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ROMANA EXTRA BAND 21

ROBYN DONALD

Das Meer flüstert ein Liebeslied

Für Luc MacAllister steht fest: Jo, die Geliebte seines Stiefvaters, ist nur an seinem Erbe interessiert! Erst als er ihrem Charme erliegt, ahnt er, dass sie nicht die ist, für die er sie hält …

NINA HARRINGTON

Der Mann, von dem ich träumte

Emotionen: Fehlanzeige! Für den Verleger Heath bedeutet Arbeit alles. Doch als ihm die bezaubernde Kate mit ihrer impulsiven Art den Kopf verdreht, muss er sich seinen Gefühlen stellen …

LYNNE GRAHAM

Skandal auf Sardinien

Ausgerechnet Gwenna, die schöne Tochter seines Erzfeindes, bringt Angelo Riccardi um den Verstand. Wie so oft, weiß er die Situation für sich zu nutzen, bis er erkennt: Diese Frau will er nicht nur besitzen …

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Wie angelt man sich einen Prinzen?

Für Max Carter ist Sophie nur die perfekte Assistentin. Erst als ein Fremder mit ihr flirtet, merkt er, dass er mehr für sie empfindet. Er verführt sie, aber kann er ihr geben, wonach sie sich wirklich sehnt?

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Das Meer flüstert ein Liebeslied

1. KAPITEL

Mit eisiger Stimme forderte Luc MacAllister den Notar auf: „Vielleicht können Sie mir erklären, warum mein Stiefvater diese Klausel in das Testament aufgenommen hat.“

Bruce Keller ließ sich sein Unbehagen nicht anmerken. Er hatte Tom Henderson vor den Folgen gewarnt, aber sein langjähriger Freund hatte sich nicht umstimmen lassen, sondern mit zufriedener Miene geantwortet: „Luc muss endlich begreifen, dass man sich mit Situationen auseinandersetzen muss, die man nicht beeinflussen kann.“

Während er Toms Stiefsohn in die grauen Augen sah, deren Blick so hart wie Stahl wirkte, schien der Verkehrslärm auf der Hauptstraße der neuseeländischen Kleinstadt wie aus weiter Ferne durch das geöffnete Fenster hereinzudringen.

„Über seine Beweggründe hat Tom nicht mit mir geredet“, erwiderte er schließlich.

„Mit anderen Worten, Sie wissen nicht, warum Henderson Holdings und die Stiftung erst dann endgültig in meinen Besitz übergehen, wenn ich sechs Monate mit seiner … mit Joanna Forman verbracht habe“, stellte Luc fest.

„Richtig.“

„Joanna Forman, die sich in den letzten zwei Jahren um mich gekümmert hat“, zitierte Luc den Passus im Testament und verzog das Gesicht. „Normalerweise hat sich Tom nie gescheut, die Dinge beim Namen zu nennen. Er hätte sie auch als seine Geliebte bezeichnen können.“

Der Notar empfand Mitleid mit der Frau, obwohl er sie nicht persönlich kannte. „Ich weiß nur, dass sie ihrer kranken Tante monatelang geholfen hat, die bis zu ihrem Tod die Haushälterin Ihres Stiefvaters auf Rotumea Island war“, berichtete der Notar wahrheitsgemäß.

„Und dann ist sie einfach dortgeblieben.“

Schweigend ging Bruce Keller über Lucs verächtliche Bemerkung hinweg. Egal, welche Rolle Joanna Forman in Tom Hendersons Leben gespielt hatte, sie war für ihn offenbar so wichtig gewesen, dass er sie ohne Rücksicht auf die zornige Reaktion seines Stiefsohns finanziell abgesichert hatte.

Luc MacAllister zuckte mit den Schultern, eine Geste, die den älteren Mann an Lucs Mutter erinnerte, eine elegante aristokratische Französin. Zwar war er ihr nur ein einziges Mal begegnet, dennoch hatte er ihr perfektes Benehmen und ihre kühle und distanzierte Höflichkeit nie vergessen. Gegensätzlicher hätten sie und ihr Mann nicht sein können. Tom war ein zupackender Neuseeländer und ein guter Geschäftsmann gewesen. Er hatte ein Bauunternehmen gegründet, das er zu einem internationalen Konzern ausweitete.

Luc MacAllister hatte jedoch keinen Grund, sich über seinen Stiefvater zu ärgern oder ihm irgendetwas vorzuwerfen, denn er war selbst kein unbeschriebenes Blatt, was Affären betraf.

Bei dem Gedanken, dass eine Beziehung zwischen einem Sechzigjährigen und einer beinah vierzig Jahre jüngeren Frau zumindest etwas außergewöhnlich war, musste Bruce unwillkürlich lächeln, hatte sich aber sogleich wieder unter Kontrolle.

„Ich finde die Situation gar nicht lächerlich oder lustig“, fuhr Luc ihn prompt an.

„Mir ist klar, dass es für Sie ein Schock ist. Ich habe Ihren Stiefvater entsprechend gewarnt“, erklärte Bruce trocken.

„Wann genau hat er das Testament aufgesetzt?“

„Vor einem Jahr.“

„Also drei Jahre nach seinem ischämischen Schlaganfall und ein Jahr nachdem Joanna Forman bei ihm eingezogen ist“, stellte Luc fest.

„Ja. Ehe er es unterzeichnete, hat er sich einer gründlichen Untersuchung unterzogen und sich bestätigen lassen, dass er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist.“

„Dazu haben Sie ihm vermutlich geraten.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Luc fort: „Ich werde das Testament nicht anfechten, auch diese absurde Klausel nicht.“

Der Notar nickte. „Das halte ich für vernünftig.“

Als Luc aufstand und sich vor ihn an den Schreibtisch stellte, fühlte der ältere Mann sich von dessen autoritärer Ausstrahlung beinah erdrückt.

„Ich gehe davon aus, dass Joanna Forman die Bedingung erfüllen wird.“

„Alles andere wäre dumm“, antwortete Bruce. „Es ist für Sie beide von Vorteil, dass Sie sich daran halten, egal, wie schwer es Ihnen fällt.“

Die junge Frau konnte sogar verhindern, dass das riesige Firmenimperium seines Stiefvaters in Luc MacAllisters alleinigen Besitz überging. Wohl auch deshalb wirkten die Gesichtszüge des jüngeren Mannes wie versteinert.

„Als Notar und alter Freund haben Sie natürlich dafür gesorgt, dass das Testament in rechtlicher Hinsicht wasserdicht ist.“ Luc nahm sich vor, es durch seine eigenen Anwälte prüfen zu lassen, erwartete jedoch nicht, dass es in irgendeinem Punkt anfechtbar war. „Hat Joanna Forman schon von ihrem Glück erfahren?“

„Noch nicht. Tom hatte mich gebeten, sie persönlich zu informieren. Ich habe ein Treffen mit ihr vereinbart und fliege in drei Tagen nach Rotumea.“

Luc versuchte, sich zu beherrschen. Sein Stiefvater war so etwas wie ein Freigeist gewesen, der nach seinen eigenen Regeln lebte und auf niemanden hörte. Den Notar traf bestimmt keine Schuld an dieser haarsträubenden Klausel. Ich habe also keine Wahl und muss die nächsten sechs Monate mit Joanna Forman unter einem Dach verbringen, überlegte Luc.

„Wird sie von Ihnen auch erfahren, was mein Stiefvater ihr zugestanden hat?“

„Nein, noch nicht.“

Luc verstand es perfekt, seine Genugtuung zu verbergen. Vermutlich hatte Tom bestimmt, Joanna Forman erst kurz vor Ablauf der sechs Monate damit zu konfrontieren. Und das verschaffte ihm einen gewissen Handlungsspielraum.

„Was geschieht, wenn sie sich zu meinem Nachteil entscheidet?“, fragte er.

Nach kurzem Zögern erwiderte der Notar: „Auch darüber kann ich jetzt noch nicht reden.“

Es war den Versuch wert, sagte sich Luc. Er vermutete, dass in dem Fall Toms Neffe die Konzernleitung übernahm. Der junge Mann versuchte schon länger, Luc auszuschalten, und hatte ihm sogar vor einem Jahr seine Verlobte, Toms Patentochter, ausgespannt und sie geheiratet.

Jo stand auf und streckte sich, um die schmerzenden Schultern zu lockern. Sie hatte zu lange am Computer gesessen. Obwohl sie schon zwei Jahre auf dieser tropischen Insel lebte, machte ihr heute die feuchte Hitze sehr zu schaffen.

Eigentlich hatte sie keine Lust, noch auszugehen, aber sie war mit ihrer besten Freundin Lindy verabredet, die sie schon seit ihrer Schulzeit in Neuseeland kannte. Sie wollte Lindy und ihren Mann nicht enttäuschen, die eine Nacht in Rotumeas exklusivem Urlaubsresort verbrachten. Eigentlich freute sie sich sogar darauf, die Freundin wiederzusehen und ihren Mann kennenzulernen. Leider hatte sie aus finanziellen Gründen die Einladung zur Hochzeit ausschlagen müssen, und diese Situation hatte sich noch nicht wesentlich gebessert.

Doch ich werde dem frischgebackenen Ehepaar gegenüber meine Probleme nicht erwähnen, um ihnen die gute Laune nicht zu verderben, dachte sie.

Später wünschte sie allerdings, sie hätte das Abendessen abgesagt. Zwar hatte alles gut angefangen. Lindy strahlte vor Glück, und ihr Mann war sehr charmant und betete seine junge Frau geradezu an. Als die Sonne am Horizont unterging und am fast purpurroten Himmel die ersten Sterne funkelten, stießen sie mit Champagner auf die Zukunft an.

„Rotumea ist das schönste Fleckchen Erde, das ich kenne. Du bist zu beneiden, dass du in diesem kleinen Paradies lebst.“ Lindy seufzte wehmütig.

Doch ehe Jo antworten konnte, ertönte hinter ihr eine ihr vertraute Stimme, und plötzlich war ihr der Abend verdorben.

„Hallo, Jo, mein Mädchen! Wie geht es dir?“

Sie saß wie erstarrt da. Sean war der letzte Mensch, dem sie begegnen wollte. Wenige Tage nach Toms Tod hatte er eine Affäre mit ihr beginnen wollen, doch sie hatte ihn abblitzen lassen. Seine aggressive Reaktion hatte sie nicht nur überrascht, sondern auch abgestoßen.

„Gut, danke“, erwiderte sie kühl, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie auf seine Gesellschaft keinen Wert legte.

Unbeeindruckt lächelte er Lindy und ihren Mann betont freundlich an. „Lassen Sie mich raten. Sie sind die Hochzeitsreisenden, auf deren Besuch Jo sich schon gefreut hat. Gefällt es Ihnen hier auf der tropischen Insel?“

„Oh ja, wir sind restlos begeistert.“ Lindy blickte ihn zuvorkommend an, während Jo wünschte, sie hätte ihm nichts von dem Besuch erzählt. Doch zu dem Zeitpunkt hatte sie ihn noch nicht durchschaut.

„Ich bin Sean Harvey, ein Freund von Jo“, stellte er sich vor.

Arglos lud Lindy ihn ein, sich zu ihnen zu setzen. Genervt sah Jo sich in dem Restaurant um und begegnete dem Blick eines Mannes am Nebentisch. Unwillkürlich schenkte sie ihm ein flüchtiges Lächeln. Da er jedoch keine Miene verzog, wandte sie sich rasch wieder ab.

Diesen attraktiven und sportlich wirkenden Mann mit dem markanten Profil, dem kühlen durchdringenden Blick, dem braunen Haar mit den von der Sonne gebleichten Strähnen umgab eine Aura der Souveränität und Dominanz. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Sie war sich allerdings sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben.

Jedenfalls hatte der kurze Blickkontakt genügt, um ihren Puls rasen zu lassen. Sie ärgerte sich über sich selbst und beschloss, den Fremden zu ignorieren und das Beste aus dem restlichen Abend zu machen.

Sean unterhielt sich angeregt mit Lindy und ihrem Mann und verstand es perfekt, immer wieder sein Interesse an Jo deutlich zu machen.

„Du hast ihn mir gegenüber noch nie erwähnt. Ist er dein Freund?“, erkundigte sich Lindy später, nachdem er sich verabschiedet hatte.

„Nein“, erwiderte Jo kurz angebunden.

In dem Moment spürte sie, dass der Fremde am Nebentisch sie beobachtete. Als sie aufsah und seine reglose Miene bemerkte, überlief es sie kalt. Den ganzen Abend war sie sich seiner Gegenwart allzu sehr bewusst gewesen, so als stellte er für sie eine Bedrohung dar.

Wahrscheinlich war sie durch Seans überraschendes Auftauchen überempfindlich und neigte zum Dramatisieren. Nach der Bekanntschaft mit ihm hatte sie sich geschworen, zukünftig einen großen Bogen um gut aussehende Männer zu machen.

Obwohl sie es vermied, auch nur noch ein einziges Mal in Richtung des Fremden zu schauen, wurde sie das Unbehagen, das er ihr verursachte, erst los, als sie das Restaurant verlassen hatte und zum Parkplatz ging. Doch dann entdeckte sie neben ihrem Wagen eine dunkle Gestalt und blieb wie erstarrt stehen.

„Hallo, Jo.“

Sie erkannte ihn sofort an der Stimme. „Was willst du, Sean?“, fragte sie ärgerlich.

„Mit dir reden.“

„Ich aber nicht mit dir. Es reicht mir, was du das letzte Mal so alles gesagt hast.“

Er zuckte mit den Schultern. „Das ist mit ein Grund, warum wir uns unterhalten müssen. Es tut mir leid, Jo. Wenn du mich nicht so grob zurückgewiesen hättest, hätte ich nicht die Beherrschung verloren. Ich war wirklich der Meinung, eine Chance bei dir zu haben. Wenn du mit Tom glücklich gewesen wärst, hättest du nicht mit mir geflirtet.“

Er war nicht der Einzige, der ihr unterstellte, sie wäre Toms Geliebte gewesen. Es verletzte sie zutiefst und verursachte ihr Übelkeit. Und geflirtet hatte sie ganz bestimmt nicht mit Sean.

„Soll das etwa eine Entschuldigung sein?“ Ihre Stimme klang verächtlich. „Gib es auf, Sean.“

Er kam einen Schritt näher. „War es die Sache wert, Jo? Mit einem mindestens vierzig Jahre älteren Mann zu schlafen, war sicher kein Vergnügen. Hoffentlich hat er dich dafür großzügig in seinem Testament bedacht, was ich allerdings bezweifle, denn Multimillionäre sind bekanntlich sehr geizig, wenn es um …“

„Halt endlich den Mund“, unterbrach sie ihn zornig, empfand aber zugleich auch so etwas wie Angst vor diesem Mann. „Hör auf mit dem Unsinn!“

„Warum? Jeder auf Rotumea weiß doch, dass deine Mutter ein Callgirl war“, erklärte er gehässig.

„Wag es nicht, das noch einmal zu behaupten. Nur damit das klar ist: Meine Mutter war ein Model.“

Er kam nicht dazu, etwas zu erwidern, denn in dem Moment forderte ihn jemand mit hart und autoritär klingender Stimme auf: „Sie haben gehört, was sie gesagt hat. Was auch immer Sie ihr zu bieten haben, sie will nichts mit Ihnen zu tun haben. Verschwinden Sie.“

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“, wollte Sean wissen.

Jo drehte sich um und erkannte den Mann vom Nebentisch.

„Kümmern Sie sich nicht um mich. Ich bin nur ein zufällig vorbeikommender Fremder“, antwortete er verächtlich. „Verschwinden Sie endlich“, wiederholte er.

„Was bilden Sie …?“, begann Sean.

„Davon geht die Welt nicht unter“, unterbrach der Fremde ihn kühl. „In einigen Wochen sieht alles schon wieder ganz anders aus. Es ist noch kein Mensch an einer Zurückweisung gestorben.“

„Vielen Dank für die Belehrung.“ Seans Stimme klang spöttisch. „Okay, ich bin jetzt weg. Aber denk daran, Jo, mit meiner Hilfe kannst du nicht rechnen, wenn man dich aus Hendersons Haus hinauswirft. Ich wette, er hat alles seiner Familie hinterlassen, und das hat eine Frau wie du auch nicht anders verdient.“

„Lass mich einfach in Ruhe, Sean.“ Nur mühsam konnte sie ihren Zorn beherrschen.

Schweigend ging er weg, und als seine Schritte in der Dunkelheit verklungen waren, atmete sie tief durch und sagte widerstrebend: „Danke.“

„Ich rate Ihnen, den nächsten Verehrer etwas taktvoller abzuweisen.“ Unter den Sarkasmus, der in der Stimme des Fremden schwang, mischte sich so etwas wie Desinteresse.

Jo verbiss sich eine ironische Bemerkung, denn sie war ihm trotz seines arroganten Auftretens für die Hilfe dankbar. Nur ungern gestand sie sich ein, dass sie sich vor diesem unberechenbaren Mann in der Dunkelheit auf dem fast menschenleeren Parkplatz gefürchtet hatte.

„Ich werde versuchen, Ihren Rat zu beherzigen“, erklärte sie betont höflich, stieg in ihr Auto, startete den Motor und fuhr los.

Nachdem sie auf die Hauptstraße abgebogen war, schnitt sie ein Gesicht. Die Auseinandersetzung mit Sean hatte sie aufgewühlt, und sie bereute, dass sie die Bekanntschaft mit ihm falsch interpretiert hatte.

Er war Neuseeländer wie sie und managte auf Rotumea die Zweigstelle einer Fischereikooperative. Von Anfang an hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass er sie attraktiv fand, und den Anschein erweckt, dass er die Grenzen akzeptierte, die sie setzte. Sie hatte stets darauf geachtet, dass ihre Beziehung rein freundschaftlich blieb.

Plötzlich musste sie einem Maskentölpel, wie man den Clownvogel des Pazifiks nannte, ausweichen, der seelenruhig die Straße überquerte, und sie mahnte sich, sich auf die Straße zu konzentrieren.

Nach Toms Tod hatte Sean ihr wie aus heiterem Himmel eine Affäre vorgeschlagen, was sie, um ihn nicht zu verletzen, so behutsam wie möglich abgelehnt hatte. Über seine wütende und verächtliche Reaktion war sie schockiert gewesen. Die Entschuldigung, die er vorhin vorgebracht hatte, war nichts anderes als eine Beleidigung. Seine Behauptung, sie wäre Toms Geliebte gewesen, machte sie zornig und traurig zugleich. Tom war für sie so etwas wie der Vater gewesen, den sie nie kennengelernt hatte.

In dieser Nacht schlief Jo schlecht und überlegte, ob ein Zyklon im Anzug sei, denn die Luft war noch feuchter als sonst. Im Wetterbericht am nächsten Morgen wurde tatsächlich ein Sturm über dem Pazifik angekündigt, aber zu ihrer Erleichterung würde er mit größter Wahrscheinlichkeit an Rotumea vorbeiziehen.

Als ihre Mitarbeiterin anrief, um sich zu entschuldigen, sie könnte wegen einer dringenden Familienangelegenheit erst am Nachmittag im Laden sein, räumte Jo den Papierkram weg, der sich in den vier Wochen seit Toms Tod angesammelt hatte, und fuhr zu ihrem Geschäft in der einzigen Stadt auf der Insel.

Später, als Savisi erschien, kehrte Jo nach Hause zurück, machte sich eine Kleinigkeit zu essen und wanderte ruhelos in der ihr so vertrauten Umgebung umher, ehe sie beschloss, in der Lagune zu schwimmen. Das würde ihr sicher guttun.

Danach fühlte sie sich dann auch etwas erfrischt, konnte allerdings der Versuchung nicht widerstehen, sich in der Hängematte, die an den unteren Ästen eines Baums befestigt war, eine Weile auszuruhen. Und dann dauerte es nicht lange, bis sie einschlief.

Plötzlich schreckte sie auf, denn jemand hatte sie beim Namen genannt. Sie öffnete die Augen und entdeckte den stattlichen Mann, der nicht weit entfernt von ihr stand. Da die Sonne sie blendete, konnte sie sein Gesicht nicht erkennen, seine Stimme kam ihr allerdings bekannt vor.

„Verschwinden Sie“, forderte sie ihn schläfrig auf.

„Nein, ganz bestimmt nicht. Stehen Sie auf!“

Es war keine Bitte, sondern ein Befehl, und es überlief sie kalt. Irritiert und empört zugleich kletterte sie aus der Hängematte und fuhr sich mit der Hand durch das volle Haar, während sie ihn forschend ansah.

Oh nein, das ist der Mann von gestern Abend, schoss es ihr durch den Kopf. Mit einem Mal fühlte sie sich seltsam verletzlich in dem Bikini und wünschte, sie hätte den Pareo mitgenommen. Der Unbekannte blickte ihr jedoch nur in die Augen, alles andere schien ihn nicht zu interessieren.

„Das hier ist ein Privatstrand, nur damit das klar ist“, informierte sie ihn.

„Ich weiß. Ich muss mit Ihnen reden.“

Plötzlich dämmerte es ihr. „Sie sind der Notar, stimmt’s?“, fragte sie und setzte ihre Sonnenbrille auf, wie um sich zu schützen. „Ich dachte, Sie kämen erst morgen.“

„Ich bin kein Notar“, entgegnete er kurz angebunden. „Ich bin Luc MacAllister.“

Sie erinnerte sich vage an den Namen, war jedoch so verwirrt, dass sie den Zusammenhang nicht sogleich herstellen konnte. „Gut, Luc MacAllister, was wollen Sie von mir?“

„Mit Ihnen reden, wie ich schon erwähnte“, antwortete er seltsam uninteressiert. „Meine Mutter war Tom Hendersons Frau.“

„Ah ja.“ Jetzt fiel es ihr wieder ein, und sie errötete. Dieser ungemein attraktive Mann war Toms Stiefsohn. Und er schien zornig zu sein. Nach dem Zwischenfall am Vorabend mit Sean nahm Luc MacAllister wahrscheinlich an, sie wäre Toms Geliebte gewesen. Dennoch war das kein Grund für sein beleidigendes oder sogar verächtliches Verhalten.

Es dauerte einige Sekunden, bis sie die Schultern straffte und das Kinn hob, während Luc MacAllister sie mit seinem kühlen Blick zu durchbohren schien.

Doch Erklärungen waren momentan überflüssig, denn der Mann gehörte zu Toms Familie und hatte vor einigen Jahren nach dessen Schlaganfall die Leitung des Firmenimperiums seines Stiefvaters übernommen.

Es sei keineswegs eine freundliche Übernahme gewesen, hatte Tom behauptet, was Jo angesichts Luc MacAllisters arroganten Auftretens sehr plausibel erschien. Doch obwohl Tom aus dem Machtzentrum seines eigenen Konzerns hinauskatapultiert worden war, hatte er seinem Stiefsohn immer noch vertraut und ihn respektiert.

Schließlich hatte sie sich so weit unter Kontrolle, dass sie ihm höflich die Hand reichte. „Tom hat oft von Ihnen gesprochen. Herzlich willkommen, Mr MacAllister.“

Sein kräftiger Händedruck versetzte ihr so etwas wie einen elektrischen Schlag, und sie wäre beinah zurückgewichen. Er ließ ihre Hand jedoch so rasch wieder los, als hätte er sich verbrannt.

Okay, vielleicht hatte sie nicht angemessen reagiert, doch er benahm sich einfach unmöglich. Ganz offensichtlich nahm er Seans gehässige Unterstellung für bare Münze. Schon allein deshalb mochte sie ihn nicht.

„Ich nehme an, Sie wollen mit mir über das Haus reden“, fügte sie hinzu. Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um, griff nach dem Badetuch und schlang es sich um den Körper. „Kommen Sie bitte mit“, forderte sie ihn über die Schulter hinweg auf und eilte ihm voraus durch den Kokospalmenhain.

Luc betrachtete ihre langen Beine und ihre schlanke Gestalt mit den verführerischen Rundungen, ihre nackten Schultern und Arme. In der Sonne schimmerte ihre Haut golden, und das volle braune Haar fiel ihr weit über den Rücken. Unwillkürlich fühlte er sich zu ihr hingezogen und gestand sich ein, dass Tom einen guten Geschmack gehabt hatte. Es war durchaus verständlich, dass er der sinnlichen Ausstrahlung dieser jungen Frau nicht hatte widerstehen können. Selbst in ihren besten Jahren hätte sich seine Mutter nicht mit ihr messen können.

Was für ein absurder Gedanke, schalt er sich selbst. Das änderte jedoch nichts daran, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Noch nie zuvor hatte ihm eine Frau derart den Kopf verdreht. Irgendwie konnte er verstehen, wie frustriert der Mann gewesen sein musste, vor dem er sie auf dem Parkplatz beschützt hatte. Vermutlich hatte sie ihn zutiefst verletzt.

Etwas anderes konnte man von einer Frau, die mit einem Mann geschlafen hatte, der ihr Großvater hätte sein können, wohl nicht erwarten. Sie interessierte sich bestimmt nur für die Höhe des Bankkontos eines Mannes und den eigenen Vorteil.

Er verzog ironisch die Lippen, als er zwischen den Palmen hindurch das Haus erblickte. Eine der Kokosnüsse war Tom zum Verhängnis geworden. Obwohl er sich der Gefahr bewusst gewesen war, in die er sich begab, war er nach einem Zyklon hinausgegangen, weil er jemanden um Hilfe rufen hörte. Eine dieser Früchte war ihm auf den Kopf gefallen, und er war sofort tot gewesen.

Der Kontrast zwischen Toms Refugium, wie er es genannt hatte, und seinen anderen Häusern und Eigentumswohnungen rund um den Globus hätte größer nicht sein können. Das Gebäude im Stil eines tropischen Pavillons war von einer breiten Veranda umgeben, und das Strohdach ruhte auf den Stämmen von Kokosnusspalmen. Statt Mauern versperrten üppig wachsende Pflanzen die Sicht in die ansonsten offenen Räume.

Jo drehte sich um und fragte: „Waren Sie schon einmal hier?“

„In den letzten Jahren nicht mehr.“ Trotz der faszinierenden Schönheit der pazifischen Inseln hatte seine Mutter sich nur ungern hier aufgehalten. Es war ihr zu heiß, zu feucht und zu primitiv gewesen. Sie hatte das Klima wegen ihres Asthmas nicht vertragen. Und auch die Menschen waren ihr zu einfach und langweilig gewesen.

Nachdem Tom sich immer mehr zurückgezogen hatte, hatte er keinen Besuch mehr gewünscht, schon gar nicht von seinem Stiefsohn.

Jetzt war Luc klar, warum nicht. Mit einer Gefährtin wie Joanna Forman hatte er sonst niemanden gebraucht. Er folgte ihr ins Haus und sah sich um. Weder die Bambusmöbel und Muschelschalen noch die sich in der leichten Brise bewegenden Moskitonetze oder die schwarz-weiße Tonvase mit gelben und orangefarbenen Blumen auf dem Bambustisch, nichts entging seinem scharfen Blick, und er überlegte, ob Tom die schlichte Einrichtung und das einfache Leben weitaus besser gefallen hatten als die Eleganz und der Luxus, den er in seinen anderen Häusern und Wohnungen vorgefunden hatte.

„Sehr pazifisch“, bemerkte er kühl.

Jo musste sich eine schnippische Antwort verbeißen. Tom hatte diesen Ort geliebt. Er war trotz seines Reichtums und seines Erfolgs ein bodenständiger Mensch geblieben. Das nach allen Seiten hin offene Haus war den klimatischen Verhältnissen entsprechend gebaut und ließ jede kühle Brise hereindringen.

Ist Toms Stiefsohn etwa ein arroganter Snob? fragte sie sich. Aber weshalb interessierte sie das überhaupt? Luc MacAllister bedeutete ihr nichts. Er wollte sie wahrscheinlich nur darauf vorbereiten, dass sie ausziehen musste. Damit hatte sie gerechnet und plante, eine kleine Wohnung in der Stadt zu mieten.

„Die Insel liegt ja auch im Pazifik, und man baut hier klimagerecht“, entgegnete sie schließlich ruhig.

„Ja, das kann ich nachvollziehen.“ Er schaute sich suchend um. „Gibt es hier auch ein Gästezimmer?“

Der herablassende Ton, der in seiner Stimme schwang, machte sie zornig. Am liebsten hätte sie ihn aufgefordert, zu verschwinden und in dem exklusiven Urlaubsresort zu bleiben, wo Leute wie er hingehörten. Doch sie beherrschte sich und erkundigte sich höflich: „Haben Sie vor, hier zu übernachten?“

„Natürlich. Warum auch nicht?“, erwiderte er spöttisch.

Dieser arrogante Kerl, schoss es ihr durch den Kopf. „Gut, dann richte ich Ihnen ein Bett her.“

Er zog die dichten dunklen Augenbrauen hoch und betrachtete das schmiedeeiserne Bett hinter dem weißen Gitter. „Gibt es denn in diesem Haus keine einzige Wand?“, wollte er wissen.

„Hier sind Wände überflüssig, denn man respektiert die Privatsphäre. Niemand käme auf die Idee, jemanden unaufgefordert zu besuchen. Tom hatte nie Gäste.“

„Und wo schlafen Sie?“ Seine Stimme klang kalt wie Eis.

2. KAPITEL

Als Jo dem durchdringenden Blick Luc MacAllisters begegnete, verspürte sie ein Kribbeln im Bauch. Sie versuchte, es zu ignorieren, und antwortete: „Mein Zimmer befindet sich am anderen Ende des Hauses.“

Er schien darüber nicht glücklich zu sein, wie seine Miene verriet. Erwartete er etwa, dass sie von heute auf morgen auszog? Dann hatte er sich getäuscht. Es wäre eine freundliche Geste gewesen, wenn er sein Kommen angekündigt hätte, aber wahrscheinlich glaubte er, das hätte er nicht nötig. „Es macht Ihnen sicher nichts aus, in Toms Bett zu schlafen, oder?“, sagte sie und hoffte, er hätte etwas dagegen.

Zu ihrer Enttäuschung erwiderte er jedoch: „Natürlich nicht.“

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“, erkundigte sie sich höflich.

Sogar sein leichtes Schulterzucken ging ihr unter die Haut, und sie ärgerte sich über ihre Reaktion auf diesen Mann.

Vielleicht spürte er, was in ihr vorging, jedenfalls erklärte er schroff: „Bitte einen Kaffee. Ich hole unterdessen mein Gepäck.“

Jo wandte sich ab und ging in die Küche. Es würde zu seinem machohaften Gehabe passen, den Kaffee stark und schwarz zu trinken. Sie kannte Männer wie ihn. Tom hatte nie viel über seine Familie erzählt, doch das wenige reichte aus. Obwohl er am liebsten die Kontrolle über sein Firmenimperium selbst behalten hätte, hatte er betont, Luc wäre für seine Nachfolge besser geeignet als jeder andere. Tom hatte sich die Menschen, denen er vertraute, sorgsam ausgesucht. Es musste sich um ganz besondere und starke Charaktere handeln.

In dieses Muster passte Luc MacAllister perfekt, wie sie sich schaudernd eingestand. Sie vermisste Tom sehr. In den zwei Jahren seit dem Tod ihrer Tante war er ihr ans Herz gewachsen. Er war ein wunderbarer Geschichtenerzähler gewesen und hatte sie oft zum Lachen gebracht, aber manchmal auch schockiert.

Seit ihrer Kindheit hatte er mehr oder weniger zu ihrem Leben gehört, und sie fragte sich, ob sie für ihn so etwas wie ein Ersatz für die Tochter gewesen war, die er nicht gehabt hatte. Als sie mit dem Geld, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, das Geschäft für Naturkosmetika gründete, hatte Tom ihr finanziell über die erste schwierige Zeit hinweggeholfen. Es war eine rein geschäftliche Vereinbarung gewesen, und seine wertvollen Ratschläge hatte sie sehr zu schätzen gewusst.

„Es duftet nach Kaffee“, riss Lucs Stimme sie aus den Gedanken. „Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?“, fügte er hinzu, als er die Tasse erblickte, die sie schon aus dem Schrank genommen hatte.

„Wenn Sie möchten“, erwiderte sie ruhig, obwohl sie lieber abgelehnt hätte.

Einige Sekunden zu lange betrachtete sie seine zu einem spöttischen Lächeln verzogenen Lippen und wurde sich des erotischen Knisterns zwischen ihnen allzu sehr bewusst.

„Klar, warum auch nicht? Ich fange an auszupacken, bis der Kaffee fertig ist“, verkündete er und verschwand.

Schließlich servierte sie Kaffee und Kuchen auf der schattigen Veranda, und kurz darauf erschien auch Luc.

„Haben Sie den selbst gebacken?“ Interessiert betrachtete er den Kuchen.

„Ja.“ Sie schenkte den Kaffee ein und hatte richtig vermutet, er trank ihn schwarz.

Während er sich ein Stück Kokosnusskuchen schmecken ließ, wollte er alles Mögliche über Rotumea und die Menschen wissen.

Dass er beabsichtigte, das Haus zu verkaufen, war ihr klar. Dennoch sprach es für ihn, dass er selbst gekommen war, statt sie schriftlich aufzufordern auszuziehen. Sie hing an dem Gebäude, und es würde ihr sehr schwerfallen, es zu verlassen. Doch sie konnte es nicht ändern.

„Das war köstlich“, stellte er schließlich fest und lehnte sich zurück.

Sie beschloss, das Thema selbst anzuschneiden, statt noch länger im Unklaren zu bleiben. „Ich kann sofort ausziehen, wenn Sie es möchten“, schlug sie deshalb übergangslos vor.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Warum bieten Sie mir das an?“

„Weil ich annehme, dass Sie das Haus verkaufen wollen“, erwiderte sie verblüfft.

„Nein, das habe ich nicht vor“, entgegnete er nach kurzem Zögern. „Vorerst jedenfalls nicht.“

„Es war Toms Traum, hier zu leben.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Na und?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich hier wohlfühlen.“ In einem Anflug von Feindseligkeit konnte sie sich nicht verkneifen hinzuzufügen: „Ich versuche allerdings immer, die Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu beurteilen.“

„Sehr vernünftig“, war alles, was er dazu zu sagen hatte. „Haben Sie hier Internetanschluss?“

„Eigentlich müssten Sie wissen, dass Ihr Vater …“

„Er war mein Stiefvater“, unterbrach er sie. „Mein Dad war Schotte und ist gestorben, als ich drei war.“

Und meiner schon vor meiner Geburt, dachte sie und empfand ein gewisses Mitgefühl, das ihr jedoch verging, als sie seine ausdruckslose Miene bemerkte. „Wir haben hier einen Breitbandinternetzugang.“ Sie wies in eine Ecke, wo Toms Schreibtisch mit dem abgedeckten Computer stand.

„Fein. Beim Landeanflug ist mir aufgefallen, dass die Insel nicht besonders groß ist und nur von einer Straße umrundet wird. Haben Sie Lust, mit mir eine Erkundungsfahrt zu machen?“

„Natürlich.“ Warum interessiert er sich plötzlich für Rotumea? überlegte sie erstaunt. „Aber nicht auf dem Motorroller, oder?“

Er schenkte ihr ein Lächeln, das ihr fast den Atem raubte. Natürlich war er sich seiner charismatischen Ausstrahlung sehr bewusst, dessen war sie sich sicher, und er wusste genau, was er tat, denn er hatte offenbar einen scharfen Verstand und einen eisernen Willen.

„Nein. Es würde mir absolut keinen Spaß machen, mir bei jeder Bodenwelle die Knie ins Kinn zu rammen.“

Als sie unbekümmert auflachte, sah er sie so streng an, dass sie schockiert innehielt. Passte es ihm etwa nicht, dass man seine kleinen Scherze lustig fand?

Dann deutete er wieder ein Lächeln an, das allerdings ziemlich spöttisch wirkte.

„Dann nehmen wir doch besser den Landrover“, verkündete sie betont gleichgültig, in der Annahme, dass er Toms alten, aber sehr gepflegten Geländewagen selbst fahren wollte.

„Nein, Sie kennen sich hier mit den Verkehrsregeln besser aus als ich“, lehnte er jedoch zu ihrer Überraschung ab, als sie ihm den Autoschlüssel reichen wollte.

Und dann überraschte er sie noch einmal, indem er ihr die Wagentür aufhielt und sie hinter ihr schloss. Während er um den Landrover herumlief, fiel ihr auf, wie geschmeidig sich dieser athletisch wirkende, große Mann bewegte. Unwillkürlich erbebte sie.

Er ist einfach zu männlich und zu attraktiv, und ich bin mir seiner Gegenwart viel zu sehr bewusst, dachte sie und startete den Motor, nachdem Luc MacAllister neben ihr auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie sich wie ein verliebter Teenager benahm.

„Im Straßenverkehr lautet hier die erste Regel, niemanden und nichts zu überfahren“, erklärte sie. „Zusammenstöße lösen immer ein Drama aus. Man fährt auf der Insel jedoch so langsam, dass nur selten jemand ernsthaft verletzt wird. Wenn man einen Unfall verursacht, ein Huhn oder ein Schwein überfährt, entschuldigt man sich bei dem Besitzer und bezahlt den Schaden. Bei Motorrollern mit Kindern auf dem Soziussitz ist besondere Vorsicht geboten.“

„Es sieht auch sehr gefährlich aus.“ Er drehte sich zu ihr um.

Sie tat so, als merkte sie es nicht, und sagte ruhig: „Man könnte fast glauben, die einheimischen Kinder kämen schon als perfekte Soziusfahrer zur Welt.“

Ihre Reaktion auf diesen Mann war völlig irrational. Bei ihrem ersten Liebeskummer hatte ihre Mutter ihr klargemacht, dass eine starke körperliche Anziehungskraft kurzlebig und völlig bedeutungslos sei. Durch ihre eigenen wenigen Erfahrungen hatte sie später begriffen, wie recht ihre Mutter gehabt hatte.

Die Fahrt verlief relativ ruhig, und sie achteten beide sorgfältig darauf, keine Grenzen zu überschreiten. Dennoch war das Knistern zwischen ihnen deutlich zu spüren.

Aus Lucs gelegentlichen Bemerkungen schloss sie, dass ihn die Romantik dieser Südseeinsel nicht beeindruckte. Entweder kannte er weitaus malerischere Gegenden als Rotumea, oder er hatte kein Verständnis für so traumhaft schöne Orte.

„Tom hat erwähnt, dass die Einheimischen beinah noch so leben wie ihre Vorfahren“, sagte er.

„Na ja, mehr oder weniger. Es gibt natürlich Schulen, ein Krankenhaus und eine kleine Tourismusindustrie, die Tom zusammen mit den Insulanern aufgebaut hat.“

„Sie meinen das Urlaubsresort, oder?“

„Ja. Er hat dem Stammesrat empfohlen, sich auf die reiche Kundschaft zu konzentrieren, die einen ruhigen Urlaub vorzieht. Der Erfolg hat ihm recht gegeben.“ Sein Blick machte sie ganz nervös, und sie fuhr hastig fort: „Viele haben dort einen Job gefunden, aber die meisten Bewohner arbeiten in der Landwirtschaft oder als Fischer.“

„Und alle sind zufrieden damit, ein eher bescheidenes Leben in diesem perfekten pazifischen Paradies zu fristen.“

Sie ärgerte sich über die ironische Bemerkung, erwiderte jedoch gelassen: „Perfekt war und ist es keineswegs. Egal, wie schön es irgendwo ist, die Menschen können offenbar nicht in Frieden miteinander leben. Früher gab es hier Stammeskriege, und auch heutzutage ist nicht alles in bester Ordnung, doch im Großen und Ganzen funktioniert das Zusammenleben ganz gut.“

„Welche Chancen haben die, die andere Berufswünsche und Lebensziele haben?“

Sie sah ihn kurz an. Offenbar hatte Tom ihn nicht ins Vertrauen gezogen, was einiges über die Beziehung der beiden aussagte. „Ihr Stiefvater hat für begabte junge Menschen, die studieren wollen, Stipendien gestiftet.“

Luc nickte. „Okay, und wo studieren sie?“

„Die meisten in Neuseeland, einige aber auch in anderen Ländern.“

„Kommen sie zurück?“

„Nicht alle. Diejenigen, die wegbleiben, unterstützen später ihre Familien finanziell.“

„Und weshalb haben Sie sich entschlossen, hier zu leben?“

„Ich bin wegen meiner Tante hergekommen. Sie war Toms Haushälterin und wollte ihn nicht im Stich lassen, als sie an Krebs erkrankte. Zwar hatte Tom eine junge Frau engagiert, die ihr half, aber nach dem Tod meiner Mutter bat meine Tante mich herzukommen.“

„Und als sie gestorben ist, haben Sie ihren Platz eingenommen.“

Was genau wollte er damit sagen? Sie zögerte sekundenlang, ehe sie antwortete: „So kann man es nennen.“

Sie war nicht Toms Angestellte gewesen, sondern er hatte ihr vorgeschlagen, auf Rotumea zu bleiben, bis sie über den Verlust ihrer Tante hinweg sei. Doch als sie dann das kleine Unternehmen gründete, hatte er ihr angeboten, sie könnte im Haus wohnen bleiben, weil ihm ihre Gesellschaft guttat.

„Womit beschäftigen Sie sich jetzt so ganz allein und ohne Tom?“, wollte Luc wissen.

„Ich habe ein eigenes Geschäft und lasse aus einheimischen Pflanzen Naturkosmetika herstellen.“

„Ach, tatsächlich?“ Er schien überrascht zu sein. „Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?“

„Durch die makellose Haut der Einheimischen. Sie halten sich den ganzen Tag im Freien auf oder auf dem Wasser und benutzen ausschließlich die Hautpflegemittel, die ihre Vorfahren schon seit Hunderten von Jahren kannten.“

„Das liegt wohl eher an den Genen.“

„Die spielen sicher auch eine Rolle“, erwiderte sie ruhig, obwohl sie sich über sein offenkundiges Desinteresse ärgerte. „Aber auch die Nachkommen europäischer Einwanderer verwenden die Cremes und Öle aus einheimischen Pflanzen.“

„Und Sie haben dann die Rezepturen kopiert“, stellte er fest.

Sie glaubte, darin einen versteckten Vorwurf zu hören, und atmete tief durch, ehe sie antwortete: „Es handelt sich um ein Joint Venture, ein Gemeinschaftsunternehmen.“

„Von wem haben Sie das Startkapital?“

Obwohl es wie eine beiläufige Frage klang, lag ihr eine scharfe Entgegnung auf der Zunge. Sie beherrschte sich jedoch und erklärte: „Das ist allein meine Sache, wie ich finde.“

„Wenn Tom Ihnen finanziell geholfen hätte, wäre es auch meine Sache“, wandte er ein.

„Da haben Sie recht“, gab sie ärgerlich zu und zögerte sekundenlang, ehe sie wahrheitsgemäß hinzufügte: „Das Startkapital konnte ich selbst aufbringen.“

Sollte er doch glauben, was er wollte. Wahrscheinlich würde er sowieso erfahren, dass Tom ihr nach der Geschäftseröffnung ein Darlehen gewährt hatte. Vielleicht hatte er sie in seinem Testament erwähnt und ihr sogar die Schulden erlassen. Und wenn nicht, werde ich Luc als dem Alleinerben den Betrag so schnell wie möglich zurückzahlen, dachte sie.

„Ist es lukrativ?“, erkundigte er sich kühl.

„Ja“, lautete ihre kurz angebundene Antwort, während sie das Lenkrad angespannt umklammerte und auf den unbefestigten Weg abbog, der in die mit Urwäldern bedeckten Berge in der Mitte der Insel führte.

Unbeeindruckt von dem holprigen Weg, dem Abgrund auf der einen Seite und dem Schwein, das nur langsam aufstand, um ihnen Platz zu machen, betrachtete Luc die Papayaplantage, an der sie vorbeifuhren.

„Hier in der Gegend holen wir uns die Zutaten für unsere Produkte“, erzählte sie. „Die Besitzer haben mir gegen ein Entgelt das Recht eingeräumt, dass ich drei Monate im Jahr auf ihrem Land ernten darf. Die Pflanzen haben dann Zeit, sich zu erholen, und das Beschneiden fördert offenbar ihr Wachstum.“

„Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie dafür?“

„Das organisieren die Besitzer selbst.“

Sie hielt auf dem großen Parkplatz am Ende des Weges an. „Von hier aus hat man einen herrlichen Blick über die Insel“, sagte sie und stieg aus.

Er folgte ihr, und sie war sich wieder einmal seiner charismatischen Ausstrahlung allzu sehr bewusst. Die von der Sonne gebleichten Strähnen in seinem braunen Haar schimmerten golden. Vermutlich war seine leicht gebräunte Haut das Erbe seiner französischen Mutter.

Sein Blick wirkte wie immer kühl und unbeteiligt, doch Jo konnte sich durchaus vorstellen, dass es in bestimmten Situationen in seinen Augen sanft oder leidenschaftlich aufleuchtete.

Sie erbebte insgeheim und verdrängte den Gedanken rasch wieder. Obwohl sie ihn erst kurze Zeit kannte, war sie sich ziemlich sicher, dass er zu solchen Regungen nur ganz selten fähig war.

Doch eigentlich konnte sie sich noch gar kein Urteil über ihn erlauben, außerdem war sie gut aussehenden Männern gegenüber sowieso voreingenommen.

Sie nahm sich zusammen und konzentrierte sich darauf, ihm die Sehenswürdigkeiten zu zeigen.

„Der einzige Fluss der Insel mündet dort unter uns ins Meer und sorgt so dafür, dass sich die Korallen an der Stelle nicht weiter ausbreiten.“ Sie hörte sich an wie eine erfahrene Reiseleiterin. „Die Lücke im Riff und die Lagune bilden eine Art Naturhafen, den die ersten Siedler benutzten.“

„Wann und woher kamen sie?“ Seine Stimme klang ruhig und sachlich, doch sein durchdringender Blick verursachte ihr Herzklopfen.

„Vermutlich vor fünfzehnhundert Jahren aus dem heutigen Französisch-Polynesien.“

„Es müssen mutige und geschickte Seeleute gewesen sein. Sie wagten sich hinaus in die Ferne und überließen sich vertrauensvoll der Führung der Gestirne“, meinte er nachdenklich.

Wie alle Neuseeländer kannte sie die Geschichten über die kühnen Seefahrer. Luc war jedoch in England und Frankreich aufgewachsen, wenn sie sich richtig erinnerte. Es war also ziemlich unwahrscheinlich, dass er etwas gehört hatte über die Auslegerboote, mit denen sie von Insel zu Insel reisten und damit sogar große Distanzen auf dem offenen Meer bis nach Südamerika zurücklegten. Von dort brachten sie die Süßkartoffel mit, die die Maori dann Kumara nannten.

„Und harte und kühne Gesellen“, fuhr er fort, ohne den Blick abzuwenden von dem türkisblauen Wasser der Lagune, den weißen Sandstränden und dem Korallenriff. Jenseits davon erstreckte sich der Pazifische Ozean in seiner unendlichen Weite bis zum Horizont. „Es gehörten Ausdauer, Entschlossenheit, Geschick und spezielle Kenntnisse dazu, die Orientierung auf den Seereisen nicht zu verlieren.“

„Ja, das stimmt. In einem Zeitraum von mehreren Tausend Jahren haben sie alle bewohnbaren Inseln im Pazifik von Hawaii bis Neuseeland entdeckt.“ Sie wies auf das Atoll, das aus kleinen Inseln bestand, die man nach dem polynesischen Wort für Insel auch als Motu bezeichnete und die mit Kokospalmen bewachsen waren. „Als die ersten Siedler hier ankamen, ankerten sie vorsichtshalber in der Lagune, um im Notfall rasch wieder wegzukommen, weil sie keine Ahnung hatten, was sie auf Rotumea erwartete.“

„Es ist nichts Schlimmes passiert, oder?“

„Nein, sie hatten Glück, die Insel war unbewohnt. Vermutlich brachten sie Kokosnüsse, Süßkartoffeln, Taros und Maulbeerbäumchen mit. Und natürlich auch Hunde und Ratten.“

„Sie sind offenbar in der Geschichte der Insel sehr bewandert“, stellte er spöttisch fest.

Was für ein unleidlicher Kerl, schoss es ihr durch den Kopf. Der Gedanke gefiel ihr so gut, dass sie sich lächelnd zu ihm umdrehte und betont liebenswürdig erklärte: „Oh ja. Ich finde sie faszinierend, und schon allein die Höflichkeit erfordert es, dass man Bescheid weiß über den Ort, an dem man lebt. Und auch über die Menschen.“

„Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Gut informiert zu sein, ist geradezu ein Muss in der heutigen Geschäftswelt.“

Sein freudloses Lächeln und die vermutlich ironisch gemeinte Bemerkung gefielen ihr nicht. Dennoch machte es ihr Spaß, sich mit ihm zu unterhalten, was nicht ungefährlich für ihr Gefühlsleben war. Glücklicherweise würde er Rotumea bald wieder verlassen. Er war mit Sicherheit viel zu beschäftigt, um sich lange hier aufzuhalten. Nachdem er den weißen Sand und die rote Vulkanerde Rotumeas von den eleganten Schuhen abgewischt hatte, würde er nie wieder zurückkommen, und sie hatte nichts mehr mit ihm zu tun. Und das war eine ungemein beruhigende Vorstellung.

„Wir sollten weiterfahren. Ich möchte noch vor Ladenschluss ins Geschäft“, sagte sie schließlich und drehte sich um, um zum Auto zurückzugehen.

Plötzlich stolperte sie, und ehe sie überhaupt begriff, wie ihr geschah, packte er sie an den Schultern und hielt sie fest. Wie erstarrt stand Jo da und sah ihm in die zusammengekniffenen Augen, während ihr Puls anfing zu rasen. Sie hatte das Gefühl, seine charismatische Ausstrahlung körperlich zu spüren.

Sekundenlang verstärkte er den Griff, ehe er ihn lockerte. Doch statt sie loszulassen, zog er sie an sich und blickte sie aufmerksam an.

Sie schaffte es nicht, sich von ihm zu lösen, sondern schaute ihm wie gebannt und seltsam hilflos in die Augen, in denen sich dasselbe leidenschaftliche Verlangen spiegelte, das auch sie empfand. Jeder vernünftige Gedanke war wie ausgelöscht, und als er sie an sich presste und sanft küsste, gab sie sich ganz dem herrlichen Augenblick hin.

In seinen starken Armen fühlte sie sich unendlich geborgen, und die kleine innere Stimme, die sie davor warnte, sich auf das einzulassen, was sie sich beide ganz offensichtlich wünschten, hätte sie lieber ignoriert.

Nein, ich darf mich nicht zu etwas hinreißen lassen, was ich später bitter bereue, sagte sie sich. Er kam ihr jedoch zuvor, löste sich von ihr und hob den Kopf. Wie benommen öffnete sie die Augen. Beim Anblick seiner eisigen Miene fühlte sie sich zutiefst gedemütigt.

„Für einen solchen Schritt ist es viel zu früh, meinen Sie nicht auch?“ Es dauerte einige Sekunden, bis sie die Bedeutung begriff. Und dann fügte er auch schon verächtlich hinzu: „Immerhin ist Tom erst vor Kurzem gestorben. Sie könnten wenigstens so tun, als vermissten Sie ihn.“

Das habe ich Sean mit seiner schmutzigen Fantasie zu verdanken, dachte sie. Energisch hob sie das Kinn und zwang sich, Lucs unerbittlichem Blick standzuhalten. „Was Sie mir da indirekt unterstellen, ist absurd. Das empfinde ich als Beleidigung.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ersparen Sie mir die Einzelheiten.“

„Gern, wenn Sie mir solche infamen Unterstellungen ersparen“, entgegnete sie ärgerlich.

Nach kurzem, beredtem Schweigen nickte er. „Ihre und Toms Beziehung interessiert mich nicht“, behauptete er, obwohl es nicht stimmte. Er spürte, dass sie sich leicht entspannte. Offenbar glaubte sie ihm. Aus unerfindlichen Gründen störte es ihn, sich Jo in Toms Bett vorzustellen.

Der Gedanke, sie in den Armen zu halten und sie leidenschaftlich zu lieben, war ungemein verlockend, wie er sich eingestand. Allerdings konnte er nicht ausschließen, dass sie ihm nur etwas vorgespielt hatte. Und das ernüchterte ihn.

„Nur zu Ihrer Information“, erklärte sie mit klarer, fester Stimme, während sie ihn mit ihren grünen Augen kühl ansah. „Als Kind habe ich die Ferien oft hier bei meiner Tante Luisa verbracht. Meine Mutter war viel unterwegs, und Tom hatte nichts gegen meine Besuche. Wir haben uns immer gut verstanden. Das war alles, mehr war da nicht.“ Ihre letzten Worte klangen so schmerzerfüllt, als hätte sie Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

Insgeheim beglückwünschte Luc sie zu dieser kleinen Szene. Das hatte sie gut gespielt. Es ließ die ganze Sache plausibel erscheinen. Außerdem passte ihre Erklärung zu dem, was er über sie erfahren hatte. Sie hatte die besten Privatschulen besucht, die vermutlich die reichen Liebhaber ihrer Mutter bezahlt hatten. Doch sie hatte nicht dieselbe Karriere eingeschlagen wie ihre Mutter, sondern ein naturwissenschaftliches Studium mit der Diplom-Prüfung abgeschlossen und promoviert, kurz bevor Ilona Forman erkrankte.

Joanna hatte schließlich ihre Stelle bei einem namhaften Unternehmen aufgegeben, um ihre Mutter zu pflegen. Anschließend hatte sie sich um ihre kranke Tante gekümmert, die sich weigerte, Rotumea zu verlassen. Entweder besaß sie ein großes Verantwortungsbewusstsein ihren Familienangehörigen gegenüber, oder sie hatte die günstige Gelegenheit ergriffen, um sich Tom zu nähern.

Jedenfalls hatte es sich für sie gelohnt.

Forschend betrachtete er ihr schönes Gesicht mit der makellosen Haut. Obwohl eine verräterische Röte ihre Wangen überzog, verriet ihr ruhiger, offener Blick keine Gefühlsregung.

Überlegte sie, ob er ihr glaubte, dass sie mit Tom keine intime Beziehung gehabt hatte? Er verdrängte seinen Ärger, denn er durfte nicht vergessen, dass er die nächsten sechs Monate mit ihr unter einem Dach leben musste. Und dass er ihr Einverständnis brauchte, ehe er die alleinige Kontrolle über den Henderson-Konzern erhielt.

„Okay, lassen wir damit die Sache auf sich beruhen“, sagte er zu ihrer Überraschung und reichte ihr die Hand.

Zögernd ergriff Jo sie, doch als er die langen, kräftigen Finger um ihre schloss, verspürte sie wieder dieses verräterische Kribbeln im Bauch. Ihr Atem ging viel zu schnell, und sie konnte sich nur mühsam beherrschen, die Hand nicht sogleich zurückzuziehen.

Natürlich glaubte er ihr nicht, was ihr eigentlich egal sein konnte. Aber aus Gründen, über die sie lieber nicht nachdenken wollte, war es das nicht.

Er begleitete sie in den Laden, und sie war erstaunt über sein Interesse an den Kosmetika, die sie anbot. Ihr entgingen auch nicht die bewundernden Blicke ihrer Mitarbeiterin. Hier bin ich zuständig, er hat kein Recht, so kompetent zu wirken, dachte Jo gereizt. Dieser Mann hatte etwas an sich, was die seltsamsten Regungen in ihr auslöste. Es hatte nichts mit seiner Vermutung zu tun, sie und Tom hätten eine Affäre gehabt, sondern es war etwas viel Ursprünglicheres und Gefährlicheres, wie sie sich eingestand.

Ich muss mich der Sache stellen und über die Wirkung, die er auf mich hat, hinwegkommen, mahnte sie sich.

Auf der Rückfahrt stellte er unvermittelt fest: „Sie brauchen bessere Verpackungen.“

Dessen war sie sich bewusst. Wieso aber hielt er sich für einen Experten in dieser Frage? „Etwas anderes kann ich mir momentan nicht erlauben“, erwiderte sie ruhig, während sie auf die Einfahrt zu Toms Haus abbog.

„Haben Sie noch nie daran gedacht, sich einen Geschäftspartner zu nehmen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich möchte die alleinige Kontrolle über mein kleines Unternehmen behalten.“ Sie parkte den Wagen vor dem Haus, stellte den Motor ab und blickte Luc herausfordernd an.

Er zog die dunklen Augenbrauen hoch. „Das ist verständlich. Doch wenn Sie irgendwann einmal mit den Umsätzen nicht mehr zufrieden sind, werden Sie sich wohl oder übel zu diesem Schritt entschließen müssen“, wandte er ein.

„Das ist vorerst bestimmt nicht nötig“, erklärte sie kühl. Als Tom ihr denselben Vorschlag unterbreitete, hatte sie sein Angebot, ihr ein weiteres Darlehen zu gewähren, abgelehnt. Damals hatte sie allerdings das ungute Gefühl nicht gehabt, das sie jetzt beschlich.

Lucs Kuss hatte alles grundlegend verändert, und irgendwie konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sie als seine Beute betrachtete. Doch das war lächerlich. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und Manager des internationalen Konzerns seines Stiefvaters, für sie interessierte er sich bestimmt nicht.

Es war eine riesige Dummheit gewesen, dass sie sich überhaupt von ihm hatte küssen lassen. Damit hatte sie ihn nur in seiner Überzeugung bestärkt, dass Seans beleidigende Unterstellung zutraf.

Warum es sie störte, verstand sie selbst nicht, denn weder Sean noch Luc bedeuteten ihr etwas. Außerdem würde er aus ihrem Leben wieder verschwinden, sobald er das Haus verkauft hatte.

„Ich mache mir keine Illusionen darüber, was möglich ist und was nicht“, fügte sie hinzu.

„Das klingt so, als beabsichtigten Sie, für immer auf Rotumea zu bleiben“, stellte er fest, ohne eine Miene zu verziehen.

„Warum auch nicht? Können Sie sich einen schöneren Platz vorstellen als diese Insel?“

„Träumen Sie ruhig weiter in Ihrem kleinen Paradies. Vielleicht wachen Sie doch noch eines Tages auf.“ Es klang verächtlich.

3. KAPITEL

„Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie herablassend Sie sich mir gegenüber verhalten?“, machte Jo ihrem Ärger über seine seltsame Bemerkung Luft.

„Das war nicht beabsichtigt“, lenkte Luc ein. „Rotumea ist nur ein winziger Punkt mitten im riesigen Ozean und bietet nur einen kleinen Absatzmarkt. Wenn Ihre Kosmetika wirklich gut sind, möchten Sie sie doch sicher auch in anderen Ländern vertreiben, oder?“

Sekundenlang zögerte sie und sah, wie er langsam die Lippen verzog, als wollte er triumphierend lächeln.

Deshalb erklärte sie hitzig: „Wenn es bedeutet, dass ich mir einen Geschäftspartner zulegen muss und nicht mehr allein entscheiden kann, verzichte ich gern darauf. Ich habe mit den Einheimischen gute Regelungen getroffen, und ich schätze die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Ich nehme ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst und bezweifle, dass ich glücklicher wäre, wenn ich riesige Umsätze machen und in einem luxuriösen Penthouse in einer lauten Großstadt, in der die Luft mit Abgasen vergiftet ist, wohnen würde.“ Sie machte eine Pause, ehe sie ruhiger hinzufügte: „Und nur damit das klar ist: Meine Naturkosmetika sind nicht nur gut, sondern hervorragend und unübertroffen.“

„Angesichts Ihrer bemerkenswert feinen Haut würde ich Ihnen fast zustimmen.“

„Vielen Dank“, sagte sie leicht irritiert über das unerwartete Kompliment.

„Auch wenn Sie sehr viel Geld damit verdienen, können Sie immer noch selbst entscheiden, wo Sie Ihren Wohnsitz haben. Dank der modernen Kommunikationstechnologie braucht niemand mehr in unmittelbarer Nähe des eigenen Unternehmens zu leben.“

„Das stimmt. Aber abgesehen davon, dass ich gern auf Rotumea lebe, sind in Polynesien persönliche Beziehungen im Geschäftsleben wichtig.“

„Oh ja, zweifellos.“

Sie beschloss, die Ironie in seiner Stimme zu ignorieren, und fuhr fort: „Ich habe gern alles unter Kontrolle und kümmere mich am liebsten selbst um die Dinge.“

Er sah sie aufmerksam an und nickte. „Dennoch muss jeder Unternehmer lernen zu delegieren“, stellte er fest und schaute auf die Uhr. „Was halten Sie davon, heute Abend mit mir im Restaurant des Resorts zu essen?“

Erleichtert lächelte sie, dann brauchte sie nichts für ihn zuzubereiten. „Gute Idee. Allerdings war Tom mit meinen Kochkünsten immer sehr zufrieden“, fügte sie trotzdem aus unerfindlichen Gründen hinzu.

„Er hat Sie bestimmt nicht deswegen engagiert“, meinte er ruhig.

Diese Sticheleien gingen ihr auf die Nerven, und sie wollte entgegnen, dass sie nicht Toms Angestellte gewesen sei, überlegte es sich jedoch anders. Was für eine Vereinbarung sie und Tom getroffen hatten, ging Luc nichts an, außerdem würde er ihr sowieso kein Wort glauben.

Ihr Schweigen deutete er als Zustimmung und sagte: „Dann lasse ich einen Tisch für acht Uhr reservieren.“

„Okay, danke.“ Sie stieg aus.

Später stand Jo vor ihrem Schrank und überlegte, was sie anziehen sollte. Sie hatte wenig Auswahl, und das Kleid vom Abend zuvor wollte sie nicht schon wieder tragen. Schließlich entschied sie sich für das hübsche knöchellange aus feiner gelber Baumwolle mit Blumenmuster und einem weit schwingenden Rock, das ihren feinen Teint betonte. Und dann schob sie sich noch eine Gardenie ins Haar und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Ja, sie wirkte sehr natürlich und nicht so, als hätte sie sich übertriebene Mühe gegeben mit ihrem Aussehen.

Sie verließ ihr Zimmer und entdeckte Luc auf der Terrasse. Er drehte sich sogleich zu ihr um und sah sie forschend an.

„Wenn Sie jetzt behaupten, ich sähe sehr südseemäßig aus, muss ich annehmen, dass Sie Vorurteile haben“, warnte sie ihn.

Er deutete ein Lächeln an. „Nein, das hatte ich nicht vor. Sie sehen bezaubernd aus, doch wahrscheinlich wissen Sie das selbst.“

„Ich gehe davon aus, es soll ein Kompliment sein“, antwortete sie kühl.

„Stimmt.“

Aber eins mit einem Stachel, dachte sie. Und in diesem Stil verlief dann auch der Abend. Luc verhielt sich nicht offen feindselig, im Gegenteil, er war ein perfekter Gesprächspartner. Er brachte sie sogar zum Lachen, und unter anderen Umständen hätte sie seine Gesellschaft sicher genossen. Doch sie war sich seiner eisernen Selbstbeherrschung, seiner undefinierbaren Miene und seiner charismatischen Ausstrahlung allzu sehr bewusst, um sich wirklich zu entspannen.

Während sie sich unter den vielen Gästen auf der Terrasse des Restaurants umsah, fiel ihr wieder einmal auf, dass sich kaum jemand dem ganz besonderen Zauber und Reiz der Tropen entziehen konnte. Ein Übriges taten der betörende Duft der Gardenien und Frangipaniblüten, den die leichte Brise herüberwehte, und der Mond, der über dem Riff aufging. Es war eine zauberhafte Atmosphäre, wie geschaffen für Liebende.

Aber auch wenn er der attraktivste Mann im ganzen Restaurant war, Jo war nicht an ihm interessiert, wie sie sich einredete. Allerdings störte es sie, dass die anderen weiblichen Gäste ihm bewundernde Blicke zuwarfen.

„Schmeckt Ihnen der Fisch nicht?“, riss Lucs Stimme sie plötzlich aus ihren Gedanken.

„Doch, doch“, versicherte sie ihm rasch und aß schnell weiter.

Irgendwie verstand sie sich selbst nicht mehr. Von Lucs Gegenwart fühlte sie sich so überwältigt, dass alles andere in den Hintergrund rückte.

Glücklicherweise verging der Abend rasch, doch ihre Anspannung schien von Minute zu Minute zuzunehmen. Als sie schließlich nach der Rückkehr die Garage verließen und die wenigen Schritte zum Haus eilten, erhob sich direkt vor ihnen ein Vogel in die Luft, und Jo zuckte zusammen.

„Keine Angst, es ist nur ein Vogel“, sagte Luc.

„Ich weiß.“ Sie ärgerte sich über ihr kindisches Benehmen. Was war nur mit ihr los? Sie mochte diesen Mann doch gar nicht und er sie auch nicht, er war sogar überzeugt, sie wäre Toms Geliebte und nur an dessen Geld interessiert gewesen.

Als Jo später im Bett lag, nahm sie sich vor, nicht mehr an Luc zu denken. Doch nicht einmal das stete Rauschen der Wellen, das sie so sehr liebte, konnte sie an diesem Abend beruhigen. Zu viele Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf.

Irgendwann fiel sie in einen leichten Schlaf, aus dem sie durch das Geschrei der Möwen am Strand aufschreckte. Sonnenstrahlen drangen durch einen Spalt der zugezogenen Vorhänge ins Zimmer, und sie sah auf die Uhr. In zwei Stunden hatte sie die Verabredung mit dem Notar aus Neuseeland, der sie vermutlich informieren würde, dass sie das Darlehen zurückzahlen musste, das Tom ihr gewährt hatte. Momentan konnte sie das jedoch nicht, denn sie hatte ihr ganzes Geld in das Geschäft investiert.

Zwar hatte sie schon bei der hiesigen Bankfiliale angefragt, ob man das Darlehen ablösen würde, aber die Leute im Management der Zentrale hatten ihr zu verstehen gegeben, man wäre nicht daran interessiert.

Oh Tom, dachte sie schmerzerfüllt. Sie vermisste ihn viel zu sehr. Er war ihr ans Herz gewachsen mit seiner direkten und manchmal etwas zynischen Art. Und er hatte ihr den Vater ersetzt, den sie nie kennengelernt hatte.

Nachdem sie sich fertig gemacht hatte, ging sie in die Küche. Es war so still im Haus wie immer seit Toms Tod. Und noch bevor sie den Zettel auf dem Küchentisch bemerkte, wusste sie, dass Luc nicht da war.

„Bin um acht Uhr zurück“, las sie und zerknüllte das Stückchen Papier. Er musste sich mit Müsli und Früchten begnügen, etwas anderes aß sie morgens nicht. Wenn es ihm nicht passte, konnte er sich selbst etwas zubereiten, es war genug im Kühlschrank.

Nach dem Frühstück hatte sie noch eine halbe Stunde Zeit für einen Spaziergang ans Meer, was ihr normalerweise half, innere Ruhe und Frieden zu finden. Heute war jedoch alles anders. Ihre Nervosität verschwand nicht, und als sie zwischen den Palmen, die sich im Wind neigten, zum Strand wanderte, entdeckte sie auf einmal das Badetuch auf dem Sand. Sie blickte hinaus auf das in der Sonne glitzernde Meer und die Wellen, die sich schäumend am Riff brachen. Dann sah sie Luc. Er schwamm mit kräftigen Zügen ans Ufer. Ihr stockte der Atem, als er sich aufrichtete und ihm das Wasser über die gebräunten Schultern, die muskulöse Brust und die langen Beine rann.

Es war kaum zu glauben, dass dieser so charismatisch und unwiderstehlich wirkende Mann mit dem durchtrainierten Körper und den geschmeidigen Bewegungen ein so ungemein erfolgreicher Geschäftsmann war.

Ihre Nerven schienen plötzlich zu vibrieren, und all ihre Sinne waren hellwach. Rasch wandte sie sich ab. Irgendwie fand sie es nicht richtig, jemanden heimlich zu beobachten.

Als sie ihn näher kommen hörte, straffte sie die Schultern und drehte sich zu ihm hin. Ruhig und gelassen erwiderte sie seinen forschenden Blick. Dass sie sich viel zu sehr zu ihm hingezogen fühlte, durfte sie sich nicht anmerken lassen.

„Guten Morgen“, begrüßte er sie, ohne eine Miene zu verziehen.

„Guten Morgen“, erwiderte sie. Glücklicherweise ahnt er nichts von meiner überzogenen Reaktion auf den Anblick seines fast nackten Körpers, schoss es ihr durch den Kopf.

„Nett von Ihnen, dass Sie gekommen sind, aber ich hätte den Rückweg auch allein gefunden“, erklärte er, während er sich abtrocknete.

„Das bezweifle ich nicht.“ Sie versuchte, belustigt zu klingen. „Ich mache jeden Morgen einen Strandspaziergang und konnte nicht wissen, dass Sie im Meer baden wollten.“ Er sollte ja nicht auf die Idee kommen, sie wäre ihm gefolgt.

Er legte sich das Handtuch um die Schultern und kam auf sie zu. „Und was ist mit Ihnen? Lieben Sie es auch, sich in das kühle Nass zu stürzen?“

„Sehr sogar. Es vergeht kaum ein Tag ohne ein Bad in der Lagune.“ Dann drehte sie sich unvermittelt um und ging auf das Haus zu.

„Haben Sie keine Angst vor Haien?“, fragte er, während er ihr folgte.

„Die Tigerhaie, die gefährlich werden können, verirren sich nicht oft in die Lagune. Normalerweise sind sie nachtaktiv, sodass man tagsüber relativ sicher ist. Außerdem behaupten die Inselbewohner, die Haie würden sie nicht angreifen.“

„Wieso glaubt man das?“

Sie erzählte ihm die alte Geschichte, dass der Sohn des ersten Häuptlings der Insel einen der jungen Tigerhaie, die den Ozean rund um Rotumea herum bevölkerten, aus einem Fischernetz befreit hatte. „Zum Dank dafür versprach der Häuptling der Haie den Inselbewohnern, dass sie niemals von den Fischen angegriffen würden.“

„Klingt ganz nett“, meinte Luc nur.

Jo warf ihm einen leicht belustigten Blick zu und sagte: „Jedenfalls ist hier nichts davon bekannt, dass jemals ein Einheimischer von einem Hai attackiert wurde.“

Sein Lächeln raubte ihr fast den Atem, und sie wandte sich rasch ab. „Ich habe Ihnen Müsli und Früchte auf den Tisch gestellt. Wenn Sie jedoch etwas anderes zum Frühstück haben möchten, müssten Sie es sich selbst zubereiten. Ich habe um neun einen Termin mit Toms Notar.“ Sie vermutete, dass er es wusste, aber er ging nicht darauf ein.

„Okay, wir unterhalten uns nach Ihrer Rückkehr“, antwortete er nur.

Natürlich über das Darlehen, dachte sie.

„Um das Frühstück kümmere ich mich selbst. Ich brauche niemanden, der mich bedient“, fügte er hinzu.

Sie schaute auf die Uhr. „Nach dem Termin mit dem Notar gehe ich direkt in den Laden“, verkündete sie. Den Rest des Tages würde sie sich dann den Kopf darüber zerbrechen, wie sie das Darlehen zurückzahlen sollte, obwohl sie schon lange genug darüber nachgedacht hatte, ohne eine Lösung zu finden.

Doch sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben. Wenn Tom sie wirklich als Mensch und nicht nur als die Nichte seiner Haushälterin geschätzt hatte, hatte er sicher eine für sie akzeptable Regelung hinsichtlich des Darlehens in seinem Testament vorgesehen.

Bruce Keller blickte auf, als Joanna Forman den Raum betrat. Obwohl er stolz auf sein stets professionelles Verhalten war, konnte er seine Überraschung kaum verbergen.

Er sah kurz in die Dokumente vor ihm auf dem Tisch. Sie war Neuseeländerin, dreiundzwanzig Jahre alt, groß, schlank und besaß eine ausgezeichnete Figur – und sie hatte Stil, wie seine Töchter es ausdrücken würden.

Mit dem goldbraunen Haar, der feinen Haut, den grünen Augen und den sanft geschwungenen Lippen wirkte sie sehr attraktiv. Ja, ich verstehe, dachte er und stand auf.

„Miss Forman?“

„Ja, ich bin Jo Forman“, erwiderte sie ruhig mit ihrer melodischen und etwas rau klingenden Stimme, die ihn genauso faszinierte wie ihre ganze Erscheinung.

Er stellte sich vor, war beeindruckt von ihrem festen Händedruck und forderte sie höflich auf: „Nehmen Sie bitte Platz, Miss Forman. Wissen Sie, worum es bei unserem Treffen geht?“

„Vermutlich darum, dass ich aus dem Haus ausziehen und das Darlehen, das Mr Henderson mir gewährt hat, zurückzahlen muss.“

Sie ist ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe, gestand Bruce sich ein. Er musste wohl seine Meinung über sie revidieren. Er erinnerte sich noch allzu gut daran, wie Tom Henderson seine Bedenken ignoriert und sich strikt geweigert hatte, über die Bestimmungen in seinem Testament zugunsten seiner Geliebten zu diskutieren. Es war ihm nur wichtig gewesen, dass alles legal war, also weder angezweifelt noch angefochten werden konnte. Und dafür hatte Bruce gesorgt.

Trotz seines Teams hochkarätiger Rechtsanwälte würde es nicht einmal Luc MacAllister schaffen, das Testament anzufechten.

Der Notar räusperte sich. „Nein, davon steht nichts im Testament.“

Sie runzelte die Stirn und entspannte sich etwas. „Und warum wollten Sie dann mit mir reden?“

Hat sie wirklich keine Ahnung, welche Vorkehrungen Tom zu ihren Gunsten getroffen hat? überlegte er. „Das erkläre ich Ihnen gern. Mr Henderson hat Ihnen Aktien seines Konzerns im Wert von mehreren Millionen Neuseeland-Dollar hinterlassen.“

Zu seiner Überraschung wurde sie ganz blass und blickte ihn verständnislos an. Schließlich bat sie ihn leise: „Können Sie das bitte wiederholen?“

Offenbar hatte sie wirklich davon nichts gewusst. Der Notar beugte sich zu ihr hinüber und nannte ihr den genauen Betrag. „Mit der Auszahlung sind allerdings Bedingungen verbunden“, fügte er hinzu.

Sie schluckte und erkundigte sich rau: „Warum hat er mich als Miterbin eingesetzt?“

Irritiert suchte er nach den richtigen Worten und räusperte sich. „Na ja, wegen seiner Zuneigung zu Ihnen, um es einmal so auszudrücken, war es ihm wohl wichtig, dass Sie versorgt sind.“

„Aber warum? Ich verstehe es nicht.“ Sie runzelte die Stirn.

Ihr Unverständnis bewies ihm, dass sie sich keine Illusionen über ihren Platz in Toms Leben machte. Nur wenige Männer hinterließen ihrer Geliebten ein so großes Vermögen, auch wenn es für Tom eher eine geringe Summe war. Statt sich zu freuen, reagierte sie sogar irgendwie ablehnend.

„Spielt der Grund überhaupt eine Rolle?“, wandte er vorsichtig ein.

„Ja, jedenfalls für mich“, erwiderte sie leise. „Er hat es nie erwähnt.“

„Leider kann ich Ihnen dazu nichts sagen“, versuchte er, das Gespräch wieder in die richtige Bahn zu lenken. „Es sind allerdings Bedingungen daran geknüpft“, wiederholte er.

Jo hatte das Gefühl, aus ihrem normalen Leben heraus in ganz andere Dimensionen katapultiert zu werden. „Gut, dann verraten Sie sie mir“, brachte sie mühsam hervor.

Behutsam klärte er sie über alles auf, was sie wissen musste, aber es war zu viel auf einmal.

„Also, wenn ich das Geld erben will, muss ich die nächsten sechs Monate zusammen mit Luc MacAllister auf Rotumea in Toms Haus verbringen“, fasste sie das Gehörte zusammen. „Habe ich Sie da richtig verstanden?“ Sie hoffte, dass es so nicht gemeint war, und hielt den Atem an.

Der ältere Mann nickte jedoch. „Ja, so ist es.“

Ihr stieg die Röte in die Wangen. „Das ist doch sicher anfechtbar und nicht legal“, stellte sie hitzig fest.

„Ich habe Sie doch darauf hingewiesen, dass Tom nur bestimmt hat, Sie beide sollten unter einem Dach leben, sonst nichts.“

„Trotzdem verstehe ich das alles nicht. Warum hat er uns so etwas auferlegt?“

„Das hat er mir nicht verraten. Ich vermute allerdings, dass er Sie schützen wollte. Sie erben eine Menge Geld, und Mr Mac­Allister kann Ihnen helfen, mit diesem unerwarteten Reichtum umzugehen.“

Natürlich brauchte sie professionelle Hilfe, um der Verantwortung, die mit dem Erbe verbunden war, gerecht zu werden. Doch wieso hatte Tom geglaubt, sein Stiefsohn könnte diese Aufgabe übernehmen? Plötzlich fiel ihr etwas ein.

„Ich kann das Erbe doch auch ausschlagen, oder?“

Der Notar sah sie schockiert an. „Überlegen Sie sich das gut, Miss Forman. Es war Mr Hendersons Wunsch, dass Sie das Geld erhalten. Seine Gründe, weshalb er es mit einer solchen Bedingung verknüpft hat, sind mir nicht bekannt, aber es war ihm wirklich wichtig. Er wollte nur das Beste für Sie.“

„Das ist mir klar. Dennoch ist es für Luc MacAllister und mich eine Zumutung.“ Sie erbebte und hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen. „Ich kann kaum glauben, dass Tom so etwas getan hat. Außerdem wird Luc es nicht akzeptieren.“

„Doch, das hat er schon.“

Irritiert fragte sie: „Er weiß es?“

„Ja.“

Jetzt wurde ihr klar, warum er Seans Behauptung glaubte. Er nahm wahrscheinlich an, sie hätte sich an Tom herangemacht in der Hoffnung, Geld von ihm zu bekommen, und nun musste er sechs Monate lang mit ihr unter einem Dach leben. Sie hob das Kinn und wollte etwas sagen, aber Bruce kam ihr zuvor.

„Wenn Sie das Erbe ablehnen, müssen Sie das Darlehen zurückzahlen“, erklärte er sanft. „Für besondere Ausgaben hat er Ihnen außerdem noch ein Konto eröffnet, auf das monatlich ein bestimmter Betrag überwiesen wird. Sie können das Geld jedoch nicht zur Zurückzahlung des Darlehens verwenden.“

„Ich will es gar nicht haben.“ Ihr verkrampfte sich der Magen.

„Das spielt keine Rolle, es ist Ihr Konto.“

Was hatte Tom sich dabei gedacht? Er hätte ihr die Schulden erlassen können, das wäre mehr als genug gewesen. Doch die Grübelei brachte sie auch nicht weiter.

Wenn sie das Erbe ausschlug, würde sie damit nicht nur sich selbst, sondern auch den Einheimischen schaden, die ihr die Zutaten für die Naturkosmetika lieferten. Von dem Erlös, den sie dabei erzielten, bezahlten sie die Ausbildung ihrer Kinder und die Kosten der ärztlichen Versorgung.

Das Geschäft zu verkaufen, um ihre Schulden zu tilgen, kam für sie nicht infrage, denn als sie es gründete, hatte sie den Plantagenbesitzern versprochen, sie würde es nicht veräußern. Und daran wollte sie sich halten.

Sie atmete tief durch. „Okay, ich bin einverstanden.“ Der Gedanke an das, was sie nun erwartete, erfüllte sie mit großem Unbehagen. „Was geschieht, wenn Luc MacAllister seine Meinung ändert und sich weigert?“

„Dann verliert er etwas, was ihm wichtiger ist als das ganze Geld“, antwortete Bruce Keller nach sekundenlangem Schweigen und hob die Hand, als sie fragen wollte, was es wäre. „Worum es sich handelt, kann ich Ihnen nicht verraten. Verlassen Sie sich darauf, dass er mitspielt.“

4. KAPITEL

Nachdem sie den Wagen auf dem Parkplatz ihres Ladens abgestellt hatte, blieb Jo noch sitzen und ließ den Tränen freien Lauf, die sie bis jetzt mühsam unterdrückt hatte. Warum hatte Tom ihr so viel Geld hinterlassen? Und warum zwang er sie, sechs Monate mit Luc MacAllister unter einem Dach zu leben?

Schließlich zog sie ein Papiertaschentuch hervor, wischte die Tränen weg und seufzte tief. Es war sinnlos, sich selbst zu bedauern. Sie musste anfangen, die Sache nüchtern zu betrachten.

Tom hatte gewusst, dass sie intelligent war und eine gute Auffassungsgabe besaß. Ihr akademischer Grad hatte ihn allerdings nicht sonderlich beeindruckt. Er nützte ihr auch wenig bei dem, was jetzt auf sie zukam. Sie hatte viel von Tom gelernt, doch der Notar hatte sicher recht mit seiner Vermutung, er habe sie vielleicht für zu jung und unerfahren gehalten, um mit dem neuen Reichtum zurechtzukommen. Offenbar hatte Tom sicherstellen wollen, dass sie damit nicht überfordert war.

Warum er jedoch darauf bestand, dass sie mit seinem Stiefsohn ein halbes Jahr zusammenlebte, war ihr rätselhaft. Allein der Gedanke daran verursachte ihr Übelkeit. Luc hatte sowieso eine schlechte Meinung von ihr, und darin hatte Sean ihn mit seiner absurden Anschuldigung nur bestärkt.

Was hat Tom sich nur dabei gedacht? überlegte sie unglücklich.

In dem Moment wurde die Tür geöffnet, und ihre Mitarbeiterin Savisi Torrens beugte sich zu Jo hinunter. „Geht es dir nicht gut?“, erkundigte sie sich besorgt.

„Doch, doch, es ist alles in Ordnung“, versicherte sie ihr rasch und griff nach ihrer Tasche.

„Du bist ja ganz blass. Hast du etwa noch nichts gegessen?“

„Nur etwas zum Frühstück.“ Jo schaute auf die Uhr. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass es schon so spät ist.“ Sie war selbst überrascht, dass das Gespräch mit dem Notar gut zwei Stunden gedauert hatte. „Ich hole mir etwas im Café gegenüber.“

„Lass mich das machen.“ Savisi dirigierte sie in den angenehm kühlen Laden.

Nachdem Jo ein Sandwich gegessen und einen Kaffee getrunken hatte, fühlte sie sich etwas besser und ging mit Savisi die Umsätze aus den einzelnen Monaten durch.

„Die Rezession ist auch an uns nicht spurlos vorübergegangen“, stellte ihre Mitarbeiterin fest. „In diesem Jahr hatten wir weniger Touristen.“

Nachdenklich betrachtete Jo die Zahlen. „Na ja, es ist nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe. Das habe ich dir zu verdanken.“

„Hervorragende Produkte lassen sich immer gut verkaufen“, wies die ältere Frau das Lob zurück.

„Ich hätte Lust, eine Filiale im Resort zu eröffnen. Oder sogar ein Spa, ein Wellnessbad.“

„Ein Spa! Oh ja!“ Savisi war sogleich Feuer und Flamme.

„Es ist natürlich sehr teuer, aber vielleicht können wir es uns leisten.“ Mit einem Blick auf die Uhr fügte Jo hinzu: „In einer halben Stunde muss ich im Betrieb sein. Vielleicht lasse ich auch die Verpackungen ändern.“ Luc MacAllisters kritische Bemerkung ging ihr nicht aus dem Kopf. „Auch das würde viel kosten, doch wenn wir eine Filiale im Resort eröffnen, brauchen wir unbedingt eine luxuriösere Aufmachung.“

Als sie wenig später das kleine Gebäude betrat, wo die Naturkosmetika hergestellt wurden, begrüßte Meru Manamai sie herzlich. Sie reagierte genauso enthusiastisch auf Jos Idee wie Savisi. „Ich werde es mit meiner Schwester besprechen. Es wundert mich allerdings, dass noch niemand an ein Spa gedacht hat.“

„Tom war für so etwas nicht zu haben. Er zog es vor, im Meer zu schwimmen“, sagte Jo traurig. „Ich müsste dann unser Sortiment erweitern und unter anderem Massageöle anbieten. Die Mütter hier massieren ihre Babys mit Kokosnussöl, was sicher als Basisstoff bestens geeignet ist.“

Merus begeisterte Zustimmung erwärmte Jo für das Thema, und sie entwickelte weitere Geschäftsideen, bis die junge Frau einwandte: „So ein Spa und alles, was damit zusammenhängt, kostet immense Summen. Vielleicht ist es nicht der richtige Zeitpunkt für so ein Projekt.“

Aber in sechs Monaten habe ich das dafür erforderliche Geld, dachte Jo. „Es wäre jedenfalls gut für Rotumea. Ehe wir jedoch eine Entscheidung treffen, werde ich es mit dem Management des Resorts besprechen.“ Lucs Anregung, ihre Produkte international zu vertreiben, fand sie auf einmal ausgesprochen verlockend. Mit der Erweiterung des Geschäfts würde sie mehr Arbeitsplätze auf der Insel schaffen, allerdings wäre auch ein Risiko damit verbunden.

Es dämmerte schon, als sie zurückfuhr. Nachdem sie den Wagen vor dem Haus abgestellt hatte, versuchte sie, ihre Anspannung und Nervosität in den Griff zu bekommen und sich innerlich auf das Gespräch mit Luc über Toms Testament vorzubereiten. Schließlich atmete sie tief durch, stieg aus und ging ins Haus.

Luc war jedoch nirgendwo zu entdecken. Froh über die Galgenfrist, fing sie an, das Abendessen zuzubereiten. Sie hatte frischen Fisch vom Markt mitgebracht, dazu sollte es mit Kokosnuss und Limette verfeinerte Risottobällchen geben. Tom hatte es immer gern gegessen, aber vielleicht bevorzugte Luc ja Fleisch. Dann hatte er Pech gehabt.

Als sie etwas aus dem Kühlschrank nehmen wollte, drehte sie sich instinktiv um und begegnete Lucs kühlem Blick.

„Oh.“ Sie bekam Herzklopfen. „Ich habe Sie nicht kommen gehört.“

„Das habe ich gemerkt“, erwiderte er. Zwar klang seine Stimme ganz normal, doch in seinen Augen blitzte es sekundenlang verächtlich auf. Er lehnte sich an die Theke, die die Küche vom restlichen Haus trennte, und beobachtete Jo aufmerksam.

„Ist es Ihnen recht, in einer halben Stunde zu essen?“, fragte sie betont freundlich und wandte sich ab.

„Ja. Würden Sie mich bitte kurz allein lassen? Ich muss ein Privatgespräch führen.“

„Ich warte draußen, bis Sie fertig sind.“ Sie ging hinaus in den Garten mit den vielen exotischen Bäumen und den üppig blühenden Pflanzen. Was Luc sagte, konnte sie nicht verstehen. Der drohende Unterton in seiner Stimme ließ sie jedoch unschwer erraten, dass es kein angenehmes Gespräch war. Wer ihn zum Feind hatte, war wirklich nicht zu beneiden.

Als es wieder still war im Haus, kehrte sie langsam zurück.

Luc stand mit dem Rücken zu ihr an der Bar und füllte zwei Sektflöten. Es ist einfach unfair und viel zu beunruhigend, dass er so attraktiv ist, dachte sie bei seinem Anblick, während er sich zu ihr umdrehte und ihr ein Glas reichte.

„Champagner?“ Sie blickte ihn fragend an. „Aus welchem Anlass?“

„Es gibt einen guten Grund, wie ich finde. Sie sind doch jetzt eine reiche Frau. Das haben Sie sehr geschickt gemacht, herzlichen Glückwunsch.“ Es klang verletzend und überheblich.

Sie umklammerte das Glas so fest, dass sie befürchtete, es würde zerbrechen. Dass Luc wütend war, war zu erwarten gewesen. Eine Überraschung war es jedenfalls nicht, und es brauchte sie auch nicht zu stören.

„Ich hatte keine Ahnung von Toms Plänen, deshalb bin ich genauso bestürzt wie Sie. Es gefällt mir nicht, manipuliert zu werden“, entgegnete sie ruhig.

Er verzog die Lippen. „Wahrscheinlich wollte er Sie für geleistete Dienste belohnen. Hoffentlich waren Sie das Geld wert.“

Wenn er sie dazu provozieren wollte, die Beherrschung zu verlieren, dann machte er seine Sache gut. Doch noch hatte sie sich unter Kontrolle. „Ich kann verstehen, dass Sie sich ärgern. Tom hätte Sie nicht sechs Monate mit meiner Anwesenheit belasten dürfen. Wenn Sie allerdings glauben, Sie könnten mich zum Prügelknaben machen und Ihre Launen an mir auslassen, dann sind Sie auf dem Holzweg. Lieber verlasse ich heute noch das Haus, als dass ich mich ständig von Ihnen beleidigen lasse.“

Er zuckte mit den Schultern. „Das werden Sie nicht tun, dessen bin ich mir sicher“, erwiderte er verächtlich. „Und das hat Tom gewusst.“

Jetzt hatte er es geschafft, sie war zornig. „Und was ist mit Ihnen? Weshalb sind Sie bereit, die Bedingung zu erfüllen, obwohl es Ihnen gegen den Strich geht, mit mir unter einem Dach zu leben? Wieso akzeptieren Sie das?“, fuhr sie ihn an.

„Weil ich erpresst werde“, erwiderte er mit einem spöttischen Lächeln.

„Aha.“ Fast hätte er ihr sogar leidgetan, doch das hatte er nicht verdient, wie ihr klar wurde, als sie seinem kühlen Blick begegnete. „Na gut, das ist Ihr Problem, es geht mich nichts an. Was geschieht nun als Nächstes?“, fragte sie betont sachlich.

„Wir fliegen morgen nach Neuseeland.“

„Wie bitte?“ Sie konnte kaum glauben, was sie da gehört hatte. „Das ist völlig unmöglich. Ich muss mich um mein Geschäft kümmern.“

„Das können Sie auch von Neuseeland aus. Oder verkaufen Sie es. Jetzt brauchen Sie Tom ja nicht mehr zu beeindrucken.“

„Das kommt nicht infrage“, erwiderte sie hitzig.

„Egal, Sie begleiten mich jedenfalls morgen nach Neuseeland.“ Prüfend betrachtete er ihr hübsches Kleid aus leichter Baumwolle. „Sie benötigen wärmere Kleidung. Ich werde dafür sorgen.“

„Ist es Ihr Hobby, Outfits für Frauen zu kaufen?“, erkundigte sie sich ironisch.

Betont sanft informierte er sie: „Meine persönliche Assistentin hat einen ausgezeichneten Geschmack, und sie weiß, wo es die günstigsten Angebote gibt.“

Die Bemerkung erinnerte sie an ihren Kontostand. Das, was sie mit ihrem Geschäft verdiente, reichte gerade für ein bescheidenes Leben auf Rotumea, aber nicht für eine Kurzreise nach Neuseeland oder für neue Kleidung.

„Ich kann mir solche Ausgaben nicht erlauben“, gab sie unumwunden zu.

„Tom hat Ihnen doch genug Geld hinterlassen“, erinnerte er sie.

„Das brauche ich nicht. Das Leben hier ist nicht teuer. Ich komme mit dem, was ich verdiene, zurecht.“

„Sie werden mich aber eine Zeit lang auf meinen Reisen begleiten.“

„Wieso? Tom wusste, wie viel mir mein Geschäft bedeutet. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass es sein Wunsch war, dass ich mit Ihnen um die Welt gondele.“

Luc lachte spöttisch auf. „Mein Stiefvater hat in seinem Testament festgelegt, dass ich Sie immer dann mitnehmen soll, wenn es für Sie von Nutzen sein könnte.“

„Von Nutzen sein könnte?“

„Für Ihr Geschäft natürlich“, erwiderte er leicht belustigt. „Tom liebte es, Macht über andere auszuüben. Der Gedanke, uns über seinen Tod hinaus zu manipulieren, hat ihm wahrscheinlich gefallen. Auf ihn!“ Er hob sein Glas und trank einen Schluck Champagner.

„So, wie Sie ihn schildern, war er wirklich nicht“, protestierte sie. Über so viel Ungerechtigkeit war sie nicht nur empört, sondern auch zutiefst betroffen.

„Nein? Warum sollte er es denn sonst gemacht haben?“

Das fragte sie sich auch, seit sie von dem Erbe erfahren hatte. Ihr graute es vor den vor ihr liegenden sechs Monaten. Sie zwang sich jedoch, Lucs einschüchterndem Blick standzuhalten. „Keine Ahnung. Er hatte wohl seine Gründe. Immerhin war er ein besonnener Mensch. Leider kann er es uns nicht mehr erklären, und ich halte es für sinnlos zu spekulieren. Mir passt die Situation genauso wenig wie Ihnen, aber wir müssen uns arrangieren und sollten versuchen, uns möglichst aus dem Weg zu gehen.“

„Wie wahr.“ In seiner Stimme schwang der reinste Sarkasmus. „Doch das können wir gar nicht, weil wir das nächste halbe Jahr gemeinsam verbringen müssen.“ Er machte eine Pause, ehe er hinzufügte: „Es sei denn, Sie schlagen das Erbe aus.“

Mit dem größten Vergnügen würde ich ihm ins Gesicht sagen, was ich von ihm halte und was er mit dem Erbe machen kann, und dann aus seinem Leben verschwinden, aber das wäre eine Riesendummheit, überlegte sie.

„Das tun Sie jedoch nicht, oder?“, hakte er nach.

Sie straffte die Schultern und erwiderte seinen höhnischen Blick mutig und entschlossen. „Nein, schon allein deshalb nicht, weil ich das Darlehen, das Tom mir gewährt hat, seinen Erben zurückzahlen möchte.“

„Das können Sie auch, wenn Sie das Geschäft verkaufen.“

„Wie gesagt, das kommt für mich nicht infrage. Ich habe den Einheimischen, die mein Projekt unterstützen und mir immer geholfen haben, versprochen, dass ich es nicht veräußere. Ich benutze ihr uraltes Wissen, deshalb sind sie in gewisser Weise daran beteiligt.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen.“

„Wie Sie meinen. Womit hat Tom Sie eigentlich erpresst?“, fragte sie herausfordernd.

„Das geht Sie nichts an.“ Etwas in seiner Stimme schien sie davor zu warnen, diese Grenze zu überschreiten.

„Okay, dann geht es Sie auch nichts an, weshalb ich die Klausel akzeptiere.“ Sie atmete tief durch und mahnte sich, ruhig zu bleiben. „Können wir uns nicht einfach darauf verständigen, dass wir verschiedener Meinung sind, und es dabei belassen? Streit ist mir zuwider, und die Aussicht, die nächsten sechs Monate in einer derart angespannten Atmosphäre zu verbringen, finde ich schrecklich.“ Plötzlich hatte sie eine Idee und sprach sie aus, ohne nachzudenken: „Sie könnten ja das Darlehen übernehmen, und ich zahle es Ihnen zu denselben Konditionen zurück, die ich mit Tom vereinbart hatte. Dann wären wir nicht gezwungen, uns gegenseitig ein halbes Jahr lang ertragen zu müssen. Außerdem könnte ich das Erbe in dem Fall ausschlagen, worüber Sie bestimmt erleichtert wären.“

Sekundenlang schwieg er. „Nein, so geht das nicht“, lehnte er schließlich den Vorschlag kategorisch ab. „Es war Toms Wunsch, dass Sie das Geld erhalten, also sollen Sie es auch haben.“

„Warum versuchen wir dann nicht, das Beste aus der Situation zu machen? Ist das so schwierig?“

Darauf erhielt sie keine Antwort, und das angespannte Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete, wurde immer unerträglicher.

„Gut, ich habe es versucht“, sagte sie schließlich.

„Heißt das, Sie schlagen eine andere Art von Umgang vor?“

Sein lauernder Blick verunsicherte sie. „So würde ich es nennen“, antwortete sie vorsichtig.

„Ich komme nicht ganz mit“, behauptete er. „Normalerweise bin ich nicht so begriffsstutzig.“

Sie hatte plötzlich das Gefühl, sie sprächen von zwei ganz verschiedenen Dingen. „Verraten Sie mir bitte, was genau Sie meinen“, forderte sie ihn deshalb auf.

„Das wissen Sie doch selbst. Sie hätten Ihren Vorschlag auch direkter formulieren können.“ Er streichelte ihren Nacken.

Erst jetzt begriff sie, wovon er redete. Sie musste den Irrtum aufklären, auch wenn seine Berührung eine tiefe Sehnsucht in ihr weckte, die sie erbeben ließ.

„Lassen Sie das“, versuchte sie, ihn zurückzuweisen.

„Warum?“, fragte er leicht belustigt, während er die Fingerspitzen sanft über ihren Nacken gleiten ließ. „Warum, Joanna?“, wiederholte er und blickte sie mit seinen grauen Augen unverwandt an.

„Weil ich für eine flüchtige Affäre nicht zu haben bin, egal, was Sie von mir denken“, antwortete sie.

„Ich verspreche Ihnen, dass es dabei nichts Flüchtiges geben wird.“ Seine Stimme klang plötzlich rau. Und ehe Jo begriff, wie ihr geschah, nahm er sie in die Arme, zog sie an sich und küsste sie. Unwillkürlich schmiegte sie sich an ihn, während sie seine Küsse leidenschaftlich erwiderte. Ihr Puls raste, und sie hatte das Gefühl, die Beine würden unter ihr nachgeben. Prompt presste er sie noch fester an sich, und sie spürte, wie erregt er war.

Als ahnte er ihre Sehnsucht, küsste er sie noch inniger und voller Verlangen. Doch plötzlich löste er sich von ihr und trat einige Schritte zurück. Sekundenlang fühlte sie sich wie betäubt, und ihr schwirrte der Kopf, aber glücklicherweise hatte sie sich rasch wieder unter Kontrolle. Sie atmete tief durch und erwiderte seinen Blick. Seine Miene wirkte irgendwie grimmig, und die Lippen hatte er zusammengepresst.

„Es tut mir leid“, entschuldigte er sich kurz angebunden.

Ihr Puls schien in ihren Ohren so laut zu dröhnen, dass sie das Tosen der Wellen nicht mehr hörte. Seltsam hilflos schüttelte sie den Kopf.

„Sag doch etwas“, forderte er sie auf.

„Ich muss zugeben, ich bin sprachlos“, erwiderte sie und ärgerte sich über ihre Reaktion auf seine Küsse.

Er hatte nur seine Macht demonstrieren wollen, das war alles. Außerdem hatte er kein Recht, so zu tun, als hätte sie ihm eine sexuelle Beziehung vorgeschlagen, und sie dann einfach zu küssen. Warum nur hatte sie nicht kühl und gleichgültig reagiert, statt in seinen Armen förmlich dahinzuschmelzen? Weil ich mich gegen seine überwältigende Ausstrahlung nicht wehren kann, gab sie sich selbst die Antwort. Er hatte viel zu leichtes Spiel mit ihr.

„Es fällt mir schwer, das zu glauben“, erklärte er ironisch. „Und es waren bestimmt keine flüchtigen Küsse, wie ich dir versprochen hatte.“ Als sie schwieg, fügte er hinzu: „Aber das hast du ja gewusst.

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