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ROMANA EXTRA BAND 40

RACHAEL THOMAS

Hochzeitsnacht mit dem Wüstensohn

Scheich Kazim ignoriert ihre Verzweiflung, als er Amber in der Hochzeitsnacht wegschickt! Mit seinem Jawort hat er seine Pflicht erfüllt. Ein Jahr später muss er Amber unbedingt finden – und sie anflehen, ihm zu verzeihen …

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Der Plan ist einfach: Max will die schöne Erbin Romi erobern und ihr in San Francisco einen Antrag machen. Dann würden seine privaten und beruflichen Träume wahr werden. Aber Romi sagt Nein!

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Die Millioneninsel

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Hochzeitsnacht mit dem Wüstensohn

PROLOG

Das war der Moment, auf den Amber sich gefreut hatte. Ihr Hochzeitstag. Ihr Ehemann Prinz Kazim Al Amed von Barazbin war mächtig und einflussreich, und ihre erste gemeinsame Nacht sollte perfekt werden. Obwohl ihr Vater ihn für sie ausgesucht hatte, hatte sie bei ihrer ersten Begegnung ihr Herz an ihn verloren. Sein Ruf eilte Kazim voraus, und sie wollte die routinierte Verführerin spielen, damit er nicht merkte, dass sie noch unschuldig war.

Kaum hatten sie jedoch die Feier verlassen, war alles schiefgelaufen. Sein warmes Lächeln war verschwunden, und nun stand er mit wütender Miene in ihrer Suite.

„Ich will diese Ehe nicht“, teilte er ihr mit. „Du hast keinen Grund, dein Leben zu ändern.“

„Mein Leben zu ändern?“ Natürlich würde sie das müssen. Amber hob herausfordernd das Kinn, um diesem starken Mann gegenüber ja keine Schwäche zu zeigen.

„Genau wie du habe ich aus Pflichtgefühl und Respekt meiner Familie gegenüber geheiratet.“ Als er sie mit seinen dunklen Augen ansah, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Unter ihrer seidenen abaya, dem traditionellen Gewand, ballte sie die Hände zu Fäusten.

Als er dann ihre Hand nahm, begann ihr Herz, wild zu pochen, und für einen Moment schien er verwirrt zu sein.

„Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Jetzt wirst du zu deiner Familie zurückkehren.“

Kazim atmete erleichtert auf. Zum Glück war seine Braut eine ruhige Frau, die nicht zu Hysterie neigte. Das musste an ihrer westlichen Erziehung liegen – die auch ihren Charakter verdorben hatte. Erst vor Kurzem war ihm zu Ohren gekommen, dass sie sich während ihrer Internatszeit heimlich mit Männern in irgendwelchen Hotelzimmern getroffen hatte. Sie war nicht die unschuldige Braut, für die er sie gehalten hatte. Er hatte seine Pflicht erfüllt, denn er hatte die Frau geheiratet, die sein Vater für ihn ausgesucht hatte. Mehr würde er nicht tun.

„Und was soll ich jetzt machen?“ Für einen Augenblick wirkte sie panisch, und er fragte sich unwillkürlich, ob er die falschen Schlüsse gezogen hatte.

„Dein altes Leben weiterführen. Natürlich werde ich dafür aufkommen.“ Irgendwann würde er dann klären, ob er überhaupt mit ihr verheiratet bleiben konnte. „Allerdings erwartet man von uns, dass wir die Ehe vollziehen.“

„Das sollte kein Problem sein. Wir tun einfach so, als hätten wir das getan.“

Kazim traute seinen Ohren nicht. Und während sie erst den Schleier und dann ihr Kleid abzustreifen begann, flammte heiße Begierde in ihm auf, denn sie legte gerade einen Striptease hin. Und mit jeder Bewegung wurde sie mutiger und wirkte verführerischer. In seinen Zorn mischte sich Fassungslosigkeit. Diese Frau war bestimmt nicht unschuldig.

Plötzlich war das Reißen von Stoff zu hören, und sie wirkte schockiert. Dann lächelte sie jedoch verführerisch. „So sieht es umso realistischer aus.“

Nachdem ihr Kleid zu Boden geglitten war, stand sie fast nackt vor ihm, und ihre Blicke begegneten sich. Ihre braunen Augen funkelten herausfordernd. Obwohl er sein Verlangen kaum noch zügeln konnte, durfte er sie jetzt auf keinen Fall nehmen, nicht in diesem Zustand.

„Zieh dir etwas an“, stieß Kazim mühsam beherrscht hervor. In nur wenigen Minuten hatte sie bewiesen, dass sie sich überhaupt nicht als seine Frau eignete.

Zehn Minuten später kam sie in einem Frotteemantel aus dem Bad und setzte sich aufs Bett. Wieder blickte sie ihn frech an. „Wenn wir den Anschein erwecken wollen, dass wir die Ehe vollzogen haben, muss das Bett zerwühlt sein.“

Während Amber beobachtete, wie Kazim ihrem Vorschlag nachkam, setzte ihr Selbsterhaltungstrieb ein. Auf keinen Fall würde sie sich so einfach von ihm nach Hause schicken lassen. Es musste so aussehen, als hätte sie mit ihm geschlafen, sonst würde sie ihren Eltern nicht gegenübertreten können.

Und wenn er so kühl und berechnend war, dann konnte sie es auch sein. Nur noch wenige Stunden, und sie würde von hier verschwinden, um vielleicht dann an Orte zu reisen und Dinge zu tun, die sie als einzige Tochter ihres Vaters und Prinzessin von Quarazmir niemals hätte machen können.

1. KAPITEL

Zehn Monate später

Er hatte sie gefunden.

Amber beobachtete, wie Prinz Kazim Al Amed von Barazbin sich in dem Pariser Club einen Weg zwischen den Tischen hindurch bahnte und dabei den Blick über die Tänzerinnen schweifen ließ. Selbst in dem schummrigen Licht konnte sie seinen verächtlichen Gesichtsausdruck erkennen.

Wie erstarrt stand sie da und betrachtete ihn ganz gegen ihren Willen fasziniert. Jede seiner Bewegungen verriet Autorität und ungezügelte Männlichkeit. Mit dem dunklen Teint, dem glänzenden schwarzen Haar und dem teuren Anzug hob er sich von den Stammgästen des Clubs ab, und sie war sicher nicht die Einzige, die ihn bemerkt hatte.

Panik überkam sie, und wieder spürte sie jene starke Anziehungskraft wie bei ihrer ersten Begegnung. Amber verstärkte ihren Griff um das Tablett mit den Gläsern, damit diese nicht aneinanderklirrten. Fast ein Jahr lang hatte sie davon geträumt, dass er sie aufspüren und ihr seine Liebe gestehen würde, aber offenbar hatte sie sich falsche Hoffnungen gemacht.

Kazim hatte sie nie geliebt, und sie bezweifelte, dass sie noch eine brutale Zurückweisung von dem Mann ertragen konnte, den sie einmal über alles geliebt hatte. Er war ihr Traummann gewesen, der Einzige, den sie je geliebt hatte.

Da er sie noch nicht entdeckt hatte, stellte sie vorsichtig das Tablett ab und zog sich in den nicht erleuchteten Bereich zurück, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Ihr Herz klopfte im Takt der Musik, als sie sah, wie er stehenblieb und argwöhnisch die Stirn runzelte. Flüchtig ruhte sein Blick auf ihr, und sie erwiderte ihn unwillkürlich.

Dann machte Kazim einen Schritt auf sie zu. Sie glaubte bereits, dass es das gewesen wäre, als er sich erneut im Club umsah. Er hatte sie nicht erkannt. Eigentlich hätte sie sich darüber freuen müssen, doch sie verspürte einen schmerzhaften Stich.

Und gerade als Amber glaubte, sie könnte aufatmen, richtete er erneut den Blick auf sie. Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu und dem harten Zug um seinen Mund nach zu urteilen, hatte er sie erkannt und war alles andere als erfreut.

Unwillkürlich fasste sie sich an die blonde, von pinkfarbenen Strähnen durchzogene Perücke, die sie immer bei der Arbeit trug. Eigentlich konnte er sie nicht erkannt haben – oder doch? Doch sie würde kein Risiko eingehen. Sie war noch nicht bereit, ihm gegenüberzutreten, jedenfalls nicht hier und nicht in diesem Aufzug. Sie brauchte Zeit, um sich zu sammeln und all die Träume zu verdrängen, die er zerstört hatte.

Erneut blickte Kazim zu den Tänzerinnen und dann wieder zu ihr. Und obwohl keiner von ihnen sich in diesem Moment von der Stelle gerührt hatte, schien der Abstand zwischen ihnen sich zu verringern, und Amber nahm Kazims Argwohn und sein Entsetzen wahr. Sie musste verschwinden. Und zwar sofort.

Schnell öffnete sie die nächste Tür und eilte den engen Flur zu den Garderoben entlang, wobei sie blinzelte, weil das grelle Licht sie blendete. Ihr Herz raste. Sie konnte nicht fassen, dass Kazim tatsächlich hier war, nicht nach seinen grausamen Worten und ihrer einzigen gemeinsamen Nacht.

„Amber!“, hörte sie ihn jetzt im Befehlston rufen.

Sofort blieb sie stehen und erstarrte. Ihr Herz pochte noch wilder, als sie seine Schritte hinter sich vernahm und dann erschauerte. Wie konnte Kazim immer noch eine derartige Wirkung auf sie ausüben?

Die Tür zum Club fiel ins Schloss, und schließlich verstummten seine Schritte. Amber spürte, dass er jetzt hinter ihr stand. Schließlich erwachte sie aus ihrer Starre und eilte weiter, ohne sich umzudrehen. Sie wagte es nicht, denn bei seinem Anblick würden all jene Erinnerungen wieder auf sie einstürmen.

„Du kannst weglaufen, Amber, aber du kannst dich nicht verstecken.“ Sein harter Unterton veranlasste sie, sich umzuwenden, als sie ihre Garderobe erreichte. Vor diesem Moment hatte sie sich fast ein Jahr lang gefürchtet.

Es war Zeit, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

„Ich laufe nicht weg.“ Amber straffte sich und wunderte sich selbst darüber, dass sie so mutig klang.

Kazim hatte sich verändert. Er war immer noch sehr attraktiv, sah aber verändert aus. Als er einige Schritte auf sie zu machte, betrachtete sie sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem energischen Mund, das in dem grellen Neonlicht noch markanter wirkte. Sie durfte sich nicht anmerken lassen, wie nervös sie war.

„Und ich versuche auch nicht, mich zu verstecken, Kazim.“

„Das dürfte dir in diesem lächerlichen Aufzug ohnehin schwerfallen.“ Seine dunklen Augen funkelten wütend, als er ihre Perücke betrachtete.

„Das gehört zum Job“, erwiderte sie forsch, während er weiter auf sie zukam und dann dicht vor ihr stehenblieb.

Verächtlich betrachtete er sie, genauso wie bei ihrer letzten Begegnung. Die Bilder, die plötzlich vor ihrem geistigen Auge auftauchten, waren so deutlich, als wäre all das erst am vergangenen Abend geschehen.

In jener Nacht hatte Kazim sie zurückgewiesen und ihre Liebe verhöhnt. Er hatte sich von ihr abgewandt, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was es für sie bedeutete. Und deswegen hatte sie sich verändert. Sie war stärker geworden. Er würde ihr nie wieder wehtun.

„Und gehört das hier auch dazu?“ Er zog an den Federn, die an ihrem engen Korsett in Pohöhe befestigt waren.

„Ja“, antwortete sie scharf, während sie seine Hand wegstieß. Niemals würde sie ihm verraten, wie sehr er sie verletzt und ihr Leben zerstört hatte. „Womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, geht dich nichts mehr an. Dafür hast du ja gesorgt.“

Zorn flammte in ihr auf, als sie sich ins Gedächtnis rief, wie Kazim sich von ihr abgewandt hatte, als könnte sie einfach in ihr altes Leben zurückkehren. Dieses hatte sich völlig verändert, und ihn hatte es überhaupt nicht interessiert.

Plötzlich schien er sich zu verspannen. „Lebensunterhalt? So nennst du das also?“ Zorn blitzte aus seinen Augen, und sein Blick war so durchdringend, als wollte Kazim all ihre Geheimnisse ergründen.

Aufgebracht stemmte Amber die Hände in die Hüften. „Keine Angst, niemand weiß, wer ich wirklich bin.“

Das wusste sie ja selbst kaum noch. Sie versuchte sich genauso wie ihrer Mitbewohnerin weiszumachen, dass sie eine ganz normale junge Frau war, die über ihren Liebeskummer hinwegzukommen versuchte.

„Das erklärt, warum du so schwer zu finden warst“, sagte Kazim gereizt.

„Ich wollte ja auch nie gefunden werden. Ich habe noch einmal ganz von vorn angefangen.“

„In einem zweifelhaften Milieu wie diesem?“, spottete er.

„Ich habe mich für einen Kunstkursus angemeldet, Kazim.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, wünschte Amber, sie könnte sie zurücknehmen.

Er atmete tief durch. „Und was ist mit deinen Verpflichtungen?“

„Was hattest du noch in unserer Hochzeitsnacht gesagt?“, erkundigte sie sich scharf. „Ach ja … Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Jetzt wirst du zu deiner Familie zurückkehren.

Einen Moment lang hoffte sie, ihm würde klar werden, dass er sie liebte, doch schnell verdrängte sie diese Gefühle wieder. Warum war Kazim hier? Er hatte ihr doch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte und sich am liebsten wieder von ihr hätte scheiden lassen.

Seine dunklen Augen, in die sie sich damals sofort verliebt hatte, funkelten, und es lag ein bitterer Ausdruck darin. „Ich fasse nicht, dass du dich ausgerechnet in Paris versteckt hast, noch dazu in diesem Stadtteil.“

„Soll ich also lieber in die ganze Welt hinausposaunen, dass ich hier bin?“ Ihre Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, denn er presste die Lippen zusammen. Falls er glaubte, er könnte einfach so wieder bei ihr auftauchen und über sie urteilen, täuschte er sich gewaltig.

„So habe ich es nicht gemeint.“ Er kam noch näher, und sie versuchte, seinem Blick standzuhalten. Sein würziger Duft quälte ihre Sinne, und sie rang um Fassung.

„Wie dann, Kazim?“ Um sich abzulenken, nahm Amber die Perücke ab und schüttelte ihr glänzendes schwarzes Haar. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war seine Reaktion.

Seine Augen wirkten plötzlich noch dunkler, und goldene Sprenkel erschienen darin. Kazim schluckte mühsam, einen harten Zug um den Mund.

Die ungezügelte Männlichkeit, die er ausstrahlte, schlug sie in seinen Bann und machte es ihr unmöglich, den Blickkontakt zu unterbrechen. Amber konnte nicht einmal vor dem Feuer zurückweichen, das zwischen ihnen aufgelodert war und sie zu verbrennen drohte. Doch sie fühlte sich dazu hingezogen wie eine Motte zum Licht.

Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie. „Sicher hast du unsere letzte Begegnung nicht vergessen. Du konntest es nicht erwarten, dich deiner Sachen zu entledigen. Dass du in diesem Loch arbeitest, überrascht mich deshalb nicht.“

Bei der Erinnerung an jenen Striptease hätte sie am liebsten beschämt die Augen geschlossen. In ihrer Unschuld hatte sie damals geglaubt, sie würde genau das Richtige tun, und die Verführerin gespielt.

„Ich habe keine Zeit, mit dir zu streiten.“ Wütender denn je, widerstand sie der Versuchung, ihm die Perücke entgegenzuschleudern. „Sag mir einfach, was du willst, Kazim, und dann verschwinde, und zwar für immer.“

„Was ich will?“ Seine Augen funkelten kalt, und er fixierte sie gnadenlos.

„Raus damit.“ Amber wandte sich ab. Sie musste sich etwas anziehen, damit sie sich weniger verletzlich fühlte. „Du willst bestimmt die Scheidung.“

Amber öffnete die Tür zur Garderobe, in der Annahme, Kazim würde ihr nicht folgen, und warf die Perücke auf den Frisiertisch. Erst jetzt merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie musste ihre Gefühle unbedingt in den Griff bekommen.

Ein Klicken verriet ihr, dass Kazim ihr gefolgt und die Tür hinter sich abgeschlossen hatte. Als sie zu ihm herumwirbelte, sah sie ihn mit verschränkten Armen dastehen. Wie immer wirkte er ungemein überheblich.

„Eine Scheidung steht überhaupt nicht zur Debatte“, entgegnete er schroff.

Ihre Gedanken jagten einander. Was wollte er dann von ihr? Was mochte so wichtig sein, dass er sie ausfindig gemacht und sogar selbst aufgesucht hatte?

Kazim beobachtete, wie Amber das Blut aus dem Gesicht wich. Als einziger Sohn und Erbe des Scheichs von Barazbin war er dazu verpflichtet gewesen, die Frau zu heiraten, die dieser für ihn ausgesucht hatte. Und sein Vater hatte ihn auch gezwungen, Amber ausfindig zu machen. Allerdings hätte er nie damit gerechnet, sie an einem solchen Ort anzutreffen.

Seine Frau, Prinzessin Amber von Barazbin, arbeitete als Kellnerin in einem Etablissement, das nicht viel besser als ein Stripclub war. Wie tief war sie gesunken? Kazim verdrängte sein Entsetzen und konzentrierte sich auf den Grund für sein Kommen.

Amber wandte sich ab und fasste ihr Haar, das kürzer war als damals, zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sie blickte starr in den Spiegel, als könnte sie Kazims Anblick nicht ertragen. Er hingegen betrachtete fasziniert ihre vollen Lippen.

Er würde sie nach Barazbin zurückholen, denn sie sollte dort an seiner Seite leben.

„Für mich ist eine Scheidung die einzige Wahl, Kazim. Du hast mir deutlich zu verstehen gegeben, dass unsere Ehe beendet war, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte“, erklärte sie streng und mit einem heiseren Unterton. Dann schminkte sie sich ab, und als sie ihn wieder ansah, wirkte sie jünger als dreiundzwanzig. Doch selbst ohne Make-up war sie wunderschön.

„Bestimmt hast du gehört, dass es meinem Vater gesundheitlich nicht gutgeht.“ Kazim ließ die Arme sinken und ballte die Hände zu Fäusten, denn wie immer, wenn er von seinem Vater sprach, verspürte er Zorn und gleichzeitig Reue.

„Was in Barazbin passiert, interessiert mich nicht“, erwiderte Amber kurz angebunden, was seine Wut noch verstärkte. „Warum auch? Ich werde nie wieder dorthin reisen.“

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn so herausfordern würde. Sie machte ihn ebenso wütend, wie sie ihn erregte. Sie war nicht mehr die liebenswerte Braut, der er den Rücken gekehrt hatte. Doch sie war immer noch seine Frau.

Nun sah sie ihn überheblich an. „Ich würde mich jetzt gern umziehen, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Ich habe nichts dagegen, wenn du dir etwas überziehst.“ Dann könnte er vielleicht endlich klar denken.

Sie stemmte die Hände in die Hüften, und genau wie vorher schlugen ihn der Anblick ihrer langen Beine und ihrer schmalen Taille, die durch das Korsett mit den lächerlichen pinkfarbenen Federn noch betont wurden, in ihren Bann.

„Damit meinte ich, dass du gehen sollst“, sagte sie gereizt.

Damit sie vor ihm weglaufen konnte, genau wie sie es am Morgen nach ihrer Hochzeit getan hatte? Er war sich noch gar nicht im Klaren darüber gewesen, wie sie getrennte Wege gehen sollten. Er durfte nicht riskieren, dass sie ein zweites Mal floh. Das hatte sein Vater deutlich gemacht.

„Wenn ich gehe, dann nur mit dir, und da ich nicht mit einer Stripperin in den Straßen von Paris gesehen werden möchte, ziehst du dich besser an.“ Kazim ging auf sie zu, doch ihre scharfen Worte ließen ihn abrupt innehalten.

„Ich bin keine Stripperin!“ Amber wich einige Schritte zurück.

„Wenn ich mich recht entsinne, bist du, was das Ausziehen betrifft, ziemlich versiert. Hast du das in unserer Hochzeitsnacht nicht auch getan?“

Nun atmete sie tief durch. Dass niemand ihre wahre Identität kannte, stimmte tatsächlich. Er hatte Monate gebraucht, um sie ausfindig zu machen.

„Ich bin Kellnerin. Aber wenn ich mich unbedingt umziehen soll, dann mach dich wenigstens nützlich und hilf mir.“

Zuerst konnte Kazim nur ihre bloßen Schultern betrachten, ihre gebräunte Haut, die so verführerisch war, dass er am liebsten die Fingerspitzen darüber hätte gleiten lassen. Dann schweifte sein Blick zu den vielen Häkchen, mit denen das Korsett geschnürt war. Was tat sie ihm bloß an?

Seufzend begann er dann, die Bänder zu lösen, und presste die Lippen zusammen, weil heiße Begierde in ihm aufflammte und es ihn wütend machte.

„Was ist denn mit deinem Vater?“, erkundigte Amber sich leise.

Sofort überkamen ihn schmerzliche Erinnerungen, während das Korsett auseinanderklaffte und ihren verführerischen Rücken offenbarte. In diesem Moment lenkte sie ihn von allem ab – dem Grund für sein Kommen und dem Trauma seiner Kindheit.

Wie gebannt verfolgte er, wie Amber das Korsett festhielt und hinter einen Paravent eilte. Sobald sie es darüberwarf, ging seine Fantasie mit ihm durch, und er sah Bilder ihrer Hochzeitsnacht vor sich.

Schnell riss Kazim sich zusammen. „Er ist hinfällig und schwach.“ Zumindest äußerlich. Ganz bewusst hatte er ausdruckslos gesprochen, weil er nicht grübeln wollte. Er schloss die Augen und verdrängte die Erinnerungen, die er bis an sein Lebensende mit sich herumtragen musste.

„Das tut mir so leid“, sagte Amber sanft, als sie hinter dem Paravent hervorkam – in einem weiten Pullover, Jeans und hohen Stiefeln. Sie erinnerte überhaupt nicht mehr an die Frau, die er geheiratet hatte. Niemand würde auf die Idee kommen, dass sie eine Prinzessin auf der Flucht war.

„Und deswegen musst du zurück nach Barazbin kommen. Ich bin sein einziger Erbe.“ Kazim widerstand dem Drang, ihr zu eröffnen, dass sie einen Erben zeugen mussten.

Amber schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall, Kazim.“

Er seufzte ungeduldig. „Ich mache mir Sorgen um unser Volk. Es gibt Unruhen, und die Nomadenstämme zahlen einen hohen Preis. Viele Menschen zweifeln an meiner Fähigkeit zu regieren, weil du nicht da bist. Also wirst du mich begleiten.“ Scheinbar ungerührt, zog sie ihren Mantel an und nahm ihre Handtasche. „Hörst du mir überhaupt zu, Amber?“

Das Mitgefühl für seinen Vater wich Ärger. „Ja, Kazim.“ Amber langte an ihrem Ehemann vorbei, um die Tür aufzuschließen, und fragte sich dabei, warum sie das nicht vorher getan und ihn hinausgeworfen hatte. Als sie seinem Blick begegnete, wusste sie jedoch, warum.

Irgendetwas schwelte zwischen ihnen. „Du glaubst also, du kannst mich aus einer Laune heraus wegschicken und mich dann wieder zurückbeordern.“ Als er herumwirbelte und die Tür zuhielt, schüttelte sie den Kopf. „Lass mich durch, Kazim, sonst rufe ich den Sicherheitsdienst.“

„Den Sicherheitsdienst? Hier?“ Sein Tonfall war genauso eisig wie sein Blick. „Ich möchte sehen, wie diese Leute damit umgehen, wenn ein Mann und seine Frau sich unterhalten wollen.“

„Ich fühle mich nicht wie deine Frau, Kazim. Wir haben vor zehn Monaten geheiratet und uns seitdem nicht mehr gesehen.“ All der Kummer und der Zorn, die sie seit jener Nacht unterdrückt hatte, kochten nun hoch.

„Wir haben beide aus Pflichtgefühl heraus geheiratet, Amber, vergiss das niemals“, erinnerte Kazim sie autoritär und mit furchteinflößender Miene. „Und nun ist es meine Pflicht, nach Barazbin zurückzukehren – mit dir.“

Amber lachte nervös. Sie wusste nicht so viel über den Mann, den sie vor fast einem Jahr geheiratet hatte, doch sie wusste, dass sein Wort Gesetz war. Als Sohn des Scheichs war er ebenso mächtig wie einflussreich, sowohl in politischer Hinsicht als auch in wirtschaftlicher.

„Ich habe jetzt keine Zeit, darüber zu diskutieren“, verkündete sie. „Ich muss nach Hause, bevor der Geschäftsführer merkt, dass ich noch hier bin, und …“

„Und was, Amber?“ Kazim verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich lässig an die Tür. Er vermittelte ihr das Gefühl, dass sie ein bockiges Kind war.

Schon oft hatte der Geschäftsführer versucht, sie zum Tanzen zu zwingen, und behauptet, ihr Talent wäre als Kellnerin vergeudet. Er hatte jede Gelegenheit ergriffen, und wenn sie sich länger als nötig hier aufhielt, würde er womöglich denken, sie hätte es sich anders überlegt. Und dass Kazim ihr Ehemann war, konnte sie ihm schlecht erzählen.

„Und dann denkt er, dass ich mehr arbeiten möchte“, erwiderte sie energisch. „So, jetzt lass mich bitte durch.“

Einen Moment lang betrachtete er sie fragend, und sie meinte Schmetterlinge im Bauch zu haben, als sie wie gebannt seinen Blick erwiderte. Hätte sie in ihrer Hochzeitsnacht bloß nicht die Verführerin gespielt! Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich dann. Das ist der Mann, der dich zurückgewiesen und dein ganzes Leben ruiniert hat.

„Ich komme mit.“ Kazim stieß sich von der Tür ab und ließ die Hände sinken. Er lächelte leicht, doch es wirkte nicht echt.

„Das brauchst du nicht.“ Amber öffnete die Tür und wollte gerade den Flur betreten, als eine Tänzerin aus dem Club kam. Sobald sie Kazim bemerkte, blieb sie stehen.

„Ich begleite dich nach Hause“, flüsterte er Amber ins Ohr, bevor er besitzergreifend hinter sie trat. Sie bemerkte, dass die Frau erst schockiert wirkte und schließlich lächelte, als er an sie gewandt sagte: „Wir lassen Sie allein.“

Amber kochte insgeheim, denn nun würden die anderen sie am nächsten Tag mit Fragen bedrängen. Wütend marschierte sie in die entgegengesetzte Richtung und durch die Hintertür nach draußen.

Für einen Sommerabend war es ungewöhnlich kühl und windig. Sie schlug den Kragen ihres Mantels hoch und hoffte, Kazim würde ihr nicht folgen. Doch sie hörte seine Schritte hinter sich. Nun würde er erfahren, wo sie wohnte, doch sie würde ihn auf keinen Fall nach Barazbin begleiten.

„Du musst nicht zu Fuß gehen. Mein Wagen steht dahinten um die Ecke.“ Er umfasste ihren Arm, woraufhin ihr prompt heiß wurde.

„Meine Wohnung ist in dieser Straße“, konterte sie und verspürte ein Triumphgefühl, als er flüchtig nach links und rechts blickte.

Hier?“ Im Schein der Laternen schimmerte seiner Haut bronzefarben, und seine Augen wirkten dunkler als je zuvor. Sein Tonfall war so verächtlich, dass Amber beinah laut gelacht hätte.

„Stimmt etwas nicht mit dieser Straße?“ Sie wünschte, sie wäre mutig genug, ihn nach dem wahren Grund zu fragen, warum er sie mit nach Barazbin nehmen wollte.

„Nur die Tatsache, dass sie nicht in Barazbin liegt.“

„Du hast mich weggeschickt, Kazim. Ich dachte, wenn ich wieder von dir höre, dann, weil du die Scheidung willst.“

Als jemand vorbeikam, verriet Kazims Miene Zorn. „Hier können wir nicht miteinander reden.“

„Es gibt nichts zu besprechen. Ich gehe auch nirgendwo mit dir hin. So, und jetzt entschuldige mich …“

Ohne auf seine Antwort zu warten, eilte Amber weiter. Nach einem Blick auf die Uhr wurde sie noch nervöser. Sie war spät dran, denn sie hatte ihrer Mitbewohnerin versprochen, an diesem Abend früher Schluss zu machen.

Als sie sich jetzt umblickte, stellte sie fest, dass Kazim sie eingeholt hatte. „Oh nein, bitte“, sagte sie genervt. Ein hartnäckiger Wüstenprinz war nicht das, was sie in diesem Moment brauchte, trotzdem beschloss sie, es hinter sich zu bringen. Sie musste ihn nur davon überzeugen, dass eine Scheidung das Beste für sie beide war.

Amber blieb vor einer verwitterten grünen Holztür stehen und nahm den Schlüssel aus ihrer Tasche. Kazim, der neben ihr stand, fluchte in ihrer Muttersprache. Diese erinnerte sie an ihre Familie, und flüchtig vermisste Amber sie, bis sie sich ins Gedächtnis rief, wie sie sie behandelt hatte. Alle hatten ihr den Rücken gekehrt und sie zu entfernten Verwandten nach England geschickt, um einen Skandal zu vermeiden.

„Hast du nichts Besseres gefunden?“, fragte Kazim angewidert. „Was hast du denn mit dem ganzen Geld gemacht, das ich dir gegeben habe?“

„Was ich mit dem Geld gemacht habe, mit dem du mich ausgezahlt hast, geht dich nichts an“, warf sie ihm an den Kopf, wütend wie nie zuvor, als der Schmerz über seine Zurückweisung sie erneut überkam. In einer einzigen Nacht hatte Kazim ihr Leben ruiniert. Sie würde ihm nicht sagen, dass sie gar nichts von ihm bekommen hatte. Falls er glaubte, sie hätte es verschleudert, umso besser.

„Es war dazu gedacht, dass du so lebst, wie es sich für die Prinzessin von Barazbin gebührt.“

Amber eilte in die Eingangshalle des großen, ehemals eleganten, aber nun ein wenig heruntergekommenen Pariser Stadthauses und dann die Treppe hoch. Als sie vor ihrer Wohnungstür stehenblieb und sich umwandte, stellte sie fest, dass Kazim immer zwei Stufen auf einmal nahm. „Da du mir unbedingt folgen wolltest, musst du jetzt auf mich warten. Ich muss nach Claude sehen und den Babysitter bezahlen.“

„Wer ist Claude?“ Seine Augen funkelten kalt.

„Der Sohn meiner Mitbewohnerin“, erwiderte sie, während sie aufschloss. „Danach hast du ein paar Minuten Zeit, und dann gehst du wieder.“

Genau wie vor dem Betreten des Clubs versuchte Kazim, seinen Zorn zu zügeln, als Amber die winzige Wohnung betrat. Wollte er ihr folgen? Wollte er diese Frau wirklich in sein Leben zurückholen – eine Prinzessin, die befleckt war? Eine Frau, die Geheimnisse vor ihm hatte?

Als Amber sich dann zu ihm umwandte und sich einen Finger auf die Lippen legte, krampfte sich etwas in ihm zusammen. In dem Moment wurde ihm klar, dass er sie trotz allem zurückhaben wollte. Sie gehörte ihm, und er würde seine Ansprüche geltend machen. Egal, was es kostete.

2. KAPITEL

Kazim schien die kleine Wohnung zu beherrschen, und Amber erschauerte, weil sie sich seiner starken Aura nicht entziehen konnte. Ungezähmt, wie er war, gehörte er in die endlose Wüste. Nichts und niemand würde ihn je bändigen, wie ihr in diesem Augenblick schmerzlich bewusst wurde. Welten trennten sie voneinander.

Nachdem die junge Frau, die auf Claude aufgepasst hatte, Kazim mit einem ehrfürchtigen Blick bedacht und die Wohnung verlassen hatte, herrschte angespanntes Schweigen. Amber wappnete sich insgeheim gegen die Auseinandersetzung mit ihm. Nur so konnte sie mit der Vergangenheit abschließen. Wenn sie es nicht tat, würde sie nie eine neue Liebe und ein neues Glück finden.

„Weiß deine Familie, dass du so lebst?“, fragte er scharf. So aufgebracht wirkte er noch größer, noch furchteinflößender. Er seufzte ungeduldig und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie versuchte, seinem durchdringenden Blick standzuhalten. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit.

„Leise – Claude schläft“, bat sie ihn, bevor sie in die Küche ging und ihre Tasche dort auf einem Stuhl abstellte. Als sie sich umdrehte und Kazim auf der Schwelle stehen sah, wurde ihr bewusst, dass sie seine Frage nicht beantwortet hatte.

„Wo ich lebe, geht dich nichts an, Kazim.“ Sie hob das Kinn, entschlossen, sich von ihm nicht einschüchtern zu lassen.

Er kam näher, und unwillkürlich wich sie zurück, sodass sie gegen die Arbeitsplatte stieß. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, denn er weckte Sehnsüchte in ihr, die niemals in Erfüllung gehen würden, verbotene Sehnsüchte. Ob er erriet, wie er auf sie wirkte?

„Wie konntest du deiner Familie und deinem Land einfach so den Rücken kehren?“ Seine dunklen Augen funkelten wütend, und sie wollte den Blick abwenden, konnte es allerdings nicht.

Sie musste stark sein. „Das fragst ausgerechnet du? Du hast mich doch nur wenige Stunden nach unserer Hochzeit weggeschickt!“ Ahnte er überhaupt, wie erniedrigend es für sie gewesen war, danach wieder zu ihren Eltern zurückkehren zu müssen?

Schnell verdrängte Amber diese Gefühle, weil sie jetzt nicht damit umgehen konnte. Kazim hatte sie als Ehefrau und als Frau zurückgewiesen, und dafür hätte sie ihn eigentlich hassen müssen. Das tat sie auch, und dennoch konnte sie das erotische Knistern zwischen ihnen, das stärker war als je zuvor, nicht leugnen.

„Aber musst du ausgerechnet in einer Wohnung wie dieser leben, mit einer alleinerziehenden Mutter? Ich nehme an, dass deine Freundin unverheiratet ist.“ Seine verächtliche Miene erinnerte sie an ihre Hochzeitsnacht, als sie die Verführerin zu spielen versucht hatte.

„Deine Annahme ist richtig.“ Amber funkelte ihn an.

Dann dachte sie an den kleinen Claude, der trotz seiner Krankheit immer fröhlich war. Er hatte gleich bei ihrer ersten Begegnung ihr Herz erobert, genau wie Kazim, aber daran durfte sie jetzt nicht denken. Sie bemerkte, dass er auf seine Armbanduhr blickte und dabei der Ärmel seines Jacketts hochrutschte und seinen gebräunten, von feinen Härchen bedeckten Unterarm entblößte. Sofort meinte sie wieder Schmetterlinge im Bauch zu haben, doch sie riss sich zusammen. Nach allem, was er ihr angetan hatte, konnte sie nicht fassen, dass sie so auf ihn reagierte.

Noch nie hatte sie einen Mann so begehrt wie Kazim, und das musste sich ändern, wenn sie das Ganze abhaken wollte. Doch leider hatte sie seitdem nie wieder dieses heiße Verlangen verspürt, wenn sie einen anderen Mann ansah.

„Wo arbeitet die Mutter dieses Kindes? Zu dieser Uhrzeit?“

Er betrachtete sie mit hochgezogenen Brauen, und sie wünschte, er wäre ihr nicht so nahe. Wenn sie jetzt auch nur für einen Moment die Lider schloss, würde allein der würzige Duft seines Aftershaves sie zurück in die Wüste versetzen – an einen Ort, dem sie für immer den Rücken gekehrt hatte.

„Im Club.“ Annie würde bald nach Hause kommen, und einerseits hoffte Amber es, andererseits wollte sie diesen Moment so lange wie möglich hinauszögern. Wenn Annie bald eintraf, konnte sie mit Kazim jedenfalls woanders hingehen.

„Sie ist Stripperin?“ Finster betrachtete er sie, nachdem er wieder einmal voreilige Schlüsse gezogen hatte.

„Die Frauen dort sind Tänzerinnen, Kazim, keine Stripperinnen“, verteidigte sie Annie und benutzte dabei dieselben Worte wie der Geschäftsführer, wenn er sie zu überzeugen versuchte, mit dem Zusatz, dass sie dann viel besser verdienen würde.

„Deine kleine Darbietung in unserer Hochzeitsnacht war also ein Tanz?“ Seine Stimme klang rau und erinnerte sie wieder an jene Nacht, woraufhin Amber noch nervöser wurde. Erneut machte Kazim einen Schritt auf sie zu.

Als sie ihn ansah, stellte sie fest, dass ein anderer, unergründlicher Ausdruck in seinen dunklen Augen lag. Wie gebannt erwiderte sie seinen Blick.

„Erinnerst du dich?“, fragte er so sanft wie nie zuvor, während das Feuer in seinen Augen sie zu verzehren drohte und er ihr Kinn umfasste, damit sie ihn ansah. „Damals hast du getanzt.“

Das hier konnte nicht wahr sein. Sie wollte es nicht. Sie durfte es nicht zulassen. Sie musste ihn loswerden, bevor er sie schwach machte.

„Ich habe weder getanzt noch gestrippt“, entgegnete sie scharf, wütend über ihre Reaktion auf seine Berührung. Gleichzeitig wollte sie, dass er weitermachte. Angriff ist die beste Verteidigung, sagte sie sich dann. „Ich habe getan, was ich für richtig hielt, was ein Mann mit deinem Ruf meiner Meinung nach wollte.“

„Ein Mann mit meinem Ruf?“, wiederholte Kazim langsam und ungläubig.

„Ich war davon überzeugt, dass du den Umgang mit unschuldigen Frauen nicht gewohnt bist.“ Herausfordernd funkelte Amber ihn an. „Dass du mich – ein noch unschuldiges Mädchen – nicht wolltest, und ich hatte recht.“ Sie beobachtete, wie ein harter Zug um seinen Mund erschien. Ja, Kazim hatte sie nicht gewollt, weder als unberührte Braut noch als Verführerin. „Oder lag es daran, dass ich einfach nicht in deine Welt passe? Weil in meinen Adern englisches Blut fließt?“

Sein Schweigen sprach Bände, doch sie redete unbeirrt weiter. „Meine Mutter mag Engländerin sein, aber sie hat sich unsere Kultur völlig angeeignet, sodass sie unsere Heirat genauso gewünscht hat wie unsere Väter.“

Kazim blickte in ihr wunderschönes Gesicht und stellte sich vor, wie ihre weiche Haut sich anfühlen würde. Dabei fragte er sich, wie Amber so etwas denken, geschweige denn aussprechen konnte. Während des ganzen Hochzeitstags hatte das Verlangen nach seiner jungen Braut ihn damals verzehrt. Es war, als hätte sie ihn verzaubert, doch er hatte es nicht gewagt, in ihren Bann zu geraten.

Er hatte sich so erfolgreich dagegen gewehrt, dass er, sobald sie allein waren, wieder der kühle Wüstenprinz gewesen war, der sich nur nahm, was er brauchte. Erst als sie die Maske fallen ließ und ihm so schamlos ihren Körper bot, hatte er gewusst, dass er keine Lüge leben konnte und die Gerüchte über ihre Internatszeit wahr sein mussten. Wenn Amber nun so war wie sein Vater? Er war gleichermaßen alarmiert und wütend gewesen.

Die Heirat war ein Fehler gewesen – und sein Vater war sich dessen ganz sicher bewusst gewesen und hatte seine Loyalität der Familie und dem Land gegenüber auf die Probe gestellt. Er, Kazim, hatte allerdings nicht wiederholen wollen, was er als kleiner Junge miterlebt hatte.

Um Amber zur Vernunft zu bringen, war er unbeabsichtigt schroff zu ihr gewesen. Dabei hatte er ihren erotischen Tanz und ihre Verführungsversuche als Vorwand benutzt. Er hatte so getan, als würde er sie zu ihrer Familie zurückschicken, weil sie nicht die sanftmütige, fügsame Braut war, für die er sie gehalten hatte.

Als er ihr sagte, sie hätten ihre Pflicht erfüllt und sie müsste in ihr Heimatland zurückkehren, hatte sie völlig emotionslos reagiert. War sie womöglich erleichtert gewesen?

Wenn er die Augen lange genug schloss, sah er sie vor sich, wie sie sich mit ebenso routinierten wie verführerischen Bewegungen ihres Schleiers entledigte. Hatte sie das oft getan? Bestätigte ihre derzeitige Tätigkeit das?

Die Heirat war für sie beide unumgänglich gewesen und daher auch der Vollzug der Ehe. Trotzdem war er nicht in der Lage gewesen, Amber zu berühren, geschweige denn mit ihr zu schlafen. Er war der Sohn eines grausamen, harten Scheichs und hatte ihren Willen nicht brechen wollen, so wie sein Vater es mit seiner Mutter getan hatte. Deswegen würde er sich auch nie gestatten, jemanden zu lieben oder geliebt zu werden.

„Ja, du hast getanzt“, bekräftigte Kazim nun rau. „Und dabei hast du dich langsam ausgezogen.“

„Ich habe nur eine Rolle gespielt, Kazim. Ich wollte dich in Versuchung führen.“ Beinah fragend sah Amber ihn an, und er sehnte sich danach, ihr Gesicht zu umfassen. „Aber du hast mir deutlich zu verstehen gegeben, dass es dich angewidert hat.“

„Angewidert?“ Wie, in aller Welt, kam sie darauf? Es war ihm in jener Nacht verdammt schwergefallen, sich zu beherrschen. Er hatte sie sehr begehrt, doch eine noch unschuldige Braut hätte sich niemals so verhalten können. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du so … routiniert bist.“

„Ich habe einen Fehler gemacht, Kazim, und deswegen wolltest du mich nicht. Du hast mich nur geheiratet, weil die Ehe deinem Land Vorteile gebracht hat.“ In ihren Augen lag ein vorwurfsvoller Ausdruck. „Warst du insgeheim froh darüber, dass du mich aus deinem Leben verbannen konntest?“

Wenn er das nur wüsste! Er hatte sich damals beherrscht, um sie zu schützen. Wie gebannt hatte er beobachtet, wie sie etwas zu sehr an ihrem Kleid zerrte, dieses zerriss und dann zu Boden glitt. Dabei hatte sie ihn herausfordernd angeblickt. Als er sie aufforderte, sofort aufzuhören, hatte sie verletzt gewirkt. Er hatte genauso hart und grausam geklungen wie sein Vater.

Sie war im Bad verschwunden, und als sie im Frotteemantel wieder herauskam, hatte er sich in seinen Zorn hineingesteigert, um das Verlangen zu verdrängen. Egal, warum sie sich so verhalten hatte, er durfte die Situation nicht ausnutzen. Wenn sie miteinander schliefen, dann, weil sie beide einen Erben zeugen wollten. Für Leidenschaft war kein Platz in ihrer Ehe.

Er hatte eine schlaflose Nacht im Sessel verbracht, und im Morgengrauen war er aufgestanden und hatte die Frau im Bett betrachtet, die er geheiratet hatte und die er begehrte, aber nicht haben konnte. Er hatte seine Pflicht erfüllt. Er konnte jedoch nicht mit einer Frau zusammenleben, die ihn hintergangen hatte, nicht wenn sie ihn so leicht aus der Fassung brachte. Um ihrer selbst willen musste sie gehen.

„Selbst nachdem du verschwunden warst, hat man die Gültigkeit unserer Ehe nie infrage gestellt“, erklärte Kazim. Dann löste er sich von Amber, bevor er dem Drang nachgab, sie zu küssen. Er hatte ihre Lippen nie gespürt, und momentan war es alles, woran er denken konnte. „Man hat deine Sachen im Zimmer gefunden.“

„Ich wünschte, es wäre nicht so“, sagte sie heftig, bevor sie die Küche verließ und ihn dabei versehentlich mit dem Arm streifte. Im Flur zog sie ihren Mantel aus und hängte ihn auf, und sofort fiel sein Blick auf ihre langen Beine in den engen Jeans. „Ich werde erzählen, was passiert ist, und dann kannst du die Ehe annullieren lassen.“

Kazim schüttelte den Kopf und folgte ihr in den Flur. „Dafür ist es zu spät, Amber.“ Sie durfte ihre Ehe niemals infrage stellen.

Amber wandte sich zu ihm um. Da der Flur nur schwach erleuchtet war, war ihr Gesicht teilweise beschattet. „Ich kann und will nicht nach Barazbin zurückkehren. Ich werde hier gebraucht.“

Alles hatte sich verändert – und das seinetwegen. Er war der einzige Thronfolger, und sein Vater war krank. Er hatte keine Zeit, um eine Ehe zu beenden und eine neue einzugehen. Man musste ihn zusammen mit seiner Frau sehen – mit der Frau, die er vor seinem Volk geheiratet und die dieses willkommen geheißen hatte.

„Das glaubt man dir vielleicht nicht, wenn bekannt wird, was du beruflich machst. Möchtest du wirklich einen Skandal verursachen? Dein Volk und auch meins werden dir den Rücken kehren.“ Als ihr die Bedeutung seiner Worte bewusst wurde, wirkte sie schockiert. „Nur ich kann deinen Ruf jetzt noch retten.“

„Du bist abscheulich“, flüsterte Amber verächtlich. Dann ging sie zu einer anderen Tür, öffnete sie und schaute in den fast völlig dunklen Raum.

Als sie ihn dann betrat, erinnerte Kazim sich an das Kind, und wieder stieg eine unerklärliche Wut in ihm auf. Warum lebte sie hier und teilte sich eine winzige Wohnung mit einer alleinerziehenden Mutter, die als Stripperin arbeitete? Wollte sie ihren Ruf völlig ruinieren?

Er schloss die Augen und ballte die Hände zu Fäusten, um seine Gefühle zu zügeln. Sobald er sich etwas beruhigt hatte, öffnete er die Tür weiter und beobachtete, wie Amber gerade einen kleinen Jungen in ein winziges Bett legte. Dieser murmelte etwas im Schlaf, und sie zauste sein blondes Haar, bevor sie ihm einen Kuss auf die Stirn gab. Obwohl Kazim sich mit Kindern nicht auskannte, schätzte er den Jungen auf etwa zwei Jahre.

Als Amber sich aufrichtete und seinem Blick begegnete, fühlte er sich fast peinlich berührt, weil er eine derart intime Situation beobachtet hatte. Und tatsächlich wirkte sie erschrocken. Sein Magen krampfte sich zusammen, als Kazim sich vorstellte, was hätte passieren können, wenn er damals seiner Begierde nachgegeben hätte und sie in ihrer Hochzeitsnacht ein Kind gezeugt hätten. Er wollte kein Vater sein und einem Sohn oder einer Tochter dieselben Erfahrungen zumuten, die er gemacht hatte. Seine Stellung verlangte es allerdings.

„Wenn es dir nichts ausmacht …“, sagte Amber nun so leise, dass er es kaum verstand.

Schweigend zog Kazim sich zurück und schloss die Tür hinter sich. Dann ging er wieder in die viel zu kleine Küche, während ihm unzählige Fragen in den Sinn kamen.

Kurz darauf erschien Amber auf der Schwelle, die Hände in die Hüften gestemmt. „Nenn mir einen guten Grund, warum mich interessieren sollte, was dein Volk von mir hält oder ob mein Ruf ruiniert ist, wie du es so nett ausgedrückt hast“, forderte sie ihn kampflustig auf.

„Deine Familie.“

Schmerz durchzuckte Amber, als sie Kazim anblickte. „Ich habe meine Familie seit dem Tag nach unserer Hochzeit nicht mehr gesehen.“

Als ihr Vater sie damals wegschickte, hatte sie ihre Mutter gebeten, ihr zu helfen, doch diese hatte ihr genauso den Rücken gekehrt wie Jahre zuvor der westlichen Welt. Für sie waren arrangierte Ehen inzwischen ganz normal. Es schien Amber, als würde ihre Mutter versuchen, ihr englisches Erbe zu leugnen und damit auch die Konflikte, die sie veranlasst hatten, sie aufs Internat zu schicken.

Kazims nächste Worte brachten sie unvermittelt in die Wirklichkeit zurück.

„Du hast also deiner Familie genauso wie deinem Erbe den Rücken gekehrt, um nach Paris zu gehen und in einem Club zu arbeiten.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte sie vorwurfsvoll an.

Glaubte er wirklich, sie hätte das freiwillig getan? Doch wenn er unbedingt schlecht von ihr denken wollte, würde er sich vielleicht auch eher von ihr trennen. Er mochte der Mann sein, den sie vom ersten Augenblick an geliebt hatte, der Mann, mit dem sie gern eine Familie gegründet hätte, aber er würde sie niemals lieben. Das musste sie endlich akzeptieren.

„Wo ich arbeite und was ich hier tue, ist unwichtig“, erklärte Amber scharf und wünschte, sie hätte Kazim niemals in ihre Wohnung gelassen. „Wichtig ist nur, dass ich hier, bei den beiden Menschen, die mir mehr als alle anderen bedeuten, gebraucht werde und erwünscht bin.“

Der einzige andere Mensch, der ihr je das Gefühl vermittelt hatte, gebraucht zu werden und erwünscht zu sein, war ihre inzwischen verstorbene Großmutter, und Amber vermisste sie schrecklich. Seit Annie und der kleine Claude in ihr Leben getreten waren, war sie zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder glücklich. Die beiden entschädigten sie um einiges für die Tatsache, dass der Job in dem Club der Einzige gewesen war, den sie ohne Ausweis hatte bekommen können.

„Du wirst in Barazbin gebraucht“, konterte Kazim scharf.

Seine Worte verletzten sie tief. „Gebraucht vielleicht.“ Amber zuckte die Schultern und gab sich gleichgültig. „Aber nicht erwünscht. Nicht von dir, Kazim.“

„Mein Vater ist krank.“ Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, und ein gequälter Ausdruck trat in seine Augen. Einen Moment lang spürte sie seinen Schmerz, aber sie durfte keine Schwäche zeigen. „Ich bin dazu verpflichtet, die Zukunft des Landes zu sichern.“

„Damit habe ich nichts zu tun. Wir haben uns seit unserem Hochzeitstag nicht mehr gesehen, und du hast selbst gesagt, man würde meinen Ruf anzweifeln.“ Sie hoffte, er würde einsehen, dass sie sich nicht zur Prinzessin eignete, vor allem jetzt nicht mehr.

„Du bist meine Frau“, bekräftigte Kazim langsam, während er auf sie zukam und die Atmosphäre sich immer mehr auflud. „Und du kommst mit mir zurück.“

Amber seufzte. Wann würde er es endlich begreifen? „Der kleine Junge da braucht mich.“ Sie deutete auf die Tür zu Claudes Zimmer.

„Warum? Du bist doch nicht seine Mutter!“, beharrte er gereizt. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich allerdings daran zweifeln.“

Wie konnte er so etwas überhaupt denken? Sie war noch nie mit einem Mann intim gewesen. Amber stöhnte, denn sie war es leid, sich zu wiederholen. „Ich bleibe hier, Kazim, wo ich gebraucht werde.“

„Warum?“, hakte er argwöhnisch nach, und sie wusste, dass er nicht aufgeben würde, ehe er die Wahrheit erfuhr.

„Claude braucht eine Operation. Es ist ein großer Eingriff, der es ihm ermöglicht, zu laufen und irgendwann ganz normal aufzuwachsen.“ Leider schaffte sie es nicht, ruhig zu klingen. Die Begegnung mit Annie und deren Sohn hatte ihr das Leben gerettet, und sie wollte den beiden dafür etwas zurückgeben. Ohne sie wäre sie damals obdachlos gewesen.

Kazim machte ein finsteres Gesicht. „Das ist keine Erklärung. Also?“

„Wie weltfremd bist du eigentlich, Kazim?“, brauste Amber auf. „Annie ist alleinerziehend und arbeitet hart, um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn bestreiten zu können. Und ja, sie arbeitet als Tänzerin in dem Club. Weißt du, warum? Weil Claude in den USA operiert werden muss, und zwar so schnell wie möglich, und das Ganze mehr kostet, als Annie je mit einem normalen Job verdienen könnte.“

„Und was ist mit ihrer Familie?“, fragte er ungehalten. „Dem Vater des Kindes?“

Amber erinnerte sich noch deutlich an den Tag, an dem Annie ihr erzählt hatte, dass sie und Claude ganz allein auf der Welt seien. Ihr eigenes Elend war dagegen verblasst, und ihr zu helfen war zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden.

„Die hat sie enterbt. Und ich weiß ganz genau, wie das ist.“

„Deine Familie hat dich enterbt?“ Kazim klang schockiert, und dann kam er näher – zu nahe.

„Nachdem du mich weggeschickt hattest, bin ich bei meiner Familie in Ungnade gefallen und musste Quarazmir verlassen, um einen Skandal abzuwenden. Und sie hat mich enterbt. Genau wie Annies Familie sie.“ Dadurch war eine tiefe Bindung zwischen Annie und ihr entstanden. „Deswegen möchte ich alles tun, um ihr zu helfen.“

Amber beobachtete, wie Kazim tief durchatmete, um seine Wut zu zügeln, und verspürte eine große Befriedigung. Endlich wurden ihm die Folgen seines Verhaltens bewusst.

Als im nächsten Moment die Wohnungstür aufgeschlossen wurde, blickte er sie fragend an. Nur wenige Sekunden später kam Annie herein, beschwingt wie immer. „Was für ein Abend“, flüsterte sie und blieb erschrocken stehen, als sie Kazim bemerkte.

„Annie, das ist Kazim“, machte Amber die beiden miteinander bekannt. „Ich habe ihm gerade von Claude erzählt.“ Sie bekam sofort Gewissensbisse, als wie immer ein trauriger Ausdruck über die Miene ihrer Freundin huschte.

„Ich sehe nur kurz nach ihm und lasse euch dann allein – wenn es dir recht ist.“ Besorgt blickte sie von Kazim zu Amber.

„Ich komme schon klar, danke, Annie.“ Amber, die Kazims Blick auf sich gerichtet spürte, lächelte sie aufmunternd an.

„Melde dich, wenn du etwas brauchst“, sagte Annie, bevor sie leise in das Zimmer ihres Sohnes ging.

Amber fühlte sich völlig ausgelaugt. „Du musst jetzt gehen“, wandte sie sich an Kazim.

„Erst wenn ich dein Wort darauf habe, dass du mich nach Barazbin begleitest.“

Langsam schüttelte sie den Kopf. „Nein, Kazim, ich kann nicht. Ich gehöre hierher.“

Dann öffnete sie die Tür und trat hocherhobenen Hauptes ein Stück zurück. Sie hatte ihm nichts mehr zu sagen. Ihre Ehe war beendet.

Er kam auf sie zu und sagte dann leise: „Ich werde mich darum kümmern, dass der Junge die Operation und die Behandlungen bekommt, die er braucht.“

Amber traute ihren Ohren nicht. Ihre Gedanken überschlugen sich, und sie musste sich an der Klinke festhalten. „Du meinst, du hilfst uns?“ Sofort schöpfte sie Hoffnung.

„Unter einer Bedingung.“

Fragend sah sie ihn an.

„Dass du mit mir nach Barazbin zurückkehrst.“

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Nein.“

Kazim machte noch einen Schritt auf sie zu, sodass er nun bedrohlich nahe vor ihr stand. „Er wird alle nötigen Therapien sofort bekommen, und ich besorge seiner Mutter ein Haus an einem Ort ihrer Wahl, damit die beiden ein sorgenfreies Leben führen können.“

„Aber …“ Sie brachte nicht einmal einen zusammenhängenden Satz über die Lippen. „Und was ist, wenn ich Nein sage?“, hakte sie nach, sobald sie wieder klar zu denken vermochte.

„Dann gehe ich, und wir werden nichts mehr miteinander zu tun haben – von der Scheidung einmal abgesehen“, erwiderte er prompt.

„Das ist Erpressung“, stieß sie fassungslos hervor.

„Nein, Amber. So bekommen wir beide, was wir wollen.“

„Du bist unmöglich.“ Vor lauter Frust hätte sie am liebsten mit den Fäusten auf ihn eingetrommelt. Wie konnte er sie nur in eine solche Situation bringen?

„Es ist deine Entscheidung, Amber. Ich komme bei Tagesanbruch wieder. Dann musst du startklar sein.“

3. KAPITEL

Im Morgengrauen schloss Amber leise die Wohnungstür hinter sich. Sie hatte Annie eine Nachricht hinterlassen und ihr nur geschrieben, dass sie für eine Weile fortmüsse. Wie hätte sie ihr auch erklären sollen, dass sie verheiratet und überdies eine Prinzessin sei?

Als hätte sie ihn in Gedanken heraufbeschworen, fuhr im nächsten Moment Kazims dunkle Limousine vor. Sie atmete tief durch, um ihre Schuldgefühle Annie gegenüber und ihre Nervosität zu verdrängen. Sobald es Claude gut genug ging, dass er nach Hause zurückkehren konnte, würde sie auch wiederkommen.

Amber stand auf der Treppe und betrachtete den Wagen mit den getönten Scheiben, der ihre Rückkehr in ihr früheres Leben symbolisierte. Einen Moment lang musste sie den Drang unterdrücken wegzulaufen.

„Guten Morgen, Prinzessin.“ Der Chauffeur war ausgestiegen und kam nun auf sie zu. Wo steckte Kazim? War er sich seiner so sicher, dass er es nicht einmal für nötig gehalten hatte, sie persönlich abzuholen? Glaubte er, er könnte sie einfach wie ein Paket abholen lassen und zurück in die Wüste schicken?

Der Mann nahm ihr die Reisetasche ab und öffnete ihr die Tür zum Fond.

Beklommen stieg sie ein und stellte dann fest, dass Kazim dort saß, selbstsicher und autoritär wie immer, und sie ansah.

Amber erstarrte und bemerkte seinen fragenden Blick. Ob er spürte, wie aufgewühlt sie war? Auf den größtmöglichen Abstand bedacht, nahm sie argwöhnisch ihm gegenüber Platz.

Dann flammte Zorn in ihr auf. Kazim hatte es nicht einmal für nötig befunden auszusteigen, geschweige denn mit ihr zu sprechen. Wütend funkelte sie ihn an. „Du könntest wenigstens Guten Morgen sagen.“

Zu ihrem Erstaunen lächelte er verführerisch. „Na gut, wenn du dich dann besser fühlst. Guten Morgen, Amber.“ Seine Stimme klang tiefer als je zuvor. „Es ist allerdings nicht lange her, dass wir auseinandergegangen sind.“

Amber ging nicht darauf ein und blickte stattdessen aus dem Fenster. Paris erwachte allmählich zum Leben, und sie betrachtete die prachtvollen Gebäude und die schicken Cafés, die sie irgendwann einmal hatte besuchen wollen.

„Nicht lange genug“, erwiderte sie forsch. „Ich wünschte nur, es wäre dabei um die Scheidung gegangen.“ Als sie sich zu Kazim umwandte, reagierte ihr Körper sofort auf seine Nähe, doch sie versuchte, es zu ignorieren. Sie musste ihre albernen Träume von Leidenschaft und Happy Ends so schnell wie möglich vergessen.

„Die Dinge haben sich geändert.“ Nun beugte er sich vor, was sie noch mehr irritierte. Der berauschende Duft seines Aftershaves ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie durfte nicht zulassen, dass sie dahinschmolz, wenn Kazim sie nur ansah.

Du hast mich ausfindig gemacht, Kazim. Du bist derjenige, der mich braucht“, sagte sie mit einem harten Unterton, während sie sich fragte, warum sie sich überhaupt auf das Ganze eingelassen hatte. Dann rief sie sich ins Gedächtnis, dass es womöglich Claudes einzige Chance war, die Behandlung zu bekommen, die er brauchte. Ihm zuliebe würde sie also fahren und darauf achten, dass sie größtmöglichen Abstand zu Kazim wahrte. Eine andere Wahl hatte sie momentan nicht.

Dieser lehnte sich nun zurück und nahm sein Mobiltelefon aus der Jacketttasche. Was war bloß mit ihm los? Er konnte ihr nicht einmal seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen.

„Nein, Amber, du bist diejenige, die mich braucht. Du brauchst Geld für die Operation des Jungen, und sicher möchtest du auch eine Brücke zu deiner Familie schlagen. Du profitierst genauso von dieser Ehe wie ich.“

Amber verkniff sich eine Antwort. Wie konnte er das denken? Der Bruch mit ihren Angehörigen war unwiderruflich. „Ich habe keine Familie mehr – dank dir.“ Zur Strafe hatten ihre Eltern sie nach England geschickt. Doch für sie war es alles andere als das gewesen. Sie hatte dort Kontakt zu entfernten Verwandten ihrer Großmutter aufgenommen und war schließlich nach Paris gezogen, weil diese Stadt sie immer fasziniert hatte.

Noch immer tat die Erinnerung daran, wie ihr Vater seine Enttäuschung zu verbergen versucht hatte, schrecklich weh. Er hatte ihr gesagt, in seinen Augen habe ihre Heirat nur Schande über die Familie gebracht.

Amber blickte weiter auf die Straßen und dann auf den Eiffelturm, der sich hoch in den Himmel erhob. Sie hatte es noch nicht einmal geschafft, ihn zu besichtigen, geschweige denn die Galerien und Museen. Allerdings hatte sie auch nicht damit gerechnet, die Stadt so schnell wieder verlassen zu müssen.

„Sie hätten dich nicht nach England schicken dürfen“, erklärte Kazim schließlich mit einem harten Unterton, woraufhin sie sich widerstrebend zu ihm umwandte. „Quarazmir erlebt den wirtschaftlichen Aufschwung, den dein Vater sich von der Verbindung versprochen hatte.“

Amber schüttelte den Kopf. „Du begreifst gar nichts, Kazim.“

„Was gibt es da zu begreifen?“ Seine Züge verhärteten sich, als er Amber ansah, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf sein Telefon richtete. Dann begann er, in ihrer Muttersprache zu telefonieren, und der melodische Klang versetzte sie in glückliche Zeiten zurück – in ihre Kindheit in Quarazmir, der Heimat ihres Vaters, als ihre Welt noch in Ordnung gewesen war. Zumindest bis ihr Vater sie aufs Internat in England geschickt hatte, damit sie auch ihr englisches Erbe kennenlernte. Er hatte darauf bestanden, und ihre Mutter hatte sich lange dagegen gewehrt.

Amber verdrängte diese Gedanken, als Kazim das Gespräch beendete, sein Telefon wieder verstaute und sie anschaute. „Der Jet steht bereit. Wir sind in einer knappen Stunde da.“

„In einer knappen Stunde? Ich dachte, wir fliegen nach Barazbin.“

„Ich muss erst nach England, um dort noch einige Geschäfte abzuwickeln.“

Seine Worte schockierten sie. Kazim war also nicht allein ihretwegen nach Paris gekommen. Er hatte nur einen Zwischenstopp auf seiner Reise eingelegt, als wäre sie nichts weiter als ein ärgerliches Problem, das er lösen musste. Erneut flammte Zorn in ihr auf, und sie ballte die Hände zu Fäusten.

„Das hättest du mir sagen müssen. Dann hätte ich meine Abreise besser planen können.“

„Ach ja, wie denn? Hättest du dich schnell davongestohlen und irgendwo anders eine neue Identität und einen neuen Job in einem anderen schmierigen Etablissement angenommen?“, fragte er mit einem herablassenden Unterton.

Prompt errötete Amber, denn er hatte ihre Gedanken erraten. „Wäre es dir lieber gewesen, wenn ich jedem erzählt hätte, wer ich bin?“, erkundigte sie sich, um ihn zu einer Reaktion zu bewegen.

„Nein. Aber ich warne dich, Amber. Falls etwas über diese Lebensphase bekannt wird und meine Bemühungen für mein Land untergräbt, wirst du teuer dafür bezahlen.“

„Jetzt kommen wir der Sache näher.“ Sarkastisch lächelte sie ihn an. „Was willst du eigentlich von mir? Warum bin ich, die Frau, die du innerhalb von vierundzwanzig Stunden geheiratet und zurückgewiesen hast, für dich so wichtig?“

Doch ehe er antworten konnte, stoppte der Wagen, und sie stellte fest, dass sie sich bereits auf dem Flugfeld neben seinem Privatjet befanden.

Dessen Anblick führte ihr brutal vor Augen, dass sie im Begriff war, Paris mit Kazim zu verlassen. Sie hatte keine Ahnung, wann sie zurückkehren würde, eins wusste sie allerdings genau: Sie würde nicht lange in Barazbin bleiben.

„Wir sind da“, verkündete Kazim, erleichtert, weil sie genau in diesem Moment den Flughafen erreicht hatten. Beinah hätte er Amber erzählt, dass sie nicht nur eine sehr wichtige Rolle bei seiner Thronfolge spielte, sondern auch bei einem Geschäft, das kurz vor dem Abschluss stand und Frieden für sein Volk gewährleisten würde.

Er hatte immer den Nomadenstämmen helfen wollen, was vorher das Projekt seines Vaters gewesen war. Nun musste er die Geschäftsleitung seiner Ölfirma abgeben und die Position einnehmen, in die er hineingeboren war. Er konnte sich seinen Verpflichtungen nicht länger entziehen.

Bemüht, nicht mehr an das Leben zu denken, auf das zu verzichten er gezwungen gewesen war, richtete Kazim seine Aufmerksamkeit auf Amber. Regungslos saß sie da, die vollen Lippen leicht geöffnet. Er hatte gute Gründe dafür gehabt, dass er ihr gleich nach der Hochzeit den Rücken gekehrt hatte. Doch nun konnte er nicht mehr ignorieren, was er in jener Nacht empfunden hatte, eine so starke Leidenschaft, die immer noch in ihm schwelte. Er wollte sie.

Und war es falsch, wenn ein Mann seine Frau begehrte?

Unwillkürlich beugte Kazim sich zu Amber hinüber und presste die Lippen auf ihre. Ein berauschendes Gefühl erfüllte ihn, als sie keinen Widerstand leistete. Kurz darauf erstarrte sie, doch dann öffnete sie einladend die Lippen. Sie schmeckte nach Minze, so frisch und lebendig, dass er sich nach viel mehr sehnte.

Das diskrete Hüsteln des Chauffeurs dämpfte sein Verlangen, und Kazim löste sich unvermittelt von Amber. Ihr hübsches Gesicht war gerötet, ihre Augen schimmerten bronzefarben, und ihre Lippen wirkten noch voller und überaus verlockend.

Unwillkürlich verspannte er sich. Es war höchste Zeit, seine Ansprüche auf seine Braut geltend zu machen.

„Du bist meine Frau, Amber, und es wird Zeit, dass du diese Rolle auch spielst.“ Sein schroffer Tonfall erinnerte ihn an den seines Vaters, aber darüber konnte er jetzt nicht nachdenken. Heißes Verlangen pulsierte in ihm, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte.

„Nein, ich kann es nicht.“ Erschrocken sah sie ihn an.

„Das nehme ich nicht so hin. Du gehörst zu mir, und ich muss endlich einfordern, was mir gehört.“ Selbst in seinen Ohren klangen seine Worte barbarisch – wie die eines Scheichs aus früheren Zeiten oder seines dominanten Vaters. Er hatte nie so sein wollen, doch sobald seine Lippen ihre berührten, hatte er nicht mehr vernünftig denken können. Die ungezügelte Seite in ihm hatte die Oberhand gewonnen.

„Bitte, Kazim, ich kann nicht deine Frau sein.“ In ihren Augen lag ein flehender Ausdruck. „Du kannst mich nicht einfach so wieder nach Barazbin bringen.“

„Noch sind wir nicht da.“ Fast trug der Wind seine Worte fort, als Kazim ausstieg, und er bemerkte, wie Amber verwirrt die Stirn krauste.

„Warum soll ich ausgerechnet jetzt mitkommen?“ Sie verließ ebenfalls den Wagen, und der Wind presste ihr die Bluse an den Körper. Fasziniert betrachtete er ihre Brüste, bis sie ihn anfunkelte. Energisch hob sie das Kinn und machte einen Schritt auf ihn zu. Obwohl sie einen Kopf kleiner war als er, war sie für eine Frau ziemlich groß. „Du kannst mich nicht rufen wie einen Hund.“

„Hier entlang.“ Er umfasste ihren Arm und führte sie die Gangway hoch, entschlossen, sie nicht zu provozieren. „Wir bleiben heute Abend in London. Morgen besuchen wir ein Polomatch, wo ich mich mit einigen anderen Herrschern treffe. Sobald das Geschäft unter Dach und Fach ist, fliegen wir weiter nach Barazbin.“

Nachdem er den kleinen Privatjet betreten hatte, drehte er sich zu ihr um. „Da du kaum Gepäck hast, nehme ich an, dass du keine Abendkleidung oder etwas Geeignetes für ein Polowochenende dabeihast.“

„Für ein Wochenende? Das wird ja immer schlimmer, Kazim. Warum können wir nicht direkt nach Barazbin fliegen?“ Amber war auf der Schwelle stehengeblieben und wirkte wie ein aufgeschrecktes Tier. Leise Schuldgefühle regten sich in ihm, doch er musste sie verdrängen, denn es stand zu viel auf dem Spiel.

„Musst du das wirklich fragen?“

„Allerdings“, erwiderte sie aufgebracht.

„Du kannst dich immer noch weigern.“ Das wäre ihr gutes Recht. Das war ihm bewusst, genauso wie die Tatsache, dass er mit seinem Verhalten an ihrem Hochzeitstag jede Frau in die Flucht geschlagen hätte. Amber hatte es jedoch nicht getan, weil er ihre Freundin und deren Jungen ins Spiel gebracht hatte. Sie hatte es ihm erstaunlich leicht gemacht.

„Solange du dich an deinen Teil der Abmachung hältst und alle Kosten für Claude übernimmst, begleite ich dich. Zumindest vorerst.“ Ihr Gesichtsausdruck wirkte plötzlich hart und herausfordernd. Während er ihren Blick erwiderte, flackerte etwas zwischen ihnen auf, das über bloße Anziehungskraft und Verlangen hinausging.

„Der Junge wird die nötigen Behandlungen bekommen, darauf hast du mein Wort. Ich werde den Menschen, dem ich am meisten vertraue, damit betrauen.“ Dann wandte Kazim sich zu der Stewardess um, die gerade erschienen war, um sie zu ihren Plätzen zu führen. Er setzte sich hin und atmete erleichtert auf, als Amber es ebenfalls tat. Sie würdigte ihn allerdings keines Blickes, sondern nahm sich eine Zeitschrift und begann, darin zu blättern.

In einem Anflug von Panik beobachtete Amber, wie die Stewardess die schwere Tür schloss. Das Geräusch klang so endgültig. War es das auch? Würde sie für immer nach Barazbin zurückkehren? Nein, auf keinen Fall.

Als der Jet abhob, umklammerte sie die Armlehnen und blickte nach vorn. Sein Kuss hatte gerade bewiesen, dass sie Kazim wahrscheinlich nicht lange widerstehen konnte. Sie hatte ihn wegstoßen wollen, aber dann hatte sie das lockende Spiel seiner Zunge bereitwillig erwidert. Was wäre passiert, wenn der Chauffeur nicht in dem Moment die Tür geöffnet hätte?

Sobald sie die Reiseflughöhe erreicht hatten, drehte Amber sich zu Kazim um und stellte fest, dass er sie forschend betrachtete. „Wie lange soll ich in Barazbin bleiben?“ Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er genauso erstaunt über ihren ruhigen Tonfall wie sie.

„Das ist eine seltsame Frage, da du ja meine Frau bist.“ Er schenkte ihr sein charmantestes Lächeln, genau wie damals, als er sofort ihr Herz erobert hatte.

Sie war jung und naiv gewesen und hatte im siebten Himmel geschwebt, weil sie mit einem attraktiven Mann wie ihm verlobt war. Doch wie sie jetzt wusste, hatte sie sich in eine Fantasievorstellung verliebt.

„Ich bin nur dem Namen nach deine Frau, Kazim.“ Er durfte nie erfahren, wie tief er sie gedemütigt hatte. Ihre Mutter hatte sie gewarnt, dass ein Mann mit seinem Ruf kein unschuldig lächelndes Mädchen erwarten würde. Dass sie diese Mahnung ernst genommen hatte, war ihr einziger Fehler gewesen.

„Seit unserer Hochzeit muss ich mich mit vielen Problemen auseinandersetzen, die ich jetzt hoffentlich alle lösen kann. Der schlechte Gesundheitszustand meines Vaters hat alles noch verschlimmert und mich gezwungen, in den Palast zurückzukehren. Bei unserer Rückkehr wird alles gut.“

Seine Worte brachten sie unvermittelt in die Gegenwart zurück. „Bei unserer Rückkehr?“

„Ja, Amber. Du bist die Prinzessin von Barazbin und hast gewisse Verpflichtungen gegenüber unserem Volk, genau wie ich. Unter den derzeitigen Umständen rechnet man mit deiner Rückkehr.“

„Unter was für Umständen?“ Ihre Stimme bebte unmerklich, wie Amber zu ihrem Leidwesen feststellte.

„Wie ich dir gestern Abend erzählt habe, ist mein Vater krank. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends, und ungeachtet dessen, was ich sonst von ihm halte, ist er ein guter Herrscher. Er möchte die Zukunft für sein Land sichern. Eine Zukunft, in der wir beide eine wichtige Rolle spielen müssen.“

„Ich kehre nicht aus Loyalität oder irgendwelchen Pflichtgefühlen deinem Volk gegenüber zurück …“

„Es ist auch dein Volk“, fiel er ihr ins Wort.

Amber atmete tief durch und riss sich zusammen. „Ich kehre zurück, weil du mich erpresst und einen kleinen Jungen, der dringend Hilfe braucht, als Druckmittel benutzt hast. Das ist der einzige Grund, Kazim. Vergiss das nie.“

Nicht weil ich dich immer noch liebe.

Nachdenklich rieb Kazim sich das Kinn. Als er sich dann zu ihr herüberbeugte, kniff er argwöhnisch die Augen zusammen. „Das ist keine Erpressung“, entgegnete er gereizt, „sondern ein Arrangement, von dem wir beide profitieren.“

Sie erwiderte seinen Blick, das Dröhnen der Triebwerke in den Ohren. Der Jet brachte sie zu ihrem ersten Zwischenstopp auf der Reise zurück in sein Land, zu einem Ort, den sie lieber gemieden hätte.

„Es ist Erpressung, Kazim. Und das weißt du auch.“

4. KAPITEL

Amber stand am Fenster der Hotelsuite und blickte auf Knightsbridge, das im Sonnenschein dalag. Trotz des kurzen Flugs war sie emotional völlig erschöpft. Kazim und sie hatten kein Wort mehr miteinander gewechselt, seit sie ihm Erpressung vorgeworfen hatte. Schweigend hatte er über seinen Unterlagen gesessen.

„Wir haben heute Abend eine Verabredung zum Essen. Ich hoffe, du hast etwas anzuziehen, das deiner Stellung entspricht.“

Er klang so gereizt, dass sie sich überrascht zu ihm umwandte. Er sah müde aus. Etwas in ihr krampfte sich zusammen. „Hättest du mir gesagt, dass ich Abendkleidung brauche, dann hätte ich etwas Passendes eingepackt.“ Was, wusste sie allerdings selbst nicht, denn unter ihren Sachen befand sich nichts, was auch nur annähernd geeignet gewesen wäre. Ihr glamouröser Lebensstil als Prinzessin gehörte längst der Vergangenheit an. „Ich bleibe hier. Du gehst allein.“

Dann wandte sie sich wieder zum Fenster um. Immer wenn sie Kazim betrachtete, rieselte ihr ein Schauer über den Rücken, und wenn sein Blick ihrem begegnete, verstärkte sich dieses Gefühl.

Da er beharrlich schwieg, herrschte eine spannungsgeladene Atmosphäre im Raum. Amber verschränkte die Arme vor der Brust, entschlossen, Kazim nicht wieder anzusehen. Schließlich konnte sie der Versuchung aber nicht mehr widerstehen.

Er betrachtete sie aus zusammengekniffenen Augen, von einer Aura der Macht umgeben und die Haltung majestätisch. Gleichzeitig wirkte er jedoch sehr einsam. Ließ er überhaupt je einen Menschen an sich heran?

„Willst du unbedingt Ärger machen, Amber? Du bist meine Frau und meine Prinzessin, und als solche wirst du überall hingehen, wo ich hingehe – zumindest bis wir nach Barazbin zurückkehren.“

Dort wollte er ihr also die Rolle der pflichtbewussten Ehefrau aufzwingen. Ihr blieb allerdings nichts anderes übrig, wenn sie Claude helfen wollte.

„Heute Abend musst du wohl oder übel allein gehen, denn selbst wenn ich etwas anzuziehen hätte, das meiner Stellung entspricht, möchte ich lieber hierbleiben.“ Sie musste ihn einfach provozieren. Nur weil er ein Wüstenprinz war, durfte er sie nicht herumkommandieren.

Ihr Herz begann, wild zu pochen, als Kazim nun mit finsterer Miene auf sie zukam. „Wir haben eine Abmachung, und trotzdem meinst du schon jetzt, mir Befehle erteilen zu können?“

„Ich habe noch keinen Anhaltspunkt dafür, dass du dich an deinen Teil der Abmachung hältst.“

„Reicht mein Wort dir etwa nicht?“ Er wandte sich ab und entfernte sich wieder, wie ein Tiger, der im Käfig hin und her lief.

Amber betrachtete seine breiten Schultern, die nun Anspannung verrieten. Unvermittelt war Kazim wieder in ihrem Leben aufgetaucht und hatte an alte Wunden gerührt, die gerade erst zu heilen begonnen hatten.

„Nein, das tut es nicht“, erwiderte sie scharf. „Warum sollte ich dir überhaupt vertrauen, wenn du mich so verachtest, dass du mich gar nicht schnell genug aus deinem Leben verbannen konntest?“

Da ihr plötzlich alles zu viel war, lief sie an ihm vorbei, schnappte sich ihre Handtasche und eilte zur Tür. Sie hielt es nicht eine Minute länger in diesem Raum mit ihm aus.

„Wohin gehst du?“, fragte er autoritär.

„Shoppen. Ich kaufe mir etwas, um Seine Hoheit milde zu stimmen.“

„Sarkasmus steht dir nicht, Amber.“ Er war ihr zum Aufzug gefolgt und blieb jetzt neben ihr stehen.

Amber rang sich ein Lächeln ab. „Ich bin durchaus in der Lage, allein einen Einkaufsbummel zu machen.“

„Du kannst nicht ohne Leibwächter durch die Straßen von London ziehen. Du bist eine Prinzessin.“ Kazim begleitete sie zum Aufzug, wo sie wütend zu ihm herumwirbelte.

„Wie kannst du es wagen? Ich bin in den letzten Monaten auch allein durch Paris gelaufen. Also werde ich es wohl schaffen, mir in London allein ein Kleid zu kaufen.“

„Nun sei nicht so dramatisch. Das klingt ja, als wärst du arm gewesen. Die Realität sah doch ganz anders aus.“ Als die Türen des Fahrstuhls auseinanderglitten, folgte er ihr in den Aufzug. Offenbar wollte er sie begleiten.

„Was soll das heißen – die Realität sah ganz anders aus?“ Falls er glaubte, sie würde ihn um finanzielle Unterstützung bitten, kannte er sie schlecht.

„Du bist eine Prinzessin und solltest auch wie eine leben, egal, wo.“ Kazim verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich lässig an die Wand. Seine Miene verriet allerdings, dass er allmählich die Geduld verlor.

Er tat so, als hätte er ihr viel Geld gegeben. Dies war aber nicht der richtige Zeitpunkt, um Fragen zu stellen. Offenbar dachte er, sie würde versuchen, so viel wie möglich von ihm zu bekommen. Sie ließ ihn lieber in dem Glauben, weil er sich dann viel eher zu einer Scheidung bereit erklären würde.

„Du hast anscheinend ganz andere Vorstellungen davon, wie eine Prinzessin lebt“, zog Amber ihn auf und beobachtete mit Genugtuung, wie er scharf einatmete.

„Wenigstens wissen wir jetzt beide, wo wir stehen“, sagte er schroff und wandte den Blick ab, sodass sie ihn in Ruhe betrachten konnte. Er wirkte nicht mehr ganz so ungezügelt wie bei ihrer ersten Begegnung.

Die Lifttüren glitten auseinander, und fast wäre Amber in die gut besuchte Lobby gerannt. „Keine Angst, ich haue nicht ab. Die Gesundheit eines kleinen Jungen hängt nun davon ab, ob ich nach Barazbin zurückkehre – und ob du Wort hältst.“

Kazim betrachtete sie eine Weile, und an seiner Wange zuckte ein Muskel. Herausfordernd funkelte sie ihn an, denn sie konnte nicht anders. Was hatte er nur an sich, dass sie sich so unvernünftig verhielt?

„Diskutiere nicht mit mir, Amber“, befahl er. „Ich begleite dich.“

Amber seufzte resigniert. Entschlossen, ihm nicht zu zeigen, wie sehr er ihr zusetzte, verließ sie das Hotel. Draußen ging er neben ihr her. Die Boutiquen hier in Knightsbridge waren viel zu teuer für sie. Deswegen blieb sie nach einer Weile so abrupt stehen, dass er unwillkürlich ihren Arm umfasste, und blickte ihn verlegen an. Anders als sonst lag ein intensiver Ausdruck in seinen Augen, der etwas in ihrem tiefsten Inneren ansprach.

„Was ist jetzt?“ Er lächelte sie entwaffnend an.

Sie schluckte. „Ich kann es mir nicht leisten, hier einzukaufen“, gestand sie widerstrebend.

„Dann gehen wir weiter“, sagte er, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Hitzewellen durchfluteten sie bei seiner Berührung, und alles rückte in den Hintergrund: die Passanten, der Verkehrslärm. Es schien nur noch sie beide zu geben. Amber spürte, dass sie errötete, und riss sich zusammen. „Ich meine, ich kann mir in dieser Straße überhaupt nichts leisten.“

Daraufhin ließ Kazim sie so unvermittelt los, dass sie beinah das Gleichgewicht verloren hätte.

Kazim rang um Fassung. Amber wusste, wie man einen Mann auf die Palme brachte. Er hatte keine Ahnung, warum er sie überhaupt begleitete. Als sie jedoch am Fenster der Hotelsuite stand, hatte er eine ganz neue Seite an ihr entdeckt. Sie hatte verletzlich gewirkt.

Natürlich wären seine Leibwächter ihr diskret gefolgt, genauso wie sie es jetzt taten, aber sie hatte in ihm den Beschützerinstinkt geweckt ... und unliebsame Erinnerungen an seine Kindheit.

Kazim nahm ihre Hand und führte Amber in die nächste Boutique. „Kauf dir, was du für heute Abend und die nächsten beiden Tage brauchst. Ich bezahle es.“ Als er sie anblickte, wirkte sie so traurig, dass er sie am liebsten umarmt und geküsst hätte.

„Lass uns einfach umkehren.“ Sie wollte ihn aus dem Geschäft ziehen, doch er hielt ihre Hand fest, aus Angst, sie könnte bei der nächstbesten Gelegenheit in der Menge verschwinden.

„Umkehren?“, wiederholte er schroff.

In diesem Moment kamen auch schon perfekt gekleidete und geschminkte Verkäuferinnen lächelnd auf sie zu, und Kazim erklärte ihnen, was Amber brauchte. Daraufhin führten sie Amber zu den Umkleidekabinen. Über die Schulter blickte sie ihn an, das schöne Gesicht starr vor Entsetzen.

Er wandte ihr schnell den Rücken zu, weil er nicht mit dem starken Beschützerinstinkt umgehen konnte, den allein ihre Nähe in ihm weckte. Es schien ihm, als wäre er wieder ein kleiner Junge, der seine Mutter vor dem Zorn seines Vaters schützen wollte und sich zwischen die beiden stellte. Seufzend verschränkte Kazim die Arme vor der Brust und blickte auf die Straße, wobei er sich fragte, warum plötzlich alles so kompliziert war.

Während er den Verkehr beobachtete, gestand er sich widerstrebend ein, warum es für ihn so wichtig war, seine Frau zurückzuholen. Er wollte seinem Vater ein für alle Mal beweisen, dass er seinen Respekt verdiente. Deshalb durfte er nicht scheitern, zumal sein Vater offenbar damit rechnete.

Er musste mit Amber zurückkehren und die Thronfolge antreten. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass er sie so heftig begehren oder dass sie schmerzliche Erinnerungen an seine Kindheit bei ihm wecken würde.

Doch da war noch etwas. Vom ersten Moment an war das Thema immer wieder auf Geld gekommen. Er hatte ihrem Vater Geld für ihren Lebensunterhalt geschickt, doch offenbar hatte es nicht gereicht. Wofür mochte Amber es ausgegeben haben?

Warum hatte sie in einer so entsetzlichen Wohnung gelebt, wo er sich doch überaus großzügig gezeigt hatte? War ihre finanzielle Situation wirklich so angespannt, wie Amber angedeutet hatte? Das passte alles nicht zusammen.

Kazim richtete seine Aufmerksamkeit nun wieder auf Amber, die darauf wartete, dass die Verkäuferin, die sie bedient hatte, ihre Errungenschaften einpackte. Nachdem er bezahlt hatte, bat er diese darum, alles zum Hotel zu schicken, und nannte ihr die Adresse.

„Lass uns gehen“, sagte er dann leise. Er spürte ihre Körperwärme, als würde er mitten in der Wüste stehen, wo die Sonne erbarmungslos auf ihn herabbrannte. „Wir müssen einiges klären.“

„Nur, warum du dich so unmöglich aufführst.“ Amber sah ihn aufgebracht an, und ihm fiel auf, dass die Verkäuferin angelegentlich die letzte Tüte betrachtete.

„Darüber können wir auch gern sprechen, aber nicht hier.“ Er hoffte, die Verkäuferin würde diskret sein, denn Schlagzeilen über ihre Ehe konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen.

Ehe er weiterreden konnte, eilte Amber hinaus. Es machte ihn fassungslos, dass er sich so überfordert fühlte, genau wie in ihrer Hochzeitsnacht. Damals hatte er andere Gründe dafür gehabt, aber genauso empfunden. Wie keine andere Frau zuvor brachte Amber eine leidenschaftliche Seite an ihm zutage, und das gefiel ihm überhaupt nicht.

Zurück in der luxuriösen Hotelsuite, fragte Amber sich, warum Kazim sie derart aufbrachte. Er stand da und beobachtete sie, und wie immer schien er den Raum zu beherrschen und ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. Was wollte er jetzt von ihr hören?

Ein Klopfen an der Tür lockerte die angespannte Atmosphäre. Ein Page brachte unzählige Papiertüten herein. Hatte sie wirklich so viel gekauft? Kazim musste sie für oberflächlich und verschwenderisch halten, aber genau den Eindruck hatte sie ja auch erwecken wollen.

„Ich schätze, du bist glücklich über deine Errungenschaften.“ Als er die Tür schloss, funkelten seine Augen zu ihrer Überraschung amüsiert, und ein Lächeln umspielte seine Lippen.

Sofort schmolz sie wieder dahin. „Ja“, erwiderte sie leise. „Aber das war wirklich nicht nötig. Es hat ein Vermögen gekostet.“

„Du bist mit dem Prinzen von Barazbin verheiratet.“ Plötzlich wirkte er wütend. „Wir müssen also einen gewissen Standard einhalten, und deswegen bin ich schon mehr als großzügig gewesen.“

Amber zog die Stirn kraus. Spielte er wieder auf Claude an? „Und dafür bin ich dir dankbar.“

Ehe sie sich weiter den Kopf zerbrechen konnte, kam Kazim auf sie zu und blieb gefährlich dicht vor ihr stehen. Genau wie auf der Straße zog er sie sofort wieder in seinen Bann. Wie hatte sie je glauben können, sie könnte gegen ihn immun sein? Allein beim Klang seiner Stimme verspürte sie ein heißes Prickeln.

In seinem Blick lag ein fragender Ausdruck, als würde Kazim nach Antworten suchen oder ihr etwas vermitteln wollen. Ihr stockte der Atem, als er langsam den Kopf neigte und sanft mit den Lippen ihre streifte. Sie schloss die Lider und bog sich ihm entgegen, weil sie sich nach mehr sehnte. Dies war der einzige Mann, den sie je begehrt hatte. Noch immer spürte sie den Schock, der ihr das Blut in den Adern hatte gefrieren lassen, als er sie wegstieß. Allerdings hatte sie sich nichts anmerken lassen.

Seine Berührung ließ sie jetzt jedoch dahinschmelzen, und Amber gestattete sich zu sein, was sie war: unschuldig und unerfahren. Denn in diesem Moment konnte sie nichts anderes sein.

Als Kazim sich von ihr löste, öffnete sie die Augen wieder und blickte ihn nervös an. Das lodernde Verlangen in seinem Blick überraschte sie. Er ließ seinen Daumen leicht über ihre Lippen gleiten, und sie sehnte sich danach, dass er sie erneut küsste.

„Du solltest dich jetzt umziehen“, sagte er rau, bevor er unvermittelt einen Schritt zurückwich und den Bann brach. „Ich muss jemanden anrufen und lasse dich jetzt allein.“

Erschrocken blinzelte sie und fasste sich mit zittriger Hand an den Mund. Hasste Kazim sie womöglich nicht so sehr, wie sie geglaubt hatte, und hatten seine Zärtlichkeiten womöglich mehr bedeutet? Hoffnung regte sich in ihr, und lächelnd nahm Amber die Tüten, um in eins der Schlafzimmer zu gehen, zu duschen und sich umzuziehen.

Als sie sich kurz darauf im Spiegel betrachtete, wurde sie wieder nervös. Sie hatte schon so lange keine derart schönen Sachen mehr getragen, dass sie fast vergessen hatte, wie es sich anfühlte.

Das schwarze Kleid saß perfekt und betonte ihre schlanke Figur, der Ausschnitt war vielleicht ein bisschen zu tief, aber die Schuhe, die der Verkäuferin zufolge perfekt dazu passten, waren fantastisch: schwarze, strassbesetzte Riemchensandaletten, die bei jeder Bewegung glitzerten.

War sie womöglich overdressed? Sie wollte die Schuhe gerade abstreifen und ihre schlichten Pumps anziehen, als es ungeduldig klopfte.

„Wir müssen los, Amber.“

Verlegen öffnete sie die Tür, gespannt auf Kazims Reaktion. Ihr wurde heiß, als er sie langsam von Kopf bis Fuß musterte und sie dabei mit seinen Blicken zu streicheln schien. Als er ihr wieder in die Augen sah, löste sein verlangender Blick eine Kettenreaktion bei ihr aus.

„Du siehst … exquisit aus“, sagte er.

Das traf auch auf ihn zu. Das weiße Hemd unterstrich seinen dunklen Teint, der schwarze Smoking saß perfekt und betonte seine muskulöse Statur. Die westliche Kleidung bildete einen faszinierenden Kontrast zu seinen exotischen Zügen und verstärkte die Wirkung, die er auf sie ausübte.

Als Amber ihm wieder ins Gesicht sah, lächelte er so verführerisch, dass ihr Herz zu rasen begann.

„Und, entspreche ich deinen Erwartungen?“, neckte er sie, während er einen Schritt zurücktrat.

„Ich glaube, du kennst die Antwort“, erwiderte sie heiser, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie durcheinander sie war.

Dann lachte er – ein tiefes Lachen, das ihn viel jünger wirken ließ und ihn an den Mann erinnerte, an den sie damals ihr Herz verloren hatte.

„Gut gekontert.“ Kazim reichte ihr den Arm, und nach kurzem Zögern hakte Amber sich bei ihm unter. Er vermittelte ihr den Eindruck, etwas Besonderes zu sein, und das genoss sie, auch wenn es sicher nicht von Dauer sein würde.

Das Gefühl, wie auf Wolken zu schweben, hatte wohl weniger mit dem fantastischen Kleid und den glamourösen Sandaletten zu tun als mit dem Mann an ihrer Seite. Während sie auf den Aufzug warteten, fragte Amber sich, ob sie wirklich mit ihm ausgehen konnte. Kazim löste sich von ihr, als sie nach unten fuhren. Sie hoffte, diese Charmeoffensive würde nicht lange anhalten, sonst würde sie womöglich bald schwach werden. Er hatte sie einmal verletzt und konnte es durchaus wieder tun.

Hocherhobenen Hauptes verließ sie dann den Fahrstuhl und hakte sich nur locker bei Kazim ein. Auf dem Weg zum Speisesaal spürte sie die Blicke der anderen Gäste auf sich.

Flüchtig betrachtete sie sein Profil, das verriet, dass er sich der Aufmerksamkeit bewusst war. Sobald sie den Speisesaal betraten, verstummten die Gespräche, und dann kam der Maître d’hôtel auf sie zu, um sie an ihren Tisch zu führen.

Dieser stand in einer Nische und war nur für zwei Personen gedeckt: mit Kerzen und einer roten Rose in einer Vase, ein Tisch für Verliebte.

„Ich dachte, du hättest ein Geschäftsessen“, brachte Amber hervor.

„Ich habe meine Pläne geändert.“ Nachdem er den Maître d’hôtel entlassen hatte, zog Kazim ihr einen Stuhl hervor und lächelte charmant wie nie zuvor.

„Und warum?“, fragte sie, während sie sich setzte.

Er umfasste ihre Schultern und beugte sich zu ihr herunter, sodass sein Gesicht ihrem ganz nahe war. „Es ist höchste Zeit, dass wir uns kennenlernen, und zwar richtig.“

„Aber …“ Verlegen verstummte sie.

„Du bist meine Frau, Amber, und morgen werden wir Leute treffen, die mir wichtig sind. Es wäre doch seltsam, wenn wir nichts voneinander wüssten, oder?“

Sein Lächeln wirkte ein wenig herausfordernd, doch zumindest wusste sie, dass er es nicht ganz ernst meinte. Er wollte sie nicht wirklich kennenlernen, sondern anderen den Eindruck vermitteln, dass sie sich nahestanden.

Als er ihr gegenüber Platz nahm, lächelte sie ebenfalls. „In der Öffentlichkeit werde ich deine Frau sein“, erklärte sie leise. „Aber nicht, wenn wir allein sind.“

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