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In Andalusien wartet das Glück

1. KAPITEL

Sie wusste es, ohne sich umzudrehen.

Die Hitze, die plötzlich durch ihren Körper pulsierte, ihren Herzschlag rasen und ihre Atmung schneller werden ließ, signalisierte Sheryl Baker überdeutlich, dass die Person, die soeben vor dem Casa la Monta vorfuhr, nicht irgendwer war.

Weder eine Freundin oder ein Bekannter noch einer der Arbeiter und auch kein potenzieller Kunde. Sondern der Mann, den sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Der Mann, der sich einfach von einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben geschlichen und sie damit nicht nur beinahe um ihre Existenz gebracht, sondern ihr auch das Herz gebrochen hatte.

Ihr Ehemann.

Sheryl war gerade dabei, den Zaun, der das Gestüt umgab, abzuschmirgeln, um ihn für eine frische weiße Lackierung vorzubereiten – eine Aufgabe, die reichlich anstrengend war, zumal die Sonne hoch am Himmel stand und kaum ein Lüftchen wehte.

Für Hilfskräfte fehlten Sheryl die Mittel, und so hockte sie selbst auf dem Boden und versuchte, so schnell wie möglich voranzukommen, während ihr der Schweiß in Strömen übers Gesicht lief.

Als der Wagen hinter ihr vorfuhr, hielt sie inne. Die Versuchung, sich umzudrehen, war groß, doch sie erlag ihr nicht, und daran sollte sich auch nichts ändern. Wenn Jeremy etwas von ihr wollte, sollte er gefälligst um sie herum kommen oder sie zumindest ansprechen.

Sein Besuch kam nicht gänzlich unerwartet. Seit zwei Tagen wusste Sheryl, dass er sie sehen wollte. Vor zwei Tagen hatte sie nämlich erfahren, dass ihr Mann endlich aufgespürt worden war. Dass er überhaupt noch lebte. Und nicht bei einem Unfall ums Leben gekommen oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, ohne dass man seine Leiche jemals gefunden hatte.

Genau solche schrecklichen Szenarien waren Sheryl in den vergangenen zwei Jahren immer und immer wieder durch den Kopf gegangen. Tagsüber hatten sie sich in ihre Gedanken geschlichen, nachts in schreckliche Albträume.

Tief in ihrem Herzen hatte sie sich nicht vorstellen können, dass der Mann, den sie so gut zu kennen glaubte, sie tatsächlich einfach verlassen hatte.

Dass sie sich geirrt und er genau das getan hatte, war ihr schließlich klar geworden, als die Privatdetektivin, die in Sheryls Auftrag seit fast zwei Jahren nach Jeremy suchte, sich plötzlich bei ihr meldete und verkündete, dass ihr Mann aufgetaucht sei und sie sehen wolle.

Allerdings war die Rede von morgen gewesen und nicht von heute.

Was bildet er sich eigentlich ein, jetzt schon hier aufzukreuzen? Wäre er morgen gekommen, hätte ich mich zurechtmachen können und …

Sie unterdrückte einen Fluch. Was sollte das denn jetzt? Warum, um alles in der Welt, wollte sie sich für den Mann zurechtmachen, der ihr so viel Leid zugefügt hatte?

Sollte er ruhig sehen, was er angerichtet hatte! Wie hart sie schuften musste, seit er einfach von jetzt auf gleich verschwunden war.

Sheryl versuchte verbissen, sich weiter auf ihre Arbeit zu konzentrieren und sich nicht umzudrehen. Doch der Versuchung weiterhin zu widerstehen, war nicht leicht. Sie musste sich förmlich zwingen.

Aber war das ein Wunder? Immerhin handelte es sich bei dem Menschen, der ganz offensichtlich zögerte, aus dem Wagen zu steigen, noch immer um ihren Ehemann. Egal, was geschehen sein mochte – sie waren verheiratet.

Sheryl stand kurz davor, ihren Vorsatz zu brechen und sich doch umzublicken, als sie hörte, wie die Wagentür geöffnet und nur wenige Sekunden später wieder zugeschlagen wurde. Gleich darauf fuhr das Auto weiter.

Jeremy war also nicht selbst gefahren, sondern mit einem Taxi gekommen. Sie hielt inne, als erst Schritte erklangen, dann ein Räuspern.

„Sheryl?“

Sie schloss die Augen und spannte all ihre Muskeln an. Das Erste, was ihr auffiel, war, dass Jeremys Stimme noch genauso klang wie früher. Dunkel, ein wenig rau, sehr männlich. Gleichzeitig ungeheuer aufregend. Doch irgendetwas fehlte.

Sheryl runzelte die Stirn. Es war die Autorität, die Jeremy früher mit jedem gesprochenen Wort ausgestrahlt hatte und die jetzt nicht mehr in seiner Stimme lag. Stattdessen klang er unsicher. Unsicher und … ja, fast ein wenig schüchtern.

Sie erwiderte nichts, konnte dem Drang, aufzustehen und sich umzudrehen, aber nicht länger widerstehen und wandte sich um. Und als sie ihren Ehemann jetzt zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder sah, war es nicht nur ihre Nervosität, die ihre Knie zittern ließ.

Er ist noch immer genauso sexy wie früher …

Am liebsten hätte sie sich für diesen Gedanken geohrfeigt. Sie sollte alles tun – auf Jeremy zustürmen und auf ihn einschlagen, ihn wüst beschimpfen oder sich zumindest in seine Arme werfen und hemmungslos weinen, weil die Gefühle sie einfach übermannten.

Auf keinen Fall aber sollte sie ihn bewundern. Wofür auch? Dafür, dass er sie im Stich gelassen hatte? Nein, ein solcher Mann verdiente keinerlei Bewunderung.

Und doch konnte sie nicht anders. Denn als er ihr jetzt gegenüberstand, wusste sie wieder, warum sie sich damals in ihn verliebt hatte.

Er war groß, gut zwei Köpfe größer als sie selbst. Sein Haar trug er ein wenig länger als früher, doch es war offensichtlich, dass er noch immer nicht recht wusste, was er mit seinen unbändigen dunklen Locken anfangen sollte. Sie wirkten stets ein wenig zerzaust und unordentlich, doch das ließ ihn nicht etwa nachlässig oder ungepflegt wirken. Nein, ganz im Gegenteil. Es machte einen großen Teil seines verwegenen Charmes aus, wie Sheryl fand. Und dann diese Augen …

Sie waren weder grau noch blau oder grün, sondern wiesen eine ganz eigentümliche Mischung aus diesen drei Farben auf. Je nachdem, in welchem Licht man sie betrachtete, schienen sie eine andere Schattierung anzunehmen, und Sheryl war sicher, darin auch schon goldene Glanzlichter entdeckt zu haben. Früher hatte sie stundenlang einfach nur dasitzen und ihm in die Augen schauen können.

Die Frage war nur, wie er es nach allem, was vorgefallen war, noch wagen konnte, ihr in die Augen zu blicken …

Sie räusperte sich. Ihre Kehle war ganz rau. Das lag bestimmt an der Arbeit in der trockenen Hitze. Natürlich, woran auch sonst?

„Wie geht es dir?“, fragte sie und bemühte sich, keinerlei Emotion in ihre Stimme zu legen – ein Versuch, der kläglich misslang.

Er sah sie an. Unwillkürlich versuchte Sheryl, seinen Blick zu deuten, während er sie von oben bis unten musterte. Sofort schämte sie sich dafür, ihm so gegenüberzustehen. Sicher wirkte sie alles andere als anziehend auf ihn.

Sie trug alte, abgeschnittene Jeans und ein weißes ärmelloses Shirt, das vor Schmutz starrte. Ihr Gesicht war ungeschminkt, zudem schweißüberströmt, und das blonde, schulterlange Haar vollkommen zerzaust und zu einem lockeren Zopf im Nacken zusammengefasst.

Wieder ärgerte sie sich über ihre eigenen Gedanken. Wie konnte sie auch nur auf die Idee kommen, sich Jeremy gegenüber für irgendetwas zu schämen?

Er war es, der sich zu schämen hatte, nicht sie!

„Das wollte ich eigentlich dich fragen“, erwiderte er nun und stellte seinen Koffer, den er die ganze Zeit über festgehalten hatte, neben sich ab. „Also: Wie geht es dir, Sheryl? Bist du zurechtgekommen in den letzten Monaten?“

Einen Moment lang konnte sie ihn nur fassungslos anstarren. Doch ihm in die Augen zu schauen, ließ ein Gefühl des Unbehagens in ihr aufsteigen, und so sah sie an ihm vorbei.

Der Anblick der Natur hinter ihm half ihr ein wenig dabei, sich zu beruhigen. Die hohen Hügel, auf denen saftig grünes Gras wuchs, Oliven- und Mandelbäume, deren Blüten einen angenehmen, süßlichen Duft verbreiteten, und im Hintergrund die Berge der Sierra Morena. Über allem spannte sich der azurblaue, wolkenlose Himmel, und die strahlende Sonne tauchte dieses wundervolle Stück Natur in einen herrlichen Glanz.

Immer wenn Sheryl diesen bezaubernden Anblick genoss, erinnerte sie sich daran, wie glücklich sie hier einst gewesen waren. Sicher, es hatte Probleme gegeben. Sheryls Unfähigkeit, Menschen zu vertrauen, zum Beispiel. Oder Jeremys bohrende Eifersucht.

Dennoch – damit, dass er sie einfach ohne ein Wort verlassen könnte, hätte sie niemals gerechnet. Jeremy hatte doch genau gewusst, wie schwer ihr das alles gefallen war. Ihm zu vertrauen. Ihn zu heiraten. Mit ihm hierher in die Fremde zu kommen … Nachdem sie zuvor in ihrem Leben immer nur enttäuscht und nie geliebt worden war … Wie hatte er nur so etwas Abscheuliches tun können?

Er hat dich nicht geliebt, nicht wirklich. Sonst wäre er gar nicht imstande gewesen, dich so zu behandeln!

„Wie ich zurechtgekommen bin?“ Aus wütend zusammengekniffenen Augen funkelte sie ihn an. „Wie kannst du es wagen, mir eine solche Frage zu stellen, dich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen, nachdem du dich einfach ohne ein Wort des Abschieds oder der Erklärung aus dem Staub gemacht und dich danach nie mehr gemeldet hast? Was glaubst du denn, wie es mir da gegangen ist?“

Er schien regelrecht unter ihren Worten zusammenzuzucken, wie Sheryl verwundert feststellte. Wie konnte ihn das, was sie sagte, so hart treffen? Er musste doch wissen, welchen Schmerz er ihr zugefügt hatte.

„Habe ich das denn wirklich?“, fragte er leise, und hinter seiner Stirn schien es angestrengt zu arbeiten. „Ich meine, bin ich tatsächlich einfach auf und davon?“

Sie riss die Augen auf. „Da fragst du noch? Ich fasse es ja nicht! Du kommst hierher, nach zwei Jahren, und stellst mir so eine Frage?“

„Aber ich …“

„Nein, Jeremy!“, fiel sie ihm aufgebracht ins Wort. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, und blinzelte sie hastig fort. Wenn sie eines nicht wollte, dann war es, vor Jeremy zu weinen. Diese Blöße wollte sie sich nicht auch noch geben. Sie wollte nicht heulen, nicht jammern. Das hatte sie in den letzten vierundzwanzig Monaten oft genug getan. Jetzt war Schluss damit, endgültig!

„Ich habe keine Lust auf irgendwelche Ausflüchte oder auf weitere Fragen von dir. Ich will nur eines von dir wissen, Jeremy, nur eines!“

„Und das wäre?“

„Warum?“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Warum, zum Teufel, bist du einfach so fortgegangen?“ Dieses Mal machte es ihr nichts aus, ihm direkt in die Augen zu schauen. Ihr Blick war fest, und zu ihrem Erstaunen schien Jeremy nicht in der Lage zu sein, ihm standzuhalten.

Schweigend senkte er den Kopf. Offenbar überlegte er, was er antworten sollte. Schließlich zuckte er mit den Schultern und sagte: „Ich weiß es nicht.“

Ich weiß es nicht? Sheryl konnte einfach nicht fassen, was sie da zu hören bekam. Sie hatte mit vielem gerechnet – mit einer reumütigen Entschuldigung, mit löchrigen Erklärungsversuchen oder auch damit, dass er ihr klipp und klar sagen würde, dass er nichts mehr für sie empfand und es damals einfach nicht länger mit ihr ausgehalten hatte.

Darauf aber, dass er „Ich weiß es nicht“ antworten könnte, wäre sie in hundert Jahren nicht gekommen.

Seufzend winkte sie ab. Es kostete sie Mühe, nicht wild herumzubrüllen. Aber genau das wollte sie nicht. Er sollte sie nicht zu emotional erleben.

„Hör zu, Jeremy, es mag sein, dass du heute selbst nicht mehr verstehst, warum du das damals getan hast, aber …“

„Nein, das ist es nicht“, unterbrach er sie und blickte wieder auf. „Du hast mich falsch verstanden. Was ich meine ist, dass ich es wirklich nicht weiß. Ich habe mein Gedächtnis verloren, Sheryl. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, sind die letzten zwei Jahre. Alles, was sich davor in meinem Leben abgespielt hat, ist nicht mehr da. Du, dieses Gestüt hier, meine Eltern, meine Kindheit – an nichts kann ich mich erinnern. Du meine Güte, ich weiß ja nicht einmal, ob wir wirklich verheiratet sind oder ob wir Kinder haben. Ich kenne dich nicht, Sheryl.“

Es dauerte einen Moment, ehe die Bedeutung seiner Worte zu ihr durchdrang. Das … konnte doch nicht sein! Erlaubte er sich etwa einen bösen Scherz mit ihr? Wollte er sie für dumm verkaufen? Doch so, wie er sie ansah, konnte sie sich nicht vorstellen, dass er ihr etwas vormachte. Nein, er schien tatsächlich die Wahrheit zu sagen.

Es kostete sie Mühe, die Sprache wiederzufinden. „Mein Gott“, sagte sie heiser und musste schlucken. „Soll das etwa heißen, du leidest unter … Amnesie?“

Prüfend musterte Jeremy die Frau, mit der er verheiratet sein sollte. Doch es fiel ihm schwer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die ganze Zeit über hatte ihr Anblick ihn abgelenkt, ihn die Worte vergessen lassen, die er sich auf der Taxifahrt so sorgsam zurechtgelegt hatte.

Die Wirkung, die sie auf ihn ausübte, traf ihn, gelinde gesagt, unvorbereitet. Er konnte sich nicht daran erinnern, in den vergangenen zwei Jahren jemals so heftig auf eine Frau reagiert zu haben. Aber war das wirklich verwunderlich, so wie sie vor ihm stand?

Unwillkürlich ließ er seinen Blick noch einmal über sie schweifen. Die abgeschnittenen Jeans, die so kurz waren, dass das Innenfutter der Seitentaschen zu sehen war, und das ehemals weiße, nun völlig durchgeschwitzte und vor Dreck starrende Achselshirt brachten seinen Puls unwillkürlich zum Rasen. Ein feuchter Schimmer lag auf ihrer gebräunten Haut, und es war offensichtlich, dass sie ihr Haar nur auf die Schnelle zusammengebunden hatte, ohne darauf zu achten, wie es aussehen mochte.

Sie war vollkommen ungeschminkt – und unglaublich sexy.

Atemberaubend.

Ihm war klar, dass dies absolut die falschen Gedanken waren. Es gab anderes, das ihm durch den Kopf gehen sollte. Kein Zweifel – sie war wütend auf ihn, zumindest bis gerade eben. Er musste sie verletzt haben, sehr sogar.

Hatte er sie wirklich einfach verlassen?

Falls ja, musste er auch ein absoluter Vollidiot sein. Eine andere Bezeichnung fiel ihm nicht ein für einen Mann, der so verrückt war, diese Frau derart zu behandeln.

Du kennst sie doch gar nicht. Wer sagt dir, dass sie es nicht herausgefordert hat? Nichts weißt du über sie, nichts!

Ihm war nicht entgangen, dass sich ihr Gesichtsausdruck geändert hatte. Die Wut war verschwunden und hatte Besorgnis Platz gemacht. „Ist … das wirklich wahr?“, fragte sie. Ihre Stimme klang heiser. „Du kannst dich an nichts erinnern?“

Er nickte. „So wahr ich hier stehe.“

„Aber … erkennst du mich denn gar nicht? Ich meine, wir sind doch verheiratet!“

Jeremy wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Es musste ein Schock für sie sein.

Dass es eine Frau in seinem Leben gab, war ihm schon kurz nach seinem Erwachen damals klar geworden. Den Hinweis darauf hatte ein kleiner, aber sehr wichtiger Gegenstand geliefert, den er bei sich getragen hatte.

Trotzdem war er wie vor den Kopf geschlagen gewesen, als der Privatdetektiv, den er engagiert hatte, um etwas über sein früheres Leben herauszufinden, sich vor wenigen Tagen mit neuen Erkenntnissen gemeldet hatte.

„Ich habe die Information von einer Kollegin in Andalusien“, hatte der Detektiv gesagt. „Was wir im Augenblick sagen können, ist, dass Sie verheiratet sind und vor zwei Jahren spurlos verschwanden.“

Mehr wusste Jeremy nicht. Er hatte Sheryl ausrichten lassen, dass er sie am nächsten Tag aufsuchen wollte. Doch er war früher in Andalusien angekommen, weil er es einfach nicht mehr ausgehalten hatte. Er hatte gehofft, dass die Begegnung mit seiner Frau etwas in ihm wecken würde. Etwas aus seinem früheren Leben. Eine Erinnerung an das, was schließlich dazu geführt hatte, dass er eines frühen Morgens im Hafen von Casablanca aufgewacht war – ohne jegliche Erinnerung an irgendetwas.

Unwillkürlich zuckte er zusammen, als die Bilder vor seinem geistigen Auge auftauchten. Er, zusammengekauert in einer finsteren Ecke, um ihn herum nur Schmutz und Dreck.

Und all das Blut …

Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Aber am liebsten hätte er laut aufgeschrien. „Es tut mir leid, aber es ist so, wie es ist. Ich erinnere mich nicht. Nicht an dich und auch nicht an das hier.“ Er machte eine alles umfassende Handbewegung. „Ist das … unser Zuhause?“

„Ja.“ Sie schluckte hörbar. „Wir sind vor vielen Jahren aus London hierhergekommen, nachdem du das Gestüt geerbt hast. Du hattest eine schwere Zeit in England und hast dir einen Neuanfang gewünscht.“

„Waren wir da schon verheiratet?“

Sie nickte. „Schon eine ganze Weile.“

„Und warum lässt du das nicht einen der Arbeiter machen?“, erkundigte er sich vorsichtig und deutete auf den Zaun. „Wir haben doch Arbeiter, oder?“

„Wir hatten einige. Aber nachdem …“ Sie schüttelte den Kopf. „Hör zu, Jeremy, ich muss das alles erst einmal verarbeiten. Dass du wieder da bist. Und dass du dich angeblich an nichts erinnerst.“

Er blinzelte. „Du glaubst mir also nicht?“

Einen Augenblick lang sah sie ihn schweigend an. „Ich denke, wir sollten uns in aller Ruhe unterhalten. Lass uns in die Küche gehen, ja? Ich glaube, etwas zu trinken wird uns beiden guttun.“

Er nahm seinen Koffer, und sie führte ihn in ihr gemeinsames Haus. Zumindest nahm er an, dass es das war. Wirklich wissen konnte er es nun mal nicht.

Ohnehin hatte seine Verwirrung nur noch zugenommen, seit er angekommen war. Zwei Jahre lang hatte er keine Ahnung gehabt, wer er überhaupt war. Und nachdem er schließlich vor wenigen Tagen von Sheryl erfahren hatte, war er davon ausgegangen, dass sie erleichtert sein würde, ihn zu sehen. Dass sie in Tränen ausbrechen würde, weil sie so froh war, dass er noch lebte. Oder ihn zumindest in den Arm nahm, ihn küsste.

Doch nichts von alldem war eingetreten, im Gegenteil: Sheryl hatte praktisch überhaupt keine Emotionen gezeigt, nichts! Zudem spürte er eine gewisse Kühle, die von ihr ausging, und ein ausgeprägtes Misstrauen.

Unwillkürlich fragte er sich, was passiert war, bevor er sein Gedächtnis verloren hatte. Hatte ihre Ehe in einer Krise gesteckt? Waren Sheryl und er überhaupt noch zusammen gewesen? Dass er einfach auf und davon war, deutete zumindest darauf hin. Aber irgendwie ahnte er, dass das nicht alles war.

Sie betraten das Haus. Die Diele, in der er seinen Koffer abstellte, war lang und schmal, und das Gefühl, das er sich erhofft hatte, trat hier nicht ein.

Nein, er hatte nicht das Gefühl, nach Hause zu kommen. Dies hier mochte vielleicht sein Zuhause gewesen sein. Früher. Aber jetzt war es nur fremd für ihn. Und woher wollte er überhaupt wissen, wie es sich anfühlte, heimzukommen? Schließlich konnte er sich nicht daran erinnern, so etwas jemals gehabt zu haben.

Ein Heim …

Die Wände waren in einem mediterranen, hellen Braunton gestrichen. Überall hingen Bilder, die das widerspiegelten, was er auf der Fahrt zum Haus schon gesehen hatte: die traumhafte Landschaft Andalusiens. Endlose Landschaften, weite Olivenbaumplantagen, weiß gestrichene Fincas, mächtige Berge und lange weiße Sandstrände.

Sheryl ging nach links in einen Raum. Jeremy folgte ihr und fand sich in einer Küche wieder. Nein, korrigierte er sich. Nicht einfach in einer Küche, sondern in meiner eigenen.

Auch hier sah er sich um. Alles war geradezu peinlich sauber, doch die Einrichtung selbst hatte schon bessere Tage gesehen. Die Oberfläche der dunklen Holzschränke wirkte verblichen, und dem großen Esstisch fehlte ein Bein, das notdürftig durch einen Zaunpfahl ersetzt worden war. Die Gardinen an den Fenstern waren alt und schon ein wenig fadenscheinig, aber mit hübschen Stickereien versehen. Einige Schränke besaßen gar keine Türen mehr.

Bei allem, was er sah, horchte Jeremy in sich hinein. Hatte er irgendetwas davon schon einmal gesehen? Konnte er sich an etwas erinnern? Doch da war nichts, rein gar nichts, das irgendeine Reaktion in ihm auslöste.

Unschlüssig blieb er im Raum stehen, während Sheryl den Kühlschrank öffnete. Sie holte eine Flasche Budweiser heraus und hielt sie ihm hin. Als er Sheryl fragend ansah, erklärte sie: „Dein Lieblingsbier. Du hast jeden Abend nach getaner Arbeit eine Flasche getrunken, aber nie mehr.“ Sie zögerte. „Ich … Ich habe seit zwei Jahren immer ein paar Flaschen im Kühlschrank. Für den Fall, dass du wieder auftauchst …“

Ihre Worte versetzten ihm einen Stich. Er spürte, dass sie traurig war. Bloß warum konnte sie sich nicht einfach freuen, dass er nun wieder hier war? Sicher gab es vieles zu klären, vor allem, warum er von hier fortgegangen war. Trotzdem hatte er erwartet, dass sie erst einmal erleichtert sein und sich freuen würde.

Er lehnte das Bier mit einer raschen Handbewegung ab. „Es ist noch früh am Tag, und ich möchte einen klaren Kopf behalten.“ Kopfschüttelnd lachte er auf. „Sofern man in meinem Fall überhaupt davon reden kann.“

Sie nickte. „Limonade?“

„Gern.“

„Setz dich doch.“ Sie stockte kurz, dann fügte sie hinzu: „Du hast immer dort am Fenster gesessen.“

Er nahm Platz und ließ seinen Blick noch einmal durch den Raum schweifen. Verzweifelt hoffte er darauf, dass etwas Erinnerungen in ihm hervorrief.

Doch da war nichts. Er saß einfach nur in einer Küche an einem Tisch. Bei einer fremden Frau.

Einer fremden Frau, zu der er sich körperlich hingezogen fühlte, die ihm jedoch die kalte Schulter zeigte.

Während Sheryl Limonade in zwei Gläser goss, warf er einen Blick aus dem Fenster. Er sah die Zufahrt zum Wohnhaus, gesäumt von Mandelbäumen und Blumenbeeten.

„Hier.“ Sheryls Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah sie an. Sie hielt ihm ein Glas hin, das er ergriff. Dabei berührten seine Finger ihre Hand.

Nur ganz kurz, ganz flüchtig.

Doch plötzlich war es da.

Das Gefühl von vertrauter Sehnsucht.

Er spürte, wie Wärme sich in ihm ausbreitete. Keine Frage: Sein Gehirn mochte sich an nichts erinnern, sein Körper tat es hingegen sehr wohl.

Auch in Sheryl schien die Berührung etwas auszulösen. Hastig wandte sie sich ab und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.

„Früher habe ich die Limonade immer selbst gemacht“, sagte sie, nachdem sie sich geräuspert hatte. „Aber seit du nicht mehr da bist … Für solche Sachen habe ich einfach keine Zeit mehr.“ Sie sah ihn auffordernd an. „Also?“

Nachdem er einen Schluck Limo getrunken hatte, die herrlich kalt seine trockene Kehle hinunterrann, stellte er das Glas ab und breitete in einer hilflosen Geste seine Arme aus. „Was soll ich sagen? Im Grunde gibt es da nicht viel, ich erinnere mich ja an nichts mehr. Ich weiß zwar die grundlegenden Dinge, also praktisch alles, was mit praktischen Fähigkeiten zu tun hat. Aber mir fehlt das Wissen über Menschen, die ich gekannt habe, über Dinge, die ich erlebt habe. Im Grunde hat mein Leben also vor zwei Jahren angefangen, bloß dass ich nichts neu erlernen musste.“

„Und … was ist deine älteste Erinnerung?“

Er zögerte, um seine Worte mit Bedacht zu wählen. „Ich bin eines Morgens aufgewacht, irgendwo im Hafen von Casablanca in der Nähe einer üblen Spelunke. Ich hatte einen fürchterlichen Brummschädel und konnte mich an nichts erinnern. Ich wusste nicht einmal meinen Namen. Ein schreckliches Gefühl, das kannst du mir glauben. Ich hatte nur das, was ich am Leib trug, sonst nichts. Weder eine Brieftasche noch Geld oder irgendwelche anderen Papiere. Nur dies.“

Er hob seine rechte Hand. Auf dem Ringfinger steckte ein goldener Ring. Auf der Innenseite waren die Worte „Für Jeremy, in Liebe“ eingraviert.

Er erinnerte sich, wie schlimm es damals für ihn gewesen war, diese Gravur zu entdecken. Zwar wusste er von da an, dass er Jeremy hieß, aber es hatte ihm auch schlagartig vor Augen geführt, dass es irgendwo dort draußen einen Menschen gab, der womöglich auf ihn wartete und sich Sorgen um ihn machte. Seine Ehefrau? Oder war er inzwischen geschieden? Oder … Dann hatte er an das viele Blut gedacht, und ein schrecklicher Verdacht war in ihm aufgekeimt.

Ein Verdacht, an dem, wie er nun wusste, Gott sei Dank nichts dran war.

„Dein Ehering“, riss Sheryl ihn aus seinen Gedanken. Sie hob nun ihrerseits ihre rechte Hand, an deren Ringfinger ein ähnlicher Ring steckte. Sie nahm ihn ab und zeigte Jeremy die Inschrift: „Für Sheryl, in Liebe.“

Sheryl schluckte hörbar, während sie den Ring wieder auf ihren Finger steckte. Sie sah Jeremy an. War da so etwas wie Mitleid in ihrem Blick? „Und … was ist dann passiert?“, wollte sie wissen.

„Erst mal hörte ich mich in der Umgebung um, versuchte herauszufinden, ob mich jemand kannte. Aber nichts.“ Er seufzte. „Also begann ich, mich mit Hilfsarbeiten über Wasser zu halten und mir so nach und nach eine Existenz aufzubauen.“

„Einfach so?“ Sie runzelte die Stirn. „Aber du bist doch sicher zur Polizei gegangen? Und zum Arzt!“

Er schluckte. Das war der Teil der Geschichte, über den er mit ihr nicht sprechen wollte. Über den er nicht sprechen konnte.

Denn Fakt war, dass seine Kleidung blutbeschmiert gewesen war, als er damals im Hafen aufwachte. Fakt war auch, dass das Blut nicht von ihm stammen konnte, denn er hatte, bis auf harmlose Prellungen, keinerlei Wunden gehabt. Und genau das war sein Problem. Denn seit zwei Jahren lebte er nicht nur ohne Ahnung um seine wahre Identität.

Sondern er wusste auch nicht, ob er womöglich ein Mörder war.

2. KAPITEL

Aufmerksam musterte Sheryl den Mann, der ihr gegenübersaß.

Ihren Ehemann.

Sie hatte das Gefühl, sich mit einem Fremden zu unterhalten.

Natürlich war vieles an ihm vertraut. Äußerlich hatte er sich kaum verändert, und im Grunde trug er auch fast dieselbe Kleidung wie damals. Und als seine Finger vorhin ihre Hand berührt hatten, hatte es sich kurz so angefühlt wie früher. Die Wärme, die durch ihren Körper gefahren war, das Kribbeln auf der Haut … In diesem Moment hätte sie sich am liebsten in seine Arme geworfen und sich einfach ihren widerstreitenden Gefühlen hingegeben.

Doch sie konnte nicht. Nicht ehe sie wusste, was wirklich passiert war. Und ob die Geschichte mit der Amnesie tatsächlich stimmte. An Letzterem zweifelte Sheryl im Grunde nicht mehr, denn sie konnte sich einfach nicht vorstellen, warum Jeremy ihr diesbezüglich etwas vormachen sollte. Sie spürte, dass sie Mitleid mit ihm bekam. Gott, was musste ihr Mann in den letzten zwei Jahren durchgemacht haben? Ohne Erinnerung an sein früheres Leben, ohne zu wissen, wer er war und wo er hingehörte.

Nicht so voreilig! Denk dran, dass du noch gar nicht weißt, ob er die Wahrheit sagt. Und vor allem weißt du noch immer nicht, warum er damals fortging. Mit all eurem Geld!

Niemals würde sie diesen Tag vergessen. Es war nun fast sechsundzwanzig Monate her, dass sie eines Morgens aufgewacht war und Jeremys Seite des Bettes leer vorgefunden hatte. Er war einfach fort gewesen.

Zunächst hatte sie sich gar nicht viel dabei gedacht. Es kam schon mal vor, dass er in aller Herrgottsfrühe aufstand, um irgendetwas auf der Farm zu reparieren. Doch als er auch zum Mittagessen nicht erschien, fing sie an, sich Sorgen zu machen.

Sie machte sich auf die Suche nach ihm und drehte jeden Stein auf dem Grundstück nach ihm um, doch Jeremy war und blieb unauffindbar. Und er kehrte auch am Abend nicht nach Hause zurück. Auch am nächsten Tag nicht.

Natürlich hatte sie sofort befürchtet, dass etwas passiert war. Ein Unfall womöglich. Ein furchtbarer Gedanke! Sie telefonierte die Krankenhäuser und Ärzte in der Umgebung ab, ohne Ergebnis. Schließlich ging sie zur Polizei, in der Hoffnung, dass man ihr dort helfen würde. Doch man erklärte ihr nur, dass man nicht einmal eine Vermisstenanzeige aufnehmen würde, sofern es keine Anzeichen für ein Verbrechen gäbe. Denn ein erwachsener Mensch hatte nun einmal das Recht, sich dort aufzuhalten, wo er wollte.

Für Sheryl war dies unfassbar. Das klang ja fast so, als würde man annehmen, ihr Mann habe sie verlassen. Unmöglich! Jeremy wäre niemals einfach gegangen. Er liebte sie, sie liebte ihn, und zudem wusste er, wie sehr sie auf ihn angewiesen war und dass sie eine solche Enttäuschung niemals verkraften würde.

Nicht bei ihrer Vorgeschichte …

Nein, er musste einen Unfall gehabt haben. Oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Zudem waren ja auch seine Kleider und Habseligkeiten alle noch da.

Doch dann stellte Manolo fest, der als Geschäftspartner und engster Vertrauter auch Vollmacht über die Unternehmenskonten besaß, dass mit Jeremy auch all ihr gemeinsames Geld verschwunden war. Lediglich kleinere private Rücklagen waren noch geblieben.

Nun wurde ihr klar, dass ihm nichts zugestoßen war. Es gab keinen ominösen Unfall, keine Entführung, kein anderes Verbrechen.

Jeremy war einfach so aus ihrem Leben verschwunden. Abgehauen mit ihrem gemeinsamen Geld.

Für Sheryl war damals eine Welt zusammengebrochen. Die Tatsache, dass Jeremy sie einfach verlassen hatte, war das Schlimmste für sie gewesen. Wie hatte er ihr das antun können?

Er wusste doch, wie schwer es ihr gefallen war, Vertrauen aufzubauen, nach allem, was sie erlebt hatte. Er hatte ihr geholfen, ihre Vergangenheit weitestgehend hinter sich zu lassen, sich einem Menschen – ihm – völlig zu öffnen und hinzugeben. Und dann das! Mit einem Schlag hatte er alles zunichtegemacht.

Und die alles beherrschende Frage war von da an die nach dem Warum gewesen. Warum hatte er das getan? Warum hatte er ihr Herz gebrochen?

Jetzt spürte sie, dass ihn ebenfalls etwas beschäftigte. Erinnerte er sich an etwas? Doch dann schüttelte er kaum merklich den Kopf, hob das Glas an und trank erneut von seiner Limonade. Als Sheryl beobachtete, wie seine Lippen feucht wurden, musste sie unwillkürlich daran denken, wie oft sie von diesen Lippen früher geküsst worden war. Und wie wohl sie sich in Jeremys Armen gefühlt hatte. Wohl und geborgen …

Sie atmete tief durch. „Was ist denn nun?“, fragte sie ungeduldig. „Warst du bei der Polizei? Und bei einem Arzt?“

Jeremy räusperte sich. „Hör zu, Sheryl, mir wäre es am liebsten, wenn du jetzt etwas erzählst.“ Er probierte sich an einem Lächeln, doch es wirkte verunglückt und gequält, kein Vergleich zu dem Lächeln, das sie früher so an ihm geliebt hatte. „Mir schwirrt ein wenig der Kopf. Und vielleicht kommt ja irgendeine Erinnerung, wenn ich dir einfach ein bisschen zuhören kann.“

Sie zuckte die Schultern. „Und wo soll ich beginnen? Willst du etwas über meine Kindheit hören? Oder nur Dinge aus unserer gemeinsamen Zeit?“

„Was weißt du über mich?“, fragte er. „Ich kenne nicht einmal meinen Geburtstag.“

„Der 2. Mai“, antwortete sie. „Du bist dieses Jahr vierunddreißig geworden, ich zweiunddreißig.“ Sie trank nun ebenfalls einen Schluck Limonade und stellte das Glas dann wieder ab, wobei ihre Finger leicht zitterten.

„Kennengelernt haben wir uns an der Uni, da war ich gerade dreiundzwanzig. Wir saßen in der Vorlesung nebeneinander. Vom ersten Tag an hast du immer wieder versucht, mich zum Essen einzuladen …“ Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Ich habe jedes Mal aufs Neue Nein gesagt. Und dann hast du mich eines Abends auf dem Heimweg ins Wohnheim vor ein paar Rowdys beschützt. Danach konnte ich dir einfach keinen Korb mehr geben. Du hast mir immer von deiner Tante erzählt, die in Andalusien eine Pferdezucht betreibt, und wie gern du den Betrieb eines Tages übernehmen würdest. Als sie dann starb, bot sich uns die einmalige Chance und wir kamen hierher. Wir waren glücklich miteinander, bis …tja, bis schließlich der Tag kam, an dem du verschwunden bist.“

„Wie war das genau?“

Sheryl schloss die Augen. „Ich …“ In diesem Moment stürzten die schrecklichen Erinnerungen mit aller Macht auf sie ein. Fest presste sie die Lider zusammen, um die Bilder zu verdrängen. Sie öffnete die Augen wieder und sah Jeremy an.

„Ich kann darüber nicht sprechen, noch nicht. Nur so viel: Du warst fort, und natürlich dachte ich zunächst, dir sei etwas zugestoßen. Ein Unfall, ein Verbrechen … Ich habe mir schreckliche Sorgen gemacht. Bis ich erfahren habe, dass du unser gemeinsames Konto geplündert hast. Du hast den Großteil unseres Geldes abgehoben und bist weg von mir, um dir anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Du hast mich im Stich gelassen – einfach so. Ohne Erklärung. Ohne ein Wort des Abschieds.“

Sie sah, dass ihre Worte ihn zusammenzucken ließen. War seine Reaktion echt? Hatte er tatsächlich nichts mehr davon gewusst? Oder war er nur ein ungeahnt guter Schauspieler und machte ihr lediglich etwas vor?

„Das muss ein großer Schock für dich gewesen sein“, schlussfolgerte er.

Sie nickte stumm.

„Und dann?“ Er räusperte sich. „Ich meine, was hast du in der folgenden Zeit getan?“

Bitter lachte sie auf. „Was meinst du wohl? Es musste ja irgendwie weitergehen. Ich meine, das Gestüt gehörte ja uns beiden. Du hast es damals, nachdem du es geerbt hast, auf dich und mich umschreiben lassen. So war ich zumindest voll geschäftsfähig. Wir haben dann versucht, alles so gut wie möglich am Laufen zu halten und …“

„Wir?“

„Manolo und ich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, ich vergesse immer wieder, dass du dich ja an nichts erinnerst. Manolo ist ein Freund von dir. Er hat schon hier gearbeitet, als das Gestüt noch deiner Tante gehörte, und uns dann bei unseren ersten Schritten in Andalusien bei allem Möglichen geholfen. Ohne ihn hätte ich die letzten zwei Jahre nicht überstanden, er hat mich unglaublich unterstützt. Aber die Arbeit war schwer, und nachdem immer weniger Gäste kamen, konnte ich nicht mehr alle Arbeiter halten.“

„Warum sind die Gäste ausgeblieben?“, fragte Jeremy nach.

„Das ist eine lange Geschichte. Es gibt einen Konkurrenten, der ganz in der Nähe ein Gestüt mit Fremdenzimmern eröffnet hat. Seitdem nehmen wir kaum noch etwas ein und …“ Sie winkte ab.

„Und wie viele Arbeiter haben wir … hast du im Moment noch?“

„Neben Manolo und seiner Schwester Lucia, die hier bei der Hausarbeit und mit den Zimmern hilft, nur noch zwei Aushilfskräfte. Mehr kann ich nicht bezahlen. Wozu auch? Es gibt ja kaum noch Gäste. Normalerweise geben wir auch Reitunterricht. Aber wie gesagt, es gibt kaum noch was zu tun.“

„Und was haben wir zwei hier gemacht früher? Wie sah unser Alltag aus?“

„Du hast dich gemeinsam mit Manolo um die Pferde gekümmert, Reitstunden gegeben und Reparaturen auf dem Hof erledigt. Ich war für das leibliche Wohl der Gäste und die Buchführung zuständig.

„Und weil kaum noch Arbeiter da sind, musst du dich um solche Sachen kümmern wie einen Zaun zu streichen?“

Sie hob die Schultern. „Was bleibt mir anderes übrig? Ich versuche, das Gestüt so gut wie möglich in Schuss zu halten. Aber es ist halt in die Jahre gekommen, und ohne das nötige Geld wird es nie …“ Sie winkte ab. „Ach, lassen wir das. Ich glaube, das Gestüt ist das Letzte, worüber wir uns jetzt Gedanken machen sollten.“

„Aber es ist doch wichtig.“

Sie blinzelte. „Natürlich ist es wichtig. Denkst du vielleicht, ich hätte mich hier zwei Jahre lang krummgeschuftet, wenn ich das anders sehen würde?“

„Entschuldige.“ Er senkte den Blick. „Was meinst du denn, worüber wir stattdessen reden sollten?“

„Na, über uns vielleicht?“ Sie atmete tief ein. „Ich weiß natürlich, dass du nichts sagen kannst, aber … Ich wüsste so gern, warum du mich verlassen hast.“

„Das verstehe ich. Sehr sogar. Aber dein Rätsel ist auch mein Rätsel. Waren wir denn … glücklich?“

„Glücklich?“ Sheryl überlegte. Eigentlich hätte sie am liebsten sofort mit einem lauten Ja geantwortet. Ja, wir waren glücklich, und ich verstehe bis heute nicht, wie du so einfach fortgehen konntest! Doch das wäre nicht die ganze Wahrheit gewesen.

Sheryl dachte an Jeremys bohrende Eifersucht und an die vielen Probleme, die die Tatsache mit sich gebracht hatte, dass sie nicht nur miteinander lebten, sondern auch zusammen arbeiteten. Doch das gehörte jetzt nicht hierher, sie …

„Du zögerst“, stellte Jeremy fest.

„Ich …“ Sie stockte, als sie hörte, dass draußen ein Wagen vorfuhr. Dankbar für diese Unterbrechung, sprang Sheryl auf und blickte über Jeremys Kopf hinweg aus dem Fenster. Vor dem Haus hielt Manolos Jeep. Am Steuer saß der schlanke Spanier, neben ihm auf dem Beifahrersitz seine Schwester.

Sheryl wandte sich Jeremy zu. „Hör mal“, sagte sie, „Manolo kommt gerade. Ich würde gern zuerst mit ihm sprechen, denn ich … ich möchte ihn gern darauf vorbereiten, dass du wieder da bist.“

„Weiß er denn noch gar nicht …“

„Nein, ich habe ihm noch nicht gesagt, dass du gefunden wurdest.“ Sie sah ihn an. „Warte bitte hier, ja?“

Sie eilte aus der Küche und lief nach draußen, wo Manolo noch im Wagen saß und sich mit Lucia unterhielt. Es stimmte, dass Sheryl noch nicht mit ihnen über Jeremy gesprochen hatte.

Der Grund dafür war denkbar einfach: Manolo war drei Tage lang mit seiner Schwester in einer Familienangelegenheit unterwegs gewesen, und am Telefon hatte sie ihm die Neuigkeit nicht mitteilen wollen. Zudem war sie entschlossen gewesen, mit niemandem darüber zu reden, ehe sie selbst ihrem Mann nicht wirklich und wahrhaftig gegenübergestanden hatte.

„Manolo! Lucia!“ Sheryl trat an den Jeep. „Endlich! Ich … Hört zu, es gibt Neuigkeiten.“

Manolo und seine Schwester sahen sie an. Manolo war Anfang vierzig, doch die Sonne hatte ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, sodass er um einige Jahre älter aussah. Lucia hingegen war zehn Jahre jünger als ihr Bruder und wirkte sogar eher wie höchstens Mitte Zwanzig. Sie war von einer natürlichen Schönheit. Ihr langes dunkles Haar glänzte wie Seide, und das stets ungeschminkte Gesicht war makellos.

Hola, Sheryl, was ist denn los mit dir?“, fragte Manolo lächelnd. „Du bist ja so aufgeregt. Ist etwas passiert?“

Sheryl atmete tief durch. „Das kann man wohl sagen. Es geht um Jeremy … Er ist wieder da!“

Manolo riss die Augen auf. Unglauben und Fassungslosigkeit lagen in seinem Blick. Und auch ein wenig … Entsetzen? Sheryl runzelte die Stirn. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Natürlich, das war wohl auch kein Wunder. Sie brauchte ja nur daran zu denken, wie erschrocken sie selbst gewesen war, als sie vor zwei Tagen die Nachricht bekommen hatte, dass Jeremy wiederkommen würde.

Und ihre Reaktion vorhin, als sie ihm dann schließlich gegenübergestanden hatte, war auch mit einer Art Schockzustand vergleichbar.

„Er lebt also noch?“ Mit einem Satz war Manolo aus dem Wagen. „Ist das wirklich wahr?“

Sheryl nickte.

„Aber Sheryl, das ist ja großartig!“ Auch Lucia war ausgestiegen, kam nun um den Jeep herum und nahm Sheryl in die Arme. Die atmete tief durch. Es tat gut, von jemandem umarmt zu werden. Lucia hatte sich in all den Jahren zu einer guten Freundin entwickelt.

„Was sagt er, Sheryl?“ Manolo zog seine Schwester eine Spur zu unsanft von ihr weg, was Sheryl irritierte. „Wo war er die ganze Zeit?“

„Er … kann sich nicht erinnern.“ Sie räusperte sich. „Er behauptet, das Gedächtnis verloren zu haben und sich an nichts hier erinnern zu können.“ Mit gesenkter Stimme fügte sie hinzu: „Auch an mich nicht.“

„Amnesie? Er sagt, er leidet unter Amnesie?“ Manolo kniff die Augen zusammen. „Und … glaubst du ihm?“

Sheryl horchte in sich hinein. Die Frage stellte sie sich selbst die ganze Zeit. Anfangs war sie nicht fähig gewesen, es zu glauben. Doch eben, während des Gesprächs mit Jeremy, hatte sie sich immer weniger vorstellen können, dass er log.

„Ja“, sagte sie deshalb und bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu verleihen. „Ja, ich glaube ihm.“

„Oh Sheryl, madre mia, das muss ja schrecklich für dich sein!“ Manolos Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, und jetzt nahm auch er Sheryl in die Arme. „Wie kommst du damit zurecht?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Was denkst du? Gut wohl nicht gerade.“

„Und der arme Jeremy … Wo ist er jetzt?“

„Drinnen in der Küche. Hört zu, ich würde gern mit euch hineingehen, um euch … ihm vorzustellen.“

„Jetzt gleich?“ Manolo runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, Sheryl. Ehrlich gesagt halte ich das für keine gute Idee. Ich meine, wie sollen Lucia und ich uns ihm gegenüber verhalten? Ich denke, wir brauchen erst mal ein bisschen Zeit, um uns darauf vorzubereiten und uns mit der neuen Situation zu arrangieren. Ich …“

„Bitte, Manolo“, unterbrach Sheryl ihn. „Ich halte es wirklich für wichtig. Vielleicht erinnert er sich ja an euch. Wir müssen jetzt einfach alles tun, was ihm helfen könnte, sein Gedächtnis wiederzubekommen. Und deshalb müssen wir ihm so viel Vertrautes wie möglich bieten.“ Erwartungsvoll sah sie erst Lucia, dann Manolo an. „Also, kann ich auf euch zählen?“

Angespannt stand Jeremy am Küchenfenster und beobachtete, wie Sheryl draußen mit zwei Personen sprach, die eben aus dem Jeep gestiegen waren: einem Mann und einer Frau. Beide stammten anscheinend aus der Gegend, worauf die tiefe Bräune ihre Haut hindeutete.

Die Frau schien noch recht jung zu sein und wirkte sympathisch, zumindest soweit er es auf die Entfernung sagen konnte. Der Mann an ihrer Seite war groß und sehr schlank. Jeremy schätzte, dass er ein paar Jahre älter war als er selbst.

Das war also Manolo. Sein Freund und Mitarbeiter, wie Sheryl gesagt hatte. Doch auch an ihn erinnerte Jeremy sich nicht. Dafür hatte ihn soeben ein anderes Gefühl beschlichen, und zwar als er mit ansah, wie Sheryl von Manolo umarmt worden war.

Zuerst hatte er es nicht recht deuten können. Es war wie ein kleiner Stich in der Brust gewesen, und für einen Moment hatte alles in Jeremy protestiert.

Jetzt, wo er noch einmal darüber nachdachte, runzelte er die Stirn. War er etwa eifersüchtig?

Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, als etwas geschah, auf das er die ganze Zeit während seiner Unterhaltung mit Sheryl vergeblich gehofft hatte. Da war etwas. Ein kleiner Gedankenblitz. Zwei Personen tauchten vor seinem inneren Auge auf. Ein Mann und eine Frau. Sheryl und … Manolo? Er wusste es nicht, wusste nicht einmal, ob es wirklich eine Erinnerung oder bloße Einbildung war.

Dennoch war er irritiert und hatte plötzlich das Gefühl, dass der Anflug von Eifersucht, den er eben verspürt hatte, nicht von ungefähr kam. Unwillkürlich fragte er sich, ob Sheryl in den letzten zwei Jahren mit einem anderen Mann zusammen gewesen war – und ob es sich dabei womöglich um Manolo handelte.

Und wenn es so wäre? Würde dich das kümmern? Du erinnerst dich ja nicht einmal an sie! Außerdem kann man wohl kaum erwarten, dass eine Frau jahrelang auf den Mann wartet, der sie einfach im Stich gelassen und dabei noch ihr gemeinsames Geld mitgenommen hat!

Trotzdem – er spürte, dass ihn der Gedanke nicht kaltließ. Und plötzlich war da die Frage, ob Sheryl ihm überhaupt die Wahrheit gesagt hatte. Immerhin konnte es ebenso gut möglich sein, dass er sie gar nicht verlassen hatte. Und dass er ihr Geld gar nicht gestohlen hatte. Vielleicht spielte sie gemeinsam mit diesem Spanier ein falsches Spiel.

Er wusste es nicht. Er wusste nicht mehr, was er denken sollte.

Jeremy beobachtete, wie Sheryl mit Manolo und dessen ­Schwester auf das Haus zukam. Gleich würden sie hier sein. ­Jeremy beschlich ein unbehagliches Gefühl bei dem Gedanken, seinem angeblich guten Freund gegenüberzutreten. Warum, konnte er nicht sagen – er merkte nur, dass da etwas war.

Irgendetwas stimmte hier nicht, das spürte er immer deutlicher.

3. KAPITEL

„Und ihr lebt also auch hier auf dem Gestüt?“, erkundigte sich Jeremy, als sie alle am Küchentisch zusammensaßen.

Sheryl hatte Orangentee aufgesetzt, versetzt mit Zitronengras, wie er in Andalusien gern getrunken wurde. Vorhin, als Manolo und Lucia die Küche betreten hatten, war ihr nicht entgangen, dass Jeremy den Spanier eher reserviert begrüßt hatte.

War da nicht sogar so etwas wie Feindseligkeit in seinem Blick gewesen? Aber warum? Wenn es stimmte und Jeremy sich an nichts erinnern konnte, dann kannte er Manolo schließlich gar nicht. Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. Wahrscheinlich bildete sie sich das nur ein. Oder erinnerte Jeremy sich doch an etwas? Womöglich an …

„Wir wohnen in dem kleinen Gästehaus weiter hinten auf dem Grundstück“, unterbrach Manolos Antwort ihren Gedankengang. „Das war schon früher so, als der Hof noch deiner Tante gehörte.“

Sie hatten sich schon eine Weile über das Gestüt unterhalten, und Jeremy schien ehrlich interessiert zu sein an dem Alltagsleben auf dem Anwesen. Vor allem wohl, weil er hoffte, sich an irgendetwas erinnern zu können.

„Und im Augenblick habt ihr gar keine Gäste?“, erkundigte er sich.

Sheryl schüttelte den Kopf. „Eigentlich sollten in ein paar Tagen welche kommen, aber die haben ihren Besuch wieder abgesagt. Angeblich aus gesundheitlichen Gründen.“

„Angeblich?“, hakte Jeremy nach.

Sheryl nickte. „Ich vermute, dass das nur eine Ausrede ist und sie in Wahrheit von Adolpho Jiminez abgeworben wurden.“

Manolo stand auf, und seine Schwester tat es ihm nach. „Wir müssen dann auch wieder an die Arbeit“, sagte der Spanier und nickte Jeremy knapp zu. Er sah Sheryl an. „Du meldest dich, wenn du Hilfe brauchst, ja?“

„Sicher. Danke dir.“

Er umarmte sie zum Abschied, wie er es oft tat. Eine ganz flüchtige, freundschaftliche Umarmung – dennoch war es Sheryl dieses Mal unangenehm, und sofort warf sie einen prüfenden Blick auf Jeremy. Bloß warum?

Weil du Angst hast, dass der alte Jeremy mit all seinen schlechten Angewohnheiten wiederkommt.

Rasch löste sie sich von Manolo und atmete erst auf, als sie und Jeremy wieder allein in der Küche waren.

„Ich … ich wollte noch über etwas mit dir sprechen“, sagte sie und spürte, wie das Thema, das sie nun anschneiden wollte, ein Gefühl des Unbehagens in ihr aufsteigen ließ. „Es ist wegen …“

„Ich kann mir schon denken, was du sagen willst“, unterbrach Jeremy sie. „Du fragst dich sicher, ob ich wieder hier wohnen will, nicht wahr?“

Sie sah ihn an. „Selbstverständlich wirst du hier wohnen“, erwiderte sie. „Ich meine, sofern du es selbst willst natürlich. Es ist nur … Hör zu, Jeremy: Solange ich nicht weiß, was damals geschehen ist, also warum du mich verlassen hast …“ Sie holte tief Luft. „Ich möchte, dass du vorerst in einem der Gästezimmer schläfst.“

Amüsiert lächelte er.

Es war das erste Mal seit seiner Ankunft, dass Sheryl ihn so sah, und sein Lächeln ließ ihr Herz schneller schlagen. Plötzlich überkam sie ein unbeschreibliches Gefühl der Wärme und Geborgenheit, und am liebsten hätte sie sich in diesem Moment an seine starke Brust gedrückt.

Doch ihr Verstand sagte ihr etwas anderes.

Dieser Mann hat dich im Stich gelassen, schon vergessen?

Nein, wohl kaum. Wie könnte sie das je vergessen?

Als sie Jeremy damals kennengelernt hatte, war es sofort um sie geschehen. Zu der Zeit war sie eine schüchterne junge und nahezu unerfahrene Frau gewesen, für die es keinen rechten Platz im Leben zu geben schien. Bis dahin war sie immer nur herumgeschubst worden. Vor allem von ihrer Mutter, die …

Sheryl schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, ausgerechnet jetzt in der Vergangenheit zu wühlen. Fest stand nur, dass Jeremy der erste Mensch gewesen war, dem sie sich vollends geöffnet hatte. Sie hatte ihm hundertprozentig vertraut, und obwohl er natürlich auch seine Macken hatte, wäre sie nie auf den Gedanken gekommen, dass er ihr Vertrauen eines Tages so mit Füßen treten würde. Aber er hatte es getan, und das sollte sie sich von jetzt an besser immer vor Augen halten.

„Hast du wirklich geglaubt, ich hätte erwartet, dass wir in einem Bett schlafen?“ Jeremys Lächeln wurde noch eine Spur breiter. „Hör zu, Sheryl, ich weiß, dass ich praktisch fremd für dich bin. Ich habe dich damals offenbar verlassen und schwer enttäuscht. Jetzt, nach zwei Jahren, bin ich wieder da, im Grunde ein Unbekannter. Aber vergiss nicht, dass auch du eine vollkommen Fremde für mich bist. Schließlich kann ich mich an überhaupt nichts mehr erinnern. Sofern du mich also hier wohnen lassen möchtest, bin ich mit einem der Gästezimmer voll und ganz zufrieden.“ Er machte eine kurze Pause und zuckte dann mit den Schultern. „Und wenn es hier nicht funktionieren sollte, kann ich auch jederzeit wieder zurück nach Huelva.“

Sie schüttelte den Kopf. „Erst mal musst du auf jeden Fall hierbleiben. In deiner früheren Umgebung wird es dir am ehesten gelingen, dich wieder zu erinnern.“ Sie sah ihn fest an. „Eine Bedingung aber habe ich.“

„Und die wäre?“

„Ich möchte, dass wir gleich morgen früh zu einem Arzt fahren, damit du dich gründlich untersuchen lassen kannst.“

„Aber Sheryl, was soll der mir denn sagen? Ich …“

„Keine Widerrede!“, unterbrach sie seinen Einwand. „Wie gesagt, das ist meine Bedingung. Ich möchte einfach wissen, was ein Arzt zu deinem Zustand sagt und wie groß die Chancen sind, dass du dein Gedächtnis wiedererlangst.“

Nachdenklich schwieg er einen Augenblick. „In Ordnung“, sagte er anschließend, „ich bin einverstanden.“

„Gut, dann lasse ich dir von Lucia eines der Zimmer herrichten.“

„Danke.“ Er stand auf. „Hast du etwas dagegen, wenn ich mir draußen die Füße vertrete? Ich würde mich auch gern ein wenig umsehen und schauen, ob mir hier etwas bekannt vorkommt. Außerdem …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wäre jetzt gern eine Weile allein.“

Sheryl nickte. „Kein Problem.“

Sobald er die Küche verlassen hatte, atmete sie auf. Auch sie brauchte wohl eine Weile für sich, um das alles zu verarbeiten.

Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, als Sheryl aus den Ställen trat, die sich auf der anderen Seite des Grundstücks befanden. Sie hatte die Pferde gestriegelt und versorgt, aber das war nicht der einzige Grund gewesen, warum sie am Nachmittag hierhergekommen war.

Zu den Pferden ging sie nämlich auch immer dann, wenn sie allein und gleichzeitig in Gesellschaft sein wollte.

Die Tiere gaben ihr einfach etwas, was ihr kein Mensch zu geben vermochte. Dabei wusste sie selbst nicht einmal, was genau das eigentlich war. Wärme? Geborgenheit? Fest stand nur, dass sie sich bei den Pferden gut aufgehoben fühlte.

Vor allem ein Pferd hatte einen besonderen Platz in ihrem Leben: Sunshine.

Vor vielen Jahren, als sie mit Jeremy hierher nach Andalusien gekommen war, hatte sie gleich an ihrem ersten Tag helfen müssen, ein Fohlen auf die Welt zu bringen. Damals war sie allein gewesen. Jeremy war mit Manolo und Lucia nach Sevilla gefahren. Andere Arbeiter hatte es zu der Zeit nicht gegeben, weil ihnen nach dem Tod von Jeremys Tante die Zukunft des Gestüts zu unsicher erschienen war. Dass das Fohlen zu früh kommen würde, hatte niemand ahnen können. Sheryl hatte den Tierarzt gerufen, der auch sofort gekommen war, jedoch ihre Hilfe benötigt hatte.

Zunächst war Sheryl regelrecht in Panik geraten. Sie war ein Stadtmensch und hatte kaum Erfahrung im Umgang mit Tieren. Am liebsten wäre sie davongelaufen, doch dem Tierarzt war es gelungen, sie mit den wenigen Brocken Spanisch, die sie damals verstanden hatte, zu beruhigen, und so hatten sie schließlich gemeinsam der Stute Ánima dabei geholfen, ein gesundes Fohlen zur Welt zu bringen.

Deshalb liebte Sheryl dieses Pferd ganz besonders.

Für sie war diese Geburt ein einschneidendes Erlebnis gewesen. Und mit diesem Erlebnis war sie so richtig in Andalusien angekommen.

Jeremy hatte darauf bestanden, dass sie dem Fohlen einen Namen gab. Spontan hatte sie es Sunshine getauft.

Sunshine, der Kosename ihrer Schwester …

Kim war acht Jahre jünger gewesen als sie. Als sie zur Welt gekommen war, waren sie noch eine glückliche Familie gewesen. Ihre Eltern hatten Kim immer Sonnenschein genannt, und Sheryl hatte es ihnen gleichgetan.

Als kleines Mädchen war Kim vernarrt in Pferde gewesen. Im Hyde Park hatte sie den Reitern immer ganz begeistert zugeschaut, und ab und zu waren sie auch zu den Ställen gegangen, damit Kim die Pferde streicheln konnte.

Dann war das Glück der Familie jäh zerstört worden, als Kim im Alter von nur sechs Jahren bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam.

Sheryl schloss die Augen, als sie daran zurückdachte. Damals war sie vierzehn und hatte das alles kaum verstanden. Dass ihre Schwester, der kleine Sonnenschein der Familie, nicht mehr da sein sollte, war ihr einfach nur unwirklich erschienen.

Von da an war alles anders gewesen. Ihre Mutter ergab sich stumm ihrer Trauer, und ihr Vater ertränkte seinen Kummer im Alkohol. Nicht einmal ein Jahr nach Kims Tod hatte er seine Familie verlassen.

Mutter und Tochter waren nun ganz auf sich allein gestellt gewesen. Doch anstatt ihrem noch verbliebenen Kind all ihre Liebe und Zuneigung zu schenken, hatte Viola Wood genau das Gegenteil getan und …

„Perdón, riss Lucias Stimme sie aus ihren Gedanken. „Störe ich?“

Sheryl wandte sich um und lächelte Manolos Schwester zu, die soeben den Stall betreten hatte. „Aber Lucia“, sagte sie kopfschüttelnd, „du solltest doch langsam wirklich wissen, dass du niemals störst. Was gibt es denn?“

„Ich wollte eigentlich nur fragen, ob ich noch irgendetwas tun kann. Ich habe das Zimmer für Jeremy hergerichtet und in den restlichen Räumen Staub gewischt und gelüftet.“

„Das ist nett von dir, Lucia. Mehr ist heute wirklich nicht nötig. Du und dein Bruder solltet den Feierabend genießen. Ach, und morgen werden mein Ma…“ Sie stockte. Aus irgendeinem Grund viel es ihr schwer, die Worte „mein Mann“ auszusprechen. Lag es daran, dass der Jeremy, den sie heute empfangen hatte, im Grunde ein Fremder für sie war?

„Ich meine, Jeremy und ich werden morgen schon früh wegfahren. Würdest du dich bitte hier um alles Nötige kümmern, vor allem um die Pferde? Wir wollen zum Arzt, weißt du?“

Sí, naturalmente. Wird Jeremy denn … Wird er sich wieder erinnern können? Manolo fragt sich das auch schon die ganze Zeit. Er sorgt sich um den patrón.“

Sheryl stieß einen tiefen Seufzer aus. „Wenn ich das nur wüsste, Lucia. Ich hoffe, nach der Untersuchung morgen wissen wir mehr. Ich habe bereits einen Termin im Krankenhaus vereinbart.“ Sie lächelte. „Und jetzt sieh zu, dass du zu deinem Bruder kommst!“

„Gracias!“ Die Spanierin verabschiedete sich und verließ den Stall.

Sheryl wandte sich wieder Sunshine zu. Sanft strich sie der Stute über den Kopf. „Ach, Sunshine, wenn ich nur wüsste, wie es weitergehen soll …“

Damals, als sie nach Andalusien gekommen waren, war nur angedacht gewesen, dass Sheryl sich um den Haushalt kümmern sollte. Die restliche Arbeit, die auf dem Gestüt anfiel, hatte ­Jeremy allein übernehmen wollen. Nur für den Fall, dass sie nicht in der Lage sein würden, von den Einnahmen allein zu leben, wären Hilfsjobs in der Nachbarschaft für sie in Betracht gekommen.

Doch nachdem sie dabei geholfen hatte, Sunshine zur Welt zu bringen, war ihr klar geworden, wie ihre Zukunft aussehen würde. Sie wollte sich um die Pferde kümmern, reiten lernen und später Reitunterricht geben. Also hatte sie fortan verbissen dafür gearbeitet, und zwar mit Erfolg: Schon zwei Jahre nach ihrer Auswanderung gab Sheryl ihren ersten Unterricht, und die Arbeit mit den Gästen, oft Kinder und Jugendliche, bereitete ihr viel Freude.

Deshalb hatte sie auch keine Sekunde daran gedacht, die Flinte ins Korn zu werfen, nachdem Jeremy einfach aus ihrem Leben verschwunden war. Sie hatte dafür gekämpft, das Gestüt um jeden Preis weiterzuführen, so groß die Konkurrenz auch inzwischen sein mochte.

Sie wollte das alles hier am Leben halten.

Für sich.

Für die Tiere.

Und für Kim.

Die Frage war bloß, wie lange es noch gut gehen konnte. Finanzielle Reserven gab es im Grunde schon seit Jeremys Verschwinden nicht mehr. Er hatte zwar nicht alles mitgenommen, aber doch eine beträchtliche Summe. Damals hatten sie jedoch zumindest regelmäßig Gäste gehabt, was seit etwa einem Jahr kaum noch der Fall war.

Und die letzten sechs Monate waren die reinste Katastrophe gewesen.

Sheryl drehte jeden Cent dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Doch sie konnte nur bedingt sparen: Bei der Pferdehaltung ging sie jedenfalls keinerlei Kompromisse ein, außerdem waren noch Kreditraten zu bezahlen. In der Konsequenz war sie kaum in der Lage, Arbeiter zu bezahlen, und um sämtliche Instandhaltungsarbeiten am Haus kümmerte sie sich entweder selbst zusammen mit Manolo oder sie ließ sie ganz einfach ruhen.

Aber natürlich wusste sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Blieben die Gäste weiterhin aus, würde sie das Gestüt höchstens noch ein halbes Jahr halten können, bevor die Bank es zwangsversteigern ließ.

Das wäre dann das Ende des Casa la Monta.

Sheryl seufzte. Was sollte sie dann tun? Was würde aus den Pferden werden, was aus Manolo und Lucia? Was aus ihr selbst? Eines stand jedenfalls fest: Sollte dieser Fall eintreten, hätte Jeremy alles zerstört, was sie gemeinsam aufgebaut hatten.

Jeremy! Sheryl zog die Brauen zusammen, als sie daran dachte, was er ihr angetan hatte. Und dass er wieder da war, kam ihr noch immer vollkommen unwirklich vor. Du meine Güte, sie hatten am Mittag in der Küche zusammengesessen, wie früher.

Fast wie früher. Mit dem Unterschied, dass Jeremy sich eben nicht an früher erinnern konnte.

Wie war das nur möglich? Was war mit ihm passiert? Und immer wieder ein und dieselbe Frage: Warum hatte er sie im Stich gelassen?

Mit zusammengekniffenen Augen hob Jeremy den schweren, etwa ein Meter langen Hammer über die rechte Schulter, hielt die Luft an und ließ ihn anschließend mit voller Wucht auf den Zaunpfahl niedersausen.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Aufatmend stellte Jeremy den Hammer neben sich auf dem Boden ab und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann prüfte er mit der Hand, ob der Pfosten fest genug saß, und nickte zufrieden. Zufrieden zumindest mit seiner Arbeit. Nicht aber mit dem, was er eigentlich durch diese Arbeit hatte erreichen wollen.

Endlich den Kopf freizubekommen.

Nachdem er vor zwei Jahren ohne jegliche Erinnerung an sein früheres Leben im Hafen von Casablanca erwacht war, hatte er schnell festgestellt, dass harte, schweißtreibende Arbeit die beste Möglichkeit war, seine Gedanken zu sortieren. Und das war damals dringend notwendig gewesen. Niemand, der es nicht am eigenen Leib erfahren hatte, konnte sich vorstellen, wie schlimm es sich anfühlte, nichts von sich selbst zu wissen. Es gab so unendlich viele Fragen – und keinerlei Antworten.

Natürlich hatte Jeremy sich immer wieder umgehört, ob irgendjemand ihn kannte. Er hatte Zeitungen gelesen und im Internet geforscht, in der Hoffnung, auf einen Artikel über eine vermisste Person in der Umgebung zu stoßen. Doch nichts. Es gab einfach keinerlei Anhaltspunkte.

Zudem war da immer noch die Angst. Die Angst davor, dass er womöglich ein gesuchter Mörder war. Das war auch der Grund dafür, dass er den Gang zur Polizei oder in ein Krankenhaus scheute.

Und so hatte er beschlossen, zunächst im Hafen als Hilfsarbeiter anzuheuern, um Geld zu verdienen. Die Arbeit war hart, der Lohn gering, aber er bekam freie Kost und Logis und konnte so seinen Verdienst komplett sparen.

Nach fast zwei Jahren reichten seine Ersparnisse schließlich aus, um einen Privatdetektiv zu engagieren. Jeremy beauftragte ihn damit, herauszufinden, wer er war und woher er kam.

Und schon nach kurzer Zeit dann der Erfolg. Über eine Kollegin aus Andalusien hatte der Detektiv erfahren, dass ein gewisser Jeremy Baker seit etwa zwei Jahren vermisst wurde. Mehr wollte Jeremy nicht hören. Er bat den Detektiv, ihn bei seiner vermeintlichen Ehefrau anzumelden – und machte sich dann sofort auf den Weg nach Andalusien …

Hier war er nun. Und er hatte erste Antworten auf seine vielen Fragen bekommen. Antworten, die ihm jedoch nicht gefielen.

Wie es schien, war er ein gemeiner Schuft. Er hatte seine Frau verlassen und zuvor das gemeinsame Konto fast leer geräumt. Damit hatte er nicht nur Sheryls Herz gebrochen, sondern auch beinahe ihre Existenz zerstört.

Was für ein Mensch war er, dass er so etwas tun konnte?

Bei dem Gedanken an Sheryl spielten seine Gedanken nicht zum ersten Mal an diesem Tag verrückt. Wie sehr wünschte er sich, sie würde ihn anlächeln und ihn berühren. Auch sehnte er sich danach, sie anzufassen. Wie mochte sich die Frau, die einmal seine gewesen war, anfühlen?

Doch sogleich kam auch wieder Misstrauen auf. Er wusste nicht, wer diese Frau war. Und er wusste nicht, wie es um ihre Ehe gestanden hatte. Alles, was er wusste, war, dass ihn vorhin, als er sie mit diesem Manolo gesehen hatte, ein ungutes Gefühl beschlichen hatte.

Und selbst wenn das nichts zu bedeuten hatte, so durfte er trotzdem keinesfalls zulassen, dass sie sich zu nahe kamen. Nicht nur in seinem eigenen, sondern vor allem in ihrem Interesse.

Nicht bevor er herausgefunden hatte, ob er tatsächlich ein Mörder war.

Rasch verscheuchte Jeremy den düsteren Gedanken, dann ergriff er den Hammer wieder, holte aus und schlug noch einmal mit voller Wucht auf den ohnehin schon fest sitzenden Zaunpfahl ein.

Sheryl stockte der Atem.

Sie hatte die Stallungen verlassen und wollte die Werkzeuge wegräumen, die sie benötigt hatte, um den Zaun abzuschmirgeln, und die noch vor der Zufahrt zum Casa la Monta lagen. Jetzt stand sie da und beobachtete, wie Jeremy mit freiem Oberkörper den schweren Hammer auf einen Zaunpfahl niedersausen ließ.

Sheryl schluckte. Seine nackte, braun gebrannte Brust war von einem dünnen Schweißfilm überzogen und glänzte im Schein der Abendsonne. Nachdem er den Schlag ausgeführt hatte, bemerkte er sie und ließ den Hammer zu Boden sinken. Mit der rechten Hand schirmte er das Gesicht vor der Sonne ab und sah sie an.

„Beobachtest du mich etwa?“, fragte er, und Sheryl konnte dem Klang seiner Stimme nicht entnehmen, ob er eher amüsiert oder verärgert war.

Sie konnte nicht sofort antworten, weil ihre Kehle plötzlich ganz rau war. Mit der Zunge befeuchtete sie ihre trockenen Lippen und schluckte dann angestrengt. „Ich …“ Sie räusperte sich. „Ich wollte eigentlich nur die Sachen in den Schuppen räumen.“ Mit dem Zeigefinger deutete sie auf das Schmirgelpapier und den Werkzeugkoffer.

Dann ließ sie ihren Blick von links nach rechts über den Zaun wandern und stellte fest, dass er ihre Arbeit sehr gut fortgeführt hatte. Er musste den ganzen Nachmittag hier verbracht haben. Anerkennend nickte sie. „Alle Achtung, du bist ja schon weit gekommen.“ Sie lachte. „Dafür hätte ich bestimmt noch drei Tage gebraucht!“

Er winkte gelassen ab. „Ach was, das war eine Kleinigkeit. Einige der Pfähle waren locker. Ich habe sie ganz gelöst und dann neu in den Boden gerammt. Den Hammer habe ich von Manolo.“

„Manolo hat dir geholfen?“, fragte Sheryl und konnte nicht verhindern, dass sich ein wenig Unbehagen in ihre Stimme schlich. Am liebsten wäre es ihr, wenn Jeremy fürs Erste nicht allzu viel Zeit mit Manolo verbrachte. Es gab da ein paar Dinge, die Jeremy nicht unbedingt …

„Ich habe ihn nur gefragt, wo ich einen Hammer finde“, antwortete er und riss sie damit aus ihren Gedanken. „Er hat zwar angeboten, mir zu helfen, aber ich wollte lieber etwas für mich sein. Außerdem …“

„Ja?“

Er zuckte mit den Schultern. Allein diese flüchtige Bewegung und das damit verbundene Spiel seiner Brustmuskeln ließ Sheryls Kehle wieder trocken werden. Sie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte und ihr Atem schneller ging. War es wieder heißer geworden oder warum stand ihr plötzlich der Schweiß auf der Stirn?

Jeremy zog die Brauen zusammen. „Ich weiß auch nicht, aber irgendwie erschien mir Manolo ein wenig … merkwürdig.“

„Merkwürdig? Inwiefern?“

„Ich weiß auch nicht so recht. Auf jeden Fall verhielt er sich recht reserviert und wollte immer wieder wissen, ob ich mich nicht doch an etwas erinnern kann.“

„Ich glaube einfach, er kann das alles noch nicht so ganz verstehen oder kommt einfach nicht gut damit zurecht. Immerhin warst du sein bester Freund und zudem sein Vorgesetzter. Ich denke, er braucht eine Weile, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass du von früher nichts mehr weißt.“

„Und du? Wie ist es mit dir?“ Er kam auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. Sein männlich-markanter Duft stieg ihr in die Nase, und sie bemerkte, dass er ein neues Aftershave benutzte. Sie spürte, wie ihr die Knie weich wurden. „Ist es für dich schwer, dich daran zu gewöhnen?“, fragte er.

Seine Frage trieb ihr die Tränen in die Augen. „Das fragst du noch? Was glaubst du denn? Dass es einfach für mich ist, erst verlassen zu werden, und zwei Jahre später zu erfahren, dass du wiederkommst, und dann feststellen zu müssen, dass du dich an nichts aus unserem gemeinsamen Leben mehr erinnerst?“

Er senkte den Blick. Ihm war anzusehen, dass er sich unwohl fühlte in seiner Haut. „Hör zu, Sheryl, es tut mir leid. Ich weiß nicht, was damals geschehen ist. Aber wenn ich tatsächlich ein solcher Schuft war und dich einfach verlassen habe, dann schäme ich mich dafür.“ Er hielt kurz inne. „Ich kenne dich erst seit ein paar Stunden, aber ich weiß, dass du so etwas nicht verdient hast. Der Jeremy, der das getan hat, gehört für dieses Verhalten bestraft. Das Problem ist nur, dieser Jeremy bin nicht ich. Zumindest solange nicht, bis ich mich wieder an etwas erinnern kann.“

In diesem Moment brachen bei Sheryl alle Dämme. „Oh Jeremy!“, rief sie heiser aus. „Ich habe dich so vermisst!“ Sie vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. Einen Moment lang nahm sie nichts um sich herum wahr, gab sich nur ihren Gefühlen hin, dann spürte sie, wie starke Hände sie umfassten. Jeremy schloss sie in die Arme und zog sie fest an sich.

Seine Nähe tat so unglaublich gut. Wie sehr hatte sie sich danach gesehnt! Wie sehr hatte sie es vermisst, von ihm gehalten zu werden! All die lange Zeit, in der sie nicht gewusst hatte, ob er lebte oder tot war – jetzt endlich war die Ungewissheit vorbei und er war wieder bei ihr.

Sie hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich.

Es war wie Magie.

Es war wie früher.

Und als sein Mund sich nun ihren Lippen näherte, ganz langsam, dachte Sheryl an gar nichts mehr. Schloss einfach nur die Augen und wartete darauf, dass ihr Mann sie endlich küsste.

Doch ehe es dazu kommen konnte, erklangen laute Stimmen und holten Sheryl schlagartig ins Hier und Jetzt zurück.

Hastig wischte sie sich die schon angetrockneten Tränen aus dem Gesicht, wirbelte herum und erblickte ein halbes Dutzend Spanier, die jubelnd und händeklatschend angelaufen kamen. Es waren Nachbarn aus der näheren Umgebung, mit denen Sheryl immer wieder mal Kontakt hatte.

Sie seufzte. „Offenbar hat sich deine Heimkehr schon herumgesprochen“, sagte sie an Jeremy gewandt. „Wahrscheinlich hat dich heute jemand im Taxi gesehen, als du herkamst.“

Ihr Mann wirkte verunsichert. „Wer sind diese Leute?“, wollte er wissen.

„Liebe Menschen, die dich kennen.“ Sie lächelte ihm zu. „Komm, ich stelle sie dir vor …“

Später am Abend, in einer Villa in Marokko

„Und es ist sicher, dass er sich an nichts erinnern kann?“ Der Mann, der die Frage stellte, hielt den Telefonhörer dicht ans Ohr gepresst und sprach leise, als habe er Angst, belauscht zu werden.“

„Er behauptet es jedenfalls“, drang es aus dem Hörer.

„Aber sicher ist es nicht?“, fragte der Mann skeptisch.

„Welchen Grund sollte er haben, so etwas zu behaupten?“

„Er könnte den Plan verfolgen, uns zur Strecke zu bringen.“

„Dann hätte er bloß zur Polizei gehen müssen – und das hätte er die ganze Zeit schon tun können. Nicht erst jetzt, nach zwei Jahren.“

„Trotzdem … die Sache gefällt mir nicht. Selbst wenn es stimmt – zumindest theoretisch könnte es jederzeit passieren, dass seine Erinnerung zurückkommt.“

„Zugegeben, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber was sollen wir tun?“

Der Mann holte tief Luft. „Sie müssen die Sache erledigen. Und zwar richtig.“

Kurzes Schweigen trat ein, dann: „Soll das heißen, Sie wollen, dass …“

„Räumen Sie Jeremy Baker aus dem Weg. Ein für alle Mal! Und wenn Sie es nicht schaffen, schicke ich meine Leute. Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit!“

4. KAPITEL

„Meinst du nicht doch, es wäre eine gute Idee gewesen, ein oder zwei Nächte im Krankenhaus zu bleiben?“, fragte Sheryl, als sie am nächsten Tag das Krankenhausgelände verließen und in ihren Wagen stiegen.

Inzwischen war es ein Uhr durch, und Jeremy fühlte sich erschöpft wie nach einem harten Arbeitstag. Die Ärzte hatten sein Innerstes regelrecht nach außen gekrempelt. Mehrere Stunden war er untersucht und zahlreichen Tests unterzogen worden, doch das Ergebnis war eindeutig: Er war vollkommen gesund – mit der Ausnahme, dass er sich nur noch an die letzten zwei Jahre seines Lebens erinnern konnte.

Die Tatsache, dass er einmal Erlerntes weiterhin beherrschte, war dabei laut Aussage des Arztes vollkommen normal.

„Sofern Ihr Mann einen Führerschein besessen hat, kann er also auch wieder Auto fahren“, hatte der Arzt Sheryl erklärt. „Sobald er hinter dem Steuer sitzt, wird er wissen, was zu tun ist.“

Jeremy wusste das. Es war ihm immer wieder aufgefallen. Es fing damit an, dass er von Anfang an gewusst hatte, wie man sich rasierte oder die Haare wusch, aber auch wie man einen Nagel in die Wand schlug oder eine Bohrmaschine betätigte.

Als er nach Andalusien gekommen war, hatte er völlig selbstverständlich mit dem Taxifahrer Spanisch gesprochen, während er sich in Casablanca auf Englisch verständigt hatte. Er konnte das alles. Er hatte sich eben bloß nicht daran erinnern können, jemals zuvor etwas von all den Sachen getan zu haben.

Seufzend schnallte er sich an, während Sheryl den Motor startete. „Und was sollte das bringen?“, fragte er leicht genervt. „Du hast doch gehört, was der Arzt gesagt hat: Ich bin gesund. Ob oder wann ich mein Gedächtnis wiedererlange, kann niemand voraussagen.“

„Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, dir zu helfen“, stieß sie verzweifelt hervor.

Jeremy sah, dass sie den Tränen nah war, und legte ihr eine Hand auf den Unterarm. Bei der Berührung durchfuhr ihn ein wohliger Schauer, und plötzlich erschien die Frau, die für ihn eine Fremde war, ihm vollkommen vertraut. „Wir müssen Geduld haben, Sheryl. Geduld ist das Einzige, was mir helfen kann.“

Sie atmete hörbar ein. „Ja, du hast recht“, sagte sie und zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Ein Lächeln, das ihn sofort in den Bann zog. „Wir müssen wohl beide geduldig sein.“

Sie nickte ihm noch einmal zu und fuhr dann los. Auf der Fahrt zurück bewunderte Jeremy nicht zum ersten Mal die wunderschöne Landschaft Andalusiens. Sie kamen an weiß getünchten Häusern vorbei – manche klein, andere wirkten regelrecht wie Paläste – und sie sahen natürlich auch immer wieder die in Andalusien allgegenwärtigen Mandel- und Olivenbäume.

Es war seltsam, auch die ganze Umgebung hier kam ihm zwar nicht bekannt vor, wirkte aber doch vertraut auf ihn. Und es überraschte ihn nicht, dass er sich hier offenbar einmal sehr wohlgefühlt hatte.

So wohl, dass du einfach deine Frau im Stich gelassen hast und fortgegangen bist?

Er schüttelte den Gedanken ab. Viel wichtiger erschien ihm immer noch die Frage, ob es wirklich gut war, dass er bei Sheryl wohnte – gut für sie. Die Sorge, dass er in Wahrheit ein brutales Monster war, schnürte ihm schier die Kehle zu.

Trotzdem wollte er vorerst bleiben. Erstens, weil er ahnte, dass er nur so die Chance hatte, sich endlich wieder an seine Vergangenheit zu erinnern. Und zweitens, weil er spürte, dass ein erneutes Verlassenwerden Sheryl endgültig das Herz brechen würde.

Und außerdem willst du bei ihr sein, sei doch ehrlich!

Es stimmte: Er wollte es. Weil er sich zu Sheryl hingezogen fühlte. Weil er sich bei ihr gut fühlte. Zu Hause.

Sie waren schon ein ganzes Stück gefahren, als er bemerkte, dass dies nicht der Weg war, den sie auf dem Hinweg genommen hatten. Für einen winzigen Moment stieg Misstrauen in ihm auf. Wohin bringt sie mich? fragte er sich argwöhnisch.

Doch dann schüttelte er über sich selbst den Kopf. Sie wird dich schon nicht irgendwo verscharren wollen …

„Wohin fahren wir?“, erkundigte er sich und sah sie von der Seite an.

„Das wirst du schon sehen.“ Sie lächelte, und ihr Lächeln raubte ihm den Atem. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug, sein Puls zu rasen begann und seine Handinnenflächen feucht wurden. Er konnte sich nicht erinnern, so etwas in Gegenwart einer Frau schon einmal erlebt zu haben. Unwillkürlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. Fühlte es sich etwa so an, wenn man verliebt war?

Unsinn! rief er sich sogleich zur Ordnung. Du kannst nicht verliebt sein in Sheryl. Du magst mit ihr verheiratet sein, aber sie ist eine Fremde für dich. Du kennst sie nicht!

Aber an noch etwas musste er in diesem Moment denken. Und zwar an das ungute Gefühl, das gestern in ihm aufgestiegen war, als er Sheryl zusammen mit Manolo gesehen hatte. Woher war das gekommen? Hatte es ihm nur nicht gefallen, Sheryl so nah bei einem anderen Mann zu sehen? Oder war da etwas in seinem Unterbewusstsein, das ihn warnen wollte?

Sie fuhren noch eine ganze Weile schweigend weiter. Sheryl wirkte nachdenklich und auch ein wenig enttäuscht. Jeremy konnte sich denken, warum. Wahrscheinlich hatte sie sich von dem Besuch im Krankenhaus mehr erhofft.

Aber was dachte sie denn, wie es ihm ging? Glaubte sie etwa, er wollte nicht wieder gesund werden? Seit zwei Jahren hoffte er Tag und Nacht, sich endlich wieder erinnern zu können. Er hatte schon kurz davor gestanden, endgültig aufzugeben, als er von Sheryl erfuhr. Jetzt wusste er zumindest, wie und wo er früher gelebt hatte. Und mit wem. Wenn er irgendwo die Erinnerung an früher zurückerhalten konnte, dann hier in Andalusien.

„So, da wären wir.“ Ihre wohltönende Stimme riss ihn jäh aus seinen Überlegungen.

Er blickte auf. Sheryl hatte den Wagen auf einem kleinen Parkplatz abgestellt.

Fragend schaute Jeremy sie an. „Und wo genau wäre das?“

„Sevilla“, antwortete sie, so als würde das bereits alles erklären. „Du hast diese Stadt früher geliebt. Wir waren hier, sooft wir es einrichten konnten. All die Bauwerke aus der Zeit der maurischen Herrschaft haben dich fasziniert. Erinn… Nein, natürlich nicht.“ Ihr Lächeln flackerte. „Tut mir leid.“

Er wusste, dass sie sich bemühte, ihm zu helfen. Und vielleicht war es auch wirklich eine gute Idee, die Orte aufzusuchen, die ihm früher etwas bedeutet hatten. Warum also nicht gleich hier anfangen?

Ohne lange zu zögern, stieg er aus, ging um das Auto herum und öffnete Sheryl die Fahrertür. Sie schien überrascht zu sein und lächelte erfreut. Er reichte ihr die Hand, die sie ergriff. Er hatte nicht damit gerechnet, wie heftig sein eigener, verräterischer Körper auf diese harmlose Berührung reagierte.

Er zwang sich, sich zusammenzureißen. Sie war eine attraktive Frau, es war nicht verwunderlich, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte.

Als sie schließlich in die schmalen Gassen der Altstadt eintauchten, rückten all seine Probleme in den Hintergrund. Die Gemäuer atmeten Geschichte, das war förmlich zu spüren. Und auch wenn er sich an nichts Konkretes erinnerte, so fühlte er doch etwas Vertrautes. Oder war das bloß Einbildung?

Doch irgendwie glaubte er, dass dem nicht so war. Da war mehr. Irgendwo tief in ihm. Es zeigte sich in Kleinigkeiten. Der große Platz, von dem Sheryl ihm erklärte, dass er Plaza Nueva hieß, die umliegenden Nebenstraßen und Fußgängerzonen kamen ihm auf seltsame Art und Weise vertraut vor. So als sei er schon einmal hier gewesen. Irgendwann. In einem früheren Leben.

Etwas später erreichten sie das Ufer des Guadalquivir, der die Stadt wie ein silbernes Band durchzog. Ein hoher Turm aus Sandstein ragte in die Höhe, den Jeremy interessiert musterte.

„Das ist der Torre del Oro“, erklärte Sheryl.

„Der goldene Turm …“ Jeremy hielt einen Moment den Atem an. Von diesem Bauwerk ging eine enorme Faszination aus. Obwohl er nicht einmal allzu groß war, wirkte der Turm doch irgendwie herrschaftlich. Unwillkürlich fragte sich Jeremy, wer dieses kleine Kunstwerk einst erbaut haben mochte und unter welchen Bedingungen.

„Habe ich mich früher für so etwas interessiert?“, erkundigte er sich.

„Und ob! Solche Bauwerke konntest du dir stundenlang ansehen.“ Sie stockte. „Leider hatten wir nicht allzu oft Zeit für Sightseeing und Stadtbummel. Die Arbeit wuchs uns oft über den Kopf.“

Er sah sie an. Da war Traurigkeit in ihrem Blick. Hatte es zuletzt vielleicht nicht mehr gut um ihre Ehe gestanden, weil sie beide zu viel arbeiten mussten?

„Ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist“, sagte er nach einer Weile, „aber ich für meinen Teil bekomme langsam Hunger.“ Er lächelte schulterzuckend. „Ich würde dich ja jetzt gern in ein Restaurant ausführen, bloß leider kenne ich keins.“

Sie musste lachen. „Keine Bange, ich lasse dich schon nicht verhungern.“ Sie nahm seine Hand, und die Berührung schien ihn unter Strom zu setzen. „Komm, gehen wir etwas essen.“

„Ist es nicht herrlich hier?“ Lachend lief Sheryl, ihre Sandaletten in der Hand haltend, barfuß durch den Sand zum Wasser hinüber und ließ das kühle Nass ihre schlanken Fesseln umspülen. Sie drehte sich um und winkte Jeremy auffordernd zu. „Los, komm schon! Worauf wartest du denn?“

Nach dem Essen hatte sie spontan beschlossen, auf dem Heimweg noch ein Stück Strand in der Nähe anzusteuern, an dem sie früher hin und wieder gern für ein, zwei Stunden Erholung gesucht hatten – auch das leider viel zu selten.

Jetzt war es fast wie früher. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich frei und unbeschwert. Und als Jeremy ebenfalls seine Schuhe auszog, die Hosenbeine hochkrempelte, zu ihr kam und ihre Hand ergriff, schloss sie verträumt die Augen. Seine Nähe zu spüren, ließ sie alles um sich herum vergessen. Beinahe erschien es ihr, als wäre Jeremy nie fort gewesen.

Als wäre das alles nie passiert.

Sheryl öffnete die Augen wieder, und der Zauber war verflogen. An seine Stelle trat Wut. Wut über ihre dummen, naiven Gedanken. Was tat sie hier eigentlich?

Du benimmst dich ja geradezu so, als würdest du Jeremy immer noch lieben – und er dich. Als sei eure Ehe in Ordnung. Schämst du dich gar nicht? Du solltest etwas mehr Achtung vor dir selbst haben! Immerhin hat Jeremy dich vor zwei Jahren verlassen – ohne ein Wort des Abschieds, aber dafür mit einer Menge Geld!

Sie verstand sich selbst nicht. Wie konnte sie hier mit einem Mann am Strand stehen, der sie so behandelt hatte? Doch gleichzeitig war sie genau mit diesem Mann verheiratet. Und sie hatten auch gute Zeiten gehabt. Sie wusste einfach nicht, wie sie sich verhalten sollte.

„Hör zu“, unterbrach er das Schweigen nach einer Weile, „ich hab mir da etwas überlegt.“

Sie runzelte die Stirn. „Was meinst du?“

„Du hast mir ja erzählt, dass es größere Probleme mit dem Gestüt gibt. Wegen eures Konkurrenten, diesem Adolpho Jiminez.“

Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Ja. Seit Jiminez das Grundstück des alten Miguel gekauft und sein eigenes Gestüt hier hochgezogen hat, geht leider alles mehr und mehr den Bach runter. Jiminez kann einfach mehr bieten als wir. Seine Zimmer sind komfortabler, auf dem Anwesen gibt es einen Pool, und hinter dem eigentlichen Gestüt hat er sogar noch einen Golfplatz anlegen lassen.“

„Aber seine Angebote richten sich vorwiegend an Erwachsene, oder?“

„Schon. Ab und zu sind sicher auch mal Jugendliche dabei, aber sonst … Ja, du hast recht.“

„Ich habe mir das Anwesen nämlich gestern Abend kurz angeschaut.“

Überrascht sah sie ihn an, während sie im Wasser von einem Bein aufs andere wippte. „Du warst noch mal weg?“

„Ja, ich …“ Er zuckte die Achseln. „Ich konnte keine Ruhe finden, da dachte ich mir, ein bisschen frische Luft könnte helfen. Jedenfalls sieht dieses Gestüt alles andere als einladend aus, wenn du mich fragst. Für Leute, die es gern luxuriös und komfortabel mögen, ist es sicher ein Traum, ja. Aber irgendwie hat das alles nichts mit Andalusien zu tun. Dieses Grundstück könnte überall auf der Welt sein, es hat keinerlei Bezug zur Gegend hier. Soweit ich sehen konnte, habe ich nirgendwo einen Oliven- oder Mandelbaum entdecken können. Nicht einen! Bei uns dagegen …“ Er schluckte hörbar. „Ich meine, bei dir …“

Sie überging seine Unsicherheit. „Worauf willst du hinaus?“

„Ich habe mir überlegt, was wir tun könnten, um das Gestüt wirtschaftlich besser aufzustellen.“

Sie lachte bitter. „Meinst du, darüber habe ich mir noch nicht den Kopf zerbrochen? Aber ich sehe einfach keine Möglichkeit. Solange Jiminez uns die Gäste wegnimmt …“

„Dann dürfen wir sie uns eben nicht wegnehmen lassen!“, erklärte Jeremy entschlossen. „Oder wir müssen uns auf Gäste konzentrieren, die bei ihm ohnehin nicht genau das finden, was sie wollen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir uns auf eine ganz bestimmte Gruppe von Gästen konzentrieren?“

„Und welche?“ Sheryl wusste nicht, worauf er hinauswollte.

„Familien“, antwortete er. „Eben die Leute, die nicht bei unserem Konkurrenten die Ferien verbringen.

Sheryl seufzte. „Das ist leicht gesagt … Das Problem ist nur, dass es in Familien immer nur ein oder vielleicht mal zwei Mitglieder gibt, die reiten. Meistens die ältere Tochter. Und genau die kommen ja auch noch ab und an zu uns: Mädchen zwischen vierzehn und achtzehn, die hier reiten oder es lernen wollen. Ihre Eltern bringen sie her, und der Rest der Familie macht anderswo Urlaub. Früher kamen auch die Reichen, Mädchen aus gutem Hause, oder auch reiche Erwachsene ohne Kinder. Gelangweilte Millionärsfrauen oder so was. Aber die gehen jetzt zur Konkurrenz.“

„Und genau da gehören sie auch hin“, erwiderte Jeremy abfällig. „Wir sollten uns auf Familien konzentrieren. Und deshalb müssen wir eine Möglichkeit finden, auf dem Gestüt familiengerechte Ferien anzubieten. Dann dürften wir uns nicht mehr nur auf das Reiten konzentrieren.“

„Sondern?“

„Neben einem Wellness- und Beautyangebot dachte ich an einen Flamenco-Kurs für die Eltern und Abenteuerübernachtungen unter freiem Himmel für den jüngeren Bruder.“

Sheryl nickte langsam. Jeremy hatte sie mit seinen Vorschlägen wirklich verblüfft. Warum war sie selbst noch nicht darauf gekommen? „Gar keine schlechte Idee“, murmelte sie nachdenklich. „Mit einem entsprechenden Konzept kämen wir bestimmt auch in die Kataloge der Reiseveranstalter. Und wenn wir dann noch eine gute Homepage basteln und das Gestüt einigermaßen auf Vordermann bringen …“ Sie machte eine kurze Pause „Du bist genial, weißt du das? Damit könnten wir es wirklich schaffen!“ Erleichtert fiel sie Jeremy um den Hals.

Der war davon offensichtlich so überrascht, dass er nicht schnell genug reagieren konnte. Er verlor das Gleichgewicht, fiel rücklings in den Sand und zog sie mit sich, sodass sie halb auf ihm zum Liegen kam.

Lachend sah sie Jeremy an, und unwillkürlich knisterte plötzlich die Luft zwischen ihnen. Er schaute Sheryl tief in die Augen, und es war, als würde sie von einem starken Magnet angezogen. Wie von selbst näherten sich ihre Lippen seinem Mund. Doch da verkündete ein Ton von Sheryls Handy den Eingang einer SMS, und der Zauber des Augenblicks war verflogen.

Hastig und gleichermaßen irritiert wie peinlich berührt richtete sie sich auf und zog das Mobiltelefon aus ihrer Hosentasche.

Sie war froh über diese Unterbrechung. Froh und erleichtert. Um ein Haar hätte sie Jeremy geküsst. War sie denn noch ganz bei Trost?

Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Posteingang öffnete. Sie war noch immer sehr aufgewühlt.

Die SMS stammte von Manolo.

Wo bleibt ihr denn, Sheryl? Ist alles in Ordnung bei euch? Bitte melde dich. M.

Sheryl atmete tief durch.

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