Logo weiterlesen.de
ROMANA EXTRA BAND 43

CAITLIN CREWS

Im Reich des Wüstenprinzen

Amaya kann Scheich Kavian auf keinen Fall heiraten! Denn nichts fürchtet die freiheitsliebende Wüstenprinzessin mehr als das alles verzehrende Feuer der Leidenschaft, das Kavian in ihr entzündet …

ANNE FRASER

Heißert Flirt unter griechischer Sonne

Die Schöne vom Strand zieht den Arzt Dr. Dimitriou magisch an. Doch für einen Urlaubsflirt ist sie wohl kaum zu haben – und eine längere Beziehung würde zu sehr an den Schatten der Vergangenheit rühren …

DIANA HAMILTON

Diese drei kleinen Worte …

Als Paolo Venini sie bittet, seine Frau zu werden, muss Lily Nein sagen. Eine Ehe ohne Liebe kommt für sie nicht infrage. Sie sehnt sich so nach den berühmten drei Worten. Aber Paolo schweigt …

JENNIFER HAYWARD

Mit einem Kuss fin es an

Gefährliche Versuchung: Alexandra kann einfach nicht widerstehen, ihren faszinierenden Boss Gabriele De Campo zu küssen. Auch wenn sie damit weit mehr als nur ihre berufliche Zukunft riskiert …

IMAGE

Im Reich des Wüstenprinzen

1. KAPITEL

Es passierte ohne Vorwarnung.

Niemand hatte sie heimlich beobachtet. Die Gespräche waren nicht verstummt, als sie den kleinen Coffeeshop in dem winzigen Dorf am Lake Kootenay in British Columbia betrat. Es gab keine Anrufe mit unterdrückter Nummer auf ihrem neuesten Mobiltelefon, die darauf hindeuteten, dass die Schlinge um ihren Hals sich zuzog.

Sie trank einen großen Becher mit starkem Kaffee, um die spätherbstliche Kälte hier oben im Norden zu bekämpfen, wo die Rocky Mountains schon schneebedeckt waren und die dichten Wolken tief hingen. Sie las ihre E-Mails und hörte ihre Sprachnachrichten ab. Es gab eine Mitteilung von ihrem älteren Bruder Rihad, die sie jedoch ignorierte. Sie würde ihn später anrufen, wenn sie sicher war, dass seine Männer sie nicht aufspüren konnten.

Ein plötzlicher Lufthauch veranlasste sie aufzublicken, und sie bekam eine Gänsehaut, bevor er sich ihr gegenüber an den winzigen Tisch setzte.

„Hallo, Amaya“, sagte er ruhig, aber mit einem triumphierenden Unterton, während sie am liebsten geschrien hätte. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde, dich zu finden.“

Als wäre dies eine zwanglose Verabredung, hier in diesem ruhigen Café in einer einsamen Gegend in Kanada, wo sie sich eigentlich sicher gewähnt hatte. Als wäre er für sie nicht der gefährlichste Mann auf der Welt – dieser Mann, der ihr Leben in Händen hielt, Händen, die Narben hatten und nun lässig auf dem Tisch lagen, während unverhohlener Zorn aus seinen grauen Augen blitzte.

Als hätte sie ihn nicht vor sechs Monaten kurz vor der Hochzeit verlassen – Seine Königliche Hoheit Kavian ibn Zayed al Talaas, Herrscher des Scheichtums Daar Talaas.

Seitdem war sie auf der Flucht. Sie lebte von dem Geld, das sie bei sich trug, und dank ihrer Fähigkeit, keine Spuren zu hinterlassen, sowie eines weltweiten Netzwerks von Freunden und Bekannten, die sie in ihrer Jugend kennengelernt hatte, als sie mit ihrer Mutter durch die Gegend reiste, war sie bisher unbehelligt geblieben.

Sie hatte bei wildfremden Leuten auf dem Boden geschlafen, in unbenutzten Zimmern von Bekannten ihrer Freunde und war kilometerweit in der Dunkelheit gelaufen, um nicht von ihm gefunden zu werden. Auch jetzt wäre sie am liebsten aufgesprungen und weggerannt, doch diesmal würde Kavian sie bekommen.

Bei der Vorstellung erschauerte sie. Sie tat es wieder, als sie bemerkte, wie er daraufhin die sinnlichen Lippen verächtlich verzog. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich.

„Anscheinend bist du überrascht“, stellte er fest.

„Natürlich bin ich das“, brachte Amaya mühsam hervor. Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Genau wie bei ihrer letzten Begegnung während der arrangierten Verlobung im Palast ihres Bruders im Süden von Kavians Königreich beanspruchte er ihre volle Aufmerksamkeit. „Ich dachte, ich hätte in den letzten sechs Monaten klargestellt, dass ich dich nie wiedersehen will.“

„Du gehörst zu mir“, erklärte er genauso selbstsicher wie bei der Verlobungsfeier im königlichen Palast von Bakrian und ihr wurde noch kälter als damals. „Früher oder später hätte ich dich gefunden, Amaya. Die Frage war nur, wann.“

Sein ruhiger Tonfall stand in krassem Gegensatz zu seiner gefährlichen Aura. Er war unbeschreiblich maskulin, groß und muskulös, was sie als ebenso fremdartig wie faszinierend empfand. Er sah ganz anders aus als die Männer in dieser Gegend, die Bärte hatten und in dicke Jacken gehüllt waren, um der Kälte zu trotzen.

Kavian trug Schwarz – eine schwarze Jacke, deren Reißverschluss geöffnet war, darunter ein gleichfarbiges T-Shirt, das seine breite Brust betonte, eine schwarze Hose und ebensolche Stiefel. Sein dichtes dunkles Haar war kürzer, als sie es in Erinnerung hatte, und betonte seine ungewöhnlich markanten Züge. Die lange, gerade Nase und die hohen Wangenknochen ließen ihn eher wie einen Krieger als wie einen König wirken. Auf jeden Fall wirkte er hier völlig deplatziert, so weit entfernt von Daar Talaas, wo seine Herrschaft genauso natürlich anmutete wie die endlose Wüste und die unwirtlichen Berge.

Ja, er erinnerte sie an die tückische Wüste, in der sie geboren war und wo sie die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Sie hasste sie, die erbarmungslose Hitze, das grelle Licht und den wehenden Sand, und Amaya sagte sich, dass sie Kavian genauso verabscheute.

„Du bist ziemlich risikofreudig.“

Das sollte sicher kein Kompliment sein, nicht von diesem Mann mit dem strengen, abschätzenden Blick. Er betrachtete sie, als würde er nach Schwächen suchen, die er ausnutzen konnte.

„Vor zwei Monaten in Prag hätten wir dich fast erwischt.“

„Wohl kaum, denn ich war nie dort.“

Wieder verzog er den Mund verächtlich, woraufhin ihr der Atem stockte. Natürlich wusste Kavian, dass sie log.

„Bist du eigentlich stolz auf dich?“, fragte er nun, und ihr fiel auf, dass er die ganze Zeit regungslos dasaß. „Du hast mit dieser sinnlosen Eskapade unbeschreiblichen Schaden angerichtet. Allein der damit verbundene Skandal könnte zwei Königreiche zu Fall bringen. Trotzdem sitzt du hier in der kanadischen Wildnis, lügst mir ins Gesicht und trinkst einen Latte macchiato, als wüsstest du überhaupt nicht, was Verantwortung heißt.“

Warum trafen seine Worte sie so tief? Sie war die Halbschwester des Königs von Bakri, das stimmte. Doch sie war nicht wie eine Prinzessin aufgewachsen. Nach der Scheidung von ihrem Vater, dem früheren König, war ihre Mutter mit ihr durch die Welt gezogen. Sie hatte auf Jachten in Südfrankreich und in Miami gelebt, in Künstlerkommunen in Taos, Neumexiko und auf Bali. In Metropolen, in denen die Reichen und Berühmten exklusive Penthouses und Hotelsuiten bewohnten, oder in rustikaler Umgebung auf abgelegenen Ranches.

Elizaveta al Bakri hatte sich treiben lassen, sich in der Bewunderung gesonnt und sich von anderen bezahlen lassen für das Privileg, mit ihr, der Exfrau eines Königs, zu verkehren. Irgendwann war Amaya klar geworden, dass es für ihre Mutter der Ersatz für die Liebe war, die sie von ihrem Vater nie bekommen hatte.

Dass sie überhaupt in ihr Geburtsland zurückgekehrt war, hatte eine tiefe Kluft zwischen ihre Mutter und sie getrieben. Nach dem Tod ihres Vaters hatte Rihad sie mit seinem Gerede von ihrem Geburtsrecht dazu breitgeschlagen. Seit der Beisetzung des alten Königs zeigte Elizaveta ihr die kalte Schulter, weil sie durch ihre Teilnahme Verrat an ihr begangen hätte.

Amaya war davon überzeugt, dass ihre Mutter ihren verlorenen König immer noch liebte und sich nur einredete, dass sie ihn hasste. Es hatte jedoch keinen Sinn, sich den Kopf über ihre komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter zu zerbrechen, geschweige denn über die noch kompliziertere Einstellung ihrer Mutter zu Gefühlen.

„Du redest von den Verpflichtungen meines Bruders“, erklärte Amaya, während sie Kavians durchdringendem Blick tapfer standhielt, „nicht von meinen.“

„Vor sechs Monaten wollte ich Geduld mit dir haben“, sagte er leise. „Mir war klar, wie du aufgewachsen warst – ohne Bezug zu deinen Wurzeln und deiner Kultur und immer auf der Flucht. Ich wusste, dass diese Verbindung eine Herausforderung für dich darstellen würde. Damals war ich bereit, mich diesen Herausforderungen zu stellen.“

Die Welt schien unter seinem gefährlichen Blick zusammenzuschrumpfen. Er ging ihr unter die Haut und brannte in ihr wie eine Flamme, die sie nicht auslöschen konnte. Er verbrannte sie.

„Wir rücksichtsvoll von dir“, erwiderte Amaya matt. „Komisch nur, dass du damals nichts davon erwähnt hast. Du warst zu sehr damit beschäftigt, alles mit meinem Bruder zu arrangieren und Pressemitteilungen abzugeben. Ich habe auf meiner eigenen Verlobungsfeier nur eine Statistenrolle gespielt.“

„Bist du etwa genauso eitel wie deine Mutter?“, fragte Kavian in so hartem Tonfall, dass es ihr schien, als hätte er ihr einen Schlag versetzt. „Das ist sehr schade, denn in der Wüste wird man auf das reduziert, was man wirklich ist, egal, ob man bereit ist, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen oder nicht.“

Irgendetwas flackerte in seinen Augen auf, doch sie wollte gar nicht wissen, was es war. Sie wollte sich nicht vorstellen, wer er wirklich war.

„Du malst wirklich ein schönes Bild“, konterte Amaya. Warum fühlte sie sich in seiner Nähe wie gelähmt? So war es auch damals, vor sechs Monaten gewesen, aber sie weigerte sich, daran jetzt zu denken. „Wer würde nicht sofort in die Wüste reisen wollen, um auf diese Art und Weise zu sich selbst zu finden?“

Kavian sprang so abrupt auf, dass ihre Schläfen zu pochen begannen. Ehe sie sich’s versah, nahm er ihre Hand und zog Amaya ebenfalls hoch, und sie versuchte nicht einmal, sich zu wehren. Seine Finger fühlten sich rau an, kräftig und warm, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Wieder einmal war sie diesem Mann viel zu nahe. Diesem Fremden, den sie nicht heiraten konnte und wollte.

Diesem Mann, an den sie nicht denken konnte, ohne dass tief in ihr ein Feuer loderte.

„Lass mich los“, flüsterte sie.

„Und was machst du, wenn ich es nicht tue?“

Seine tiefe Stimme schien in ihr widerzuhallen. Sein Teint war dunkel, und er strahlte eine brennende Hitze aus. Er war jeder Zoll ein Krieger, denn er hatte sein ganzes Leben damit verbracht, sich in Kriegskunst zu üben. Amaya reichte ihm nur bis zur Schulter. Sie sah die helle Narbe an seinem Hals und wollte sich nicht vorstellen, wie er sie sich zugezogen hatte.

Dieser Mann war eine Kampfmaschine. „Kavian repräsentiert die alte Schule, und zwar in jeder Hinsicht“, hatte ihr Bruder gesagt. Ihr war allerdings nicht klar gewesen, wie sie darauf reagieren würde. Sie fühlte sich, als würde sie viel zu nahe an einem Feuer stehen, ohne zu wissen, wann der Wind drehen würde.

Nun zog Kavian sie noch dichter an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Willst du um Hilfe schreien? Und wenn ja, was glaubst du, passiert dann? Ich bin kein zivilisierter Mann, Amaya. Ich lebe nicht nach euren Regeln. Mir ist egal, wer sich mir in den Weg stellt.“

Sein warmer Atem und seine Worte ließen sie erschauern. Vielleicht war es aber auch nur seine Nähe und die Erinnerung, die diese in ihr weckte. Damals hatte sie nichts getan, doch das hatte an der Umgebung gelegen, wie sie sich einredete.

„Ich glaube dir“, antwortete sie ärgerlich mit unterdrückter Stimme. „Allerdings bezweifle ich, dass es dir gleichgültig wäre, wenn in den Nachrichten darüber berichtet würde. Es wäre ein zu großer Skandal.“

„Willst du es herausfinden?“

Abrupt befreite Amaya sich aus seinem Griff und blickte sich hektisch um. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass das Café ungewöhnlich leer war, denn es war früher Nachmittag. Die wenigen Einheimischen, die dort saßen, blickten demonstrativ weg, als hätte jemand es ihnen befohlen oder sie dafür bezahlt. Und dann bemerkte sie die beiden Bodyguards, ebenfalls in Schwarz gekleidet, am Eingang und den dunklen Geländewagen davor.

Sie sah wieder Kavian an. „Wie lange folgst du mir schon?“

Seine dunklen Augen funkelten. „Seit wir dich vor zehn Tagen in Mont-Tremblant aufgespürt haben. Du hättest nicht dorthin zurückkehren sollen.“

Amaya krauste die Stirn. „Ich war nur drei Tage da.“

„Mont-Tremblant war einer der Lieblingsorte deiner Mutter, als sie die Winter lieber im Schnee verbracht hat. Wahrscheinlich hast du deswegen auch in Montreal studiert. Ich habe immer geahnt, dass du dahin gehst, wenn du an einen der Orte zurückkehrst, an die deine Mutter dich geschleift hat.“

„Wie lange stellst du schon Nachforschungen über mich an?“, stieß sie hervor, woraufhin er ihr ein Lächeln schenkte, das sie an ihrem Verstand zweifeln ließ.

„Ich glaube, du bist noch nicht bereit, das zu hören.“ Nun verriet der Blick seiner grauen Augen noch etwas anderes. „Nicht hier und nicht jetzt.“

„Doch, ich habe ein Recht darauf, das zu erfahren, damit ich mich darauf einstellen kann.“

Fast hätte er gelacht. „Du hast ein Recht darauf, von mir über die Schulter geworfen und von hier weggebracht zu werden.“ Sein rauer Unterton schockierte sie, denn bisher hatte sie Kavian immer nur unnatürlich ruhig und sehr eindringlich sprechen hören. „Mach keinen Fehler. Ich habe schon vor sechs Monaten die Geduld verloren, Amaya.“

„Du drohst mir und wunderst dich dann, dass ich weggelaufen bin?“

„Warum du das getan hast, interessiert mich nicht“, erwiderte Kavian ungerührt. „Du kannst entweder selbst einsteigen, oder ich verfrachte dich in den Wagen.“

„Ich verstehe das nicht.“ Sie machte keinen Hehl aus ihrer Bitterkeit darüber, dass sie vor sechs Monaten in diese Falle gegangen war, und ihrer Angst davor, nie wieder herauszukommen. „Du hättest jede Frau zur Königin haben können. Sicher träumen Millionen davon. Du hättest auch ohne mich eine Allianz mit dem Land meines Bruders bilden können.“

Wieder lächelte er ebenso bezwingend wie gefährlich, und es schien ihr, als würde er alles damit verändern.

„Aber ich will dich“, erklärte er selbstsicher. „Es läuft also auf dasselbe hinaus.“

Einen Moment lang glaubte Kavian, Amaya würde fliehen, und die ungezähmte, dunkle Seite in ihm wünschte, sie würde es versuchen. Er gehörte nicht zu den westlichen Männern, die nichts sagend und schwach waren, sondern war zu einem Kämpfer erzogen worden. An seinen Händen klebte Blut, denn er hatte Verräter und Rebellen niedergeschlagen. Er hatte sich zu dem gemacht, was er am meisten hasste, denn es war ein notwendiges Übel gewesen, eine Last, die er zum Wohl seines Volkes auf sich zu nehmen bereit gewesen war. Vielleicht verkörperte er selbst das Böse, aber das waren Fragen für eine rastlose Seele, eine lange, dunkle Nacht. Er war noch nie ein guter Mensch gewesen, nur ein entschlossener.

Er würde Amaya nicht nur überall aufspüren, sondern es auch genießen.

Offenbar sah sie es ihm an, denn plötzlich wurde sie blass, seine Prinzessin auf der Flucht, die sich genau dadurch als würdige Königin erwiesen hatte. Die Königin, die er brauchte.

„Lauf ruhig weg“, forderte er sie auf. „Dann siehst du, was passiert.“ Er wusste nicht, was er erwartete, aber es war nicht das trotzige Funkeln in ihren Augen oder ihre angriffslustige Haltung, als würde Amaya mit dem Gedanken spielen, ihm in der Öffentlichkeit einen Kinnhaken zu verpassen. Auch das wäre ihm recht, wenn sie ihn nur berührte.

Amaya war außergewöhnlich hübsch, so hübsch, dass man sie eigentlich behüten und anbeten musste. Genau das hätte er auch getan. Dass sie auch so war – dass sie sich so lange vor ihm hatte verstecken können und ihm die Stirn bot, was viele Männer nicht gewagt hatten –, machte ihn beinah … wütend.

Doch vielleicht war das nicht das richtige Wort. Er reagierte auf sie. Wahrscheinlich bewunderte er sie. Wenn er sie zähmen konnte, würde sie eine würdige Königin werden. Er bezweifelte nicht, dass er es irgendwann schaffen würde.

Hatte er nicht bisher alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte, so gefährlich es auch sein mochte? Was war schon eine Frau im Vergleich zu einem Thron, den er zurückerobert, einer Familie, die er gerächt hatte? Auch wenn es diese Frau war. Ja, es gefiel ihm. Je zorniger sie ihn machte, desto mehr mochte er sie.

Ihre Schönheit hatte ihn von Anfang an überrascht, und seine erste Ahnung, dass er auch ein ganz normaler Mann war, der von denselben Sünden zu Fall gebracht werden konnte wie alle anderen. Es war keine besonders schöne Erkenntnis gewesen. Nur zu gut erinnerte Kavian sich an jenes Treffen mit Rihad al Bakri, dem anderen Mann, der zu der Zeit noch nicht der Herrscher, sondern nur der Thronfolger von Bakrian gewesen war.

„Sie wollen eine Allianz“, hatte er gesagt, als man Rihad in den prunkvollen Thronsaal in der alten Stadt Daar Talaas führte, die aus dem Fels gehauen war und jahrhundertelang als Festung gedient hatte.

„Das stimmt.“

„Und inwiefern kann ich von einem solchen Bündnis profitieren?“

Dann sprach Rihad ausführlich über Politik und drohende Kriege in ihrem Teil der Erde. Und er hatte recht. Die Großmächte um sie her zwangen ihnen durch ihre Machtgier die Herrschaft auf und drohten ihnen anderenfalls mit Raketenangriffen.

„Und ich habe eine Schwester“, fügte er schließlich hinzu.

„Viele Männer haben Schwestern, und nicht alle haben Königreiche, die bedroht sind und militärische Unterstützung brauchen.“

Denn Daar Talaas wurde zwar nicht so unterstützt wie viele seiner Nachbarstaaten und verfügte auch über keine besonders große Armee, war aber seit der Zeit des letzten ottomanischen Sultanats im fünfzehnten Jahrhundert nicht mehr besiegt worden.

„Sie scheinen jemand zu sein, der in Traditionen verhaftet ist.“ Rihad zuckte die Schultern, betrachtete ihn allerdings forschend. „Es gibt sicher keinen besseren Weg, zwei Familien oder zwei Länder miteinander zu vereinen.“

„Sagt der Mann, der nicht angeboten hat, meine Schwester zu heiraten“, erwiderte Kavian. „Obwohl sein Königreich vom Untergang bedroht ist.“

Rihad wies ihn nicht darauf hin, dass er keine Schwester hatte und seine Brüder in dem blutigen Staatsstreich seines Vorgängers ums Leben gekommen waren. Stattdessen überreichte er ihm ein Tablet und startete ein Video.

„Meine Schwester“, sagte er nur.

Natürlich war sie hübsch. Doch Kavian war sein ganzes Leben lang von Schönheiten umgeben gewesen und besaß einen großen Harem. Diese Frau war allerdings etwas Besonderes. Es waren ihr perfektes ovales Gesicht und ihre vollen, sinnlichen Lippen, während sie mit Rihad sprach, und das alles andere als folgsam, sondern geradezu herausfordernd.

Es waren ihr dichtes, glänzendes schwarzes Haar, das sie zu einem seitlichen Zopf geflochten hatte, und ihr weißes Top, das einen faszinierenden Kontrast zu ihrem dunklen Teint bildete und erahnen ließ, dass sie wenig Wert auf ihr Äußeres legte. Es waren die sprühende Energie und das Strahlen in ihren leicht schräg gestellten Augen, ihre dichten dunklen Wimpern, die einen Mann veranlassten, näher hinzusehen.

Und es waren ihre Worte und ihre leicht heisere Stimme mit einem Akzent, den er nicht einordnen konnte, ihre lebhafte Mimik und ihre ebensolchen Gesten, denn bei den Frauen, die er kannte, war alles einstudiert. Sie redete so schnell, so leidenschaftlich, dass er sich wider Willen für sie interessierte. Und ihr klares Lachen zum Schluss ließ ihn nach mehr dürsten – nach viel mehr.

„Lass mich raten“, sagte sie ironisch. „Der mächtige König von Bakri ist kein Harry-Potter-Fan.“

Ihm wurde schwindelig, und er musste sich ins Gedächtnis rufen, dass sie nicht mit ihm sprach, sondern mit ihrem Bruder. Sie infizierte ihn wie mit einem Virus, der alles auslöschte und ihn nur eins denken ließ: Sie gehört mir.

Doch als das Video zu Ende war, hatte er Rihad nur ausdruckslos angelächelt. „Ich weiß nicht, ob ich momentan eine Frau brauche.“ Dann hatten die Verhandlungen begonnen.

Nie hätte er damals für möglich gehalten, dass es ihn hierher führen würde, in dieses unwirtliche Land mit den hohen Kiefern, so hoch im Norden, dass die Kälte des Winters ihn förmlich durchdrang. Er bewunderte Amayas trotzige Haltung. Genau diese machte sie zur perfekten Königin. Er brauchte allerdings auch eine Frau, die ihm gehorchte.

Männer wie sein Vater hatten diese Bedürfnisse gestillt, indem sie sich mehr als eine Frau nahmen – eine für jede erforderliche Rolle. Doch er würde nicht dieselben Fehler begehen. Kavian war davon überzeugt, dass er all diese Eigenschaften bei einer Frau finden würde. Bei dieser Frau.

„Hör mir zu“, sagte Amaya nun, die Hände immer noch in die Hüften gestemmt. „Hättest du das auch damals getan, wäre all das nicht passiert.“

„Das mache ich doch.“ Er hatte es damals in Bakri getan oder es zumindest vorgehabt, und dann war sie weggelaufen. Was für einen Sinn hatte es also, ihr weiter zuzuhören? Ihr Verhalten sagte alles. „Wenn ich dir das nächste Mal mein Ohr leihe, dann in der alten Stadt, in der du in alle Richtungen laufen kannst und nur die Wüste und meine Männer findest. Ich werde dir immer meine Aufmerksamkeit zuwenden, wenn ich muss. Es wird allerdings immer gleich enden, nämlich als sinnloses Unterfangen.“

2. KAPITEL

Dann wandte Kavian sich um und ging zur Tür, wohl wissend, dass alle Ausgänge von seinen Männern bewacht wurden. Das wilde Tier in ihm hoffte, Amaya würde tatsächlich die Flucht ergreifen.

„Wir fahren, Amaya. Wenn du möchtest, dass ich dich zwinge, tue ich das gern. Ich komme nicht aus deiner Welt. Ich folge nur meinen eigenen Regeln.“

Nachdem er die Tür aufgerissen und die Eiseskälte hereingelassen hatte, nickte er den Männern zu. Dann blickte er zurück zu der Frau, der nicht bewusst zu sein schien, dass sie die ganze Zeit ihm gehört hatte. Dass sie mit allem, was sie tat, nur hinauszögerte, was von jeher so sicher gewesen war wie der Lauf der Sonne. So sicher, wie er seinen mörderischen Feind besiegt hatte, um sich den Thron zurückzuholen.

Amaya hatte die Hände sinken lassen und zu Fäusten geballt, und selbst nun, da sie so dickköpfig war, fand er sie schön. Noch immer meinte er den Schock zu spüren, den ihr Anblick ihm damals versetzt hatte. Genau wie damals auf dem Video trug sie das Haar zu einem seitlichen Zopf geflochten. Auf ihrer Verlobungsfeier war es zu unzähligen Zöpfen geflochten und zu einer Art Krone hochgesteckt gewesen. Und hier stand er jetzt auf der anderen Seite der Welt und sehnte sich danach, das Haar zu lösen, damit es ihr offen über die Schultern fiel.

Er wollte das Gesicht darin bergen, er wollte sich in ihr verlieren. Auf jede nur mögliche Weise.

Dass sie überhaupt nicht wie eine Königin, sondern eher wie eine Studentin gekleidet war, spielte keine Rolle. Sie trug viel zu enge Jeans, ausgetretene Stiefel und ein weites Sweatshirt und hatte sich ihren Daunenmantel, der sie vermutlich ein wenig unförmig wirken ließ, über den Arm gehängt. Er wollte sie in Seide kleiden und ihr Juwelen schenken. Sie sollte stolz an seiner Seite stehen. Er wollte sie nur mit zarten Goldketten sehen und Paläste nach ihr benennen, wie die Sultane es früher getan hatten. Er wollte ihre Stärke genauso wie ihre Schönheit.

Er sehnte sich danach, jeden Zentimeter ihres herrlichen Körpers mit seinen Händen, Lippen und seiner Zunge zu erkunden. Doch zuerst musste er sie nach Hause bringen.

„Also, bin ich gezwungen, dich über die Schulter zu werfen?“, erkundigte Kavian sich an der Tür. „Du weißt bestimmt, dass ich keine Hemmungen habe. Und es genießen werde.“

In dem Moment schauderte Amaya, und er hätte alles darum gegeben, zu wissen, ob es vor Begierde oder Ekel war. Leider kannte er sie noch nicht gut genug. Doch auch das würde sich ändern, und zwar viel schneller, als es vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn sie ihn wie geplant nach der Verlobungsfeier begleitet hätte, als er noch mehr Verständnis für ihre Misere hatte. Nun war er allerdings innerlich wie versteinert.

Ihre ausgebeulte Tasche über der Schulter und den Mantel in der anderen Hand, blieb Amaya regungslos stehen. „Wenn ich dich jetzt begleite“, sagte sie leise, „musst du mir versprechen, dass du …“

„Nein.“

Sie blinzelte. „Du weißt doch gar nicht, was ich sagen wollte.“

„Was spielt das für eine Rolle? Ich habe dir bei unserer Verlobung vieles versprochen, und du dürftest nichts mehr verlangen. Du hast mir auch Versprechen gegeben, die du noch in derselben Nacht gebrochen hast, Amaya. Also sollten wir einander nichts vormachen.“

Nun straffte sie sich und wirkte noch stolzer. Dass sie schön war, gefiel ihm natürlich. Schließlich war er ein Mann aus Fleisch und Blut, der wusste, wie vorteilhaft es war, mit einer attraktiven Frau zu repräsentieren. Seine Königin musste jedoch auch stark sein, sonst würde sie das Leben an seiner Seite nie überstehen, so wie seine Mutter, die schwach gewesen war und schließlich Verrat begangen hatte. Sie würde sonst bei den ersten Anzeichen eines heraufziehenden Sturms zusammenbrechen, und das konnte er nicht gebrauchen.

Das Leben bestand aus Stürmen, nicht aus Sonnenschein. Letzteres war ein Geschenk, nicht die Realität. Er war ein kriegerischer König, und deswegen musste Amaya auf ihre eigene Art eine kriegerische Königin sein, auch wenn sie die erforderlichen Lektionen nicht gern lernen würde. Doch er würde es auf jeden Fall genießen.

„Du hast keine Wahl“, erklärte er vielleicht etwas zu entschlossen. Er rechnete damit, dass sie widersprechen würde, weil sie das anscheinend immer tat. Als er sie auf die einzige andere Art und Weise, die er kannte, zum Schweigen hatte bringen wollen, war sie sechs Monate lang geflüchtet. Nun, da es vorbei war, konnte er sie dafür bewundern, nun, da er endlich in der Lage war, seine Besitzansprüche geltend zu machen.

Jetzt hob seine kämpferische Königin allerdings das Kinn und kam auf ihn zu, einen kühlen Ausdruck in den dunkelbraunen Augen.

„Das lässt nichts Gutes erahnen“, sagte sie, bevor sie sich umdrehte, um das Café zu verlassen. „Willst du mir wie bei einem klassischen Kidnapping den Mund zukleben und einen Sack über den Kopf stülpen?“

Vielleicht hätte er das amüsant finden sollen. Unwillkürlich betrachtete Kavian ihren Po in den engen Jeans und sehnte sich danach, sie wieder an sich zu ziehen, wie er es damals, vor sechs Monaten getan hatte. Es hatte ihm nicht annähernd genügt.

„Mit dem Hubschrauber sind wir schnell in Calgary“, informierte er sie, nachdem er ihr gefolgt war. „Von dort sind es nur ungefähr fünfzehn Flugstunden bis Daar Talaas. Ob du Klebeband über dem Mund oder einen Sack über dem Kopf haben willst, liegt an dir. Ich kann dich auch unter Drogen setzen, wenn das deinen Sinn für Schikane anspricht. Wie du wünschst, meine Königin.“

Daraufhin blieb Amaya unvermittelt stehen und wandte sich langsam um. Ernst blickte sie ihm in die Augen. „Ich kann nicht deine Königin sein“, erklärte sie leise. „Wenigstens das muss dir doch in den letzten sechs Monaten klar geworden sein.“

Kavian nahm ihren Zopf und ließ ihn langsam durch seine Hand gleiten. Wenn er es wollte, konnte er sie enger an sich ziehen und festhalten, während er sie küsste. Sie war sich dessen offenbar auch bewusst, genauso wie sie an jene dunklen Momente im Palast ihres Bruders dachte. Das Blut stieg ihr ins Gesicht.

„Du hast dich mir versprochen“, erinnerte er sie. „Du hast dich in meine Hände begeben, Amaya. Von mir aus kannst du auch von einer erzwungenen Verlobung und einer arrangierten Ehe reden. In meiner Welt gehörst du mir schon, und zwar seit neun Monaten.“

„Das akzeptiere ich nicht“, flüsterte sie und hielt dabei seinem Blick stand.

„Ich brauche dein Einverständnis auch nicht“, erwiderte er leise. „Ich brauche nur dich.“

Es gab keine Straßen, die direkt in die alte Wüstenstadt führten, die die Festung – und den königlichen Palast – von Daar Talaas umgab. Diese war ein jahrhundertealter Mythos, eine Legende, Gegenstand zahlreicher Kampflieder und Epen. Obwohl man in Zeiten von Spionagesatelliten und Reiseberichten im Internet keine Stadt vor dem Rest der Welt verstecken konnte, war diese schwer zu finden.

Die Straßen führten von allen Seiten nur etwa eine Stunde in die Wüste, um dann abrupt zu enden. Von dort gelangte man durch unwirtliche Sanddünen und geheime Tunnel in dem Gebirgsmassiv ins Landesinnere. Es gab auch andere, modernere Orte in dem Land, die in allen Karten verzeichnet waren und leicht von jenen Verrückten erreicht werden konnten, die die weite Wüste als Reiseziel hatten –, aber das historische Machtzentrum war immer noch geheimnisumwoben.

Und vom Land aus fast nicht angreifbar. Genauso wenig, wie man von dort fliehen konnte.

Als Amaya aus dem kleinen Privatjet stieg, schlugen ihr die erbarmungslose Hitze und der starke Wind entgegen. Kavian folgte ihr und schob sie die Gangway hinunter, als fürchtete er, sie könnte in die Wüste fliehen. Nachdem sie fünfzehn Stunden seiner unmittelbaren Nähe ausgesetzt gewesen war, war sie fast verrückt genug, mit dem Gedanken zu spielen.

„Ich würde nicht einmal meine Männer hinter dir herschicken“, meinte er amüsiert, als würde er sie durchschauen. „Ich würde dich selbst aufspüren, und kannst du dir vorstellen, was ich dann mit dir mache?“

Das brauchte sie sich gar nicht auszumalen. In den vergangenen sechs Monaten hatte sie einen großen Teil ihrer Zeit und Energie darauf verwandt, die Erinnerung an jene Nacht im Palast ihres Bruders zu verdrängen.

„Das wird nicht mehr vorkommen“, versicherte sie.

Sobald sie unten war, legte er ihr die Hand um den Nacken, trat neben sie und streifte mit den Lippen ihre Wange. Sicher wusste er genau, was er damit bei ihr auslöste. Dass ihr ganz heiß wurde. Dass ein Schauer sie überlief und ihre Brustwarzen sich aufrichteten. Dass ihr der Atem stockte und ihr Schoß von Hitzewellen durchflutet wurde.

Sie zweifelte nicht daran, dass Kavian sich auch erinnerte.

„Es wird oft passieren“, sagte er, und es war Warnung und Versprechen zugleich, „und zwar bald.“

Amaya erschauerte wieder und schaffte es nicht, sich einzureden, dass es nur Angst war. Doch er lachte nur, bevor er sie zu dem bereitstehenden Hubschrauber führte und sie nach dem Einsteigen selbst anschnallte.

„Ich werde mich schon nicht aus einem fliegenden Hubschrauber werfen“, stieß sie hervor, musste sich allerdings beherrschen, um seine faszinierend maskulinen Hände nicht wegzuschlagen, die erneut ein Feuer in ihr auflodern ließen.

Er betrachtete sie auf jene beunruhigend offene Art, die irgendetwas in ihr anrührte. „Nein, nicht jetzt.“

Es war ein kurzer, schwindelerregender Flug. Sie stiegen hoch in die Luft, um dann die nächste Anhöhe und die hohe Bergkette zu passieren und auf der anderen Seite wieder hinunterzukommen. Amaya erblickte eine Stadt, deren Häuser in einem tiefen Tal aus den Felswänden herausgehauen zu sein schienen und fast wie ein Teil dieser wirkten. Sie entdeckte Türme und Minarette, Flaggen, die im Wind wehten, glänzende Kuppeln und dicke Mauern, die sie an eine Festung erinnerten, grüne Plätze und Höfe mit blühenden Sträuchern. Sobald sie gelandet waren, spürte sie wieder Kavians Hände auf sich.

Sie wollte protestieren, überlegte es sich jedoch anders, sobald sie seinen ebenso entschlossenen wie triumphierenden Gesichtsausdruck bemerkte. Er hatte ihr vor Monaten versprochen, sie in seinen Palast zu bringen, und nun hatte er es getan. Ihr Mund wurde ganz trocken, als sie mit Kavian aus dem Hubschrauber stieg, und sie fragte sich, wie viele seiner Versprechen er wohl halten würde.

Alle, sagte eine innere Stimme. Du weißt, dass er alle Versprechen halten wird, die er dir je gegeben hat.

Wieder musste Amaya einen Schauer unterdrücken, doch ihr blieb keine Zeit, ihre Angst zu ergründen. Die Finger um ihr Handgelenk, zog Kavian sie ungerührt hinter sich her. Sie waren auf dem Dach eines großen Gebäudes gelandet, das man aus dem höchsten Felsen auf dieser Seite des Tals gehauen hatte, wie sie feststellte, bevor Kavian sie hineinführte. Es handelte sich um seinen Palast, wie sie dann merkte, als sie zahlreiche Marmortreppen hinuntergingen und prunkvolle Säle mit wunderschönen Mosaiken und hohen, gewölbten Decken durchquerten. Das Gebäude war großzügig angelegt und hell, denn die unzähligen Oberlichter und Bogenfenster ließen viel Licht herein.

Ohne seine Schritte zu verlangsamen, erteilte Kavian den Mitarbeitern, die ihnen begegneten, Anweisungen, und zwar in ihrer Muttersprache Arabisch, die Amaya immer noch gut genug beherrschte, um einiges zu verstehen. Es ging um die Grenze im Norden, dann um eine Zeremonie und schließlich um den Haushalt, was sie verblüffte. Alle Bediensteten begleiteten ihn ein Stück und blieben dann zurück, während er weitereilte.

Das war Kavian. Es war ihr vor sechs Monaten klar geworden, und jetzt verstand sie es noch besser. Er nahm sich, was er wollte, ohne zu zögern.

Als er schließlich stehenblieb, tat er es nur, um ihren Arm loszulassen. Unwillkürlich legte sie sich die Hände auf den Bauch und atmete tief durch. Zuerst stellte sie fest, dass sie ganz allein waren. Dann blickte sie sich um.

Der Raum wirkte wie eine riesige Höhle, erleuchtet von Laternen in den verschiedenen Sitzbereichen und Fackeln an den Steinwänden. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnete er sich zu einem sonnendurchfluteten Hof. Erst dann bemerkte sie die Wasserbecken, die kreisförmig um den mittleren Sitzbereich angeordnet waren. Aus einigen stieg Dampf empor, aus anderen nicht. Das Wasser sprudelte aus Speiern in Form von Löwen- oder Drachenköpfen an den Wänden.

„Wo sind wir?“, fragte Amaya, und ihre Stimme hallte von den Wänden wider.

Die Arme verschränkt, stand Kavian vor ihr und lächelte. „Das hier sind die Bäder des Harems.“

„Aha.“

„Zum Harem gehören noch mehr Räume, Suiten und Innenhöfe. Er nimmt einen ganzen Flügel ein, wie du bald feststellen wirst.“

„Und er ist leer.“ Es kostete sie einige Überwindung, sich umzusehen, um sich davon zu vergewissern, und zu ihrem Leidwesen fürchtete sie, sie könnte sich irren. Eigentlich wollte sie seine Aufmerksamkeit gar nicht, oder? Was spielte es schon für eine Rolle, wenn sich hier Frauen aufhielten? Ihr Vater war auch so ein Mann gewesen. Sie hatte die ersten acht Jahre ihres Lebens in seinem Palast verbracht, zusammen mit seinen vielen Nebenfrauen. „Wenn man einen Mann wie deinen Vater liebt, verliert man seine Identität“, hatte ihre Mutter ihr eingebläut. Daher hätte es sie nicht überraschen dürfen, dass Kavian aus ähnlichem Holz geschnitzt war. „Es kann ja kein Harem sein … ohne einen Harem.“

Wieder betrachtete Kavian sie forschend. „Erinnerst du dich nicht an unser Gespräch im Palast deines Bruders?“

Amaya wünschte, sie würde es nicht tun. Sie wünschte, sie könnte jene Nacht völlig aus ihrem Gedächtnis löschen. „Nein.“

„Ich glaube doch, Amaya, und ich denke, du hast dich viel zu sehr an deine Lügen dir und mir gegenüber gewöhnt.“

„Vielleicht weiß ich es einfach nicht mehr.“ Ihre Stimme klang allerdings verdächtig heiser. „Vielleicht fand ich es auch gar nicht so interessant, mit dir zu reden.“

„Du hast mir mit all der Selbstgerechtigkeit deiner Jugend und Ignoranz gesagt, dass du auf keinen Fall einen Mann mit einem Harem heiraten kannst, als wäre so etwas unter deiner Würde. Dabei bist du auch in einem zur Welt gekommen. Und ich habe dir geantwortet, dass ich meinen dir zuliebe aufgeben würde. Frischt das dein Gedächtnis wieder auf? Oder soll ich dich daran erinnern, was wir gemacht haben, als ich es dir versprochen habe?“

Amaya wandte den Blick ab. „Ich habe gar nicht geglaubt, dass du einen Harem hast.“ Sie wollte ihn nicht wieder ansehen. „Mein Bruder hat jedenfalls keinen.“

„Ich auch nicht.“ Kavian wartete, bis sie ihn doch wieder anschaute. Sie konnte einfach nicht anders. „Jedenfalls seit sechs Monaten nicht mehr.“

Amaya blinzelte, während sie die Bedeutung seiner Worte zu erfassen versuchte. Und als würde er ihr anmerken, dass sie einen inneren Kampf mit sich ausfocht, lachte er, was es ihr natürlich nicht leichter machte. Dann ging er zu dem Sitzbereich in der Mitte, in dem Steinbänke und bunte Kissen um runde Tische gruppiert waren. Auf diesen standen Tabletts mit Köstlichkeiten, die sie allerdings nicht anschauen wollte, denn sie hatte keinen Appetit. Sie wollte überhaupt nicht hier sein.

Sie hatte schon zu viele alte Geschichten gelesen und wusste deshalb, wie es lief. Ein paar Granatapfelsamen, und wenig später wäre sie gezwungen, ihr halbes Leben mit dem König der Unterwelt zu verbringen. Nein danke. Sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass sie dasselbe Schicksal ereilte wie damals ihre Mutter.

Amaya blieb regungslos stehen, aus Furcht, die Decke könnte einstürzen und sie für immer hier gefangen halten, wenn sie auch nur einen Schritt machte. Vielleicht hatte sie auch vor etwas ganz anderem Angst – und davor, es zu benennen. Sie hatte es als Kind erlebt und unter den Folgen gelitten. Dass ihr Herz wie wild pochte, spielte keine Rolle, denn sie wusste es besser.

„Wie viele Frauen hattest du denn hier?“ Sie hatte lässig und amüsiert klingen wollen, aber es hörte sich ganz anders an. Sie spürte seinen brennenden Blick, obwohl sie es immer noch nicht wagte, ihn anzusehen. Leider hatte sie ihre Wintersachen im Flugzeug ausgezogen und trug nur noch ein T-Shirt und Shorts.

„Siebzehn.“

„Siebzehn? Machst du Witze?“

„Wirke ich auf dich wie ein Mann, der Witze macht?“, erkundigte Kavian sich sanft, aber mit einem harten Unterton.

„Du hast siebzehn Frauen hier unter Verschluss gehalten.“ Amaya fühlte sich, als würde sie wieder im Hubschrauber sitzen und durch die Lüfte fliegen. „Und … hattest du …?“ Verlegen verstummte sie.

„Ob ich Sex mit ihnen hatte?“, beendete er den Satz lässig für sie, und sofort fühlte sie sich wieder wie damals in jener Nische im Palast ihres Bruders, als sie den Verstand verloren hatte – und alles andere. „Willst du das wissen, Amaya?“

„Nein“, brauste sie auf. „Mich interessiert nicht im Geringsten, was du tust.“

„Dann stell keine Fragen, wenn du mit den Antworten nicht umgehen kannst“, erklärte er schroff, ja, unerbittlich. „Dies ist kein Ort für Unsicherheiten und Eifersüchteleien, wie sie typisch für Teenager sind. Du bist die Königin von Daar Talaas, keine unbekannte Konkubine.“

Erschrocken zuckte sie zusammen. „Ich bin keine Königin!“ Und erst dann wurde ihr bewusst, dass sie sich bewegen konnte und hier nicht gefangen war – noch nicht. Sie wirbelte zu ihm herum, was sich als Fehler erwies.

Kavian hatte sich ausgezogen und trug jetzt nur noch Boxershorts, die seine muskulösen Schenkel betonten. Plötzlich konnte sie an gar nichts mehr denken, sondern nur noch an ihn. Der Anblick seines gebräunten Körpers, seiner ungewöhnlich breiten Brust machte sie ganz schwach. Er war schön. Nein, er war viel mehr als das, er war der Inbegriff männlicher Perfektion.

Amaya ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte und dass sie sich mit beiden Händen ans Herz fasste, als fürchtete sie, es könnte bersten. Ja, genau davor hatte sie Angst, wie ihr in dem Moment klar wurde.

„Ich hoffe, du bist jetzt mit den Fragen fertig, auf die du die Antworten wohl schon weißt, Amaya“, erklärte Kavian mit einem triumphierenden Unterton, der wie eine Liebkosung anmutete und ein seltsames Prickeln bei ihr auslöste. Als würde sie ihm schon gehören, so wie damals, und sie fand es schrecklich, dass sie das nicht überwinden konnte und es ihr schien, als hätte Kavian sie für immer als seinen Besitz gebrandmarkt. „Und nun zieh dich aus.“

3. KAPITEL

Amaya glaubte, sich verhört zu haben.

„Ich würde mich ja ganz ausziehen“, fuhr Kavian fort, während er auf sie zukam, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. „Doch dann würdest du wahrscheinlich in Ohnmacht fallen, und der Marmorboden hier ist ziemlich hart.“

„Bestimmt nicht.“ Schnell ersann sie eine Lüge. „Ich habe schon unzählige nackte Männer im Bett gehabt. Was bedeutet dann schon einer mehr?“

„Das stimmt nicht“, verkündete er, bevor er vor ihr stehenblieb.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie vor ihm zurückgewichen war, denn sie stieß an einen der hohen Steinbögen. Offenbar hatte sie sich zu sehr in Kavians dunklen Augen verloren, und nun musste sie sich sehr zusammenreißen, um nicht laut zu stöhnen. Wenn sie jetzt ausatmete, würde sie seine goldbraune Haut berühren. Seine muskulöse Brust, die wie gemeißelt wirkte und die sie zu gern erkundet hätte. Die sie zu gern geschmeckt hätte.

„Zieh dich aus, azizti, habe ich gesagt.“

Sein Mund war ihrem so nahe, dass sie seinen Atem spürte, vor allem als Kavian das Kosewort sagte. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, würde sie ihn schmecken können, und sie sehnte sich genauso sehr danach, wie sie es fürchtete. Ihr wurde schwindelig.

„Ich bin nicht gut darin, Befehle zu befolgen“, brachte sie hervor, woraufhin der Hauch eines Lächelns seine Lippen umspielte.

„Vielleicht noch nicht“, sagte er. „Doch ich werde schon dafür sorgen, dass du gehorchen lernst.“

Die Zeit schien plötzlich stillzustehen, und Amaya fühlte sich an jenen Abend zurückversetzt. Kavian hatte ihren Kopf festgehalten, während er sie leidenschaftlicher küsste, immer wieder in jener Nische des königlichen Palastes, in die sie sich zurückgezogen hatten, um über die Versprechen zu reden, die sie sich in der Öffentlichkeit gegeben hatten. Nun spürte sie ihn genauso, während der Rest der Welt in Flammen stand. Sie spürte die lodernde Leidenschaft, die sie beide damals verzehrt und sie von Grund auf verändert hatte, spürte, wie Kavian sie zwischen seinem muskulösen Körper und der Wand gefangen hielt und dann …

Doch das war vor sechs Monaten gewesen. Hier und jetzt befand sie sich in seinem Harem, der den Geist von siebzehn Haremsdamen atmete, und blickte ihm in die silbern schimmernden grauen Augen. Sie rechnete damit, dass er gleich wieder den Kopf neigte, um die Lippen stöhnend auf ihre zu pressen. Selbst bei dem Gedanken daran richteten sich ihre Brustwarzen auf …

Er tat es jedoch nicht. Stattdessen kniete er sich vor sie, und erstaunt stellte sie fest, dass sie sich ihm nicht überlegen fühlte, sondern so zart und verletzlich wie nie zuvor, und ihn als größer und bedrohlicher als sonst empfand. Es ergab keinen Sinn.

Ihr Herz begann, wild zu pochen, und es dauerte einen atemlosen Moment, bis ihr bewusst wurde, dass er ihr die Stiefel und dann die Socken auszog. Der Marmorboden fühlte sich erschreckend kalt an, und sie streckte die Hände aus, um Kavian wegzuschieben. Das erwies sich allerdings als Fehler. Vielleicht hatte sie es aber auch gar nicht vorgehabt, denn sie umfasste seine Schultern. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie schien zu nichts imstande zu sein, außer seinen Körper zu berühren, seine Wärme und seine Kraft wahrzunehmen. Als er dann den Kopf zurückbeugte und sie wieder so ansah, als würde er auf den Grund ihrer Seele blicken, sagte sie kein Wort.

Sie bat ihn nicht aufzuhören.

Ehe sie sich’s versah, öffnete er den Reißverschluss ihrer Jeans und streifte sie ihr ab. Und immer noch gebot sie ihm keinen Einhalt.

„Bitte“, flüsterte sie, als er ihre Knöchel umfasste, als es viel zu spät war. „Ich kann nicht.“

Doch sie wusste nicht, was sie damit ausdrücken wollte. Er streichelte sie nicht, sondern zog sie so routiniert aus, dass sie völlig durcheinander war. Dann stand er auf, den Arm um ihre Hüften, um ihre Jeans wegzukicken. Danach lagen ihre Hände auf seiner muskulösen Brust, und sie spürte seine Hand im Rücken. Nun fürchtete sie tatsächlich, sie würde ohnmächtig werden.

„Du kannst nicht?“, fragte Kavian, den Kopf geneigt, als würde er sie gleich wieder so berauschend küssen und ihre ganze Welt auf den Kopf stellen wie vor sechs Monaten –, und zwar so grundlegend, dass nicht einmal ein halbes Jahr auf der Flucht dagegen geholfen hatte. „Bist du sicher?“

Sie wollte es nicht tun. Amaya wusste nicht, warum sie es dennoch tat. Sie drängte sich ihm unwillkürlich entgegen, sodass ihre Brüste fast seine Brust berührten – wie damals, und das war ihr zum Verhängnis geworden.

Kavian lachte, bevor er sich aus irgendeinem Grund von ihr löste. Sie schwankte ein wenig und hätte das Gleichgewicht verloren, wenn sie nicht den kühlen Steinpfeiler im Rücken gehabt hätte. Schnell umklammerte sie ihn, während sie atmete, als hätte sie einen Marathonlauf hinter sich.

„Zieh deine restlichen Sachen aus, Amaya“, wies Kavian sie an. Es war ein königlicher Befehl, doch vielleicht sehnte sie sich insgeheim auch danach, Kavian zu gehorchen.

„Ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte.“ Sie schaffte es, seinem Blick standzuhalten. „Und ich will es auch nicht.“

„Auch das ist eine Lüge. Bald werden es so viele sein, dass sie die Sonne ausblenden, und ich habe nicht die Absicht, in Dunkelheit zu leben. Merk dir das.“

Ihr Puls begann zu rasen. „Es ist keine Lüge, nur weil du es nicht hören willst.“ Zu ihrem Leidwesen hatte sie ganz weiche Knie. „Du kannst mir nicht vorschreiben, was ich denken soll.“

Seine grauen Augen funkelten, und alles an Kavian wirkte hart und unnachgiebig und sprach von ungezügelter Kraft.

„Es ist eine Lüge, weil du dich ganz ausziehen willst“, sagte er leise, und trotzdem gingen seine Worte ihr durch und durch. „Und mehr als das, du möchtest dich mir genauso hingeben wie damals, aber diesmal nicht überstürzt in einer versteckten Nische. Du sehnst dich danach, unter meinen Berührungen dahinzuschmelzen und zu erbeben, wenn ich dich nehme. Immer wieder.“

„Nein.“

„Du gehörst mir, Amaya. Zweifelst du etwa daran? Du erbebst ja schon jetzt.“

„Ich habe dir nie gehört, und ich werde dir nie gehören. Ich …“

„Sch.“ Ein beinah zärtlicher Ausdruck huschte über sein markantes Gesicht. Kavian streckte die Hand aus, um ihr Kinn zu umfassen und den Daumen über ihre erhitzte Wange gleiten zu lassen. „Ich wusste nicht, dass du unschuldig bist, Amaya. Hätte ich es auch nur geahnt, hätte ich dich nie so genommen und meinem Verlangen nachgegeben. Du hättest nicht weglaufen müssen, azizti. Du hättest es mir sagen können.“

Plötzlich erwachte etwas in ihr. Etwas, das ihr viel mehr Angst machte als die Empfindungen, die er in ihr weckte, wenn er anmaßend und selbstherrlich war. Ja, sogar dann fühlte sie sich zu ihm hingezogen, mehr als das. Aber das hier … In einem Anflug von Panik verdrängte sie es, damit er es ihr nicht anmerkte. Auf keinen Fall wollte sie so schwach und verfügbar erscheinen wie ihre Mutter.

Als hätte seine Berührung sie verbrannt, zuckte Amaya zurück. „Ich …“ Zu viele Gefühle stürmten auf sie ein. Ihre Erinnerungen und die Gegenwart vermischten sich zu einem großen Ganzen, das sie nicht einmal annähernd zu ergründen vermochte. Und um ihn wütend zu machen oder sogar ganz abzuschrecken, log sie wieder. „Ich war nicht unschuldig. Man hat mich das Flittchen von Montreal genannt, denn während meines Studiums habe ich mit allen Männern geschlafen, die mir über den Weg gelaufen sind. Ich bin geflohen, weil ich mich gelangweilt habe …“

Kavian seufzte. „Und jetzt langweile ich mich.“

Als er einen Schritt zurückwich, fühlte sie sich seltsam leer. Nachdem er sie noch einen Moment lang forschend betrachtet hatte, wandte er sich ab und sprang in den nächsten Pool.

Eigentlich hätte sie erleichtert sein und es als Gelegenheit betrachten müssen, tief durchzuatmen und sich darüber klar zu werden, was sie nun tun sollte. Stattdessen beobachtete sie, wie sein durchtrainierter Körper durchs Wasser glitt und dann kurz untertauchte. Dieser konnte unmöglich das Ergebnis unzähliger Stunden im Fitnessraum oder mit persönlichen Trainern sein. Kavian war wie eine leistungsstarke Maschine, und er passte hierher, an diesen traditionsreichen Ort. Er war wie eine Waffe, die man aus dem Fels gehauen hatte, wunderschön und geschmeidig, aber immer tödlich.

Nun tauchte er in der Mitte des Pools auf und strich sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. Selbst aus der Entfernung traf sein Blick sie bis ins Innere. Dann hob Kavian einen muskulösen Arm und warf etwas zum anderen Ende des Pools. Amaya fühlte sich trunken. Erst nach einem Moment wurde ihr bewusst, dass es seine Boxershorts war.

Und es dauerte noch einen Herzschlag, bis ihr klar wurde, was es bedeutete – dass er völlig nackt war. Hier, vor ihr.

Du musst dich zusammenreißen, ermahnte sie sich streng, sonst brichst du gleich zusammen. Das aber wäre dem Flittchen von Montreal sicher nicht passiert.

„Ich weiß nicht, was los ist“, erklärte Amaya, so ruhig sie konnte.

„Ach nein? Und trotzdem hast du behauptet, du wärst nicht unschuldig. Ich dachte, eine Frau mit so viel Erfahrung würde beim Anblick eines nackten Mannes im Pool nicht mal mit der Wimper zucken.“

Kavian berührte sie nicht mehr, er war ihr nicht einmal mehr nahe. Also hatte sie keinen Grund, am Rand des Pools zu stehen und ihn anzustarren.

„Ist das … Willst du wirklich …? Du hast mich direkt hierher gebracht …“

Ungerührt trat er Wasser, schwieg und beobachtete sie nur, während sie sich wie das naive kleine Mädchen aufführte, für das er sie zu halten schien. Amaya hasste es. Sie hasste sich selbst. Trotzdem blieb sie stehen, als würde sie auf sein Urteil warten. Oder auf seinen nächsten Befehl.

Du weißt, wohin das führt, rief sie sich verzweifelt ins Gedächtnis. Und du weißt genau, wozu du dich entwickelst, wenn du es zulässt.

Doch alles, was sie sich geschworen hatte – dass sie sich so wie ihre Mutter für einen Mann niemals völlig aufgeben würde, bis sie ohne diesen nicht mehr existieren konnte und seine mangelnde Zuneigung sie veranlasste, wie eine Zigeunerin mit Rachegelüsten und einem Kind, das sie ablehnte, um die Welt zu reisen –, schien in diesem Moment nichts mehr zu bedeuten.

„Das hier ist ein Bad“, erklärte Kavian schließlich ruhig. Nachdem sie sich eingestanden hatte, dass sie ihrer Mutter trotz allem sehr ähnelte. „Ich hasse Fliegen und wollte mich so schnell wie möglich erfrischen. Außerdem möchte ich, dass du dir die vergangenen sechs Monate abwäschst.“

Als er beobachtete, wie Amaya schauderte, zügelte Kavian das Tier in sich, das sich danach sehnte, sie ungeachtet ihrer Ängste an sich zu ziehen. Er wollte in sie eindringen. Er brauchte sie – und er hatte schon lange aufgehört, irgendetwas zu brauchen.

Doch er würde sich nicht einfach auf sie stürzen, auch wenn er dazu seine ganze Willenskraft aufbieten musste. Sie war keine Gespielin, die er für eine Nacht in sein Bett locken wollte – nicht, dass er das überhaupt je nötig gehabt hätte. Amaya war seine Königin. Sie würde an seiner Seite stehen, seine Söhne gebären und großziehen. Sie hatte es verdient, von ihm umworben zu werden, hier, an diesem unwirtlichen Ort, den er über alles liebte, trotz allem, was er dafür getan hatte, und ungeachtet dessen, dass der Verlauf vorbestimmt war.

Es war ein langes Spiel, das er spielte, mit klaren Zielen. Wie alle Spiele, die er bisher begonnen – und gewonnen – hatte.

Also übte sich Kavian in Geduld. Er, der seit dem Tag der Thronbesteigung selten auf irgendjemanden oder – etwas hatte warten müssen. Er, der schon ein halbes Jahr auf diese Frau gewartet hatte. Er, dem die Frauen sich normalerweise an den Hals werfen. Er, vor dem noch nie eine Frau weggelaufen war. Außer Amaya.

Es spielte allerdings kaum eine Rolle, denn sie war hier. Und sie würde hier bleiben, weil er es so wollte.

„Jeder Pool hat eine andere Wassertemperatur“, sagte er in dem leicht gelangweilten Tonfall eines Reiseleiters, der sein brennendes Verlangen Lügen strafte. „Und es gibt alle Utensilien, die du dir nur wünschen kannst, von handgemachten Seifen, die die Frauen hier angefertigt haben, bis zu den Luxusprodukten, die aus Dubai eingeflogen wurden.“

Amaya war schön, selbst wenn sie nervös war. In dem weißen T-Shirt, unter dem sie offenbar keinen BH trug, und den knappen Shorts sah sie zum Anbeißen aus. Ihre Beine waren noch länger, als er es sich vorgestellt hatte, und perfekt proportioniert. Ihre Füße waren schmal und zart, und aus einem unerfindlichen Grund krampfte sich beim Anblick ihrer blau lackierten Nägel etwas in ihm zusammen.

„Komm rein, Amaya“, forderte er sie auf. „Du wirst es genießen.“

Amaya neigte den Kopf zur Seite. „Versprichst du mir, mich nicht anzufassen?“

Kavian ließ den Blick über ihre vollen Lippen schweifen, von denen er in den letzten Monaten geträumt hatte, und zwar mehr, als er sich eingestehen wollte, über das dichte schwarze Haar, das er offen sehen und auf seiner Haut spüren wollte, und die kleinen, festen Brüste und die Brustwarzen, die sich unter dem Shirt abzeichneten und die er noch mit der Zunge erkunden musste. Ihren gebräunten Bauch, der zwischen T-Shirt und Shorts hervorblitzte, wollte er ausgiebig erkunden ebenso wie ihren Schoß.

Langsam ließ er den Blick wieder nach oben schweifen und bemerkte die Gänsehaut auf ihren Armen. Als er ihr in die Augen sah, lächelte er. „Nein, das tue ich nicht.“

Offenbar brachte es sie aus dem Gleichgewicht, denn sie öffnete kurz die Lippen. Dann ging sie jedoch am Rand des Pools entlang zu der breiten Treppe, die ins Wasser führte.

„Na ja, ich habe jedenfalls nichts gegen Körperhygiene“, verkündete sie.

„Nur etwas gegen Scheichs?“

„Nur gegen Scheichs, Könige und Wüstenpaläste.“ Nachdem sie ihn flüchtig angeblickt hatte, ging sie die Stufen hinunter ins Wasser, ohne T-Shirt und Shorts auszuziehen.

„Du hast wirklich eine schwere Last zu tragen.“

Amaya kam weiter ins Wasser, bis es ihr bis zur Taille reichte, und strich mit den Händen darüber, als würde sie die Temperatur prüfen. Da er es nicht länger aushielt, ging er auf sie zu. Sie betrachtete ihn mit einer Begeisterung, als wäre er ein Hai, und er musste sich eingestehen, dass ihr Widerstand ihn freute.

Nun wich sie einen Schritt zurück und tauchte unvermittelt unter, um gleich wieder an die Wasseroberfläche zu kommen. Kavian konnte sich kaum noch beherrschen. Ihre fantastischen Brüste zeichneten sich unter dem nassen T-Shirt ab, und ihr Zopf hatte sich gelöst, sodass ihr das Haar über die Schultern fiel und sie wie eine Meerjungfrau wirken ließ. Sie strich sich das Wasser aus dem Gesicht und stieß einen erschrockenen Laut aus, als sie die Augen öffnete und ihn vor sich stehen sah – was er auch unterhaltsam fand.

Kavian ließ die Hände über ihre wohlgeformten Hüften gleiten, von denen er auch nachts geträumt hatte, und zog sie an sich. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, so stark war sein Verlangen.

Sie schluckte, sagte allerdings kein Wort, auch nicht, als er den Kopf neigte und mit den Lippen dicht über ihren verharrte. Er spürte, wie sie erschauerte, nahm ihre Körperwärme wahr und ließ ihren Duft – nach Honig und Regen – auf sich wirken.

„Ich glaube nicht, dass ich einen Mann küssen kann, der siebzehn Frauen in seinem Harem hatte“, sagte sie, „auch wenn sie nicht mehr da sind.“

„Dann beschmutz dich bloß nicht“, konterte er, den Mund dicht an ihren verführerischen Lippen. „Du kannst einfach nur dastehen und leiden. Es stört mich nicht.“

Und im nächsten Moment ließ er die Hände in ihr nasses Haar gleiten und zog ihren Kopf langsam zu sich, bis er endlich die Lippen auf ihre presste.

4. KAPITEL

Sobald Kavian die Lippen auf ihre presste, brachen sich all die Sehnsucht und Leidenschaft, die sie in den Monaten auf der Flucht unterdrückt hatte, Bahn.

Amaya schmiegte sich an ihn. Sie wollte nicht nachdenken. Sie erwiderte das erotische Spiel seiner Zunge. Und genau wie vor sechs Monaten war Kavian nicht sanft. Sein Kuss verriet ungezügelte, dunkle Begierde und war die Aufforderung zu etwas, das sie erst einmal erfahren hatte und immer noch kaum verstand.

Nun ließ er die Hände tiefer gleiten, und Amaya erschauerte heftig, als er ihre Brüste umfasste, immer noch leidenschaftlich und nicht zärtlich. Es erregte sie ungemein. Bisher hatte sie ihren Brüsten nie besondere Aufmerksamkeit gewidmet, denn sie waren klein und ihrer Meinung nach alles andere als sexy. Sein Stöhnen bewies ihr allerdings das Gegenteil, vermittelte ihr den Eindruck, dass sie schön und begehrenswert sei, was ihr ein Hochgefühl verschaffte und gleichzeitig Angst machte.

Als Kavian sich schließlich von ihr löste, seufzte sie unwillkürlich. Ein heißes Feuer loderte in ihr, sagte ihr, dass sie genau so schön war wie er und genau so viel Macht besaß. Dass sie ihm gehörte.

Es kümmerte sie nicht einmal, als er dann triumphierend lachte, denn sie fühlte sich ihm in diesem Kampf ebenbürtig. Sie bebte erst, als er die Lippen auf ihren Hals presste, und dann gab sie sich ganz seinen geschickten Händen hin. So, wie sie es schon einmal getan hatte.

Kavian brachte sie um den Verstand. Sie zitterte vor Verlangen. Bei ihm fühlte sie sich so lebendig und ungezügelt wie noch nie, und es erschien ihr so richtig.

Er wusste genau, was er tat. Er neigte den Kopf, um eine Brustwarze mit den Lippen zu umschließen. Dann hob er Amaya kurzerhand hoch, sodass sie rittlings auf seinem Schenkel zu sitzen kam und seine harten Muskeln spürte.

Sobald er durch den Stoff an der Brustspitze zu saugen begann, vergaß sie alles um sich her, und dass er ihr das T-Shirt nicht auszog, erregte sie noch mehr. Das Atmen fiel ihr schwer, sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, denn es gab nur noch ihn.

Nur Kavian. Nur das hier.

Spielerisch biss er ihr in die Brustwarze, saugte daran und liebkoste beide Brüste abwechselnd, während Amaya auf seinem Schenkel saß. Es schien ihr, als wäre sie in einem Gewitter gefangen, und es interessierte sie nicht, ob sie es überleben würde. Das ist es wert, ging es ihr durch den Kopf.

Immer sehnsüchtiger drängte sie sich ihm entgegen, um die brennende Begierde zu stillen, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Als er einen schroffen Laut ausstieß, machte er es noch schlimmer.

„Du bringst mich um“, stieß er hervor, als hätte er ihre Gedanken gelesen, als würde sie dieselbe Wirkung auf ihn ausüben wie er auf sie.

Wieder umschloss er eine Brustspitze mit den Lippen, während er die andere mit Daumen und Zeigefinger zu liebkosen begann. Und er tat es noch einmal, während heiße Wellen der Erregung ihren Schoß durchfluteten.

„Jetzt, Amaya“, befahl er, die Lippen an ihrer Brust.

Und im nächsten Moment wurde sie von den Wellen der Lust davongetragen und hörte sich wie aus weiter Ferne schreien, während sie sich völlig in seinen Armen verlor. Als sie wieder zu sich kam, hatte Kavian sie hochgehoben und trug sie aus dem Wasser zu dem Sitzbereich in der Mitte. Nachdem er ihr ein weiches Badelaken umgeschlungen hatte, setzte er sie auf einen der Liegestühle ab. Dann wickelte er sich ebenfalls ein Badetuch um die Taille, was ihre Aufmerksamkeit erneut auf seinen fantastischen Körper lenkte.

Sie musste etwas sagen, und das würde sie auch tun, sobald ihr nicht mehr schwindelig war. Oder wenn er zu ihr kam und weitermachte, was er ganz bestimmt tun würde.

Stattdessen ging er jedoch zu dem niedrigen Tisch, auf dem mehrere Tabletts mit Köstlichkeiten standen. Ohne Eile tat er Verschiedenes davon auf einen Teller und nahm dann auf einem Liegestuhl ihr gegenüber Platz.

Amaya begriff nicht, was passierte. Ihr Herz pochte immer noch wie wild. Sie spürte es in den Schläfen, im Bauch und im Schoß.

„Willst du nicht …?“ Verärgert über sich selbst, verstummte sie. Warum verwandelte sie sich bei diesem Mann in einen errötenden Teenager? Warum fühlte sie sich ihm gegenüber so jung und naiv, ohne dass er irgendetwas dazu beitrug?

„Wenn du es nicht aussprechen kannst, Amaya, inspiriert es mich nicht gerade, es zu tun“, erwiderte Kavian beinahe vorwurfsvoll.

Und ließ es sich ungerührt weiter schmecken, als hätte er ihr nur irgendetwas beweisen wollen. Amaya wusste nicht, warum es sie wütend machte. Langsam setzte sie sich auf und ignorierte die lustvollen Empfindungen, die sie immer noch durchfluteten, als hätte er ihren Körper tatsächlich zu seinem gemacht. Nein, daran wollte sie nicht denken.

„Ich weiß nicht, was du von mir erwartest“, brauste sie auf. „Wir hatten einmal Sex, und das zufällig, und du hast mich sechs Monate lang um die ganze Welt gejagt. Du erzählst mir ständig, dass ich dir gehöre und mich dir hingegeben habe. Und dann verschaffst du mir einen Höhepunkt und hörst einfach auf, um schnell etwas zu essen. Hier, in diesem Bad, in dem du angeblich noch bis vor Kurzem siebzehn Frauen unter Verschluss gehalten hast. Ich habe keine Ahnung, wozu du imstande bist.“ Sie atmete tief durch. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer du bist.“

Nun begannen seine Augen zu funkeln, doch Kavian lehnte sich lässig zurück und wirkte distanzierter denn je. „Niemand wurde hier unter Verschluss gehalten“, entgegnete er nach einer Weile, als sie schon ein unheilvolles Prickeln verspürte. „Das hier ist kein Gefängnis, und wir befinden uns auch nicht in einem Fantasyroman.“

„Ich denke daran, wenn du das nächste Mal von Versprechen redest.“

Ein Ausdruck, der viel gefährlicher war als Belustigung, huschte über sein Gesicht, und in dem Moment wurde ihr bewusst, dass sie nur ein durchgeweichtes T-Shirt und ebensolche Shorts sowie ein Handtuch trug. Und dass dieser Mann keine Skrupel hatte, ihren Körper gegen sie zu verwenden, wenn ihm danach war.

Er blieb allerdings sitzen, und zu ihrem Leidwesen musste sie sich eingestehen, dass sie das noch schlimmer fand.

„Es überrascht dich vielleicht“, begann Kavian verführerisch, „aber du bist die erste Frau, die sich nicht über die Aussicht freut, mein Bett mit mir zu teilen.“

„Glaubst du.“ Amaya funkelte ihn an und versuchte, entsprechend wütend auf ihn zu sein. „Die Menschen sagen nicht immer die Wahrheit, vor allem nicht furchteinflößenden Wüstenkönigen gegenüber.“

„Frag dich mal, warum ich mir so sicher bin.“ Seine Augen schimmerten in diesem Moment silbern. „Frag dich mal, woher ich das weiß.“

Sie hatte nicht die Absicht, denn er hatte es ihr bereits zweimal bewiesen. Sie wusste auch nicht, ob er es ihr ansah, doch er lächelte nur hart, und sie glaubte immer noch, seine Lippen auf ihren zu spüren.

„Du musst dir nicht den Kopf über meine Erwartungen zerbrechen“, fuhr er so lässig fort, als würde er über das Wetter reden. „Ich werde dir mitteilen, was ich will, wie ich es will und wann ich es will. Und du wirst es tun. Es ist also ganz einfach.“

„Das ist es nicht.“ Doch er erwiderte nur ihren Blick, und sie verspürte plötzlich eine starke innere Unruhe, die sie nicht erklären konnte. Schnell stand sie auf. „Ich möchte nicht hier sein. Ich möchte nach Hause.“

„Wenn du es wünschst“, meinte er freundlich, woraufhin ihr Herz einen Schlag aussetzte. Sein Lächeln machte sie allerdings noch nervöser. „Welches Zuhause meinst du denn?“

In diesem Moment glaubte sie, ihn zu hassen. Ja, es musste Hass sein.

„Du kannst mich nach Kanada zurückkehren lassen“, erklärte Amaya scharf. „Dorthin, wo du mich gefunden hast.“

„Kanada ist nicht dein Zuhause.“ Noch immer saß Kavian lässig da, als wäre dies eine lockere Unterhaltung. Sie hingegen fühlte sich wie eine Maus in den Krallen einer Katze. „Du bist in Bakri geboren worden und hast dort bis zu deinem achten Lebensjahr gelebt. Die nächsten zehn Jahre hat deine Mutter dich um die halbe Welt geschleift. Euer längster Aufenthalt hat fünfzehn Monate gedauert, und zwar auf einem Weingut in Neuseeland. Ist das das Zuhause, das du meinst? Leider muss ich dir sagen, dass der Typ, bei dem ihr damals gewohnt habt, längst eine neue Familie hat.“

Amaya erinnerte sich an die kühlen Morgen im Spätwinter in Neuseeland, an denen sie ihn durch die Weinberge begleitet hatte, den netten Mann, von dem sie geglaubt hatte, er könnte Elizaveta zu einem besseren Menschen oder wenigstens glücklicher machen. Eine Zeit lang schien es ihm auch gelungen zu sein. Sie meinte die schneebedeckten Berge vor sich zu sehen, die Richmond Range und das Meer im Osten. Vor allem aber fielen ihr die milden Nächte ein, in denen Abermillionen von Sternen am Himmel gefunkelt hatten. Es war magisch gewesen.

An diese Phase ihres Lebens hatte sie schon sehr lange nicht mehr gedacht. Elizaveta war schließlich weitergezogen, und Amaya hatte irgendwann nicht mehr geglaubt, dass irgendjemand heilen könnte, was ihr Vater zerstört hatte. Auch jetzt hatte sie das Gefühl, dass etwas in ihr zerbrach, als hätte Kavian ein ohnehin wackeliges Fundament zerstört. Und er sprach ungerührt weiter.

„Oder meinst du vielleicht dein Studium in Montreal?“ Er wartete gar nicht auf eine Antwort. „Du scheinst dich da wohl gefühlt zu haben, bist aber oft in die Berge gereist, nach Europa und im Winter in die Karibik. Nach deinem Abschluss bist du dann für ein Aufbaustudium nach Edinburgh gegangen, das du allerdings nur halbherzig betrieben hast, weil du nebenbei in einem Pub gearbeitet hast.“

Amaya ballte die Hände zu Fäusten. „Was für mich zu Hause ist, entscheide ich allein. Es steht dir auch nicht zu, mein Leben zu kritisieren.“ Es fiel ihr schwer, ruhig zu sprechen.

„Doch, das tut es.“ Kavian zuckte die Schultern. „Du hast kein Zuhause, Amaya, und du hattest nie eins. Aber auch das hat sich jetzt geändert, ob du das akzeptierst oder nicht.“

Amaya hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Sie fühlte sich, als hätte er sie eine Treppe hinuntergeworfen und sie wäre hart auf dem Rücken gelandet. Einen Moment lang blickte sie ihn nur starr an.

„Ich möchte irgendwo sein, wo du nicht bist“, brachte sie schließlich hervor.

„Das glaube ich dir. Allerdings hast du nicht die Wahl.“

„Das ist ein riesiger Palast. Irgendwo gibt es doch bestimmt einen Raum, in dem du mich weit weg von allem unterbringen kannst. Von mir aus auch in einem Kerker, solange ich nur nicht in deiner Nähe bin.“ Wo sie in der Lage war herauszufinden, was, zum Teufel, sie tun sollte.

„Es gibt davon viele, aber du wirst in meinem wohnen.“

Kavian betrachtete sie nur ungerührt. Und sie wusste nicht, was schlimmer war – das schwelende Feuer tief in ihr, das sie nicht wahrhaben wollte, das Beben, das sie nicht zu unterdrücken vermochte, oder die Tatsache, dass er sie hier gefangen hielt, und zwar in jeder Hinsicht.

„Nein“, entgegnete sie, doch er ignorierte es einfach.

„Es tut mir leid, wenn es dich traurig macht, aber ich bin kein besonders moderner Mann.“ Er klang allerdings nicht im Mindesten bedauernd. „Ich traue nur dem, was ich anfassen kann. Ich will dich in meinem Bett haben.“

Bett. Das Wort ließ erregende Bilder vor ihrem geistigen Auge aufsteigen, Bilder von seinem Mund, seinen Händen, seinem muskulösen Körper auf ihr …

„Ich will nicht mehr in die Nähe deines Bettes kommen. Du hast mich schon zweimal übervorteilt – einmal in einer Nische und einmal hier im Pool. Warum können wir es nicht dabei belassen?“ Sie klang hysterisch, und sie hatte das Gefühl, es auch zu sein.

Kavian hingegen erstarrte, doch in seinen Augen lag ein schwelender Ausdruck. Außerdem hatte sie den Eindruck, dass ein weiteres Fundament einstürzte.

„Wenn ich dich das nächste Mal nehme, Amaya, werden drei Dinge passieren“, sagte er ganz leise. „Erstens wird es in einem richtigen Bett sein. Ich bin vielleicht nicht zivilisiert, aber ich habe auch lichte Momente. Zweitens möchte ich mir Zeit lassen, alle Zeit der Welt, wenn nötig.“ Als sie erschauerte, umspielte ein Lächeln seine Lippen. „Und drittens wirst du dabei meinen Namen sagen.“

„Deinen Namen?“

„Du hast ihn noch nicht ausgesprochen“, erinnerte er sie, und ihr wurde bewusst, dass er zwar durch und durch lässig wirkte, es allerdings nur eine Illusion war. „Ich schätze, es ist ein weiterer Versuch deinerseits, Distanz zwischen uns zu schaffen, stimmt’s?“

„Ich habe keine Ahnung, was du meinst. Ich benutze deinen Namen ständig, vor allem, wenn ich fluche.“

„Du wirst meinen Namen sagen“, bekräftigte er ruhig, während er sich zurücklehnte, und es schien Amaya, als würde sie dabei den Druck seiner Hände spüren. „Du wirst in meinem Bett schlafen. Du wirst dich mir hingeben. Es wird keine Distanz zwischen uns geben, Amaya. Es wird nichts geben als meinen Willen und deine Unterwerfung.“

„Gefolgt von meinem Freitod, damit ich dir so schnell wie möglich entfliehen kann“, konterte sie, das wilde Pochen ihres Herzens ignorierend.

Doch Kavian lachte nur, als könnte er es hören. Als wüsste er Bescheid.

5. KAPITEL

Sie hatte nicht einschlafen wollen. Die lächelnden, beinah ehrerbietigen Frauen hatten auf sie gewartet, als sie das Bad verließ, immer noch ganz durcheinander nach dem Vorfall im Pool. Sie hatten sie durch ein wahres Labyrinth geführt, und Amaya hatte nicht gewusst, ob der Palast wirklich so verwinkelt war oder sie sie bewusst über Umwege zu ihrer Suite brachten.

Auf jeden Fall erwies diese sich als so prunkvoll, wie es einem König geziemte. Als sie verlangte, woanders untergebracht zu werden, taten die Frauen jedoch so, als würden sie Amaya nicht verstehen. Schließlich wandte Amaya sich an die beiden furchteinflößenden Wachen vor den Türen.

„Es handelt sich um ein Missverständnis“, sagte sie. „Ich bleibe nicht hier.“

Die beiden Männer blickten sie nur starr an, und schließlich wurde ihr bewusst, dass sie lediglich einen Bademantel trug.

„Das können Sie mit dem König besprechen, wenn Sie meinen, dass es Ihnen zusteht“, erwiderte der größere der beiden schließlich in einem Tonfall, der darauf hindeutete, dass dieses Gespräch unangemessen war – oder sie sich so verhielt. In seinen Augen war sie ja nicht die Frau, die man gegen ihren Willen gefangen hielt und die es verdient hatte, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sondern die Prinzessin, die sich geehrt fühlen konnte, weil sein geliebter König ihr seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und die so undankbar gewesen war wegzulaufen.

Tatsächlich wirkten die beiden, als hätte es ihnen im Fall des Falles Spaß gemacht, sie den Flur entlangzujagen und wieder einzusperren.

Eine Weile stand Amaya schwer atmend da, mit dem Rücken zu der Tür, die ihren einzigen Fluchtweg aus Kavians Gemächern darstellte, den kalten Marmorboden unter den bloßen Füßen. In dem Moment kam sie zu dem Ergebnis, dass es nicht besonders clever wäre, sich noch einmal davonzumachen. Schließlich hatte Kavian sie schon einmal gefunden, und das am abgelegensten Ort der Welt. Ihre einzige Möglichkeit war jetzt, sich zu verstecken.

So barbarisch kann er nicht sein, redete sie sich ein, als sie in der königlichen Suite, die sich über zwei Stockwerke erstreckte, von einem Raum zum anderen ging. Es gab drei elegante Salons, die durch die Hanglage über eigene Terrassen und eine fantastische Aussicht verfügten, und das Marmorfoyer öffnete sich zu einem kleinen Hof mit einem wunderschönen Springbrunnen in der Mitte. Außerdem entdeckte sie mehrere Wohnzimmer, ein Medienzentrum, eine große Bibliothek und sogar einen formalen Speisesaal mit Seidentapeten und vergoldeten Möbeln.

Noch immer sah sie sich nach einem Versteck um. Kavian hatte im Pool zwar große Töne gespuckt, aber tatsächlich hatte er sie noch nie zu etwas gezwungen, so ungern sie sich das auch eingestand. Sie hatte sich bereit erklärt, ihn zu heiraten, um ihrem Bruder und vielleicht sogar ihrem verstorbenen Vater eine Freude zu machen, und war jedes Mal schwach geworden, wenn Kavian sie berührte.

Sie hatte auch keine Angst vor ihm, sondern vor sich selbst. Sie hatte Angst davor zu kapitulieren und vor ihrer insgeheimen Sehnsucht, vor ihm auf die Knie zu sinken und sich ihm bereitwillig zu unterwerfen. Davor, dass er alle Versprechen hielt, die er ihr gegeben hatte. Zu erfahren, was er meinte, als er ihr gesagt hatte, sie würde gehorchen lernen …

Hör auf damit, ermahnte sie sich, während sie weiterging. Sie war eine moderne Frau, verdammt! Sie mochte in eine Gesellschaft wie diese hineingeboren worden sein, aber ihr Herz hatte nie hierhergehört. Schließlich hatte sie miterlebt, was es mit einer Frau machte, wenn sie ihr Herz an einem unwirtlichen Ort wie diesem zurückließ, oder nicht?

Doch das Herz war ein Verräter, wie ihr bewusst wurde, als sie einen weiteren luxuriösen Raum betrat, den Kavian offensichtlich als privates Büro nutzte, und sein Porträt an der Wand sah. Die kräftigen Ölfarben und die kühne Pinselführung ließen ihn als Teil der Wüste erscheinen, die er befehligte. Und ihr Herz begann, wild zu pochen. Zu wild.

Amaya legte die Hand darauf, verärgert, weil die Hofdamen ihr ihre Sachen weggenommen und ihr nur eine Art Negligé und einen dazu passenden Morgenmantel aus Rohseide gegeben hatten. Genauso gut hätte sie sich Kavian auf einem Silbertablett präsentieren können … Schnell verdrängte sie dieses beunruhigende Bild, aber sie hatte schon eine Gänsehaut bekommen. Zum Teufel mit ihm!

Schließlich gelangte sie in sein Ankleidezimmer, das ihr sogar größer erschien als die Wohnung, die sie während ihrer kurzen Zeit in Edinburgh mit drei anderen Studentinnen geteilt hatte. Sie ignorierte die Reihen von exquisiten Maßanzügen, die traditionellen Roben in den schönsten Stoffen, die sie im Vorbeigehen unwillkürlich berührte – alles Insignien eines Mannes, der in jedem Aufzug umwerfend aussah.

Der Anblick all dieser Pracht ließ Kavian vor ihrem geistigen Auge auftauchen, als würde er vor ihr stehen, ein gefährliches Funkeln in den grauen Augen. Dann kroch sie in die hinterste Ecke und kuschelte sich unter einer Reihe von Wintermänteln und zwischen derben Stiefeln zusammen.

Sie wollte auf ihn warten, denn er würde bald in seine Suite zurückkehren, und sie zweifelte nicht daran, dass er alles ernst gemeint hatte, was er am Pool zu ihr gesagt hatte. Wenn sie sich vor ihm versteckte, würde sie vielleicht ein Zeichen setzen.

Doch sie hatte nicht vorgehabt einzunicken. Als Amaya aus dem Schlaf schreckte, musste sie sich erst einmal orientieren. Kavian beugte sich über sie, und alles um sie her begann sich zu drehen. Ehe sie sich’s versah, hatte er sie hochgezogen, und dann lag sie in seinen Armen.

„Du hast einen Abdruck von meinem Stiefel im Gesicht“, informierte er sie kühl und mit unterdrücktem Zorn. „Wie würdevoll du bist, meine Königin.“

Eigentlich wollte sie ihn darauf hinweisen, dass sie nicht besonders eitel sei, doch sie ertappte sich dabei, wie sie sich über die Wange fuhr. Diese fühlte sich erhitzt an, und die Art, wie er sie ansah, machte alles nur noch schlimmer.

„Es dürfte dir beweisen, dass ich einiges auf mich zu nehmen bereit bin, um dir aus dem Weg zu gehen.“ Sie klang verschlafen und versuchte, sich zusammenzureißen, obwohl Kavian nun aus dem Raum ging – aber mit jedem Schritt wurde sie sich seiner Kraft, seine Körperwärme und seiner Muskeln umso deutlicher bewusst. Und der Art, wie der glatte Stoff sinnlich ihre Haut umspielte.

„Es beweist mir vieles“, bestätigte Kavian kühl und blickte sie an, als er den Wohnbereich betrat, der zwischen Ankleideraum und Schlafzimmer lag.

Auf der gegenüberliegenden Seite schien die Sonne durch die hohen Fenster und auf die Terrasse, die die ganze Längsseite einnahm, und Amaya wusste nicht, warum ihr bei dem Anblick der Atem stockte. Als hätte sie sich vorgestellt, dass Kavian nur im Dunkeln zu ihr kommen würde? Doch sie wusste es besser. Er hielt sich nie an irgendwelche Regeln.

Trotzdem versuchte sie, ihn dazu zu bringen. Was hatte sie auch für eine Wahl?

„Beweist es dir, dass du ein Unmensch bist?“ Ihr war klar, wie gefährlich es war, ihn zu provozieren, wenn er sie so in den Armen hielt, doch sie konnte nicht anders. „Dass ich gezwungen war, mich in einem Kleiderschrank zu verstecken, um zu dir durchzudringen?“

„Das und die Tatsache, dass du verzweifelt bist“, erwiderte er. „Vielleicht glaubst du, ich würde dich wie ein Kind behandeln, wenn du dich wie eins verhältst, und nicht wie die Frau, die du bist.“

Aus irgendeinem Grund trafen seine Worte sie. „Ich habe nie behauptet, ich wäre ein Kind.“

„Das ist klug, Amaya, denn in meinem Land verhätscheln wir die Kinder nicht, bis sie aus dem Teenageralter heraus sind. Wir erwarten, dass sie von klein auf Verpflichtungen übernehmen und dann für ihre Entscheidungen geradestehen. Ich war schon mit dreizehn Soldat und mit knapp zwanzig etwas viel Schlimmeres. Ich wurde nie wie ein Junge behandelt.“

„Falls du glaubst, meine Eltern hätten mich auch nur ansatzweise verhätschelt, hast du den Verstand verloren.“ Kaum hatte sie das gesagt, bereute Amaya es. Kavian schenkte ihr nur einen flüchtigen Blick, doch dieser verbrannte sie förmlich.

„Ich weiß genau, wer und was du bist“, erklärte er, während er sein Schlafzimmer betrat. Mit den dunklen Hölzern und den vorherrschenden Rot- und Goldtönen hatte es eine ausgesprochen maskuline Note. „Egal, ob du dich in meinem Schrank versteckst oder um die ganze Welt reist, um mich in der Öffentlichkeit zu demütigen, es wird immer hier enden.“

Und um seine Worte zu unterstreichen, legte er sie auf sein Bett.

Wider Erwarten warf er sich nicht auf sie, sondern blieb einfach stehen. Er trug eine weite weiße Hose, in der er eher wie der Wüstenkönig wirkte als in allen anderen Aufzügen zuvor. Dann verschränkte er die Arme über der muskulösen, gebräunten und von Narben gezeichneten Brust und betrachtete sie.

Amaya wollte weglaufen, lag allerdings wie erstarrt da. Sie war zu angespannt, und während sie angestrengt zu atmen versuchte, wurde ihr bewusst, dass sie eine schmerzliche Sehnsucht verspürte …

Sein wissender Gesichtsausdruck zeigte ihr, dass Kavian sie durchschaute.

„Du hättest mich nicht jagen müssen.“ Sie wusste kaum, was sie sagte. „Du hättest mich gehen lassen können.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Bist du bereit für mich?“

Sofort stand sie in Flammen. Das Blut stieg ihr ins Gesicht, aber sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden, genauso wenig wie sie die Hitzewellen unterdrücken konnte, die ihren Schoß durchfluteten.

„Ich verstehe das als Ja“, meinte er amüsiert. „Du bist heute schon einmal in meinen Armen gekommen, Amaya. Zweifelst du noch daran, dass du mir gehörst? Ich bin nicht einmal in dich eingedrungen.“

Jetzt hätte sie aufspringen, ihn anschreien und ihm eine Ohrfeige verpassen müssen. Ihm klarmachen sollen, dass er sie nicht so behandeln konnte. Doch sie tat nichts dergleichen. Sie erwiderte nur starr seinen Blick, während das sehnsüchtige Ziehen immer schmerzlicher wurde.

„Zieh dich aus“, wies er sie dann mit einem schroffen Unterton an. Vielleicht war er doch nicht so ungerührt, wie er sich gab.

„Ich will nicht …“

„Jetzt, Amaya“, befahl er eisig. „Zeig es mir, azizti. Zeig mir, dass du genauso stolz auf deine Schönheit bist wie ich auf meine.“

Plötzlich ging etwas mit ihr vor. Es ist wie ein Traum, sagte Amaya sich. Und die Wahrheit war, dass sie diesen Traum seit ihrer Flucht am Abend ihrer Verlobung immer wieder geträumt hatte, so oder ähnlich. Darin war Kavian immer mehr oder weniger bekleidet gewesen, doch in natura wirkte er natürlich viel beeindruckender. Und wie immer hatte sie die widersprüchlichsten Empfindungen verspürt.

Ich träume wieder, redete sie sich ein. Und in einem Traum konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Es hatte keine Bedeutung. Also tat sie es auch.

Amaya öffnete den Gürtel und ließ den Morgenmantel mit unbewusst sinnlichen Bewegungen über ihre Arme gleiten. Dann zog sie das Negligé aus, sodass sie in einem Haufen blauen Stoffs dasaß. Sie schluckte und verharrte einfach so. Ganz nackt, wie Kavian es gewünscht hatte.

Amaya wusste, dass es nichts bedeutete. Vor sechs Monaten hatte sie ihre Unschuld an diesen Mann verloren. Und heute im Pool hatte er sie nur mit Mund und Händen liebkost. Doch beide Male war sie angezogen gewesen. Es war erstaunlich, was für ein Unterschied es war, zum ersten Mal entblößt vor ihm zu sitzen.

„Warum lässt du wie ein verlegener Teenager die Schultern sinken?“, fragte Kavian nun so nachsichtig, als hätte er ihre Nacktheit gar nicht registriert, wäre das Funkeln in seinen Augen nicht gewesen. „Warum sitzt du so vor mir, als würdest du deinen Wert nicht kennen? Präsentierst du dich mir so, als wolltest du dich bei mir entschuldigen, Amaya?“

„Ich entschuldige mich nicht.“ Sie fand auch nicht, dass sie sich ihm präsentierte, doch das konnte sie nicht in Worte fassen.

„Bist du sicher? Richte dich gerade auf, als wärst du stolz auf deine Brüste.“

„Ich glaube, wir wissen beide, dass ich nicht besonders stolz auf sie sein kann. Warum soll ich etwas zur Schau stellen, was ich nicht habe?“

„Deine Meinung über sie interessiert mich nicht.“ Erstaunt zog er die Brauen hoch. „Ich erinnere mich daran, wie sie geschmeckt haben. Mehr, bitte.“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie sich tatsächlich aufgerichtet hatte. Nun straffte sie sich noch mehr, sodass ihre Brüste besser zur Geltung kamen und ihr außerdem das Haar über die Schultern fiel. Das mochte er auch, wie sie wusste.

Eine Ewigkeit, wie es ihr daraufhin schien, betrachtete Kavian sie nur. Eigentlich hätte sie verlegen sein, sich nackt fühlen, frieren müssen. Stattdessen stand sie in Flammen und sehnte sich nach ihm.

„Sieh dich an“, meinte er leise, „du atmest immer schneller. Deine Wangen sind gerötet. Was würde ich finden, wenn ich jetzt die Hand zwischen deine Schenkel gleiten lasse?“

Amaya fühlte sich nicht in der Lage zu antworten.

„Es würde mich keine große Mühe kosten“, fuhr er beinah sanft fort. „Deine Brustspitzen sind ganz hart. Stell dir vor, was ich alles damit machen könnte. Stell dir vor, wie es sich anfühlen würde.“ Unwillkürlich presste sie sich an die Matratze, woraufhin er lachte. „Nein, entweder kommst du zu mir, oder wir lassen es, Amaya. Vergiss das nicht.“

Sie hätte ihn herausfordern sollen. Sie hätte sich gegen ihn zur Wehr setzen und sich weigern müssen, das hier zu tun, nur weil er es wollte. Doch natürlich war ihr klar, dass sie es auch wollte. Was das aber über sie aussagte, mochte sie vorerst lieber nicht ergründen. Vielleicht war es also einfacher, seine Anweisungen zu befolgen.

„Knie dich hin“, befahl Kavian nun so leise, als wäre er bereits eins mit ihr.

„Ich werde mich nicht vor dich knien und flehen“, warf sie ihm an den Kopf, stellte allerdings fest, dass sie nicht wie sie selbst klang.

„Natürlich nicht. Ich sehe ja, wie entsetzt du bist.“ Er neigte den Kopf zur Seite, während seine Augen silbern funkelten. „Knie dich hin, Amaya. Ich will es dir nicht noch einmal sagen müssen.“

Dies war der Moment der Wahrheit. Amaya wusste nicht genau, warum sie sich auf seinen Wunsch hin ausgezogen hatte, doch jetzt musste sie ihm Einhalt gebieten. Es war ganz einfach. Sie brauchte nur aufzustehen und wegzugehen. Kavian war vieles, aber sicher kein Unmensch. Hart ja, der unerbittlichste Mann, dem sie je begegnet war. Ihre weibliche Intuition sagte ihr, dass er zwar ihre Grenzen überschritt, sie allerdings nie zu etwas zwingen würde. Sie musste also nur von hier verschwinden.

Amaya erhob sich, hatte jedoch das Gefühl, als wäre ihr Körper so lebendig, als wären ihre Sinne so geschärft wie nie zuvor. Trotzdem schien ihr Körper ihr nicht zu gehorchen, denn plötzlich kniete sie vor ihm, genau wie Kavian es ihr befohlen hatte.

Das war schlimm genug. Schlimmer noch, als er sie ansah, straffte sie die Schultern, damit er ihre Brüste betrachten konnte, wie er es auch vorher verlangt hatte. Und nicht nur die, sondern ihren ganzen Körper.

Sie präsentierte sich ihm tatsächlich wie auf einem Silbertablett. Ihr Puls begann zu rasen. Dabei wusste sie, dass Kavian wartete.

Es knisterte förmlich zwischen ihnen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Extra Band 43" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen