hatte.

Xavier zuckte die Achseln, und ihr Herz fing erneut zu rasen an. „Das ist schade, finden Sie nicht auch? Schließlich haben Sie italienische Vorfahren.“

„Vielleicht nehme ich irgendwann ja mal Unterricht oder fahre nach Italien“, entgegnete Tilly leichthin. Sie hoffte, dass dieses Gespräch bald beendet sein würde. Denn es erinnerte sie an Jason, an ihre gescheiterte Verlobung und an den Schwur, den sie damals abgelegt hatte. Sie hatte sich fest vorgenommen, sich vor allem um den Aufbau ihrer Firma zu kümmern. Wenn ihr das gelang, wollte sie den zweiten Punkt auf ihrer Liste angehen, nämlich die Familie ihres Vaters ausfindig machen.

Si, das sollten Sie tun!“ Er ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal zu ihr um. „Sie dürfen Ihre Vergangenheit nie verleugnen.“

„Meine Vergangenheit?“ Was wusste er schon davon? Sie war von Anfang an fest entschlossen gewesen, Privat- und Berufsleben nie zu vermischen. Sie wollte nicht, dass jemand erfuhr, dass Jason sie ein paar Stunden vor der Hochzeit sitzengelassen hatte. Denn sie hätte es nicht ertragen, von anderen bemitleidet zu werden.

„Ja, Ihre italienischen Vorfahren.“ Er sah sie stirnrunzelnd an.

„Natürlich, Sie haben recht“, erwiderte sie und nickte. „Eines Tages werde ich nach Italien fahren.“ Auch dieser Punkt stand auf ihrer Liste.

„Gut, dann wäre ja so weit alles klar“, entgegnete er. „Ich muss bis heute Abend noch arbeiten. Aber bitte, fühlen Sie sich hier wie zu Hause.“

„Danke, das werde ich.“ Schüchtern schlug sie die Augen nieder. Der Gedanke, sich hier wie zu Hause zu fühlen, ließ alle möglichen unangemessenen Bilder in ihr aufsteigen. Sie sah ihn an und errötete erneut.

Scusi, Natalie.“

Noch bevor sie ihn daran erinnern konnte, dass niemand außer ihrer Großmutter sie so nannte, war er schon weg. Sie vernahm seine Schritte im Flur und hörte, wie er durch die Halle ging.

Grazie, Xavier“, flüsterte sie in den leeren Raum hinein. Aber dann schüttelte sie den Kopf und schalt sich ob ihrer Leichtgläubigkeit. Bestimmt hatte er sie nicht küssen wollen.

Nach allem, was sie über ihn im Internet gelesen hatte, war Xavier ein richtiger Playboy, der sich nie zweimal mit einer Frau traf. So einen Mann konnte sie nicht gebrauchen. Er war ihr Kunde und nicht mehr.

Tilly versuchte, sich wieder auf die Aufgabe zu konzentrieren, die vor ihr lag. Je schneller sie damit fertig war, desto eher würde sie in die kleine Pension zurückkehren können, in der sie ein Zimmer gebucht hatte. Morgen würde sie dann zu Vanessa fahren und mit ihr und ihren Freunden die Verlobung feiern.

Sie konnte es sich nicht leisten, sich von Xavier Moretti ablenken zu lassen. Er war nicht der richtige Mann für sie – egal, wie charmant und attraktiv er auch sein mochte.

2. KAPITEL

Tilly wagte nicht, das Esszimmer zu verlassen, und fragte sich, was da soeben passiert war. Sie machte sich noch ein paar Notizen für das Essen und versuchte, den Moment zu verdrängen, in dem sie geglaubt hatte, dass er sie küssen würde. Denn das hatte sie gleichzeitig erschreckt und erregt.

Als sie den Eindruck hatte, sich wieder einigermaßen unter Kontrolle zu haben, machte sie sich auf den Weg in die Küche. Der Duft frisch gebrühten Kaffees stieg ihr in die Nase und verriet ihr, dass Xavier ebenfalls hier war.

Er lehnte sich gegen den Herd und wirkte unglaublich sexy.

„Na, gibt es Probleme?“ Er sah sie durchdringend an, und sie hatte das unangenehme Gefühl, dass er ihre Gedanken lesen konnte.

„Nein, überhaupt nicht“, gab sie zurück. „Bitte, entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht stören.“

„Sie stören mich überhaupt nicht, cara. Ich habe nur Kaffee gemacht.“ Der Kosename berührte sie tief, und verzweifelt suchte sie nach einem neutralen Thema.

„Es schneit immer noch.“

„Si“, erwiderte er und nickte. „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Straßen frei sind. Es sieht schlimmer aus, als es ist, weil wir von dieser Parklandschaft umgeben sind.“

„Das hoffe ich“, sagte Tilly schnell. „Ich erwarte nämlich in ein paar Stunden zwei Mitarbeiterinnen aus London.“

Xavier entgegnete darauf nichts, sondern sah sie nur weiter wie gebannt an. Tilly blätterte in ihrer Mappe, konnte sich aber nicht darauf konzentrieren. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Bisher hatte sie noch kein Mann so durcheinanderbringen können.

Die Erregtheit, die sie in seinem Blick erkannt hatte, war nichts, was sie mit Jason je erlebt hatte. War das vielleicht der Grund dafür gewesen, dass er die Hochzeit abgesagt hatte?

Noch immer verspürte sie den schweren Schlag, als er ihr gestanden hatte, dass er sie nicht heiraten könne, weil er eine Affäre mit einer anderen Frau gehabt habe. Dadurch war ihm klar geworden, dass es für ihn mehr im Leben gab, als darauf zu warten, dass sie für ihn bereit war.

Wegen Xavier war Tilly gezwungen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, was ihr gar nicht recht war. Ärgerlich zog sie Töpfe und Pfannen aus den Schränken in der Küche und fing mit den Vorbereitungen für das Essen an.

„Die beiden werden bestimmt bald eintreffen“, erklärte er in diesem Moment beruhigend. „Genau wie meine Gäste. Aber wenn wir jetzt in meinem Haus in Italien wären, würde ich fest davon ausgehen, dass wir beide die nächsten Tage hier eingeschneit sein würden.“

„Glücklicherweise sind wir aber nicht in Italien“, gab sie zurück, noch bevor sie sich irgendwelchen romantischen Vorstellungen hingeben konnte.

Er lachte. Ein tiefer, schläfriger Klang, der ihren Puls schneller schlagen ließ. Kein Zweifel, Xavier dominierte die ganze Küche.

„Die Idee, mit mir allein zu sein, sagt Ihnen also nicht zu?“ Er sprach mit stärkerem Akzent, während er sie direkt anschaute.

„Darüber möchte ich gar nicht erst nachdenken“, erwiderte sie nüchtern. „Und jetzt, wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich mich gern an die Arbeit machen.“

Xavier beobachtete Tilly dabei, wie sie sorgfältig alles, was sie benötigte, auf dem Tisch arrangierte. Er musste lächeln. Sie konnte ihm nichts vormachen. Sie hatte daran gedacht, wie es sein würde, hier mit ihm ganz allein zu sein. Auch er wünschte sich plötzlich, sie wären in seinem Haus in den Bergen eingeschneit.

Doch dann siegte wieder die Vernunft. Niemals würde er dann in der Lage sein, sich ihrer Anziehungskraft zu erwehren. Und in diesem Fall würde sie mehr über ihn erfahren, als ihm lieb war.

Sein Schuldbewusstsein wegen des Unfalls würde ans Licht kommen, und das durfte unter keinen Umständen passieren. Er hatte die Nähe einer Frau nicht mehr zugelassen, seit er mit Carlotta Schluss gemacht hatte. Doch warum erregte ihn dann die Vorstellung, mit Tilly allein zu sein, so sehr?

Prüfend blickte er auf die große Uhr an der Wand. Nur noch vier Stunden, bis seine Familie eintreffen würde. Eigentlich war er dagegen gewesen, dass sie alle den ganzen Weg von Italien kamen und ihn zwingen würden, wieder der Mann zu sein, der er vor dem Unfall gewesen war. Wenn es nicht seine Eltern gewesen wären, die ihm vorgeschlagen hatten, Silvester miteinander zu verbringen, hätte er mit Sicherheit abgelehnt.

„Wann, glauben Sie, werden ihre Mitarbeiterinnen eintreffen?“ Hoffentlich bald, denn sonst würde er seinem Wunsch, sie zu küssen, doch noch nachgeben.

Dieser Kontrollverlust sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Xavier war beherrscht und präzise in allem, was er tat. Er wusste genau, was passieren würde, wenn er sich vergessen würde, und war daher fest entschlossen, seinen Wünschen nicht nachzugeben.

Tilly sah auf die Uhr und dann wieder zu ihm. „Sie müssten eigentlich nach dem Mittagessen eintreffen.“

„Va bene“, erwiderte er und machte einen Schritt auf sie zu. Sie sah ihn misstrauisch an, wie um die Grenzen zu betonen, die sie bereits zwischen ihnen errichtet hatte. Warum fühlte er sich dann nur so stark zu ihr hingezogen?

Im Grunde war es ganz einfach – er musste nur vermeiden, in die Küche zu gehen, solange die Mitarbeiterinnen noch nicht da waren. Wenn er sich in seinem Arbeitszimmer einschloss und die Berichte bearbeitete, die er mitgebracht hatte, konnte ihm eigentlich nichts passieren. Doch plötzlich spürte er das Adrenalin in seinen Adern. In Tillys Gegenwart fühlte er sich stark und lebendig. Genau wie zu Beginn eines Motorrennens, wenn es ihm nur ums Gewinnen ging.

Aber er würde kein Rennen mehr fahren, das wusste er. Diese Zeit war seit dem Unfall unweigerlich vorbei, diesem schrecklichen Ereignis, das ihn tags verfolgte und ihm nachts Albträume bescherte. Stattdessen hatte er die Produktion von Motorrädern in seiner Firma in Mailand hochgefahren und brachte in ganz Europa jungen Rennfahrern bei, wie sie noch besser und vor allem sicherer fahren konnten.

Sein Herz pochte heftig, und er spürte, wie die ungebetenen Erinnerungen ihn wieder zu überwältigen drohten. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Stuhl und hoffte, dass die Schmerzen in seinen Beinen bald wieder vergehen würden. Er biss die Zähne aufeinander.

Im vergangenen Jahr hatte er nur selten solche Momente der Schwäche erlebt. Und er wusste genau, warum sie jetzt auftauchten. Weil Weihnachten war. Die Zeit im Jahr, wo er nur an die Familie denken konnte, aus deren Mitte jemand gerissen worden war – der Fahrer, den er durch sein riskantes Fahrverhalten umgebracht hatte, sein Freund.

Plötzlich spürte er eine warme Hand auf seinem Arm, die ihn in die Gegenwart zurückholte.

„Alles okay?“ Tilly sah ihn besorgt an.

Si“, erwiderte er gepresst und stieß sich vom Stuhl weg. Er wollte ihr Mitleid nicht. Wenn sie alle Fakten über den Unfall kennen würde, würde es mit ihrem Mitgefühl bestimmt bald vorbei sein.

Genau wie bei Carlotta, die sich ebenfalls von ihm abgewandt hatte, nachdem sie erfahren hatte, was geschehen war. Sie hatte ihn verachtet, das hatte er ihr angesehen, als sie ihn das erste Mal im Krankenhaus besucht hatte.

„Sind Sie sicher?“ Die Wärme in ihrer Stimme quälte ihn.

„Natürlich bin ich sicher“, erwiderte er schroff und bereute es sofort. Er musste auf der Stelle aus dieser Küche verschwinden, bevor er dem Bedürfnis nachgab, ihr alles zu erzählen, was ihn bedrückte.

Tilly erwiderte nichts darauf, sondern machte sich wieder an die Vorbereitungen. Wortlos verließ Xavier die Küche und durchquerte die Halle, wo sein Blick wieder auf den prächtigen Weihnachtsbaum fiel.

Er erinnerte ihn erneut an die drei Kinder, die ein weiteres Fest ohne ihren Vater verbringen mussten. Seinetwegen, nur weil er unbedingt hatte gewinnen wollen. Dabei war es völlig egal, dass er nicht der einzige Rennfahrer gewesen war, der trotz der Warnung wegen der nassen Strecke die Reifen nicht gewechselt hatte. All dies war bedeutungslos, wenn er an diese Kinder dachte. An Paulos Kinder.

Seufzend ging er in sein Arbeitszimmer und fuhr den Computer hoch. Würde ihn der Schrecken jenes Tages jemals verlassen? Würde sein Schuldbewusstsein je vorbei sein? Er holte tief Luft und schloss die Augen.

Als er sie wieder öffnete, blickte er durch das Fenster in den grauen Himmel. Das Schneetreiben war erneut dichter geworden. Aber der friedliche Anblick beruhigte ihn wieder und erinnerte ihn an seine glückliche Kindheit.

Tilly arbeitete eine Stunde lang wie besessen und war etwas verunsichert, weil sie die Veränderungen im Menü nicht mit Xavier hatte besprechen können. Aber sein plötzlicher Stimmungsumschwung hatte das unmöglich gemacht. Außerdem hatte sie das Gefühl gehabt, dass er unter Schmerzen litt. Doch als sie ihn trösten wollte, hatte er sie brüsk zurückgewiesen.

Und in diesem Moment beschäftigten sie noch wichtigere Fragen. Wo blieben Katie und Jane? Sie hätten längst hier sein müssen. Sie trat an das große Küchenfenster und sah hinaus. Kein Zweifel, es schneite wieder heftiger. Das war nicht gut. Was sollte sie tun, wenn die beiden wegen des Wetters nicht kommen würden? Wie sollte sie das Essen allein stemmen?

Sie griff nach ihrem Mantel, verließ die Hintertür und ging hinaus in den Hof. Der Schnee wirbelte in dichten Flocken um sie herum, die Luft war kalt.

„Du meine Güte!“

Ihr kleiner weißer Lieferwagen und Xaviers schicker dunkler Sportwagen lagen unter einer dichten Schneedecke. Das Kopfsteinpflaster im Hof war jetzt vollständig weiß. Eine eigenartige, schwere Stille lag in der Luft, während die Flocken immer dichter wurden. Eigentlich hätte es friedlich und beruhigend sein müssen, aber diese Stille schien zu schreien, als wollte sie vor Unheil warnen.

„Ich glaube nicht, dass Sie jetzt irgendwohin fahren sollten.“ Xaviers Stimme brach in Tillys Gedanken ein. Sie drehte sich um und sah ihn an.

„Das hatte ich auch nicht vor. Aber ich brauche meine Mitarbeiterinnen.“ Erneut wurde sie von Panik erfasst, als sie sich fragte, wie sie ohne die Mädels zurechtkommen sollte. Sie waren inzwischen ein eingespieltes Team und arbeiteten zusammen, seit sie Tilly’s Table vor fast zwölf Monaten gegründet hatte.

„Haben Sie schon von ihnen gehört?“

„Nein, ich checke mal mein Handy.“ Sie war ärgerlich auf sich selbst. Warum hatte sie daran nicht schon längst gedacht? Wahrscheinlich, weil sie zu sehr mit den Vorbereitungen für das Dinner beschäftigt gewesen war. Und weil sie dem Mann aus dem Weg gehen wollte, der ihr seelisches Gleichgewicht bedrohte.

Tilly ging zurück in die Küche und nahm ihr Telefon, um zu sehen, ob sie einen Anruf verpasst hatte. Tatsächlich hatte Katie auf die Mailbox gesprochen und mit panischer Stimme erklärt, dass sie leider zurückfahren mussten, weil die Straßen nicht passierbar waren.

Und jetzt? Was sollte sie tun? Heute Abend musste sie Xavier und seinen Gästen ein fünfgängiges Menü servieren. Das würde sie nun wohl selbst kochen und servieren müssen.

Aber was, wenn niemand zum Anwesen durchkam?

„Sie mussten wieder zurückfahren“, berichtete sie Xavier mit klopfendem Herzen. „Es hat auch in London geschneit und wurde immer schlimmer, je weiter sie rausgefahren sind.“

Schnell schrieb sie eine SMS an Katie und bat darum, Bescheid zu geben, wenn sie wieder sicher in London angekommen wären. Außerdem solle sie sich um sie keine Sorgen machen. Sie sei hier in Wimble Manor gut aufgehoben und sicher. Doch plötzlich fragte sie sich, ob das auch stimmte, denn sie spürte Xaviers Blick auf sich gerichtet. Noch vor ein paar Stunden hatte sie geglaubt, dass er sie küssen würde, und auch sie hatte sich danach gesehnt. Wie sicher war das?

„Ich bezweifle, dass ich unter diesen Umständen Ihnen und Ihren Gästen das Dinner servieren kann, das ich geplant hatte“, sagte sie mit fester Stimme und versuchte, ihre Panik zu unterdrücken.

„Weil sie keine Hilfe haben?“ Seine Stimme klang etwas amüsiert. Die Aggressivität, die er vorhin gezeigt hatte, schien verschwunden zu sein.

„So ist es. Ohne meine Mitarbeiterinnen kann ich Ihnen kein Spitzenessen liefern.“ Tilly wandte den Blick von seinen dunklen Augen ab und blätterte durch ihre Mappe. Sie musste das Menü vereinfachen und es trotzdem zu etwas Besonderem machen, das die Gäste nie vergessen würden.

„Aber was machen wir, wenn meine Gäste ebenfalls nicht durch den Schnee kommen?“, erwiderte Xavier. Er lehnte sich gegen den Tisch und beugte sich über sie. Sein durchdringender Blick traf sie wie ein elektrischer Schlag. Sie richtete sich sofort auf und trat einen Schritt zurück.

„Glauben Sie etwa, dass keiner kommt?“ Schockiert sah sie ihn an. Sie würden hier ganz allein sein? Nur sie beide?

„Ich konnte sie bisher noch nicht kontaktieren“, sagte er fast schon zu ruhig.

„Na gut, ich denke, ich mache trotzdem weiter. Vielleicht schaffen sie es ja doch.“ Tilly versuchte, sich selbst Mut zu machen, und begann, die Zutaten für das Dessert auf den Tisch zu stellen.

Die ganze Zeit über betrachtete er sie, sie konnte seinen Blick fast körperlich spüren. Die kleinen Härchen in ihrem Nacken richteten sich dabei auf. Aber er war ihr Kunde, das durfte sie nicht vergessen. Als sich Xavier schließlich von ihr abwandte, um Kaffee zu machen, atmete sie erleichtert aus.

Das Ganze war lächerlich, denn schließlich bewegte er sich in einer komplett anderen Welt. Außerdem hatte sie nicht vor, sich in ein Abenteuer zu stürzen, besonders nicht mit einem Mann, der ihr ausgesprochen gefährlich vorkam.

In diesem Moment stellte er ihr einen Espresso hin.

„Danke“, sagte Tilly mit rauer Stimme und wünschte sich, sie könnte seinen dunklen Augen, die sie so intensiv anschauten, entgehen. Doch das war nicht möglich. Ihr Herz raste, und sie war froh, dass der Tisch zwischen ihnen war.

„Prego.“ Sogar dieses eine Wort klang aus seinem Mund unglaublich sexy. Sie atmete tief durch und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Als Xavier dann endlich die Küche verließ, sank sie entkräftet auf einen Stuhl.

Sie hörte, wie seine Schritte sich entfernten, und versuchte, ihr pochendes Herz zu beruhigen. Was, zum Teufel, war da gerade passiert? Was auch immer sich zwischen ihnen in den letzten paar Minuten abgespielt hatte, war heiß und leidenschaftlich gewesen. Aber vor allem auch wild und gefährlich.

Xavier beendete sein Telefonat und sah aus dem Fenster. Es schneite noch immer. Die Flocken schienen stündlich dichter zu werden und bedeckten den Boden inzwischen mit einer dicken Schneeschicht. Weder seine Gäste noch Tillys Mitarbeiterinnen würden es ins Herrenhaus schaffen, und sie und er kamen auch nicht mehr von hier weg.

Sie waren eingeschneit.

Tilly und er waren allein.

Sein Körper vibrierte noch immer nach ihrer Begegnung in der Küche. Er hatte ein starkes körperliches Begehren gespürt, während er in ihre hellblauen Augen sah, und hatte all seine Willenskraft gebraucht, um dem Bedürfnis, sie in seine Arme zu schließen und besinnungslos zu küssen, nicht nachzugeben. Nie zuvor hatte er sich so wild und ungezähmt gefühlt und so in Gefahr, seine Selbstkontrolle zu verlieren.

Und jetzt zwang ihn das Wetter dazu, die nächsten vierundzwanzig Stunden mit einer Frau zu verbringen, die er haben wollte. Einer Frau, die klargestellt hatte, dass sie für ihn unerreichbar war, und nur hier war, um einen Auftrag zu erfüllen. Einen Auftrag, der um Mitternacht beendet sein würde.

Ihm war klar, dass es auch Tilly nicht behagte, mit ihm ganz allein zu sein. Nicht nach dem Vorfall im Esszimmer. Sie war nicht der Typ Frau, mit dem er sonst zu tun hatte. Sie war eher jemand für eine längere Beziehung, und das hielt ihn zurück. Etwas Längerfristiges kam für ihn nicht infrage.

Er holte tief Luft und versuchte, sich zu beherrschen. Schließlich durfte er nicht vergessen, dass er ein Gentleman war – wenigstens bis Mitternacht. Außerdem musste er Tilly über die Situation informieren.

Er fand sie über den Spülstein gebeugt, mit dem Rücken zu ihm gewandt. Noch bevor er den Anblick ihrer zierlichen Gestalt genießen konnte, riss er sich wieder zusammen.

„Es sieht ganz so aus, als würden wir Silvester hier allein sein.“

Sie drehte sich um, und er sah, wie schockiert sie war.

„So viel Schnee wie jetzt habe ich noch nie gesehen.“ Ihre Stimme klang ruhig, als berührte sie die Vorstellung, mit ihm allein zu sein, nicht sonderlich. Doch ihre Miene sprach eine andere Sprache.

„Meine Familie kann leider nicht kommen. Der Wetterbericht hat vorausgesagt, dass wir morgen einen Schneesturm bekommen.“ Das hatte ihm sein Cousin am Telefon mitgeteilt.

„Ich hoffe, dass Katie und Jane sicher nach London zurückgekehrt sind.“ Tilly drehte sich um und betrachtete den Tisch, auf dem sich das Essen türmte. „Sieht ganz so aus, als würden wir das alles hier nicht mehr brauchen.“

„Nein, der Plan für den Abend wird sich nicht ändern“, beschied Xavier. Erneut verspürte er das Bedürfnis, sie zu beschützen. Doch er wusste genau, dass das nicht möglich war, solange noch die Schuld an ihm hing.

Sie sah ihn verwirrt an. „Aber wenn wir nur zu zweit sind …“ Sie verstummte. Er schwor sich, heute Abend ein perfekter Gentleman zu sein, egal, wie schwer es ihm fallen würde.

„Si, solo noi due.“ Unwillkürlich verfiel er wieder ins Italienische. Warum fühlte er sich dieser Frau gegenüber nur so unsicher? Das war ihm nicht einmal als junger Mann passiert und gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Sie können nicht erwarten, dass ich den Abend mit Ihnen verbringe. Nicht ganz allein!“ Sie sah ihn stirnrunzelnd an, wirkte dadurch aber noch verführerischer.

„Oh doch, das kann ich, und das tue ich auch.“ Seine Stimme klang schärfer als beabsichtigt.

„Aber ist das nicht … ein bisschen zu intim?“

„Heute ist Silvester, Natalie.“ Er fand es schön, sie bei ihrem vollen Namen zu nennen, auch wenn ihr das offensichtlich nicht gefiel. „Wir sind hier im Haus allein. Daran lässt sich im Moment nichts ändern.“

„Vielleicht sollten wir versuchen, nach London zurückzufahren, bevor es zu spät ist.“ Sie sah aus dem Fenster auf das unverändert heftige Schneetreiben.

„Es ist bereits zu spät. Ich habe mich im Netz informiert. Die meisten Landstraßen sind nur noch passierbar, wenn man einen SUV hat.“ Er war auch nicht besonders erfreut darüber, mit einer Frau eingeschneit zu sein, die unerlaubte Gelüste in ihm weckte. Aber das Schicksal hatte es nun einmal so gewollt, und er war fest entschlossen, der Versuchung nicht nachzugeben. Nein, er würde sich Natalie Rogers nicht nähern. Nicht, solange sie für ihn arbeitete.

„Glücklicherweise habe ich ein Zimmer in einer kleinen Pension gebucht“, erklärte Tilly in diesem Moment. „Sie ist ganz in der Nähe.“

Xavier schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, nicht einmal das wird möglich sein.“

„Aber ich kann doch nicht hierbleiben. Allein mit Ihnen. Die ganze Nacht.“ Das Entsetzen in ihrer Stimme sprach Bände.

„Wir werden zusammen zu Abend essen, daher möchte ich Sie bitten, das Menü entsprechend zu reduzieren. Es tut mir wirklich leid, dass die Vorstellung, Zeit mit mir zu verbringen, Ihnen so unangenehm ist.“

„Das ist nicht professionell.“

„Ich habe den Eindruck, dass wir das für den Moment vergessen können. Heute ist Silvester, und aufgrund von Umständen, die sich unserer Kontrolle entziehen, müssen wir beide über Nacht hierbleiben“, erklärte er fest.

Er wusste, dass Tilly damit nicht einverstanden war. Sie setzte ihm klare Grenzen, die er normalerweise auch respektiert hätte. Aber in diesem Fall war er gewillt, die Herausforderung anzunehmen, die ihr Körper ihm signalisierte.

„Nein, ich kann nicht hierbleiben. Nicht die ganze Nacht“, stieß Tilly hervor, obwohl ihr langsam klar wurde, dass er recht hatte. „Morgen muss ich bei meiner Freundin Vanessa sein. Sie will am Neujahrstag ihre Verlobung feiern.“

Sie wusste selbst, dass sie Unsinn redete, und ärgerte sich darüber. Das passierte ihr immer, wenn sie nervös oder erschrocken war. Als sie Xavier anschaute, verstärkte das Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, ihre Panik noch.

„Es tut mir außerordentlich leid, cara, aber zumindest heute Abend werden Sie nirgendwohin gehen. Wir beide sind ganz unter uns.“ Der sexy Unterton seiner Stimme ließ sich nicht leugnen. Doch wenn er glaubte, die Situation ausnutzen zu können, hatte er sich geirrt. Tilly hatte nicht vor, seinem Charme zu erliegen und sich der langen Reihe seiner Eroberungen anzuschließen.

„Das geht nicht“, wiederholte sie störrisch. „Ich habe schließlich ein Zimmer gebucht.“

Hierzubleiben war nicht sehr professionell, im Gegenteil. Es war schon schlimm genug, dass sie auf seinen Wunsch hin zum Dinner bleiben musste. Aber die Nacht hier zu verbringen würde ihrem guten Ruf gewiss schaden.

„Vorausgesetzt natürlich, Sie kommen von hier weg.“ Xavier schien sich seiner Sache sehr sicher zu sein, und sie hatte plötzlich den Verdacht, dass er alles inszeniert hatte.

Doch dieser Gedanke war lächerlich. Denn das würde ja bedeuten, dass er sich ihretwegen ins Zeug legte, was bei einem Mann wie ihm äußerst unwahrscheinlich war. Wie Jason ihr wiederholt gesagt hatte, hatte sie keine Ahnung vom Leben. Sie war nur ein naives dreiundzwanzigjähriges Mädchen, das in Xaviers Flirtversuche zu viel hineininterpretierte.

Daher schüttelte sie entschieden den Kopf. „Nein, ich muss zu Vanessas Party. Ich kann sie auf gar keinen Fall im Stich lassen.“ Jetzt klang ihre Stimme ein bisschen verzweifelt. Denn es ging natürlich nicht nur um die Party. Durch ihr Erscheinen würde sie sich und ihrer besten Freundin beweisen, dass sie über Jason hinweg war.

„Haben Sie nicht eben gesagt, die Party wäre erst morgen?“

Tilly sah ihn stirnrunzelnd an. „Ja, morgen Abend.“

„Dann rufen Sie Ihre Freundin doch an und erklären ihr die Situation. Morgen können Sie fahren, wenn das Wetter es erlaubt. Bis dahin würde ich vorschlagen, Sie holen das Gepäck aus Ihrem Wagen, und ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.“

„Mein Zimmer?“ Das wurde ja immer schlimmer! Sie hatte zusehends das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, was sie mehr als alles andere hasste.

„Aber natürlich. Ich habe schließlich Gäste erwartet, und die Zimmer sind hergerichtet.“ Jetzt lächelte er, und seine dunklen Augen funkelten. Offensichtlich machte ihm das Ganze großen Spaß.

Da Tilly einsah, dass sie keine andere Wahl hatte, griff sie seufzend nach den Autoschlüsseln auf dem Tisch. „Na gut, dann hole ich jetzt meine Sachen.“

„Bene. Und vergessen Sie nicht Ihr Partykleid.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Was?“

„Ihr Partykleid, das Kleid, das Sie zur Verlobung Ihrer Freundin anziehen wollten. Sie werden es heute Abend brauchen.“

„Warum denn?“

„Weil heute Silvester ist und wir stilgerecht dinieren werden.“

3. KAPITEL

Xavier nahm Tilly ihre kleine Reisetasche ab und versuchte, das Prickeln zu ignorieren, das sich immer einstellte, wenn er in ihrer Nähe war. „Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer!“

„Irgendwie muss es doch einen Weg geben, zur Pension zu kommen.“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Ich kann nicht einfach hierbleiben.“

Er trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. „Glauben Sie etwa, ich würde zulassen, dass Sie bei diesem Wetter Auto fahren? Wofür halten Sie mich? Schließlich habe ich ein Haus voller Zimmer und keine Gäste. Ich werde das nicht zulassen.“

„Na gut, wenn Sie es so ausdrücken …“ Sie sah ihn warnend an. „Aber nur für heute Abend. Was auch immer passiert, morgen muss ich zu Vanessa fahren.“

„Wir sind beide den Widrigkeiten des Wetters ausgeliefert, Natalie. So, hier entlang bitte.“ Er betrat die Halle, ging an dem großen Weihnachtsbaum vorbei und die Wendeltreppe hoch. Ohne sich umzuschauen spürte er, dass sie ihm folgte. Jeder Nerv in seinem Körper war zum Zerreißen gespannt.

Oben auf der Treppe hielt er kurz inne und sah sie an. Sie erwiderte seinen Blick, und die Spannung zwischen ihnen war praktisch mit Händen zu greifen. Ihr Körper sendete eindeutige Signale aus. Er sprach zu ihm, trotz der Barrieren, die sie errichtet hatte.

Xavier ging den Flur entlang und öffnete die Tür am Ende des Gangs. Er stellte die Reisetasche am Fußende des Bettes ab und beobachtete Tilly, die sich mit großen Augen in dem prächtigen Raum umschaute.

„Sind Sie sicher, dass ich hierbleiben soll?“, fragte sie und betrachtete zweifelnd das opulente Himmelbett. „Schließlich bin ich genau genommen ja kein Gast.“

„Ich habe Sie für heute Abend zum Essen eingeladen, also sind Sie einer“, erwiderte er brüsk. Gegen seinen Willen musste er zugeben, dass sie ihn faszinierte. Sie besaß eine bodenständige Unschuld und hatte offensichtlich keine Ahnung, wie reizvoll sie war.

„So, und jetzt sollten Sie erst einmal auspacken.“ Xavier wusste, er musste sie verlassen, sonst würde er sie in seine Arme schließen, und sie würde sich ihm genauso schnell entziehen, wie sie es vorhin getan hatte.

Den restlichen Nachmittag arbeitete Tilly hart. Sie hatte das Menü erneut den veränderten Bedingungen angepasst und deckte schließlich den großen Tisch am Kamin. Über die Ablenkung war sie sehr froh, denn sonst hätte sie die ganze Zeit über an den Mann gedacht, mit dem sie hier eingesperrt war. Eigentlich hätte dieser Umstand sie beunruhigen, ja, vielleicht sogar erschrecken sollen. Denn obwohl sie Xavier nicht kannte, gab es da etwas zwischen ihnen, das sich nicht ignorieren ließ.

Inzwischen war es draußen dunkel geworden, und noch immer fiel der Schnee in dichten Flocken vom Himmel und erstickte jede Hoffnung, dass sie es doch noch in die Pension schaffen könnte.

Xavier und sie waren hier eingeschneit. Es war so anders als das Debakel im letzten Jahr. Wie es aussah, würde sie Silvester mit einem Mann verbringen, der ihren Puls zum Rasen brachte – etwas, was ihr bei Jason nie passiert war.

Aus der Halle hörte sie die große Standuhr sieben schlagen. Sie wusste, dass sie es nicht länger aufschieben konnte. Jetzt musste sie das Kleid anziehen, das sie eigentlich zu Vanessas Verlobung hatte tragen wollen.

Als sie es in der Boutique anprobiert hatte, war ihr das elegante schwarze Spitzenkleid äußerst glamourös erschienen. Doch jetzt erkannte sie, dass der tiefe Rückenausschnitt vollkommen unangemessen war. Andererseits konnte sie natürlich auch keine Jeans zu dieser Gelegenheit tragen oder ihre Uniform. Kein Zweifel, das Kleid war viel zu festlich für ihr gemeinsames Mahl, aber es war alles, was sie dabeihatte.

Vielleicht würde Xavier sich ja gar nicht umziehen. Dieser Gedanke gab ihr Hoffnung, als sie durch die Halle ging und vor dem prächtigen Weihnachtsbaum stehen blieb.

Sie wünschte sich über alles, einmal mit ihrer eigenen Familie Weihnachten feiern zu können. Aber in ihrer Kindheit hatte sie nicht viel Liebe erfahren, und es war gut möglich, dass es nie dazu kommen würde.

In diesem Moment erhaschte sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung im ersten Stock und sah hoch. Der Anblick von Xavier in seinem taillierten Abendanzug, der seine schlanke, durchtrainierte Figur betonte, raubte ihr den Atem. Er sah aus wie ein Filmstar.

Tilly betrachtete ihn und schluckte. Mit diesem Mann sollte sie den ganzen Abend verbringen? In was war sie da nur hineingeraten?

Langsam kam er die Treppe herunter, ohne den Blick von ihr zu wenden. Auch das war ein geradezu filmischer Moment, der ihr wie Champagner zu Kopf stieg.

„Buona sera“, sagte er, als er vor ihr stand. Sein Blick war amüsiert, und gleichzeitig verströmte er aus jeder Pore ein gefährliches Charisma. Sie nahm sich fest vor, seinem Charme nicht zu erliegen.

„Ich werde mich schnell umziehen“, sagte sie mit heiserer Stimme. Sie spürte, wie sie errötete, und wäre am liebsten geflüchtet. Stattdessen lächelte sie ihn so professionell wie möglich an.

„Ich warte auf Sie in der Lounge.“

„Ich beeile mich“, erwiderte sie und stieg äußerlich gefasst die Treppe hinauf.

„Lassen Sie sich Zeit, Natalie.“

Sie schloss die Augen, denn der Klang ihres Namens ging ihr zu Herzen. Sie merkte, dass er sie nicht aus den Augen ließ. Doch sie zwang sich, ruhig zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen. Oben auf der Treppe drehte sie sich um und sah auf ihn hinunter. Jetzt waren ihre Positionen vertauscht. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie das Gefühl hatte, es wäre im ganzen Herrenhaus zu hören.

Sie hätte ihm gern geantwortet, konnte jedoch plötzlich nicht mehr sprechen.

Xavier lächelte erneut. „Wir haben schließlich die ganze Nacht, oder?“

Tilly blinzelte, weil ihr die tiefere Bedeutung seiner Worte, die er mit diesem verführerischen Akzent ausgesprochen hatte, sehr wohl bewusst war. Wenn er aber glaubte, mit ihr eine neue Eroberung gemacht zu haben, hatte er sich geirrt. „Ich komme nach unten, sobald ich fertig bin.“

Damit entfernte sie sich, und sein amüsiertes Lachen klang ihr noch in den Ohren. Das Ganze war überhaupt nicht so, wie sie ihren Silvesterabend geplant hatte.

Sie ging in ihr Zimmer, knipste die Lampen an und zog die schweren Vorhänge zu, um die Kälte auszuschließen. Dann betrachtete sie ihr Kleid. Wie konnte sie das heute Abend nur tragen? In der Gesellschaft eines Mannes, der sie dazu brachte, Dinge zu fühlen und zu denken, die sie nicht wollte? Xavier war gefährlich, das spürte Tilly genau.

Oder interpretierte sie zu viel in seine Worte hinein und ließ sich von seinem Charme betören? Schließlich hatte er nur ein bisschen mit ihr geflirtet, und sie machte sich nichts vor: Er könnte jede Menge Frauen haben, alle viel schöner als sie. Warum also sollte er sich für sie interessieren? Sie war nicht nur eine Braut, die vor dem Altar sitzengelassen worden war, sondern auch noch Jungfrau.

„Vergiss das nicht, Tilly Rogers“, ermahnte sie sich selbst, während sie auf das hinreißende schwarze Seidenkleid schaute, das sie von einer Servicekraft in einen Dinnergast verwandelte.

Beim Gedanken an Xavier in seinem maßgeschneiderten Anzug schlug ihr Herz unwillkürlich schneller. Was würde er für sie empfinden, wenn er sie in diesem Kleid sah? Würde er sie begehren? Sie lächelte, denn diese Vorstellung kam ihr geradezu absurd vor.

Daher zwang sie sich, an etwas anderes zu denken, nahm sich ihr Haar vor und band es zu einem Knoten. Insgeheim wünschte sie sich, sie hätte ihr kleines Schwarzes mitgenommen, das sie schon auf vielen Festen getragen und das sich bewährt hatte, statt dieser extravaganten Kreation. Was hatte sie sich nur beim Kauf dieses Kleids gedacht? Glamour war doch eigentlich gar nicht ihr Stil!

Nachdem sie es angezogen hatte, schlüpfte sie noch in die hohen Sandaletten, die sie ebenfalls in letzter Minute gekauft hatte. Dann noch ein kurzer Blick in den Spiegel, und sie verließ das Zimmer. Als Tilly die Treppe hinunterging, merkte sie, wie ihr Herz mit jedem Schritt schneller schlug.

Was war nur mit ihr los? Sie hatte schließlich kein Date mit Xavier, sondern sich nur entschlossen, mit ihm zu Abend zu essen, weil das Wetter sie dazu gezwungen hatte.

Was konnte daran falsch sein?

Als sie unten am Fuß der Treppe kurz anhielt und den Weihnachtsbaum betrachtete, hatte sie das eigenartige Gefühl, dass sich ihr Leben von Grund auf verändern würde, wenn sie jetzt ins Esszimmer ging, wo er schon auf sie wartete. Wie konnten ein Schneesturm und ein Dinner so etwas nur bewirken?

Xavier sehnte sich nach Tilly – oder Natalie, wie er sie lieber nannte –, während er auf sie wartete. Irgendetwas war in ihm zum Leben erwacht, als er sie zum ersten Mal draußen im Schnee gesehen hatte. Was auch immer es war, es zog ihn an, obwohl er genau wusste, dass er es nicht haben konnte.

Er holte tief Luft und sah in das prasselnde Feuer im Kamin. Natalie war anders als andere Frauen, das spürte er genau. Sie war die Art von Frau, die ein Mann sofort beschützen, wertschätzen und lieben wollte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und sie trat ins Zimmer. Sie wirkte plötzlich so kühl und elegant, dass er sie gar nicht mit der munteren Person von vorhin zusammenbrachte. Sie sah umwerfend aus, das schwarze Seidenkleid umschmeichelte ihre Figur. Dennoch umgab sie eine Aura von Unnahbarkeit. War das vielleicht ihr Verteidigungsmechanismus gegen die Anziehung, die sie ebenfalls spürte?

„Che bella.“ Das Kompliment auf Italienisch floss über seine Lippen, bevor ihm überhaupt klar wurde, dass er es ausgesprochen hatte. Aber es stimmte – sie war wunderschön.

Xaviers Blick umfasste ihre ganze Erscheinung und blieb an ihren bloßen Schultern hängen. Wie es wohl sein musste, sie dort zu küssen, die Weichheit ihrer Haut zu erkunden? Tilly errötete unter seinem prüfenden Blick und sah zur Seite.

„Das Feuer sieht einladend aus“, sagte sie. „Ich habe mir immer einen Kamin gewünscht.“ Ihre Stimme klang ein wenig heiser.

„Haben Sie noch nie einen Abend vor dem Kamin mit einer besonderen Person verbracht?“ Er griff nach der Flasche Champagner im Kühler und hoffte, dass der dabei helfen würde, die Hitze auszulöschen, die in ihm brannte.

Xavier machte die Flasche auf und ließ den Korken knallen. Tilly hielt kurz die Luft an, und ihre Blicke trafen sich. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Nein, das habe ich bisher noch nie erlebt. Und ich nehme an, ein Abend mit Freunden in einem Pub auf dem Land zählt nicht.“

Er reichte ihr ein langstieliges Glas. „Und jetzt sind Sie gezwungen, den ganzen Abend über meine Gesellschaft zu ertragen.“

„Gezwungen klingt ein bisschen zu stark“, erwiderte Tilly und nahm das Glas entgegen. „Zu genießen trifft es wohl besser.“

Er stieß mit ihr an. „Salute! Auf den Genuss!“

„Auf den Genuss“, wiederholte sie und lächelte leicht. „Es tut mir leid, dass Ihre Pläne für heute Abend nicht geklappt haben.“

„Oh, die Alternative gefällt mir auch sehr gut.“ Erneut hob er das Glas und prostete ihr zu.

Sie lachte. Ein leises, verführerisches Lachen, das die Spannung im Raum nicht verringerte. Im Gegenteil, sie wurde von Minute zu Minute stärker. Tilly trat einen Schritt zurück und stellte das Glas auf den Tisch.

„So, ich denke, wir sollten jetzt anfangen. Bitte, entschuldigen Sie mich einen Moment. Ich werde den ersten Gang servieren.“

Xavier spürte sofort den Impuls, ihr seine Hilfe anzubieten, besann sich jedoch eines Besseren. Denn nach diesem aufwühlenden Gespräch brauchte er erst einmal eine kleine Pause. Er schloss die Augen und stellte sich vor, das alles hier wäre real. Sie hätten ein richtiges Date, und sie wollte mit ihm schlafen. Mehr noch – in diesem Fall hätte er sich auch keine Sorgen wegen seiner Narben machen müssen, die seit dem Unfall jegliches intimes Zusammensein mit einer Frau unmöglich gemacht hatten.

Er riss die Augen wieder auf. Sich so etwas auszumalen, brachte nichts. Sie konnten einander nichts bedeuten – jedenfalls jetzt noch nicht.

Als Tilly in den Salon zurückkehrte, stand Xavier immer noch am Kamin. Er wirkte nervös. Hing es damit zusammen, dass er vorhin mit ihr geflirtet hatte? Bereute er es jetzt schon, dass sie Silvester zusammen verbringen würden?

„Möchten Sie jetzt ins Esszimmer kommen?“ Sie bemühte sich, so professionell wie möglich zu wirken. Denn trotz allem, was zwischen ihnen gerade passiert war, arbeitete sie ja noch für ihn.

„Bene.“ Er nickte und setzte sich in Bewegung.

Tilly drehte sich um und ging voraus. Plötzlich musste sie an den tiefen Rückenausschnitt ihres Kleids denken und biss sich auf die Lippen. Wegen der hohen Schuhe konnte sie nicht schnell gehen. Hoffentlich dachte er nicht, dass sie es absichtlich darauf abgesehen hatte, dass er sie betrachtete. Sie war erleichtert, als sie endlich ihren Stuhl erreichte.

„Bitte, erlauben Sie mir!“ Er klang noch immer ziemlich irritiert, und sie sah ihre Vermutung bestätigt. Xavier schien es wirklich zu bereuen, dass er jetzt allein mit ihr zu Abend essen musste.

Nachdem er ihr den Stuhl zurechtgerückt und sie sich hingesetzt hatte, blieb er noch ein paar Minuten hinter ihr stehen. Ein kleiner Schauer lief über ihren Rücken, dann durchströmte sie plötzlich Wärme. Es war, als ob er sie berührt und mit den Fingern über ihre nackte Haut gestrichen hätte.

„Danke.“ Sie lehnte sich zurück und wünschte nur, ihr Herz würde nicht so laut pochen. Bestimmt konnte er es hören.

„Prego.“

Dann nahm er ihr gegenüber an dem festlich dekorierten Tisch Platz. Im warmen Licht der Kerzen sahen sie sich an und ließen die Pasta auf ihren Tellern dabei kalt werden.

Was passiert hier gerade? fragte Tilly sich insgeheim. Er ist doch mein Kunde, das darf ich nicht vergessen.

„Bitte, entschuldigen Sie, aber ich musste das Menü noch einmal verändern“, erklärte sie.

Er hielt ihrem Blick stand, ohne ein Wort zu sagen, und sie widerstand der Versuchung, sich auf die Unterlippe zu beißen, wie sie es immer tat, wenn sie nervös war. Auf keinen Fall wollte sie ihm zeigen, dass er ihr unter die Haut ging. Die Spannung füllte den ganzen Raum. Dann begann er endlich zu essen.

„Delizioso.“ Er nickte anerkennend, woraufhin sie sich endlich ein bisschen entspannte und sich ebenfalls ihrer Vorspeise widmen konnte.

Als Xavier fertig war, lehnte er sich zurück und sah sie prüfend an. „So, und jetzt erzählen Sie mir doch einmal, Natalie, wovor Sie sich hier an Silvester verstecken wollen?“

Bei dieser unerwarteten Frage hätte sie sich um ein Haar verschluckt. Doch es gelang ihr im letzten Moment, sich zu fangen und seinen Blick zu erwidern. Sie griff nach ihrem Glas und trank langsam einen großen Schluck.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich mich vor etwas verstecke?“, erwiderte sie und merkte, wie ihre Stimme leicht zitterte. „Ich bin hier, um zu arbeiten.“

„Eine so schöne Frau wie Sie sollte an Silvester nicht allein sein. Und sie sollte auch nicht arbeiten müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nicht wenigstens einen Verehrer haben, der diesen Abend gern mit Ihnen verbringen würde.“

„Aber ich wollte heute arbeiten“, erwiderte sie wie aus der Pistole geschossen. Diese Entschuldigung hatte sie in den letzten Wochen wieder und wieder gebraucht. Es gab nur einen Menschen, der sie durchschaute, und das war Vanessa.

Er lächelte ungerührt. „Also verstecken Sie sich doch.“

Wie würde er reagieren, wenn er die Wahrheit erfuhr? Sie gab sich einen Ruck.

„Nicht direkt“, erklärte sie. „Mein Verlobter hat genau heute vor einem Jahr unsere Hochzeit abgesagt.“

Er sah sie nachdenklich an. „Und deshalb haben Sie geglaubt, es wäre besser, an diesem Abend zu arbeiten, als zu feiern?“

„Ja, so ungefähr.“ Plötzlich bereute sie es, so viel gesagt zu haben. „Ich hole dann jetzt den nächsten Gang.“

Noch bevor er etwas erwidern konnte, hatte sie schon das Zimmer verlassen, so schnell es ihr in den hohen Schuhen möglich war. In der Küche holte sie dann das Wildragout und die Kroketten aus dem Ofen. Im nächsten Moment betrat Xavier die Küche.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

Tilly schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Sie haben mich schließlich für das Catering gebucht und sollten selbst nichts tun müssen.“

Sie nahm die heiße Kasserolle mit den Küchenhandschuhen und trug sie ins Esszimmer. Aber wenn sie geglaubt hatte, dass sie von nun an Small Talk machen konnte, hatte sie sich geirrt.

„Ihr Verlobter muss ein Idiot gewesen war“, bemerkte Xavier, nachdem er seine Portion gegessen hatte, und sah sie abwartend an.

„Das kann man so nicht sagen“, erwiderte sie. „Außerdem kennen Sie ihn ja gar nicht.“ Instinktiv wollte sie Jason beschützen, denn sie wusste genau, dass das ganze Debakel nicht allein seine Schuld war. Er hatte nur auf ihre Unfähigkeit reagiert, ihm ihre Liebe zu zeigen. Als ihr Vater gestorben war, hatte ihre Mutter rasch einen neuen Mann gefunden, und Tilly hatte sich verlassen gefühlt. Jason hatte ihr damals viel Aufmerksamkeit geschenkt, als Freund, aber nicht als Liebhaber.

„Stimmt. Trotzdem muss er ein Narr sein, wenn er eine Frau wie Sie gehen lässt.“

Das Lächeln, das seine Lippen umspielte, erweckte in ihr sofort den Wunsch, sie zu küssen.

Aber das war ganz und gar unmöglich. Sie war aus beruflichen Gründen hier und würde ihre Firma nicht für eine leidenschaftliche Nacht aufs Spiel setzen – egal, wie verlockend Xavier auch sein mochte.

Xavier spürte, dass es da noch viel mehr gab, als sie ihm erzählte. Wenn sie ihren Verlobten so vehement verteidigte, musste sie ihn immer noch lieben. Aber wie konnte man jemanden lieben, der einen verletzt und sich in dem Moment davongemacht hatte, als man ihn am meisten brauchte?

Allerdings hatte er genau das ja auch mit Carlotta gemacht, als klar geworden war, wie sehr sie ihn wegen des Unfalls verachtete. Im Nachhinein war er froh, dass er sich nicht mit ihr verlobt hatte. Denn sonst müsste er jetzt nicht nur mit dem Wissen leben, Paulos Familie zerstört zu haben, sondern hätte es auch noch mit einer Scheidung zu tun.

Tilly stand auf und riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. „Dessert?“

Er sah sie an, und Lust durchfuhr ihn. Ja, er wollte sie – wollte sie mehr als jede andere Frau.

„Lassen Sie uns mit diesen Förmlichkeiten aufhören“, schlug er vor.

„Was wollen Sie damit sagen?“, fragte sie schockiert.

„Das Feuer im Salon ist doch viel einladender, finden Sie nicht auch?“

Sie nickte gepresst.

„Bene. Er stand auf und ging um den Tisch herum auf sie zu. Sie hielt seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken, und Xavier spürte ein merkwürdiges Ziehen in der Brust. Es war schon lange her, dass eine Frau ihn so tief berührt hatte.

Doch dann fing sie damit an, den Tisch abzuräumen, und verließ den Raum mit den Tellern, ohne ein Wort zu sagen. Er sammelte das Besteck ein und folgte ihr.

„Ich muss zuerst hier noch klar Schiff machen. Dann bringe ich das Dessert.“ Sie sah ihn an, und die unausgesprochene Warnung in ihrem Blick ließ ihn zögern. Sie war anscheinend immer noch in ihren Verlobten verliebt, auch wenn ihr Körper eine andere Sprache sprach.

„Bitte, erlauben Sie mir, Ihnen zu helfen.“

„Nein!“ Es klang etwas zu hart, daher setzte sie mit weicherer Stimme hinzu: „Nein, danke. Das hier ist mein Job, Signor Moretti. Ich bin nicht als Gast hier. Ich werde von Ihnen bezahlt, um zu arbeiten.“

Xavier nickte. Natürlich hatte sie recht. Und ihm war auch klar, dass sie nicht die Art Frau war, die mit einem One-Night-Stand zufrieden sein würde. Solche Abenteuer suchte sie nicht. Doch er konnte ihr nicht geben, was sie brauchte.

„Also gut“, sagte er schließlich fest. „Aber ich erwarte von Ihnen, dass Sie danach in den Salon kommen. Ich habe nicht die Absicht, das neue Jahr allein zu feiern.“

„Aber …“ Tilly suchte verzweifelt nach neuen Entschuldigungen.

„Sie werden sich dort einfinden“, sagte er streng. Doch ihr Gesichtsausdruck besänftigte ihn ein wenig. Sie wirkte plötzlich so jung und verletzlich. „Nur für ein Glas Champagner. Um mit mir auf das neue Jahr anzustoßen.“

4. KAPITEL

Tillys Herzschlag hatte sich kaum verlangsamt, nachdem Xavier die Küche verlassen hatte. Es dauerte eine Weile, bevor sie ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte. Bis dahin blickte sie aus dem Fenster und sah dem dichten Schneetreiben in der dunklen Nacht zu.

In der vergangenen Stunde hatte sie sich immer wieder daran erinnern müssen, dass sie lediglich für Signor Moretti arbeitete. Aber weil sie Jason erwähnt hatte und den Grund, warum sie Silvester nicht feiern wollte, hatte ihr Gespräch plötzlich eine viel intimere Note bekommen.

Sie war sich der Spannung zwischen ihnen sehr bewusst und spürte ein Begehren, das ihr ganz neu war. Doch sie wusste, dass sie diesem Verlangen niemals nachgeben durfte, wenn sie ihren guten Ruf nicht verlieren wollte. Von jetzt an würde sie auf der Hut sein.

Zögernd blieb sie einen Moment auf der Schwelle zum Salon stehen und wusste nicht, ob sie wirklich eintreten sollte. Erneut spürte sie eine drohende Gefahr – wenn sie diesen Schritt machte, würde ihr Leben sich für immer ändern.

Die große Uhr in der Halle schlug halb zwölf. Es war bald Mitternacht, und dann würde ihr Vertrag enden. Es wäre besser, wenn sie fahren könnte, aber das Schicksal hatte offensichtlich etwas anderes mit ihr vor. Sie wusste nur nicht, ob sie sich noch lange hinter der professionellen Maske verstecken konnte.

Als die Schläge verklangen, stieß sie die Tür auf und spürte sogleich die Wärme des Kaminfeuers. Ihre Hände zitterten.

Xavier stand am Feuer und sah aus wie aus einem Modemagazin. Der formelle dunkle Anzug ließ ihn noch sexyer erscheinen, und sie musste sich zwingen, den Blick von ihm abzuwenden. Das hinderte sie jedoch nicht daran, kurz darüber nachzudenken, wie es sein müsste, von ihm geküsst zu werden.

„Ah, endlich“, sagte er mit einem Lächeln, das ihr Blut in Wallung brachte.

„Ja, endlich“, erwiderte sie und zwang sich, ebenfalls zu lächeln. Vergiss nicht, er hat dich nur für heute Abend gebucht, rief sie sich in Erinnerung. „Bitte, entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen. Aber ich hatte noch einiges in der Küche zu tun.“

„Kommen Sie!“ Er wies auf das Sofa vor dem Kamin. „Es ist gleich Mitternacht. Ich möchte mit Ihnen mit einem Glas Champagner auf das neue Jahr anstoßen.“

Das Funkeln seiner Augen blieb Tilly nicht verborgen, als sie zum Sofa ging und sich vor dem Kamin niederließ. Sie nahm das angebotene Glas, beschloss jedoch, heute nicht mehr zu trinken, weil sie vorhin schon Wein zum Abendessen zu sich genommen hatte.

Mit einem wissenden Lächeln nahm er ihr gegenüber auf dem Sessel Platz und prostete ihr zu, bevor er einen kleinen Schluck trank. Sie tat es ihm nach und genoss das Prickeln auf der Zunge und das Gefühl, verwöhnt zu werden.

„So hatte ich mir diesen Abend eigentlich nicht vorgestellt“, erklärte sie. „Und Sie wahrscheinlich auch nicht. Es tut mir leid, dass Ihre Familie nicht kommen konnte und Sie jetzt mit mir vorliebnehmen müssen.“

„Nun, ich kann mir Schlimmeres vorstellen“, erwiderte er. „Ich freue mich, dass Sie hier sind. Silvester ganz allein zu verbringen wäre bestimmt eine ziemlich stille Angelegenheit geworden.“

Sein leises Lachen, das in ihren Ohren so verführerisch klang, ließ einen kleinen Schauer über ihren Rücken rieseln. Es schien tatsächlich so, als wäre er froh darüber, heute Abend mit ihr zusammen zu sein. Ja, es machte ganz den Eindruck, als hätte Xavier Moretti nichts dagegen, Silvester mit seiner Catering-Frau zu verbringen.

Sie trank einen Schluck Champagner und versuchte sich daran zu erinnern, dass er ein Playboy mit einem sehr schlechten Ruf war und dass sie sich gründlich von den Frauen unterschied, mit denen er sich sonst traf.

Aber warum genoss sie den Moment nicht einfach und akzeptierte ihn als das, was er war – ein kurzes Intermezzo? Die Möglichkeit, mit einem Lebensstil Bekanntschaft zu machen, der ihr sonst nie zugänglich gewesen wäre. Ein Ausflug in die Welt der Fantasie mit diesem sexy Italiener, für den Tilly Rogers nicht existierte, für den sie einfach nur Natalie war.

Die Versuchung wurde immer stärker. Doch dann verbot sie sich diesen Gedanken. Wenn sie sich wirklich eine Romanze gestatten würde, dann nicht mit einem Mann, der keine andere Wahl hatte. Sondern mit einem Mann, der sie wirklich begehrte – wenigstens für eine Nacht.

„Vielen Dank für Ihre Einladung“, sagte sie und zwang sich, seinen Blick zu erwidern. „Es ist ganz neu für mich, das Essen und den Wein genießen und dieses Kleid tragen zu dürfen.“

Das Letzte sollte ein Anflug von Humor sein, der jedoch kläglich scheiterte. Stattdessen wurde sein Blick noch eindringlicher.

„Sie sehen wunderschön aus.“ Seine Worte klangen wie eine Liebkosung. „Molto bella.“

Tilly wandte den Blick ab und betrachtete das flackernde Feuer im Kamin. Dabei merkte sie, dass sie schon wieder errötet war. Musste er immer in seine Muttersprache verfallen? „Danke sehr. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Kompliment Ihrer Freundin gefallen würde.“

Zu ihrer Überraschung lachte er, und sie sah ihn erneut an. Es irritierte sie, dass sie für ihn ein Objekt der Belustigung war. Er ging zu einem kleinen Tisch, auf dem der Kübel mit dem Champagner stand, holte die Flasche heraus und schenkte ihnen nach. Dann ließ er sich auf der anderen Ecke des Sofas nieder.

„Ich habe keine Freundin.“

„Aber ich dachte …“, begann sie und brach dann ab. Sie konnte sich noch genau an die umwerfende Brünette erinnern, die sie im Internet auf Fotos mit ihm gesehen hatte. Dann dachte sie an den Ruf, der ihm vorauseilte. Er war offensichtlich kein Mann, der beabsichtigte, sesshaft zu werden.

Xavier lehnte sich zurück und legte den rechten Arm auf die Lehne, die Hand gefährlich nahe an ihrem Nacken. „Haben Sie geglaubt, ich hätte eine Beziehung?“

„Äh, genau genommen, ja.“ Tilly war verwirrt, was entweder mit dem Thema zusammenhing oder mit dem Umstand, dass er ihr jetzt so nahe war.

„Ich habe vor Kurzem mit meiner Freundin Schluss gemacht. Wir waren ziemlich lange zusammen. Und ich habe mir vorgenommen, mich in nächster Zeit nicht mehr zu binden.“ Die Bedeutung seiner Worte war glasklar. Er wollte sich nur noch auf kurze Affären einlassen, genau wie man es ihm nachsagte. Das war ein weiterer Grund für sie, sich von ihm fernzuhalten.

„Verstehe“, erwiderte sie ruhig und sah in ihr Glas mit der perlenden Flüssigkeit. Würde sie es tatsächlich bereuen, wenn er sie küsste?

In diesem Moment beugte er sich nach vorn, und um ein Haar hätte sie den Champagner vergossen. Ihre Blicke trafen sich, als er ruhig sagte: „Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihnen genauso geht – nach dem, was Sie mir vom letzten Jahr erzählt haben.“

„Wenn Sie damit sagen wollen, dass ich eine Affäre nach der anderen gehabt habe, irren Sie sich gewaltig. Zu dieser Sorte Frau gehöre ich nicht.“ Was würde er wohl sagen, wenn er herausfand, dass sie noch Jungfrau war?

Am liebsten wäre Tilly aufgesprungen und aus dem Zimmer gelaufen. Doch etwas hielt sie zurück. Dieser Moment, den es nur gab, weil sich die Elemente gegen sie verschworen hatten, war einfach zu kostbar.

„Ja, ich weiß“, sagte er. „Deshalb habe ich auch der Versuchung widerstanden, Sie zu küssen. Obwohl mir klar war, dass Sie es wollten.“

„Sie arroganter …“ Jetzt schwappte ihr Glas wirklich über, und der Champagner spritzte auf ihr Kleid, als sie aufsprang. Doch leider stolperte sie über seine lang ausgestreckten Beine und fand sich im nächsten Moment in seinen Armen wieder.

„Was wollten Sie sagen?“ Der Humor in seiner Stimme entfachte ihre Wut noch mehr. Es war nicht nur der Ärger darüber, dass er annahm, er hätte sie küssen können, sondern auch die Wut auf sich selbst. Denn schließlich hatte Xavier recht – ja, sie hatte es sich gewünscht.

Sie sah ihn an und atmete schwer, während er sie noch immer umfangen hielt. Sie spürte, wie stark er war. Ihr Herz klopfte so sehr, dass sie sicher war, dass er es nicht nur hören, sondern auch fühlen konnte.

„Ihr Charme und Ihre Verführungskünste funktionieren vielleicht bei anderen Frauen. Aber nicht bei mir.“ Tilly wusste, sie sollte ihn wegschieben, sollte ihm zeigen, dass sie es ernst meinte. Aber ihr Körper und ihr Geist arbeiteten gegeneinander.

„Weil Sie immer noch in den Mann verliebt sind, den Sie heiraten wollten?“, fragte er.

„Ja“, log sie. Bestimmt würde er sie loslassen, wenn er ihr glaubte. Das war die beste Form der Verteidigung, auch wenn ihr inzwischen klar war, dass das, was sie mit Jason verbunden hatte, Freundschaft gewesen war und nicht Liebe. „Und weil ich Ihre Catering-Frau bin und nicht Ihre neueste Eroberung.“

„Ich glaube Ihnen nicht.“ Xavier sah in Tillys blaue Augen, die sein Begehren reflektierten. War sie wirklich noch in diesen anderen Mann verliebt? Aber hätte sie ihn in diesem Fall nicht zurückgestoßen? Jedenfalls sah sie in diesem Moment unglaublich sexy aus, und am liebsten hätte er sie auf der Stelle geküsst. Ihre Lippen öffneten sich einladend unter seinem Blick. Wenn ihr Herz einem anderen gehörte, hätte Entrüstung in ihrem Blick gelegen und nicht Verlangen.

„Es stimmt aber“, entgegnete sie fest und versuchte, sich aus seiner Umarmung zu lösen.

Er ließ sie los, auch wenn es ihn große Willensanstrengung kostete. Doch sie hatte recht, er hatte sie schließlich engagiert, und das würde er respektieren – jedenfalls fürs Erste.

Tilly beugte sich nach vorn und bemühte sich, den Champagnerfleck auf ihrem Kleid wegzuwischen. Doch das war nur der Versuch, seinem Blick zu entgehen, denn sie hatte genau gesehen, mit welcher Leidenschaft er sie angeschaut hatte.

„Warum sind Sie dann heute hier?“, fragte er. „Warum sind Sie nicht bei diesem Jason und sagen ihm, wie sehr sie ihn lieben?“ Auch wenn er genau wusste, wie lächerlich das war, verspürte er doch so etwas wie Eifersucht auf diesen Mann.

Tilly stand auf und strich sich ihr Kleid glatt. „Muss ich es wirklich noch einmal wiederholen? Ich bin hier, um zu arbeiten – für Sie.“

Xavier lenkte ein. „Möchten Sie vielleicht noch ein Glas Champagner? Sie können unmöglich mit einem leeren Glas aufs neue Jahr anstoßen. In wenigen Minuten ist es Mitternacht – und damit endet auch Ihr Vertrag.“

Einen Moment lang dachte er, sie würde ablehnen. Ihre Augen funkelten vor Zorn, und er erkannte, dass er sich mehr nach ihr sehnte, als er sich je nach einer Frau gesehnt hatte. Der schwarze schimmernde Stoff ihres Kleids betonte noch die sanfte Schwellung ihrer Brüste, die sich in diesem Moment hoben und senkten.

Sie war wunderschön. Perfekt.

Und sie erinnerte ihn an alles, worauf er kein Recht mehr hatte.

„Nur noch ein Glas.“ Ihre Stimme klang rau, doch sie brachte Xavier wieder in die Gegenwart zurück – weg von allen Selbstanklagen und Vorwürfen. Glück und Liebe, das verdiente er einfach nicht mehr, denn er hatte Paulos Leben zerstört und damit eine ganze Familie vernichtet.

„Grazie“, erwiderte er und zwang sich, die düsteren Gedanken beiseite zu schieben. Heute Abend sollten ihn die Dämonen nicht mehr quälen. Er schenkte ihnen beiden erneut ein und fragte sich, wie Tilly wohl reagieren würde, wenn sie die Wahrheit über ihn erfuhr. Würde sie ihn immer noch begehren? Oder würde sie sich verhalten wie Carlotta – kalt und verächtlich?

„Danke.“ Sie nahm das Glas entgegen, ohne ihn anzuschauen.

Er ging zum Kamin hinüber, stellte das Glas dort ab und legte ein Holzscheit ins Feuer. Dann stocherte er in der Glut herum, bis die Funken wieder sprühten, genauso wie sein Begehren aufflammte, ausgelöst von der Vorstellung, sie zu küssen.

„Wahrscheinlich bereuen Sie es längst, diesen Auftrag angenommen zu haben“, sagte er und starrte in die Flammen.

„Ich habe ihn angenommen, weil ich keine Lust hatte zu feiern – oder mich zu erinnern.“ Ihre Stimme klang wieder fest und selbstsicher.

„Dieser Mann muss ein kompletter Idiot sein!“ Xavier drehte sich um und sah sie an. „Wie kann man eine Frau wie Sie zurückstoßen?“

„Nun, ganz so war es nicht“, erwiderte sie und machte ein paar Schritte auf ihn zu. Tilly hob den Kopf und sah ihn an. „Wir kannten uns seit der Schulzeit, und ich glaube, wir haben nur beschlossen zu heiraten, um unsere Familien glücklich zu machen. Das haben alle von uns erwartet.“

Er sah sie scharf an. „Aber Sie lieben ihn noch?“

„Ja.“ Nachdenklich trank sie einen Schluck. „Er war meine Jugendliebe. Ich werde ihn immer lieben.“

„Sie sollten Ihre Liebe nicht für einen Mann wegwerfen, der Sie verlassen hat.“ Plötzlich merkte er, wie ähnlich sich ihr Schicksal war. Beide kannten sie den Schmerz der Zurückweisung. Doch in seinem Fall war er es, der mit Carlotta Schluss gemacht hatte.

„Sprechen Sie etwa aus Erfahrung, Signor Moretti?“

Dass sie ihn so förmlich beim Nachnamen nannte, erschütterte ihn einen Moment lang. Doch er wusste, was sie damit beabsichtigte. Während die Minuten verstrichen und die Anziehung zwischen ihnen immer stärker wurde, versuchte sie ihn daran zu erinnern, warum sie überhaupt hier waren.

„Bei mir war es so … ich hatte bei einem Rennen einen Autounfall, bei dem ich schwer verletzt wurde. Danach war ich nicht mehr der richtige Begleiter für ein Model wie Carlotta. Ich konnte ihr nicht länger den luxuriösen Lebensstil bieten, den sie sich wünschte.“ Xavier hätte Tilly gern mehr erzählt, ihr gesagt, dass er wusste, wie es war, abgewiesen zu werden. Aber er fand einfach nicht die richtigen Worte. „Als ich ihr sagte, dass Schluss sei, ist sie einfach gegangen und hat sich in die Arme eines anderen Mannes geworfen.“

Schockiert sah Tilly ihn an, dann machte sie einen Schritt auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Arm.

„Oh, das tut mir leid“, flüsterte sie.

Was tat ihr leid? Seine gescheiterte Beziehung oder der Unfall? „Es war wohl das Beste für alle Beteiligten“, erwiderte er kurz und wünschte sich plötzlich, das Gespräch zu beenden.

„Wann ist das passiert? Der Unfall, meine ich.“

„Im Sommer vor drei Jahren.“

„Sie haben mit ihr Schluss gemacht, weil Sie im Krankenhaus lagen?“

Ungläubig sah sie ihn an, doch Xavier fragte sich, wie sie wohl an Carlottas Stelle gehandelt hätte? Wäre sie beim Anblick seiner Verletzungen auch zurückgezuckt und hätte ihn voller Ekel angeschaut? Oder wäre sie bei ihm geblieben, als seine Stimmung immer schlechter geworden war und er sich unglaubliche Vorwürfe gemacht hatte?

Er zuckte die Achseln. „Ich war einfach nicht mehr der Mann, den sie kennengelernt hatte, und ich konnte ihr kein Jetset-Leben mehr bieten. Deshalb hielt ich es für das Beste, die Beziehung zu beenden.“

„Ich … um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll.“ Doch ihr Blick war voller Mitgefühl. Xavier hingegen war im Nachhinein froh darüber, dass Carlotta ihm ihr wahres Gesicht gezeigt hatte. So war er vor einem schweren Fehler bewahrt worden.

„Wann hätte denn Ihre Hochzeit sein sollen?“ Er wollte nicht länger über sich sprechen, wollte an den Horror jener Monate nicht mehr denken.

„Eine Stunde später, eine Stunde nachdem Jason mir eröffnet hat, dass er die Verlobung auflösen wollte.“

Tilly biss die Zähne aufeinander und versuchte, die Tränen zurückzudrängen. Sie durfte jetzt auf keinen Fall weinen. Nicht hier, vor diesem Mann. Eigentlich hatte sie geglaubt, sie wäre längst über Jason hinweg.

„Dio mio.“

Danach folgte ein Schwall italienischer Wörter, die sie nicht verstand. Plötzlich verwandelte sich ihr Bedürfnis zu weinen in den Wunsch zu lachen – so laut, wie sie es seit Monaten nicht mehr getan hatte. Wie konnte sie nur mit Xavier über diesen wunden Punkt sprechen und ihn sogar komisch finden? Es musste etwas mit diesem Ort zu tun haben und mit dem Gefühl, aus der Realität herauskatapultiert worden zu sein.

Auf den Tag genau heute vor einem Jahr hätte sie den Mann heiraten sollen, von dem sie stets angenommen hatte, dass er der Richtige war. Sie waren zusammen aufgewachsen, bei ihm fühlte sie sich sicher und geborgen. Doch dann hatte er sich von ihr getrennt und ihr geraten, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Kämpfte sie jetzt genau dagegen an? Gegen einen italienischen Playboy, der ihren Puls zum Rasen brachte?

Xavier machte einen Schritt auf sie zu, streckte die Hand aus und strich ihr sanft über die Wange. Die Luft war zum Zerreißen gespannt. Dann beugte er sich zu ihr herunter, und der Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase.

In diesem Moment schlug die große Standuhr in der Halle Mitternacht. Der Klang durchschnitt die aufgeladene Luft, und jetzt ertönte auch die kleine Uhr auf dem Kamin. Es war wie ein Echo und bedeutete, dass ihr Vertrag in dieser Minute endete.

„Mitternacht“, flüsterte sie leise und ohne sich zu rühren. Sein Blick fiel auf ihre Lippen, und sie konnte kaum atmen.

Die Schläge gingen weiter, sie verabschiedeten das alte Jahr und begrüßten das neue.

„Buon anno nuovo“, sagte Xavier, und seine tiefe Stimme löste kleine Schauer in ihr aus.

„Frohes neues Jahr!“ Tilly merkte, wie ihr Herz hämmerte. Sie wartete, bis der letzte Schlag der Uhr verklungen war. Jetzt konnte sie eigentlich gehen. Und genau das tat sie. Sie wandte sich von ihm ab und verließ das Zimmer. Beim Vorbeigehen stellte sie noch ihr Glas auf dem kleinen Tisch ab.

„Natalie.“

Er rief ihr nach, aber sie blieb erst stehen, als sie vor dem Weihnachtsbaum stand, den er eigentlich aus dem Haus hatte verbannen wollen. Xavier war ihr gefolgt, er stand jetzt dicht hinter ihr. Sie drehte sich um.

„Lauf nicht weg vor mir, Natalie. Nicht heute Abend!“

Sie sah ihn an und konnte sich nicht entscheiden, ob die Verletzlichkeit in seiner Stimme real war oder ob sie sie sich nur einbildete. „Ich muss gehen.“

„Nein, bitte bleiben Sie!“

Tilly schüttelte den Kopf. „Das geht nicht.“

Er sagte nichts und sah sie nur an.

Dann strich er ihr sanft übers Haar und niegte den Kopf. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Wie gebannt blickte sie ihn an, sah die Leidenschaft in seinen Augen. Doch dahinter entdeckte sie noch etwas anderes.

„Frohes neues Jahr, Natalie.“ Seine Stimme ging ihr durch und durch.

Sie schluckte und antwortete instinktiv auf Italienisch. „Buon anno nuovo, Xavier.“

Noch bevor ihre Lippen sich berühren konnten, lehnte sie sich zurück, doch er hielt sie fest. „Dein Vertrag ist hiermit beendet, Natalie. Aber du kannst nicht leugnen, dass da etwas zwischen uns ist.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, küsste er sie – federleicht zunächst, dann immer fordernder.

Tilly konnte nicht anders, sie musste ihrem Verlangen nachgeben und den Kuss erwidern. Aber es ist ja auch nichts Besonderes, versuchte sie sich einzureden. Nur ein Neujahrskuss. Nicht mehr und nicht weniger.

Ihre Lippen verschmolzen miteinander, und sie merkte, wie ihr Körper zu ...

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