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ROMANA EXTRA BAND 41

KATE HARDY

Sinnliche Küsse auf Capri

Es kann nicht schlimmer werden, da ist Claire sicher! Doch sie irrt sich – denn sie hat nicht nur das Hochzeitskleid ihrer Freundin verloren, jetzt sorgt der smarte Sean auch noch in ihrem Herzen für Chaos …

ANNIE WEST

Heirate mich, geliebter Feind!

Rache ist süß! Und die Tochter seines Feindes vor dem Altar zu verlassen, erfüllt Donato Salazar schon jetzt mit Genugtuung … bis Ella ihn Kuss für Kuss verzaubert. Aber an Liebe darf er nicht denken!

FIONA HARPER

Nur dieser eine Tanz?

Als ihr attraktiver Boss Cameron Hunter sie überraschend zum Tanz auffordert, fühlt Alice sich für eine Nacht wie die schönste Ballprinzessin. Aber ihrem Glück scheint keine Zukunft vergönnt …

PENNY ROBERTS

Liebestraum in der Champagne

Thierry ist nicht begeistert, als er erfährt, dass die schöne Fremde eine ehrgeizige Journalistin ist und eine Story über seinen Champagner schreiben will … Oder stimmen ihre schönen Augen ihn noch um?

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Sinnliche Küsse auf Capri

1. KAPITEL

Das passierte gerade doch nicht wirklich.

Es kommt bestimmt gleich, es muss einfach! Claire stand alleine vor dem stillstehenden Gepäckkarussell, auf dem kein einziger Koffer mehr kreiste. Panik erfasste sie. Wo war das Brautkleid ihrer besten Freundin?

Reiß dich zusammen, Claire Stewart, ermahnte sie sich, und such jemanden, der dir weiterhelfen kann.

Sie ergriff ihren Koffer und den großen Kleidersack mit ihrem Brautjungfernkleid und marschierte zum nächsten Schalter. Vielleicht war die Schachtel ja lediglich auf einem falschen Karussell gelandet und wartete nur darauf, abgeholt zu werden.

Eine halbe Stunde später stand fest, dass das Kleid irgendwo zwischen London und Neapel verschwunden war – das Kleid, das sie in mühevoller Handarbeit mit winzigen Perlen bestickt hatte. Das Kleid, in dem ihre beste Freundin in zwei Tagen auf Capri heiraten wollte.

Das war vielleicht nur ein Albtraum! Bestimmt wachte sie gleich auf. Verstohlen kniff sie sich in den Arm. Es tat weh. Oh, nein! Offenbar war sie tatsächlich in Neapel mit ihrem Gepäck, ihrem Brautjungfernkleid … und keinem Brautkleid.

Sie suchte sich eine ruhige Ecke, holte ihr Handy hervor und wählte Ashleighs Nummer. Der Anruf wurde direkt auf die Mailbox umgeleitet. Dies war definitiv keine Nachricht für den Anrufbeantworter. Sie versuchte ihr Glück bei Ashleighs Verlobtem Luke – vergebens. Claire sah auf die Uhr. Es war früh am Morgen, die beiden saßen vermutlich beim Frühstück und hatten ihre Handys auf dem Zimmer gelassen. Wen konnte sie sonst noch anrufen? Die Nummer von Lukes Trauzeugen Tom hatte sie nicht, und Sammy, ihre andere beste Freundin, die die Hochzeit fotografieren würde, reiste erst am nächsten Tag aus New York an. Die restlichen Hochzeitsgäste würden erst am Morgen der Hochzeit ankommen.

Somit blieb nur Ashleighs Bruder übrig. Der Mann, der Ashleigh zum Altar führen würde. Der Mann, der sich bei allem penibel an die Regeln hielt – im Gegensatz zu Claire. Er war der Letzte, an den sie sich mit ihrem Problem wenden wollte. Aber er war auch noch nicht auf Capri eingetroffen. Ihr blieb also noch Zeit, alles wiedergutzumachen. Sie brauchte nur einen Plan.

Nein, was sie bitternötig hatte, war eine Tasse Kaffee! In den vergangenen Wochen hatte sie nicht nur rund um die Uhr an Ashleighs Brautkleid genäht, sondern obendrein an einer Kollektion für eine Modenschau auf einer großen Hochzeitsmesse. Sie war kaum zum Schlafen gekommen, und nach dem frühen Flug nach Neapel fühlte sie sich jetzt ganz benommen.

Einen Espresso mit drei Stück Zucker später hatte Claire endlich einen Plan entworfen. Sie würde hin und her fliegen müssen, doch das war ihr egal. Ashleigh war viel mehr als nur ihre beste Freundin. Claire empfand für sie wie für eine Schwester – und würde für sie über glühende Kohlen laufen!

Sie griff nach ihrem Handy und wählte erneut Ashleighs Nummer. Diesmal hatte sie Glück.

„Hallo, Claire! Bist du schon in Neapel?“

„Äh, ja. Aber leider gibt es ein Problem. Ich weiß gar nicht, wie ich es dir schonend beibringen kann. Ist Luke bei dir? Womöglich brauchst du ihn gleich.“

„Du machst mir Angst. Was ist passiert? Geht’s dir gut?“

„Mir schon. Aber ich habe Mist gebaut. Es tut mir so leid, Ash, dein Kleid … es ist irgendwo zwischen hier und London verloren gegangen.“

„Was?“

„Die Fluggesellschaft hat in London nachgefragt – dort ist es nicht mehr. In Neapel ist es aber auch nicht angekommen. Sie versuchen es aufzuspüren, können aber nicht garantieren, dass sie es bis zur Hochzeit finden.“

„Ach du meine Güte!“ Ashleigh rang hörbar nach Atem.

„Ich weiß – aber wir kriegen das hin! Bis zur Trauung kann ich natürlich kein zweites Kleid wie deines nähen, selbst wenn ich das Material und eine Nähmaschine hätte. Uns bleiben dennoch mehrere Möglichkeiten: Wir könnten in Neapel nach einem Kleid von der Stange suchen, das ich für dich abändere. Oder ich verstaue mein Gepäck in einem Fach hier am Flughafen und fliege sofort zurück nach London. Wir tragen ungefähr dieselbe Größe: Ich schlüpfe in jedes einzelne Kleid in meinem Geschäft und führe es dir über Skype vor. Du suchst dir die Kleider aus, die dir gefallen, und ich bringe sie mit der nächsten Maschine zu dir. Dann kann ich vor Ort die letzten Änderungen vornehmen, damit das Kleid perfekt wird.“ Nur würde es nicht perfekt sein – es wäre nicht Ashleighs Traumkleid, das Claire für sie persönlich entworfen hatte. „Du wirst trotzdem die schönste Braut der Welt sein.“

„Mein Brautkleid ist verschwunden!“, stammelte Ashleigh erschüttert.

Claire konnte ihre Enttäuschung nachempfinden. Ihre Freundin hatte sich bewusst für eine Hochzeit im Ausland entschieden, um traurigen Erinnerungen zu entkommen. Das Brautkleid war eine der wenigen Traditionen, die sie beibehalten wollte. Und nun hatte Claire sie im Stich gelassen. „Es tut mir so entsetzlich leid.“

„Du kannst doch nichts dafür, wenn die Fluggesellschaft mein Kleid verliert.“

Sean sieht das bestimmt anders, dachte Claire. Ashleighs Bruder war grundsätzlich anderer Meinung als sie und mochte sie daher nicht besonders. Er hielt sie für unfähig – und damit hatte er dieses Mal sogar recht. Sie wurde heute noch nicht einmal ihren eigenen Ansprüchen gerecht, geschweige denn seinen. „Ich habe versprochen, das Kleid nach Italien zu bringen, daher bin ich dafür verantwortlich, dass es jetzt weg ist.“ Umso wichtiger war es, den Fehler wiedergutzumachen. „Was sollen wir also tun? Uns in Neapel treffen und shoppen gehen?“

„Ich muss das gerade erst noch verarbeiten. Mein Kleid“, stöhnte Ashleigh. Sie hörte sich verzweifelt an, dabei war sie sonst die Gelassenheit in Person. Claire begann sich um sie zu sorgen.

„Okay, vergiss Neapel. Wir kennen dort ohnehin kein Brautmodengeschäft. Ich fliege nach London zurück. Such dir inzwischen auf meiner Website deine Lieblingskleider aus. Ich melde mich, sobald ich da bin, und führe sie dir vor. Dann bringe ich die, die in die engere Auswahl kommen, hierher … Ich würde es aber auch verstehen, wenn du mir diese Aufgabe nicht mehr anvertrauen möchtest.“

„Claire, Schatz, es ist doch nicht dein Fehler. Luke ist jetzt da und hat mitbekommen, was los ist. Er meint, er würde mich auch in einem Kartoffelsack heiraten. Das Kleid ist nicht so wichtig. Vielleicht finden wir ja hier auf Capri eines oder in Sorrent.“

Ashleigh riss sich sehr zusammen, aber Claire entging nicht, dass ihre Stimme bebte. Das Kleid war wichtig. Es bedeutete für Ashleigh ein Stück Tradition bei ihrer Hochzeit in der Fremde.

„Nein, Ash, es dauert zu lange, hier ein gutes Geschäft zu finden – und womöglich hat es dann nichts Geeignetes auf Lager. In meinem Laden finden wir hundertprozentig etwas, das dir gefällt. Ich fliege zurück nach London.“

„Dieses Hin- und Herreisen ist doch viel zu anstrengend.“

„Du bist meine beste Freundin. Für dich würde ich bis ans Ende der Welt gehen.“

„Also gut. Dann verschiebe ich unseren Termin im Spa.“

So viel zum Wellnessnachmittag, den sie geplant hatten. Noch eine Sache, die Claire durch das Kleiddebakel verdorben hatte. „Es tut mir schrecklich leid“, wiederholte sie. „Ich muss jetzt los, einen Flug buchen.“ Hoffentlich bekam sie einen Platz in der nächsten Maschine. Falls nicht … Bahn, Flug, Fähre: Irgendwie würde sie schon nach London kommen. Sie würde Ashleigh kein zweites Mal enttäuschen. „Ich melde mich, wenn ich da bin.“

„Sag jetzt bitte nicht, dass etwas dazwischengekommen ist und du es nicht rechtzeitig zur Hochzeit schaffst!“

„Natürlich nicht.“ Sean hörte die Panik in der Stimme seiner jüngeren Schwester und fragte sich, was passiert war. Litt sie lediglich an einem Anflug von Torschlusspanik oder hegte sie ernsthafte Zweifel an ihrer Entscheidung? Er mochte seinen zukünftigen Schwager zwar ungeheuer gern, sollte Ashleigh ihre Meinung geändert haben, würde er sie dennoch ohne Zögern unterstützen. Wichtig war nur, dass sie glücklich war. „Ich wollte nachfragen, ob ich noch irgendetwas mitbringen soll.“

„Oh, nein, danke.“

Sie wirkte eindeutig nervös, und so kannte er seine ruhige Schwester gar nicht. „Ashleigh, was ist los?“

„Nichts“, kam ihre Antwort viel zu schnell für seinen Geschmack.

Behutsam hakte er nach. „Schwesterherz, du weißt, du kannst mit jedem Problem zu mir kommen. Ich kann dir helfen.“ Er wusste, Ashleigh war nur drei Jahre jünger als er und durchaus in der Lage, mit allem fertig zu werden. Dennoch kümmerte er sich seit jeher um sie – auch schon vor dem Unfalltod ihrer Eltern vor sechs Jahren, der ihrer beider Leben in Scherben zurückgelassen hatte.

„Die Fluggesellschaft hat mein Brautkleid verloren“, platzte es aus Ashleigh heraus. „Aber es ist alles unter Kontrolle. Claire fliegt gerade nach London zurück, um Ersatz zu organisieren.“

Sean ließ die Neuigkeit erst einmal sacken: Es gab ein Problem mit der Hochzeit. Und Claire Stewart war daran beteiligt. Irgendwie überraschte ihn das nicht.

„Wollte Claire das Kleid nicht persönlich mitbringen?“

„Es war nicht ihre Schuld.“

Das ist es doch nie! Sean beschloss, nicht weiter darauf einzugehen, um seiner Schwester nicht die Hochzeit zu verderben. Er würde schon eine Gelegenheit finden, Claire unter vier Augen seine Meinung zu sagen. „Okay. Kann ich sonst irgendetwas für dich tun? Ist Luke bei dir?“

„Nein, danke.“ Ihre Stimme bebte verdächtig. „Und ja. Luke meint, auf das Kleid komme es nicht an. Für ihn sei ich ohnehin die Schönste, und was zähle, sei unsere Ehe, nicht das Drumherum.“

Im Geist dankte Sean seinem zukünftigen Schwager. Ashleighs letzter Freund war selbstsüchtig und gedankenlos gewesen – und zufällig auch der beste Freund von Claires damaligem Freund. Claire hinterließ Chaos, wo immer sie ging und stand.

„Luke liebt dich aus ganzem Herzen. Ich bin ganz seiner Meinung: Du wirst die schönste Braut der Welt sein – egal, was du trägst.“ Bei dem Gedanken, dass sein Vater sie zum Altar hätte führen sollen, schnürte sich ihm die Kehle zu. Dennoch oder gerade deswegen würde er alles daransetzen, dass seine kleine Schwester ihre Traumhochzeit erleben würde.

„Danke. Mir geht’s gut – wirklich. Das ist alles nur ein kleines Problem, und Claire wird es lösen.“

Dafür werde ich persönlich sorgen, nahm Sean sich vor. Er legte auf und zog seinen Kalender zurate. Sämtliche Termine ließen sich bis nach der Hochzeit verschieben, das konnte seine Assistentin erledigen. Er rief Claire an, wurde aber sofort auf ihre Mailbox weitergeleitet. Entweder sie telefonierte, ihr Telefon war ausgeschaltet – oder sie hatte seinen Namen auf dem Display gelesen und wollte ein Gespräch vermeiden.

Nun gut, sie wollte es nicht anders. Er würde einfach vor ihrem Geschäft auf sie warten und sicherstellen, dass Ashleighs Kleid nicht erneut verloren ging.

Claire wohnte in Camden, direkt über ihrem Brautmodengeschäft, das den Namen „Kleiderträume“ trug. An der Ladentür hing ein Schild mit der Aufschrift Geschlossen, innen brannte jedoch Licht.

Auf Seans Klingeln öffnete niemand, also drückte er erneut auf den Klingelknopf. Dieses Mal ließ er ihn nicht mehr los, bis jemand die Tür aufriss – jemand in einem Brautkleid.

Claire betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn, fragte aber nicht nach dem Grund seines Kommens. Sie schien sich denken zu können, dass er nur deswegen hier auftauchte, weil er über den Vorfall mit dem verlorenen Kleid Bescheid wusste. „Ich skype gerade mit Ashleigh“, sagte sie leise. „Können wir unseren Streit aufschieben, bis sie ihre Auswahl getroffen und aufgelegt hat?“

Gut. Sie schien zu wissen, dass er ein Wörtchen mit ihr zu reden hatte. Aber er wollte seine Schwester nicht unnötig aufregen. „Okay.“

„Komm rein. Wenn du etwas trinken willst, bedien dich! Tee, Kaffee und Tassen findest du im Schrank über dem Kessel.“ Sie wies auf die Tür zu einer winzigen Küche.

„Danke.“ Er würde ganz sicher keinerlei Beweise von Claire Stewarts Gastfreundschaft akzeptieren.

„Ashleigh wartet auf mich.“ Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. „Ich führe ihr die Kleider vor und muss mich dazu mehrfach umziehen. Also komm bitte nicht ins Hinterzimmer, bis ich fertig bin.“

„Verstanden.“

Sie schloss die Ladentür hinter ihm ab und verschwand im Hinterzimmer. Während er im Geschäftsraum auf ihre Rückkehr wartete, kam Sean sich ziemlich überflüssig vor. Gleichzeitig wollte er unbedingt hören, wie sie es geschafft hatte, das Brautkleid zu verlieren. Als sie schließlich zurückkam, trug sie verblichene Jeans und ein Top. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Also gut. Spuck’s aus.“

„Zuerst: Hat Ashleigh ein Brautkleid gefunden?“

„Ihr gefallen drei. Ich bringe sie, so schnell es geht, nach Capri, damit sie sie anprobieren kann. Sobald sie sich für eines entschieden hat, nehme ich die nötigen Änderungen vor.“

„Wie konntest du ihr Kleid überhaupt verlieren?“ Sean schüttelte fassungslos den Kopf. „Wieso hast du es nicht mit in die Kabine genommen?“

„Ob du’s glaubst oder nicht, das war meine Absicht. Ich hatte mit der Fluggesellschaft vereinbart, es als Handgepäck mit an Bord zu nehmen. Die Schachtel, in der ich es verpackt habe, entspricht exakt den Richtlinien der Fluggesellschaft.“

Das hörte sich durchdacht an … wäre diese Frau nicht das Chaos in Person. „Aber?“

„Dummerweise nahmen drei weitere Bräute denselben Flug. Eine von ihnen war eine grässliche Person. Sie hat darauf bestanden, dass ihr Kleid bevorzugt behandelt wird. Es kam zu einem Riesenkrach. Der Kapitän hat sich schließlich eingeschaltet. Er hat uns verboten, sie im Handgepäckfach zu verstauen, und angeordnet, dass sämtliche Brautkleider in den Frachtraum kommen. Die Stimmung an Bord war entsprechend schlecht.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Die Fluggesellschaft sucht weiter nach Ashleighs Kleid, es kann immer noch rechtzeitig auftauchen. Die neuen Kleider sind lediglich der Notfallplan – ich werde Ashleigh nämlich nicht im Stich lassen.“

Sean sah ein, dass das Chaos wohl doch nicht Claires Schuld war – zumindest nicht gänzlich. „Wieso hast du keinen zweiten Sitz für das Kleid gebucht?“

„Das war nicht möglich. Man hat mir gesagt, in Fällen wie diesen würde das Kleid als zusätzliches Handgepäck betrachtet – und dafür habe ich auch bezahlt.“ Sie sah ihn scharf an. „Nur, damit wir uns recht verstehen: Ich habe wochenlang an dem Kleid gearbeitet. Und ich fühle mich schrecklich, dass meine beste Freundin bei ihrer Hochzeit ihr Traumkleid höchstwahrscheinlich nicht wird tragen können. Jammern bringt es allerdings auch nicht zurück. Jetzt entschuldige mich bitte, ich muss die drei Brautkleider verpacken und einen Flug buchen.“ Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu. „Oder willst du mich erst noch anschreien? Tu’s ruhig, wenn du dich danach besser fühlst.“

Wie schafft sie es nur, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, obwohl sie doch im Unrecht ist? fragte Sean sich verblüfft. Aber sie hatte ja recht. Das verlorene Kleid würde nicht dadurch auftauchen, dass er ihr die vertrackte Situation vorwarf. Außerdem hatte Claire viel auf sich genommen, um ihr Missgeschick zu richten. Sie war am selben Tag nach Italien und zurück geflogen – pro Strecke zweieinhalb Stunden. Hinzu kam noch die jeweils einstündige Zugfahrt, ganz zu schweigen von den Wartezeiten zwischendurch. Gleich würde sie die Reise ein weiteres Mal antreten – und all das seiner Schwester zuliebe. Claire gab ihr Bestes. Er sollte es ihr gleichtun. „Soll ich den Flug buchen, während du die Kleider einpackst?“

Sie starrte ihn an, als wäre ihm soeben ein zweiter Kopf gewachsen.

„Was ist?“, fragte er ungeduldig.

„Bietest du mir wirklich deine Hilfe an? Mir?

Sean runzelte die Stirn. „Wie du das sagst, klingt es, als wäre ich ein Unmensch.“

„Nein, das ist meine Rolle, zumindest in deiner penibel geordneten Welt.“

„Ich bin nicht penibel! Ich bin organisiert und effizient – das ist etwas ganz anderes.“

Ihr Blick deutete an, dass sie da anderer Meinung war.

„Hör zu, ich biete dir hier einen Waffenstillstand an. Ashleigh zuliebe.“

Sie betrachtete ihn einen Moment lang. Schließlich nickte sie. „Dann nehme ich dein Angebot gerne an. Es spart mir Zeit, wenn du dich um den Flug kümmerst. Mir ist es egal, von welchem Londoner Flughafen aus ich starte und wie teuer der Flug ist. Und informiere die betreffende Fluggesellschaft, was heute Morgen mit dem Brautkleid passiert ist. Ich brauche eine Garantie, dass die Kleider diesmal ganz sicher mit nach Italien kommen. Sonst schneide ich das Bodenpersonal mit einem rostigen Löffel in Stücke.“

Wider Willen musste er lächeln. „Löffel sind nicht besonders scharf.“

„Deswegen nehme ich ja auch einen, und einen rostigen noch dazu!“

„Dir bedeutet Ashleigh wirklich viel, oder?“, fragte er.

„Das musst du doch wissen! Sie ist meine beste Freundin, seit ich mit dreizehn Jahren an ihre Schule gekommen bin. Sie ist wie eine Schwester für mich.“

Damit wärst du auch meine Schwester, schoss es Sean durch den Kopf. Leider waren seine Gefühle für Claire alles andere als geschwisterlich. Es war einfacher, seine Gefühle als Abneigung abzutun. Wenn sie nicht gerade wahnsinnig höflich miteinander umgingen, stritten sie. Ihre Weltanschauungen waren gegensätzlich. Claire und er waren grundverschieden und absolut unvereinbar. Dass ihr Haar ihn an ein Weizenfeld bei Sonnenschein denken ließ und ihre blauen Augen ihn an eine Spätsommernacht erinnerten, verdrängte er lieber. Und vor allem an ihren letzten Kuss würde er ganz sicher nicht denken. „Gut, dann kümmere ich mich jetzt um deinen Flug.“

Während er telefonierte, nahm Sean aus den Augenwinkeln wahr, wie sie die Kleider sorgfältig in Seidenpapier einschlug, sie in Plastikhüllen schob und diese in einer Schachtel verstaute, als hätte sie es schon viele Male zuvor getan. Was natürlich zutraf. Er hatte Claire noch nie bei der Arbeit gesehen, abgesehen von dem Tag, als sie Luke, Tom und ihn in Ashleighs Wohnung für die Hochzeitsanzüge vermessen hatte. Damals hatte er sich allerdings ganz darauf konzentriert, Ashleigh zuliebe höflich zu bleiben, und hatte gar nicht richtig mitbekommen, was sie eigentlich tat.

In seinen Augen waren Modedesigner allesamt verrückt und abgehoben. Die ausgefallenen Kreationen auf den Laufstegen ließen ihn kalt. Er fragte sich, was in den Köpfen der Designer vorging. Auf der Straße konnte man ihre Outfits jedenfalls nicht tragen. Die Frau neben ihm erschien ihm dagegen sehr geschäftsmäßig. Organisiert und effizient. Dadurch ähnelte sie ihm selbst viel mehr als seiner Vorstellung eines Designers.

Unwillig schüttelte er den Kopf. Das geht vorüber, keine Sorge, sagte er sich. Claire gehörte nicht in seine Welt, und er definitiv nicht in ihre. Sie würden in den kommenden Tagen Ashleigh zuliebe höflich zueinander sein und sich anschließend wieder aus dem Weg gehen. Es war besser so – und sicherer.

2. KAPITEL

Während Claire die Kleider verpackte, war sie sich Seans Gegenwart überaus bewusst. In maßgeschneidertem Anzug, handgenähtem Hemd und blitzblank polierten Schuhen war er ganz der korrekte Geschäftsmann, genauso gut würde er aber auch auf einen Laufsteg oder in ein Modemagazin passen.

Dass er sie unterstützte, überraschte sie. Hier arbeiteten sie harmonisch als Team, obwohl sie sonst immer die Klingen kreuzten – von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen.

Eine solche war zum Beispiel Ashleighs achtzehnter Geburtstag. Kurz zuvor war Claires Leben aus den Fugen geraten, als ihre Mutter gestorben war. Sie hatte sich auf Ashleighs Party zwar bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, hatte dann aber im Laufe des Abends ihren Kummer mit zu viel Champagner betäubt. Als Sean ihr zu Hilfe gekommen war, hatte sie sich ihm an den Hals geworfen. Er hatte sie zurückgewiesen, wofür sie ihm heute dankbar war, damals war es ihr jedoch entsetzlich peinlich gewesen. Sie hatte ihn monatelang gemieden wie die Pest.

Drei Jahre später hatte sie Ashleigh bei der Beerdigung ihrer Eltern beigestanden. Zu einem Zeitpunkt hatte sie Sean völlig verloren dastehen sehen. Es stand zu viel zwischen ihnen, als dass sie ihn hätte umarmen können. Also war sie zu ihm getreten und hatte ihm die Hand gedrückt. Die harmlose Berührung hatte ein Prickeln in ihrem ganzen Körper ausgelöst, doch es war nicht der rechte Zeitpunkt gewesen, diesem verwirrenden Gefühl auf den Grund zu gehen.

Bald darauf hatte Ashleigh verkündet, nicht ins Familienunternehmen einzusteigen. Claire hatte sie in ihrem Entschluss bestärkt, wodurch es erneut zum Streit mit Sean gekommen war. Er hatte ihr vorgeworfen, Ashleigh von ihrer Pflicht abzuhalten, während sie der Meinung war, ihre Freundin sollte ihrem Traum folgen. Sicher wollte Sean ebenfalls, dass seine Schwester glücklich wurde und sich nicht in einem ungeliebten Job gefangen und elend fühlte? Hatte der frühe Tod seiner Eltern ihm denn nicht gezeigt, dass das Leben zu kurz war, um nicht jede Sekunde voll auszukosten? Mathelehrer war schließlich kein zweifelhafter Beruf. Ashleigh liebte es zu unterrichten, und ihre Schüler beteten sie an. Sie hatte die richtige Entscheidung für sich getroffen. Sean war schon immer überfürsorglich gewesen. Und obwohl Claire verstand, dass er sich seit dem Tod seiner Eltern für Ash verantwortlich fühlte, musste er doch begreifen, dass seine Schwester auf eigenen Beinen stehen konnte – und ihren eigenen Weg gehen würde.

Sie versuchte, sich aufs Packen zu konzentrieren, wurde aber immer wieder von Sean abgelenkt, der im Hintergrund mit der Fluggesellschaft telefonierte. Seine selbstsichere Stimme erinnerte sie daran, wie heftig sie mit vierzehn Jahren in ihn verknallt gewesen war. Neben dem Alkohol war das wohl auch einer der Gründe gewesen, warum sie sich ihm drei Jahre später auf der Geburtstagsparty an den Hals geworfen hatte.

Dann war da noch die Verlobungsparty seiner Schwester. Ashleigh zuliebe hatte Sean sie zum Tanzen aufgefordert, und Ash zuliebe hatte sie zugestimmt. Mitten im Lied hatte sich aber etwas zwischen ihnen verändert. Diesmal hatte sie nicht mal dem Champagner die Schuld geben können – sie war nämlich stocknüchtern gewesen. Und doch hatte etwas sie dazu bewogen, den Kopf in den Nacken zu legen und ihm in die Augen zu schauen. Und da hatte er sie geküsst. Der Kuss hatte sie zutiefst erschüttert. Noch nie hatte sie allein von einem Kuss das Gefühl gehabt, ihre Knie könnten jeden Moment unter ihr nachgeben. Um ihre erschreckenden Emotionen zu überspielen, war sie zurückgewichen und hatte einen albernen Scherz gemacht. Die Atmosphäre war so erfolgreich zerstört worden.

Seither verhielt sie sich Sean gegenüber höflich und distanziert. Nur gelegentlich schoss ihr die Frage durch den Kopf, ob er es damals auch gespürt hatte … Nein, sicherlich nicht. Wenn es um Männer ging, hatte Claire noch nie den Durchblick gehabt, doch dass Sean in ihr nichts anderes sah als die lästige beste Freundin seiner jüngeren Schwester, wusste selbst sie. Sie war diejenige, mit der er bei jeder Gelegenheit stritt und die er immer noch nicht ernst nahm, obwohl sie seit drei Jahren ein eigenes Geschäft führte und dieses heil durch die Rezession gebracht hatte.

Du musst ihm nichts beweisen, sagte sie sich. Sie war zufrieden mit sich und ihrem Erfolg.

Endlich waren die Kleider verpackt. „Hast du Erfolg gehabt?“, fragte sie Sean, der gerade das Telefonat beendete.

„Ich habe gute und schlechte Nachrichten.“

„Sag mir zuerst die schlechten, dann habe ich das Schlimmste hinter mir und kann mich auf das Gute freuen.“

Er sah sie verblüfft an. Diese Logik schien ihm fremd. „Die schlechte Nachricht ist, dass ich keine Fluggesellschaft finde, die dir gestattet, die Kleider mit an Bord zu nehmen.“

Okay. Keine Panik. „Dann muss ich eben mit dem Zug fahren. Nur erreiche ich Capri dann nicht vor morgen.“

„Warte, die gute Nachricht kommt erst noch: Wir fliegen nach Neapel.“

Sie sah ihn verständnislos an. „Gerade hast du das Gegenteil behauptet.“

„Ich bringe dich auf keinem kommerziellen Flug unter, dafür können wir mit dem Privatjet eines Bekannten fliegen.“

Sie ignorierte die Neuigkeit über den Privatjet vorerst. „Wir? Traust du mir etwa nicht zu, die Kleider allein nach Neapel zu bringen?“

„Ich muss schließlich auch dorthin.“

Er vertraut mir wirklich nicht, dachte sie. Dabei war es nicht gänzlich ihre Schuld, dass Ashleighs Kleid verschollen war. „Hast du denn noch keinen Flug gebucht gehabt?“

„Ich habe ihn gerade storniert. Hätte ich Ashleigh nicht versprochen, heute Abend bei ihr zu sein, hätte ich dir meinen Platz überlassen und wäre später nachgekommen. So lösen wir sämtliche Probleme auf einmal.“

Da wäre nur noch eine Sache. „Normale Leute haben keine Freunde mit Privatjet.“

„Seit wann hältst du mich für normal?“

Claire merkte, dass sie geradewegs auf einen Streit zusteuerten. Wieder einmal. „Noch einmal von vorne: Vielen Dank für deine Hilfe, Sean. Richte deinem Bekannten bitte aus, dass er bei mir ein Ball- oder Brautkleid guthat.“

„Ich sage es ihr.“

Ihr? Seine Freundin? Unwahrscheinlich, schließlich hielt laut Ashleigh keine von Seans Beziehungen länger als drei Wochen. Vielleicht war es eine Studienfreundin oder eine langjährige Geschäftspartnerin? Nicht, dass es Claire etwas anginge. „Danke“, sagte sie. „Wann geht es los?“

„Sobald wir beim Flugzeug sind. Ich muss noch mein Gepäck holen. Mein Auto steht vor der Tür. Komm am besten gleich mit.“

Wenn das keine herzliche Einladung ist, dachte Claire spöttisch. Aber sie hielt sich zurück und sagte nur: „Ich bin so weit.“

Sie fuhren zu Seans Haus und parkten das Auto davor. Sein Gepäck stand im Flur bereit, sodass Claire keine Gelegenheit bekam, sich in seiner Wohnung umzusehen. Ob sie wohl so strukturiert und ordentlich war wie er?

Während der U-Bahn-Fahrt zum Flughafen war es so laut, dass sie sich nicht unterhalten mussten, was beiden entgegenkam. Sean war in ihrer Gegenwart immer so reizbar – dabei musste er eine charmante Seite besitzen, sonst hätte er niemals solchen Erfolg mit der Süßwarenfabrik der Familie haben können.

Das Einchecken ging viel schneller, als Claire es gewohnt war – es war ja auch ihr erster Flug in einem Privatjet. Sie fühlte sich ein wenig wie ein Rockstar. Das Flugzeug war kleiner, als sie erwartet hatte, aber groß genug, um sich darin auszustrecken, und die Sitze erwiesen sich als überaus bequem.

„Willkommen an Bord“, empfing der Pilot sie und schüttelte Sean und ihr die Hand. „Der Flug wird zweieinhalb Stunden dauern. Falls Sie etwas brauchen, wenden Sie sich an Elise.“

Elise, die freundliche Stewardess, verstaute derweil die Brautkleider so, dass Claire sie im Auge behalten konnte. Diesmal würden sie nicht verloren gehen.

„Stört es dich, wenn ich …?“ Sean deutete auf seine Aktentasche.

„Kein Problem. Ich muss auch arbeiten.“ Alles war Claire lieber als ein Gespräch mit ihm. Sie zog ihren Skizzenblock aus der Tasche, um am Entwurf eines Last-minute-Kleides für eine neue Kundin zu arbeiten. Außerdem musste sie sich ranhalten, um für die große Hochzeitsmesse, auf der sie ihre allererste eigene Kollektion präsentieren würde, alle Ensembles parat zu haben. Sechs Brautkleider samt Brautjungfernkleidern und passendem Outfit für den Bräutigam: In nächster Zeit würde sie mehr arbeiten und weniger schlafen müssen und sich dabei mit Kaffee und Süßem über Wasser halten.

Während Sean arbeitete, nahm er wahr, wie Claire mit leichten, gezielten Strichen auf ihrem Skizzenblock zeichnete. Sie schien ein neues Brautkleid zu entwerfen. Irgendwann hielt sie inne, und er sah auf. Sie war mitten im Zeichnen eingeschlafen. Der Stift lag lose in ihrer Hand. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, und sie sah unglaublich verletzlich aus. Ihr Anblick weckte in ihm das überwältigende Bedürfnis, sie zu beschützen. Die Erkenntnis schockierte ihn. Und so konzentrierte er sich, statt dem Gefühl auf den Grund zu gehen, rasch wieder auf seine Arbeit. Erst kurz vor der Landung beugte er sich vor und berührte sie leicht an der Schulter. „Wach auf.“

Sie murmelte etwas und rückte näher an ihn heran, sodass ihre Wange sich in seine Hand schmiegte. Die Berührung ihrer zarten Haut versetzte ihm den zweiten Schock des Tages. Er erstarrte, und ihm fiel der Tag ein, an dem sie ihn für den Hochzeitsanzug vermessen hatte. Sie hatte sich absolut professionell verhalten, dennoch hatte es sich seltsam angefühlt, die Wärme ihrer Hände durch den Stoff hindurch zu spüren.

Hilfe! dachte er. Derartige Gefühle und Claire sollten nicht im selben Atemzug genannt werden. Das war seine Devise. Es wäre allerdings nicht das erste Mal. Vor Jahren hatte seine Mutter ihn gebeten, die damals siebzehnjährige Claire vor sich selbst zu retten und nach Hause zu bringen. Als Claire ihn dann geküsst hatte, war er kurz in Versuchung geraten – er war schließlich nicht blind! –, aber er hatte sich für sie verantwortlich gefühlt und hätte ihre Lage niemals ausgenutzt.

Bei den folgenden Partys seiner Schwester hatte sie meistens einen ihrer unmöglichen Freunde im Schlepptau gehabt, Typen mit künstlerischen Ambitionen, aber ohne geregeltes Einkommen. Sean hielt nichts von solchen Leuten, es war aber auch nicht seine Art, jemandem die Freundin auszuspannen. Daher hatte er keinen Annäherungsversuch unternommen … bis auf die Nacht von Ashleighs Verlobung. Er hatte Claire zum Tanzen aufgefordert und als sie zu ihm aufgesehen hatte, war er förmlich in ihren riesigen blauen Augen versunken. Sein Blick war zu ihren Lippen gewandert, und sein Instinkt hatte die Kontrolle übernommen. Er hatte sie geküsst.

Der Kuss und die Erkenntnis, dass er sich auf diese Weise zu Claire hingezogen fühlte, hatten ihn erschüttert. Sie waren so verschieden, wie es nur ging. Es konnte niemals funktionieren zwischen ihnen, sie würden einander in den Wahnsinn treiben! Glücklicherweise hatte Claire einen dummen Scherz gemacht und ihn aus seiner Erstarrung gerissen. Er hatte diesen Abend aus seinem Gedächtnis verdrängt. Bis jetzt.

Zugegeben, allen Gegensätzen zum Trotz herrschte zwischen ihm und Claire schon lange eine gewisse Chemie – eine Spannung, die auch jetzt wieder zu spüren war. Wahrscheinlich lag es lediglich daran, dass er seit drei Monaten Single war.

Es ist nur körperliche Anziehung, beruhigte er sich. Vermutlich sollte er dennoch besser die Finger von Claire lassen.

„Claire.“ Erneut schüttelte er sie, fester diesmal.

Sie zuckte zusammen und erwachte. Einen Moment lang sah sie verwirrt drein, als wüsste sie nicht, wo sie sich befand. Dann schien es ihr wieder einzufallen. „Tut mir leid, ich wollte nicht einschlafen. Hoffentlich habe ich nicht zu laut geschnarcht?“

Sean ging bereitwillig auf ihren Scherz ein. „So laut wie ein Presslufthammer war es nicht.“

Kurz darauf standen sie unter der grellen Sonne Italiens. Rasch setzten sie ihre Sonnenbrillen auf. Er war froh, sich dahinter verstecken zu können. Claire sollte nicht sehen, dass sie ihn aus der Fassung gebracht hatte. Und keinesfalls würde er zulassen, dass sie sich mit den unhandlichen Kleiderschachteln herumplagte. „Die nehme ich.“

Sie verdrehte die Augen. „Sie sind nur groß, nicht schwer.“

„Ich habe längere Arme als du und kann sie leichter umfassen.“

„Dann nehme ich deinen Koffer und deine Aktentasche.“

Sean hatte schon beinahe vergessen, wie stur sie sein konnte. Gleichzeitig bewunderte er ihre Unabhängigkeit. Und da er mit leichtem Gepäck reiste, konnte er es ihr mit gutem Gewissen überlassen.

Auf dem Weg vom Flugzeug zum Terminal bat Claire um Namen und Anschrift der Besitzerin des Jets. „Ich möchte ihr Blumen schicken.“

„Das habe ich bereits getan.“

„Ich möchte mich aber auch noch mal bei ihr bedanken.“

„Ich gebe dir die Informationen im Hotel.“

„Danke. Ich muss auch noch meinen Koffer und das Brautjungfernkleid aus der Gepäckaufbewahrung abholen.“

„Alles klar. Meine Assistentin hat uns ein Taxi zum Fährhafen in Sorrent gebucht, ebenso wie die Tickets, um rüber nach Capri zu kommen.“

Sie gelangten problemlos durch die Passkontrolle und holten Claires Gepäck, dann erkundigten sie sich nach dem verschollenen Brautkleid. Es war noch immer nicht aufgetaucht.

Der Taxifahrer verstaute ihr Gepäck im Kofferraum, während Claire mit Sean auf der Rückbank Platz nahm. Seine Nähe machte sie ganz kribbelig. Das gefiel ihr gar nicht. Und worüber sollte sie nur mit ihm reden? Sie hatten keine Gemeinsamkeiten!

Sie schaute vorsichtshalber aus dem Fenster. „Da ist ja der Vesuv!“ Tatsächlich ragte der Bergkegel hinter der Skyline der Stadt auf.

„Warst du nicht einmal mit Ashleigh dort oben?“, fragte Sean.

„Ja, vor drei Jahren. Sammy war auch dabei. Dort sieht es so aus, wie man sich eine Mondlandschaft vorstellt, und aus Spalten im Boden ist Rauch aufgestiegen.“ Sie lächelte. „Wir haben damals auch einen Ausflug nach Capri unternommen und Ashleigh hat sich in die Insel verliebt. Daher stammt sicher ihre Idee, hier zu heiraten.“

Daher – und weil Ashleigh nicht in der Kirche heiraten wollte, in der sie und Sean getauft und ihre Eltern getraut worden waren. Den Grund kannten sowohl Claire als auch Sean: Ihre Eltern waren auf dem Friedhof nebenan begraben.

„Es ist schön hier“, gab Sean zu.

„Finde ich auch.“ Claire fiel kein neues, unverfängliches Thema ein, daher schwieg sie, bis sie den Hafen erreichten. Unterwegs bewunderte sie die hübschen, gefährlich nah am Abgrund errichteten Häuser und das strahlend blaue Meer.

Endlich erreichten sie den Fährhafen in Sorrent und bestiegen kurz darauf das Tragflügelboot nach Capri.

Im Hafen von Capri lagen große, elegante Jachten vor Anker, an der Promenade standen niedliche weiße und pastellfarbene Häuser. Im Hintergrund ragte der weiße Kalksteingipfel des Monte Solaro auf.

Nach dem Anlegen fuhren sie mit der Standseilbahn hinauf zur Piazetta, dem Marktplatz. Dort nahmen sie eines der hübschen offenen Taxis, die zum Schutz vor der gleißenden Sonne mit bunten Stoffmarkisen überspannt waren. Sie fuhren vorbei an strahlend weißen Häusern, die einen starken Kontrast zum blauen Meer bildeten, und herrlich blühenden Bougainvilleasträuchern, Rhododendren und Terrakottatöpfen voller roter Geranien.

Schließlich erreichten sie endlich das Hotel.

„Danke noch einmal für alles“, wandte Claire sich an Sean, als sie ihre Schlüssel in Empfang nahmen. „Du wolltest mir noch die Anschrift deiner Bekannten geben.“ Sean diktierte sie ihr. „Was mag sie lieber: weiße, schwarze oder Milchschokolade?“

„Ich habe keine Ahnung. Schickst du ihr Pralinen?“

„Von dir hat sie ja schon Blumen bekommen.“

„Gute Idee. Bis später.“

Wenn Sean nicht mehr Zeit als nötig mit ihr verbringen wollte, war Claire das nur recht. Je weniger sie voneinander sahen, desto geringer war die Gefahr, dass sie stritten.

Kaum hatte sie die Kleiderschachteln in ihrem Zimmer auf dem Bett abgestellt, als es auch schon an der Tür klopfte.

„Herein!“ Sie ahnte schon, wer es war.

Ashleigh trat ein. Wieder einmal fiel Claire auf, wie sehr ihre Freundin ihrem Bruder ähnelte. Sie hatte dieselben braunen Augen und dasselbe dunkle Haar wie er, war allerdings wesentlich umgänglicher. Claire drückte Ashleigh fest an sich. „Hallo, zukünftige Braut. Wie geht es dir?“

„Ich bin so froh, dass du endlich hier bist. Ich kann nicht glauben, dass du den ganzen Tag zwischen England und Italien hin und her geflogen bist. Das ist doch verrückt, selbst gemessen an deinen Maßstäben!“

Claire zuckte mit den Schultern. „Du bist es mir wert, und jetzt bin ich ja hier.“ Sie hielt ihre Freundin ein Stück von sich ab. „Du siehst super aus! Strahlend, wie es sich für eine Braut gehört.“

„Dafür wirkst du völlig erledigt. Dein erster Flug ist schon vor Sonnenaufgang gestartet.“

„Ich habe auf dem letzten Flug ein wenig geschlafen.“

„Jetzt brauchst du wohl erst mal etwas zu essen und einen kalten Drink.“

„Etwas zu trinken wäre schön, aber vorher musst du noch die Kleider anprobieren, damit ich mit den Änderungen anfangen kann.“

Ashleigh probierte die Kleider an und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Schließlich traf sie ihre Entscheidung. „Ich nehme dieses.“

„Eine gute Wahl.“

Glücklicherweise waren nur wenige Änderungen nötig. Claire steckte das Kleid ab, bis es perfekt saß.

„Heute arbeitest du aber nicht mehr daran“, bestimmte Ashleigh. „Die Hochzeit findet erst in eineinhalb Tagen statt, und du warst den ganzen Tag unterwegs. Ich möchte, dass du dich erst einmal ausruhst.“

„Ich gehe bestimmt zeitig zu Bett“, versprach Claire. „Zuvor muss ich aber noch prüfen, ob die Anzüge der Herren sitzen. Und ich muss dringend duschen.“

„Um die Männer kannst du dich morgen nach dem Frühstück kümmern“, bestimmte Ashleigh. „Geh erst mal duschen, danach kommst du zu uns auf die Terrasse. Dort wartet dann ein eiskalter Drink auf dich.“

„Das hört sich himmlisch an.“

Nachdem Ashleigh gegangen war, hängte Claire sämtliche Kleider und Anzüge auf und machte sich frisch. Anschließend ging sie hinunter zu ihrer besten Freundin, deren zukünftigem Ehemann und dessen Trauzeuge. Zu ihrer Erleichterung war Sean nicht bei ihnen.

„Er muss noch einige Anrufe erledigen“, erklärte Ashleigh. „Du kennst ihn ja. Er arbeitet pausenlos.“

Kein Wunder, dachte Claire. Schließlich hatte er nach dem Tod seiner Eltern mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren den Familienbetrieb übernehmen müssen. Die viele Arbeit hatte ihm durch das erste schlimme Jahr geholfen und war ihm dann wohl zur Gewohnheit geworden.

Sie hob ihr Glas und prostete den anderen zu.

Am nächsten Tag gelang es ihr, Sean weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Lediglich bei der Anprobe begegnete sie ihm. Alle Anzüge saßen perfekt, daher konnte sie sich ganz Ashleighs Kleid widmen. Als sie auch damit fertig war, arbeitete Sean immer noch.

Männer wie er können mit romantischen Orten wie Capri ohnehin nichts anfangen, dachte Claire. Ganz auf seine Arbeit konzentriert, bemerkte er wahrscheinlich weder die duftenden Blumen noch die herrlich blaue See.

Umso überraschter war sie, als er sich dem abendlichen Überraschungsausflug, den sie und Luke für Ashleigh arrangiert hatten, anschloss.

„Wohin fahren wir?“, fragte Ashleigh neugierig, als sie ins Taxi stiegen.

„Wart’s ab.“ Claire lächelte geheimnisvoll. Ihr graute zwar vor dem, was sie erwartete, gleichzeitig freute sie sich aber auf Ashleighs Reaktion. Sie würde begeistert sein. Ihr zuliebe war Claire bereit, ihre Ängste zu überwinden.

Als sie den Sessellift erreichten, umarmte Ashleigh ihre Freundin und ihren Zukünftigen stürmisch. „Das ist ja fantastisch! Ich liebe diesen Berg, dachte aber nicht, dass wir Zeit hätten, hierherzukommen.“

„Es war Claires Idee“, erklärte Luke. „Sie meinte, nichts sei romantischer als ein Sonnenuntergang auf dem Gipfel des Monte Solaro.“

„Da hat sie recht. Ich freue mich riesig, dass ihr das für mich arrangiert habt.“

Nur zwölf Minuten, das schaffst du, sprach Claire sich Mut zu, als man ihr in den Sessellift half. So lange dauerte die Fahrt zum Gipfel. Sie würde bestimmt nicht abstürzen, die Sessel waren ausreichend gesichert. Alles wird gut! Dennoch umklammerte sie mit feuchten Händen die Mittelstrebe zwischen den beiden Sesseln. Oben angekommen, schmerzten ihre Hände, aber sie schaffte es, aus dem Sessel zu steigen, ohne hinzufallen.

Wie gewünscht hatte man ihnen einen Tisch mit Aussicht auf die Faraglioni, die markante Felsformation, die sich vor Capri aus dem Meer erhob, hergerichtet. Ein wunderschönes Blumenarrangement schmückte den Tisch, und weiße Bänder zierten die Stühle. Ein Kellner servierte eisgekühlten Prosecco und köstliche Vorspeisen.

„Auf Ashleigh und Luke. Wir lieben euch.“ Claire hob ihr Glas. Sean und Tom fielen in ihren Toast ein.

„Dass du das für mich getan hast!“ In Ashleighs Augen standen Freudentränen. Claire wurde ganz warm ums Herz. Sie hatte vermeiden wollen, dass Ashleigh am Abend vor ihrer Hochzeit allzu sehr um ihre Eltern trauerte. Es war ihr offenbar gelungen.

„Luke hat mich tatkräftig unterstützt“, sagte sie der Fairness halber. „Nur schade, dass Sammy nicht rechtzeitig bei uns sein konnte.“

„Zumindest schafft sie es bis morgen“, meinte Tom.

„Manche Paare lassen sich sogar hier auf dem Gipfel trauen“, erzählte Ashleigh. „Ich habe Fotos von einer Braut im Lift gesehen. Sie hielt die Schuhe in der einen und den Brautstrauß in der anderen Hand.“

„Die hat bestimmt Claire dir gezeigt“, meinte Sean säuerlich.

Claire ging gar nicht darauf ein, bedauerte aber insgeheim, dass sie keine Nadeln in Seans Anzug vergessen hatte.

„Im Gegenteil. Sie hat mir die Idee ausgeredet“, erklärte Ashleigh.

„Dein Brautkleid ist für eine Fahrt im Sessellift nicht geeignet. Es hätte auf den Fotos ganz zerknittert ausgesehen.“ Claire grinste.

Ashleigh lachte. „Und du hättest dich mit Schuhen und Strauß in den Händen nicht am Lift festklammern können.“

„Ich gebe ja zu, dass ich Höhenangst habe. Aber wenn es dein Wunsch gewesen wäre, hätte ich es auf mich genommen. Morgen ist dein großer Tag und es zählt nur, was du willst.“ Die Worte waren an Ashleigh gerichtet, doch Claire sah dabei Sean an. Er sollte begreifen, dass sie jedes Wort ernst meinte. Er besaß den Anstand zu erröten. Offenbar hatte er endlich begriffen, dass Ashleigh an erster Stelle kam. Persönliche Differenzen mussten warten.

Eine Weile unterhielten die anderen sich angeregt, sodass es nicht weiter auffiel, dass Claire und Sean kaum miteinander sprachen. Im Verlauf des Abends entspannte Claire sich immer mehr. Sie genoss die romantische Umgebung und beobachtete fasziniert, wie die Sonne langsam im Meer versank. Die Inseln in der Ferne verschwanden allmählich im Nebel, über den Himmel zogen gelbe, rosa und purpurfarbene Bänder, dann wurde er immer dunkler. Schließlich brach die Nacht herein, am schwarzen Himmel funkelten Millionen von Sternen. Claire schoss zahlreiche Erinnerungsfotos. Einmal schaute sie zu Sean hinüber, der gedankenverloren den Sonnenuntergang betrachtete. Ehe sie wusste, was sie tat, drückte sie auf den Auslöser.

Später im Hotel sah sie sich die Fotos an. Es waren einige tolle Bilder vom Sonnenuntergang dabei sowie schöne von Ashleigh, Luke und Tom. Das Foto, das ihr am besten gefiel, war jedoch der Schnappschuss von Sean. Er sah darauf unglaublich attraktiv aus. Wenn sie ihn nicht kennen würde, wenn nicht ständig Streit zwischen ihnen herrschen würde, würde sie wohl alles daransetzen, ihn für sich zu gewinnen.

Aber sie kannte ihn seit Jahren. Er war ein komplizierter Mensch, und Komplikationen konnte sie derzeit nicht gebrauchen.

Prosecco bringt dich auf dumme Ideen, dachte sie. Morgen gibt es für dich nur Mineralwasser!

Morgen. Ashleighs Hochzeitstag. Hoffentlich lief alles nach ihren Wünschen.

3. KAPITEL

„Ms. Stewart, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihr Gepäck wiedergefunden haben“, verkündete eine Mitarbeiterin der Fluggesellschaft gut gelaunt am Telefon. Es dauerte einen Moment, bis Claire begriff. Sie haben das Kleid gefunden!

„Das ist ja fantastisch!“ Die Trauung war für sechzehn Uhr angesetzt. Das ließ ihr genügend Zeit, um mit dem Tragflügelboot nach Sorrent zu fahren, ein Taxi zum Flughafen zu nehmen, das Kleid abzuholen, zurückzufahren und es aufzubügeln, ehe die Braut sich ankleiden musste.

Rasch lief sie zu Ashleigh, um ihr die gute Nachricht zu verkünden, und fand Sean bei seiner Schwester. „Wieso lässt du das Kleid nicht per Kurier bringen?“, fragte er.

„Um zu riskieren, dass es erneut verloren geht? Nichts da!“ Außerdem konnte Claire ihm auf diese Weise für einige Stunden aus dem Weg gehen. Sie küsste Ashleigh auf die Wange. „Ich schicke dir eine SMS, sobald ich mit dem Kleid auf dem Rückweg bin. Bis zu unserem Friseur-und-Make-up-Termin bin ich aber allemal zurück.“

Die Schachtel, die Claire am Flughafen entgegennahm, war in einwandfreiem Zustand, das Kleid hatte keinen Schaden genommen. Claire war überglücklich, es wiederzuhaben, der Stress der vergangenen zwei Tage war vergessen.

Als sie gerade gehen wollte, trat ein Flughafenangestellter zu ihr. „Ms. Stewart? Wenn Sie mir bitte folgen würden.“

„Was ist los?“, fragte sie verwirrt, doch ehe er antworten konnte, traf eine SMS von Sean auf ihrem Handy ein: Habe deine Rückfahrt organisiert, um Ashleigh weitere Sorgen zu ersparen. Bitte mach mit.

Er hatte doch tatsächlich einen Helikopter gebucht, der sie in Windeseile direkt vom Flughafen Neapel nach Capri brachte.

Wow, dachte Claire. Sie fand Seans Rücksichtnahme auf seine Schwester überwältigend.

Unterwegs schrieb sie ihm eine Nachricht. Danke! Sag Ashleigh, ihr Kleid ist in tadellosem Zustand. Was schulde ich dir für den Flug?

Sean hatte ohnehin schon eine schlechte Meinung von ihr, sie wollte nicht auch noch als Schmarotzerin dastehen.

Seine Antwort traf umgehend ein: Ich richte es ihr aus. Transport geht auf mich.

Kommt gar nicht infrage! dachte Claire. Sie wollte nicht in seiner Schuld stehen. Ich bin für das Kleid verantwortlich, ich übernehme die Kosten. Keine Diskussion.

Am Heliport auf Capri wurde sie bereits von Sean erwartet. Er trug ein weißes Hemd zu einer dunklen Stoffhose. Sie bezweifelte, dass er überhaupt Jeans besaß. Wenigstens trug er keine Krawatte. Und er sah umwerfend aus.

Schlag ihn dir aus dem Kopf, befahl sie sich rasch. „Was tust du denn hier?“

„Ich hol dich ab“, meinte er nur und deutete auf den offenen Sportwagen, der auf dem Parkplatz stand.

„Danke. Wie geht es Ashleigh?“

„Prima“, versicherte er. „Ich muss mich übrigens bei dir entschuldigen.“

„Wofür?“, fragte sie verblüfft.

„Dass ich dir gestern unterstellt habe, du hättest Ashleigh auf die verrückte Idee gebracht, auf dem Monte Solaro zu heiraten.“

„Ich war heilfroh, es ihr ausreden zu können, schließlich leide ich an Höhenangst.“

„Gestern bist du aber mit dem Sessellift gefahren.“

Claire winkte ab. „Luke und ich wollten vermeiden, dass sie auf trübe Gedanken kommt. Ein Abend auf dem Berg erschien uns eine gute Idee.“

„War es auch.“

Claire betrachtete Sean von der Seite. Einen Augenblick war Schmerz in seinen Augen aufgeblitzt. Aus einem Impuls heraus legte sie ihm eine Hand auf den Arm. „Für dich muss es auch schwer sein.“

Er nickte. „Dad sollte sie zum Altar führen, nicht ich.“ Seine Stimme klang rau vor unterdrückten Gefühlen. „Aber es ist nun einmal, wie es ist.“

„Deine Eltern wären sehr stolz auf dich.“

„Bitte?“ Es klang abweisend, und sie zog die Hand rasch zurück.

„Das sollte nicht gönnerhaft klingen. Deine Mum hat mir sehr geholfen, als meine Mum starb. Ihr und deinem Dad hätte es bestimmt gefallen, wie du Ashleigh immer unterstützt. Na ja, fast immer.“ Denn dass Ashleigh Lehrerin werden wollte, hatte ihm anfangs gar nicht gepasst.

„Was sollte ich denn sonst tun? Sie ist meine kleine Schwester.“

Anscheinend unterschied Sean nicht zwischen Liebe und Pflicht. Doch Claire wollte nicht mit ihm diskutieren. Lieber wechselte sie das Thema: „Was schulde ich dir für den Flug?“

„Gar nichts.“

„Ich bin für das Kleid verantwortlich, daher übernehme ich auch die Kosten. Trotzdem vielen Dank fürs Organisieren, besonders, weil es Ashleigh Sorgen erspart hat.“

„Lass uns später darüber reden. Jetzt kommt erst einmal die Hochzeit an die Reihe.“

„Einverstanden. Nur stehe ich nicht gern in deiner Schuld.“

„Ich hab es für Ashleigh getan, nicht für dich.“

„Schon klar.“ Sie schluckte den Rest ihrer Erwiderung hinunter. „Ich weiß, wir kommen nicht gut miteinander aus, Sean. Dennoch sollten wir uns bemühen, nett zueinander zu sein. Wenigstens, solange wir auf Capri sind.“

Sean sah sie an, als bezweifelte er, dass sie das schaffen würden. Claire war sich dessen selbst nicht sicher, hatte aber die besten Vorsätze.

Die folgenden Minuten verliefen dann auch ohne weitere Zwischenfälle, wenn auch nur, weil Sean sich aufs Fahren konzentrieren musste. Er war ein zuverlässiger Fahrer und ließ sich auch durch das Rechtsfahrgebot nicht beirren, was für ihn als Engländer ungewohnt sein musste. Die schmale Straße wand sich in engen Serpentinen den Berg hinauf und war von niedrigen Mauern statt Grünstreifen eingeschlossen. Es herrschte viel Verkehr, ständig kamen ihnen Lieferwagen, Motorroller oder Minibusse entgegen. Zwischen den Fahrzeugen blieb oft nicht mehr als eine Handbreit Platz. Claire hätte die Strecke nicht ohne Panikattacken überstanden, wenn sie am Steuer gesessen hätte, bei Sean fühlte sie sich aber sicher. Seltsam, dass es ihr in diesem Moment rein gar nichts ausmachte, ihm – buchstäblich – das Steuer zu überlassen.

„Brauchst du noch etwas für das Kleid?“, fragte er, als sie vor dem Hotel vorfuhren.

„Nur mein Dampfbügeleisen, und das hatte ich eh schon aus London mitgebracht. Das Kleid ist bestimmt voller Falten.“

„Falls dir noch etwas einfällt, lass es mich wissen.“

„Möchtest du vielleicht mitkommen und es dir ansehen?“, bot sie ihm an. Sie hatte den Eindruck, er würde sich gern persönlich vergewissern, dass diesmal alles gut gegangen war.

„Bringt das nicht Unglück?“

„Nur, wenn der Bräutigam das Kleid sieht. Aber denk dran: Es ist noch nicht gebügelt. Es ist also noch nicht in Topform. Aber bis Ashleigh es anzieht, ist es perfekt.“

Sean betrachtete Claire nachdenklich. Ob sie wohl erraten hatte, dass er sichergehen wollte, dass mit dem Kleid nichts mehr schiefgehen konnte? Schließlich hatte sie es auch bemerkt, als der Kummer um seine Eltern ihn beinahe überwältigt hätte. Ihre Reaktion war zwar etwas unbeholfen gewesen, doch sie hatte ihn nicht gedrängt, über seine Gefühle zu reden, sondern war einfach nur freundlich gewesen. Fast sanft. Das hatte er nicht von ihr erwartet.

Er nahm ihr Angebot dankend an und folgte ihr in ihr überraschend aufgeräumtes Zimmer. Er hatte Unordnung und Chaos erwartet, so wie er es von Claires Leben kannte.

Claire legte die Schachtel aufs Bett. „Also, was schulde ich dir für den Flug?“

„Das Thema haben wir doch bereits ausdiskutiert.“

„Nein, haben wir nicht. Ich will nicht in deiner Schuld stehen.“

„Ashleigh ist meine Schwester“, erinnerte er sie.

„Und meine beste Freundin. Das ändert nichts an der Tatsache, dass ich dir nicht verpflichtet sein will.“

Er runzelte die Stirn. „Du bist schrecklich stur!“

„Wer im Glashaus sitzt … Was bekommst du?“

Insgeheim schätzte er ihre Entschlossenheit. Vielleicht hätte er sie nicht mit ihren grässlichen Freunden über einen Kamm scheren sollen? Dass sie schlechten Geschmack hatte, was Männer betraf, bedeutete nicht automatisch, dass sie ebenso selbstsüchtig war wie diese. Ohne mit der Wimper zu zucken, nannte er ihr daher einen Betrag, der knapp die Hälfte der tatsächlichen Summe ausmachte. Was ein Hubschrauberflug wirklich kostete, ahnte sie sicher nicht.

„Sobald wir in England sind, überweise ich es dir.“

„Kein Problem. Lass dir Zeit.“

Claire öffnete die Schachtel, packte das Brautkleid aus und hängte es auf einen Bügel. Obwohl der luftig weite Organzarock zerknittert war, erkannte Sean auf den ersten Blick, dass das elfenbeinfarbene Kleid atemberaubend schön war. Es war halterlos, hatte einen herzförmigen Ausschnitt aus handgeschöpfter Seide und war über und über mit winzigen Perlen bestickt. Das Kleid hätte genauso gut von einem namhaften Designer stammen können – unglaublich, dass Claire es für seine kleine Schwester entworfen und genäht hatte. Jetzt verstand er auch, weshalb sie ihren Laden „Kleiderträume“ genannt hatte. Genau das war es, was sie für ihre Kundinnen schuf: das Kleid ihrer Träume.

Sein Schweigen irritierte Claire offenbar, denn sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn es dir nicht gefällt, gut. Aber denk daran, Ashleigh wollte es genau so haben. Wenn du ihr daher sagst, wie grässlich du es findest, verabreiche ich dir die Behandlung mit dem rostigen Löffel.“

„Ganz im Gegenteil, ich fass es bloß nicht – ich habe nichts auch nur annähernd so Schönes erwartet“, gab Sean zu.

Claire machte einen Knicks. „Vielen Dank für das zweifelhafte Kompliment.“ Ihre Stimme troff vor Sarkasmus.

„So war das nicht gemeint“, erklärte er hastig. „Ich verstehe nichts von Kleidern, aber dieses sieht aus, als stecke jede Menge Arbeit darin.“

„Stimmt, aber es war die Mühe wert.“

Am liebsten hätte er Claire umarmt, doch das wäre nicht klug. Sie war immer noch die Art von Frau, die der Stimme ihres Herzens folgte und der das Chaos auf dem Fuße folgte. Ihre Welt war ihm so fremd. „Vielen Dank, dass ich das Kleid sehen durfte“, sagte er deshalb nur und ließ Claire allein, damit sie sich um das Kleid kümmern konnte.

Nachdem sämtliche Falten beseitigt waren, brachte Claire das Kleid zu Ashleigh. Sammy öffnete ihr die Tür. „Claire, es wird aber auch allmählich Zeit, dass du kommst! Und – ein Kleid verlieren? Welcher Designer tut denn so etwas?“, schimpfte sie im Spaß.

„Sei nicht so gemein, Sammy“, rief Ashleigh aus dem Bad. „Ich würde Sammy ja ohrfeigen, Claire, aber ich kämpfe gerade mit den Lockenwicklern.“

Claire hängte das Kleid sorgfältig auf, dann umarmte sie Sammy. „Hallo! Wie war dein Flug?“

„Scheußlich. Deswegen werde ich mich heute Abend mit Prosecco betrinken, sobald alle Fotos geschossen sind.“

„Kater und Jetlag? Interessante Kombination! Es tut gut, dich zu sehen.“

„Gleichfalls. Gott, das Kleid ist unglaublich! Du hast dich selbst übertroffen, Claire!“

„Ich bin nur froh, dass es rechtzeitig wieder aufgetaucht ist.“

Nachdem sowohl der Friseur als auch die Kosmetikerin das Kleid gebührend bewundert hatten, ließ auch Claire sich zurechtmachen, schlüpfte in ihr Kleid und half dann Ashleigh beim Ankleiden.

Sammy fotografierte Braut und Brautjungfer auf dem Balkon. „Jetzt muss ich zu den Männern“, sagte sie schließlich. „Wir sehen uns dann auf dem Standesamt.“

„Wie geht’s dir?“, fragte Claire, nachdem Sammy fort war.

„Gut“, sagte Ashleigh. „Mum und Dad fehlen mir.“

Claire konnte das gut nachvollziehen. Sie würde ihre Mutter bei ihrer Hochzeit bestimmt auch vermissen. Wenigstens hatte sie noch ihren Vater und die Familie ihrer Mutter. Allerdings würde sie vermutlich ohnehin nie heiraten. Sie hatte die Angewohnheit, sich immer in Männer zu verlieben, die zwar ähnliche Träume hatten wie sie, aber nicht zu einer Bindung bereit waren. Oder die ihre Gefühle mit Füßen traten. Inzwischen zweifelte sie an ihrem Urteilsvermögen in Bezug auf Männer.

„Im Geist sind deine Eltern bei dir“, versicherte sie Ashleigh. „Sie haben dich sehr geliebt. Und Luke kann es kaum erwarten, dass du seine Frau wirst. Er ist ein toller Mann.“

„Ich weiß, ich habe wirklich Glück.“ Ashleigh schluckten schwer.

„Hey, nicht weinen! Wenn du dein Make-up ruinierst, reißt Sean mir den Kopf ab.“ Claire verzog in gespielter Panik das Gesicht, und Ashleigh musste lachen. Sie lachte immer noch, als Sean an die Tür klopfte, um sie abzuholen.

Sean hatte das Brautkleid zwar schon gesehen, aber der Anblick seiner Schwester überwältigte ihn dennoch beinahe. Der Schnitt des Kleids betonte Ashleighs schmale Taille, der elfenbeinfarbene Ton ließ ihren Teint förmlich erstrahlen. Das dunkle Haar trug sie zurückgesteckt, ein zarter Schleier fiel ihr den Rücken hinunter, und sie trug eine dezente, wunderhübsche Tiara, die mit funkelnden Steinen und Perlen ähnlich denen auf dem Kleid besetzt war. Der schlichte Brautstrauß aus violetten Rosen war mit elfenbeinfarbenen Bändern gebunden.

„Du bist wunderschön“, sagte er zu seiner Schwester. Dann erst sah er Claire an – und erlebte einen Schock. Die Rosen im Brautstrauß waren augenscheinlich dem Farbton von Claires Kleid angepasst. Es war ebenfalls schulterfrei mit herzförmigem Ausschnitt, wenn auch deutlich schlichter gehalten als das Brautkleid und endete auf Kniehöhe. Claire trug das Haar ähnlich aufgesteckt wie seine Schwester und hatte es mit einem glitzernden Haarband geschmückt. Ihr Strauß spiegelte den Brautstrauß mit elfenbeinfarbenen Rosen, die von einem violetten Band gehalten wurden. Selbst ihre Satinpumps passten farblich exakt zum Kleid. Sie sah atemberaubend aus. Hätte er sie nicht gekannt, hätte er alles darangesetzt, das sofort zu ändern.

Rasch schob er diesen Gedanken beiseite. Er kannte sie nun mal. Hätten sie keinen Waffenstillstand vereinbart, würden sie innerhalb von Minuten wieder miteinander streiten.

„Bereit?“, fragte er.

„Bereit!“, antworteten die Frauen im Chor.

Die standesamtliche Trauung fand im engsten Kreis im Rathaus von Anacapri statt. Außer dem Brautpaar waren nur Lukes Trauzeuge Tom, Claire als Brautjungfer und Sean anwesend, während Sammy alles mit dem Fotoapparat festhielt. Anschließend fuhren sie in zwei offenen Wagen zu der Villa, die für die Hochzeit angemietet worden war. Dort fieberten Familie und Freunde bereits der Zeremonie und der anschließenden Feier entgegen.

Luke und Tom gingen vor und stellten sich im Garten unter den prächtigen, blumengeschmückten Brautbogen, unter dem die Trauung stattfinden sollte. Wenig später führte Sean seine Schwester zum roten Teppich. Er spürte, wie sie vor Nervosität und Aufregung zitterte. „Du bist eine wunderschöne Braut, Ashleigh“, raunte er ihr zu. „Unsere Eltern wären wahnsinnig stolz auf dich.“

Als Antwort drückte sie ihm nur den Arm.

„Auf geht’s.“ Er gab dem neapolitanischen Gitarren-Mandolinen-Duo ein Zeichen. Ihre Version des Kanons von Pachelbel war perfekt. Sean lächelte und führte seine Schwester zu dem Mann, den sie liebte.

Claire hatte bereits Fotos von der Villa gesehen, die Realität überwältigte sie dennoch. Vom Garten aus hatte man einen atemberaubenden Ausblick über das Meer, die vielen Zitronenbäume trugen reichlich Früchte, Bougainvilleen in voller Blüte bildeten einen prächtigen Kontrast zu den dunklen Rhododendren. Überall flatterten Schmetterlinge herum, Symbole für Glück und ewige Liebe.

Als das Brautpaar das Eheversprechen austauschte, musste Claire Tränen wegblinzeln. Sean erging es nicht anders, stellte sie nach einem Seitenblick auf ihn befriedigt fest. Sie schaute rasch wieder weg, bevor er sie dabei erwischen konnte, wie sie ihn anstarrte.

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“

Die Gäste applaudierten begeistert, als Luke Ashleigh einen filmreifen Kuss gab. Und als das frisch vermählte Paar durch die Stuhlreihen schritt, regnete ein Sturm aus getrockneten weißen Blütenblättern auf sie herab.

Nachdem die offiziellen Hochzeitsfotos geschossen waren, servierten Kellner Prosecco, während Ashleigh und Luke die Glückwünsche der Gäste entgegennahmen. Bald darauf wurde das Dinner serviert. Claire saß neben Lukes Vater und war erleichtert, Sean weit entfernt am gegenüberliegenden Tischende zwischen Ashleigh und Lukes Mutter zu wissen.

Sie aßen im Freien unter einer von weißen Glyzinen überrankten Pergola. Zwischen den Blüten waren Kristallkugeln angebracht, die das Licht der Kerzen auf dem Tisch widerspiegelten. Das Duo spielte liebliche Weisen, und der malerische Sonnenuntergang komplettierte das romantische Ambiente.

Wenn ich jemals heirate, dann hoffentlich auch mit so viel Liebe und Fröhlichkeit, wünschte sie sich.

Nach dem Kaffee, zu dem köstliche italienische Desserts gereicht wurden, war es Zeit für die Reden. Lukes Ansprache war sehr bewegend und liebevoll, Tom brachte alle zum Lachen, doch ausgerechnet Seans Rede trieb Claire die Tränen in die Augen. Er sprach so liebevoll von seiner Schwester, dass Claire ihm dafür alles andere verzeihen konnte.

Es folgte das Anschneiden der vierstöckigen Hochzeitstorte, und eine Band spielte zum Tanz auf. Ashleigh und Luke hatten sich Make You Feel My Love zu ihrem Brauttanz ausgesucht. Sie schwebten glücklich und elegant übers Parkett. Danach waren Tom und Claire als Trauzeugen an der Reihe. Claire mochte Tom, und zu ihrer großen Freude stellte er sich als hervorragender Tänzer heraus. Sie musste nicht um ihre Zehen bangen.

„Die Kleider sind ein Traum!“, schwärmte er. „Wenn ich nicht schwul wäre, würde ich die Frau, die so viel Schönheit erschaffen kann, um ein Date bitten.“

Lachend küsste Claire ihn auf die Wange. „Lieb von dir, Tom. Nur würde ich bestimmt nicht mit dir ausgehen. Ich habe nämlich einen schrecklichen Geschmack in Bezug auf Männer. Du bist viel zu nett, um eines von meinen Dates zu sein.“

„Irgendwann findest auch du den Richtigen.“

„Es wäre schön, jemanden zu haben, der mich so glücklich macht wie Luke Ashleigh.“

„Die beiden sind wirklich wie füreinander geschaffen.“

„Das sind sie.“ Claire freute sich für ihre Freundin, empfand aber gleichzeitig einen Anflug von Neid. Würde sie jemals einen Mann finden, der sie so glücklich machte, oder würde sie ewig an die Falschen geraten?

Zu Seans Pflichten als Brautvaterersatz gehörte es, auch einmal mit der Trauzeugin zu tanzen. Er wusste, dass er das nicht auf ewig hinauszögern konnte. Gerade tanzte Claire mit Lukes Vater. Die beiden plauderten ungezwungen. Die Band spielte Can’t Take My Eyes Off You, und Sean merkte entsetzt, dass die Worte exakt auf ihn zutrafen: Er konnte den Blick nicht von Claire lösen.

Das ist gar nicht gut! schoss es ihm durch den Kopf. Sie war nicht die Frau für ihn, absolut nicht. Dennoch fühlte er sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Den Grund dafür konnte er nicht genau benennen, was ihn noch mehr ärgerte, da er seine Gefühle sonst immer genau einordnen konnte.

Sei schlau und halte dich von ihr fern, sagte er sich. Zuvor musste er allerdings seine Pflicht erfüllen. Er wartete das Ende des Songs ab, dann ging er aufs Parkett und forderte sie zum Tanzen auf.

„Stößt später noch einer deiner schrecklichen Freunde zu der Party?“, fragte er und bereute im selben Moment seine Wortwahl.

„Ich dachte, wir wollten wenigstens den einen Abend gut miteinander auskommen“, meinte Claire verärgert.

„Entschuldige, ich hätte es anders ausdrücken sollen.“

„Das stimmt. Aber eigentlich hast du ja recht. Ich gerate immer an die falschen Männer.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und die Antwortet lautet Nein. Ich bin momentan glücklicher Single – und dazu noch viel zu beschäftigt, um mich auf jemanden einzulassen.“

Wollte sie ihm damit sagen, dass sie nicht an ihm interessiert war? Oder stellte sie lediglich Tatsachen fest? Ihr Parfum stieg ihm in die Nase – ein schwerer, geheimnisvoller Duft – und schien ihm die Sinne zu vernebeln, denn er ertappte sich beim Gedanken, wie gut sie doch in seine Arme passte, wie richtig es sich anfühlte …

„Wird sich denn deine derzeitige vorübergehende Freundin zu uns gesellen?“, unterbrach Claire seinen Gedankengang. Normalerweise hätte er ihre Bemerkung für unter der Gürtellinie gehalten, aber sie zahlte ihm nur in gleicher Münze heim.

„Becca und ich haben uns vor drei Monaten getrennt. Ich bin momentan beruflich sehr eingespannt.“ Mit dieser Ausrede hatte er schon etliche Beziehungen beendet, ehe sie zu ernst wurden.

„Schau an. Ich dachte, wir würden nie etwas gemein haben …“ Claire lachte leise.

„Ich dachte immer, wir wären verschieden wie Tag und Nacht.“

„Oder wie Wasser und Öl. Allerdings passen die zusammen, sobald man Essig hinzufügt.“

„Was bist du dann, Essig oder Öl?“

„Schwer zu sagen. Ein wenig von beidem. Ich sorge dafür, dass für meine Kunden alles wie geschmiert läuft, andererseits reagiere ich sauer, wenn mir jemand querkommt.“

Sie mussten beide lachen. Seltsam. Sie konnten miteinander umgehen, ganz ohne zu streiten. Er genoss ihre Gesellschaft richtiggehend. Das hatte er bislang für unmöglich gehalten. Ein neues Stück setzte ein, eine langsame Ballade, und sie tanzten immer noch. Und obwohl er wusste, dass es keine gute Idee war, konnte er nicht widerstehen, Claire ein wenig näher an sich zu ziehen.

So weit waren wir doch schon einmal! dachte Claire. Diesmal hatte sie allerdings nicht zu viel Alkohol getrunken wie in jener Nacht, als sie Sean Farrell zum ersten Mal geküsst hatte. Sie wusste noch genau, wie seine Lippen sich damals angefühlt hatten, bevor er zurückgewichen war und sie regelrecht abgekanzelt hatte: Sie sei erst siebzehn und ein skrupelloser Mann hätte sie leicht ausnutzen können.

Auch auf der Verlobungsparty von Ashleigh und Luke hatte es mit einem Tanz angefangen und mit einem Kuss geendet, der so verlockend gewesen war, dass sie in Panik geraten war.

Auch jetzt hätte sie am liebsten seinen Kopf zu sich herabgezogen und ihn geküsst. Besonders, da sie inzwischen nicht mehr im Blickfeld der anderen Gäste tanzten, sondern sich in einem abgeschiedenen Winkel des Gartens befanden. Das Dämmerlicht verbarg sie vor eventuellen neugierigen Blicken.

„Claire.“ Seans Stimme war kaum mehr als ein Hauch, und sie begriff, dass er sie küssen würde.

Als er tatsächlich den Kopf senkte und ihre Lippen leicht mit seinen streifte, fühlte sie es mit jeder Faser. Er tat es erneut, wieder und wieder. Irgendwann kapitulierte sie und ließ ihre Hände von seinen Schultern hinauf zum Nacken gleiten. Er zog sie an sich, hauchte ihr aber weiterhin nur leichte Küsse auf den Mund. Erst als ihr ein sehnsüchtiger Laut entfuhr, gab es kein Halten mehr für ihn. Er küsste sie fordernd und leidenschaftlich und sie fühlte sich von seiner Lust mitgerissen. Und als er nach einer ganzen Weile von ihr abließ, bebte sie am ganzen Körper.

Ein Teil von ihr wollte ihn bei der Hand nehmen und mit ihm in einem ihrer Zimmer verschwinden. Doch ein letzter Rest gesunden Menschenverstandes sagte ihr, dass sie nichts Dümmeres tun könnte. Wie sollten sie sich am nächsten Morgen in die Augen sehen? Zwischen ihnen konnte und würde es niemals zu einer Beziehung kommen.

Sicher, Sean war zuverlässig, ganz im Gegensatz zu ihren Verflossenen. Andererseits war er viel zu penibel und organisiert. Er lebte nach einem streng geregelten Tagesablauf, was im Geschäftsleben vernünftig war, Claires Meinung nach im Privatleben aber nichts zu suchen hatte. Sie liebte Spontaneität, wollte sich Zeit für die schönen Dinge des Lebens nehmen und den Tag auskosten, was immer er mit sich brachte.

„Lass uns besser aufhören“, brachte sie mühsam hervor. Noch ein Kuss, und sie würde den Kopf verlieren.

Sean sah sie verwirrt an. Er wirkte ganz verloren, und Claire hätte ihm beinahe tröstend über die Wange gestreichelt. Dann setzte sein Verstand offenbar wieder ein und sein Ausdruck verhärtete sich. „Du hast vollkommen recht“, sagte er, ließ sie los und wich einen Schritt zurück.

„Ich sollte mich jetzt besser um die Braut kümmern“, log Claire.

„Ja, tu das.“

Sean ließ sie gehen, was Claire insgeheim bedauerte. Sie war nie gänzlich über ihre Schwärmerei für ihn hinweggekommen. Aber es durfte nicht sein. Es würde niemals funktionieren zwischen ihnen. Hinter ihr lagen schon zu viele kaputte Beziehungen. Wenn sie nicht die Finger von ihm ließ, würde sie hinterher wieder einmal mit gebrochenem Herzen dastehen.

Den restlichen Abend widmete sich Claire den übrigen Gästen und animierte die jüngeren zum Tanzen. Dabei war sie sich die ganze Zeit über bewusst, wo Sean sich gerade befand. Sie ignorierte ihre Gefühle. Sie hatte sich in der Vergangenheit schon vor ihm lächerlich gemacht. Das sollte sich nicht noch mal wiederholen.

Spätabends kehrte sie mit den letzten Gästen ins Hotel zurück. Auf ihrem Zimmer streifte sie die Pumps ab und machte es sich auf dem Balkon gemütlich. Sie ließ ihren Blick über das ruhige, vom Mondschein beschienene Meer wandern. Sie saß bereits eine geraume Weile so da, als es plötzlich an der Tür klopfte.

Erschrocken zuckte sie zusammen. Sie erwartete niemanden, nicht um diese Zeit. War vielleicht jemand erkrankt und brauchte Hilfe?

Barfüßig ging sie zur Tür und öffnete. Zu ihrer Verblüffung stand Sean im Flur. „Ist etwas passiert?“

„Ja.“

Ein kalter Schauer jagte über ihren Rücken. „Ashleigh?“

„Nein.“

Jetzt erst bemerkte sie, dass er Jackett und Krawatte abgelegt hatte. Sein Haar war zerzaust, und er wirkte zugänglicher, geradezu unwiderstehlich. In den Händen hielt er eine Flasche Prosecco und zwei Gläser.

„Wir müssen miteinander reden“, sagte er. Für einen Augenblick sah er wieder so verloren aus. Sie brachte es nicht übers Herz, ihn abzuweisen. Sie wusste ja nur zu gut, was in ihm vorging. „Komm rein.“ Sie trat zurück und machte ihm Platz.

„Ich habe dich auf dem Balkon sitzen sehen.“

„Ich war zu aufgedreht zum Schlafen und dachte, der Blick aufs Meer würde mich beruhigen.“

„Gute Idee.“ Er deutete zum Balkon. „Sollen wir?“

Sean, das Meer und Mondschein – eine gefährliche Kombination. „Gern.“

Geschickt entkorkte er die Flasche, schenkte Prosecco ein und reichte ihr ein Glas.

„Konntest du auch nicht schlafen?“

Er nickte. „Deswegen bin ich spazieren gegangen. Ich habe dich dann vom Garten aus hier auf dem Balkon sitzen sehen.“

„Und worüber müssen wir reden?“

Sean blies hörbar den Atem aus. „Über dich und mich.“

Claire wurde plötzlich ganz heiß.

„Das mit uns hat sich schon lange angebahnt“, fuhr Sean leise fort.

„Wir mögen uns nicht einmal“, protestierte sie. „Du hältst mich für unzuverlässig, und ich finde dich … ein wenig zu organisiert.“

„Vielleicht denken wir so, weil es am einfachsten für uns ist?“

Nachdenklich nippte Claire an ihrem Glas. Sean hatte recht, aber das wollte sie nicht zugeben. „Du hast mich bereits einmal zurückgewiesen.“

„Das war vor zehn Jahren, und den Grund kennst du. Seither sind wir beide erwachsen geworden.“

„Schon.“ Gedankenverloren drehte sie ihr Glas in der Hand. „Dennoch möchte ich nicht noch einmal in dieselbe Situation geraten.“

„Das wirst du nicht. Du bist keine siebzehn mehr und auch nicht betrunken. Und ich trage keine Verantwortung für dich.“

Sein Verhalten hatte Claire damals verletzt – erst später hatte sie ihm für sein Verhalten dankbar sein können. Bisher hatten sie nie darüber gesprochen, doch da Sean das Thema anschnitt, hatte sie eine Frage. „Wäre ich damals älter und nicht betrunken gewesen, hättest du …“

„Mich von dir verführen lassen?“, fragte er, und sie nickte. „Ja“, gab er nach kurzem Zögern zu.

Ein süßes Prickeln durchströmte ihren Körper. In jener Nacht hatte sie sich nach ihm verzehrt. Nun wusste sie, dass er unter anderen Umständen mit ihr geschlafen hätte. Er wäre ihr erster Liebhaber gewesen. Plötzlich konnte sie an nichts anderes denken als an den Kuss vorhin im Garten und wie er aussah, wie er hier vor ihr saß. Verdammt sexy.

„Auf Ashleighs Verlobung hast du mich zurückgewiesen“, erinnerte Sean sie.

„Das war auch vernünftig. Was wir gerade tun, ist dagegen alles andere als klug.“

„Ich weiß, aber dein Parfüm hat mir den Kopf verdreht“, gestand er. Seine Stimme klang rau. „Und dein Mund. Und dein verdammt sexy Kleid.“

Claire unternahm einen letzten Versuch, die Situation zu retten. „Ich finde es sehr sittsam. Es reicht sogar bis zu den Knien.“

„Ich frage mich schon die ganze Zeit, was du wohl darunter trägst.“

Das verschlug ihr fast die Sprache. „Wirklich?“

Seine Augen blitzten auf. „Zeigst du es mir?“

„Hier? Jemand könnte uns sehen! Du hast mich schließlich auch bemerkt.“

„Wir könnten reingehen und die Vorhänge zuziehen.“

Was dann passieren würde, wusste Claire genau – und es würde Folgen haben. Schwerwiegende. Doch das war ihr in diesem Moment gleichgültig. Sie begehrte ihn so sehr, dass sie nicht an die Konsequenzen denken mochte. „In Ordnung.“

Wortlos stand Sean auf, hob sie aus ihrem Stuhl und trug sie ins Zimmer. Dort stellte er sie lange genug auf die Füße, um die Vorhänge zu schließen, nahm sie dann in die Arme und küsste sie.

Im Garten hatte er sie zärtlich und verlockend geküsst, jetzt brachte er ihr Blut zum Kochen. Als er sie eine Weile später wieder losließ, bebten sie beide vor Verlangen.

„Zeig her“, bat er. Claire griff hinter sich und öffnete den Reißverschluss ihres Kleides, hielt es aber fest.

Er hob eine Augenbraue. „Warum so schüchtern?“

„Ich warte darauf, dass du die Weste ablegst und dein Hemd aufknöpfst. Was immer wir tun, ich bin für Ausgewogenheit.“

Sean schlüpfte aus der Weste, knöpfte sein Hemd auf und zog es aus dem Hosenbund. „Besser so?“

„Ja. So wirkst du gleich weniger zugeknöpft.“

„Gut, schließlich sollen keine Knöpfe zwischen uns stehen.“ Er deutete auf ihr Kleid. „Zeig’s mir endlich.“

Plötzlich überkam Claire doch ein Anfall von Schüchternheit. Beinahe hätte sie gekniffen. Doch dann atmete sie tief durch, ließ das Kleid fallen, trat heraus und hängte es über eine Stuhllehne.

„Farblich zum Kleid passende Dessous – du überraschst mich heute immer wieder.“ Sean trat zu ihr und zeichnete mit dem Finger die Umrisse ihres Spitzen-BHs nach.

„Ich habe sie und die Pumps färben lassen.“

„Liebe zum Detail. Das gefällt mir.“

Sie strich über seine definierte Brust, dann ließ sie die Hände über seinen Bauch gleiten. „Sehr schön. Ein perfekter Sixpack. Du überraschst mich auch.“

„Ich sitze nicht den ganzen Tag nur am Schreibtisch. Im Fitnessstudio habe ich Gelegenheit zum Nachdenken.“ Sanft schob sie das Hemd von seinen Schultern. „Wie war das mit der Ausgewogenheit? Ich bin oben herum nackt, du nicht.“

„Unternimm etwas dagegen.“

Er lächelte, öffnete den BH und ließ ihn zu Boden fallen. Dann hob er sie hoch, trug sie zum Bett, und die Welt um sie herum versank in einem Wirbel der Leidenschaft.

4. KAPITEL

Claires Handy klingelte. Schlaftrunken und mit geschlossenen Augen tastete sie danach. „Hallo?“

„Hey, du Schlafmütze! Habe ich dich etwa geweckt? Das darf doch nicht wahr sein!“, hörte sie Sammys fröhliche Stimme. „Ich warte schon bei frischem Obst und warmem Gebäck auf dich.“

Siedend heiß fiel Claire ein, dass sie mit Sammy zum Frühstück verabredet war. Und sie lag noch im Bett – noch dazu in Seans Armen! „Ich komme, so schnell ich kann“, versprach sie hastig. „Fang schon mal an, wenn du Hunger hast.“

„Beschwer dich nicht, wenn kein Gebäck mehr übrig ist. Bis gleich.“

„Wer war das?“, fragte Sean, als Claire auflegte.

„Sammy. Wir sind zum Frühstück verabredet. Nur … ich …“ Sie runzelte die Stirn. „Na toll – jetzt stottere ich auch noch!“

„Das könnte am Schlafmangel liegen.“ Er küsste ihre Schulter. „Daran bin ich ebenso schuld wie du.“

Hilfe! dachte sie. Er war so liebevoll und zärtlich, dass sie begann, sich nach etwas zu sehnen, das sie niemals haben konnte. Komm endlich zur Vernunft, befahl sie sich. „Sean, das mit uns geht nicht“, platzte es aus ihr heraus.

„Was meinst du?“

„Du und ich – das kann nicht funktionieren. Wir sind grundverschieden. Du hast einen Zwanzigjahresplan für alles, und ich lasse mich nicht derart einengen. Wir würden uns gegenseitig in den Wahnsinn treiben.“

„Was schlägst du vor? Sollen wir so tun, als hätte die vergangene Nacht nie stattgefunden?“

„Das wäre vermutlich am besten. Sonst könnte es peinlich werden, wenn wir uns in London wieder begegnen.“

„Aha.“ Seine Miene war undurchdringlich.

Plötzlich fühlte sie sich elend. Sie hatte Sean in der vergangenen Nacht als aufmerksamen, wunderbaren Liebhaber kennengelernt. Mit ihm zusammen zu sein war besser gewesen, als sie es sich in ihren kühnsten Teenagerträumen vorgestellt hatte. Wären ihre Charaktere nicht so gegensätzlich, würde sie sofort eine Beziehung mit ihm eingehen wollen. So, wie die Dinge lagen, konnte das jedoch nicht funktionieren. Sie würde nie ihre Freundschaft mit Ashleigh gefährden.

„Letzte Nacht … war schön, geradezu fantastisch. Aber wir passen nicht zueinander. Meine Spontaneität würde dich verrückt machen.“

„Vermutlich hast du recht.“

Trotz Seans Bestätigung empfand Claire ihm gegenüber Schuldgefühle. „Ich serviere dich nicht ab, und du nicht mich. Wir waren nie wirklich zusammen.“ Dann betonte sie noch einmal: „Als Paar wären wir eine Katastrophe.“

„Wahrscheinlich“, stimmte er ihr zu.

„Sammy wartet schon. Sie reist beruflich so viel herum, dass ich sie kaum zu Gesicht bekomme. Ich hab ihr versprochen, sie zu sehen.“ Dabei wäre Claire gegen alle Vernunft viel lieber bei Sean geblieben. „Ich weiß, es ist albern, aber würdest du bitte die Augen schließen, bis ich im Bad verschwunden bin?“

„Ist es für Schüchternheit nicht etwas zu spät? Vergangene Nacht habe ich jeden Millimeter von dir gesehen.“ Und nicht nur das. Er hatte sie überall berührt, gestreichelt, geküsst …

„Bitte“, beharrte sie.

„Wie du willst.“ Sean drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen. „Sag Bescheid, wenn ich sie wieder aufmachen darf.“

„Es tut mir leid. Ich wünschte, die Umstände wären andere“, sagte Claire bedauernd. „Aber glaub mir, eine saubere Trennung ist am besten.“

„Wir werden uns auch in Zukunft häufig begegnen. Du bist schließlich die beste Freundin meiner Schwester.“

„Wir verhalten uns einfach wie immer: sind höflich zueinander und gehen uns ansonsten aus dem Weg.“

Sean stieß einen undefinierbaren Laut aus, aber Claire fuhr bereits fort: „Du hast es gestern selbst gesagt: Das mit uns hat sich seit geraumer Zeit angebahnt. Jetzt liegt es hinter uns und wir können es vergessen.“ Das war eine glatte Lüge, daher war Claire froh, dass Sean ihre Miene nicht sehen konnte. Sie würde ihn wohl nie ganz vergessen können, nicht, nachdem sie wusste, wie es sich anfühlte, ihn zu küssen. Zu streicheln. Mit ihm zu schlafen.

Hastig raffte sie ihre Kleider zusammen. „Du kannst die Augen wieder aufmachen“, rief sie und zog die Badezimmertür hinter sich ins Schloss.

In Rekordzeit war sie mit Duschen und Ankleiden fertig. Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, saß Sean angezogen auf dem Bett und wartete auf sie – wie es seine guten Manieren von ihm verlangten.

„Danke“, sagte sie. „Wir sehen uns dann irgendwann in London bei Ashleigh.“

„Wer war es?“, fragte Sammy, als Claire an den Tisch im Frühstücksraum des Hotels trat.

„Wer war was?“, stellte Claire sich dumm.

„Der Typ, der dich letzte Nacht wachgehalten und dir diesen Knutschfleck verpasst hat.“

Claire errötete und fasste sich automatisch an den Hals. Im Bad war ihr kein verräterisches Mal aufgefallen, aber in Gedanken ganz bei Sean hatte sie nicht auf ihr Spiegelbild geachtet.

Sammy lachte. „Erwischt! Keine Sorge, du hast keinen Knutschfleck, aber allein warst du vergangene Nacht nicht.“

„Das war eine einmalige Sache, die mir jetzt schon peinlich ist“, stöhnte Claire. „Er war wieder einmal der Falsche.“

„War der Sex wenigstens gut?“

„Sammy!“ Claire errötete erneut, doch ihre Freundin hakte ungeniert nach: „Auf einer Skala von eins bis zehn?“

Claire stöhnte: „Ich brauche Kaffee.“

„Beantworte mir zuerst meine Frage.“

„Elf.“ Claire schnappte sich die Kaffeekanne, füllte eine Tasse und fügte eine großzügige Portion Zucker und Milch hinzu.

„Wow. Dann lohnt es sich vielleicht herauszufinden, was ihn zum Falschen macht, und daran zu arbeiten.“

„Keine Chance.“

„Wie du meinst. Möchtest du Gebäck oder lieber Pfirsiche?“

Der abrupte Themenwechsel amüsierte Claire. Das war typisch Sammy. „Wenn du das Gebäck noch nicht aufgegessen hast, nehme ich von beidem.“

„Du hast hoffentlich keinen Kater? Wir fahren nämlich heute Nachmittag in die Blaue Grotte. Ich will dort fotografieren.“

„Hörst du auch mal auf zu arbeiten?“

„Das sagt die Richtige! Außerdem mische ich Arbeit und Vergnügen nach Möglichkeit. Das macht viel mehr Spaß.“

Der Ausflug in die Blaue Grotte war ein toller Abschluss ihrer Reise. Doch obwohl die eindrucksvollen Farben und Strukturen sie inspirierten, konnte Claire auf dem Rückflug nach London doch nur über Sean nachdenken. Er war ein großartiger Liebhaber, aufmerksam und rücksichtsvoll. Es tat ihr leid, dass sie ihn so abrupt abserviert hatte, doch sie hatte das Richtige getan. Sean war ein durch und durch strukturierter, organisierter Mensch, sie dagegen folgte lieber ihrem Herzen. Das passte einfach nicht zusammen.

In ihrer Wohnung angekommen, packte sie aus, warf die Waschmaschine an, las ihre E-Mails und hörte den Anrufbeantworter ab. Immer noch ging Sean ihr nicht aus dem Sinn. In der Nacht träumte sie von ihm. Der Traum war so erotisch, dass sie am nächsten Morgen ganz erhitzt und frustriert erwachte.

Schlag ihn dir aus dem Kopf, ermahnte sie sich. Doch selbst beim morgendlichen Joggen dachte sie daran, was sie getan hatten und wie gerne sie es wiederholen würde. Nach dem Duschen setzte sie sich an den Computer und überwies Sean das Geld für den Hubschrauberflug. Jetzt muss ich nichts mehr mit ihm zu tun haben, bis Ashleigh und Luke nach Hause kommen, sagte sie sich. Bis dahin würde sie bestimmt wieder einen klaren Kopf haben. Hoffentlich.

Sie ging in den Laden hinunter und begann, ein weiteres Kleid für die Hochzeitmodenschau zuzuschneiden. Als sie gerade fertig war, ertönte die altmodische Klingel über der Ladentür. Ein Lieferant mit einem riesigen Blumenstrauß kam herein. „Ms. Stewart?“, fragte er.

„Die bin ich.“

„Die sind für Sie.“ Lächelnd überreichte er ihr den Strauß.

„Danke.“

Wer die Blumen geschickt haben mochte? Geburtstag hatte sie nicht. Wollten Ashleigh und Luke sich vielleicht auf diese Weise für ihre Unterstützung bei der Hochzeit bedanken? Jedenfalls war das Bukett aus pinkfarbenen Rosen und lieblich duftenden Freesien wunderschön. Sie öffnete den beiliegenden Umschlag und sah starr vor Staunen auf die Karte, auf der in einer ihr bekannten ordentlichen Handschrift geschrieben stand: Habe sie gesehen und musste an dich denken. Sean.

Sean schickte ihr Blumen! Noch dazu persönlich, nicht durch seine Assistentin. Claire konnte es einfach nicht fassen. Wieso tat er das? Am liebsten hätte sie ihn angerufen und gefragt, doch das wagte sie nicht. Stattdessen schrieb sie ihm, nachdem sie die Blumen in eine Vase gestellt hatte, eine SMS: Danke für die Blumen. Sie sind wunderschön.

Nach geraumer Zeit erhielt sie eine Antwort: Freut mich, dass sie dir gefallen. Danke für die Überweisung. Hast du heute eine Verabredung zum Lunch?

Wieso fragst du? schrieb sie, löschte die Nachricht aber noch vor dem Absenden. Das klang zu misstrauisch. Sie entschied sich für: Gern geschehen und Nein.

Jetzt hast du eine. Ich hole dich um ein Uhr in deinem Laden ab.

War das eine Einladung zum Lunch? Ein Date? Sie waren doch übereingekommen, dass es in einer Katastrophe enden würde, wenn sie ihre Affäre fortsetzten.

Sean, das geht nicht, schrieb sie zurück, aber er reagierte nicht darauf. Claire wusste nicht, was sie davon halten sollte.

Als um ein Uhr die Türglocke anschlug und Sean hereinkam, war Claire mit den Nerven am Ende.

„Was soll das, Sean?“, fragte sie ihn.

„Wir sind zum Lunch verabredet.“ Er drehte das Türschild um, sodass von außen Geschlossen zu lesen war.

„Aber …“ Sie verstummte.

„Ich weiß“, sagte er sanft. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert, und die schicke Seidenkrawatte saß perfekt. Nichts erinnerte mehr an den zerzausten, sinnlichen Mann in ihrem Bett auf Capri. Dennoch sah er zum Anbeißen aus. Obwohl er sie nicht einmal berührte, überfiel sie plötzlich heißes Verlangen, und sämtliche Alarmglocken in ihrem Kopf schrillten auf.

„Du gehst mir einfach nicht aus dem Sinn.“ Er machte einen Schritt auf sie zu.

Wenn er mutig genug zu einem Geständnis war, war sie es auch. „Du mir auch nicht.“

„Was können wir dagegen tun?“

„Nach Capri wollten wir es doch hinter uns lassen“, erinnerte sie ihn.

„Bei mir hat das nicht funktioniert.“

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