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ROMANA EXTRA BAND 44

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Verführt unter funkelnden Sternen

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Geschäftsfrau Quinn lebt nur für die Arbeit. Das ändert sich schlagartig, als sie den attraktiven Matteo De Campo kennenlernt. Kann er Quinn das geben, wonach sie sich insgeheim schon lange sehnt?

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Verführt unter funkelnden Sternen

1. KAPITEL

Das Land war frisch und grün, und das Meer schimmerte in tiefstem Blau. Jetzt im Landeanflug waren auch die kleinen Windmühlen gut zu sehen, von denen es rund um den Flughafen etliche gab. Lauren blickte aus dem Fenster. So also leuchtete auf Mallorca der Mai! Die letzten Male war sie im Sommer gekommen, wenn die Sonne die Erde ausgetrocknet und das Gras braun gefärbt hatte. Doch im Moment brauchte sie ihre Auszeit früher. Und dringender denn je. Wobei es sich diesmal weniger um eine Auszeit handelte als um eine Bedenkzeit – aber außer ihr wusste das noch niemand.

„Die Landung ist doch immer wieder aufregend“, sagte plötzlich der grauhaarige Mann neben ihr, der während des ganzen Fluges in eine Art Tiefschlaf gefallen zu sein schien. „Sind Sie das erste Mal auf der Insel?“

Lauren wandte den Blick nur ungern von der schönen Landschaft ab, lächelte aber höflich. „Nein“, antwortete sie. „Eine Freundin aus London wohnt seit einiger Zeit hier.“

„Das kann ich gut verstehen, ich bin auch ausgewandert“, sagte der Mann. „Und wissen Sie, dass diese entzückenden Windmühlen das Wahrzeichen Mallorcas sind? Früher waren sie tatsächlich zum Mahlen da, später wurde damit Wasser gefördert.“

„Ach ja?“, fragte Lauren und wusste nicht, was sie von dem unerwarteten Gespräch halten sollte. Der Mann war viel zu alt, als dass er sich für sie interessieren sollte, und an seinem Finger entdeckte sie auch gleich einen Ehering.

„Entschuldigen Sie“, sagte der Unbekannte. „Es ist nur so, ich habe schreckliche Flugangst. Vor allem das Landen macht mir zu schaffen. Reden hilft.“

„Ach so!“ Lauren schmunzelte erleichtert. „Dafür habe ich vollstes Verständnis. Mir ist auch manchmal etwas mulmig beim Fliegen.“ Und bis das Flugzeug zum Stillstand kam, plauderte ihr Sitznachbar mit ihr, als seien sie alte Bekannte. Dann, als alle Passagiere sich erhoben, reichte der Mann ihr eine Visitenkarte. Baker war sein Nachname, und sein Lachen war herzlich.

„Hier“, sagte er. „Falls Sie in der Altstadt von Palma sind und sich etwas Schönes kaufen wollen – dies ist mein Laden.“

„Danke“, antwortete Lauren und las, was auf der Karte stand. Shopping in einer Boutique für Schmuck und Accessoires? So etwas hatte sie sich bisher äußerst selten gegönnt. Allerdings trennte sie nur ein einfaches „Ja“ von einem sorgenfreien Leben. Warum aber empfand sie bei diesem Gedanken keine Erleichterung?

Draußen auf der Gangway blieb sie kurz stehen und atmete tief ein. Die Luft war herrlich warm. Von unten winkte ihr neuer Bekannter noch mal herauf, bevor er in einen der bereitstehenden Busse stieg. Sie winkte zurück und dachte wehmütig daran, dass dieser Mister Baker vom Alter her ihr Vater sein könnte.

Ach, Dad.

Sie schaffte es zwar ab und zu, nicht an seinen Tod zu denken. Doch immer und überall konnte sie der Schmerz plötzlich überfallen. Dabei wäre es doch an der Zeit, endlich auch mal wütend darüber zu werden, was er allen angetan hatte!

In nachdenklicher Stimmung erreichte sie den Terminal. Diesmal durchschritt sie die langen Gänge des Flughafens wie in Trance, fühlte sich isoliert von den vielen Menschen und konnte nichts von der ausgelassenen Urlaubsstimmung empfinden, die einige von ihnen ausstrahlten.

Als sie nach draußen kam, stürmte ihr Cathy entgegen und fiel ihr um den Hals. „Da bist du ja endlich!“

Ihre Freundin sah großartig aus. Die Haut war gebräunt, und ihre Augen funkelten lebendig. „Es ist so viel passiert, seit du das letzte Mal hier warst“, sprudelte es aus ihr heraus.

Lauren stiegen auf einmal die Tränen in die Augen. Sie hatte kaum geweint in den vergangenen Wochen, war immer nur für die anderen da gewesen. Nachts, wenn sie allein war, schlief sie wie ein Stein. Nun lehnte sie sich an Cathy und sagte kein Wort.

Cathy schien Laurens niedergeschlagene Stimmung jetzt erst zu bemerken. „Entschuldige, du sollst erst einmal ankommen. Alles wird gut. Wir machen uns eine tolle Zeit, und wenn du zurückfliegst, geht es dir hundertmal besser. Du wirst sehen.“

„Schön wär’s“, erwiderte Lauren leise und mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. Denn nicht einmal ihre beste Freundin wusste, wie es wirklich in ihr aussah. Es war ja nicht nur der Tod des Vaters, der ihr zu schaffen machte. Es war ihr Verlobter Patrick – der sie nun tatsächlich heiraten wollte!

„Komm“, sagte Cathy, nahm das Gepäck und hakte sich bei Lauren unter. „Und erzähl. Wie geht es deiner Mutter und deinen Geschwistern?“

Das schlechte Gewissen wurde größer. Ihre kleine Schwester Shirley hatte bei ihrer Abreise bitterlich geweint. „Ich komme doch wieder“, hatte Lauren ein ums andere Mal gesagt. So, wie der Vater es auch immer versprochen hatte. Nur, dass er so oft eben nicht wiederkam und nun für immer fort war.

Auch Patrick hatte es ihr nicht leicht gemacht. „Wieso fährst du gerade jetzt?“, hatte er fast vorwurfsvoll gefragt. „So richtig verstehe ich dich nicht.“

Lauren wischte sich eine Träne fort. Das Schlimmste wusste Cathy noch nicht. „Es geht zu Hause nicht so gut“, erzählte sie. „Du weißt doch, dass mein Vater immer mal wieder ein wenig Geld verspielt hat …“

„Ja?“ Cathy sah sie alarmiert an.

„Nun … es war viel mehr, als wir ahnten. Er hat auch das Sparkonto geplündert. Es ist leer. Meine Mutter hat es erst vor ein paar Tagen bemerkt. Das Geld war angelegt worden, damit wir unser Haus abbezahlen können. Jetzt wissen wir nicht, wie es weitergehen soll.“

Wie angewurzelt blieb Cathy stehen. „Aber das kann doch nicht sein!“

„Doch.“ Lauren ging einfach weiter und spürte wieder diesen Schmerz in der Brust. So unzuverlässig ihr Vater auch gewesen war: Er fehlte ihr schrecklich. In guten Zeiten war er oft lustig und warmherzig gewesen. Seine Spielsucht hatte er bis zu seinem überraschenden Tod gut herunterspielen können. „Wir könnten das Haus verlieren, wenn alles schiefläuft“, gestand sie.

„Mist“, sagte Cathy. „Und ein Glück.“

„Ein Glück?“ Lauren verstand nicht, was ihre Freundin meinte.

„Na, dass du Patrick bald heiraten wirst! Er wird euch ja wohl helfen, oder nicht?“

„Ja, wenn wir bald heiraten, dann wird er uns wohl helfen“, wiederholte Lauren geistesabwesend und versuchte, endlich ein bisschen Erleichterung bei diesem Gedanken zu verspüren. Doch nichts. Dabei musste sie doch – erst recht in dieser Situation – glücklich sein, dass ihre Zukunft gesichert war! Zumal Patricks Karriere als Banker zunehmend besser lief.

„Das wird schon“, sagte Cathy und hielt Lauren an der Schulter fest. „Wir reden später noch mal in Ruhe über alles. Lass dich erst einmal verwöhnen, okay?“

Lauren versuchte, tapfer zu lächeln. Ihre Freundin hatte ja recht: Sie sollte ihre Zeit hier genießen und auftanken. Diese inneren Zweifel wegen der Heirat waren wohl eher eine Art Torschlusspanik. Und das war vor dem größten Schritt ihres Lebens vielleicht auch völlig normal.

Lauren konnte es kaum glauben. „Hier wohnst du?“, fragte sie staunend, als sie aus dem Wagen stiegen. Sie stand in einem blühenden Garten und blickte auf ein kleines aus Feldsteinen gemauertes Landhaus mit grün umwucherter Terrasse, neben dem sogar ein paar Palmen wuchsen.

„Und ich habe noch eine Überraschung“, sagte Cathy schmunzelnd. Sie hatte Lauren während der Fahrt vom Flughafen beiläufig erzählt, dass sie ihr Apartment in der Stadt gegen eine Bleibe auf dem Land eingetauscht hatte. Doch dies hier war nicht nur eine Bleibe – dies war ein kleines Paradies. Die Miniausgabe eines Märchenanwesens. Noch bevor Lauren etwas erwidern konnte, hob Cathy die Hände und sagte: „Es gibt nur kaltes Wasser. Und zum Wärmen haben wir auch nur einen Kamin. Das Haus ist sehr einfach ausgestattet, aber wir finden es einfach wundervoll.“

„Wir?“ Lauren sah sich um.

Cathy lachte. „Lucas und ich!“, rief sie dann.

Da öffnete sich die Tür zur Veranda, und ein junger Mann trat heraus. Er war nicht sehr groß, aber gut gebaut. Dunkle Augen, dunkles Haar, nettes Lächeln. Cathy hatte ihr von Lucas erzählt, aber nicht, dass sie zusammen hier wohnten.

„Hola“, grüßte Lucas freundlich und kam auf Lauren zu. Er blieb vor ihr stehen, platzierte zwei Küsschen auf ihren Wangen und lachte sie an. „Tu erés Lauren, la mejor amiga de Cathy, verdad?“

Cathy stellte sich hinter Lucas und schlang die Arme um ihn. „Er spricht nur Spanisch.“ Verschmitzt sah sie hinter seinem Rücken hervor. „Er sagte: Du bist also Lauren, Cathys beste Freundin.“

Lauren musste lachen, so verblüfft war sie. Aber Cathy war schon immer etwas draufgängerisch gewesen. Als Mädchen war sie hin und wieder von zu Hause ausgebüxt, in der Klasse war sie die Erste gewesen, die einen echten Freund vorzuweisen hatte, und nach einem Urlaub auf Mallorca war sie einfach dortgeblieben. Als freie Journalistin konnte sie schließlich fast überall arbeiten. Und es war natürlich auch Cathy gewesen, die Lauren vor zwei Jahren auf diese exklusive Party in London geschleppt hatte, wo sie Patrick kennengelernt hatte. „Das ist wirklich dein Ernst?“, fragte Lauren, obwohl sie die Antwort bereits kannte: ja. Cathy machte eben, wozu sie Lust hatte.

„Aber sicher“, antwortete die Freundin. „Die Finca gehört entfernten Verwandten von Lucas, die sich freuen, wenn wir uns ein wenig um das Haus kümmern. Komm, ich zeige dir alles! Und Lucas bereitet gerade ein kleines Abendessen vor. Er ist ein fantastischer Koch – von Berufs wegen und privat erst recht.“

Kaum war Lucas wieder im Haus verschwunden, kniff Lauren Cathy in den Arm und sagte: „Ich meinte mit meiner Frage nicht so sehr das Haus – ich meinte, du wohnst ernsthaft mit ihm hier? Sagtest du neulich nicht, er wäre nur ein Liebhaber?“

Cathy lachte laut auf und warf dabei den Kopf in den Nacken. „Die Dinge ändern sich eben ständig. Er ist mittlerweile mehr als das. Ich bin wirklich verliebt, Lauren. Alles kam zusammen. Jetzt probiere ich es eben aus. Ich wollte schon immer mal in einer dieser romantischen Fincas hier im Grünen wohnen. Diese Ecke Mallorcas ist wunderschön. Du wirst dich hier wohlfühlen!“

Sprachlos ließ sich Lauren herumführen, roch an den vielen verschiedenen Blumen und pflückte sich eine Orange. Im Gästezimmer, das zwar klein, aber gemütlich war, legte sie sich kurz aufs Bett und starrte an die Decke. Sie freute sich wirklich für ihre Freundin – aber sie konnte diesen kleinen Stich in der Brust nicht leugnen, der ihr sagte, dass sie wohl niemals so frei und glücklich sein würde. Lauren bedeckte das Gesicht mit den Händen. Da waren sie wieder, diese Zweifel. Was war nur mit ihr los?

Liebte sie Patrick nicht mehr?

Oder musste die Frage nicht vielmehr lauten: Hatte sie ihn je wirklich geliebt? Hatte sie sich vielleicht einfach nur geschmeichelt gefühlt und seine Hilfe gerne angenommen, als sie diese dringend benötigt hatte? Schließlich hatte er ihr diesen guten Job bei der Bank besorgt, der ihren drei jüngeren Geschwistern ein etwas besseres Leben ermöglichte.

Es klopfte an der Tür, und Lauren setzte sich auf. Cathy steckte den Kopf herein. „Essen ist fertig!“ Sie strahlte über das ganze Gesicht. „Kommst du?“

Lauren verspürte nur wenig Hunger und nicht einmal ein Tausendstel des Glücks, das Cathy zu durchströmen schien. Aber sie wollte sich auch nicht so gehen lassen. Das war Cathy gegenüber unfair, die sich so über ihren Besuch zu freuen schien. Also raffte sie sich auf und folgte ihr auf die Veranda. Durch die blühenden Ranken sickerte mildes Abendlicht, und der Tisch war festlich gedeckt. Neben Brot und Oliven standen dort eine Schüssel mit grünem Salat, ein Teller mit kross gebratenen kleinen Fischen und mariniertes Gemüse.

„El entrante“, präsentierte Lucas die Vorspeise. Er goss golden schimmernden Wein in die Gläser und setzte sich dicht neben Cathy auf die Bank. Sofort schmiegte sie sich an ihn, und gleich nach dem ersten Bissen murmelte sie etwas in sein Ohr – wahrscheinlich, wie unglaublich fantastisch sie seine Kochkünste fand. Als Antwort verschlang Lucas sie mit den Augen. Wie Verliebte es eben tun, dachte Lauren. Und wie sie es nie mit Patrick gemacht hatte. Oder er mit ihr. Allerdings war Patrick auch kein temperamentvoller Südländer, sondern ein beherrschter und eher rationaler Typ. Ein Landsmann eben.

„Entonces – por que pareces tán triste?“, fragte Lucas lächelnd, nachdem er den Hauptgang aufgetragen hatte, der aus einer köstlichen Tortilla bestand, die mit Garnelen und frischen Kräutern angereichert war.

Fragend sah Lauren ihre Freundin an. „Du erscheinst ihm so traurig“, übersetzte diese. „Er möchte wissen, woran das liegt.“

Lauren liebte die mediterrane Küche, aber von einem Moment auf den andern verlor sie jeden Appetit. Sie hatte versucht, dem Geplauder höflich zu folgen und den einen oder anderen geistreichen Kommentar von sich zu geben, doch je länger sie dem Geturtel der beiden zusehen musste, desto elender ging es ihr. Cathy wusste ja nicht, dass sie mit Patrick schon länger nicht mehr glücklich war. Sie hatte es ihr erst jetzt bei diesem Besuch in einem vertraulichen Moment erzählen wollen. Nun fragte sie sich allerdings gerade, ob sie überhaupt auf die Insel gekommen wäre, hätte Cathy ihr vorher von ihrem überbordenden neuen Liebesglück erzählt. Neben den beiden Verliebten kam sich Lauren nämlich ziemlich überflüssig vor.

„Es ist wegen meines Vaters“, sagte Lauren und sah dabei angestrengt auf ihren Teller. Aber ihre Herzensangelegenheiten gingen Lucas ja wohl kaum etwas an. „Und wegen des Schocks, dass er einfach so unser Geld verspielt hat. Es waren unsere gesamten Rücklagen, die vom Konto verschwunden sind.“

Cathy übersetzte, sprach aber ziemlich lang, und am Ende lachte sie wieder. Laurens Stimmung sank weiter. Cathys ewig gute Laune konnte einem manchmal auch auf die Nerven gehen. „Was ist denn so lustig?“, fragte sie etwas gereizt.

„Ich habe ihm auch davon erzählt, dass du aber Patrick an deiner Seite hast, ihr bald heiraten möchtet, und er euch sicherlich helfen wird“, sagte Cathy. „Es ist schließlich immer wichtig, in jeder Situation auch die guten Aspekte zu sehen.“

„Qué suerte!“, rief Lucas aus, hob das Glas und prostete ihr zu. Ein paar Brocken Spanisch konnte Lauren zumindest verstehen: Was für ein Glück!

Am liebsten wäre sie aufgesprungen. Schön, dass die beiden sich einig waren! Ihr jedoch war es im Moment völlig schleierhaft, wie sie sich in den nächsten zwei Wochen hier entspannen sollte. Etwa eingeschlossen in dem kleinen Gästezimmer?

„El postre!“, präsentierte Lucas dann noch die Nachspeise, die aus einem selbst gemachten Orangen-Sorbet bestand, natürlich mit Früchten aus dem Garten, wie Cathy stolz betonte. Da begriff Lauren, dass sie sich nichts mehr vormachen konnte: Das hier war einfach zu harmonisch. Und ihre Freundin hätte sie davor warnen müssen.

„Lucas geht fast jeden Tag arbeiten, er kocht in einem Restaurant in der Stadt“, erfuhr Lauren dann aber von Cathy und war direkt etwas erleichtert. Also würde sie wenigstens ab und zu ein wenig allein sein können.

„Und auch wir beide fahren morgen nach Palma“, fuhr Cathy fort.

„Ich weiß nicht …“, wehrte Lauren ab. Sie sah sich eher den ganzen Tag im Garten liegen und in den Himmel starren.

„Ich könnte dort nämlich vielleicht ein ganz interessantes Interview führen.“ Cathy nahm auf dem Stuhl neben Lauren Platz, während Lucas aufstand und ins Haus ging.

„Ich brauche erst einmal etwas Ruhe.“

Doch Lauren war klar, dass sie bei Cathy nicht so leicht davonkam. Ihre Freundin hatte es nur selten gelten lassen, wenn sich Lauren lieber von der Welt zurückziehen wollte. Etwa immer dann, wenn ihr Vater wieder mal ein paar Tage nicht nach Hause gekommen war. Ganz zu schweigen von der Zeit, als Lauren diese leidenschaftliche, aber höchst unglückliche Liebesaffäre mit Matthew gehabt hatte, vor dem sie alle ausdrücklich gewarnt hatten …

„Schau mal“, sagte Cathy und hatte auf einmal eine Zeitschrift in der Hand, in der es offensichtlich ums Segeln ging. Cathy deutete auf die doppelseitige Großaufnahme einer Segeljacht – das Boot schien mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet zu sein. Instinktiv musste Lauren lächeln. Segeln war immer schon ihr großer Traum gewesen. Es musste fantastisch sein, so frei und nur angetrieben vom Wind unter dem weiten Himmel über das endlose Meer zu fahren.

Dann blieb ihr Blick unwillkürlich an dem Mann hängen, der auf dem Bild an Bord zu sehen war: schlank und doch muskulös, von der Sonne gebräunt, lehnte er an der Reling und sah versonnen aufs Meer hinaus. Auf zehn Meter Entfernung konnte ein Halbblinder sehen, dass er fantastisch gut aussah.

„Diesen Typ möchte ich gerne interviewen“, sagte Cathy. „Er heißt Angelo Crespo, ist ein begehrter Junggeselle aus einer reichen spanischen Unternehmerfamilie, und er war zwei Jahre auf See unterwegs. Eine tolle Geschichte, wie ich finde, und ein Geheimtipp einer Bekannten. Er gilt als medienscheu. Aber du könntest mich begleiten, vielleicht sagt er bei zwei hübschen Frauen einfach ja. Außerdem schlenderst du doch so gerne durch den großen Jachthafen in Palma. Morgen könntest du vielleicht sogar eines dieser Boote dort betreten“ Sie tippte auf das Magazin, genau auf die Stelle, wo der schöne Fremde stand. „Und danach trinken wir irgendwo einen Kaffee oder gehen ein bisschen shoppen. Was meinst du?“

„Ja, fantastisch“, murmelte Lauren und wusste eigentlich gar nicht, was genau sie damit meinte: das große Segelboot mit dem passenden Namen „Sea Dream“, diesen Traummann mit dem irgendwie verheißungsvoll klingenden Namen oder die Art und Weise, wie es Cathy immer wieder schaffte, sie doch rumzukriegen. Denn eben hatte sie noch auf gar keinen Fall mitgehen wollen.

Cathy lachte. „Also gut! Morgen Nachmittag fahren wir gemeinsam dorthin, abgemacht.“

Laurens Blick haftete immer noch auf diesem Mann, der so unnahbar schien und gleichzeitig überaus anziehend wirkte. Und ja, sie liebte es, sich in der Marina die unzähligen Jachten und Boote anzuschauen und davon zu träumen, sie könnte einfach einsteigen. Aber eine Stimme in ihr sagte auch, sie sollte besser nicht mitgehen. Sie kannte diese Stimmen schon, sie schienen mal dies und mal das zu flüstern. Einmal: Heirate! Ein anderes Mal: Heirate nicht! Und damals bei ihrer unglücklichen Affäre war es genauso gewesen: Lass dich verführen! hatte eine Stimme ihr nicht nur einmal zugeflüstert, während eine andere sie gewarnt hatte: Du musst dich vor diesem Mann schützen!

Etwas in Lauren zog sich zusammen, als sie versuchte, den Blick von dem Hochglanzfoto zu lösen. Wahrscheinlich, weil dieser Mann auf dem Boot eine vage Ähnlichkeit mit Matthew hatte, und wenn es nur das umwerfende Aussehen war. Ein Segeltörn mit so einem Mann … Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. Das war die abwegigste Idee, die ihr seit Langem gekommen war. Seltsamerweise schlug ihr Herz bei diesem Gedanken sofort schneller.

2. KAPITEL

Angelo hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Warum hatte er sich nicht einfach unter Deck versteckt?

„Dein Wein ist ein wenig zu warm, Darling“, beschwerte sich Danielle. „Außerdem habe ich mir das Wiedersehen ehrlich gesagt etwas anders vorgestellt. Du sagst ja kaum ein Wort. Jetzt setz dich doch wenigstens mal zu mir.“ Seine Besucherin klopfte mit der flachen Hand neben sich auf die Couch und schlug ein Bein über das andere.

Er betrachtete Danielle mit zunehmend gemischten Gefühlen. Schon länger hatte er mit keiner Frau mehr das Bett geteilt, und Danielles Aussehen war wie immer makellos. Dennoch ließ es Angelo seltsam kalt, dass seine einstige Liebschaft plötzlich einfach so aufgetaucht war. Nicht viele wussten, dass er auf Mallorca ein paar Tage Halt machte, bevor er zur letzten Etappe nach Barcelona aufbrach, wo seine Freiheit ein Ende haben würde.

Angelo erhob sich. „Soll ich dir Eiswürfel bringen?“ Er bemühte sich, höflich zu sein, obwohl er heute gern alleine geblieben wäre. Um sich wieder an die Zivilisation zu gewöhnen, brauchte er seine Zeit. Die letzte Etappe hatte er sogar ohne Bootsmann zurückgelegt, weil er die Ruhe und Einsamkeit beim Segeln so liebte.

„Eiswürfel? Gern. Wenn du auch etwas mit mir trinkst …“ Danielle sah ihn kokett an.

„Nein“, sagte er. „Danke. Nicht am helllichten Tag.“

Danielle nahm das Bein wieder herunter und stampfte dabei mit dem Absatz ihres Stilettos geräuschvoll auf den Boden. Nicht einmal auf der Jacht zog sie ihr halsbrecherisches Schuhwerk aus. „Als ob es darum ginge!“, meinte sie mit gereizter Stimme.

Je länger Angelo sie betrachtete, desto klarer wurde ihm, dass er rein gar nichts mehr für Danielle empfand. Sie hingegen machte aus ihren Absichten kein Geheimnis. Sie war von Beginn an offensiv gewesen, und eigentlich gefiel ihm das nicht. Er eroberte eine Frau lieber.

„Also keine Eiswürfel?“, fragte er kühl. Wie er Danielle kannte, würde sie alsbald beleidigt abrauschen, wenn er sie nun derart abblitzen ließ.

„Doch, bitte“, schnappte Danielle jedoch.

Er stöhnte innerlich auf, drehte sich und stieg die Stufen zur Küche hinunter. Geräuschvoll ließ er ein paar Eiswürfel ins Glas fallen. Eine halbe Stunde musste er wohl erübrigen. Schließlich hatte er mit Danielle eine nicht so schlechte, wenn auch nur kurze Zeit verbracht. Doch die Einsamkeit der letzten Zeit hatte ihn verändert. Danielle war nicht mehr reizvoll für ihn. Immer weniger Frauen waren es.

Plötzlich hörte er jemanden seinen Namen rufen. Oder täuschte er sich?

„Señor Crespo!“

Nun vernahm er es deutlich und sah durch ein offenes Fenster hinaus. Tatsächlich standen auf dem Quai zwei Frauen, eine Blonde und eine Dunkelhaarige mit kurzen Locken. Beide hatte er noch nie zuvor gesehen, doch offenbar wollten die Damen, die er auf Mitte zwanzig schätzte, zu ihm. Er ließ die Eiswürfel stehen und ging zum Vorderdeck. „Ja, bitte?“

Die Blonde trat einen Schritt vor. „Señor Crespo, bitte entschuldigen Sie die Störung. Hätten Sie ein wenig Zeit für mich? Ich bin Journalistin und würde gerne ein Interview mit Ihnen führen.“ Erwartungsvoll sah sie ihn an.

Angelo fühlte sich überrumpelt. Sie sprach gut Spanisch, war aber offenbar Ausländerin. Woher wusste sie, wo er sich aufhielt? „Ach ja? Worüber denn?“, fragte er reserviert und ließ seinen Blick auch über die Begleiterin schweifen. Sie war viel weniger aufgetakelt und wirkte irgendwie zerbrechlich. Auf jeden Fall gefiel sie ihm besser als die Blonde, dachte er unsinnigerweise, denn er hatte nicht vor, die beiden Frauen näher kennenzulernen

Von hinten hörte er Danielle rufen: „Angelo, wo bleibst du?“

Und die Blonde auf dem Quai antwortete: „Ich möchte mit Ihnen über das Segeln sprechen. Über Ihre lange Tour. Ich denke, die Leser würde es faszinieren, mehr über diese zwei Jahre zu erfahren.“

Dies ließ ihn ein wenig aufhorchen. „Für wen arbeiten Sie? Und woher wissen Sie von mir?“

„Mein Name ist Cathy Ronalds“, sagte die Blonde. „Ich bin freie Journalistin und würde den Beitrag gerne für eine neue Reihe in der Zeitung ‚Diario de Mallorca‘ schreiben, die über besondere Menschen und ihre Abenteuer und Missionen berichtet. Eine Bekannte gab mir den Tipp, mich an Sie zu wenden.“

„Aha“, antwortete er, immer noch wenig überzeugt. Aber durch das unvorhergesehene Auftauchen der beiden konnte er Danielle, die sicher gleich wieder nach ihm verlangen würde, auf der Stelle schnell und unkompliziert loswerden. Und die zwei Ladys konnte er ja jederzeit fortschicken, falls ihm das Interview nicht behagte. Über das Segeln sprach er gern, es war ein unverfängliches Thema. Und wenn er ehrlich war, war es das Einzige, was ihn wirklich im Leben begeisterte.

Er nahm die Dunkelhaarige ins Visier. Auf den ersten Blick wirkte sie unscheinbar, aber gleichzeitig sah sie ein bisschen forsch aus mit den kurzen Locken, die ihr wirr ins Gesicht fielen. „Und wer sind Sie? Möchten Sie sich nicht auch kurz vorstellen?“ Sein Blick fiel auf ihre Brüste, die sich deutlich unter der weißen Bluse abzeichneten, und sie wirkte sofort etwas verlegen. Auf so eine Reaktion konnte er bei einer Person wie Danielle natürlich lange warten.

„Was sagt er?“, fragte die Dunkelhaarige die Journalistin leise auf Englisch. Offenbar verstand sie kein Spanisch. Nun, kein Problem. Fließend wechselte er ins Englische. „Bevor ich Sie an Bord lasse, wüsste ich doch wenigstens gerne, wer Sie sind“, sagte er und meinte es nicht halb so ernst, wie es vielleicht klang.

„Oh ja, natürlich!“ Sie lächelte kurz. „Mein Name ist Lauren Featherstone. Ich … begleite meine Freundin. Ich bin nur zu Besuch.“

„Sie ist fasziniert vom Segeln“, ergänzte die Journalistin. „Wenigstens einmal wollte sie so eine Jacht betreten, wenn auch nur im Hafen. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass sie mit dabei ist.“

„Sie segeln also kleinere Jachten?“, fragte Angelo und dachte daran, dass die Frauen, die er kannte, sich meistens nur herumfahren ließen und von der Praxis keine Ahnung hatten.

„Nein, nein“, wehrte diese Lauren Featherstone vehement ab. Federstein, was für ein seltsamer Name. Doch er passte zu ihr, denn er war widersprüchlich wie ihre Person: eher unscheinbar, aber doch keineswegs uninteressant.

„Ich bin noch nie gesegelt“, sagte sie und warf ihrer Freundin einen Blick zu, der vielleicht sagen sollte: Was erzählst du denn da?

„Angelo!“, ertönte Danielles Stimme nun lauter. „Was ist denn los? Mit wem sprichst du?“

„Kommen Sie an Bord“, sagte Angelo und reichte einer nach der anderen kurz die Hand, als sie über den Steg das Boot betraten.

Laurens Augen waren grün. Fast so wie Seegras, dachte er, als sie ihn mit einem kurzen Blick streifte. Und was er eben über sie gehört hatte, hallte in seinem Kopf nach: Sie wollte eine solche Luxusjacht wenigstens einmal betreten haben, und wenn auch nur im Hafen! So etwas hatte er schon lange nicht mehr gehört. Andere Menschen hatten also noch Träume. Ein richtiger Segeltörn musste für diese Lady dann wohl das Größte sein.

Sein Traum hingegen war so gut wie beendet. Bald würde er jeden Morgen zur gleichen Zeit im Büro sitzen, und er würde Tag für Tag unzähligen Menschen begegnen müssen. Die beiden vielleicht besten Jahre seines Lebens waren vorbei. Und sie hätten perfekt sein können, hätte er eine Frau getroffen, die ihm die ungeteilte Lust am Leben und an der Liebe wiedergegeben hätte.

Als Lauren auf den Bootssteg trat und Angelo Crespo kurz ihre Hand hielt, hatte sie für einen Moment das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kühl sah er sie von oben an, und doch sandte sein Blick eine Hitzewelle durch ihren Körper.

Seine Augen waren hellblau, die Haut von der Sonne gebräunt und das etwas längere Haar nicht so dunkel wie das vieler Südländer, sondern von der Sonne ein wenig gebleicht. Wie ein typischer Spanier sah er nicht aus, dafür aber fast noch besser als in dem Magazin, das Cathy ihr am Tag zuvor gezeigt hatte.

Er wirkte distanziert und beherrscht, und trotzdem kam es Lauren in den Sinn, dass er bestimmt ein leidenschaftlicher Liebhaber war. Unter dem eng anliegenden weißen T-Shirt zeichnete sich deutlich sein muskulöser Oberkörper ab.

„Bitte setzen Sie sich“, sagte er nun, als sie und Cathy an Bord waren, und wies auf eine überdachte Sitzgruppe aus eleganten Ledersesseln in Schwarz und Weiß. „Ich bin gleich wieder zurück.“

Als er verschwunden war, zwinkerte Cathy ihr zu. „Der erste Schritt ist getan“, sagte sie leise und machte es sich in einem der Sessel bequem. „Ich vermute, der Typ ist ein verwöhnter reicher Sohn, der so tut, als wäre er ein mutiger Abenteurer. Ob das stimmt, versuche ich gleich herauszukriegen.“ Sie gab sich völlig unbeeindruckt von der Begegnung und dem ganzen Luxus hier, und das war typisch für sie. Cathy gehörte zu jenen Journalistinnen, die reichen Menschen erst einmal kritisch gegenüberstanden. Es gehörte wohl zu ihrer Berufsauffassung.

Lauren jedoch sah sich staunend um. Die „Sea Dream“ war tatsächlich traumhaft und offenbar bestens ausgestattet. Allein schon an Land auf so einem Schiff zu sein, fühlte sich aufregend an. Ihr Herz klopfte. Dass die Aufregung vielleicht aber mehr mit diesem unglaublich attraktiven Mann zu tun hatte, diesen Gedanken verdrängte sie im Augenblick lieber.

Auf einmal war eine hohe Stimme zu hören und dazu das Geräusch klappernder Absätze. Eine Frau kam von hinten. Lauren hatte sie eben rufen hören. Sie ging sehr aufrecht, trug atemberaubend hohe Stilettos, eine große Sonnenbrille und ein schickes Kostüm, das ihre perfekte Figur betonte. Als sie an Lauren vorbeiging, verzog sie keine Miene. Doch als sie sich umdrehte und zu Angelo hinsah, zog sie einen Schmollmund.

Lo siento, Danielle“, sagte Angelo, eine Redewendung, die Lauren schon kannte: Es tut mir leid. Bestimmt war diese attraktive Frau seine Freundin – oder zumindest seine Geliebte. Ein Mann wie Angelo Crespo war vielleicht Junggeselle, aber wohl selten wirklich allein. Außer auf dem Meer vielleicht.

Die Frau murmelte etwas auf Spanisch, drehte sich um und trat auf den Steg. Einen kleinen Moment strauchelte sie, doch sie fing sich schnell und stolzierte davon.

Laurens Blick ging zwischen ihr und Angelo hin und her. Er stand dort ganz lässig, die Hände in den Hosentaschen. Das Auftreten seiner Besucherin schien ihn kalt zu lassen. Dabei war es offensichtlich, dass sie gekränkt war.

Dann bemerkte Lauren, dass Angelos Blick auf ihr ruhte. Fragend sah er sie an. Wie peinlich! Erstens stand sie hier immer noch herum, und zweitens ging es sie überhaupt nichts an, was zwischen diesem Mann und seiner Gespielin vorging. Er aber hatte wohl mitbekommen, wie interessiert sie eben alles beobachtet hatte.

„Sie möchten sich also nicht setzen?“, fragte er sie nun und strich sich mit der Hand über das Kinn.

„Doch, doch“, beeilte sie sich zu sagen und bemerkte, dass auch Cathy sie fragend ansah.

Angelo wies auf einen der freien Sessel, dann nahm er neben Lauren Platz. Sie wagte einen kurzen Seitenblick auf ihn. Sein Profil war markant und ebenmäßig zugleich, und sie bildete sich ein, seinen Geruch wahrnehmen zu können: herb und frisch wie das Meer. Ganz sicher war jedenfalls, dass sie niemals zuvor neben einem so umwerfenden Mann gesessen hatte.

„Nehmen Sie sich Wasser, wenn Sie wollen“, sagte er knapp und deutete auf die Karaffe und die Gläser, die auf dem Beistelltisch bereitstanden. Cathy schüttelte den Kopf. Lauren hatte zwar eine trockene Kehle, verneinte aber ebenso.

Angelo Crespos distanziertes Auftreten zeigte deutlich, dass er über ihren Besuch nicht besonders erfreut war. Was sie durchaus verstehen konnte. Wer mochte es schon, so überfallen zu werden? Höchstens ein eitler Mensch, der sich gerne in allen Zeitungen sah.

„Gut“, sagte Angelo zu Cathy. „Beginnen Sie mit Ihren Fragen.“

Cathy hatte ihr Notizbuch gezückt und ließ den Blick über die Jacht schweifen. „Zwei Jahre waren Sie unterwegs. Möchten Sie etwas darüber erzählen?“

Er zog eine Augenbraue hoch und sah Cathy etwas irritiert an. „Was möchten Sie denn genau wissen?“

„Vielleicht die einfachste Frage: warum?“

„Warum was?“ Angelos Stimme war tief und klar.

„Warum zwei Jahre auf See? Einerseits diese unglaubliche Herausforderung, so lange unterwegs zu sein, andererseits aber …“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und dazu eine ausladende Handbewegung. „All dies hier. Es hat Ihnen sicherlich an nichts gemangelt, nehme ich an?“ Cathy gab sich ziemlich selbstbewusst.

Es entstand eine kurze, unangenehme Pause.

„Worauf wollen Sie hinaus?“, fragte Angelo dann auf einmal in einem etwas schärferen Ton.

Cathy ließ ihren Stift sinken und wollte etwas erwidern, doch Angelo kam ihr zuvor: „Wenn Sie meinen, Sie könnten mir irgendetwas in den Mund legen, was Sie sich in Ihrem Kopf über mich zusammengereimt haben, dann können Sie gleich wieder gehen.“

Lauren hielt die Luft an. Deutlich lag nun eine Spannung in der Luft, die eben noch nicht da gewesen war. Cathy hätte das Interview vorsichtiger angehen sollen.

Schon stand Angelo auf, und eine große Enttäuschung machte sich in Lauren breit. Sie hätte nun selbst gerne etwas über den Spanier erfahren, doch nun würde er sie sicherlich auffordern, zu gehen.

„Sie können jetzt noch einmal kurz nachdenken, wie Sie das Interview führen möchten, denn ich gebe jedem gerne eine zweite Chance“, sagte Angelo zu Cathy, die ihn ziemlich verblüfft ansah.

Er stand neben Lauren, und sie hätte ihn am liebsten an Cathys Statt um Entschuldigung gebeten. Da spürte sie auf einmal seine Hand auf ihrer Schulter und sah überrascht zu ihm auf. Wieder traf sie dieser kühle, unergründliche Blick.

„Ihnen zeige ich in der Zwischenzeit das Boot, wenn Sie daran so interessiert sind“, sagte er. „Ihre Freundin kann sich so lange besinnen. Kommen Sie.“

Mit einem kurzen, sanften Druck seiner Finger bedeutete er ihr aufzustehen. Lauren blieb nichts anderes übrig, als seiner Aufforderung nachzukommen, und sah zu Cathy hinüber, die kurz die Schultern hob und ihr leicht zunickte. Dann folgte sie Angelo mit weichen Knien. Dieser Besuch hier lief völlig anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Aber genau das gefiel ihr irritierend gut.

Angelo war über seine Reaktion selbst erstaunt. Noch nie hatte er ein Gespräch so schnell abgebrochen, und vor wenigen Minuten hatte er nicht im Traum daran gedacht, eine der beiden ungebetenen Besucherinnen über sein Schiff zu führen. Aber die Journalistin hatte eben instinktiv den Finger in eine Wunde gelegt.

Er stieg die Stufen hinab in den geräumigen Innenraum der Segeljacht, der als Salon diente. Für seinen Geschmack war das Schiff unnötig luxuriös ausgestattet, doch es war nun mal ein Geschenk seines Vaters gewesen: zum Abschluss seines Studiums mit Bestnoten.

Aber die Sache hatte einen großen Haken: Dieses Geschenk war auch eine Art Bestechung. Schon als Jugendlicher war Angelo eher ein Rebell gewesen und hatte sich nie so richtig mit dem Gedanken anfreunden können, in die überaus erfolgreiche Firma seines Vaters einzusteigen. In mehreren europäischen Metropolen hatte die internationale Unternehmensberatung „El Tesoro“ mittlerweile ihre Filialen. Und eine davon hätte er nach seinem dreißigsten Geburtstag leiten sollen.

Als es vor zwei Jahren dann so weit war, kam es zum Eklat. Er konnte sich partout nicht vorstellen, nach dem langen Studium direkt in den zeitraubenden Job zu wechseln. Stattdessen plagte ihn das Gefühl, das Leben ginge an ihm vorbei.

In einer der vielen Auseinandersetzungen mit seinem Vater war dann dieser Deal entstanden: Zwei Jahre Freiheit durfte er ohne Unterbrechung auf seiner Jacht noch genießen. Zwei Jahre, in denen er aber auch die Metropolen anzufahren hatte, in denen er künftig leben und arbeiten konnte.

Doch nun war diese Zeit vorbei, und die Firma wartete auf ihn. Er hätte diese Jacht niemals annehmen dürfen, das war ihm nun zum Ende seiner Reise klar geworden. Und die Journalistin hatte ihn mit ihrer Andeutung von „all dem hier“ unwissentlich auf diesen Fehler hingewiesen.

Allerdings war er damals aus Barcelona auch mehr oder weniger geflüchtet. Es war unerträglich gewesen, wie Freunde und Bekannte nach jenem Vorfall, den er wohl niemals vergessen würde, plötzlich über ihn geredet hatten.

„Entschuldigen Sie …“, hörte er Laurens Stimme hinter sich. Für einen kurzen Moment hatte ihn die Vergangenheit so sehr wieder eingeholt, dass er einfach stehen geblieben war und vor sich hingestarrt hatte. „Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“

Langsam drehte sich Angelo um und sah in seegrasgrüne Augen. Zwei Jahre war er Tausende von Kilometern gesegelt und hatte über Gott und die Welt nachgegrübelt, doch diese Frage konnte er im Moment nicht beantworten. War mit ihm alles in Ordnung? Er hatte ja noch nicht einmal entschieden, wo er wohnen wollte. Aber er musste sich jetzt entscheiden.

Er stand wie festgenagelt und hatte keine Antwort auf Laurens Frage. Also sagte er nur: „Dies ist der Salon.“

Interessiert beobachtete er, wie Lauren sich fast ehrfürchtig umsah. Ihre Augen schimmerten, und wahrscheinlich stellte sie sich vor, wie er hier in Saus und Braus lebte. „Aber ich empfange hier kaum Gäste“, fuhr er fort. Weder männliche noch weibliche, ergänzte er im Stillen. Er hatte zwar auf der Tour hier und da eine Affäre gehabt. Doch seit der Sache mit Livia war sein Herz verschlossen.

„Nein? Warum nicht?“, fragte Lauren. „Es ist doch wundervoll hier. So ein schöner Ort ist doch zum Teilen da, sonst ist er nur halb so schön, oder?“

Sein Blick blieb an ihren vollen, sinnlichen Lippen hängen. Das war wieder so eine Frage! Er ging einfach weiter. „Dort hinten ist die Küche.“

Auf dem Weg zum hinteren Deck kamen sie an der Kabine vorbei, die für Gäste vorgesehen war. Sein bester Freund Pedro hatte ein paar Wochen darin gewohnt, als er ihn ein Stück begleitet hatte. Doch er war unterwegs ausgestiegen. Denn im Gegensatz zu ihm hatte er tatsächlich bei einem der Landgänge die Frau seines Lebens getroffen, mit der er jetzt zusammenlebte. Der Glückspilz!

Angelo drehte sich zu Lauren um und fing ihren neugierigen Blick ein. Spontan öffnete er die Tür zur Gästekabine, damit sie hineinsehen konnte. Die Kabine war geräumig und einladend und doch nur halb so groß wie seine, die Kapitänskabine, die mit allem Komfort ausgestattet war.

Sie lachte kurz auf.

„Was ist so lustig?“, erkundigte er sich.

„Ich weiß nicht, vermutlich nichts. Ich dachte nur, diese Kabine ist fast so groß wie meine Wohnung in London. Na ja, nicht ganz.“

Sie standen nun nah beieinander, und ein Schatten huschte über ihr Gesicht.

Auf einmal kam er zu sich. Was machte er hier eigentlich? Tat er seiner ungebetenen Besucherin mit dieser Besichtigung wirklich einen Gefallen, wie es ihre Freundin angedeutet hatte? Oder machte er sie nur schmerzhaft darauf aufmerksam, wie bescheiden sie vielleicht im Gegensatz zu ihm lebte? Kurz spürte er den Impuls, sie danach zu fragen, da sagte sie: „Segeln ist die absolute Freiheit, nicht wahr?“

Er spürte diesen leichten Druck in der Brust, wie so oft, wenn er an das Ende dieser Freiheit dachte. Wieder ließ er ihre Frage unbeantwortet.

„Gehen wir nach oben“, schlug er stattdessen vor, um seine Irritation zu verbergen: Diese Frau kannte ihn kaum und traf ihn doch mit all ihren Fragen bis ins Mark!

Als sie vor ihm die Stufen hinaufstieg, betrachtete er ihre Gestalt von hinten. Ihre Figur war zierlich und hatte doch deutliche weibliche Kurven, ganz nach seinem Geschmack.

Auch gefiel ihm ihre besondere Art, eine Mischung aus Zurückhaltung und Direktheit, ohne aufdringlich zu wirken. Nun spürte er einen Augenblick lang fast schmerzlich, dass er schon lange mit keiner Frau mehr zusammen gewesen war.

Es war verrückt, aber am liebsten hätte er jetzt die andere, die oben wartete, einfach weggeschickt.

3. KAPITEL

„Gleich kann ich dir mein Werk präsentieren“, sagte Cathy strahlend und biss genussvoll in ein großes Stück Melone. Zuvor hatte sie zwei Croissants sowie ein Omelett vertilgt, und Lauren wunderte sich ein wenig über den Appetit ihrer Freundin.

„Ich glaube, das Interview ist am Ende noch richtig gut geworden. Auch wenn dieser Angelo Crespo ziemlich borniert ist, findest du nicht?“

Lauren nahm einen Schluck Kaffee und antwortete zunächst nicht.

„Wenn Sie meinen, Sie könnten mir irgendetwas in den Mund legen, was Sie sich in Ihrem Kopf über mich zusammengereimt haben, dann können Sie gleich wieder gehen!“, äffte Cathy Angelo nach und tippte sich mit einem Finger an die Stirn. „Der spinnt doch! So etwas ist mir wirklich noch nie passiert.“

Lauren schwieg weiter. Cathy war ihre beste Freundin und stets hilfsbereit und bestens gelaunt, aber wie alle Menschen hatte auch sie einen Fehler: Sie konnte absolut keine Kritik vertragen.

Und wenn Lauren zugeben würde, dass sie Angelos Reaktion sogar ein bisschen verstehen konnte, wäre das harmonische Frühstück hier im Garten jedenfalls beendet gewesen. Deswegen sagte sie nur vorsichtig: „Ich weiß nicht. Nur weil er distanziert war, muss er doch nicht gleich borniert sein, oder?“

Cathy warf ihr einen fast beleidigten Blick zu. „Du kennst diese Typen nicht. Ich habe durch meinen Beruf ein wenig Einblick in das Leben der Reichen und Superreichen bekommen, und glaube mir, dieser Angelo ist mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden und hält sich deswegen für etwas Besseres. Wie herablassend er war! Hast du das nicht gemerkt? Und seine Freundin, hast du die gesehen? Stolziert in Stilettos auf einer Jacht herum. Das spricht doch Bände. Aber wahrscheinlich war sie nur eine Geliebte. So ein Kerl hat doch an jedem Finger zehn davon“, echauffierte sich Cathy weiter.

„Wieso regst du dich denn so auf?“, fragte Lauren mit etwas wehem Gefühl in der Brust. „Du kennst ihn doch gar nicht näher. Außerdem hat er dir fast alle Fragen geduldig beantwortet. Er hätte uns schließlich auch wegschicken können, oder nicht?“

Wenn sie an das Interview vor drei Tagen zurückdachte, verspürte sie seltsamerweise ein klein wenig Eifersucht auf diese Frau mit den Stilettos, die tatsächlich borniert aufgetreten war.

Aber sie hatte es als bittersüß empfunden, auf dem Schiff einen Hauch dieser Freiheit zu erahnen, die Angelo genießen durfte.

Jedes Wort hatte sie aufgesogen, als er von den vergangenen zwei Jahren erzählte und davon, wo er überall gewesen war: Von Barcelona über Lissabon und Bordeaux nach Amsterdam, Kopenhagen und Stockholm war seine Route gegangen und dann wieder zurück. Mit kleineren Zwischenstopps und dem nun letzten Halt auf Mallorca.

In wenigen Tagen sollte die Schlussetappe ihn nach Barcelona zurückführen, wo seine Familie lebte. Geschickt hatte Cathy viele Fragen einfließen lassen und eifrig Notizen gemacht.

Lauren war nun selbst auf den Artikel gespannt. Aber nicht nur darauf – sondern auch auf das neue Foto von Angelo. In den letzten Tagen hatte Lauren sich nicht nur einmal das Bild des blauäugigen Spaniers angesehen. Sie konnte es nicht leugnen: Er ging ihr im Moment nicht mehr aus dem Kopf. Doch mehr als eine alberne Schwärmerei konnte das nicht sein. Sie würde ihn schließlich nie wiedersehen. Sein Bild würde bald verblassen.

Ihr Handy klingelte. Patrick. Seit ihrer Abreise hatten sie noch nicht miteinander gesprochen, nur ein paar SMS ausgetauscht.

„Hi“, sagte sie und versuchte, erfreut zu klingen. Dabei hatte sie ihren Verlobten in den vergangenen drei Tagen nicht einmal andeutungsweise vermisst, und das machte ihr etwas Angst.

„Darling, ich hoffe, es geht dir bestens, und ich fehle dir schon!“ Patrick klang fröhlich. „Geht es dir gut?“

„Ja“, antwortete Lauren. „Es ist sehr schön hier, ganz wundervoll.“

„Ich habe gestern deine Mutter und deine Geschwister besucht“, erzählte Patrick. „Du fehlst allen sehr.“

Lauren horchte auf. Patrick hatte ihre Familie noch nie allein besucht, und irgendwie hatte sie das Gefühl, ihre Abwesenheit abermals verteidigen zu müssen: „Ich musste einfach mal weg und durchatmen.“

Patrick lachte. „Mit mir an deiner Seite kannst du künftig öfter mal durchatmen, das verspreche ich dir“, sagte er. „Es ist eben nur wichtig für deine Familie, zu wissen, dass du in der Nähe bist.“

Wollte Patrick ihr immer noch ein schlechtes Gewissen machen, weil sie allein weggefahren war? „Wieso warst du denn dort?“, hakte sie nach.

„Um ihnen mitzuteilen, was ich dir jetzt auch sage: Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Ich habe eine ideale Möglichkeit gefunden, euer Haus über deinen Namen auf Nummer sicher zu finanzieren. Das funktioniert allerdings nur, wenn wir verheiratet sind. Warum legen wir nicht endlich den Termin fest?“

Lauren spürte, wie sie sich innerlich verkrampfte. Patrick machte immer mehr Druck, so jedenfalls empfand sie es. Dabei wollte er natürlich auch helfen, keine Frage. Aber sie brauchte noch ein winziges bisschen mehr Zeit, um sich konkret mit der Hochzeit zu befassen. „Lass uns darüber reden, sobald ich zurück bin, okay?“

„Das sind noch zehn Tage.“

„Und die vergehen schnell. Wie ist denn das Wetter bei euch?“, versuchte Lauren abzulenken. „Hier ist es herrlich, fast wie Hochsommer. Wir gehen jeden Tag ans Meer.“

In diesem Moment kam Lucas mit Cathys kleinem Wagen die Zufahrt herauf und parkte vor dem Haus. Er stieg aus, in der Hand eine Zeitung, die er übermütig herumschwenkte. Als er auf den Frühstückstisch zukam, der im Schatten der Orangenbäume stand, wurde Lauren plötzlich furchtbar ungeduldig. Sie konnte es kaum erwarten, den Artikel über Angelo zu lesen.

Cathy sprang auf, lief Lucas entgegen und küsste ihn erst einmal innig. Dann nahm sie die Zeitung, drehte sich zu Lauren um und hielt sie triumphierend in die Höhe.

„Das heißt, wir einigen uns endlich auf den Hochzeitstermin, sobald du wieder da bist?“, fragte Patrick am anderen Ende der Leitung.

Lauren war auf einmal schrecklich elend zumute. Sie fühlte sich wie eine Lügnerin, als sie die Frage bejahte. Denn in diesem Augenblick erinnerte sie sich daran, dass sie am Vorabend beim Einschlafen versucht hatte, sich vorzustellen, in Patricks Armen zu liegen. Doch sie hatte nur ein hellblau schimmerndes Augenpaar vor sich gesehen …

Angelo saß auf dem hinteren Deck in der Morgensonne und schlug die Zeitung auf. Cathy Ronalds, die Journalistin, hatte das Interview dann doch noch recht professionell geführt. Nun wollte er wissen, was daraus geworden war.

Er hatte davon erzählt, was er während der zwei Jahre auf See erlebt und gesehen hatte: Die Einsamkeit auf dem Meer im Kontrast zum geschäftigen Leben in den großen Städten ergab eine interessante Mischung. Warum sollten andere Menschen daran nicht teilhaben?

Lauren Featherstone hatte jedenfalls wie gebannt zugehört. Schade eigentlich, dass er sie nie wiedersehen würde.

Er begann zu lesen. Der Anfang gefiel ihm, doch dann schlich sich wieder dieser anklagende Unterton ein. Deswegen hatte er das Interview anfangs so abrupt abgebrochen: Zwischen den Zeilen stand, dass eine so lange Reise nur wegen seiner Herkunft aus reichem Hause möglich gewesen war. Außerdem hatte Cathy ein Foto abdrucken lassen, auf dem die ganze Jacht zu sehen war, und das wirkte zusammen mit seinem mitunter schwärmerischen Ton tatsächlich etwas prahlerisch.

Er runzelte die Stirn und versuchte, den aufkeimenden Ärger zu unterdrücken. Hätte er das Interview bloß nicht gegeben! Kein Mensch würde ihm glauben, dass er diese zwei Jahre genauso gut mit dem Rucksack hätte reisen können. Sicher, Luxus war angenehm. Aber er brauchte ihn nicht, um sich gut zu fühlen. Doch das alles wusste er eben erst jetzt.

Dann kniff er kurz die Augen zusammen, als habe er sich verlesen. Und las den Satz noch einmal: Auch habe ich auf der Reise eine Frau getroffen, die mich interessiert, stand da geschrieben. Wie bitte? Er las es wieder und wieder. Das sollte er gesagt haben? Wieso sollte er mit der Journalistin über so etwas Privates sprechen? Mal ganz davon abgesehen, dass es nicht stimmte: Er hatte eben keine Frau getroffen, die ihn interessierte, leider! Wie kam diese Person dazu, so etwas zu behaupten? Er konnte es nicht fassen und starrte eine Weile aufs Meer, das heute etwas aufgewühlt war. So wie er selbst nun.

Er stand auf, ging in sein Büro unter Deck und wählte die auf der Visitenkarte angegebene Nummer. Sofort ging die Journalistin ans Telefon.

„Wie kommen Sie dazu, so etwas zu schreiben?“, fragte er harsch.

Cathy schien zunächst nicht zu wissen, was er meinte. „Einen Moment bitte“, antwortete sie unbeschwert. „Ich lese den Artikel, so wie er in der Zeitung steht, gerade selbst das erste Mal.“

Er wies sie auf die Stelle nochmals hin und konnte den Ärger in seiner Stimme nicht unterdrücken. Diese Person hatte wirklich Nerven!

„Oh“, sagte die Journalistin dann nur. „Es scheint sich um einen kleinen Druckfehler zu handeln. Das ist ja seltsam!“

„Ein kleiner Druckfehler?“, fragte er gereizt. Die Sache wurde ja immer schöner! „Ich kann mich nicht erinnern, mit Ihnen über Frauen gesprochen zu haben!“

„Ich habe Ihnen viele Fragen gestellt und mir dazu Notizen gemacht“, antwortete Cathy gefasst. „Und ich habe in Absprache mit Ihnen das Gespräch aufgenommen. Ich kann alles nachverfolgen. Glauben Sie mir, ich würde beruflich wohl kaum überleben, wenn ich Dinge einfach erfinden würde. Es sei denn, ich schreibe für die Klatschpresse, aber das tue ich ganz bewusst nicht.“

Angelo dachte konzentriert nach. Und nun erinnerte er sich vage, dass da tatsächlich einmal ein Nebensatz gewesen war, dahingesagt, einfach so und mehr zu sich selbst. Vielleicht, weil er am Tag des Interviews den ganzen Tag schon so nachdenklich gewesen war, was das Thema Frauen betraf.

Aber nun stand dieser halblaut gedachte Gedanke da gedruckt, und das auch noch falsch. „Wenn überhaupt habe ich ‚keine Frau‘ gesagt und nicht ‚eine Frau‘! Und wenn Sie so gewissenhaft sind, wie Sie behaupten, hätten Sie diesen Satz überhaupt nicht erst geschrieben!“

„Ich muss doch sehr bitten!“, erwiderte Cathy pikiert. „Es scheint sich eben um einen dummen kleinen Druckfehler zu handeln …“

Angelo konnte es nicht fassen. Er hatte nicht vorgehabt, eine Riesenszene zu machen, aber eine ehrlich gemeinte Entschuldigung wäre wohl das Mindeste gewesen.

„Wissen Sie was?“, fragte er beherrscht. „Ich garantiere Ihnen, das kostet Sie Ihren Job! Zufällig kenne ich hier auf der Insel ein paar wichtige Leute. Und nun wünsche ich einen guten Tag!“ Damit beendete er das Gespräch, ging in die Küche und bereitete sich eine Tasse Kaffee zu.

Warum regte er sich eigentlich so auf? Die Antwort kam ihm sofort in den Sinn: Weil er sich selbst untreu geworden war. Er hatte sich vorgenommen, nie wieder etwas über sein Privatleben zu erzählen, nicht eine Silbe, und nun hatte er es doch getan.

Und obwohl dieser Artikel in der mallorquinischen Zeitung nicht annähernd die Dimension hatte wie zu der Zeit, als er schon einmal im Fokus der spanischen Klatschpresse stand, fühlte er sich so wie damals.

Damals, als er mit Livia zusammen gewesen war.

Damals, als er wie ein Vollidiot dagestanden hatte!

Als sie ihn vor allen vorgeführt hatte! Solche Geschichten von Verrat und Demütigung waren in der Regenbogenpresse gefragt. Und er hatte dafür erstbestes Futter geliefert. Ihm wurde schlecht, wenn er daran dachte.

In diesem Moment klingelte sein Telefon, und auf dem Display erschien die eben von ihm gewählte Nummer. Vielleicht bekam er ja jetzt, nach seiner Drohung, eine ernsthafte Entschuldigung. Die oberen Kreise der spanischen Gesellschaft gehörten zur Klientel der Firma seines Vaters, und so hatte er überall Beziehungen. Wenn er den Ruf von Cathy Ronalds wirklich zerstören wollte, konnte ihm das locker gelingen. Aber war das wirklich die Mühe wert?

Widerwillig nahm er das Gespräch entgegen. „Ja, bitte?“

„Bitte entschuldigen Sie nochmals ausdrücklich den Fehler“, vernahm er die nun etwas kleinlaut klingende Stimme der Journalistin. „Ich weiß wirklich nicht, wie das passiert ist. Und ich schwöre Ihnen, es liegt mir nichts daran, Aussagen zu verfälschen. Das müssen Sie mir glauben!“

„Muss ich das?“, fragte er schon ein wenig milder. Es war wahrscheinlich wirklich alles nur ein dummer Zufall, und er hatte es selbst zu verantworten, das Wort „Frau“ bei dem Interview überhaupt in den Mund genommen zu haben.

„Kann ich irgendetwas tun, um mich zu entschuldigen? Bitte! Es ist für mich überlebenswichtig. Ich darf meinen Job nicht verlieren. Vielleicht … können wir Sie zu irgendetwas einladen?“

Nun klang die Stimme immer flehender. Seine Wut war schon fast verraucht. Nein, ihm lag nichts daran, die Zukunft anderer Menschen zu gefährden, wirklich nicht.

Auf einmal aber fühlte er sich seltsam wach und klar: Sagte sie eben „wir“? Meinte sie damit sich selbst in Begleitung ihrer Freundin? Er dachte kurz nach. Auf ein weiteres Treffen mit Cathy Ronalds konnte er jedoch mit Handkuss verzichten. „Eine Einladung zu dritt? Nett gemeint, aber vielen Dank.“

„Aber was dann?“

Er spann seinen Gedanken weiter. Die Begegnung mit Lauren Featherstone war nicht ganz spurlos an ihm vorbeigegangen, und er hatte nichts zu verlieren. „Sie könnten Ihre Freundin zu mir schicken. Dann denke ich über den nächsten Schritt gerne noch einmal nach“, hörte er sich sagen.

Am anderen Ende war für eine Weile nichts zu hören. „Sie meinen … Lauren?“

„Ja, Lauren Featherstone“, bestätigte er. „Heute Nachmittag um drei Uhr bin ich hier auf der Jacht. Richten Sie Grüße aus.“ Und wieder beendete er das Gespräch abrupt, wohl wissend, dass er eine Begegnung mit Lauren auf so eine Weise nicht erzwingen konnte – und auch nicht wollte.

Aber es bereitete ihm eine gewisse Genugtuung, die Journalistin sprachlos zu machen. Und wenn Lauren tatsächlich kam, dann aus freien Stücken. Cathy Ronalds würde ihre Freundin wohl kaum dazu zwingen können.

Fast musste er über den vorgeschlagenen Deal schmunzeln: Tausche Druckfehler gegen hübsche Freundin! Was für ein absurder Handel! Doch der Gedanke daran, dass es so klappen könnte, gefiel ihm zunehmend gut.

Lauren war völlig durcheinander. Bis eben hatte sie gedacht, sie würde Angelo Crespo niemals wiedersehen. Sie hatte neben Cathy gesessen und gerade begonnen, mit ihr gemeinsam die Reportage zu lesen, als das Telefon klingelte und Angelo am Apparat war. Sie sah ihre Freundin erst lächeln und dann bleich werden.

„Er hat aufgelegt“, hatte Cathy nach einer Weile geflüstert. „Und ich bin hier vielleicht meinen Job los.“

Als Lauren erfuhr, was passiert war, sagte sie sofort: „Ruf ihn an und entschuldige dich noch mal, und zwar richtig! Jetzt sofort!“

Nervös und gebannt verfolgte sie das kurze Telefonat, so gut es ging, doch leider sprach Cathy Spanisch. Trotzdem schnappte sie ihren Namen auf, und ihr Herz begann zu klopfen.

„Was hat er gesagt?“, fragte sie Cathy, die seltsam reglos auf ihr Telefon starrte.

„Nun …“

Lauren hielt die Spannung nicht mehr aus und sprang auf. „Hat er die Entschuldigung angenommen?“

Cathy sah sie irritiert an. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder, und ganz entgegen ihrer Art herrschte Lauren ihre Freundin an: „Jetzt sag schon!“

„Nun, er hat gesagt … du sollst zu ihm kommen. Und zwar allein.“

Lauren setzte sich wieder. „Wie bitte?“

„Du sollst zu ihm kommen“, wiederholte Cathy. „Dann wird er seinen nächsten Schritt überdenken. Das hat er gesagt.“

„Das ist doch ein Scherz!“, rief Lauren.

Cathy sah sie beunruhigt an. „Heute Nachmittag um drei auf seiner Jacht. Es ist ein ziemlich gewagter Vorschlag, aber ich bringe dich hin, wenn du magst – natürlich!“

Lauren lachte auf, aber es war ein gekünsteltes Lachen. Machte sich Cathy über sie lustig? „Natürlich ist hier gar nichts!“ Natürlich würde sie auf keinen Fall allein auf Angelos Jacht gehen! Außerdem konnte das so alles gar nicht stimmen. Angelo hatte mit keiner einzigen Geste Interesse an ihr signalisiert. Gut, er hatte ihr das Schiff gezeigt, aber er war dabei genauso kühl und distanziert gewesen wie zu Cathy.

„Bitte“, sagte Cathy. „Bitte tu mir den Gefallen!“

Lauren verschränkte die Arme vor der Brust, weil sie fürchtete, Cathy könnte ihren aufgeregten Herzschlag hören. „Das ist ein bisschen viel verlangt, findest du nicht?“ Und damit meinte sie beide: Angelo mit seinem abwegigen Vorschlag als auch Cathy mit ihrer abwegigen Bitte, darauf einzugehen.

Nun war es Cathy, die aufsprang. „Dieser Mistkerl! Habe ich dir nicht vorhin wieder gesagt, wie borniert er ist? Wie kann er seine Macht nur auf diese Art und Weise ausnutzen? Aber du wirst mir doch helfen, nicht wahr?“

„Wie konnte das mit dem Druckfehler nur passieren?“, fragte Lauren, um ein bisschen Zeit zu gewinnen. Die Gedanken in ihr rasten durcheinander. Wenn Angelo Crespo sie wiedersehen wollte – erwartete er dann etwa eine Art Liebesdienst?

Der Gedanke nahm ihr fast den Atem, und wieder sah sie das hellblaue Augenpaar vor sich, das sie herausfordernd anschaute. Ja, wenn sie dorthin ginge, würde er wohl kaum nur einen Kaffee mit ihr trinken wollen. Dabei war alles andere indiskutabel. Sie war verlobt und würde bald heiraten. Sie konnte nicht einfach … sie durfte es nicht einmal denken.

Cathy zuckte die Schultern und sah sehr unglücklich aus. „Ich weiß es wirklich nicht. Ein Fehler kommt eben schon mal vor, auch wenn dieser besonders pikant ist: aus ‚keine‘ wurde ‚eine‘! Aber ich hätte diese Aussage eben erst gar nicht verwenden sollen. Wenn ich ehrlich bin, hat er es ja nur halblaut und eher zu sich selbst gesagt. Ich wusste, es war eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, und ich habe meine Prinzipien verraten. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Und nun folgt auch schon die Strafe.“

Lauren klammerte sich an ihren Entschluss. „Dann musst du es leider auch ausbaden“, sagte sie leise, sah ihre Freundin dabei aber entschlossen an.

Cathy fing an zu weinen. „Bitte, Lauren! Wir haben uns doch mal ein Versprechen gegeben!“

„Was?“ Lauren spürte das Blut aus ihrem Gesicht weichen, weil sie begriff, dass Cathy es wirklich ernst meinte.

„Ich habe dir schon so oft geholfen, und jetzt bist du dran“, schluchzte Cathy. „Wir haben uns doch versprochen, dass wir uns in Sachen Liebe und Beruf immer zur Seite stehen. Immer! Wir haben es uns geschworen!“

Lauren war von Cathys plötzlichem Gefühlsausbruch völlig überrumpelt. Sie wusste allerdings genau, worauf ihre Freundin anspielte. Als Cathy sie vor zwei Jahren zu einer exklusiven Party in einen Londoner Club mitgeschleppt hatte, war sie es gewesen, die Lauren mit Patrick bekannt gemacht hatte. Cathy war es wenig später auch gewesen, die Lauren dazu gedrängt hatte, mit ihm auszugehen und ihn bei der Jobsuche um Hilfe zu bitten.

Daraufhin hatte Patrick ihr eine Stelle am Empfang einer großen Londoner Bank besorgt, die dank seiner Beziehungen gut bezahlt war. Seit dem College hatte Lauren für das Familieneinkommen gejobbt. Dass Patrick in ihr Leben getreten war, hatte alle beruhigt, und so dachte ja auch Lauren bis vor Kurzem, ihr Beziehung mit ihm müsste gut und richtig sein …

„Moment mal“, wandte Lauren ein. „Du hast das alles damals eingefädelt, ohne mich zu fragen. Und jetzt setzt du mich unter Druck? Das ist nicht fair!“

„Ich stehe eben selbst unter Druck!“ Cathy redete nun so laut, dass Lucas aus dem Haus kam, sie mit besorgter Miene in den Arm nahm und ihr die Tränen wegküsste. Noch hatte er von der ganzen Misere nichts mitbekommen. Fragend sah er Lauren an, denn er musste ja glauben, sie allein habe Cathys Gefühlsausbruch zu verantworten.

„Lauren, ich bin schwanger! Ich weiß es erst seit heute früh.“ Cathy schmiegte sich an Lucas, und beide sahen sie erwartungsvoll an. „Wenn ich jetzt meine bisher mühsam erarbeiteten Beziehungen als Journalistin verliere …“ Sie stockte und wirkte auf einmal ziemlich verloren. „Lucas verdient nicht genug für drei. Bitte, fahr zu Angelo. Nur um herauszufinden, wie ich – wie wir – ihn beschwichtigen können. Ich brauche deine Hilfe! Es ist wirklich wichtig!“

Lauren spürte, wie ihre Kehle eng wurde. Alle erwarteten etwas von ihr: die einen eine Heirat, und Cathy nun einen ziemlich fragwürdigen Freundschaftsdienst. Und das war umso beunruhigender, weil Lauren das Gefühl hatte, nirgendwo ein Mitspracherecht zu haben. Stattdessen kam sie sich vor wie in einem Theaterstück.

Die Sache mit Cathy jedenfalls war ein gekonnt arrangiertes Drama, das im Moment vor ihren Augen aufgeführt wurde. Lucas hatte seine Hand auf Cathys Bauch gelegt, und Lauren war nicht fähig, ihrer Freundin den Gefallen abzuschlagen. Eines aber konnte sie tun: Vor ihr verbergen, dass der Gedanke an ein Wiedersehen mit Angelo ihr nicht nur Furcht, sondern auch bange Vorfreude bereitete.

4. KAPITEL

Angelo saß unter Deck in seinem kleinen Büro. Hin und wieder arbeitete er der Firma bereits zu, doch heute konnte er sich nur schwer konzentrieren. Immer wieder sah er auf die Uhr. Gleich würde es sich herausstellen, ob Lauren Featherstone hier wirklich auftauchte.

Seine Wut auf Cathy Ronalds war nun vollends verschwunden. Wenn die Journalistin wüsste, dass sie ihm sogar einen Gefallen getan hatte! Denn Danielle hatte den Artikel bereits gelesen und würde bis auf Weiteres nicht mehr auftauchen.

„Wer ist es?“, hatte sie beleidigt gefragt.

„Du kennst sie nicht“, hatte er spontan geantwortet. Nun nahm das Spiel also seinen Lauf. Das Gerücht zeigte bereits seine Wirkung. Letztendlich war es ihm heute aber egal, was andere über ihn dachten.

Das Telefon klingelte, und der auf dem Display erscheinende Name verursachte bei ihm nur noch Unbehagen: Livia.

Seit Neuestem meldete sie sich wieder bei ihm. Genauer gesagt, seit klar war, dass ihre Karriere als Model und Sängerin doch nicht so kometenhaft verlief wie geplant. Doch er war ihr gegenüber kalt wie Eis. Er ließ sich von ihr bestimmt nicht noch einmal demütigen. Erst als das Telefon nicht aufhören wollte zu klingeln, nahm er das Gespräch entgegen.

Nach einem kurz gehaltenen Smalltalk kam sie zur Sache: „Stimmt es wirklich?“

„Was?“

„Das mit der Frau, die du auf der Reise getroffen hast.“

„Du hast den Artikel gelesen?“, fragte er erstaunt. Schließlich rief sie aus Barcelona an, und die Reportage über seine Reise war in einer mallorquinischen Zeitung erschienen.

„Ich habe überall Bekannte“, antwortete sie, „und der Artikel steht ja auch im Internet.“

„Dann wird es wohl stimmen“, antwortete er ungerührt. So hatte die ganze Geschichte wenigstens etwas Gutes. Sollte Livia ruhig glauben, dass er eine Frau getroffen hatte, die ihm etwas bedeutete!

In Wahrheit allerdings war das Gegenteil der Fall. Selbst wenn er noch echtes Interesse an einer Frau finden würde, würde er seine Gefühle nie mehr offen zeigen. Er hatte zu viel Lehrgeld gezahlt.

„Dann habe ich jetzt wirklich keine Chance mehr?“, fragte Livia.

„Du bist verrückt!“, rief Angelo. „Du hast mich auf die übelste Weise abserviert und glaubst nun, einfach wie früher weitermachen zu können?“

„Ich habe einen Fehler gemacht …“

Allerdings, dachte er nur. Er hatte Livia unsterblich geliebt. So unsterblich, dass er allen von der von ihm geplanten Verlobung erzählt hatte. Jede Zeitung hatte wissen sollen, dass er, Angelo Crespo, das angehende Topmodel Livia heiraten würde. Auf einer der größten Society-Partys des Jahres hatte er sich und Livia in Barcelona feiern lassen wollen.

„Ich dachte, wir könnten doch noch mal …“, hörte er die ehemals so vergötterte Stimme jetzt sagen. Damals startete sie auch eine Karriere als Sängerin, bei der er selbst dank einiger Beziehungen etwas nachgeholfen hatte. Dann aber, in ihrem Größenwahn, war ihr Angelo wohl plötzlich nicht mehr genug gewesen.

„Hör auf!“, unterbrach er sie, denn es gab keine Entschuldigung. In aller Öffentlichkeit hatte sie seinen Antrag abgelehnt. Nie wieder würde er das unangenehme plötzliche Schweigen unter den zahlreichen Gästen und das Klicken der Kameras vergessen.

Das tiefe Gefühl der Scham und sein bestürztes, gerötetes Gesicht, das in den Zeitungen abgebildet wurde. An all das wollte er nicht mehr erinnert werden. „Und jetzt habe ich zu tun. Ich wünsche dir einen schönen Tag. Adiós!

Seine Laune war auf dem Nullpunkt. Frauen konnten einem wirklich den letzten Nerv rauben. Am liebsten wäre er sofort losgesegelt, hinaus aufs Meer und in die Einsamkeit, wo nur der Wind mit dem Kapitän Zwiesprache hielt.

Da hörte er ein Geräusch. Er stand auf und ging nach oben. Tatsächlich stand dort Lauren in einigem Abstand zum Boot auf dem Quai und blickte ihm ernst entgegen.

„Möchten Sie an Bord kommen?“, fragte er und ließ den Blick über sie gleiten. Sie trug ganz einfach nur Jeans und eine Bluse – aber sie machte darin eine ziemlich gute Figur.

„Muss ich?“ Mit dieser knappen Antwort wollte sie wohl demonstrieren, dass sie keineswegs aus freien Stücken hier war, wie er es sich ausgemalt hatte. Oder sie verbarg es einfach gut. Er tippte auf Letzteres, und genau das stachelte ihn an.

„Sie möchten den Nachmittag also lieber stehend verbringen?“ Er genoss es, sie weiterhin zu betrachten. Durch einen leichten Windstoß schmiegte sich der seidige Stoff ihrer Bluse enger an ihren verführerischen Körper.

„Ich bin nicht gefragt worden, was ich möchte. Von niemandem“, entgegnete sie und sah nun auf den Boden.

Das klang nicht schnippisch, sondern eher ein wenig niedergeschlagen. Jetzt verspürte Angelo doch so etwas wie schlechtes Gewissen. Lauren hatte ja schon angedeutet, dass sie in London eher bescheiden lebte. Auch wirkte sie in manchen Momenten so verletzlich. In ihm keimte plötzlich das irritierende Bedürfnis auf, sie zu beschützen. „Sie sind also nur hier, weil Ihre Freundin Sie darum gebeten hat?“, wollte er nun wissen.

„Natürlich“, antwortete sie, aber in ihrem Gesicht entdeckte er einen Hauch von Röte, der eben noch nicht da gewesen war. Sie sprach eben nicht die ganze Wahrheit aus, und das machte die Sache weiter interessant. Um aber ganz sicher zu sein, dass er richtig lag, musste er nun ein kleines Wagnis eingehen: „Nun, wenn das so ist, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.“ Und er tat so, als wollte er wieder unter Deck verschwinden.

„Warten Sie!“, hörte er Lauren im letzten Augenblick ausrufen.

Er drehte sich langsam um.

„Was wollten Sie von mir?“, fragte Lauren, ihre Stimme bebte ein wenig.

„Ich wollte sehen, ob Sie kommen“, antwortete er.

„Und dann?“

„Was dachten Sie denn? Dass ich Sie gegen Ihren Willen entführe?“

„Ich dachte gar nichts. Ich wollte nur meiner Freundin helfen.“

„Das sagten Sie schon.“ Angelo war wieder auf sie zugegangen. „Möchten Sie nun aufs Schiff kommen?“

„Und dann?“, fragte sie erneut und trat ebenfalls einen Schritt näher.

Sein Blick blieb an ihren sinnlichen Lippen hängen. Offenbar gehörte sie zu jenen Frauen, die Fragen am liebsten mit Gegenfragen beantworteten. Es würde ein wenig Zeit brauchen, sie zu erobern. Er streckte ihr die Hand entgegen, und sie ließ sich zögernd an Bord helfen. Als sie vor ihm stand, konnte er einen Hauch ihres blumigen Parfüms wahrnehmen.

„Ist doch klar, was wir hier machen“, antwortete er nun. „Wir befinden uns auf einer Segeljacht, also machen wir auch einen Törn. Rufen Sie Ihre Freundin an. Wenn ich einmal losfahre, könnte es wenigstens zwei, drei Tage dauern.“

Lauren stand nun so nah vor Angelo, dass sie fast seine Körperwärme spüren konnte. Zwei, drei Tage? War dieser Mann noch bei Sinnen? Sie sollte sofort einen Schritt zurückweichen, um ihm zu zeigen, dass an so etwas Verrücktes keinesfalls zu denken war.

Aber sie konnte sich nicht rühren. Die hellblauen Augen sahen sie durchdringend an, und die Härchen auf ihrer Haut stellten sich auf. Sie zwang sich wenigstens zu einer – wenn auch völlig unzureichenden – Antwort. „Das geht nicht.“

Angelos Augen flackerten. „Und warum nicht?“

„Weil …“ Sie stockte und dachte die restlichen Worte nur: Weil ich verlobt bin. Das wäre wohl die richtige Antwort gewesen, aber nicht der wirkliche Grund. Weil der Spanier ihr zu gut gefiel? Ja. In Wahrheit hatte sie Angst. Denn schon einmal hatte sie sich auf einen äußerst gut aussehenden und undurchschaubaren Mann eingelassen.

Matthew hatte ihr zwar gezeigt, was Leidenschaft bedeutete, doch dafür hatte sie einen extrem hohen Preis gezahlt. Noch heute war die Wunde nicht ganz verheilt, und nie mehr wollte sie derart enttäuscht werden.

Angelo Crespo, wie er nun vor ihr stand, kam ihr wie die Personifizierung dieser schlechten Erfahrung vor. Sie musste jetzt schnell und deutlich Nein sagen und wieder gehen.

Cathy konnte unmöglich erwarten, dass sie mit dem Unternehmersohn auf eine mehrtägige Segeltour ging, nachdem sie selbst ihn für einen derart arroganten Mistkerl hielt.

Aber stattdessen hörte sich Lauren sagen: „Weil ich keine Sachen dabeihabe.“

Diese Antwort wirkte unfreiwillig komisch, und tatsächlich musste Angelo grinsen. Das erste Mal überhaupt hörte sie ihn lachen. Dabei zeigte er makellose weiße Zähne, und sein Lachen hörte sich tief und sympathisch an, ganz im Gegensatz zu seiner sonst recht kühlen Art.

„Das ist wirklich ein großes Problem. Dann fahren wir jetzt in die Stadt und kaufen alles ein, was Sie brauchen.“

„Ich habe kein Geld dabei“, sagte Lauren. „Nur ein paar Euro, ich wusste ja schließlich nicht …“

„Das Problem wird ja immer größer“, erwiderte Angelo immer noch lächelnd, und genau das verunsicherte sie immer mehr. „Gerne kaufe ich Ihnen alles, was Sie brauchen. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Lauren suchte verzweifelt nach neuen Argumenten, da legte er ihr den Finger auf die Lippen. „Schluss jetzt. Wir fahren! Und Schluss auch mit der Förmlichkeit. Da wir nun ja eine gewisse Zeit auf engem Raum miteinander verbringen werden, würde ich das Sie gerne ablegen, wenn du nichts dagegen hast.“

„Das kannst du doch nicht machen!“, platzte es nun aus Lauren heraus. Sie fühlte sich wie ohnmächtig. Und gleichzeitig extrem lebendig …

„Was kann ich nicht machen? Dich zu einer Segeltour einladen, von der du schon lange träumst? Und vielleicht zu einem hervorragenden Abendessen in der Stadt? Dir ein paar Sachen kaufen, die dir gefallen? Das ist wirklich schlimm von mir, da hast du recht“, sagte Angelo nun mit ironischem Unterton.

Lauren starrte ihn an. Konnte kühle blaue Augen Feuer sprühen? Dieser Mann war genauso unmöglich wie unwiderstehlich. „Und wenn ich bei alldem nicht mitmache, dann verliert meine Freundin ihren Job?“, fragte sie nach, denn so richtig verstand sie das alles nicht. Angelo konnte doch jede Frau haben – wieso bemühte er sich ausgerechnet um sie?

Sie hatte sich noch nicht einmal besonders vorteilhaft angezogen, trug nur eine Jeans und eine Bluse mit halblangen Ärmeln, die ihre Narben am rechten Oberarm verstecken sollten. Ihre innere Stimme warnte sie in diesem Moment deutlich davor, sich auf diesen Mann einzulassen. Sie wollte nicht noch einmal so leiden müssen.

Dass allerdings dieser Gedanke und nicht etwa Patrick der Grund für ihre Vorsicht war, war doch recht befremdlich.

Nun verschränkte Angelo die Arme vor der Brust. „Du musst schon selbst herausfinden, ob ich wirklich so ein schreckliches Ungeheuer bin und deine Freundin in Schwierigkeiten bringe.“

Nun schalteten sich auch die anderen Stimmen wieder ein, die ihr mal das eine und mal das andere zuflüsterten: Fahr mit! Und: Du solltest das Patrick nicht antun! Dann: Du tust es für Cathy! Und schließlich auch noch dies: Lass dir die Chance nicht entgehen!

Dabei aber ließ die letzte, ziemlich laute Stimme allerdings offen, was genau sie meinte: die spontane Chance auf eine unvergessliche Segeltour oder aber die Tatsache, dass sie und Angelo sich während dieser Zeit wohl zwangsläufig näherkommen würden.

Wenig später saßen sie in einem Taxi und fuhren in die Innenstadt. Palma de Mallorca galt als Juwel am Mittelmeer. Majestätisch thronte die wunderschöne Kathedrale „Le Seu“ in der Nähe der Strandpromenade.

Wie ein geschmeidiger Teppich aus Hellblau und Türkis schmiegte sich das leuchtende Meer an das Land. Rund um die weitläufige Marina, in der Tausende von Segelmasten auf den Wellen schaukelten, gab es viele schöne Cafés und Restaurants, die zum Verweilen mit Wasserblick einluden.

Verwinkelte Gassen erstreckten sich vom belebten „Passeig de Maritimo“ in die Altstadt mit ihren schönen Plätzen und Patios. Dabei hatte die Inselhauptstadt aber auch einen Hauch von Glamour und internationales Flair zu bieten. Es gab viel zu entdecken und viel Schönes aus aller Welt zu kaufen.

Als sie im Stadtzentrum aus dem Taxi stiegen, führte Angelo sie zu einer edel wirkenden Boutique, die Lauren allein niemals betreten hätte. Ohne das nötige Kleingeld in teuren Läden zu stöbern, fand sie nicht gerade reizvoll.

Lauren war zwar nicht in Armut, aber auch nicht in Wohlstand aufgewachsen. Immerhin bewohnte ihre Familie ein kleines Haus, doch teurere Dinge besaß sie erst, seit sie Patrick kannte.

Vier Kinder hatten ihre Eltern zu ernähren, und das Familieneinkommen war meistens knapp gewesen. Deswegen war es ja so wichtig, dass Lauren mit ihrem Einkommen helfen konnte. Noch immer lebte sie mit den jüngeren Geschwistern und der Mutter zusammen.

Nur die Wochenenden verbrachte sie meist bei Patrick, der in einer geräumigen, aber etwas sterilen Wohnung lebte. Es war geplant, dass sie sich nach der Hochzeit gemeinsam irgendwo einrichteten.

Bislang hatte alles irgendwie funktioniert. Doch dann war ihr Vater gestorben, und die Familie stand plötzlich vor einem riesigen Schuldenberg. Erst da hatte Lauren realisiert, wie sehr sie auf ihren Verlobten angewiesen war.

Aber wenn sie ihn nach wie vor liebte – wo war dann das Problem? Immer drängender suchte sie die Antwort auf diese Frage.

„Wir kaufen dir erst einmal ein Paar Schuhe, in denen du dich sicher auf dem Schiff bewegen kannst, und dazu ein hübsches Sommerkleid“, sagte Angelo beim Betreten der Boutique fast so selbstverständlich, als wäre er ihr Verlobter. Das war doch absurd! Sie musste sich zwingen, nicht auf der Stelle kehrtzumachen und wegzulaufen.

Auch angesichts der perfekt durchgestylten Verkäuferin fühlte sich Lauren zunächst unwohl. Einmal mehr wurde ihr bewusst, wie gewöhnlich sie in Angelos Augen aussehen musste.

Und doch: Gleichzeitig wuchs eine nicht zu leugnende Euphorie in ihr: Sie würde segeln! Nicht irgendwann und vielleicht, sondern jetzt. Es war wirklich eine einmalige Gelegenheit, kurz bevor sie sich auf ein Leben mit Patrick einließ, der eigentlich keine großen Hobbys pflegte. Und wenn Angelo ihr tatsächlich zu nahe kam, würde sie eben Nein sagen …

Als Lauren wenig später mit Angelo die Boutique wieder verließ, trug sie in jeder Hand eine große Papiertasche. Sie hatte sich zwar anfangs dagegen gewehrt, als er ihr neben dem Kleid noch eine hübsche wärmende Jacke für den Abend und eine leichte anschmiegsame Leinenhose kaufen wollte. Doch er hatte einfach so getan, als wäre dies Teil des Deals. Als wäre es ein großer Fehler, die Geschenke nicht anzunehmen. Also hatte sie sich innerlich ergeben. Nur den knappen Bikini hatte sie hartnäckig abgelehnt. Sie würde sich vor Angelo so wenig wie möglich entkleiden, das war ja wohl klar.

Eben aber hatte sie aufgeschnappt, was der Einkauf der edlen Markenkleidung kostete.

„Warum tust du das?“, stammelte sie verwirrt. Immerhin war es fast so viel wie ihr gesamtes Monatseinkommen …!

Seine hellblauen Augen glitzerten im Sonnenlicht. Statt eine Antwort zu geben, glitt sein Blick etwas tiefer, und er streckte die Hand nach ihr aus. Mit den Fingerspitzen berührte er ihren Hals, und ein Schauer überlief sie. Dann nahm er ihre Kette in die Hand und betrachtete diese eingehend. Ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Und nun kaufen wir dir etwas Schmuck“, gab er statt einer Erklärung als Antwort und ließ die Kette wieder los.

Sie fasste jetzt ebenfalls an ihren Hals, wo die Haut von seiner Berührung zu brennen schien. „Diese Kette nehme ich nicht ab“, sagte sie und hielt seinem verwunderten Blick stand.

Es war eine silberne Kette mit einem Herz als Anhänger. Schlicht und einfach – vielleicht ein bisschen zu mädchenhaft. Doch das war ihr egal. „Sie ist ein Andenken an meinen Vater. Er ist vor Kurzem verstorben.“ Nun brannten ihre Augen, und sie senkte den Blick. In diesem Moment spürte sie, wie ihr Gesicht von seiner Hand wieder hochgehoben wurde.

„Da tut mir leid“, sagte Angelo, und das erste Mal konnte sie so etwas wie Wärme in seiner Stimme wahrnehmen. „Wirklich.“

Sie hielt den Atem an, denn mit jeder Minute wurde die Anziehung zwischen ihnen offensichtlicher. Mit einem Mal erwartete sie sogar, er würde sie nun küssen, aber dann zog er die Hand zurück und sagte: „Es muss ja auch keine Kette sein. Komm mit!“

Lauren folgte ihm, doch jetzt würde sie sich nicht noch einmal etwas Teures kaufen lassen. Das hier war nicht normal! „Bitte, ich habe bereits genug bekommen“, sagte sie zu Angelo, der sie gar nicht zu hören schien. Stattdessen steuerte er auf einen Laden zu, der gegenüber lag und im Verkaufsraum verschiedenste Accessoires und Schmuck in gläsernen Vitrinen anbot.

„Schau dich um und such dir etwas aus“, sagte Angelo knapp, als sein Telefon klingelte. „Bin gleich wieder da.“

Etwas überfordert blieb Lauren zurück. „Guten Tag!“, hörte sie dann eine nicht unbekannte Stimme und blickte in freundliche Augen. Sofort erkannte sie Mr. Baker wieder, der während des Fluges neben ihr gesessen hatte. „Wie schön, dass Sie vorbeikommen!“ Dann zwinkerte er ihr zu. „Dieser Mann ist also jene Freundin, die Sie hier auf Mallorca besuchen?“

Lauren musste lächeln. Was für ein Zufall, dass Angelo ausgerechnet diesen Laden ausgewählt hatte! Gleich fühlte sie sich etwas entspannter, und sie beschloss, Angelos kurze Abwesenheit auszunutzen und sich dem sympathischen Mr. Baker ein wenig anzuvertrauen: „Ich soll mir etwas aussuchen, aber ich möchte nicht, dass es so teuer wird. Wissen Sie, wir kennen uns noch nicht so gut …“

„Verstehe.“ Mr. Baker lächelte.

Als Angelo den Laden wieder betrat, hatte sie sich mit Mr. Bakers Hilfe für einen schmalen Silberring mit einem großen hellblauen Stein entschieden. Er kostete nicht viel, aber sie fand ihn wunderschön.

Angelo nahm sie zur Seite. „Nur das?“, fragte er.

„Ich habe mehr als genug bekommen“, antwortete Lauren mit fester Stimme. „Nur für die Nacht bräuchte ich noch …“ Sie stockte, als ihr bewusst wurde, was sie da sagte. Sie würde also wirklich auf der Jacht bleiben?

„In werde natürlich in der Gästekabine schlafen“, fügte sie schnell hinzu, um das Wichtigste überhaupt klarzustellen.

Angelos Blick verriet nichts, als er sie ruhig ansah. „Im Badezimmer auf der Jacht dürftest du alles finden, was du brauchst. Und jetzt machen wir einen kleinen Spaziergang und gehen etwas essen, oder hast du keinen Hunger?“

Sie konnte nur nicken. Seit dem Frühstück hatte sie vor Aufregung nichts mehr gegessen, und ihr Magen machte sich schon knurrend bemerkbar.

Nun folgte also eins aufs andere.

Doch zum Äußersten würde sie es nicht kommen lassen, daran hielt sie nach wie vor fest. Eine schmerzhafte Affäre in ihrem Leben reichte völlig aus – und das allein war doch eigentlich schon Grund genug, Patrick zu heiraten! Wie gut, dass ihr diese Tatsache nun wieder so bewusst geworden war.

Je weiter der Abend voranschritt, desto besser fühlte sich Angelo. Laurens Gesellschaft war schon allein deswegen erfrischend anders, weil sie eben keine verwöhnte reiche Lady war.

Er erfuhr, dass sie drei jüngere Geschwister hatte, für die sie sich verantwortlich fühlte. Mehrfach bedankte sie sich für die Geschenke. Er war einer spontanen Laune gefolgt, ihr diese ganzen Dinge zu kaufen, und es fühlte sich richtig an. Immer wieder fragte Lauren ihn auch über das Segeln aus, zu keiner Sekunde wurde das Gespräch langweilig.

Nach dem Essen gingen sie noch in eine edle Bar, und der Wein tat sein Übriges. Lauren lachte immer öfter, und ihr Gesicht sah dabei im Kerzenlicht bezaubernd aus. Ihre Ausgelassenheit gefiel ihm.

Doch er konnte schwer einschätzen, ob sie nicht schon zu viel getrunken hatte. Als sie unter einem leuchtenden Halbmond die Straße entlanggingen, wankte sie leicht. Er nahm sie am Arm. Hoffentlich hatte er ihr nicht zu viel zugemutet.

„Wohin gehen wir?“, fragte Lauren.

„Das weißt du doch“, antwortete er nur.

Wieder liefen sie schweigend ein Stück, und er winkte ein Taxi heran. Deutlich merkte er nun ihre wachsende Anspannung, doch die würde er ihr gleich nehmen. Diese kleine Affäre kam gerade richtig, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Die Vorstellung, gleich ihren Körper erkunden zu dürfen, versetzte ihn in Hochstimmung.

Kaum waren sie auf der Jacht, schlang sie die Arme schützend um sich selbst. Dabei war die Nacht angenehm lau. Der Mond schimmerte auf dem Wasser, Licht war nicht nötig. Er trat auf sie zu, löste sanft ihre Arme, zog sie an sich. Mit einem leisen Seufzen ließ sie es geschehen und stand dicht an ihn geschmiegt. Es fühlte sich gut an. Gleich …

Doch plötzlich löste sie sich von ihm und trat einen Schritt zurück. „Es tut mir leid“, sagte sie. „Jetzt bist du enttäuscht. Aber ich kann … ich will … es geht nicht. Ich bin dir sehr dankbar für diesen wundervollen Abend. Für alles, das musst du mir glauben. Aber jetzt sollte ich wohl besser gehen.“

Wieder schwankte sie kurz, ja, sie hatte einen Schluck zu viel getrunken. Die meisten Frauen wurden dann eher schwach und ließen sich erst recht gehen. Lauren aber war dabei, aus dem Abend einfach auszusteigen. So etwas hatte er schon lange nicht mehr erlebt.

„Die Vorstellung, mit dir segeln zu gehen, war wundervoll.“ Sie flüsterte nun fast. „Mein großer Traum.“

„Warum wirfst du ihn dann weg?“ Wieder trat er zu ihr, doch sie wich zurück. Ihre Reaktion irritierte ihn, aber sie spornte ihn auch an. Anfangs hatte Lauren seinen Beschützerinstinkt geweckt, doch nun führte ganz klar der Eroberungstrieb die Regie.

„Nein …“ Sie wandte sich schon in Richtung Steg, doch er würde sie allein und beschwipst nicht gehen lassen. Mit festem Griff hielt er sie zurück. „Bleib hier“, forderte er.

„Ich muss nachdenken“, antwortete sie.

„Worüber?“

Jetzt sah sie ihn an, und ihre Augen glänzten wie das Wasser im Mondlicht. Er ließ seine Hand von ihrer Schulter nach vorne über den Ansatz ihre Brüste gleiten, und sie zuckte unter seiner Berührung zusammen.

„Lass mich, bitte!“ Und wieder geriet sie etwas ins Taumeln.

Da fasste er einen Entschluss. Vielleicht musste sie sich wirklich erst einmal ausruhen, so schwer es ihm auch fiel, jetzt von ihr zu lassen. „Du kannst dich in der Gästekabine hinlegen“, sagte er, und als sie immer noch zögerte, fügte er hinzu: „Allein.“

Als er wenig später nach ihr sah, schlief Lauren tief und fest. Er hingegen war hellwach. Er würde wohl kaum ein Auge zutun, bis er sie endlich erobert hatte.

5. KAPITEL

Mit einem inneren Schwanken war Lauren eingeschlafen, und in ähnlicher Weise wachte sie wieder auf. Sanft schaukelte der Boden unter ihr. Es fühlte sich allerdings viel besser an als am Abend zuvor, an dem sie aus Übermut etwas zu viel getrunken hatte.

Der Abend zuvor! Langsam kristallisierten sich die Erinnerungen heraus. Angelo, wie er sie im Mondlicht hungrig angesehen, sie berührt hatte …

Lauren setzte sich auf. Sie war immer noch auf der Jacht! Was war passiert? Ein Stechen fuhr durch ihren Kopf und ließ sie aufstöhnen. Dann sah sie sich um. Sie war in der Gästekabine. Nichts war passiert. Sie war barfuß, trug aber noch ihre Jeans und ihre Bluse. Sie musste sofort eingeschlafen sein. Wenigstens hatte sie es noch geschafft, Cathy vor dem Einschlafen eine kurze SMS zu schreiben. Ihre Freundin sollte sich keine Sorgen machen.

Das Schaukeln wurde stärker. Plötzlich fuhr ihr der Schreck in die Glieder. Das fühlte sich ja an wie … Hastig kam sie auf die Beine und stolperte aus der Kabine.

Eine Brise umfing sie, als sie nach oben kam. Sie stand an Deck und schaute sich verwirrt um. Das Boot war von Wasser umgeben, und hinter ihr lag das Land. Einen Moment lang wusste sie nicht, ob sie wachte oder träumte.

„Guten Morgen!“

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