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ROMANA EXTRA BAND 47

HOLLY BAKER

In der Camargue will ich dich lieben

Amy ist hin- und hergerissen: Soll sie auf Nathans Gestüt in der Camargue arbeiten, obwohl sie sich insgeheim mehr denn je nach ihm verzehrt? Denn er will garantiert nur eine Jobbeziehung …

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In der Camargue will ich dich lieben

1. KAPITEL

„So, das wär’s“, sagte Dr. Blanc und tätschelte der weißen Stute den Hals. Dann wandte er sich Nathan zu. „Ich müsste noch kurz mit Ihnen reden.“

Irritiert zog Nathan eine Augenbraue nach oben. Was konnte der Tierarzt noch von ihm wollen? „Klar, kein Problem. Darf ich Ihnen einen Espresso anbieten?“

Dr. Blanc sah auf seine teure Armbanduhr. „Warum eigentlich nicht?“ Er verstaute sein Equipment in der Arzttasche.

Die beiden Männer verließen die Stallungen und überquerten den Hof Richtung Hauptgebäude. Die Sonne schien, und auf dem Übungsplatz gab die Reitlehrerin Louise gerade einem jungen Mädchen Unterricht. Auf der Wiese vor der Umzäunung saßen zwei weitere Mädchen und lachten vergnügt miteinander.

„Ihr Reiterhof scheint gut zu laufen“, bemerkte Dr. Blanc.

„Ich kann nicht klagen. Es sind Sommerferien, da ist natürlich immer besonders viel los.“

Nathan trat sich den Schmutz von den Stiefeln, bevor er die Tür zu seinem Reich öffnete. Obwohl sich auf seinem Hof immer viele Gäste tummelten, schloss er nie ab. Er hatte Vertrauen, und bisher war er noch nie enttäuscht worden. Er ging voran in die Küche. Während er den Kaffee zubereitete, tauschten er und der Tierarzt Belanglosigkeiten aus. Doch sobald er die beiden Tassen auf das glatte Holz des Tresens stellte, kam Dr. Blanc zum Punkt.

„Also Nathan, wie Sie wissen, bin ich nicht mehr der Jüngste.“

„Jetzt hören Sie aber auf, Doktor.“ Nathan betrachtete den Tierarzt etwas genauer. In den dunklen Haaren fanden sich bereits einige graue Strähnen, aber der Mann hatte sich extrem gut gehalten. Nathan war sich sicher, dass ihn die meisten Frauen mittleren Alters im Ort umschwärmten.

Dr. Blanc lächelte. „Sie sind noch so jung, Nathan, deshalb können Sie das nicht nachvollziehen, aber es kommt der Tag, an dem man seine wohlverdiente Ruhe haben möchte.“

Nathan wollte nach der Tasse mit dem dampfenden Espresso greifen, hielt aber mitten in der Bewegung inne. „Wollen Sie damit etwa sagen, dass Sie sich zur Ruhe setzen?“

Dr. Blanc nickte. „Genau das will ich. Ich bin schon weit über sechzig und möchte jetzt den Rest meines Lebens genießen.“

Nathan fuhr sich durch die dunkelbraunen Haare. „Aber wer behandelt dann meine Pferde?“

Dr. Blanc seufzte. „Die Tierärzte in dieser Region sind rar gesät, das weiß ich natürlich. In absoluten Notfällen bin ich auch weiterhin für Sie da, aber Sie werden einen Ersatz für mich finden müssen. Die Graysons zum Beispiel führen eine hervorragende Praxis.“

Nathan schluckte. Dessen war er sich bewusst, doch das war keine Option für ihn. „Wie lange noch?“, wollte er wissen.

„In etwa vier Wochen werde ich meine Praxis schließen.“ Der Tierarzt trank seinen Espresso in einem Schluck dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tresen. „So, dann will ich mal weiter. Die Simons erwarten ein Kalb.“

Nathan begleitete den Doktor zur Tür und sah ihm hinterher, als er mit seinem schwarzen Renault vom Grundstück fuhr. Dann ließ er den Blick über seinen Hof wandern: die wenigen Ställe, die er hatte, um kranke Tiere zu pflegen, die riesigen Weiden, die bis weit in die Sumpflandschaft hineinreichten, zwei Reitplätze und das große weiße Gebäude, in dem die Feriengäste untergebracht waren.

Gerade kam eine Gruppe junger Mädchen zusammen mit der zweiten Reitlehrerin Camille von einem Ausritt zurück. Sie waren am Strand gewesen und sahen glücklich aus.

Wehmut erfasste Nathan. Unweigerlich musste er an Marie denken. Sie hatte die Ausritte zum Strand geliebt, ebenso wie er. Aber ohne sie war es nicht mehr dasselbe.

Seine Gedanken wanderten weiter zu den Graysons. Er konnte sie unmöglich fragen, ob sie in Zukunft seine Pferde tierärztlich versorgen würden. Seit fast fünf Jahren hatte er weder Kontakt zu Amy noch zu Peter. Natürlich lief er Peter in Saintes-Maries-de-la-Mer ab und zu mal über den Weg, aber man wusste es zu vermeiden, sich unterhalten zu müssen. Und Amy war erst vor etwa einem Jahr wieder zurückgekehrt. Vorher hatte sie in der Nähe von Paris studiert und war nur in den Semesterferien in der Gegend gewesen.

Er wollte gar nicht an seine letzte Begegnung mit Amy denken, damals auf der Beerdigung. Nein, er konnte unmöglich Kontakt zu ihr und ihrem Onkel aufnehmen. Es musste eine andere Lösung geben.

Amy stellte ihre Einkäufe in der Küche ab – Oliven, Salami und Brot, frisch vom Wochenmarkt – und trat hinaus auf die Terrasse. Ihr Onkel Peter saß an dem runden Tisch und zog an seiner Pfeife, die Beine vor sich ausgestreckt, die Füße übereinandergeschlagen.

„Salut“, begrüßte sie ihn. „Hast du Hunger? Ich habe uns frisches Nussbrot vom Markt mitgebracht.“

Er schenkte ihr eines seiner seltenen Lächeln. „Gerne. Wie war dein Vormittag?“

„Ach, frag nicht. Einige Pferde der Depardieus haben mit einer Kolik zu kämpfen. Und bei dir?“

„Ein paar Flöhe, Milben, Krallen schneiden. Das Übliche halt.“

Er legte seine Pfeife beiseite und stand auf, um Amy beim Tischdecken zu helfen. Im letzten Jahr hatte es sich so eingebürgert, dass sie mittags gemeinsam eine Kleinigkeit zu sich nahmen und erst abends kochten. Meistens ließ sich das auch einrichten. Peter übernahm vor- und nachmittags die Kleintierpraxis, während Amy mit dem Jeep zu ihren Kunden fuhr und sich um deren Pferde oder Stiere kümmerte. Und in der Camargue gab es davon wirklich genug, sodass ihr die Arbeit nie ausging.

Das Nussbrot war noch warm, und Amy bestrich es lediglich mit etwas Butter. Während sie aßen, hingen beide ihren eigenen Gedanken nach. Der Wind rauschte in den Bäumen und wehte den Duft von Lavendel zu ihnen hinüber.

Versonnen betrachtete Amy den Garten, um den sie sich in ihrer Freizeit gern kümmerte. Der Lavendel wuchs mit dem Sumpfgras um die Wette. Ich müsste mal wieder Unkraut zupfen, dachte sie kurz, bevor ihre Gedanken wieder abschweiften – zu dem, was sie heute Mittag im Ort gehört hatte.

Man erzählte sich, dass Dr. Blanc in Rente gehen wollte. Das allein war es aber nicht, was Amy zum Nachdenken brachte. Es ging viel mehr um die Konsequenz, die Dr. Blancs Pensionierung haben würde.

Unauffällig blickte Amy immer wieder zu ihrem Onkel hinüber. In den vergangenen fünf Jahren war er gealtert. Er hatte deutlich mehr graue Haare und Falten im Gesicht bekommen. Man sah ihm an, dass das Leben ihn gezeichnet hatte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er. Offensichtlich waren ihm ihre Blicke nicht entgangen.

Sie zögerte, doch sie wusste, dass er die Nachricht früher oder später ohnehin erfahren musste. „So wie es aussieht, wird sich Dr. Blanc demnächst zur Ruhe setzen. Im Ort gibt es kein anderes Thema mehr.“

Peter nickte. „Das wundert mich nicht. Weißt du, wann er aufhört?“

Amy schüttelte den Kopf. „Nicht genau. In ein paar Wochen.“

Ihr Onkel dachte einen Moment nach. „Das bedeutet in der nächsten Zeit wohl viele weitere Patienten. Wirst du das schaffen? Dr. Blanc hat doch wie du hauptsächlich die größeren Tiere behandelt, richtig?“

Seufzend strich Amy sich die rotbraunen Haare aus der Stirn. „Ja, das ist wahr. Es wird wohl viel Arbeit geben, aber was soll ich machen? Tierärzte gibt es hier in der Camargue nun einmal nicht wie Sand am Meer.“

„Wir schaffen das schon. Notfalls stellen wir halt noch jemanden ein.“

„Wenn wir jemanden finden. Aber lass uns erst einmal abwarten, was sich ergibt. Vielleicht schaffe ich es ja auch allein.“ Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „So, ich muss wieder los. Bis heute Abend.“

Sie lächelte ihrem Onkel zu, nahm ihren schmutzigen Teller und brachte ihn in die Küche, bevor sie das Haus wieder verließ und in ihren schwarzen Jeep stieg, der schon etwas älter war. Nachdenklich saß sie eine Weile auf dem Fahrersitz, ohne den Motor zu starten.

Plötzlich fiel ihr Nathan ein. Er besaß doch einen Reiterhof, der nicht weit von ihrer Praxis entfernt lag. Und er hatte seine Pferde ebenfalls von Dr. Blanc behandeln lassen. Was würde er jetzt tun? Würde er sich bei ihr melden, nach allem, was passiert war? Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Peter würde jedenfalls nicht begeistert sein.

Amy seufzte. Es war schon ewig her, dass sie Nathan das letzte Mal gesprochen hatte. Und es waren keine netten Worte gefallen, daran erinnerte sie sich noch zu gut. Aber was sollte er machen? Der nächste Tierarzt war vierzig Kilometer entfernt. Nachdem er alle möglichen Optionen durchgegangen war, würde er irgendwann mit ihr Kontakt aufnehmen. Das spürte sie.

Amy startete den Motor und fuhr vorsichtig vom Hof. Einerseits freute sie sich darauf, Nathan womöglich schon bald wiederzusehen. Andererseits machte genau das ihr Angst.

Mit dem Telefon in der Hand lief Nathan im Wohnzimmer auf und ab. Er wusste, dass er keine Wahl hatte. In Port-Saint-Louis-du-Rhône gab es einen anerkannten Tierarzt, aber die Fahrt dauerte eine gute Stunde. Selbst von Arles aus brauchte man über eine halbe Stunde. Eine Entfernung von vierzig Kilometern war auf Dauer einfach zu viel. Schließlich konnte es immer mal zu einem Notfall kommen, und Dr. Blanc würde nicht ewig zur Verfügung stehen.

Nein, er brauchte einen Tierarzt in der Nähe. Und zwar schnell. Die Stute Fleur war trächtig und erwartete in wenigen Wochen ihr Fohlen. Was, wenn es zu Komplikationen käme?

Das Problem war nur, dass es in unmittelbarer Nähe nur eine weitere Tierarztpraxis gab.

Nathan holte tief Luft. Er hatte keine Wahl – er musste sich an die Graysons wenden. Sein einziger Vorteil bestand darin, dass Amy sich um die tierärztliche Versorgung seiner Pferde kümmern würde und nicht Peter. Peter würde ihn sofort zum Teufel jagen, das wusste er.

Und Amy? Er hatte keine Ahnung, wie sie darauf reagieren würde, ihn nach all den Jahren wiederzusehen. Er hatte sie immer gemocht, doch dann war das mit Marie passiert und sie hatte ihn ebenso gehasst wie alle anderen. Ob sie ihre Abscheu ihm gegenüber zum Wohl der Tiere vergessen konnte?

Er hatte bereits begonnen, die Nummer zu wählen, die immer noch dieselbe war wie vor fünf Jahren, als er den Hörer kurz entschlossen wieder auflegte.

Die Angelegenheit musste persönlich geklärt werden, und das nahm er am besten sofort in die Hand. Ansonsten war das Risiko viel zu groß, dass er sich am Ende doch nicht trauen würde.

In Jeansshorts und weißem Top saß Amy auf der Wiese vor dem Haus und brachte ihrem Welpen Jolie das Apportieren bei. Jolie war ein beigefarbenes Labrador-Weibchen, in das Amy sich sofort verliebt hatte. Ein Kunde von Peter hatte die Welpen vor Kurzem zum Impfen in die Praxis gebracht. Irgendjemand hatte die süßen Tiere einfach ausgesetzt, und Amy war noch heute dankbar dafür, dass der Mann, der selbst Hunde züchtete, sie gefunden und sich um sie gekümmert hatte.

Nur durch Zufall war sie an dem Tag in der Praxis gewesen und hatte sich sofort eines der süßen Babys gesichert. Sie hatte schon immer einen Hund haben wollen, und jetzt fand sie den Zeitpunkt genau richtig.

Peter war jedoch nicht ganz so begeistert gewesen, immerhin kannte er ihr großes Herz. Sie hatten bereits mehrere Katzen auf dem Hof, außerdem besaß Amy selbst eines der schönen weißen Camargue-Pferde. Doch er hatte nichts gesagt. Amy und ihr Onkel wohnten zwar in einem Haus, aber jeder hatte sein Reich und führte sein eigenes Leben.

„Hol das Stöckchen“, sagte Amy zu Jolie. Der Welpe hatte jedoch viel mehr Spaß daran, ihr die Zehen zu lecken. Lachend hob sie das warme weiche Bündel hoch und knuddelte es.

In diesem Moment fuhr ein dunkelblauer Land Rover Defender auf den Hof und parkte auf einem der drei Kundenparkplätze. Amy sah auf ihre Uhr. Die Sprechstundenzeit war lange vorbei, aber vielleicht handelte es sich ja um einen Notfall. Mit der Hand schirmte sie die Augen vor der Sonne ab, um besser sehen zu können. Ein Mann stieg aus, groß und kräftig. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, und doch wusste sie sofort, wer es war. Ihr Herz schlug schneller. Unauffällig blickte sie zum Haus hinüber. Hoffentlich hatte ihr Onkel das Auto nicht gehört.

Der Kies knirschte unter den schwarzen Chucks des Besuchers, als er quer über den Hof auf sie zu ging. Er wirkte lässig, aber sie war sich sicher, dass er genauso nervös war wie sie. Sie hatte damit gerechnet, dass er irgendwann kommen würde, und doch war sie völlig unvorbereitet auf sein plötzliches Auftauchen.

Nathan.

Sie stand auf und klopfte sich das Gras von den Shorts, Jolie immer noch auf dem Arm. Nathan blieb vor ihr stehen, die Hände in den Taschen seiner Jeans. Die Ärmel seines hellblauen Hemds hatte er hochgekrempelt. Ein sanfter Wind wehte eine Brise seines Aftershaves zu ihr herüber. Offensichtlich hatte er sich auf diese Begegnung vorbereitet.

Einen Moment, der ihr wie eine Ewigkeit vorkam, sahen sie sich an, aber keiner sprach ein Wort. In den letzten fünf Jahren hat er sich kaum verändert, dachte Amy. Er sah immer noch unglaublich gut aus: die leuchtend blauen Augen, das Grübchen im Kinn, die gebräunte Haut. Nur die dunkelbraunen Haare trug er etwas länger als damals.

„Schön, dich zu sehen.“

„Hallo, Amy.“

Sie hatten das Schweigen gleichzeitig gebrochen. Nun mussten sie lachen – und das Eis war gebrochen. Amy zögerte, doch dann trat sie einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn flüchtig.

„Es ist wirklich schön, dich mal wiederzusehen.“

„Danke. Es freut mich sehr, das zu hören. Wie geht es dir?“

Sie strich sich eine rotbraune Strähne hinters Ohr. „Ich kann nicht klagen. Und was ist mit dir?“

Er nickte nur, dann deutete er mit dem Kopf auf den Welpen. „Ist das deiner oder nur ein Pensionsgast?“

„Nein, sie gehört mir. Jolie. Du weißt doch, dass ich immer einen Hund haben wollte.“

Nathan lächelte und streichelte Jolies Köpfchen. Dabei streifte er versehentlich Amys Arm. Schnell zog er die Hand wieder zurück und strich sich damit durch die dunkelbraunen Haare. „Wie geht es deinem Onkel?“

„Er ist nicht mehr derselbe, seit … seit das mit Marie passiert ist.“

Nathan senkte den Blick, doch dann holte er tief Luft und sah Amy wieder direkt in die Augen. „Du kannst dir sicher denken, warum ich hier bin.“

Sie setzte Jolie ab und nickte. „Ja. Ich nehme an, du suchst einen neuen Tierarzt für deine Pferde?“

„So sieht’s aus.“ Er schwieg einen Moment. „Hör zu, Amy, wenn das nicht möglich ist, dann …“

„Alles in Ordnung“, unterbrach sie ihn. „Ich weiß ja, dass wir hier in Saintes-Maries-de-la-Mer nicht allzu viel Auswahl haben.“

Nathan ließ seinen Blick zum Haus wandern, und Amy tat es ihm gleich. Sie sah, wie sich der Vorhang im Wohnzimmerfenster bewegte. Bevor sie reagieren konnte, riss ihr Onkel auch schon die Haustür auf und stürmte auf sie zu.

Nathan schluckte. „Hallo, Peter.“

„Was hast du auf meinem Hof zu suchen? Habe ich dir damals nicht klipp und klar gesagt, dass ich dich hier nie wiedersehen will?“

„Es tut mir leid“, sagte Nathan. „Ich wäre auch nicht hier, wenn es nicht wichtig wäre. Du weißt doch sicher, dass Dr. Blanc in Rente geht.“

„Du hast vielleicht Nerven, einfach hier aufzukreuzen, nach all den Jahren. Scher dich zum Teufel, wir werden dir nicht helfen! In Arles oder Port-Saint-Louis-du-Rhône gibt es hervorragende Veterinärmediziner. Wende dich an die und lass uns in Ruhe.“

Nathan sah aus wie ein geprügelter Hund. Er schluckte erneut und nickte. Sein Blick glitt noch einmal zu Amy. „Es war echt schön, dich wiederzusehen. Mach’s gut, Amy.“ Dann drehte er sich um und ging zu seinem Wagen zurück.

Jolie sprang bellend um Amys Beine herum, doch sie nahm den Welpen in diesem Augenblick kaum wahr. Sie wandte sich ihrem Onkel zu und stemmte die Hände in die Hüften. „Was sollte das denn bitte?“

Die dunklen Augen ihres Onkels fixierten sie. „Muss ich dich wirklich daran erinnern, was er unserer Familie angetan hat? Halt dich von ihm fern.“ Und ohne weiteren Kommentar stapfte er zurück ins Haus.

Traurig schüttelte Amy den Kopf. Sie hatte befürchtet, dass Peter auch nach fünf Jahren immer noch so heftig reagieren würde. Trotzdem hatte sie auf ein Wunder gehofft. Sie sah zu Nathan, der den Land Rover gerade gewendet hatte und vom Hof fahren wollte. Ohne nachzudenken, lief sie auf das Auto zu.

„Warte, Nathan.“

Er blieb stehen und ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. „Ist schon in Ordnung, Amy, wirklich. Ich verstehe das.“

„Du kennst doch Peter. Er ist einfach noch nicht darüber hinweg.“

„Wer von uns ist das schon?“, fragte Nathan leise. Schweigend blickten sie sich einen Moment in die Augen. „Also dann …“

„Wann soll ich vorbeikommen?“, fragte Amy.

„Willst du damit sagen, dass du mir hilfst?“ Nathan konnte es kaum glauben. „Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Ich will nicht, dass du Ärger mit deinem Onkel bekommst.“

„Lass das mal meine Sorge sein. Sag einfach Bescheid, wenn du mich brauchst. Meine Handynummer hast du doch noch, oder?“

Er nickte. „Danke, ich weiß das zu schätzen.“

Sie lächelten sich zu, dann fuhr Nathan langsam vom Hof. Amy hob Jolie hoch und sah ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war.

Immer wieder blickte Nathan in den Rückspiegel, blickte zu Amy, deren Haare in der Abendsonne schimmerten.

Sie hatte genauso geduftet wie Marie, sodass es ihm einen Moment lang fast die Kehle zugeschnürt hatte. Zum Glück schien sie nicht bemerkt zu haben, wie er kurz zusammengezuckt war, als sie ihn umarmt hatte. Er musste zugeben, dass eine Umarmung ungefähr das Letzte war, womit er gerechnet hatte. Wenn er ehrlich war, hatte er eher Angst davor gehabt, dass sie ihn ebenso vom Hof jagen würde wie Peter. Doch sie schien sich verändert zu haben.

Als er das letzte Mal mehr Zeit mit ihr verbracht hatte, war sie noch das zickige, unreife Mädchen gewesen, das er kannte, seit es acht Jahre alt gewesen war. Aber inzwischen war die kleine Zicke erwachsen geworden. Dabei hatte sie sich äußerlich gar nicht so sehr verändert. Die rotbraunen Haare trug sie jetzt etwas länger und offen, anstatt wie früher zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aber ihre grünbraunen Augen waren so freundlich gewesen wie immer. Er bewunderte ihre Art. Sie hatte schon so viel durchgemacht, und doch hatte die Trauer nie ihre Augen erreicht.

Ob es an Maries Tod lag, dass sie reifer geworden war? Amy war dreiundzwanzig gewesen, als ihre Cousine gestorben war, und der Verlust hatte sie hart getroffen. Deshalb hatte Nathan auch immer versucht, ihr ihre Worte auf dem Friedhof damals vor fünf Jahren nicht übel zu nehmen.

Es war seltsam gewesen, sie wiederzusehen, aber schön. Wirklich schön. Und sie schien sich ebenfalls über das kurze Wiedersehen gefreut zu haben. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er Amy in den vergangenen Jahren vermisst hatte. Sie war zwar immer ein wenig zickig gewesen, aber dafür auch ungezwungen und fröhlich. Vielleicht hätten sie sich gegenseitig dabei unterstützen können, über Maries Verlust hinwegzukommen. Doch statt sich zu helfen, hatten sie auch noch einander verloren.

Nathan setzte den Blinker und fuhr langsam in seine Hofeinfahrt. Seine Reitlehrerin Louise führte Fleur gerade zur Koppel, um ihr noch ein wenig Abendsonne zu gönnen. Nathan parkte den Wagen und ging auf sie zu.

„Und, wie war dein Wiedersehen mit den Graysons?“, fragte sie sofort. Natürlich hatte er mit ihr über sein Problem gesprochen, in der Hoffnung, sie hätte vielleicht eine Lösung parat.

Er zuckte mit den Schultern.

„So schlimm, ja?“

„Peter hat mir immer noch nicht verziehen, aber das habe ich auch nicht erwartet.“

„Und was ist mit Amy?“

„Sie hat Ja gesagt. Das heißt, sie ist wohl ab sofort unsere neue Tierärztin.“

Louise öffnete das Tor zur Koppel und führte Fleur hindurch. Man sah der Stute an, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis das Fohlen kam.

Nathan war mehr als froh, dass Amy ihm zugesagt hatte. Er wusste, dass Fleur bei ihr in besten Händen war. Sie hatte die Stute immer ebenso sehr geliebt wie er. Die Stute, die einst Marie gehört hatte.

„Das ist doch großartig, oder nicht?“

„Doch. Doch, das ist es.“ Er hoffte nur, dass es kein böses Ende nehmen würde. Peter war bestimmt nicht begeistert, dass seine Nichte ihm helfen wollte.

„Das ist nicht dein Ernst. Du willst für ihn arbeiten? Hast du vergessen, was passiert ist?“ Aufgebracht lief Peter in der Küche auf und ab, während Amy Auberginen, Zucchini und Paprika fürs Abendessen schnitt.

„Das ist fünf Jahre her, Onkel Peter. Ich weiß, dass Nathan einen Fehler gemacht hat, aber er leidet darunter genauso wie wir.“

Abrupt blieb Peter stehen. „Ich kann ihm nicht verzeihen“, erwiderte er überraschend ruhig. „Er hat meine Tochter auf dem Gewissen. Deine Cousine.“

Amy nickte traurig. „Ja, ich weiß. Du sollst ihm auch nicht verzeihen.“ Sie hatte gespürt, dass Nathan selbst es auch noch nicht konnte. „Ich möchte nur, dass du akzeptierst, dass ich mich ab sofort um seine Pferde kümmern werde.“

Peter ballte die Hände zu Fäusten. „Aber warum? Das verstehe ich einfach nicht. Als ob es in der ganzen Camargue nur Dr. Blanc und dich geben würde.“

Amy unterdrückte ein Seufzen. „Du weißt ebenso gut wie ich, dass die anderen Tierärzte viel zu weit weg sind. Was ist, wenn es einen Notfall gibt?“

„Gegen Notfälle sage ich ja gar nichts.“

Amy trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und wandte sich ihrem Onkel zu. „Die Pferde müssen Vertrauen zu einem Menschen fassen. Es ist nicht gut, wenn sie mich erst bei einem Notfall kennenlernen. Als gute Tierärztin bin ich das meinen Patienten einfach schuldig. Das verstehst du doch, oder?“

Ihr Onkel seufzte. „Ich kann dir das ja ohnehin nicht mehr ausreden. Du hast denselben Dickkopf wie dein Vater.“

Bei der Erwähnung ihres Vaters zuckte Amy kurz zusammen. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie viele Verluste sie in ihren jungen Jahren schon hatte erleiden müssen. Traurig lächelte sie ihren Onkel an. „Ich würde sagen, ich habe denselben Dickkopf wie du.“

Er lächelte ebenso traurig zurück. „Oder so.“

2. KAPITEL

Amy musste unwillkürlich lächeln, als sie Nathan bei der Arbeit beobachtete. Sie war eben erst gekommen und stand am Eingang zum Stall, doch er hatte sie noch nicht bemerkt. Gerade war er dabei, Fleurs Trog mit Heu zu füllen.

Zwar waren die Camargue-Pferde ab einem gewissen Alter alle weiß, doch Amy hatte Fleur sofort wiedererkannt, obwohl sie nur ihren Kopf sah. Sie hatte einmal ihrer Cousine Marie gehört.

Jolie bellte, als sie das Pferd bemerkte, und Nathan drehte sich zu Amy um. Er trug schwarze Reitstiefel, dunkle Jeans und ein blau-weiß kariertes Hemd. Überrascht sah er sie an.

„Amy, na sowas. Was machst du denn hier?“

„Du hast nicht mehr angerufen, und da dachte ich, ich schaue mal vorbei. Dr. Blanc ist seit Ende letzter Woche in Rente, habe ich gehört.“

„Du hast jetzt sicher viel zu tun.“

Amy unterdrückte ein Seufzen. „Nathan, ich habe es ernst gemeint. Wenn irgendetwas mit den Pferden ist, dann ruf mich an. Ich bin jetzt deine neue Tierärztin. Es wird Zeit, dass du dich an den Gedanken gewöhnst.“

Er nickte. „Es liegt nicht an dir. Ich dachte nur … wegen Peter …“

„Ich habe mit meinem Onkel gesprochen. Er war zwar nicht begeistert, aber er redet mir da nicht mehr rein. Es ist schließlich allein meine Sache, wessen Tiere ich behandele und wessen nicht. Wobei ich mich grundsätzlich um alle Tiere kümmere, die eine Behandlung benötigen.“ Nun seufzte sie doch. „Hör zu, es tut mir leid, was mein Onkel gesagt hat. Das mit Marie ist schon so lange her.“

„Ist schon gut, du kannst ja nichts dafür. Nett, dass du extra vorbeigekommen bist.“

„Gibt es denn etwas zu tun? Wenn ich schon mal hier bin …“

Nathan sah kurz zu der Stute hinüber, die mit Begeisterung das Heu vertilgte. „Na ja, Fleur ist trächtig. Wenn du vielleicht mal kurz nach ihr sehen könntest? Laut Dr. Blanc verläuft alles bestens, aber ich möchte auf keinen Fall, dass jetzt noch etwas schiefgeht.“

„Fleur ist trächtig?“ Amy musste schlucken. Sie verstand Nathans Sorge, auch wenn sie vermutlich übertrieben war, denn normalerweise brachten Pferde ihren Nachwuchs ohne fremde Hilfe zur Welt.

Aber mit Fleur war das etwas anderes. Es hatte schon einmal Komplikationen gegeben, das wusste Amy zufällig, und dann war da noch die Geschichte mit Marie. Wie das Leben jetzt wohl aussehen würde, wenn Marie nicht verunglückt wäre?

Zögerlich betrat Amy den Stall, ihr Blick fiel auf Jolie, die aufgeregt mit dem Schwanz wedelte. „Soll ich sie draußen irgendwo anbinden?“

Nathan winkte ab. „Nicht nötig, ich nehme sie schon.“ Er streckte die Hand aus.

Amy ging auf Nathan zu und reichte ihm die Hundeleine, dann betrat sie vorsichtig die Pferdebox. Sofort schnupperte Fleur neugierig an ihr.

„Na, meine Große, kennst du mich noch?“

Amy hatte die Stute seit dem Unfall nicht mehr gesehen, und trotzdem war die Verbindung direkt wieder da. Sie tätschelte ihr den Hals, bevor sie sie sanft abtastete. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Nathan sie beobachtete.

„Und? Ist alles in Ordnung?“, fragte er.

Es musste seltsam für ihn sein. Nach allem, was passiert war, konnte sie es ihm nicht verdenken, dass er dieses Mal alles richtig machen wollte.

Aufmunternd lächelte sie ihm zu. „Mach dir keine Sorgen. Es ist alles bestens.“ Sie tätschelte Fleur noch einmal den Hals, dann verließ sie die Box. „Warum hast du nichts gesagt? Es ist ja schon bald so weit.“

„Dr. Blanc hat sie letzten Freitag ausgiebig untersucht, bevor er sich verabschiedet hat. Ich weiß, dass alles okay ist. Es ist nur …“ Er brach ab und senkte kurz den Blick.

„Ja, ich weiß. Ich musste eben auch an Marie denken.“ Sich plötzlich unwohl fühlend, verschränkte sie die Arme vor der Brust. Gerne hätte sie Nathan irgendwie getröstet, aber sie wusste, dass sie nicht die Richtige dafür war. Dafür hatten sie viel zu lange keinen Kontakt mehr gehabt.

Woran ich nicht ganz unschuldig bin, dachte sie mit schlechtem Gewissen. Sie wollte ansetzen, um etwas zu sagen, doch Nathan kam ihr zuvor.

„Jedenfalls danke, dass du hier bist. Es geht ja nicht nur um Peter. Das ist für dich sicher auch nicht leicht.“

„Die Pferde waren Marie immer wichtig. Schon allein deshalb würde ich dich nie im Stich lassen.“ Sie zögerte. Nathan schwieg, und auch sie wusste nicht recht, was sie noch sagen sollte. „Also dann, falls es sonst nichts mehr zu tun gibt …“

„Nein, nein, vielen Dank. Ich hab dich schon lang genug aufgehalten. Du hast doch heute bestimmt noch mehr zu erledigen.“

„Nein, zum Glück habe ich jetzt Feierabend. Mal sehen, vielleicht reite ich mal wieder aus. Dazu hatte ich schon viel zu lange keine Zeit mehr.“

„Dann wünsche ich dir viel Spaß dabei.“

Sie sah in seine blauen Augen. Einen Moment lang war sie versucht, ihn zu fragen, ob er nicht Lust hatte mitzukommen, doch dann ließ sie es bleiben.

„Warte, ich hole noch schnell dein Geld.“

Amy winkte ab. „Du hast mit Dr. Blanc doch sicher auf monatlicher Basis abgerechnet. Meinetwegen können wir das gerne beibehalten.“

Nathan nickte. „Klar, wenn das für dich wirklich okay ist.“ Er reichte ihr die Hundeleine und schob die Hände in die Taschen seiner Jeans.

Sie standen sich gegenüber, es fühlte sich fast etwas unbehaglich an. Amy wünschte sich die alte Vertrautheit wieder, immerhin hatte er sie aufwachsen sehen. Und nun wusste sie nicht, was sie tun oder sagen sollte. Was passiert war, konnte keiner von beiden ungeschehen machen.

„Ich schaue nächste Woche wieder nach Fleur. Sollte vorher etwas sein, kannst du mich ja anrufen.“

„Das mache ich.“

Wieder wurde es still. „Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend“, sagte Amy schließlich.

„Den wünsche ich dir auch. Und … Amy?“ Sie hatte sich schon von ihm abgewandt und drehte sich noch einmal zu ihm um. „Vielen Dank noch mal.“

Sie nickte knapp und verließ mit Jolie den Stall.

Nathan sah ihr einen Augenblick hinterher, bevor er sich seufzend wieder an die Arbeit machte.

Es war schön, dass Amy wieder Teil seines Lebens sein würde, wenn auch auf eine andere Art und Weise als damals. Aber es war auch seltsam. Zu vieles stand zwischen ihnen. Sie konnten nicht einfach da anknüpfen, wo sie vor fünf Jahren aufgehört hatten. Das hatte sich heute gezeigt.

Ob es anders wäre, wenn er vor Maries Tod mehr mit Amy zu tun gehabt hätte? Gleich nach der Schule war sie weggezogen, um Tiermedizin zu studieren, und von da an war sie nur noch selten in der Camargue gewesen.

Wenn er nur wüsste, wie er mit ihr umgehen sollte. Früher war sie einfach nur Amy gewesen, die kleine Cousine – fast Schwester – seiner Freundin und späteren Frau. Jetzt allerdings wusste er nicht mehr, wer oder was sie für ihn war.

Ein Geräusch ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken. „Hast du etwas vergessen?“, fragte er in der Annahme, dass es Amy war.

Doch es war sein Freund Stéphane, den er schon seit Schulzeiten kannte. Stéphane war Gendarm in Saintes-Maries-de-la-Mer. Offensichtlich kam er direkt von der Arbeit, denn er trug noch seine Uniform.

„War das nicht Amy Grayson?“, wollte Stéphane wissen, während er zügig von der Sonne in den schattigen Stall schritt.

Nathan nickte. „Mein alter Tierarzt ist in Rente gegangen, deshalb behandelt Amy ab sofort meine Pferde.“

Stéphane pfiff durch die Zähne. „Das sind ja mal Neuigkeiten. Warum erfahre ich erst jetzt davon?“

Schulterzuckend antwortete Nathan: „Ich hatte gehofft, es würde noch eine andere Lösung geben … Espresso? Ich könnte jetzt einen vertragen.“

„Ich dachte schon, du fragst nie.“

Während die Männer über den Hof zum Hauptgebäude gingen, brachte Nathan seinen Freund auf den neuesten Stand der Dinge. Der schüttelte den Kopf, als sich die beiden Männer wenig später auf die Stufen vor dem Haus setzten, um noch ein wenig die Abendsonne zu genießen.

„Ich verstehe dich nicht.“

Stöhnend winkte Nathan ab. „Lass es gut sein. Ich weiß, was ich tue.“

Stéphane musterte ihn aus seinen grauen Augen. „Das bezweifele ich. Damals habe ich ja noch verstanden, warum du das machst, aber mittlerweile?“

Nathan stürzte seinen Espresso mit einem Schluck hinunter. „Es hat sich doch nichts geändert. Meinetwegen sind fünf Jahre vergangen, aber es fühlt sich an, als ob es erst gestern gewesen wäre.“

Stéphane fuhr sich durch die blonden Haare. „Das ist alles nicht so leicht, ich weiß. Wie läuft’s denn bisher mit Amy?“

„Wenn ich das wüsste.“

Nathan stützte die Ellenbogen auf die Knie und legte den Kopf in die Hände. Eine Weile betrachtete er versonnen das bunte Treiben um ihn herum. Ein weiterer Ferientag auf dem Reiterhof neigte sich dem Ende zu. Reitunterricht und Ausritte waren für heute beendet, aber es herrschte nach wie vor Trubel. Eine Mädchengruppe saß lachend auf der Wiese, während ein junges Pärchen die Pferde absattelte, mit denen es unterwegs gewesen war. Nathan meinte sich zu erinnern, dass die zwei auf Hochzeitsreise waren.

Früher hatte er sich noch selbst um alles gekümmert, auch um die Gäste. Doch mittlerweile war der Reiterhof einfach zu groß geworden. Neben den beiden jungen Reitlehrerinnen Louise und Camille beschäftigte er noch Manon, eine ehemalige Schulfreundin seiner älteren Schwester. Manon war für die Unterkunft der Gäste zuständig und damit vollkommen ausgelastet. Wenn das so weiterging, musste er noch jemanden einstellen.

„Du und Amy habt euch doch immer gut verstanden“, hakte Stéphane weiter nach, als Nathan schwieg.

„Das schon, aber seitdem ist viel passiert.“ Nathan schüttelte den Kopf. „Ich kann kaum glauben, dass es schon zwanzig Jahre her ist, dass sie zu ihrem Onkel Peter kam. Amy war damals echt süß.“

„Ich habe sie gerade zwar nur kurz gesehen, fand sie aber immer noch süß“, warf Stéphane ein.

Nathan zuckte mit den Schultern. „Sie war immer wie eine kleine Schwester für mich. Du weißt doch, ich war schon damals mit Marie zusammen. Wir drei haben uns wahnsinnig gut verstanden und waren ein tolles Team. Doch dann kam Amy in die Pubertät, und von da an war alles anders. Sie hat sich verändert, war teilweise richtig zickig zu mir. Ich weiß bis heute nicht, was auf einmal los war.“ Er seufzte. „Jedenfalls haben Marie und ich geheiratet, und Amy ging weg zum Studieren. Na ja, und als das dann mit Marie passierte, war es mit der Freundschaft ohnehin vorbei. Das weißt du doch alles.“

„Ja, aber wie du sagst: Seitdem ist viel passiert. Amy ist erwachsen geworden.“

„Das stimmt. Sie ist ganz anders als noch vor fünf Jahren. Das Zickige hat sie zum Glück komplett abgelegt. Anscheinend ist sie richtig umgänglich geworden.“

Stéphane grinste. „Du wolltest es schon damals nicht hören, aber ich bin mir sicher, dass Amy nie etwas gegen dich hatte.“

Die abstruse Theorie seines Freundes hatte er über die Jahre ganz vergessen. Nathan verdrehte die Augen. „Hör schon auf, das ist doch Blödsinn.“

„Ist es nicht. Die Kleine war in dich verliebt, aber du warst mit ihrer Cousine zusammen. Amy war so abweisend zu dir, weil es dann erträglicher für sie war.“

Nathan schüttelte den Kopf. „Das glaube ich einfach nicht, das hätte ich doch mitbekommen.“

„Du hattest nur Augen für Marie. Ist ja auch verständlich. Sie war eine bildhübsche Frau.“

Nun senkte Nathan den Blick. Er sah sie regelrecht vor sich: blonde Locken, grüne Augen, die Grübchen in den Wangen.

„Wie dem auch sei“, fuhr Stéphane fort. „Du solltest dich mit Amy aussprechen. Sie ist Maries Cousine. Marie hätte das sicher gewollt.“

Nathan nickte. „Es wäre schön, wenn wir wieder Freunde sein könnten. So wie damals.“

„Du weißt, wie du das Ganze beschleunigen könntest“, setzte Stéphane an.

Doch Nathan winkte sofort ab. „Fang nicht wieder damit an. Ich werde ihr nicht die Wahrheit sagen. Sie scheint gerade über Maries Tod hinweg zu sein. Da will ich keine alten Wunden aufreißen.“

„Und was ist mit Peter?“

Seufzend sammelte Nathan die leeren Espressotassen ein und erhob sich von den warmen Stufen. „Peter hasst mich, daran können auch Worte nichts ändern.“

Amy trieb ihre Stute immer weiter an. Der warme Wind wehte ihr ins Gesicht, und das kühle Wasser spritzte hoch, während sie über den Strand galoppierte.

Unablässig kreisten ihre Gedanken um ihre Cousine. Marie war im vierten Monat schwanger gewesen, als sie den Autounfall gehabt hatte. Zum ersten Mal wurde Amy so richtig bewusst, dass Nathan jetzt Vater eines vierjährigen Kindes wäre. Und sie selbst Tante. Nun war sie nicht mal mehr die Cousine von jemandem.

Sie hatten nicht nur Marie verloren, sondern viel mehr.

Und ausgerechnet jetzt, wo bald das Fohlen von Maries Stute auf die Welt kommen würde, war Nathan wieder in ihr Leben getreten. Amy freute sich wirklich darüber, aber dadurch kam auch alles wieder hoch. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie wischte sie nicht fort, sondern ließ sie zu.

Der rasante Ritt tat ihr gut. Trotzdem drosselte sie jetzt das Tempo, als sie einen bestimmten Platz am Strand erreichte. Gesteinsbrocken und Dünengras wechselten sich an dieser Stelle miteinander ab, und es verirrten sich kaum Touristen hierher.

Wahrscheinlich war dies gerade deshalb Maries Lieblingsplatz gewesen. Früher waren sie und Amy oft hierhergeritten, wenn es Streit mit Peter oder Nathan gegeben hatte. Irgendwann war Marie dann auch mit Nathan hierhergekommen.

Amy sprang aus dem Sattel und führte das Pferd den Rest des Weges. Als sie zwischen zwei Grasbüscheln Nathan im Sand sitzen sah, war sie nicht wirklich überrascht. Auch er schien sich über ihr Auftauchen nicht zu wundern. Sie lächelten sich an. Während sich ihre Stute zu Nathans Pferd gesellte, setzte sie sich neben ihn.

„Oder willst du lieber allein sein?“

„Nein, überhaupt nicht.“ Er musste ihr angesehen haben, dass sie geweint hatte, denn plötzlich sagte er: „Es tut mir leid. Vielleicht hätte ich dir das mit Fleur schonender beibringen sollen.“

„Schon okay. Ich freue mich doch. Es ist nur …“

„Ja, ich weiß.“

Amy tat es Nathan nach, zog ihre Schuhe aus und vergrub ihre Zehen im weichen Sand. Und dann schwiegen sie eine ganze Weile und betrachteten die Sonne, die von Minute zu Minute tiefer sank. Die Stille um sie herum wurde lediglich hin und wieder vom Schrei einer vorbeifliegenden Möwe unterbrochen. Schließlich färbte sich der Himmel vor ihnen in ein lilafarbenes Blau.

Endlich ist es so, wie es immer hätte sein sollen, dachte Amy. Sie konnten gemeinsam um Marie trauern, und es fühlte sich richtig an. So, als ob das der letzte Schritt war, um endlich loslassen zu können.

Sie wusste, dass sie das schon viel eher hätte haben können. Stattdessen hatte sie Nathan weggestoßen, als er sie wirklich gebraucht hatte. In den letzten Tagen kamen ihr immer wieder die Worte in den Sinn, die sie ihm nach der Beerdigung entgegengeschleudert hatte. Und sein Gesicht, wie er sie angesehen hatte.

Maries Sarg war eben erst in die Erde niedergelassen worden. Es regnete, was im Sommer in der Camargue nur sehr selten der Fall war. Die Trauergemeinde mit den schwarzen Regenschirmen löste sich allmählich auf. Nathan hatte sich die ganze Zeit über abseits gehalten, doch nun kam er auf Amy und Peter zu, die versuchten, sich gegenseitig Halt zu geben.

Amy gab ihm überhaupt nicht die Chance, etwas zu sagen. „Ich hasse dich!“, schrie sie ihn sofort an, das Gesicht tränenüberströmt. „Du bist schuld, dass Marie nicht mehr lebt. Sie war nicht einmal dreißig, hatte noch das ganze Leben vor sich. Verdammt, sie hat ein Kind erwartet, Nathan. Dein Kind! Und jetzt sind sie beide tot. Ich wünschte, du wärst nie in ihr Leben getreten. Dann würde sie jetzt noch leben und alles wäre gut.“

Ihr Onkel Peter hatte sie schließlich weggezogen und nach Hause gebracht. Er selbst hatte Nathan mit Nichtachtung gestraft.

Heute schämte Amy sich für das, was sie zu Nathan gesagt hatte, aber damals hatte es sich wenigstens kurzfristig gut angefühlt, jemandem die Schuld an Maries Tod geben zu können.

Sie atmete tief durch, bevor sie Nathan von der Seite ansah. Die Luft war frisch und salzig. In der Abenddämmerung wirkte sein Profil noch kantiger und männlicher.

„Es tut mir leid, Nathan. Was ich damals auf der Beerdigung zu dir gesagt habe. Das hätte ich nicht tun dürfen.“

Es dauerte einen Moment, bis er ihr sein Gesicht zuwandte. In seinen Augen spiegelte sich Überraschung wider. „Ich konnte dich gut verstehen, der Verlust hat dich hart getroffen. Gerne hätte ich auch jemanden angeschrien.“

Tränen traten in Amys Augen. „Nein, das war nicht richtig von mir. Und es stimmt auch nicht. Du hattest keine Schuld an Maries Tod. Es war ein Unfall, ein tragischer Autounfall.“

„Es ist nett, dass du das sagst, aber …“

„Nein“, unterbrach sie ihn. Sie setzte sich so, dass sie ihn direkt ansehen konnte und griff nach seiner Hand. Nathan verstummte sofort. „Ich weiß, dass dir alle die Schuld an Maries Tod geben, auch du selbst, aber das ist nicht wahr. Du bist vielleicht gefahren, aber trotzdem war es ein Unfall. Du hättest nichts tun können.“

Sie sah, wie er schluckte. „Doch, das hätte ich.“

„Nathan, hör auf damit. Von deinen Selbstvorwürfen wird Marie auch nicht wieder lebendig. Sie hätte das nicht gewollt, das weißt du auch. Und es tut mir wirklich, wirklich leid. Ich habe dich weggestoßen, dabei hätte ich für dich da sein müssen. Es war nicht nur für mich hart oder für Peter. Du hast deine Frau verloren, dein Kind …“ Sie schluchzte, als ihr nach all den Jahren bewusst wurde, wie es damals in Nathan ausgesehen haben musste. „Wie konnte ich nur so gemein zu dir sein?! Es tut mir so leid.“

„Ist ja gut“, hörte sie ihn sagen.

Und dann fand sie sich in seinen Armen wieder. Beruhigend strich er ihr übers Haar. Sie musste daran denken, wie er sie schon einmal so gehalten und getröstet hatte, vor vielen Jahren. Damals hatte sie um ihre Eltern geweint, die sie ebenfalls bei einem Autounfall verloren hatte. Ein Lastwagenfahrer hatte das Auto erfasst, sie waren beide sofort tot gewesen. Amy war noch nicht lange bei ihrem Onkel in Obhut gewesen und hatte sich fremd und allein gefühlt, obwohl man sie mit offenen Armen empfangen hatte. Sie und Nathan hatten sofort einen Draht zueinander gehabt, dabei war er sechs Jahre älter als sie.

„Ich war so dumm“, sagte sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Das warst du nicht. Wenn man trauert, handelt man nicht immer rational. Deshalb habe ich auch immer versucht, dir deine Worte von damals nicht übel zu nehmen. Trotzdem“, fuhr er lächelnd fort, bevor sie ihn unterbrechen konnte, „tut es gut zu hören, dass es dir leidtut.“

Sie schniefte, musste aber ebenfalls lächeln. „Ich wünschte, wir hätten dieses Gespräch schon vor ein paar Jahren geführt.“

„Ja“, sagte er, „das wäre schön gewesen. Du hast mir gefehlt.“

„Ich habe dich auch vermisst, Nathan. Aber jetzt bin ich für dich da, komme, was wolle.“

„Was ist mit Peter?“, fragte Nathan vorsichtig. Er streckte die Arme hinter sich und stützte sich auf seinen Händen im Sand ab, während er zum Horizont blickte. In der einsetzenden Dunkelheit war kaum zu erkennen, wo das Meer aufhörte und wo der Himmel anfing. „Ich glaube kaum, dass er mir ebenfalls verzeihen wird. Zumindest bei unserem letzten Treffen hatte es nicht den Anschein, als ob er das jemals könnte.“

Amy seufzte. „Das ist wohl wahr, aber ich werde noch einmal mit ihm reden. Immerhin bist du nach wie vor sein Schwiegersohn. Ihr habt euch immer gemocht, oder nicht? Es muss doch möglich sein, miteinander zu trauern.“

Nathan zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, Amy. Er hasst mich.“

Das stimmte. Peter von Nathans Unschuld zu überzeugen, würde gewiss nicht leicht werden. „Eins nach dem anderen“, sagte sie, weil sie sich jetzt ohnehin nicht um Peter kümmern konnte. „Konzentrieren wir uns erst einmal auf dich.“

Nathan sah sie an, die Augenbrauen hochgezogen. „Was meinst du damit?“

„Seit Maries Tod verkriechst du dich“, sagte sie. „Es wird Zeit, dass du das Leben wieder genießt.“

Traurig wandte er sich erneut dem Horizont zu. „Wie könnte ich das? Marie ist tot, und ich lebe. Das ist so ungerecht.“

„Ich kann dich gut verstehen, und du hast recht: Es ist mit Sicherheit ungerecht. Aber so ist das Leben eben. Manchmal versteht man nicht alles, und die Ereignisse ergeben erst viel später einen Sinn. Wenn überhaupt.“

Nathan setzte sich auf und klopfte sich den Sand von den Händen. „Ich bewundere deine Einstellung, Amy, aber ich kann das nicht. Ich sehe keinen Sinn in Maries Tod. Und das werde ich auch nie.“

„Ich auch nicht.“ Sie nahm seine Hand und drückte sie. „Das wollte ich damit auch nicht sagen. Trotzdem wird es Zeit, dass du wieder zu leben anfängst. Denn du bist bei dem Unfall nicht gestorben, und das hat einen Grund. Auch wenn du den vielleicht nicht verstehen kannst.“

„Amy …“

„Nein, Nathan. Du bist mein Freund, und auch wenn ich dir das in den vergangenen Jahren nicht gezeigt habe, werde ich nicht zulassen, dass du dein Leben wegwirfst. Marie hätte das nicht gewollt, und das weißt du genauso gut wie ich. Sie hätte gewollt, dass du glücklich bist.“

Er schluckte hart. „Das ist gar nicht so einfach.“

„Ich weiß, aber gemeinsam schaffen wir das.“

Zögerlich nickte er, und in ihrer Brust flatterte ihr Herz aufgeregt wie ein gefangener Vogel.

3. KAPITEL

Ihr Onkel saß wie üblich auf der Terrasse, als Amy nach Hause kam. In regelmäßigen Abständen blies er hellen Rauch in die Luft, den man in der Dunkelheit nur erahnen konnte. Der Geruch erinnerte sie immer an die ersten Tage, die sie hier bei Peter und Marie verbracht hatte. Sie mochte den Tabakgeruch, obwohl sie das Rauchen an sich verabscheute. Aber die Pfeife gehörte nun mal zu ihrem Onkel wie die weißen Pferde oder die Flamingos zur Camargue.

Jolie bellte ihr Frauchen an und sprang um ihre Beine herum. Amy hob sie hoch. Kurz überlegte sie, ob sie Licht anmachen sollte, doch dann entschied sie sich dagegen. Mit dem Welpen auf dem Arm setzte sie sich neben ihren Onkel.

„Wo warst du so lange?“, fragte er, ohne sie anzusehen.

„Ich bin ausgeritten“, antwortete sie ehrlich. Sie zögerte, doch dann fügte sie hinzu: „Ich war an Maries Lieblingsplatz am Strand. Dort habe ich zufällig Nathan getroffen.“

Peters Gesichtsausdruck verhärtete sich, das konnte sie trotz der Dunkelheit erkennen. Doch er sagte kein Wort.

Amy seufzte leise. Sie wusste von vornherein, dass es keinen Zweck haben würde, aber trotzdem wollte sie nichts unversucht lassen. „Er trauert, Onkel Peter. Der Verlust von Marie und seinem Kind hat ihn ebenso hart getroffen wie uns. Aber wir hatten wenigstens einander, er war ganz allein mit seinem Schmerz.“

„Dann hätte er besser aufpassen sollen.“

„Onkel Peter, bitte. Ich weiß, dass ich Nathan auch lange Zeit die Schuld an Maries Tod gegeben habe, weil es einfacher war. Aber ich habe eingesehen, dass er nichts dafür konnte. Es war ein Autounfall. Und solche Unfälle passieren eben, so traurig das auch ist.“

Peter verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich will nicht darüber reden.“

„Kannst du ihm denn wirklich nicht verzeihen?“, fragte Amy traurig. „Er straft sich schon genug mit seinen Selbstvorwürfen.“

„Die hat er auch verdient“, polterte Peter los. Er atmete schwer.

Amy zuckte zusammen, doch sie war noch nicht bereit aufzugeben. Eine Karte hatte sie noch, und die würde sie ausspielen. „Du weißt, dass Marie das nicht gewollt hätte. Sie hat Nathan über alles geliebt. Die beiden waren fünfzehn Jahre lang zusammen, vier Jahre davon verheiratet. Er ist dein Schwiegersohn, Onkel Peter. Marie hätte gewollt, dass ihr gemeinsam um sie trauert und euch an sie erinnert.“

Peter atmete tief durch und drehte sich zu seiner Nichte. Etwas ruhiger als zuvor sagte er: „Hör zu, Amy, ich kann dir keine Vorschriften machen. Wenn du dich um seine Pferde kümmerst, weil du das als deine Pflicht als Tierärztin ansiehst, dann ist das eine Sache. Aber mehr kannst du nicht von mir erwarten. Ich bin nicht bereit, ihm zu verzeihen, und ich kann nicht verstehen, dass du es offensichtlich getan hast.

Er saß am Steuer, als der Wagen verunglückte. Du weißt sicher noch, wie uns der Anruf mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt hat. Die Fahrt zum Krankenhaus, die ewig gedauert hat, die Ungewissheit, dann die schreckliche Nachricht vor Ort. Er, der kaum eine Schramme davongetragen hat, während meine Tochter auf der Fahrt im Krankenwagen an inneren Blutungen gestorben ist. Ebenso wie ihr Kind. Du warst genauso verzweifelt wie ich. Wie kannst du das vergessen haben?“

Amy schluckte, den Tränen nahe. Sie verstand, warum ihr Onkel Nathan nicht verzeihen konnte. Ihr selbst fiel es nach wie vor schwer, auch wenn sie mittlerweile einsah, dass es ein Unfall gewesen war und so etwas eben passieren konnte.

Aber wenn ihr Onkel das ebenfalls akzeptieren würde, dann müsste er auch damit leben, dass man ihm seine Tochter einfach so genommen hatte, aus einer Laune des Schicksals heraus. Und daran würde er verzweifeln. Er hatte schon vor vielen Jahren seine Frau Carla an eine schlimme Krankheit verloren. Über diesen Verlust war Peter nie hinweggekommen. Kurz darauf war sein Bruder gestorben, Amys Vater, und als dann auch noch seine Tochter verunglückte … Es war leichter zu ertragen, wenn man jemandem die Schuld an so einem tragischen Schicksalsschlag geben konnte.

„Das habe ich nicht vergessen“, sagte sie leise, „und sie fehlt mir ebenso wie dir.“ Sie stand auf und gab ihrem Onkel einen Kuss auf die Wange. „Ich drehe noch eine Runde mit Jolie, dann gehe ich schlafen. Bleib nicht mehr zu lange hier draußen. Es wird feucht, das ist nicht gut für dein Rheuma.“

Peter nickte nur.

Merci, dass Sie sich so gut um unsere Tochter gekümmert haben“, sagte der junge Familienvater zu Nathan. „Sie hat sich hier wirklich wohlgefühlt, obwohl sie sonst immer unter Heimweh leidet.“

Liebevoll sah er zu dem Mädchen hinüber, das seiner Mutter gerade die Pferde auf der angrenzenden Weide zeigte. Nathan folgte seinem Blick. Zum Glück hielten sich einige der Pferde in der Nähe des Zauns auf. Die älteren Tiere waren handzahm und an den Umgang mit Menschen gewöhnt. Nur die Jungtiere zogen sich weit bis in die Sumpflandschaft zurück. Erst ab einem Alter von etwa drei Jahren trieb Nathan sie zusammen, um sie zu zähmen und auf den Reitunterricht vorzubereiten.

Das Mädchen und seine Mutter lachten zusammen, und Nathan schluckte schwer. In den vergangenen Tagen hatte er oft daran denken müssen, was er mit Maries Tod verloren hatte. Er hatte sich immer eine eigene kleine Familie gewünscht, und für ganz kurze Zeit hatte er sie auch gehabt.

Sollte er jetzt für immer darauf verzichten? Er konnte sich diesen Traum nicht mehr mit Marie erfüllen, aber hieß das im Umkehrschluss auch, dass er sich ihn niemals mehr würde erfüllen können? Bisher hatte er das geglaubt und auch akzeptiert, aber Amys Worte hatten etwas in ihm bewirkt. Er hatte sich wirklich verkrochen, seit Marie nicht mehr da war, und er wusste auch, dass sie das nicht gewollt hätte. Trotzdem war er sich nicht sicher, ob er ohne sie weitermachen konnte.

Nathan bemerkte, dass der junge Mann ihn abwartend ansah. Er räusperte sich. „Chloé ist ein sehr aufgewecktes Mädchen. Sie hat sich hier sofort eingelebt und Anschluss gefunden.“

Der Mann lachte. „Oh ja, sie hat gar nicht mehr aufgehört, von ihren neuen Freundinnen zu erzählen. Ich bin sicher, dass Chloé die nächsten Ferien wieder hier verbringen will.“

„Sie ist jederzeit willkommen“, sagte Nathan herzlich. Er konnte gut mit jungen Mädchen umgehen, das hatte sich schon damals bei Amy gezeigt.

„Also dann, vielen Dank noch mal.“ Der Mann schüttelte ihm die Hand, dann wandte er sich der Weide zu, um nach seiner Tochter zu rufen. „Chloé, kommt ihr? Wir müssen los.“

„Noch fünf Minuten“, rief Chloé zurück. „Bitte, Papa, du hast die Pferde noch gar nicht richtig gesehen.“

Seufzend, aber lächelnd machte sich der Familienvater auf den Weg zu seiner Tochter, deren Wangen vor Aufregung glühten. Nathan überlegte gerade, ob er hier warten oder in den Stall gehen sollte, als ein schwarzer Jeep langsam auf den Hof fuhr. Amy. Sofort hellte sich seine Miene auf.

Amy parkte den Wagen, dann stieg sie mit Jolies Leine in der einen und einem Arztkoffer in der anderen Hand aus. Sie trug eine Jeans, ein königsblaues Top und eine schwarze Sonnenbrille, die sie sich in die offenen Haare schob, als sie Nathan erreichte.

„Salut“, begrüßte sie ihn strahlend.

„Amy. Schön, dich zu sehen.“ Er verspürte den Wunsch, sie zur Begrüßung in den Arm zu nehmen, doch er tat es nicht. Stattdessen bückte er sich, um Jolie zu streicheln. Das beigefarbene Labrador-Weibchen schleckte ihm die Hand ab, und er musste lachen. Von ihrer Art her passte Jolie perfekt zu Amy. „Was machst du hier? Waren wir verabredet?“

„Nicht direkt. Aber ich hatte doch versprochen, diese Woche wieder vorbeizukommen, um nach Fleur zu schauen. Und ich dachte, danach könnten wir etwas zusammen unternehmen. Es ist so ein herrlicher Tag.“

„Musst du denn nicht arbeiten?“, fragte er überrascht.

„Ich hab heute Morgen extra früher angefangen“, erklärte sie lächelnd.

Nathan richtete sich wieder auf und sah Amy an. Sie war extra früher aufgestanden, um mit ihm den Nachmittag verbringen zu können? Er konnte es kaum glauben.

„Mein Papa hat gesagt, ich soll mich noch mal bedanken“, riss Chloé ihn aus seinen Gedanken. Die blonden Zöpfe wippten auf und ab, als sie auf ihn zugelaufen kam. Ohne Vorwarnung stürzte sie sich in seine Arme.

„Hoppla.“ Im ersten Moment war Nathan überrascht, doch dann drückte er das Mädchen fest an sich. „Ich hoffe, es hat dir hier gefallen und du kommst mich mal wieder besuchen.“

„Auf jeden Fall. Es war so toll bei dir. Am liebsten würde ich den Rest der Ferien hierbleiben, aber ich muss meine Oma noch besuchen. Sie hat extra Kirschkuchen für mich gebacken.“

„Na, dann lass es dir schmecken“, meinte Nathan grinsend.

Chloé nickte. „Au revoir. Dann rannte sie zu ihren Eltern, die bereits im Auto auf sie warteten. Während der Wagen vom Hof rollte, winkte das Mädchen die ganze Zeit über aus dem heruntergelassenen Fenster. Der Vater hupte noch einmal, bevor er auf die Hauptstraße abbog.

Nathan wandte sich Amy zu, die ihn beobachtet hatte. Sie lächelte verschmitzt.

„Was?“, fragte er, ebenfalls lächelnd.

„Nichts. Ich dachte nur, wenn ich noch mal jung wäre, würde ich die Ferien auch gerne auf deinem Reiterhof verbringen.“

„Du bist jung“, sagte er, „jung und …“ Sexy. Er wusste nicht, woher der Gedanke auf einmal kam, doch er irritierte ihn. Vor allem, weil es die Wahrheit war. Amy war schon immer süß und auch weiblich gewesen, aber in den vergangenen Jahren war sie richtig hübsch geworden.

„Und was?“ Fragend sah sie ihn an.

„Ach nichts. Auf jeden Fall bist du jederzeit herzlich willkommen, falls du deinen Urlaub mal hier verbringen willst.“

„Hast du eigentlich nur junge Mädchen als Gäste?“, fragte sie interessiert, als sie über den Hof zum Stall schlenderten.

„Nicht nur. In den Sommerferien kommen hauptsächlich junge Mädchen her, aber ansonsten sind es meistens Familien und manchmal sogar Verliebte. Ich hatte gerade erst ein Pärchen, das seine Hochzeitsreise hier verbracht hat.“

„Wirklich?“ Amy warf ihm einen Seitenblick zu. „Das ist irgendwie romantisch.“

„Ja, das ist es“, gab Nathan zu. Er musste daran denken, dass er und Marie die Flitterwochen quasi auch hier verbracht hatten. Damals hatte er sich gerade erst mit dem Reiterhof selbstständig gemacht und kein Geld für eine große Reise gehabt. Marie hatte das überhaupt nichts ausgemacht. Sie hatte es romantisch gefunden, tagsüber an den Strand oder in die Sumpflandschaft auszureiten und die Abende vor dem Kamin ausklingen zu lassen. Nathan war sich sicher, dass Amy da genauso unkompliziert wäre wie ihre Cousine.

„Warum bist du eigentlich nicht verheiratet?“, fragte er, bevor er sich selbst daran hindern konnte.

Überrascht sah Amy ihn an. „Warum ich noch nicht verheiratet bin? Keine Ahnung. Wie kommst du jetzt darauf?“

Etwas verlegen fuhr er sich durch die dunkelbraunen Haare. „Ich weiß auch nicht. Ich dachte nur gerade, dass du eine tolle Frau bist. Theoretisch müsstest du doch jede Menge Verehrer haben.“

Jetzt, wo er darüber nachdachte, war es schon seltsam. Er konnte sich nicht erinnern, dass Amy bisher schon viele ernsthafte Beziehungen gehabt hätte. Und dabei war sie wirklich hübsch. Hübsch, intelligent, witzig und vor allem immer gut drauf. Es war nahezu unmöglich, sie nicht auf Anhieb zu mögen.

Und sie war sexy. Er wusste nicht, warum er das schon wieder dachte, aber es war so.

Auf Amys Wangen zeichnete sich eine leichte Röte ab, so als wüsste sie, was er gerade gedacht hatte. Sie sah zu Boden. „Tja, es hat sich einfach noch nicht ergeben. War wohl noch nicht der Richtige dabei.“

Nathan zuckte mit den Schultern. „Der kommt bestimmt bald.“

„Vermutlich.“

Vor Fleurs Box blieben sie stehen. Amy sah Nathan kurz an, bevor sie ihm Jolies Leine reichte und das Tor zur Box der Stute öffnete. „Also, wie sieht’s aus? Musst du heute noch arbeiten, oder hast du Lust, den restlichen Tag mit mir zu verbringen?“

„Ich habe Zeit“, sagte er. Und zum ersten Mal seit Langem freute er sich auf einen Tag abseits der Arbeit.

Amy verdrängte das schlechte Gewissen, als sie gemeinsam mit Nathan über seine Weide ritt, die sich unendlich weit dahinzuziehen schien. Ihr Onkel wäre bestimmt nicht begeistert, wenn er wüsste, dass sie nun auch noch ihre Freizeit mit Nathan verbrachte. Aber sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart. Fast ein wenig zu wohl.

In der Ferne erkannte sie bereits Nathans Jungpferde, die noch kastanienbraun waren. Übermütig spielten sie am Ufer eines der vielen Seen, die die Camargue durchzogen. Skeptisch blickten sie auf, als Amy und Nathan vorbeiritten, doch sie blieben ruhig.

Nathans Worte kamen Amy wieder in den Sinn: Ich dachte nur gerade, dass du eine tolle Frau bist. Vielleicht war diese Aussage unangebracht gewesen, aber sie freute sich trotzdem darüber. Und er hatte sich mit Sicherheit nichts dabei gedacht. Das hatte er nie.

Theoretisch müsstest du doch jede Menge Verehrer haben. Zum Glück hatte Nathan nicht weiter gebohrt, denn dann wäre er womöglich noch auf die Wahrheit gestoßen. Natürlich hatte es den einen oder anderen Mann in Amys Leben gegeben und auch jede Menge Verehrer, aber sie hatten ihm nie das Wasser reichen können: Nathan.

Seit Amy mit acht Jahren nach dem tragischen Tod ihrer Eltern zu Onkel Peter gekommen war, war sie in Nathan verliebt gewesen. Zu Beginn war es nur eine Schwärmerei, doch je älter sie wurde, desto tiefer empfand sie für ihn. Und je tiefer sie für ihn empfand, desto unmöglicher verhielt sie sich ihm gegenüber. Sie hatte vermeiden wollen, dass er hinter die Wahrheit kam, und die durfte er auch jetzt niemals erfahren.

Heute schämte Amy sich fast für ihre damaligen Gefühle, obwohl sie sie noch immer nachvollziehen konnte. Nathan war eben ein toller Mann. Aber er war über ein Jahrzehnt lang mit ihrer Cousine glücklich gewesen. Und sie wusste, dass er und Marie auch heute noch glücklich zusammen wären. Der Gedanke freute sie, versetzte ihr jedoch auf merkwürdige Weise auch einen Stich.

„Ist alles in Ordnung?“ Nathan war vorweggeritten, doch nun war er plötzlich direkt neben ihr. „Du bist so still.“

Sie zuckte unwillkürlich zusammen. „Ich bewundere nur die Landschaft. Es ist so wunderschön hier in der Camargue.“

Mittlerweile hatten sie Nathans Weidelandschaft hinter sich gelassen. Sie ritten über Feldwege und Trampelpfade Richtung Étang de Vaccarès, dem größten der zahlreichen Seen. Dabei kamen sie durch den regionalen Naturpark. Rötlich schimmernde Salzgärten, in denen das berühmte Fleur de Sel gewonnen wurde, gingen in Graslandschaft, Dünen, Seen und Tümpel über.

Wegen des hohen Salzgehalts, der hier überall herrschte, gediehen an diesem Fleckchen Erde nur ganz bestimmte Pflanzen. Hier wuchsen keine Rosen oder Lilien. Stattdessen wechselten sich rosa- und purpurfarbene Tamarisken mit violettem Strandflieder, Salzkraut und gelber Iris ab.

Amy liebte diese Landschaft. Das war ihre Heimat, auch wenn sie die ersten acht Jahre ihres Lebens in London verbracht hatte. Ihre Eltern waren waschechte Engländer gewesen. Ihr Vater hatte nie verstanden, dass sein Bruder eine Französin geheiratet und das Heimatland verlassen hatte. Amy jedoch konnte Peter nur zu gut verstehen.

„Es ist wirklich schön hier“, stimmte Nathan ihr zu. „Ich war schon viel zu lange nicht mehr rund um die Seen unterwegs.“

Amy nickte mitfühlend. Sie wusste, dass er früher oft mit Marie Ausritte zu den Étangs gemacht hatte. „Es wird Zeit, dass du dein Schneckenhaus verlässt“, sagte sie entschieden.

Nathan seufzte. „Du hast ja recht, das weiß ich auch. Es ist nur nicht so leicht. Alles hier erinnert mich an Marie.“

„Dann musst du eben neue Erinnerungen schaffen“, sagte sie. Flüchtig formte sich in ihr der Gedanke, dass sie vielleicht Teil dieser neuen Erinnerungen sein würde.

„Das stimmt. Zum Glück habe ich ja dich.“ Er lächelte warm, und sie lächelte zurück.

„Ich bin da. Das habe ich versprochen, und das werde ich auch halten.“ Sie verdrängte den Gedanken an ihren Onkel.

„Merci.“ Er streckte seine Hand nach ihrer aus und drückte sie ganz kurz, als sie ihm ihre reichte. Für ihren Geschmack viel zu schnell ließ er sie wieder los. „Ich bin so froh, dass du wieder ein Teil meines Lebens bist. Es war einsam die letzten fünf Jahre. Ich habe es mir so ausgesucht, und es war auch okay, so wie es war. Aber es ist trotzdem schön, wieder jemanden zu haben, mit dem man reden kann.“

„Hast du je daran gedacht, hier wegzuziehen?“, fragte Amy interessiert.

„Hier wegziehen?“ Nathan sah sich einen Moment schweigend um, und Amy tat es ihm gleich. Sie ritten gerade an einer Herde der für die Gegend typischen schwarzen Stiere vorbei, die auf einer Weide graste. „Nein, niemals“, fuhr Nathan fort. „Mein Vater war zwar Engländer, aber trotzdem überwiegt das französische Blut meiner Mutter. Wenn ich wie meine ältere Schwester Valerie in England geboren wäre, wäre das möglicherweise anders, aber ich fühle mich mehr als Franzose, als Camarguer. Hier ist meine Heimat.“ Er sah sie an.

Amy musste lächeln. „Ich habe gerade erst dasselbe gedacht. Ich bin zwar gebürtige Engländerin, aber tief in meinem Herzen bin ich eigentlich Camarguerin. Als ich meine Ausbildung zur Veterinärmedizinerin in der Nähe von Paris gemacht habe, habe ich die Camargue ganz schön vermisst.“ Ebenso wie die Menschen hier, dachte sie. „Deshalb war für mich auch immer klar, dass ich zurückkommen würde.“

„So würde es mir auch gehen“, meinte Nathan. „Außerdem hatte ich den Reiterhof damals noch nicht lange. Deshalb war es keine Option, die Gegend zu verlassen. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch nicht den Wunsch, Marie zu vergessen und woanders ohne sie neu anzufangen.“

„Das verstehe ich“, sagte Amy leise. „So einfach, wie es klingt, ist es auch nicht. Nach dem Unfall war ich ja noch lange Zeit bei Paris, um mein Studium zu beenden. Dort hat mich so gut wie nichts an Marie erinnert, und trotzdem kam ich nicht schneller über den Verlust hinweg.“

„Wie soll man das auch machen?“, sagte Nathan nachdenklich. Doch dann fügte er entschlossen hinzu: „Aber du hast recht. Nach fünf Jahren ist es vermutlich an der Zeit, loszulassen und weiterzumachen.“ Er holte tief Luft. „Lass uns von etwas anderem reden.“

Amy war überrascht, doch sie nickte. „Dein Reiterhof scheint hervorragend zu laufen. Ich freue mich wirklich für dich.“

Nathan schenkte ihr ein Lächeln. Während er ihr ein wenig von seiner Arbeit erzählte, strahlten seine Augen noch blauer als sonst. Amy war froh, dass er in den vergangenen Jahren immerhin seinen Hof gehabt hatte. Dieser hatte ihn aufrechtgehalten, als sie sich einfach von ihm zurückgezogen hatte. Ohne seine Arbeit dort wäre er vielleicht an dem Verlust seiner Frau und seines Kindes zerbrochen.

Schon bald erreichten sie den Étang de Vaccarès. Amy und Nathan verlangsamten ihr Tempo, um die zahlreichen Wasservögel, die es hier gab, nicht aufzuschrecken. Der See war etwa sechstausendfünfhundert Hektar groß und maximal zwei Meter tief. Die durchschnittliche Tiefe betrug jedoch nur fünfzig Zentimeter. So sah man mitten im See immer wieder weiße Camargue-Pferde und rosafarbene Flamingos, die einträchtig nebeneinander lebten.

Nachdem Amy und Nathan noch eine Weile am Ufer entlanggeritten waren, stiegen sie ab und setzten sich am Ufer in den Sand. Aus sicherer Entfernung beobachteten sie die Tiere. Amy spürte eine tiefe Zufriedenheit in sich. Hier mitten in der friedlichen Natur hatte sie das Gefühl, dass schon alles irgendwie gut werden würde.

Immer wieder warf sie Nathan kleine Seitenblicke zu. Er sah so gut aus, dass ihr Herz bei seinem Anblick ein ganz kleines bisschen schneller klopfte. Aber das bedeutet nichts, sagte sie sich. Jede halbwegs normale Frau würde auf diesen Mann reagieren. Ihre Augen wanderten von seinem Kinn zu seinem perfekt geschwungenen Mund, der sich zu einem Lächeln verzog, als er ihren Blick auffing. Sie zwang sich, nicht sofort ertappt wegzusehen.

„Danke, dass du mich zu diesem Ausritt überredet hast“, sagte er.

Amy nickte. Sie zögerte, doch dann sprach sie ihren Gedanken laut aus, ohne sich daran hindern zu können. „Glaubst du, du wirst dich eines Tages wieder verlieben?“ Seine Miene wurde ernst, und nun sah sie doch weg. „Sei ehrlich. Ich würde das nicht als Verrat an meiner Cousine ansehen, ganz im Gegenteil. Es würde mich für dich freuen.“

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er mit den Schultern zuckte. „Ich weiß es nicht, ganz ehrlich.“

„Würdest du es denn wollen?“, hakte sie weiter nach.

„Auch das kann ich dir nicht beantworten.“ Eine Weile starrte er hinaus auf den See, dann fragte er plötzlich: „Was ist mit dir? Ich glaube, ich habe dich noch nie mit einem Freund zusammen gesehen. Warst du schon mal so richtig verliebt?“

Sie spürte seinen Blick, sah ihn aber nicht an, aus Angst, sich zu verraten. „Ja, einmal, aber daraus ist leider nichts geworden. Ist schon eine Weile her.“ Bevor er weiterfragen konnte, beschloss sie, schnell das Thema zu wechseln. „Sag mal, du gehst doch sicher in der nächsten Woche auf die Feria, oder?“

Jedes Jahr Mitte Juni fand in Saintes-Maries-de-la-Mer ein Fest statt, bei dem das Camargue-Pferd im Mittelpunkt stand. Es gab Reitkunstvorführungen und eine Messe, Stiere und Pferde wurden durch die Straßen getrieben, und natürlich ließ man das Ganze bei Flamencomusik und kulinarischen Köstlichkeiten ausklingen. Es war eines der vielen Feste, die von Pfingsten bis November in Saintes-Maries-de-la-Mer gefeiert wurden.

„Ich hab’s tatsächlich vor“, sagte Nathan. „Man hat mich gefragt, ob ich als Gardian teilnehme. Das ist das erste Mal seit fünf Jahren. In den letzten Jahren war ich nicht einmal als Besucher auf den Ferias.“

„Ich war auch schon eine Weile nicht mehr dabei“, erwiderte Amy.

„Wollen wir zusammen hingehen, wie in alten Zeiten?“, fragte Nathan.

„Gerne“, antwortete sie, ohne zu überlegen. Wie in alten Zeiten würde es nicht sein ohne Marie, und Amy würde sich bemühen müssen, Onkel Peter von Nathan fernzuhalten. Trotzdem freute sie sich darauf.

Nathan sah sie nachdenklich an. „Oder ist das ein Problem wegen Peter?“

Amy seufzte. „Das wird schon gehen. So wie ich ihn kenne, schaut er sich bloß die Roussataïo an. Er hat sich noch nie entgehen lassen, wie über einhundert ungesattelte Pferde von den Gardians durch die Straßen getrieben werden. Aber für gewöhnlich geht er nach Hause, bevor es feuchtfröhlich wird.“

„Du hast dich wegen mir mit Peter gestritten, oder?“, fragte Nathan.

Wieder entfuhr Amy ein tiefer Seufzer. „Du kennst ihn doch, er ist eben stur. Es ist nicht leicht mit ihm, aber ich versuche einfach, das Ganze nicht zu persönlich zu nehmen. Er hat nichts gegen dich als Mensch. Er braucht bloß einen Sündenbock, um besser mit dem Verlust zurechtzukommen.“

Nathan nickte. „Das verstehe ich.“ Er schwieg einen kurzen Augenblick. „Ich verbringe gerne Zeit mit dir, Amy. Um ehrlich zu sein, war mir bis vor Kurzem gar nicht klar, wie sehr ich das vermisst habe. Aber ich will auf keinen Fall zwischen dir und Peter stehen. Ich will nicht, dass …“

„Ich habe alles im Griff“, unterbrach Amy ihn lächelnd, obwohl sie instinktiv spürte, dass es noch Ärger geben würde. „Wie gesagt, ich habe dir ein Versprechen gegeben. Und ich bin auch gern mit dir zusammen. Das werde ich mir nicht nehmen lassen. Außerdem wird Peter schon irgendwann einsehen, dass dich keine Schuld an dem Autounfall trifft.“

Nathan nickte erneut, doch überzeugt sah er nicht aus. Und auch Amy konnte nach ihrem letzten Gespräch mit ihrem Onkel nicht so recht daran glauben, sosehr sie es sich auch wünschte.

4. KAPITEL

Als Amy und Nathan nach ihrem Ausritt den Reiterhof erreichten, dämmerte es bereits. Sie versorgten die Pferde, dann blieben sie noch eine Weile vor der Weide stehen und betrachteten den aufgehenden Mond. Friedliche Stille hatte sich über den Hof gelegt, die Feriengäste hatten es sich in ihren Zimmern gemütlich gemacht. Nur Jolies leises Bellen war in der Ferne zu hören. Sie hatten den Welpen vor ihrem Ausritt in Nathans Haus gebracht.

„Das war ein schöner Tag“, sagte er.

„Ja, wirklich“, erwiderte Amy mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

„Möchtest du vielleicht noch mit reinkommen? Wir könnten etwas kochen, du hast doch bestimmt Hunger.“ Nathans Herz schlug auf einmal unregelmäßig, auch wenn er nicht wusste warum.

Verstohlen blickte Amy auf ihre Uhr.

„Oh, tut mir leid. Ich hab dich schon lange genug aufgehalten. Peter wartet sicher auf dich.“

„Nein“, sagte Amy schnell. „Du hast mich gar nicht aufgehalten. Mein Onkel hat bestimmt schon gegessen, und selbst wenn nicht … Ich würde gerne noch mitkommen.“

Bildete er sich das ein, oder wirkte Amy mit einem Mal ein wenig nervös? Er ging voran und öffnete die Tür zum Haupthaus. Sofort sprang der Labrador-Welpe Amy zu. Nathan beobachtete, wie sie den kleinen Hund hochhob, an ihre Brust drückte und knuddelte. Amy wäre bestimmt eine hervorragende Mutter, dachte Nathan und erschrak selbst ein wenig über den plötzlichen Gedanken.

Er ging in die Küche und inspizierte den Inhalt des Kühlschranks und seines Vorratsschranks. Derweil sah Amy sich neugierig um. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie seit Jahren nicht mehr in diesem Haus gewesen war. Zum Glück war es einigermaßen ordentlich. Die Kräuter auf der Fensterbank – Rosmarin, Thymian und Basilikum – waren nicht vertrocknet und verströmten einen angenehmen Duft. Und auch wenn die cremefarbenen Schranktüren und braunen Arbeitsflächen zwar nicht glänzten, waren sie immerhin sauber.

„Landhausstil“, sagte Amy und setzte Jolie ab. „Das gefällt mir. Da macht das Kochen doch sicher gleich doppelt so viel Spaß.“

Nathan lachte. „Na ja, Kochen ist leider nicht so meins, das weißt du ja.“

Amy winkte ab. „Ach, das kriegen wir schon hin. Lass mal sehen.“

Sie trat zu ihm und sah nun selbst in die Schränke. Nathan war sich ihrer Nähe mit einem Mal überaus bewusst: die Wärme, die von ihr ausging, der fruchtige Duft ihrer Haare, die seidig schimmernde Haut. Sich räuspernd machte er einen Schritt zur Seite.

„Tut mir leid, ich hab meine Vorräte wohl ein wenig überschätzt. Sollen wir etwas bestellen oder noch wohingehen?“

„Ach was, das haben wir gleich“, sagte Amy und suchte sich alles zusammen. Spaghetti, Olivenöl, Knoblauch, getrocknete Tomaten, Oliven und Parmesan. „Oder möchtest du keine Pasta?“

„Doch, doch, das sieht gut aus. Also, was soll ich machen?“

„Du könntest die getrockneten Tomaten und Oliven klein schneiden. Darf ich?“, fragte sie, die Hand an einem der Hängeschränke.

Nathan nickte. „Sicher, ich hab keine Geheimnisse. Ich kann dir aber auch gerne alles angeben.“

„Nicht nötig.“

Während Nathan sich um die Tomaten und Oliven kümmerte, beobachtete er Amy immer wieder verstohlen. Sie suchte sich einen Topf und setzte Nudelwasser auf. Anschließend beugte sie sich über die Spüle vor der Fensterbank, um einige Basilikumblätter zu pflücken. Dabei rutschte ihr blaues Top hoch und entblößte ein Stück Haut. Nathan wollte es nicht, aber er konnte nicht anders. Er betrachtete ihren Rücken, den Po, die langen Beine. Wann hatte sie eine dermaßen weibliche Figur bekommen? Oder war sie ihm vorher nur nie aufgefallen?

„Ich darf doch, oder?“, fragte Amy erneut. Sie wandte ihm lächelnd das Gesicht zu.

Nathan sah schnell weg. „Sicher, dafür sind die Kräuter da.“ Er holte tief Luft. Um sich selbst ein wenig abzulenken, fragte er: „Wie war es denn eigentlich in Paris, abgesehen davon, dass du deine Heimat vermisst hast? Du hast mir nie davon erzählt.“

„Es war eine schöne Zeit.“ Und dann erzählte sie, während sie das Basilikum wusch und in feine Streifen schnitt: „Paris ist eine tolle Stadt, das muss ich zugeben. Ich habe gerne dort gelebt, trotzdem würde ich sie niemals gegen die Camargue tauschen. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viele Autos. Paris hat einfach von allem ein bisschen zu viel.“

Nathan lachte. „Das glaube ich gerne. Wenn man in einer Gegend aufwächst, wo es im ganzen Umkreis nur zwei Tankstellen gibt, wird einem so eine Metropole sicher schnell zu viel. Wobei du ja die Großstadt mit London eigentlich gewöhnt sein müsstest.“

„Mag sein, aber ich war schon ewig nicht mehr in London. Um genau zu sein, seit zwanzig Jahren.“ Sie schwieg kurz, und Nathan ärgerte sich, dass er das Thema überhaupt angeschnitten hatte. Doch Amy setzte sogleich wieder ein Lächeln auf. „Ich habe vielleicht die ersten Jahre meines Lebens dort verbracht, aber das ist etwas völlig anderes, als mit neunzehn Jahren nach Paris zu ziehen. Da erlebt man so eine große Stadt ganz anders. Allein das Nachtleben …“

Er grinste. „Willst du mir etwa sagen, du hast dich die ganze Zeit über in Clubs herumgetrieben anstatt zu büffeln?“ Die Eieruhr klingelte, und Nathan ging zum Herd, um die Nudeln abzugießen.

Amy hatte gerade den Knoblauch zerkleinert, nun kam sie zu ihm. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und stibitze sich mit der anderen eine Spaghetti aus dem Nudelsieb, das in der Spüle stand. „Hm, al dente, so, wie ich sie am liebsten mag. Was hast du gegen das Pariser Nachtleben?“

Er spürte ihre warme Hand überdeutlich auf seiner Schulter, ihre Hüfte an seiner. Sie war ihm so nahe, dass es ihm einen Moment den Atem verschlug. Ihre Augen funkelten ihn an. In diesem Augenblick wirkten sie mehr grün als braun, aber das variierte je nach Laune. Er sah ganz kurz zu ihren sinnlich geschwungenen Lippen, bevor seine Augen wieder zu ihren wanderten. Ihr Blick hatte sich verändert. Darin lag jetzt etwas Fragendes, aber auch Begehren. Oder täuschte er sich?

Sie wandte sich ab und machte sich auf die Suche nach einer Pfanne. Nathan atmete erleichtert aus, doch dann fuhr er sich kopfschüttelnd durch die Haare. Was war nur los mit ihm? Seit wann sah er Amy so an?

„Du hast vorhin deine Schwester erwähnt, Valerie“, begann Amy. „Wie geht es ihr? Seht ihr euch oft?“

„Kaum. Sie ist schon vor Jahren mit ihrem Mann nach Montpellier gezogen.“

„Aber das ist doch nur eine Stunde entfernt!“

Nathan zuckte mit den Schultern. Er wusste selbst nicht so recht, warum er und Valerie sich nur noch selten besuchten. Amy hakte nicht weiter nach. Sie briet den Knoblauch an und warf dann die restlichen Zutaten in die Pfanne. Kurz darauf garnierte sie alles mit Parmesan und noch ein paar Basilikumblättern.

Voilà, das Essen ist fertig.“

Er nickte beeindruckt. „Das sieht mindestens genauso lecker aus, wie es riecht.“

„Ich hoffe, dich stört der Knoblauch nicht“, meinte Amy fast etwas verlegen.

Nathan winkte schnell ab, denn seine Gedanken wanderten schon wieder zurück zu ihren Lippen. „Darf ich dir ein Glas Rotwein einschenken? Ich weiß, du musst noch fahren, aber wenn du noch ein Weilchen bleibst …“

„Ein halbes Glas nehme ich gern“, sagte sie und trug die beiden Teller, ohne zu fragen, ins angrenzende Wohnzimmer.

Nathan folgte ihr mit einer Flasche Pinot Noir und zwei Gläsern. Er schaltete die beiden Lämpchen ein, die sich auf den Beistelltischen rechts und links neben dem großen Sofa befanden. Dann entfachte er das Feuer im Kamin, und wo er schon einmal dabei war, zündete er auch noch die eine oder andere Kerze auf dem Kaminsims an.

Sein Blick fiel auf das Foto von Marie, das sie lachend auf Fleur zeigte. Zum ersten Mal seit Langem konnte er es ansehen, ohne vor Schmerz zu vergehen oder ein schlechtes Gewissen zu haben, weil er einen schönen Tag ohne sie verbracht hatte. Und dann wurde ihm bewusst, dass er und Amy schon seit Stunden kein einziges Wort mehr über Marie verloren hatten.

„Das ist ja fast ein bisschen romantisch“, riss Amy ihn aus seinen Gedanken. „Tut mir leid, dass nur ich es bin.“

Er wandte sich ihr zu, ein Lächeln auf den Lippen. „Ich wüsste nicht, wen ich jetzt lieber hier hätte, und das ist mein voller Ernst.“

Amys Wangen röteten sich. Sie reichte ihm sein Weinglas, als er sich neben sie setzte, und dann stießen sie miteinander an. Die Gläser klirrten leise. „Auf eine neue Chance“, sagte sie.

„Auf ein neues Leben“, stimmte Nathan zu. Er wusste nicht, wie Amy es in so kurzer Zeit geschafft hatte, aber er fühlte sich tatsächlich dazu bereit, es zumindest zu versuchen. Und das war ja schon mal ein Anfang.

„Ich mache mich jetzt auf den Weg“, rief Amy ihrem Onkel von der Terrasse aus zu. Er kümmerte sich im Garten um das Unkraut, einen großen Strohhut auf dem Kopf, um sich vor der Hitze zu schützen.

„Gehst du schon auf die Feria?“, fragte Peter überrascht. „Ich dachte, wir sehen uns die Roussataïo später zusammen an.“

Sofort hatte Amy Gewissensbisse. Vielleicht sollte sie lieber hierbleiben und ihrem Onkel dabei helfen, den Garten wieder in Schuss zu bringen, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen. Die ganze Woche schon hatte sie sich auf die Verabredung mit Nathan gefreut.

„Das tun wir auch“, antwortete sie. „Aber wir können uns doch später im Ort treffen. Ich würde gerne vorher auf die Pferdemesse gehen.“

„Richtig. Es kann sicher nicht schaden, sich auf dem Laufenden zu halten. Und für wen hast du dich so hübsch gemacht?“

Wenn sie es nicht besser wüsste, könnte sie glauben, ihr Onkel habe ihr gerade zugezwinkert. Sie sah an sich hinunter. Nach langem Überlegen hatte sie sich für ein smaragdgrünes Sommerkleid und weiße Sandalen entschieden. Zum Glück ahnte Peter nicht, dass sie sich mit Nathan traf. Das würde ihm seine erstaunlich gute Laune sofort verhageln. „Das Kleid ist doch schon uralt“, sagte sie abwinkend. „Also dann, bis später.“

Bevor ihr Onkel ihr ihre Nervosität doch noch anmerkte, machte sie sich schnell auf den Weg. Sie ging zu Fuß. Bei solchen Festlichkeiten war der ganze Ort auf den Beinen, und sie hatte keine Lust, endlos nach einem Parkplatz zu suchen. Außerdem wollte sie gerne später mit Nathan auf ihre wieder gewonnene Freundschaft anstoßen.

Denn nichts anderes war das zwischen ihnen beiden. Auch wenn sie bei ihrem gemeinsamen Essen vergangene Woche hin und wieder geglaubt hatte, da könnte mehr sein. Wie Nathan sie angesehen hatte … Ganz kurz hatte auch sie das alte Verlangen nach ihm erneut gespürt. Sie musste vorsichtig sein, sonst würde sie sich von Neuem in ihn verlieben. Und das konnte sie jetzt wirklich nicht gebrauchen.

Nathan wartete bereits auf Amy, als sie den Platz erreichte, auf dem die Pferdemesse stattfand. Es war noch relativ früh am Tag, trotzdem waren die Straßen voll. Entfernte Musik wehte zu ihnen herüber. Große Gruppen Erwachsener standen zusammen und plauderten, während Kinder lachend um sie herumrannten.

Salut, Amy. Gut siehst du aus.“ Nathan betrachtete sie, bevor er sie mit einem Küsschen auf der Wange begrüßte.

Er war frisch rasiert und roch unglaublich gut. Ebenso wie sie hatte er sich feiner als sonst gekleidet. Zu einer hellen Stoffhose trug er ein weißes Hemd und einen schwarzen Gürtel. Ganz kurz ließ sie den Gedanken zu, er habe sich für sie schick gemacht, doch sie verwarf diese Überlegung sofort wieder.

„Danke, du auch. Wartest du schon lange?“

„Ich war ein bisschen zu früh, aber mach dir keine Sorgen“, erwiderte er lächelnd und reichte ihr den Arm. „Wollen wir?“

Sie zögerte kurz, dann hakte sie sich bei ihm unter. So schlenderten sie gemeinsam über die Messe und sahen sich die Pferde und Stände an. Amy sah den neugierigen Blick der Bäckersfrau, die nicht weit von ihnen entfernt stand. Sie fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, mit Nathan herzukommen. Ganz Saintes-Maries-de-la-Mer kannte die beiden und ihre Vergangenheit. Warum hatte sie nicht zuvor daran gedacht? Es war doch klar, dass sie Blicke auf sich ziehen würden. Sie konnte nur hoffen, dass niemand zu Peter gehen und mit ihm darüber reden würde.

An einem der Stände entdeckte Amy hübsches Zaumzeug. Sie nutzte die Gelegenheit und machte sich unauffällig von Nathan los. Der Geruch von Leder stieg ihr in die Nase. Andächtig strich sie über das weiche Material.

„Es ist seltsam, nicht wahr?“, sagte Nathan leise in ihre Richtung. „Du und ich, gemeinsam hier.“

Schuldbewusst wandte Amy sich ihm zu. „Es tut mir leid. Bitte versteh das nicht falsch, ich will nur nicht, dass die Leute über uns reden und womöglich meinen Onkel darauf ansprechen.“

Doch Nathan winkte ab. „Keine Angst, ich verstehe das schon nicht falsch. Als ich dich gefragt habe, ob du mit mir zum Fest gehst, hatte ich nicht an die möglichen Konsequenzen gedacht. Wenn du lieber …“

„Nein“, unterbrach Amy ihn entschlossen. „Du warst der Mann meiner Cousine, und auch wenn wir jahrelang keinen Kontakt hatten, ist überhaupt nichts dabei, dass wir jetzt gemeinsam hier sind. Oder siehst du das anders?“

Er zuckte mit den Schultern. „Peter ist dein Onkel. Es ist deine Entscheidung.“

„Ich habe mich entschieden“, sagte sie und hakte sich erneut bei ihm unter. Sollten die Leute doch reden. Es konnte ihr doch egal sein. Und ihr Onkel gab ohnehin nicht viel auf das Geschwätz im Ort.

„Da bist du ja!“ Amy zuckte zusammen, ihr Onkel lachte. „Habe ich dich etwa erschreckt?“, fragte er.

Allmählich füllten sich die Straßen. Amy stand zusammen mit vielen Einheimischen und Touristen am Straßenrand und wartete darauf, dass die Roussataïo endlich begann. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass ihr Onkel sich ihr genähert hatte. Von Weitem hörte man bereits das leise Schnaufen und Wiehern der Pferde.

„Nicht doch.“ Sie lächelte Peter zu. „Du hast ja heute so gute Laune.“

„Es ist ja auch ein schöner Tag“, erwiderte er. „Wie war die Messe? Hast du etwas Schönes gefunden?“

Amy hielt eine kleine Tüte hoch. „Eine neue Trense für Loulou. Die Messe war wirklich interessant. Schade, dass du nicht mitgekommen bist.“

„Nächstes Jahr vielleicht wieder.“

Überrascht betrachtete Amy Peter von der Seite. Konnte es sein, dass er langsam über den Tod seiner Tochter hinwegkam? Dass er wie Nathan bereit war, wieder zu leben?

Verstohlen blickte Amy sich um. Nathan konnte sie nirgends entdecken, er saß sicher schon auf seinem Pferd, aber dafür sah sie viele andere Gesichter, denen sie heute bereits begegnet war. Die Bäckersfrau sah schnell weg, als sie Amys Blick auffing. Wieder spürte Amy dieses schlechte Gewissen, das mittlerweile viel zu vertraut war. Sie wusste, dass ein Neuanfang ihres Onkels, sofern es überhaupt einen gab, auf sehr wackeligen Beinen stand. Ein Wort von der Bäckersfrau oder jemand anderem, und das Ganze würde sofort in sich zusammenbrechen.

„Worüber denkst du nach?“, wollte Peter wissen.

„Ich freue mich nur, dass es dir gut geht“, antwortete sie ehrlich. „Bleibst du nachher noch ein wenig, oder gehst du nach der Roussataïo gleich wieder heim?“

Er zuckte mit den Schultern. „Mal sehen. Vielleicht bleibe ich sogar noch auf ein Glas Merlot.“

„Das wäre nett“, sagte Amy, obwohl sie diesbezüglich gemischte Gefühle hatte. Eigentlich war sie mit Nathan verabredet, aber sie konnte weder ihren Onkel allein lassen noch sich mit beiden Männern zusammensetzen. Nathan würde es verstehen, wenn sie ihn versetzte oder auf später vertröstete, das wusste sie. Trotzdem tat es ihr leid.

„Schau mal, Maman, es geht los“, rief ein kleines Mädchen aufgeregt.

Und tatsächlich, die weißen Camargue-Pferde hielten Einzug in den Straßen, angeführt von den Gardians auf ihren Rössern. Stolz trieben sie die ungesattelten Zuchtstuten durch den Ort und wurden dabei von der Menge bejubelt. Amy liebte dieses Ereignis. Nichts brachte die respektvolle Beziehung zwischen Mensch und Tier deutlicher zum Ausdruck als diese Tradition.

Unauffällig sah sie sich nach Nathan um und entdeckte ihn sofort in der Menge. Er hatte sich umgezogen und trug nun wie die anderen Gardians die klassische Tracht: Er hatte sich für ein rotes Hemd entschieden, dazu eine Moleskinhose und eine Velours – Weste, beides in Schwarz. Der breitkrempige schwarze Hut durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen. In der rechten Hand hielt er einen Dreizack.

Sie sah ihn das erste Mal so, obwohl es nicht das erste Mal war, dass er als Gardian dabei war. Selten hatte er so gut ausgesehen wie in diesem Augenblick. Amy konnte kaum die Augen von ihm abwenden.

Auch er suchte sie in der Menge, fand sie. Ihre Blicke trafen sich. Amy schluckte. Sie war kurz davor, dasselbe für Nathan zu empfinden wie viele Jahre zuvor, das wusste sie. Und sie wusste auch, dass sie nichts dagegen würde tun können.

Nathan wandte seinen Blick wieder ab, und als sie zur Seite sah, war ihr auch klar warum. Peter hatte sich total verspannt, von seiner guten Laune schien nicht mehr allzu viel übrig zu sein.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie leise.

Ihr Onkel ließ die Schultern hängen, seine Augen waren traurig und leer. „Nichts ist in Ordnung, schon lange nicht mehr. Ich gebe mir wirklich Mühe, einfach weiterzumachen und die Wut zu vergessen, aber ich kann das nicht.“

Und damit ließ er Amy stehen.

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