Logo weiterlesen.de
ROMANA EXTRA BAND 35

BELLA BLOOM

Zwei Herzen, eine Leidenschaft

Richard weiß: Frauen bringen ihm kein Glück. Deshalb geht er ihnen lieber aus dem Weg. Erst als er auf Mallorca der hübschen Rose begegnet, wirft er alle Vorsicht über Bord … und riskiert sein Herz!

LUCY MONROE

Eine Braut für den Millionär

Für den knallharten Geschäftsmann Viktor ist die Ehe mit Maddie nur ein Geschäft! Doch bald weckt das bezaubernde Societygirl mit ihrer Lebenslust in ihm, was er sich für immer verboten hat: Gefühle!

SARAH MORGAN

Im schimmernden Schein der Kerzen

Der Anblick seiner hinreißenden Frau bringt Alessandro beinah um den Verstand! Wie konnte sie ihn nur verlassen? Er ahnt, ihm bleibt nur noch dieser Weihnachtsabend, um ihr seine Liebe zu beweisen …

LEANNE BANKS

Verliebt in meinen Bodyguard

Eine Prinzessin beschützen? Ein Kinderspiel, denkt Bodyguard Treat. Aber ein Blick in Frederickas blaue Augen – und er begeht einen verhängnisvollen Fehler: Für ihre Küsse vergisst er seinen Job …

IMAGE

Zwei Herzen, eine Leidenschaft

1. KAPITEL

Was konnte es Schöneres geben, als seine Tage in einem bezaubernden kleinen Blumenladen im romantischen Londoner Stadtteil Notting Hill zu verbringen und damit auch noch seinen Lebensunterhalt zu verdienen? dachte Rose Day auch an diesem herbstlichen Morgen gut gelaunt, als sie die Tür zu ihrem Geschäft aufstieß.

Nun, noch schöner wäre höchstens derselbe Laden, aber vor zweihundert Jahren. Zu jener Zeit, in der Jane Austens Stolz und Vorurteil ganz England in Atem hielt. In Zeiten also, als jeder Mann in seinem tiefsten Herzen noch ein vollendeter Gentleman war, der seine Auserwählte regelmäßig mit einem frischen Bouquet duftender Blumen erfreute – von denen er selbstverständlich auch wusste, dass jede ihre ganz eigene Bedeutung hatte. Er wusste, dass die Amaryllis ihrer Empfängerin glaubhaft versicherte, sie sei eine anmutige Schönheit. Dass er besser nicht zu orangefarbenen Lilien griff, standen sie doch für grimmigen Hass. Und dass auch Begonien keine optimale Wahl waren, denn sie kündigten etwas an, das keiner Frau gefiel: herannahende Gefahr.

Erst jetzt erblickte Rose den blütenweißen Briefumschlag, den jemand am frühen Morgen durch den Schlitz in der Tür geschoben haben musste, noch bevor die reguläre Post eintraf. Harris & Company stand als Absender auf dem Umschlag, mit einem geprägten Wappen darüber.

Ihr Vermieter.

Roses Pulsfrequenz beschleunigte sich augenblicklich, während sie den Brief vom Boden auflas. „Bitte keine neue Mieterhöhung … oder gar schlimmer, nicht gerade jetzt …“ Sie seufzte. Sie war mit der Miete ohnehin schon zwei Monate im Rückstand. Die Geschäfte liefen nicht gerade übertrieben gut.

Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Es war ein Rumpeln, das aus der Abstellkammer zu kommen schien.

„Emily? Bist du das?“

„Ja-ha!“

Voilà, das waren sie: Rose und Emily Day, in Notting Hill auch bekannt als die zwei DAYSIES.

So stand es in einer verspielten weißen Handschrift auf dem von ihnen selbst entworfenen grashüpfergrünen Holzschild über dem Eingang – ein, wie sie fanden, nettes Wortspiel mit ihrem Nachnamen Day, denn ausgesprochen klang es genau wie Daisies.

Gänseblümchen.

Den Namen hatten sie sich ausgedacht, als sie vor nunmehr fünf Jahren – Himmel, wie die Zeit verging! – ihren Traum wahr gemacht hatten: Sie und Emily, ihre mittlerweile auch nicht mehr ganz so kleine Schwester, hatten sich als Unternehmerinnen auf eigene Beine gestellt. Nun, Unternehmerinnen klang vielleicht ein wenig großspurig. Kleinunternehmerinnen – um nicht zu sagen: Kleinst-Unternehmerinnen – traf es eigentlich besser. Denn fest stand: Reich werden würden sie mit dem Laden nicht, aber was er abwarf, war genug für Essen, Trinken und die Miete der kleinen Wohnung über dem Laden, die sie sich teilten.

Und doch, trotz aller Schwierigkeiten: Es erfüllte Rose mit unbändiger Freude, das zu tun, was sie tat. Jeden Tag den Duft frischer Blumen zu atmen, das kleine Glöckchen über der Eingangstür bimmeln zu hören, wenn jemand den Laden betrat, und die Freude in den Augen ihrer Kunden teilen zu können, wenn diese den Laden wieder verließen, mit einem großen Strauß wunderbarer Blumen. Bestimmt für jemanden, den sie liebten.

Oder offenbar hassten, sofern sie sich für orangefarbene Lilien entschieden. Wenn auch sehr wahrscheinlich, ohne es zu ahnen, denn im Jahr 2014 hatte niemand die leiseste Idee davon, was die Menschen im Jahr 1814 über Blumen gewusst hatten.

Rose blickte verträumt hinaus auf das Herbstlaub, das der auffrischende Wind auf der kleinen Straße vor ihrem Schaufenster mal hierhin und mal dorthin wirbelte. Genauso frei war sie: Frei wie der Wind.

In Momenten wie diesen fühlte sie sich absolut glücklich. Nun, beinahe absolut glücklich. Denn ja, sie liebte ihr Leben.

Und doch ertappte sie sich in letzter Zeit des Öfteren bei dem Gedanken daran, wie schön es wäre, jemanden zu haben, mit dem sie es teilen könnte. Jemand anderen als Emily, die sie zwar über alles liebte – aber eben nicht in einem romantischen Sinne. Was war nur los mit ihr? Lag es möglicherweise daran, dass sie vor Kurzem dreißig geworden war und ihre innere Uhr lauter und lauter ticken hören konnte? Nein, sie war sich sicher: Das war es nicht. Und ihre innere Unruhe in letzter Zeit war auch nicht darauf zurückzuführen, dass sie nicht genügend Angebote oder Verehrer hatte. Nein. Die Wahrheit war, so schlicht wie ergreifend: Sie suchte noch immer nach dem Richtigen. Mister Hundertprozent. Oder, in Jane Austens Welt: nach ihrem ganz persönlichen Mr Darcy.

Doch so einfach war das leider heutzutage nicht: Je älter Rose wurde, je mehr Erfahrungen sie sammelte, desto mehr erschien ihr die Liebe so wie das Herbstlaub vor ihren Augen. Immer wehte es der Wind vor ihr her, es schien zum Greifen nah, und dann, im letzten Moment, kurz bevor sie zugreifen konnte, stob es hinauf in den Himmel oder um die nächste Straßenecke, bis es für immer aus ihrem Sichtfeld verschwand.

„Haben wir alles für die Hochzeit zusammen?“

Rose schreckte aus ihren Gedanken auf.

Emily hatte die Abstellkammer verlassen und stolperte nun mit einem riesigen Eimer bunter Tulpen in beiden Händen in ihrem adretten grünen DAYSIES-Dress auf sie zu.

„Sag du es mir“, antwortete Rose. Es ging um eine große Hochzeit in Belgravia, einer der feinsten Gegenden der Stadt, und sie hatten den Auftrag bekommen, sämtlichen Blumenschmuck dafür zu liefern. In einer Stunde mussten sie dort sein. Es war ein Auftrag, der in letzter Minute reingekommen war. Er würde ihnen die Haut retten, wenn auch nur für die nächsten Wochen.

Rose ließ ihren Blick wehmütig durch den Laden schweifen, den sie über alles liebte. All das hatten sie sich mit eigenen Händen aufgebaut. Und deshalb würde sie bis zum Umfallen kämpfen, bevor sie es aufgab.

„Ich … denke … schon?“, erwiderte Emily fragend, um ihrer Schwester zu signalisieren, dass niemand Geringerem als ihr selbst, Rose Day, die Endkontrolle über eine solch verantwortungsvolle Lieferung oblag.

Rose seufzte, als läge sämtliches Leid der Welt auf ihren Schultern. Dabei waren es nicht viel mehr als einhundert verschiedene Arrangements diverser exotischer Blumen. „Hilfe!“, flehte sie in Gedanken. „Lieber Gott, steh uns bei!“

Erneut fiel ihr Blick auf den Briefumschlag in ihrer Hand.

Sie wagte es nicht, ihn zu öffnen.

„Ich hab mich auch nicht getraut, ihn aufzumachen.“ Emilys Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an. „Glaubst du, es ist was Schlimmes? Ach – es wird schon nichts sein, lass uns einfach positiv denken, ja?“

Sie sah aus, als traue sie ihrer eigenen Zuversicht nicht wirklich über den Weg.

„Ich weiß nicht“, antwortete Rose. Vorsichtig strich sie mit der flachen Hand über das Kuvert. Von links nach rechts und wieder zurück. So wie sie es immer machte.

„Gute oder schlechte Energie?“, fragte Emily.

„Briefe von Vermietern haben fast nie gute Energie“, klärte Rose ihre kleine Schwester auf, die noch so viel lernen musste, bis sie eines Tages wirklich auf ihren eigenen Beinen stehen würde. Sie war eine Träumerin, wie sie im Buche stand.

Fünfundzwanzig Jahre – und in ihrem Herzen noch immer ein Teenager.

„Wann werde ich nur endlich erwachsen?“, scherzte Emily und verdrehte dazu die Augen, während Rose langsam den Umschlag öffnete und den darin enthaltenen blütenweißen Bogen Papier vorsichtig auseinanderfaltete. Sie konnte förmlich spüren, wie ihr Gesicht im selben Moment die gleiche Farbe annahm. Wie alles Blut aus ihren Adern zu weichen schien.

„Und?“ Emily starrte sie mit offenem Mund an.

Es dauerte eine Weile, bis Rose die Sprache wiederfand. Noch immer hielt sie den Blick starr auf den Brief in ihrer Hand gerichtet.

„Sie … bieten uns an, uns die zwei rückständigen Monatsmieten zu erlassen …“, sagte sie nachdenklich und in sich gekehrt, mehr an sich selbst als an ihre Schwester gerichtet. Sofort vernahm sie ein lautes Aufatmen von Emily.

„Gott sei Dank! Siehst du, positives Denken ist nicht so naiv, wie du immer sagst!“, rief ihre Schwester fröhlich aus.

„Wenn wir uns damit einverstanden erklären, den Laden innerhalb von vier Wochen zu räumen.“

„Haha!“, lachte Emily, die immer noch den Eimer mit den Tulpen in den Händen hielt. Es dauerte ein Weilchen, bis sie begriff. Ihre makellose, mädchenhafte Stirn legte sich augenblicklich in tiefe Falten. „Du meinst … es ernst?“, schickte sie leise hinterher.

„Nun, zumindest die meinen es anscheinend ernst. Hier steht, sie wollen den Laden an Nightflowers vermieten …“

Nightflowers? Das ist unmöglich! Die … passen hier nicht hin. Nicht nach Notting Hill! Ich hasse sie, diese … diese … Halsabschneider!“, machte Emily ihrer Enttäuschung Luft. „Wer braucht all diese unpersönlichen Billigmärkte? Also ich nicht!“

„Leider bist du nicht repräsentativ für den Rest der Bevölkerung“, teilte Rose ihr mit. Zu viel positives Denken konnte eben doch in eine naive Richtung gehen.

„Und was, wenn wir das Angebot nicht annehmen?“

Rose seufzte. „In dem Fall müssen wir die zwei fehlenden Mieten nachbezahlen. Und in drei Monaten trotzdem ausziehen.“

Emily stampfte einmal wütend mit ihrem rechten, in einem eleganten Lederstiefel steckenden Fuß auf den Boden. So wie es kleine Mädchen machten, die etwas partout nicht verstehen und es noch weniger akzeptieren wollten. Doch hier gab es nichts zu verstehen oder zu akzeptieren. Rose hatte alles, was sie wissen musste, direkt vor ihrer Nase: Sie würden aus dem Laden fliegen. Jenem Laden, der ihre Existenz darstellte. In den sie all ihre Liebe und ihr Herzblut gesteckt hatten. Und trotzdem: Es gab nichts, was sie dagegen unternehmen konnten.

„Und das ausgerechnet heute!“

Die Kündigung kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Nach der Hochzeit in Belgravia hatte Rose heute eigentlich früh Feierabend machen wollen, um ihre Koffer zu packen. Nein, sie wollte nicht auswandern. Sondern nur für eine Woche in den Urlaub entschwinden. Ihr erster seit über einem Jahr. Und genauso lang hatte sie auch darauf hingespart. Seit Wochen schon dachte sie an nichts anderes mehr als an das kleine Häuschen auf Mallorca – eine Casita aus Naturstein –, das sie sich jeden Abend vor dem Schlafengehen in dem Ferienprospekt ansah. Es lag in dem bezaubernden Künstlerdorf Deià, mit Panoramablick aufs Meer.

„Fahr ruhig!“, hatte Emily sie beschworen, als sie den Urlaub gebucht hatte. „Du hast es dir verdient.“ Sie wollte so lange die Stellung hier in London halten. So wie sie es immer machten, sie waren schließlich ein Familienbetrieb. Und Familienbetriebe, vor allem so kleine wie der ihre, konnten es sich schlichtweg nicht erlauben, einfach zuzumachen. Nicht in schweren wirtschaftlichen Zeiten wie diesen. Also teilten sie die wenige freie Zeit unter sich auf. Ebenso wie das wenige Geld.

Einmal im Jahr fuhr Emily in den Urlaub.

Und einmal im Jahr sie selbst.

Doch was nun? Was in aller Welt sollte sie jetzt machen? Alles war längst gebucht und bezahlt, der Flug, das Ferienhaus. Morgen früh sollte es losgehen. Wenn sie die Sache abblies, war alles futsch, sie würde keinen Penny ihres hart erarbeiteten Geldes zurückbekommen.

„Oh Gott, was machen wir jetzt nur?“ Emily seufzte, während sie ihrer Schwester den Brief aus der Hand nahm, um ihn selbst zu lesen.

„Ich weiß es auch nicht“, erwiderte Rose. „Aber eines steht fest: Ich kann dich unmöglich hier allein lassen und morgen in den Urlaub fliegen.“

Sofort blickte Emily von dem Brief in ihrer Hand auf. Empört blickte sie ihre Schwester an.

„Und ob du kannst!“, widersprach sie vehement. „Du hast ein ganzes Jahr lang darauf hingearbeitet. Die eine Woche spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Du fliegst – und basta!“

Ja, so konnte sie sein. Ihre kleine, starke, schwache, kluge, naive Schwester. Was würde sie nur ohne sie machen! Sie waren von Kindesbeinen an ein sich perfekt ergänzendes Team gewesen. Was die eine nicht hatte, hatte die andere. Sie selbst war die Vernünftige, Vorausschauende und Realistin, während Emily schon als Kind die Rolle der romantischen Träumerin, Kämpferin und unerschütterlichen Optimistin übernommen und zeitlebens nicht aufgegeben hatte.

„Vielleicht hast du dich deshalb noch nie in deinem Leben Hals über Kopf verliebt“, haderte Rose deswegen hin und wieder mit sich selbst. Es war ihr keineswegs entgangen, dass sie auf andere ein wenig unnahbar wirken konnte. Um nicht zu sagen: kühl. Pragmatisch. Emily hingegen verliebte sich ständig. Zusammen jedoch bildeten sie ein perfektes Ganzes, wie zwei Seiten einer Münze: sie selbst, sportlich, schlank, einen Meter fünfundsiebzig, brünett, grünbraune Augen, ganz ihr Vater – und Emily, einen Kopf kleiner, blond, blauäugig, süß und nicht selten mit einem oder zwei Kilo zu viel auf den Rippen, ganz die Mutter.

Rose wurde wehmütig, wenn sie an ihre Eltern dachte: Sie waren vor zwei Jahren bei einem schrecklichen Autounfall ums Leben gekommen – alle beide. Was dazu führte, dass sie sich nur noch mehr verantwortlich fühlte für Emily, auch wenn ihre kleine Schwester mit fünfundzwanzig Jahren genau genommen aus dem Gröbsten schon raus war. Trotzdem: Seit sie allein waren, fühlte Rose sich wie große Schwester, Mutter und Vater in Personalunion. Sie war der Kopf und Emily das Herz der DAYSIES. Und in diesem Moment fragte sie sich ernsthaft, ob es wirklich eine gute Idee war, das Herz hier allein in einer solchen Situation zurückzulassen, während der Kopf in den Urlaub nach Mallorca flog. So abgekämpft und müde sie auch von dem schweren Jahr war, das hinter ihr lag. Sie hatten kämpfen müssen. Nicht, weil das Geschäft nicht lief, sondern weil die Mieten in dem Edel-Szeneviertel Notting Hill in einem Tempo anzogen, das jede Radarfalle schockiert hätte. Manchmal wünschte Rose sich, sie hätte hier einen langfristigen Mietvertrag unterschrieben, noch bevor der nach dem Stadtteil benannte Film mit Hugh Grant und Julia Roberts die Lawine in Bewegung gesetzt hatte. Doch damals waren sie noch Teenager gewesen und hatten nicht im Traum daran gedacht, dass sie eines Tages genau hier, wo Hugh Julia geküsst hatte, einen Laden eröffnen würden. Also Schwamm drüber!

„Du meinst, ich soll wirklich fliegen?“, fragte sie unsicher.

„Keine Widerrede!“, befahl Emily. „Ich halte hier so lange die Stellung, und wir können ja jeden Tag telefonieren.“

„Jeden Tag?“

„Das war nur ein Spruch, Rose. Ich weiß, dass du im Urlaub bist! Ich störe dich nur, wenn es unbedingt sein muss.“

Wieder einmal hatte Emily sie absichtlich missverstanden. Denn Rose wollte mit ihrer Nachfrage eigentlich nur klarstellen, dass es ihr extrem wichtig war, dass sie jeden Tag miteinander telefonierten. Denn egal, ob sie nun morgen flog oder nicht, an einer Sache kamen sie jetzt nicht mehr vorbei:

Sie mussten einen Schlachtplan entwerfen. So schnell wie möglich. Vielleicht würden ihr die Sonne des Südens und ein frischer Blickwinkel dabei sogar helfen. Manchmal tat ein gewisser Abstand in Krisensituationen gut, um ohne Scheuklappen sämtliche Möglichkeiten und Auswege durchzuspielen, die einem noch blieben.

„Okay, ich fliege“, entschied sie. „Aber wir dürfen trotzdem keinen Tag ungenutzt verstreichen lassen. Du hast es selbst gelesen, wir müssen uns innerhalb von zehn Tagen entscheiden, ob wir ihr Angebot annehmen oder dagegen vorgehen.“

„Selbstverständlich nehmen wir es nicht an!“, rief Emily kampfeslustig aus. „Wir ziehen bis vors höchste Gericht – und wenn das nichts bringt, demonstrieren wir hier auf der Straße vor dem Geschäft, du weißt schon, mit Plakaten, Megafonen und dem ganzen Zeug. Stell dir nur mal vor, welche Wellen das im Internet schlagen wird, wenn so eine Geschichte rauskommt! Ich sage dir, das wird Nightflowers nicht überleben!“

Rose blickte ihre kleine Schwester, die in einem ihrer letzten Leben nur eine führende französische Revolutionärin gewesen sein konnte, kopfschüttelnd an.

„Emily – manchmal möchte ich wirklich wissen, was in deinem Köpfchen vor sich geht!“, seufzte sie. „Du denkst, alles im Leben hat ein Happy End wie in Hollywood, wenn man nur mutig kämpft. Aber in der Realität gewinnt David so gut wie nie gegen Goliath.“

Emily blinzelte sie immer noch voller Zuversicht an.

So gut wie nie heißt nicht nie, oder?“, erwiderte sie.

Was sollte man darauf noch entgegnen? Rose stieß einen tiefen Seufzer aus und nahm Emily für einen Augenblick in den Arm. Im Grunde war es ja genau das, wofür sie sie so liebte.

„Starte den Lieferwagen“, ordnete sie schließlich in Ermangelung anderer Alternativen an. „Wir sind ohnehin spät dran, und wir wollen den Leuten doch nicht ihre Hochzeit vermasseln, oder?“

„Dein Wunsch ist mir Befehl!“ Emily nahm schlagartig Stellung an und schlug zackig wie ein braver Soldat die Hacken aneinander, was ziemlich albern aussah, trotz imponierender Haltungsnoten und beeindruckendem Sound.

Aber Rose musste trotzdem lachen.

Als Rose am nächsten Morgen in aller Frühe im Flieger saß und London langsam in den Wolken unter sich verschwinden sah, fragte sie sich, ob es wirklich richtig war, was sie hier tat. Andererseits konnten sie ohnehin nicht viel mehr tun als nachdenken. Mit Emily würde sie den ganzen Tag schwer deprimiert im Laden hocken, und ihre Gespräche würden sich wieder und wieder im Kreis drehen. Das ist das Schöne am Fliegen, dachte sie. Man schwebte hoch über den Wolken und fühlte sich auch so. Es versetzte Rose jedes Mal wieder in Hochstimmung, wenn das Flugzeug nach dem Start durch die Wolkendecke stieß und sie sich urplötzlich inmitten eines strahlend blauen Himmels wiederfand, unter sich ein endloses Gebirge gleißend weißer Wolken. Auf einmal wurden die Probleme dort unten ganz klein, und man hatte das Gefühl, sich selbst und seine Seele fühlen zu können. Nun ja, jedenfalls ging es ihr so.

„Darf es ein Gläschen Sekt sein, für den Kreislauf?“, lud ihre Sitznachbarin, eine Seniorin von bestimmt annähernd achtzig Jahren, sie zu einem kleinen Drink ein. „Sie müssen wissen, ich bin beim Fliegen immer ein bisschen nervös, und das hilft. Aber ich trinke so ungern allein.“

Nun ja, es war noch recht früh. Und einen Grund zum Feiern hatte sie eigentlich auch nicht. Aber was soll’s? dachte Rose. Sie war im Urlaub. Und ein bisschen Mühe musste sie sich schon geben, damit es sich auch so anfühlte.

„Bienvenidos a Palma de Mallorca“, begrüßte sie der spanische Kapitän des Fliegers zweieinhalb Stunden später in der Sonne. Willkommen in Palma.

Alles klappte wie am Schnürchen. Rose war kaum an der Gepäckausgabe angelangt, schon kam ihr Koffer auf dem Band angerollt – als erster! Die Mietwagenfirma gab ihr ein kostenloses Upgrade auf ein deutlich besseres Modell, als sie eigentlich gebucht hatte. Und als sie vom Flughafen auf die Autobahn bog, in Erwartung typischer englischer Staus, lag diese frei wie ein Laufsteg aus schwarzem Samt vor ihr und schien ihr zurufen zu wollen: „Gib Gas, Mädchen. Hab Spaß!“

Das Wetter war ein Traum: 28 Grad und kein Wölkchen am Himmel. Und das Anfang November! All das, ergänzt um den spanischen Oldie-Hit „Besame, besame mucho!“, der aus dem Autoradio ertönte, sorgte dafür, dass Rose sich für einen ersten Moment wirklich entspannte. Je näher sie dem kleinen Bergdorf kam, das etwa eine Dreiviertelstunde vom Flughafen entfernt lag, desto enger wurden die Straßen. Auf den letzten Kilometern schließlich wand sich die Küstenstraße, die paradiesische Ausblicke auf ein azurblaues Meer bot, in windigen Haarnadelkurven an schroffen Felswänden entlang.

In denen ihr ein riesiger Reisebus entgegenkam.

Der Fahrer schien doch tatsächlich von ihr zu erwarten, fünfzig Meter zurückzusetzen, damit auch er um die Kurve kam. Und das noch dazu in einem Land, wo alle Autos auf der falschen Seite fuhren. Nämlich rechts und nicht links wie in England. Rose stand der Schweiß auf der Stirn, als sie schließlich die Abfahrt zu der kleinen Bucht erreichte, in der sich ihr Ferienhaus befand. Nach wenigen Hundert Metern abwärts hatte sie die Casita erreicht. Eine himmlische Ruhe breitete sich um sie herum aus, kaum dass sie den Wagen auf dem kleinen Weg vor dem Haus abgestellt hatte und ausgestiegen war. Eine steinerne Treppe führte hinauf zu dem Anwesen, das nahezu allein auf einem kleinen Hügel lag. Einzig eine ebenfalls aus Naturstein gebaute Villa, wenn auch mindestens fünfmal so groß, befand sich in direkter Nachbarschaft, etwa einen Steinwurf entfernt.

Rose blieb vor Begeisterung der Mund offen stehen, als sie die Terrasse ihres Ferienhauses erreichte. Denn alles, was sie von hier aus erblickte, war ein riesiges nicht enden wollendes Meer, auf dem die Strahlen der Mittagssonne wie tausend Sterne tanzten. Es war unglaublich! Für einen Augenblick ließ Rose sich tief durchatmend in einen der Gartensessel vor dem kleinen Natursteinhäuschen fallen, das umgeben war von einem wilden Kräutergarten und einem Hain aus Orangen- und Olivenbäumen.

Das also ist das Paradies, dachte sie. So sah es aus.

Wie es Emily wohl gerade ging? Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken einen Abstecher nach London machten. Kam sie zurecht? Gab es weitere schlechte Nachrichten?

„Rose, stopp!“, rief sie sich zur Ordnung.

Es war mal wieder typisch für sie: Ihre Augen nahmen alles wahr, das Paradies vor ihren Augen und unter ihren Füßen, die barfuß in Sommersandalen steckten. Doch ihre Gedanken waren woanders. Wahrscheinlich war es das Beste, wenn sie sich erst mal ein bisschen beschäftigte.

„Auf, auf, ans Werk – es gibt viel zu tun!“, trieb sie sich an, als wäre selbst der Urlaub Schwerstarbeit. Einmal kräftig in die Hände klatschend sprang sie aus dem bequemen Sessel auf, um ihren Koffer und eine prall gefüllte Einkaufstüte aus dem Auto zu holen und sie über die ziemlich steile Treppe hinauf zum Haus zu wuchten. Auf dem Weg hatte sie an dem winzigen lokalen Supermarkt in Deià angehalten und sich frisches Obst, mallorquinische Oliven, ofenwarmes Baguette, etwas Käse und Thunfisch sowie Wasser und Wein gekauft. Das würde sie für heute über die Runden bringen. Morgen wollte sie dann im Ort frühstücken, in einem der netten Cafés.

In der kleinen Küche der charmanten Casita, in der alles noch so eingerichtet war wie vor hundert Jahren, ergänzt um ein paar moderne Annehmlichkeiten, fand sie Kaffee und Teebeutel.

Tee, ja, beschloss sie, Kaffee, nein. In Spanien war es eine Todsünde, sich selbst Kaffee aufzubrühen, der in der Regel nicht besonders schmeckte. Hier gingen die Menschen raus in die Cafés, ob jung oder alt, arm oder reich. Niemand ließ sich seinen Café con leche oder Cortado in guter Gesellschaft unter freiem Himmel nehmen, am besten unter einer schattigen Platane. Und nirgendwo auf der Welt schmeckte der Kaffee so fantastisch wie in Spanien oder Italien. Nein, auch nicht in Frankreich. Oui, sie war schon ein bisschen herumgekommen.

Und in England erst recht nicht.

Obwohl es in Notting Hill ein Café gab, das … Oh, nein – bitte nicht: Da waren sie schon wieder! Die Gedanken an die Heimat. Als hätte sie es damit heraufbeschworen, klingelte ihr Handy.

Es war Emily.

„Ja, ich bin gut angekommen und erhole mich prima!“, rief sie ins Telefon, ohne abzuwarten, was ihre Schwester zu sagen hatte.

Doch irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise würde Emily jetzt fröhlich losplappern. Aber so war es nicht. Vom anderen Ende der Leitung vernahm Rose nichts weiter als eine seltsame Stille.

„Emily?“ Möglicherweise lag es an der Verbindung.

Jetzt hörte sie etwas. Es klang wie … ein Schluchzen?

„Emily? Ist alles in Ordnung?“

„Rose, ich … bin überfallen worden. Heute Morgen.“

„Oh Gott!“ Rose wurde schwindelig. „Geht es dir gut, bist du verletzt?“

„Nein, nein, alles in Ordnung. Mir geht es gut …“

„Aber was …“

„Das ganze Geld ist weg!“ Emily begann vor Verzweiflung zu weinen.

„Das ganze Geld?“

„Ich wollte heute Morgen das Geld von der Hochzeit in Belgravia auf unser Konto einzahlen, und da hat mir so ein Typ aufgelauert und mir die Handtasche geklaut. Ich hab sofort die Polizei gerufen, aber die sagen, es ist so gut wie aussichtslos, dass wir das Geld jemals wiedersehen …“, berichtete sie mit tränenerstickter Stimme.

Rose atmete tief durch. Nicht auch das noch! Die Hochzeit in Belgravia. Reiche Russen, die mittlerweile die Engländer in diesem Nobelviertel zahlenmäßig übertrafen. Mehr als zweitausend Pfund. Für ein Meer aus Blumen, das sie gestern geliefert hatten. Die Russen waren die besten Kunden. Sie meckerten am wenigsten, luden einen fast immer noch auf einen Drink ein und zahlten bar. Normalerweise war sie es, die das Geld zur Bank brachte. Aber da ihr Flug heute so früh gegangen war, war diese Aufgabe an Emily hängen geblieben.

„Sag doch was …“, schluchzte diese am anderen Ende der Leitung.

„Emily … ich … Oh Gott, Hauptsache, dir ist nichts passiert. Das hätte mir genauso passieren können.“

„Aber es ist mir passiert! Das ist wieder so typisch für mich! Es ist alles meine Schuld!“

„Nein, das ist es nicht!“, beeilte Rose sich, ihre Schwester zu trösten. „Mach dir deshalb wirklich keine Gedanken, ja?“

„Okay …“, erwiderte Emily so leise wie verzweifelt.

„Vielleicht ist es besser, wenn du den Laden heute früher zumachst. Dann kannst du dich etwas ausruhen“, schlug Rose vor.

„Bist du verrückt?“, brauste Emily auf. „Heute öffne ich extra lang, um zumindest etwas von dem Geld wieder einzuspielen.“

Als Rose schließlich auflegte, war das Gefühl des aufkommenden Schwindels gewichen, das sie für einen Moment übermannt hatte, während sie den schlechten Nachrichten gelauscht und Emily zu trösten versucht hatte. Es hatte einem anderen Gefühl Platz gemacht: blanker Panik. Die zweitausend Pfund waren ihre letzte Chance gewesen, noch irgendwie einen allerletzten Aufschub zu erwirken, um ihren geliebten Laden zu retten. Ohne dieses Geld jedoch waren die DAYSIES endgültig verloren, das wurde ihr in dieser Sekunde schmerzhaft bewusst.

Rose erhob sich aus ihrem Sessel, in den sie sich während des Gesprächs wieder hatte fallen lassen, und ging in die Küche. Wo sie die Rotweinflasche öffnete und ein Glas aus dem Schrank nahm. Sie füllte es bis zum Rand. Und leerte es in einem Zug. Nein, sie war keine Alkoholikerin. Aber wenn sich ihr Leben so weiterentwickelte, wäre der Weg dorthin nicht weit.

Müde und enttäuscht starrte sie durch den traumhaften Garten hinaus auf das tiefblaue Meer.

Doch genauso gut hätte sie auch auf eine Fototapete starren können.

Rose hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es ihr gelungen war, die Zeit bis zum Abend totzuschlagen – ohne die kleinste Tätigkeit. Sie war schlichtweg nicht in der Lage gewesen, auch nur einen einzigen klaren, halbwegs vernünftigen Gedanken zu fassen. Und nun saß sie hier, im Garten vor dem Haus, wie gelähmt.

Die Dämmerung war hereingebrochen, aber Rose hatte kein Licht angemacht. Nur ein paar Hundert Meter weiter, draußen auf dem Meer, sah sie eine Delfinfamilie vorbeischwimmen. Eine Entdeckung, die normalerweise Begeisterungsstürme in ihr entfacht hätte. Delfine auf Mallorca! Sie hätte niemals geglaubt, dass diese Wesen, die für sie eine fast überirdische, märchenhafte Aura ausstrahlten, tatsächlich hier anzutreffen wären. Doch hier und jetzt rührten die Besucher aus dem Meer Rose eher zu Tränen. „Hoffentlich seid ihr wenigstens glücklich“, rief sie ihnen leise zu, während sie apathisch an ihrem Weinglas nippte. Dazu hatte sie sich ein paar Oliven hingestellt, der Appetit auf richtiges Essen war ihr fürs Erste komplett vergangen.

Da hörte sie plötzlich neben sich im Gebüsch etwas rascheln.

2. KAPITEL

„Watson!“

Wo steckte der kleine Ausreißer schon wieder? Oder besser gesagt: In welche Angelegenheiten, die ihn partout nichts angingen, steckte er seine einfach nicht ruhig zu stellende Spürnase wieder? Seit sein verrückter Jack Russell vor einem Jahr nur Minuten vor dem Beginn einer feinen Gartenparty nahezu das gesamte Zwei-Sterne-Barbecue eines Nachbarn geplündert und damit den Zorn der gesamten Nachbarschaft auf sich gezogen hatte, hatte Richard sich fest vorgenommen, sich stets an die Fersen seines kleinen Freundes zu heften, bevor dieser weiteres Unheil anrichten konnte.

Er rief noch einmal.

„Watson!“

Wie es aussah, war der Hund dieses Mal nicht so weit gekommen. Er hatte ihn in dieser Sekunde durch die Hecke schlüpfen sehen, hinter der das kleine Ferienhaus lag. Richard atmete auf. Soweit er wusste, war es momentan nicht vermietet. Die vergangenen Wochen jedenfalls war alles ruhig gewesen und auch heute Abend noch, als er aus dem Dorf zurückgekehrt war.

Und es brannte auch kein Licht.

Verschwitzt, in Shorts, weißem Hemd und seinen Espadrilles schlug er sich durch einen Spalt in der Hecke und trat in den Garten der Casita.

Wo er an Ort und Stelle erstarrte.

Nur wenige Meter vor ihm saß eine junge Frau und nippte an einem Glas Wein. Auch sie hatte ihn erblickt – und wagte es nicht, auch nur die kleinste Bewegung auszuführen. Sie nahm nicht einmal das Glas von den Lippen.

So als wäre er ein zu allem fähiger Einbrecher, der wer weiß was mit ihr vorhatte.

Hätte jemand die wie eingefrorene Szenerie von außen beobachtet, es wäre ein perfektes Stillleben gewesen, nur mit Menschen. Unwillkürlich schoss dieser Gedanke Richard durch den Kopf, denn mit diesem Thema kannte er sich aus.

„Ähm. Das ist nicht das, wonach es aussieht.“

Richard hatte den Satz mal in einem Film gehört. Es war das Beste, was ihm auf die Schnelle einfiel, um in der Nachbarschaft nicht auch noch als Einbrecher dazustehen.

Eisiges Schweigen.

„Watson!“ Endlich erblickte er seinen vierbeinigen Freund.

Gott sei Dank!

Richard atmete erleichtert auf. Aus dem Dunkel des Gartens kam Watson auf ihn zugestürmt – der einzige Zeuge, der ihm eine weiße Weste verschaffen konnte. Ein lupenreines Alibi. Die junge Frau schien offenbar ebenfalls zu verstehen, denn als der Hund fröhlich an ihr vorbeistob, setzte sie das Glas auf dem Tisch vor ihr ab, und der verstörte Blick in ihrem Gesicht machte einem etwas freundlicheren Platz.

„Es tut mir wirklich un-end-lich leid!“, entschuldigte Richard sich bei ihr. „Ich habe kein Licht gesehen und dachte, niemand wäre hier. Sie müssen mir glauben, ich habe wirklich nur meinen Hund gesucht. Zum Wohle der gesamten Nachbarschaft.“ Er machte einen Schritt auf sie zu und reichte ihr die Hand.

„Ich bin Richard, und das ist Watson.“ Er wies auf sein hell erleuchtetes Haus ein wenig oberhalb der Casita auf dem großen Hügel. „Wir wohnen da oben.“

Einen Moment schien sie zu zögern, aber dann ergriff sie seine Hand doch noch.

„Rose“, stellte sie sich vor. „Ich bin heute erst angekommen.“

Sie hatte kaum ausgesprochen, da sprang Watson übermütig mit einem Satz auf ihren Schoß. Das tat er immer bei Menschen, die er auf Anhieb mochte. Er war ein kleiner, leichter Hund, stieß mit seiner überschwänglichen Art aber trotzdem keinesfalls immer auf Gegenliebe. Doch Rose schreckte nur ganz kurz zurück, um dann sofort fröhlich aufzulachen.

„Watson! Sofort runter da!“, befahl Richard seinem Zögling.

„Nein, das ist okay, ich liebe Hunde!“

„Wirklich?“

„Ja, wieso? Ist das so ungewöhnlich?“

„Nun, die meisten Frauen, die ich bisher kennengelernt habe, waren eher der Katzentyp“, klärte Richard sie auf. Und von diesem Typ hielt man sich besser fern, dachte er bei sich, ohne es auszusprechen.

„Aha? Ich bevorzuge eindeutig Hunde“, erklärte sie, während sie Watson hinter den Ohren kraulte, exakt so, wie er es am liebsten hatte. „Und wo ist Sherlock?“

„Sherlock?“

„Sherlock Holmes! Er und Watson treten doch eigentlich immer zusammen auf.“

Richard kratzte sich verlegen am Kopf.

„Der Hund von Baskerville hat ihn verspeist“, antwortete er schließlich mit typisch englischem, schwarz eingefärbtem Humor, denn natürlich war ihm nicht entgangen, dass Rose ebenfalls Engländerin war.

„Oh, das tut mir unendlich leid“, sprach sie ihm zwinkernd ihr Beileid aus.

„Wie auch immer, die Wahrheit ist: Es gab nie einen Sherlock. Watson war immer meine einzige Spürnase. Ich nehme an, Sie sind auch aus England, so wie wir?“

Sie nickte zustimmend.

„Ja, so sind wir Engländer nun mal – ohne Sherlock Holmes, unseren täglichen Regenguss und die Queen geht es nicht“, scherzte er, gefolgt von einem wehmütigen Seufzer.

„Richtig“, bestätigte sie. „So wie es bei den Deutschen nicht ohne Wagner und Würstchen geht.“

„Oder bei den Spaniern ohne ihren morgendlichen Cafécito auf der Plaça …“

Sie blickte ihn überrascht an, kaum hatte er ausgesprochen.

„Komisch, genau darüber habe ich heute Morgen auch nachgedacht“, sinnierte sie. Richard erwiderte ihren verwunderten Blick. Es war merkwürdig, sie kannten sich gerade erst seit zwei Minuten – und doch spielten sie sich die Bälle schon harmonisch wie zwei professionelle Pingpong-Spieler zu.

Das Ganze lief ihm fast ein bisschen zu gut.

Zeit, aufzubrechen, entschied er.

„Nun, dann, bitte verzeihen Sie unsere Störung … und … nun, wenn Sie etwas brauchen, Salz oder Zucker, oder wenn Ihnen der Wein ausgeht, sagen Sie mir einfach Bescheid. Sie wissen jetzt ja, wo Sie uns finden. Einfach durch die Hecke dort und dann über den Rasen den Hügel hoch. Sollte die Terrassentür nicht offen sein, hebeln Sie sie bitte einfach mit einem Brecheisen auf.“

Sein kleiner Witz entlockte ihr ein weiteres, recht anziehendes Lachen. Fast ein wenig zu anziehend, stellte er erneut fest. Er musste dringend aufhören damit. Sonst würde er ein weiteres Mal auf die Schnauze fallen, um es in Watsons Sprache auszudrücken – und er hatte sich geschworen, dass ihm das nicht wieder passieren würde. Nicht in diesem Leben.

„Aber warum nur, Cynthia?“, schlichen sich augenblicklich die Geister der Vergangenheit in seinen Kopf. Eine Vergangenheit, die einfach nicht totzukriegen war. Oder zumindest ruhigzustellen.

„Weil ich dich nicht mehr liebe, Richard.“

„Aber warum nur, Penelope?“

„Weil ich dich nicht mehr liebe, Richard.“

Einmal konnte so etwas passieren, aber zweimal? Nein, danke. Es hatte sich ausgeliebt, mehr Enttäuschungen brauchte er fürs Erste nicht. Das Einzige, was er noch an sein Herz ließ, waren sein Hund und – seine Kinder.

„Sie können natürlich auch ganz normal an der Haustür klingeln“, ergänzte er. „Was immer Sie bevorzugen. Wir sehen das hier relativ locker in der Nachbarschaft. Manchmal etwas zu locker“, fuhr er fort, mit einem strengen Blick auf Watson, den Ausreißer.

Seine Nachbarin auf Zeit schien für einen Augenblick nachzudenken.

„Wissen Sie zufällig, wo der Lichtschalter für den Garten ist?“, fragte sie schließlich. „Der ist ziemlich schwer zu finden.“

Diese Frage wiederum hörte Richard nicht zum ersten Mal. Auch andere Feriengäste hatten sich über die Hecke hinweg schon danach erkundigt.

„Direkt unter Ihrem Weinglas“, klärte er sie auf.

Sie blickte ihn verwundert an, als hätte er schon wieder einen Witz gemacht. Aber das hatte er nicht. Dieses Mal nicht.

„Hier, schauen Sie.“ Er griff einmal unter die Tischplatte des fest im Boden einzementierten Gartentisches und ertastete sofort den Schalter, direkt unter der Stelle, wo sie ihr Glas abgestellt hatte. Klack, und schon wurde es Licht! Wer auch immer sich das ausgedacht hatte, es war genial. Wenn man sich am Nachmittag mit einer Flasche Wein hinsetzte, musste man trotzdem nicht aufstehen, wenn die Dunkelheit heraufzog.

Sie schien es genauso zu sehen.

„Ups …“ Sie lachte überrascht auf. „Das ist … wirklich brillant. So verbrauchen die Feriengäste nachts keinen Strom, weil niemand den Schalter findet“, bestätigte seine Ferienhausnachbarin seine Theorie, wenn auch mit einer anderen Begründung. Begleitet von einem vergnügten Schmunzeln.

So, jetzt ist es wirklich an der Zeit, gab Richard sich einen Ruck.

„Hören Sie, Rose“, sagte er. „Ich gebe morgen eine kleine Gartenparty, da kommen ein paar Leute von der ganzen Insel. Wenn Sie Lust haben, gesellen Sie sich doch einfach zu uns. Sie sind herzlich eingeladen, als kleine Entschuldigung für mein …“ Er blickte erneut zu Watson, der artig vor ihm auf dem Boden Sitz machte und ihn anblickte, als könne er kein Wässerchen trüben. „Für unser schlechtes Benehmen, wollte ich sagen“, beendete er den Satz. „Kommen Sie einfach vorbei, wenn Ihnen danach ist, ja? Ist aber kein Zwang.“

„In Ordnung“, bestätigte sie und erhob sich zur Verabschiedung.

„Gut! Dann vielleicht bis morgen und Ihnen noch einen schönen Abend!“, wünschte er ihr und schüttelte ihre einladend warme, zartgliedrige Hand, bevor er mit Watson im Schlepptau kehrtmachte, um denselben Weg zurück zu nehmen, den sie gekommen waren.

„Ihnen auch“, erwiderte sie.

„Ich hoffe, es ist okay, dass wir die Abkürzung nehmen“, rief er ihr zu, erleichtert darüber, dass sein aktuelles Abenteuer mit seinem verrückten Jack Russell straffrei ausgegangen war. Dann quetschte er seine ein Meter achtzig ein zweites Mal durch die kleine Lücke in der Hecke.

Ein weiteres Lachen hinter seinem Rücken signalisierte ihm, dass es so war.

„Und danke, dass Sie das Licht angeknipst haben“, vernahm er Roses Stimme hinter sich, bevor er durch das Gestrüpp zurück in seinen Garten schlüpfte. Auf sicheres Terrain.

Wenig später stand er im Bad. Nachdem er sich die von der Landpartie beschmutzten Hände und das Gesicht gewaschen hatte, betrachtete er sich nachdenklich im Spiegel.

„Rich, was um Himmels willen war das schon wieder?“, fragte er sich. Er hätte sich ohrfeigen können. Er konnte es einfach nicht ruhigstellen.

Das Herz in seiner Brust.

Und doch war ihm klar, dass es der einzige Weg war. Nie wieder verletzt zu werden.

Wir alle glauben so unfassbar fest daran, dass es eine Art göttlichen Plan gibt, wenn wir Kinder sind. Kleine Jungs, kleine Mädchen. Wir glauben daran, dass alles gut wird. Dass wir unseren Weg finden, um glücklich zu sein. Doch dann, mit den Jahren und den Enttäuschungen, werden wir erwachsen. Erwachsen und fähig, unser Leben schließlich und endlich in eine halbwegs erträgliche Richtung zu steuern. Weitere Enttäuschungen zu vermeiden, die uns das Herz brechen. Kurz gesagt: Wir arrangieren uns. Wir verwandeln uns in Chamäleons, die sich der Welt anpassen, in der sie leben.

Bis auf eine Handvoll von uns.

Diese wenigen Menschen konnten sich partout nicht anpassen, sondern gaben nie die Hoffnung auf, dass sich die Welt ihnen anpasste. Dass die Welt weicher werden würde, liebevoller, besser. Sie konnten ihre Erwartungen an das Glück einfach nicht herunterschrauben, sondern hatten lieber gar nichts als etwas Halbes. Menschen, die wie jedes Kind wussten, dass es nicht nur die Farben Schwarz und Weiß gab und dass ihr Leben nicht nur aus Grautönen bestehen musste. In anderen Worten: Menschen, die schlichtweg nicht erwachsen werden konnten.

Richard war einer von ihnen.

„Du wirst eine Menge Probleme kriegen in deinem Leben mit dieser Einstellung“, hatte Sean ihn gewarnt. Sein kleiner, großer Bruder, der perfekt war im Anpassen.

Ein Super-Chamäleon.

Und durchaus erfolgreich mit seiner Strategie. Erfolgreich, aber nicht glücklich.

Aber gab es das überhaupt – Glück? Oder war es nur eine Einbildung, ein Wunschtraum, der nie in Erfüllung gehen würde, genau wie die Liebe?

„Du bist ein Vollidiot, wenn du wirklich immer noch daran glaubst, dass es so etwas wie die große Liebe gibt“, pflegte Sean zu sagen. „Reichen dir deine Erfahrungen diesbezüglich etwa nicht? Die große Liebe ist nichts weiter als eine Erfindung von anderen Vollidioten, die sie niemals gefunden haben, glaub mir. Deine Frauen werden dich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans, sobald sie herausfinden, dass du gleichzeitig sehr vermögend und sehr naiv bist. Werde erwachsen, pass dich an!“

Doch Richard sollte nie erwachsen werden.

Und sein Bruder sollte recht behalten.

Die Frauen nahmen ihn aus wie eine Weihnachtsgans. Zuerst Cynthia, dann Penelope. Vor sich im Badezimmerspiegel sah er einen Mann von neununddreißig Jahren, mit müden blauen Augen, matter Haut, jeder Menge grauer statt dunkelblonder, kurzer und stoppeliger Haare, kinderlos und zweimal geschieden. Und das Einzige, was er je wollte, wovon er je geträumt hatte, war: die Liebe seines Lebens zu finden. Und mit ihr glücklich bis ans Ende seiner Tage zu leben.

„Du weißt, was die Menschen mit Lämmern machen, oder?“, hatte Sean ihn vor fast fünf Jahren gefragt, bei ihrem letzten großen Streit. „Sie führen sie zur Schlachtbank. Willst du meine ehrliche Meinung hören? Du bist einfach zu schwach – das warst du schon immer: ein Schwächling mit Größenwahn, der glaubt, er wäre so was wie eine Art Heiliger! Etwas Besseres als der Rest der Welt. Ein moderner Jesus, der sich nicht die Hände schmutzig macht mit ordinären Geschäften. Weißt du was, Richard? Für mich gehörst du eindeutig in die Klapse!“

Nach dieser Unterhaltung, die nur eine von unzähligen Wiederholungen gewesen war, hatte es Richard endgültig gereicht. So ein Bruder konnte ihm definitiv gestohlen bleiben. Nein, er fühlte sich nicht schwach. Im Gegenteil: Schwach wäre es gewesen, sich wie das Chamäleon Sean in einen Hai zu verwandeln. Sich der Welt und den Frauen, die darin nach Geld, Anerkennung und Männern, die all das hatten, jagten, anzupassen. Nur weil es leichter gewesen wäre. Nein, Richard war tief in seinem Innern auch mit fast vierzig noch derselbe, der er schon mit vierzehn gewesen war. Ein Lamm, wie Sean gespottet hatte. Denn irgendetwas in seinem Herzen hielt ihn zurück und sagte ihm: „Eines Tages wirst du sie treffen, die Frau, die genauso anders ist, wie du es bist – irgendwo da draußen hält sie sich versteckt vor all den Haien und wartet auf dich.“

Wie man sich doch irren konnte. Ein halbes Leben hatte er mit dieser Fehleinschätzung verschwendet. Und noch immer quälte ihn der Gedanke daran, dass irgendwo auf diesem Planeten das Mädchen lebte, das seine einzig und allein für ihn bestimmte Seelenverwandte war. Noch immer glaubte er, dass der göttliche Plan doch noch aufgehen würde. Trotzdem, irgendwann musste Schluss sein. Mit seinem Bruder redete er zwar seit Jahren nicht mehr, doch mittlerweile war er zumindest so weit, sich einzugestehen, dass die Haie am Ende immer gewannen.

Was noch lange nicht hieß, dass sie auch im Recht waren.

Aus diesem Grund hatte er sich, was die Liebe betraf, nunmehr von der Welt zurückgezogen. Nicht, dass er ein Leben als Einsiedler führte. Keineswegs. Er war umgeben von Freunden, Bekannten und Zufallsbekannten, die selbstredend den Versuch nicht aufgaben, ihn wieder und wieder verkuppeln zu wollen. Aber eben das wollte er nicht mehr: Er wollte nicht verkuppelt werden, er wollte die Richtige finden.

Leider Gottes verliebte er sich immer in die Falschen.

Ja, es ließ sich nicht abstreiten: Es war befreiend gewesen, sich mit dieser Rose, seiner Nachbarin auf Zeit, ein wenig zu unterhalten. Mal wieder ein bisschen zu scherzen. Ohne zu flirten, versteht sich. Sie, die auf den ersten Blick genauso traurig im Dunkel der sie umgebenden Realität gefangen zu sein schien wie im Dunkel ihres Gartens, ein wenig aufzuheitern. Den Lichtschalter für sie zu finden, um zumindest ihren Abend ein wenig aufzuhellen. Und doch: Nun, wieder zu Hause und in seiner Realität angekommen, ärgerte Richard sich fast, dass er sie zu seiner Party morgen Abend eingeladen hatte. Denn irgendetwas stimmte nicht.

Irgendetwas war anders. In seinem auf Stand-by gestellten Herzen regte sich etwas. Ein altes Muster.

Und wohin das führen konnte, wusste er mittlerweile.

„Am besten, du begrüßt sie morgen nur ganz kurz und förmlich und überlässt sie dann sich selbst und den anderen Gästen“, sagte er zu sich selbst und löschte das Licht im Badezimmer.

Als Richard am nächsten Morgen erwachte, war es noch stockdunkel. Mit einem müden Blick auf den Wecker stellte er fest, dass es erst kurz nach fünf war. Er hatte schlecht geträumt, diese wirren Albträume plagten ihn bereits seit Jahren. Seit er zurückdenken konnte, hatte er Probleme damit gehabt, alleine zu schlafen. Er genoss nichts mehr, als nachts seine Arme um den weichen, warmen Körper einer Frau zu schlingen, die er liebte. Mit der falschen Frau im Bett jedoch verlagerten sich die Albträume nur auf den Tag und man gewann nichts, absolut nichts.

Ein Weilchen lag er einfach nur da und starrte an die Decke. Bald würde die Sonne aufgehen, doch er fühlte sich immer noch bis in die Knochen erschöpft. Es musste ihm gelingen, wenigstens noch ein paar Stunden zu schlafen. Ruhig zu schlafen.

Wenig später fielen ihm die Augen erneut zu. Diesmal war es anders. Besser. Ein gleißendes Licht schien ihn zu erwarten. Für einen Moment fragte er sich, ob er wirklich träumte oder ob bereits die Morgensonne durch das Fenster blinzelte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er auf einem altmodischen Fahrrad saß und über einen kleinen Feldweg eine im Sonnenlicht liegende Blumenwiese überquerte.

Okay, alles klar – das konnte nur ein Traum sein. Doch wer war das? Neben ihm radelte eine junge Frau – auf einem ähnlichen Hippie-Fahrrad wie er. Er konnte ihr Gesicht aus irgendeinem Grund nicht erkennen, aber sie kicherte und lachte fröhlich vor sich hin. Der Sommerwind streichelte ihr Haar, und Richard konnte den Blick kaum von ihr abwenden, so schön war sie, selbst ohne dass er ihr Gesicht sehen konnte. Er musste unbedingt herausfinden, wer sie war.

Überschwänglich betätigte sie die Klingel an ihrem Lenker, während sie nebeneinander durch ein Meer von Blumen fuhren. Der Klang war so rein, hell und klar wie die Unschuld selbst, und in Richard breitete sich augenblicklich ein Gefühl absoluten Glücks aus. Nie zuvor hatte er diese vollkommene Leichtigkeit und Unbeschwertheit in sich gefühlt.

Ein zweites Mal klingelte sie voller Übermut. Rrrring!

„Richard!“, rief sie ihm ausgelassen zu und schenkte ihm ein Lächeln, das sein Herz weit öffnete.

„Ja, was ist?“

„Ich bin glücklich!“

„Ich auch.“ Er lachte sie an. „Sag mir nur eins: Wie heißt du? Bevor es zu spät ist, sag mir, wie du heißt!“

Doch sie lächelte ihn nur an. Bevor sich schließlich doch noch ihr Mund öffnete:

„Richard! Bist du zu Hause?“

Hä? Was sollte das nun wieder?

Anstatt zu antworten, stellte sie ihm eine Gegenfrage.

Eine absurde Gegenfrage. Natürlich war er nicht zu Hause – er fuhr doch hier mit ihr über die Blumenwiese!

Immer lauter wurde das Klingeln. Es klang nunmehr fast wie …

„Richard?“

… seine … Haustürklingel?

Langsam und gegen seinen ausdrücklichen Willen kam er zu sich.

Wer wagte es, ihn so unsanft aus seinen Träumen zu holen?

„Ja, was … ist denn? Himmelherrgott noch mal!“, murmelte er mit heiserer Stimme, während er mit einem schweren Seufzer aus diesem Wunder von einem Traum erwachte.

„Mist …“, stöhnte er enttäuscht.

„Ich bin’s – Sally“, vernahm er durch das offene Schlafzimmerfenster die Stimme seiner persönlichen Assistentin von unten vor dem Haus. Schwerfällig setzte er sich auf der Bettkante auf.

„Die Tür ist offen!“, rief er, während er sich mit beiden Händen übers Gesicht fuhr, langsam zu sich kommend. „Mach dir unten schon mal einen Tee, ich bin in zwei Sekunden bei dir.“

„Okidoki.“

Er blickte auf die Rolex an seinem Handgelenk. Oh Gott, elf Uhr! Er hatte verschlafen wie schon lange nicht mehr. Der süße Traum war ihm vorgekommen wie ein einziger flüchtiger Moment. Was hatte er nur mit dem Rest der Zeit angefangen? Nun ja, wenigstens fühlte er sich jetzt ausgeschlafen.

Zweieinhalb Sekunden später – nun, es mochte mit Duschen und Anziehen vielleicht auch eine Viertelstunde vergangen sein – begrüßte er Sally unten im Wohnzimmer. Sie kannten sich seit Jahren und darüber hinaus war sie glücklich verheiratet. Also keine Gefahr. Da er kein offizielles Büro hatte und es auch nicht mehr haben wollte, schaute sie einmal am Tag bei ihm rein, um die Dinge zu besprechen, die anstanden. Und das waren in der Regel eine Menge. Denn es war keinesfalls so, dass er sich in den Ruhestand zurückgezogen hatte. Nein, er hatte sogar zwei Jobs, die gleichzeitig seine ständige und volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Heute allerdings stand etwas an, das ihm am wenigsten Spaß machte: Geld einsammeln von reichen Leuten – auch Fundraising genannt. Doch es musste sein, wollte er sein Projekt am Leben erhalten. Für ihn allein war es eine Nummer zu groß.

Aus diesem Grund schmiss er die Gartenparty. Einmal im Jahr.

„Um zwei kommen die Zelte, Tische, Stühle und Bühnenaufbauten“, klärte Sally ihn mit einem geschäftigen Blick auf ihre Agenda auf. „Um vier die Band und die Techniker zum Soundcheck. Und um sechs das Buffet und der Champagner und so weiter.“

„Acht Uhr Showtime, richtig?“, ergänzte er.

„Richtig! Ich freu mich schon so!“, stieß sie voller Begeisterung aus. Sally liebte derartige Events. Richard schenkte ihr einen müden Blick, denn sie wusste natürlich, dass er das genaue Gegenteil empfand.

„Komm schon, sei kein Spielverderber, Richard. Am Ende des Abends werden wir ein paar Hunderttausend eingesammelt haben, und das Budget für die Kids steht wieder für ein Jahr.“

Los Niños Perdidos – die verlorenen Kinder.

Seine Kinder.

Das war Job Nummer eins, dem er sich heute Abend widmen würde. Als er vor Jahren auf die Insel gezogen war, hatte er eine Stiftung gegründet. Für Kinder, die aus den schlimmsten Verhältnissen kamen, nicht selten von der Straße. Er hatte eine Finca für sie gekauft und Fachleute angestellt, die sich um sie kümmerten. Im kleinen Stil, versteht sich. Soweit seine Mittel reichten. Den jährlichen Unterhalt und die Personalkosten musste die Fundraising-Party einspielen, zu der Richard einmal im Jahr die gesamte Inselprominenz sowie Freunde und Bekannte aus London einlud.

„Und was ist das?“, fragte er schließlich mit einem Blick auf die Papiertüte, die vor ihm auf dem Esstisch lag.

„Dein Frühstück!“, erwiderte Sally augenzwinkernd.

„Dann wollen wir mal“, sagte er und schnappte sich die Tüte, in der zwei leckere Croissants auf ihn warteten. Dazu frisch gepresster Orangensaft und Yogi-Tee. Ja, er war froh, dass er Sally hatte.

Mit den Vorbereitungen verging der Tag wie im Flug. Als Richard schließlich in seinem weißen Sommergala-Anzug auf dem Rasen stand und über den grün geschwungenen Hügel vor seinem Haus auf das Meer hinaussah, war es bereits halb acht. In Kürze würden die ersten Gäste eintreffen. Sein Blick schweifte hinüber zu der kleinen Casita, die den ganzen Tag lang ruhig und fast wie unbewohnt im Sonnenlicht gelegen hatte. Nicht ein einziges Mal hatte er seine Nachbarin gesehen. Das Auto war auch nicht da. Offensichtlich war sie auf Ausflugstour. Unterwegs, um die Insel zu erkunden, so wie es Touristen eben taten.

Ob sie wohl kommen würde? Richard ertappte sich bei dem Gedanken daran, dass er es sich beinahe wünschte.

Sie wäre ein willkommener Ausgleich zu der sonst anwesenden Mischung aus wohlhabender Hocharroganz und Partyhengsten.

Es war Abend geworden und ein Lichtermeer aus Laternen und flackernden Kerzen erleuchtete den weitläufigen Garten vor der Natursteinvilla am Meer. Es war brechend voll, und der Partyservice hatte alle Hände voll zu tun, um die Leute mit Drinks und Häppchen bei Laune zu halten. Richard hatte sich bereits erfolgreich einige Stunden lang den Mund fusselig geredet und die wichtigsten Schecks entgegengenommen, als er plötzlich Rose erblickte. Sie stand ein wenig abseits, ganz schüchtern und in einem schlichten, mädchenhaften, über und über hellblau gepunkteten Sommerkleid. Ihr Anblick ließ ihm geradezu das Herz aufgehen. In Anbetracht der riesigen Schickimicki-Versammlung, die sich über den Rasen verteilte. Ob er wollte oder nicht.

Oh nein! Erst jetzt bemerkte er es. Sie war drauf und dran, in die Fänge von Silvia King zu geraten, einer aufgetakelten Lions-Club-Tante, die sich eben mit einem Glas Champagner zu ihr gesellte.

„Sie entschuldigen mich für einen Moment?“, verabschiedete sich Richard aus seiner derzeitigen Unterhaltung und ging zu ihr hinüber.

„Keine Sorge: Rettung naht, Señorita …“, flüsterte er wie zu sich selbst.

Kaum hatte er die beiden erreicht, sie konnten unmöglich mehr als zwei oder drei Sätze gewechselt haben, begrüßte ihn Silvia in ihrem glitzernden paillettenbesetzten schwarzen Abendkleid auch schon mit einem herablassenden Kopfschütteln: „Also nein, mein lieber Richard. Ich habe soeben von dieser, nun … wunderbaren Person … hier gehört, dass du nun auch schon Touristen auf deine Partys einlädst. Bisher war ich davon ausgegangen, dass wir hier unter uns sind und dass auf solchen Veranstaltungen nur ernst zu nehmende Leute anzutreffen wären.“

Richard ließ es notgedrungen über sich ergehen, dass sie ihn so künstlich wie umständlich auf beide Wangen küsste. Dann wandte er sich Rose zu, die ihn ängstlich wie ein junges Reh anblickte.

„Hören Sie einfach nicht hin.“ Er schmunzelte augenzwinkernd, um die Situation ein wenig zu entschärfen. „Sie hat getrunken.“

Sofort nahm Silvia ihr Champagnerglas von den knallroten Lippen.

„Richard, auf welcher Seite stehst du?“, fragte sie mit gespielt beleidigtem Gesichtsausdruck, bevor sie sich zu Rose drehte: „Das geht nicht gegen Sie, meine Liebe, es ist nur eine allgemeine Feststellung, dass das Niveau hier anscheinend mehr und mehr sinkt und man niemanden mehr wirklich ernst nehmen kann.“ Silvia präsentierte ein aufgesetztes Lächeln. „Sie wissen schon: kaum noch altes Geld, kaum noch gute Herkunft, alles das scheint nichts mehr zu bedeuten in diesen Zeiten. Und das betrübt mich heute Abend eben ein wenig.“

„Nun, Silvia“, griff Richard ein. „Rose mag zwar eine Touristin sein, aber sie ist noch immer mein Gast hier in diesem Haus. Schon von daher hat sie ein Recht darauf, gut behandelt zu werden. Davon abgesehen kann ich Rose in diesem Augenblick wesentlich ernster nehmen als dich, meine Liebe. Und sie ist mir auch deutlich sympathischer, selbst wenn sie nicht altem Geld entstammen sollte, was weder du noch ich wirklich wissen, richtig?“

Er wusste nicht, warum er den letzten Satz noch angehängt hatte, aber er entsprach der Wahrheit. Silvia starrte ihn augenblicklich an, als hätte er ihr mit der Hand ins Gesicht geschlagen. Daraufhin leerte sie ihr Glas in einem Zug.

„Nun, wenn das so ist …“, stieß sie beleidigt aus und rauschte empört ab in Richtung Champagnerausschank, weshalb sie ohnehin nur hier war. „Ich konnte ja nicht wissen, dass …“

Der Abendwind wehte ihre letzten Worte ungehört hinaus aufs Meer.

Richard sah ihr kopfschüttelnd hinterher.

„Was konnte sie nicht wissen?“, fragte Rose.

„Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung“, antwortete Richard und blickte angestrengt auf das Rotweinglas in seiner Hand.

Eine kurze, etwas peinliche Stille stellte sich ein.

„Jedenfalls danke, dass Sie für meine Ehre gekämpft haben“, nahm Rose einen erfolgreichen Anlauf, das Schweigen zu unterbrechen. „Oder war es mehr die Ehre der Touristen oder der Unterschicht im Allgemeinen, um die es Ihnen ging?“, schickte sie augenzwinkernd hinterher und stieß mit ihrem Glas leicht gegen seines.

„Sowohl als auch“, antwortete Richard diplomatisch und sah ihr ganz kurz in die Augen. Niemals länger als eine Sekunde, das war seine Regel, damit war man immer auf der sicheren Seite. Wie auch immer: Nein, es ging ihm nicht um die Ehre der Touristen oder der Unterschicht – von daher hatte er nicht die leiseste Ahnung, warum er sich gerade eben so vehement für sie eingesetzt und damit möglicherweise eine alte – nun ja, Freundin traf es ohnehin nicht ganz – Bekannte vergrault hatte.

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, beruhigte er sich.

„Und, gefällt Ihnen die Party?“, fragte er Rose, da ihm auf die Schnelle nichts Besseres einfiel, um die peinliche Stille zu überbrücken.

Er hatte das Gefühl, dass ihr gleich die Augen zufielen, falls er nichts sagte. Obwohl es noch nicht einmal zehn Uhr war.

„Ja …“, sagte sie. „Es ist wirklich ein wunderschöner Abend, aber ich bin ein wenig müde von der Reise und …“

„Und?“

„Ach nichts. Ich glaube, ich werde Sie jetzt besser mit Ihren Gästen allein lassen. Danke für die Einladung!“

„Aber sind Sie nicht gerade erst durch die Hecke da vorne geschlüpft?“, fragte er sie und löste damit ein kleines Lächeln bei ihr aus.

„Stimmt – aber Sie sehen es ja selbst: Ich passe hier nicht recht hin.“

„Was das betrifft, machen Sie sich bitte keine Sorgen: Für mich tragen Sie heute Abend das schönste Kleid von allen hier anwesenden weiblichen Wesen.“ Auch das entsprach der Wahrheit. Er mochte ihren Stil. Ja, er war wohlhabend, aber das hieß noch lange nicht, dass er auch ein Snob war. Nein, Richard liebte alles, was natürlich war. Das ganze Chichi war nicht sein Ding, auch wenn er sich für diesen Anlass heute selbst ausnahmsweise ziemlich rausgeputzt hatte. Normalerweise jedoch bevorzugte er einfache Jeans und ein weißes oder blaues Hemd.

„Hier, schauen Sie!“

Kurzerhand entledigte er sich seines Sakkos und warf es einfach lässig über den nächsten Busch. Um daraufhin sein Hemd um einen weiteren Knopf zu öffnen. Er atmete befreit auf. „Ahhh! Jetzt sind wir schon zwei Angehörige der Unterschicht.“

Sofort kicherte sie los.

Diese Rose war ein echter Lichtblick an diesem langweiligen Abend. Und sie schien sich mit ihm auch ganz gut zu amüsieren: Ein weiteres Mal hatte er sie zum Lachen gebracht. Rein freundschaftlich, verstand sich. Doch es war offensichtlich noch nicht genug, um sie davon abzuhalten, gleich wieder das Weite zu suchen.

„Wie auch immer: Es war nett, Sie beinahe kennenzulernen!“, sagte sie und drückte ihm ihr noch halb volles Glas in die Hand, während sie sich zum Gehen wandte.

Moment mal! Was hatte sie da gesagt? Augenblicklich verstand er. Er brauchte nicht eine Sekunde lang überlegen.

„Lernen wir uns doch jetzt kennen!“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen, „der Abend geht erst richtig los.“

Jetzt war sie es, deren Augen sich überrascht weiteten.

„Wir wissen beide, dass das eine große Lüge ist“, antwortete sie absolut korrekt, während sie den Kopf charmant auf die Seite legte und ihn neugierig anblinzelte.

Er konnte nicht länger an sich halten.

„‚Vier Hochzeiten und ein Todesfall‘!“, rief er begeistert aus. „Mein Lieblingsfilm!“

„Meiner auch … Wahnsinn!“ Sie schmunzelte. „Ich muss schon sagen, Sie stecken voller Überraschungen.“

Einen Moment zu lang verharrte sein Blick auf ihren Augen. Und ihrer auf seinen.

Sofort vernahm er das Heulen der Warnsirenen in seinem Kopf: Wie oft ist es nur ein einziger sekundenlanger Moment, eine einzige Bemerkung oder ein Gesichtsausdruck, der ein Gefühl in uns weckt – für einen Menschen, den wir nie zuvor in unserem Leben gesehen haben?

Richard musste aufpassen, dass es ihm hier nicht so erging. Schnell wandte er seinen Blick ab. Gleichzeitig musste er zugeben, dass sie sein Interesse geweckt hatte, einzig und allein auf einer intellektuellen Ebene, versteht sich. Wer war dieses Mädchen aus seiner kalten ungemütlichen Heimat, das seine Zelte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft aufgeschlagen hatte?

„Richard Night“, stellte er sich vor, in der Hoffnung, auch ihren Nachnamen zu erfahren. „Night wie Nightflowers.“

Ihr Lachen verstummte augenblicklich.

Und eine Eisschicht legte sich über ihre eben noch so warmen grünbraunen Augen. Sie starrte ihn ungläubig an.

„Sie … sind … Nightflowers?“

„Nun ja … ich bin es nicht … meine Familie ja, aber ich bin nur …“

Er konnte nicht ausreden, denn im selben Moment fiel sie ihm harsch ins Wort.

„Einen schönen Abend noch, Sie … Sie … Monster!“

Wütend drehte sie sich um und stapfte über den Rasen zurück in Richtung ihrer im Dunkel liegenden Casita.

Um ein Haar wären Richard die Gläser aus der Hand gefallen.

„Was …? Hab … ich was Falsches gesagt …?“

Er verstand die Welt nicht mehr.

3. KAPITEL

Sie unterhielt sich mit Richard Night? Dem Mann, der drauf und dran war, ihr Leben und das ihrer Schwester zu zerstören? Rose konnte es nicht fassen! Was für einen gemeinen Zug hatte das Schicksal hier gegen sie ausgeführt? Manchmal fragte sie sich wirklich, ob alle Menschen nur Marionetten waren, geführt an unsichtbaren Fäden, die ein zynischer Puppenspieler in seinen Händen hielt. Sie hatte die urige Holztür ihrer Casita hinter sich geschlossen und begann, nervös in dem winzigen Wohnzimmer auf und ab zu laufen. Das ganze Häuschen maß nicht mehr als vielleicht fünfundvierzig oder fünfzig Quadratmeter – nicht gerade viel Platz, um sich auszutoben. Hinaus in den Garten wagte sie sich nicht, denn dort wäre sie erneut in Ruf- und Blickweite ihres Nachbarn, den sie in diesem Augenblick ganz gewiss nicht sehen wollte. Ja, sie wagte es nicht einmal, das Licht anzuschalten.

Obwohl ihr natürlich klar war, dass ihm klar war, dass sie zu Hause sein musste.

Einen Moment lang dachte sie daran, sich die Autoschlüssel zu schnappen und einfach loszufahren. Irgendwohin. Nur weg von hier. Um einen ruhigen Gedanken fassen zu können. Doch erstens war es schon recht spät, und die sich schmal an die Felswände des Tramuntana-Gebirges drückenden Serpentinenstraßen mit ihren berüchtigten Haarnadelkurven waren um diese Zeit bestimmt noch furchteinflößender. Und zweitens kannte sie die Insel nicht gut genug, um mitten in der Nacht den richtigen Ort zum Nachdenken zu finden. Nun, mitten in der Nacht war es zwar noch nicht, aber eben schon stockdunkel. Halb elf, stellte sie mit einem nervösen Blick auf ihre Armbanduhr fest. Das bedeutete, in London war es erst halb zehn. Noch früh genug, beschloss sie. Es war mitten in der Woche, also war die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass Emily zu Hause war. Mit irgendeinem Menschen musste sie jetzt sprechen, sonst würde sie noch verrückt werden. Rose wählte die Nummer ihrer Wohnung.

Es klingelte nur einmal, bis am anderen Ende jemand abnahm.

Es war, als hätte Emily ihren Anruf erwartet.

„Gott sei Dank rufst du an, Rose! Ich hab schon den ganzen Tag lang überlegt, ob ich mich bei dir melden soll oder lieber nicht“, sprudelte sie los, bevor Rose auch nur ein Wort sagen konnte. „Aber ich wollte dir nicht den Urlaub verderben.“

Dafür war es jetzt ohnehin zu spät. Hörte es denn nie auf? Was war jetzt schon wieder los? Waren die Kündigung des Ladens und der Verlust der zweitausend Pfund etwa noch nicht ausreichend?

„Heute kam noch ein Brief von Harris & Company“, fuhr Emily atemlos fort. „Aus der Wohnung wollen sie uns jetzt auch raushaben.“

„Sie wollen was?“

„Nightflowers will das erste und das zweite Stockwerk für den Laden. Das wird offensichtlich so ein Megashop …“

Rose zog sich einen Stuhl heran. Jetzt musste sie sich doch setzen. Die Wohnung über dem Laden – das war ihr Zuhause! Seit fünf Jahren. Und in London etwas Vergleichbares zu finden … noch dazu ohne Job und alles … Oh Gott, sie würden auf der Straße landen!

„Die können uns nicht einfach so rauswerfen, Emily“, stöhnte sie.

„Da steht, sie lassen uns die nächsten zwei Monate mietfrei wohnen, wenn wir uns einverstanden erklären. Nightflowers baut erst das Untergeschoss aus und danach das erste Stockwerk. So lange haben wir Zeit, uns was Neues zu suchen …“

„Uns was Neues suchen? Weißt du, was das heißt, Emily? Wir müssen noch mal ganz von vorn anfangen! Die letzten fünf Jahre waren komplett umsonst. Selbst wenn wir woanders einen Laden finden und eine Bank überzeugen, uns einen Kredit zu geben …“ Einen Moment lang hielt sie inne. Sie musste fast lachen: eine Bank überzeugen, ihnen einen Kredit zu geben? Banken vergaben keine Kredite an Kleinunternehmer, diese Zeiten waren lange vorbei!

Rose seufzte. „Wie auch immer … In Notting Hill finden wir bestimmt nichts, und in einem anderen Viertel sind wir alle unsere Stammkunden los … Und wo wohnen wir dann?“

„Ach, Rose! Ich weiß es doch auch nicht. Vielleicht müssen wir ein Weilchen zurück in Mommys und Daddys Haus ziehen?“

Zumindest diese Option hatten sie noch. Doch das Haus lag fast zwei Stunden außerhalb Londons in einem kleinen Dorf. Kurz gesagt: Dort hinzuziehen wäre der endgültige Abschied von der City. Und würde ihre beruflichen Probleme nicht im Geringsten lösen.

„Was meinst du?“, holte Emily sie aus ihren Gedanken.

„Ich weiß es nicht, beim besten Willen“, seufzte Rose.

„Ich auch nicht … Hast du denn wenigstens einen schönen Urlaub … während um uns herum die Welt einstürzt?“ Ihren schwarzen Humor hatte Emily sich Gott sei Dank noch bewahrt. „Warum hast du mich eigentlich angerufen?“, schickte sie hinterher. Einen Moment lang überlegte Rose, ob es eine gute Idee wäre, Emily auch noch damit zu belasten. Aber dann – was machte es jetzt noch für einen Unterschied? Sie waren ohnehin dem Untergang geweiht und da sie schon mal telefonierten, konnte sie ihr auch gleich den neuesten Stand von ihrer Seite durchgeben.

„Emily … du glaubst nicht, wen ich kennengelernt habe.“

„Wen?“

„Richard Night.“

Einen Moment lang war es mucksmäuschenstill in der Leitung.

„Night wie …?“

„Nightflowers, ja. Er ist mein Nachbar hier.“

„Du meinst, er … macht auch Urlaub?“

„Nein, er wohnt hier. In einer Riesenvilla direkt vor meiner Nase.“

„Du scherzt, oder?“

„Leider nicht.“

„Und … wie … ist er?“

Das war wieder typisch Emily. Stellte Fragen, die überhaupt nicht zur Diskussion standen. Es spielte keine Rolle, wie er war. Es spielte einzig und allein eine Rolle, wer er war!

„Schrecklich ist er“, schimpfte Rose durch die Leitung. „Absolut schrecklich, was denkst du denn? Ein aufgeblasener Existenzvernichter!“

„Oh, du Arme …“, bemitleidete Emily sie. „Pass bloß auf, dass er nicht noch seine Hunde auf dich hetzt.“

„Hat er schon“, bestätigte Rose nüchtern.

„Oh Gott …“

In diesem Moment dachte Rose ernsthaft darüber nach, ihre Zelte auf Mallorca abrupt wieder abzubrechen und bereits am nächsten Morgen den ersten Flug zurück nach London zu nehmen. Das einzige Problem war, dass ein solches Manöver sogar noch zusätzliche Kosten verursachen würde. Und das, ohne einen messbaren Fortschritt zu bedeuten. Andererseits: Wie würde sie nur die vor ihr liegenden fünf Tage überstehen, die ihr hier noch blieben, direkt vor seiner Nase? Allein bei dem Gedanken daran graute es ihr. Vielleicht sollte sie sich ein Luftgewehr kaufen und sich damit in der Casita verschanzen.

„Und was willst du jetzt machen?“ Emilys Stimme klang ratlos.

„Ach, Süße, ich weiß es doch auch nicht. Ich glaube, wir sollten jetzt beide erst mal ein bisschen Schlaf tanken – und morgen sehen wir dann weiter, okay?“, beendete Rose das Telefongespräch, das sie keinen Schritt vorangebracht hatte. Im Gegenteil: Die Situation hatte sich verschärft. Sie waren drauf und dran, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren. Nur seinetwegen … Sie sandte einen bösen Blick hinauf auf das strahlend hell erleuchtete Nachbargrundstück.

„Okay … Na dann, gute Nacht“, verabschiedete sich Emily von ihr.

„Ja, dann gute Nacht, das trifft den Nagel auf den Kopf … So traurig es ist.“

War das wirklich das Ende? Waren sie kurz davor, dem Leben, so wie sie es kannten, ein für alle Mal Gute Nacht zu sagen? Waren die Lichter im Leben der zwei DAYSIES kurz davor, zu erlöschen?

Als sie aufgelegt hatte, starrte Rose noch ein Weilchen hinauf in den von einer arroganten Oberschicht bevölkerten Garten des Night-Anwesens.

„Deine Lichter werden nie ausgehen“, flüsterte Rose hinauf zu ihrem neu gewonnenen Feind. „Denn du bist reich – und Emily und ich sind arm. Tja, so ist das Leben wohl.“

Wie zur Bestätigung stieß sie einen schweren Seufzer aus und ließ sich dann auf das Bett fallen, in der Hoffnung, schnell einzuschlafen. Doch es gelang ihr nicht. Sie lag noch stundenlang wach. Nicht wegen des Lichts und der Musik. Nein, bereits um zwölf verstummte die Geräuschkulisse und durch das offene Fenster vernahm Rose nichts weiter als das Rauschen des an den Felsen unter ihrem Häuschen brandenden Meers. Das Zirpen der Grillen. Und die Stille der Nacht. Doch all das beunruhigte sie fast noch mehr als alles andere. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm.

Jenem Sturm, der schon bald über sie und Emily herüberziehen würde und alles, was sie sich gemeinsam in den vergangenen Jahren aufgebaut hatten, mit einem einzigen tiefen Atemzug wegblasen würde.

Als Rose am nächsten Morgen erwachte, fiel die Sonne bereits tief ins Zimmer. Sie musste ziemlich verschlafen haben, aber sie war ja im Urlaub, und es ging ohnehin nur darum, die Tage hier bestmöglich totzuschlagen, bis endlich ihr Flug nach Hause ging. Nach einer schnellen kalten Dusche spähte sie vom Küchenfenster aus, von wo sie den besten Blick hatte, auf das Anwesen ihres in Ungnade gefallenen Nachbarn. Es lag ruhig da, abgesehen von zwei Arbeitern, die mit dem Abbau der Partyzelte beschäftigt waren.

Bei einer hastig getrunkenen Tasse Tee beschloss Rose, sich umgehend hinter das Steuer ihres Autos zu setzen und erst mal nach Deià ins Dorf zu fahren. Dort konnte sie weitere Pläne für den Rest des Tages schmieden. Vielleicht fuhr sie einfach ans andere Ende der Insel – nach Pollença oder Arta – so weit weg wie möglich eben. Aber zuerst brauchte sie ein oder zwei Tassen Kaffee und ein Croissant, damit ihr Kreislauf in Schwung kam. Ihr Kreislauf und ihr Köpfchen.

Gesagt, getan.

Wenig später stolperte sie bereits über die mittelalterlichen Pflastersteine in den bezaubernden Gassen des kleinen Dorfes, auf der Suche nach einem Café. Erstaunlicherweise hatte sie einen der etwa zwölf Parkplätze, die für die in die Tausende gehenden Besucher, die wie Heuschrecken über den winzigen Ort herfielen, unbelegt gefunden. Eine dieser Heuschrecken war sie. Trotzdem: Ein Parkplatz war besser als kein Parkplatz. Es war schon etwas. Kein schlechter Beginn für einen Tag, von dem sie nichts, aber auch rein gar nichts erwartete. Man musste seine Ansprüche nur etwas herunterschrauben, dann fand man in den kleinsten Dingen Glückseligkeit. Das war seit jeher Roses Prinzip gewesen, im Gegensatz zu Emily, die mit fünfundzwanzig Jahren immer noch glaubte, das Leben wäre ein Ponyhof. Was sie wiederum andererseits so süß machte und sie in einer Zeit, in der niemand mehr an etwas glaubte, in ein schützenswertes Kulturgut verwandelte – zumindest so lange, bis sie mal wieder auf die Nase fiel. Und Rose, die Realistin, die Scherben aufsammeln und die Tränen trocknen musste.

Rose wurde abrupt in ihren Gedankengängen gestoppt.

Von einer riesigen strahlend weißen Lilie. Sie wuchs vor einem schiefergrauen Hintergrund aus einer eleganten, überaus schlanken Vase direkt vor ihren Augen. Ungefähr zwei Meter hoch.

Nie zuvor hatte sie eine Lilie dieser Größe gesehen, die gleichzeitig eine so unfassbare Anmut ausstrahlte. Sie war weder aufdringlich noch heischte sie nach Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: Sie wirkte fast ein wenig schüchtern und verängstigt, wie sie dort unmittelbar vor Roses Augen auf einer Leinwand im Schaufenster einer Kunstgalerie wuchs.

Ihre Neugier war geweckt.

Eigentlich hatte sie zuerst frühstücken wollen, aber da sie schon mal hier war, entschloss sie sich dazu, einen Blick zu wagen. Kaum hatte sie die Galerie betreten, die aus einem einzigen großzügigen Raum mit einer bestimmt vier Meter hohen Decke bestand, fand sie sich in einem Meer aus Blumen wieder. Großformatige, mit Öl auf Leinwand gegossene Blumen, jede für sich eine perfekte einzigartige Schönheit. Rose stockte beinahe der Atem, noch nie zuvor hatte sie solche Gemälde gesehen. Es war, als hätten die Blumen dem Maler für ein Portrait Modell gestanden, so wie es normalerweise Menschen taten. In jedem Pinselstrich las sie Liebe und Zuneigung, was den Blumen auf den Bildern eine Persönlichkeit verlieh, als wären sie komplexe, lebendige Wesen.

Rose liebte Blumen über alles, und sie liebte Kunst über alles. Doch es war das erste Mal, dass sich diese beiden Welten auf eine Art und Weise trafen, die einem Rendezvous bei Kerzenschein unter einem weiten Sternenhimmel gleichkam. Eines stand für sie fest: Der Maler, der diese Bilder erschaffen hatte, war ein Genie – er besaß sowohl Herz als auch Handwerkskunst im Übermaß. Erst der Blick auf die unter den Gemälden angegebenen Preise weckte Rose schlagartig aus ihren Schwärmereien. Offensichtlich war sie nicht die Einzige, die erkannt hatte, welche großartigen Dinge hier an den Wänden hingen.

„Würden Sie gern mehr über die Bilder und den Maler erfahren?“, sprach eine kurzhaarige Frau in ihrem Alter sie in makellosem Englisch an. Sie sah ein wenig so aus wie Sinead O’Connor. Offensichtlich hatte sie bemerkt, dass ihre Besucherin keine Spanierin war. Die Frau kam ihr bekannt vor, irgendwo hatte sie sie schon mal gesehen. Moment mal, war es nicht erst gestern Abend gewesen? Auf der Party?

„Der Maler lebt hier auf der Insel – aber er ist Engländer.“

„Oh, nein … ich … Das hier ist leider nicht ganz meine Preisklasse“, antwortete Rose, aus ihren Träumen gerissen. „Aber die Bilder sind wunderschön. Wirklich berührend. Man sieht, dass der Maler ein sehr emotionaler Mann ist.“

„Wenn Sie ihn kennenlernen möchten, schauen Sie sich doch einfach noch ein bisschen um. Er dürfte in ein paar Minuten hier sein, er ist nur kurz einen Kaffee trinken gegangen.“

Einen Kaffee trinken. Das war eigentlich auch ihr Plan gewesen.

Andererseits: Den Künstler persönlich kennenzulernen, der diese großartigen Kunstwerke erschaffen hatte, ließ Roses Herz höher schlagen. Ein halbes Stündchen mehr oder weniger, das würde sie jetzt auch noch aushalten. Für ihren Kreislauf brauchte sie jetzt keinen Kaffee mehr, die Bilder allein hatten ihren Puls auf ein anständiges Maß erhöht. Je näher sie sie betrachtete, desto schneller schlug ihr Herz.

Sie fragte sich oft, ob es anderen Frauen auch so erging: Aber wenn sie eine ganz und gar wunderbare Erfahrung machte, das konnte ein berührender Song sein, der Anblick eines Bildes oder der Genuss einer zärtlichen Zeile in einem Buch, gingen ihre Gedanken hinaus zu dem Menschen, der all das erschaffen hatte. Ihre Gedanken und ihre tiefe Zuneigung und Verbundenheit. Es war fast, als übertrage sich ihre Liebe zu dem Kunstwerk auf den Künstler. Wobei sie eingestehen musste, dass sie bislang nur wenige echte Künstler kennengelernt hatte, die sie so berührt hatten. Künstler, die aus dem absoluten Nichts ein ganzes Universum erschaffen konnten – so wie Gott.

Also noch mal: Den Künstler kennenlernen?

„Das … würde ich wirklich gerne …“, gab sie unumwunden zu. „Die Bilder sind einfach fantastisch!“ Ihr war klar, dass sie wie ein Teenager ins Schwärmen geriet. „Aber ich kann sie mir leider nicht leisten, von daher wird der Maler wohl kein großes Interesse haben, mit mir zu sprechen.“

„Doch, hat er!“

Sie hatte kaum ausgesprochen, als sie die Stimme vernahm, die durch die offene Tür hereinwehte. Es war eine Stimme, die ihr noch bekannter vorkam als die Frau vor ihren Augen. Und jetzt wusste sie auch woher. Wieso. Weshalb. Warum.

Denn die Stimme gehörte – Richard Night.

Ihrem leibhaftigen Albtraum.

„Was … machen … Sie denn hier?“, stotterte sie, denn sie konnte nur etwas missverstanden haben. Ganz gewaltig missverstanden.

„Ich? Ich arbeite hier. Das ist meine Galerie. Ich bin Maler … unter anderem“, erklärte er ihr mit einer Unschuldsmiene, als könne er kein Wässerchen trüben.

Rose benötigte keinen Spiegel, um zu erkennen, dass sich ihre Stirn in ungläubige Falten legte. Ein kaltblütiger Geschäftsmann wie er konnte unmöglich diese wunderbaren Kunstwerke erschaffen haben.

„Okay, dann lass ich euch beide mal allein“, schlug die Frau an ihrer Seite vor, um sich daraufhin in den hinteren Teil des Raums an einen großen gläsernen Schreibtisch zu begeben.

„Danke, Sally“, erwiderte er. Um sich dann mit einem plötzlich ernsten Gesicht wieder ihr, Rose, zuzuwenden. „Entschuldigen Sie bitte, aber habe ich gestern Abend etwas Falsches gesagt oder etwas getan, das Sie verletzt hat?“

Rose schüttelte den Kopf und setzte ein kleines hartes Lächeln auf. „Mein Name ist Day“, klärte sie ihn auf. „Rose Day.“

„Das ist … ein schöner Name …“

„Von den DAYSIES aus London? Klingelt es nun?“, bohrte sie nach.

„Daisies! Oh ja, selbstverständlich klingelt da etwas bei mir …“, erwiderte er, aber der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ das glatte Gegenteil vermuten. „Gänseblümchen, wie schön! Sie meinen wegen meiner Blumengemälde, nicht wahr? Allerdings bevorzuge ich für meine Bilder eher hochwachsende Blumen wie Lilien, Rosen, Tulpen oder derlei – das geht einfach besser zusammen mit den großen hochkantigen Formaten.“

Rose starrte ihn fassungslos an. Entweder er spielte ein Spiel mit ihr. Oder aber das Ganze war tatsächlich ein Missverständnis. Eine Verwechslung.

Er schien ihre Verwirrung zu bemerken. Und unternahm einen weiteren Versuch.

„Oder sind die Daisies eine neue Band? Ich muss zugeben, ich bin nicht ganz auf dem Laufenden, was die aktuelle Musikszene betrifft.“

„Aber … haben Sie gestern nicht gesagt, dass Sie Richard Night von Nightflowers sind?“

„Ja“, sagte er und schüttelte im selben Moment den Kopf. „Aber Sie haben mich ja gar nicht ausreden lassen. Die Wahrheit ist: Ich bin schon lange nicht mehr in der Firma aktiv. Ich liebe Blumen über alles, aber ich liebe eben auch Menschen – und die Art und Weise, wie mein Bruder die Firma seit dem Tod unseres Vaters betreibt … nun, das alles hat mich dazu gebracht, Blumen lieber zu malen, als sie im großen Stil zu verkaufen. Aber ich will Sie mit diesem kalten Kaffee gar nicht langweilen. Fest steht: Ich lebe bereits seit vielen Jahren hier auf der Insel und habe keine Ahnung, was momentan in London im Blumenhandel Nightflowers vor sich geht.“

Rose starrte ihn fassungslos an. „Sie haben … keine Ahnung?“

„No sé nada, wie es hierzulande heißt. Ich weiß von nichts.“

„Und … Sie haben nie zuvor von mir gehört?“

Nun war er es, der sie überrascht anblickte. „N…nein …? Müsste ich etwa? Sind Sie vielleicht eine berühmte Persönlichkeit oder so etwas? Rose Day, warten Sie, hm … nein, immer noch nicht. Oder sind Sie etwa die Nichte von Doris Day? Also, deren Filme habe ich geliebt, als ich noch ein Kind war. Also so um das Jahr 1901 herum.“

Er blinzelte sie an, während sich ein freches jungenhaftes Lächeln in seinen Blick mischte.

„Dann …“ Rose wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Wenn es wirklich stimmte, was er sagte, würde das die ganze Sache in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. „Dann muss ich mich wohl bei Ihnen entschuldigen …“

„Entschuldigen? Wofür?“

„Für mein unmögliches Benehmen – gestern Abend und … eben gerade.“

„Nun“, erwiderte er und blickte sie versöhnlich an. „Entschuldigen müssen Sie sich ganz bestimmt nicht bei mir, Rose. Aber es würde mich ein wenig beruhigen, wenn Sie mir die Sache erklären würden. Sagen wir heute Abend bei einem Abendessen hier im Dorf? Sie sind selbstverständlich eingeladen.“

Damit, dass sich das Blatt so schnell wenden würde, hatte Rose nicht gerechnet. Für eine Sekunde haderte sie mit sich selbst.

„Kommen Sie schon, bitte tun Sie mir den Gefallen! Rein nachbarschaftlich. Ich kenne ein kleines, nettes Restaurant gleich um die Ecke.“

Schließlich gab sie sich einen Ruck. Was hatte sie schon zu verlieren? Wenn sie mit ihm essen ging, würde sie wenigstens herausfinden, welche Geschichte sich hinter dieser Verwechslung verbarg. Und wer hinter diesem Mann steckte, der ihr auf einmal in einem ganz anderen Licht erschien.

Gott sei Dank hatte sie auf ihre weibliche Intuition gehört und ein ganz besonderes Kleid für diesen Abend ausgewählt. Denn das kleine, nette Restaurant um die Ecke war nicht wirklich klein und auch der Begriff nett traf es nicht ganz. Denn es war mehr als nett. Einzig und allein um die Ecke stimmte. Es hieß El Olivo und gehörte zu einem traumhaften Fünfsternehotel namens La Residencia, das am Ortsrand von Deià auf einem sich sanft an das Gebirge schmiegenden grünen Hügel thronte und in dem Prominenz aus aller Welt den Urlaub verbrachte, wie Rose im Internet gelesen hatte. Wo sie auch noch einiges mehr an interessanten Informationen gefunden hatte, kurz nachdem sie sich an diesem Morgen von Richard Night verabschiedet hatte.

Nightflowers mochte eine große Billigblumenkette sein, deren Filialen sich über ganz England verstreuten, doch Richard hatte den Namen mit einem ganz anderen Inhalt gefüllt: Seine großformatigen Blumenportraits, die er ebenfalls Nightflowers nannte, waren in bedeutenden Galerien, Privatsammlungen und Museen rund um den Globus zu finden. Kurz gesagt: Er war ein großer Name in der Kunstszene. Und er war sich – diese Info hatte Rose endgültig davon überzeugt, dass sie sich gewaltig in ihm geirrt hatte – nicht zu schade, seinen guten Namen für Menschen einzusetzen, denen es nicht so gut ging. Für sie hatte er bereits vor Jahren ein weiteres Anwesen in Deià erworben: eine Finca, die nicht reserviert war für betuchte Urlaubsgäste oder die arrogante Oberschicht – das sogenannte alte Geld, mit dem Rose gestern, ohne es zu wollen, auf etwas peinliche Art und Weise in Berührung gekommen war –, sondern für Gäste, die rein gar nichts hatten außer sich selbst und der Hoffnung, dass auch ihnen eines Tages ein besseres Leben vergönnt wäre: Los Niños Perdidos – die verlorenen Kinder. Rose war zutiefst gerührt gewesen, als sie all das erfahren hatte, an diesem Vormittag in einem kleinen Internetcafé nicht weit von der Kunstgalerie jenes Mannes, den sie fälschlicherweise für den Teufel gehalten hatte.

Dabei war er das absolute Gegenteil. Jedenfalls hatte sie das Gefühl, in diesem Moment, in dem sie ihm gegenübersaß, bei Kerzenschein an einer weiß bezogenen Tafel, in den bequemen schweren Korbsesseln des El Olivo, während der Sommelier ihr einen Wein einschenkte, von dem eine Flasche in etwa so viel kostete wie ihr Mietwagen für diese Woche. Sie hatten an einem Tisch im Inneren des Restaurants Platz genommen, obwohl Richard eigentlich auf der Terrasse reserviert hatte. Doch draußen zog ein Unwetter auf. Schwere Wolken türmten sich dramatisch über dem Meer und den Bergen auf. Jeden Moment konnte es losgehen.

„Also – was glauben Sie, können wir noch mal ganz von vorn anfangen?“, fragte Richard sie, nachdem der Weinkellner gegangen war.

Rose lächelte in das Kerzenlicht. „Ja, ich glaube schon“, erwiderte sie.

„Gut“, sagte er. „Ich bin Richard. Richard Night.“

Sie lachte leise in sich hinein. „Und ich bin Rose. Rose Day.“

Er zwinkerte ihr charmant zu und erhob sein Glas. „Dann auf zwei wie Tag und Nacht, die hiermit Frieden schließen. Oder zumindest Waffenstillstand.“

Eine Sekunde ließ Rose ihren Blick verlegen über die strahlend weiße, im Kerzenlicht glänzende Tischdecke schweifen. Die ganze Sache war ihr mittlerweile mehr als peinlich. Dann erhob auch sie ihr Glas und blickte ihm kurz in die Augen, während ihre Gläser aneinanderstießen.

„Auf zwei wie Tag und Nacht“, bestätigte sie lächelnd.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Romana Extra Band 35" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen