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ROMANA EXTRA BAND 5

SARAH LEIGH CHASE

Andalusische Leidenschaft

Ohne Braut kein Weingut! Um nicht enterbt zu werden, behauptet Alejandro, er sei verlobt. Mit Lara Hamilton. Als er der schönen Engländerin seine Notlüge beichtet, erlebt er eine Überraschung …

BARBARA WALLACE

Das Glück wartet in New York

„Lebe im Hier und Jetzt!“ So lautet Grants Motto. Sophie dagegen hat nur ihre Karriere im Kopf. Wird sie einsehen, dass das Glück nicht in der Chefetage wartet, sondern in seinen Armen?

CATHY WILLIAMS

Geständnis auf Santorin

Ist die Verlobte seines Bruders eine Heiratsschwindlerin? Theo versucht, Abbys Treue auf die Probe zu stellen – mit einem verbotenen Kuss. Seitdem kann er die geheimnisvolle Blondine nicht vergessen …

LEANNE BANKS

Heimliche Liebe im Inselpalast

Maggie ist fasziniert von Kronprinz Michel. Er ist ein äußerst anziehender Mann, kein kühler Monarch. Doch das gesellschaftliche Parkett bei Hof ist glatt. Wäre es ein Ausrutscher, ihn zu küssen?

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Andalusische Leidenschaft

PROLOG

London, vor neun Jahren

Das Sonnenlicht weckte sie. Lara Hamilton blinzelte, tastete nach ihrer Brille auf dem Nachttisch und setzte sie auf.

Wo bin ich? fragte sie sich. Sie war siebzehn und noch nie in einem fremden Bett aufgewacht. Ihre Verwirrung dauerte nur eine Sekunde, dann verwandelte sie sich in pure überschäumende Freude.

Sie war bei ihm!

Neben sich spürte sie die Wärme von Alejandros Körper. Er lag auf dem Rücken, eine Hand hing aus dem Bett. Die Decke war heruntergerutscht und bedeckte nur seine schmalen Hüften. Lara stützte sich auf einen Ellenbogen und verlor sich im Anblick seines perfekten Körpers. In der Morgensonne schimmerte seine makellose olivfarbene Haut wie Bronze.

Alejandro war nicht einfach nur schön, dazu waren seine Züge viel zu markant. Atemlos bewunderte Lara die kühne, leicht gebogene Nase, das herrische Kinn und die hohen Wangenknochen. Sein sinnlich geschwungener Mund hatte alle Härte verloren. Im Schlaf sah er sehr verletzlich aus. Gar nicht wie der arrogante, wilde Junge, der keinem Flirt und keiner Prügelei aus dem Weg ging.

Einen Herzschlag lang spürte Lara plötzlich Angst. Träumte sie vielleicht immer noch? Sie setzte sich vorsichtig auf. Auf dem Boden vor dem Bett entdeckte sie ihre Kleidung. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nackt war. Hastig zog sie die Decke bis zum Kinn.

Bei der Erinnerung an Alejandros leidenschaftliche Zärtlichkeiten errötete sie. Bis gestern Nacht war sie noch nie geküsst worden. Aber in Alejandros Armen hatte sich plötzlich alles ganz richtig angefühlt. Ohne zu zögern, hatte sie sogar mit ihm geschlafen.

Ihr Blick liebkoste sein Gesicht. Wie sehr ich ihn liebe! dachte sie glücklich. Sie liebte ihn mit jeder Faser, und sie hatte genau gespürt, dass er ihre Gefühle erwiderte. Wie sonst wäre so etwas zwischen zwei Menschen möglich gewesen? Ihr wurde heiß, als sie an die wilde Lust dachte, mit der sie sich geliebt hatten.

Lara riss den Blick von Alejandro los und schaute sich um. In dieses Zimmer würde unsere ganze Wohnung passen, ging ihr durch den Kopf. Dann sah sie ihr eigenes, rundes Gesicht im Kleiderschrankspiegel. Unwillkürlich sog sie die Wangen zwischen die Zähne und lockerte ihr glattes braunes Haar ein wenig auf.

Alejandro kümmert es nicht, dass ich nicht hübsch bin! dachte sie trotzig. Er sah, dass mehr in ihr steckte als das unattraktive, dickliche Mädchen. Ermutigend lächelte sie sich zu, aber als ihre Zahnspange im Sonnenlicht aufblitzte, schloss sie den Mund schnell wieder.

Der stolze Spanier war vor einem Jahr neu in ihre Klasse gekommen. Beim ersten Blick in seine dunklen, samtigen Augen hatte sich Lara mit Haut und Haaren in ihn verliebt. So wie alle anderen Mädchen der Schule – und, wenn man den Gerüchten glauben konnte, sogar einige Lehrerinnen.

Aber im Gegensatz zu den anderen schwärmte Lara nicht einfach nur für den steinreichen Erben. In Alejandros schwarzen Augen sah sie seine Einsamkeit. Das hatte sie ihm auch in ihrem Brief geschrieben.

Woher hatte sie nur den Mut genommen, Alejandro ihre Liebe zu gestehen? Schon wenige Minuten nachdem sie den Zettel unter der Tür seines Spinds durchgeschoben hatte, konnte sie selbst nicht mehr begreifen, was in sie gefahren war.

Alejandro hatte mit keinem Wort oder Blick auf ihre tollkühne Liebeserklärung reagiert. Auch wenn ein winziger Teil von ihr enttäuscht war, wusste sie doch, dass sie großes Glück gehabt hatte. Es hätte eher zu Alejandro gepasst, den Brief in der Schülerzeitung zu veröffentlichen.

Aber selbst in ihren kühnsten Träumen hätte sie nie erwartet, dass er ihre Gefühle erwiderte! Ein Junge wie er bemerkte Mädchen wie Lara nicht. Bis gestern hatte sie geglaubt, dass er nicht einmal ihren Namen kannte.

Aber dann hatte er sie persönlich zu seiner Party eingeladen! Na ja, nicht direkt sie persönlich – er hatte die gesamte Oberstufe eingeladen. Und offenbar halb London. Hunderte Gäste hatten sich gestern in der García-Villa gedrängt, und die dröhnenden Bässe der Musik hatten die Fenster zum Klirren gebracht. Von Alejandros Eltern war nichts zu sehen gewesen.

Wie üblich wurde Alejandro von den schönsten Mädchen umschwärmt. Aber er wollte sie! Lara!

Bestimmt spürt auch er unsere Seelenverwandtschaft, dachte sie jetzt selig. Ihr war, als würde sie auf Wolken schweben.

„Alejandro“, flüsterte sie verliebt.

Ganz vorsichtig streckte sie die Hand aus, um seine seidigen schwarzen Locken zu berühren. In diesem Moment gähnte er, rekelte und streckte sich ausgiebig. Lara stockte der Atem, als die geschmeidigen Bewegungen die Decke noch ein Stückchen tiefer über seine Hüften rutschen ließen.

Alejandro gähnte noch einmal laut, seine Lider mit langen Wimpern flatterten, dann schlug er die dunklen Augen auf.

„Guten Morgen. Ich wollte dich nicht wecken.“ Lara nahm hastig ihre Brille ab, rutschte näher zu ihm und kuschelte sich an ihn.

Er sah sie an. Lara merkte, wie er sich versteifte. Im nächsten Moment schob er hastig die Decke zurück und sprang aus dem Bett.

„Alejandro?“, murmelte Lara verwirrt.

„Ja. Und du bist …?“ Seine Stimme mit dem aufregenden spanischen Akzent klang noch tiefer und rauer als sonst. Er zuckte mit den breiten Schultern. „Na, egal.“

Lara hatte das Gefühl, als hätte er einen Eimer Eiswasser über ihr ausgeschüttet.

Ohne sie anzusehen, hob er seine Jeans vom Boden auf und zog sie an. „Wieder nüchtern?“, fragte er dann beiläufig. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich brauche jetzt Kaffee, am besten eine ganze Kanne.“

„Ich … ich war nicht betrunken, du etwa?“ Laras Mund war so trocken, dass sie kaum sprechen konnte.

Alejandro lachte, zuckte mit den Schultern und zeigte auf die leeren Flaschen auf dem Boden. „Na ja, nüchtern war ich jedenfalls nicht.“ Mit einem seltsamen Ausdruck im Blick musterte er sie und ihre Kleidung auf dem Boden neben dem Bett. „Okay. Dann mache ich mich jetzt mal auf die Suche nach Kaffee.“ Eilig verließ er das Zimmer.

Zutiefst verletzt blieb Lara zurück. Wie konnte sich eine solche Leidenschaft so schnell in diese eisige Kälte verwandeln?

Dann begriff sie. Alejandro hatte sich gestern nicht für sie entschieden. Er war einfach nur zu betrunken gewesen, um sich darum zu scheren, welches Mädchen er mit auf sein Zimmer nahm. Dummerweise hatte er keine der Schönheiten erwischt, sondern das hässliche Mauerblümchen. Aber das hatte er nicht einmal mehr gemerkt.

Lara stöhnte auf und krümmte sich. In ihr tobte ein entsetzlicher Schmerz. Fühlt es sich so an, wenn das Herz bricht?

1. KAPITEL

London, heute

Lara klappte ihr Notebook zu und sprang auf. „Wie soll ich das jemals schaffen?“

Unruhig lief sie im Wohnzimmer auf und ab und zuckte zusammen, als es plötzlich an der Tür klingelte. Fast erleichtert über die Ablenkung, lief sie in den Flur und öffnete.

„Betty …“ Bei dem besorgten Blick ihrer besten Freundin traten ihr Tränen in die Augen.

„Mein Gott, Lara, du siehst ja entsetzlich aus!“ Betty zog Lara an ihre üppige Brust.

„Du hast wirklich ein seltenes Talent, die richtigen Worte zu finden. Jetzt geht es mir gleich schon viel besser.“ Lara versuchte ein Lächeln, aber sie spürte, wie ihre Lippen zitterten.

Betty schob ihre Freundin zu dem gemütlichen alten Samtsofa und zog eine Flasche Rotwein aus den Tiefen ihrer riesigen Handtasche. „Zum Glück habe ich genau die richtige Medizin mitgebracht.“

„Nein, Betty, ich kann nichts trinken. Ich muss noch arbeiten.“

„Ein Glas Wein wird dir schon nicht schaden.“ Ohne auf Laras Protest zu achten, ging Betty in die kleine Küche, holte zwei Weingläser und einen Korkenzieher. Geschickt öffnete sie die Flasche und füllte die Gläser.

„Ach Betty, hätte ich bloß nie den Vertrag für diesen Roman unterschrieben!“, stöhnte Lara auf. „Ich kann nicht schreiben!“

„Das ist völliger, Unsinn, und das weißt du selbst“, erwiderte ihre Freundin energisch. „Du hast bereits ein Buch geschrieben, und zwar ein sehr erfolgreiches.“

„Das war vor drei Jahren, direkt nach der Uni! Damals habe ich einfach drauflosgeschrieben. Ich hätte nie gedacht, dass ein Verlag das Manuskript wirklich annimmt.“

„Darum hast du dich auch nicht so unter Druck gesetzt wie jetzt. Aber vielleicht würde es dir leichter fallen, über die große Liebe zu schreiben, wenn du selbst ein bisschen offener dafür wärst.“

„Ich bin ja offen, aber …“

„… dir begegnet einfach nicht der Richtige. Ich weiß.“ Betty lächelte ihre Freundin liebevoll an. „Hast du eigentlich mal auf die Uhr geschaut?“

Lara warf einen Blick den Computermonitor. „Fast elf“, murmelte sie überrascht.

Betty schüttelte ihre roten Locken. „Hast du heute Abend überhaupt schon etwas gegessen?“ Mit spitzen Fingern hob sie eine angebrochene Packung Kartoffelchips hoch. „War das etwa dein Abendessen?“

„Eher mein Mittagessen“, gab Lara zu. „Ich habe gar nicht mitbekommen, dass es schon so spät ist.“

„So etwas hatte ich mir doch gedacht.“ Betty holte eine Packung Sandwiches mit Thunfischsalat aus ihrer Tasche. „Jetzt iss erst mal was.“

Lara wickelte ein Sandwich aus der Klarsichtfolie. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war. Mit einem Bissen verschwand fast das halbe Brot. „Ich weiß nicht, wie ich das rechtzeitig schaffen soll, Betty“, erklärte sie kauend. „In knapp drei Monaten muss mein Roman fertig sein, und ich habe nichts.“

„Gar nichts? Aber du sitzt doch jeden Tag von morgens bis nachts am Computer.“

„Und ich bin immer noch beim ersten Absatz!“, rief Lara verzweifelt. „Jeden Morgen lösche ich alles, was ich am Tag vorher geschrieben habe und fange wieder von vorn an. Ich kann nicht begreifen, wie ich jemals ein Buch schreiben konnte …“ Sie brach ab und schlug die Hände vor das Gesicht.

Betty legte ihr den Arm um die Schultern. „Du hast eine Schreibblockade. Das kommt vor“, versuchte ihre Freundin sie zu trösten.

„Ja, aber nicht wochenlang. Und schon gar nicht, wenn der Abgabetermin vor der Tür steht. Ich kann mir keine Schreibblockade leisten!“

„Wenn du dich so unter Druck setzt, machst du es nur noch schlimmer.“

„Glaubst du, ich weiß das nicht? Was soll ich denn machen? Ich stehe nun mal unter Druck.“ Lara griff nach ihrem Glas und trank einen großen Schluck Wein. „Ich kann nicht einmal den Vorschuss zurückgeben. Nachdem ich Mums Krankenhausrechnung bezahlt habe, sind gerade mal einige Hundert Pfund übrig.“

„Ich weiß, Liebes. Wie geht es deiner Mutter?“

„Sie hat gestern mit der neuen Therapie begonnen. Marshall Heights ist eine der besten Kliniken in ganz Großbritannien. Aber leider auch sehr teuer.“ Lara stöhnte. „Ich muss den Roman fertigbekommen. Wie soll ich sonst die nächste Rechnung bezahlen?“

„Vielleicht kann ich dir ja weiterhelfen. Ich bin heute Abend nämlich nicht nur gekommen, um dich zu füttern und aufzumuntern.“ Betty streifte die Schuhe ab und zog die Füße auf das Sofa. „Ich möchte dir einen Vorschlag machen.“

„Vorschlag?“, wiederholte Lara.

„Du musst hier raus. So kann es ja nicht weitergehen.“ Betty füllte die Gläser auf, dann lehnte sie sich in die Kissen zurück. „Habe ich dir schon von Tante Lisa und Onkel Ted erzählt?“

Lara schüttelte den Kopf und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Nein, aber ehrlich gesagt …“

Betty lachte. „Keine Angst, ich will dich nicht mit Geschichten über meine Verwandtschaft langweilen. Die beiden haben ein kleines Häuschen in Andalusien, an der Costa de la Luz. Leider können sie in diesem Sommer nicht dorthin fahren, da Onkel Ted operiert werden muss, und sie würden sich freuen, wenn du die nächsten Wochen dort verbringst und nach dem Rechten siehst. Lüften, Blumen gießen … Du weißt schon. Auf diese Weise sparen sie sich jemanden, der sich um das Haus kümmert, und du hättest dort so viel Ruhe, wie du zum Arbeiten brauchst. Bestimmt würde dir der Tapetenwechsel ein paar neue Ideen bringen.“

„Andalusien“, wiederholte Lara gedehnt.

Ihre Miene verschloss sich. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah sie wieder das Gesicht von Alejandro García vor sich.

Betty schien ihre Gedanken zu lesen. „Du denkst jetzt doch nicht etwa wieder an diesen Mistkerl?“ Sie war seit vielen Jahren Laras beste Freundin und wusste alles über die Nacht mit Alejandro.

„Seine Familie stammt aus Andalusien“, murmelte Lara.

„Und wenn schon! Andalusien ist groß. Du wirst dort garantiert nicht ausgerechnet ihm über den Weg laufen!“, versicherte Betty. „Wahrscheinlich lebt er sowieso ganz woanders.“

„Du hast recht. Es war albern, überhaupt daran zu denken.“ Lara seufzte. „Ich dachte, ich hätte ihn längst vergessen. Aber manchmal …“ Sie schüttelte den Kopf.

„Wenn er dich nur jetzt sehen könnte! Du hast dich in den strahlendsten Schmetterling verwandelt, den ich je gesehen habe“, erklärte Betty neidlos. „Damit wollte ich nicht sagen, du wärst vorher eine Raupe gewesen“, ergänzte sie rasch.

„Na ja, viel anmutiger war ich jedenfalls nicht.“ Lara lächelte schwach bei der Erinnerung. „Es war harte Arbeit, die überflüssigen Kilos loszuwerden.“

Es hatte geholfen, dass sie noch einige Zentimeter gewachsen war. Die dicke Brille hatte sie gegen Kontaktlinsen eingetauscht, und ihr früher kinnlanges glattes Haar reichte mittlerweile fast bis zur Taille.

„Und es hat sich gelohnt!“, rief Betty aus. „Jetzt würde dieser elende Weiberheld vor dir auf die Knie fallen und bitter bereuen, was er dir damals angetan hat.“

Lara trank einen Schluck Wein und stellte ihr Glas so heftig auf den Tisch, dass es klirrte. „Lass uns nicht mehr darüber reden! Die Sache ist vorbei und vergessen.“

Aber sie wusste genau, dass sie sie niemals vergessen würde. Zu tief hatte Alejandro sie verletzt. Nach ihrer gemeinsamen Nacht waren sie sich nur noch einmal in der Klasse begegnet. Alejandro hatte einfach durch sie hindurchgesehen. Lara konnte nicht sagen, ob er sie absichtlich nicht gegrüßt oder einfach nicht wiedererkannt hatte. Am nächsten Tag war er nach Spanien zurückgeflogen. Niemand wusste genau, warum. Sie hatte ihn nie wiedergesehen.

Seitdem habe ich mich nicht einmal mehr verliebt, dachte Lara bitter. Ausgerechnet dieser miese Kerl war der Einzige, der ihr Herz jemals hatte schneller klopfen lassen.

Noch lange nach Alejandros Abreise hatte sie Nacht für Nacht wach gelegen und sich ausgemalt, wie sie sich an ihm rächen würde. Sie wollte ihn demütigen, ihn so verletzen, wie er sie. Irgendwann waren diese zerstörerischen Gedanken weniger geworden und hatten schließlich ganz aufgehört.

Aber immer noch hasste sie ihn von ganzem Herzen. Schon bei dem Gedanken an ihn durchfuhr sie heiße Wut.

Nach einem Blick in Laras Gesicht wechselte Betty das Thema. „Also, was hältst du von meinem Vorschlag mit dem Häuschen in Andalusien? Es wird Zeit, dass du auf andere Gedanken kommst.“

Lara verdrängte jeden Gedanken an Alejandro und nahm ihre Freundin in den Arm. „Genau das, was ich brauche, Betty. Wann kann ich den Schlüssel haben?“

Die Abendsonne senkte sich langsam und tauchte die grüne Landschaft Andalusiens in goldenes Licht. In der Ferne zogen sich weiße Häuser anmutig einen Berghang bis zum Gipfel hinauf, und durch das geöffnete Autofenster drang der Gesang der Zikaden.

Lara genoss die warme Sonne auf der Haut und den Duft der wilden Kräuter. Zwei Monate Sonne, Strand und hoffentlich viele neue Ideen lagen vor ihr.

Wie lange ist es her, dass ich Großbritannien das letzte Mal verlassen habe? überlegte Lara. Fast acht Jahre. Ihre Mutter hatte ihr zum Schulabschluss eine Reise nach Barcelona geschenkt. Danach hatte Lara all ihre Zeit in ihr Literaturstudium gesteckt.

Doch selbst der Abschluss mit Auszeichnung reichte nicht aus, um bei der schlechten Arbeitsmarktlage einen Job zu bekommen. Zum Glück sprach Lara fließend Spanisch, sodass sie sich mit Übersetzungen über Wasser halten konnte. In der Freizeit widmete sie sich ihrer Leidenschaft – dem Schreiben von Liebesromanen.

Wenn mir die große Liebe im wahren Leben nicht begegnet, schreibe ich eben darüber, dachte sie mit einem kleinen Lächeln.

Es war ihr wie ein Wunder vorgekommen, als ein Verlag ihr erstes Buch angenommen und mit Erfolg veröffentlich hatte. Doch mittlerweile war das Geld fast aufgebraucht.

Wären nur Mums Behandlungskosten nicht so hoch! Lara seufzte. Aber als sie an ihren Abschiedsbesuch im Krankenhaus dachte, zog wieder ein Lächeln über ihr Gesicht. Ihre Mutter hatte so hoffnungsvoll gewirkt wie schon lange nicht mehr. Auch wenn die Klinik teuer war, lohnte sich das Geld.

Ich hätte mir wirklich ein Zimmer für die Nacht nehmen sollen, dachte Lara und gähnte. Um Geld zu sparen, hatte sie die vergangene Nacht im Auto auf einem Parkplatz verbracht. Jetzt machte sich der unruhige Schlaf bemerkbar. Alle Muskeln waren steif, und ihre Augen brannten vor Erschöpfung.

Wie lange war sie jetzt unterwegs? Etwa fünfundzwanzig Stunden seit der Fähre, überschlug sie. Zu ihrer Überraschung hielt ihr schon recht klappriges Auto die lange Fahrt tapfer durch.

Vor einer Stunde hatte sie die Autobahn verlassen, doch noch immer war vom Meer nichts zu sehen. Gerade als sie überlegte, ob sie an der nächsten Bar anhalten und einen Kaffee trinken sollte, entdeckte sie ein Straßenschild: El Palmar de Vejer, dreißig Kilometer.

Eine Dreiviertelstunde später fuhr sie ihren Wagen in die Einfahrt des kleinen Ferienhauses von Bettys Verwandten. Es war das letzte in einer kleinen Siedlung, und der Garten grenzte direkt an eine Weide. Im Nachbargarten saß ein älteres Paar beim Abendessen. Die beiden winkten ihr freundlich zu.

Hinter dem Haus erstreckte sich eine breite Terrasse, beschattet von einem uralten Feigenbaum. Was für ein wunderbarer Arbeitsplatz, dachte Lara. Hier konnte sie jeden Tag die Pferde auf der Weide und den Sonnenuntergang anschauen. Sie nahm ihre Reisetasche aus dem Auto, zog den Schlüssel aus der Jacke und öffnete die hölzerne Tür.

Am nächsten Morgen überlegte Lara, ob sie zuerst zum Strand fahren oder sich die Stadt ansehen sollte. Sie rekelte sich noch einmal, dann schwang sie munter die Beine aus dem Bett. Zuerst in die Stadt, entschied sie unter der kühlen Dusche. Nach einem kurzen Frühstück würde sie einkaufen, danach am Meer spazieren gehen und den Rest des Tages dann der Arbeit widmen.

Eine Stunde später fuhr Lara langsam durch die engen Gassen von Conil de la Frontera. Vor den Geschäften hatten Händler ihre Stände mit bunten Kleidern und Plastikspielzeug aufgebaut. Einige schwarz gekleidete Frauen standen wie ein Schwarm Raben um einen Fischverkäufer herum und begutachteten die frische Ware auf dem zerstoßenen Eis.

Aus einer schmalen Seitengasse zog plötzlich blitzschnell ein roter Porsche Cabrio heraus und setzte sich vor Lara.

„Rüpel“, murmelte sie.

Der teure Sportwagen wirkte in den Gassen der Altstadt wie ein Fremdkörper. Wer mag da drinsitzen? überlegte Lara nach einem Blick auf das spanische Kennzeichen. Ein reicher Einheimischer oder ein Tourist?

Im Rückspiegel des Porsche sah sie ein Paar dunkle Augen. Als der Wagen schnittig nach rechts auf die Hauptstraße abbog, konnte Lara einen kurzen Blick auf das markante Profil des Fahrers werfen.

Nein! Sie kannte dieses Gesicht! Unzählige Nächte hatte es sie bis in ihre Träume verfolgt.

Das war unmöglich! So grausam konnte das Schicksal nicht sein. Bestimmt spielte ihr nur das Unterbewusstsein einen Streich, weil sie vor ein paar Tagen wieder an ihn gedacht hatte.

Ohne nachzudenken, riss sie das Lenkrad herum und bog mit quietschenden Reifen ebenfalls rechts ab. Sie musste sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass nicht Alejandro in dem roten Porsche saß, sonst hätte sie keine ruhige Minute mehr in Conil.

Bald hatten sie den Ort verlassen. Vor Lara erstreckte sich kilometerweit die gerade, staubige Landstraße. Hier konnte ihr kleines Auto mit dem starken Sportwagen nicht mithalten, aber sie gab nicht auf und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der alte Motor dröhnte und klapperte.

Lara zitterte am ganzen Körper. Was stimmte nicht mit ihr? Wieso verwandelte sie nach fast zehn Jahren allein der Blick auf einen Mann, der diesem Mistkerl ähnlich sah, immer noch in ein Nervenbündel?

Sie betete, dass sie den Sportwagen einholen würde und ein anderer am Steuer saß.

Aber vielleicht ist das meine Chance! dachte sie plötzlich. Vielleicht hatte das Schicksal ihre Wege ja noch einmal gekreuzt, damit sie sich endlich an ihm rächen konnte.

Schwungvoll bog sie um eine Kurve – und trat so fest sie konnte auf die Bremse. Wenige Meter vor ihr stand der Porsche am Straßenrand. Ein großer Lastwagen fuhr auf der Gegenfahrbahn, sodass sie nicht ausweichen konnte. Reifen quietschten. Laras Wagen schlitterte unaufhaltsam weiter und prallte mit einem ohrenbetäubenden Knall auf den Porsche.

Lara wurde nach vorn geschleudert. Nur der Sicherheitsgurt rettete sie vor einem Flug durch die Windschutzscheibe.

Dann war es ganz still.

Lara bewegte sich vorsichtig. War sie verletzt? Nein, alles schien in Ordnung zu sein.

Doch ihre Erleichterung darüber verflog, als sie ihr Notebook im Fußraum sah. Vor dem Aufprall hatte es auf dem Beifahrersitz gelegen. Bei dem Sturz hatte es sich geöffnet, der Bildschirm war zerbrochen. Sie musste kein Computerexperte sein, um zu sehen, dass hier nichts mehr zu retten war. Wie sollte sie jetzt arbeiten? Ihr Geld reichte nicht für einen neuen Computer.

Sie starrte auf die zerbeulte Motorhaube. Auch der Wagen war ein Totalschaden, und sie war nicht versichert. Wieso bin ich nur so schnell gefahren? schimpfte sie im Stillen.

Jetzt versuchte der Fahrer des Cabrios erfolglos, seine Tür zu öffnen, dann stieg er geschmeidig darüber hinweg. Seine Jeans saß perfekt und betonte lange muskulöse Beine. Trotz seiner lässigen Kleidung wirkte er reich und mächtig und beängstigend männlich.

Sein Haar war dicht und schwarz. Eine Locke fiel ihm in die Stirn und gab ihm etwas Diabolisches, aber das unterstrich nur seine markante, dunkle Schönheit.

Für einen Moment vergaß Lara Notebook und Auto.

Alejandro! Er war es, kein Irrtum möglich.

Im Gegensatz zu Lara sah er noch genauso aus wie damals. Nur noch ein bisschen größer, muskulöser und attraktiver.

Wütend starrte Lara in sein arrogantes Gesicht. Er hatte ihr damals das Herz gebrochen, aber er hatte es nicht einmal bemerkt.

Jetzt kam er auf sie zu. Näher. Und näher.

Laras Herz raste, ihr Mund war trocken, die Handflächen wurden feucht. Plötzlich war sie wieder die schüchterne Siebzehnjährige.

Besorgt musterte er sie durch ihr geöffnetes Fenster. „Sind Sie verletzt?“, fragte er auf Spanisch.

Lara sah, dass seine Hände zitterten. Offenbar hatte der Unfall auch ihn mitgenommen. Als sie schwieg, beugte er sich vor, steckte seinen Kopf durchs Fenster und musterte sie aus schmalen Augen. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt.

Als sie den schnellen Schlag ihres Herzens spürte, ballte sie vor Wut die Fäuste. Wie war es möglich, dass dieser Mann noch immer derart heftige Gefühle in ihr auslöste?

Sie hatte jeden Grund, ihn zu verabscheuen. Ein Teil von ihr hätte am liebsten mit beiden Fäusten auf ihn eingeschlagen. Zugleich sehnte sie sich danach, seine Lippen auf ihren zu spüren.

Erkannte er sie? Nein. In seinen Augen las sie nichts als Sorge. Sein frischer männlicher Duft stieg ihr viel zu vertraut in die Nase. Sie schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch.

„Können Sie sich bewegen?“

Lara öffnete den Mund, aber sie brachte kein Wort heraus. Seine Augen waren so dunkel, dass sie kaum die Pupillen erkennen konnte. Wie unglaublich lang seine Wimpern waren!

„Können Sie mich verstehen?“, fragte Alejandro sehr langsam. Dann wiederholte er seine Worte noch einmal auf Englisch. Als sie noch immer schwieg, richtete er sich wieder auf. „Ich rufe einen Krankenwagen“, sagte er mehr zu sich selbst.

Bei seinen Worten erwachte Lara aus ihrer Erstarrung. „Ich brauche keinen Krankenwagen!“, rief sie. Hastig löste sie ihren Sicherheitsgurt.

Dieser Mann ist der Grund, aus dem ich fließend Spanisch spreche, schoss es ihr durch den Kopf. Damals, als sie bis über beide Ohren in ihn verliebt gewesen war, hatte sie in jeder freien Minute seine Sprache gelernt.

Sie wollte die Tür öffnen, doch die klemmte. Durch den Aufprall hatte sich wahrscheinlich die Karosserie verzogen. Lara lehnte sich im Sitz zur Seite, stemmte beide Füße gegen die Tür und trat mit aller Kraft zu.

Das Blech knarrte, dann öffnete sich die Tür mit Schwung, traf Alejandro mit Wucht an Schenkeln und Hüfte und warf ihn um. Für einen Moment blieb er reglos auf dem Pflaster liegen.

Lara sprang aus dem Auto. Hilflos starrte sie auf den Mann am Boden. War er bewusstlos? Was sollte sie jetzt tun? Einen Krankenwagen rufen?

Nichts! rief sie sich zur Ordnung. Wieso sorgte sie sich um ihn? Dieser Mann hatte sie benutzt und dann weggeworfen wie eine zerbrochene Puppe. Endlich lag er vor ihr auf dem Boden. Sie hob das Kinn. Sie war nicht mehr das verschreckte siebzehnjährige Mädchen, sondern eine erwachsene Frau.

Alejandro öffnete die Augen und setzte sich langsam auf.

„Entschuldigung“, murmelte Lara, auch wenn es ihr kein bisschen leidtat. „Haben Sie sich wehgetan?“

„Nein, es geht mir ausgezeichnet.“ Er stöhnte leise, dann stand er auf und rieb sich die Schulter.

Lara musste sich ein Grinsen verkneifen.

Sie zuckte zusammen, als sie Sirenen hörte. Kurz darauf hielt ein Polizeiwagen an der Unfallstelle. Inzwischen hatten sich auch einige Schaulustige versammelt und diskutierten lautstark neben den ineinander verkeilten Autos.

Erst jetzt erinnerte Lara sich wieder daran, dass sie ohne Auto, ohne Computer und mit wenig Geld allein in Andalusien stand. Wie sollte sie aus diesem Schlamassel herauskommen?

Auch Alejandro schien jetzt zum ersten Mal zu begreifen, was mit seinem Porsche passiert war. „Sehen Sie sich an, was Sie mit meinem Wagen gemacht haben!“ Er funkelte Lara an. „Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?“

„Das war allein Ihre Schuld!“, schleuderte sie ihm ins Gesicht. „Wieso zum Teufel parken Sie direkt hinter der Kurve auf der Straße?“

„Was?“ Er schnappte nach Luft und ging einen Schritt auf sie zu. Unwillkürlich wich sie zurück. „Direkt hinter der Kurve?“, wiederholte er gedehnt. „Das können Sie gleich den Polizisten gegenüber wiederholen, damit die auch etwas zu lachen haben. Das sind mindestens dreißig Meter. Sie sind wie eine Wahnsinnige gerast! Ihnen müsste man den Führerschein abnehmen!“

„Es war nicht meine Schuld! Wieso haben Sie überhaupt hier geparkt?“

„Ich wollte etwas zu trinken kaufen.“ Alejandro deutete auf einen kleinen Kiosk am Straßenrand.

„Einen Kasten Bier? Wahrscheinlich sind Sie sowieso völlig betrunken.“

„Was ist denn mit Ihnen los?“ Alejandro hob die Hände. „Mein Tag war hart genug, ich kann nicht noch mehr Ärger brauchen“, fuhr er ruhiger fort. „Die Polizei wird unsere Personalien aufnehmen, und um den Rest sollen sich die Versicherungen kümmern. Wenigstens ist nichts Schlimmeres passiert.“

Nichts Schlimmeres? wiederholte Lara im Stillen. Vielleicht nicht für ihn.

Schon wieder hatte dieser Kerl in wenigen Minuten ihr Leben ruiniert. Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht in Tränen auszubrechen.

Alejandro warf ihr einen Seitenblick zu. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie ungewöhnlich schön die Fremde war. In ihrem kurzen weißen Kleid und mit offenem Haar, das fast bis zur Taille über den Rücken fiel, sah sie jung und absolut unwiderstehlich aus. Schlagartig verflog sein Ärger über den ruinierten Porsche.

Er konnte den Blick nicht abwenden. Diese Augen! Noch nie hatte er so grüne Augen gesehen. Ihre Lippen waren voll und weich und erinnerten ihn an eine Rose in voller Blüte. Hohe Wangenknochen gaben ihrem Gesicht etwas Exotisches, und ihre Figur konnte sich auf jedem Laufsteg der Welt sehen lassen.

Fast gegen seinen Willen nahm ihre Schönheit Alejandro immer mehr gefangen und lenkte ihn von dem Unfall und dem Chaos um sie herum ab.

Sie war wirklich ganz außergewöhnlich. Ihre blasse Haut schimmerte wie Satin. Ihr Körper ließ bei jedem Blick seinen Atem stocken.

Er lauschte aufmerksam, als sie den Polizisten ihren Namen nannte und erklärte, dass sie für einige Wochen in Conil de la Frontera bleiben würde. Dass sie Engländerin war, hatte er sofort an ihrem Akzent erkannt.

„Machen Sie Urlaub in Conil?“, fragte er, nachdem der Polizist auch seine Personalien aufgenommen hatte. Er lächelte Lara charmant an.

„Ich arbeite hier“, erwiderte sie knapp.

„Aha! Und was genau arbeiten Sie?“ Er sah ihr tief in die Augen.

Die Fremde war einfach zu schön. Er hatte nicht vor, sich die Gelegenheit zu einem kleinen Abenteuer entgehen zu lassen.

Die vergangenen Monate hatte er hauptsächlich an seinem Schreibtisch oder im Flugzeug verbracht, um Kundenkontakte in ganz Europa aufzubauen. Nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss vor einer Woche hatte er sich nun ein bisschen Spaß und Entspannung verdient.

Flüchtig dachte er an Elena. Irgendwie war sein Interesse an dem schönen Model deutlich abgekühlt. Es wurde Zeit, ihr das mitzuteilen. Außerdem war eine seiner Regeln im Liebesleben, sich nie zu lange mit einer Frau zu treffen. Das brachte sie nur auf dumme Gedanken.

Er ließ seine Augen über die atemberaubenden Kurven der schönen Engländerin schweifen. Sie wäre heute Abend genau das Richtige, um sich von der Arbeit abzulenken.

Verblüfft bemerkte er, dass sie sein Lächeln nicht erwiderte. „Ich schreibe an einem Buch“, sagte sie kühl.

Er warf einen Blick auf ihren kleinen alten – und jetzt völlig ruinierten – Wagen. Offensichtlich wartete sie noch auf den großen Erfolg.

Warum war sie so unfreundlich zu ihm? Zu den Polizisten war sie so liebenswürdig gewesen. Wenn sie dagegen Alejandro anschaute, lag fast so etwas wie Hass in ihrer Miene. Aber sie konnte ihn doch nicht ernsthaft für den Unfall verantwortlich machen! Hatte er vielleicht schon früher irgendwo etwas mit ihr zu tun gehabt?

Lara Hamilton, wiederholte er im Stillen. Hatte er den Namen schon einmal gehört? Irgendetwas daran kam ihm vage bekannt vor. Alejandro schüttelte den Kopf. Unmöglich! Dieser Frau war er bestimmt noch nie begegnet. Das hätte er nicht vergessen.

„Ich werde mir jetzt ein Taxi rufen. Was halten Sie davon, wenn ich Sie in die Stadt mitnehme und Sie zum Essen einlade?“

Er wunderte sich selbst über seinen spontanen Annäherungsversuch. Normalerweise lud er keine fremden Frauen auf der Straße ein, aber so eine erotische Anziehung hatte er schon lange nicht mehr gespürt. Am liebsten hätte er die schöne Engländerin auf der Stelle in die Arme gezogen und ihre weichen Lippen geküsst.

Doch Lara schüttelte nur kurz den Kopf. „Vielen Dank, mir ist der Appetit gründlich vergangen.“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging über die Landstraße davon.

Verblüfft starrte Alejandro ihr hinterher. Sie ließ ihn einfach stehen! So etwas hatte er noch nie erlebt.

Er zuckte die Schultern und wandte sich ab. Wahrscheinlich war es besser so. Er hatte sowieso keine Zeit. Auf seinem Schreibtisch wartete noch mehr als genug Arbeit.

Laras Knie zitterten so sehr, als würden sie jeden Moment nachgeben. Aber sie ging so würdevoll wie möglich weiter am Straßenrand entlang durch den Staub. Sie durfte vor Alejandro keine Schwäche zeigen.

Leider hatte sie nicht die geringste Idee, wo sie war und wie sie zum Ferienhaus kommen sollte. Vor ihr flimmerte der heiße Asphalt im grellen Licht.

Weit und breit waren kaum Häuser zu sehen. Die Polizei und die Schaulustigen waren inzwischen längst weitergefahren. Aber ihr würde schon etwas einfallen. Von Alejandro nahm sie jedenfalls keine Hilfe an!

Dieser Kerl hatte doch wirklich versucht, mit ihr zu flirten! Lara lachte bitter auf. Wenn er wüsste, dass er ihr erster – und einziger – Mann gewesen war!

Hätte sie ihn bloß nicht verfolgt! Ihre wunderbare Rache war zu einem gewaltigen Eigentor geworden. Wenigstens hatte er sie nicht erkannt.

Machte dieser Gedanke sie etwa traurig? Sie straffte die Schultern und ging entschlossen weiter. Nein, sie war nicht traurig, sie war wütend. Nur darum kamen ihr die Tränen. Sie hasste Alejandro. Jetzt noch mehr als je zuvor.

2. KAPITEL

„In meinem Büro. Jetzt!“

Alejandro García knallte den Hörer auf die Gabel. Nichts hasste er mehr, als von seinem Großvater wie ein Schuljunge behandelt zu werden.

Mit seinen einundachtzig Jahren war Jaime García zwar immer noch offiziell der Direktor des Familienweinguts, aber schon lange leitete Alejandro den Konzern eigenständig.

Nach dem Studium hatte er sich hochgearbeitet. Es hatte Jahre gedauert, bis er seinen Großvater davon überzeugen konnte, dass aus dem leichtsinnigen Unruhestifter ein verantwortungsbewusster Mann geworden war.

Auch wenn Jaime es nie ausgesprochen hatte, wusste Alejandro, dass sein Großvater ihn liebte und seine Arbeit schätzte. Nur in einem Punkt waren die beiden Männer absolut gegensätzlicher Meinung: Alejandros unstetes Liebesleben.

Fünf Minuten später betrat Alejandro das Büro des alten Herrn. Er beachtete weder die kostbaren Ölgemälde an den Wänden noch die großen Fenster mit atemberaubendem Ausblick auf das blaue Mittelmeer. „Da bin ich, Großvater. Was gibt es so Dringendes?“

Bei Alejandros Eintritt stand Jaime García auf und ging um den Schreibtisch herum. „Ich habe von deinem Unfall gehört.“

Mit dem vollen weißen Haar und seiner bärenhaften Statur war Jaime immer noch ein beeindruckender Mann, aber davon ließ sich Alejandro längst nicht mehr einschüchtern. Als er daran dachte, wie er als kleiner Junge immer ein bisschen Angst vor dem Großvater mit der dröhnenden Stimme gehabt hatte, musste er unwillkürlich schmunzeln.

„Keine Sorge, mir ist nichts passiert.“ Alejandro straffte die Schultern und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, damit Jaime zu ihm aufsehen musste.

„Aber dein Porsche ist ein Totalschaden.“

„Ärgerlich, aber ich konnte es nicht verhindern. Der andere ist mir hinten reingefahren. Seine Versicherung zahlt alles.“ Für einen Moment sah er wieder die unglaublich grünen Augen und die vollen rosigen Lippen vor sich.

„Wenigstens etwas“, knurrte Jaime. „Aber darüber wollte ich nicht mit dir reden.“

„Sondern?“ Nicht schon wieder eine Predigt über meine Frauengeschichten! Alejandro seufzte fast unhörbar.

„Ich habe eine Entscheidung getroffen, und glaub mir, sie ist mir nicht leichtgefallen. Aber sie ist endgültig.“ Jaime räusperte sich. „Heute Nachmittag habe ich einen Termin mit meinem Anwalt. Du hast sechs Monate Zeit. Bis dahin bist du verheiratet. Wenn nicht, bekommst du nach meinem Tod das Weingut nicht.“

Alejandro unterdrückte ein Grinsen. Da hatte sich der alte Mann ja mal etwas ganz Neues einfallen lassen. Wem sollte er seinen Besitz schon hinterlassen, wenn nicht ihm? Seit dem Tod seiner Eltern vor neun Jahren war Alejandro Jaimes einziger Nachkomme.

Der Großvater schien seine Gedanken zu erraten. „Alles, wofür ich mein Leben lang verflucht hart gearbeitet habe, geht dann an eine Wohltätigkeitsstiftung“, donnerte er. „Für Waisenkinder! Wenn du schon nicht dafür sorgst, dass es Kinder in meinem Leben gibt, dann sollen wenigstens andere etwas von meinem Geld haben.“

Alejandro runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass der Großvater seine Worte ernst meinte?

„Wenn du so weitermachst und dein Geld sinnlos mit Models und Filmsternchen verschleuderst, fällt nach dir sowieso alles in fremde Hände. Dann entscheide ich lieber zu meinen Lebzeiten selbst und sorge dafür, dass wenigstens etwas Gutes mit meinem Besitz getan wird.“

Unmöglich! dachte Alejandro. Das musste eine leere Drohung sein! Oder?

Das Weingut war sein Leben. Zum ersten Mal war ihm etwas wichtig. Hier hatte er gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Er erinnerte sich noch genau, wie verzweifelt und verloren er gewesen war, als er nach dem Tod der Eltern zu seinem Großvater gekommen war.

„Das … das kannst du nicht ernst meinen“, sagte er tonlos.

„Absolut ernst. Ich habe dir schon hundert Mal ins Gewissen geredet, aber du hörst mir ja nicht einmal mehr zu.“

Alejandro starrte den Großvater an. „Ich liebe das Weingut, als hätte ich es selbst aufgebaut! Ich habe in den letzten Jahren unseren Umsatz verdreifacht.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Für einen Augenblick sah er Bedauern in den Augen des alten Mannes aufflackern. „Aber damit hat meine Entscheidung nichts zu tun. Ein Mann braucht eine Familie, eine Frau und Kinder, denen er sein Lebenswerk hinterlassen kann.“ Jaime García drehte sich um, und ging zurück hinter seinen Schreibtisch.

Der Großvater meinte es offenbar wirklich ernst! In Alejandros Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander. Er musste einen Weg finden, die Testamentsänderung zu verhindern.

Alejandro zwang sich zu einem gelassenen Lächeln. „Tu, was du nicht lassen kannst. Wenn du darauf bestehst, müssen wir die Hochzeit eben etwas vorverlegen.“

Jaime García drehte sich mit einem Ruck um. „Hochzeit?“

„Ich hätte es dir in den nächsten Tagen sowieso erzählt, aber …“

„Was für eine Hochzeit?“, unterbrach Jaime García seinen Enkel.

„Nun, ich habe vor zu heiraten.“

Der Großvater kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Wirklich? Und wer ist die glückliche Braut?

„Also, Elena …“

Jaime García brach in brüllendes Gelächter aus. „Sag mir bloß nicht, du willst dieses oberflächliche, geldgierige Luder heiraten! Ich werde ganz sicher keine dieser … Frauen, mit denen du dich herumtreibst, in dieser Familie akzeptieren!“

„Vielleicht solltest du mich ausreden lassen, abuelo. Ich wollte nicht sagen, dass ich Elena heiraten will.“ Doch genau das hatte er sagen wollen. Ein wasserdichter Ehevertrag und eine diskrete Scheidung nach ein oder zwei Jahren mit einer saftigen Abfindung wären die ideale Lösung gewesen. Was jetzt? „Ganz im Gegenteil. Ich wollte sagen, dass Elena und ich uns getrennt haben.“

„Ach ja?“ Jaime García sah aus, als würde er seinem Enkel kein Wort glauben.

„Vor einiger Zeit habe ich eine andere Frau kennengelernt. Ich liebe sie, und ich habe sie gefragt, ob sie meine Frau werden möchte.“

„Und wer soll das sein?“

„Du kennst sie nicht.“

„Wie auch, wenn du mir nicht einmal ihren Namen sagst?“, rief Jaime ungeduldig. „Also, wie heißt sie? Wieder ein Model?“

Alejandro lockerte so unauffällig wie möglich seine Krawatte. Langsam gingen ihm die Ideen aus. „Nein, sie ist … anders. Sie arbeitet und hat nicht viel Geld. Darum habe ich dir auch noch nicht von ihr erzählt. Ich wusste nicht, was du dazu sagen würdest.“

„Wozu? Dass sie ihr Geld mit ehrlicher Arbeit verdient? Du solltest mich wirklich besser kennen!“, knurrte Jaime. „Bist du sicher, dass sie nicht nur dein Geld will?“

„Sie liebt mich. Sie ist völlig verrückt nach mir, abuelo.“

„Oder verrückt nach deinem Geld“, beharrte der Großvater.

„So ein Mädchen ist sie nicht.“

„Das haben schon viele gesagt, und dann …“

Alejandro hörte nicht mehr zu. Fieberhaft überlegte er, wie er aus dieser Situation herauskommen sollte. Wenn ihm wenigstens ein Name einfallen würde. Er ging die Frauen seiner Bekanntschaft durch, aber alle, die auch mitspielen würden, fanden garantiert keine Gnade vor den Augen seines Großvaters.

Vielleicht sollte er sich einfach einen Namen ausdenken. Dann konnte er immer noch weitersehen.

„… und wie heißt dieses außergewöhnliche Mädchen nun?“

„Lara Hamilton“, platzte es aus Alejandro heraus.

Sofort biss er sich auf die Lippen. Wieso hatte er ausgerechnet diesen Namen genannt? Wahrscheinlich, weil er direkt vor diesem Gespräch die Unterlagen für die Versicherung ausgefüllt hatte.

Jaime hob die Brauen. „Eine Amerikanerin?“

„Engländerin. Sie verbringt den Sommer in Conil, um hier zu arbeiten.“

„Und als was arbeitet sie?“

„Sie ist Schriftstellerin.“

„Na, immer noch besser als Model. Also … du hast ihr schon einen Heiratsantrag gemacht?“

Alejandro nickte.

„Und sie hat Ja gesagt?“

„Ja, wir lieben uns. Lara ist die Frau meines Lebens. Willst du noch etwas wissen? Sonst würde ich mich jetzt nämlich gern wieder ums Geschäft kümmern.“

„Ich denke, fürs Erste habe ich genug gehört. Bring sie heute zum Abendessen mit. Ich möchte meine zukünftige Enkelin kennenlernen.“

Alejandro räusperte sich. Er hatte nicht die geringste Absicht, Lara Hamilton seinem Großvater vorzustellen. Jetzt ging es nur darum, Zeit zu gewinnen, damit er sich einen neuen Plan ausdenken konnte. „Sie … ähm … im Moment ist sie nicht in der Stadt. Sie besucht eine Freundin in Cadiz. Sobald sie Zeit hat, wirst du sie kennenlernen.“

Alles gelogen! Jaime García ballte die Fäuste und starrte auf die Tür, die sein Enkel hinter sich geschlossen hatte. Kein Wort glaubte er von dieser Geschichte!

Jaime erinnerte sich an den wilden Jungen, den er vor neun Jahren zu sich geholt hatte. Alejandro hatte nur Unsinn angestellt – wenn er nicht zu betrunken dazu gewesen war.

Doch nach einiger Zeit hatte Alejandro eine tiefe Liebe zu dem Land und zu dem Besitz seiner Vorfahren entwickelt. Vielleicht, weil das Land ihn nicht im Stich lassen würde, wie es seine Eltern getan hatten.

Hätte ich mich eher um den Jungen gekümmert, wäre vielleicht alles anders gekommen, grübelte Jaime. Aber nach einem großen Streit hatte er den Kontakt mit seinem Sohn abgebrochen. Eduardo interessierte sich nur für schnelle Autos und Luxus, anstatt für den Familienbetrieb. Zusammen mit seiner schönen, vergnügungssüchtigen – und untreuen – Ehefrau hatte sein Sohn Jaimes Geld mit vollen Händen ausgegeben. Für Alejandro war dabei keine Zeit geblieben. Seine Mutter hatte sich mehr für ihre Affären als für ihren Sohn interessiert, und viel zu spät hatte Jaime erfahren, dass sein Enkel von ständig wechselnden Kindermädchen erzogen wurde.

Aber auch wenn er seinen Enkel liebte, würde er nicht untätig zusehen, wie dieser sein Geld weiterhin mit sinnlosen Affären verschleuderte. Dazu hatte er das Weingut nicht aufgebaut! In dieses Haus gehörte Kinderlachen.

Wer ist Lara Hamilton? überlegte Jaime. Und wieso hatte Alejandro ausgerechnet einen englischen Namen genannt? Hatte er ihn sich nur ausgedacht?

Jaime griff zum Telefon und wählte die Nummer seiner Sekretärin. Er würde den Betrug aufdecken und Alejandro dafür zahlen lassen!

„Beatriz, finden Sie heraus, ob eine englische Schriftstellerin mit dem Namen Lara Hamilton existiert und ob sie sich zurzeit in Andalusien aufhält. Ich will alle Informationen über diese Frau. Und zwar sofort.“

Lara saß auf der Terrasse und massierte ihre schmerzenden Füße. Eine Stunde lang war sie durch die Hitze gelaufen, bevor ein freundliches Touristenpaar angehalten und sie mitgenommen hatte.

Über dem Lavendel neben der Terrasse summten zahlreiche Bienen und erinnerten Lara an ihre Pflichten. Die Pflanzen brauchten dringend Wasser. Einige ließen schon die Köpfe hängen.

Seufzend stand sie auf und drehte den Wasserhahn auf. Mit dem Schlauch in der Hand ließ sie sich wieder in den Stuhl fallen und richtete den Strahl auf die Blumen. Hin und wieder ließ sie das kühle Wasser über ihre heißen Füße laufen, während sie über ihre Situation nachdachte.

Der Anwalt der Autoversicherung hatte ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Schuld an dem Unfall lag eindeutig bei ihr. Alle Kosten für die Porsche-Reparatur wurden von ihrer Versicherung übernommen, aber sie stand jetzt ohne Auto und Computer da. Sie konnte noch froh sein, wenn Alejandro sie nicht wegen Körperverletzung anzeigte.

Es gab niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte. Betty durfte gar nicht erst erfahren, in welchem Schlamassel sie steckte. Lara mochte sich nicht einmal vorstellen, was die Freundin dazu sagen würde, dass sie an ihrem ersten Tag in Spanien ausgerechnet Alejandros Porsche zu Schrott gefahren hatte.

Lara stand auf, stellte das Wasser ab und ging zurück ins Haus. Wenn sie keinen Computer hatte, musste sie eben zu den Anfängen zurückkehren und mit Stift und Papier arbeiten!

Gerade als sie die erste Schublade des Wohnzimmerschranks öffnete, um nach einem Kugelschreiber zu suchen, klingelte es. Barfuß ging sie zur Tür und öffnete. Vor ihr stand ein großer Mann mit vollem weißem Haar. Trotz seines hohen Alters sah er beeindruckend aus. Er hielt sich sehr gerade, sodass Lara zu ihm aufschauen musste. Sein Anzug war offensichtlich maßgeschneidert, sein weißer Land Rover jedoch schien noch aus den Jugendtagen des Besuchers zu stammen.

Lara war sicher, dass sie ihm noch nie begegnet war, und doch … Irgendetwas an ihm kam ihr seltsam bekannt vor.

Unter dem prüfenden Blick des Fremden wurde ihr bewusst, dass sie nur eine alte Sporthose und ein ausgeleiertes T-Shirt trug. Unwillkürlich strich sie ihre ungekämmten Haare zurück.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie auf Spanisch.

Ihr Besucher lächelte sie charmant an. „Mein Name ist Jaime García. Bitte entschuldigen Sie die Störung, Señora Hamilton. Ich bin Alejandros Großvater“, erklärte er. „Sie sind doch Lara Hamilton?“

„Ja. Das bin ich.“ Laras Hände fingen an zu zittern. War Alejandro bei dem Unfall doch verletzt worden? Bekam sie jetzt auch noch eine Anzeige wegen Körperverletzung?

„Ich bin so froh, Sie endlich kennenzulernen, Señora Hamilton.“ Er reichte ihr die Hand.

Irritiert runzelte sie die Stirn. „Ach, wirklich?“

„Selbstverständlich. Alejandro hat mir alles erzählt.“

„Hat er das?“ Lara begriff gar nichts mehr. Was hatte Alejandros Großvater mit der ganzen Angelegenheit zu tun? Gehörte der Porsche vielleicht ihm? Aber warum wirkte er dann so fröhlich? „Es tut mir wirklich leid …“

Jaime unterbrach sie mit einer Handbewegung. „Kein Wort mehr, Lara. Ich darf doch Lara sagen, nicht wahr? Es ist nicht Ihre Schuld. Ich nehme an, dass er mich überraschen wollte. Und das hat er geschafft!“

Das wird ja immer merkwürdiger, dachte Lara. „Señor García …“

„Jaime!“

Unwillkürlich erwiderte Lara sein Lächeln, auch wenn sie nicht das Geringste verstand. „Jaime. Warum sind Sie hier?“

„Ich wollte Sie persönlich für heute Abend zu uns zum Essen einladen.“

„Essen?“ Lara starrte ihn ungläubig an. „Bei Ihnen?“

„Ja. Dann können wir in Ruhe über alles reden. Oder haben Sie heute Abend schon etwas vor? Wollten Sie vielleicht nach Cadiz?“

Cadiz? Wie kam er jetzt darauf? „Nein, aber …“

„Gut.“ Jaime García reichte ihr eine Visitenkarte. „Hier ist meine Adresse. Passt es Ihnen um acht?“

„Also gut, warum nicht?“, stimmte Lara zögernd zu. „Wissen Sie vielleicht, ob bei Ihnen in der Nähe eine Bushaltestelle ist? Mein Auto …“

Ein Schmunzeln zuckte um Jaimes Mund. „Ich schicke Ihnen meinen Fahrer. Um Viertel vor acht ist Miguel bei Ihnen. Ich freue mich schon sehr!“

Und das war noch untertrieben! Sobald Jaime die Autotür hinter sich geschlossen hatte, konnte er das Lachen nicht länger unterdrücken. Alejandro hatte gedacht, er könnte ihn austricksen, aber heute Abend würde sein Enkel eine bittere Überraschung erleben!

Die Nachforschungen über Lara Hamilton hatten ergeben, dass sie Alejandro heute offenbar zum ersten Mal begegnet war! Sie war diejenige, die seinen Porsche ruiniert hatte. Wahrscheinlich war Alejandro auf die Schnelle einfach kein anderer Name eingefallen.

Beim Gedanken an Laras verwirrte Miene wurde Jaimes Grinsen noch breiter. Das Mädchen hatte nicht die geringste Idee, was los war. Aber wenn sie ein bisschen Humor hatte, würde sie am Ende des Abends bestimmt in sein Lachen über Alejandro mit einstimmen.

Lara sah dem Land Rover hinterher, dann ging sie langsam zurück ins Haus. Sie fühlte sich, als wäre sie von einer Dampfwalze überrollt worden, und wusste selbst nicht genau, warum sie die Einladung angenommen hatte. Aber was konnte es schon schaden, bei den Garcías zu Abend zu essen?

Hier bot sich eine Gelegenheit, mehr über Alejandro zu erfahren. Mit etwas Glück konnte sie sich am Ende vielleicht doch noch an ihm rächen!

3. KAPITEL

„Wie schön“, murmelte Lara, als der Chauffeur durch zwei weit geöffnete schmiedeeiserne Torflügel fuhr.

Knorrige Pinien verbargen das Haus, aber über den Baumwipfeln konnte sie ein ockerfarbenes Ziegeldach erkennen. Durch das geöffnete Wagenfenster wehte der Duft von Rosmarin, Thymian und Jasmin.

Der Weg schlängelte sich durch ein lichtes Wäldchen, bis nach einer letzten Kurve die alte Finca zu sehen war. In den großen Fenstern spiegelte sich die untergehende Sonne. Die Bäume hinter dem Haus verdeckten die Sicht auf das Meer, aber Lara konnte die Brandung hören.

Der Fahrer hielt auf dem Vorplatz der Finca. Galant öffnete er Lara die Wagentür und reichte ihr beim Aussteigen die Hand. Zögernd stieg sie die breiten Steinstufen zum Eingang hinauf.

In wenigen Minuten würde sie Alejandro gegenüberstehen. Ihr Herz raste, genau wie ihre Gedanken. Würde er sich heute Abend an sie erinnern? Hatte er diese Einladung arrangiert? Und vor allem – wie sollte sie an einem Tisch mit ihm auch nur einen Bissen herunterbringen?

Jaime García öffnete ihr in einem eleganten Abendanzug persönlich die massive Holztür. „Guten Abend, Lara. Ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind.“

Offensichtlich wohlwollend musterte Jaime ihr ärmelloses schwarzes Kleid. Sein Blick blieb an ihrem linken Ringfinger hängen. „Sie sehen wunderschön aus, Lara. Aber wo ist Ihr Ring?“

„Wie bitte?“

„Ihr Ring. Oder tragen Sie keinen?“

Was ging es Jaime an, ob sie Ringe trug oder nicht? „Äh … nein, heute Abend nicht.“

„Alejandro ist noch nicht da. Aber ich rechne jeden Augenblick mit ihm. Er kommt und geht, wann er will.“ Jaime schmunzelte. „Aber das wissen Sie ja bestimmt besser als ich.“

„Hm, ja.“ Wusste Jaime etwa von ihrer gemeinsamen Schulzeit? Hatte Alejandro sie doch erkannt?

Jaime nahm ihren Arm und führte sie in einen großzügigen Salon.

„Was möchten Sie trinken?“, fragte Jaime. „Einen Sherry vielleicht? Oder ein Glas von unserem Weißwein?“

„Weißwein, bitte“, murmelte Lara.

Sie ging langsam zu den großen Glastüren und sah in den Garten hinaus. Oleander und Rosenbüsche säumten die Terrasse, und selbst durch die geschlossenen Fenster hörte sie gedämpft das Rauschen der Brandung.

Das war also Alejandros Zuhause.

„Setzen Sie sich doch bitte.“ Jaime deutete auf eine gemütliche Polstergruppe.

„Danke.“ Unsicher erwiderte Lara sein Lächeln und nahm Platz.

„Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.“ Jaime reichte ihr ein langstieliges Glas. „Ich habe gehört, dass Sie Schriftstellerin sind“, begann er im Plauderton.

„Ach ja? Von wem?“

„Von Alejandro natürlich.“

Lara nickte, obwohl sie immer weniger verstand, warum sie heute Abend hier war. Sie hörte, wie jemand die Haustür öffnete.

„Nachdem ich Sie kennengelernt habe, kann ich sehr gut verstehen, warum mein Enkel Sie heiraten möchte“, erklärte Jaime in diesem Moment.

Lara verschluckte sich an ihrem Wein. Sie musste sich verhört haben!

Als sie sich von dem Hustenanfall erholt hatte, grinste Jaime über das ganze Gesicht und reichte ihr eine Serviette. „Geht es wieder, meine Liebe?“

Schritte näherten sich.

„Was haben Sie da gerade gesagt?“, keuchte Lara. Sie hielt das Weinglas so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.

Bevor Jaime antworten konnte, trat Alejandro ein. „Guten Abend, Groß…“ Bei Laras Anblick brach er mitten im Wort ab.

Lara erwiderte seinen Blick. Unwillkürlich presste sie eine Hand auf ihre Brust. Ihr Atem ging schneller. Unter ihren bebenden Fingern pochte ihr Herz so heftig, dass sie fürchtete, die beiden Männer könnten es hören.

Reiß dich zusammen, du bist keine siebzehn mehr! ermahnte sie sich energisch. Sie bemühte sich um einen gelassenen Gesichtsausdruck. Auch wenn sich alles um sie drehte, stand sie langsam auf.

„Guten Abend, Alejandro“, sagte sie leise.

Plötzlich war es totenstill im Raum.

„Was zum Teufel …?“, platzte Alejandro heraus. Er biss sich auf die Lippen und sah seinen Großvater an. Sein Lächeln wirkte ein wenig gezwungen. „Lara, was für eine … äh … schöne Überraschung! Ich dachte, du wärest in Cadiz! Was tust du hier?“

„Dein Großvater hat mich eingeladen. Ich dachte, du wüsstest davon.“

„Ich hatte keine Ahnung. Aber ich freue mich natürlich.“ Alejandro lächelte Jaime zu. „Sehr.“

Lara überlegte, ob sie Jaime vorhin richtig verstanden hatte. Hatte er wirklich etwas von Heirat gesagt?

„Wie ich vorhin schon sagte – ich kann sehr gut verstehen, dass mein Enkel Sie heiraten möchte, Lara“, wiederholte der alte Mann jetzt im Plauderton. „Ich hätte nicht gehofft, dass ich das noch einmal zu dir sagen würde, Alejandro, aber mit deiner Wahl machst du mich sehr glücklich.“

Lara öffnete den Mund, um zu widersprechen. Irgendetwas lief hier ganz und gar falsch! „Wir …“

Doch bevor sie weitersprechen konnte, packte Alejandro mit eisernem Griff ihr Handgelenk. „Ich muss mit dir reden, Liebling!“

Lara schüttete vor Schreck den Rest ihres Weines über ihr Kleid und ließ das Glas fallen, aber bevor sie es wieder aufheben konnte, zog Alejandro sie bereits hinter sich her in den Garten. Er lief über den Rasen, bevor er endlich an einem kleinen Teich stehen blieb. Abrupt ließ er Laras Handgelenk los. Ärgerlich rieb sie ihre brennende Haut.

„Ich weiß nicht, was mein Großvater zu Ihnen gesagt hat, aber ich kann alles erklären“, begann Alejandro.

Im Licht der Dämmerung wirkte er wild und bedrohlich – und atemberaubend attraktiv. Plötzlich war Laras Mund so trocken, dass sie kaum antworten konnte. Für eine scheinbar endlose Zeit sahen sie einander nur an.

Ich hasse ihn! erinnerte Lara sich irgendwann. Wie konnte er es wagen, sie Liebling zu nennen?

„Sie unverschämter, eingebildeter Kerl!“, schrie sie ihn an.

Sie ballte die Hand zur Faust, holte aus und schlug mit der ganzen Wut der vergangenen Jahre vor seine Brust. Der Schlag traf Alejandro völlig unvorbereitet. Er ächzte, taumelte einen Schritt zurück, stolperte über eine Ranke am Boden und fiel in den Teich. Am Rand war das Wasser nur knietief. Als Alejandro langsam aufstand, gab es ein schmatzendes Geräusch.

Lara sah zu, wie er aus dem Wasser stieg. Sein hellgrauer Leinenanzug war mit braunem Schlamm bedeckt. Unwillkürlich wich sie zurück.

Was ging zwischen Alejandro und seinem Großvater vor? Und welche Rolle sollte sie dabei spielen? Zum Teufel mit den beiden! Sie hatte nicht vor, es herauszufinden.

Plötzlich sah Alejandro an sich hinunter und brach in schallendes Gelächter aus. Glühende Wut schoss in Lara hoch. Schon wieder lachte er sie aus. Aber diesmal würde sie dem arroganten Kerl den Spaß gründlich verderben.

„Ihr Großvater hat etwas von Heirat gesagt. Ich habe nicht die geringste Idee, wie er darauf gekommen ist, aber ich werde jetzt zu ihm gehen und die Sache aufklären.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und stapfte über den Rasen zum Haus zurück.

Hastig lief Alejandro hinter ihr her. Erst nach einigen Schritten bemerkte er, dass er einen seiner handgenähten Schuhe im Teich verloren hatte.

„Lara!“, rief er. „Señora Hamilton … Hören Sie mich wenigstens an!“

Für einen Augenblick wurde er vom verführerischen Schwung ihrer Hüften abgelenkt.

Lara tat, als würde sie ihn nicht hören. Auch als er sie einholte, blieb sie nicht stehen.

„Bitte geben Sie mir eine Chance!“, bat er. „Ich kann Ihnen alles erklären.“

Sie ging schneller.

„Fünfzehntausend Euro!“, rief Alejandro. „Bar auf die Hand.“

Sie blieb stehen und drehte sich langsam zu ihm um.

Mein Gott, ist diese Frau schön! dachte Alejandro. Im Mondlicht wirkten ihre langen glatten Haare wie Seide. Für einen Moment stellte er sich vor, wie es sich anfühlen würde, diese Lippen zu küssen. Wahrscheinlich würde sie ihm die Augen auskratzen, wenn er sie anfasste.

Normalerweise fielen ihm die Frauen wie überreife Früchte in den Schoß. Nicht eine hatte ihn je zurückgewiesen. Alejandro war egal, ob sie sich für ihn selbst, für sein Geld oder seine Macht interessierten. Er suchte nur flüchtige Leidenschaft, keine Seelengefährtin. Keine Frau war unersetzlich.

Er wollte seine Beziehungen oberflächlich, dann wurde am Ende auch niemand verletzt. So hielt er es seit vielen Jahren, und so würde er es auch in Zukunft halten.

Noch nie hatte er einen Korb bekommen. Normalerweise reichte es völlig, wenn er seinen Charme spielen ließ. Nur Lara schien dagegen völlig immun zu sein.

„Wollten Sie mir sonst noch etwas sagen?“, riss ihre schroffe Stimme ihn aus seinen Gedanken. „Sie haben genau zehn Sekunden.“

Alejandro fuhr mit den Fingern durch seine Haare. Zu spät bemerkte er, dass auch seine Hände mit Schlamm bedeckt waren.

Lara hob den Arm und sah demonstrativ auf ihre Armbanduhr.

„Mein Großvater will nicht akzeptieren, dass ich mein eigenes Leben führe. Auf meine eigene Art und Weise“, begann Alejandro eilig. „Er will, dass ich heirate, eine Familie gründe und einen Erben produziere. Falls nicht, will er mich enterben.“

„Faszinierend, aber was hat Ihr gestörtes Familienleben mit mir zu tun?“

„Ich … als abuelo mir heute von der Testamentsänderung erzählt hat, habe ich ihm aus einem dummen Impuls heraus gesagt, ich hätte mich verlobt. Ohne nachzudenken, habe ich ihm den ersten Namen genannt, der mir in den Kopf kam.“

Laras Augen wurden schmal. „Meinen Namen?“

Er zuckte mit den breiten Schultern. „Ich hatte gerade die Versicherungsunterlagen wegen des Unfalls ausgefüllt … Ich wollte nur Zeit gewinnen, aber Großvater hat schneller reagiert, als ich erwartet hätte.“

„Er ist persönlich zu mir gekommen, um mich einzuladen. Woher wissen Sie denn, wo ich hier in Conil wohne?“

„Das weiß ich gar nicht. Mein Großvater muss Nachforschungen angestellt haben.“ Alejandros Herz setzte einen Schlag aus. Hieß das etwa, er wusste alles? „Was genau hat er zu Ihnen gesagt? Wirkte er, als würde er Sie wirklich für meine Braut halten?“

„Absolut.“

„Ich brauche Ihre Hilfe.“

Mit tiefer Genugtuung betrachtete Lara sein verzweifeltes Gesicht. Endlich lag sein Schicksal in ihrer Hand.

Sie würde ihn noch ein paar Minuten betteln lassen und dann in aller Ruhe gehen und Jaime die Wahrheit sagen.

„Bitte spielen Sie mit und tun Sie so, als wären Sie meine Verlobte. Ich weiß, es ist viel verlangt, aber Sie sollen es auch nicht umsonst tun. Ich zahle Ihnen fünfzehntausend Euro für Ihre Hilfe.“

Ganz sicher nicht! dachte Lara und unterdrückte ein Lächeln. Obwohl … vielleicht sollte ich doch mitspielen, überlegte sie. Wer weiß, was sich daraus entwickeln würde. Vielleicht gab es noch mehr Dinge über Alejandro herauszufinden, die sie gegen ihn verwenden konnte. Wenn nicht, konnte sie Jaime später immer noch alles erzählen. Außerdem konnte sie das Geld wirklich gut gebrauchen. Damit könnte sie einige Krankenhausrechnungen begleichen. „Wie lange?“

Alejandro dachte kurz nach. „Drei Monate.“

„Auf keinen Fall!“

„Zwei.“

„Vier Wochen. Oder gar nicht“, erklärte Lara entschlossen.

„Also gut.“ Er nickte. „Vier Wochen.“

„Was soll ich dafür tun?“

Alejandro zuckte etwas ratlos mit seinen Schultern. „Ein paar Abendessen mit meinem Großvater sollten reichen. Wir müssen dabei nur wie ein frisch verliebtes Paar wirken. Das ist alles.“

Das ist alles? wiederholte Lara im Stillen. Hieß das etwa auch, ihn zu berühren? Ihn vielleicht sogar … zu küssen? Schon bei der Vorstellung fingen ihre Knie an zu zittern. „Händchenhalten ist in Ordnung, auch eine Umarmung zur Begrüßung. Mehr nicht!“

„Unmöglich!“, widersprach Alejandro. „Abuelo ist kein Dummkopf. Wenn wir uns nicht küssen, merkt er sofort, dass etwas nicht stimmt.“

Unwillkürlich glitt ihr Blick zu seinem sinnlichen Mund. „Das ist mir egal. Ohne Küssen!“ Lara hörte selbst, wie ihre Stimme zitterte.

„Wenigstens auf die Wange! Glauben Sie mir, ich habe noch nie eine Frau gegen ihren Willen geküsst.“

Daran zweifelte Lara nicht. Kein Wunder bei seinem Geld und dem Aussehen eines Filmstars. Schon früher hatten die Mädchen bei Alejandro Schlange gestanden. Es reichte, wenn er lächelte … Mühsam riss sie ihren Blick von seinen Lippen los.

„Also gut“, stimmte sie widerwillig zu. „Aber übertreiben Sie es nicht!“

„Das werde ich bestimmt nicht. Vertrauen Sie mir.“

Vertrauen! Fast hätte sie laut gelacht. Ganz sicher nicht, Alejandro García! Nicht noch einmal. „Ich will unsere Abmachung als schriftlichen Vertrag.“

„Wozu?“ Alejandro runzelte die Stirn. „Sie bekommen das Geld morgen von mir in bar.“

„Trotzdem. Wer weiß, was Sie sich noch einfallen lassen. Sie scheinen nicht gerade ein ehrlicher Mann zu sein. Ich will den Vertrag als Sicherheit, damit Sie mir nicht schaden können.“

„Also gut. Warum nicht? Abgemacht!“ Alejandro streckte die Hand aus.

Wenn sie jetzt Ja sagte, würde sie ihr Wort auch halten. Selbst bei einem Kerl wie Alejandro. Sie mochte ihn hassen, vielleicht würde sie am Ende Jaime den Vertrag geben und ihm die Wahrheit gestehen, aber erst einmal müsste sie ihren Teil der Abmachung einhalten und Alejandros Verlobte spielen.

Sie schlug ein. „Abgemacht.“

Bei der Berührung schoss atemberaubende Lust wie eine lodernde Flamme durch ihren Körper. Hastig versuchte sie, das Gefühl zu unterdrücken und ihren Atem unter Kontrolle zu bekommen. Sie senkte den Blick, aber auch das half nicht. Alejandros nasse Hose klebte wie eine zweite Haut an seinen langen Beinen, und bei jeder Bewegung zeichneten sich seine kräftigen Muskeln ab.

Was war nur mit ihr los? Seit Jahren hasste sie diesen Mann. Und trotzdem stand sie nun vor ihm und zitterte vor Verlangen.

Lara schloss für einen Moment die Augen um sich zu sammeln. Wenn sie es nicht schaffte, in seiner Gegenwart gelassener zu werden, würde sie ihr Ziel nie erreichen.

Als sie merkte, dass er noch immer ihre Hand hielt, zog sie mit einem Ruck den Arm zurück. Sie warf einen Blick in sein Gesicht. Verfluchter arroganter Kerl! Er hatte es auch gespürt, darum grinste er so zufrieden.

Nur mit Mühe schaffte es Alejandro, das Lächeln in seinem Gesicht zu halten. Das überwältigende Verlangen bei ihrer Berührung hatte ihn wie ein Schock getroffen. Dieses Gefühl war neu für ihn.

Er schluckte hart. Die schöne Engländerin zog ihn mehr an, als jede andere Frau seit sehr langer Zeit. Er konnte sich nicht einmal erinnern, dass er jemals eine andere so sehr begehrt hatte.

Leider konnte er sich nicht leisten, sie zu verführen. In den nächsten Wochen würde Lara seine Verlobte spielen. Die Komplikationen, wenn er dazu auch noch eine Affäre mit ihr anfangen würde, wollte er sich nicht einmal vorstellen.

Aber bestimmt kam Lara ihm nur wie etwas Besonderes vor, weil sie offenbar gegen seinen Charme immun war. Es war eine Sache, sich selbst gegen eine Frau zu entscheiden, aber eine ganz andere, sie nicht haben zu können. So etwas war ihm noch nie passiert. Bestimmt bildete er sich nur deshalb ein, dass er Lara mehr wollte als jede andere.

Wie lästig, dass er wegen abuelo dieses ganze Theater inszenieren musste. Er hasste Lügen, außerdem hatte er keine Zeit für solche dummen Spielchen. Er bewahrte sich seine Energie und Fantasie lieber für die Arbeit auf. In seinem Privatleben bevorzugte er weniger aufwühlende Begegnungen.

Andererseits … Sein Blick glitt langsam an Laras atemberaubendem Körper hinunter. Was konnte es schon schaden, sich die unschöne Situation ein bisschen zu versüßen?

Erneut ergriff er Laras Hand. Wie zart ihre Haut war! „Also sind wir uns einig. Dann lassen Sie uns diesen Abend mit Würde hinter uns bringen!“

„Was tun Sie da?“ Lara versuchte, sich zu befreien. „Ihre Hände sind ganz schlammig!“

Er grinste sie an. „Ich dachte, wir könnten auf dem Weg zurück zum Haus ein bisschen üben. Vielleicht sollten wir auch schon mal ein Küsschen probieren.“

Ihre Brust hob und senkte sich unter schnellen Atemzügen. „Behalten Sie Ihre Finger – und den ganzen Rest – bei sich!“ Lara funkelte ihn wütend an.

Langsam begann ihm das Spiel Spaß zu machen. Er lachte leise. „Das hat man mir noch nie gesagt. Auf jeden Fall sollten wir uns duzen … Liebling.“

Lara riss sich los. „Ich bin sicher, dein Großvater würde das Ganze auch sehr lustig finden“, zischte sie.

Alejandro wurde ernst. „Heute Abend haben wir keine Zeit mehr, die Details zu besprechen. Am besten, du überlässt mir beim Essen das Reden.“

„Ach ja? Weil du so klug bist? Wann haben wir uns denn kennengelernt? Wann hast du mir einen Antrag gemacht? Wo ist mein Ring? Danach hat er mich nämlich schon gefragt. Ich bin übrigens erst gestern in Conil angekommen. Wenn Jaime sich nach mir erkundigt hat, weiß er das vielleicht auch.“

Alejandro sah sie mit wachsendem Respekt an. „Ich war vor vier Monaten geschäftlich in London. Wir haben uns dort kennengelernt …“

„Wir sind in einem Café zusammengestoßen. Du hast Kaffee auf meinem Mantel verschüttet und mich zur Wiedergutmachung zum Essen eingeladen“, übernahm Lara.

„Dein Ring ist beim Juwelier in Cadiz, er muss enger gemacht werden“, überlegte Alejandro.

Lara verdrehte die Augen. „Das sollte für heute Abend reichen. Bringen wir es hinter uns!“ Sie eilte über den Rasen davon, und Alejandro beeilte sich, mit ihr Schritt zu halten.

Er ertappte sich bei einem breiten Grinsen. So gut hatte er sich schon lange nicht mehr amüsiert. Es war eine nette Abwechslung, dass er sich ausnahmsweise mal um eine Frau bemühen musste. Lara war unfreundlich, arrogant, und sie konnte ihn offensichtlich nicht ausstehen, aber in ihrer Gegenwart hatte er sich noch keine Sekunde gelangweilt.

Lara konnte es nicht abwarten, dass der Abend endlich vorbei war, damit sie in Ruhe ihre Gedanken ordnen konnte. Sie brauchte einen klaren Kopf, um ihre Rache sorgfältig zu planen. Sie hätte nie gedacht, dass sie den Tag als Alejandros Verlobte beenden würde.

Sollte sie Betty anrufen und ihr alles erzählen? Hastig schob sie den Gedanken weg. In ihrem Kopf konnte sie fast die Stimme der Freundin hören: Du hast völlig den Verstand verloren. Das ist viel zu gefährlich. Alejandro García wird dich nur noch einmal verletzen.

Aber sie wusste es besser. Ihr drohte keine Gefahr. Diesmal würde sie den Kampf gewinnen!

„Da seid ihr zwei ja endlich wieder!“ Jaime zwinkerte ihnen zu, als sie Hand in Hand den Salon betraten. „Ich hatte euch schon fast aufgegeben.“

Alejandro legte den Arm um Laras Schultern und zog sie eng an sich. „Entschuldige, abuelo, aber wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen …“

Jaimes Augen weiteten sich. „Was ist denn mit dir passiert? Hat Lara dich etwa in den Teich gestoßen?“ Er lachte herzhaft über seinen Scherz.

Lara errötete.

Alejandros Lächeln wirkte gezwungen. „Du und deine Witze, Großvater! Du machst Lara ganz verlegen! Ich bin über eine Ranke gestolpert.“

Plötzlich hatte Lara das unbehagliche Gefühl, dass Jaime genau Bescheid wusste. Sie trat einen Schritt zurück. „Jetzt hast du Schlamm auf mein Kleid geschmiert, Schatz. Du solltest dich umziehen.“

Besorgt sah Alejandro seinen Großvater an. „Und bitte keine Witze mehr, während ich weg bin, abuelo. Lara ist unseren Familienhumor nicht gewohnt.“

„Noch nicht“, sagte Jaime bedeutungsvoll. „Aber keine Sorge, meine zukünftige Enkelin ist bei mir in den besten Händen.“

Unsicher sah Alejandro von einem zum anderen. „Ich beeile mich … Liebling.“

Sobald Alejandro den Salon verlassen hatte, führte Jaime Lara zur Couch. „Setzen Sie sich, meine Liebe, ich hole Ihnen ein neues Glas Wein.“ Er ging zur Hausbar und füllte ein Glas. Ohne sich umzudrehen, fragte er: „Wo haben Sie meinen Enkel kennengelernt?“

Lara wiederholte die Geschichte, die sie mit Alejandro abgesprochen hatte. Sie war selbst überrascht, wie ruhig und gelassen ihre Stimme klang.

„So lange hat mein Enkel Sie also ganz für sich allein behalten. Ich frage mich nur, warum?“ Ohne Lara aus den Augen zu lassen, setzte Jaime sich ihr gegenüber in einen Sessel.

Sie nippte an dem kühlen Wein. „Köstlich!“, lobte sie ehrlich. „Ich glaube nicht, dass es Alejandro darum ging, ein Geheimnis aus unserer Beziehung zu machen, Jaime. Wir wollten einfach in Ruhe sehen, wie es sich zwischen uns entwickelt.“

Jaime beugte sich vor und lächelte charmant. „Und jetzt sind Sie sich sicher?“

„Ja, wir haben unsere Beziehung geklärt“, erwiderte Lara. Sie merkte selbst, dass ihre Worte etwas nüchtern klangen. „Alejandro hat mir von Ihrem Testament erzählt“, setzte sie hastig hinzu, um von ihrem Fehler abzulenken. „Glauben Sie wirklich, dass es sinnvoll ist, Ihren Enkel zu einer Heirat zu zwingen? Wir hatten zwar sowieso vor zu heiraten, aber so etwas sollte doch jeder für sich selbst entscheiden, finden Sie nicht?“

Bevor Jaime antworten konnte, kam Alejandro zurück. Er trug eine leichte Baumwollhose und ein weißes Leinenhemd, das seine dunkle Haut betonte. Er hatte sich nicht die Zeit genommen, sein Haar zu trocknen, und es fiel ihm in feuchten Locken in die Stirn. Bei seinem Anblick schlug Laras Herz schneller.

„Deine Verlobte ist wirklich ganz bezaubernd, Alejandro“, erklärte Jaime strahlend.

„Ich weiß, abuelo. Darum möchte ich ja auch den Rest meines Lebens mit ihr verbringen.“ Alejandro setzte sich neben Lara und legte ihr den Arm um die Schultern.

Laras Hände fingen an zu zittern. Hastig stellte sie das Weinglas zurück auf den Tisch. Verflucht! Nur weil er atemberaubend attraktiv war, durfte sie nicht vergessen, wer der Mann neben ihr war.

Jaime hob sein Glas. „Willkommen in unserer Familie, Lara. Ich freue mich schon darauf, meinen ersten Urenkel im Arm zu halten.“ Er stand auf. „Sollen wir jetzt essen?“

Das große Speisezimmer war genauso beeindruckend wie der Rest des Hauses. Dunkle Holzbalken unter der Decke ließen den Raum trotz seiner Größe behaglich wirken, und der polierte lang gestreckte Eichentisch sah aus, als hätten schon Generationen von Garcías daran gesessen. In silbernen Leuchtern brannten Kerzen und ließen ihr goldenes Licht auf dem Kristall und Silber tanzen.

Die Fenster zum Garten waren weit geöffnet. Es war noch immer hell und sehr warm. Nicht die leiseste Brise bewegte die nach Lavendel und Meer duftende Luft.

Jaime nahm am Kopfende Platz, Alejandro rechts, Lara links von ihm. Eine zierliche ältere Frau mit grauem Haarknoten servierte ihnen Schüsseln und Teller mit verschiedenen Vorspeisen.

„Ich hoffe, Sie mögen Tapas“, erklärte Jaime galant. Er lächelte der Köchin zu. „Marias Meeresfrüchtesalat und ihre frittierten Kartoffeln mit scharfer Soße sind himmlisch. Noch etwas Wein?“

Als Lara nickte, schenkte er ihr nach und wandte sich zu Alejandro, aber dieser hielt rasch die Hand über sein Glas. „Danke, aber ich bleibe bei Wasser. Ich fahre Lara später noch nach Hause.“

Wann hat ihn das jemals vom Trinken abgehalten? wunderte sich Lara. Sie lächelte Alejandro zu, als er einige kleine Tintenfische und Kartoffeln auf ihren Teller legte. „Danke, Liebling.“

„Probieren Sie auch die Aioli.“ Jaime füllte etwas Knoblauchcreme auf ihren Teller.

Ohne Appetit spießte Lara ein Stück frittierte Kartoffel auf die Gabel. Dass Essen roch köstlich, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Jaime steckte sich genüsslich eine Knoblauchgarnele in den Mund. „Würden Sie meinen Enkel eigentlich auch heiraten, wenn er keinen Cent besitzen würde?“, fragte er abrupt.

Für einen Moment war es ganz still im Raum. Aus dem Augenwinkel sah Lara, wie Alejandro die Luft anhielt. Sie genoss, dass sie ihn zappeln lassen konnte! Langsam begann ihr die Situation zu gefallen.

Sie wartete noch eine Sekunde, dann lachte sie leise. „Wie können Sie das fragen, Jaime? Natürlich würde ich das. Glauben Sie etwa, ich könnte einem so gut aussehenden Mann widerstehen?“

Sie sah, wie Alejandro erleichtert ausatmete. Sie lächelte ihn liebevoll an. „Aber du weißt ja, dass ich nicht wegen deines Aussehens mit dir zusammen bin.“ Verschmitzt zwinkerte sie ihm zu. „Nicht nur jedenfalls.“

Eine halbe Stunde später schob Lara den Teller zurück. „Das war köstlich. Vielen Dank für die Einladung, Jaime. Ich habe mich gefreut, Sie endlich kennenzulernen.“

„Es war mir ein Vergnügen, Lara. Aber jetzt, wo du zur Familie gehörst, musst du mich abuelo nennen. Was denkst du – wie lange brauchst du, um die Koffer zu packen?“

„Welche Koffer?“ Verwirrt kniff Lara die Augen zusammen.

„Deine natürlich. Passt dir zwölf Uhr mittags? Dann schicke ich dir meinen Fahrer. Falls du Lara nicht selbst abholen möchtest, Alejandro. Aber ich glaube, du wolltest morgen geschäftlich nach Cadiz fahren, nicht wahr?“

„Ja, aber …“, begann Alejandro.

Sein Großvater schnitt ihm das Wort ab. „Gut, dann holt dich Miguel um zwölf ab.“

„Wovon reden … redest du, abuelo?“, fragte Lara.

„Du ziehst natürlich zu uns.“ Jaime trank einen Schluck Wein.

„Was?“, riefen Alejandro und Lara einstimmig.

„Du gehörst jetzt zur Familie, und bis zur Hochzeit wohnst du bei uns.“

„Nein, das kommt überhaupt nicht infrage!“, rief Lara. In ihrer Stimme lag Panik.

„Lara und ich werden nicht vor der Hochzeit zusammenleben“, mischte Alejandro sich ein.

„Ich dachte, das tut ihr jungen Leute heutzutage.“

„Nicht Lara. Sie ist … sehr … gläubig.“

Unter dem Tisch spürte Lara einen schmerzhaften Tritt. Offenbar wollte Alejandro, dass sie ihn unterstützte. „Ja, das ist vielleicht altmodisch, aber ich bin nun mal ein traditionelles Mädchen.“ Innerlich stöhnte sie auf. Jaime konnte ihnen unmöglich auch nur ein Wort von dieser albernen Geschichte abnehmen!

Doch zu ihrem Erstaunen griff er nach ihrer Hand und umschloss ihre Finger fest mit beiden Händen. „Ich respektiere und bewundere deine Einstellung, Lara“, sagte er ernst. Seine Lippen zitterten. Schimmerten da etwa Tränen in seinen Augen? „Meine Frau, Gott hab sie selig, war auch sehr gläubig. Aber du brauchst hier bei uns nichts zu befürchten, meine Liebe. Du sollst ja nicht das Bett mit Alejandro teilen. Wir haben genug Zimmer im Haus.“

„Aber … ich habe meinen Bekannten versprochen, ihr Haus zu versorgen“, protestierte Lara schwach.

„Keine Sorge, Miguel wird sich darum kümmern. Also abgemacht, morgen um zwölf.“

4. KAPITEL

„Wieso hast du nicht energischer widersprochen?“, platzte es aus Lara heraus, nachdem sie fünf Minuten angespannt geschwiegen hatten.

Alejandro starrte nach vorn und trat fester auf das Gaspedal. „Was hätte ich denn sagen sollen? Jaime hat schließlich recht. Wäre unsere Verlobung echt, würdest du ganz selbstverständlich bei uns wohnen.“

„Warum hast du dir nicht noch eine deiner großartigen Lügen einfallen lassen?“

„Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber ich hasse Lügen. Ich versuche immer, ehrlich zu sein.“ Er fuhr auf den kleinen Parkplatz vor Laras Häuschen und stellte den Motor ab.

„Schade, dass es nicht funktioniert.“ Lara wollte die Tür öffnen, aber Alejandro hielt sie am Oberarm fest.

„Denkst du etwa, du wärst besser als ich?“, herrschte er sie an. „Ja, ich lüge, obwohl ich meinen Großvater liebe und respektiere. Ich bin ganz bestimmt nicht stolz darauf. Aber ich trage die Verantwortung für Hunderte Angestellte, und ich weiß, dass ich besser als jeder andere in der Lage bin, die Firma zu leiten und für sie zu sorgen. Es geht mir nicht einfach nur ums Geld. Auch wenn Großvater das Weingut einer Stiftung hinterlassen würde, hätte ich allein mit meinem Pflichtteil für den Rest meines Lebens mehr Geld, als ich jemals ausgeben könnte. Was ist denn deine Entschuldigung fürs Lügen, Lara? Fünfzehntausend Euro? Sehr ehrenwert! Also tu bloß nicht so, als wärst du etwas Besseres!“

Lara schoss das Blut in die Wangen, doch nicht nur wegen seiner Worte. Er war ihr so nah, dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. Vergeblich versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Wage ja nicht, mich mit dir zu vergleichen!“, rief sie mit zitternder Stimme. „Du glaubst, du kannst mit deinem Geld alles kaufen! Ich habe bei dem verfluchten Unfall alles verloren. Mein Auto ist ein Totalschaden, mein Notebook ist kaputt, und ich weiß nicht einmal, wie ich jetzt arbeiten soll. Du manipulierst die Menschen nur zum Spaß und benutzt sie skrupellos für deine Zwecke. Und dich interessiert nicht einmal, wie sehr du andere mit deinen grausamen …“ Sie brach ab und biss sich auf die Lippen. Um ein Haar hätte sie sich verplappert!

Alejandro starrte Lara fassungslos an. „Wie kommst du dazu, mir solche Dinge an den Kopf zu werfen? Du weißt doch nicht das Geringste über mich!“

Lara befreite mit einem Ruck ihren Arm aus seinem Griff. „Dazu brauche ich nichts über dich zu wissen. Ich kenne andere Männer wie dich!“

„Und ich kenne mehr als genug Frauen wie dich!“, hielt er ihr entgegen. „Frauen, die Geld von Männern nehmen, die sie nicht einmal mögen, Frauen, die sich für Gefälligkeiten bezahlen lassen. Also lassen wir es dabei: Wir können uns nicht ausstehen, aber wir werden beide von unserem Geschäft profitieren. Sehen wir zu, dass wir es so gut wie möglich hinter uns bringen!“ Er betrachtete sie verächtlich. „Und damit du noch einen größeren Anreiz hast, deinen Job auch wirklich gut zu machen, biete ich dir noch einmal zehntausend Euro, wenn wir es schaffen, Großvater zu überzeugen.“

Lara schluckte. Ihr sollte ganz egal sein, was er über sie dachte. Wieso verletzten seine Worte sie trotzdem? „Gut, dann haben wir die Fronten also geklärt“, erwiderte sie kalt und fasste nach dem Türgriff.

„Noch nicht ganz.“ Mit einer raschen Bewegung zog Alejandro sie zu sich und küsste sie.

Lara stemmte beide Hände vor seine Brust und versuchte, ihn wegzuschieben, aber er hielt sie mit eisernem Griff. Seine Lippen zwangen ihren Mund, sich zu öffnen. Ihr Herz raste, und ihr war, als würde sie in Flammen stehen. Mit aller Leidenschaft begann sie, den Kuss zu erwidern.

Abrupt ließ Alejandro sie los und schob sie zurück auf ihren Sitz. „Nicht übel für eine Generalprobe“, sagte er kühl. „Ich denke, der Kuss war gut genug, um Großvater zu überzeugen. Aber für fünfundzwanzigtausend Euro kann man ja auch etwas erwarten.“

Lara hob die Hand, um ihn zu ohrfeigen, aber er fing ihren Arm mühelos ab. Dann beugte er sich vor und öffnete mit der freien Hand ihre Tür. „Gute Nacht, Liebling.“

Blind vor Tränen schloss Lara die Haustür auf. Wie sollte sie es ertragen, mit Alejandro in einem Haus zu wohnen, wenn schon ein Abend mit ihm sie so aus der Fassung brachte? Wie sollte sie sich dabei auf ihre Arbeit konzentrieren? Sie konnte sich nicht leisten, dass Alejandro ihre Gedanken beherrschte.

Hatte sie sich vielleicht zu viel zugetraut? Nein! Sie schüttelte den Kopf. Teil von Alejandros Leben zu sein, bedeutete auch, sein Heim kennenzulernen, seinen Alltag, seine Geheimnisse. Es gab keine bessere Gelegenheit, nach dunklen Punkten in seinem Leben zu suchen. Und dann würde sie zuschlagen!

Alejandro hatte vielleicht diese Schlacht gewonnen, aber am Ende würde sie siegen.

„Warum sollte ich mit dir essen gehen?“, fauchte Lara in den Telefonhörer. „Private Treffen gehören nicht zu unserer Abmachung. Außerdem kommt Miguel in einer Stunde vorbei, um mich abzuholen, und bis dahin versuche ich, den letzten Rest meiner Ruhe zu nutzen und zu arbeiten!“

„Ich habe Großvater gesagt, dass ich dich selbst abhole“, erklärte Alejandro gelassen.

„Ich dachte, du hast einen Termin in Cadiz.“

„Der ist auf morgen verschoben worden.“ Von mir, ergänzte Alejandro im Stillen, aber das musste er Lara ja nicht auf die Nase binden. „Solange wir nicht in der Lage sind, eine Stunde lang friedlich zusammen am Tisch zu sitzen, werden wir Großvater nie überzeugen. Ab heute werden wir in einem Haus leben. Wir brauchen uns nicht zu mögen, aber wir müssen unsere Feindseligkeiten beilegen. Außerdem können wir dann gleich die Formalitäten hinter uns bringen. Ich habe das Geld und den Vertrag bei mir.“

„Also gut“, stimmte Lara zu. „In einer Stunde.“

„Etwas mehr Begeisterung, mein Schatz“, sagte Alejandro spöttisch.

Eine Stunde später erreichte Alejandro El Palmar de Vejer. Das Örtchen war kaum mehr als eine Handvoll alter Häuser am Rande von Conil, in denen früher Landarbeiter gewohnt hatten. Die meisten Immobilien waren von Privatleuten gekauft und zu Ferienwohnsitzen umfunktioniert worden.

Aber Alejandro hatte keinen Blick für die schmucken Häuschen und den winzigen Krämerladen, vor dem zwei grau getigerte Katzen in der Sonne lagen. Er dachte zurück an seinen ersten Besuch in Andalusien. Sein Großvater war damals mit ihm hierhergekommen, und sie hatten in dem kleinen Laden Eis gekauft.

Bei der Erinnerung spürte er einen bitteren Geschmack im Mund. Wochenlang hatte er sich darauf gefreut, mit seinen Eltern zusammen am Strand zu spielen. Stattdessen verbrachte sein Vater dann die Zeit auf seinem Rennboot, während seine Mutter sich mit ihrem Tennislehrer amüsierte – wenn sie nicht gerade ihr Geld in luxuriösen Boutiquen ausgab.

Der Anblick von Laras Häuschen mit der großen grünen Markise riss ihn aus seinen Erinnerungen. Unwillkürlich musste er schmunzeln, als er sah, dass sie ihren Koffer schon herausgebracht hatte. Die Frauen, mit denen er sonst zusammen war, trugen nicht einmal ihr Schminkköfferchen selbst.

Verärgert presste er die Lippen zusammen, als er sich beim Lächeln ertappte. Lara war nicht besser als die anderen Frauen! Der Beweis dafür steckte in einem dicken Umschlag im Handschuhfach. Trotzdem konnte er seinen Blick nicht von ihrem zierlichen und doch so weiblichen Körper losreißen.

Obwohl er ihr das Angebot selbst gemacht hatte und seine Zukunft von ihrer Zusage abhing, verachtete er Lara gleichzeitig, weil sie angenommen hatte. Sie war bereit, für Geld zu lügen. Er war selbst erstaunt, wie enttäuscht er darüber war.

Doch egal, wie oft er sich auch vor Augen hielt, dass Lara geldgierig, eiskalt und berechnend war, begehrte er sie mit aller Macht. Erst recht seit gestern Abend. Die Leidenschaft, mit der sie seinen Kuss ganz unerwartet erwidert hatte, hatte ihn vollkommen überwältigt.

Sobald er den Wagen anhielt, öffnete Lara die Tür und warf ihren Koffer auf den Rücksitz, dann stieg sie ein und nickte ihm zur Begrüßung knapp zu. Wortlos fuhr Alejandro los. Zwanzig Minuten später parkte er vor einer Bretterhütte am Strand.

„Lara …“ Alejandro drehte sich zu ihr um und sah ihr in die Augen. Für einen Moment vergaß er, was er hatte sagen wollen. „Glaub mir, ich halte nicht mehr von dir als du von mir“, fuhr er dann fort. „Aber wenn du nicht bereit bist, für dein Geld auch etwas zu tun, lass uns das Ganze auf der Stelle abblasen. Für die nächsten vier Wochen müssen wir wie ein verliebtes Paar wirken, wenn wir zusammen sind. Rund um die Uhr! Hier in Conil kennt jeder jeden. Wir wissen nie, wer uns vielleicht gerade beobachtet, ohne dass wir es bemerken, und Großvater davon erzählt. Entweder du erledigst deinen Job richtig – nicht zu viel erwartet für fünfundzwanzigtausend Euro – oder du lässt es sein!“

Sie dachte einen Augenblick nach, dann nickte sie. „In Ordnung.“

Er öffnete das Handschuhfach und zog zwei Umschläge heraus. Einen reichte er ihr. „Das ist dein Geld. Fünfzehntausend Euro. Den Rest bekommst du, wenn alles geklappt hat. Du kannst gern nachzählen.“

Lara zuckte mit den Schultern. „Nicht nötig.“

Er zog eine dünne Mappe aus dem zweiten Umschlag. „Hier ist der Vertrag. Ich habe bereits unterzeichnet.“

Lara nahm die Mappe. „Wo muss ich unterschreiben?“

„Willst du ihn nicht vorher durchlesen?“

Sie lächelte süß. „Wozu? Sollte ich dir nicht vertrauen?“

Er erwiderte ihr Lächeln schmal. „Ich werde dich jedenfalls bestimmt nicht um dein Geld betrügen, wenn du deinen Teil der Abmachung einhältst, Lara.“

„Wunderbar.“ Sie zog einen Stift aus der Tasche und setzte ihre Unterschrift neben seine.

Er steckte die Umschläge zurück ins Handschuhfach. „Gehen wir essen!“

„Hier?“ Lara sah sich erstaunt um. An den rohen Holzwänden der windschiefen Hütte hingen ausrangierte Surfbretter, und hinter dem Haus war ein Toilettenverschlag, der jeden Moment umzustürzen drohte.

Alejandro grinste. „Es sieht nicht nach viel aus, aber Pablos Essen ist ausgezeichnet. Seine Tortilla ist berühmt, und in ganz Conil bekommst du keinen frischeren Fisch.“

Er führte Lara zu einem der Tische, die bunt durcheinander im Sand verteilt standen. Fast alle Plätze waren besetzt. Zwei Kellner liefen mit voll beladenen Tabletts geschickt zwischen den runden Tischchen hin und her. Eine knisternde Plastikplane schützte die Gäste vor dem Wind.

Es herrschte Flut, und das Meer schwappte nur wenige Meter von ihnen entfernt träge an den Strand.

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