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ROMANA EXTRA BAND 20

ROMY RICHARDSON

Wie ein wilder Schmetterling

Seit die schöne Judy den Sportbereich in seiner Hotelanlage auf Korsika managt, steht Erics Leben Kopf! Ihre Ideen findet er unmöglich, aber als Frau reizt sie ihn wie keine andere je zuvor …

NINA HARRINGTON

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Was soll Amber nur tun? Sam will sie über ihre Karriere als Glamourmodel interviewen! Träume, Hoffnungen, Wünsche … Aber wie kann sie ehrlich zu ihm sein – wo er ihr damals das Herz gebrochen hat?

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Nichts würde Lysander lieber tun, als der bezaubernden Eleni auf seiner Jacht einen Antrag zu machen. Doch längst hat seine mächtige Familie beschlossen, wen er heiraten soll. Und das ist nicht Eleni …

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Multimillionär Carlos O’Connor beschließt, Mias Geschäft zu retten – wenn sie dafür sein Bett teilt! Denn seit ihrem schüchternen Kuss vor Jahren ahnt er, zu welcher Leidenschaft sie fähig ist …

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Wie ein wilder Schmetterling

1. KAPITEL

Die Wellen des Meeres schlugen wild und ungestüm gegen den Bug der mächtigen weißen Fähre, die sich mit gedrosseltem Tempo durch die dunkle Nacht Richtung Korsika manövrierte. Judy hielt sich mit beiden Händen an der nassen Reling fest und holte langsam tief Luft. Die Gischt und der Regen schlugen ihr ins Gesicht, der starke Wind ließ ihr langes honigblondes Haar in alle Richtungen wehen.

Mademoiselle, kommen Sie sofort von Deck“, meinte sie, eine laute Stimme hinter sich zu hören, doch Judy kümmerte sich nicht um den warnenden Ruf. Für sie war das Gewitter eine wohltuende Naturgewalt, und sie genoss die erfrischenden Tropfen auf ihrer Haut.

Schon als kleines Mädchen war sie an verregneten Sommertagen an der Küste Südenglands entlanggewandert, um Muscheln und Treibgut zu sammeln. Als Besitzer eines großen Strandhotels hatten ihre Eltern nur wenig Zeit für sie gehabt, und Judy war oft stundenlang allein herumgestreunt. Doch jetzt, wo sie in den schönsten Hotelanlagen der Welt als Sportmanagerin arbeitete, gehörten Begriffe wie Ruhe und Einsamkeit endgültig der Vergangenheit an. Ihre Arbeit war ihr Leben, und das bedeutete hundertprozentigen Einsatz rund um die Uhr.

Dennoch dachte Judy wehmütig an das Victoria Beach Hotel zurück, das ihr einziges Zuhause gewesen war und nach dessen Verkauf sie von einer Rastlosigkeit getrieben wurde, die ihre Mutter als Flucht bezeichnete.

Doch diesem Vorwurf widersprach Judy energisch. Sie hatte sich schon immer danach gesehnt, fremde Länder und neue Menschen kennenzulernen. Sie wollte ihr Leben nicht nur an einem Ort verbringen.

Gedankenverloren strich sie sich die regennassen Haare aus dem Gesicht und merkte gar nicht, wie das Schiff noch tiefer in die nächste Welle einsank. Erst als sie spürte, dass sie auf dem glatten Boden wegrutschte, klammerte sie sich wieder an das Geländer.

Vielleicht sollte ich besser hineingehen und mir die restliche Zeit wie die übrigen Passagiere in der Kabine oder einem der Restaurants vertreiben, ermahnte sie sich. Sie war zwar abenteuerlustig, aber nicht lebensmüde.

Bevor sich das mächtige Fährschiff auf die nächste Welle zubewegte, löste Judy sich von der Reling, um sich in Richtung der Eingänge zu bewegen, als sie am Oberarm festgehalten wurde.

„Sind Sie immer so stur?“, schrie jemand sie durch den Wind an. Abrupt drehte sie sich um, und blickte in die dunkelsten Augen, die sie je gesehen hatte. Wie in einen Sog gezogen, sah sie sich einem Mann gegenüber, der anscheinend der Überzeugung war, sie retten zu müssen.

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht“, hielt sie ihm ungehalten entgegen und riss sich von ihm los.

Doch weder Halt an der Reling zu finden noch eine starke Männerhand zur Seite zu haben, erwies sich unter den gegebenen Wetterbedingungen als fatal. Die Planken des Schiffes waren durch den Regen so glatt und rutschig geworden, dass Judy das Gleichgewicht verlor. Der Aufstieg des Bugs in die nächste Welle warf sie ohne jegliche Vorwarnung direkt an die Brust des fremden Mannes.

Hart prallten sie aneinander. Ein Duft nach Leder und Meersalz umhüllte sie. Judy glaubte, noch nie zuvor in ihrem Leben etwas Besseres und Sinnlicheres gerochen zu haben. Das Schiff schien sich nicht mehr zu bewegen, und sie nahm den prasselnden Regen kaum mehr wahr. Sie spürte nur noch die starken Arme, die sich kraftvoll um ihre schmalen Schultern geschlossen hatten.

Im nächsten Moment sank das Schiff erneut in das tiefe Tal einer Welle. Judy kam genauso schnell wieder auf den Boden der Realität zurück, wie sie ihn für den Bruchteil einer Sekunde unter ihren Füßen verloren hatte. Hastig entzog sie sich der Umarmung des Fremden und schüttelte den Regen von sich ab wie eine junge Katze, die gerade aus dem Wasser gefischt worden war.

Eric trat einen Schritt zurück, aber er konnte den Blick nicht von der jungen Frau lassen. Ihre langen Haare hingen in langen Strähnen um ihr hübsches, ausdrucksvolles Gesicht. Der Blick aus ihren blauen Augen versetzte ihm einen heißen Stich. Er fühlte sich, als ob er sie schon sein ganzes Leben kennen würde, und konnte sich seine Reaktion beim besten Willen nicht erklären. Doch dann vernahm er erneut ihren schroffen Ton, und auch er gewann wieder die Kontrolle über sich und die Situation zurück.

„Lassen Sie mich endlich los, ich will in meine Kabine“, verlangte sie energisch.

„Sie können von Glück sagen, dass ich Sie gesehen habe, sonst würden Sie schon gemeinsam mit den Fischen den Bug von unten bewundern. Aber gehen Sie nur, sehen Sie zu, dass Sie ins Trockene kommen“, rief er und folgte ihr.

„Ich hätte auch ohne Sie überlebt, da können Sie sicher sein“, schrie sie ihm durch den Regen entgegen. Judy hatte ganz vergessen, warum sie lange den Mittelmeerraum als Arbeitsplatz gemieden und in den letzten Jahren lieber als Sportmanagerin in Wellness- und Sportanlagen in Asien und im Pazifikraum gearbeitet hatte. Die dominante Art südeuropäischer Männer brachte sie einfach auf die Palme.

Allerdings musste sie zugeben, dass sie sich seit ihrem Erlebnis mit Greg Männern gegenüber generell distanziert verhielt – ihre Mutter meinte sogar, kratzbürstig. Aber ihre Mutter hatte auch gut reden. Nach dem Tod von Judys Vater hatte sie sich so schnell wieder neu verliebt, dass Judy zuerst an eine Kurzschlusshandlung gedacht hatte.

Sie war davon ausgegangen, dass ihre Mutter sich von ihrer Trauer ablenken wollte. Über viele Jahre hatte sie mit ihrem Mann eines der bekanntesten Hotels in Südengland geführt. Und Judy war doch immer sicher gewesen, dass ihre Eltern sich geliebt hatten – trotz aller Probleme. Aber Kate Duncan war es ernst. Judy musste zugeben, dass sie ihre Mutter lange nicht mehr so unbeschwert gesehen hatte wie mit diesem neuen Mann.

„Wollen Sie da draußen im Regen stehen bleiben, oder warten Sie darauf, dass ich Sie hineintrage?“, schimpfte der dunkelblonde Fremde, während er ihr die Tür zum geschützten Innenraum der Fähre aufhielt. Judy zog sich ihre dünne durchnässte Strickjacke fest um die Schultern und ging trotzig an ihm vorbei.

„Ehe Sie mich irgendwohin tragen, wird Korsika zu einer Insel ohne Berge“, erwiderte sie schnippisch und wollte ihn schon grußlos stehen lassen, als er sie erneut am Oberarm festhielt.

Mademoiselle, ich weiß nicht, was Sie für ein Problem haben, und es ist mir auch egal. Aber wir Korsen bedanken uns, wenn uns geholfen wurde. Haben Sie mich verstanden?“

Judy schluckte. Wenn sie etwas nicht mochte, war es Unhöflichkeit. Sie spürte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen schoss. Dieser Mann hatte es wahrscheinlich nur gut mit ihr gemeint, auch wenn sein Griff wirklich etwas zu fest gewesen war. Sein Blick war hart und dunkel, aber immerhin schien er sich um seine Mitmenschen zu kümmern. Dass sie sich von seiner maskulinen Ausstrahlung gleichzeitig abgeschreckt und angezogen fühlte, konnte sie ihm schlecht zum Vorwurf machen. Warum war sie nur gleich so patzig geworden? Mit ihrer Antipathie dem anderen Geschlecht gegenüber schien sie es wirklich zu übertreiben.

„Danke“, stieß sie daher hervor. Die Situation war schon unangenehm genug. Sie drehte ihren Kopf zur Seite und ging so schnell sie konnte die Stufen zum unteren Deck hinunter. Sie hätte die siebenstündige Überfahrt von Nizza nach Korsika auch in einem der Restaurants oder Aufenthaltsräume verbringen können, aber sie hatte sich nach dem langen Flug von den Seychellen eine eigene Schlafkabine geleistet. Darüber war sie jetzt mehr als froh. Den irritierenden Blick des attraktiven Korsen hätte sie keinen Moment länger ertragen.

Eric war wie vor den Kopf geschlagen. Seit wann interessierte er sich für junge lebensmüde Frauen in der Trotzphase? Was war nur in ihn gefahren, sich auf das verregnete Deck zu begeben und das Mädchen von der Reling zu zerren? Kein Wunder, dass sie wie ein in die Ecke gedrängter Teenager reagierte.

Doch als er die zarte blonde Schönheit im Regen durch die Fensterfront des Restaurants entdeckt hatte, hatte er einfach nicht tatenlos bleiben können. Vor dem Hintergrund der dunkel wogenden Wellen sah sie auf dem riesigen Deck so verletzlich und schutzbedürftig aus. Dass sie das nicht im Geringsten war, hatte er in dem Moment gespürt, als er sie in den Armen hielt. Ihr Körper war zwar schmal und schlank, aber durchtrainiert, und die Kraft mit der sie sich ihm entzogen hatte, hatte ihn mehr als überrascht.

Eric schüttelte den Kopf. Als ob er nicht schon genug Sorgen hätte! Musste er sich jetzt auch noch um junge Touristinnen kümmern?

Eigentlich hatte er mit dem Helikopter von Nizza zurück nach Korsika fliegen wollen, aber wegen des Sturms hatte der Pilot keine Starterlaubnis erhalten. Daher musste Eric mit der überfüllten Nachtfähre vorliebnehmen … und sich mit widerspenstigen Frauen anlegen.

Beinahe hätte er über sein Verhalten gelacht, aber nicht einmal ein Lächeln wollte sich einstellen. Er wusste, dass er immer wieder so gehandelt hätte. Zu lange schon fühlte er sich für andere Menschen verantwortlich, ob es nun seine beiden jüngeren Brüder waren oder sein Vater, der sich nach dem viel zu frühen Tod seiner Frau von einer Ehe in die nächste gestürzt hatte.

Dass Eric die übrigen Familienmitglieder finanziell unterstützte, war zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Aber ausgerechnet jetzt, wo sein Vater nach seiner Herz-OP sündhaft teure Medikamente zahlen musste, stand er beruflich unter Druck. Wochenlang hatte er sich den Kopf zerbrochen, wie er am besten wieder aus der Misere herauskommen konnte, hatte bis in die frühen Morgenstunden am Schreibtisch gesessen, an Konzepten gefeilt und sie wieder verworfen, bis er auf die Idee mit der Golfanlage kam. Eine Idee, von der er überzeugt war, dass sie ihm auf Dauer das große Geld in die Kassen spülen würde.

Doch bisher hatte sie ihm nur Ärger eingebracht. Und dann war ihm auch noch die Kündigung von Dominique auf den Tisch geflogen. Leider hatte sie, wie so manch andere seiner weiblichen Angestellten, seine freundliche Art falsch interpretiert und sich mehr erhofft. Doch selbst bei einer attraktiven Frau wie Dominique, die es mit jedem Model aufnehmen konnte, war eine feste Beziehung für ihn undenkbar.

Schließlich trug er schon die Verantwortung für seine Mitarbeiter und seine Familie, da würde er sich nicht noch eine Frau ans Bein binden. Dominiques falsch verstandene Gefühle bestätigten ihn nur in seiner ablehnenden Haltung dem schwachen Geschlecht gegenüber. Wieder einmal musste er die Folgen von zu viel Nähe ausbaden.

Nachdem Judy sich eine trockene Jeans und einen weiten Kapuzenpullover übergezogen hatte, legte sie sich für die restlichen Stunden in ihrer Kabine auf das schmale, aber bequeme Bett. Den Blick auf das kleine runde Fenster geheftet, war bei dem rauen Seegang an Schlaf nicht zu denken. Außerdem konnte sie die Begegnung mit dem Fremden nicht vergessen.

War sie wirklich zu leichtsinnig gewesen und hatte die Situation falsch eingeschätzt? Oder wie war dieser äußerst attraktive Mann, wie sie unwillig zugeben musste, auf die Idee gekommen, sie vor dem Ertrinken zu bewahren?

Judy schloss die Augen, allerdings nur um das markante Gesicht des Korsen noch deutlicher vor sich zu sehen. Eigentlich hatte sie keine Schwäche für schöne Männer, aber sein Verhalten und die Art, wie er sie angesehen hatte, erzeugten ein sonderbares Gefühl in ihrer Herzgegend.

Um auf andere Gedanken zu kommen, versuchte sie sich vorzustellen, was sie morgen auf Korsika erwarten würde. Wieder ein Luxusresort, dem sie nach nur wenigen Monaten den Rücken kehren würde?

Nachdem Serge, ihr ehemaliger Arbeitgeber auf den Seychellen, ihr von dem Angebot seines Freundes auf Korsika berichtet hatte, hatte sie zunächst an einen Wink des Schicksals gedacht. Ausgerechnet Korsika! Hier hatte sie den einzigen gemeinsamen Urlaub mit ihren Eltern verbracht, in einer kleinen Ferienvilla bei Calvi mit Blick auf die atemberaubende Bucht Revellata. Nur dieses eine Mal hatten die Duncans die Leitung ihres Hotels in fremde Hände gegeben. Allerdings war ihre Mutter damals viel früher abgereist als ursprünglich geplant – der Arbeit wegen, wie Judy vermutete.

Nach diesem Sommer hatte Judy noch viele Male ihre Ferien auf Korsika verbracht, doch nicht mit ihren Eltern, sondern bei Madame Bouchon und ihrer Tochter Juliette. Die Bouchons wohnten neben der kleinen weißen Villa der Duncans. Da die Kinder fast im gleichen Alter waren, hatte sich der Kontakt von selbst ergeben.

Juliette war mit ihren dunklen langen Locken, dem sonnengebräunten Teint und ihrem Temperament zwar das komplette Gegenteil von Judy, aber trotzdem waren die beiden ein Herz und eine Seele gewesen. Als Teenager hielten sie sogar eine Brieffreundschaft aufrecht, die nach Juliettes sechzehntem Geburtstag leider abgebrochen war. Doch für Judy blieben diese gemeinsamen Wochen unvergesslich.

Als Judys Vater vor fünf Jahren starb, war sie mehr als erstaunt gewesen, dass zu den wenigen Dingen, die Richard Duncan ihr hinterließ, die kleine Ferienvilla auf der französischen Mittelmeerinsel gehörte, in der sie damals ihren gemeinsamen Urlaub verbracht hatten. Judys Mutter zeigte sich nicht besonders interessiert an diesem Relikt aus vermeintlich glücklicheren Tagen. Und für Judy, die gerade ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert hatte, saß der Schmerz noch zu tief, um sich um das Haus zu kümmern.

So blieb das Brise de Mer in der Obhut von Madame Bouchon, die sich schon immer um die Vermietung und Instandhaltung des Hauses gekümmert hatte.

Judy schaute an die Decke ihrer kleinen Schlafkabine und hatte den Eindruck, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war, um auf die Insel zurückzukehren. Mit dem Gefühl, Lavendel und Rosmarin bereits riechen zu können, fiel sie endlich in einen leichten Schlaf.

Eric saß im Restaurant der Fähre, trank seinen dritten Espresso und versuchte zum wiederholten Mal, einen Artikel im Corse Matin über die Proteste gegen seine geplante Golfanlage durchzulesen. Aber es gelang ihm einfach nicht, und er legte die Zeitung ungeduldig beiseite. Schon wieder ein kritischer, wenn nicht sogar vernichtender Artikel über ihn. Wenn er zurzeit etwas nicht gebrauchen konnte, waren es eine schlechte Presse oder Umweltschützer, die ihm einen Strich durch die Rechnung machen wollten.

Missmutig fuhr er sich mit der Hand durch das widerspenstige dunkelblonde Haar. Noch mehr als die Zeitungsartikel ärgerte ihn, dass er die honigblonde Engländerin nicht mehr aus dem Kopf bekam. Auch wenn sie ein sehr gutes Französisch sprach, hatte sie ihren englischen Akzent nicht verbergen können.

Wie sie mit ihren pitschnassen Haaren vor ihm gestanden hatte, mit diesem aufgebrachten Blick und den hellroten Lippen, erinnerte sie ihn an eine Meerjungfrau, der er am liebsten die Regentropfen von den Wangen geküsst hätte.

Was er sonst noch gern mit ihr angestellt hätte, wollte er sich besser nicht vorstellen und versuchte seine Erregung damit zu dämpfen, dass sie wahrscheinlich eine von den Touristinnen war, die Korsika an zwei Tagen abklapperten und behaupteten, die Insel zu kennen, nur weil sie einmal mit dem Zug durch das Bergmassiv gerauscht waren und sich in Île de Rousse ein paar schicke Sandaletten gekauft hatten.

Trotzdem hätte er sie gern einmal in High Heels gesehen.

Von Unruhe getrieben, trat Eric an Deck und blickte auf Calvi. Erste Sonnenstrahlen eines sommerlich heißen Tages legten sich bereits über die vor ihm liegende Zitadellenstadt. In wenigen Minuten würden sie anlegen. Er ertappte sich dabei, wie er auf dem Schiff nach seiner nächtlichen Bekanntschaft Ausschau hielt, konnte die junge Engländerin aber zwischen den ersten Passagieren, die an Deck kamen, nicht entdecken. Auch gut, dachte er. Denn was sie in ihm hervorrief, ließ ihn auf unangenehme Weise nervös werden – zu nervös für seinen Geschmack.

Judy wurde von einem heftigen Ruck geweckt. Die Fähre hatte angelegt, und sie lag tatsächlich noch immer im Bett. Im nächsten Moment war sie auf den Beinen, wusch sich schnell das Gesicht kalt ab, holte ihren großen Reiserucksack aus dem Schrank und lief in Richtung Deck.

Die meisten Autos und Passagiere hatten die Fähre schon verlassen, nur wenige Fußgänger gingen erst jetzt von Bord. Kleine Pfützen auf den Metallplanken erinnerten noch an den Sturm der letzten Nacht. Wenn sie nicht gewesen wären, hätten der leuchtend blaue Himmel und das glitzernde blaue Meer niemanden auf die Idee gebracht, dass es überhaupt je geregnet hatte.

Judy ließ ihren Blick über die weitläufige Bucht von Calvi streifen, die durch den Sonnenaufgang in ein strahlendes orangefarbenes Licht getaucht war. Begeistert betrachtete sie hinter dem hellen Sandstrand die hoch aufragende Bergkette, dann wandte sie den Blick auf den Jachthafen und die bunt gefärbten Häuser, vor denen sich ein Café an das nächste reihte. Wie gut, nach so langer Zeit wieder hier zu sein, dachte Judy.

Doch der Moment der Sicherheit verflog. Im nächsten Moment fühlte sie sich wie im freien Fall. Auf dem Zubringer vor der Fähre stand der Fremde von letzter Nacht und war im Begriff, in einen schwarzen Range Rover zu steigen. Er trug ein weißes T-Shirt und Jeans und sah zum Dahinschmelzen aus. Judy konnte ausmachen, wie er mit dem Fahrer des Wagens sprach. Dann drehte er sich noch einmal zur Fähre um, hielt inne, sah hinauf und hob locker die Hand zum Gruß.

Meinte er etwa sie? Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Wie ferngesteuert hob auch sie die Hand, zog sie aber im nächsten Augenblick wieder zurück. Was machte sie denn da? Sie würde doch nicht etwa fremden Männern zuwinken! Erst recht nicht einem Mann, der sie wie ein unvernünftiges kleines Mädchen behandelt hatte.

Das Blut schoss ihr noch immer heiß durch die Adern, als sie sah, wie er in dem großen Geländewagen davonfuhr. Judy konnte sich nicht erklären, warum diese bestimmt nur freundlich gemeinte Geste des Korsen sie so aus der Fassung gebracht hatte. Sie wusste nur, dass dieser Mann etwas in ihr wachrief, vor dem sie Angst hatte.

Ein paar Minuten später lehnte sie sich in dem kühlen Taxi zurück und ihre Anspannung wich einer freudigen Erwartung darauf, wie ihr neuer Arbeitsplatz wohl aussehen mochte.

Hotels waren ihr Leben. Schließlich war sie in einem Hotel aufgewachsen und konnte sich nur schwer vorstellen, irgendwo anders zu arbeiten. Auch wenn sie in letzter Zeit merkte, dass ihr ein echtes Zuhause fehlte, ein Ort zum Abschalten, ein Ort, an dem sie nur für sich war und den Trubel der letzten Jahre hinter sich lassen konnte.

Manchmal wusste sie gar nicht mehr, wo sie zuletzt überall gewesen war – im Asia Luxury Spa auf Bali, im Infinite Sports Resort auf Tasmanien oder im Oriental Moon in Marokko? Überall war sie mit vollem Einsatz bei der Sache, und so würde es auch diesmal hier auf Korsika sein.

Doch bevor sie die Hotelanlage in Augenschein nahm, wollte Judy noch in die kleine Ferienvilla fahren, die ihr Vater ihr vermacht hatte. Sie konnte es kaum erwarten, auf die gemütliche Steinterrasse hinauszutreten und das offene Meer zu sehen. Aber dafür musste sie zunächst den Schlüssel bei Madame Bouchon abholen. Am Telefon hatten sie nur kurz miteinander sprechen können, und jetzt freute sie sich umso mehr auf die herzliche Korsin. Außerdem war sie unglaublich neugierig darauf, was aus Juliette geworden war.

Das Haus der Bouchons befand sich in der Rue St. Christophe, in der auch das Brise de Mer stand. Es gehörte zu den einfachen Stadthäusern, aber Judy hatte sich in der großen Küche von Fanny Bouchon immer genauso wohlgefühlt wie in der etwas luxuriöseren Ferienvilla ihrer Eltern.

„Mon dieu, tu es une vraie beauté anglaise“, begrüßte Madame Bouchon sie überschwänglich, nachdem Judy an die grüne Holztür des hellrot gestrichenen Hauses geklopft hatte, die sich im gleichen Augenblick geöffnet hatte.

„Als echte englische Schönheit würde ich mich nun wirklich nicht bezeichnen.“ Judy lachte und erwiderte die herzliche Umarmung. Sie war erleichtert, dass ihr das Französisch so fließend über die Lippen kam. Madame Bouchon hatte dunkle lockige Haare und braune Augen, sie war eine sehr schöne Frau. Judy erinnerte sich noch genau an die Worte ihrer Mutter, die nicht verstehen konnte, warum die attraktive Korsin mit ihrer Tochter allein lebte.

Mais oui, und du hast die schönen blauen Augen deines Vaters“, ergänzte sie.

„Ja, das sagen alle, die ihn gekannt haben“, erwiderte Judy und spürte sofort einen Stich in der Brust.

„Es tut mir sehr leid, dass dein Vater nicht mehr lebt“, sagte die schöne Korsin. Judy empfand die Aufrichtigkeit, die aus ihrer Stimme klang, als ganz besonderen Trost.

„Merci beaucoup“, entgegnete sie. Sie würde Madame Bouchon später fragen, ob sie wusste, wie ihr Vater überhaupt auf die Idee gekommen war, die damals von ihnen angemietete Ferienvilla zu kaufen. Doch sie schob den Gedanken beiseite. Ihr Vater war schließlich ein Romantiker gewesen. Welche anderen Gründe als die, dass er seiner Tochter ein Haus vermachen wollte, das sie an glückliche Zeiten erinnerte, sollte es dafür sonst wohl geben?

„Komm erst einmal rein. Ich habe frische Crêpes gemacht“, wurde sie von Madame Bouchon aus ihren Überlegungen gerissen.

„So wie früher … gern. Aber dann müssen Sie mir auch von Juliette erzählen“, verlangte Judy.

„Sag doch Fanny zu mir“, bat Madame Bouchon. Judy nickte dankbar, dann folgte sie der Korsin in die helle offene Küche. Sie kam sich plötzlich wieder vor wie das junge Mädchen von damals, dem ein endloser Sommer voller Abenteuer bevorstand.

Die kleine Villa Brise de Mer, in der die Duncans vor über zehn Jahren ihren Urlaub verbracht hatten, befand sich in dem etwas abseits gelegenen Villenviertel von Calvi. Sie hatte den Vorteil, dass man in wenigen Minuten hinunter an die malerische Bucht zum Schwimmen gehen konnte. Aber genauso schnell gelangte man auch in die Altstadt, die mit ihren kleinen schattigen Gassen, Restaurants und bunten Boutiquen lockte. Man sah dem Haus an, dass es einen neuen Anstrich vertragen konnte. Doch die leicht abblätternde weiße Fassade mit den hellblauen Fensterläden wirkte auf Judy so vertraut, dass sie sich nicht vorstellen konnte, die Villa zu renovieren.

Mit dem Schlüssel, den sie von Fanny bekommen hatte, schloss sie die hellblaue Tür auf und stellte ihren Reiserucksack auf die kühlen Steinfliesen. Dann betrat sie die große Küche und strich mit der Hand über die alten vertrauten Möbelstücke, glitt mit den Fingern über den großen Esstisch aus Pinienholz, an dem sie immer zusammen mit ihren Eltern gegessen hatte. Sie konnte nicht glauben, dass seit ihrem letzten Besuch fast neun Jahre vergangen waren. Es hatte sich wirklich kaum etwas verändert. Ihr Vater musste das Haus komplett möbliert übernommen haben, und sie war froh, dass Fanny sich so liebevoll darum gekümmert hatte.

Schließlich blieb ihr Blick an den hohen Flügeltüren hängen, die auf die Terrasse hinausführten. Judy ging auf sie zu und holte tief Luft. Vorsichtig schob sie die hellen langen Baumwollvorhänge beiseite.

Das Panorama, das sich ihr bot, hatte sie schon als junges Mädchen tief beeindruckt, und auch jetzt zeigte sich der Golf von Revellata in seiner ganzen Schönheit. Das türkis schimmernde Meer schien sich in dem endlos blauen Horizont des Himmels zu verlieren, und vor der felsigen Küste bogen sich üppige Palmen stolz im sanften Wind.

Das Brise de Mer macht seinem Namen wirklich alle Ehre, dachte Judy. Bei dem Gedanken, dass ihr Vater ihr diesen himmlischen Fleck Erde vermacht hatte und sie der Insel dennoch so lang ferngeblieben war, verspürte sie ein schlechtes Gewissen. Sie hatte eben ihr eigenes Leben führen wollen, weit weg von England und den alten Erinnerungen, verteidigte sie sich vor sich selbst.

Deshalb hatte sie zusätzlich zu ihrem Studium des Hotelmanagements noch Scheine in mehreren Sportdisziplinen und als Yogalehrerin gemacht. Sie hatte vor der Vergangenheit fliehen wollen, vor den Erinnerungen an das große stolze Hotel in Hastings, das um die vorletzte Jahrhundertwende erbaut worden war und oberhalb vom Strand thronte wie ein kostbares Relikt aus alten Zeiten. Ihr buntes, turbulentes Leben hatte ihr dabei geholfen, die Fehler, die gemacht worden waren, zu verdrängen.

Doch bis heute fiel es Judy schwer, ihrem Vater zu verzeihen, dass er seine Gesundheit durch seinen Lebenswandel immer weiter aufs Spiel gesetzt hatte. Sich selbst konnte sie nicht verzeihen, dass sie auf einen Mann wie Greg hereingefallen war. Seiner Spielsucht hatte sie es zu verdanken, dass sie das Victoria Beach endgültig verkaufen mussten.

Energisch strich sie sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und ließ sich von dem berauschenden Blau des Meeres trösten. Ich kann nicht ewig der Vergangenheit nachhängen, dachte sie und atmete die salzige Luft tief ein. Ihr Vater war tot, und ihre Mutter lebte ihr eigenes Leben. Sie hatte ihren Weg gefunden und führte mit ihrem neuen Mann ein hübsches Bed-and-Breakfast-Cottage in Devon.

Aber was für ein Leben wollte sie, Judy, führen? Wollte sie wirklich so weitermachen wie in den letzten Jahren? Rastlos, ohne ein richtiges Zuhause oder engere Freunde, unverbindlich, aber dafür auch ungebunden? Ausgerechnet bei diesem Wort drängte sich ihr das Bild des dunkelblonden Korsen auf. Bei dem Gedanken an seinen durchdringenden Blick verspürte sie ein heißes Kribbeln.

Ob er auch in Calvi lebt? fragte sie sich neugierig. Doch im nächsten Augenblick verwarf sie die Frage. Ein Mann hatte definitiv keinen Platz in ihrem Leben, das stand für sie seit ihrer Erfahrung mit Greg fest.

Was in ihrem Leben zählte, war die Arbeit. Und das würde auch in Zukunft so bleiben. Noch einmal warf sie einen Blick auf das Meer, dann ging sie zurück ins Haus.

Nachdem sie ihren schweren Rucksack in eines der oberen Zimmer gebracht hatte, duschte sie und zog ein luftiges hellblaues Kleid an. Dann band sie sich ein passendes Seidentuch um den Kopf. Nur einige blonde Strähnen, die ihr immer wieder in die Stirn fielen, durchbrachen die Strenge und ließen sie weicher aussehen.

Ein letzter Blick in den Spiegel, ein Griff nach ihrer großen weißen Handtasche, dann verließ sie die Villa, um in das Taxi zu steigen, das schon auf sie wartete.

Während der Fahrt durch die duftenden Pinienwälder entlang der türkis schimmernden Bucht, konnte sich Judy ihre Aufregung, die zunehmend von ihr Besitz ergriff, nur schwer erklären. Sie hatte doch schon Dutzende von Vorstellungsgesprächen hinter sich gebracht. Ihre Referenzen riefen bei ihren Arbeitgebern stets euphorische Begeisterung hervor. Sie musste sich keine Sorgen machen. Wovor hatte sie also Angst?

Waren es wirklich die Vergangenheit und die vielen plötzlich in ihr aufsteigenden Erinnerungen, die sie verunsicherten, oder war es der Gedanke an diesen Mann, der unerwartet starke Gefühle in ihr wachrief?

Judy verdrängte diese Frage, bis das Taxi auf dem Parkplatz einer eleganten Hotelanlage anhielt und sie einen großen schwarzen Rover am Seiteneingang stehen sah. Ihr Herz fing plötzlich wie wild zu klopfen an. Auf der Insel wimmelte es nur so vor Geländewagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich diesem arroganten Korsen innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein zweites Mal begegne, geht gegen null, versuchte sich Judy zu beruhigen. Sie hoffte inständig, dass ihre Ahnung sie täuschte.

2. KAPITEL

Judy saß auf einem überdimensional großen Korbsessel und ließ ihren Blick durch das sonnendurchflutete Vorzimmer streifen. Die Kombination von hellen Holzlampen mit großen cremefarbenen Lampenschirmen und weißen Lackmöbeln strahlte hier wie im ganzen Hotel einen luxuriösen mediterranen Glanz aus.

Der Besitzer des Papillon Sauvage ließ sie nun schon seit zehn Minuten warten. Nicht sehr professionell, ärgerte sie sich, schließlich war sie für diesen Termin um die halbe Welt geflogen. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte sie schon ausführlich den Hotelprospekt durchgeblättert.

Le Papillon Sauvage, der wilde Schmetterling – ein außergewöhnlicher Name für ein Hotel“, hatte Judy bemerkt, als ihr Serge auf den Seychellen von dem Sportresort auf Korsika erzählt hatte.

„Ebenso außergewöhnlich wie sein Besitzer“, war Serges augenzwinkernde Antwort gewesen. Was genau er damit gemeint haben könnte, würde sie vielleicht erfahren, wenn sie endlich hereingebeten wurde.

Ungeduldig schob sie sich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, als die Assistentin ihr die Tür zu Monsieur Argons Büro öffnete und sie bat, einzutreten.

„Mademoiselle Duncan, Monsieur Argon entschuldigt sich, dass Sie warten mussten, aber er hat sein Telefonat nun beendet“, flötete die Assistentin. Judy trat in das großzügige Büro.

Eine breite Fensterfront gab den Blick über die gesamte Hotelanlage frei – ein architektonisches Meisterwerk, in dem die verschiedenen Bereiche des Resorts geometrisch ineinander verschachtelt und durch geschwungene Rundbögen miteinander verbunden waren. Schneeweiße Kieselsteine glitzerten auf breiten, großzügig angelegten Gehwegen, umsäumt von Ananaspalmen und pinkfarbenen Oleanderbüschen. Hinter dem Hotel schimmerte das Meer in einem tiefen satten Blau.

Judy hatte schon viele Anlagen auf der ganzen Welt gesehen, aber der Papillon Sauvage gehörte eindeutig zu den schönsten. Von der Fensterfront blickte sie schließlich zum Schreibtisch, der in Richtung Fensterfront wies, sodass sie nur den Rücken des Hoteliers vor sich hatte.

Offensichtlich speichert er noch eine letzte Eingabe auf seiner Tastatur, dachte sie bei sich. Ein letztes Mausklicken, dann drehte er sich mit einer schwungvollen Bewegung auf seinem Chefsessel zu ihr um und sah sie aus dunklen Augen an.

Es traf sie wie ein Schlag, und wie ein Lauffeuer breitete sich ein heißes Kribbeln in ihrem ganzen Körper aus. Das konnte doch nicht wahr sein! Fassungslos sah sie in die Augen des Mannes, der sie gestern im strömenden Regen von Deck der Nachtfähre gezogen hatte. Des Mannes, der mit ihr umgegangen war wie mit einem trotzigen Kind.

Und er sah genauso anziehend aus wie letzte Nacht, nur dass er jetzt ein leichtes weißes Hemd trug, dessen oberste Knöpfe er offen gelassen hatte, und sich ein Bartschatten auf seinem markanten Gesicht abzeichnete. Aber das tat seiner aufregenden Erscheinung keinen Abbruch – im Gegenteil.

Am liebsten hätte Judy auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre aus dem Büro gerannt. Der Impuls zu fliehen, war schon letzte Nacht in ihr hochgeschossen, als der so dominant wirkende Fremde vor ihr stand. Doch jetzt konnte sie sich in keine Kabine flüchten. In diesem Moment gab es keinen Fluchtweg.

Sie hatte tatsächlich fünfzehn Stunden im Flugzeug gesessen und mehr schlecht als recht eine Nacht auf einer Fähre verbracht, um für einen Mann zu arbeiten, der mit Frauen umging wie im neunzehnten Jahrhundert. Sie konnte nicht glauben, dass Serge ihr das angetan hatte. Doch als sie merkte, dass die erste Überraschung aus Eric Argons Augen gewichen war, riss sie sich ebenfalls zusammen und konzentrierte sich auf ihren Atem – wie sie es schließlich als gut ausgebildete Yogalehrerin gelernt hatte. Sie hatte schon ganz andere Situationen gemeistert und ermahnte sich, daran zu denken, wer sie war. Eine selbstbewusste moderne Frau, die sich von Männern wie Eric Argon fernhielt.

„So sieht man sich wieder“, begann er wenig freundlich, und seine Kiefermuskeln spannten sich an. Da hatte sein Freund Serge ihm ja einen schönen Streich gespielt. Eine kompetente Fachkraft mit Teamgeist? Diese Kratzbürste?

„Judy Duncan“, stellte Judy sich vor, um eine möglichst professionelle Ausstrahlung bemüht, während sie ihm ihre Hand zur Begrüßung entgegenstreckte. Eine fatale Fehlentscheidung, wie sie bemerkte, als er den Gruß erwiderte und ihre Hand mit festem Griff kurz schüttelte. Die Berührung durchfuhr sie wie ein Stromschlag, und die Temperatur in dem Raum schien von einer Sekunde auf die andere um mehrere Grad zu steigen.

„Eric Argon“, erwiderte er kurz angebunden. Der Anblick dieser Frau, die er seit letzter Nacht kaum aus dem Kopf bekam, ließ ihn tatsächlich sämtliche Höflichkeitsfloskeln vergessen. Außerdem schien sich der körperliche Kontakt zu ihr auf sein rationales Urteilsvermögen auszuwirken. Was war nur mit ihm los? Vielleicht sollte er sein Liebesleben mal wieder aktivieren, anstatt sich von potenziellen weiblichen Mitarbeiterinnen den Kopf verdrehen zu lassen.

„Ihr Freund Serge hat mir gesagt, dass Sie dringend eine neue Sportmanagerin brauchen“, versuchte Judy in sachlichem Ton das Gespräch in Gang zu bringen. Wenn er sie nicht einstellen wollte, würde sie schon einen anderen Job auf Korsika finden.

Doch die Stelle im Papillon Sauvage reizte sie. Nicht nur, weil auch Juliette hier arbeitete, wie Fanny ihr vorhin zu ihrer großen Überraschung erzählt hatte. Sondern vor allem, weil das Resort eine berufliche Herausforderung für sie darstellte.

Das Konzept war viel zu sportlastig, wie sie dem Prospekt hatte entnehmen können, und für die Entspannung der Gäste wurde eindeutig zu wenig getan. In den letzten Jahren hatte sie Erfahrungen in so vielen Clubhotels gesammelt, dass sie mittlerweile genau wusste, was die Gäste wirklich brauchten.

„Ja, mein Freund Serge …“, unterbrach Eric ihre Überlegungen. „Ich weiß nicht recht, ob Sie wirklich die Frau sind, von der er mir vorgeschwärmt hat.“

„Wie bitte, was meinen Sie damit?“

„Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, aber die Sicherheit meiner Gäste steht für mich an erster Stelle“, stellte der Hotelier klar.

„Die Sicherheit?“, fragte Judy verblüfft. Sie sollte doch nicht im Security-Bereich arbeiten.

„Miss Duncan, eine Mitarbeiterin, die nicht einmal für ihre eigene Sicherheit sorgen kann, stellt einen hohen Risikofaktor für mein Hotel dar, und der Sportbereich birgt nun mal Gefahren.“

„Sie meinen also, ich könnte zu einem Risikofaktor für Ihr Hotel werden?“, wiederholte sie ungläubig, so verblüfft war sie über diesen Vorwurf.

„Ich meine, dass Ihnen Ihr Leichtsinn noch nicht einmal bewusst ist. Wenn jemand hier leichtsinnig sein darf, sind es unsere Gäste. Besser gesagt, wir geben ihnen das Gefühl, im Urlaub leichtsinnig sein zu dürfen.“

Der Korse musterte sie von Kopf bis Fuß. Trotz ihrer schlanken Figur hatte die Engländerin einen durchtrainierten Körper. Er spürte, dass sie ihn reizte wie schon lange keine Frau mehr. Ein Grund mehr, sie möglichst schnell wieder loszuwerden. Eine Frau, die sein ohnehin schon kompliziertes Leben weiter auf den Kopf stellte, brauchte er wirklich nicht.

Judy war so überrascht über die Vorwürfe, dass ihr die Worte fehlten. Warum stand ausgerechnet dieser Mann jetzt vor ihr und kanzelte sie ab wie ein Schulmädchen? Als sie nichts weiter sagte, fuhr er unbeirrt fort.

„Tauchen, Bergtouren auf die Zweitausender, Mountain-biking, das sind Sportarten bei denen die Gäste sich auf kompetente Gruppenleiter verlassen müssen. Daher verlange ich von Ihnen auch ein hohes Maß an Disziplin und Verantwortungsgefühl. Darüber müssen Sie als Koordinatorin der Touren eigentlich verfügen. Doch das bezweifele ich.“

Jetzt reichte es. Judy glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. Dieser arrogante Macho zweifelte doch tatsächlich an ihrer Kompetenz. Juliette hin oder her, unter so einem Chef konnte und wollte sie nicht arbeiten.

„Gut, dass Sie so schnell zur Sache kommen, Monsieur Argon. Ich weiß Ehrlichkeit zu schätzen. Sie werden bestimmt eine kompetentere Sportmanagerin finden als mich; eine, die Ihre Gäste nicht in Gefahr bringt“, erwiderte sie erbost und wandte sich in Richtung Tür.

„Das sehe ich genauso“, rief er ihr nach, aber da hatte sie schon die Bürotür hinter sich zugeschlagen.

Wütend war Judy an der erstaunten Assistentin vorbeimarschiert. Auch wenn sie ein Gefühl der Erleichterung verspürte, war sie nicht stolz auf den Ausgang dieses Gesprächs. Zum ersten Mal in ihrer Karriere war sie nicht sachlich geblieben, hatte sich von ihren Gefühlen leiten und von einem Mann provozieren lassen.

Besonders verärgert war sie darüber, dass sie ausgerechnet vor diesem Mann die Nerven verloren hatte. Auch wenn seine Anschuldigungen noch so unverschämt waren. Sie bezweifelte, dass er sich ihr Portfolio überhaupt angesehen hatte, und versuchte sich einzureden, dass es auch Vorteile hatte, den Job nicht bekommen zu haben.

Ein paar Tage Urlaub würden ihr guttun. Sie könnte schwimmen gehen, abschalten und sich um kleine Renovierungen im Brise de Mer kümmern. Allerdings wusste sie selbst nur zu gut, dass ihr nie etwas so schwergefallen war, wie sich selbst einige Tage der Ruhe zu gönnen.

Nun, dann werde ich das jetzt wohl lernen müssen, sagte sie sich und ließ ihren Blick noch einmal durch die großzügige Parkanlage des Hotels schweifen, wobei sie plötzlich an einem Beet mit blau blühende Lilien hängenblieb.

So üppig hatte sie diese auch Agapanthus genannte stolze Blume mit der blauen kugelförmigen Blüte selten gesehen. Trotzdem empfand sie den Garten als zu perfekt. Doch das ist nun wirklich nicht meine Sorge, sagte sie sich, während die Erinnerungen an den großzügigen Park im Hotel ihrer Eltern ein bleiernes Gefühl in ihrer Brust verursachten.

Schau nach vorn, Judy! Es machte einfach keinen Sinn, Dingen nachzuhängen, die der Vergangenheit angehörten. Sie würde sich nur noch elender fühlen, wenn sie sich jetzt nicht zusammennahm und an die Zukunft dachte.

Lieber malte sie sich ihren Traum aus, irgendwann so viel Geld zusammengespart zu haben, dass sie sich ein eigenes Hotel kaufen konnte. Das sie in ein kleines, aber feines Wellnessparadies umwandeln würde. Doch bis dahin, und das wusste niemand besser als sie, lag noch ein langer Weg vor ihr.

Judy seufzte tief. Sie sog den Duft der exotischen Blumen ein und ging über den Kiesweg in Richtung Empfang. Doch dann hörte sie plötzlich eine Frauenstimme, die ihrem Gegenüber mit drohendem Unterton eine Strafpredigt zu halten schien.

Judy blieb stehen, blickte zu dem Trakt, aus dem die Stimme kam, und sah eine langbeinige Blondine von hinten unter einem mit Bougainvilleablüten zugerankten Arkadengang stehen. Die Frau trug knappe weiße Shorts und ein betont enges Oberteil. Eine große Segeltuchtasche hing an ihrer Schulter. Mit ausholenden Gesten redete sie weiter auf die kleinere dunkelhaarige Frau ein, die ihr gegenüberstand.

Es war Judy unmöglich, den genauen Wortlaut zu verstehen. Sie bemerkte nur, dass die blonde Frau jetzt versuchte, ihre Stimme zu senken. Anscheinend war es ihr unangenehm, so laut geworden zu sein, vor allem da Judy, die mittlerweile stehen geblieben war, ein leises Schluchzen zu vernehmen meinte.

Da die zierlichere Frau von der großen Blondine fast komplett verdeckt wurde, konnte Judy sie nicht erkennen. Trotzdem spürte sie Mitleid in sich aufsteigen. Vielleicht war es ja ein Zimmermädchen, das seine Arbeit vernachlässigt hatte.

Aber seit wann wurde ein derart kritisches Personalgespräch im Hotelpark geführt, sodass jeder Gast mithören konnte?

Judy schüttelte ungläubig den Kopf. Hier lief wirklich einiges schief. Aber das ist nicht meine Sorge, wiederholte sie mittlerweile schon wie ein Mantra. Sie war hier nicht erwünscht, und was das Betriebsklima betraf, konnte sie nur froh sein, dem Papillon Sauvage den Rücken zu kehren.

Doch im nächsten Moment blieb sie wie angewurzelt stehen. Die blonde Mitarbeiterin hatte sich an dem Mädchen vorbeigedrängt und es einfach stehen lassen. Jetzt erst konnte Judy erkennen, wer die ruppige Lektion soeben erteilt bekommen hatte. Die dunkelbraunen Locken, der dunkle Teint und die großen braunen Augen wiesen eine frappierende Ähnlichkeit mit Fanny Bouchon auf. Judy glaubte, sich in einer Zeitschleife zu befinden und ihre liebenswürdige Gastmutter in Jung vor sich stehen zu haben.

Dann zog sich ihr das Herz zusammen, und sie schluckte. Die junge Frau, die sie unter dem Blütenbogen stehen sah und die gerade in ein weißes Taschentuch schniefte, konnte niemand anderes sein als ihre Jugendfreundin Juliette.

Unter normalen Umständen bekomme ich natürlich eine neue Sportmanagerin, aber nicht in der Hochsaison, dachte Eric missmutig.

Warum hatte er die Engländerin nur so beleidigt? War er von allen guten Geistern verlassen? Schließlich war Judy Duncan um die halbe Welt geflogen, um ihm aus seiner Misere herauszuhelfen.

Unruhig ging er in seinem Büro auf und ab. Er musste sich bei ihr entschuldigen. Was war nur in ihn gefahren, warum war er so ungehalten gewesen?

Sicher, in den letzten Wochen hatte er kaum eine Nacht durchgeschlafen, es gab einfach zu viele Baustellen in seinem Leben. Und selbst er, ein Mann der bis zur Selbstaufgabe immer alles im Griff hatte, vor allem sich selbst, war an die Grenze seiner Kapazitäten gelangt.

Ausgerechnet die Buchungen seiner sportlich interessierten Gäste waren in dieser Saison zurückgegangen – ein Umstand, dem er mit dem Bau einer Golfanlage entgegenwirken wollte. Schließlich liefen die Sporthotels im Süden der Insel grandios. Eric war überzeugt, dass die weitläufigen Golfplätze, die sich spektakulär an die Südspitze Korsikas schmiegten, der Grund dafür waren.

Die Gespräche in Nizza mit seinem Architekten Bertrand Junot waren allerdings alles andere als spektakulär verlaufen. Bertrand hatte ihn vor den Kosten gewarnt, die sich vorab nur schwer kalkulieren ließen. Aber dieses unternehmerische Risiko musste Eric eingehen, auch wenn es nicht das einzige Hindernis war, das sich ihm in den Weg stellte. Die heimischen Umweltschützer liefen Sturm gegen sein Vorhaben, und es verging keine Woche, in der es nicht Aktionen oder Presseartikel gab, die von der Zerstörung eines der schönsten Küstenstreifen des nördlichen Korsikas sprachen.

Eric fuhr sich mit der Hand durch sein kräftiges dunkelblondes Haar. Und jetzt schickte ihm Serge auch noch diese Frau, die ihn zu einem hormongesteuerten Teenager werden ließ. Kein Wunder, dass er vollkommen irrational gehandelt hatte. Ihr Anblick hatte ihm schon letzte Nacht auf dem Fährschiff den Verstand geraubt. Allein der Gedanke, sie täglich in seiner Nähe zu wissen und ihr seinen Sportbereich anzuvertrauen, löste Schweißausbrüche in ihm aus.

Doch jetzt war keine Zeit für triebgesteuerte Fehlentscheidungen. Er musste seine persönlichen Gefühle hintenanstellen. Judy Duncan wirkte durch ihre schlanke Figur zwar fragil, aber sie besaß Durchsetzungskraft und einen gut trainierten Körper. Das machte sie zu einer idealen Besetzung für den Posten als Sportmanagerin. Sein Freund Serge hatte zu Recht von ihr geschwärmt.

„Willst du etwa eine deiner Bettbekanntschaften bei mir unterbringen?“, hatte Eric ihn skeptisch gefragt.

„Warum bist du nur immer so misstrauisch, wenn es um Frauen geht, mein alter Freund?“, hatte Serge entgegnet. „Wenn du es genau wissen willst, ich wäre gern mit ihr im Bett gewesen … aber leider ist Judy der Typ Frau, an dem sich alle Männer in meinem Resort die Zähne ausgebissen haben. Wenn ich es mir recht überlege, ihr beide würdet gut zueinander passen, zwei eiskalte Engel.“ Serge lachte.

„Lass bitte deine Scherze. Ich brauche eine kompetente Fachkraft und keinen Engel.“ Eric hatte den Kopf geschüttelt über den Humor seines Freundes, der das Leben immer schon gern von der leichten Seite genommen hatte – im Gegensatz zu ihm.

„Ja, ich weiß, dass du das Thema Frauen nur sachlich betrachtest“, spottete Serge und hatte mit leuchtenden Augen erzählt, dass Judy ihm sogar bei der Pressearbeit unterstützt hatte.

„Sie sieht die Dinge aus einem anderen Blickwinkel und macht damit ziemlichen Eindruck auf die Journalisten“, hatte Serge hinzugefügt.

Worauf Eric sofort die schlechte Kommunikation zwischen ihm und den korsischen Naturschützern in den Sinn gekommen war. Es wäre bestimmt von Vorteil, eine PR-gewandte Sportmanagerin im Hotel zu haben.

„Na gut, aber ich sage dir, im Papillon Sauvage wird der Sport großgeschrieben. Der ganze esoterische Schnickschnack wie Yoga und ayurvedische Massagen passen nicht in mein Konzept.“

„Wirst du jetzt schon von Altersstarrsinn gepackt, alter Freund? Hey, ich empfehle dir eine Perle, und du suchst das Haar in der Suppe?“, hatte Serge ihn angeblafft.

„Ist ja schon gut. Mir bleibt ja sowieso keine Wahl. Aber sollte sie nicht in den Papillon Sauvage passen, muss sie eben wieder gehen.“

„Genau. Wobei ich wetten würde, dass sie bleibt …“

Eric hatte sich wieder an das große Fenster gestellt und starrte auf den Park hinaus.

„…, dass sie bleibt“, hallte es in seinem Kopf wider. Eins zu null für dich, alter Kumpel, dachte er. Er drehte sich entschlossen um und griff zum Telefonhörer.

3. KAPITEL

„Es tut mir leid, Monsieur Argon, hier ist in den letzten Minuten niemand durch die Empfangshalle gekommen“, wiederholte die Rezeptionistin. „Aber ich werde natürlich nach Mademoiselle Duncan Ausschau halten“, fügte sie hilfsbereit hinzu.

„Darum kümmere ich mich schon selbst, vielen Dank, Désirée“, erwiderte Eric eine Spur zu ungeduldig.

„Monsieur Argon …?“, begann die Empfangsdame stockend.

„Ja, was ist denn noch?“, fragte er unwirsch.

„In der Poolanlage hat es soeben einen Zwischenfall mit einem dreijährigen Jungen gegeben.“

Eric blieb der Atem stocken.

„Keine Sorge, es ist alles in Ordnung mit ihm, sonst hätte ich Sie ja längst informiert. Eine junge Engländerin hat ihn aus dem Wasser gezogen, als er ohne Schwimmflügel ins Wasser gesprungen ist. Seine Eltern haben mich angerufen, um …“

„Wissen Sie, wie die Frau aussah?“, unterbrach Eric sie.

„Nein, ich war ja nicht dabei. Aber wie ich gerade im Computer sehe, ist zurzeit keine Engländerin bei uns zu Gast. Vielleicht ist es Miss …“

… Judy Duncan, sprach Eric Argon im Stillen den Satz zu Ende und legte auf. Das war also der Grund, warum sie nach ihrem Treffen das Hotel noch nicht verlassen hatte.

Trotz des katastrophalen Bewerbungsgesprächs hatte sie sich anscheinend einen Rundgang durch das Hotel nicht nehmen lassen. Anders konnte er sich nicht erklären, was sie am Pool zu suchen hatte. Er erzitterte bei dem Gedanken, was hätte passieren können, wenn sie nicht vor Ort gewesen wäre. Wie hatte er sie nur so falsch einschätzen können?

Eric verließ sein Büro und nahm zwei Stufen auf einmal. Dann ging er mit schnellen Schritten auf dem mit Marmor gefliesten Flur durch einen Seitenflügel in Richtung Hotelstrand. Hier befanden sich in einem zweistöckigen Extragebäude der Sportbereich und die Poolanlage.

Bestimmt hatte Serge Judy auch von dem fantastischen Panorama vorgeschwärmt, das man von hier aus hatte. Denn ob die Gäste mit Hanteln trainierten oder auf dem Stepper schwitzten, die rundgeschwungene Bucht von Calvi lag ihnen in ihrer ganzen Schönheit direkt zu Füßen. Ebenso wie die aufwendig gestaltete Poolanlage mit zwei riesigen Becken, in denen sich das kobaltblaue Wasser nicht vom Blau des Meeres unterscheiden ließ.

Vielleicht war Miss Duncan neben ihrer kratzbürstigen Art auch noch neugierig, versuchte Eric ihr Handeln zu erklären. Auf jeden Fall konnte er sich jetzt persönlich für sein Auftreten entschuldigen … und sich für ihren Einsatz bedanken.

Während er in die weißen Arkaden einbog, die zum Sportbereich führten, summte sein Handy. Er zog es aus seiner Hemdtasche, doch als er die Nummer auf dem Display registrierte, nahm er den Anruf nicht an. Er würde Lucien später zurückrufen.

Wahrscheinlich braucht mein computervernarrter Bruder wieder Geld, dachte Eric verstimmt. Lucien entwickelte PC-Spiele, fand aber zu Erics Leidwesen keinen Abnehmer für seine verrückten Ideen. Wann wird er sich endlich einen vernünftigen Job suchen, fragte sich Eric. Dann wäre ihm beinahe das Handy aus der Hand geglitten.

In weißen knappen Hotpants, die ihre langen schlanken Beine noch länger erschienen ließen, dem körperbetonten Schmetterlings-T-Shirt, das die Hotelangestellten hier trugen, barfuß und mit ihrem nassen Kleid in der Hand, kam ihm die Frau entgegen, der er vor einer halben Stunde den Laufpass gegeben hatte. Eric musste tief Luft holen und gab seinem Freund Serge im Stillen recht. In Weiß sah sie wirklich aus wie ein Engel.

Eigentlich hatte Judy das Hotel auf dem schnellsten Wege verlassen wollen. Aber nachdem sie Juliette erkannte hatte, war daran nicht mehr zu denken gewesen.

„Juliette!“, rief Judy freudig und konnte immer noch nicht fassen, dass sie ihre alte Freundin von damals tatsächlich vor sich sah.

„Judy“, entgegnete Juliette überrascht. Für einen Moment gefror ihre Miene, doch dann hatte sie sich wieder gefangen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und wischte sich die Tränen hastig mit dem Handrücken weg.

„Dann stimmt es also, du wirst tatsächlich unsere neue Sportmanagerin im Papillon?“, fragte Juliette. „Maman hat mich sofort angerufen, nachdem du es ihr erzählt hast.“

„Leider nicht“, antwortete Judy bedauernd. „Aber jetzt lass dich erst einmal drücken!“, wechselte sie schnell das Thema, nahm ihre Freundin in den Arm und betrachtete sie dann aufmerksam. „Wie lange ist es her, dass wir uns gesehen haben?“

„Ich weiß nicht, vielleicht acht, neun Jahre?“

„Jedenfalls eine Ewigkeit“, meinte Judy. „Du siehst toll aus …, bis auf deine roten Augen“, bemerkte sie stirnrunzelnd. „Was wollte diese Frau von dir? Arbeitet sie auch hier?“

„Ach, das war nur Dominique“, winkte die Französin ab. „Unsere ehemalige Sportmanagerin.“

„Juliette, sie hat dich zum Weinen gebracht, warum?“ Judy verstand nicht, wie ihre temperamentvolle Freundin so ruhig bleiben konnte.

„Es ist nichts, nur ein dummes Missverständnis“, wich Juliette aus. Bemüht, den schlechten Eindruck wieder wettzumachen, setzte sie ein Lächeln auf, das Judy erstmals an die junge Juliette von damals erinnerte. „Komm, ich zeige dir unseren sagenhaften Poolbereich“, schlug die Französin aufgeregt vor. „Ich muss sowie noch die Luxussuiten checken. Und dann erzählst du mir, warum du nicht hier arbeiten wirst, d’accord?“

„Eigentlich wollte ich …“, wandte Judy zögernd ein, doch Juliette ließ sie erst gar nicht ausreden. Ohne Umschweife nahm sie Judys Hand und zog sie in einen der Arkadengänge, der an einem weiteren farbenprächtigen Garten vorbeiführte.

In diesem Teil des Resorts lag der Trakt mit den Luxussuiten. Daneben befand sich eine Swimmingpoollandschaft, die vor dem dahinter liegenden Meer wie eine Filmkulisse wirkte. Weiße Liegen, auf denen dicke Frotteematratzen zum stundenlangen Sonnenbaden einluden, standen akkurat nebeneinandergereiht. Übergroße Sonnenschirme, so groß wie Segel, warfen schattige Kegel auf den hellen Steinboden.

Juliette schien den Streit von eben verdrängt zu haben. Denn nachdem Judy ihr das Gespräch mit Eric Argon kurz geschildert hatte, ereiferte sie sich ausschließlich über die Unfähigkeit ihres Chefs.

„Wahrscheinlich liegt es an der Stelle der Sportmanagerin. Dieser Posten ist ihm einfach heilig“, vermutete Juliette. „Er glaubt, die Leute kommen nur hierher, um sich körperlich zu verausgaben. Also, wenn ich im Urlaub bin, möchte ich entspannen und mit einem Cocktail in der Hand im Schatten dösen“, meinte sie, während sie eine Seitentür aufschloss und einen Wäschewagen herauszog, auf dem frische Handtücher und allerlei kleine Fläschchen mit Badezusätzen standen. „Aber mich fragt ja sowieso keiner“, fuhr sie fort. Auch wenn Judy ihrer Freundin aufmerksam zuhörte, bekam sie aus den Augenwinkeln mit, dass sich ein kleiner blonder Junge ohne Schwimmflügel zielsicher auf den Beckenrand des großen Pools zubewegte.

Und tatsächlich, außer Sichtweite seiner Eltern, machte das Kind einen Satz und sprang in den Pool. Judy zögerte keine Sekunde. Sie war in wenigen Augenblicken am Becken und sprang komplett bekleidet mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser, um den Jungen im nächsten Moment zu packen und wieder an die Oberfläche zu ziehen.

Die ganze Rettungsaktion hatte keine halbe Minute gedauert. Judy konnte den Kleinen unversehrt in die Arme seiner Mutter drücken, die in Panik zum Beckenrand gerannt war, nachdem sie entdeckt hatte, was geschehen war. Sie hörte nicht auf, sich bei Judy zu bedanken, während sie ihr Kind fest umschlungen in den Armen hielt.

„Ist schon in Ordnung. Achten Sie in Zukunft einfach darauf, dass sich Ihr Sohn im Poolbereich nur mit Schwimmflügeln aufhält“, riet Judy der Frau freundlich und strich dem Jungen liebevoll über die Wange, bevor sie sich wieder zu Juliette umdrehte.

Die stand mit offenem Mund da und drückte ihrer Freundin beeindruckt ein Set der Hotelkleidung in die Hand.

„Bist du sicher, dass du hier nicht arbeiten möchtest? Der Papillon Sauvage könnte eine engagierte Mitarbeiterin wie dich ziemlich gut gebrauchen“, stellte sie bewundernd fest.

„Nein, ich passe nicht hierher, Juliette. Meine Vorstellungen von einem Resort und dem, was Gäste wirklich brauchen, entsprechen nicht unbedingt den Vorstellungen deines Chefs. Es würde nur Ärger geben, glaub mir“, erwiderte Judy.

„Aber das ist es ja gerade. Der Papillon Sauvage braucht neue Ideen. Wir haben Hochsaison, und das Hotel ist nicht mal ausgebucht“, wetterte die hübsche Korsin.

Juliette runzelte die Stirn. Davon hatte ihr Monsieur Argon nichts gesagt, aber es erklärte einiges.

„Und wenn du mich fragst, Eric kann froh sein, dass seine Sportmanagerin endlich gekündigt hat“, fuhr Juliette mit leiser Stimme fort. „Ich glaube, Dominique hat mit ihrem Drill viele Gäste vergrault. Mon dieu, die Leute sind doch im Urlaub und nicht in einem Trainingscamp für Olympia. Eigentlich kann es mir auch egal sein. Ich bin sowieso bald in Paris.“

„Paris?“, fragte Judy überrascht.

„Ja, ich gehe so bald wie möglich auf die Hotelfachschule“, verkündete Juliette stolz.

„Herzlichen Glückwunsch“, gratulierte Judy ihrer Freundin und freute sich aufrichtig, dass sie eine Weiterbildung anstrebte. Eine Frage brannte ihr aber noch auf der Zunge: „Warum hat Dominique denn gekündigt?“

„Man sagt, sie hätte was mit Eric gehabt, doch ich glaube der Gerüchteküche nicht. Und wenn, dann war es wahrscheinlich nur eine lockere Affäre, Eric ist nicht der Typ für feste Beziehungen.“

Judy zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Ich arbeite seit zwei Jahren im Papillon, aber öfter als zweimal habe ich ihn noch nie mit der gleichen Frau zusammen gesehen“, bemerkte Juliette trocken. „Auch wenn sich einige sicher mehr versprochen hatten.“

Judy nickte, erleichtert darüber, dass sie keine von diesen Frauen sein würde, die Mr Heartbreaker womöglich hinterherweinten. Nur gut, dass ich nun nicht mehr in der Nähe dieses unberechenbaren Mannes arbeiten muss, sagte sie sich. Aber warum versetzte ihr dieser Gedanke einen Stich?

„Judy, ich muss jetzt weiterarbeiten, aber wir sehen uns später. A ce soir“, riss Juliette sie aus ihren Überlegungen und verschwand mit ihrem Wäschewagen in einen der marmorgefliesten Durchgänge.

Nur widerwillig zog Judy in der Poolumkleidekabine das Hoteloutfit an, das Juliette ihr gegeben hatte. Sie konnte ja schlecht in den nassen Sachen durch den Papillon Sauvage marschieren. Aus purer Neugier hatte sie noch einen Blick in den mit Geräten vollgestellten Kraftraum geworfen, der einen mit großen Fenstern versehenen Nebenbau vollständig dominierte. So atemberaubend der Papillon Sauvage sich architektonisch auch darstellt, für mich als Yogalehrerin ist der Sportbereich ein absoluter Albtraum, sagte sie sich im Stillen und nahm eilig den Weg zurück zum Empfang.

„Miss Duncan, Sie sind ja immer noch hier“, rief Eric gespielt überrascht. Nachdem ihm bei ihrem Anblick in den knappen Hotpants für einen Moment die Luft weggeblieben war, hatte er sich schnell wieder gefasst.

„Ja, aber nicht mehr lange“, erwiderte Judy hastig. Jetzt stehe ich erneut vor dem Mann, der meine Kompetenzen einfach ignoriert, dachte sie verärgert. Vielleicht war es ja doch keine so gute Idee gewesen, nach Korsika zu fliegen.

„Könnten Sie mich jetzt bitte vorbeilassen“, verlangte sie, als der Hotelbesitzer immer noch keinen Schritt beiseitetrat. Wie er so unmittelbar vor ihr stand und ihr den Weg verstellte, spürte sie seine Präsenz fast bis an die Schmerzgrenze.

„Nicht so hastig, Miss Duncan. Hat Ihnen unser Sportbereich gefallen?“, fragte er betont unschuldig.

„Für meinen Geschmack gibt es dort etwas zu viele Hanteln“, antwortete sie prompt.

„Unsere Gäste kommen hierher, um fit zu bleiben, und nicht, um den ganzen Tag in der Sonne herumzuliegen“, erklärte Eric.

„Wie Sie meinen“, entgegnete Judy und versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen. Doch er griff nach ihrem Arm und hielt sie fest.

„Ich habe gehört, was am Pool passiert ist“, sagte Eric ernst.

Judy schluckte. Wie hatte er nur so schnell davon erfahren?

„An Ihrer Stelle würde ich mir eher Gedanken um die Personalführung machen“, entgegnete sie knapp. „Eine Poolaufsicht wäre in der Hochsaison auch nicht verkehrt. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“

Keinen Moment länger wollte sie sich in der Nähe dieses Mannes aufhalten. Seine ganze Erscheinung wirkte wie eine Droge auf sie. Sie musste hier weg, und zwar schnell.

„Entschuldigen Sie bitte mein Verhalten von vorhin“, sagte Eric leise. Seine Stimme klang weich und dunkel.

Hatte sie richtig gehört? Der stolze Korse entschuldigte sich bei ihr? Judy blickte auf seine Hand an ihrem Arm und schaute ihm dann ins Gesicht.

„Was ist das für eine Angewohnheit von Ihnen, mich ständig festhalten zu wollen?“, lenkte sie ab.

„Ich meine es ernst. Es tut mir leid, dass ich Ihre Kompetenz infrage gestellt habe. Ich habe Sie falsch eingeschätzt“, gestand er. Judy gewann den Eindruck, dass es ihm tatsächlich leidtat. „Danke, dass Sie den Jungen gerettet haben. Meine Rezeptionistin hat mich über Ihren schnellen Einsatz informiert.“

„In Ordnung, ich nehme Ihre Entschuldigung an. Aber jetzt lassen Sie mich bitte gehen!“

Diese Frau schien wirklich gegen ihn immun zu sein. Doch so leicht gab Eric Argon nicht auf.

„Bitte, Judy, ich brauche Sie.“ Bei diesen Worten rieselte ein heißes Kribbeln durch ihren Körper. Während sie ihn fragend ansah, bemerkte sie, dass auch er den Doppelsinn seiner Worte erkannte. Huschte da ein selbstgefälliges Lächeln über seine Lippen, oder war es der Schimmer eines Begehrens, der sein Mienenspiel veränderte?

Für den Bruchteil einer Sekunde schien die Zeit stehen zu bleiben. Judy nahm den sinnlichen Duft von Leder wahr, der jetzt nicht von Meersalz begleitet wurde, sondern von einem warmen moschusartigen Blütenaroma.

Erics sonnengebräunte Haut bildete einen verführerischen Kontrast zu seinem weißen Hemd. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sich diese wohlduftende Haut unter ihren Lippen anfühlen würde. Dieser Mann hatte das gewisse Etwas. Das Schlimme war nur, dass er das wusste.

Sie holte tief Luft. An was denkst du hier nur? fragte sie sich irritiert, Eric Argon behandelt dich wie einen Spielball, und du schmilzt dahin wie Vanilleeis in der Sonne. Sie musste sich wirklich zusammenreißen.

„Ich stelle also in Ihren Augen keine Gefahr mehr für die Gäste dar?“, wollte sie wissen und warf erneut einen Blick auf seine Hand, die immer noch ihren Ellenbogen gepackt hatte.

Jetzt erst ließ er sie los. Ein leichtes Blinzeln trat in seine dunkelbraunen Augen.

„Ich habe vorhin wohl etwas die Beherrschung verloren. Der Papillon Sauvage braucht kompetente Mitarbeiterinnen. Sie wären ein großer Gewinn für unser Haus“, erklärte der Hotelier ruhig und professionell. Der intime Moment war so schnell verschwunden, wie er gekommen war. Umso besser, dachte Judy, trotzdem, so leicht würde sie sich nicht überzeugen lassen, nun doch der Notnagel zu sein.

„Wie ich sehe, haben Sie sich inzwischen trotzdem umgeschaut. Ich hoffe Le Papillon Sauvage gefällt Ihnen?“, fragte er, als sie ihm nicht antwortete.

Sie schob sich eine lange blonde Strähne hinter ihr Ohr. Eigentlich wollte sie ihm diese Genugtuung nicht geben. Aber ihr stand auch nicht der Sinn danach, ihm von Juliette zu erzählen.

„Ich dachte, wenn ich schon einmal hier bin, kann ich mir das Hotel auch ansehen und ja, es ist eine wunderschöne Anlage. Nur der Sportbereich erscheint mit etwas zu einseitig. Haben Sie schon einmal an Yoga oder Ayurveda gedacht?“

Hatte er es doch gewusst! Sie wollte aus seinem Sportresort einen Esoteriktempel machen. Aber nicht mit ihm! Trotzdem, es blieb ihm nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen. Sie war kompetent und engagiert. Ihre Anmerkung ignorierend fragte er zurück: „Und … bleiben Sie?“

Er zweifelte keine Minute daran, dass sie Ja sagen würde. Das Hotel gefiel ihr, außerdem spürte er, dass er die gleiche Wirkung auf sie ausübte wie sie auf ihn. Das würde zwar für ihre Zusammenarbeit nicht gerade förderlich sein, aber das war jetzt nicht zu ändern. Er würde sich mit ihr arrangieren müssen – für seinen Papillon.

„Ich werde es mir überlegen“, sagte Judy gedehnt und sah ihn mit ihren hellblauen Augen herausfordernd an. Nicht, dass sie die Situation genoss, nun die Stärkere zu sein, aber nach ihrem schlechten Start würde diesem arroganten Kerl eine Lektion nicht schaden.

„Perfekt!“, erwiderte er tapfer. Er würde sich nicht mehr provozieren lassen und zog alle Register, um die gewohnte Kontrolle über seine Emotionen zurückzugewinnen. „Alles Weitere besprechen wir dann heute Abend.“

Er hielt Judy die Hand hin. Wie ferngesteuert schlug sie ein.

„Um zwanzig Uhr an der Rezeption? Désirée wird Ihnen eines der Apartments zeigen, die wir unseren Führungskräften zur Verfügung stellen.“

Judy begann lautstark zu husten. Wenn sie diesem Mann nicht Paroli bot, würde er sie schneller dominieren, als ein Zirkusdirektor einen Hasen dressierte.

„Wenn ich für Sie arbeiten sollte – und ich sagte, wenn –, dann werde ich nicht hier wohnen. Bedingung Nummer eins.“

Eric runzelte die Stirn. „Nein? Wo wollen Sie denn dann hin? Korsika ist zur Hochsaison nicht gerade günstig.“

„Um zwanzig Uhr in der Rue St. Christophe Nummer sieben“, erwiderte sie. Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte Judy sich um und ging durch die Arkaden zurück in Richtung Ausgang.

Genießerisch ließ Judy sich den köstlichen Nachtisch in dem geschmackvoll gestylten Restaurant mit Blick auf den Hafen auf der Zunge zergehen.

„Schmeckt Ihnen die Rosmarin-Panna-Cotta?“, fragte Eric. Er war fasziniert, was eine so zart gebaute Frau alles verdrücken konnte. Normalerweise sah er den Frauen, mit denen er essen ging, nur dabei zu, wie sie vorsichtig in ihrem Salat ohne Dressing herumpickten. Doch die Lady, mit der er heute den Abend verbrachte, war mit einem gesunden Appetit gesegnet. Zwischen ihren sinnlichen Lippen verschwanden eisgekühlte Melone und zarter Schinken, hauchdünn geschnittenes Rindfleisch in Schokoladen-Chili-Sauce und nun die Sahnecreme.

Wäre sein Kopf nicht voller Sorgen, hätte auch er den Abend in vollen Zügen genossen. Doch kurz bevor er das Hotel am Abend verlassen wollte, hatte ihm seine Assistentin mitgeteilt, dass es schon wieder einen Diebstahl in der Anlage gegeben hatte. Eine Frau, die zu seinen Stammgästen zählte, vermisste ein goldenes Armband, ein Familienerbstück. Die Österreicherin, die mit ihrer Familie seit Jahren zum Wandern nach Korsika kam, war überhaupt nicht mehr zu beruhigen gewesen und hatte sich nicht davon abbringen lassen, die Polizei zu rufen. Das bedeutete für den Papillon Sauvage erneut schlechte Presse. Eric seufzte.

„Ihnen wohl nicht?“, stellte Judy die Gegenfrage und genoss den letzten Rest der Creme.

„Nein, mir ist heute nicht nach Dessert“, erwiderte er und schob ihr seine gläserne Schale zu, die mit weißgepuderten Minzblättern dekoriert war.

„Es wäre einfach zu schade, es zurückgehen zu lassen“, meinte Judy entschuldigend und machte sich auch noch über seinen Nachtisch her. Sie hatte seit zwei Tagen nichts Anständiges mehr gegessen und sah nicht ein, vor Eric Argon die feine Dame zu spielen. Nachdem sie sich den letzten Rest von den Lippen geleckt und einen kleinen Schluck von dem herrlichen Rosé getrunken hatte, sah sie ihren Tischpartner fragend an.

„Sind Sie immer so schweigsam beim Essen?“

„Nein, nicht immer“, erwiderte er knapp.

„Gut, wenn das so ist, bedanke ich mich für das hervorragende Dinner und …“

Sie war schon im Begriff aufzustehen, als er ihre Hand ergriff.

„Warten Sie! Es tut mir leid. Ich bin heute Abend wohl nicht der passende Begleiter für eine Frau, die ihren ersten Abend auf Korsika verbringt“, gab er zu.

„Ich bin nicht das erste Mal hier“, erwiderte Judy und setzte sich wieder.

„Ich verstehe, deshalb kennen Sie sich hier auch so gut aus und wohnen in einem der schönsten Viertel der Stadt“, bemerkte er leicht spöttisch.

„Die kleine Villa habe ich von meinem Vater bekommen“, sagte Judy leise und sah aus dem Fenster auf den Jachthafen, wo sich die Luxusboote verschiedener europäischer Nationalitäten schaukelnd aneinanderschmiegten.

„Bekommen? Ist Ihr Vater Immobilienmakler? Solche Objekte werden auf Korsika nur selten an Ausländer verkauft“, wunderte Eric sich.

„Nein, mein Vater war auch Hotelier. Er hat mit meiner Mutter zusammen ein Strandhotel in Südengland geführt.“

„War?“, hakte Eric vorsichtig nach.

„Er ist vor fünf Jahren gestorben.“

„Das tut mir leid …“

„Es braucht Ihnen nicht leidzutun. Er war zum größten Teil selbst schuld an seinem frühzeitigen Tod. Ein Hotel zu führen, kann sehr anstrengend sein, besonders wenn man nachts den Weg von der Hotelbar nicht in sein eigenes Bett findet“, fügte sie bitter hinzu und biss sich im nächsten Moment auf die Lippe. Warum erzählte sie ihm das?

Ihr Ton wirkte unbeteiligt, doch Eric sah den schmerzlichen Ausdruck in ihren Augen.

„Und die kleine Ferienvilla stand all die Jahre leer?“, fragte er ungläubig.

„Nein, eine Nachbarin hat sich um das Haus gekümmert und es an Feriengäste vermietet.“

„Und Ihre Mutter? Führt sie jetzt das Hotel?“, fragte er interessiert.

„Nein, das Hotel ist nicht mehr im Familienbesitz. Meine Mutter lebt mit ihrem neuen Mann in Cornwall. Sie konnte die Vergangenheit hinter sich lassen, im Gegensatz …“

Judy brach abrupt ab, sie spürte, wie sich ihr Hals zusammenschnürte. Sie musste dringend das Thema wechseln.

„Und Sie, wie sind Sie zu einem Hotel wie dem Papillon Sauvage gekommen? Kommen Ihre Eltern auch aus der Hotelbranche?“, gelang es ihr endlich, von sich abzulenken.

„Mein Vater ist Koch. Er hat von seinem Vater einige Hektar Land vererbt bekommen, die er nach dem Tod meiner Mutter lukrativ verkaufen konnte“, begann Eric zu erzählen. Judy hörte, wie sich seine Tonlage trotz seines beherrschten Auftretens veränderte. Seine Hand glitt fahrig an seinem Weinglas entlang. „Er hat ihren Tod nie richtig verwunden, zumal er sich mit uns drei Jungen hoffnungslos überfordert fühlte. Schließlich hat er sich in zwei weitere Ehen gestürzt, die ihn viel Geld gekostet haben. Jetzt arbeitet er wieder als Koch, aber immerhin in seinem eigenen Restaurant. Es ist das Einzige, was er noch retten konnte.“

„Und der Papillon Sauvage?“

„Die Eltern meiner Mutter führten in den fünfziger Jahren eine kleine Pension. Sie beherbergten die ersten Touristen nach dem Krieg. Meine Mutter hat immer davon geträumt, eines Tages ein richtiges komfortables Hotel zu leiten, wo sich Gäste aus ganz Europa erholen könnten.“ Seine Stimme stockte.

„Was für ein schöner Gedanke!“

„Ja, das habe ich auch immer so gesehen. Meine Mutter liebte die Natur, die für Korsika typische raue felsige Landschaft und die wilde, nach Rosmarin und Lavendel duftende Macchia. Sie wollte den Gästen die Schönheit der Insel nahebringen.“

„Und dann haben Sie sich ihren Traum erfüllt“, stellte Judy vorsichtig fest.

„Ich glaube, ich hatte einfach Glück. Als ich während meines Wirtschaftsstudiums einige Aktien verkaufen konnte und damit ein kleines Vermögen gemacht habe, habe ich mich entschlossen, an der Stelle, wo meine Großeltern die Pension Le Papillon Sauvage geführt hatten, ein modernes Hotel zu bauen.“ Sein Blick schweifte ab. Judy spürte, dass er selbst noch überraschter war als sie, so viel von sich preisgegeben zu haben.

„Leider hat meine Mutter den Bau nicht mehr erlebt.“

Sie war von diesem Geständnis tief gerührt. Er hatte das Hotel zum Gedenken an seine Mutter und seine Großeltern erbaut. Das passt so gar nicht zu seinem selbstherrlichen Auftreten, dachte sie im Stillen. Doch im nächsten Moment hatte er wieder zu seinem professionellen Ton zurückgefunden und verlangte nach der Rechnung.

„Dieses Restaurant scheint für berufliche Gespräche nicht geeignet zu sein“, bemerkte er eine Spur zu ironisch. Es schien Judy, als ob er sich mit dieser Aussage für seinen Ausflug ins Private entschuldigen wollte.

„Wir trinken unseren Kaffee woanders“, bestimmte er. Sie gestand sich ein, dass sie gern noch länger mit ihm über ihn und seine Familie geredet hätte. Doch so war es besser. Sie wollte sich an diesem widersprüchlichen Mann nicht die Finger verbrennen, auch wenn sie das Gefühl nicht los wurde, dass ihr Herz schon in Flammen stand.

Nachdem sie in einer kleinen Espressobar in den verwinkelten Gassen der Altstadt einen Café Crème getrunken hatten, gingen sie langsam hinunter zum Strand. Eric fragte sich, woran es wohl lag, dass er sich mit Judy Duncan so vertraut fühlte.

Für ihn war es nach diesem Abend keine Frage mehr, dass sie im Papillon die Sportabteilung übernehmen würde. Seiner Meinung nach stand einem Gespräch über die Arbeitsmodalitäten jetzt nichts mehr im Wege.

„Was hältst du davon, wenn wir morgen früh zum Tauchen hinaus aufs Meer fahren? Dann lernst du schon einmal die Tauchschule kennen und kannst den Gästen die entsprechenden Auskünfte geben, bevor sie …“

„Langsam, habe ich da etwas nicht mitbekommen? Seit wann duzen wir uns denn?“, unterbrach Judy ihn perplex. Sie fühlte sich überrannt, und trotz des wunderbaren Abends, den sie mit ihm verbrachte, würde sie alles tun, um Eric Argon auf Distanz zu halten.

„Im Papillon Sauvage duzen sich alle Mitarbeiter untereinander. Das gilt natürlich auch für meine Wenigkeit“, erwiderte er. Zum ersten Mal an diesem Abend schenkte er Judy dieses ganz bestimmte Lächeln, das ihr den Atem raubte. Doch so leicht ließ sie sich von ihm nicht um den Finger wickeln.

„Seit wann bin ich eine Mitarbeiterin von Ihnen? Finden Sie nicht, Sie sind da etwas voreilig?“

Eric schluckte. War es wirklich möglich, dass ausgerechnet er gezwungen war, die starrsinnigste Frau in der Hotelbranche einzustellen? Wie weit sollte er denn noch zu Kreuze kriechen? Mittlerweile musste ihr doch klar sein, wie dringend er eine Sportmanagerin brauchte! Ohne sie würde er sich noch selbst zwischen die Hanteln stellen und Trekkingtouren organisieren müssen. Von der Organisation des Sportpersonals ganz zu schweigen. Ein unbewachter Pool wie heute Nachmittag durfte nicht noch einmal vorkommen. Er musste jetzt die Nerven behalten.

„Wovon hängt denn deine Entscheidung ab? Finanziell ist der Job am oberen Limit, aber wenn du darauf bestehst, können wir uns über die Höhe des Gehalts noch unterhalten“, schlug er zuckersüß vor.

„Ein Monat“, erwiderte sie bestimmt.

Unvermittelt blieb er stehen. „Ein Monat? Was soll das heißen? Natürlich zahlen wir hier pro Monat“, stellte er trocken fest.

„Für einen Monat werde ich im Papillon Sauvage arbeiten“, sagte Judy ruhig. Während Eric stehen blieb, ging sie einige Schritte weiter durch den warmen Sand.

„Nur für einen Monat?“, rief Eric und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Das würde heißen bis Ende Juli. Die Saison geht aber bis Ende August, dann stehe ich in vier Wochen genauso da wie jetzt. Das ist unmöglich!“, entgegnete er wütend.

Resolut strich sich Judy eine lange blonde Strähne hinters Ohr. „Also gut, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich bleibe bis Ende August.“

Der Hotelier seufze erleichtert auf.

„Aber nur unter der Bedingung, dass ich den oberen Kraftraum im Fitnessbereich für meine Yogastunden nutzen kann.“

Eric sah sie fragend an.

„Das bringt natürlich eine Umgestaltung der oberen Etage mit sich“, ergänzte sie leichthin. Auf keinen Fall würde sie den ganzen Sommer in einem Hotel arbeiten, in dem es keine einzige vernünftige Entspannungsmöglichkeit für ihre Gäste gab. Auch wenn sich Eric Argon an diesem Abend von einer anderen Seite gezeigt hatte, sein Sportkonzept konnte sie in dieser Form nicht unterstützen.

Der Hotelier war fassungslos darüber, wie diese so zerbrechlich wirkende Frau ihm gerade die Pistole auf die Brust setzte – doch ihm blieb keine Wahl.

Judy Duncan hatte das Hotel schon am ersten Tag ihrer Anwesenheit vor einer Tragödie bewahrt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf ihren Vorschlag einzugehen. Außerdem, dachte er, so grundlegend kann sie meinen Sportbereich in der kurzen Zeit überhaupt nicht verändern.

Er holte tief Luft, dann reichte er ihr die Hand.

D’accord. Einverstanden“, sagte er gepresst.

„Schön, dass wir uns einig geworden sind, Eric“, erwiderte sie mit fester Stimme, obwohl ihr Herz bei den Worten wie ein Dampfhammer schlug. Sie hatte hoch gepokert und gewonnen, jedenfalls, was diese Runde betraf.

„Ach, Judy“, sagte er, nachdem er sich noch einmal umgedreht hatte. „Es versteht sich von selbst, dass eventuelle Kosten so gering wie möglich gehalten werden. Habe ich mich da klar ausgedrückt?“

„Aber natürlich, so gering wie möglich“, wiederholte Judy. Sie würde ihm schon zeigen, was man für das Wohl seiner Gäste aus einem ganz normalen Kraftraum alles machen konnte.

4. KAPITEL

Als Judy die Sonne durch die hellen Baumwollvorhänge fallen sah, streckte sie sich noch einmal im Bett und genoss den angenehmen Luftzug, der durchs Fenster kam. Tief und traumlos hatte sie ihre erste Nacht im Brise de Mer durchgeschlafen und fühlte sich angenehm erfrischt. Schließlich schwang sie ihre Beine über die Bettkante, machte ein paar leichte Yogaübungen und atmete den Duft von Meerluft und Rosmarin tief ein.

Dann zog sie Shorts und eine luftige weiße Bluse an. Es war noch früh. Obwohl sie sich viel für diesen Tag vorgenommen hatte, würde sie es sich nicht nehmen lassen, mit frischen Croissants auf ihrer Terrasse zu frühstücken.

Sie ging hinunter in den Keller und schaute nach dem Fahrrad, von dem ihr Fanny gestern erzählt hatte. Sie fand es neben einem Turm alter Weinkisten. Es musste zwar dringend gewartet werden, schien aber zu funktionieren, was die Hauptsache war.

Als sie die Rue St. Christophe in Richtung Bäckerei herunterfuhr, trat Fanny Bouchon aus ihrer Tür und winkte ihr zu.

Bonjour, Judy“, rief sie der Engländerin freundlich zu.

Ça va, Fanny?“

Ça va, Judy, merci. Hättest du vielleicht einen Moment Zeit?“

Judy blieb mit ihrem Fahrrad vor dem liebevoll angelegten Vorgarten der Nachbarin stehen. Der Duft von Lavendel stieg ihr in die Nase.

„Ja, natürlich. Was gibt’s denn?“

„Juliette ist gestern Abend erst sehr spät nach Hause gekommen. Sie hat mir erzählt, dass die Gespräche gut gelaufen sind und du den Job bekommen hast.“

Nun ja, dachte Judy, unter „gut gelaufen“ verstehe ich etwas anderes. Aber anscheinend hatte Eric noch nach ihrem Treffen gestern Abend das Hotelpersonal über ihren Arbeitsantritt informiert.

„Ja, Monsieur Argon ist schließlich auf meine Bedingungen eingegangen“, bestätigte sie zögerlich.

„Oh, wie schön für dich. Er soll ja ziemlich eigen sein. Was ich von ihm gehört habe, klang immer sehr nach korsischem Dickschädel“, erwiderte Fanny.

„Wie kommst du darauf?“

„Mein Cousin engagiert sich bei den Umweltaktivisten. Er hat mir erzählt, dass Argon nicht von seinen Plänen abweichen will, eine Golfanlage zu bauen. Die Zeitungen sind voll von Berichten gegen sein Vorhaben, und es vergeht keine Woche ohne Protestaktionen. Bisher ohne Erfolg“, erzählte Fanny.

„Steht das Grundstück denn unter Naturschutz?“

„Nein, das ist es ja eben. Wenn er sich nicht umbesinnt, wird wieder ein Stück Natur verschwinden.“ Fanny schüttelte bedauernd den Kopf. „Aber darüber wollte ich gar nicht mit dir reden.“

„Worüber dann?“

„Ich mache mir Sorgen um Juliette.“ Sie strich sich bekümmert über die Stirn. „Sie hat sich in letzter Zeit so verändert, und ich komme einfach nicht an sie heran. Ich weiß, sie will unbedingt nach Paris. Aber wir haben das Geld für die Schule noch nicht zusammen. Meine Keramikarbeiten bringen einfach nicht so viel ein. Sie muss sich noch etwas gedulden.“

Judy hielt überrascht inne. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass es finanziell nicht gut um die beiden stand. Als Teenager hatte sie immer den Eindruck gehabt, dass die Bouchons recht großzügig mit Geld umgingen.

„Seit wann habt ihr denn diese Geldprobleme?“, fragte sie und merkte, dass das Gespräch für Fanny sichtlich unangenehm wurde.

„Eigentlich erst seit dem Brand in meinem Keramikgeschäft im letzten Jahr. Dein Vater hat uns ja …“, sie hielt abrupt inne und biss sich auf die Lippen.

„Mein Vater hat was?“, hakte Judy verunsichert nach. Hatte Fanny etwas vor ihr zu verbergen? Doch dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Dass sie nicht eher darauf gekommen war! Wie dumm von ihr!

„Du sprichst bestimmt von dem Geld, das ihr durch die Verwaltung des Häuschens im Sommer einnehmen konntet.“

„Ja, genau“, bestätigte Fanny. „Dadurch haben wir uns ein gutes Zubrot verdient.“

„Für meine Mutter und mich war es sehr beruhigend zu wissen, dass du dich auch nach dem Tod meines Vaters um das Haus gekümmert hast“, erklärte Judy. Ihr wurde plötzlich klar, dass diese Einnahmequelle durch ihr plötzliches Auftauchen versiegt war.

„Ja, ich habe mich ja schon lange um die kleine Villa gekümmert …“, erklärte Fanny und schien für einen Moment mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein.

Eigentlich ist dies genau der richtige Moment, um sie zu fragen, wann mein Vater das Haus überhaupt gekauft hat, dachte Judy. Doch da klingelte im Haus der Bouchons das Telefon.

„Judy, es tut mir leid, ich muss ins Haus. Aber tust du mir den Gefallen und wirfst ein Auge auf Juliette? Vielleicht wird sie dich ja ins Vertrauen ziehen“, bat die besorgte Mutter. Judy versprach ihr, mit Juliette zu reden.

Nachdem Judy beim Bäcker eine Tüte mit frischen Croissants gekauft hatte, machte sie es sich auf einem der alten Korbsessel, die auf der Terrasse um den schmiedeeisernen Tisch herumstanden, bequem. Lustvoll biss sie bei einem Café au lait in eins der warmen Butterhörnchen und erledigte zwischendurch ein paar Telefonate. Gestern Nacht hatte sie noch auf ihrem Smartphone recherchiert, wo sie auf Korsika Yogamatten bestellen konnte.

Monsieur Argon würde sich wundern, was man in einer Woche aus einem Kraftraum alles machen konnte!

Nach dem Frühstück fuhr sie mit ihrem Fahrrad auf dem schmalen Küstensteg am Strand entlang bis zum Papillon Sauvage. Dort angekommen, übergab sie Jean-Luc, einem jungen Mitarbeiter, der die Bikerstation betreute, das Rad zur Generalüberholung und bat anschließend alle Mitarbeiter des Sportdepartments noch per SMS um ein kurzes Vorstellungstreffen.

Judy spürte schon nach wenigen Sätzen die Erleichterung im Team über den Führungswechsel und fühlte sich ganz in ihrem Element. Erfahrungen wurden ausgetauscht, Ideen eingebracht, und die Umwandlung des Kraftraumbereichs in einen Yogaraum wurde von allen mit anerkennenden Zwischenrufen begrüßt. Judy sah ihre Pläne durch diese Reaktion zwar bestätigt, aber sie fragte sich, warum es hier anscheinend schon so lange keine Veränderung mehr gegeben hatte. Außerdem wunderte sie sich darüber, dass Eric sich überhaupt nicht blicken ließ.

Nun gut, immerhin hatte er ihr durch Désirée ausrichten lassen, dass er sie um vier Uhr am Nachmittag an der Rezeption erwarten würde, um von dort aus mit ihr die Tauchschule zu besuchen.

Bis dahin hatte Judy noch alle Hände voll zu tun. Man hatte ihr ein kleines, hübsches Büro mit Blick in den Garten zugewiesen, in das sie sich zurückziehen konnte, um Personal und Sportausflüge zu koordinieren. Hier arbeitete sie sich den Vormittag über in die Unterlagen ein und entwarf ein Konzept, wie sie den Yogaraum möglichst einfach umgestalten konnte. Durch Erics Vorgabe, wenig Geld auszugeben, waren ihre Mittel zwar begrenzt, aber sie würde dennoch das Beste daraus machen.

Als Judy schließlich auf die Uhr sah, war es bereits kurz vor vier. Hastig fuhr sie ihren Computer herunter, warf einen kurzen Blick in den Spiegel, band die blonden Haare mit einem türkisfarbenen Seidenband zusammen, griff nach ihrer großen Badetasche und machte sich auf zur Rezeption.

Auf dem Weg dorthin traf sie Jean-Luc und fragte ihn, ob er einen Trupp von kräftigen Jungs zusammentrommeln könnte. Die schweren Trainingsgeräte, die aus dem Sportbereich in die untere Etage transportiert werden mussten, konnte sie schlecht allein tragen. Als Jean-Luc ihr versprach, sich darum zu kümmern, bedankte sie sich erleichtert. Gut gelaunt durchschritt sie die Glastür zum Empfang, Doch als sie den Mann sah, der lässig am Tresen lehnte, drohten ihre Knie ihr den Dienst zu versagen.

Sie verlangsamte ihren Schritt, um etwas Zeit zu gewinnen, und musterte Eric mit klopfendem Herzen.

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