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ROMANA EXTRA BAND 2

LYNNE GRAHAM

Nur eine Nacht mit dem griechischen Milliardär?

Sie entspricht gar nicht seinem Bild von einer Traumfrau, und dennoch fühlt sich Alexei Drakos unwiderstehlich zu seiner Assistentin Billie hingezogen. Kann er seine wahren Gefühle ignorieren?

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Ein Palazzo für die Liebe

Um jeden Preis will Multimillionär Antonio Michaeli-Isola den Palazzo in der Toskana haben, aber Larissa will nicht verkaufen. Kann er die hinreißende Engländerin mit heißen Küssen doch noch umstimmen?

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Tanz unter den Sternen Hollywoods

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Unglaublich! Damals hat Stephanie ihn abblitzen lassen, und nun soll er bei ihrer Regatta mitsegeln. Alejandro ist entschlossen abzulehnen. Auch wenn ihre Lippen ihn genauso locken wie das Meer …

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Nur eine Nacht mit dem griechischen Milliardär?

1. KAPITEL

Vom Deck seiner Jacht Sea Queen aus beobachtete Alexei Drakos das Treiben im Jachthafen von Port Vauban. Überall lauerten Paparazzi. Als Mann, der großen Wert auf seine Privatsphäre legte, war er nicht beeindruckt. Und noch weniger beeindruckten ihn die Schönheiten auf dem Boot neben seinem, die oben ohne in der Sonne lagen und ungeniert mit ihm flirteten. Als junger Mann hatte er unzählige flüchtige Affären gehabt, aber inzwischen war er erwachsen geworden.

Hätte Calisto ihn nicht gebeten, sie nach Cannes zu bringen, wäre er niemals hierher gesegelt, wo so viel Trubel herrschte. Seine Jacht war die größte und teuerste hier im Hafen, doch als Drakos der vierten Generation hatte er zu viel Geld, um derart kleinliche Vergleiche zu ziehen.

Einen Meter neunzig groß und mit dem Körper eines Athleten, war er für einen bekennenden Workaholic überraschend fit. Seine außergewöhnliche Attraktivität hatte ihm den Ruf eines Frauenhelden eingebracht. In den vergangenen Monaten hatte es allerdings nur eine Frau in seinem Leben gegeben – Calisto, die Exfrau des Schweizer Unternehmers Xavier Bethune.

Da sein Team ihn erwartete, kehrte Alexei in sein modernes Büro unter Deck zurück. Wenige Minuten später kam Calisto herein. Da er sie in seine Villa an der Küste geschickt hatte, um seine Ruhe zu haben, überraschte ihn ihre Anwesenheit. „Du glaubst nicht, was ich in deiner Villa entdeckt habe!“, rief sie.

„Hoffentlich etwas, das diese Störung rechtfertigt“, konterte er mit einem ernsten Unterton, als er von seinem Laptop aufblickte und die aufgebrachte Blondine musterte.

„Das Haus ist völlig verwahrlost! Der Swimmingpool ist nicht gereinigt, der Garten verwildert und der Kühlschrank leer.“ Ihre blauen Augen funkelten zornig. „Und als ich die Haushälterin zur Rede gestellt habe, meinte sie nur, Billie würde sich immer darum kümmern und sie hätte keine Anweisungen bekommen.“

Calisto Bethune, ehemaliges Model, war eine atemberaubende Schönheit. Als junger Mann hatte er sie geliebt und wieder verloren, und nach ihrer Scheidung gehörte sie nun endlich wieder ihm.

„Hörst du mir überhaupt zu, Alexei?“, hakte sie nun ungeduldig nach. „Letzten Monat konnten wir die Jacht nicht benutzen, weil die Überholung sich verzögert hat. Und wer war dafür verantwortlich? Immer wenn etwas in deinem Leben schiefläuft, ist dieser Billie daran schuld!“

„Bis vor wenigen Monaten hat Billie sich um all meine Anwesen und um meine gesellschaftlichen Verpflichtungen und Reisearrangements gekümmert. Leider hat sie darauf bestanden, sich eine Auszeit zu nehmen, und ihre Nachfolgerin war so unfähig, dass ich sie nach vier Wochen feuern musste …“

Die Stirn gekraust, betrachtete Calisto ihn. „Dieser Billie ist eine … Frau?“

„Ja, warum nicht?“ Da er keine Lust hatte, über derart banale Dinge zu sprechen, widmete er sich wieder seinem Laptop. Seiner Meinung nach hatte er schon genug Zugeständnisse gemacht, indem er Calisto überhaupt zuhörte.

„Und diese Billie hat darauf bestanden, sich eine Auszeit zu nehmen? Seit wann dürfen deine Angestellten so mit dir umspringen?“

Alexei runzelte die Stirn, bevor er aufstand und sie aus dem Büro in den luxuriösen Salon führte. „Ich kenne Billie schon, seit sie noch ein Kind war. Sie ist auf Speros aufgewachsen. Und sie darf sich mehr Freiheiten herausnehmen als der Rest meines Teams …“

Plötzlich gefror ihre Miene. „Ach ja?“

„Bisher hat Billie mir immer zur Verfügung gestanden, wenn ich sie brauchte. Normalerweise nimmt sie keinen Tag frei, geschweige denn Urlaub. Sie hat rund um die Uhr sehr hart für mich gearbeitet.“ Sein Tonfall war ausdruckslos, aber auch er gab Billie die Schuld an den vielen Problemen, die ihn seit Monaten nervten.

Billie Foster, seine Assistentin und Mädchen für alles, seine rechte Hand, die sein bedingungsloses Vertrauen genoss, hatte sich eine achtmonatige Auszeit genommen, um sich um ihre schwangere Tante in England zu kümmern, die vor Kurzem ihren Mann verloren hatte. Unwillkürlich presste Alexei die Lippen zusammen, als er daran dachte, was ihre lange Abwesenheit alles nach sich gezogen hatte.

Niemals hätte er sich träumen lassen, dass Billie so egoistisch sein konnte. Obwohl sie gewusst hatte, was es für ihn bedeutete, war sie abgereist. Er war zu nachsichtig mit ihr gewesen und hätte es ihr verweigern sollen. Er hätte ihr sagen müssen, dass sie ihren Job verlieren würde, wenn sie ging. Wofür zahlte er ihr schließlich so ein großzügiges Gehalt? Er hätte wirklich mehr von ihr erwartet, zumal sie seiner Familie viel verdankte.

„Eine Ehefrau würde sich um deine Anwesen und deine gesellschaftlichen Verpflichtungen kümmern“, bemerkte Calisto leise. „Dann würdest du auch keine Billie brauchen.“

Alexei war zu clever und kannte die Frauen gut genug, um sich manipulieren zu lassen. Deswegen zuckte er nur die Schultern und bat den Steward, ihnen Kaffee zu bringen. Calisto mochte die erste Frau sein, die mehr als einige Wochen mit ihm verbrachte, aber eine Heirat stand für ihn nicht zur Debatte. Schließlich wusste er nur zu gut, wie teuer das Scheitern einer Ehe werden konnte. Sein verstorbener Vater hatte drei ebenso schmutzige wie kostspielige Scheidungen durchgefochten. Auch wenn er flüchtig an eine Ehe mit Calisto gedacht hatte, konnte sie ihn noch gewaltig enttäuschen. Schließlich hatte er die Erfahrung gemacht, dass Frauen unberechenbar und selten ehrlich waren.

Während er seinen Kaffee trank, schaltete Calisto den CD-Player ein und begann, aufreizend zu tanzen. Er ignorierte sie geflissentlich und fragte sich, was sie damit zu erreichen versuchte. Er fand es eher abstoßend. Wenn Calisto zu viel getrunken hatte, konnte sie ziemlich peinlich sein.

Plötzlich fiel ihm ein buntes Tuch auf einem Barhocker ins Auge. Er stand auf und nahm es in die Hand. Es gehörte Billie, die auf schrille Farben stand. Ein vertrauter, etwas altmodischer Pfirsichduft stieg ihm in die Nase, und irritiert stellte Alexei fest, wie starkes Verlangen in ihm aufwallte. Er konnte es sich beim besten Willen nicht erklären, denn er kannte keine Frau, die sexuell so unerfahren war wie Billie. Schnell legte er das Tuch wieder weg …

„Du wirst all das hier vermissen …“ Billie machte eine ausholende Geste, als sie mit ihrer Tante auf die belebte Londoner Einkaufsstraße trat. „Nach Johns Tod habe ich es für eine tolle Idee gehalten, dass du mit mir nach Griechenland kommst. Aber jetzt fühle ich mich schuldig. Auf der Insel ist nicht viel los …“

„Du bist nur müde und wieder niedergeschlagen“, tadelte Hilary, eine große, schlanke Blondine Ende dreißig mit sanften braunen Augen. Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit ihrer kleineren rothaarigen Nichte mit den grünen Augen. Nun, da Billie hochschwanger war, wirkte sie fast genauso breit wie groß. Nachdem sie mit ihr in den Bus gestiegen war, hielt sie einen fröhlichen Monolog darüber, wie sehr sie das englische Wetter hasste und sich darauf freute, in Ruhe das Buch schreiben zu können, das sie schon lange plante.

Billie, die viel erschöpfter war, als sie zugeben wollte, nahm ihr das alles nicht ab. Um für sich und ihr Baby das Beste zu tun, hatte sie Hilary in ihre Pläne eingeweiht, wurde allerdings zunehmend von Gewissensbissen geplagt. Umso erleichterter war sie, als sie in die gemütliche Doppelhaushälfte ihrer Tante zurückkehrten und sich mit einer Tasse Tee ins Wohnzimmer setzten.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich nach einem Tapetenwechsel und einem Neuanfang sehne, und beides hätte ich mir ohne deine Unterstützung nie leisten können“, gestand ihre Tante zerknirscht. „Hättest du mir in Johns letzten Wochen finanziell nicht unter die Arme gegriffen, würde ich nicht einmal mehr hier wohnen. Durch deine Großzügigkeit konnten wir hier bleiben, bis er ins Pflegeheim gekommen ist. Und in seiner vertrauten Umgebung bleiben zu können hat ihm sehr geholfen.“

Beinahe versagte ihr die Stimme – ihr Mann war erst vor wenige Monaten verstorben.

„Das habe ich gern getan“, versicherte Billie. Sie liebte ihre Tante, die in ihrer Kindheit oft ihre einzige Bezugsperson gewesen war, obwohl sie weit entfernt wohnte.

Billie dachte an ihre Mutter, die auf die griechische Insel Speros gezogen war, als sie selbst acht Jahre alt gewesen war. Sie war verantwortungslos gewesen, und ihre wechselnden Freunde waren ihr immer wichtiger gewesen als die Bedürfnisse ihrer Tochter. Hilary, schon immer die Vernünftigere, hatte sie oft angerufen oder besucht, um sie an ihre Mutterpflichten zu erinnern.

Nun stöhnte sie. „Du hast uns allen viel zu viel geholfen. Du hast deiner Mutter ein Haus gekauft, John und mir ein zinsloses Darlehen gegeben …“

„Und gebe ein Vermögen für das Haus aus, das ich auf Speros baue“, warf Billie ein, der die Lobeshymnen ihrer Tante unangenehm waren. „Hätte ich das Geld bloß angelegt und die Möglichkeit einkalkuliert, dass ich irgendwann vielleicht nicht mehr für Alexei arbeiten möchte …“

„Niemand hat eine Kristallkugel. Mit sechsundzwanzig bist du noch sehr jung, auch wenn du jetzt vielleicht nicht so denkst“, beruhigte Hilary sie. „Du hattest einen tollen Job und hast viel verdient. Deshalb brauchst du keine Zukunftsängste zu haben.“

Hilarys Worte trösteten sie nicht, weil sie sich große Vorwürfe wegen ihres verschwenderischen Lebensstils machte. Sie war in Armut aufgewachsen, hatte oft Hunger gehabt und sich verstecken müssen, wenn der Vermieter ihrer Mutter vorbeikam, um die ausstehenden Beträge zu kassieren. Daraus hätte sie eigentlich lernen und etwas für schlechtere Zeiten beiseitelegen müssen

„Außerdem ist der Vater deines Babys ein sehr reicher Mann“, erklärte ihre Tante energisch.

Krampfhaft umklammerte Billie das Taschentuch in ihrer Hand. „Eher sterbe ich, als Alexei so gegenüberzutreten. Zum Glück hatte ich gerade einen Termin im Krankenhaus, als er hier war, um mich zu besuchen!“

„Ja, damit hatten wir nicht gerechnet. Zum Glück wollte er nicht reinkommen und hatte es offenbar eilig. Sonst hätte er wahrscheinlich gemerkt, dass ich nicht besonders schwanger aussehe“, meinte Hilary trocken.

Nur zu gut erinnerte Billie sich daran, wie entsetzt sie gewesen war, als sie erfuhr, dass Alexei, der gerade geschäftlich in London zu tun hatte, ohne Vorankündigung vor der Tür gestanden hatte. Was für ein Schock wäre es für ihn gewesen, wenn sie ihm geöffnet hätte! Es war reines Glück gewesen, dass er nichts gemerkt hatte und ihre Lüge, dass ihre Tante schwanger war, nicht aufgeflogen war. Als sie ihn danach anrief, um ihn zu fragen, ob er ihre Hilfe benötige, hatte er gelacht und gesagt, es wäre ein spontaner Entschluss gewesen, weil er vor seinem Rückflug noch Zeit gehabt hatte.

„Falls dir je der Mut fehlen sollte, Alexei Drakos gegenüberzutreten, würde ich es für dich tun“, verkündete Hilary angriffslustig.

Billie hob das Kinn. „Es ist nicht so, dass ich Angst hätte …“

„Ich weiß. Aber du liebst ihn und möchtest ihn vor den Folgen seines eigenen Verhaltens schützen.“

Prompt errötete Billie. „Nein“, entgegnete sie scharf. „Ich habe meinen Stolz und meine eigenen Pläne. Ich brauche Alexei nicht. Wenn ich nach der Geburt des Babys noch mindestens ein Jahr für ihn arbeite, kann ich genug Geld sparen, um meine eigene Firma zu gründen.“

Hilary verkniff sich eine scharfe Bemerkung, weil sie Billie nicht beunruhigen wollte. Schließlich hatte diese schon miterleben müssen, wie der Vater ihres Kindes – der Mann, den sie liebte – zu seiner alten Flamme zurückgekehrt war. Sie wollte Gerechtigkeit für ihre Nichte. Alexei Drakos war mit Billie, einer Angestellten, ins Bett gegangen, ohne zu verhüten, und hatte das Ganze am nächsten Tag schon vergessen. Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie seine neue Beziehung ohne Skrupel zerstört, indem sie die Presse von Billies Schwangerschaft unterrichtete.

Noch an diesem Abend setzten bei Billie die Wehen ein – eine Woche vor dem errechneten Termin, und trotz der Geburtsvorbereitungskurse geriet Billie fast in Panik, als sie aufwachte und merkte, was mit ihr geschah. Ihre Tasche war schon gepackt, alles war für das große Ereignis vorbereitet. Sie hatte es satt, mit diesem riesigen Bauch herumzulaufen und sich schlaflos im Bett hin- und herzuwälzen. Gleichzeitig empfand sie eine tiefe Zärtlichkeit und konnte die Ankunft dieses kleinen Wesens kaum erwarten. Es mochte ungeplant sein, aber schon jetzt wurde es über alles geliebt.

Im Krankenhaus tat sich in der Nacht nicht viel. Am Mittag des nächsten Tages kamen die Wehen häufiger. Als Billie schon ziemlich erschöpft war, stellte der Arzt fest, dass das Kind sich gedreht hatte und es zum Geburtsstillstand gekommen war.

„Das Baby ist ziemlich groß, sodass es wohl nicht ohne Hilfe zur Welt kommen wird. Soweit ich weiß, wurde das Thema Kaiser­schnitt schon bei Ihren Vorsorgeuntersuchungen angeschnitten?“, meinte er.

Da sie völlig außer Atem war, nickte Billie nur.

Hilary, die an ihrem Bett saß, nahm ihre Hand. „Alles wird gut …“

Von da an ging alles ganz schnell. Nachdem die Hebamme ihr alles Wichtige erläutert und sie für den Eingriff vorbereitet hatte, musste Billie nur die Einverständniserklärung unterschreiben und wurde in den OP geschoben. Benommen hörte sie kurz darauf, wie die Hebamme sagte:

„Es ist ein Junge, Billie!“

Als ihr Sohn zu schreien begann, machte ihr Herz einen Sprung. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als man ihr das Baby in den Arm legt. Zärtlich betrachtete sie das kleine Gesicht mit den dunklen Augen. Das dichte schwarze Haar hatte er ebenfalls von seinem Vater. „Er ist … wunderhübsch“, brachte sie gerührt hervor, während sie ihm mit der Fingerspitze über die weiche Wange strich.

Dieser Moment entschädigte sie für alles, was sie auf sich genommen hatte, um ihn zur Welt zu bringen.

„Wie willst du ihn nennen, Billie?“, fragte ihre Tante, nachdem man sie in ihr Zimmer gebracht und sie den Kleinen wieder der Hebamme überreicht hatte.

„Nikolos“, flüsterte Billie.

„Ist ein griechischer Name nicht ziemlich verräterisch?“

„Ich habe von meinem achten Lebensjahr an in Griechenland gelebt“, erinnerte Billie sie und schloss die Lider, während sie sich an ihre erste Begegnung mit Alexei Nikolos Drakos vor siebzehn Jahren erinnerte …

Die Jungen riefen ihr Schimpfwörter zu, als Bliss ihnen an den Strand folgte. Obwohl sie die Bedeutung der Wörter nicht verstand, wusste sie, dass es etwas Schlimmes war, versuchte aber, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Wenigstens redeten die Jungen mit ihr und nahmen sie wahr. Die Mädchen in der Dorfschule schnitten sie, tuschelten hinter ihrem Rücken und warfen ihr abfällige Blicke zu. Ähnlich wurde ihre Mutter von den Frauen im Dorf behandelt. Nach einem Jahr war Bliss bewusst geworden, dass das Leben auf einer kleinen griechischen Insel sehr einsam sein konnte für ein fremdes Mädchen.

Sie hasste alles an sich – dass sie so klein und dünn war, ihr rotes Haar und ihre helle Haut, die in der Sonne sofort verbrannte. Und dass sie keinen Vater hatte, machte sie umso mehr zu einer Außenseiterin in einer Gesellschaft, in der alleinerziehende Frauen ohnehin misstrauisch beäugt wurden. Und obwohl sie es niemals zugegeben hätte, beschämte ihre Mutter sie am meisten.

Wie Lauren oft genug betonte, war sie erst dreißig und konnte daher nicht wie eine „vertrocknete alte Jungfer“ leben. Sie war Künstlerin und hatte in dem Dorf ein kleines Haus gemietet, wo sie ihre Aquarelle an die wohlhabenden Gäste aus dem Wellnesshotel auf der anderen Seite der Insel verkaufte. Keine der einheimischen Frauen zog sich so an wie sie. Lauren trug keinen BH und lief immer in abgeschnittenen T-Shirts und knappen Bikinihöschen herum. Bliss hielt sie mit ihrem langen blonden Haar, dem Bauchnabelpiercing und den langen, gebräunten Beinen für sehr schön, was allerdings offenbar nur die Männer zu schätzen wussten, denn Lauren hatte immer nur Freunde.

An jenem Tag war Alexei aus einem der Fischerboote gestiegen, die man an den Strand gezogen hatte, sodass sie zuerst nicht gewusst hatte, wer er war. Da er ziemlich groß war, hielt sie ihn zuerst für einen Erwachsenen, als er stirnrunzelnd in ihre Richtung blickte und dann die Jungen zur Rede stellte und von ihnen wissen wollte, was los war. Diese verstummten sofort und wechselten betretene Blicke. Als er sie nach ihrem Namen fragte, verriet einer der Jungen ihn ihm.

„Bliss“, wiederholte Alexei mit ausdrucksloser Miene, während er auf sie zuging. „Du bist also die kleine Engländerin. Bliss ist ein alberner Name. Ich nenne dich Billie …“

„Das ist ein Jungenname“, wandte Bliss ein.

„Er passt besser zu dir“, erklärte er schulterzuckend und betrachtete sie kühl aus seinen goldbraunen Augen. Dann wandte er sich wieder ab und sprach einen der älteren Jungen an, Damon Marios, den Sohn des Arztes. Da sie die Sprache gerade erst lernte und er so schnell redete, konnte sie ihm nicht folgen. Damon wurde jedoch rot und bohrte verlegen die Zehen in den Sand.

„Wer war das?“, fragte sie Damon, nachdem Alexei in den Wagen, der am Hafen auf ihn wartete, gestiegen und weggefahren war.

„Alexei Drakos.“

Mehr brauchte er ihr nicht zu sagen. Selbst sie wusste, dass die Familie Drakos in einer Luxusvilla mit Blick auf eine wunderschöne Bucht am anderen Ende der Insel residierte. Das prachtvolle Haus befand sich seit über hundert Jahren in ihrem Besitz, genau wie das Hotel, die Geschäfte und die meisten Häuser im Dorf. Die Familie kontrollierte alles, was Speros betraf, und bestimmte sogar, wer dort lebte und arbeitete. Sie hatte hier das Sagen und herrschte mit eiserner Hand. Die Einheimischen waren damit jedoch zufrieden, weil die Jobs im Hotel gut bezahlt waren und die Geschäfte Geld einbrachten. Alexeis Vater hatte sogar eine neue Schule und eine kleine Klinik gebaut, und während die jungen Leute die anderen Inseln verließen, nahm die Bevölkerung hier ständig zu.

„Mum, ist die Familie Drakos sehr reich?“, erkundigte sich Bliss, als ihre Mutter an diesem Abend kochte, was selten vorkam.

„Die schwimmen im Geld“, erwiderte Lauren und schnitt ein Gesicht. „Aber sie sind nicht einen Deut besser als wir. Constantine, der alte Drakos, war dreimal verheiratet und blieb kinderlos. Dann ist seine russische Mätresse Natasha, die nur halb so alt ist wie er, mit Alexei, seinem einzigen Kind, schwanger geworden. Constantine hat sich von seiner dritten Frau scheiden lassen und Natasha zwei Tage vor der Geburt geheiratet …“

Nach diesem Tag war die Schule nicht mehr ganz so schlimm. Von da an nannten alle sie Billie. Die Jungen hörten auf, sie zu ärgern, und Damons Schwester Marika wechselte im Vorbeigehen einige Worte mit ihr. Aber sie durfte nie andere Kinder zu sich nach Hause einladen und wurde auch nie eingeladen. In dem Hotel, wo sie oft als Kellnerin jobbte, lernte ihre Mutter ständig irgendwelche Männer kennen. Als sie elf Jahre alt war, begriff Billie, die ihren richtigen Namen inzwischen überhaupt nicht mehr benutzte, dass die Einheimischen an Laurens lockerem Lebensstil Anstoß nahmen und deshalb auch sie ausschlossen.

Zwei Tage nach ihrem elften Geburtstag begegnete sie Alexei Drakos zum zweiten Mal. Sie war gerade unterwegs, als plötzlich ein Gewitter aufzog, und so rannte Billie die Hafenstraße entlang nach Hause. Alexei, der in seinem Strandbuggy vorbeikam, nahm sie mit und bestand darauf, sie zur Tür zu bringen.

„Wo ist deine Mutter?“, erkundigte er sich, nachdem er sich in dem kleinen Haus umgesehen hatte.

„In Athen“, erwiderte sie in aller Unschuld. „Sie hat am Freitag die Fähre genommen …“

„Das war vor vier Tagen“, warf er schroff ein. „Und wo ist sie in Athen?“

„Sie hat Freunde dort.“

„Hast du ihren Namen oder ihre Telefonnummer?“, hakte er nach. Draußen donnerte es ohrenbetäubend. Sie wurde blass und zuckte zusammen.

„Nein. Wozu auch? Ich komme prima allein zurecht.“

„Und wann kommt sie wieder?“

„Nächsten Freitag.“

Alexei fluchte leise, bevor er in die Küche ging und den Kühlschrank öffnete. „Und was hast du zu essen? Der Kühlschrank ist leer.“

„Im Regal sind Konserven“, antwortete Billie steif, weil sie sich irgendwie von ihm bedroht fühlte. „Aber das geht dich nichts an.“

„Du musst mit zu mir kommen.“

„Auf keinen Fall. Ich will hierbleiben“, protestierte sie.

Doch er hob sie kurzerhand hoch, verfrachtete sie in seinen Buggy und fuhr mit ihr zur Villa seiner Eltern. Ohne ihre Proteste zu beachten, zog er sie hinein und schilderte seinen Eltern auf Griechisch die Situation. Sein Vater zuckte nur die Schultern und kehrte in sein Büro zurück, während seine glamouröse Mutter sie abfällig musterte. Daraufhin übergab Alexei, der trotz seiner sechzehn Jahre so selbstsicher und entschlossen wie ein Erwachsener auftrat, Billie der Haushälterin, und sie verbrachte die drei folgenden Nächte in dem Flügel, in dem die Angestellten untergebracht waren. Dort kümmerte man sich um sie und gab ihr etwas Vernünftiges zu essen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte nur ihre Tante Hilary so großes Interesse an ihr gezeigt.

Wäre sie ein ganz normales Mädchen gewesen, hätte sie sich als Teenager wahrscheinlich in Alexei verknallt. Schließlich wurde er von allen Mädchen auf Speros vergöttert. Er sah aus wie ein Filmstar und hatte sich schon sehr früh den Ruf eines Playboys erworben und war ständig für irgendeine Sensationstory in der Regenbogenpresse gut. Billie hingegen fand ihn in erster Linie dominant.

Als sie später in Athen auf die weiterführende Schule ging und nur die Wochenenden zu Hause verbrachte, verliebte sie sich in Damon Marios, der anders als sie eine teure Privatschule besuchte und ihr immer auf der Fähre begegnete. Zu dem Zeitpunkt war sie siebzehn und glaubte, er würde ihre Gefühle erwidern, weil sie sich heimlich im Café trafen, zusammen spazieren gingen und gemeinsame Interessen entdeckten.

Natürlich war es naiv von ihr gewesen, zu glauben, er würde etwas anderes in ihr sehen als die uneheliche Tochter eines Flittchens, die leichter zu haben war als die anderen Mädchen auf der Insel. Noch ganz deutlich erinnerte Billie sich an die nackte Angst, die sie eines Abends am Fähranleger gepackt hatte, als Damon plötzlich ihre Hand losließ und sich von ihr abwandte. Als sie aufblickte, sah sie Alexei auf sie beide zukommen. Er war inzwischen im letzten Ausbildungsjahr und wirkte schon richtig erwachsen. Während der Fahrt auf der Fähre ignorierte Damon sie geflissentlich, als wäre sie eine Fremde.

„Ich nehme dich mit“, erklärte Alexei schließlich im Hafen, da Damon mit gesenktem Kopf nach Hause eilte.

„Das ist nicht nötig.“ Obwohl ihr sechster Sinn sie warnte, stieg Billie zu ihm in den Sportwagen.

„Ich versuche nur, dich vor einem großen Fehler zu bewahren“, bemerkte Alexei trocken. „Deine Mutter hat sicher nichts dagegen.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest …“

„Von Damon, der herausragenden Persönlichkeit der Familie Marios. Er wird mit dir schlafen, aber er wird dich niemals ernst nehmen oder dich seinen Eltern vorstellen. Hast du es vorhin nicht begriffen, als er in meiner Gegenwart so getan hat, als würde er dich nicht kennen?“

Seine Worte schmerzten wie ein Messerstich. Sie wandte sich zu ihm um und funkelte ihn wütend an. „Du kennst ihn doch überhaupt nicht!“

„Doch, sehr gut sogar. Seine Familie wird dich niemals akzeptieren, und er hat nicht das Rückgrat, um dich zu kämpfen. Er ist ein netter Kerl, aber er tut, was man ihm sagt. Also lass ihn lieber jetzt sausen …“

„Du kannst dir deine guten Ratschläge sparen!“, schrie sie ihn auf Griechisch an.

„Wie du meinst“, erwiderte er trügerisch sanft. „Aber behalte bloß deinen Slip an. Alle griechischen Männer wollen eine Jungfrau heiraten.“

„Wie kannst du so etwas sagen!“, fuhr Billie ihn an. „Ich liebe Damon …“

„Du bist erst siebzehn und weißt noch gar nicht, was Liebe bedeutet“, erklärte er spöttisch. Er hielt vor ihrem Haus und beugte sich über sie, um die Beifahrertür zu öffnen, als könnte er sie gar nicht schnell genug loswerden. Sein maskuliner Duft, der sich mit dem seines Aftershaves mischte, stieg ihr in die Nase. Prompt erstarrte sie, denn es war das erste Mal, dass sie einen Vorgeschmack auf Intimität mit einem Mann bekam – eine flüchtige Intimität, die sie vor Erregung erschauern ließ.

„Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so verabscheut wie dich“, sagte Billie, so kühl und beherrscht sie konnte.

„Es gibt genug Frauen, die verrückt nach mir sind“, konterte Alexei amüsiert. „Es fällt also gar nicht auf, wenn ein kleines Mädchen nicht zu meinen Fans zählt …“

„Wie kann man nur so eingebildet sein?“ Aufgebracht riss sie die Tür auf und sprang aus dem Wagen.

2. KAPITEL

Ein Jahr später beendete Billie die Schule und schrieb sich an der Universität für Wirtschaftswissenschaften ein. Um ihr Studium zu finanzieren, musste sie viele Stunden in der Woche in einer Bar arbeiten. Mit einundzwanzig trat sie ihren ersten Job in einer kleinen Importfirma in Piräus an, wo man ihr trotz ihres Einsatzes nur langweilige Verwaltungsaufgaben anvertraute und ihre männlichen Kollegen die Lorbeeren einstrichen. Als sie im darauf folgenden Jahr die Stellenausschreibung von Drakos sah, in der das Unternehmen eine Assistentin der Geschäftsleitung suchte, bewarb sie sich sofort.

Alexei Drakos hatte schon nach kurzer Zeit keine Lust mehr gehabt, in der firmeneigenen Reederei für seinen Vater, den mehrfachen Milliardär, zu arbeiten. Deshalb hatte er bereits mit vierundzwanzig Drakos Industries gegründet und damit Millionen verdient. Er entwickelte sich schon jetzt zu einem Furcht einflößenden Tycoon. In einem Artikel hatte ihn das Time Magazine als den Hai bezeichnet und geschildert, wie er sich in erstaunlich kurzer Zeit vom Jetset-Playboy zum gewieften Unternehmer entwickelt hatte.

Zusammen mit einigen anderen Bewerberinnen, die in die engere Auswahl gekommen waren, musste Billie ein zweitägiges Assessment-Center durchlaufen. Die Aufgaben waren kaum zu bewältigen, doch achtundvierzig Stunden später erfuhr sie, dass sie weitergekommen war und nun ein Bewerbungsgespräch mit Alexei hatte. Dass er selbst aktiv am Auswahlverfahren teilnahm, wunderte sie.

Als sie in ihrem schicken Outfit sein großes, elegantes Büro in Athen betrat, war sie furchtbar angespannt. Alexei, der sie in seinem schwarzen Designeranzug an einen Panther erinnerte, musterte sie von Kopf bis Fuß. „Ich war überrascht, als ich deinen Namen auf der Bewerberliste entdeckt habe.“

Ruhig erwiderte sie seinen Blick und stellte dabei fest, dass seine maskulinen Züge inzwischen noch markanter waren. „Ich möchte nur, dass jemand mir die Chance gibt, einen vernünftigen Job machen, in dem ich meinen Verstand einsetzen kann …“

„Und du dachtest, ich könnte das?“ Forschend betrachtete er sie, wobei der harte Zug um seine sinnlichen Lippen sie nicht gerade ermutigte. „Welche Qualifikationen kannst du mir bieten?“

„Ich bin sehr diskret und arbeite schnell und viel. Außerdem habe ich gute Ideen …“

„Jeder hat gute Ideen.“

„Ich kann hervorragend organisieren und bin sehr flexibel.“

Unter seinem durchdringenden Blick bewegte sie sich unbehaglich, weil sie sich plötzlich all ihrer äußerlichen Unzulänglichkeiten bewusst war. Es schien ihr, als würde sein perfektes Äußeres ihre Makel hervorheben. Sie hatte das Haar zu einem Zopf geflochten und wusste, wie stark der Kontrast ihrer grünen Augen zu ihrer hellen Haut war. Zwar verfügte sie über weibliche Kurven, die sie allerdings nicht betonte, weil sie sich zu klein fand. Aber sie hatte eine schmale Taille und schöne Beine.

„Bei der ausgeschriebenen Position handelt es sich um die einer Assistentin für mich.“

Erst jetzt begriff sie, warum Alexei das Bewerbungsgespräch selbst führte. „Dann würde ich gern wissen, was der Aufgabenbereich umfasst.“

„Die erfolgreiche Bewerberin wird sich um alles kümmern müssen, wofür ich keine Zeit habe. Sie wird viel mit mir reisen und zahlreiche Überstunden machen müssen. Zum Aufgabengebiet gehört alles, von Terminen bei meinem Schneider bis hin zum Besorgen von Geschenken und dem Abwehren von Frauen, mit denen ich nichts mehr zu tun haben möchte“, erklärte Alexei. „Ich muss ihr rückhaltlos vertrauen können. Der Arbeitsvertrag wird deshalb eine Verschwiegenheitsklausel enthalten, sodass eine Vertragsstrafe fällig wird, wenn irgendetwas über mich an die Öffentlichkeit dringt.“

Billie war erstaunt. Selbst wenn es so klang, als würde sie sich ausschließlich um seine privaten Belange kümmern müssen, würde es sich ausnehmend gut in ihrem Lebenslauf machen, wenn sie direkt für Alexei Drakos arbeitete.

„Ich möchte jemanden einstellen, der zu jeder Tageszeit verfügbar ist …“

„Eine Sklavin also?“ Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen, als seine Züge sich verhärteten.

„Aber eine gut bezahlte. Ich habe keine geregelte Arbeitszeit. Und ich will niemanden, der die Stunden zählt oder bestimmte Aufgaben nicht übernehmen möchte.“

Billie nickte. Die Aussicht darauf, viel zu reisen, fand sie ausgesprochen verlockend, und sie sagte sich, dass sie einer solch anspruchsvollen Tätigkeit durchaus gewachsen war.

Alexei verabschiedete sie, ohne ihr seine Entscheidung mitzuteilen.

In der darauf folgenden Woche bekam sie die Zusage. Das vereinbarte Gehalt war doppelt so hoch, wie sie erwartet hatte, was ihr buchstäblich den Atem raubte. An ihrem ersten Arbeitstag erschien sie in ihrem neuesten Kostüm.

„Du brauchst eine etwas schickere Garderobe“, informierte Alexei sie, nachdem er sie flüchtig gemustert hatte. Verlegen errötete sie. Er überreichte ihr eine Visitenkarte. „Und beim ersten Mal komme ich für die Kosten auf …“

Unbehaglich verspannte sie sich. „Das ist nicht nötig.“

„Betrachte dich mal im Spiegel. Du siehst aus wie eine Vogelscheuche“, sagte er ungerührt. „Und was nötig ist, entscheide immer ich.“

Entgeistert nahm sie die Karte entgegen und ging noch am selben Nachmittag in ein exklusives Geschäft, in dem man ihr zu einem figurbetonten Kostüm und hochhackigen Pumps riet, einem Outfit, das sie vorher niemals zur Arbeit angezogen hätte. Am dritten Tag trug sie einen kurzen Rock, der ihre Hüften betonte, und eine taillierte Jacke, in der ihre vollen Brüste zur Geltung kamen. Als sie sich im Spiegel betrachtete, fühlte sie sich unbehaglich.

„Dreh dich um“, wies Alexei sie während seiner Frühstückspause lässig an und musterte sie dann abschätzend. „Schon viel besser.“

„Ich ziehe ein formelleres Äußeres vor“, informierte sie ihn gestelzt.

Seine goldbraunen Augen funkelten, und er lachte schallend. „Du bist jung und hübsch. Mach das Beste daraus.“

Plötzlich war Billie sich seiner unwiderstehlichen Anziehungskraft überdeutlich bewusst und verspürte ein sinnliches Prickeln, das sie beunruhigte. Aber obwohl sie es zu unterdrücken versuchte, fühlte sie sich geschmeichelt, weil dieser Mann, der mit den schönsten Frauen der Welt verkehrte, sie als hübsch bezeichnet hatte. Anscheinend waren die hohen Absätze und der kurze Rock doch keine so schlechte Idee gewesen.

Sein Team bestand nur aus Männern, und sie wurde geflissentlich ignoriert, bis Alexei sie mitten in der Nacht anrief, weil er ihre Unterstützung bei einem Problem brauchte, und diese Männer dann feststellten, dass sie zwischen ihnen und Alexei vermittelte. Nachdem das Eis gebrochen war, fragte sie einige Tage später einen von ihnen, warum man sie ausschloss.

Panos warf ihr einen unbehaglichen Blick zu. „Früher oder später enden alle Kolleginnen mit Alexei im Bett“, erzählte er widerstrebend. „Nach ungefähr einer Woche wird die betreffende Frau dann auf einen anderen Arbeitsplatz versetzt. Innerhalb kurzer Zeit haben schon vier Ihren Job gemacht und sind wieder gegangen.“

Billie ließ sich nichts anmerken und lächelte. „Bei mir wird das nicht passieren. Ich werde lange hierbleiben.“

Von da an begegnete sie Alexei misstrauischer, obwohl ihr bald klar wurde, dass er nicht daran schuld war. Die Frauen warfen sich ihm förmlich an den Hals. Sein Liebesleben schockierte sie, weil sie durch ihren Job fast alle Frauen kennenlernte, mit denen er eine Affäre hatte. Im zweiten Monat in seiner Firma verbrachte er die Nacht mit einem Zwillingspärchen, beide Models und nicht besonders intelligent, auf seiner Jacht.

„Geh mit ihnen shoppen, Billie“, wies er sie an und warf ihr seine Kreditkarte zu. „Geld spielt keine Rolle.“

Mit den beiden kichernden Blondinen fuhr sie im Beiboot an Land, und während sie sie in mehrere exklusive Boutiquen begleitete, musste sie mit anhören, wie Alexei im Bett war. Als sie sich endlich von den beiden verabschieden konnte, stand für sie fest, dass sie sich so etwas nicht noch einmal antun wollte. Sofort sprach sie Alexei darauf an, als sie ihn bei ihrer Rückkehr an Bord auf dem Deck antraf.

„Mute mir bitte nicht noch einmal zu, deine Freundinnen zu begleiten, die deine Leistungen im Bett erörtern“, brauste sie auf und funkelte ihn dabei wütend an.

Nachdem er ihr einen erschrockenen Blick zugeworfen hatte, lachte er zu ihrer Überraschung schallend. „Und, wie habe ich abgeschnitten?“

„Das ist kein Thema, über das ich mit meinem Arbeitgeber sprechen möchte“, erwiderte sie pikiert.

„Du bist wirklich hoffnungslos prüde.“ Lässig lehnte er sich an das Geländer. Sein schwarzes Haar und sein dunkler Teint bildeten einen faszinierenden Kontrast zu seinem hellen Anzug. „Das wundert mich. Wir haben beide Eltern, die nichts anbrennen lassen, und trotzdem scheint es sich ganz unterschiedlich auf uns ausgewirkt zu haben.“

„Ich bin nicht prüde“, entgegnete Billie scharf und lauter als beabsichtigt, weil seine Anspielung auf den lockeren Lebensstil ihrer Mutter sie beschämte. An diesen Teil ihres früheren Lebens wollte sie nicht erinnert werden.

„Dass ich heute mit zwei Frauen gefrühstückt habe, hat dir nicht gepasst, Billie“, konterte Alexei trocken. „Aber deine Meinung interessiert mich nicht. Mein Privatleben geht nur mich etwas an. Von dir erwarte ich nur, dass du deine Arbeit machst.“

Sofort verspannte sie sich. „Und ich habe dir gesagt, dass es Grenzen für mich gibt. Heute Morgen haben Katia und Kerry sie überschritten. Es war mir peinlich, mich mit ihnen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie ziehen sich an wie Flittchen und benehmen sich auch so …“

„Ich schlafe nicht mit Flittchen“, unterbrach Alexei sie schroff. „Noch so eine Bemerkung, und du bist gefeuert.“

Nun platzte ihr der Kragen. „Weil ich Wertvorstellungen habe? Weil ich während der Arbeit respektvoll behandelt werden möchte?“

„Du hast keine Wertvorstellungen, sondern bist engstirnig. Bevor ich dich eingestellt habe, habe ich dich gewarnt, dass ich hohe Erwartungen an dich stelle …“

Entschlossen, sich von dem zornigen Funkeln in seinen Augen nicht einschüchtern zu lassen, hob Billie das Kinn. „Mit Katia und Kerry bist du einen Schritt zu weit gegangen …“

„Wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, dass du meine Anweisungen befolgst, nützt du mir nichts. Ich lasse mir von keinem meiner Angestellten vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe, und niemand darf sich über seine Aufgaben beschweren“, erklärte er kühl. „Also, wenn das der Fall ist, kannst du deinen Schreibtisch räumen, und ich lasse dich nach Athen fliegen.“

Da sie nun nicht mehr zurückkonnte, ging Billie in ihre Kabine, um ihre Sachen zu packen. Wie konnte Alexei Drakos es wagen, sie als prüde zu bezeichnen?

Wegen des lockeren Lebenswandels ihrer Mutter war sie Männern gegenüber immer sehr vorsichtig gewesen. Sie kleidete sich niemals aufreizend, flirtete nicht mit den Freunden oder Männern anderer Frauen. Flüchtiger Sex kam für sie nicht infrage. Sie hatte bisher nur drei Freunde gehabt – Damon und zwei Kommilitonen – und deren Versuche, sie ins Bett zu bekommen, immer erfolgreich abgewehrt. Ein Mann wie Alexei Drakos wäre der Letzte gewesen, den sie sich als Partner gewünscht hätte.

Als Billie am nächsten Tag nach Speros zurückkehrte, musste sie ihrer Mutter erzählen, warum sie ihren Job verloren hatte.

„Warum hast du dich nicht einfach über diese Frauen amüsiert? Warum musst du immer alles so ernst nehmen?“, meinte Lauren verständnislos. „Du ziehst einen Traumjob an Land, und dann vermasselst du alles!“

„Spar dir das bitte, Mum“, erwiderte Billie genervt. „Keine Angst, ich kann deine Miete für die nächsten Monate noch bezahlen, und bis dahin habe ich einen neuen Job gefunden.“

„Aber keinen, der so gut bezahlt ist. Was ist bloß in dich gefahren?“, rief Lauren. „Alexei Drakos ist ein junger, gut aussehender, alleinstehender Typ und verhält sich ganz normal. Natürlich will er sich in seinem Alter und mit seinen Möglichkeiten noch nicht binden. Was geht dich das an?“

„Ich mag einfach seine Einstellung und seinen Lebensstil nicht, und ich kann mich nicht davon abgrenzen, wenn ich ständig mit ihm zusammen bin.“

Lauren warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Du bist in ihn verknallt und bloß eifersüchtig …“

„Das bin ich nicht!“, entgegnete Billie, wütend und verstört zugleich über diese Unterstellung.

„Er ist umwerfend. Ich würde nicht Nein sagen.“ Aufreizend warf Lauren das lange blonde Haar zurück.

Billie widerstand dem Drang, ihrer Mutter zu sagen, dass das Wort Nein ihr ohnehin selten über die Lippen kam. Da diese ihre besten Jahre mittlerweile hinter sich hatte, gab es nicht mehr so viele Männer in ihrem Leben. Trotzdem hatte sie sich einen jungen Liebhaber zugelegt.

Fühlte Billie sich tatsächlich mehr zu Alexei hingezogen, als sie sich eingestehen wollte? Hatte sie die Zwillinge deshalb abgelehnt? War sie insgeheim eifersüchtig auf die freizügigen Models? Bei dem Gedanken schauderte sie. Alexei sah umwerfend aus, und sie war eine ganz normale Frau, der das nicht entgehen konnte. Das bedeutete allerdings nicht, dass sie sich körperlich zu ihm hingezogen fühlte, oder? Und selbst wenn es so gewesen wäre, hätte es zu nichts geführt. Alexei mochte nur attraktive Frauen, und sie war zu vernünftig, um sich hinreißen zu lassen, selbst wenn er schwach werden sollte. Beschämt über das immer stärker werdende Gefühl, dass sie vielleicht doch nicht so prinzipientreu war, wie sie geglaubt hatte, lag sie bis zum Morgengrauen wach.

Am nächsten Tag kehrte sie nach Athen zurück, wo sie mit zwei anderen Frauen eine Wohnung teilte. Sie musste vor Ort sein, wenn sie einen Job suchte. Das Intermezzo bei Alexei hakte sie ab, doch sie musste schon bald feststellen, dass selbst die kurze Beschäftigung bei ihm ihr in ihrem Lebenslauf zum Nachteil gereichte. Vier Wochen später war sie nicht mehr so wütend auf Alexei, aber umso zorniger auf sich selbst, weil sie sich ihre berufliche Zukunft verbaut hatte.

So war sie in keiner guten Stimmung, als es eines Abends an der Tür klingelte und sie sich beim Öffnen einem Mitarbeiter aus Alexeis Sicherheitsteam gegenübersah. „Mr Drakos möchte mit Ihnen sprechen. Ich bin mit den Wagen hier“, informierte er sie, bevor er sich abwandte und nach unten ging. Dass sie seine Einladung ablehnen könnte, kam ihm offenbar überhaupt nicht in den Sinn.

Billie trat vor den Spiegel im Flur. Das frisch gewaschene Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Sie trug ein Baumwolltop, abgeschnittene Jeans und Ballerinas. Energisch hob sie das Kinn. Was wollte Alexei von ihr? Wenn sie das Treffen mit ihm ablehnte, würde sie es wahrscheinlich bitter bereuen. Vielleicht wollte er etwas mit ihr besprechen, das während ihrer Tätigkeit bei ihm in ihren Aufgabenbereich gefallen war. Kurz entschlossen nahm sie ihre Handtasche, eilte hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.

Alexei besaß ein elegantes Apartment in Athen, eine seiner vielen Immobilien auf der ganzen Welt. Sie erinnerte sich noch an sein Stadthaus in Venedig, ein Schloss in Südfrankreich, ein Penthouse in New York, ein Chalet in der Schweiz und eine Ranch in Australien. Sich um diese Anwesen und die Angestellten zu kümmern, war Teil ihres Aufgabengebiets gewesen.

Alexei telefonierte gerade auf Französisch, als seine Haushälterin sie in den großen Wohnbereich mit den extravaganten Designermöbeln und den exquisiten Kunstobjekten führte. Er trug ein offenes Hemd, eine Leinenhose und war barfuß. Offenbar hatte er gerade geduscht, denn sein schwarzes Haar glänzte feucht.

Allein bei seinem Anblick pochte ihr Herz wie wild. Er war der Inbegriff ungezügelter Männlichkeit. Das aufgeknöpfte Hemd gab den Blick auf seine behaarte Brust und seinen durchtrainierten Bauch frei, von dem Katia und Kerry so geschwärmt hatten … unter anderem. Da ihr Mund plötzlich ganz trocken und sie seltsam kurzatmig war, verdrängte Billie diese Gedanken schnell, allerdings nicht ohne den Blick vorher noch tiefer schweifen zu lassen.

Prompt spürte sie, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, und sah ihm schnell in die Augen. „Du wolltest mich sprechen?“

Mit einem Handzeichen bedeutete er ihr, zu warten, bis er das Gespräch beendet hatte. Am liebsten hätte sie ihn wieder angeschrien. Er hatte sie hierher beordert und ließ sie nun einfach so stehen. Und so würde es immer sein. Die Welt lag ihm zu Füßen, weil er ein Drakos war. In seinem Leben ließen die Leute einfach alles stehen und liegen, um ihm zu Diensten zu sein. So war er es von klein auf gewohnt.

Constantine Drakos hatte sein einziges Kind wirklich vergöttert. Jede Erkältung, die Alexei durchmachte, war für seinen Vater ein Drama gewesen, und er hatte schon als kleiner Junge einen Bodyguard gehabt. Ein charakterschwaches Kind wäre durch ein derart behütetes Leben traumatisiert gewesen, aber Alexei hatte ständig dagegen rebelliert. In der Schule hatte er die gefährlichsten Sportarten ausgeübt, er war mit den Fischern aufs Meer hinausgefahren, hatte Segeln gelernt und schließlich sogar seinen Pilotenschein gemacht. Er war immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen gewesen und hatte sich von nichts und niemandem zurückhalten lassen.

„Entschuldigung.“ Nun seufzte Alexei und legte sein Telefon weg. „Setz dich.“

Billie sank auf das Sofa hinter ihr, faltete die Hände im Schoß und sah ihn fragend an.

„Seit du gekündigt hast, hatte ich zwei neue Assistentinnen, aber ich habe mich von beiden wieder getrennt. Sie sind mit deiner Arbeit nicht fertig geworden …“

„Zum Schluss bin ich das auch nicht mehr“, erwiderte sie.

„Für mich ist es wichtig, mich nicht um den ganzen Kram, der mit meiner Position zusammenhängt, kümmern zu müssen – all meine Anwesen, die privaten Einladungen und meine Verwandten. Ich muss mich aufs Geschäft konzentrieren“, fügte er ungeduldig hinzu. „Wenn ich nicht arbeite, möchte ich meine Freizeit genießen. In den sechs Wochen deiner Tätigkeit hatte ich wirklich meine Ruhe. Ich möchte, dass du wieder für mich arbeitest.“

Seine Worte schmeichelten ihr und machten ihr gleichzeitig zu schaffen. „Ich halte das für keine gute Idee. Wir haben uns nicht verstanden.“

„Ich habe dich eigentlich kaum bemerkt“, erklärte er. „Du bist sehr still.“

Er hatte sie also gar nicht richtig wahrgenommen. Argwöhnisch begegnete sie seinem Blick, und prompt krampfte ihr Magen sich zusammen. „Ich dachte, das wolltest du auch.“

Plötzlich runzelte Alexei die Stirn. „Warum bist du eigentlich immer so verkrampft? Das ist mir schon früher aufgefallen. Und jetzt sitzt du da, als würde ich dich gleich den Haien zum Fraß vorwerfen!“

Abwehrend verschränkte Billie die Arme vor der Brust. „Ich weiß nie, was du als Nächstes sagst oder tust. Und das macht mich … nervös.“

„Du könntest lernen, damit zu leben. Wenn du gleich morgen anfängst, verdoppele ich dein Gehalt“, sagte Alexei leise und betrachtete Billies rotes Haar, das in der Sonne schimmerte. Eigentlich bevorzugte er Blondinen, aber zum ersten Mal fand er ihr rotes Haar und ihre helle, makellose Haut attraktiv.

„Aber ich habe noch gar nicht gesagt, dass ich zurückkomme, und dieses Angebot ist völlig verrückt!“

Amüsiert verzog Alexei die Lippen. „Ich kann es mir leisten. Und von mir aus kannst du dir auch eine Assistentin zulegen, die sich um die Frauen in meinem Leben kümmert.“

Dass er sie unbedingt zurückhaben wollte, schmeichelte ihr natürlich. Als Alexei lächelnd vor ihr im Sonnenlicht stand, das durch die Fenster fiel, war Billie sich zum ersten Mal überhaupt seines umwerfenden Charmes bewusst. Er bot ihr ein weit überdurchschnittliches Gehalt für einen Job, den sie gern machte. Wenn sie so viel verdiente, konnte sie nicht nur die Miete für ihre Mutter bezahlen, sondern sich auch bald ein eigenes Haus kaufen.

„Na gut“, erwiderte sie schroff. „Ich fange morgen an.“

„Du hast keinen anderen Job gefunden, oder?“

„Mir ist keine plausible Ausrede dafür eingefallen, dass ich schon nach sechs Wochen bei dir gekündigt habe!“

Alexei lachte. „Du hättest behaupten können, ich hätte mich an dich herangemacht. Das hätte dir jeder sofort geglaubt.“

Wieder errötete sie und wich seinem Blick aus. „Auf die Idee bin ich überhaupt nicht gekommen.“

Vielleicht ist mir auch nie in den Sinn gekommen, dass irgendjemand geglaubt hätte, ich hätte ihn abblitzen lassen, gestand sie sich ein.

3. KAPITEL

„Damit sollte alles unter Dach und Fach sein“, verkündete Alexei, bevor er den Laptop zurückschob. Dann stand er auf, streckte sich und warf einen Blick auf die goldene Rolex an seinem Handgelenk. Es war nach ein Uhr morgens. „Du hättest mir sagen sollen, dass es schon so spät ist.“

Billie blinzelte und unterdrückte ein Gähnen. „Das habe ich.“

Seine Mundwinkel zuckten. Billie war die einzige Mitarbeiterin, die ihm je Kontra gab. Er betrachtete sie – das ärmellose weiße Top, unter denen ihre Brüste sich verführerisch abzeichneten. Als er sich vorstellte, wie sie nackt aussehen mochten, flammte heißes Verlangen in ihm auf. Diese unmittelbare Reaktion erschreckte ihn. Anscheinend war es zu lange her, seit er das letzte Mal mit einer Frau zusammen gewesen war.

Jetzt nahm sie die Jacke von der Lehne, die sie vor einer Weile ausgezogen hatte. In den zwei Jahren, die sie nun für ihn arbeitete, hatte sie immer hochgeschlossene Sachen getragen und das Haar aufgesteckt oder zusammengebunden. In einem Alter, in dem andere Frauen so viel Haut wie möglich zeigten, hob sie sich mit ihrer Zurückhaltung von der Masse ab. Und das machte sie umso verführerischer, wie Alexei sich eingestehen musste. Seltsamerweise weckte diese Vorstellung sofort Schuldgefühle in ihm. Andererseits war er sich sicher, dass sie noch Jungfrau war, so ungewöhnlich es auch sein mochte.

„Du wirst heute hier schlafen müssen. So spät kannst du deine Mutter nicht mehr stören“, bemerkte er, während er zum Haustelefon griff, um seine Haushälterin Anna zu informieren.

„Es stört sie bestimmt nicht, wenn ich sie wecke“, protestierte Billie. Sie wollte nicht in der Villa übernachten, in der sie sich ohnehin nicht wohlfühlte.

„Sei nicht albern“, fiel er ihr unwirsch ins Wort und brachte sie damit zum Schweigen.

Billie errötete. Wenige Minuten später wurde die Tür geöffnet, aber es war nicht seine Angestellte, sondern seine Mutter Natasha.

„Ich bringe Sie nach oben“, sagte die schlanke, immer noch schöne Brünette und lächelte dabei gekünstelt.

Nie war Billie sich ihrer Herkunft deutlicher bewusst als in Gegenwart von Alexeis ebenso glamouröser wie herablassender Mutter.

Als Alexei etwas zu ihr sagte, trat ein warmer Ausdruck in ihre dunklen Augen. Dann verließ Natasha den Raum, um Billie die breite Treppe hinauf nach oben zu führen. „Arbeiten Sie oft so lange für meinen Sohn?“

„Nein, nicht so oft. Aber ich werde gut bezahlt. Und die Überstunden gehören einfach dazu“, erwiderte Billie.

Als Alexeis Mutter eine Tür öffnete, betrat Billie unbehaglich den Raum. Warum Natasha Drakos etwas dagegen hatte, dass sie für Alexei arbeitete, konnte sie sich nicht erklären. Vermutlich war Lauren Fosters Tochter Natashas Meinung nach einfach nicht gut genug für eine solche Position.

Ihre Gastgeberin wollte gerade wieder gehen, als Billie das Männerhemd auf dem Teppich liegen sah. „Ist das hier … Alexeis Zimmer?“, fragte sie bestürzt.

„Ja, warum? Ich dachte …“ Natasha Drakos zuckte die schmalen Schultern.

„Da irrst du dich“, ließ Alexei sich im nächsten Moment vernehmen und brach das peinliche Schweigen.

Billie spürte, wie ihre Wangen brannten, und schaffte es kaum, ihn oder seine Mutter anzublicken. „Ich sollte jetzt nach Hause fahren …“

„Tut mir leid“, entschuldigte Natasha sich leise. „Ich habe es falsch verstanden.“

Da Billie keine Szene machen wollte, folgte sie ihr dann in das Zimmer nebenan, doch sie fühlte sich erniedrigt. Sie war hoch qualifiziert und leistete hervorragende Arbeit. Also warum ging Natasha Drakos davon aus, dass sie auch mit Alexei schlief?

„Wahrscheinlich halten Sie sich für sehr clever, weil Sie den Job ergattert und sich Alexeis Vertrauen erschlichen haben“, sagte Natasha leise und funkelte sie dabei mit unverhohlener Feindseligkeit an. „Aber Sie vergeuden nur Ihre Zeit. Er ist ein Drakos, und obwohl er sofort mit Ihnen schlafen wird, wenn er gerade nichts Besseres hat, wird er niemals unter seinem Stand heiraten.“

Flüchtig spielte Billie mit dem Gedanken, sie darauf hinzuweisen, dass sein Vater genau das getan hatte, als er seine schwangere Geliebte heiratete, ein unbekanntes Model aus einfachen Verhältnissen. Aber so etwas war noch nie ihre Art gewesen, und sie wollte Natasha nicht unnötig gegen sich aufbringen.

Zum Glück ging diese dann auch, und Billie atmete erleichtert auf. Wenigstens wusste sie jetzt, warum Alexeis Mutter sie nicht mochte. Anscheinend glaubte sie ihrem Sohn nicht, dass er nicht mit seiner Assistentin schlief. Die Vorstellung, dass Natasha sie für so berechnend hielt, fand Billie noch ganz amüsant, aber nicht ihre Anspielung, dass sie für Alexei im Bett nur zweite Wahl wäre.

Als sie kurz darauf in dem bequemen Bett lag, überlegte sie, wie verletzend manche Frauen waren. Dass sie nicht gut aussah, wusste sie selbst. Schließlich war sie im Schatten einer attraktiven Mutter aufgewachsen, und Alexei umgab sich nur mit umwerfenden Schönheiten. Billie kannte ihre Vorzüge und ihre Fehler. Und nun fragte sie sich auch, ob es ein Fehler gewesen war, mit keinem der Männer auszugehen, die Interesse bekundet hatten, seit sie für Alexei arbeitete.

Billie lag in dem vom Mondlicht erhellten Raum und sann über die schockierende Erkenntnis nach, dass andere Männer nicht mehr attraktiv für sie waren, seit sie Alexei jeden Tag sah. Er hatte mehr Sex-Appeal als jeder andere Mann, dem sie je begegnet war. Auch wenn sie sich dagegen wehrte, ihren Arbeitgeber nicht so zu sehen, betrachtete sie ihn gern und war auch gern mit ihm zusammen, weil er witzig und dynamisch war und erstaunlicherweise auch immer zu wissen schien, was Frauen mochten. Nur er bestellte ihr nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag einen heißen Kakao mit Sahne oder spendierte ihr eine Hot-Stone-Massage, wenn sie Kopfschmerzen hatte. Unzählige Male waren ihm Dinge aufgefallen, die andere Männer niemals gemerkt hätten.

Vielleicht war es also ihre Schuld, dass Alexeis Mutter sich genötigt gefühlt hatte, sie zu warnen. In dem Moment wurde es Billie zum ersten Mal klar, dass sie ihm für eine Angestellte viel zu nahestand. Irgendwann musste ihr Schutzwall eingestürzt sein. Alexei war ein brillanter Geschäftsmann, und es war aufregend, für ihn zu arbeiten. Aber sie bewunderte ihn zu sehr, wie sie sich widerstrebend eingestehen musste. Während sie sein aktives Liebesleben früher missbilligt hatte, ignorierte sie es jetzt und sagte sich, dass seine Freundinnen erfahrene Frauen waren, die wussten, worauf sie sich einließen. Wann hatte sie angefangen, nach Erklärungen dafür zu suchen?

Als sie sich in ihren Chef verliebt hatte?

Billie war schockiert über diese Erkenntnis und gleichzeitig wütend auf sich selbst, weil sie ihre Gefühle so lange geleugnet hatte. Nicht wenige der Frauen, mit denen Alexei eine Affäre gehabt hatte, hatten sich bei ihr ausgeweint, als sein Interesse nachließ. Sie hatte ihnen Taschentücher gereicht und sie mit hohlen Phrasen abgespeist, um derartige Probleme von ihm fernzuhalten. Warum hatte erst Natasha sie derart provozieren müssen, damit ihr klar wurde, dass sie dem Feuer zu nahe gekommen war und sich verbrannt hatte, ohne es überhaupt zu merken? Ob es für andere genauso offensichtlich war? Bei der Vorstellung zuckte sie innerlich zusammen und gelangte zu dem Entschluss, dass sie etwas Abstand brauchte, um sich und ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Sie wollte nicht zu jenen bedauernswerten Frauen gehören, die jahrelang für den Mann arbeiteten, den sie liebten, ohne von ihm wahrgenommen zu werden.

Als Billie am nächsten Morgen wie gerädert aufwachte, erfuhr sie, dass sie an diesem Tag freihatte, weil Alexei im Morgengrauen mit seinem Vater Angeln gefahren war. Einer der Wachmänner brachte sie zu dem Haus im Dorf, das sie ein halbes Jahr zuvor für ihre Mutter gekauft hatte. Dies war nicht einfach gewesen, weil mindestens ein Dorfbewohner sich bei der Familie Drakos darüber beschwert hatte, dass eine Ausländerin auf der Insel Grundbesitz erwerben durfte, und sicher hatte Laurens Ruf dabei auch eine Rolle gespielt. Zum Glück hatte Constantine Drakos die Proteste im Keim erstickt und dem Verkauf zugestimmt.

„Mein Vater findet, dass du und deine Mutter lange genug auf der Insel lebt, um zur Gemeinschaft zu gehören“, hatte Alexei ihr erzählt.

„Das freut mich. Ich möchte, dass meine Mutter eine Bleibe hat, die ihr niemand mehr wegnehmen kann“, hatte Billie ihm anvertraut und hinzugefügt, dass das Geld für sie so besser angelegt war, als wenn sie es ihrer Mutter für die Miete gegeben hätte.

Lauren hatte sich riesig über ihr neues Zuhause gefreut und sich viel Mühe gegeben, um es einzurichten und zu dekorieren.

Während sie lächelnd die blühenden Geranien vor den Fenstern betrachtete, klopfte Billie an die Tür des weißen Hauses. Ein Fremder öffnete. Etwa dreißig, mit langem braunem Haar und unrasiert, in T-Shirt und Shorts, wirkte er eher ungepflegt als cool.

„Du musst Billie sein“, meinte er fröhlich. „Lauren ist im Atelier.“

Der kleine sonnendurchflutete Raum auf der Rückseite des Gebäudes war der neue Arbeitsplatz ihrer Mutter. Als Billie eintrat, drehte Lauren sich von der Staffelei zu ihr um. „Als ich gestern Abend die Jacht in der Bucht gesehen habe, hatte ich dich eigentlich zurückerwartet.“

„Ich musste bis in die Nacht arbeiten. Hätte ich das geahnt, hätte ich angerufen.“ Billie ging zu ihr und küsste sie auf die Wange. „Wer ist dein Gast?“

„Dean? Er hat auf einem Boot gejobbt, das vor ein paar Wochen hier vor Anker gegangen ist. Wir haben uns in der Taverne kennengelernt, und er wollte eine Weile bleiben. Ich genieße seine Gesellschaft. Du weißt ja, wie es ist.“ Lauren warf Dean, der am Türrahmen lehnte, einen verliebten Blick zu.

„Ich gehe nur schnell nach oben und ziehe mich um.“ Billie musste warten, bis Dean ihr Platz machte.

Wie ihre Mutter ganz richtig bemerkt hatte, wusste sie, wie es sich mit deren Freunden verhielt. Normalerweise handelte es sich um Rucksacktouristen, Aussteiger oder Saisonarbeiter, die sich die Gelegenheit auf kostenlose Unterkunft und Verpflegung auf einer idyllischen griechischen Insel nicht entgehen ließen. Billie konnte sich nicht entsinnen, wann ihre Mutter das letzte Mal einen Gast gehabt hatte, der sich in irgendeiner Weise an den Kosten beteiligt hätte. Aber sie wollte sich ihren kurzen Besuch nicht durch Deans Anwesenheit verderben lassen.

Nachdem sie ein Top und Shorts angezogen hatte, machte sie in der Küche Salat. Als sie den Tisch deckte und dabei flüchtig aufblickte, stellte sie fest, dass Dean ihr unverhohlen in den Ausschnitt blickte. Verlegen errötete sie.

Nicht zum ersten Mal wünschte sie, sie hätte ihr eigenes Domizil auf der Insel. Wenn sie auszog, würden die Einheimischen noch mehr über ihre Mutter tratschen, aber spielte das nach so vielen Jahren überhaupt noch eine Rolle? Andererseits hatte sie nur wenig Freizeit und schlief dann normalerweise auf der Jacht oder in einem von Alexeis Häusern. Was hätte sie also von einem eigenen Haus auf Speros? Es wäre nicht einmal eine sinnvolle Geldanlage, weil die Immobilienpreise künstlich niedrig gehalten wurden, denn Immobilien, die sich in Privatbesitz befanden, mussten beim Verkauf erst den Einheimischen angeboten werden.

Am Abend lud Billie ihre Mutter und Dean zum Essen in die Taverne ein. Inzwischen hatte sie gemerkt, dass ihre sonst so lockere Mutter ungewöhnlich scharf auf Dean zu sein schien, der zu viel trank und zu laut redete. Dass er ständig auf ihre Brüste starrte und obendrein schmutzige Witze erzählte, widerte Billie an. Also ging sie an diesem Abend früh ins Bett, schreckte allerdings aus dem Schlaf, als mitten in der Nacht die Zimmertür geöffnet wurde.

„Mum?“, fragte sie benommen und versuchte, die Augen zu öffnen, als sich jemand zu ihr aufs Bett setzte.

Der Geruch von Männerschweiß und Alkohol stieg ihr in die Nase, und im nächsten Moment spürte sie eine raue Wange an ihrer. „Ich bin’s, Dean. Sei leise, sonst wecken wir deine Ma, und das wollen wir doch nicht, oder?“

Panisch riss Billie die Augen auf und versuchte verzweifelt, ihn wegzustoßen, als er sich auf sie legte. „Verschwinde! Raus aus meinem Zimmer!“, schrie sie, so laut sie konnte.

Keine Minute später stürmte Lauren ins Zimmer und wollte wissen, warum ihr Freund gerade vom Bett ihrer Tochter fiel. Lauren hatte ebenfalls zu viel getrunken und warf ihr nun vor, sie würde ihr den Freund ausspannen. Billie sprang aus dem Bett, raffte ihre Sachen zusammen und stürmte ins Bad. Dabei musste sie ihre Mutter abwehren, die sich wie eine Furie auf sie stürzte und ihr eine Ohrfeige verpasste. Als sie wieder herauskam, schrie Lauren sie an, sie solle das Haus verlassen und niemals zurückkommen. Auf dem Weg nach draußen schnappte Billie sich ihre Tasche, die sie noch nicht ausgepackt hatte.

Tränenüberströmt und am ganzen Körper zitternd, lief sie zum Hafen und überlegte, was sie tun sollte. Am Horizont ging bereits die Sonne auf. In diesem Zustand wollte sie auf keinen Fall zur Villa der Drakos fahren. Die Sea Queen lag jedoch in der Bucht vor Anker, deshalb rief sie dort an und bat darum, sie mit dem Beiboot abzuholen. Die Crew würde sich nichts dabei denken, weil sie oft spontan ohne Alexei an Bord ging. Als das Boot kurz darauf anlegte, stieg Billie ein, und ihr Herz klopfte schneller, je weiter sie sich der Jacht näherten. Dass Kapitän McGregor extra aufgestanden war, um sie zu begrüßen, machte sie verlegen. Ein wenig argwöhnisch, wie es ihr schien, betrachtete er sie, und nachdem sie sich bei ihm entschuldigt und einige Sätze mit ihm gewechselt hatte, zog sie sich zurück.

Noch immer unter dem Schock der Ereignisse stehend, streifte sie sich die Schuhe ab und legte sich in der luxuriösen Kabine, die Alexei ihr zur Verfügung gestellt hatte, aufs Bett. Wie hatte ihre Mutter nur glauben können, sie würde mit ihrem Freund schlafen wollen?

Als es plötzlich laut klopfte, setzte sie sich auf. „Herein!“

Sie war schockiert, als Alexei hereinkam. Sein schwarzes Haar war zerzaust, er war unrasiert und trug Jeans sowie ein halb aufgeknöpftes weißes Hemd unter einem Smoking-Jackett.

„Was machst du hier?“, fragte sie, ohne nachzudenken.

„McGregor hat mich angerufen.“ Den Blick forschend auf sie gerichtet, setzt er sich neben sie aufs Bett. Während ihr bei Dean vor Angst und Ekel der kalte Schweiß ausgebrochen war, pochte nun ihr Herz aus anderen Gründen schneller.

„Warum hat der Kapitän dich angerufen?“, erkundigte Billie sich atemlos und spürte, wie Hitzewellen sie durchfluteten. „Es tut mir leid, dass du gestört wurdest, Alexei. Aber ich brauchte nur ein Bett für die Nacht und wollte nicht deiner Mutter begegnen. Bestimmt hätte sie es für unverschämt gehalten, wenn ich in der Villa aufgetaucht wäre.“

Nun umfasste Alexei ihr Kinn und drehte ihren Kopf so, dass der Schein der Nachttischlampe ihr Gesicht erhellte. Als er ihre gerötete Wange sah, runzelte er die Stirn und fluchte leise. „McGregor hat mich angerufen und mir erzählt, dass jemand dich angegriffen hat. Er hat sich Sorgen gemacht.“

„Angegriffen?“, wiederholte sie bestürzt.

„Du hast einen großen Kratzer auf der Wange und morgen früh wahrscheinlich auch ein blaues Auge“, meinte er. „Hast du sonst noch Verletzungen?“

Mit bebenden Fingern strich sie sich über die Wange. „Nein. Es geht mir gut.“

„Das würdest du auch behaupten, wenn du im Sterben liegen würdest!“, konterte er unbeeindruckt. „Was ist passiert?“

„Ich weiß deine Besorgnis wirklich zu schätzen, aber ich möchte nicht darüber reden“, erwiderte sie leise. Sie senkte die Lider, weil ihre Augen sich mit Tränen füllten. Dass er sich solche Sorgen um sie machte, war mehr, als sie ertragen konnte, und gleichzeitig schämte sie sich wegen des Vorfalls mit ihrer Mutter und deren Freund.

„Erzähl es mir“, beharrte Alexei mit einem drohenden Unterton, der ihre Anspannung noch verstärkte.

„Es war nichts Dramatisches“, begann Billie daraufhin mit bebender Stimme. „Mums Freund hat sich an mich herangemacht. Er hatte getrunken und ist in mein Zimmer gekommen, als ich geschlafen habe. Plötzlich lag er auf mir …“

„Er hat was getan?“ Alexei sprang vom Bett auf und funkelte sie wütend und ungläubig zugleich an. „Er hätte dich vergewaltigen können!“

„Es ist ja nichts passiert. Er hat mir solche Angst eingejagt, dass ich ihn angeschrien habe. Dann ist Lauren aufgewacht. Als sie ins Zimmer kam, hat sie die Situation falsch gedeutet …“ Nun konnte sie seinem Blick nicht mehr standhalten. „Sie hat mich geohrfeigt …“

„Weil sie dir die Schuld daran gegeben hat“, warf er ein. „Warum hast du bloß so viel Geld für sie ausgegeben und ihr ein Haus gekauft?“

„Ich weiß, sie ist nicht perfekt, aber sie ist meine Mutter“, erklärte sie ärgerlich.

„Wenn ein Mann in der Nähe ist, verhält sie sich überhaupt nicht wie eine Mutter“, höhnte Alexei. „Würdest du deine Bedürfnisse ernster nehmen, hättest du dieses Haus für dich gekauft. Du solltest nicht mit ihr unter einem Dach leben.“

Angesichts des Verhaltens ihrer Mutter würde sie das vermutlich auch nicht wieder tun. Vorhin war etwas in ihr kaputtgegangen. Auch wenn Lauren zu viel getrunken hatte, verletzte es Billie zutiefst, dass diese einem Mann, den sie erst wenige Wochen kannte, mehr vertraute als ihrer eigenen Tochter.

„Dafür ist es jetzt zu spät.“

Alexei, der sie noch immer forschend betrachtete, nickte grimmig. „Wir werden sehen.“

Als es wieder klopfte und er öffnete, sah sie das vertraute Gesicht des Arztes. Der ältere Mann, der sie schon seit ihrer Kindheit kannte, erschrak bei ihrem Anblick und bestand darauf, ihr Auge zu untersuchen. Der Kratzer war nicht tief und musste zum Glück nicht genäht werden. Sie sollte die Stelle nur kühlen.

„Und jetzt versuch, etwas zu schlafen“, wies Alexei sie an und verließ mit dem Arzt die Kabine, nachdem Billie eine Schmerztablette genommen hatte. „Wir unterhalten uns morgen.“

Sobald sie allein war, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie hörte, wie das Beiboot mit dem Arzt ablegte und wie es zurückkehrte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, denn sie hatte kein Auge zutun können. Nachdem der Steward ihr Tee gebracht hatte, betrachte sie sich im Spiegel und war entsetzt. Das Auge war zugeschwollen und ihre Wange violett.

Sie setzte ihre Sonnenbrille auf, bevor sie aufs Hauptdeck ging, um dort mit Alexei zu frühstücken. Er telefonierte gerade und gab ihr mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie nicht auf ihn warten sollte. Durch die Fenster zu seinem Büro sah sie einige Gesichter und errötete, weil die anderen Teammitglieder jetzt wohl vermuteten, dass sie eine Sonderbehandlung erfuhr. Gleichzeitig fragte sie sich besorgt, ob sich inzwischen herumgesprochen hatte, dass sie mitten in der Nacht an Bord gekommen war.

Plötzlich schlug Alexei einen Tonfall an, der darauf hindeutete, dass er mit einer Frau telefonierte. Da er Spanisch sprach, handelte es sich vermutlich um die Schauspielerin Lola Rodriquez, die er vor Kurzem in London kennengelernt hatte. Aber es geht mich nichts an, sagte Billie sich energisch.

„Lass mal sehen“, wandte er sich plötzlich an sie und nahm ihr die Sonnenbrille ab, um ihr Gesicht bei Tageslicht zu betrachten. Dann verzog er die Lippen. „Das sieht böse aus. Es dauert bestimmt ein paar Tage, bis das abgeklungen ist.“

Heftig entriss sie ihm ihre Sonnenbrille und setzte sie wieder auf. Seine Bemerkung hatte ihr gerade noch gefehlt!

„Der Freund deiner Mutter ist weg“, informierte er sie.

Billie krauste die Nase. „Weg? Wovon redest du eigentlich?“

„Ich habe ihn mir vorgenommen.“

„Und was soll das heißen?“, hakte sie nervös nach.

„Ich bin heute Nacht mit dem Arzt auf die Insel gefahren und habe diesen Kerl aufgefordert, Speros sofort zu verlassen.“

Wütend schob Billie den Stuhl zurück und stand auf. „Du hattest kein Recht dazu, dich einzumischen!“

„Deine Mutter hat sich entschuldigt, aber sie hat heute Morgen mit ihm die Fähre genommen. Die Nachbarn hatten sich über den Lärm beschwert, und vermutlich hat sie beschlossen, einmal eine Auszeit vom Inselleben zu nehmen.“

„Ach du meine Güte!“ Stöhnend sank sie wieder auf den Stuhl. „Was hast du ihr bloß gesagt?“

„Dass ich sie anzeige, wenn sie dir noch einmal wehtut …“

„Das geht dich überhaupt nichts an!“, fuhr sie ihn an. „Wie kannst du es wagen?“

„Du weißt doch selbst, dass wir Probleme hier auf diese Weise lösen. Jede Gemeinschaft braucht Regeln. Laurens Freund hätte dich vergewaltigen können, obwohl er wahrscheinlich nicht weit gekommen wäre, weil die Nachbarn so neugierig sind“, räumte Alexei mit einem spöttischen Funkeln in den Augen ein. „Wichtig ist nur, dass er die Insel verlassen hat und nie wiederkommt.“

„Aber Lauren ist auch weg. Du hast sie aus ihrem Haus vertrieben“, beschuldigte sie ihn.

„Keine Angst, deine Mutter kommt schon zurück. Sie verzichtet doch nicht auf das schöne Leben hier, das sie dir zu verdanken hat“, bemerkte er. „Allerdings weiß ich eine Lösung für deine Probleme.“

„Ich habe keine Probleme“, entgegnete sie hart und sprang auf, um in ihre Kabine zurückzueilen.

„Komm sofort wieder her, Billie!“

Sie bebte vor Zorn, trotzdem blieb sie stehen. Wohin hätte sie auch gehen sollen? Alexei und sie waren schon einmal aneinandergeraten, und sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass sie ihren Job kein zweites Mal zurückbekommen würde. Deshalb drehte sie sich langsam wieder um.

„Frühstücke zu Ende“, wies er sie ungeduldig an. „Wir verlassen in zehn Minuten die Jacht.“

Sie atmete tief durch, weil ihr in diesem Moment wieder einfiel, dass die anderen Teammitglieder sie beobachteten. Wie hatte sie das nur vergessen können? Angespannt setzte sie sich an den Tisch. Sie musste sich zwingen, überhaupt einen Bissen hinunter­zubringen …

4. KAPITEL

Im Hafen wurden sie von einem Bodyguard in einem Geländewagen abgeholt. Billie schwieg die ganze Zeit beharrlich.

„Ich habe dich noch nie schmollen sehen“, bemerkte Alexei.

„Du hast dich heute Nacht in mein Leben eingemischt, und dazu hattest du kein Recht“, erwiderte sie mit bebender Stimme.

Daraufhin nahm er ihre Hand, sodass sie sich zu ihm umwandte. Er blickte ihr in die Augen. „Ich habe getan, was getan werden musste. Du hast sonst niemanden, der deine Interessen wahrt. Also betrachte ich mich nicht nur als deinen Arbeitgeber, sondern auch als deinen Freund. Ich habe mich um Dean Evans gekümmert, und er hat begriffen.“

„Und was soll das jetzt wieder heißen?“ Entsetzt sah sie ihn an. „Du hast ihn doch nicht etwa geschlagen?“

„Glaubst du etwa, ich hätte ihm die Hand geschüttelt?“ Herausfordernd warf er den Kopf zurück. „Ja, ich habe ihn geschlagen.“

In stummer Verzweiflung schüttelte Billie den Kopf. Sie trug das Haar offen, um den Bluterguss in ihrem Gesicht ein wenig zu kaschieren. Ihr war klar, dass es keinen Sinn hatte, etwas zu sagen, zumal jeder Einheimische Alexeis Verhalten gutgeheißen hätte. In dieser Hinsicht war er durch und durch Macho. Wenn ihm jemand im Beruf in die Quere kam, schlug er zurück, sodass niemand ihn zum Feind haben wollte. Und er konnte jemandem erst verzeihen, wenn er ihn vorher bestraft hatte.

Als der Bodyguard von der Straße abbog und einen Weg an der Küste entlang einschlug, runzelte Billie die Stirn. „Wohin fahren wir?“

Der Fahrer hielt an und stieg aus, um ihr die Tür zu öffnen, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als auszusteigen.

„Ich möchte dir etwas zeigen …“

Billie unterdrückte ein resigniertes Seufzen und folgte Alexei die grasbewachsene Anhöhe hoch, auf der Schafe weideten. „Willst du hier ein Hotel bauen? Ist dieses Fleckchen nicht zu dicht an eurer Villa?“

„Hier soll kein Hotel entstehen“, erwiderte er trocken. „Ich biete dir das Grundstück an, damit du hier ein Haus bauen kannst.“

Fassungslos blickte sie ihn an. „Ich könnte es mir nicht leisten, das Grundstück zu kaufen …“

„Ich würde es dir schenken. Für mich wäre es praktisch, wenn du in der Nähe wohnen würdest.“

„Schenken? Meine Güte, was würde deine Familie dazu sagen?“ Billie deutete über die idyllische kleine Bucht mit dem feinen weißen Sand und dem türkisfarbenen Wasser. „Dieses Stück Land muss ein Vermögen wert sein!“

„Ich könnte dir auch ein Haus im Dorf geben. Aber dann müsste ich den Mietern erst kündigen.“

„Denk nicht einmal daran!“, entgegnete sie entsetzt.

„Außerdem würde es deine Probleme nicht lösen.“

„Begreifst du es denn nicht? Ich habe keine Probleme!“

„Du willst einfach nicht wahrhaben, wie deine Mutter dir das Leben schwer macht. Und solange du im Dorf wohnst, wirst du dich nicht von ihr abgrenzen können. Aber hier, am anderen Ende der Insel, hättest du deine Ruhe“, wandte Alexei ein.

Insgeheim musste sie ihm recht geben, und die Aussicht auf ein eigenes Häuschen in einiger Entfernung zu Lauren war wirklich verlockend. „Das kann ich auf keinen Fall annehmen. Deine Mutter ist mir gegenüber schon misstrauisch genug.“

Nun lachte er. „Na und? Du musst dein eigenes Leben leben.“

„Wenn es nur so einfach wäre …“

Wieder nahm er ihre Hand. „Du machst es dir selbst schwer. Ich habe mehr Geld, als ich je ausgeben kann. Und du brauchst ein eigenes Haus außerhalb des Dorfes. Du kannst hier bauen und es in Teilbeträgen bezahlen. Falls du ein Darlehen brauchst, kann ich es dir geben. Die Alternative wäre, dauerhaft in einer der Gästesuiten in unserer Villa zu wohnen.“

„Aber ich bin doch fast nie hier!“, protestierte Billie.

„Die Situation wird sich bald ändern. Mein Vater möchte sich aus Altersgründen aus dem Unternehmen zurückziehen, und ich habe mich bereit erklärt, die Reederei zu übernehmen. Ich werde also mehr Zeit auf der Insel verbringen, und du bist die Mitarbeiterin, der ich am meisten vertraue. Also keine Widerrede“, fügte er ungeduldig hinzu. „Du weißt, dass es eine gute Idee wäre.“

„Wenn ich das Grundstück annehme, wird das Haus zur Hälfte dir gehören. Das wäre die einzige faire Lösung.“

Alexei lächelte schief. „Wenn dein Haus zum Teil mir gehören würde, hätte meine Mutter schlaflose Nächte!“

„Ich aber nicht. Ich kann das Grundstück nicht als Geschenk annehmen. Dafür ist es zu viel wert“, sagte Billie eindringlich. „Du könntest es ihr erklären.“

„Es geht sie nichts an.“ Er musterte sie. Trotz des Blutergusses strahlten ihre grünen Augen, und das rote Haar umspielte ihr Gesicht. Noch nie hatte eine Frau ein Geschenk von ihm abgelehnt oder auf einer Gegenleistung bestanden. Er fragte sich, warum Geld ihr so wenig bedeutete. Und warum ihm vorher noch nie aufgefallen war, wie voll und weich ihre Lippen waren.

Billie spürte das starke Knistern zwischen Alexei und ihr, war jedoch unfähig, sich zu bewegen. Wie gebannt erwiderte sie seinen Blick, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Heiße Wellen der Sehnsucht durchfluteten sie, und sie spürte, wie die Spitzen ihrer Brüste hart wurden.

Dann zog er sie an sich und küsste sie so leidenschaftlich, dass sie weiche Knie bekam. Nur seine starken Arme hielten sie aufrecht, während er die Zunge aufreizend über ihre Lippen gleiten ließ. Sobald er ihren Widerstand gebrochen hatte, küsste er sie richtig, umspielte lockend ihre Zunge. Billie stöhnte leise. Es war das erste Mal, dass sie richtig erregt war, und dieses Verlangen löschte jeden klaren Gedanken aus. Sehnsüchtig drängte sie sich ihm entgegen und legte den Kopf zurück.

„Werde ich der Erste sein?“, fragte Alexei nach einer Weile rau.

„Ja“, erwiderte sie, ohne zu überlegen, besann sich dann allerdings auf ihren gesunden Menschenverstand. Als sie sich aus seinem Griff befreite, verspürte sie eine schmerzliche Leere.

Daraufhin nahm er ihre Hand und führte sie zum Wagen zurück, doch sie entzog sie ihm wieder.

„Nein, ich will das nicht!“, protestierte sie gequält.

Unvermittelt blieb er stehen und blickte sie verständnislos an. „Was willst du nicht?“

„Ich will keine von deinen vielen Eroberungen sein. Lass uns einfach die Zeit zurückdrehen. Vergiss den Kuss. Du bist mein Chef. Ich arbeite für dich … Keiner von uns möchte daran etwas ändern!“

„Du klingst ja fast hysterisch.“ Die Lider gesenkt und einen harten Zug um den Mund, fuhr er fort: „Alles ist im Fluss. So ist nun mal das Leben. Ich möchte sehen, wohin diese Anziehungskraft uns führt, moraki mou.“

„Nur weil du es nicht gewohnt bist, dass eine Frau Nein sagt … Aber ich tue es. Ich bin nicht wie die anderen … Ich will keine flüchtige Affäre“, erklärte Billie heftig.

„Wir können die Flammen nicht mehr löschen“, sagte er rau und sichtlich unbeeindruckt von ihren Worten.

„Es geht nur um Sex“, wandte sie ein. „Und den kannst du überall und mit viel schöneren Frauen haben. Also vergiss es einfach!“

„Während ich dich immer noch schmecke.“ Der verlangende Ausdruck in seinen Augen ließ sie heftig erschauern. „Ich werde diese Sehnsucht nicht vergessen, die du in mir weckst.“

„Hör sofort auf damit!“, rief sie und hob dabei abwehrend die Hände. „Es war nur ein Kuss, ein Fehler, aber er hat nichts bedeutet, und es wird auch nie wieder passieren.“

Ehe sie reagieren konnte, riss Alexei sie an sich, sodass sie seine festen Muskeln und seine Erregung spürte. „Wenn du sagst, es wird nie wieder passieren, begehre ich dich nur umso mehr.“

Sie blickte ihn flehend an. „Du weißt, dass es ein Fehler ist. Du möchtest, dass ich für dich arbeite und nicht mit dir ins Bett gehe.“

„Noch besser wäre es, wenn du beides tun würdest. Dann bräuchte ich nicht mehr so viele andere Frauen.“

„Und das beweist nur, wie wenig wir zusammenpassen, denn ich würde keine andere Frau akzeptieren! Ich würde dich mit niemandem teilen, egal, wie viele Geschenke du mir machst und wie sehr du mich verwöhnst.“

Nun lächelte er. „Du versuchst, mich abzuschrecken. Wie süß! Aber du kennst mich. Wenn ich etwas will, bekomme ich es auch.“

„Hast du mir das Grundstück etwa deswegen angeboten? Wolltest du mich kaufen?“, warf Billie ihm vor.

„Eigentlich müsstest du mich besser kennen, moraki mou. Auf jeden Fall würde ich einer Geliebten eher ein Geschenk machen, wenn die Affäre beendet ist, und nicht zu Anfang“, verkündete Alexei ungerührt.

Er stand vor ihr im Sonnenschein, atemberaubend attraktiv mit seinen markanten Zügen und dem dunklen Teint. Schnell wandte sie den Blick ab und stieg in den Wagen. Sie hoffte, der Bodyguard hatte den Kuss nicht gesehen. Falls doch, würden alle Angestellten es in kürzester Zeit erfahren. Beim geringsten Hinweis darauf, dass zwischen Alexei und ihr irgendetwas lief, würden ihre Kolleginnen und Kollegen sie nicht mehr respektieren.

„Ich war schon immer neugierig, was dich betrifft“, sagte Alexei, als sie zum Hafen zurückfuhren. „Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so stark zwischen uns funkt.“

Neugierig? Würde er nur aus Neugier mit ihr schlafen? Bestimmt, wie sie sich traurig eingestehen musste. Warum, zum Teufel, hatte sie bloß zugegeben, dass sie noch Jungfrau war? Das machte sie für ihn noch attraktiver. Schließlich war sie anders als die Frauen, mit denen er sonst ins Bett ging und die alle austauschbar waren – Schauspielerinnen, Models oder andere Prominente, normalerweise langbeinig und blond, immer schön, erfahren und ohne große Ansprüche. Sie traten in sein Leben und verschwanden wieder, ohne seine tägliche Routine zu stören.

Nur eine einzige Frau hatte Spuren hinterlassen, wie sie von Lauren wusste. Den Gerüchten zufolge hatte Alexei sich mit einundzwanzig in Calisto Kolovos verliebt, die Tochter eines reichen Fabrikanten. Calisto hatte jedoch einen Freund gehabt, Xavier Bethune, einen viel älteren Mann, der damals noch wohlhabender und einflussreicher gewesen war als Alexei. Später hatte sie ihn geheiratet, angeblich wegen seines Geldes, und es hieß, dass Alexei deswegen nie wieder Gefühle für eine andere Frau entwickelt hätte. Billie war nicht so naiv, zu glauben, dass sie ihn ändern konnte. Sie wollte mehr als Sex von ihm, und außerdem war ihr ihre Arbeit wichtiger als eine flüchtige Affäre.

Als sie wenige Minuten später an Bord der Jacht gingen, war die Atmosphäre äußerst spannungsgeladen. „Tu das nicht, Alexei“, sagte Billie leise, während sie über das Deck gingen.

„Was soll ich nicht tun?“, fragte er lässig.

„Es ist nicht fair, mich in so eine Position zu drängen.“

Sofort erstarrten seine Züge.

„Ich mag meinen Job“, sagte sie verlegen. „Mein Leben soll so bleiben, wie es ist.“

Bisher hatte noch nie eine Frau auf diese Art und Weise an sein Ehrgefühl appelliert, und es machte ihn wütend. Eigentlich hätte Billie wissen müssen, dass er integer war und deshalb einen Rückzieher gemacht hätte. Mühsam beherrscht entgegnete Alexei eisig: „Es fällt mir schwer, zu glauben, dass du das wirklich willst.“

Nachdenklich betrachtete Billie ihn. Alexei war ein mächtiger und reicher Mann, unwiderstehlich wegen seines blendenden Aussehens und seines Rufs als harter Geschäftsmann und Playboy. Die Frauen hatten ihn immer begehrt, und deshalb ging er davon aus, dass auch sie irgendwann schwach wurde. „Ich möchte meinen Job nicht verlieren“, fügte sie vorsichtig hinzu.

„Wenn ich dich rausschmeiße, kann ich dich also haben“, erwiderte er ausdruckslos.

„Du willst mich eigentlich gar nicht, und das weißt du. Ich bin nicht dein Typ“, wandte sie mit einem verzweifelten Unterton ein.

„Buch bitte einen Flug nach Monaco für mich, und nimm dir dann die nächsten Tage frei“, wies er sie vor seinem Büro an. „Du musst dich von den Vorfällen heute Nacht erholen. Und du kannst gern hier an Bord bleiben.“

Also hatte er ihr endlich zugehört. Seltsamerweise war sie jetzt enttäuscht. Alexei kannte unzählige willige Frauen in Monaco. Er würde sich dort in die nächste Affäre stürzen und sofort vergessen, dass er mit dem Gedanken gespielt hatte, mit ihr eine Affäre zu beginnen. Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Sie hatte getan, was getan werden musste, und nun musste sie sich endlich auf ihr Leben konzentrieren und sich einen Mann suchen, der zu ihr passte. Bisher hatte sie alle Einladungen abgelehnt, weil keiner an Alexei herangereicht hatte. Aber sie durfte nicht so wählerisch sein. Wenn sie sich von ihm abwandte, würde sie ihren Traumjob behalten.

Alexei war immer noch wütend. Wie hatte er, ein Drakos, sich so von einer Frau austricksen lassen können? Doch Billie hatte an sein Gewissen appelliert, und im Grunde seines Herzens musste er ihr Recht geben, so schwer es ihm auch fiel. Hatte er sie nicht gerade deswegen eingestellt? Sie zeichnete sich durch gesunden Menschenverstand und ihre innere Ruhe aus, und bis zu dem Kuss hatte er angenommen, dass sie sich nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ. Aber dann hatte sie sich sofort zurückgezogen. Sie ist wirklich nicht mein Typ, rief er sich ins Gedächtnis, als er später an Bord seines Privatjets unter der Dusche stand. Sie war nur eine Angestellte, und die Zeiten, in denen er mit Mitarbeiterinnen geschlafen hatte, waren längst vorbei. Es gab viele gute Gründe dafür, die Grenzen zu respektieren, aber Billie war diejenige, die sie ständig überschritt. War sie deswegen der einzige Mensch, der ihm das Gefühl vermittelte, dass er wirklich lebte? Sie ließ sich weder von ihm noch von seinem Geld oder seiner gesellschaftlichen Position beeindrucken. Es hatte ihm einen Kick verschafft, als er sie küsste und sie verträumt die Augen schloss. In dem Moment war sie ganz bei ihm gewesen.

Alexei runzelte die Stirn. Warum, zum Teufel, dachte er immer noch an sie? Ließ er sich etwa von seiner Lust steuern? Er hätte ihr Arbeitsverhältnis ohne Bedenken geopfert, hätte Billie in der Kabine im Bett auf ihn gewartet … Und er hätte auf die Moral und die langfristigen Folgen gepfiffen …

Drei Monate später hatte Billie ein Rendezvous mit einem charmanten italienischen Geschäftsmann namens Pietro Castronovo. Er führte sie in ein sehr schickes Restaurant in Florenz aus. Krampfhaft versuchte sie, seine Flirtversuche zu erwidern.

Um zehn rief Alexei sie an und ruinierte ihr den Abend. „Du hättest mich vorher fragen sollen. Pietro ist verheiratet und hat zwei Kinder.“

„Vielen Dank für die Information“, erwiderte sie ausdruckslos.

„Ich habe Arbeit für dich.“

„Und ich sitze gerade in einem Restaurant“, erinnerte sie ihn pikiert.

„Du hast hoffentlich nicht vor, noch mehr Zeit mit einem verheirateten Mann zu verbringen?“, erkundigte Alexei sich spöttisch.

Nachdem Billie das Gespräch beendet hatte, entschuldigte sie sich bei Pietro. „Ich nehme Alexeis Anrufe immer entgegen.“

„Er hält sehr viel von Ihnen“, bemerkte er.

Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, fragte sie unumwunden: „Sind Sie verheiratet?“

Als seine Züge sich verspannten, wusste sie die Antwort, noch bevor er bejahte. „Ich hätte Sie vorher fragen sollen. Hätte ich es gewusst, wäre ich nicht hier.“

Er versuchte, sie umzustimmen, aber sie blieb standhaft und fragte sich, warum sie viel wütender auf Alexei war als auf Pietro. Schließlich hatte er sie gerade noch rechtzeitig gewarnt. Vermutlich ärgerte es sie, dass ein Mann, der selbst sehr lockere Moralvorstellungen hatte, sie vor einem Fehler bewahrt hatte.

Als sie seine Penthouse-Suite in ihrem Hotel betrat, saß Alexei mit dem restlichen Team zusammen. Sie blickte ihn vorwurfsvoll an, hätte ihm aber niemals in Gegenwart der anderen gesagt, was sie von seinem Anruf hielt. Als die Besprechung zu Ende war und Billie auch gehen wollte, hielt er sie zurück.

„Und hast du Castronovo abgeschüttelt? Er kann sehr überzeugend sein“, meinte er ironisch.

„Ich kann durchaus auf mich selbst aufpassen“, erklärte sie steif. „Danke für deinen Anruf, aber misch dich bitte nicht wieder in meine Angelegenheiten ein.“

„Natürlich habe ich mich eingemischt. Mir war klar, dass du nicht wissentlich mit einem verheirateten Mann ausgehen würdest.“

Seine Mutmaßung, dass sie niemals etwas Unmoralisches tun würde, brachte sie noch mehr auf. „Das stimmt nicht ganz“, erwiderte Billie deshalb.

„Du warst eine halbe Stunde später wieder hier“, konterte Alexei amüsiert. „Du brauchst dich deiner Prinzipien nicht zu schämen. Viele Menschen haben nämlich überhaupt keine.“

Und trotzdem hätte sie ihn am liebsten geohrfeigt. Endlich hatte sie wieder ein Rendezvous gehabt, und alles war schiefgelaufen. Und dafür hasste sie ihn am meisten.

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