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ROMANA EXTRA BAND 3

LUCY ELLIS

Das stolze Herz des italienischen Milliardärs

Alessandro lässt niemanden an sich heran, doch seinen Patensohn liebt er über alles. Deshalb nimmt er auch dessen Nanny bei sich auf. Lässt die hübsche Maisy den attraktiven Milliardär wirklich kalt?

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Liebe – so weit wie das Land

Genug ist genug! Immer standen Familienfehden seiner Liebe zu Mel im Weg. Nun will Dev sein Glück in die Hand nehmen. Aber kann es eine gemeinsame Zukunft geben, solange Mel die Vergangenheit fürchtet?

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In jener traumhaften Nacht

Zwischen dem Unternehmer Lucas Darien und seiner neuen Sekretärin knistert es gewaltig. Doch dann kommt er hinter ihr Geheimnis: Belügt sie ihn, um ihren Vater zu retten – oder liebt sie ihn wirklich?

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Schicksalstage auf Mallorca

In einer magischen Nacht lässt sich Laura am Strand von Mallorca von Fernando verführen. Obwohl der attraktive Anwalt sie seit Tagen von ihrer Familie fernhält. Was hat er nur zu verbergen?

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Das stolze Herz des italienischen Milliardärs

1. KAPITEL

Alessandro Tremante lief rastlos in dem lichtdurchfluteten Besprechungszimmer seiner Jacht hin und her, um schließlich doch die Zeitung aufzuschlagen, die auf dem Tisch lag.

Ursprünglich hatte er seine Leute angewiesen, ihm keinen der zahllosen Berichte über den Unfall vorzulegen. Nachdem der erste Schock überwunden war, konnte er den unvermeidlichen Rummel nicht länger ignorieren. Zudem gab es viel zu erledigen, ehe er sich die Zeit nehmen durfte, seinen besten Freund und dessen Frau zu betrauern.

Neuere Skandale hatten den Unglücksfall bereits auf Seite drei verdrängt, wo ein Bild von Leonardo und Alice Arm in Arm gezeigt wurde. Daneben prangte ein Foto des Autowracks. Von dem Aston Martin Baujahr 1967 war nichts übrig als ein Haufen Blech und Kabel. Die Insassen hatten keine Chance gehabt.

Der Text nahm Bezug auf die Modelkarriere von Alice sowie Leonardos unermüdlichen Einsatz für die UN. Hastig überflog Alessandro die Zeilen, bis er an einem Namen hängen blieb: Lorenzo Colei.

Den Namen schwarz auf weiß gedruckt zu sehen, ließ Realität werden, was ihm bislang wie ein ferner Albtraum erschienen war. Ein Foto des Jungen fehlte glücklicherweise. Während Leonardo und Alice sich bereitwillig den Medien präsentiert hatten, hatten sie ihre Familie dem Rampenlicht ferngehalten.

Dafür hatte Alessandro sie bewundert und die Regel auf sein eigenes Leben übertragen. Er zeigte der Presse sein öffentliches Gesicht, niemals aber den Familienmenschen. Dass Leonardo ein wichtiges Mitglied dieser Familie gewesen war, machte den Verlust umso schmerzhafter.

„Alessandro?“

Ungehalten über die Störung wandte er sich um. Im ersten Moment wollte ihm der Name seiner aktuellen Begleiterin nicht einfallen. „Tara“, begrüßte er sie schließlich.

Falls ihr sein Zögern aufgefallen war, ließ sie sich davon nichts anmerken. Kein Muskel zuckte in dem makellos schönen Gesicht, mit dem das Model Jahr für Jahr Millionen Dollar verdiente.

„Alle warten auf dich, Liebling.“ Sie trat zu ihm und nahm ihm die Zeitung aus der Hand.

Das war ein Fehler. Alessandro erstarrte förmlich. Schlagartig war ihm ihre Anwesenheit unerträglich.

Tara, die seine Ablehnung spürte, hob trotzig das Kinn. „Diesen Müll solltest du gar nicht erst lesen. Geh hinaus und zeig allen, dass dieses Debakel dir nichts anhaben kann.“

Sie hat ja recht, dachte er, doch etwas in ihm war zerbrochen. Man nannte ihn gefühlskalt, und das war nicht völlig aus der Luft gegriffen. Nie im Leben hatte er Tränen um andere vergossen, noch nicht einmal um Leonardo und Alice. Doch der Gedanke an das Kind, dessen Name in der Zeitung stand, belastete ihn mehr als irgendetwas zuvor:

Lorenzo – allein, verwaist.

Das „Debakel“, wie Tara es nannte.

„Lass sie doch warten.“ Wie immer in Momenten seelischer Anspannung war sein italienischer Akzent unüberhörbar. „Wieso trägst du dieses Kleid? Wir veranstalten keine Cocktailparty, sondern ein Familientreffen.“

Tara lachte unbekümmert. „Familie? Ich bitte dich! Diese Leute sind nicht mit dir verwandt.“ Sie trat einen Schritt näher und schlang ihm die Arme um die Taille. „Du verfügst über so viel Familiensinn wie ein streunender Kater.“ Unter halb geschlossenen Lidern hervor warf sie ihm einen verführerischen Blick zu. „Ein großer starker unersättlicher Kater.“ Eng an ihn geschmiegt, ließ sie die Hand seinen Rücken hinabgleiten. „Möchtest du nicht mit mir spielen?“

Sex war das Letzte, wonach ihm der Sinn stand, und das ging schon seit Montag so, als ihm sein Assistent Carlo Santini in den frühen Morgenstunden die unfassbare Nachricht überbracht hatte. Danach hatte er sich gefühlt, als wäre er in ein unendlich großes dunkles Loch gefallen. Tara neben ihm, durch Schlaftabletten oder andere Drogen im Tiefschlaf versetzt, hatte ihm keinen Trost spenden können.

Er war ganz allein gewesen.

Mit dieser Frau will ich nichts mehr zu tun haben, schoss es ihm durch den Kopf. Er befreite sich aus ihrer Umarmung, schob sie von sich weg und drehte sie in Richtung Tür. „Raus mit dir.“

Tara kannte ihn inzwischen gut genug, um zu verstehen, dass er ihr soeben den Laufpass gegeben hatte. Damit hatte sie nicht gerechnet – nicht so bald.

„Danni hat recht. Du bist ein eiskalter Bastard.“

Wer Danni war, wusste Alessandro nicht, und es war ihm egal. Er wollte, dass Tara verschwand – aus diesem Raum und seinem Leben.

Auch die anderen sollten von Bord gehen. Er sehnte sich nach Ruhe und danach, wieder Herr der Lage zu sein. Am liebsten hätte er die Uhr zurückgedreht, zurück auf Sonntag.

Im Hinausgehen warf Tara ihm über die Schulter einen Blick zu: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ausgerechnet du ein Kind aufziehen willst.“

Gedankenverloren sah er aus dem Panoramafenster. Schließlich gab er sich einen Ruck. Es gab viel zu erledigen. Er musste seine Entscheidung gegenüber den anderen durchsetzen, dann Carlo seine Anweisungen erteilen und schließlich Kontakt zu Lorenzo aufnehmen, dem zweijährigen Sohn seines Freundes.

„Schlaf, Kindchen, schlaf!“, sang Maisy mit ihrer warmen Stimme. Sie stand über das Kinderbettchen gebeugt, in dem Lorenzo mit rosig schimmernden Wangen schlief.

Eine halbe Stunde Vorlesen und Vorsingen hatten ihrer Stimme arg zugesetzt, und ihre Kehle fühlte sich an wie ausgetrocknet. Ihn so friedlich schlummern zu sehen, lohnte jedoch die Mühe.

Leise stand sie auf und sah sich im Kinderzimmer um. Alles befand sich am richtigen Platz, es war noch immer der sichere Hafen. Die Welt außerhalb war jedoch aus den Fugen geraten, ganz besonders für diesen kleinen Jungen.

Auf Zehenspitzen schlich sie aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Vermutlich würde Lorenzo bis kurz nach Mitternacht schlafen. Das ließ ihr Zeit, zu Abend zu essen und sich anschließend selbst ein wenig hinzulegen, wozu sie in den letzten sechsunddreißig Stunden viel zu wenig gekommen war.

In der Küche im Souterrain brannte eine einzelne Lampe. Valerie, die Haushälterin der Coleis, hatte einen Strahler über der Arbeitsplatte angelassen und eine Portion Käsemakkaroni vorbereitet, die Maisy nun dankbar in der Mikrowelle aufwärmte.

Valerie war ihr in dieser Woche eine unverzichtbare Hilfe gewesen. Die Nachricht von dem Unfall hatte Maisy erreicht, als sie gerade den Koffer für ihren Urlaub packte. Wie in Trance hatte sie den Telefonhörer aufgelegt, sich gesetzt und volle zehn Minuten keinen klaren Gedanken fassen können. Dann hatte sie Valerie angerufen.

Seither ging das Leben nahezu unverändert weiter. Die Haushälterin kam wie gewohnt jeden Morgen zur Arbeit, um abends zu ihrer Familie zurückzukehren, während Maisy sich um ihren Schützling kümmerte, immer in der Angst, er könnte nach seinen Eltern fragen – was er bislang zum Glück nicht getan hatte.

Niemand erhob Anspruch auf den Jungen. Von Alices Seite existierte nur noch die Mutter, die im Pflegeheim lebte, über Leonardos Familie wusste Maisy nichts. So blieb in dem Haus in einem vornehmen Stadtviertel Londons alles beim Alten – bis auf die Presse, die es einige Tage lang belagerte. Als Reporter versuchten, durch die Fenster ins Haus zu spähen und durch den Keller einzudringen, hatte Valerie sämtliche Fensterläden fest verschlossen, Lorenzo hatte nur noch in dem von hohen Mauern umschlossenen Garten hinterm Haus frische Luft schnappen dürfen. Inzwischen war das öffentliche Interesse abgeflaut und die Meute wieder abgezogen.

Maisy war kurz vor Lorenzos Geburt bei den Coleis eingezogen, was sich als vorteilhaftes Arrangement für alle erwiesen hatte. Da Leonardo und Alice häufig verreist waren, war sie es gewöhnt, lange Zeiträume mit ihm allein zu verbringen. Dennoch fühlte sie sich an diesem Abend sehr einsam. Das Haus erschien ihr viel zu ruhig, und sie zuckte erschrocken zusammen, als die Mikrowelle klingelte.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich, griff nach einem Topflappen und beförderte ihre Mahlzeit auf den großen Holztisch in der Mitte des Raums.

Die heißen Makkaroni dufteten köstlich, dennoch verspürte sie keinen Appetit. Nachdenklich schob sie die Nudeln mit der Gabel auf dem Teller hin und her. Im Geist sah sie Alice vor sich, die erst vor einer Woche genau an dieser Stelle gesessen und ein Bild ihres Sohns bewundert hatte.

Auch an ihre erste Begegnung erinnerte sie sich noch ganz genau. Damals war sie eine mollige kleine Streberin gewesen, von der Direktorin von St. Bernice damit beauftragt, die ebenso magere wie hoch aufgeschossene Alice Parker-Stone mit den Gebräuchen und Regeln der Schule bekannt zu machen. Dass sie ihren Platz an der exklusiven Mädchenschule einem Stipendium verdankte, hatte Alice zu dem Zeitpunkt nicht gewusst, es hatte sie aber auch später nicht gestört. Die beiden Außenseiterinnen – Maisy aufgrund ihrer Herkunft, Alice wegen ihrer Größe – wurden beste Freundinnen.

Nach zwei Jahren verließ Alice die Schule, um als Model in New York zu arbeiten, und der Kontakt brach ab.

Mit den Jahren veränderte auch Maisy sich zu ihrem Vorteil. Der Babyspeck schmolz dahin, sie streckte sich und entwickelte weibliche Formen. Nach den Abschlussarbeiten an der Schule schrieb sie sich an der Universität ein, nur um sich zu exmatrikulieren, noch ehe das erste Semester begann. Immer wieder las sie in den Hochglanzmagazinen den neuesten Klatsch über ihre ehemalige Freundin. Dennoch war es Alice, die sie erkannte, als sie sich zufällig bei Harrod’s, dem berühmten Londoner Luxuskaufhaus, begegneten.

Die elegante Frau mit dem gepflegten blonden Bob und den schwindelerregend hohen Pumps hatte die streichholzdünnen Arme um sie geschlungen und vor Freude gejauchzt wie ein Teenager – ein Teenager mit Babybauch. Drei Monat später lebte Maisy am Lantern Square und kümmerte sich um das Neugeborene und die verzweifelte Mutter. Alice litt an heftigen Wochenbettdepressionen. Sie weinte viel und drohte, sich umzubringen. Sobald es ihr besser ging, flüchtete sie aus dem Haus, so oft sie nur konnte. Dass Mutterschaft eine lebenslange Verpflichtung darstellte und kein Job war, den man kündigen konnte, hatte ihr offenbar niemand verraten.

Traurig schob Maisy den fast unberührten Teller beiseite. Sie hatte viel um ihre Freundin und den verwaisten Lorenzo geweint, inzwischen waren ihre Tränen versiegt.

Das war auch gut so, denn es gab Wichtiges zu bedenken. Jeden Tag konnte ein Anwalt von Leonardos Familie auf der Schwelle stehen und ihr Lorenzo wegnehmen.

Bei mir werden sie ihn nicht lassen, dachte sie mutlos. Ihn in fremde Hände zu geben, konnte sie sich aber beim besten Willen auch nicht vorstellen. In ihrer Verzweiflung hatte sie sogar schon ins Auge gefasst, mit ihm davonzulaufen. Aber was dann? Arbeit hatte sie keine, ihre einzige Begabung lag darin, sich um andere zu kümmern. Sie liebte den kleinen Jungen innig, er war ihre einzige Familie – und sie seine. Sie musste einen Weg finden, bei ihm zu bleiben. Vielleicht brauchte derjenige, der ihn zu sich nahm, ein Kindermädchen?

Sie zwang sich zur Ruhe und zog den Teller wieder heran. Lustlos kaute sie auf einer Gabel voller Nudeln. Morgen würde sie in Leonardos Arbeitszimmer nach Telefonnummern seiner Angehörigen suchen und sie kontaktieren. Sie kannte sie nicht, überhaupt waren nur selten Gäste ins Haus gekommen. Alice hatte sich nie deswegen beschwert. Sie hatte es vorgezogen auszugehen – um sich nicht ihrem Sohn widmen zu müssen. Wieso sie keine Bindung zu ihm aufbauen konnte, hatte Maisy nie begriffen.

In diesem Moment schreckte etwas sie aus ihren trüben Gedanken auf – eine Bewegung am Rand ihres Blickfeldes.

Jemand war ihm Haus.

Sie lauschte aufmerksam.

In diesem Moment stürmten zwei Männer in dunklen Anzügen aus der angrenzenden Vorratskammer, drei kamen die Treppe herunter, zwei weitere drangen durch die Gartentür ins Haus. Vor Schreck fiel ihr die Gabel aus der Hand, sie stand vorsichtig auf und tat stolpernd einen Schritt zurück.

Einer der Eindringlinge befahl: „Hände an den Kopf. Legen Sie sich auf den Boden.“ Dann schob ein jüngerer Mann ihn beiseite und erteilte einen knappen Befehl auf Italienisch. Maisy stand wie angewurzelt da und starrte ihn mit offenem Mund an.

„Sprich Englisch, Alessandro“, sagte ein dritter, ebenso Furcht einflößender Mann.

Das muss die italienische Mafia sein, schoss es ihr durch den Kopf, und als der jüngere Mann auf sie zukam, reagierte sie instinktiv.

Sie packte einen Stuhl und schleuderte ihn dem Mann mit aller Kraft entgegen.

2. KAPITEL

„Vielleicht sollten wir besser bis zum Morgen warten“, hatte sein Assistent Carlo Santini vorgeschlagen, doch das kam für Alessandro nicht infrage – er wartete grundsätzlich nicht.

Beim Eindringen ins Haus bemerkte er sofort, dass der Sicherheitscode nicht geändert worden war, als Nächstes fiel ihm die ungewöhnliche Stille auf. Es war kurz vor Mitternacht, und die Räume wirkten wie ausgestorben. Vorsichtig schlich er ins Souterrain, aus dem ein blasser Lichtschein durch das Treppenhaus schimmerte. Er konnte sich darauf verlassen, dass seine Leibwächter das Haus gründlich durchsuchen würden, hatte aber darauf bestanden, die Situation selbst in Augenschein zu nehmen, da es um sein Patenkind ging.

Im Halbdunkel in der Küche saß eine einsame Gestalt über einen Teller gebeugt. Personal war also im Haus – das war gut. Offenbar spürte sie seine Anwesenheit, denn als er hinter ihr in den Raum schlich, hob sie lauschend den Kopf.

Gleich darauf wurden die Terrassentüren von außen aufgestoßen, Bodyguards stürmten herein, weitere folgten ihm die Stufen hinab. Dass die Männer in erster Linie seinem Schutz dienten, konnte die Person nicht wissen – eine junge Frau. Sie reagierte wie von der Tarantel gestochen, schleuderte einen Stuhl nach ihm und tauchte unter den Tisch ab, wo sie sich so klein wie möglich zusammenrollte.

Fluchend schob Alessandro das massive Möbelstück beiseite, zog sie darunter hervor und hob sie auf die Arme. In ihrer Angst wehrte sie sich heftig mit Tritten und Schlägen.

Besser ich als meine Männer, dachte er, als sie ihm einen schmerzhaften Hieb verpasste. Seine Leibwächter würden vermutlich nicht gerade sanft mit ihr umgehen.

Weder seine unterdrückten Flüche noch seine Versicherungen, er wolle ihr nichts tun, vermochten sie zu beruhigen. Erst nach geraumer Weile bemerkte er, dass er Italienisch sprach. „Beruhigen Sie sich“, wiederholte er langsam und deutlich auf Englisch. „Niemand will Ihnen etwas tun.“

Überrascht hob Maisy den Kopf und sah den Mann zum ersten Mal bewusst an. Er hatte blaue, von dichten dunklen Wimpern umkränzte Augen. Die ausgeprägten Wangenknochen, die Adlernase und das markante Kinn verliehen ihm das Aussehen eines römischen Adligen. Er war der Prototyp eines rassigen Südländers, wenn auch ungewöhnlich groß und stark.

Während sie sich aus seinem Griff zu befreien versuchte, stieg ihr der Duft von Aftershave in die Nase. Dabei hatte er sich offensichtlich seit einigen Tagen nicht rasiert. Außerdem umgab ihn ein weiterer verlockender Geruch – seine persönliche Note.

Ganz allmählich dämmerte ihr, dass er ihr nichts Böses wollte. Ihr Kampfgeist sank, und sie fühlte sich seltsamerweise stark zu ihm hingezogen.

Alessandro spürte ihren Sinneswandel. Sie wehrte sich nicht länger, sondern schien auf seinen nächsten Schritt zu warten. Zögernd setzte er sie auf einen der Küchenstühle und legte ihr eine Hand auf die Schulter, damit sie nicht aufspringen konnte. Er hatte Sorge, seine Sicherheitsleute könnten sie ergreifen und grob behandeln. Wieso sie seinen Beschützerinstinkt weckte, hinterfragte er nicht, dazu war er zu erschöpft. Seit Tagen hatte er kaum geschlafen und konnte es nicht erwarten, endlich das Kind zu finden.

„Sprich mit ihr“, wies er Carlo an und zog die Hand zurück.

Der tröstlichen Berührung beraubt, fühlte Maisy sich unvermittelt einsam. Verwirrt sah sie dem Mann entgegen, der auf sie zutrat und sich förmlich vor ihr verneigte. Er war kleiner, schmächtiger und vermutlich etwa zehn Jahre älter als der andere.

„Guten Abend, Signorina. Verzeihen Sie unser ungebetenes Erscheinen. Mein Name ist Carlo Santini, ich arbeite für Alessandro Tremante.“

Mehr habt ihr dazu nicht zu sagen? dachte Maisy verärgert und wandte sich wortlos zu dem jüngeren Mann um, der ein Handy aus dem Jackett gezogen hatte und offenbar eine SMS las.

„Versuch es auf Spanisch“, wies er den älteren Mann an.

Carlo stellte sich ihr erneut vor, auf Spanisch, Italienisch und sogar Polnisch, wenn sie sich nicht irrte, während sie sich immer wieder zu dem anderen Mann umwandte, offenbar dem Anführer der Truppe. Er strahlte Selbstbewusstsein und Kontrolliertheit aus. Als er sie im Arm gehalten hatte, hatte sie allerdings noch etwas anderes gespürt …

Sie erschauerte, und er sah auf. Unter seinem eindringlichen Blick setzte ihr Herzschlag für einen Moment aus.

„Sie ist Engländerin“, stellte er unvermittelt fest und steckte das Handy wieder ein. „Verraten Sie mir, wo der Junge ist.“

Alle Farbe wich aus Maisys Gesicht.

Alessandro fluchte innerlich, doch für Rücksichtnahme und Feingefühl fehlte ihm die Zeit. Als sie nicht sofort antwortete, verlor er die Geduld. „Ich nehme den Sohn von Leonardo Colei mit mir. Bringen Sie mich zu ihm.“

„Nein! Für wen halten Sie sich eigentlich?“

Widerspruch war er nicht gewöhnt. Das Kätzchen zeigt die Krallen, dachte er und verspürte wider Willen Hochachtung und einen Anflug von … Verlangen.

„Gestatten, Alessandro Tremante, Lorenzos gesetzlicher Vormund.“

Einen Moment lang musterte Maisy ihn. Mit dem athletischen Körper, dem dunklen, kurz geschnittenen Haar und den attraktiven maskulinen Gesichtszügen verkörperte er ihr Ideal von einem Mann.

Sei froh, dass endlich jemand die Verantwortung für Lorenzo übernimmt, ermahnte sie sich, während sich gleichzeitig ein Kloß in ihrer Kehle formte. Eine Trennung von dem Jungen konnte sie nicht zulassen. Das bedeutete, dieser Mann musste sie mitnehmen, wohin auch immer, und das musste sie ihm begreiflich machen. Ihr wurde flau im Magen, und sie identifizierte das unangenehme Gefühl als Angst.

Offenbar hielt er alles Nötige für gesagt, denn er wandte sich um und ging in Richtung Treppenhaus.

„Warten Sie!“, rief sie erschrocken, was ihm keine Reaktion entlockte.

Sie sprang auf und lief ihm hinterher, während sie ihm erklärte, dass er Lorenzo nicht aufwecken durfte. Er ignorierte sie völlig.

Erst als er auf dem Treppenabsatz vor dem Kinderzimmer ankam, holte sie ihn ein. „Bitte bleiben Sie stehen.“ Rasch schlang sie ihm die Arme um die Taille.

Alessandro stoppte mitten im Schritt, und Maisy gelang es nicht rechtzeitig zu bremsen. Mit voller Wucht prallte sie gegen ihn. Um nicht zu fallen, hielt sie sich an ihm fest.

Außer Atem, mit Locken, die ihr wild ins Gesicht fielen, und geröteten Wangen sieht sie ausgesprochen attraktiv aus, fand Alessandro – und eindeutig verzweifelt. Das ist nicht mein Problem, dachte er. Sie wusste, wer er war. Trieb sie ein Spiel mit ihm oder war sie schlichtweg verwirrt? Egal. Ungerührt ging er weiter, während sie stehen blieb. Auf einmal ertönte das Geräusch von zerreißendem Stoff.

Erschrocken starrte Maisy auf sein Jackett, dessen Zipfel sie noch in der Hand hielt. Es war entlang einer Naht gerissen, als er davonging.

Alessandro hielt inne und sah sie verblüfft an. Maisy nutzte den Überraschungsmoment. Rasch drängte sie sich an ihm vorbei und versperrte ihm den Weg zum Kinderzimmer.

„Sie sehen Lorenzo erst, wenn Sie mir erklärt haben, was hier eigentlich vor sich geht.“

„Sämtliche Fakten sind Ihnen bereits bekannt. Ich bin sein Vormund. Gehen Sie beiseite.“

„Und wenn nicht? Rufen Sie dann einen Ihrer Gorillas?“ Eine innere Stimme riet ihr zur Vorsicht. Auf diese Weise würde sie ihn kaum überzeugen, dass sie der richtige Umgang für sein Mündel war, aber sein herrisches Auftreten reizte sie. Er befand sich nicht in seinem Haus, Lorenzo war nicht sein Sohn und sie kein Fußabtreter.

„Sind Sie die Köchin hier? Die Putzfrau? Ich bin es nicht gewöhnt, mich vor dem Personal zu rechtfertigen.“

„Ich bin das Kindermädchen.“ Das kam der Wahrheit ziemlich nahe.

Leise fluchend betrachtete er sie misstrauisch. „Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt?“

„Weil ich nicht wusste, was los ist.“

Selbst in ihren Ohren klang diese Erklärung lahm, doch sie konnte ihm nicht gut gestehen: „Als ich in Ihren Armen lag, habe ich alles ringsum vergessen.“

Nervös befeuchtete sie die Lippen mit der Zunge und richtete sich zu ihrer vollen Höhe von einem Meter fünfundsechzig auf. „Ich erwarte, dass Sie mir Ihre Absichten erläutern.“ Ihre Stimme klang atemlos und viel höher als normal. Sie bezweifelte, dass er sie einer Antwort würdigen würde, und tatsächlich sah es eher danach aus, als wolle er sie packen und durchschütteln.

In diesem Moment begann das Kind zu weinen.

„Lorenzo!“, riefen beide gleichzeitig.

Maisy schoss ihrem Gegenüber einen warnenden Blick zu. Er sollte es nur wagen, sie beiseitezudrängen!

Als er zögerte, nutzte sie die Gelegenheit. Sie lief zum Kinderzimmer, ihn dicht auf den Fersen. An der Tür hielt sie kurz inne und wandte sich um. Wieder stieß sie mit ihm zusammen. Sie erschauerte.

Wenn ich ihn ständig berühre, glaubt er noch, ich will etwas von ihm, schoss es ihr durch den Kopf.

„Bleiben Sie hier. Lorenzo fürchtet sich vor Fremden“, befahl sie, um Fassung ringend.

„Einverstanden.“

Sie öffnete die Tür. Im Schein des Nachtlichts sah sie den Jungen im Gitterbett stehen, das Gesicht vom Weinen gerötet. Als er sie entdeckte, hörte er auf zu schreien, streckte ihr vertrauensvoll die Ärmchen entgegen und rief: „Maisy!“

Stöhnend hob sie ihn hoch. Er war groß für sein Alter, bald würde sie ihn nicht mehr tragen können. Sie setzte sich mit ihm in einen Sessel und wiegte ihn liebevoll im Arm.

Von der Tür her beobachtete Alessandro die beiden, seltsamerweise gerührt von dem Anblick. Die Frau wirkte völlig entspannt – wie er es mit einem Kleinkind nie sein könnte. Vermutlich gehörte sie zu den von Natur aus mütterlichen Frauen – nicht, dass er viele dieser Art kannte.

Kinder interessierten ihn nicht. Selbst sein Patenkind Lorenzo hatte er nur einmal gesehen, bei der Taufe.

„Ich wusste nicht, dass er so … klein ist“, stellte er leise fest, um das Kind nicht zu erschrecken.

Der Junge hob neugierig den Kopf, und Maisy fiel im selben Moment auf, wie sehr die tiefe Stimme mit dem leichten Akzent der von Leonardo Colei ähnelte.

„Papa?“, fragte Lorenzo unsicher.

„Nein, das ist nicht dein Papa.“ Die Worte kamen ihr kaum über die Lippen.

Alessandro trat langsam näher und ging neben dem Sessel in die Hocke, um das Kind nicht einzuschüchtern. „Hallo, Lorenzo. Ich bin dein Patenonkel Alessandro.“

In diesem Moment erinnerte Maisy sich endlich wieder: Sie hatte Lorenzos Taufe verpasst, da sie mit Fieber im Bett gelegen hatte. Am Abend hatte ihr das Au-pair-Mädchen begeistert und in allen Einzelheiten vom coolen Alessandro Tremante vorgeschwärmt.

„Sehen Sie zu, dass der Junge wieder einschläft. Ich warte draußen auf Sie“, befahl er, und sie fragte sich, ob er jemals um etwas bat.

Als sie nach geraumer Zeit aus dem Kinderzimmer kam, wirkte das Haus wieder still und leer wie zuvor. Von den Sicherheitsleuten war nichts zu sehen. Sie hielt inne und lauschte.

„Ich bin hier“, hörte sie eine Stimme aus ihrem eigenen Schlafzimmer, das Lorenzos gegenüberlag. Sie ging hin und hielt auf der Schwelle inne. Alessandro stand vor dem Fenster.

„Nehmen Sie Platz“, wies er sie an.

„Ich stehe lieber.“

„Setzen!“

Unter gemurmeltem Protest ließ sie sich auf dem schmalen Bett nieder, während er im Zimmer umherging. Seine ungebändigte Energie machte sie unruhig.

Gedankenverloren strich Alessandro sich übers Kinn. Er war verwirrt. Vier Tage in Folge – so lange wie noch nie in seinem ganzen Erwachsenendasein – hatte er keinen einzigen Gedanken an Sex verschwendet, doch seit dem Moment, in dem er diese Frau im Arm gehalten hatte, beherrschte das Thema ihn.

Der Jogginganzug betonte nicht gerade ihre Figur, aber er hatte ihre schmale Taille ertastet, die sanfte Rundung ihrer Hüften. Vermutlich waren ihre Brüste voll, die hochgebundenen Haare länger als gedacht. Er könnte mit den Händen darin wühlen, während er ihre Lippen kostete …

Frustriert schüttelte er den Kopf. Tod und Sex gingen Hand in Hand, das hatte er irgendwo gelesen. Leonardo war tot, die Verantwortung für seinen Sohn fiel ihm zu – und er nahm seine Pflichten grundsätzlich ernst. Der Gedanke an Sex mit einer richtigen Frau, keiner angemalten, künstlichen Schönheit … Sie trug nicht einmal Make-up, und das hatte sie auch nicht nötig. Ihre Haut schimmerte zart und glatt, und ihr Haar …

Unvermittelt stand sie auf. „Mr Tremante.“

„Alessandro.“

„Dann also Alessandro.“

Sie schöpfte tief Atem, eindeutig im Begriff, zu einer Rede anzusetzen.

Hastig fragte er: „Und wie heißen Sie?“

„Maisy. Maisy Edmonds.“

„Setzen Sie sich wieder, Maisy.“

„Ich möchte lieber stehen, bei dem, was ich Ihnen zu sagen habe.“

„Bitte!“

Tatsächlich nahm sie wieder auf der Bettkante Platz – nur um erneut aufzuspringen.

„Nein, es ist wirklich wichtig: Wenn Sie Lorenzo zu sich holen, müssen Sie auch mich mitnehmen. Ich weiß zwar nichts über Ihre Verhältnisse, aber es ist unerlässlich, dass ich bei ihm bleibe, bis er sich eingelebt hat. Er weiß noch nichts vom Tod seiner Eltern. Ich muss bei ihm sein, wenn er es erfährt.“

Alessandro runzelte die Stirn. „Sie haben es ihm noch nicht gesagt?“

Stumm schüttelte sie den Kopf.

„Ich hatte nicht vor, Sie zurückzulassen. Besitzen Sie einen gültigen Reisepass?“

„Ja.“

„Dann packen Sie die Koffer. Wir reisen in einer halben Stunde ab.“

Maisy benötigte zwanzig Minuten, um das Nötigste für Lorenzo zusammenzusuchen. Den Rest konnte sie gewiss später nachschicken lassen. Ihre Sachen hatte sie bereits vor fünf Tagen gepackt – für ihren Urlaub in Frankreich. Seither schien eine Ewigkeit vergangen. Sie beschloss, die verbleibende Zeit für eine schnelle Dusche zu nutzen.

Wenige Minuten später sah Alessandro, der in der Küche saß, ungeduldig auf die Uhr. Vierzig Minuten waren vergangen. Typisch Frau, dachte er. Er kannte keine, bei der „nur noch fünf Minuten“ weniger als zwanzig bedeutet hätten. Andererseits hatte er kein Rendezvous mit Maisy, sie war eine Angestellte. Weshalb sollte er länger auf sie warten?

Statt einen seiner Leute nach ihr zu schicken, ging er selbst nach oben. Etwas an ihr zog ihn magisch an.

Die Tür zu ihrem Zimmer war nur angelehnt. Er versetzte ihr einen leichten Tritt und erwartete, Maisy inmitten eines Bergs von Kleidern anzutreffen. Stattdessen stand sie vor ihm, mit nichts als einem winzigen Handtuch um die Hüften.

Sein Verstand setzte aus, und brennendes Verlangen überfiel ihn.

Statt zu schreien oder zu protestieren, sah sie ihn lediglich überrascht an, fasste das Handtuch fester und machte sogar einen Schritt auf ihn zu.

Instinktiv ging er ihr entgegen, legte ihr die Arme um die schmale Taille und zog sie an sich. Als er den Mund auf ihren presste, stieß sie einen erstickten Laut aus und versuchte halbherzig, ihn zurückzustoßen, was er kaum registrierte. Sie war alles, was er in diesem Moment brauchte: weiblich, weich, warm. Er wollte sich in ihr verlieren und vergessen, was geschehen war.

Auch Maisy war zu keinem klaren Gedanken fähig. Während er sie leidenschaftlich und fordernd küsste, schmolz ihr anfänglicher Widerstand rasch dahin. Sie schmiegte sich an ihn und erwiderte den Kuss mit ungeahntem Hunger.

Irgendwann schob er sie mit dem Rücken sanft gegen die Tür, die dadurch ins Schloss gedrückt wurde, und begann, ihren Hals mit Küssen zu bedecken. „Lass das Tuch los“, raunte er ihr ins Ohr.

Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie nichts als ein Handtuch trug, das jeden Moment zu Boden zu fallen drohte. Sie stöhnte auf: „Ich kann nicht.“

Unvermittelt war alles vorüber. Alessandro ließ sie los, trat einen Schritt zurück und fuhr sich verlegen mit der Hand durchs Haar.

„Entschuldigung, das hätte nicht passieren dürfen. Ich bin anscheinend völlig übermüdet. Bitte vergessen Sie, was geschehen ist.“ Dass sie ihn wie einen Verrückten ansah, konnte er ihr nicht verdenken.

Maisy zuckte zusammen, bewegte sich aber nicht vom Fleck. Jetzt würde er sie gewiss nicht mehr als Lorenzos Kindermädchen beschäftigen wollen.

Sie raffte ihren ganzen Mut zusammen. „Sie haben Ihre Meinung doch nicht etwa geändert – was Lorenzo und mich betrifft?“

Alessandro sah sie verwundert an, dann strich er sich seufzend mit der Hand über das unrasierte Kinn. „Nein, das habe ich nicht. Ziehen Sie sich rasch an. Wir fahren in fünf Minuten.“

Die wenigen Schritte bis zum Bad waren die schwersten in ihrem Leben. So gut wie nackt marschierte Maisy an Alessandro vorüber, schloss die Tür hinter sich und sank zu Boden. Zutiefst gedemütigt riss sie sich das Handtuch von den Hüften, griff nach dem riesigen flauschigen Badetuch, in das sie sich hätte wickeln sollen, und barg das Gesicht in dem weichen Stoff.

Als er sie geküsst hatte, hatte sie alle Hemmungen fallen lassen, weil sie spürte, dass er sie begehrte und brauchte. Ihr war es ebenso ergangen. Jetzt schämte sie sich zutiefst.

Für längere Grübeleien blieb ihr keine Zeit. Sie musste sich anziehen und Alessandro dann erneut gegenübertreten. Irgendwie musste sie lernen, mit ihm zurechtzukommen – und ihn nie wieder zu küssen.

3. KAPITEL

Verärgert schüttelte Alessandro den Kopf. Er schaffte es einfach nicht, einen Sinn in die Zahlenreihen auf seinem Laptop zu bringen. Aus mehreren Gründen ließ seine Konzentration zu wünschen übrig. Dazu gehörten der Schlafmangel der letzten Tage, die Höhe – er befand sich gerade in seinem Privatjet hoch über den Wolken auf dem Weg von London nach Neapel – und nicht zuletzt die aufregende Rothaarige, die es sich in einem der anderen Sessel bequem gemacht hatte und zu schlafen vorgab.

Er winkte den Flugbegleiter herbei. „Leroy, schaffen Sie mir Miss Edmonds aus den Augen. Sie tut nur, als würde sie schlafen“, erklärte er, als der Steward skeptisch zu ihr hinübersah.

Etwas anderes bleibt mir auch nicht übrig, dachte Maisy wütend. Seit sie vor einer Stunde an Bord des Flugzeugs gegangen war, ignorierte Alessandro sie hartnäckig.

Als Leroy neben sie trat, schlug sie die Augen auf und hob den Kopf. „Ich weiß Bescheid.“ Sie stand auf und folgte dem Steward, während Alessandro ungerührt weiterarbeitete.

„Gib Miss Edmonds ein Bett“, wies er Leroy an.

Ein leises Danke veranlasste Alessandro, sich nach Maisy umzuwenden. Sie zog ihn unwiderstehlich an, und das brachte ihn in eine schwierige Situation: Ein Mitglied seines Haushalts hatte ihn nicht zu interessieren. Allerdings war sie kein Kindermädchen, wie sie behauptet hatte. In diesem Punkt hatte sie gelogen. Durch ihre Bekanntschaft mit Alice war es ihr gelungen, sich in das Haus am Lantern Square einzuschmeicheln – und in Lorenzos Leben.

Von ihrer leidenschaftlichen Reaktion überrascht, hatte Alessandro die Beherrschung verloren. Zum Glück hatte sie rasch einen Rückzieher gemacht, was ihn vor einer großen Dummheit bewahrt hatte.

Ärgerlich schob er den Gedanken beiseite. Es gab wirklich Wichtigeres. Er musste Leonardos Erbe verwalten und für dessen Kind sorgen. Als Jugendlicher hatte er von der Hand in den Mund gelebt, umso höher wusste er materielle Sicherheit zu schätzen. Leonardos Sohn sollte es an nichts fehlen.

Ein Bett – nicht das Bett. Eines von dreien. In einem Flugzeug. Fassungslos schüttelte Maisy den Kopf.

Sie setzte sich auf das breite Bett und bewunderte die eleganten Tapeten an den Wänden der Kabine und das in edlen Hölzern gearbeitete Mobiliar. Die seidene Bettwäsche in Schwarz und dunklem Violett verlieh dem Raum eine maskuline Note. Dass Alessandro sie selbst ausgewählt hatte, glaubte sie allerdings nicht. Dafür konnte sie ihn sich umso leichter auf diesem Bett vorstellen – und sich selbst in seinen Armen. Gleich darauf rief sie sich zur Ordnung. Bei Tageslicht würde er sie gewiss keines Blicks würdigen.

Und das war gut so. Mit dem ihr anvertrauten Zweijährigen hatte sie alle Hände voll zu tun. Alice hatte behauptet, niemand könne so gut mit ihm umgehen wie sie. Daher hatte sie die beiden freien Tage pro Woche, die ihr zugestanden worden waren, in der Praxis kaum je nehmen können. Sie war dem Neugeborenen zur Mutter geworden, mit allen Pflichten, die das mit sich brachte. Ein „normales“ Leben hatte sie nur in den wenigen Wochen vor seiner Geburt geführt, als sie gemeinsam mit Alice die neu belebte Freundschaft gefeiert und die Annehmlichkeiten der Großstadt genossen hatte.

In den letzten Wochen vor der Niederkunft war Leonardo häufig zu Hause geblieben. Er war seiner schwangeren Frau selten von der Seite gewichen und hatte sie behütet und verwöhnt, während Maisy auf den ausdrücklichen Wunsch von Alice allein ausgegangen war.

Für kurze Zeit hatte sie gelebt wie viele andere Einundzwanzigjährige in London. Sie hatte ausgedehnte Einkaufsbummel unternommen, bis in die frühen Morgenstunden getanzt, geflirtet und sich mit dem Dan angefreundet, der in der Musikbranche arbeitete. Nächtelang hatten sie sich in kleinen Cafés unterhalten, bis sie eines Tages mit in sein Apartment gegangen war und mit ihm geschlafen hatte – ein wenig befriedigendes und äußerst peinliches Ereignis. Kurz darauf hatte sie ihm den Laufpass gegeben.

Dann war Lorenzo zur Welt gekommen, und ihr Leben hatte sich von Grund auf verändert.

Es war unmöglich gewesen, Alessandro in aller Kürze ihre komplizierte Beziehung zu Alice und ihrem Sohn zu erklären. Also hatte sie sich kurzerhand als Kindermädchen bezeichnet. Das hörte sich vernünftig, professionell und nützlich an. Er brauchte eine zuverlässige Betreuerin für Lorenzo, kein Partygirl. Dennoch belastete die Notlüge sie. Sie hätte es vorgezogen, sie selbst sein zu dürfen und nicht etwas darstellen zu müssen, das er sich unter einer Erzieherin vorstellte.

Als der Jet in Neapel landete, graute bereits der Morgen. Der Anblick von zwei auf dem Rollfeld wartenden Limousinen rief Maisy erneut ins Bewusstsein, wie unermesslich reich Alessandro Tremante sein musste.

Bald stellte sich heraus, dass er sie nicht in sein Haus begleiten würde. Nachdem sie mit Lorenzo und Carlo in einen der komfortablen Wagen eingestiegen war, erkundigte sich Maisy nach seinem Verbleib.

„Er fliegt mit dem Helikopter nach Rom, um dort Termine wahrzunehmen“, erklärte Carlo. Ironisch lächelnd fügte er hinzu: „Keine Sorge, bella. Sie werden ihn noch oft genug sehen.“

Die vertrauliche Anrede behagte Maisy ebenso wenig wie der spöttische Unterton. Sie fragte sich, ob Alessandro seinem Assistenten anvertraut hatte, was zwischen ihnen geschehen war.

Die Villa Vista Mare stammte aus dem sechzehnten Jahrhundert, doch im Inneren wirkte Alessandros Zuhause modern, ja nahezu kalt, mit hohen Zimmerdecken, viel Glas und blendend weißen Oberflächen.

Maisy fühlte sich förmlich in einen Science-Fiction-Film versetzt. Es musste ein Vermögen gekostet haben, das Haus auf den neuesten Stand zu bringen, alles zeugte von Reichtum und Glamour. Eine behagliche Atmosphäre verströmte es jedoch nicht.

In den nächsten Tagen bemühte sie sich, etwas von der Gemütlichkeit des Lantern Square auf Lorenzos neues Zuhause zu übertragen. Am Kinderzimmer gab es wenig auszusetzen. Erwartungsgemäß hatte Alessandro zu viel des Guten getan und Unmengen von Spielsachen herbeischaffen lassen. Im Lauf der Woche gelang es ihr, das Schlimmste beiseitezuräumen und ein wohnliches Ambiente zu schaffen.

Lorenzo eroberte im Handumdrehen sämtliche Herzen; die Haushälterin Maria, eine liebenswürdige Frau um die Fünfzig, betete ihn geradezu an.

Ihr eigenes Zimmer grenzte an das Kinderzimmer an. Es war klein und zweckmäßig eingerichtet. Maisy nutzte es nur zum Schlafen – aber das tat sie reichlich. Die von Alessandro organisierte Nachtschwester sorgte dafür, dass sie zum ersten Mal seit zwei Jahren ganze Nächte durchschlafen konnte. Bald fühlte sie sich wie neugeboren.

Rasch spielte sich eine gewisse Routine ein. Die Vormittage verbrachte sie mit Lorenzo am Strand, wenn er nachmittags schlief, las sie auf der Terrasse. Das Abendessen nahm sie allein ein. Maria, die gegen sieben nach Hause ging, stellte eine Mahlzeit für sie bereit. Das übrige Personal bekam sie kaum zu Gesicht, mit der Zeit begann sie sich wie der einzige Gast in einem Fünf-Sterne-Hotel zu fühlen.

Alessandros lange Abwesenheit verwirrte sie. In London hatte er seine Verantwortung für Lorenzo betont, jetzt handelte er nicht danach.

Eine Woche nach ihrer Ankunft erkundigte sie sich bei Maria, ob es möglich sei, eines der vielen Autos, die in der Garage standen, für einen Ausflug in die Stadt auszuleihen. „Ich brauche nichts Elegantes, nur einen fahrbaren Untersatz.“

„Nehmen Sie meinen Wagen“, schlug die Haushälterin vor. „Darin ist sogar ein Kindersitz, den ich für meine Enkelin benutze.“

Glücklich über die Aussicht, einen Tag unter Menschen zu kommen, lief Maisy nach oben und tauschte T-Shirt und Shorts gegen das grüne Sommerkleid, das sie für ihren Urlaub in Paris gekauft hatte.

Dann machte sie Lorenzo fertig, schnallt ihn im Auto an, winkte Maria fröhlich zu und fuhr aus dem Hof, die staubige Straße entlang und durch steile Haarnadelkurven hinab nach Ravello. Dort erledigte sie einige Besorgungen und ließ sich gleichzeitig vom Charme der alten Stadt bezaubern. In einer ruhigen Nebenstraße entdeckte sie einen Friseursalon. Während Lorenzo glücklich ein Eis schleckte und sich anschließend fasziniert mit einer Kiste voller Spielzeug beschäftigte, die im Salon bereitstand, fand sie die Zeit, sich das Haar schneiden und föhnen zu lassen. Als sie den Jungen wieder im Kinderwagen anschnallte, war sie mit ihrem Aussehen so zufrieden wie lange nicht mehr.

Während sie durch die Straßen schlenderte, erregte sie große Aufmerksamkeit. Autofahrer verlangsamten die Fahrt, und eine Gruppe junger Italiener pfiff ihr hinterher. Was ein hübsches Kleid und ein schicker Haarschnitt doch alles bewirken, dachte sie kopfschüttelnd und streichelte Lorenzo liebevoll über den Kopf.

In diesem Moment hielt ein Wagen mit quietschenden Reifen neben ihnen am Straßenrand. Erschrocken sah sie auf. Am Steuer des eleganten Sportwagens saß Alessandro. Eine Designer-Sonnenbrille verdeckte seine Augen, er sah cool aus, unerbittlich und sehr männlich.

„Steigen Sie ein.“

Maisy freute sich über sein unerwartetes Erscheinen, gleichzeitig war sie wütend, weil er ohne ein Wort der Erklärung sieben Tage fortgeblieben war. „Das geht nicht. Ich habe Lorenzo versprochen, mit ihm in den Park zu gehen.“

Energisch wandte sie ihm den Rücken zu und marschierte mit dem Kinderwagen geradewegs auf die Tore zu, die in die Grünanlage führten.

Einen Moment lang sah Alessandro ihr fassungslos hinterher, dann suchte er sich hastig einen Parkplatz, sprang aus dem Auto und lief ihr zu Fuß nach. Als Maria ihm berichtet hatte, dass Maisy in die Stadt gefahren waren, war er zutiefst erschrocken. Die steilen Haarnadelkurven waren für ungeübte Fahrer lebensgefährlich. Sie jetzt in dem Sommerkleid zu sehen, schön und sexy wie nie zuvor, mit schimmerndem, offenem Haar, während fremde Männer ihr hinterherpfiffen, gab ihm den Rest.

Als er sie erreichte, packte er sie am Arm und schwang sie zu sich herum, als wäre sie eine Puppe. „Was tun Sie hier eigentlich?“

„Wir gehen in den Park.“ Maisy versuchte, seine Hand abzuschütteln, aber er lockerte den Griff nicht. „Lassen Sie mich los! Was ist los mit Ihnen?“

Alessandro betrachtete ihre großen braunen Augen, die vollen Lippen, die zart geröteten Wangen. Was sollte er nur mit ihr tun? Er hatte vorgehabt, sie mit den Fakten zu konfrontieren, die ein Privatdetektiv über sie ausgegraben hatte, die Bedingungen auszuhandeln, unter denen sie bei Lorenzo bleiben konnte, bis der sich eingelebt hatte, und sie anschließend zu ignorieren. Dabei war sie ihm selbst in den letzten sieben Tagen nicht aus dem Sinn gegangen.

„Loslassen“, meldete sich in diesem Moment Lorenzo. Er war im Kinderwagen aufgestanden, nachdem er es irgendwie geschafft hatte, den Anschnallgurt zu lösen.

Augenblicklich ließ Alessandro von Maisy ab und ging neben dem Buggy in die Hocke. „Ich tue ihr nichts. Ich bin euer Freund und möchte euch beide nach Hause bringen.“

„Nicht Hause. Will Urlaub.“

„Für ihn ist das Leben in der Villa Urlaub“, erklärte Maisy.

Seufzend richtete Alessandro sich wieder auf und streckte die Hände nach Lorenzo aus. „Komm her, kleiner Mann. Soll ich dich tragen?“

Der Junge sah Maisy fragend an, und als sie nach kurzem Zögern nickte, ließ er sich auf den Arm nehmen.

Jetzt erst fand Maisy Gelegenheit, Alessandro näher zu betrachten. In Jeans und T-Shirt wirkte er jünger als bei ihrer letzten Begegnung. Vermutlich war er nur wenige Jahre älter als sie, nicht über dreißig, dennoch umgab ihn eine Aura von Weltgewandtheit, Macht und Reichtum. Wie soll ich mich nur gegen ihn durchsetzen? überlegte sie verzweifelt. Allein der Gedanke an Lorenzo verlieh ihr den nötigen Mut.

„Wo haben Sie die letzten sieben Tage gesteckt?“

„Das ist egal, jetzt bin ich ja hier.“

„Und wie lange gedenken Sie zu bleiben?“, fragte sie betont gleichmütig, insgeheim aber brennend an der Antwort interessiert.

„Ich habe mir drei Tage freigeschaufelt.“

„Das ist nicht viel“, kritisierte sie.

„Mehr kann ich nicht erübrigen“, erwiderte er in einem Tonfall, der bedeutete, dass weitere Fragen nicht angebracht waren. „Würden Sie mir erklären, weshalb Sie den gefährlichen Ausflug in die Stadt unternommen haben?“ Er schob die Sonnenbrille hoch und steckte sie sich ins Haar.

„Gefährlich? Ich bin eine gute Autofahrerin und immer sehr vorsichtig“, erklärte sie. „Nach sieben Tagen an ein und demselben Ort ist mir einfach die Decke auf den Kopf gefallen“, gestand sie ihm den wahren Grund.

Er lächelte. „Sie haben sich gelangweilt, cara?“

Der verständnisvolle Ton und die Bezeichnung als seine „Liebe“ überraschten sie. Vermutlich war er allerdings gegenüber allen Frauen unter dreißig so charmant.

„Das nicht gerade.“ Sie wusste nicht, wie viel Offenheit sie sich leisten konnte. In der Villa fehlte es ihr an Gesprächspartnern, zudem hatten Maria und die Nachtschwester einen Teil ihrer bisherigen Pflichten übernommen. Sie hatte weniger als zuvor zu tun und kam sich mit ihren dreiundzwanzig Jahren ein wenig vor wie lebendig begraben.

„Ich wollte mir die Stadt ansehen und mich mit den Gegebenheiten vertraut machen.“

„Das ist Ihnen gelungen. Den Pfiffen nach zu schließen, steht bald die gesamte männliche Bevölkerung von Ravello vor der Villa Schlange.“

„Ich habe sie nicht darum gebeten, mir hinterherzupfeifen.“

„Ihr Kleid genügt als Einladung.“

Empört begehrte sie auf: „Was unterstellen Sie mir?“

„Ich bin für Lorenzo verantwortlich und erwarte, dass Sie sich wie eine Dame benehmen“, erwiderte er schlicht, wirkte dabei aber seltsam angespannt.

Maisy war wie vor den Kopf geschlagen. Inwiefern hatte sie das nicht getan? Was war falsch an einem Tagesausflug in die Stadt? Und was an ihrem knielangen Kleid mit dem dezenten Ausschnitt wirkte aufreizend? Sie fühlte sich an den Moment in ihrem Zimmer in London zurückversetzt, als sie mit nichts bedeckt als einem Handtuch vor ihm gestanden hatte, überwältigt von seiner Gegenwart. Hielt er sie für eine Frau, die leicht zu haben war?

Tatsächlich hatte sie in seiner Gegenwart alle Hemmungen fallen lassen – zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben –, und das lag allein an ihm. Aber das konnte sie ihm nicht erklären, ohne sich vollkommen zum Narren zu machen.

Lorenzo lehnte zufrieden an Alessandros Schulter und betrachtete vergnügt die Welt von oben herab. Bei seinem Anblick verkrampfte sich alles in Maisy. Aus Rücksicht auf ihn musste sie gegen ihre alberne Schwärmerei ankämpfen.

„Sie sind auf einmal so still“, stellte Alessandro fest.

„Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass es zu meinen Pflichten gehört, Sie zu unterhalten. Außerdem wollte ich nicht den Eindruck erwecken, mich an Sie ranzuschmeißen.“ Erschrocken presste sie die Lippen zusammen. Das hätte sie nicht sagen sollen.

Alessandro musterte sie eindringlich, dann lenkte er in versöhnlichem Tonfall ein: „Selbstverständlich können Sie ausgehen, wenn Sie es wünschen. Aber bringen Sie keine Männer mit in die Villa.“

Sie blieb mitten auf dem Weg stehen, ohne auf die vielen Leute ringsum zu achten, ohne an Lorenzo zu denken, der, obwohl noch sehr jung, eine solche Unterhaltung besser nicht mitbekommen sollte. „Ich begreife sehr wohl, dass Sie eine ausgesprochen schlechte Meinung von mir haben. Da ich nichts Unrechtes getan habe, denke ich allerdings nicht daran, mich zu verteidigen.“

Ich bin ein Idiot, schalt Alessandro sich. Er war ungerecht zu ihr, weil er sich provoziert fühlte. Einer hübschen Frau wie ihr würden die Italiener noch hinterherpfeifen, wenn sie in Sackleinen über die Straße ging. Weshalb ihm dieser Gedanke gewaltig gegen den Strich ging, vermochte er allerdings nicht zu sagen.

Weil du sie begehrst, aber nicht haben kannst, da sie unter deinem Dach lebt, machte sich eine innere Stimme über ihn lustig.

Das Gewicht des Kindes auf seinem Arm erinnerte ihn daran, dass ein behutsames Vorgehen angesagt war. „Ich schlage vor, wir kehren um. Lorenzo ist eingeschlafen.“

Maisy würdigte ihn keiner Antwort, sondern wendete einfach den Kinderwagen in die entgegengesetzte Richtung und eilte ihm voran zu seinem Auto. Marias Wagen würde sie später holen.

Alessandro chauffierte sie in seinem rassigen Sportwagen in die Villa zurück, und da er das Tempo in den Kurven stark drosselte und ausgesprochen zurückhaltend fuhr, begriff Maisy, dass er nicht übertrieben hatte, was die Gefährlichkeit der Strecke anging. Während der Fahrt wechselten sie kein Wort, und ihr war ganz flau im Magen. Er hatte eine abgrundtief schlechte Meinung von ihr. Das würde es ihm leicht machen, sie loszuwerden, wann immer er wollte.

Sosehr ich mich auch anstrenge, er wird mich immer als Partymädchen betrachten, dachte sie verzweifelt. Im nächsten Moment musste sie über die absurde Vorstellung lachen: Sie war ein durch und durch häuslicher Mensch.

Sofort wandte er sich ihr zu. „Was ist so lustig?“

Maisy drehte sich erst zu Lorenzo um, der immer noch friedlich schlief, dann imitierte sie die unbekümmerte Art ihrer Freundin Alice. „Wenn sich alle Männer in Ravello in mich verlieben, brauche ich jede Menge Zeit, um ihnen gerecht zu werden. Wie sieht es aus, kann ich mir immer Freitag und Samstag abends freinehmen?“

Seine Selbstgerechtigkeit hatte sie tief verletzt, und sie wollte ihm die Lächerlichkeit seiner Anschuldigungen vor Augen halten. Doch sobald die Worte heraus waren, wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte.

Alessandro bremste den Wagen scharf ab, steuerte ihn an den Straßenrand, hielt an, schnallte sich ab und sah sich nach dem schlafenden Kind um. Erschrocken über seine Reaktion, presste Maisy sich gegen die Autotür.

„Was tun Sie?“

„Ich muss dringend telefonieren.“ Ohne sie eines Blicks zu würdigen, stieg er aus und schlug die Tür hinter sich ins Schloss. Draußen verschränkte er die Hände im Nacken und streckte sich, während er sich vom Auto entfernte. Sie war jung und verletzt und machte sich über seine Vorwürfe lustig. Auch wenn sie ihn dadurch nicht in Rage versetzen wollte – sie tat es.

Ehe er auch nur einen Meter weiterfahren konnte, musste er sich erst wieder beruhigen.

Alle Männer in Ravello – diese Worte hatte er ihr in den Mund gelegt. Dabei wechselte Maisy den Partner sicher nicht öfter als er seine Begleiterinnen. Dennoch …

Unwillkürlich schossen ihm Bilder aus der Vergangenheit durch den Kopf. Die Kunden seiner Mutter – wie hatte er sich damals vor ihnen gefürchtet und geekelt. Kopfschüttelnd verdrängte er den Gedanken und atmete tief durch. Er sah zum Auto zurück. Ihre roten Locken schimmerten im Sonnenlicht. Sie zog ihn magisch an.

Währenddessen beobachtete Maisy ihn im Rückspiegel. Sogar von hinten sah Alessandro gut aus, die Jeans spannte aufreizend über seinem knackigen Hintern.

Aufstöhnend barg sie das Gesicht in den Händen. Ich und mein großes Mundwerk, schalt sie sich. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie hatte einen Witz gemacht – aber mit Signor Tremante war nicht zu spaßen.

In diesem Moment wurde die Fahrertür geöffnet. Alessandro setzte sich hinters Steuer, zog ihr die Hände vom Gesicht und sah ihr direkt in die Augen.

„Das ging aber schnell.“ Ihre Stimme klang seltsam belegt.

Immer noch schwieg er. In seinen Blicken las Maisy … unverhohlenes Verlangen. Ihr stockte der Atem, und ihr Pulsschlag beschleunigte sich. Im Auto herrschte dieselbe knisternde Spannung wie letzte Woche in ihrem Zimmer in London. Unwillkürlich erinnerte sie sich an das Gefühl seines Mundes auf ihren Lippen, seine unbändige Lust. Zu ihrer großen Überraschung hatte sie dasselbe empfunden. Falls er glaubte, sie wäre zu einer Wiederholung bereit, konnte sie es ihm nicht verübeln.

„Der Anruf hat sich erübrigt.“ Er lächelte. „Vielleicht sollten Sie die männlichen Einwohner von Ravello vergessen, Maisy. Ich fürchte, Sie werden ohnehin ausgelastet sein.“

„Mit Lorenzo?“

„Nein.“ Geschickt steuerte er den Sportwagen wieder auf die Straße und beschleunigte so rasch, dass es ihr den Atem verschlug.

„Mit mir.“

4. KAPITEL

Als sie vor der Villa vorfuhren, war Maisy das reinste Nervenbündel, Alessandro dagegen versprühte Energie und gute Laune. Während sie die Einkaufstüten aus dem Kofferraum holte, befreite er Lorenzo aus dem Kindersitz, erklärte seine Absicht, ihm für den Rest des Tages Gesellschaft zu leisten, und trug ihn ins Haus.

Kopfschüttelnd sah sie ihm nach. Was seine Bemerkung im Auto bedeuten sollte, verstand sie immer noch nicht. Vermutlich hatte er sich nur einen Scherz erlaubt. Dennoch ging sie im Geist immer wieder seine Worte durch, während sie ihre Neuerwerbungen auf dem Bett ausbreitete und anschließend in ihrem winzigen Bad duschte.

Sie genoss seine Aufmerksamkeit. Sie mochte es, wenn es in seinen Augen verführerisch funkelte, und jedes Mal, wenn er sie ansah, lief ihr ein Schauer über den Rücken. Insgeheim sehnte sie sich danach, das zu beenden, was sie in London begonnen hatten. Er sollte erneut die Kontrolle über sich verlieren. Gleichzeitig fürchtete sie sich davor. War sie wirklich bereit für diesen Schritt? Die Eskapade mit Dan hatte ihr keinen Appetit auf mehr gemacht. Dennoch beherrschte Alessandro seit Tagen ihre Träume.

Seufzend schlüpfte sie in einen leichten Sommerpulli und ihre Lieblingsjeans, die ihrer Figur schmeichelte, ohne sie zu offensichtlich zu betonen. Was war schon dabei, wenn sie sich ein wenig in der Aufmerksamkeit eines Mannes sonnen wollte, solange alles im Rahmen blieb?

Lange bevor sie das Spielzimmer erreichte, hörte sie Lorenzos Stimme. Auf der Türschwelle hielt sie überrascht inne. Alessandro lag auf dem Boden und baute Türme aus Bauklötzen, die der kleine Junge unter Jauchzern umstieß.

Als er sie bemerkte, beklagte Alessandro sich grinsend: „Ich komme nicht gegen ihn an. Im Abreißen ist er Experte. Vielleicht sollte ich ihm einen Job anbieten.“ Er wirkt so entspannt, wie Maisy ihn noch nie gesehen hatte, und sah dabei umwerfend aus.

Auch Alessandro betrachtete Maisy eingehend. Die Jeans saß eng wie eine zweite Haut, der Pullover lenkte den Blick auf ihre Brüste und die schlanke Taille, die er vermutlich mit zwei Händen umspannen konnte. Wieso habe ich diese Frau nicht schon eher kennengelernt? fragte er sich bedauernd.

Maisy ließ sich neben Lorenzo nieder und streichelte ihm über den Kopf.

„Er braucht dringend einen Haarschnitt. Ich lasse den Friseur kommen“, sagte Alessandro.

„Nein.“ Maisy runzelte die Stirn.

„Müssen wir uns über jede Kleinigkeit streiten?“

„Notfalls ja.“

Maisy achtete darauf, seinem Blick nicht auszuweichen. Er musste lernen, dass er sie bei Entscheidungen, die Lorenzo betrafen, nicht einfach übergehen konnte. Als er ihr jedoch plötzlich sein unwiderstehliches Lächeln schenkte, bezweifelte sie, dass er in diesem Moment an den Jungen dachte.

Er setzte sich so abrupt auf, dass sie erschrocken zurückzuckte. Jetzt war er ihr so nahe, dass sie nur die Hand auszustrecken brauchte, um ihm über die Wange zu streicheln. Sie errötete und verdrängte den Gedanken rasch.

„Am Montag habe ich einen Kinderpsychologen konsultiert“, berichtete er.

„Darüber sollten wir besser später sprechen. Lorenzo ist zwar klein, hat aber große Ohren. Außerdem ist gleich Schlafenszeit. Ich muss ihn vorher noch baden und ihm vorlesen.“

„Das kann ich übernehmen“, bot Alessandro an, stand auf, griff nach Lorenzo und stemmte ihn hoch in die Luft, was dieser mit Freudenschreien quittierte.

Am liebsten hätte er selbst gejubelt: Dass Maisy etwas für ihn empfand, verrieten ihre geröteten Wangen, der Glanz in ihren Augen und ihre Nervosität.

„Oh nein! Jetzt ist er ganz überdreht.“ Seufzend kam Maisy auf die Füße und machte sich auf den Weg nach oben.

Du treibst mich in den Wahnsinn, dachte Alessandro, während er ihr die Treppe zum Kinderzimmer hinauf folgte. Ihr sexy Hüftschwung ließ ihn den unumstößlichen Entschluss fassen, sie noch in derselben Nacht in sein Bett zu holen.

In dieser Absicht bestärkten ihn die verstohlenen Blicke, die sie ihm immer wieder zuwarf, sobald sie sich unbeobachtet glaubte.

Als sie den Jungen gerade wickelte, lud Alessandro sie ein: „Essen Sie heute mit mir zu Abend.“

„Ich esse immer um sieben Uhr im Speisezimmer. Wollen Sie mir dort Gesellschaft leisten?“

Überrascht und belustigt sah er sie an. „Ein bisschen mehr hätte ich schon zu bieten.“

Ein gemeinsames Abendessen – danach würde sie mit ihm schlafen. Vielleicht.

Seufzend ließ sie sich aufs Bett fallen, auf dem die beiden Kleider lagen, zwischen denen sie sich entscheiden musste. Das Cocktailkleid aus einem durchscheinenden Stoff erschien ihr viel zu aufreizend, das schulterfreie weiße Leinenkleid war eigentlich für den Tag gedacht. Kombiniert mit Schmuck, dem passenden Make-up und einer eleganten Frisur konnte man es auch abends tragen.

Nachdem ihre Entscheidung gefallen war, schminkte sie sich, legte eine goldfarbene Kette um und schlüpfte in schwindelerregend hohe Sandaletten. Mit einer Spange steckte sie das Haar auf und ließ nur einige Locken bis auf ihre Schultern fallen. Ein wenig kam sie sich vor wie Cinderella, die sich für den Ball fertig machte.

Auf dem Weg zum Speisezimmer durchquerte sie die Küche, in der Maria gerade einen Brotteig knetete.

„Sie sehen wunderschön aus“, rief sie entzückt, wischte sich die Hände ab, kam auf Maisy zu und umarmte sie. „Heute speisen Sie also mit dem Boss?“

„Wir müssen uns über Lorenzo unterhalten“, versuchte Maisy sich herauszureden.

Die ältere Frau warf ihr einen wissenden Blick zu. „Er ist eigentlich ein guter Mann, aber die ganzen Partys, all die Frauen …“

Davon wollte Maisy nichts hören, doch als Maria sich wieder dem Teig zuwandte, hätte sie am liebsten gefragt: Was ist damit?

Zum Glück redete Maria unaufgefordert weiter. „Was er wirklich braucht, ist eine nette Frau, die für ihn kocht, seine Kinder großzieht und ihn im Bett glücklich macht.“

Vor Verlegenheit wusste Maisy nicht, wohin sie sehen sollte.

„Er spricht zwar ausgezeichnet Englisch und besitzt Häuser in Miami und New York, ist im Grunde seines Herzens aber ein echter Italiener, sehr traditionsbewusst. Natürlich haben sich die Zeiten geändert, und Alessandro ist … ein moderner Mann, aber wenn er sich eines Tages häuslich niederlässt …“

„Daran denkt er vermutlich noch lange nicht“, warf Maisy ein, der die Unterhaltung unendlich peinlich war.

„Passen Sie auf sich auf“, riet ihr die ältere Frau. „Er ist ein echter Mann, und Sie sind eine schöne Frau.“

Ein echter Mann – in diesem Punkt stimmte sie Maria zu. In Gedanken versunken ging sie weiter. Im Esszimmer wartete statt Alessandro einer seiner Angestellten auf sie. Matteo war im Gegensatz zu seinen Kollegen ihr gegenüber immer sehr aufgeschlossen, und während er sie auf die Dachterrasse geleitete, unterhielten sie sich angeregt.

Alessandro hörte zunächst nur ihre Stimme. Bei ihrem Anblick beschloss er, sie nie wieder von einem seiner Männer abholen zu lassen, sondern diese Aufgabe grundsätzlich selbst zu übernehmen.

Mit wiegenden Hüften kam sie auf ihn zu. Das eng anliegende Kleid betonte ihre atemberaubende Figur. Trotz des dezenten Ausschnitts wirkt es überaus sexy. Schlagartig verschwand jeder Gedanken aus seinem Kopf – bis auf den Wunsch, es ihr so schnell wie möglich abzustreifen.

Als Alessandro ihr entgegenkam, in dunkler Hose und weißem Hemd, fühlte Maisy sich wie eine Prinzessin. Hinter ihm stand ein mit gestärktem Leinen und funkelndem Kristall gedeckter Tisch. Er hatte nicht den Rahmen für eine sachliche Diskussion über Lorenzo geschaffen, sondern für ein romantisches Dinner.

Aus der Nähe bemerkte er, dass sie Augen und Lippen geheimnisvoll geschminkt hatte. Ein zarter Duft nach exotischen Blumen umgab sie. Sie hatte sich für ihn schön gemacht – jetzt musste auch er sich Mühe geben und sie nicht kurzerhand vor dem ersten Gang ins Bett zerren.

Galant reichte er ihr den Arm, führte sie zu Tisch und rückte ihr den Stuhl zurecht.

„Sie sehen bezaubernd aus.“

Statt der erhofften Reaktion schenkte sie ihm einen skeptischen Blick.

„Speisen Sie häufig auf dem Dach?“

„Gelegentlich, wenn ich in Stimmung bin.“

Er griff nach der auf dem Beistelltisch bereitstehenden Champagnerflasche, füllte zwei Gläser und reichte ihr eines davon.

„Es ist wunderschön hier oben. An Ihrer Stelle würde ich ausschließlich hier essen. Bereitet Maria das Dinner zu?“

„Das ist Aufgabe des Kochs.“ Ihre Fragen kamen unerwartet und verwirrten ihn.

„Den hat sie noch nie erwähnt, und in der Küche befand sich niemand außer ihr.“

„Was haben Sie denn dort gemacht?“

„Mit ihr geplaudert.“

Alessandro warf ihr einen seltsamen Blick zu. „Anschließend haben Sie sich mit Matteo unterhalten?“

Sie nickte. „Als Sie nicht hier waren, hat immer Maria gekocht, und zwar ausgezeichnet. Wieso sehen Sie mich so an? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Ich hatte keine Ahnung, dass Sie mit der Haushälterin befreundet sind.“

„Sie ist unglaublich nett zu Lorenzo, und er hat sie ins Herz geschlossen.“ Das Thema schien ihn nicht sonderlich zu interessieren. Statt ihr zuzuhören, sah er sie nur an – voller Verlangen.

Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her. An bewundernde Blicke war sie nicht gewöhnt, schon gar nicht von Männern, die ihr Champagner servierten und aussahen, als wären sie einem Modemagazin entsprungen.

„Wollten wir nicht über Lorenzo sprechen?“, fragte sie mit verräterisch schwankender Stimme.

„Vergessen Sie den Champagner nicht. Sie haben ihn noch nicht einmal gekostet.“

Automatisch hob sie das Glas und nippte daran – er schmeckte köstlich. Sie trank erneut und leckte sich anschließend einen Tropfen von den Lippen.

Alessandro sah ihr fasziniert zu. Die champagnerfeuchten rosa Lippen, die zarte Zungenspitze … Sie regte seine Fantasie an – und seinen Körper.

Als Maisy das Glas etwas fester als nötig aufsetzte, stellte er zufrieden fest, dass ihre Hände bebten. Leider sah sie ihn nicht verlangend an, sondern besorgt.

„Wir sollten wirklich über Lorenzo reden“, beharrte sie.

Frustriert stieß Alessandro den Atem aus. „Also gut.“

Die Hände im Schoß gefaltet, sah Maisy ihn erwartungsvoll an – und selbst das schürte sein Begehren.

„Wird Lorenzo hier in Ravello aufwachsen?“

So harmlos und vernünftig ihre Frage auch war, unter anderen Umständen hätte er sich geweigert, darauf einzugehen. Er war es nicht gewöhnt, sein Privatleben zu diskutieren. Andererseits wollte er sie nicht vor den Kopf stoßen, um seine weiteren Pläne für den Abend nicht zu gefährden. Also entschied er sich für eine neutrale Antwort. „Nein. Die Villa Vista Mare ist nur eines meiner Häuser.“

„Wie viele besitzen Sie denn?“

„Sieben.“

Überrascht sah sie auf.

In diesem Moment kam der Kellner und servierte die Vorspeisen. Maisy lächelte ihm freundlich zu, während Alessandro sich gereizt fragte, ob sie ihr umwerfendes Lächeln an alle verschwendete – mit Ausnahme von ihm.

„Dann wird Lorenzo mit Ihnen in den verschiedenen Häusern leben?“

„Ja.“

Sie seufzte tief. Den Blick in die Ferne gerichtet, dachte sie laut nach: „Wie soll das funktionieren?“

Alessandro wies auf ihren Teller. „Essen Sie. Sorgen machen können Sie sich später.“

Gehorsam probierte sie die Krabbenpastete und schenkte endlich auch ihm ihr strahlendes Lächeln. „Das schmeckt köstlich nach Meer.“

„Kein Wunder, bis heute Morgen lebten die Krabben noch dort.“

Auch dem Hauptgericht widmete sie sich mit großer Begeisterung und aß alles auf. Die meisten Frauen aus seinem Umfeld schoben das Essen lediglich auf dem Teller umher, um sich umso mehr dem Alkohol zu widmen. Maisy dagegen hatte den Champagner kaum angerührt.

„Wie bereits erwähnt, habe ich mit einem Kinderpsychologen gesprochen“, sagte er, nachdem die Teller abgeräumt waren. „Er rät dazu, Lorenzo erst vom Tod seiner Eltern zu berichten, wenn er sich eingelebt hat.“ Das Thema musste ausdiskutiert werden, ehe er sie zum Tanz auffordern, sie mit dem Dessert füttern und es ihr von den Lippen lecken konnte …

„Ganz meine Meinung. Mir graut entsetzlich vor diesem Augenblick“, gestand sie.

Beschämt sah er sie an. Das Gespräch war wichtig, er musste sich unbedingt konzentrieren. „Hat er immer noch nicht nach seinen Eltern gefragt?“

Bedächtig faltete Maisy ihre Serviette zusammen. „Nein.“

Für einen Moment herrschte Schweigen. Alessandro wartete auf eine Erklärung, doch sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte, ohne Alice in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen.

„Ich weiß nicht, wie das in Italien gehandhabt wird, aber in der englischen Oberschicht verbringen Eltern gewöhnlich wenig Zeit mit ihren Kindern.“

Unvermittelt setzte Alessandro sich kerzengerade hin. „Sie behaupten, Leonardo hat seinen Sohn vernachlässigt?“

Maisy begriff, dass sie in ein Wespennest gestochen hatte. Nicht nur ihr war das Andenken der Coleis wichtig. Umso weniger würde Alessandro gefallen, was sie zu berichten hatte.

„Das hängt davon ab, wie Sie den Begriff definieren“, erwiderte sie, den Blick fest auf die Tischdecke geheftet. „Wie Sie wissen, war er ein viel beschäftigter Mann und nur selten zu Hause.

„Um ein Kleinkind kümmert sich selbstverständlich in erster Linie die Mutter.“

„Als Lorenzo zur Welt kam, war Alice sehr jung, gerade einundzwanzig. Es fiel ihr schwer, sich auf ihren Sohn einzulassen, und sie kümmerte sich nur selten um ihn.“

Endlich war es heraus. Sie hob den Kopf und begegnete Alessandros skeptischem Blick.

„Was haben Sie sich denn da ausgedacht?“

„Ich versuche Ihnen lediglich zu erklären, was in Lorenzos Kopf vorgeht.“

„Ich weiß, wie viel Leonardo an seinem Sohn lag“, stellte Alessandro energisch fest und erstickte jeden Widerspruch im Keim. „Hören Sie mir gut zu: Solche Geschichten will ich nie wieder hören, sie machen Ihnen keine Ehre. Eigentlich wollte ich das Thema heute nicht ansprechen, aber ich habe einige Fragen, Ihren Hintergrund betreffend.“

„Was möchten Sie wissen?“ Ihre Stimme bebte, obwohl Maisy sich keiner Schuld bewusst war.

„Sie sind die Tochter einer arbeitslosen alleinerziehenden Mutter, dennoch konnten Sie eine Privatschule besuchen. Gearbeitet haben Sie nie, bis Sie vor zwei Jahren im Haushalt der Coleis untergekommen sind.“

Maisy zuckte zusammen. „Woher wissen Sie das alles?“

„Haben Sie tatsächlich geglaubt, ich überlasse Lorenzo Ihrer Obhut, ohne zu wissen, wer Sie sind?“

„Sie hätten mich fragen können.“

„Hätte ich Ihren Antworten geglaubt?“

„Vermutlich nicht. Sie halten mich für eine Lügnerin. Ich begreife allerdings nicht, welche Absichten Sie mir unterstellen.“

Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu, als hätte sie etwas Unverzeihliches getan.

Im Nachhinein bereute Maisy, dass sie ihm nicht erzählt hatte, was er hören wollte: dass Leonardo und Alice ein ideales Paar gewesen waren, ein tolles Leben geführt und ein wunderbares Baby gehabt hatten. In Wahrheit hatten sie Fehler gehabt – wie alle anderen auch.

„Verraten Sie mir, weshalb ich Sie Ihrer Meinung nach heute zum Dinner eingeladen habe“, fragte Alessandro trügerisch ruhig.

Das war eine Falle, wie Maisy sehr wohl wusste. Auf jede mögliche Antwort würde er mit einer scharfen Erwiderung kontern, und sie würde noch dümmer dastehen als zuvor. Deshalb schwieg sie, den Blick auf ihrem Champagnerglas, während die Sekunden verstrichen.

„Dachten Sie, wir sprechen über Ihren Anstellungsvertrag? Haben Sie deswegen ein schulterfreies Kleid angezogen?“

Sei endlich still, beschwor sie ihn im Geiste.

„Oder geschah es in der Hoffnung, ich lade Sie in mein Bett ein, um Sie anschließend in dem Stil auszuhalten, an den Sie sich in den letzten Jahren gewöhnt haben?“

Insgeheim fühlte sie sich ertappt, denn tatsächlich hatte sie sich gewünscht, mit ihm zu schlafen. Aus diesem Grund hatte sie das schöne Kleid angezogen.

An Lorenzos Zukunft hatte sie erst in zweiter Linie gedacht. Dafür musste sie jetzt bezahlen. Alessandro fürchtete nun, dass sie ungeeignet war, für ein kleines Kind zu sorgen.

Sie schluckte und sah schuldbewusst drein, ihrer Würde beraubt, wie in dem Moment, als sie am Lantern Square ins Bad geflüchtet war.

„Werden Sie mich fortschicken?“

Einen Moment lang herrschte spannungsgeladenes Schweigen.

Alessandro ärgerte sich über sich selbst und hätte die letzten Minuten am liebsten ungeschehen gemacht. Maisy blickte scheu und erschrocken drein – wie vergangene Woche in London. Erneut erwachte sein Beschützerinstinkt. Andererseits hatte sie ihn mit ihren verleumderischen Bemerkungen über Leonardo gegen sich aufgebracht. Nichts davon konnte wahr sein.

„Seien Sie nicht albern. Lorenzo braucht Sie.“

Und das gefällt dir ebenso wenig wie das, was ich dir gerade erzählt habe, dachte Maisy. Sie runzelte die Stirn, stand auf und schob dabei den Stuhl zurück.

„Hätte Ihr Privatdetektiv gründlicher gearbeitet, wüssten Sie, dass ich nie bei den Coleis angestellt war. Alice und ich waren Freundinnen. Ich hätte alles für sie getan. Und ich lasse nicht zu, dass sie das Leben ihres Sohnes verpfuschen. Hätte Alice in die Zukunft sehen können, hätte sie mich zu seinem Vormund bestimmt. Dass Sie es geworden sind, geschah auf Leonardos Wunsch.“

Alessandro sah blass und angespannt aus, und fast bedauerte sie ihre harten Worte. Andererseits hatte er sie beschuldigt, für Geld mit ihm schlafen zu wollen, und sie damit zutiefst verletzt.

„Sie haben Glück, ich will nichts von Ihnen. Ursprünglich dachte ich tatsächlich daran, mit Ihnen ins Bett zu gehen, aber jetzt liegt mir nichts ferner.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und eilte davon.

Alessandro versuchte gar nicht erst, sie zurückzuhalten. Die Familie war wichtiger. Maisy ist nur eine Frau – eine von vielen, dachte er zynisch.

„Leonardo muss Sie gut bezahlt haben, wenn Sie sich ein Designerkleid wie dieses leisten können. Ihr Unterhalt hat ihn vermutlich einiges gekostet.“

Maisy fühlte sich plötzlich wie eine Prostituierte in ihrem hübschen Kleid und dem sorgfältig aufgetragenen Make-up. Entschlossen, ihm nicht das letzte Wort zu überlassen, wandte sie sich schwungvoll um. Dabei geriet sie auf den hohen Absätzen ins Wanken und fiel. Sie versuchte, sich mit einem Arm abzufangen. Beim Aufprall schoss ihr ein heftiger Schmerz in die Schulter. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und blieb mit Tränen in den Augen auf dem Boden liegen.

Sofort war Alessandro neben ihr, kniete sich hin und schlang behutsam die Arme um sie. Als er ihre Schulter berührte, schrie sie erneut auf.

„Ich will Ihnen nur helfen“, sagte er so freundlich, als hätte es keine Auseinandersetzung zwischen ihnen gegeben.

Zu erschüttert, um zu protestieren, ließ Maisy ihn gewähren. Als Alessandro sie aufhob, raubte ihr der Körperkontakt den Atem. Sein muskulöser Oberarm stützte ihren Rücken, seine starke Hand ihre Taille. Beschämt über ihre heftige Reaktion wandte sie den Kopf ab. Er durfte nicht erkennen, wie verwirrt sie war, das würde ihn nur in seinen Vermutungen bestärken.

Behutsam trug er sie ins Haus. Die Schulter tat ihr weh, seine Vorwürfe brannten schlimmer. Er hielt sie für eine Lügnerin, ein Partygirl, das sich jedem Reichen bereitwillig an den Hals warf. Unter diesen Voraussetzungen konnte er Lorenzo unmöglich länger in ihrer Obhut lassen.

Ihr war nach Weinen zumute, doch sie wollte ihm ihre Schwäche nicht eingestehen. Sie hatte sich zum Narren gemacht. Jetzt trug dieser Mann, der sie nicht leiden konnte und der die einfachsten, ins Auge springenden Wahrheiten nicht glauben wollte, sie in sein Schlafzimmer!

Ihr Pulsschlag beschleunigte sich – trotz der Schmerzen.

Das riesige Bett mit der edlen dunkelblauen Bettwäsche wirkte ausgesprochen maskulin. Dass es frisch bezogen war, fiel ihr sofort auf. Hatte er ursprünglich geplant, sie hier zu verführen? Sofort fielen ihr seine Unterstellungen wieder ein, und sie versuchte, sich aus seinem Arm zu befreien. Sie wollte, sie durfte nicht hier sein.

„Lassen Sie mich runter, sofort!“, befahl sie.

Tatsächlich stellte er sie auf die Beine, zog ein Handy aus der Hosentasche und telefonierte, während sie vor ihm stand, den verletzten Arm mit der anderen Hand stützend und unschlüssig, was sie machen sollte.

„Gleich kommt ein Arzt“, informierte er sie, als er das Telefon wieder einsteckte. „Wo tut es denn weh?“

„Ich fürchte, ich habe mir die Schulter verstaucht. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehe ich auf mein Zimmer und warte dort auf den Arzt.“

„Sie gehen nirgendwo hin. Legen Sie sich aufs Bett und warten Sie ab, was die Untersuchung ergibt.“

Das klang vernünftig, außerdem machte der Schmerz Widerspruch unmöglich. Erschöpft ließ Maisy sich aufs Bett sinken. In diesem Moment tat Alessandro etwas Überraschendes. Er ließ sich auf ein Knie nieder, griff nach ihrem Fuß, streife ihr den Schuh ab und wiederholte dasselbe mit dem anderen.

„Wie geht es Ihrem Arm?“

„Er fühlt sich taub an.“

„Er hob eine Hand und strich ihr behutsam eine Locke aus dem Gesicht. „Ich würde Ihnen ja ein Schmerzmittel geben, aber es ist vermutlich besser abzuwarten, was der Arzt sagt.“

Der Arzt, ein höflicher älterer Herr und offensichtlich ein alter Bekannter von Alessandro, überreichte ihm Schmerztabletten zusammen mit genauen Anweisungen. Gebrochen hatte sie sich glücklicherweise nichts. Schlaf und die Zeit würde alles heilen.

Als er gegangen war, setzte Alessandro sich neben sie aufs Bett. „Nehmen Sie die“, sagte er und hielt ihr zwei weiße Pillen an die Lippen.

Überwältigt von seiner Nähe, öffnete sie den Mund und nahm die Tabletten entgegen. Dabei berührte sie versehentlich mit der Zunge seinen Finger. Sie errötete.

Kommentarlos reichte er ihr ein Glas Wasser. Maisy schluckte die Medizin und ließ sich erschöpft in die Kissen sinken, nur um sich sofort wieder aufzusetzen, als die Korsage des Kleides hart gegen ihre Rippen drückte.

„Ich muss das Kleid ausziehen“, murmelte sie peinlich berührt. „So kann ich unmöglich schlafen.“

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

Maisy wandte ihm den Rücken zu, und er öffnete geduldig die vielen winzigen Knöpfe. Der erneute enge Kontakt war beinahe zu viel für sie. Sie schloss die Augen und wünschte sich sehnlichst, alles wäre anders gekommen.

„Wie lästig, dass Couture-Kleider nie Reißverschlüsse haben.“

„Dass es eines ist, war mir nicht klar. Alice hat es mir geschenkt, und ich habe nie auf das Etikett geachtet“, erklärte Maisy müde.

Mit einer Hand das Kleid an sich pressend, warf sie ihm über die Schulter einen nervösen Blick zu. „Wenn Sie sich umdrehen, kann ich aufstehen, herausschlüpfen und dann ins Bett gehen“, erklärte sie ihm verlegen.

Wortlos wandte er sich um. Sie stand rasch auf, ließ das Kleid zu Boden sinken, trat heraus, schob es mit dem Fuß beiseite, kehrte hastig ins Bett zurück und zog die Decke bis über ihre Schultern hoch.

„Ich bin fertig, danke.“

Inzwischen war sie todmüde, und die Wirkung des Schmerzmittels setzte ein.

Alessandro hob das Kleid auf. „Ich lasse Sie jetzt allein“, sagte er förmlich. „Falls Sie etwas benötigen, rufen Sie einfach. Ich schlafe gegenüber.“

Maisy schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten, die darin brannten.

„So habe ich mir diesen Abend nicht vorgestellt“, hörte sie ihn vor sich hin murmeln, als er das Zimmer verließ.

Ich auch nicht, dachte sie unglücklich.

5. KAPITEL

Am nächsten Morgen erwachte Maisy mit Kopfschmerzen. Als die Erinnerung an den Vorabend wiederkehrte, zog sie sich aufstöhnend das Kissen über den Kopf – Alessandros Kissen.

Mit einem Schlag war sie hellwach. Sie lag in seinem Bett, mit nichts am Leib als einem Seidenschlüpfer.

Wo ist mein Kleid? überlegte sie, bis ihr einfiel, dass er es mitgenommen hatte. Rasch sprang sie aus dem Bett, um in seinem Zimmer nach etwas zum Überziehen zu suchen.

Hinter einer großen Doppeltür entdeckte sie zu ihrer Freude einen begehbaren Kleiderschrank. Sie nahm das erstbeste Hemd, schlüpfte vorsichtig erst mit dem verletzten Arm hinein, dann mit dem anderen, und schloss die Knöpfe. Der Saum reichte ihr beinahe bis zu den Knien. Anschließend suchte sie das Bad auf, entfernte die Überreste ihres Make-ups und kämmte sich das Haar. In Anbetracht der Umstände sehe ich gar nicht so schlimm aus, fand sie. Auch der pochende Schmerz in der Schulter war einem leichten Unbehagen gewichen, das in ein oder zwei Tagen ganz verschwinden würde.

Die schlimmste Verletzung hatte am Vorabend ihr Stolz abbekommen.

Allmählich kehrten auch andere Erinnerungen an das misslungene Dinner zurück.

Dass Alessandro in seinem Kummer um Leonardos Tod nichts von dessen Fehlern hören wollte, verstand sie. Sie würde es künftig berücksichtigen. Obendrein war sie jetzt überzeugt, dass er immer gut für den Sohn seines Freundes sorgen würde.

Dann fiel ihr ein, wie freundlich und fürsorglich er sich nach ihrem Sturz um sie gekümmert hatte, obwohl er ihr kurz zuvor deutlich die Meinung gesagt hatte: Er hielt sie für eine Lügnerin, die sich als Bettgenossin bei ihm einschleichen wollte – eine lächerliche Vorstellung, wäre sie nicht so verletzend. Das Mindeste, was er ihr schuldete, war eine Entschuldigung.

Und die hole ich mir jetzt, nahm sie sich vor.

Gestern hast du dich wie der letzte Schweinehund benommen, schalt Alessandro sich, während er in seine Jeans schlüpfte.

Auf seinen Plan konzentriert, Maisy in sein Bett zu locken, hatte er es versäumt, ihre Gesellschaft zu genießen. Das hatte er in der folgenden langen Nacht, allein mit seinen Gedanken, zutiefst bedauert. Ihr umwerfendes Lachen und ihre treffenden Kommentare zu seinem Lebensstil waren einmalig, und er bedauerte, sie nicht weiter aus der Reserve gelockt zu haben. Stattdessen hatte er sie mit Vorwürfen überhäuft, ohne den geringsten Beweis für seine Anschuldigungen.

Leider war er sich selbst nicht im Klaren darüber, was er von ihr wollte. Umso genauer wusste er allerdings, dass es unverzeihlich war, eine so schöne Frau in eine Situation zu bringen, der sie sich nur durch Flucht zu entziehen vermochte. Weil er mit persönlichen Problemen haderte, lag sie verletzt in seinem Bett.

Im Umgang mit Frauen die Beherrschung zu verlieren, passte nicht zu ihm, schon gar nicht bei einer Frau wie ihr. Sie war liebenswert und unkompliziert. Wieso hatte er sie dermaßen grob zurückgewiesen?

Barfuß und mit nacktem Oberkörper ging er aus dem Zimmer und überquerte den Flur. Als der die Hand hob, um bei ihr anzuklopfen, öffnete sich die Tür. Maisy stand vor ihm, in einem seiner Hemden, mit frisch gewaschenem Gesicht und so schön, dass es ihm den Atem verschlug.

„Weshalb haben Sie eigentlich eine so schlechte Meinung von mir?“, schleuderte sie ihm ohne Vorwarnung entgegen.

Der Angriff traf ihn unvorbereitet und raubte ihm die Fassung. Ihr Anblick, die schlanken Beine unter dem Hemd, taten ein Weiteres dazu, jeden klaren Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Eine Antwort durfte er ihr dennoch nicht schuldig bleiben. „Ich denke nicht schlecht über Sie.“

„Dann sollten Sie künftig freundlicher zu mir sein“, hielt sie ihm in eiskaltem Ton entgegen, während ihr Blick über seinen bloßen Oberkörper huschte. In ihren Augen flackerte etwas auf.

„Wie geht es Ihrer Schulter?“

„Sie ist noch empfindlich, aber darüber möchte ich jetzt nicht reden.“

„Ich auch nicht.“ Im selben Atemzug schlang er die Arme um sie, hob sie hoch, trug sie ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich mit einem Fußtritt.

„Was tun Sie da?“, stammelte Maisy, dabei war offensichtlich, dass Alessandro zu beenden gedachte, was er in London begonnen hatte. Er legte sie aufs Bett und sah ihr tief in die Augen.

„Ja oder nein. Es ist deine Entscheidung, Maisy.“

Ja, schrie etwas in ihr, während die Stimme der Vernunft einwandte, dass sie ihn kaum kannte. Nette Mädchen gingen nicht mit Fremden ins Bett. Alice hatte Leonardo volle drei Monate warten lassen.

Zärtlich streichelte er mit den Daumen über die Innenseiten ihrer Handgelenke, hob eines an und presste die Lippen an die Stelle, die er gerade mit dem Finger liebkost hatte. Als Maisy überrascht aufstöhnte, nahm er ihre Arme, hob sie über ihren Kopf und legte sich über sie. Sein Gewicht fing er mit den Unterarmen ab.

Unter der muskulösen Brust, den breiten Schultern und kräftigen Armen kam Maisy sich winzig und sehr feminin vor. Alles in ihr sehnte sich danach, ihn zu berühren.

„Wofür entscheidest du dich?“

Sie sah auf und verlor sich fast in seinem durchdringenden Blick. Es fiel ihr schwer, die rechten Worte zu finden. Ihr eigener Herzschlag dröhnte ihr so laut in den Ohren, dass sie taub zu werden befürchtete.

„Ich will dich“, brachte sie nach einer gefühlten Ewigkeit heraus.

Tief in seinen Augen flackerte etwas auf, das ihr den Atem verschlug. Als er den Kopf senkte und ihre Lippen suchte, kam sie ihm entgegen. Die Welt schien stillzustehen, während sie sich langsam und ausgiebig küssten. Die ganze Zeit über hielt er ihre Arme fest, sodass sie sich verletzlich und ihm ausgeliefert fühlte, gleichzeitig aber behütet und umsorgt. Ihre Brüste drückten sich gegen seinen Brustkorb, und ihr Verlangen nach ihm wuchs ins Unermessliche. Als er endlich mit einer Hand die Knöpfe an ihrem Hemd öffnete, es ihr abstreifte und begann, ihren ganzen Körper zu streicheln, erschauerte sie vor Leidenschaft.

Unvermittelt stand er auf. Überrascht sah Maisy ihm zu, wie er die Jalousien öffnete und das helle Morgenlicht ins Zimmer fallen ließ. Sie blinzelte, als Sonnenstrahlen sie blendeten, und richtete sich auf ihren gesunden Arm auf. Verwirrt überlegte sie, was das sollte, als Alessandro auch schon zum Bett zurückkehrte, sich vor sie hinstellte und beinahe ehrfürchtig betrachtete.

Sie streckte die Hand aus und ließ die Finger über die klar definierten Muskeln an seinem Bauch gleiten, immer tiefer, bis hinab zu dem schmalen Streifen dunklem Haar oberhalb seiner Jeans.

Mit bebenden Fingern griff sie nach seinem Hosenbund und öffnete etwas ungeschickt mit nur einer Hand einen Knopf nach dem anderen. Rasch streifte er die Hose ab.

„Mach Platz“, bat er, und sie rutschte bereitwillig in die Mitte des Betts. Sofort war er wieder über ihr, bedeckte ihren Mund mit den Lippen und zog eine Spur hauchzarter Küsse ihre Wange entlang und tiefer hinab. Maisy konnte nicht mehr klar denken und gab sich ganz seinen Zärtlichkeiten hin.

Alessandro war hingerissen, überwältigt von ihrer Schönheit. Er schätzte sich überglücklich, sie auch nur betrachten zu können. Dass er sie obendrein berühren durfte, war fast zu viel für ihn. Mühsam rang er um Beherrschung, denn er wollte ihr ein unvergessliches Erlebnis schenken. Und das würde er …

„Normalerweise mache ich so etwas nicht.“

Alessandro begriff nicht, wovon sie sprach, was ihn nicht weiter überraschte. In wenigen Augenblicken würde sein Verstand wieder die Arbeit aufnehmen. Zufrieden ließ er die Hand über ihre Taille, den verlockend gerundeten Po und wieder zurück gleiten. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust, ihre Locken kitzelten ihn. Ein Bein hatte sie um seine Schenkel geschlungen, und diese Berührung reichte aus, ihm neue Ideen einzugeben, wie er sie verwöhnen könnte. Er freute sich schon auf die nächsten Wochen mit ihr.

In diesem Moment setzte sie sich auf. Als sie bemerkte, dass er sie betrachtete, zog sie die Bettdecke bis zum Hals hoch.

„Was machst du sonst nicht?“, erkundigte er sich schläfrig. Er wünschte, sie würde sich wieder an ihn schmiegen.

„So etwas. Sex ohne Bedeutung, ohne Liebe.“

Wie hart das klang. Seiner Meinung nach verdiente das, was soeben zwischen ihnen geschehen war, die Bezeichnung unglaublich guter Sex, und er hatte den Eindruck, dass sie ebenso dachte. Umso mehr wunderte es ihn, dass sie in die Decke eingehüllt dasaß und über belanglosen Sex redete, während sie eigentlich zufrieden schnurren sollte wie die Katze, die den Sahnetopf geleert hatte.

Oh nein! schoss es ihm durch den Kopf. Sicher wollte sie jetzt von ihm hören, dass er sie respektierte und sich wünschte, möglichst bald wieder mit ihr schlafen zu dürfen.

Das kann sie gern haben, sobald mein Verstand wieder funktioniert, dachte er, hörte sich aber im selben Moment sagen: „Nichts daran war unbedeutend.“

Ihr sanfter Blick, ihr lieblicher Gesichtsausdruck fesselten ihn ungemein. Als die Anspannung zusehends von ihr abfiel und sie ihn gleichzeitig schüchtern und hoffnungsvoll ansah, wusste er, dass er das Richtige gesagt hatte.

Weshalb sie noch schüchtern war, nach allem, was sie eben getan hatten, verstand er allerdings nicht. Wie süß, dachte er und streckte die Hand nach ihr aus. Sofort kam sie zu ihm und schmiegte sich an ihn. Er küsste sie zärtlich und begann sie zu streicheln …

„Ich hatte Sex am helllichten Tag“, vertraute Maisy ihrem Kopfkissen an, und Alessandro schüttelte sich vor Lachen. Dann schmiegte sie sich wieder genüsslich an seine Brust, fest entschlossen, so lange wie möglich dort zu verharren.

Alessandro streichelte über ihre Hüfte, die von einem dünnen Laken bedeckt war. In den letzten beiden Stunden hatte er ihren Körper gründlich erforscht, keine Sommersprosse war ihm verborgen geblieben. Dass sie dennoch darauf bestand, ihre Blöße zu bedecken, amüsierte und rührte ihn zugleich.

Er zog sie fester an sich. Dazu nahm er sich sonst nie die Zeit. Normalerweise kleidete er sich ...

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