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ROMANA EXTRA BAND 38

PENNY ROBERTS

Am stillen Fluss der Sehnsucht

Charlotte ist hinreißend, findet Unternehmer Laurent Laferre. Ihre zugleich widerspenstige und liebevolle Art fasziniert ihn. Zu gern will er sie küssen … Bis er erfährt, warum sie seine Nähe sucht!

LUCY GORDON

Verzaubert von dir und Venedig

Seine Blitzhochzeit mit Sally hat nichts mit Liebe zu tun. Da ist sich Damiano sicher. Er brauchte nur eine Mutter für seinen kleinen Sohn. Doch ihr neues Eheleben fühlt sich erstaunlich echt an …

CATHERINE SPENCER

Süße Küsse in Athen

Als langsam die Sonne über dem Mittelmeer aufgeht, wird Gina endlich von ihrem griechischen Traummann geküsst. Sie ist überglücklich! Denn noch ahnt sie nicht, dass Mikos ein doppeltes Spiel spielt …

KANDY SHEPHERD

Wenn du deinem Herzen folgst …

Dunkelrotes Haar, grüne Augen und ein Lächeln, das sein Herz zum Schmelzen bringt: Sam ist von Kate bezaubert! Eigentlich hat ihn die Arbeit nach Dolphin Bay gebracht – oder war es das Schicksal?

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Am stillen Fluss der Sehnsucht

1. KAPITEL

Die Landschaft war so zauberhaft, dass sie schon unwirklich erschien. Beinahe hatte Charlotte den Eindruck, sich mitten im Gemälde eines alten Meisters zu befinden, während sie ihren Wagen über die breite, gewundene Straße lenkte. Rechts von ihr wechselten sich grüne Felder mit prächtigen Weinbergen und farbenfrohen Blumenwiesen ab. Und wenn sie nach links schaute, hatte sie freien Blick auf den letzten wilden Fluss Europas.

Die Loire.

Charlotte konnte sich an dem Panorama kaum sattsehen, und sie musste sich zwingen, vorwiegend auf die Straße vor ihr zu achten. Es faszinierte sie, wie ursprünglich dieser weitläufige und majestätische Fluss noch wirkte. Mal floss er kraftvoll, mal teilten sich die Gewässer in ruhige Seitenarme, unterbrochen von riesigen Sandbänken, die der Strom in seiner langen Geschichte geschaffen hatte.

Wie automatisch wanderten auch ihre Gedanken in längst vergangene Zeiten.

Zurück in ihre Kindheit.

Ihre ersten Lebensjahre hatte sie in Credoux, einem kleinen Dorf an der Loire, verbracht. Noch heute glaubte sie manchmal, den Duft der Petit Sablés – kleiner Sandteigplätzchen – riechen zu können, der Leibspeise ihres Großvaters. Dann hörte sie auch die Musik, mit der er die Familie allabendlich unterhalten hatte. Damals hatte Charlotte geglaubt, dass diese Klänge sie ihr ganzes Leben begleiten würden, und sie war fest entschlossen gewesen, eines Tages ebenfalls eine bekannte Komponistin zu werden.

Alles kam anders, als ihre Eltern sich mit ihrem Großvater, dem Komponisten Gustave Valbois, zerstritten und Hals über Kopf mit ihr nach England auswanderten. Charlotte war da gerade sieben Jahre alt gewesen und im festen kindlichen Glauben davon ausgegangen, ihren Großvater schon bald wiederzusehen. Wie anders sich die Dinge doch entwickelt hatten …

Genau zwanzig Jahre waren vergangen, seit sie zum letzten Mal einen Fuß auf französischen Boden gesetzt hatte. Und auch wenn es hier im Grunde noch so aussah wie früher, hatte sich doch alles verändert. Ihr Großvater war vor drei Wochen gestorben, und sie hatte keine Gelegenheit gehabt, sich von ihm zu verabschieden, ihn noch einmal zu sehen.

Gelegenheiten waren genug da. Vorausgesetzt, du hättest dich auch nur ein einziges Mal gegen deine Mutter durchgesetzt …

Charlotte spürte, wie sich bei dem Gedanken ein Kloß in ihrem Hals bildete. Sie schluckte. Von einem Notar hatte sie von Grand-pères Tod erfahren – und auch, dass er sie zu seiner alleinigen Erbin eingesetzt hatte. Sie wusste, dass er sich gewünscht hätte, dass sie sich um alles kümmerte, und deshalb war sie kurzerhand sofort aufgebrochen. Die Fahrt von Brighton nach Frankreich vor einer Woche hatte sie zu keinem Zeitpunkt wirklich genießen können. Zu sehr hatte sie mit ihren Schuldgefühlen zu kämpfen gehabt. Und als sie Grand-pères Haus schließlich erreichte und sich durch Berge von Unterlagen wühlte, um den Nachlass zu regeln, war ihr klar geworden, dass noch weitere Probleme auf sie zukamen.

Probleme, mit denen sie niemals gerechnet hätte und für die sie nun wohl oder übel eine Lösung finden musste.

Genau aus diesem Grund befand sie sich jetzt auf dem Weg nach Tours. Sie hatte dort ein Vorstellungsgespräch bei einem der reichsten und mächtigsten Männer Frankreichs. Wenn sie das Erbe ihres Großvaters wirklich bewahren und ihm seinen größten Wunsch erfüllen wollte, musste sie die Stelle, auf die sie sich beworben hatte, unbedingt bekommen!

Schon merkte sie, wie die Aufregung, die sie die ganze Zeit über verspürte, weiter anwuchs. Um sich abzulenken, schaltete sie das Radio ein. Das Charts-Einheitsallerlei, das aus den Lautsprechern drang, konnte sie jedoch nicht lange fesseln. Daher kehrten ihre Gedanken schon nach wenigen Minuten wieder zu dem Mann zurück, den sie gleich kennenlernen sollte.

Laurent Laferre war der Inhaber von Grâce d’Hiver Cosmetics, einer der bekanntesten Kosmetikfirmen Europas. Vor einiger Zeit war der Playboy in die Schlagzeilen geraten, weil er sich bei einem Segelunfall schwer verletzt hatte. Vorgestern war Charlotte bei ihren Recherchen schließlich auf eine Anzeige gestoßen, in der er nach einer Haushälterin suchte. Ohne lange zu zögern, hatte sie sich bei dem Unternehmer per E-Mail beworben und zu ihrer Überraschung noch am selben Abend eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch erhalten. Dabei verfügte sie über keinerlei Erfahrung als Hauswirtschafterin, sondern war ausgebildete Physiotherapeutin. Allerdings war es ihr zweckdienlicher erschienen, dies in ihrer Bewerbung zu verschweigen. Stattdessen hatte sie sich ein paar Referenzen von ihrer Freundin Laura mailen lassen, in die sie kurzerhand ihren Namen eingefügt hatte. Eigentlich war so etwas nicht ihre Art, und sie wollte auch nichts beschönigen: So etwas war Betrug. In diesem Fall jedoch verhielt sich die Sache ein wenig anders, denn sie tat es nicht, um sich zu bereichern, sondern um einen noch viel größeren Betrug aufzudecken.

Deshalb hatte sie alles tun müssen, um die Anstellung zu bekommen. Jetzt blieb ihr nur noch zu hoffen, dass sie einen guten Eindruck machte und die Wahl am Ende tatsächlich auf sie fiel.

Sie stockte, als im Radio eine Melodie erklang, die sie nur zu gut kannte. Danach der Slogan, den sie schon im Schlaf mitsprechen konnte:

„Grâce d’Hiver Cosmetics – wir wissen, was Frauen wollen …“

Sofort verengten sich ihre Augen zu Schlitzen. Wenn man vom Teufel spricht …

Die Erkennungsmelodie des Werbespots für die neue Kosmetiklinie von Grâce d’Hiver Cosmetics lief nun bereits seit einiger Zeit sowohl im Fernsehen als auch im Radio rauf und runter, und zwar europaweit. Vor ihrer Reise nach Frankreich hätte Charlotte jedoch im Leben nicht damit gerechnet, wie wichtig diese Melodie einmal für sie und ihre Zukunft werden würde.

Wut kochte in ihr hoch, als sie wieder an Laferre denken musste und daran, was er getan hatte.

Und für so einen Menschen willst du wirklich arbeiten? Kannst du das überhaupt?

Doch von Wollen konnte keine Rede sein – sie musste. Und es ging ihr auch nicht um die Arbeit an sich oder das Gehalt, sondern um viel, viel mehr. Es gab einfach keinen anderen Weg, wenn …

Sie führte den Gedanken nicht zu Ende, weil rechts von ihr die ersten Ausläufer eines Ortes auftauchten. Statt weiter Felder und Wiesen fiel ihr Blick nun auf malerische, weiß getünchte Häuser, hinter denen die Spitze eines Kirchturms in die Höhe ragte. Die hoch am wolkenlosen Himmel stehende Sonne verlieh der Szenerie einen goldenen Glanz. Für einen Moment überlegte Charlotte, anzuhalten und sich dieses bestimmt sehr hübsche Dorf anzusehen. Durch die engen Gassen zu schlendern, die Auslagen der Schaufenster zu bewundern und in einem Café einen Milchkaffee zu trinken. Dann aber wurde ihr wieder bewusst, dass sie lediglich versuchte, das Unvermeidliche hinauszuzögern, und ihre Miene verfinsterte sich.

Sie atmete tief durch und bemühte sich, die innere Anspannung abzuschütteln, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Laurent Laferre war nicht irgendjemand. Wenn sie den Job haben wollte, dann durfte sie nicht wie ein Nervenbündel wirken, sondern musste einen kompetenten und vertrauenswürdigen Eindruck machen. Sie lockerte ihre Schultern und probierte ein Lächeln, das jedoch reichlich missglückte, wie ihr ein Blick in den Rückspiegel verriet. Sie versuchte es noch einmal, und dieses Mal klappte es schon besser.

Ruhig, Charlotte, ganz ruhig. Du schaffst das schon. Du musst es einfach schaffen!

Doch als die blechern klingende Stimme ihres Navigationssystems zehn Minuten später verkündete, dass sie ihr Ziel jeden Moment erreichen würde, war ihre mühsam erkämpfte Ruhe dahin. Nervös kaute sie auf ihrem Daumennagel – eine scheußliche Angewohnheit, die sie schon seit ihrer Jugend hatte und einfach nicht loswurde – und bog in die Zufahrt zu Laferres Anwesen ein.

Vor einem breiten, schmiedeeisernen Tor stoppte sie ihren Wagen. Ein großes Schild wies Besucher an, die Gegensprechanlage zu benutzen, die ein paar Meter vor dem Tor an einem Pfosten auf Autofensterhöhe angebracht war. Charlotte ließ die Seitenscheibe herunter, drückte die Taste und wartete ab.

„Oui?“, erklang kurz darauf eine freundlich klingende Frauenstimme.

Charlotte räusperte sich und nannte ihren Namen. „Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Monsieur Laferre“, fügte sie auf Französisch hinzu, was ihre Muttersprache war, obwohl sie es so lange nicht benutzt hatte, dass es etwas eingerostet war.

„Folgen Sie dem Weg und parken Sie vor dem Haus“, erklärte die Frauenstimme knapp. Gleich darauf knackte es in der Leitung, und das Tor schwang wie von Geisterhand auf. Charlotte atmete tief durch und fuhr wieder an.

Sobald sie die Grenze zu Laferres Anwesen passiert hatte, kam sie sich vor wie in einer anderen Welt. Sofort wurde ihr Blick von der prächtigen Villa gefangen genommen, die in einiger Entfernung vor ihr auf einem kleinen Hügel stand und über allem zu thronen schien. Sie bestand aus weißem Sandstein, der in der Sonne schimmerte. Gepflegte Blumenrabatten säumten den Weg, der zu einem mit Kies ausgestreuten Rondell führte, in dessen Zentrum ein Springbrunnen aus Marmor stand.

Charlotte schluckte, als ihr klar wurde, wie reich man sein musste, um hier leben zu können. Gleichzeitig keimte wieder Ärger in ihr auf, wenn sie daran dachte, was Laferre für diesen Reichtum offenbar zu tun bereit war.

Sie schüttelte den Gedanken ab, stellte ihren Wagen vor dem Haus ab und stieg aus. Ihr Herz klopfte heftig, als sie die Stufen zur Eingangstür der Villa hinaufschritt. Sie war noch nicht ganz oben angelangt, als die Tür geöffnet wurde und eine junge blonde Frau in klassischem Hosenanzug herausstürmte. Ihr Make-up, das sie nicht gerade dezent aufgetragen hatte, konnte die hektischen Flecken nicht kaschieren, die ihre Wangen verunzierten. Als sie Charlotte erblickte, riss sie die Augen auf.

„Sind Sie auch zum Vorstellungsgespräch hier?“, fragte sie aufgeregt.

Charlotte nickte unsicher, und die andere Frau winkte ab.

„Gehen Sie am besten gleich wieder. Dieser Mann ist … ein Ungeheuer!“, stieß sie hervor; dann drängte sie sich an ihr vorbei und suchte das Weite.

Charlotte blickte ihr ein wenig hilflos nach. Du meine Güte, dachte sie seufzend. Das kann ja heiter werden …

Bonjours’il vous plaît, treten Sie doch näher!“

Als die Stimme hinter ihr erklang, wandte Charlotte sich wieder zur Eingangstür der Villa um, und eine ältere Französin lächelte ihr freundlich zu.

„Sie müssen Mademoiselle Forgeron sein“, sagte die Frau. „Mein Name ist Pauline Marceau. Laurent Laferre ist mein Neffe.“

Charlotte lächelte und stieg die restlichen Stufen hoch. Oben angekommen, reichte sie Madame Marceau die Hand. „Es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Sie zögerte. „Ich hoffe, die … die Stelle ist noch frei?“, fragte sie vorsichtig nach.

„Mais oui, bien sûr!“ Die ältere Frau schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. „Aber ja, natürlich! Manchmal glaube ich, wir werden nie jemanden finden, den Laurent nicht gleich verscheucht!“ Sie sah Charlotte an. „Ich möchte Sie wirklich nicht verschrecken, aber Sie haben ja eben gesehen, wie Ihre Mitbewerberin fluchtartig das Haus verlassen hat. Ich bin Laurents Tante, und ich liebe ihn wie einen Sohn, aber ich sage es Ihnen besser sofort: Seit seinem Unfall ist er ein schrecklicher Despot.“

Charlotte musste lachen, wurde aber sofort wieder ernst. „Geht es ihm denn sehr schlecht?“, erkundigte sie sich.

Non, nicht wirklich. Sein linkes Bein ist noch teilweise steif, sodass er ohne Stock nur schlecht gehen kann. Aber …“ Sie rollte mit den Augen. „Es ist wohl sein Stolz, der seinen Verstand vernebelt. Kurz nach seinem Unfall hat er unsere langjährige Haushaltshilfe vergrault, und seitdem hat die Agentur uns über ein Dutzend Bewerberinnen geschickt. Sie alle hat mein Neffe in die Flucht geschlagen, können Sie sich das vorstellen? Die Agentur ist nun nicht bereit, uns weitere Vorschläge zu machen, daher haben wir die Anzeige ins Internet gestellt, auf die Sie sich gemeldet haben.“ Madame Marceau senkte den Blick. „Ich hoffe, Sie haben trotzdem noch Interesse an der Anstellung? Ich wollte Sie wirklich nicht abschrecken, hielt es aber für sinnvoller, offen mit Ihnen zu sprechen, bevor ich Sie zu meinem Neffen bringe.“

Charlotte nickte. Madame Marceau war ihr auf Anhieb sympathisch. Die ältere Französin strahlte etwas Herzliches, Mütterliches aus, und Charlotte fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl. „Certainement“, sagte sie deshalb. „Vielleicht habe ich ja mehr Glück als meine Mitbewerberinnen.“

„Das würde ich mir wirklich wünschen. Mein Neffe ist dringend auf Hilfe im Haushalt und bei seinen Erledigungen angewiesen, aber …“ Sie schüttelte den Kopf. „Lassen wir das. Am besten bringe ich Sie jetzt zu ihm. Kommen Sie mit, Kindchen. Und nur keine Angst. Denken Sie einfach immer daran: Hunde, die bellen, beißen nicht.“

Charlotte lächelte und folgte der älteren Frau, die sie ums Haus herum zu einer Veranda führte, auf der ein Tisch und mehrere Stühle standen.

„Setzen Sie sich doch schon mal, ich gebe Laurent Bescheid. Er wird dann jeden Moment zu Ihnen kommen.“

„Merci.“ Charlotte nickte, nahm jedoch nicht Platz, da sie sich dazu zu unruhig fühlte. Stattdessen trat sie an die Balustrade, stützte sich mit beiden Händen darauf ab und ließ den Blick über die weitläufige Parkanlage wandern. Es gab sogar ein eigenes kleines Wäldchen, und in einiger Entfernung konnte sie eine Wasseroberfläche zwischen den Kronen der Bäume hindurchschimmern sehen.

Mit einem Mal spürte sie, wie sämtliche Anspannung von ihr abfiel, und sie gestattete sich, tief durchzuatmen. Dieses Anwesen war wirklich ein Traum, und sie kam nicht umhin festzustellen, dass es nicht nur luxuriös, sondern auch liebevoll gepflegt wirkte. Die ganzen wunderschön gestalteten Blumenbeete und hübsch angelegten, sauber geharkten Wege … Doch schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder. Auch wenn man rasch Gefahr lief, sich hier wie im Paradies zu fühlen – für den Mann, dem das alles hier gehörte, war der Ausdruck liebevoll mit Sicherheit ein Fremdwort. Und dieser Ort war auch ganz gewiss kein Paradies.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie Schritte hinter sich vernahm. Es folgte ein kurzes Aufstampfen, und Charlotte schloss die Augen. Jetzt war es also so weit. Noch einmal atmete sie tief durch, dann drehte sie sich um – und riss überrascht die Augen auf.

Der Mann, der ihr gegenüberstand, war hochgewachsen und schlank, stützte sich beim Gehen mit der linken Hand aber so schwer auf einen Stock, dass seine ganze Haltung irgendwie krumm wirkte. Seiner atemberaubenden Attraktivität tat dies jedoch keinerlei Abbruch.

Seine Augen waren von einem tiefen Graublau, geheimnisvoll wie das Wasser der Loire, und seine Züge waren wie in Marmor gemeißelt. Das dunkle Haar fiel ihm in ungebändigten Locken in die Stirn, und er war so blass, dass seine Haut beinahe durchscheinend wirkte.

Charlotte spürte, wie ihr Herz höherschlug – und ärgerte sich über die Reaktion ihres Körpers. Denn vor ihr stand niemand Geringerer als Laurent Laferre.

Der Mann, der ihren Großvater auf dem Gewissen hatte.

2. KAPITEL

Charlotte versuchte, sich zu beruhigen. Sie durfte sich ihre Abneigung Laurent Laferre gegenüber keinesfalls anmerken lassen, wenn sie diesen Job bekommen wollte. Doch das war angesichts ihres Wissens über ihn nahezu unmöglich.

Immerhin hatte sie es mit einem skrupellosen Geschäftsmann zu tun, der sich ohne zu zögern und ohne dafür zu bezahlen an den Ideen und Einfällen anderer Leute bereicherte. Anderer Leute, die zudem auch so schon am Rande des finanziellen Abgrunds standen. Die sich voller Vertrauen an ihn wandten, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber so etwas interessierte einen Menschen wie Laferre natürlich nicht.

Ruhig, Charlotte, ganz ruhig. Verlier jetzt bloß nicht die Fassung!

Noch einmal atmete sie tief durch, dann trat sie auf Laferre zu und reichte ihm die Hand. „Enchantée. Mein Name ist Charlotte Forgeron“, sagte sie und lächelte verhalten. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

Er ergriff ihre Hand nicht, sondern deutete stattdessen zum Tisch. „Setzen Sie sich“, sagte er knapp.

Charlotte schluckte. Die Unfreundlichkeit dieses Mannes schmeckte ihr gar nicht, und ihr lag schon ein entsprechender Kommentar auf der Zunge, doch sie schluckte ihn hinunter, kam seiner Aufforderung nach und nahm Platz. Daraufhin beobachtete sie, wie Laferre sich, schwer auf seinen Stock gestützt, ebenfalls in Richtung Tisch bewegte. Sein linkes Bein schien ihm Schmerzen zu bereiten, denn er verkniff das Gesicht und kam nur recht langsam voran. Charlottes geschultes Auge erkannte sofort, dass es nicht nur die eigentlichen Schmerzen waren, die ihm zu schaffen machten, sondern vor allem seine Ungeduld. Dass er nach dem Unfall eingeschränkt war und nicht so laufen konnte, wie es früher der Fall gewesen war, brachte ihn an seine Grenzen. Er wollte so schnell wie möglich wieder der Alte sein, und aus ihrem Alltag als Physiotherapeutin wusste sie, dass diese Ungeduld keine Seltenheit war, aber oft genug das Gegenteil von dem bewirkte, was man eigentlich wollte.

Laferre erreichte nun ebenfalls den Tisch und ließ sich ihr gegenüber auf einen Stuhl sinken. Das kranke Bein streckte er aus, den Stock hielt er fest, während er Charlotte mit einem Blick musterte, der so durchdringend war, dass sie das Gefühl hatte, er könne problemlos durch ihr Äußeres hindurch in ihre Seele blicken – und erkennen, was sie wirklich im Schilde führte.

Mach dich nicht lächerlich! Dieser Mann mag mächtig sein – aber er hat ganz bestimmt keine Macht über deine Gedanken!

„Was wollen Sie hier?“

Seine Frage ließ Charlotte zusammenzucken. Im ersten Moment war sie erschrocken. Ahnte er womöglich doch, dass sie nicht aus den Gründen hergekommen war, die sie vorgab? Aber nein, das war natürlich Unfug. Wie sollte er sich so etwas denken können?

Sie blinzelte. „Ich verstehe nicht …“

„Ich fragte, warum Sie hier sind und meine Zeit beanspruchen.“

„Ich …“ Sie räusperte sich. „Ich habe mich beworben. Als Haushaltshilfe.“

„Sie wollen also mein Geld.“

Charlotte spürte, wie ihre Unsicherheit umschlug und etwas anderem Platz machte. Ärger. Wut. Sie hatte selbst nie als Haushaltshilfe gearbeitet. Aber in ihrem Job als Physiotherapeutin, der auch alles andere als gut bezahlt war, hatte sie viele einfache Arbeiterinnen kennengelernt, oft ungelernt und ohne Schulabschluss. Putzfrauen, Spülhilfen, Kellnerinnen … Alle hatten eins gemeinsam: Sie arbeiteten hart für meist wenig Geld. Und wenn Charlotte eines verabscheute, dann waren es Menschen, die andere schlecht bezahlten und sich auch noch als Wohltäter vorkamen.

Genau so jemand schien Laurent Laferre zu sein.

„Ich will nicht Ihr Geld“, stellte sie klar.

„Sondern?“

„Ich möchte für Sie arbeiten und dafür vernünftig entlohnt werden. Nicht mehr und nicht weniger. So wie es im Leben nun einmal ist, wenn man nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wird.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. Ihr übliches Problem mal wieder. So nervös und schüchtern sie auch wirken konnte – sobald ihr etwas gegen den Strich ging, war ihr Mundwerk schneller als ihr Verstand. Das hatte ihre Mutter schon immer an ihr kritisiert.

Hat es denn überhaupt je irgendetwas gegeben, das deine Mutter nicht an dir kritisiert hat?

Laurent Laferre sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich bin keineswegs mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden“, erwiderte er nach einer Weile. Seine Stimme war kalt wie Eis. „Referenzen?“

„Habe ich Ihnen bereits mit meiner Bewerbung per E-Mail zukommen lassen.“

Er runzelte die Stirn. „Keine Originale?“

„Ich bin erst vor Kurzem von England nach Frankreich zurückgekehrt. Viele meiner Unterlagen befinden sich noch in London. Ich fürchte, meine Arbeitszeugnisse sind ebenfalls darunter.“

„Das klingt nachlässig.“ Er musterte sie eindringlich, und erneut spürte Charlotte, dass sein Blick ihr unter die Haut ging. „Sagen Sie, kommen Sie Ihren Pflichten als Haushälterin genauso achtlos nach?“

Da war er wieder, dieser Tonfall, der in ihr den Wunsch weckte, ihm kräftig die Meinung zu sagen. Doch abermals hielt sie sich zurück und erwiderte – nichts.

Er schien das Thema auch nicht weiter vertiefen zu wollen, sondern deutete auf die Wasserkaraffe, die zusammen mit einigen Gläsern auf dem Tisch stand. „Wasser, bitte!“

Charlotte runzelte die Stirn. „Ist das Ihr Ernst?“

„Was? Dass ich Durst habe?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Wenn Sie durstig sind, sollten Sie sich selbst bedienen.“

„Sie wollen als meine Hausangestellte arbeiten.“

„Aber noch arbeite ich überhaupt nicht für Sie.“

„Ich bin krank.“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie sind keineswegs krank. Sie hatten einen Unfall, und zurzeit macht Ihnen Ihr linkes Bein noch Probleme. Das mag unangenehm sein, deswegen sind Sie aber nicht hilflos. Die Karaffe steht direkt vor Ihnen auf dem Tisch. Sie brauchen sich nur vorzubeugen und sich selbst etwas einzuschenken. Es gibt Menschen, die wirklich hilflos sind – Sie sind es ganz sicher nicht.“

„Es steht Ihnen wohl kaum zu, darüber zu entscheiden“, entgegnete er eisig. „Außerdem erwarte ich von meinen Angestellten, dass sie meine Anweisungen ausführen, ohne sie infrage zu stellen.“

„Dann, denke ich, bin ich nicht die Richtige für Sie.“ Charlotte erhob sich würdevoll. Warum sollte sie sich diese Farce noch länger antun? Er hatte ganz offensichtlich ohnehin nicht vor, sie einzustellen. Wenn es ihm Spaß machte, andere zu demütigen – bitte sehr. Aber für diese Art von Spielchen stand sie nicht zur Verfügung.

Sie nickte ihm knapp zu und wandte sich ab. Dennoch hoffte sie, dass er sie noch einmal zurückrief oder zumindest irgendetwas sagte, während sie langsam die Veranda verließ, um zurück zu ihrem Wagen zu gehen.

Doch nichts geschah. Alles blieb still, und Laurent Laferre ließ sie gehen.

Erst als Charlotte ihren Wagen erreicht hatte und sich hinters Steuer setzte, begriff sie, was geschehen war. Und welche Chance sie vertan hatte.

Es war genau das eingetreten, was ihre Mutter ihr schon immer vorgehalten hatte. Durch ihre Unfähigkeit, in bestimmten Situationen, in denen sie sich schlecht behandelt fühlte, ruhig und besonnen zu bleiben, stellte sie sich am Ende immer selbst ein Bein.

Ein loses Mundwerk hilft einem nun mal nicht dabei, seine Ziele zu erreichen …

Die Worte ihrer Mutter begleiteten Charlotte schon fast ihr ganzes Leben. Und das Schlimme daran war, dass sie sich immer wieder bewahrheiteten.

Hättest du nicht einfach deine Klappe halten und versuchen können, das zu tun, was Laferre gesagt hat? Dann hättest du jetzt vielleicht den Job – und damit die Möglichkeit, noch etwas für Grand-père zu tun.

Aber sie konnte einfach nicht aus ihrer Haut – auch wenn sie es sich manchmal noch so sehr wünschte.

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, atmete tief durch und startete den Motor. Sie wollte einfach nur noch fort von hier. Fort von diesem luxuriösen Anwesen und vor allem fort von dem Mann, der ihrem Großvater so viel angetan hatte.

Wütend ließ Laurent die rechte Faust auf den Tisch niedersausen. So fest, dass die Gläser klirrten und das Wasser in der Karaffe überschwappte. Längst war Charlotte Forgeron aus seinem Blickfeld verschwunden – doch er glaubte immer noch, sie vor sich zu sehen.

Ihr Gesicht mit den feinen Zügen, den grünen Augen und den sanft geschwungenen Lippen, die zum Küssen einluden und …

Zut alors! Er schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen. In Gedanken stellte er sich vor seinen Sandsack, der im Arbeitszimmer neben seinem Schreibtisch hing, holte tief Luft, ballte die rechte Hand zur Faust und schlug zu.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Früher, vor dem Unfall, war das seine Methode gewesen, mit Stress und Druck umzugehen. Es waren keine Gewaltausbrüche gewesen, aber eben seine Art, für Entspannung und Ausgleich zu sorgen.

Zurzeit fehlte ihm diese Möglichkeit. Sicher, im Grunde war es nur noch sein Bein, das ihm wirklichen Kummer bereitete, aber auch insgesamt fühlte er sich einfach noch zu schwach, um mit einer Hand auf den Boxsack einzuprügeln, während er sich mit der anderen auf seinen Stock stützte …

Er stöhnte leise auf, als er an jenen Tag zurückdachte, der alles verändert hatte.

Sie waren bei Saint-Nazaire am Atlantik gewesen, um für eine kleinere Regatta zu trainieren. Bei seiner Crew handelte es sich um erfahrene Leute, von denen einige schon mit Louis zusammengearbeitet hatten. Sie wussten, was sie taten. Und es war dumm und leichtsinnig von Laurent gewesen, nicht auf ihre Warnungen zu hören, als der Sturm aufzog.

Er hatte die schiere Gewalt unterschätzt, mit der die Wellen über die Sorcière de la Mer hinwegrollten, der Wind an den Segeln rüttelte und zerrte. Es war ein dummer Anfängerfehler gewesen, der ihm zum Verhängnis wurde. Der Segelbaum traf ihn am Kopf, er stürzte, prallte mit dem Bein gegen die Reling und wäre beinahe über Bord gegangen. Zum Glück für ihn hatte Michel, mit dem er schon seit Schulzeiten befreundet war, blitzschnell reagiert. In den brodelnden Fluten des Ozeans hätte er sonst wohl nicht überlebt.

Erst im Krankenhaus war er zu sich gekommen – angeschlossen an Schläuche, das Piepen der Apparate immer im Ohr. Zunächst hatte sein Zustand sehr viel schlechter ausgesehen, als er letztendlich war. Heute stand sogar fest, dass er sein derzeit noch fast steifes Bein eines Tages wieder weitgehend normal würde bewegen können – aber das genügte ihm nicht.

Und zwar deshalb, weil die Ärzte ihm auch klargemacht hatten, dass er künftig auf den Segelsport würde verzichten müssen. Derartige Belastungen würde sein Bein nicht aushalten.

Doch genau das war der Punkt, bei dem Laurent keinerlei Kompromisse eingehen konnte. Er würde diesen Sport weiter ausüben. So lange, bis er sein Ziel erreicht hatte. Nichts und niemand würde ihn davon abhalten können. Und wenn es wirklich ein Risiko für ihn und seine Gesundheit darstellte, so würde er es eingehen.

Für Louis. Es muss einfach sein.

Bei dem Gedanken an seinen Bruder verspürte Laurent einen schmerzhaften Stich in der Brust, und plötzlich waren sie wieder da, die Geister der Vergangenheit, die er jeden Tag aufs Neue vergeblich zu verdrängen versuchte und die …

„Laurent, mon fils, was ist jetzt schon wieder passiert?“

Die Stimme seiner Tante riss ihn aus seinen Gedanken. Seufzend verdrehte er die Augen. Er kannte die Standpredigt, die unweigerlich folgen würde, schon auswendig.

Oui, ich weiß, was du sagen willst“, sagte er und sah sie an, als sie sich zu ihm an den Tisch setzte. „Ich brauche jemanden, der mich im Haushalt unterstützt, und die junge Frau eben war sicher sehr nett und fähig.“

Vor allem hat sie verteufelt gut ausgesehen, fügte er in Gedanken hinzu. So gut, dass er sie am liebsten in die Arme gezogen und …

Schluss damit! rief er sich selbst zur Ordnung. Solche Fantasien sollte er am besten unterbinden, ehe sie sein Gehirn vernebeln konnten.

„Und warum hast du sie dann fortgeschickt?“, fragte seine Tante kopfschüttelnd.

„Ich habe sie nicht fortgeschickt. Sie ist gegangen.“

Oui, aber bestimmt nicht einfach so. Du hast sie vergrault, genau wie die Bewerberinnen zuvor auch.“

„Pah, die!“ Laurent zog die Brauen zusammen, als er an die vielen Frauen dachte, die seine Tante ihm in der letzten Zeit vorgestellt hatte. Sie alle hatten eines gemeinsam gehabt: Sie hätten alles getan, um den Job zu bekommen. Hatten ihn behandelt wie einen Invaliden, der nicht einmal allein die Gabel zum Mund führen konnte. Allein die Bewerberin vor Charlotte, die er vorhin aus dem Haus gejagt hatte! Als er sie gebeten hatte, ihm ein Glas Wasser einzuschenken – eine Bitte, der sie natürlich umgehend gefolgt war –, kam doch tatsächlich die Frage von ihr, ob er sich nicht vielleicht ins Bett legen wolle, um sich zu schonen. Seine restlichen Fragen könne sie ja auch an seinem Krankenlager beantworten, hatte sie gemeint. Unfassbar! Laurent schüttelte den Kopf. Begriffen all diese Frauen denn nicht, dass er zwar vielleicht ein wenig gehandicapt, aber ganz sicher kein schwer kranker Mann war? Himmel, er brauchte eine Hausangestellte – keine Krankenschwester!

Nun, eine hat sich nicht so verhalten, ganz und gar nicht sogar …

Er nickte bedächtig. Charlotte. Ja, sie hatte im Grunde genau das getan, was er sich seit Tagen sehnlichst wünschte: Sie hatte ihn ganz normal behandelt und ihn sogar aufgefordert, sich sein Wasser selbst einzuschenken. Als er daraufhin – natürlich nur, um sie zu provozieren – vorgab, krank zu sein, hatte sie ihn sogleich in seine Schranken gewiesen.

Eine Frau ganz nach seinem Geschmack!

Und warum hast du sie dann ziehen lassen? Hättest du sie nicht einfach zurückrufen können, als sie Anstalten machte zu gehen?

„Ich würde wirklich zu gern wissen, was diese Charlotte wieder falsch gemacht hat, dass sie dir nicht genügt“, hörte er seine Tante murmeln.

„Gar nichts“, erwiderte er spontan.

Erstaunt blickte Tante Pauline auf. „Comment?“

„Ich sagte, sie hat gar nichts falsch gemacht. Im Gegenteil: Sie ist die perfekte Kandidatin für diesen Job. Du hast doch ihre Telefonnummer noch, n’est-ce pas?“

Es war so still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Charlotte saß auf dem Klavierhocker im Arbeitszimmer ihres Großvaters und starrte ins Leere. Staub schwebte in der Luft und schimmerte im Licht des schwindenden Tages, das zum Fenster hineindrang. Er lag auf dem Klavierdeckel, dem Tisch und dem alten Sekretär mit dem Geheimfach, den sie als Kind so geliebt hatte. Über dem ganzen Haus lag eine Traurigkeit, die beinahe greifbar zu sein schien.

Vielleicht stimmte es ja tatsächlich, was manche Leute behaupteten, und die Stimmung eines Bewohners ging auf ein Gebäude über. Wenn dem so war, dann wunderte sie sich über gar nichts mehr.

Beim Gedanken an ihren Großvater verspürte Charlotte einen schmerzhaften Stich. Und Wut. Wut auf einen Mann, dem sie heute zum ersten Mal begegnet war.

Laurent Laferre.

Es war gerade mal ein paar Tage her, seit sie in Grand-pères Unterlagen auf Aufzeichnungen gestoßen war, die auf etwas Ungeheuerliches hindeuteten. So war es ihrem Großvater offenbar in den letzten Jahren sehr schlecht gegangen. Er hatte Schulden gehabt, die einst so beliebten, von ihm komponierten Chansons waren nicht mehr gefragt, und am Ende stand er kurz davor, sein Haus zu verlieren.

Das Haus, in dem schon er und später seine Tochter – Charlottes Mutter – geboren worden waren.

Um das zu verhindern, hatte er zum letzten Strohhalm gegriffen, der sich ihm bot: Statt der Musik, die er so mochte und liebte, hatte er sich entschlossen, Melodien für Werbespots zu komponieren. Kurze, eingängige und moderne Stücke. Einige davon hatte er seinen Unterlagen zufolge an Laurent Laferre geschickt und sie ihm angeboten. Doch er bekam nie eine Antwort und glaubte, die Sache habe sich erledigt – bis er eines Tages eine dieser Melodien als Werbejingle im Radio hörte.

Als Werbung für die neue Kosmetiklinie von Grâce d’Hiver.

Damals stand für ihn fest, dass Laurent Laferre ihn bestohlen hatte. Doch er hatte kein Geld gehabt, um sich einen Anwalt zu nehmen und gegen den Unternehmer vorzugehen.

Kurz darauf starb Gustave einsam an gebrochenem Herzen in seinem geliebten Haus.

Das zumindest glaubte Charlotte – denn sie konnte einfach nicht an einen Zufall glauben. Ihr Großvater hatte für die Musik gelebt, und Laferre hatte sie ihm gestohlen. Und damit war er auch für seinen Tod verantwortlich.

Genau aus diesem Grund hatte sie beschlossen, etwas zu tun. Sie wollte, dass der Schwindel aufflog. Nicht nur aus finanziellen Gründen. Sicher, sie machte keinen Hehl daraus: Die Tantiemen, die Gustave eigentlich zugestanden hatten, konnte sie gut gebrauchen. Aber nicht um sich selbst zu bereichern, sondern um das Erbe ihres Großvaters erhalten zu können.

Der hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als seiner Enkelin sein Haus zu vermachen, das ging aus seinem Testament hervor. Doch eines stand fest: Sollte es ihr nicht gelingen, innerhalb kürzester Zeit an eine beträchtliche Geldsumme zu kommen, würde das Haus zwangsversteigert werden.

Und der einzige Weg, das zu verhindern, bestand darin, Laurent Laferre als Betrüger zu entlarven. Doch wie sollte sie vorgehen? Zunächst hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich einen Anwalt zu nehmen oder einen Privatermittler zu engagieren. Aber dazu fehlten ihr einfach die nötigen finanziellen Mittel. Deshalb hatte sie sich bei Laferre einschleichen wollen. Als sie die Anzeige entdeckt hatte, in der die Familie Laferre eine Haushaltshilfe suchte, hatte sie sofort reagiert. Ihr Plan war klar gewesen: Sie hatte gehofft, in den privaten Räumen auf Unterlagen zu stoßen, die sie als Beweise nutzen konnte.

Sie hatte diesen Plan auch schon mit der langjährigen Managerin ihres Großvaters besprochen. Beatrice Dubois hatte sie hier bei ihrer Ankunft in Frankreich empfangen und sie mit sämtlichen geschäftlichen Unterlagen ihres Großvaters vertraut gemacht. Kurz darauf hatte sie verreisen müssen, weil sie sich um andere Schützlinge zu kümmern hatte. Allerdings war sie nicht aufgebrochen, ohne Charlotte zuvor eindringlich ins Gewissen zu reden und ihr von ihrem Vorhaben, sich bei Laferre einzuschleichen, abzuraten.

„Das kann einfach nicht gut gehen, Charlotte“, waren ihre Worte gewesen. „Damit werden Sie wahrscheinlich nichts erreichen, außer sich am Ende selbst Ärger einzuhandeln.“

Charlotte hatte nicht auf ihre Worte gehört, doch nun war ihr Plan schon im Ansatz gescheitert. Jetzt gab es für sie keine Chance mehr, für Gerechtigkeit zu sorgen und das Haus ihres Großvaters behalten zu können. Im Grunde hätte sie sich das alles also auch gleich sparen können.

Sie drehte sich auf dem Klavierhocker um, sodass sie nun die Tasten direkt vor sich hatte. Es war eine kleine Ewigkeit her, seit sie zuletzt gespielt hatte, doch die Tasten schienen förmlich nach ihr zu rufen.

Wie von selbst legten sich ihre Finger darauf und fingen an, eine Melodie zu spielen, die ihr Großvater vor vielen Jahren für sie geschrieben hatte. Charlotte hatte, seit sie mit ihren Eltern nach England gegangen war, zwar noch oft an sie gedacht, sie allerdings nie mehr gespielt. Ihre Hände aber erinnerten sich noch ganz genau an die Tonfolge.

Sie schloss die Augen und ließ sich einfach von der Musik davontragen. Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Frankreich fühlte sie, wie etwas von der inneren Anspannung, die sie verspürte, von ihr abfiel.

Es war, als würde sie nach Hause kommen – an einen Ort, den sie längst vergessen zu haben glaubte.

Sie blinzelte irritiert, als der Klingelton ihres Handys die friedvolle Stimmung zerstörte. Auf dem Display wurde eine unbekannte Nummer angezeigt. Charlotte runzelte die Stirn und drückte den Rufannahmeknopf.

„Ja, bitte?“

„Ich spreche mit Charlotte Forgeron?“

Ihr stockte das Herz für einen Moment, als sie Laurent Laferres Stimme erkannte. „Ich … Ja, am Apparat. Spreche ich mit Monsieur Laferre?“

„Genau. Können Sie übermorgen früh um Punkt acht Uhr bei mir sein?“

Sie räusperte sich. Was hatte das zu bedeuten? „Ja“, antwortete sie. „Natürlich. Aber …“

„Bringen Sie Gepäck mit. Sie haben die Stelle.“

Ehe Charlotte noch etwas erwidern konnte, signalisierte ihr ein Knacken in der Leitung, dass Laurent Laferre aufgelegt hatte.

3. KAPITEL

Charlotte war angespannt wie schon lange nicht mehr, als sie zwei Tage später frühmorgens das Anwesen von Laurent Laferre erreichte. Sie gestand es sich nur ungern ein, aber es war der Hausherr selbst, der sie so nervös machte. Sie fühlte sich wie auf glühenden Kohlen, als sie in dem elegant eingerichteten Empfangsraum wartete, in den sie von einem Dienstboten geführt worden war. Eine bequem aussehende, cremefarbene Couchgarnitur lud zum Hinsetzen ein, doch Charlotte zog es vor, stehen zu bleiben – oder besser, unruhig im Raum auf und ab zu gehen.

Als sie hörte, wie eine Tür geöffnet wurde, wirbelte sie erschrocken herum. Doch es war nur Madame Marceau, die sie mit einem milden Lächeln bedachte.

„Seien Sie ganz entspannt, ma chère. Ich bin sicher, dass Sie meinen Neffen schon bändigen werden. Sie unterscheiden sich deutlich von den anderen Bewerberinnen.“ Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß zwar nicht, woran es liegt, aber bei Ihnen habe ich einfach ein gutes Gefühl. Aber jetzt erst einmal: herzlich willkommen! Laurent musste leider bereits in aller Frühe ins Büro. Er wird aber gegen Mittag zurück sein und dann auch das Vertragliche mit Ihnen regeln. Jetzt zeige ich Ihnen erst einmal, wo Sie für die Dauer Ihrer Anstellung wohnen werden. Übrigens, ich würde mich freuen, wenn Sie mich einfach Pauline nennen.“ Sie lächelte. „Das macht das Ganze doch etwas persönlicher.“

„Sehr gern, ich bin Charlotte!“ Sie folgte der älteren Frau, die sie durch die Eingangshalle über die breite Treppe hinauf zur Empore ins Obergeschoss führte. Am Ende eines lang gestreckten Korridors öffnete Madame Marceau eine Tür und trat zur Seite. „Et voilá“, sagte sie. „Ihr neues Domizil. Ich hoffe, es gefällt Ihnen.“

Staunend blickte Charlotte sich um. Das Zimmer war zwar nicht sehr groß, aber ungemein behaglich eingerichtet. Altmodische Blümchentapeten schmückten die Wände, an denen Bilder von Künstlern aus der Region hingen. Bei den Eichenmöbeln – einer schweren Kommode, einem Himmelbett und einem Sekretär – handelte es sich zweifelsfrei um Antiquitäten, und der Teppich war so dick und weich, dass er die Geräusche ihrer Schritte komplett verschluckte.

„Ihnen steht natürlich ein eigenes Badezimmer zur Verfügung“, erklärte Pauline und öffnete eine Zwischentür. Charlotte trat ein und lächelte entzückt. Was für ein hübsches kleines Badezimmer! Die Emaille des Waschbeckens und der frei stehenden Wanne war mit einem blauen Blütenmuster dekoriert. Goldfarbene Armaturen, Handtuchhalter und Dekorationen rundeten das verträumt-romantische Ambiente ab, ohne ins Kitschige abzugleiten.

„Das ist … wirklich wunderschön“, stieß sie begeistert hervor. „Ich komme mir vor wie eine richtige Prinzessin – dabei bin ich bloß Ihre Haushälterin.“

„Sie sagen das so abfällig“, stellte die ältere Frau fest. „Gefällt Ihnen Ihr Beruf denn nicht?“

Charlotte verfluchte sich im Stillen. Wie hatte sie so unvorsichtig sein können? „Doch“, versicherte sie der Tante ihres neuen Arbeitgebers rasch. „Doch, natürlich. Es ist nur … In den meisten Familien wird man nicht so herzlich aufgenommen.“

Pauline lachte. „Nun, betrachten Sie die Unterbringung als kleinen Ausgleich dafür, dass Sie die Launen meines Neffen ertragen müssen. Laurent ist nicht immer ganz einfach. Glauben Sie mir, manchmal treibt er auch mich in den Wahnsinn. Ich kann nur hoffen, dass Sie über seine schroffe Art hinwegsehen können. Sie sind mir wirklich sympathisch, und offen gestanden weiß ich nicht, wo ich noch eine Haushaltshilfe herbekommen soll, wenn Sie das Handtuch werfen.“

Charlotte nickte stumm. Die ältere Dame tat ihr leid. Sie hing offenbar sehr an ihrem Neffen, auch wenn dieser ein ausgemachtes Scheusal war.

„Ich bin sicher, dass ich zurechtkommen werde, Pauline“, entgegnete sie. „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich bin ziemlich hart im Nehmen.“

„Ich fürchte, das müssen Sie auch sein.“ Paulines Lächeln verblasste zusehends. Einen Moment lang schaute sie nachdenklich ins Leere, dann machte sie eine wegwerfende Handbewegung. „Aber was rede ich? Kommen Sie erst einmal an und richten Sie sich ein. Sie sollen sich hier wie zu Hause fühlen. Ich lasse Ihnen dann Bescheid geben, sobald Laurent aus dem Büro zurückkehrt. Ansonsten sehen wir uns spätestens beim Mittagessen.“

Die ältere Französin verließ das Zimmer, und sobald Charlotte allein war, ließ sie sich auf das weiche, bequeme Bett sinken. Nachdenklich starrte sie vor sich hin. Zunächst wusste sie nicht recht, was sie so beschäftigte, dann wurde ihr klar, dass es ihr eigenes Verhalten war.

Ihr Verhalten Pauline Marceau gegenüber.

Die ältere Dame hatte sie so herzlich aufgenommen, dass Charlotte nun ein schlechtes Gewissen bekam. Was tat sie hier eigentlich? Sie schlich sich unter einem falschen Vorwand auf dieses Anwesen und womöglich in die Herzen einiger Menschen ein, die sie zwangsläufig jeden Tag aufs Neue belügen und eines Tages bitter enttäuschen musste. War das richtig? Und konnte sie das überhaupt durchhalten? Sie gehörte nicht zu den Frauen, die keinerlei Probleme damit hatten, zu lügen. Und sie selbst akzeptierte es ebenso wenig, belogen zu werden. Wie sollte sie da also ihren Plan verfolgen, ohne täglich mit ihrem Gewissen in Konflikt zu geraten? Dummerweise hatte sie sich über genau diesen Punkt vorab keinerlei Gedanken gemacht.

Andererseits – warum zerbrach sie sich überhaupt den Kopf? Immerhin hatte sie es hier mit einem viel größeren Lügner und Betrüger zu tun. Wenn es stimmte, was sie vermutete, ging Laurent Laferre für seinen Reichtum und seine Macht über Leichen. Dagegen waren ihre Sünden nicht mehr als ein Klecks auf der Leinwand.

Aber es geht hier nicht nur um ihn, sondern auch um seine Tante. Eine liebenswürdige ältere Dame, die dich wie ein Familienmitglied aufgenommen hat.

Das stimmte. Und dennoch – Charlotte blieb keine Wahl. Sie musste bleiben und so vorgehen, wie sie es geplant hatte. Ihrem Großvater zuliebe.

Es war kurz vor zwölf, als derselbe Dienstbote, der Charlotte am Morgen ins Haus gelassen hatte, an ihre Zimmertür klopfte und ihr mitteilte, dass Monsieur Laferre sie in seinem Arbeitszimmer erwartete.

Mit klopfendem Herzen machte sie sich kurze Zeit später auf den Weg ins Erdgeschoss, nachdem der Bote ihr kurz beschrieben hatte, wo genau sich der Raum befand. Obwohl sie seit Stunden ungeduldig darauf gewartet hatte, ihren künftigen Arbeitgeber wiederzusehen, fürchtete sie sich vor dem Augenblick, in dem sie ihm gegenübertreten musste. Sie war längst nicht so selbstsicher, wie sie Pauline gegenüber behauptet hatte. Ganz im Gegenteil sogar.

Schon von Weitem hörte sie Laurent Laferres aufgebrachte Stimme: „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du dich gefälligst aus meinen Angelegenheiten heraushalten sollst?“

„Das kannst du sagen, so oft du willst, mon fils“, hörte sie seine Tante. „Aber erwarte nicht, dass ich mich daran halte, solange du dir diese verrückte Idee nicht aus dem Kopf schlägst. Du bist noch immer nicht wieder ganz auf dem Damm, Junge. Es wäre vollkommen verrückt, deine Genesung aufs Spiel zu setzen, indem du an dieser Segelregatta teilnimmst!“

Zwar hatte Charlotte keine Ahnung, wovon überhaupt die Rede war, die Physiotherapeutin in ihr musste Pauline jedoch zustimmen. Aus den Medien wusste sie, welche Verletzungen sich Laurent zugezogen hatte. Aus Erfahrung konnte sie sagen, dass es riskant war, nach einer solchen Verletzung zu früh wieder Leistungssport zu betreiben. Und eine Segelregatta mochte nicht nach viel klingen, war aber mit großen körperlichen Anstrengungen verbunden. Sie schüttelte den Kopf. Laurent spielte doch nicht allen Ernstes mit dem Gedanken, so bald schon …

„Sie sollten auf Ihre Tante hören“, sagte sie, kaum dass sie den Raum betreten hatte – und erstarrte.

Die Worte waren einfach so aus ihr hervorgesprudelt – wieder einmal. Jetzt sah sie, wie sich die Blicke von Laurent und seiner Tante auf sie richteten. Beide saßen sich an einem großen, wuchtigen Schreibtisch gegenüber, der den Mittelpunkt des großen Arbeitszimmers darstellte. Das große Fenster hinter Laurent bot einen fantastischen Ausblick auf den Garten, und der gesamte Raum war mit alten, kostbaren Möbeln ausgestattet. Gar nicht hier hineinzupassen schien der große Boxsack, der direkt neben dem Schreibtisch an der Decke hing. Er wirkte wie ein Fremdkörper.

Charlotte schluckte angestrengt. Mit einem Mal war es so still geworden, dass sie glaubte, ihren eigenen hämmernden Herzschlag durch den Raum hallen hören zu können.

Da stand Pauline auf und kam auf sie zu. Lächelnd legte sie ihr eine Hand auf die Schulter. „Ach, Kindchen, vielleicht gelingt es Ihnen ja, meinen Neffen zur Vernunft zu bringen“, sagte sie mit einem Kopfschütteln. „Aber ich fürchte, er ist und bleibt unbelehrbar.“

Nach diesen Worten verließ sie den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Nun war Charlotte mit Laurent allein. Und wieder war es mucksmäuschenstill. Zumindest, bis Laurent das Wort ergriff.

„Wie war das eben?“ Seine Stimme klang schneidend, und der Blick, mit dem er Charlotte fixierte, war so durchdringend, dass sie das Gefühl hatte, er könne bis auf den Grund ihrer Seele blicken. Was natürlich Unfug war.

Sie räusperte sich angestrengt, bekam aber den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, kaum weg, sodass ihr die Worte nur sehr leise und krächzend über die Lippen kamen. „Ich … ich habe lediglich Ihrer Tante zugestimmt“, sagte sie.

„Und wer gibt Ihnen das Recht dazu? Sie wissen doch noch nicht einmal, worum es geht?“

Sie schüttelte nervös den Kopf. „Soweit ich herausgehört habe, wollen Sie an einer Regatta teilnehmen, obwohl die Ärzte dagegen sind. Und auch ich sehe das so. In Ihrem jetzigen Zustand wäre es grundverkehrt, wieder mit dem Segelsport zu beginnen. Falls es überhaupt jemals wieder möglich sein wird, dann ganz bestimmt noch nicht jetzt. Sie würden sämtliche bisherigen Behandlungserfolge aufs Spiel setzen und …“

„Sind Sie Ärztin?“

Sie biss sich auf die Unterlippe. Wie hatte sie bloß wieder einmal so unbedacht drauflosreden können? Hatte sie etwa vergessen, weshalb sie Laurents Meinung nach hier war? Heute war ihr erster Tag als seine Hausangestellte – was musste er dann von ihr denken, wenn sie mit medizinischem Wissen um die Ecke kam?

Sie beschloss, zumindest in einigen Punkten ehrlich zu sein, in der Hoffnung, so von ihrer eigentlichen Lüge abzulenken. „Ich … bin ausgebildete Physiotherapeutin“, erklärte sie.

Er runzelte die Stirn. „Und warum sind Sie nicht mehr in Ihrem Beruf tätig?“

„Wie schon gesagt, ich bin erst vor Kurzem nach Frankreich gekommen, und hier auf die Schnelle eine geeignete Anstellung zu finden, ist nahezu unmöglich.“

„Aber Sie sagten auch, dass Sie Referenzen als Hausangestellte vorzuweisen haben.“

„Ich habe auch in dem Bereich gearbeitet, ja. Immer mal wieder. Wenn das Geld knapp war“, log sie.

„Also geht es Ihnen doch nur ums Geld.“

„Nein, natürlich nicht, ich …“ Sie schüttelte den Kopf und atmete tief durch. „Hören Sie, was soll das? Sie haben mich angerufen, weil Sie mich doch einstellen wollen. Nun bin ich hier. Und ehrlich gesagt würde ich mir wünschen, dass wir uns diese leidigen Diskussionen sparen und Sie mich stattdessen endlich meinen Vertrag unterzeichnen lassen. Anschließend kann ich mich dann endlich an die Arbeit machen. Hier gibt es sicher einiges im Haushalt zu erledigen.“

„Aber nicht für Sie.“

Charlotte erstarrte. Was sollte das jetzt schon wieder? Hatte er es sich nun doch anders überlegt und wollte sie nicht einstellen? Sie spürte, wie ihr bei dem Gedanken ganz flau in der Magengegend wurde. Das hätte ihr gerade noch gefehlt.

Sie räusperte sich. „Ich … verstehe nicht.“

„Setzen Sie sich.“ Er deutete auf den Stuhl, auf dem eben noch seine Tante gesessen hatte.

Zögernd ging Charlotte darauf zu und nahm schließlich Platz. Jetzt, wo sie Laurent direkt gegenübersaß, konnte sie nicht anders, als erneut festzustellen, was für ein unglaublich attraktiver Mann er war. Dabei war es nicht nur sein Aussehen, das ihn ausmachte. Ja, er sah gut aus, keine Frage. Aber vor allem war es seine Ausstrahlung, die sie sofort in ihren Bann zog. Charlotte konnte sich beinahe bildlich vorstellen, wie sämtliche Gespräche in einem voll besetzten Saal von einer Sekunde zur anderen verstummten, bloß weil Laurent eintrat. Sie zweifelte nicht daran, dass er stets alle Blicke auf sich zog.

„Starren Sie fremde Männer immer so an?“

Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

Charlotte spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Verlegen senkte sie den Blick. „Ich … es tut mir leid.“

„Das braucht es nicht.“ Er winkte ab und lehnte sich zurück. „Ich bin mir sehr wohl bewusst, welche Wirkung ich auf Frauen ausübe.“

Sie riss die Augen auf. Unglaublich, welches Ego dieser Mann besaß! Doch damit war er bei ihr an der falschen Adresse. „Ihre Wirkung auf Frauen ist mir herzlich egal“, gab sie spitz zurück. „Ich habe mich lediglich gefragt, warum ich auf einmal nicht mehr für Sie arbeiten soll.“

„Wer sagt, dass Sie das nicht sollen?“

„Aber Sie haben doch eben gesagt …“

„Ich sagte, dass Sie nicht meinen Haushalt erledigen werden“, erklärte er, beugte sich vor und sah ihr direkt in die Augen.

Charlotte spürte, wie ihr Mund trocken wurde. „Und was … was soll ich dann tun?“

„Sie sagten doch eben, dass Sie ausgebildete Physiotherapeutin sind. Das stimmt doch, oder?“

Sie nickte. „Ja, ich …“

„Gut, dann sind Sie ab heute nicht irgendeine, sondern meine Physiotherapeutin. Ich stelle Sie hiermit ein. Für acht Wochen. In der Zeit machen Sie mich so weit fit, dass ich an der nächsten, für mich wichtigen Regatta teilnehmen kann. Gelingt es Ihnen nicht, müssen Sie mit dem Gehalt auskommen, das ich Ihnen bis dahin gezahlt habe. Gelingt es Ihnen, erhalten Sie einen Bonus in fünfstelliger Höhe.“

„Ich … ich weiß nicht recht, was …“

„Sechsstellig.“

Sie sah ihn fassungslos an. „Wie bitte?“

„Ich habe soeben die Bonuszahlung erhöht. Sie erhalten nun eine sechsstellige Summe, sofern Sie mich innerhalb der genannten Frist fit machen.“

„Aber das geht nicht.“ Charlotte zog die Brauen zusammen. Seufzend breitete sie die Arme aus. „Hören Sie, ich bin sicher, Sie haben bereits einige sehr gut bezahlte Therapeuten, die …“

„Allesamt unfähig sind“, fiel er ihr ins Wort. „Deshalb werde ich die ganze Bande noch heute feuern. Ich will Sie, verstanden? Und ich bin bereit, gut dafür zu bezahlen. Um den Haushalt kann sich sonst jemand kümmern. Bei Gott, wenn das der Preis ist, akzeptiere ich halt doch eine dieser Frauen, die die Agentur mir geschickt hat. Hauptsache, Sie nehmen meinen Vorschlag an. Also?“

Charlotte zögerte, während ihre Gedanken rasten. Eines war sicher: Laurent Laferre meinte es bitterernst. Er wollte unbedingt so schnell wie möglich wieder fit werden, um weiter dem Segelsport nachgehen zu können. Der Himmel wusste, warum er davon so besessen war, aber sie konnte es nicht ändern. Ja, sie hielt es für einen Fehler, aber im Grunde war das nicht ihr Problem. Wichtig für sie war nur, die nächsten Wochen für ihn arbeiten zu können, um in der Zeit nach Beweisen für seine Machenschaften zu suchen.

Der Rest konnte ihr egal sein.

Deshalb nickte sie schließlich. „Also gut“, sagte sie. „Aber machen Sie sich darauf gefasst, dass das Ganze kein Zuckerschlecken für Sie wird.“

„Genau das wollte ich hören“, erwiderte er zufrieden. „Also … Ihre Aufgabe für den Rest des Tages ist es, einen Therapieplan auszuarbeiten. Sie haben absolut freie Hand und können komplett über meine Zeit verfügen. Am Abend lege ich Ihnen Ihren Vertrag vor, morgen früh fangen wir an. Und jetzt lassen Sie mich bitte allein. Ich muss eine Menge Termine absagen.“

Hastig stand Charlotte auf. „Natürlich“, sagte sie, und als sie gleich darauf den Raum verließ, wusste sie, dass es ein wenig wie eine Flucht wirken musste.

Und im Grunde war es das auch. Eine Flucht vor Laurent Laferre und vor den irritierenden Gefühlen, die er in ihr ausgelöst hatte. Doch als sie kurze Zeit später ihr Zimmer erreichte, wurde ihr klar, dass es eine Sache gab, vor der sie nicht davonlaufen konnte: das Kribbeln in ihrem Bauch, das sie verspürte, sobald sie auch nur an ihn dachte.

Oui, mach es bitte genau, wie ich es gesagt habe. Alle Termine in den nächsten zwei Wochen. Keine Ausnahmen! Um alles andere soll sich Gilbert kümmern. Wozu seid ihr beide schließlich meine Stellvertreter? Und außerdem kommt Yvette auch bald aus Hongkong zurück. Sie kann die Meetings übernehmen, bei denen dringend die Anwesenheit eines Partners erforderlich ist. Ich verlasse mich auf euch. Also, au revoir!“

Laurent beendete das Telefonat mit Sophie Saint-Germain, seiner rechten Hand in allen geschäftlichen Angelegenheiten, und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er nahm den Bericht zur Hand, den er in der heutigen Post vorgefunden hatte. Der Detektiv, den er engagiert hatte, war bisher auf keine sachdienlichen Hinweise gestoßen.

Seufzend fuhr Laurent sich mit einer Hand durchs Haar. Er hatte sich mehr erhofft. Schon seit einigen Monaten gelangten Betriebsgeheimnisse auf dunklen Kanälen zur Konkurrenz. Und wer immer auch die undichte Stelle sein mochte, sie hatte bisher keine Spuren hinterlassen. Es war frustrierend. Vor allem, da er eigentlich keine Lust hatte, sich mit diesem Problem herumzuschlagen. Andererseits gab es niemanden sonst, den er mit dieser Aufgabe betrauen wollte. Praktisch jeder konnte der Betriebsspion sein. Und auch wenn er natürlich bereit war, für Mitarbeiter wie Sophie, Gilbert und viele andere die Hand ins Feuer zu legen – sicher war sicher.

Noch war nicht viel passiert, der wirtschaftliche Schaden hielt sich in Grenzen. Aber das bedeutete nicht, dass das auch so bleiben würde. Es gab ein paar Dinge, die niemals in die falschen Hände geraten durften. Ansonsten konnte Grâce d’Hiver in ziemliche Schwierigkeiten geraten.

Kurz schloss Laurent die Augen, um ein wenig zu entspannen – doch sofort erschien sie vor seinem geistigen Auge, und er stöhnte gequält auf.

Charlotte …

Er wusste nicht, was mit ihm los war, aber seit sie zum Vorstellungsgespräch bei ihm aufgetaucht war, ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihr zauberhaftes Gesicht, ihr Lächeln und ihre sinnlichen Lippen … Als sie ihm eben gegenübergesessen hatte, hatte er sich nur mit Mühe beherrschen können. Am liebsten wäre er aufgestanden, um den Tisch herumgegangen, um sie in seine Arme zu ziehen und sie leidenschaftlich zu küssen, so lange, bis …

Er schüttelte den Gedanken ab wie ein lästiges Insekt. Himmel, was war bloß mit ihm los? Er sollte sich Charlotte schnellstens aus dem Kopf schlagen. Sie und jede andere Frau, die imstande war, sich in sein Herz zu schleichen. Für so etwas hatte er im Augenblick wirklich keine Zeit, lenkte es ihn doch nur von seinem wichtigen Vorhaben ab: der bevorstehenden Segelregatta.

Er wusste, es waren noch vier Monate bis dahin, aber von diesen vier Monaten war jeder einzelne Tag, jede einzelne Stunde wichtig. Äußerst wichtig. Wenn er es wirklich schaffen wollte, daran teilzunehmen. Und das wollte er.

Für Louis.

Wieder dieser schmerzhafte Stich in seiner Herzgegend, sobald er an ihn dachte. So ging es, seit sein Bruder gestorben war. An dieser schrecklichen Krankheit, die ihn in der Blüte seines Lebens innerhalb kürzester Zeit dahingerafft hatte.

Es war nun gerade einmal anderthalb Jahre her. Und damals war das Verhältnis zwischen ihm und seinem Bruder nicht das beste gewesen, woran er allein die Schuld trug. Hätte er doch nur auf Louis gehört und …

Doch es brachte nichts, weiter darüber nachzudenken. Das Geschehene konnte nicht geändert werden. Jetzt lag es an ihm, zumindest sein Versprechen einzuhalten.

Und genau deshalb wollte – musste – er an dieser Regatta teilnehmen. Was auch kein Problem gewesen wäre. Im Gegenteil, er war weit gekommen, hatte keinen Zweifel mehr daran gehabt, dass er als Sieger aus diesem Rennen hervorgehen würde.

Bis dieser verfluchte Unfall geschah.

Nach den ersten Tagen im Krankenhaus hatten die Ärzte ihm keinerlei Hoffnung gemacht, dass er die nächsten Jahre ohne Rollstuhl auskommen könnte. Doch er hatte nichts auf dieses Geschwätz gegeben. Für ihn hatte festgestanden, dass er es schaffen würde, schon bald wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Und siehe da – inzwischen war er nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen, sondern nur noch auf einen Gehstock. Dank seines eisernen Willens. Jetzt tat er alles dafür, bald wieder segeln zu können. Er wusste, was die Leute davon hielten. Sowohl seine Tante als auch seine bisherigen Therapeuten und die Ärzte rieten ihm dringend davon ab. Aber was sollte er machen? Aufgeben? Niemals! Nein, die nächsten Wochen würde er noch verbissener kämpfen als bisher, und genau aus diesem Grunde konnte er keinerlei Ablenkung gebrauchen, schon gar keine weibliche.

Deshalb wäre es am besten gewesen, Charlotte nach Hause zu schicken. Wahrscheinlich hätte er das auch spätestens in ein paar Tagen getan. Doch nun hatte er erfahren, dass sie Physiotherapeutin war. Wusste der Himmel, warum – aber aus irgendeinem Grund hatte er sofort gespürt, dass sie die Richtige für ihn und sein Vorhaben war. Er kannte sie nicht, hatte keinerlei Referenzen von ihr, aber er wusste: Mit ihrer Hilfe würde es ihm gelingen, seinen Plan in die Tat umzusetzen – und damit das Versprechen einzulösen, das er seinem Bruder am Sterbebett gegeben hatte.

Die Regatta, an der einst Louis hatte teilnehmen wollen, zu gewinnen.

Genau dafür brauchte er Charlotte. Dafür – und für nichts anderes sonst. Und sollte sie weiterhin irgendwelche anderen irritierenden Gefühle in ihm auslösen, dann würde er dies nicht weiter beachten. So einfach war das.

Punkt.

„Ich sagte doch schon, dass mir keine Zeit blieb, Sie vorab zu informieren, Beatrice“, sagte Charlotte in ihr Handy, während sie sich am frühen Abend im Garten von Laurents Anwesen die Beine vertrat. „Die Ereignisse haben sich einfach überschlagen.“

„Aber eine derartige Entscheidung können Sie doch nicht so überstürzen“, erklang sogleich die aufgebrachte Stimme der Managerin ihres Großvaters. „Sie gehen ein hohes Risiko ein.“

„Was für ein Risiko denn?“ Charlotte seufzte. „Hören Sie, Beatrice, ich glaube wirklich nicht, dass Sie sich Sorgen machen müssen. Ich will mich in der Zeit meines Aufenthaltes auf Monsieur Laferres Anwesen lediglich ein wenig umschauen. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn ich dabei auf irgendwelche Hinweise stoße, die mir von Nutzen sein könnten, werde …“

„Sie sollten die Sache auf sich beruhen lassen“, fiel die Managerin ihr ins Wort. „Ihr Großvater hätte nicht gewollt, dass Sie sich in eine solche Situation bringen.“

„Aber er wollte, dass ich einmal in seinem Haus lebe. In dem Haus, das nun kurz vor der Zwangsversteigerung steht, die ich nur abwenden kann, wenn ich etwas tue, um Laferres Schuld zu beweisen.“ Sie seufzte. „Und Ihnen müsste doch auch daran gelegen sein, dass der Schwindel auffliegt. Immerhin geht es dabei doch auch um Tantiemen, die Ihnen entgangen sind.“

„Natürlich, und ich …“

„Sehen Sie. Und da es keinen anderen Weg gibt, diese ganze Sache aufzuklären, bin ich hier. Vertrauen Sie mir, Beatrice, ich weiß, was ich tue.“

„Also gut“, antwortete die Managerin nach einer Weile des Schweigens zögerlich. „Aber bitte passen Sie gut auf sich auf. Laurent Laferre ist ein skrupelloser Geschäftsmann. Es gibt schon so manche, die es bitter bereuen, sich mit ihm angelegt zu haben.“

„Ich passe schon auf mich auf, keine Sorge.“ Nach diesen Worten beendete Charlotte das Telefonat und ließ ihr Handy in ihre Hosentasche gleiten.

Dann atmete sie tief durch und gestattete sich einen Augenblick lang, die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Die Gartenanlage war eine der schönsten, die Charlotte je gesehen hatte. Sanft geschwungene, sattgrüne Hügel wechselten sich ab mit üppig blühenden Blumenrabatten. Über einen Gartenteich, dessen Oberfläche mit Seerosenblättern bedeckt war, schwang sich eine Holzbrücke im asiatischen Stil. Zwischen dem Schilfrohr in Ufernähe zog eine Entenfamilie ihre Kreise.

Seufzend wandte sie sich um und wollte zum Haus zurückkehren, als sie Laurent an einem Fenster im Obergeschoss stehen sah.

Sofort spürte sie, wie ihr Herz schneller schlug. Dieser Mann machte ihr Angst, keine Frage. Und das aus gutem Grund. Er war verbittert und skrupellos und hatte ihrem Großvater viel Leid zugefügt. Sie wusste, dass es stimmte, was Beatrice gesagt hatte: Sie sollte besser vorsichtig sein, sonst würde sie es am Ende bereuen, sich hier eingeschlichen zu haben.

Sie spürte, wie sein Blick auf ihr ruhte, und ein Zittern durchlief ihren Körper. Dabei tat er überhaupt nichts. Stand einfach nur da und beobachtete sie. Dennoch kamen seine Blicke einer Berührung gleich, die ein prickelndes Gefühl auf ihrer Haut hinterließ.

Es traf sie wie ein Schock, als ihr klar wurde, dass es überhaupt keine Angst war, die sie so auf Laurent reagieren ließ. Nein, dieses Gefühl, das ihren Puls in die Höhe schnellen und es in ihrem Bauch kribbeln ließ, war etwas anderes.

Erregung.

Erschrocken drehte sie sich um und blickte wieder auf den Gartenteich. Doch sosehr sie sich auch bemühte, sich nur noch auf die Entenfamilie zu konzentrieren – es gelang ihr nicht, ihre Gedanken wieder in andere, ungefährlichere Bahnen zu lenken. Was sie auch tat, Laurent ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und die Gefühle, die er in ihr auslöste, wurden immer intensiver.

Auf was hatte sie sich da bloß eingelassen?

4. KAPITEL

Als Charlotte am nächsten Morgen von den zarten Sonnenstrahlen geweckt wurde, die durch das große Fenster ihres Zimmers fielen, war es noch nicht einmal acht Uhr. Doch zu ihrer eigenen Überraschung fühlte sie sich ausgeschlafen und erholt wie lange nicht mehr. Und das, obwohl sie in der vergangenen Nacht erst sehr spät Schlaf gefunden hatte.

Nachdem sie den gestrigen Abend damit verbracht hatte, Laurents Krankenakte zu studieren, die er ihr zur Verfügung gestellt hatte, war sie einige Stunden damit beschäftigt gewesen, einen Therapieplan für ihn auszuarbeiten. Dabei war die Zeit wie im Flug vergangen, und zu ihrer eigenen Überraschung war sie ganz darin versunken. Ihre Tätigkeit als Physiotherapeutin war nicht bloß ein Job wie jeder andere für sie, nein: Sie ging darin auf, anderen Menschen zu helfen, es machte ihr Freude und verlieh ihr das Gefühl, etwas zu leisten.

Damals, als sie sich nach der Schule entschlossen hatte, eine Ausbildung zur Physiotherapeutin zu machen, war ihre Mutter alles andere als angetan davon gewesen. Schlecht bezahlt, Überstunden, harte Arbeit … All das waren ihre Argumente gewesen, sie davon abzubringen. Michelle Forgeron hätte es viel lieber gesehen, wenn aus ihrer Tochter eine erfolgreiche Werbekauffrau geworden wäre, so wie sie selbst eine war. Doch Charlotte hatte nie so werden wollen wie ihre Mutter, die nur für Geld und Erfolg gelebt hatte.

Damals hatte sie sich tatsächlich einmal gegen sie durchgesetzt. Leider nur in dieser einen Hinsicht. In allen anderen Belangen hatte sie nicht die Kraft dafür gehabt.

Vor allem nicht, als es um Grand-père ging …

Traurig schüttelte sie den Kopf. Sie durfte jetzt auf keinen Fall in Selbstmitleid zerfließen. Dies war weder der richtige Ort noch die richtige Zeit dafür. Sie war nicht grundlos hier. Und es ging auch nicht darum, Laurent zu helfen, an dieser lächerlichen Regatta teilzunehmen, sondern einzig und allein darum, seine betrügerischen Machenschaften aufzudecken.

Sie stand auf und ging ins angrenzende Badezimmer. Nach einer kurzen Dusche zog sie sich an und beschloss, nach unten zu gehen. Zwar wusste sie nicht, ob Laurent schon wach war, aber sollte dies der Fall sein, wollte sie gleich ihren Therapieplan mit ihm besprechen.

Außerdem konnte sie die Gelegenheit nutzen, sich ein bisschen im Haus umzuschauen. Wichtig für sie war, eine Möglichkeit zu finden, sich so bald wie möglich ungestört in seinem Arbeitszimmer umsehen zu können.

Als sie das Erdgeschoss erreichte, stieg ihr sogleich der Duft von aromatischem Kaffee und frisch gebackenen Croissants in die Nase – herrlich! Ihr Magen begann vernehmlich zu knurren, und Charlotte beschloss, dem köstlichen Geruch zu folgen.

In der großen Küche, die sie kurz darauf betrat, erwartete sie schon ein reich gedeckter Tisch. Laurents Tante stand am Herd der Kücheninsel, die sich in der Mitte des Raumes befand, und lächelte ihr zu.

„Ah, Sie gehören also auch zu den Frühaufstehern“, sagte sie und deutete auf den Tisch. „Bitte, nehmen Sie doch Platz. Ich mache noch schnell die Eier fertig, dann können wir gemeinsam frühstücken.“

„Gern.“ Charlotte lächelte und folgte der Aufforderung. Doch als Pauline Marceau kurz darauf an den Tisch trat und dampfenden Kaffee in eine hübsche Porzellantasse goss, senkte sie verlegen den Blick.

„Was ist mit Ihnen?“, erkundigte die ältere Französin sich sogleich. „Geht es Ihnen nicht gut?“

„Doch, doch“, versicherte Charlotte. „Es ist nur …“ Sie seufzte. „Ich habe nur gerade daran denken müssen, dass ich ursprünglich als Hausangestellte hier arbeiten sollte, und nun …“

Pauline lachte. „Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil ich nun das Frühstück zubereite?“ Sie stellte die Kanne ab und machte eine abwinkende Handbewegung. „Bitte, machen Sie sich darüber keine Gedanken. Das, was ich machen kann, mache ich gerne. Es ging vor allem darum, jemanden zu finden, der sich um meinen Neffen kümmert, und er hat zugesichert, dass er bei der Auswahl nicht mehr so kritisch sein wird. Dass Sie Physiotherapeutin sind, ist ein glücklicher Zufall, und ich freue mich darüber, dass er seit gestern so guter Dinge ist. Allerdings …“

„Ja?“

Pauline setzte sich ihr gegenüber an den Tisch und sah sie nachdenklich an. Aus ihrem Blick sprach Besorgnis. „Ich habe ein bisschen Angst um meinen Neffen, wissen Sie? Um ehrlich zu sein, war ich froh, als die Ärzte sagten, dass er vorerst an keiner Regatta mehr teilnehmen kann. Ich wusste zwar, dass er sich weiterhin nur schwer würde davon abbringen lassen, es trotzdem zu versuchen, aber das waren für mich eher Hirngespinste. Dass Sie ihm nun dabei helfen wollen, sein Ziel zu erreichen, stimmt mich ein wenig ängstlich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte einfach nicht, dass Laurent etwas passiert. Die Sache mit Louis war schwer genug, und ich habe sie immer noch nicht wirklich verkraftet. Wenn jetzt auch noch Laurent etwas zustößt …“

„Louis?“ Charlotte runzelte die Stirn. „Der Name sagt mir nichts.“

„Natürlich, wie sollte er auch? Louis war Laurents Bruder. Er ist vor anderthalb Jahren an einem Hirntumor gestorben.“

„Oh“, stieß Charlotte betroffen aus. „Das ist ja schrecklich.“

„Louis war ebenfalls begeisterter Segler, und seit seinem Tod ist Laurent wie besessen davon, an dieser Regatta teilzunehmen. Und wenn ich ehrlich sein darf, hatte ich eher gehofft, dass Sie ihn von seinem Vorhaben abbringen, statt ihn noch zu unterstützen …“

Charlotte sah, wie sich Tränen in den Augen der älteren Frau bildeten, und seufzte schwer. „Ich verstehe Ihre Sorge sehr gut“, versicherte sie.

„Sie müssen wissen, dass Laurents Eltern schon seit langer Zeit tot sind. Sie starben bei einem Autounfall, und seitdem ist er für mich wie ein Sohn. Ich liebe ihn über alles, ebenso wie ich Louis geliebt habe. Ich könnte es nicht ertragen, wenn …“ Schluchzend senkte die ältere Dame den Blick.

Mitfühlend ergriff Charlotte über den Tisch hinweg ihre Hand. „Hören Sie, Pauline, ich kann nachfühlen, wie Sie empfinden. Und ich möchte Ihnen sagen, dass ich keineswegs vorhabe, Ihren Neffen so weit zu unterstützen, dass er an dem Wettbewerb teilnehmen kann.“

Laurents Tante blickte auf. „Aber …“

„Ich weiß, dass Sie das vermutlich nicht verstehen. Ja, Laurent hat mir eine hohe Summe dafür geboten, dass ich ihm helfe, sein Ziel zu erreichen. Eine sehr hohe Summe sogar. Und es ist wirklich nicht so, als könnte ich das Geld nicht gebrauchen. Aber ich bin Physiotherapeutin. Mein Beruf bedeutet mir viel. Deshalb könnte ich es niemals verantworten, Ihren Neffen in eine gefährliche Situation zu bringen.“

Sie sagte das nicht bloß so daher. Nachdem sie Laurents Krankenakte gestern Abend studiert hatte, war ihr klar geworden, dass aus seinem Vorhaben sicherlich nichts werden würde. Er hatte sowohl Verletzungen am Rückenmark als auch am Bein davongetragen. Zwar befand er sich auf dem Weg der Besserung, und es stimmte auch, dass er mit Sicherheit wieder ganz normal würde laufen können – aber bis dahin konnten noch viele Monate vergehen. Mehr als ein halbes Jahr gewiss. Bis dahin mussten sportliche Aktivitäten jeglicher Art absolut tabu sein, ansonsten konnte es sein, dass alles nur schlimmer statt besser wurde.

Gleichzeitig war ihr auch bewusst geworden, dass sie die Summe, die Laurent ihr als Bonus bot, gar nicht haben wollte. Sie wollte Geld von ihm, ja – aber nur das, was ihrem Großvater zugestanden hatte.

Und damit heute ihr.

Deshalb würde sie hierbleiben, ihre Arbeit machen und nebenbei jede Möglichkeit nutzen, seine Machenschaften aufzudecken.

Pauline blickte auf. „Sie meinen also … Sie werden Laurent nicht dazu drängen, an der Regatta teilzunehmen?“

„Genau das.“ Charlotte lächelte milde. „Glauben Sie mir, ich werde Ihren Neffen nicht dabei unterstützen, sich in Gefahr zu begeben. Verbieten kann ich ihm allerdings nichts. Er ist schließlich ein erwachsener Mann.“

Seine Tante nickte, und ein Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ja, das ist er wohl – auch wenn man es manchmal nicht glauben mag …“

„Können wir endlich anfangen?“

Laurents Stimme klang mürrisch. Missmutig schaute er Charlotte an, wobei er sich schwer auf seinen Gehstock stützte. Sie konnte sich nicht helfen, aber er wirkte in seinem eigenen herrlichen Garten wie eine düstere Gewitterwolke an einem ansonsten strahlend blauen Sommerhimmel.

Sie unterdrückte ein Seufzen. „Natürlich“, entgegnete sie geduldig. Mit schwierigen Patienten musste man als Physiotherapeutin umgehen können. Es fiel den meisten Menschen nicht leicht, sich mit körperlichen Handicaps zu arrangieren – vor allem, wenn sie zuvor kerngesund gewesen waren. Das wusste sie aus Erfahrung, und bisher hatte sie es immer geschafft, sich auf jeden einzelnen Patienten einzustellen. Ob ihr das auch in diesem Fall gelingen konnte?

„Ich würde vorschlagen, wir beginnen mit ein paar Kräftigungsübungen“, sagte sie. „Dazu setzen wir uns auf den Boden und …“

„Sehe ich aus, als könnte ich mich einfach so auf den Boden setzen?“ Wütend funkelte Laurent sie an. „Sie sind hier, um mich wieder fit zu machen – nicht, um mich zu verspotten!“

„Ich verspotte Sie keineswegs“, stellte Charlotte klar. Sie fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Hören Sie, Monsieur Laferre, Sie …“

„Laurent.“

„Bitte?“

„Sie nennen mich Laurent“, forderte er gereizt. „Ich nenne Sie Charlotte.“ Er hob eine Braue. „Sie wollten mir doch gerade erklären, dass ich auf Ihre Fähigkeiten vertrauen muss, wenn unsere Zusammenarbeit funktionieren soll. Nun, das würde mir sehr viel leichter fallen, wenn wir diese albernen Formalitäten sein ließen. Einverstanden?“

Charlotte unterdrückte ein Seufzen. Eigentlich gefiel ihr das keineswegs. Grundsätzlich hielt sie nicht viel davon, eine allzu enge Beziehung zu Patienten aufzubauen. In diesem Fall kam noch hinzu, dass es sich um Laurent Laferre handelte – den Mann, der ihrem Großvater viel Leid zugefügt hatte. Doch was sollte sie tun? Sie musste sich arrangieren. Wenn alles so lief, wie sie es sich erhoffte, würde sie diese Farce nicht allzu lange durchhalten müssen. Ihr Ziel war es, sich schon heute oder zumindest in den nächsten Tagen genauer im Haus umzuschauen. Dabei war sie natürlich besonders an Laurents Arbeitszimmer interessiert. Sollte es irgendwelche Beweise für seine Taten geben, so bewahrte er sie sicherlich dort auf. Dort oder in seinem eigentlichen Büro. Da es sich aber um heikle Unterlagen handelte, war Charlotte zuversichtlich, hier im Haus fündig zu werden.

„Also schön“, sagte sie. „Machen wir dann jetzt weiter?“

Er runzelte die Stirn, nickte aber. Ihm war deutlich anzusehen, wie sehr ihn sein Bein noch immer schmerzte. Mit verzerrtem Gesicht beugte er die Knie, um sich auf den Boden zu setzen. Dabei umklammerte er weiterhin seinen Stock. Doch irgendwann kam er einfach nicht mehr tiefer in die Hocke.

„Kommen Sie, ich helfe Ihnen“, sagte sie und streckte eine Hand aus, um ihn zu stützen. Doch er schüttelte sie sofort ab und warf Charlotte einen wutentbrannten Blick zu.

„Lassen Sie mich!“, fauchte er. Mühsam richtete er sich wieder auf.

„Was tun Sie denn?“ Sie blinzelte überrascht. „Ich wollte Ihnen doch nur helfen.“

„Ich will Ihre Hilfe nicht“, entgegnete er schroff. „Ist das denn wirklich so schwer zu begreifen?“ Er reckte entschlossen das Kinn. „Was soll dieser ganze Unfug überhaupt? Das ist doch albern. Auf diese Weise wird das nie etwas.“

Ärgerlich verschränkte Charlotte die Arme vor der Brust. „Das zu beurteilen, müssen Sie schon mir überlassen“, stellte sie klar. „Also, wollen Sie nun wieder auf die Beine kommen oder nicht? Denn wenn ich das hier mit Ihnen durchziehen soll, dann werden Sie mir schon vertrauen müssen.“

Er zögerte, atmete tief durch und nickte schließlich. „Na gut“, sagte er. „Aber ich lasse mich nicht von Ihnen zum Affen machen, verstanden?“

„Das würde ich niemals wagen“, entgegnete sie mühsam beherrscht. „Können wir dann jetzt weitermachen?“

„Ja“, knurrte er. „Aber ich werde mich nicht auf den Boden setzen. Lassen Sie sich etwas anderes einfallen.“

Charlotte runzelte die Stirn. Für gewöhnlich war sie Wünschen und Vorschlägen ihrer Patienten gegenüber aufgeschlossen. Eine Therapie konnte schließlich nur etwas bringen, wenn der Patient engagiert mitarbeitete. Bei Laurent jedoch fiel es ihr schwer, auch nur einen Millimeter nachzugeben. Sie zweifelte nicht daran, dass ihre persönliche Abneigung gegen diesen Mann dafür verantwortlich war. Dabei verbot es ihr schon allein ihre Professionalität, sich von so etwas beeinflussen zu lassen.

Sie schloss kurz die Augen und zwang sich zur Ruhe. Als sie sie wieder öffnete, lag ein Lächeln auf ihren Lippen. „Natürlich“, sagte sie. „Ich habe eine Idee. Wir werden einen kleinen Ausflug machen!“

Laurent starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Er schaute an sich hinab und breitete die Arme aus. „Haben Sie mich schon einmal angesehen? In dem Aufzug gehe ich ganz bestimmt nicht aus dem Haus.“

Er trug lockere Trainingshosen, die tief auf seinen Hüften saßen. Dazu ein anthrazitfarbenes T-Shirt mit V-Ausschnitt, der einen reizvollen Blick auf seinen gestählten Oberkörper bot.

Reizvoller Blick? Gestählter Oberkörper? Charlotte schüttelte den Kopf über sich selbst. Was waren das für Gedanken? Es war Laurent, der hier vor ihr stand. Ein Mann ohne Skrupel, der sein Vermögen auf dem Rücken anderer Menschen gemacht hatte. Sie verabscheute Leute wie ihn. Und es war völlig bedeutungslos, wie gut er aussah und wie stark sie sich körperlich zu ihm hingezogen fühlen mochte.

Sie hob herausfordernd eine Braue. „Was haben Sie vor? Im maßgeschneiderten Anzug Therapieübungen absolvieren?“

Er schnaubte entrüstet. „Selbstverständlich nicht. Ich …“

Sein Seufzen klang so resigniert, dass er Charlotte schon fast ein bisschen leidtat. Aber nur fast. Und wirklich nur ein bisschen.

„Also?“, hakte sie nach.

Er nickte. „Gut, ich lasse den Wagen rufen. Mein Fahrer Christophe bringt uns wohin auch immer Sie wollen.“

„Es ist nicht nötig, extra jemanden zu bemühen“, sagte sie. „Mein Auto steht direkt neben dem Haus.“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist Christophes Job, ständig auf Abruf für mich zur Verfügung zu stehen. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Sie wollen ihm doch wohl nicht seine Daseinsberechtigung nehmen, oder?“

So hatte Charlotte es bisher noch nie gesehen. Sie fühlte sich einfach unwohl bei dem Gedanken, jemandem zur Last zu fallen. Vor allem, wenn es so unnötig war wie in diesem Fall. Aber irgendwie hatte Laurent ja recht. Sie würde sich wohl daran gewöhnen müssen – zumindest für die Dauer ihres Aufenthalts.

Knapp eine Viertelstunde später saßen sie auf der Rückbank seines Wagens – eines Bentleys, dessen Kaufpreis vermutlich ausgereicht hätte, um das Haus ihres Großvaters zu retten.

„Wohin darf ich Sie bringen, Monsieur Laurent?“, fragte der Fahrer.

Laurent winkte ab. „Das wird Ihnen meine bezaubernde Begleiterin sagen“, antwortete er, wobei der scharfe Unterton in seiner Stimme nicht zu überhören war.

Charlotte räusperte sich. „Ich erinnere mich, dass es hier in der Nähe einmal einen Aussichtspunkt gab, auf einem Weinberg, von dem aus man einen fantastischen Blick auf den Lauf der Loire hat.“

Christophe nickte. „Ja, ich denke, ich weiß, welche Stelle Sie meinen.“

„Na dann“, sagte Laurent, „nichts wie los. Ich habe meine Zeit schließlich nicht gestohlen.“

Die Fahrt dauerte nicht lange. Sie durchquerten ein kleines Dorf mit weiß getünchten Häusern, deren Fassaden im Sonnenlicht erstrahlten. Als sie es hinter sich ließen, wurde die Landschaft hügeliger, und in die Hänge schmiegten sich die ersten Weinberge, die so typisch für die Region waren. Doch je näher sie ihrem Ziel kamen, desto mulmiger wurde Charlotte zumute. Sie wusste, dass Laurent nicht begeistert sein würde, wenn er sah, wo sie sich befanden. Und so kam es schließlich auch.

Fassungslos starrte er sie an. „Das kann unmöglich Ihr Ernst sein!“, stieß er hervor.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

5. KAPITEL

Laurent konnte es nicht glauben. Schon spürte er, wie heiße Wut in ihm hochkochte. Nachdem er heute Morgen ein reichlich ermüdendes Telefonat mit Yvette D’Arcy geführt hatte, seiner Geschäftspartnerin, die sich zurzeit auf einer Geschäftsreise nach Hongkong befand, war seine Stimmung ohnehin schon nicht die beste gewesen. Yvette versuchte immerzu, ihn von seinem Vorhaben, an der Regatta teilzunehmen, abzubringen. Im Grunde tat sie damit also dasselbe wie Pauline – jedoch aus völlig anderen Gründen.

Yvette wollte, dass er sich aufs Geschäft konzentrierte. Ihr ging es nicht nur um die Sache mit der Betriebsspionage, nein: Sie hatte offenbar das Gefühl, dass zu viel Arbeit an ihr hängen blieb, während er sich – wie sie sagte – auf die faule Haut legte.

Dass er durchaus daran arbeitete, den Spion ausfindig zu machen, auch wenn sein Detektiv zugegebenermaßen bisher nicht besonders erfolgreich gewesen war, wusste sie natürlich nicht. Dennoch empfand er ihr Verhalten als anmaßend und unverschämt – gerade angesichts der Tatsache, dass er der Mehrheitseigner von Grâce d’Hiver war, nicht sie.

Und nun kam auch noch Charlotte daher und glaubte, ihn ungestraft verhöhnen zu dürfen. Was bildete diese Frau sich eigentlich ein? Glaubte sie etwa, ihn herumschubsen zu können wie ein kleines Kind? Machte sie sich gar lustig über ihn? Sie befanden sich am Fuße eines relativ steilen Hangs, zu dessen Kuppe in einer Art Zickzack eine schmale Treppe hinaufführte. Er schüttelte den Kopf und blickte zu Charlotte. „Sie machen wohl Witze“, knurrte er.

Sie lächelte unbeeindruckt. „Oh, glauben Sie mir, bei meiner Arbeit würde ich mir das niemals erlauben.“ Sie öffnete die Tür der Limousine, ehe Christophe herumkommen und ihr dies abnehmen konnte. Nachdem sie ausgestiegen war, beugte sie sich herab, um in den Fahrzeuginnenraum schauen zu können. „Brauchen Sie Hilfe, oder kommen Sie allein aus dem Wagen?“

Laurent verschlug es die Sprache. Diese Frau war einfach unglaublich! Am liebsten hätte er die Türen zugeknallt und Christophe angewiesen, umgehend nach Hause zurückzukehren. Sollte Charlotte doch selbst zusehen, wie sie wieder von hier wegkam. Doch er tat nichts dergleichen. Stattdessen quälte er sich aus dem Wagen.

Missmutig stützte er sich seitlich gegen das Auto. Die Treppe, die sich vor ihm auftat, schien ihm mindestens eine Million Stufen zu haben. Unmöglich, dass er es aus eigener Kraft schaffte, dort hinaufzugelangen.

Andererseits schien Charlotte genau das von ihm zu erwarten – und allein die Vorstellung, ihr gegenüber Schwäche einzugestehen, war ihm unerträglich. Er musste es zumindest versuchen!

Reiß dich zusammen, Laurent! So ein paar Stufen wirst du doch wohl locker bewältigen. Das wäre doch gelacht!

Ohne Charlotte auch nur eines Blickes zu würdigen, stieß er sich vom Wagen ab und ging zum Fuß der Treppe hinüber. Sein Bein schmerzte – aber daran war er mittlerweile ja fast schon gewöhnt. Wenn er zurückdachte, erschien es ihm beinahe unwirklich, dass er sich noch vor ein paar Monaten vollkommen schmerzfrei hatte bewegen können. Es machte ihn zornig. Warum hatte ausgerechnet ihm so etwas passieren müssen? In diesem Zustand war sein Bein vollkommen nutzlos. Schlimmer als nutzlos!

Frustriert stemmte er sich auf seinen Gehstock und stieg die ersten Stufen hinauf. Es ging sogar noch schlechter als erwartet. Er kam so gut wie gar nicht voran und war schon nach ein paar Minuten schweißgebadet. Auf was hatte er sich hier bloß eingelassen?

„Nicht so schnell“, mahnte Charlotte. „Sie müssen sich mit dem ganzen Fuß auf die Stufe aufstellen und dürfen sich nicht mit dem hinteren Bein vom Boden abstoßen.“

Laurent warf ihr einen bitterbösen Blick zu. Hatte sie überhaupt eine Ahnung, wie anstrengend jeder einzelne Schritt auch so schon war? Vermutlich nicht. Und es schien sie auch nicht im Geringsten zu interessieren.

Er schüttelte den Kopf. Ruhig, Laurent, ermahnte er sich selbst. Lass dich von ihr nicht provozieren. Du beißt jetzt die Zähne zusammen und tust genau das, was sie von dir verlangt!

Er atmete tief durch und nahm die nächste Stufe genau so, wie sie ihn angewiesen hatte. Ja, es schmerzte. Aber er war geübt darin, Schmerz zu ignorieren. Sowohl körperlichen als auch seelischen. Also machte er weiter.

Was blieb ihm auch anderes übrig? Charlotte kannte keine Gnade, ließ ihn nach oben, nach unten und zur Seite steigen, bis er das Gefühl hatte, keinen einzigen Schritt mehr machen zu können. Irritierenderweise hatte er dabei trotzdem das Gefühl, sich in guten Händen zu befinden. Mit jedem Schritt, den er tat, schien sein Vertrauen in sie größer zu werden. Und mehr denn je war er überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben: Charlotte war genau die Frau, die er brauchte. Sie war nicht zimperlich, wusste, was sie tat, hatte scheinbar Übung darin, Patienten genau das tun zu lassen, was sie für richtig hielt.

Kein Zweifel: Sie war die Frau, die er brauchte, um den Traum seines Bruders zu erfüllen.

„Noch fünf Stufen, und Sie haben es geschafft.“

Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Überrascht blickte er nach oben und blinzelte. Ihm war nicht klar gewesen, wie weit er schon gekommen war. Aber nun war sein Ehrgeiz erneut entflammt. Das letzte Stück würde er auch noch irgendwie hinter sich bringen.

Und dann hatte er es schließlich geschafft. Schwer atmend beugte er sich vor und stützte sich mit den Händen auf seinen Oberschenkeln ab. Er war fix und fertig. Schweiß strömte ihm in Sturzbächen über den Rücken. Daher nahm er auch das Panorama, das sich ihm eröffnete, erst wahr, als Charlotte ihn darauf hinwies.

„Ist das nicht wunderschön?“

Er blickte auf – und für einen Moment stockte ihm tatsächlich der Atem. Er lebte schon lange in der Loire-Region. So lange, dass er die Schönheit der Umgebung oftmals gar nicht mehr richtig wahrnahm. Deswegen traf es ihn jetzt beinahe wie ein kleiner Schock, so unmittelbar mit ihr konfrontiert zu werden.

Der Fluss wand sich in engen Schlingen durch das Tal, das von dicht bewaldeten Hängen gesäumt wurde.

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