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ROMANA EXTRA BAND 32

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Küsse im Palast des Wüstenprinzen

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Küsse im Palast des Wüstenprinzen

1. KAPITEL

Von seinem edlen Hengst aus beobachtete Scheich Zafar Nejem aufmerksam das Zeltlager in der Wüste. Er trug das wallende Gewand eines Beduinen. Die Kopfbedeckung, die nur seine Augen frei ließ, schützte ihn nicht nur vor der sengenden Sonne, sondern auch davor, erkannt zu werden. Hier in der Wüste war er zu Hause. Weitab jeglicher Zivilisation, Hunderte von Kilometern von der nächsten Stadt entfernt, hatte er sich einen Namen gemacht als gefährlichster Mann in ganz Al Sabah.

Im Lager schien alles mit rechten Dingen zuzugehen. Über offenen Feuerstellen brodelte Essen in Kochtöpfen, aus den Zelten drang Stimmengewirr. Dennoch zögerte er, sein Nachtquartier dort aufzuschlagen. Die Bewohner des Camps waren keine Beduinen, sondern Wegelagerer, Ausgestoßene wie er selbst. Obwohl zwischen ihnen inoffiziell Waffenstillstand herrschte, traute er ihnen nicht.

Im Moment vertraute er ohnehin niemandem. Dass er seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron einforderte, war vielen ein Dorn im Auge. Besonders in den zivilisierten Landesteilen würde seine Rückkehr wenig Anklang anfinden. Sein Onkel hatte ganze Arbeit geleistet und seinen Ruf gründlich ruiniert.

Könnte ich nur die Gerüchte widerlegen, dachte er. Doch die Legenden, die sich um ihn rankten, kamen der Wahrheit ziemlich nahe. Lediglich die Beduinen, die besonders unter seinem Onkel gelitten hatten, wussten nicht nur von der Schuld, die er auf sich geladen hatte, sondern auch von seinen jahrelangen unermüdlichen Bemühungen um Wiedergutmachung.

Nachdenklich ließ er den Blick über die karge, flache Wüstenlandschaft schweifen. Fünf Stunden von hier gab es eine Oase, in der er übernachten konnte, aber er saß bereits seit Stunden im Sattel und wollte sich und seinem Pferd eine Verschnaufpause gönnen.

„Lass uns hier unser Glück versuchen.“ Er klopfte dem Tier den Hals und führte es kurz darauf in den behelfsmäßigen Pferch zu den anderen Pferden des Lagers, schloss das Gatter sorgfältig hinter sich und machte sich auf den Weg zum Hauptzelt.

Seine Ankunft war nicht unbemerkt geblieben, denn ein Mann kam ihm entgegen. „Was für eine Überraschung, Scheich.“

„Ist meine Rückkehr nach Bihar das wirklich?“ Erneut beschlich Zafar ein ungutes Gefühl. Dass er in der weiten Wüste ausgerechnet auf Jamals Bande stieß, war bestimmt kein Zufall.

„Viele Wege führen in die Hauptstadt.“

„Dann hast du dieses Treffen nicht herbeigesehnt?“

Der Anführer der Bande lächelte. In seinen dunklen Augen blitzte es verschlagen auf. „Ich habe es sogar erhofft. Auf die Begegnung mit jemandem, der über vergleichbaren Reichtum verfügt, habe ich schon seit geraumer Zeit gewartet.“

„Solange ich den Palast nicht erreicht habe, sind meine Mittel begrenzt.“

„Es fehlt Ihnen aber an nichts, wie ich sehe.“

„Genauso wenig wie dir. Willst du mich nicht hereinbitten?“

„Noch nicht.“

Dass Jamal ihm die Gastfreundschaft verweigerte, bewies Zafar, dass etwas nicht stimmte. Er kannte Banden wie die von Jamal und die Orte, an denen sie am liebsten auf der Lauer lagen. Bald würde er über die Mittel verfügen, ihnen das Handwerk zu legen. Allerdings stellten sie keine allzu große Bedrohung dar, daher stand diese Aufgabe weit unten auf seiner langen Liste der zu erledigenden Dinge – was Jamal offenbar nicht ahnte.

„Willst du mir stattdessen Geschenke anbieten?“ So war es in der Wüste Sitte, wenn Gastfreundschaft nicht gewährt werden konnte.

„Ich habe keine, aber etwas anderes, das Sie interessieren wird.“

„Was könnte das sein? Pferde oder Kamele brauche ich nicht.“

Jamal grinste breit, und seine Zähne blitzten im Sonnenlicht. „Es handelt sich um eine wahre Kostbarkeit, Hoheit.“

„Lass mich das beurteilen.“

Auf einen Wink hin führten zwei Männer eine zierliche Blondine aus einem der Zelte. Ihre schönen Augen waren gerötet, und sie wirkte erschöpft. Zu Zafars großer Erleichterung schien sie jedoch unverletzt zu sein. Da sie keinen Widerstand leistete, wusste sie offenbar, dass ein Fluchtversuch in der Wüste zwecklos war.

„Was soll ich mit einer Frau anfangen?“

„Sie könnten sie heiraten oder zu Ihrer Geliebten machen.“

„Wie kommst du denn auf die Idee, ich würde mich für sie interessieren?“

„Sie würden doch niemals eine Frau allein in der Wüste zurücklassen.“

„Du schon, oder?“

„Leider ja, Hoheit.“

„Offensichtlich kommt sie aus dem Westen, und ich habe wahrlich genug Probleme im eigenen Land.“

„Dennoch werden Sie sie kaufen – und zwar zu einem anständigen Preis.“

Zafar zuckte gleichmütig mit den Schultern und wandte sich zum Gehen. „Wende dich an ihre Angehörigen, und fordere von ihnen Lösegeld. Sie können dir bestimmt mehr zahlen als ich.“

„Das würde ich ja machen, aber ich will keinen Krieg vom Zaun brechen.“

Abrupt blieb Zafar stehen. Das Herz schlug ihm plötzlich bis zum Hals. „Was soll das heißen?“

„Es dient nicht meinen Interessen, wenn die Armee von Shakar durch die Wüste marschiert.“

Shakar grenzte direkt an Al Sabah, und zwischen beiden Ländern bestanden extreme Spannungen. „Was haben unsere Nachbarn mit einer Frau aus dem Westen zu tun?“

„Der Scheich von Shakar hat sich mit einer Amerikanerin verlobt, mit Analise Christensen. Das haben Sie doch sicher gehört.“

Trotz seiner zurückgezogenen Lebensweise hatte Zafar das in der Tat erfahren. „Was hast du mit ihr vor? Und welche Rolle soll ich in deinem Spiel übernehmen?“

„Es liegt in Ihrer Hand, wie es weitergeht. Bleibt sie hier, kommt es unweigerlich zum Krieg. Falls Sie sie aber kaufen, genügt ein Wort in das richtige Ohr, und Sie geraten in eine verzwickte Lage: Man wird sich sicher fragen, wie die Verlobte Ihres Feindes in Ihre Hände gelangt ist …“

Zafar dachte nicht im Traum daran, die Fremde bei den Banditen zurückzulassen. Dass Jamal ihn erpresste, bedeutete jedoch eine unnötige Komplikation.

Nimm sie mit, und setz sie am nächsten Flughafen aus, ging es ihm durch den Kopf. Er hatte nur wenig Geld dabei, doch darum ging es der Bande nicht. Sie legte es auf seinen Schutz an.

Nachdenklich betrachtete er die Frau, die ihn jetzt wütend anfunkelte. Wenigstens war sie klug genug, nicht hier und jetzt einen Streit vom Zaun zu brechen, sondern ihre Energie für einen passenden Moment aufzusparen.

„Was habt ihr ihr angetan?“ Details mochte er sich gar nicht erst vorstellen.

„Wir haben ihr kein Haar gekrümmt und sie nur gefesselt, um sie an einer Flucht zu hindern.“

Zafar überlegte krampfhaft. Wenn Tarik erfuhr, dass seine Braut von Banditen aus Al Sabah entführt worden war, würde er den neuen, übel beleumundeten Scheich des Landes dafür zur Rechenschaft ziehen, und ein Krieg wäre unvermeidlich.

Stattdessen eröffnete Jamal ihm, Zafar, die Möglichkeit, die Frau unversehrt ihrem Verlobten zurückzubringen.

„Hier ist mein erstes und letztes Angebot.“ Zafar griff tief in die Tasche seines Gewands, holte eine altmodische, mit einer Kordel verschlossene Geldbörse hervor und hielt sie hoch. Als Jamal danach greifen wollte, befahl er: „Zuerst die Frau.“

Auf ein Zeichen ihres Anführers hin, brachte einer der Männer sie zu Zafar. Er umfasste ihren Arm und zog sie eng an sich. Sie gab keinen Laut von sich, sondern blieb steif stehen und hielt den Blick gesenkt.

Dann gab er Jamal das Geld. „Wir reiten sofort weiter.“

„Sie können es wohl nicht erwarten, sie auszuprobieren?“

„Das wäre der sicherste Weg, einen Krieg heraufzubeschwören“, erwiderte Zafar. Dann führte er die Frau zu dem Pferch, in dem sein Pferd stand. Da sie immer noch nichts sagte, begann er sich zu fragen, ob sie unter Schock stand.

„Denken Sie ja nicht an Flucht, Prinzessin“, sagte er auf Englisch. „Im Gegensatz zu diesen Männern habe ich nicht vor, Ihnen etwas Böses anzutun.“

„Wieso sollte ich Ihnen glauben?“

Als er jetzt das Gatter öffnete, kam sein Pferd sofort angetrabt. Er führte es ins Freie. „Können Sie allein aufsitzen? Sind Sie verletzt?“

Statt seine Fragen zu beantworten, sagte sie störrisch: „Ich will nicht reiten.“

Wortlos legte er daraufhin die Arme um sie, hob sie hoch und schwang sich mit in den Sattel. „Ich habe für Sie leider zu viel bezahlt, um Sie hier zurückzulassen.“

Dann gab er dem Pferd einen Klaps, woraufhin es sich in Bewegung setzte. Nur wenige Minuten später lag das Camp weit hinter ihnen.

„Sie haben mich gekauft?“

„Es war ein guter Handel, denke ich. Dabei habe ich nicht einmal Ihre Zähne geprüft“, spottete er. Eine hysterische Frau war das Letzte, was er im Moment gebrauchen konnte. Doch was hätte er tun sollen?

Gleich darauf bereute er seine Worte. Er hätte ein wenig Mitgefühl zeigen sollen.

„Wer sind Sie?“, wollte sie wissen.

„Sprechen Sie kein Arabisch?“

„Nicht den Dialekt, den Sie verwendet haben. Ich konnte nur wenig verstehen.“

„Das war die Sprache der Beduinen.“

„Das erklärt immer noch nicht, wer Sie sind.“

„Gestatten: Zafar Nejem. Ich bin der Scheich von Al Sabah und Ihr Retter.“

Ana hielt sich krampfhaft an der Mähne des Pferdes fest. Obwohl die Nachtluft endlich die ersehnte Abkühlung brachte, war Ana wie betäubt und überhaupt nicht in der Lage, zu denken. Ob sie wohl unter Schock stand?

Der Mann, der von sich behauptete, der Scheich von Al Sabah zu sein, schwieg. Sie hatte keine Ahnung, wie er aussah, denn bis auf die dunklen Augen war sein Gesicht verhüllt. Sie wusste nur, dass zum Zeitpunkt ihrer Entführung vor wenigen Tagen noch ein gewisser Farouk Nejem der Herrscher von Al Sabah gewesen war. Tarik hatte ihr von den Problemen mit ihm und seinem Land erzählt.

„Zafar Nejem – der Name sagt mir nichts. Ich dachte, Farouk …“

„Er ist nicht mehr an der Macht“, schnitt er ihr schroff das Wort ab und brachte das Pferd zum Stehen.

Ana sah sich verblüfft um. Sie verstand nicht, weshalb sie anhielten, denn um sie her gab es nichts als Sand … Deswegen hatte sie auch nicht versucht zu fliehen. Es hätte den sicheren Tod bedeutet. Das war die erste Lektion, die ihr Reiseleiter ihnen beigebracht hatte, als sie mit ihren Freundinnen einen Tagesausflug in die Wüste unternommen hatte. Doch ihr letzter Ausflug in die Freiheit, ehe ihre Verlobung mit Tarik öffentlich bekannt gegeben wurde, hatte sich in einen Albtraum verwandelt. Damit bestätigte sich, was sie immer schon geahnt hatte: Aus der Reihe zu tanzen führte geradewegs in die Katastrophe.

Ein weiterer Aspekt, der sie vor einer Flucht zurückschrecken ließ, war ihre zarte helle Haut. Die stechende Sonne hätte sie gnadenlos verbrannt.

Der unerwartete Stopp jagte ihr eine Heidenangst ein. Bisher hatte sie Glück im Unglück gehabt. Ihre Entführer hatten sie nicht angerührt, um, wie sie sagten, die kostbare Ware nicht zu beschädigen. Wie ihr „Retter“ darüber dachte, wusste sie jedoch nicht.

Mühsam atmete sie durch, denn die Luft war extrem trocken und an ein Davonlaufen war nicht zu denken. Sie nahm sich fest vor, unbedingt die Ruhe zu bewahren und zu versuchen, die Kontrolle zu behalten, wenn schon nicht über die Situation, dann wenigstens über sich selbst.

Ihr Begleiter glitt elegant vom Pferd und hielt ihr dann die Hand hin, nach der sie dankbar griff. So erschöpft, wie sie war, wäre sie womöglich auf den Boden gesunken und dort liegen geblieben. Eine solche Demütigung hätte sie nicht ertragen.

„Wo sind wir?“, erkundigte sie sich.

„An unserem Rastplatz.“

„Aber hier ist doch nichts!“

„Ich sitze seit acht Stunden auf dem Pferd und brauche dringend eine Pause.“

„Wenn Sie ein Scheich sind, wieso benutzen Sie dann kein Auto?“

„Wo sollte ich denn mitten in der Wüste tanken?“

Um Benzin und Öl – darum geht es doch immer, dachte sie gereizt. Sie war die Tochter des reichsten Ölhändlers der USA. Durch ihren Vater hatte sie Scheich Tarik kennengelernt, war nach Shakar gereist und saß nun offensichtlich in Al Sabah fest. Das Öl war schuld an ihrem Elend.

Um auf andere Gedanken zu kommen, versuchte sie, sich Tariks Bild vor Augen zu führen: seine schönen dunklen Augen und sein Lächeln. Doch es gelang ihr nicht, weil sie zu erschöpft, verschwitzt und durstig war.

Beim Anblick des geheimnisvollen Fremden beschleunigte sich allerdings ihr Herzschlag unwillkürlich, und sie rückte rasch von ihm ab. Dabei ähnelte er Tarik in keiner Weise. Sein harter, kalter Blick ließ nicht die Spur eines Lächelns erkennen. Dennoch zog er sie magisch an …

Sie blinzelte, weil die Sonne, die gerade in einem berauschenden Farbenspiel aus Rot- und Purpurtönen hinter einer Bergkette versank, sie blendete. „Wann kehren wir wieder in die Zivilisation zurück und wann kann ich endlich Kontakt zu meinem Vater und Tarik aufnehmen?“

„Ich weiß noch nicht, ob ich Ihnen Letzteres gestatten werde. Vielleicht stecke ich Sie ja auch in meinen Harem.“

„Sie haben doch gesagt, dass Sie mein Retter sind!“

„Haben Sie je in einem Harem gelebt? Vielleicht gefällt es Ihnen dort ja.“

„Besitzen Sie denn einen?“

„Leider nicht. Ich könnte mir allerdings als zukünftiger Herrscher von Al Sabah einen zulegen.“

Vor Schreck verschlug es ihr für einen Moment die Sprache. Doch dann schimpfte sie zornentbrannt los: „Ihre Witze können Sie sich sparen.“

Da sie auf der strengen Schule, die sie besucht hatte, gelernt hatte, in jeder Situation Haltung zu bewahren, nie zu laufen, wo man gehen konnte, nie zu schreien, wo ein ruhiges Wort möglich war, nahm sie sich jedoch sogleich zurück. Schließlich hatte sie auch gelernt, dass Tränen nichts zum Besseren wendeten. Ihre Mutter hatten sie jedenfalls nicht zurückgebracht.

„Glauben Sie etwa, ich wäre glücklich über die Situation? Diese Gauner würden einen Krieg auslösen, wenn es für sie von Vorteil wäre. Sie versuchen, sich meinen Schutz mit Erpressung zu erkaufen. Sobald Ihr Verlobter erfährt, dass Sie von Leuten aus Al Sabah entführt wurden oder dass der zukünftige Herrscher des Landes Sie gegen Ihren Willen festhält, gehört der labile Waffenstillstand, der zwischen unseren Ländern zurzeit besteht, der Vergangenheit an. Was denken Sie, wie ich mich gerade fühle?“

Benommen sah sie ihn an. „Ich … Sie meinen, dass meinetwegen ein Krieg ausbrechen könnte?“

„Nicht, wenn ich es vermeiden kann.“

„Mich in Ihren Harem zu stecken wäre der Sache auch nicht dienlich, oder?“

„Gewiss nicht. Falls ich allerdings an einer Auseinandersetzung interessiert wäre …“

„Wieso sollten Sie das sein?“

„Ich muss erst sämtliche Unterlagen meines Onkels durchsehen und mir einen Überblick über die Lage verschaffen, ehe ich eine Entscheidung fälle. Seit ich erfahren habe, dass ich der zukünftige Regent bin, hatte ich noch kaum Kontakt zum Palast.“

„Warum nicht?“

„Wie bei einem Regimewechsel üblich, habe ich in einer ersten Amtshandlung alle Leute gefeuert, die für meinen Onkel gearbeitet haben.“

„Ist das ähnlich wie bei einer feindlichen Übernahme?“

„Nein, denn ich bin der rechtmäßige Herrscher. Mein Onkel ist tot.“

„Das tut mir leid.“ Selbst in dieser kritischen Lebenslage vergaß Ana ihre gute Erziehung nicht.

„Mir nicht. Er hat Al Sabah nichts als Armut und Gewalt gebracht – und Ärger mit den Nachbarn. Leider sind Sie zu einer wichtigen Person in diesem Poker um die Macht geworden, und ich muss mich entscheiden, welchen Zug ich mit Ihnen mache.“

Einen Moment lang verspürte Zafar so etwas wie Mitleid mit der zarten Blondine, auch wenn Gefühle völlig fehl am Platze waren. Beinahe sein halbes Leben hatte er fern der Gesellschaft und Familie verbracht. Er hatte sich ganz auf seine Bestimmung konzentriert, über Al Sabah zu wachen und seine schwächsten Einwohner zu schützen. Rücksicht auf Gefühle hatte er nie genommen.

Noch immer kämpfte er für Gerechtigkeit, und notfalls würde er es auch auf Kosten dieser jungen Frau tun. Glücklicherweise hatten sie ähnliche Ziele, wenngleich sie ihres später erreichen würde, als ihr lieb war. Der einfachste Weg, Frieden zu bewahren, war, sie unversehrt an Tarik zu übergeben. Wie er das möglichst geschickt einfädelte, musste Zafar sich allerdings noch gründlich überlegen. Er war ein starker, unerschrockener Kämpfer, aber diplomatisches Geschick und Raffinesse fehlten ihm.

„Ich will nach Hause!“, stöhnte die junge Frau plötzlich, nun gar nicht mehr gelassen.

Zafar wusste, wie es war, unter Schock zu stehen. Man nahm die Realität wie durch Watte wahr. Er selbst war damals benommen durch die Wüste getorkelt, ohne die sengende Hitze zu spüren.

Hoffentlich bekommt sie keinen Nervenzusammenbruch! dachte er. Sich um eine hysterische Frau kümmern zu müssen, das fehlte ihm jetzt gerade noch.

„Das ist leider nicht möglich.“

„Ich verstehe. Der Krieg …“

„Dann haben Sie mich ja richtig verstanden. Ich schlage jetzt das Zelt auf. Laufen Sie in der Zwischenzeit bitte nicht fort.“

„Ich bin doch nicht lebensmüde. Wieso, glauben Sie, habe ich bislang keinen Fluchtversuch unternommen?“

„Ich weiß ja noch nicht einmal, wie Sie Jamal in die Hände gefallen sind.“ Er löste das am Sattel festgezurrte Zelt und breitete es auf dem Boden hinter einem Felsen aus, der es vor Blicken schützen würde. In der Wüste drohten schließlich noch andere Gefahren außer Jamals Bande.

„Ich habe einen Ausflug zu den Beduinenlagern in Shakar unternommen.“

„Dann haben die Banditen also die Grenze überschritten. Was für ein Glück, dass die wussten, wer Sie sind.“

„Anhand meines Verlobungsrings haben sie mich erkannt. Er gehört zu den Kronjuwelen von Shakar.“ Sie hielt ihre Hand hoch. „Natürlich haben sie ihn behalten.“

„Wieso haben sie ihn mir dann nicht als Beweis vorgelegt?“

Erschrocken sah sie ihn an. „Aber Sie haben doch bestimmt von meiner Verlobung mit Tarik gehört?“

„Handelt es sich dabei um eine Verbindung, die aus Vernunftgründen erfolgt ist?“

„Schon, aber er liebt mich auch.“

„Gewiss.“

„Doch! Selbstverständlich dient unsere Verbindung auch geschäftlichen Zwecken, aber wir sind bereits seit Jahren heimlich verlobt.“

„Lieben Sie ihn denn?“

Trotzig hob sie das Kinn. „Von ganzem Herzen. Ich freue mich auf die Hochzeit.“

„Wann soll sie denn stattfinden?“

„In wenigen Monaten. Erst soll ich sein Land kennenlernen, danach will er mir in aller Öffentlichkeit den Hof machen.“

„Obwohl Sie schon so lange ein Paar sind?“

„Es geht darum, den Schein zu wahren. Das ist doch auch Ihre Absicht, sonst würden Sie mich umgehend zu Tarik bringen, oder? Er soll nur nicht herausfinden, dass Ihre Landsleute mich entführt haben. Sie haben den Überfall zwar nicht angeordnet, aber zumindest auch nicht verhindern können.“

„Ich habe meine Amtsgeschäfte noch nicht einmal richtig aufgenommen und möchte nicht sofort in einen Entführungsskandal verwickelt werden.“

„Verstehe.“

„Was genau verstehen Sie, habibti?“ Das Kosewort kam ihm unwillkürlich über die Lippen. Er nannte Frauen sonst gern „Schatz“. Das war einfacher, als sich ihre Namen zu merken, und schuf gleichzeitig eine gewisse Distanz.

Als Nomade in der Wüste hatte er kein geregeltes Liebesleben, doch immer wieder fand er Frauen, die ihn in ihr Bett einluden. Zumeist handelte es sich um Beduinenfrauen, aber es gab auch eine Geliebte in der Hauptstadt, die ihm obendrein als zuverlässige Informationsquelle diente.

„Dass meine Entführung eine Bedrohung für Sie darstellt.“ Ana sah ihn abschätzend an.

„Mein Volk liebt mich nicht, was insofern ein Problem darstellt, als ich es regieren muss.“

Während seines Exils in der Wüste hatte er sich um die Beduinen gekümmert. Sein Onkel hatte sie gnadenlos besteuert, ihnen jegliche medizinische Versorgung und Unterstützung vorenthalten. Die Beduinen standen geschlossen hinter Zafar, die Städter aber kannten nur die üblen Gerüchte, die sein Onkel verbreiten ließ.

Zafars Aufgabe war es nun, sich vor der Stadtbevölkerung zu rehabilitieren, ohne die Wüstenbewohner zu verprellen – und ohne den Zorn des Scheichs von Shakar zu erregen, was keine einfache Aufgabe war.

„Das hilft mir auch nicht viel weiter.“

„Es tut mir leid, aber das ist Ihr Problem. Jetzt lassen Sie mich endlich das Zelt aufbauen, sonst müssen wir im Freien übernachten.“

„Soll ich etwa mit Ihnen in einem Zelt schlafen?“

„Sie können die Nacht auch unter freiem Himmel verbringen. Haben Sie denn nicht die Insekten gesehen, die nachts aus dem Sand krabbeln?“

Ana schauderte. Die Vorstellung erschreckte sie. Doch war es wirklich weniger gefährlich, neben diesem Mann zu liegen? Einem Fremden? Lediglich das Wissen, dass er unbedingt einen Krieg verhindern wollte, tröstete sie ein wenig.

Vielleicht sollte ich ihn darauf hinweisen, dass ich noch unschuldig bin und Tarik das bekannt ist, ging es ihr durch den Kopf. Das bot ihr vielleicht einen gewissen Schutz. Sie beschloss, es sich für den Notfall aufzuheben.

„Wie lange muss ich bei Ihnen bleiben?“, fragte sie, während er geschickt das winzige Zelt aufbaute.

„So lange wie nötig.“

Ana beobachtete ihn neugierig bei der Arbeit und überlegte, wie er wohl gebaut sein mochte. Unter dem wallenden Gewand ließ sich seine Figur nicht erahnen. Seine geschmeidigen, kraftvollen Bewegungen deuteten allerdings darauf hin, dass er sich in ausgezeichneter körperlicher Verfassung befand. Nicht, dass es von Bedeutung gewesen wäre …

„Wie aufschlussreich!“

„Mehr kann ich nicht sagen. Sobald ich die Situation besser einschätzen kann, gebe ich Ihnen Bescheid.“ Mit schnellen, geschickten Bewegungen arbeitete er weiter.

„Machen Sie das öfter?“

„Fast täglich.“

„Sie kaufen jeden Tag entführte Frauen und reiten mit ihnen durch die Wüste?“

„Ich spreche vom Zelt.“

„Das ist mir schon klar. Ich wollte nur die Stimmung etwas auflockern.“ Sie neigte den Kopf zurück und betrachtete den inzwischen tiefschwarzen Himmel, an dem Millionen von Sternen funkelten.

Mach jetzt bloß nicht schlapp, ermahnte sie sich. Ihrem Vater zuliebe musste sie sich zusammenreißen und alles tun, um rasch zu ihm und Tarik zurückzukehren. Schließlich wollte sie keine Last für sie darstellen.

„Genau genommen habe ich Sie nicht gekauft“, erklärte Zafar, während er eine Schnur verknotete, „sondern Lösegeld für Sie bezahlt.“

„Das klingt doch gleich viel besser!“

„Sie sollten sich daran immer erinnern. So, fertig. Möchten Sie sofort schlafen gehen?“

Ja und nein. Die Vorstellung, mit ihm in dieses winzige Zelt zu kriechen und ihm ganz nahe zu sein, ließ ihren Herzschlag in ungeahnte Höhen schnellen. Gleichzeitig fühlte sie sich zu Tode erschöpft.

„Ich weiß es nicht“, brachte sie schließlich hervor, und gleich darauf brachen sich all ihre Ängste Bahn. Heftiges Schluchzen schüttelte ihren Körper, und sie erlitt endgültig einen Nervenzusammenbruch. Tränen strömten ihr über die Wangen, und zwischen einzelnen Schluchzern rang sie heftig nach Luft.

Zafar tat nichts, um sie zu trösten, sondern ließ sie einfach weinen. Er hätte ihr ohnehin nicht helfen können. Nach Tagen, in denen sie Stärke bewiesen und ihre Ängste vor ihren Entführern verborgen hatte, musste Ana sich einfach gehen lassen.

Nach einer Weile beruhigte sie sich jedoch wieder. Der Gefühlsausbruch war ihr peinlich, und sie ärgerte sich über sich selbst.

„Ist es jetzt besser?“

Zafar sah sie mit undurchdringlicher Miene teilnahmslos an, was Ana als unangemessen empfand. Natürlich wollte sie nicht von ihm getröstet werden, aber ein wenig Mitgefühl hätte sie schon erwartet.

„Danke.“ Vom Weinen war ihre Stimme ganz rau.

„Möchten Sie jetzt schlafen gehen?“

„Ja.“ Vor Erschöpfung konnte sie sich auf einmal kaum mehr auf den Beinen halten, und sie begann am ganzen Körper zu zittern. „Ich weiß gar nicht, woher das kommt“, stöhnte sie.

Fluchend legte Zafar die Arme um sie und zog sie fest an sich.

Dass er sie nicht aus Zuneigung umarmte, war Ana sofort klar. Doch selbst geborgen an seiner Brust bebte sie noch eine ganze Weile. Gleichzeitig nahm sie seinen überraschend angenehmen Geruch wahr. Obwohl er den ganzen Tag durch die Wüste geritten war, duftete er ausgesprochen würzig, und das gefiel ihr überraschend gut.

Jetzt bist du völlig durchgedreht! sagte sie sich, denn sie verspürte das dringende Bedürfnis, sich an ihn zu klammern und ihn anzuflehen, sie auf keinen Fall wieder loszulassen.

„Das nächste Feldlazarett ist weit entfernt. Tun Sie also bitte nichts Unüberlegtes wie zum Beispiel zu sterben“, sagte Zafar in diesem Moment, und seine Stimme klang ungewöhnlich rau.

„Wenn ich tot wäre, würde mir ein Lazarett auch nicht mehr helfen.“ Ana legte den Kopf an seine Brust. Sein gleichmäßiger Herzschlag beruhigte sie ein wenig. Irgendwie stellte er für sie eine Verbindung zur Welt her, zum Leben. „Keine Sorge, ich sterbe schon nicht.“

„Wann haben Sie zum letzten Mal etwas getrunken?“

„Das ist eine Weile her. Ich weiß nicht einmal, wie viele Tage seit meiner Entführung vergangen sind.“

„Kommen Sie, ich bringe Sie ins Zelt.“ Er hob sie auf seine Arme und trug sie behutsam ins Zelt. Dort setzte er sie auf einer Decke ab. Dann ging er wieder hinaus, um einen Moment später mit einem Wasserschlauch zu ihr zurückzukehren. „Trinken Sie.“

Ana folgte seiner Aufforderung und merkte erst jetzt, wie durstig sie war. In gierigen Zügen leerte sie den ganzen Inhalt. „Hoffentlich war das nicht Ihr gesamter Wasservorrat.“

„Ich habe noch mehr. Morgen Vormittag legen wir ohnehin Rast bei einer Oase ein, ehe wir zur Stadt weiterreiten.“

„Wieso übernachten wir nicht heute schon in der Oase?“

„Weil ich müde bin, genau wie Sie.“

„Mir geht’s gut“, widersprach sie, weil seine Freundlichkeit ihr nicht geheuer war.

„In der Wüste muss man lernen, seine Grenzen realistisch einzuschätzen. Jeden Moment führt sie uns unsere Sterblichkeit vor Augen.“

Erschöpft ließ Ana sich auf die Decke sinken. Dabei kehrte sie Zafar den Rücken zu. Sie hörte, wie er sich ebenfalls hinlegte, und spürte, dass er über sie eine Decke ausbreitete.

„In der endlosen Wildnis sind wir winzig klein und unbedeutend.“ Seine sonore Stimme klang sanft und warmherzig, und Ana hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihr nachgeben.

„Sie führt uns aber auch unsere Stärke vor Augen. Wenn man die Wüste respektiert und die eigenen Grenzen akzeptiert, ohne dagegen anzukämpfen, kann man in ihr leben. Beherrschen lässt sich die Wüste nicht, aber wer hier überlebt, der beweist wahre Stärke.“

Ana fielen die Lider zu. „Mir ist kalt“, murmelte sie und spürte, wie ein starker Arm sie daraufhin umfing. Schon bald ging es ihr besser, und sie fühlte sich überraschend geborgen an Zafars breiter Brust. Seine Berührung hatte etwas unendlich Tröstliches an sich.

Zärtlich streichelte er ihren Arm. Es fühlte sich an, als hätte er eine Flamme in ihr entfacht.

Anas letzter Gedanke vor dem Einschlafen war, dass er der erste Mann war, der sie im Schlaf umfangen hielt – und dass sie sich dieses Erlebnis lieber für ihren Verlobten aufgespart hätte.

Dennoch schmiegte sie sich eng an ihn und gestattete sich, was sie sich seit ihrer Entführung nach Möglichkeit versagt hatte: Sie schlief ein.

2. KAPITEL

„Wachen Sie auf.“ Zafar schüttelte Ana behutsam, die zusammengerollt wie ein Kind dalag und fest schlief.

Die Sonne ging gerade hinter den Bergen auf, und es herrschten noch angenehme Temperaturen. In wenigen Stunden würde es zu heiß zum Reiten sein. Bis dahin wollte er die nächstgelegene Oase erreicht haben, um dort eine Rast einzulegen. Am Spätnachmittag, wenn es sich wieder etwas abgekühlt hatte, beabsichtigte er, mit Ana zur Stadt weiterzuziehen.

Noch eine Nacht im Freien wollte er der zerbrechlich wirkenden Blondine nicht zumuten. Ein längerer Aufenthalt in der Wüste würde ihrem zarten Teint schaden. Außerdem brauchte er dringend Schlaf.

In diesem Moment schlug sie die Augen auf. „Ich …“ Abrupt setzte sie sich auf. „Oh nein! Es war also kein Albtraum.“

„Leider nicht. Meinen Sie damit mich oder Ihre Entführung?“

„Alles. Auf dieses Abenteuer hätte ich gut verzichten können. Mir tut alles weh. Der Boden war einfach schrecklich hart.“

„Darüber müssen Sie sich bei Ihrem Schöpfer beschweren.“

„Halten Sie mich etwa für wehleidig?“ Sie fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, wobei sich ihre Finger darin verfingen.

Unwillkürlich fragte Zafar sich, wann sie es zum letzten Mal gekämmt hatte. Ein Bad hatten ihre Entführer ihr bestimmt nicht ermöglicht und auch sonst wohl keine Rücksicht auf ihre Bedürfnisse genommen. Dafür hätte er die Männer nur zu gern zur Rechenschaft gezogen. Doch in seiner zukünftigen Position durfte er sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Er musste seine Ziele um jeden Preis verfolgen.

„Solche Gedanken mache ich mir überhaupt nicht. Sie stellen für mich lediglich eine Last dar und behindern mein Vorankommen.“ Er hatte es schließlich eilig, zum Palast zu gelangen. Seine Männer hatten ihn informiert, dass Botschafter Rycroft, ein Freund seines verstorbenen Onkels, auf einem baldigen Treffen bestand. Diese Begegnung würde nicht angenehm verlaufen – wie überhaupt sein weiteres Leben. Von nun an würde er es fast ausschließlich der Politik widmen müssen.

„Ich habe weder darum gebeten, entführt zu werden, noch dass Sie mich kaufen.“

„Haben Sie es schon vergessen? Ich habe Lösegeld für Sie gezahlt.“

„Wie Sie es nennen ist mir egal. Es geschah auf jeden Fall gegen meinen Willen.“

„Würden Sie sich jetzt bitte nach draußen begeben, damit ich das Zelt abbauen kann?“

Ana stand auf, warf ihm einen bitterbösen Blick zu und ging mit hocherhobenem Kopf an ihm vorbei ins Freie.

„Falls Sie Hunger haben, Sie finden in einer der Satteltaschen Dörrfleisch.“

Obwohl sie darauf absolut keinen Appetit verspürte, durchwühlte Ana die Taschen und fiel gleich darauf mit unerwartetem Heißhunger über den Proviant her.

„Ist noch Wasser da?“, fragte sie dann hoffnungsvoll.

„Im Schlauch.“ Während sie es trank, baute Zafar rasch das Zelt ab.

„Haben die Entführer Ihnen nichts zu essen gegeben?“

„Nicht genug jedenfalls. Außerdem war ich mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Also habe ich nur etwas zu mir genommen, wenn es gar nicht mehr anders ging.“

„Sie zu vergiften oder unter Drogen zu setzen, hätte den Kidnappern keinen Vorteil verschafft.“

„Vermutlich nicht, aber auf diese Idee bin ich einfach nicht gekommen.“

„Was kein Wunder war in solch einer Situation.“

„Sie werden mir doch nichts antun, oder?“ Sie sah ihn mit großen Augen fragend an.

„Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ Eine Frau zu misshandeln war eindeutig unter seiner Würde.

„Ich glaube Ihnen. Sonst hätte ich diese Nacht auch nicht schlafen können.“

„Wie viele Nächte haben Sie durchwacht?“

Ana schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Ich hatte Angst, die Augen zu schließen, weil ich nicht wusste, was dann passiert. Dadurch wurde alles allerdings noch schlimmer. Wenn man müde ist, vermischen sich Realität und Wahnvorstellungen … Ich war kurz davor, verrückt zu werden.“

„Dann hören Sie mir jetzt gut zu: Ich halte Sie weder zu meinem Vergnügen fest, noch um Ihnen in irgendeiner Form zu schaden. Ehe ich Sie freilasse, muss ich mir allerdings ein genaues Bild der Lage verschaffen. Das mag Ihnen nicht gefallen, doch einen Krieg wollen Sie gewiss nicht auslösen.“

„Eine solche Auseinandersetzung ist immer die schlechtere Alternative“, stimmte sie ihm zu. „Aber ich könnte Tarik doch erklären …“

„Möglicherweise würde er sogar auf Sie hören. Er könnte es aber auch für angebracht halten zu beweisen, dass er in der Lage ist, sein Eigentum zu schützen.“ Zafar schwieg einen Moment. „Außerdem muss ich an mein Land denken. Jamal würde möglicherweise Gerüchte in Umlauf bringen, dass ich in die Entführung verwickelt war. Das wäre normalerweise kein Problem. Als Herrscher könnte ich in so einem Fall eine Rebellion im Keim ersticken. Aber mein Volk steht noch nicht loyal hinter mir. Ein solcher Skandal wäre vielen ein willkommener Anlass, mich so schnell es geht wieder vom Thron zu stürzen.“

„Ist Ihnen der Thron denn so wichtig?“

„Man hat mir die Krone gestohlen und mich ins Exil verbannt. So will ich nicht länger leben. Der Thron von Al Sabah gehört mir. Ich nehme nur meinen rechtmäßigen Platz ein.“

„Selbst um den Preis, dass Sie mich zu dem Zweck gefangen halten müssen?“

„Ihr Gefängnis wird ein luxuriöser Palast sein, ähnlich dem Ihres Verlobten. Betrachten Sie Ihre Zeit dort einfach als Wellness-urlaub.“

„Dann fange ich am besten gleich mit einem Sandpeeling an. Das soll sehr gut sein für die Poren.“

„Die Schönheitskur beginnt erst heute Abend im Palast. Augenblicklich befinden Sie sich noch auf einem Ausflug in der Wüste in Begleitung eines privaten Fremdenführers. Ich kenne die Wüste besser als die meisten Bewohner die Stadt, in der sie aufgewachsen sind.“

„Leider erschließt sich mir die Schönheit der Umgebung nur langsam.“

„Die Landschaft hier gleicht der Wüste in Shakar. Wenn Ihnen die Umgebung so wenig zusagt, sollten Sie sich besser noch einmal überlegen, ob Sie Tarik wirklich heiraten wollen.“

„Es tut mir leid. Ich habe einfach nur schlechte Laune.“

„Das ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich gleichgültig.“ Er zurrte das zusammengerollte Zelt am Sattel fest, nahm Ana den Wasserschlauch aus der Hand und verstaute ihn in einer Satteltasche. „Schaffen Sie es allein aufs Pferd, oder soll ich Ihnen helfen?“

„Ich befürchte, ich benötige Ihre Hilfe.“

„Kein Problem. Ich habe Sie schließlich die ganze Nacht über im Arm gehalten, da kommt es auf eine weitere Tuchfühlung auch nicht mehr an.“

Als Ana errötete, machte Zafar sich insgeheim Vorwürfe. Es war überflüssig, sie zu necken, zumal er sich aus Wortspielen und Humor bisher nie etwas gemacht hatte. Er ahnte allerdings, dass er damit nur gegen etwas ankämpfte, das ihn zutiefst verstörte. Ana zog ihn unwiderstehlich an. Das gestand er sich allerdings nicht ein.

Er verschränkte die Hände und hielt sie ihr hin. „Steigen Sie darauf“, forderte er sie auf.

Gehorsam griff Ana mit einer Hand in die Pferdemähne, die andere legte sie auf Zafars Schulter, stieg mit einem Fuß auf die verschränkten Hände und ließ sich von ihm hochheben, bis sie das andere Bein über den Pferderücken schwingen konnte.

„Wollen Sie vor oder hinter mir sitzen?“, erkundigte sich Zafar.

Die Frage brachte Ana in Verlegenheit. Rasch überlegte sie, in welcher Position sie am wenigsten Körperkontakt haben würden. „Vor Ihnen.“

Für Zafar würde das Reiten auf diese Weise zwar schwieriger sein. Doch allein der Gedanke, dass sie hinter ihm sitzen würde, die Brust an seinen Rücken gepresst, ließ ihn innerlich erglühen.

Rasch rief er sich zur Ordnung. Wie er es ihr versprochen hatte, würde er sie beschützen und nicht anrühren. Er stand schließlich immer zu seinem Wort. Er wusste, was richtig war, und setzte es um. Deswegen kehrte er auch nach Jahren im Exil in die Stadt zurück, in den Palast. Nicht Machthunger trieb ihn an, sondern das Wissen um seine Pflicht seinem Volk gegenüber. Es gab keinen anderen Weg, und Zeit für eine Ablenkung hatte er auch keine.

Er saß hinter Ana auf und griff nach den Zügeln. „Halten Sie sich gut fest“, befahl er und legte ihr einen Arm um die Taille. „Wenn wir den Palast heute noch erreichen wollen, müssen wir uns beeilen.“

Sie ritten wie der Teufel und rasteten nur kurz in der Oase in den Bergen, die sich mit ihrem saftigen Grün von der trockenen, staubigen Umgebung abhob. Danach jagten sie wieder im Galopp über das karge Land.

Als Ana in der Ferne einen flüchtigen Blick auf die Stadt erhaschte, war sie so erschöpft, dass sie sich kaum noch auf dem Pferd halten konnte. Sie war von Kopf bis Fuß mit Staub bedeckt, und ihre Finger waren so steif, dass sie sich kaum mehr an der Mähne des Tiers festhalten konnte. Nach nichts sehnte sie sich mehr als nach einem Bad und einem weichen Bett. Alles andere konnte warten.

Das harte Leben in der Wüste war sie nicht gewöhnt. Sie stammte aus einem vornehmen Elternhaus und hatte jahrelang ein exklusives Mädchenpensionat besucht, das den Komfort eines Fünfsternehotels bot.

Bequeme Betten und heiße Schaumbäder waren für sie bis vor Kurzem eine Selbstverständlichkeit gewesen. Nun war sie von Kopf bis Fuß schmutzig wie noch nie und fühlte sich entsetzlich.

Als sie sich der Stadt näherten, entdeckte Ana Wolkenkratzer und graue Türme aus Glas und Stahl, wie sie sich in jeder beliebigen Großstadt in den Vereinigten Staaten befanden. Doch die uralte gelbe Lehmmauer, die die Stadt einfasste, legte Zeugnis ab von ihrer tausendjährigen Geschichte.

„Willkommen in Bihar“, sagte Zafar.

„Reiten wir direkt in die Stadt?“

„Wieso nicht?“

Zafar stellte für Ana ein Rätsel dar. Er hielt eloquente Monologe, rezitierte ohne ins Stocken zu geraten wunderbare Gedichte über die Wüste, aber sobald sie ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln versuchte, wurde er wortkarg. Im Zwiegespräch schien seine Selbstsicherheit wie weggeblasen zu sein.

„Zwischen den hohen Häusern wirkt ein Pferd sicher fehl am Platz.“

„Das trifft in der Innenstadt zu, aber nicht in den Vororten und auf dem Weg zum Palast, den wir einschlagen werden.“

Wenig später lag die Wüste hinter ihnen. Sie durchquerten eines der Stadttore in einem Viertel, in dem sich vierstöckige Wohnhäuser aus sonnengetrockneten Lehmziegeln eng aneinanderreihten, und vorbei an einem Marktplatz, auf dem Getreide, Nüsse und getrocknete Früchte in großen Körben feilgeboten wurden. Überall herrschte großes Gedränge, doch die Leute machten ihnen Platz, ohne weiter auf Pferd und Reiter zu achten.

Einmal wandte Ana sich zu Zafar um. Sein Gesicht war noch immer bis auf die Augen verhüllt. Der Gedanke, dass der Scheich sich unerkannt auf seinem Rappen durch die Stadt bewegte, eine Gefangene vor sich im Sattel, amüsierte sie seltsamerweise.

Kurz darauf erreichten sie weniger besiedelte Stadtviertel, dann bogen sie von der gepflasterten Straße ab auf einen schmalen Pfad, der an der Innenseite der Stadtmauer verlief und bald in einen riesigen Olivenhain mündete. Minuten später erhaschte Ana einen Blick auf den Palast.

Das eindrucksvolle Bauwerk, aus weißem Stein im orientalischen Stil errichtet, thronte auf einem Hügel. Sein saphirblaues Dach leuchtete wie eine Fackel und musste von nahezu jeder Stelle in der Stadt zu sehen sein. Der wunderschöne Palast wirkte trotz seiner riesigen Ausmaße irgendwie filigran, fast übernatürlich, und war dennoch nicht aus dem Stadtbild von Bihar wegzudenken – ganz im Gegensatz zu den modernen Hochhäusern.

Zafar trieb sein Pferd ein letztes Mal an, und sie näherten sich dem Palast in vollem Galopp. Kurz vor einem Tor zügelte Zafar den Hengst, stieg ab und löste das Tuch, das sein Gesicht bedeckte. Als Ana seine markanten Gesichtszüge erblickte, wusste sie, weshalb er sich unterwegs verhüllt hatte. Sie waren einfach unverwechselbar. Wer Zafar einmal gesehen hatte, vergaß ihn bestimmt nie wieder.

Gleich darauf staunte sie ein zweites Mal, als er aus den Falten seines Gewands ein Handy hervorzog und eine Nummer wählte. Gerade noch war er wie eine Gestalt aus längst vergangenen Zeiten auf einem schwarzen Hengst durch die Wüste geritten, nun bediente er sich moderner Technik.

„Ich bin da. Öffnet das Tor.“

Sekunden später ging es wie von Zauberhand auf, und Zafar führte das Pferd, auf dem Ana immer noch saß, in einen weitläufigen Innenhof. Sofort fühlte sie sich wie in eine andere Welt versetzt. Kunstvolle Steinmosaike zierten die Innenwände der Mauern, in der Mitte des Hofs, eingefasst von Beeten voller bunt blühender Blumen und Sträucher, stiegen hohe Wasserfontänen eines Springbrunnens auf. Von Tarik wusste Ana, dass solche grünen Oasen in den wasserarmen Ländern der Region als Zeichen von Reichtum und Luxus angesehen wurden.

Gleich hinter dem Tor nahm eine Gruppe beängstigend wild aussehender Männer sie in Empfang. Einer von ihnen trug sogar einen Krummsäbel an der Seite. In diesem Moment wurde ihr erneut bewusst, dass sie Zafar auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Das hatte sie in den vergangenen Stunden erfolgreich verdrängt. Seine Macht flößte ihr Angst ein. Gleichzeitig fühlte sie sich geradezu unwiderstehlich von ihm angezogen, und zwar in einer Weise, die sie nicht zu ergründen vermochte.

Schnell verdränge sie die verwirrenden Gefühle. Dass ihr Herz schneller pochte, lag bestimmt nur an den furchterregenden Männern, die sie gerade umringten.

„Scheich“, begrüßte einer von ihnen Zafar und neigte den Kopf tief, während er Ana völlig ignorierte.

„Brauchen Sie Hilfe beim Absitzen?“, fragte Zafar sie.

„Danke, das schaffe ich allein.“ Ungeschickt glitt sie vom Pferd, strauchelte, fing sich aber gleich wieder und lächelte dann verlegen.

„Lasst ein Zimmer für meinen Gast herrichten. Ihr habt doch neue Diener eingestellt, oder?“, wandte Zafar sich an seine Leute.

Für meinen Gast? Beinahe hätte Ana laut aufgelacht.

Der größte und breitschultrigste Mann nickte. „Wir haben alles nach Ihren Wünschen vorbereitet, Scheich. Botschafter Rycroft hält sich gerade im Palast auf und hat Ihre Ankunft bemerkt. Er besteht darauf, Sie umgehend zu sprechen. Es wird schwierig sein, ihn noch länger hinzuhalten.“

„Gut, ich kümmere mich gleich um ihn. Versorgt inzwischen mein Pferd.“

„Ja, Scheich.“

Ana wunderte sich, dass die Leute Zafars neuen Status als Scheich ungefragt akzeptierten. Doch dann kam es ihr in den Sinn, dass er vermutlich schon immer ihr Anführer gewesen war. Ihn umgab eine unverwechselbare Aura von Selbstbewusstsein, Macht, Kraft und Wagemut. Doch statt sich davon abgestoßen zu fühlen, faszinierten diese Eigenschaften sie, während sie ihr andererseits auch Furcht einflößten.

„Wo ist Ihr Gepäck?“, erkundigte sich einer der Männer.

„Wir haben nichts dabei. Sorgt dafür, dass meine Begleiterin umgehend eine neue Garderobe erhält, und zwar möglichst noch heute.“

„Das geht in Ordnung, Scheich.“

Ana wäre am liebsten im Erdboden versunken, denn sie befürchtete, dass man sie im Palast zumindest für Zafars Geliebte halten würde. Unternehmen konnte sie dagegen nichts, denn was sich hier gerade abspielte, war einmalig in der Geschichte des Landes.

Zafar übernahm den Thron von einem Herrscher, mit dem er, von Blutsbanden abgesehen, nicht das Geringste gemein hatte. Der Führungswechsel würde nicht nur seinem Volk zugutekommen, sondern auch Tarik. Ana wusste um die Spannungen zwischen beiden Ländern. Ihr Verlobter hatte ihr davon berichtet, und sie hatte ihm hoch angerechnet, dass er ihr seine Sorgen anvertraute.

Nicht zuletzt seine Offenheit und sein Respekt ihr gegenüber hatten sie dazu bewogen, seinen Heiratsantrag anzunehmen. Ihr Vater hatte die Verbindung eingefädelt, dennoch hätte sie niemals in eine Ehe eingewilligt, wenn sie Tarik nicht gemocht hätte.

Nein, es ist mehr als das, sagte sie sich. Sie liebte ihn, wenngleich es eine leidenschaftslose Liebe war. Tarik war altmodisch. Er machte ihr den Hof auf ehrerbietige Weise. Außerdem sah er fantastisch aus mit seiner ebenmäßigen dunklen Haut, den rabenschwarzen Augen, den dichten, langen Wimpern und kräftigen Brauen.

Verstohlen sah sie zu Zafar hinüber, und plötzlich konnte sie sich Tariks Gesicht nicht mehr vorstellen.

Die markanten Züge ihres Retters schlugen sie in Bann: Der schwarze Bart, der das sonnengebräunte Gesicht halb bedeckte, die feurig blickenden Augen und die Lippen. Zafar hatte einen Mund, der in ihr den Wunsch auslöste, ihn zu …

Gut aussehend trifft den Kern nicht, dachte sie. Das Wort war viel zu nichtssagend, denn sein Gesicht war von Sonne und Wind gezeichnet. Es wirkte ursprünglich, wild und irgendwie auch unkultiviert und wie aus Stein gemeißelt.

„Lassen Sie uns in den Palast gehen. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe ihn aber in den vergangenen fünfzehn Jahren kein einziges Mal betreten“, forderte Zafar sie auf.

„Freuen Sie sich über Ihre Rückkehr, oder bedauern Sie, so lange nicht hier gewesen zu sein?“ Ana sah ihn fragend an.

Mit undurchdringlicher Miene erwiderte er ihren Blick. „Ich musste zurückkommen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

„Sie müssen doch etwas empfinden!“

„Gefühle gestatte ich mir prinzipiell nicht, Ms Christensen“, sprach er sie zum ersten Mal mit ihrem Familiennamen an. „Daran wird sich auch nichts ändern, jetzt, da ich ein Land zu regieren habe.“

„Sie sind auch nur ein Mensch!“ Es klang eher wie eine Frage als wie eine Feststellung.

„Seit ich ins Exil gegangen bin, treibt mich nur der Gedanke an, dass mich mein Volk braucht. Es ist meine Pflicht und Aufgabe, dieses Land zu führen, und zwar auf eine andere Weise als mein Onkel es tat. Gefühle haben dabei nichts zu suchen und sind nur ein Zeichen von Schwäche. An meiner Mission besteht kein Zweifel.“

Seine Einstellung deckte sich völlig mit der von Ana. Auch sie lebte nach dem Motto, alles zu unternehmen, was nötig war. Sobald man aufhörte, das Richtige zu tun und die eigenen Wünsche in den Vordergrund rückte, brach unwiderruflich Chaos aus.

Das hatte sie schon früh am eigenen Leib spüren müssen. Ihre Mutter hatte durch ihre Selbstsucht die Familie zerstört. Ana hatte sich schon früh vorgenommen, niemals so zu werden wie sie, und beschlossen, immer das Wohlergehen anderer über das eigene zu stellen.

Im Gegensatz zu Zafar gestattete sie sich jedoch, Gefühle zu haben. Ihrer Meinung nach gab es im Leben Wichtigeres als das Streben nach Glück, was sie als ausgesprochen egoistisch empfand. Und diese Einstellung konnte doch nicht absolut falsch sein, oder?

„Ich bin so steif, dass ich mich kaum noch rühren kann“, wechselte sie das Thema.

„Dagegen hilft nur ein Bad. Ich lasse es für Sie vorbereiten.“

„Danke!“

„Sie klingen überrascht.“

„Sie sind wesentlich großzügiger als meine ersten Entführer.“

„Schließlich bin ich auch Ihr Retter. Kommen Sie.“ Zafar wandte sich um und ging ihr voraus auf die Palasttüren zu. Statt zu warten, bis sie geöffnet wurden, stieß er die massiven hölzernen Türflügel so schwungvoll auf, dass sie krachend gegen die Steinmauern prallten.

Einen Moment lang blieb er auf der Schwelle stehen, und Ana fragte sich, worauf er wartete. Auf die Geister der Vergangenheit?

Nachdem er die Eingangshalle betreten hatte, sah er sich dort schweigend um. Jahrelang hatte er nur in Zelten gelebt. Dass er ein Gebäude aus Stein betreten hatte, lag über ein Jahr zurück. Kein Wunder also, dass die mächtigen Wände ihn schier zu erdrücken schienen und ihm die Luft stickig vorkam und ihm das Atmen in dem Raum schwerfiel.

Am liebsten hätte er kehrtgemacht, aber Ana stand direkt hinter ihm. Er fühlte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier, aber das würde er niemals zugeben. Beherzt ging er weiter und tauchte Schritt für Schritt in seine Vergangenheit ein.

„Zafar?“

Er spürte eine Berührung am Arm und fuhr herum. Ana sah ihn verängstigt an.

Wenn du mich für ein Monster hältst, kommt das der Wahrheit ziemlich nahe, dachte er.

„Ihr Bad wird gleich eingelassen sein“, versuchte er sie zu beruhigen, doch seine Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren kalt.

Nimm dein Schicksal an, machte er sich selbst Mut. Eine andere Wahl hatte er ohnehin nicht. Ich werde es als Strafe für meine Sünden akzeptieren, dachte er, die Lippen fest zusammengepresst, während er weiterging.

3. KAPITEL

Botschafter Rycroft, der zufällig Zafars Ankunft im Palast mitbekommen hatte, ließ sich nicht von einem sofortigen Treffen abbringen. Daher ging Zafar, staubig und verschwitzt von dem langen Ritt, zu ihm. Welchen Eindruck er auf den makellos gekleideten, glatt rasierten Diplomaten machte, mochte er sich gar nicht vorstellen.

Aufgrund der wenigen Unterlagen seines Onkels, die er bisher studieren konnte, wusste er, dass Rycroft für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes von Bedeutung war – insbesondere für den Schwarzmarkt. Noch fehlten ihm allerdings eindeutige Beweise, um ihm das Handwerk zu legen.

Einige Minuten lang unterhielten sich die beiden Männer über belanglose Dinge. Zafar, der Plaudereien nicht gewöhnt war, kam sich dabei ziemlich dumm vor.

„Der Regimewechsel bereitet uns in der Botschaft große Sorgen“, kam der Botschafter schließlich zur Sache.

„Es tut mir leid, wenn der Tod meines Onkels Ihnen Ungelegenheiten bereitet hat“, hielt Zafar ihm entgegen. „Er hätte wirklich einen günstigeren Zeitpunkt dafür wählen sollen.“

„Wir fragen uns, wie Sie zu den derzeitigen Handelsabkommen stehen.“

„Damit werde ich mich zu gegebener Zeit befassen. Das Thema rangiert allerdings weit unten auf meiner Prioritätenliste.“ Zafar lief im Zimmer auf und ab, was seinen Gesprächspartner sichtlich irritierte.

Diplomatie lag ihm einfach nicht. Ein richtiger Mann sagte offen, was er dachte. Nach seiner Erfahrung taten Politiker das meistens nicht. Dennoch würde er sich künftig anders verhalten müssen. „Ich bin auf einen Sumpf aus Korruption gestoßen, den ich erst trockenlegen muss, ehe ich mich um Ihre Verträge kümmern kann, wie Sie sicher verstehen werden.“

Vor Schreck und Empörung lief Rycroft rot an. Er sprang von seinem Stuhl auf. „Scheich Zafar, ich fürchte, Sie verstehen nicht! Unsere Verträge ebnen Ihnen den Weg zur Herrschaft. Ich habe klare Absprachen mit Ihrem Onkel getroffen. Wenn Sie sich nicht daran halten, könnte das übel für Sie enden.“

Heißer Zorn ergriff Zafar. Ohne weiter nachzudenken, packte er den Mann bei den Schultern, stieß ihn gegen die Wand und hielt ihn dort fest. „Wollen Sie mir etwa drohen?“

„Nein.“ Der Botschafter starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen ängstlich an. „Niemals …“

„Das will ich Ihnen auch geraten haben! Ich habe schon aus weit geringerem Anlass getötet, vergessen Sie das nie.“ Er ließ Rycroft los, trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Der Botschafter nahm die Chance sofort wahr und lief, so schnell er konnte, zur Tür und rief im Hinausgehen über die Schulter: „Ich bin gespannt, was die Presse von diesem Vorfall hält!“

Erschöpft stieg Ana in die im Boden eingelassene riesige Wanne und ließ sich in das duftende Schaumbad sinken. Am liebsten wäre sie für immer in dem warmen Wasser geblieben, doch sie war es nicht gewöhnt, sich zu entspannen und verwöhnen zu lassen.

Sie machte sich lieber nützlich, schließlich gab es immer etwas zu tun. Ein Leben ohne Aufgaben erschien ihr sinnlos. Die Untätigkeit hatte ihr auch während ihrer Entführung sehr zu schaffen gemacht.

Die Tour in die Wüste mit ihren Freundinnen hatte ihr erster und letzter Ausflug in Freiheit sein sollen nach dem erfolgreichen Universitätsabschluss und kurz vor ihrer offiziellen Verlobung. Sie hatte sich nach einem Abenteuer gesehnt. Es war dann allerdings anders gekommen, als sie es sich vorgestellt hatte.

Erfrischt und energiegeladen kletterte sie jetzt aus der Wanne, trocknete sich mit einem flauschigen Badetuch ab und schlüpfte in den bereitliegenden Bademantel. In diesem Moment genoss sie es doch, wie eine Prinzessin behandelt zu werden!

Sie war in Luxus aufgewachsen. Auf dem exklusiven Mädchencollege, das sie besucht hatte, hatte man ihr beigebracht, immer klug, stark und höflich zu sein, wie es von den Frauen der amerikanischen Oberschicht erwartet wurde. Dieses Frauenbild hatten sie und ihre Freundinnen so verinnerlicht, dass sie sich selbst in ihrer Freizeit niemals wirklich gehen ließen oder zu viel Persönliches von sich preisgaben. Die Tränen, die Ana in der Wüste vergossen hatte, waren die ersten seit Jahren gewesen.

In den Bademantel gehüllt, kehrte sie ins Schlafzimmer zurück. Als sie die große Schale voller Feigen, Datteln und Trauben entdeckte, die jemand auf die Kommode an der Wand gegenüber dem Bett gestellt hatte, lächelte sie.

„Jetzt fehlt nur noch ein Sklave, der mir Luft zufächelt, dann ist das Klischee perfekt“, sagte sie leise vor sich hin und schob sich eine Traube in den Mund.

„Ich hoffe, es fehlt Ihnen an nichts.“

Erschrocken fuhr sie herum. Zafar war hereingekommen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Er trug ein weißes Leinenhemd, eine helle Baumwollhose und hatte das feuchte Haar im Nacken zusammengefasst. Sein Bart war gestutzt. In der westlichen Kleidung wirkte er wie ein Wolf im Schafspelz und noch gefährlicher als zuvor. Erst jetzt wurde Ana bewusst, wie umwerfend er tatsächlich aussah.

„Alles ist perfekt, soweit man das unter den gegebenen Umständen sagen kann.“

„Unter welchen Umständen?“

„Na ja, ich fühle mich wie in einem goldenen Käfig.“

Er schüttelte den Kopf. „Geht es Ihnen denn nicht gut?“

„Ich würde mich besser fühlen, wenn ich meinen Vater und Tarik informieren könnte, dass ich in Sicherheit bin.“

„Das geht leider nicht.“ Zafar begann, wie ein Tiger im Käfig hin und her zu laufen. „Dass Ihre Entführung einen Krieg auslösen könnte, war wirklich keine Übertreibung.“

„Aber die beiden sind bestimmt außer sich vor Sorge! Sie denken mit Sicherheit, dass ich in Gefahr bin. Bitte lassen Sie mich mit ihnen reden!“

„Erst, wenn meine Position gefestigt ist. Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen?“

„Wenn sie ein Happy End hat.“

„Das Ende bestimmen Sie, also hören Sie mir gut zu: Es war einmal ein Junge. Er wuchs in einem prächtigen Palast auf, in dem Glauben, eines Tages Herrscher des Landes zu werden. Dann drang jedoch eine feindliche Armee in das Schloss ein. Der Anführer ließ den Scheich und seine Frau ermorden, nur der Junge überlebte. Er war sechzehn und alt genug, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Nachdem sein Onkel mit den Regierungstruppen die Angreifer vertrieben hatte, beschuldigte er den Jungen, verantwortlich für den Tod seiner Eltern zu sein. Ermittlungen wurden angestellt und ein Schuldspruch gefällt.“

Natürlich begriff Ana, dass Zafar ihr seine Lebensgeschichte erzählte. Dass er dabei keinerlei Emotionen zeigte, erschreckte sie mehr, als ein Wutausbruch oder Traurigkeit es vermocht hätten.

„Man schickte den Jungen ins Exil in die Wüste. Sein Onkel übernahm die Regierung des Landes und trieb es an den Rand des Ruins. Daran war niemand anders schuld als der Junge, wie man dem Volk weismachte. Überraschenderweise gelang es diesem jedoch, in der Wüste zu überleben, und nach Jahren fiel ihm doch noch der Thron zu. Ob er ihn verteidigen kann, steht allerdings in den Sternen. Verstehen Sie jetzt, wie schlecht das Blatt ist, das ich in den Händen halte?“

„Ja, das ist mir klar.“ Vom langen Stehen auf dem Marmorboden waren ihre bloßen Füße kalt geworden, und schlagartig wurde Ana bewusst, dass sie unter dem Bademantel nackt war. „Dann müssen Sie sich jetzt auch meine Geschichte anhören. Sie handelt von einer Frau, die vor sechs oder sieben Tagen auf einer Tour in der Wüste, an der sie eigentlich gar nicht teilnehmen sollte, verschleppt wurde. Ihre Freunde sind wahrscheinlich außer sich vor Sorge, und ihr Vater ist bestimmt der Verzweiflung nahe, denn er hat niemanden außer ihr.“

Insgeheim fragte sie sich allerdings, ob ihr Vater sich wirklich um sie sorgte. War das Leben ohne sie nicht wesentlich einfacher für ihn? Ihre Mutter war zumindest dieser Ansicht gewesen. Sie hatte keine Lust gehabt, sich um ein Kind zu kümmern, das ihre liebsten, wertvollsten Schätze zerstörte.

„Ich habe erfahren, dass man Ihretwegen Nachforschungen anstellt – sehr diskret übrigens. Kazeem hat einen Anruf aus Shakar bekommen, demzufolge man dort Scheich Tariks Verlobte vermissen würde. Sollte sie in Al Sabah aufgespürt werden, so die Drohung an mich, würde ich einen neuen Rekord aufstellen mit der kürzesten Regentschaft der Geschichte.“

„Oh!“

„Bitte verstehen Sie mich doch. Ich bin die einzige Rettung für mein Land. Nur wenn ich den Thron behalte, hat mein Volk eine Zukunft. Mir bleibt im Moment kein Spielraum für Verhandlungen.“

„Und falls ich fliehe?“

„Das lasse ich nicht zu. Sie werden es ohnehin nicht versuchen, weil Sie bestimmt nicht wollen, dass Blut an ihren Händen klebt. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass es sich nie wieder abwaschen lässt.“

Ana glaubte ihm aufs Wort. Dennoch schwankte sie, ob sie einen Fluchtversuch wagen oder zumindest versuchen sollte, Tarik anzurufen? Aber was, wenn er Al Sabah angreifen ließ?

Sie warf Zafar einen zweifelnden Blick zu. Konnte sie darauf bauen, dass er sie letztendlich freiließ? Doch, sie vertraute ihm. In der Nacht in der Wüste hatte er sie im Arm gehalten, gewärmt und sie getröstet. Er hatte ihr körperliche Nähe gegeben, als sie diese brauchte, obwohl er ihr Bedürfnis danach nicht nachvollziehen konnte. Dabei hatte er ihre Lage nicht ausgenutzt, sie nicht unangemessen berührt oder ihr in irgendeiner Form geschadet.

„Und wie geht es jetzt weiter? Wann wollen Sie mich freilassen?“

„Leider kann ich mich auf keinen Zeitpunkt festlegen.“

„Ich bestehe aber darauf. Ich bleibe nicht länger als dreißig Tage.“

„Gut, damit bin ich einverstanden.“

Dreißig weitere Tage in seiner Gewalt, dachte Ana missmutig. Doch dann begriff sie, dass ihre Gefangenschaft auch Vorteile bot, denn sie hatte plötzlich Zeit, die sie für sich nutzen konnte.

„Betrachten Sie sich bitte nicht als meine Gefangene.“

„Dann steht es mir also frei zu gehen?“

„Das natürlich nicht.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber ich werfe Sie weder in den Kerker, noch müssen Sie bei Wasser und Brot darben. Ich habe lediglich Lösegeld für Sie bezahlt. Wir sehen uns dann später zum Abendessen.“

„Wie bitte? Wieso das?“

„Es soll schließlich nicht so aussehen, als wären Sie meine Gefangene.“

„Das würde doch hervorragend zu Ihrem Image als unberechenbarer Wüstensohn passen.“

„Soll das ein Kompliment sein?“

„Eher nicht. Wieso soll ich überhaupt mit Ihnen dinieren?“

„Es könnte mir schaden, wenn es sich herumspräche, dass ich eine Amerikanerin gegen ihren Willen im Palast festhalte. Das werden Sie begreifen, wenn Sie sich ein wenig umhören. Über mich sind die schrecklichsten Gerüchte im Umlauf. Ein erheblicher Teil davon entspricht leider der Wahrheit.“

„Was sollen die Leute glauben, wer ich bin? Als Ihre Geliebte kann ich nicht auftreten, denn sobald ich frei bin, wird man mich erkennen.“

„Geliebte habe ich keine, nur Bettgefährtinnen. Frauen, die mir vorübergehend Freuden bereiten, so wie ich ihnen.“

Verblüfft registrierte Ana, dass seine harten Worte sie nicht abstießen, genauso wenig, wie der unzivilisierte Mann vor ihr es tat. Das Gegenteil war sogar der Fall. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihn nackt im Bett, eine Frau in den Armen – eine hellhäutige Blondine. Rasch blinzelte sie, um das aufreizende Bild zu vertreiben.

„Ausflüge ins Kino mit einem Mädchen, Blumen und Pralinen, das hat es für mich nie gegeben. In den vergangenen fünfzehn Jahren habe ich keinen einzigen Film gesehen“, berichtete Zafar weiter.

„Das darf doch nicht wahr sein!“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Auf seltsame Weise erschien ihr sein Leben wie ein überspitztes Abbild ihres eigenen. Aus lauter Pflichtgefühl hatte er keine Zeit für die normalen kleinen Alltagsfreuden gefunden – genau wie sie.

In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie mit ihm noch nie über derlei Banalitäten gesprochen hatte. Sie hatten sich bisher ausschließlich über so bedeutungsvolle Themen wie Ehre und Verantwortung unterhalten.

„Ich habe mich ganz aufs Überleben konzentriert und auf den Schutz der Beduinenstämme.“

„Die eine oder andere Geliebte hatten Sie doch bestimmt, oder?“ Ana errötete, weil die unerwünschten Bilder von vorhin wieder vor ihrem geistigen Auge auftauchten. Dabei war sie eigentlich viel zu praktisch veranlagt, um solchen erotischen Träumen nachzuhängen.

„Wenn Sie es so nennen wollen. Und ich ziehe Sex eindeutig Filmen vor.“

Das verschlug ihr einen Moment lang die Sprache. „Es gibt etwas, was ich gerade gern im Bett tun würde: nämlich schlafen. Wir sehen uns dann später.“

Zafar verneigte sich leicht. „Ich lasse Ihnen ein Kleid bringen.“

„Vielen Dank. Ich hatte schon befürchtet, dass ich mich Ihnen nicht von meiner besten Seite zeigen kann.“

Er lachte rau. „Das wäre wirklich zu schade!“

„Ja, nicht wahr? Jetzt aber raus mit Ihnen.“

„Sie erteilen zu viele Befehle für eine …“

Die Arme vor der Brust verschränkt, sah sie ihn gespannt an: „Für eine was?“

Nachdenklich erwiderte er ihren Blick, wich ihrer Frage jedoch aus. „Sie haben eine exakte Vorstellung davon, wie gewisse Dinge zu regeln sind. Ihr Benehmen ist geradezu königlich … solange Ihre Zunge nicht mit Ihnen durchgeht. Außerdem halten Sie sich kerzengerade und verlieren auch in schwierigen Situationen nicht die Fassung. Wenn ich daran denke, wie ich gerade mein Treffen mit dem Botschafter verpatzt habe …“

„Was haben Sie denn getan?“

„Ich habe gedroht, ihn umzubringen.“

„Oje!“

„Er will damit an die Presse gehen. Demnächst muss ich mich der Öffentlichkeit präsentieren. Es wird niemanden wundern, wenn ich mir zuvor Rat hole …“

Ana sah ihn aufmerksam an. „Bestimmt nicht.“

„Sie verstehen mein Problem? Gut, denn ich glaube, Sie können mir helfen.“ Plötzlich strahlte er übers ganze Gesicht. „Ms Christensen, ich denke, Sie sind in Bihar, um mir Manieren beizubringen.“

Auf dem Weg zum Speisezimmer überlegte Ana immer noch, was Zafar mit seiner Bemerkung gemeint haben könnte.

In den Korridoren, durch die sie ging, herrschte erstaunliche Ruhe. Im Gegensatz zu Tariks Palast, wo Hunderte von Bediensteten durch die Räume eilten, aufräumten, putzten und servierten, war es hier wie in einem Dornröschenschloss, in dem sämtliche Bewohner wie durch Zauberkraft in Schlaf gefallen zu sein schienen. Dann fiel Ana ein, dass der Palast mit einem Minimum an Personal betrieben wurde, da es dem neuen Herrscher noch an loyalen Untergebenen fehlte.

Während sie durch die menschenleeren Flure schlenderte, kam ihr die Idee, ein Telefon zu suchen. Neugierig spähte sie in alle Räume, an denen sie vorbeikam, bis sie tatsächlich einen Apparat entdeckte, ein altmodisches Modell mit Wählscheibe.

Vor Aufregung wurden ihre Hände feucht. Endlich konnte sie Tarik anrufen! Sie überlegte genau, was sie ihm sagen wollte. Wie wird er wohl reagieren? fragte sie sich. Wird er einen Helikopter schicken oder den Palast durch Bodentruppen stürmen lassen? Dann wäre alles zerstört, wofür Zafar sich einsetzte – und zwar durch ihre Schuld.

Und wenn er gar nichts unternimmt? meldete sich eine boshafte Stimme in ihr. Wenn er einfach abwartet, was geschieht?

Bei dem Gedanken wurde ihr übel. Was wäre, wenn ihr Schicksal Tarik gleichgültig wäre? Er hatte Zafar kontaktieren lassen und Drohungen ausgesprochen. War das aus Sorge um sie geschehen oder allein aus politischen Gründen? Belastete sie ihn womöglich mehr, als sie ihm nützte?

Unwillkürlich schreckte sie davor zurück, sich bei ihm zu melden. Später, sagte sie sich. Zumindest wusste sie jetzt, wo es stand, und konnte jederzeit darauf zurückgreifen.

Sie verließ den Raum und eilte weiter. Ihre Hände bebten, und ihr Magen verkrampfte sich. Nach einer Weile vernahm sie Geräusche. Sie hörte das Klappern von Geschirr und Stimmen – dort musste die Küche sein. Tatsächlich entdeckte sie auch kurz darauf das Speisezimmer.

Eine junge Bedienstete füllte gerade Wasser in Zafars Glas. Er saß lässig gegen mehrere Kissen gelehnt auf dem Boden an einem niedrigen Tisch. Die Schuhe hatte er abgestreift, und statt auf Ana zu warten, hatte er bereits mit dem Essen angefangen. Entsetzt stellte sie fest, dass er mit den Händen aß. Das tat er so hastig, als wäre er am Verhungern.

Besonders gut war das, was du in letzter Zeit zu dir genommen hast, jedenfalls nicht, dachte sie und schauderte bei dem Gedanken an das Dörrfleisch.

Gerade schob Zafar sich mit der Hand Reis in den Mund und leckte sich dann die Finger ab. Dabei sah er unglaublich verrucht und gefährlich aus.

Aus einem unerfindlichen Grund empfand Ana seine schlechten Tischmanieren und sein verwegenes Äußeres jedoch nicht als abstoßend, sondern als ungemein … sinnlich.

„Ana“, begrüßte er sie lächelnd, was ihn jedoch nicht weniger gefährlich als zuvor erscheinen ließ. „Setzen Sie sich zu mir.“

Langsam ließ sie sich ihm gegenüber auf ein großes cremefarbenes Kissen sinken.

„Dalia, Ms Smith und ich möchten beim Essen ungestört sein. Wir haben Geschäftliches zu besprechen.“

Die junge Dienerin nickte, stellte einen Krug auf dem Tisch ab und warf ihm einen bewundernden Blick zu. „Ich lasse das Wasser hier.“ Dann zog sie sich, den Kopf gesenkt, zurück.

„Smith?“, fragte Ana, als sie allein waren.

„Da Ihr richtiger Name vermutlich in den Medien genannt wird, habe ich Sie so getauft. Da ich nicht weiß, wo Ihr Verlobter nach Ihnen sucht, muss ich äußerst vorsichtig sein.“

„Oh!“

„Sie werden den Palast auf keinen Fall verlassen, sonst könnte jemand Sie identifizieren. Meine Leute kennen Sie unter dem Namen Ana oder Ms Smith und wissen, dass Sie mir Unterricht in Etikette erteilen.“

Erstaunt sah Ana ihn an. „In Etikette?“

Ungerührt erklärte er: „Ich habe jahrelang am Rand der Gesellschaft gelebt und muss mich meinem Volk gegenüber wie ein Herrscher verhalten. Einen Barbaren duldet es sicher nicht auf dem Thron.“

„Die junge Frau, die gerade hier war, hat sich aber nicht an Ihren Manieren gestört.“

„Dalia kommt aus einer Beduinenfamilie, die mir verpflichtet ist. Sie hilft im Palast, bis ich genügend verlässliches Personal gefunden habe.“

„Sie ist in Sie verliebt.“

„Darüber wird sie schon hinwegkommen. Sie ist noch jung.“

„Wäre sie nichts für Sie?“

„Süße junge Mädchen zu verführen und ihnen das Herz zu brechen ist nicht meine Art.“

„Gut zu wissen, dass sie sich hier in Sicherheit befindet.“ Und ich mich ebenfalls, dachte Ana. Dabei hatte Zafar ihr bereits bewiesen, dass er sich ihr niemals aufdrängen würde.

Eine Verführung war allerdings eine andere Sache … Nein, selbst davor brauchte sie keine Angst zu haben, denn dazu gehörten immer zwei Beteiligte. Leicht zu haben war sie bestimmt nicht, dennoch hatte Ana in seiner Gegenwart immer wieder Schmetterlinge im Bauch.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich. Zafar hielt sie gegen ihren Willen fest und zwang sie, ihm Manieren beizubringen. Sie hatte wirklich keinen Grund, zarte Gefühle für ihn zu hegen.

Dennoch erinnerte sie sich nur zu gut an die Nacht, in der sie an ihn geschmiegt eingeschlafen war. In seinen Armen hatte sie sich sicher und geborgen gefühlt und wäre am liebsten für immer dort geblieben.

Das ist Verrat an Tarik! fiel es ihr siedend heiß ein. Schnell rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie sich in Zafars Gewalt befand und sich vor ihm fürchtete.

„Was erwarten Sie denn von mir? Dass man Würdenträger nicht bedroht, wissen Sie doch selbst. Soll ich Ihnen etwa beibringen, mit welcher Gabel man Salat isst?“

„Das ist ein Aspekt. Sie müssten mich aber auch in der hohen Kunst der Diplomatie unterrichten oder mir wenigstens beibringen, dass ich meinen Gesprächspartnern keine Angst einflöße.“

„Meinen Sie es wirklich ernst, dass ich Ihnen Benimmregeln beibringen soll?“

„Ihr Benehmen ist perfekt, und es würde Ihnen die Zeit vertreiben. In weniger als einem Monat werde ich zum Regenten ausgerufen – und sehen Sie selbst: Wirke ich etwa wie ein würdiger Herrscher?

Ana konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn von Kopf bis Fuß zu mustern – und zwar länger als nötig. „Wieso nicht? Sie sind stark, retten Frauen in Nöten, wenn die Situation es erfordert. Das nenne ich Führungsqualitäten.“

„Dafür fehlt es mir an Charme.“

„Da haben Sie allerdings recht.“

„Das muss sich unbedingt ändern.“

„Versuchen Sie einfach, etwas freundlicher zu sein.“

„Wie das geht, habe ich vergessen. Ich bin lange allein durch die Wüste gezogen, ohne jeglichen Kontakt zu Menschen. Wenn ich mal mit anderen unterwegs war, wurden nicht viele Worte gewechselt, ich war ja der Anführer. Gute Manieren bringen einen in der Wüste nicht weit. Da gilt es schon ehrenhaft, wenn man jemanden, der einen Fehler begangen hat, nicht sofort umbringt. Den größten Teil der vergangenen fünfzehn Jahre war ich allein mit meinem Pferd unterwegs. Es ist mir zwar ein treuer Gefährte, spricht aber nicht. Jetzt aber brauche ich dringend ein Training in Konversation.“

„Wie heißt Ihr Pferd?“

Unwillkürlich runzelte Zafar die Stirn. „Da ich meistens allein reise und keine Verwechslungsgefahr besteht, hat es keinen Namen bekommen.“

„Aber … man gibt seinem Lieblingstier doch einen Namen.“

„Es ist weder ein Haus- noch mein Lieblingstier. Hat Ihr Auto etwa einen Namen?“

„Nein, auch wenn viele Leute ihren Fortbewegungsmitteln durchaus Namen geben, und manche Männer sogar ihrem …“ Verlegen verstummte sie und errötete. Was ist nur in dich gefahren? schalt sie sich. Wieso hatte sie nicht einfach den Mund gehalten? Über solche Dinge sprach man nicht mit Männern, höchstens mit so guten Freundinnen wie die, mit denen sie auf Wüstentour gegangen war. Die Frauen hatten sich darüber amüsiert, wie ihre Freunde und Verlobten ihr jeweils „bestes Stück“ genannt hatten, und Ana, die Einzige, die noch unschuldig war, hatte herzlich mitgelacht.

„Ich nicht“, stellte Zafar mit ungerührter Miene klar.

„Das habe ich mir schon gedacht. Aber zurück zum Thema: Sie wollen wirklich meine Hilfe?“

„Mehr als das. Ich brauche sie. Ich will, dass man mich nicht als wildes Tier betrachtet, sondern als Menschen und als Regent meines Volkes. Einen Fehler, wie er mir mit dem Botschafter unterlaufen ist, kann ich mir nicht noch einmal leisten. Werden Sie mich unterstützen?“

„Aber sicher“, sagte Ana, ohne zu zögern, froh, endlich wieder eine Aufgabe zu haben.

4. KAPITEL

Zafar wunderte sich, dass er sich Ana gegenüber so weit geöffnet hatte. Glücklicherweise würde sie nicht lange bleiben und auch niemandem von ihrem Gespräch erzählen. Daher brauchte er sich ihr auch nicht als unfehlbarer Herrscher oder starker Krieger zu präsentieren, sondern durfte sich ihr zeigen, wie er wirklich war. Nur so konnte sie erkennen, was sie ihm beibringen musste.

Ob sie wohl auch den Mann in mir sieht? schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf, und sofort durchfuhr ein Ziehen seinen Unterleib. Er biss die Zähne fest zusammen, zurrte die Bandagen um seine Hände fester und schlug wieder kräftig auf den Sandsack ein, an dem er seit geraumer Weile trainierte.

Das Leben im Palast, in einem Gebäude überhaupt, machte ihn ganz rastlos. Um überschüssige Energien loszuwerden, zog er Bahn um Bahn im Swimmingpool, stemmte Gewichte oder boxte auf einen Sandsack ein. Damit wollte er vermeiden, dass ihn ein weiteres Mal der Drang überwältigte, so ausfallend wie im Gespräch mit Rycroft zu werden. Außerdem ließ nach solchen körperlichen Betätigungen für eine Weile das Gefühl nach, im geschlossenen Raum zu ersticken.

Fünfzehn Jahre lang hatte er im Freien gelebt, und die Umstellung fiel ihm schwer. Zum Glück blieb ihm kaum Zeit, über sein Befinden nachzudenken. In wenigen Wochen würde er Herrscher des Landes sein. Bis dahin musste er sich darüber klar werden, wie er sich der Welt präsentieren wollte.

Nicht sein wahres Ich – so viel war sicher. Wer legte schon Wert auf diplomatische Beziehungen mit einem Mann, der sich seit Jahren jegliche Gefühlsregung verboten hatte?

Stattdessen würde er sich mit Anas Hilfe kommunikativ und freundlich präsentieren.

„Kazeem hat mir gesagt, dass Sie … Oh!“ Ana kam herein und betrachtete ihn überrascht. Sie ließ den Blick etwas zu lange auf seinem nackten Oberkörper ruhen, was Zafar mit Wohlwollen registrierte.

Schlag sie dir aus dem Kopf, sie gehört einem anderen, ermahnte er sich. Die Sicherheit der Nation aufs Spiel zu setzen, um seine Lust zu befriedigen, kam für ihn nicht infrage. Das hast du bereits einmal getan, höhnte eine innere Stimme.

Rasch verdrängte er den Gedanken. Für Reue war es zu spät. Er konnte nur nach vorn blicken. Die Fehler der Vergangenheit ließen sich nicht ungeschehen machen, dafür würde er in Zukunft sein Bestes geben für sein Volk.

„Dass ich was?“

„Dass Sie hier sind. Er hat allerdings nicht erwähnt, was Sie gerade tun.“

„Dachten Sie etwa, ich halte ein Nickerchen?“

„Ich hatte jedenfalls keine Ahnung, dass Sie boxen.“

„Das mache ich, damit ich fit bleibe. In der Wüste hatte ich immer einen Sandsack im Zelt.“

„In dem winzigen Ding?“, staunte sie.

„Ich war meistens mit einem größeren unterwegs.“ Er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und löste die Bandagen um seine Hände.

„Wieso musste ich dann mit der Miniaturausgabe vorliebnehmen?“ Ihre geröteten Wangen erinnerten ihn daran, wie es sich angefühlt hatte, sie im Arm zu halten. Sie war so grazil, so anschmiegsam und süß …

Schluss damit! befahl er sich. Selbst wenn sie nicht Tariks Verlobte gewesen wäre, durfte er sie nicht anfassen. Ein zartes Wesen wie sie würde in der Wüste wie eine Blume verdorren, und er hatte nicht nur dort gelebt, sondern war geradezu ein Teil davon geworden.

„Ich hatte das große Zelt gerade gegen ein kleineres und etwas Geld getauscht, um mich nicht mit unnötigem Gewicht zu belasten. Das war übrigens Ihr Glück, sonst hätte ich Sie nicht kaufen können.“

„Daher stammte das Lösegeld?“

„Wenn Sie es so nennen wollen.“

„Darauf hatten wir uns doch geeinigt. Es klingt weniger erniedrigend für mich und macht Sie zum Helden.“

Zafar zuckte mit den Schultern. „Ich muss nicht gut sein, sondern nur als Sieger dastehen – für Al Sabah. Alles andere zählt nicht.“

„Dafür würden Sie alles tun?“

„Alles.“

Das glaubte Ana ihm aufs Wort. Seine Entschlossenheit stieß sie jedoch nicht ab, und sie verspürte auch nicht den Drang zu fliehen. Ganz im Gegenteil. Am liebsten wäre sie zu ihm gegangen, hätte die Hand ausgestreckt und …

Sie erschauerte. Zafar faszinierte sie ungemein, so gefährlich er auch war. Mutig machte sie einen Schritt auf ihn zu. In dem Leinengewand, das er im Palast gern trug, sah er bereits großartig aus, ihn jetzt mit nacktem, muskulösem Oberkörper zu sehen … war fast zu viel für sie.

Einen Mann wie ihn hatte Ana bisher noch nicht kennengelernt. Nichts an ihm war weich oder sanft. Er verkörperte raue, harte Männlichkeit. Sein Anblick verschlug ihr die Sprache und erschütterte sie zutiefst. Er zog sie an wie ein Magnet.

Das Gefühl war ihr nicht gänzlich unbekannt. Doch in dieser Intensität hatte sie es noch nicht erlebt. Auch Tarik hatte sie angezogen und ihr Schmetterlinge im Bauch verursacht. Er war nett und küsste einfach fantastisch – mehr durfte sie nicht verlangen, oder?

Erst in diesem Moment begriff sie, dass das Leben weitaus mehr zu bieten hatte. Was sie empfand, wenn sie Zafar ansah, war unglaublich intensiv und beunruhigend. Sie konnte das Gefühl nicht benennen. War es Anziehung? Noch vor wenigen Tagen hätte sie es anders bezeichnet.

Die Ausstrahlung, die von ihm ausging, verwirrte und beängstigte sie. Die Natur zog sämtliche Register. Im Biologiekurs an der Highschool hatte sie gelernt, dass ein starker Mann für gesunden Nachwuchs sorgte. Rasch schüttelte sie den Kopf, um die unerwünschten Gedanken zu verscheuchen. „Dann rechtfertigt aus Ihrer Sicht der Zweck die Mittel?“, fragte sie.

„So ist es. Bedenken Sie, dass ich die Ordnung in meinem Land wiederherstellen muss. Das kann ich nur, wenn ich vom Volk akzeptiert werde.“

„Haben Sie denn vor, eine Militärdiktatur zu errichten? Dann helfe ich Ihnen nämlich nicht.“

„Wenn meine Untertanen es nicht wollen, trete ich die Herrschaft überhaupt nicht an. Was wäre ein Kopf ohne Körper? Bereits in zwei Wochen werde ich mich auf einem Empfang der Welt als neuer Regent präsentieren. Die Idee stammt übrigens von meinen Beratern.“

„Sind das Ihre ungehobelten Gefährten? Was wissen die denn schon von solchen Dingen?“

Um Zafars Lippen zuckte es belustigt. „Jede Menge. Rahm war Oberhaupt der bedeutendsten Familie in Al Sabah, bis sie fast vollständig ausgelöscht wurde. Er weiß, was Macht bedeutet, wie man sie erwirbt und sichert.“

„Er hat seine Familie verloren?“

Zafar schluckte. „Ja. Wissen Sie nicht, wie mein Onkel hier geherrscht hat?“

„Leider ist mir nur wenig über die Geschichte von Al Sabah bekannt.“

„Er hat insbesondere den Beduinen enorme Steuern auferlegt und auch dafür gesorgt, dass sie unbarmherzig eingetrieben wurden. Egal, ob Tiere, Zelte, Felle oder andere Güter, er nahm alles. Im Gegenzug schloss er Krankenhäuser und Schulen. Die Leute verarmten und starben reihenweise.

Farouk besaß auch einen Harem. Er schätzte süße, unschuldige junge Frauen ganz besonders und ließ sie rauben, um sich mit ihnen zu vergnügen.“ Zafars Stimme klang rau, und plötzlich wirkte er angeekelt und unglaublich zornig.

Das verriet Ana mehr als alle Worte. Tief im Herzen schien er ein guter Mann zu sein, der es offensichtlich verabscheute, wenn Schwache ausgenutzt wurden. Er strebte um jeden Preis nach Gerechtigkeit.

„Hat auch Dalia dieses Schicksal erlitten?“ Ana hatte Mühe, das auszusprechen. Allmählich verstand sie Zafar. Er hatte die Armen und Gebrochenen in seinem Land hinter sich versammelt. Sie unterstützten ihn und dienten ihm, damit er ihnen weiterhin Schutz gewähren konnte.

„Glücklicherweise konnte ich ihr rechtzeitig helfen.“

„Wie?“

Mit versteinerter Miene sah er sie an. „Ihre Entführer kamen nicht weit. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.“

Ana nickte nachdenklich. „Das kann ich verstehen.“

„Ich habe es bereits erwähnt: An meinen Händen klebt Blut. Ich kämpfe für mein Volk, notfalls bis zum Tod. Dazu brauche ich sein Vertrauen. Den Feinden meines Landes Angst einzujagen, bereitet mir keine Mühe. Als Redner, Diplomat oder Gast auf einer Dinnerparty aufzutreten ist jedoch absolut nicht mein Ding.“

„Möglicherweise kann ich Ihnen da helfen. Stellen Sie die guten Beziehungen zwischen Al Sabah und Shakar wieder her, indem Sie eines Tages Tarik und mir einen Besuch abstatten.“

„Das hört sich doch gut an.“

„Ja.“ Ihr war jedoch klar, dass sie niemals mit ihrem Verlobten über die Ereignisse in Al Sabah sprechen durfte. Sie musste mit einer Lüge in die Ehe starten, was ihr gar nicht gefiel. Oder sollte sie Tarik doch anrufen? Sofort verwarf sie den Gedanken wieder. Das konnte sie Zafar nicht antun.

Statt sie einfach bei ihren Entführern zurückzulassen, hatte er Lösegeld für sie bezahlt. Das war typisch für ihn. Er rettete die Hilflosen, selbst wenn er dafür töten musste.

Nun wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie würde ihm helfen! Doch ihn auf den richtigen Weg zu bringen würde alles andere als einfach sein.

„Haben Sie schon eine Vorstellung, was Sie lernen wollen?“, erkundigte sie sich.

„Vielleicht könnten Sie mir einige Tipps geben?“

„Nur zu gern. Zu einem Dinner sollten Sie beispielsweise komplett bekleidet erscheinen.“ Sein Gelächter ging Ana durch Mark und Bein. „Wann haben Sie das letzte Mal auf westliche Art gespeist? An einem richtigen Tisch und mit Besteck?“

„Das ist eine Ewigkeit her.“

„Dann sollten wir auch das üben. Wenn Sie zu Tisch bitten, müssen Ihre Gäste sich Ihnen anpassen.“

„Ich sehe, in Fragen der Etikette kennen Sie sich aus.“ Zafar lehnte sich lässig gegen die Wand, verschränkte die Arme und sah Ana an.

Er hat nicht ein Gramm Fett zu viel, schoss es Ana durch den Kopf. „Ich habe mich von klein auf damit beschäftigt. Meine Mutter hat uns verlassen, als ich noch sehr jung war, deshalb musste ich oft für meinen Vater, der im Ölgeschäft tätig ist, die Gastgeberin spielen.“

„Das erklärt Ihre Verbindung zu Tarik und Shakar.“

Ana errötete. Die Andeutung, es ginge bei ihrer Verlobung allein ums Öl, gefiel ihr nicht. Natürlich war es ein Faktor, aber da waren auch Gefühle im Spiel.

„Jedenfalls habe ich Partys für ihn vorbereitet. Als alleinerziehender Vater hatte er es nicht leicht. Er hat sich, so gut es ging, um mich gekümmert, dafür habe ich ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Ich habe die besten Schulen besucht und gelernt, mich in ersten Kreisen zu bewegen. Diplomatisches Geschick in jeder Lage ist dabei besonders wichtig. Damit lassen sich Spannungen abbauen, die immer dann auftreten, wenn Menschen sich begegnen, die um dasselbe kämpfen: um Jobs, Öl, Geld …“

„Sie kennen Tricks, um solche Situationen zu entschärfen?“

„Das Wichtigste ist Konversation. Es geht dabei meistens um langweiligen Small Talk, um genau zu sein. Sie werden es mit Politikern zu tun bekommen, die verschiedenste Ansichten vertreten.“

Ihre neue Aufgabe verlieh Ana Auftrieb. Mit einem Ziel vor Augen, kam sie sich nützlich vor. Trotzdem fragte sie sich, ob sie dem Ganzen gewachsen war. Es ging schließlich um das Schicksal eines ganzen Volkes. Sie empfand es jedoch als Ehre, Zafar zu einem guten Start verhelfen zu dürfen. Das würde aber nur funktionieren, wenn sie sich nicht mit Tarik in Verbindung setzte.

Ich schaffe das! machte sie sich selbst Mut.

„Lassen Sie uns morgen zusammen im Garten frühstücken“, schlug sie vor. „Dabei zeige ich Ihnen, wie man ein Besteck richtig benutzt.“

„Fünfzehn Jahre lang hatte ich niemanden zum Reden. Fällt Ihnen da nichts Besseres ein?“

„Haben Sie mir nicht zugehört? Sie müssen die Kunst des Small Talks erlernen. Kennen Sie ein langweiligeres Gesprächsthema?“

Am nächsten Morgen musste Ana sich eingestehen, dass nichts langweilig war, was mit Zafar zusammenhing. Sie saß ihm gegenüber in einem prächtigen Garten, in dem exotische Blüten in leuchtenden Farben um Aufmerksamkeit konkurrierten. Üppige Rankpflanzen begrünten die Mauern, die den Palast vom Rest der Welt trennten.

„Ich habe ein amerikanisches Frühstück bestellt: Schinkenspeck mit Eiern“, erklärte Ana. „Das mag jeder. Es handelt sich dabei übrigens um Fleisch von der Pute.“

„Wie rücksichtsvoll von Ihnen, daran zu denken, aber ich bin nicht besonders gläubig. Haben Sie schon die Zeitung gelesen? Mein Zusammenstoß mit Botschafter Rycroft hat Schlagzeilen gemacht. Er nennt mich einen Wilden. Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse. Sie legt es darauf an, mich zu demütigen.“

„Das tut mir leid.“

Er zuckte mit den Schultern. „Umso wichtiger ist mein erster Auftritt in der Öffentlichkeit und damit das Projekt, dem wir uns heute Morgen widmen wollen. Ich habe zu lange allein gelebt.“

Ana nahm ihr Besteck auf. „Wie oft waren Sie mit den Männern unterwegs, die jetzt hier im Palast sind?“

„Wir sind etwa einmal pro Monat gemeinsam Patrouille gegangen. Die meisten von ihnen haben irgendwo ein Zuhause. Nur ich war ständig unterwegs, um alles im Auge zu behalten.“

„Sie haben sich dabei bestimmt nicht viel mit den Männern unterhalten, oder?“

„Nein. Wir hatten genug damit zu tun, das Unrecht zu bekämpfen, das mein Onkel begangen hat. Meine Leute waren zum großen Teil Bedienstete im Palast, die er vertrieben hatte, oder sie gehörten einem der Beduinenstämme an, denen er böse mitgespielt hatte.

Für Gespräche hatten wir wenig Zeit. Wir mussten entweder Wache schieben oder uns ausruhen. Manchmal haben wir einander aber Geschichten erzählt.“

„Geschichten?“

„Das ist Teil unserer Kultur.

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