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ROMANA EXTRA BAND 17

JANE WATERS

Die rote Muschel

Als Patricio die schöne Justine auf dem Quai erblickt, erwacht spontan sein Begehren. Schafft er es, ihr Herz in nur zwei Wochen zu erobern? Ein verführerisches Spiel beginnt – mit ungeahnten Folgen …

CAROLE MORTIMER

Feurige Nächte in Argentinien

Beth zu beschützen, scheint für einen Profi wie Raphael Cordoba kein Problem – solange er die goldene Regel beherzigt: Lass dich niemals mit einer Kundin ein! Doch Beth ist einfach viel zu sexy …

LIZ FIELDING

Köstlich prickelnd wie Champagner

Mit ihrem sinnlichen Körper und dem scharfen Verstand ist Sorrel die perfekte Frau für Alexander! Leider scheint sie nichts als ihre Karriere im Kopf zu haben. Wie kann er das nur ändern?

KIM LAWRENCE

Verliebt in einen stolzen Griechen

Soll sie mit Angolos in seine prunkvolle Villa nach Griechenland zurückgehen? Georgie hat nie aufgehört, ihren Ex zu lieben. Erwidert er ihre Gefühle, oder geht es ihm nur um den gemeinsamen Sohn?

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Die rote Muschel

1. KAPITEL

Auf dem Meer funkelte gleißend das Licht. Leichter Wind kräuselte das weite Wasser, darüber vollzogen ein paar Möwen kreischend ihre Kunstflüge. Die Schiffe am Horizont muteten an wie zarte Pinselstriche, und den blauen Himmel kreuzte gerade ein in der Sonne glitzerndes Flugzeug.

Die vom Atlantischen Ozean umspülte Insel Teneriffa galt als Ort des ewigen Frühlings und lockte das ganze Jahr über mit angenehmen Temperaturen. An der Ostküste war es rund um die Inselhauptstadt im März aber noch etwas ruhiger, und die meisten Boote lagen fest vertäut an ihren Liegeplätzen.

Nah an der City, im großen Hafen von Santa Cruz, befand sich auch die „Marina del Atlántico“. Eigentlich hatte Justine den Jachthafen gar nicht besuchen wollen … nie mehr!

Doch eben, auf dem Nachhauseweg, hatte sie es sich anders überlegt. Es war wie eine Eingebung gewesen. Nun tastete sie in ihrer Tasche nach der Schatulle, in der sie ihre größte Kostbarkeit stets bei sich trug: Ihr Schatz war nur drei Zentimeter lang, hatte zart geschwungene Klappen von Purpurrot bis Pink, leuchtete im Inneren lavendelfarben und an den flügelartigen Außenlippen strahlend orange. Ein so grandioses Farbspiel bei einer so kleinen Muschel! Sie war eine Rarität, und heute hatte Justine zum ersten Mal ein zweites Exemplar gesehen. Schon hatte sie den Besitzer fragen wollen, ob er etwas über die besonderen Kräfte der Muschel wüsste – aber im letzten Moment hatte sie es sich anders überlegt. Eine Wissenschaftlerin, die daran glaubte, dass diese kleine Muschel ihr irgendwann das große Glück bringen würde … das war doch lächerlich!

Für einen Moment schloss sie die Augen, spürte den warmen Wind über ihr Gesicht streichen wie die zarte Berührung einer unsichtbaren Hand. Leise seufzte sie beim Gedanken an ihren Vater, der ihr immer so präsent erschien, wenn sie am Meer war. Doch alles, was sie daran erinnerte, dass es den Seemann wirklich gegeben und dass er das Herz ihrer Mutter gebrochen hatte, war diese zauberhafte und geheimnisvolle Muschel …

Jetzt war Justine am Wasser angekommen und ging nachdenklich den Quai entlang. Boote aller Größen schaukelten sanft auf und ab. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Bis zum Abendessen blieb noch Zeit, und sie verspürte keine Lust, zu Louise zurückzugehen. Dort in der Wohnung war es so bedrückend. Heute brauchte sie mal eine Weile für sich, ohne die Tränen und Probleme ihrer Freundin.

Schließlich musste auch sie gerade gründlich über ihr Leben nachdenken. Und deswegen war es vielleicht doch richtig, an den Ort zurückzukehren, an dem einst auch ein Seemann ihr Herz gebrochen hatte. Genau hier, an dieser Stelle. Fast hätte sie für diesen Lügner sogar ihre rote Muschel hergegeben!

Auf einmal fröstelte sie, und die Kehle wurde ihr eng. Rasch steckte sie eine lose Strähne in ihrem Haarknoten fest und zog ihren Lippenstift nach – fast so, als ahnte sie, dass sie plötzlich beobachtet wurde.

„Die da, Chef!“ Mario sah gebannt durch das Fernglas. „Ich glaube, ich habe schon die Richtige gefunden. Die könnte es sein!“

„Ach, lass deine Scherze.“ Patricio fuhr sich mit einer müden Geste über die Stirn. Seit dem frühen Morgen hatte er auf der „Ocean Star“, seinem schwimmenden Zuhause, im Büro gesessen. In den nächsten Tagen würde er durch den Verkauf einer Superluxusvilla in Barcelona eine schwindelerregende Summe kassieren – auf einen Schlag. Das war phänomenal! Wie lange hatte er auf diesen Coup hingearbeitet, der ihn wieder auf die Sonnenseite des Lebens bringen würde?

Doch statt der erhofften Freude verspürte er nur diese große Leere, die sich durch nichts – weder durch eine heiße Affäre noch durch seine Arbeit und wahrscheinlich schon gar nicht mit dieser Jetset-Party am Abend – füllen ließ.

„Schlägst du nun ein?“, drängelte Mario weiter. „Folgende Wette: Frauen, die nicht nur hübsch, sondern auch intelligent sind, würden sich niemals ernsthaft für dich interessieren, wenn du nur ein normaler Skipper wärst wie ich.“

Nun lachte Patricio auf. „So ein Unsinn!“

Mario ließ das Fernglas sinken und sah ihn fast ein wenig feindselig an. „Unsinn? Von wegen, Chef, darum geht es ja gerade! Ich schwöre dir, die tollen Frauen wollen dich nur haben, weil du Geld hast, das ist alles. Ohne Geld bist du für die wirklich interessanten Frauen überhaupt nicht interessant.“

Patricio schüttelte den Kopf. Mario kam manchmal auf ziemlich seltsame Ideen! Fast ein Jahr war er nun mit ihm unterwegs, er war ein guter Skipper und sein Mädchen für alles. Doch manchmal, wenn sie an langen einsamen Abenden bei ein paar Drinks zusammensaßen und Mario zu redselig wurde, verzog sich Patricio lieber in seine komfortable Kapitänskabine. Am liebsten würde er genau das auch jetzt tun, aber im Moment war er einfach zu erschöpft, um aufzustehen.

Mario blickte wieder durch das Fernglas. „Doch, diese Frau dort hat Klasse. Chef, schau doch mal! Super Figur, sexy, schick angezogen, und dumm ist sie bestimmt nicht. Könnte eine Touristin sein.“ Er hielt ihm nun das Fernglas hin, doch Patricio rührte sich immer noch nicht.

„Nun komm schon! Willst du es dir nicht selbst beweisen? Dann beweise es eben mir! Wenn du eine Frau wie diese auch ohne Euroscheine in der Hand in dich verliebt machen kannst, dann … denk dir selbst was aus. Aber wenn ich gewinne, und du erreichst nicht mehr als einen Flirt oder eine einzige Nacht, dann spiele ich hier auf der Jacht mal den Chef!“

Patricio zog fragend die Augenbrauen hoch.

Übermütig fuhr Mario fort: „Dann darf ich mich hier eine Nacht lang mit der Frau meiner Wahl und dem besten Champagner vergnügen. So wie du das manchmal machst.“

„Langsam, langsam“, warf Patricio nun ein, doch Mario war nicht zu stoppen: „Abgemacht? Los, abgemacht! Und jetzt schau durchs Fernglas!“

Etwas widerwillig folgte Patricio der Aufforderung. Nicht, dass sein Skipper ihm irgendetwas zu sagen hatte. Doch er hatte auch keine Lust, ewig mit dem Burschen zu diskutieren. Außerdem war es fast schon ein wenig amüsant, wie sich dieser in die Wette hineinsteigerte. Andererseits aber musste er zugeben, dass Mario eine wunde Stelle getroffen hatte. Denn hatte er etwas Ähnliches nicht am eigenen Leib erfahren müssen? Die Frauen und das Geld … In seinem Inneren zog sich etwas zusammen.

Er richtete sich auf und stellte das Fernglas scharf. Überrascht hielt er die Luft an. Diese vermeintliche Touristin, die dort den Quai entlanglief, besaß tatsächlich das gewisse Etwas. Sie hatte eine grazile Figur mit sexy Rundungen, die durch ihr eng anliegendes grünes Kostüm dezent betont wurden. Durch den straffen Haarknoten wirkte ihr Gesicht ein wenig streng, doch gleichzeitig war auf tausend Meilen zu erkennen, wie hübsch sie war. Im Gegensatz zu den meisten Ladys, die er kannte, verdeckte sie ihre Augen nicht mit einer Sonnenbrille. Das gefiel ihm.

„Also was ist jetzt? Wenn du dich nicht beeilst, ist sie weg!“, drängte Mario.

Patricio verspürte den seltsamen Impuls, aufzustehen und der Unbekannten tatsächlich zu folgen. Doch das war absurd! Er lief keiner Frau hinterher, niemals wieder. Das hatte er nicht nötig, doch sein Skipper ging ihm mehr und mehr auf die Nerven. Also hörte er sich schließlich sagen: „Aha. Und als wer, bitte, soll ich mich ausgeben?“

„Du bist ich“, sagte Mario wie aus der Pistole geschossen. „Du bist einfach nur der Skipper hier! Ich wette, du wirst die Dame dann nicht besonders beeindrucken können, egal, wie charmant du bist.“

„Das ist lächerlich.“

„Ist es nicht! Ich weiß, wovon ich rede. Ich sehe doch, wie die Frauen dich umschwärmen, weil du diese Jacht besitzt und teure Klamotten trägst. Allein deine neue Uhr! Wie viel ist die wert? Meine Jahresgehalt?“

Nachdenklich sah Patricio auf sein Handgelenk, dann blickte er wieder zu der Frau, die sich gerade entfernte. Dann, plötzlich, begann die Wette, ihn zu reizen. Vielleicht weil er Mario endlich zum Schweigen bringen wollte, vielleicht weil sein Stolz angestachelt war, vielleicht weil er sich einfach nur langweilte. Jedenfalls vergaß er in diesem Moment, dass er sich geschworen hatte, nie wieder um eine Frau zu wetten …

Als er aufstand, streifte er seine Uhr ab und steckte sie in die Tasche. Für seinen Skipper symbolisierte so eine teure Uhr den größten Erfolg, aber eine wirklich intelligente Frau würde sich davon nicht blenden lassen. Oder? Er blickte an sich hinunter. Die legere Freizeitkleidung war von bester Qualität, aber unauffällig. Das würde gehen.

„Also ja?“, fragte Mario, überrascht und erfreut zugleich.

„Okay“, erwiderte Patricio nur und trat auf den Steg, der von der Jacht ans Ufer führte.

„Du hast zwei Wochen, um ihr Herz voll und ganz zu erobern! Vielleicht auch drei. Aber dann muss sie dir zu Füßen liegen, einverstanden?“, rief Mario ihm hinterher und setzte nach: „Chef! Aber was gewinnst du, wenn ich verliere? Das müssen wir noch vereinbaren …!“

Patricio zögerte. Eigentlich hatte er nicht vor, noch so lange auf Teneriffa zu bleiben. Sobald in den nächsten Tagen der entscheidende Anruf aus Barcelona kam, würde er sich nur noch um die Krönung seiner Arbeit kümmern. Doch in der Zeit, in der er mehr oder weniger untätig herumsaß, konnte er ja erst einmal mitspielen.

Er warf Mario über die Schulter einen kurzen Blick zu. „Es reicht mir als Gewinn, wenn du mich künftig nie mehr zu einer solchen Wette aufforderst.“ Dann ging er los, die Augen fest auf den Rücken dieser Frau gerichtet, die er nun also erobern würde – ganz einfach dadurch, weil er Patricio war und nicht der bald wieder millionenschwere Geschäftsmann.

„Suchen Sie etwas? Kann ich Ihnen helfen?“

Justine fuhr herum, als sie die tiefe, wohlklingende Stimme hörte. Einen Moment lang war sie sprachlos. Nur eine Armlänge von ihr entfernt stand ein fremder, sehr attraktiver Mann, der sie mit seinen Augen, blau und tief wie der Ozean, fixierte.

Dabei war sie doch eben noch ganz allein hier auf dem Quai gewesen. Er musste von einem der schicken Boote gekommen sein, die hier lagen. Als sie sich nicht rührte, fragte er dasselbe noch einmal in ihrer Muttersprache Englisch, wieder in diesem samtigen Tonfall. Blut stieg in ihre Wangen, obwohl sie sonst eigentlich nie rot wurde.

„Ich verstehe Sie sehr gut.“ Endlich fand sie ihre Fassung wieder und fuhr in perfektem Spanisch fort: „Danke, aber ich komme allein zurecht.“ Hoffentlich klang das abweisend genug, denn ganz bestimmt ließ sie sich hier im Jachthafen nie wieder von einem Fremden ansprechen. Schon gar nicht von einem so gut aussehenden Fremden!

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Unbekannten. Diese meerblauen Augen waren faszinierend. Immer noch starrte sie ihn an. Sie schätzte ihn auf Anfang bis Mitte dreißig. Seine Lippen hatten einen sinnlichen Schwung, und die dunklen Bartstoppeln auf dem markanten Kinn machten das schöne, sonnengebräunte Gesicht nur noch interessanter. Dazu diese breiten Schultern, die durchtrainierte Statur … Diese Erscheinung war wohl geradewegs ihrer Fantasie entsprungen!

Doch die Erscheinung wollte trotz ihrer abweisenden Worte nicht verschwinden. Weiterhin musterte er sie unverhohlen und intensiv. Eigentlich war das schon empörend. Was bildete er sich ein? Justine verschränkte die Arme vor der Brust und räusperte sich. Zum Glück trug sie heute ihre beste Kleidung, ein teures grünes Kostüm. Darin fühlte sie sich immer ein bisschen unnahbar. Und das würde sie diesem Fremden gegenüber auch bleiben.

„Ich habe Sie hier noch nie gesehen“, fuhr der Mann fort und lächelte nun noch einnehmender.

Doch sie ließ sich nicht blenden. Das alles hatte er wohl vor dem Spiegel geübt. „Nun, ich bin auch seit Jahren nicht hier gewesen“, sagte sie, obwohl sie sich gar nicht weiter auf ein Gespräch einlassen wollte. Nur schien ihr Wille auf einmal wie lahmgelegt …

Patricio war selbst ein wenig irritiert. Aus der Nähe sah die Frau noch viel besser aus, als er bis eben angenommen hatte. Ihre Augen waren hellbraun mit einem bernsteinfarbenen Schimmer und funkelten angriffslustig. Ihre Haut war makellos und glatt, die vollen Lippen hatten die Farbe von Rosen.

Er konnte gar nicht anders, als seinen Blick ausgiebig über ihre schlanke Gestalt gleiten zu lassen, die in dem perfekt geschnittenen Kostüm so sexy wirkte. Diese Lady hatte Klasse, das sah er auf einen Blick. Am liebsten hätte er spontan ihren strengen Haarknoten gelöst, um zu sehen, wie sie mit dem offenen Haar aussah. Doch das kam erst später, viel später …

Er streckte ihr die Hand hin. „Ich heiße … Patricio. Patricio Costa.“ Einen Moment hatte er darüber nachgedacht, ob er sich vielleicht einen anderen Namen verpassen sollte, weil er fortan ja nur noch ein Skipper war. Doch nun war es ihm so herausgerutscht.

Sie zögerte und runzelte ein wenig die Stirn. „Sind Sie eine Art Fremdenführer? Ich brauche keine Erklärungen, vielen Dank.“

Schon wandte sie sich wieder ab. Die Schöne gab sich recht widerspenstig. Aber das machte die Sache nur interessanter. Als sie sich anschickte, einfach fortzugehen, folgte er ihr. „Sie sprechen sehr gut Spanisch. Wo haben Sie das gelernt?“

„Und Sie haben eine ziemlich direkte Art, fremde Frauen anzusprechen“, gab sie kühl zurück, ohne den Schritt zu verlangsamen. „Es tut mir leid, aber ich muss weiter.“

Jetzt musste er geschickt am Ball bleiben, denn es konnte nicht sein, dass er die Wette verlor, bevor sie richtig in Gang gekommen war. „Sie wirkten so verlassen, das ist alles. Ich helfe nun mal gern“, beeilte er sich zu sagen und setzte wieder sein bestes Lächeln auf. „Verraten Sie mir wenigstens Ihren Namen?“

Tatsächlich blieb sie nun stehen und musterte ihn skeptisch. „Also gut. Justine Perlman. Darf ich nun weitergehen?“

„Nein.“ Er nahm ihre Hand, die schmal war und sich zerbrechlich anfühlte. „Glauben Sie mir, es ist eigentlich nicht meine Art, fremde Frauen einfach so anzusprechen“, sagte er wahrheitsgemäß. „Aber ich konnte nicht anders, als ich Sie eben sah. So einfach ist das.“

„Soso“, erwiderte sie etwas spöttisch.

Patricio musste fast lachen. Was er hier von sich gab, war wirklich nicht sehr originell. Aber er war es eben nicht gewohnt, Frauen nachzulaufen, normalerweise kamen die Frauen zu ihm. „Sind Sie beruflich auf Teneriffa?“, fragte er.

„Nein, das bin ich nicht. Was wollen Sie noch alles wissen? Ich mache hier nur einen kleinen Spaziergang, bin schon wieder weg und …“

„Ich habe eine bessere Idee“, fiel er ihr mit sanftem Nachdruck ins Wort. „Ich begleite Sie ein Stück. Ich wollte gerade Kaffee trinken gehen und kenne ein schönes Hafenlokal in der Nähe. Darf ich Sie zu einer Tasse einladen?“

„Sie sind wirklich hartnäckig.“ Nun endlich lächelte sie ein wenig und zeigte eine Reihe perlweißer Zähne. Doch schnell wurde sie wieder ernst. „Ich glaube jedoch, dass das keine gute Idee ist.“

„Warum denn nicht?“, wischte er ihren Einwand beiseite und ließ erst jetzt ihre Hand wieder los. „Auf jeden Fall haben wir die gleiche Richtung“, setzte er seine Überredungskünste weiter ein, denn der Weg führte direkt in die Stadt.

Langsam wurde Justine nervös. Sonst wusste sie sich eigentlich gut zu helfen, aber im Moment war sie ratlos. Offensichtlich ließ sich dieser Patricio Costa nicht abwimmeln, und sie konnte ja wohl kaum davonrennen. Nun, dann würden sie eben ein paar Schritte zusammen gehen, und an der Straße konnte sie sich in ein Taxi retten.

Außerdem war seine Begleitung gar nicht so unangenehm … Im Gegenteil. Ein prickelndes Gefühl durchströmte sie.

Als sie weitergingen, wagte sie einen zweiten Blick. Sein Profil war ebenmäßig, seine schwarzen Haare glänzten in der Sonne, und ein paar Strähnen fielen ihm in die Stirn. Etwas Geheimnisvolles umgab ihn. Er blickte sie mit seinen irritierend blauen Augen an, die eine ganz eigene Magie hatten.

„Und woher kommen Sie?“, fragte sie – abermals entgegen ihrem Willen.

„Vom spanischen Festland. Aber ich bin viel unterwegs … Ich bin Skipper auf einer privaten Jacht. Wir fahren viel herum, steuern immer interessante Häfen an.“

Sie blieb wie angewurzelt stehen. Ein Skipper! Das musste ein Scherz sein! Sofort tauchte überdeutlich jene Szene vor ihr auf, als sie mit ihrer Freundin Louise vor fünf Jahren hier am Jachthafen spazieren gegangen war. Auch damals waren sie auf dem Quai angesprochen worden, von zwei Spaniern, angeblichen Jachtbesitzern, einer davon ein gewissenloser Herzensbrecher …

„Was ist los, warum bleiben Sie stehen?“

Sie versuchte, nicht so durcheinander zu wirken, wie sie war, und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, nichts.“ Und so war es eigentlich auch: Absolut unnötig, die jetzige Situation mit der damaligen zu vergleichen. Da vorn an der Ecke würde sie sich von dem Skipper mit den meerblauen Augen verabschieden und ihn so schnell wie möglich wieder vergessen.

„Also, wo haben Sie so gut Spanisch gelernt?“, fragte Patricio nochmals. Lässig hatte er seine Hände in die Hosentaschen geschoben, war offensichtlich ganz entspannt – im Gegensatz zu ihr.

„Ich bin Wissenschaftlerin.“ So viel konnte sie von sich preisgeben. Das war schließlich ein unverfängliches Terrain, und sie sprach gerne über ihren Beruf. „Meeresbiologin, um genauer zu sein. Ich habe gerade mein Studium in London beendet, und Spanisch habe ich gelernt, damit ich auch in wärmeren Gefilden meiner Arbeit nachgehen kann. Auf einem Schiff in der Nordsee kann es nämlich sehr kalt werden“, sagte sie scherzhaft – allmählich begann ihr das Gespräch sogar Spaß zu machen.

„Eine Wissenschaftlerin! Wie interessant!“ Patricio sah sie überrascht an. „Und bei Ihrer Arbeit kreuzen Sie also die Meere?“

Justine schmunzelte. Viele Männer reagierten so. Offensichtlich weckte sie mit ihrer zierlichen Erscheinung zunächst ganz andere Vorstellungen. Doch sie hatte sich schon immer leidenschaftlich für die Ozeane interessiert. Das Meer war das Einzige, was sie mit ihrem Vater verband. Das Meer und die Muscheln.

Schon als kleines Mädchen hatte sie diese neugierig und sehnsüchtig zugleich betrachtet, und an jeder Küste tat sie bis heute nichts anderes, als den Strand abzusuchen. Nun, als frischgebackene Meeresbiologin mit Studienabschluss, wollte sie sich künftig dafür einsetzen, die Artenvielfalt in den Gewässern zu erhalten. „Die Meere kreuzen, das klingt vielleicht etwas zu romantisch. Es ist harte Arbeit, aber sie macht Spaß“, antwortete sie.

„Das glaube ich. Und was interessiert Sie am meisten?“

„Heute habe ich eine phänomenale Muschelsammlung besichtigen dürfen!“, entfuhr es ihr viel zu schnell, dabei ging das den Fremden nun wirklich nichts an. Als Patricio fragend und amüsiert zugleich die Augenbrauen hob, relativierte sie ihre Begeisterung sogleich wieder: „Aber das ist eher ein privates Interesse.“

Sie hatten den Quai verlassen und waren an der großen Straße angekommen, die die Marina von der Stadt trennte. Hier toste der Verkehr, und die eben noch leicht verzauberte Stimmung war wie weggeblasen.

Nein, sie war ganz bestimmt nicht wegen eines neuen Urlaubsabenteuers in den Jachthafen gekommen! Matthew kam ihr in den Sinn. Er hatte es nicht besonders begrüßt, dass sie nun für einige Wochen auf Teneriffa war, denn er wollte die freie Stelle in der Stiftung für Meeresforschung bald besetzen – mit ihr. Ein beruflicher Traum! Doch was war der Preis dafür?

„Ich gehe nun allein weiter.“ Rasch hielt sie Patricio die Hand hin, denn es war höchste Zeit, diese verwirrende Begegnung zu beenden. Der attraktive Spanier brachte sie viel zu sehr durcheinander und war womöglich auch so ein Herzensbrecher …

„Auf keinen Fall“, widersprach er jedoch, nahm ihre Hand und hielt sie fest.

Ihr wurde warm, ihre Kehle wurde trocken. Sie wollte ihre Hand zurückziehen, doch sie konnte sich nicht rühren. „Kommen Sie, dort hinten ist gleich das Café. Erzählen Sie mir ein bisschen von Ihrer Arbeit, sie interessiert mich wirklich.“

Widerstrebende Impulse stiegen in ihr auf. Ja, nein, ja, nein … Warum ließ er sie nicht einfach gehen?

Doch offensichtlich hatte Patricio nicht vor, ihre Hand loszulassen, bevor sie Ja gesagt hatte. Seltsam, bei jedem anderen Mann wäre ihr so etwas furchtbar aufdringlich vorgekommen, doch bei ihm fühlte sie sich geschmeichelt.

„Also gut“, sagte sie schließlich lächelnd. Eine Tasse Kaffee, was war denn schon dabei? So streng musste sie es mit ihrem Schwur, sich niemals wieder auf einen Seemann einzulassen, nun auch nicht nehmen. „Aber danach gehe ich, und Sie werden mich nicht wieder aufhalten!“, sagte sie scherzhaft und warnend zugleich.

Wenig später rührte Patricio in seinem Kaffee. Mit seinen Fragen hatte er ins Schwarze getroffen, mehr und mehr taute die hübsche Wissenschaftlerin auf.

Versonnen betrachtete er ihre warmen hellbraunen Augen und beobachtete, wie sie lebhaft gestikulierte, als sie abermals diese angeblich phänomenale Muschelsammlung hier auf der Insel erwähnte und dann auf die Gefahren für das sensible Ökosystem der Meere zu sprechen kam. Eigentlich aber hörte er gar nicht richtig zu. Er war viel zu sehr von ihr eingenommen, wie sie so begeistert von ihrem Beruf erzählte.

Dann aber horchte er auf.

„Die Menschheit kann auf ihre technischen Errungenschaften stolz sein, ja. Aber zum Beispiel jene Superreichen, die aus purer Langeweile durch die Gegend jetten oder mit ihren Luxusjachten die Meere durchpflügen, dafür habe ich wenig übrig“, sagte sie und sah ihn nun fast misstrauisch an. „Ist der Besitzer der Jacht, auf der Sie arbeiten, auch so einer?“

„So einer? Wie meinen Sie das?“

„Jemand, der mit seiner Zeit und seinem Geld nichts Besseres anzufangen weiß, als sich auf Kosten der Natur zu amüsieren?“

Erst jetzt merkte Patricio, dass er immer noch in seiner Tasse rührte. „Äh … nein. Das glaube ich kaum“, erwiderte er, obwohl er sich tatsächlich ein wenig angesprochen fühlte. Manchmal, um seiner inneren Leere zu entkommen, fuhr er mit seiner geliebten Jacht tatsächlich ziellos durch die Gegend.

„Also arbeiten Sie auf keinem diese Luxusschiffe?“, bohrte Justine weiter.

Er gab sich geschlagen. „Die Jacht dient gehobenen Ansprüchen“, antwortete er vorsichtig und lachte.

Sie aber blieb ernst. „Gerade wohlhabende Menschen könnten so viel für die Umwelt tun, stattdessen denken sie jedoch nur an ihr eigenes Vergnügen.“ Nun kaute sie nachdenklich auf ihrer Unterlippe, und Patricio hätte sich am liebsten spontan über den Tisch gebeugt, um sie zu küssen. Doch später, später …

Eins hatte er gelernt: Wollte man Frauen erobern, musste man ihnen zunächst aufmerksam zuhören, wenn sie über etwas sprachen, das ihnen am Herzen lag.

Justine aber sprach nicht weiter, sondern sah auf ihre Uhr. „Oh, es ist schon spät!“

„Aber Sie haben noch nicht verraten, warum Sie nach Teneriffa gekommen sind.“ Das sagte er nun nicht mehr aus taktischen Gründen, sondern weil es ihn interessierte.

Auf einmal wirkte sie betrübt und zuckte mit den Schultern. „Ach, das ist keine schöne Geschichte.“

„Dann erzählen Sie mir diese nicht so schöne Geschichte eben beim nächsten Mal. Ich kenne ein äußerst exquisites …“ Er stockte, denn schließlich musste er improvisieren und so tun, als habe er kein Geld. „… äh, ich meine, eine gemütliche Tapasbar, wo wir essen gehen könnten.“

Sie sah ihn fest an. „Lieber nicht.“

Unmerklich stieß er die Luft aus. Das war nun wohl die erste Hürde der Wette. Könnte er Justine gleich ins exklusivste Restaurant der Stadt einladen, würde sie vielleicht nicht so zögern … Doch es musste auch so funktionieren!

„Sagen Sie Ja.“ Er ließ sie nicht aus den Augen.

„Wirklich, es geht nicht …“

Nun legte er alle Macht und Kraft in seinen Blick. „Oder ich könnte Ihnen ein paar zauberhafte Flecken auf der Insel zeigen. Wir machen einen kleinen Ausflug, der Ihnen sehr gefallen wird!“

„Als Touristin bin ich eigentlich nicht hier …“

„Warum dann?“

Wieder legte sich dieser Schatten über ihr wunderschönes Gesicht. Hielt sie sich vielleicht wegen eines anderen Mannes hier auf? War sie unglücklich liiert? Nun, er würde es noch herausfinden.

Die Wette jedenfalls wurde zunehmend interessant.

Sag Ja! beschwor er sie jetzt auch innerlich. Da endlich gab sie nach, sah ihm fest in die Augen und sagte fast ein wenig kämpferisch: „Also gut!“

Na also, die erste schwierige Klippe hatte er umschifft. Zufrieden lehnte er sich zurück, auch wenn ihr Tonfall ihn ein wenig verwunderte. Aber es wäre doch gelacht, wenn er das Herz der hübschen Meeresbiologin nicht innerhalb von ein paar Tagen ganz und gar erobern würde.

Nein, ganz sicher war es nicht sein Skipper, der als Nächstes eine wundervolle Nacht mit einer wunderschönen Frau auf der „Ocean Star“ verbringen würde.

2. KAPITEL

Patricio saß etwas abseits und beobachtete das Geschehen. Am Buffet, das von Kaviar bis Hummer mit sämtlichen Köstlichkeiten aus dem Meer beladen war, drängelten sich die piekfeinen Gäste. Champagner und bunte Cocktails wurden von Kellnern in Livree serviert, die eilfertig herumliefen und ein künstliches Lächeln zur Schau trugen.

Frauen in teuren Designerkleidern wiegten ihre Hüften zum Takt der viel zu lauten Musik. Die Party fand im besten Hotel von Santa Cruz statt, doch schon jetzt war er gelangweilt. Dabei hatte er vor wenigen Jahren noch gedacht, derlei High-Society-Events würden sein Leben bereichern.

Dann lieber zurück auf die „Ocean Star“, dachte er und stand auf. Wenigstens hatte er eben den Verkäufer der Villa getroffen, die er schon so lange haben wollte, und sich mit ihm auf einen fairen Preis geeinigt. In ein paar Tagen, wenn er das Geschäft in Barcelona abgewickelt hatte, würde er sich hier auf Teneriffa sein erstes eigenes Anwesen leisten können. Endlich! Sein Immobiliengeschäft, das er nach der katastrophalen Niederlage vor drei Jahren wiederaufgebaut hatte, lief gut. Er konnte stolz sein auf sich. Doch etwas fehlte in seinem Leben …

„Du willst doch nicht etwa schon gehen?“

Eine nur allzu bekannte Stimme ließ ihn aufhorchen. Für einen Moment schien das Blut in seinen Adern zu gefrieren, aber nur für einen kleinen Moment. Schon hatte er sich wieder im Griff. Monica. Monica war hier!

Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Sie sah fantastisch aus. Makellos wie immer, gertenschlank. Nun trug sie also Blond. Er hatte sie lange nicht mehr gesehen, alle Gedanken an sie verdrängt, jedes Treffen mit ihr vermieden.

Aber in diesem Moment, als er sie so überraschend wiedersah, wusste er: Die Geschichte mit ihr war für immer vorbei. Er betrachtete sie und empfand keinerlei emotionale Regung.

Das war am Nachmittag mit Justine anders gewesen. Den ganzen Abend schon schweiften seine Gedanken zu der hübschen Meeresbiologin und dem nächsten Rendezvous, zu dem er sie überredet hatte.

„Monica! Ich wusste nicht, dass du hier bist“, sagte er beherrscht.

„Ist ja auch eine Überraschung!“ Schon trat sie auf ihn zu, legte den Arm um ihn und zog ihn ein Stück zu sich hinunter. Sie küsste ihn auf beide Wangen und drückte sich an ihn. Steif ließ er es über sich ergehen, dann machte er sich los und trat einen Schritt zurück. „Alles in Ordnung?“

„Aber ja!“, erwiderte sie. „Ich wusste, dass du hier bist. Deswegen habe ich einen kleinen Abstecher nach Teneriffa zu dieser Party gemacht. Ich bleibe ein paar Tage auf der Insel. Lädst du mich auf deine Jacht ein? Du fährst immer noch die ‚Ocean Star‘, wie ich hoffe?“

„Nun mal langsam …“ Wie unbeteiligt sie fragte! Die Jacht war das Einzige, was er damals aus seinem Besitz hatte retten können, und tatsächlich hatte er dort ziemlich aufregende Nächte mit Monica verbracht.

„Ich weiß, du musst mir schrecklich böse sein“, redete sie einfach weiter, spielte dabei mit einer Haarlocke und probierte wieder diesen Augenaufschlag, mit dem sie glaubte, alles zu bekommen. „Was passiert ist, tut mir sehr leid. Wirklich!“

Einen Augenblick war er sprachlos. Da tauchte seine einstige große Liebe – die ihn ganz nebenbei tödlich gekränkt hatte – wie aus dem Nichts auf und wischte alles mal so eben beiseite! Typisch Monica. Was immer sie bisher in ihrem Leben gewollt hatte, hatte sie auch bekommen. Er hingegen wusste, wie es war, alles zu verlieren …

„Ich glaube nicht, dass wir uns noch etwas zu sagen haben. Es wäre besser, du suchst dir jemand anders, mit dem du dir hier die Zeit vertreiben kannst“, sagte er nun brüsk.

Monica winkte einem der Kellner. „Bringen Sie zwei Whisky mit etwas Eis, bitte!“ Dann trat sie wieder nah an Patricio heran und legte eine Hand auf seine Schulter: „Lass uns doch erst einmal einen Drink nehmen. Wir haben uns so lange nicht gesehen …“

„Ich wollte gerade gehen.“

„Bitte!“

Widerwillig setzte er sich auf eines der eleganten Ledersofas und schwieg, bis der Drink gebracht wurde. Es lag ihm auf der Zunge, nach Ramón zu fragen, doch er hatte sich geschworen, diesen Namen nie mehr in den Mund zu nehmen. Das aufsteigende bittere Gefühl war aber nicht zu leugnen.

Schließlich war Ramón einmal sein bester Freund gewesen. Und während ihm durch Monicas überraschendes Auftreten eben klar geworden war, dass er ihren Schlag verschmerzt hatte, ließ ihm Ramóns Verrat noch lange keine Ruhe. Schon deswegen musste der bevorstehende große Coup in Barcelona gelingen, allein der Genugtuung wegen.

Sie stieß sein Glas gegen seines, es klirrte leise. „Habe ich recht, und dies hier ist immer noch dein Lieblingsdrink?“, fragte sie und setzte wieder ihr gewinnendes Lächeln auf.

„Was soll das?“, fuhr er sie an. „Du tauchst hier auf und beginnst eine Plauderei, als sei nie etwas geschehen!“ Er nahm einen großen Schluck.

Sie hörte auf zu lächeln. „Das mit Ramón und mir ist vorbei.“

„Das geht mich nichts mehr an.“

„Doch“, flüsterte Monica nun. „Weil alles ein großer Fehler war.“

Er sah sie entgeistert an. „Was soll das heißen?“

„Ramón war ein Fehler. Er kann dir nicht das Wasser reichen, Patricio. Doch das habe ich erst jetzt verstanden.“

Das sollte wohl ein Scherz sein! Patricio lachte ungläubig auf. Als Ramón vor drei Jahren durch einen cleveren Schachzug das gesamte Firmenvermögen an sich gebracht hatte, hatte Monica ihn, Patricio, ohne mit der Wimper zu zucken, verlassen, um mit seinem neuen Erzfeind um die Welt zu jetten – ein Luxus, den er ihr damals plötzlich nicht mehr bieten konnte.

Wie bitter war diese Erinnerung! Dabei hatte Patricio die Firma mitaufgebaut, hatte mehr als die Hälfte des Gewinns eigenhändig erwirtschaftet. Nur eine winzige vertragliche Klausel hatte er ignoriert, als er mit Ramón die Firma gründete … Doch nun war er wieder da, stärker als je zuvor.

„Das ist ein schlechter Scherz, Monica“, sagte er und trank sein Glas leer. Es fühlte sich völlig sinnlos an, dieses Gespräch zu führen. Nichts, rein gar nichts konnte sie wiedergutmachen.

Doch Monica schien ganz anderer Meinung zu sein. „Ich habe mich so für dich gefreut, als ich hörte, dass du geschäftlich wieder erfolgreich bist.“

„Ach, daher weht der Wind!“ Er betrachtete sie kühl. „Jetzt also bin ich für dich wieder interessant, allein des Geldes wegen.“

Monica zog einen Schmollmund. „Ja, ich liebe Geld, das ist kein Geheimnis. Aber das ist nicht alles. Ich habe dich wirklich vermisst und oft darüber nachgedacht, ob es nicht ein Fehler war, dich zu verlassen. Ich möchte eine zweite Chance.“

Patricio war viel zu verblüfft, um auf der Stelle aufzustehen und zu gehen. Monicas Selbstbewusstsein war schon immer unerschütterlich gewesen, eingeflößt mit der Muttermilch. Sie war eine reiche Erbin aus Madrid, die auf allen Hochzeiten tanzte.

Als Patricio gemeinsam mit Ramón ganz oben auf der Welle des Erfolgs schwamm, war sie ihm wie eine Göttin erschienen. Doch heute wusste er, dass sie dem Teufel näherstand. Er blickte auf die Eiswürfel in seinem Glas. Genau das hatte sie mit seinem Herzen gemacht, gemeinsam mit Ramón – es war zu Eis geworden. An Liebe und Freundschaft glaubte er nicht mehr.

Plötzlich trat jemand an sie heran, und er sah auf. Da war schon wieder einer dieser Fotografen, die für die Klatschspalten der Zeitschriften Fotos schossen. Doch nicht mit ihm, nicht mehr. Während Monica ein strahlendes Lächeln aufsetzte und sich noch ein Stück zu ihm beugte, hielt er die Hand vors Gesicht, als der Fotograf abdrückte.

Abrupt stand er auf. Nie wieder wollte er mit dieser Frau auf einem Foto abgebildet sein. Und außerdem – so fiel ihm plötzlich ein – sollte er auch wegen dieser Wette mit Mario öffentlich besser erst einmal nicht mehr in Erscheinung treten. Schließlich war er ja nur ein Skipper, und was hatte der auf einer solchen Party zu suchen?

Monica sah ihn missbilligend an und stand ebenso auf. „Früher wolltest du auf allen wichtigen Events abgelichtet sein“, bemerkte sie spitz. „Und jetzt würde ich gerne wissen …“

Mit einer abwehrenden Handbewegung brachte er sie zum Schweigen und dachte unwillkürlich: Wie recht Mario hat! Frauen wie Monica blieben mir ohne Geld tatsächlich vom Leib – aber auch Justine? „Es gibt keine zweite Chance, hast du verstanden?“, sagte er scharf. Und als Monica ihn mit großen Augen ansah, fügte er sicherheitshalber hinzu: „Außerdem bin ich längst an einer anderen Frau interessiert.“ Sie brauchte ja nicht zu wissen, dass er sich seit ihrem Verrat in keine andere mehr verliebt hatte.

Ohne sich noch einmal umzusehen, verließ er die Party. Doch wie er Monica kannte, würde sie herausfinden wollen, wer die Glückliche war. Nun also musste er doppelt vorsichtig sein – seine wahre Identität vor Justine verbergen und die Meeresbiologin aus der Öffentlichkeit heraushalten. Wider Erwarten jedoch reizte ihn dieses Spiel mehr und mehr. Die innere Leere begann sich zu füllen – taute etwa das Eis in seiner Brust?

Sie sah ihn schon von Weitem. Treffpunkt war das Café in der Nähe der Marina, in das Patricio sie schon einmal gelockt hatte. Viel zu früh war sie vorhin hier gewesen und hatte beschlossen, vor dem Eingang zu warten.

Justine schüttelte über sich selbst den Kopf. Was für eine Schnapsidee, sich auf diesen Ausflug einzulassen! Damit hatte sie sich doch nur beweisen wollen, dass sie die Vergangenheit hinter sich gelassen hatte und kein Seemann ihr je wieder zu nahe kommen konnte – selbst dann nicht, wenn er so umwerfend gut aussah wie Patricio.

Sie beobachtete ihn. Sein Gang war aufrecht und stolz. Er strahlte ungeheures Selbstbewusstsein aus, und seine ganze Erscheinung passte gar nicht dazu, dass er „nur“ ein Skipper war.

Wieder einmal dachte sie an Pablo und Juan, die sie mit Louise in der „Marina del Atlántico“ kennengelernt hatte. Beide Männer waren ebenso Skipper gewesen und passten damals auf zwei Luxusjachten auf. Dabei jedoch hatten sie sich – wohl um ihre weiblichen Eroberungen zu beeindrucken – als stolze Besitzer ausgegeben. Mit Erfolg. Sofort hatten sich Justine und Louise faszinieren lassen, verliebten sich schnell und durchschauten das Spiel erst ganz am Schluss. Doch die Hochstapelei war nicht das Schlimmste an der Sache gewesen …

Nun war Patricio ganz nah, die Augen zielstrebig auf sie gerichtet. Offensichtlich war er ziemlich gut in Form – sein Körper wirkte wie gestählt, gleichzeitig bewegte er sich natürlich und geschmeidig. Er war so … elegant. Viel eleganter als Pablo damals. Gleich also würde sie also wieder in diesen meerblauen Augen versinken, dabei wollte sie das überhaupt nicht! Ihre Hände wurden feucht. Blieb noch eine Chance auszusteigen?

Als Patricio vor ihr stand, begann ihr Herz, schneller zu schlagen.

„Hallo“, sagte er mit seiner samtigen Stimme, und sie wusste im gleichen Augenblick: Nein, es gibt kein Zurück. Doch am Ende des Tages würde sie endgültig klarstellen, dass keine weiteren Treffen stattfinden würden. Das war eindeutig zu gefährlich. Ihre körperliche Reaktion verriet sie.

Sogar Louise hatte am Abend zuvor sofort bemerkt, dass etwas passiert war. Und da sie keine Geheimnisse voreinander hatten, hatte sie ihrer Freundin von ihrem kleinen Flirt erzählt. Nur dieses kleine Detail hatte sie ausgelassen …

„Du hast also jemanden kennengelernt, der dir gefällt?“, hatte Louise gefragt.

„Hm, ja.“ Justine hatte herumgedruckst und so natürlich erst recht Louises Neugier geweckt. Halb scherzhaft und halb ernst, als ahnte sie schon etwas, hatte ihre Freundin nachgehakt: „Aber doch bitte keinen Mann, der irgendetwas mit der Seefahrt zu tun hat?“

„Nein …“, hatte Justine spontan gelogen. Denn damit hatten sie schließlich beide keine guten Erfahrungen gemacht. Nicht nur, dass Pablo sie damals ohne ein weiteres Lebenszeichen verlassen hatte. Nun war auch Louises Glück heftig ins Wanken geraten und erinnerte Justine einmal mehr an ihren Schwur: In jeden Mann wollte sie sich verlieben, aber bestimmt nie wieder in einen Seemann!

„Nein, keine Angst, Patricio lebt auf dem Festland und ist … Geschäftsmann. Ja, er macht hier nur Urlaub“, hatte sie Louise also erzählt, denn sonst hätte die Freundin sie wohl für verrückt erklärt.

Als sie sich nun an das Gespräch mit Louise erinnerte, während Patricio sie wieder so intensiv ansah, begannen ihre Wangen zu brennen. Wenn du wüsstest, dass ich sogar schon für dich gelogen habe, dachte sie. Gleichzeitig aber wurde ihr klar, warum sie das getan hatte: weil sie sich – wider alle Vernunft – den einzigen Tag mit diesem atemberaubend attraktiven Spanier durch Louises Einwände nicht hatte verderben lassen wollen. Egal, was seit damals passiert war.

Bewundernd ließ Patricio den Blick über Justines schlanken Körper gleiten. Heute trug sie eine eng anliegende weiße Hose und ein blaues Seemannshemd, das ihr ausnehmend gut stand. Und wie schön die langen hellbraunen Haare aussahen! Glänzend flossen sie über ihre Schultern. Ihr zartes Gesicht kam ihm heute noch anziehender vor, ihre rosigen Lippen wirkten so unschuldig wie die eines jungen Mädchens.

Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, fasste er Justine sanft an der Schulter, und sie blieben stehen. Bei seiner Berührung zuckte sie leicht zusammen, doch er ließ seine Hand auf ihr ruhen, als er sagte: „Ich finde, wir sollten uns nicht mehr so förmlich anreden. Wir sollten uns duzen, was meinst du?“

„Gern.“ Ihre Augen schimmerten im Sonnenlicht. Wunderschön.

„Und nun nehmen wir den Bus“, sagte er mit ein wenig Unbehagen, weil ihm das nun doch etwas seltsam vorkam. Noch nie war er auf Teneriffa mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs gewesen, doch genau darauf hatte Mario beharrt, als sie sich vorhin nochmals über ihre Wette unterhalten hatten. „Du bist ein Mann mit kleinem Einkommen. Darum geht es doch gerade: keine Extras!“

Und so fügte Patricio hinzu: „Leider kann ich mir hier keinen Wagen leisten.“ Dabei dachte er sehnsüchtig an das schicke Cabriolet, das ihm sonst auf der Insel zur Verfügung stand.

Einen kurzen Augenblick wirkte sie überrascht, sagte dann aber leichthin: „Klar, kein Problem!“ Und so winkte er ein Taxi heran, das sie schnell zum Busbahnhof bringen würde. Wenigstens diesen Miniluxus wollte er sich erlauben.

„Warst du schon einmal in Garachico?“, fragte er, als sie im Wagen saßen. Wenn sie wüsste, dass er gerade dabei war, dort in dem reizvollen Hafenstädtchen sein erstes eigenes Anwesen zu erwerben! „Es ist einer der schönsten Orte, den ich kenne. Es liegt allerdings auf der anderen Seite der Insel.“

„Nein, aber ich wollte schon immer mal dorthin“, erwiderte sie erfreut.

„Perfekt.“ Patricio lächelte und lehnte sich bequem zurück. „Und nun verrätst du mir endlich, was du hier tust, wenn du weder als Touristin noch beruflich hergekommen bist. Da haben wir unser interessantes Gespräch nämlich abgebrochen.“

Justine schlug ihre schlanken Beine übereinander und sah aus dem Fenster. „Ach, es ist wegen meiner Freundin Louise. Sie lebt hier und hat Probleme. Ich versuche, ihr ein wenig zu helfen.“

„Was ist passiert?“

Nun blickte sie ihn an, und wieder entdeckte er diesen Hauch von Traurigkeit in ihren Augen. „Na ja, wir waren schon einmal hier auf der Insel, vor fünf Jahren. Damals haben wir uns einen Traum erfüllt und machten ein paar Wochen Urlaub. Und wir … ich meine, Louise hat sich in einen Skipper verliebt und ihn dann auch tatsächlich geheiratet.“

„Klingt doch ganz gut!“, bemerkte Patricio spontan. „Wo ist das Problem?“

Sie kniff die Lippen zusammen. Offenbar ging die Geschichte nicht gut weiter, aber das hatte sie ja bereits angedeutet.

„Louise war sich lange nicht sicher, ob es richtig war, England zu verlassen und ihn zu heiraten“, fuhr Justine fort. „Doch sie tat es aus Liebe, außerdem wurde sie schwanger. Sie bekamen das Kind und kauften eine Wohnung, haben sich damit aber wohl etwas übernommen. Nun ist das zweite Kind unterwegs, doch ihr Mann ist immerzu auf See, Louise ist viel zu viel allein. Sie ist einsam, dadurch gibt es Streit. Doch am schlimmsten sind wohl die finanziellen Sorgen. Nun soll auch noch die Wohnung zwangsversteigert werden …“

Patricio hörte aufmerksam zu – zumindest was die Wohnung betraf, war dies ein nicht untypisches Schicksal. Besonders in Spanien hatten in letzter Zeit viele Menschen ihre Immobilie verloren. Fast unmerklich schüttelte er den Kopf. Er selbst würde niemals auf Kosten derer sein Geld machen wollen, die ohnehin schon um ihre Existenz kämpfen mussten. Deswegen hatte er sich von Beginn an auf Luxusimmobilien spezialisiert und da auch keinen Skrupel, an den Reichsten der Reichen große Summen zu verdienen.

„Könnte ich doch nur das nötige Geld für ihre Wohnung auftreiben! Dann wären wenigstens diese Sorgen gelöst, und bei meiner Freundin würde sich vieles bessern. Aber leider kann ich es auch nicht herbeizaubern“, sagte Justine traurig, während ihm durch den Kopf schoss: Ich könnte so einfach helfen …

Als das Taxi hielt, sagte Justine: „Männer auf See sind eine heikle Sache. Es gibt so viele unglückliche Geschichten.“ Sie biss sich auf die Lippe. Diesen Gedanken hatte sie doch eigentlich für sich behalten wollen! Es ging Patricio nichts an, dass auch sie einst einem Skipper verfallen war – und auch nicht, dass sie ihren Vater ans Meer verloren hatte.

Er war eine Urlaubsliebe ihrer Mutter gewesen. Gleich nach ihrem Kennenlernen hatte er ihr ein paar Muscheln geschenkt, darunter das zauberhafte Exemplar, das nun Justine gehörte. Nach ein paar Wochen aber zog es ihn wieder zur See, und ihre Mutter merkte zu spät, dass sie mit Justine schwanger war. Bis heute bereute sie, damals nicht gleich auf den geheimnisvollen Spruch reagiert zu haben, der laut einer Sage mit der roten Muschel verbunden war:

Schenkt dir die Liebe eine gleiche Muschel zurück,

bedeutet dies unzerstörbares, ewig gemeinsames Glück.

„Hätte ich damals eine weitere rote Muschel gesucht und sie deinem Vater geschenkt, so wäre er bei mir geblieben, dann wäre die Liebe zu mir stärker geworden als seine Liebe zur See.“ Das hatte die Mutter stets geglaubt und ihr eines Tages die Muschel geschenkt. „Vielleicht kann sie wenigstens dir Glück in der Liebe bringen!“

Patricio sah sie nun ernst an und fragte, als könnte er ihre Gedanken lesen: „Nur weil manche Frauen mit Seeleuten schlechte Erfahrungen machen, gilt das doch wohl nicht für alle Skipper, oder?“

Justine konnte nicht gleich antworten. Wieder musste sie schmerzvoll an Pablo denken. Ja, sie hatte ihn angebetet, und er hatte ihr die Sterne vom Himmel versprochen und wahre Liebe geschworen. Justine hätte ihm leicht verziehen, dass er sie angelogen und sich als Jachtbesitzer ausgegeben hatte, obwohl er keiner war, schließlich hatte sie sich in Pablo verliebt und nicht in eine Jacht!

Nein, das Schlimmste war, wie er sie verlassen hatte. Sie war von einem Tagesausflug mit Louise zurückgekommen, und der Bootsliegeplatz war leer gewesen. Einfach so – leer! Dabei hatte sie sich überlegt, Pablo genau an diesem Tag als Zeichen ihrer Liebe die rote Muschel zu schenken … Aber der wahre Jachtbesitzer war zurückgekommen und hatte den Befehl zum Aufbruch gegeben.

Und danach: Funkstille. Viele Wochen und unzählige Tränen später löschte sie seine Nummer aus ihrem Handy. Das Meer hatte also nicht nur ihren Vater, sondern auch den ersten Mann verschluckt, dem sie wirklich vertraut und den sie geliebt hatte. Würde sie jemals über diese herben Enttäuschungen hinwegkommen? Wenigstens aber hatte sie ihre Muschel nicht an einen Hochstapler und Lügner verschenkt.

Patricio musterte sie weiterhin, doch jetzt sie wich seinem Blick aus und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er sollte ihren Schmerz nicht sehen. Wie zu ihrer Rettung hielt genau in diesem Moment das Taxi, und Patricio hatte es plötzlich eilig: „Komm, da wartet schon der Bus!“

Schnell versuchte sie, wieder heiter auszusehen, und mahnte sich: Vergiss wenigstens für einen Tag die Vergangenheit! Außerdem war dies hier eine völlig andere Geschichte als die mit Pablo – allein schon deswegen, weil Patricio nicht vorgab, jemand anderes zu sein, als er in Wirklichkeit war.

Sie fuhren mit dem Bus auf die westliche Seite Teneriffas. Die größte der sieben kanarischen Inseln bot eine fantastisch abwechslungsreiche Natur. Alle Nuancen von Grün fanden sich auf dem Eiland wieder – es gab Palmen und Bananenstauden, Kiefern- und Regenwälder, Weingärten und saftige Wiesen. Der Norden war subtropisch, der Süden im Sommer sonnenverbrannt. Im Zentrum der Insel herrschte majestätisch der Teide, einer der mächtigsten Vulkane weltweit und der höchste Berg Spaniens. Überall auf der Insel erinnerten die meist dunklen Sandstrände an den vulkanischen Ursprung. Vor fünf Jahren hatte Justine bereits viele schöne Flecken kennengelernt. Garachico jedoch fehlte noch auf ihrer Liste.

Angeregt unterhielten sie sich über die Schönheiten der Insel, bis sie am Rand der Ortschaft aus dem Bus stiegen. Von einer Anhöhe hatten sie einen atemberaubenden Blick über die Landschaft. Der im Meer vorgelagerte Felsen, das Wahrzeichen des alten Hafenstädtchens, verlieh diesem nicht nur das gewisse Etwas, sondern auch seinen Namen: „Kleine Insel“, so die ursprüngliche Bedeutung von Garachico. Halbkreisförmig breitete sich der Ort auf einer Lavazunge aus. Die roten Dächer der Häuser leuchteten im warmen Sonnenlicht, der Himmel war strahlend blau, ebenso das Meer.

Langsam gingen sie die Straße entlang, die ins Zentrum führte, als Patricio in einen kleinen Seitenweg abbog.

„Wohin gehst du?“, fragte Justine.

„Nur einen kleinen Umweg.“

Dann standen sie vor einem schmiedeeisernen Zaun, um den sich blühende Zweige rankten. Das Gebäude dahinter – oder besser gesagt, die hübsche Villa – war wie viele der anderen Häuser weiß getüncht und hatte ein großes Flachdach, das als Terrasse diente. Eine zum Meer gerichtete Glasfront versprach einen grandiosen Blick. Der Garten war etwas verwildert, doch er hatte ein bezauberndes Flair. Still war es hier, nur die Vögel zwitscherten, und es ging ein angenehm warmer, leichter Wind.

„Ist das schön“, flüsterte Justine. Unwillkürlich tastete sie in ihrer Tasche nach der Schatulle mit ihrer wertvollen Muschel, als brauchte sie eine stumme Zeugin für diesen seltsam überwältigenden Augenblick. Patricio selbst betrachtete das Haus lange und nachdenklich, aber er sagte keinen Ton. Irgendetwas musste es hiermit auf sich haben.

„Wer wohnt hier?“, fragte Justine.

„Keine Ahnung“, antwortete er jedoch nur.

Nachdem sie noch ein paar Atemzüge lang die bezaubernde Atmosphäre genossen hatten, setzten sie ihren Weg fort. Patricio war während des Spaziergangs durch die pittoreske Altstadt weiterhin seltsam schweigsam.

Doch immer wieder sah er sie von der Seite an, was ihr Herz ins Stolpern brachte. Auf der „Plaza de la Libertad“, dem zentralen Platz mit den schmucken, bunten Häusern, setzten sie sich schließlich auf eine Bank unter einer Palme und beobachteten das Treiben um sie herum. Hier trafen sich Touristen wie Einheimische, um den Nachmittag zu genießen.

„Wie schön wäre es, hier zu leben!“, stieß Justine aus vollem Herzen aus. Wenn sie ehrlich war, gefiel ihr das Leben im grauen London nicht besonders. Sie liebte den Geruch des Meers, den Seewind und die Sonne. Vielleicht war das das Erbe ihres Vaters.

Am liebsten würde sie auswandern, um irgendwo im Süden zu leben und zu arbeiten. Doch nun musste sie erst einmal anfangen, ihr eigenes Geld zu verdienen, und deswegen sollte sie das Angebot von Matthew bald annehmen – wenn er doch nur nicht so viel von ihr erwarten würde! Schließlich dachte er nicht nur an eine Zusammenarbeit, sondern glaubte auch fest an eine Partnerschaft. Und er war damit nicht allein: Auch ihre Mutter und ihr Stiefvater drängten zu dieser Beziehung. Das war ziemlich belastend.

Patricio musterte sie. „Hier würdest du gerne leben?“, brachte er sie wieder in die Gegenwart zurück.

Sie musste lachen. Was für eine Frage! „Aber ja, warum denn nicht? Es ist wundervoll hier.“

Nun rieb sich Patricio nachdenklich über das Kinn, und seine blauen Augen nahmen einen seltsamen Schimmer an.

„Was ist?“, fragte sie etwas verunsichert. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Er schüttelte langsam den Kopf. „Was könnte falsch daran sein, an einem solchen Ort leben zu wollen?“ Sein versonnener Blick verwirrte sie.

Plötzlich tauchte in Justine jäh die Vision auf, wie sie hier mit Patricio für immer zusammen war – in dieser schönen Villa dort oben … Ganz deutlich sah sie sich mit ihm Arm in Arm in diesem Haus vor der großen Glasfront stehen.

Hatte sie jetzt etwa den Verstand verloren? Was für ein Unsinn! Patricio würde bald wieder in See stechen und sie verlassen, so wie es auch ihr Vater und Pablo getan hatten.

„Justine …“

Patricios Stimme hatte jetzt einen unerwartet sanften Klang. Er rückte ein kleines Stück näher zu ihr, fast konnte sie die Wärme seines Körpers spüren. Kurz schloss sie die Augen. Kleine heiße Wellen durchströmten sie, und sie hielt den Atem an. Wie weit wollte sie den Dingen heute ihren Lauf lassen?

Abrupt stand sie auf. Nein, sie durfte keine Affäre mit dem Spanier beginnen. Wenn sie sich wieder in einen Seemann verliebte, würde es viel zu sehr wehtun. Sie musste zur Vernunft kommen!

Außerdem war es nicht fair Matthew gegenüber, der darauf wartete, dass sie sich hier über ihre Gefühle klar wurde. Er leitete diese Stiftung in London, die tolle Projekte zum Schutz der Meere verfolgte, und wenn Justine dort zu arbeiten begann und sich auch auf eine partnerschaftliche Beziehung mit ihm einließ, dann wären sie ein unschlagbares Team – so zumindest glaubte es Matthew.

Patricio verschränkte die Arme vor der Brust. Was für ein romantischer Augenblick, und sie entzog sich ihm! Die Engländerin machte es ihm wirklich nicht leicht. Lag es wirklich daran, dass er sie nicht mit einer dicken Brieftasche beeindrucken konnte? Und wieso hatte sie ihn mit ihrer Äußerung, hier leben zu wollen, eben so aus der Bahn geworfen?

„Gehen wir etwas trinken.“ Er ließ sich seine kurze Verwirrung nicht anmerken und stand auf. Vielleicht würden ein, zwei Gläser Champagner Justine sanftmütiger machen.

Dankbar nickte sie.

Da aber fiel ihm wieder ein, dass er gar nicht in jenes edle und verschwiegene Hotel gehen konnte, das er hier sonst immer besuchte. Schließlich kannte man ihn sowohl an der Rezeption als auch im Restaurant, und Justine würde sich wohl ziemlich wundern, warum ein einfacher Skipper so bevorzugt behandelt wurde.

Nein, ein normales Lokal und ein Glas Landwein mussten genügen, obwohl er sie am liebsten gleich hier und heute noch verführt hätte – ganz entgegen seiner sonstigen Taktik.

Nun klingelte auch noch sein Telefon, und da er diesen wichtigen geschäftlichen Anruf aus Barcelona erwartete, konnte er das Läuten leider nicht ignorieren. Ausgerechnet jetzt! Damit war auch noch der letzte Zauber der Situation verflogen. Außerdem würde er sich sofort verraten …

„Entschuldige mich bitte einen Moment!“, sagte er also und wandte sich rasch ab. Als er sich ein paar Schritte entfernte, spürte er deutlich Justines verwunderte Blicke im Rücken. Verdammt! Diese Wette stellte sich als viel komplizierter heraus als erwartet. Doch dies stachelte sein Begehren nur noch mehr an.

3. KAPITEL

Grübelnd saß Patricio auf dem Deck der „Ocean Star“. Die ersten Sonnenstrahlen ergossen sich glitzernd über das weite Wasser und färbten den Himmel orangerot. Mit seiner Jacht hatte er schon das halbe Mittelmeer durchkreuzt, aber Teneriffa war eindeutig eine seiner Lieblingsinseln.

Deswegen würde er hier auch diese verwunschene Villa erstehen, sein erstes Eigentum, ein wundervolles Feriendomizil. Mit diesem Schmuckstück würde er endlich seine Familie beeindrucken können, denn schließlich war sein Vater, ein solider Beamter, wenig begeistert gewesen, als er damit begonnen hatte, mit Immobilien schnelles Geld zu machen. Er hatte ihm eine geschäftliche Niederlage prophezeit und wegen Ramóns niederträchtigem Verrat schließlich auch recht behalten – fast.

Denn nun war Patricio dank seines Ehrgeizes und mit etwas Glück wieder ganz oben. Das Besondere an dem bevorstehenden großen Coup in Barcelona war aber nicht nur die enorm hohe Courtage, die er einstreichen würde – sondern vor allem, dass der steinreiche Interessent früher ein gemeinsamer Kunde von Ramón und ihm gewesen war. Sein Rivale würde sich also schwarzärgern!

Er horchte auf, im Inneren der Jacht regte sich etwas. Wenig später zeigte sich Mario mit verschlafenem Gesicht an Deck. „Was machst du denn hier schon oben, Chef?“

Patricio zuckte mit den Schultern. „Nachdenken.“

„Gibt’s Probleme?“

„Aber nein. Ich rufe dich schon, wenn ich dich brauche“, sagte er, denn er wollte noch ein bisschen allein sein. Doch wenig später setzte sich Mario zu ihm und reichte ihm eine Tasse Kaffee.

„Danke“, sagte Patricio.

„Und wie läuft’s?“

„Meinst du die Geschäfte? Gut. Gestern bekam ich den entscheidenden Anruf aus Barcelona. Den Superdeal habe ich in der Tasche.“

„Du meinst den Verkauf dieser wahnsinnig teuren Villa, womit du auf einen Schlag so viel verdienen kannst?“

Patricio zögerte einen Moment, bevor er antwortete. Hatte er seinem Skipper neulich an diesem langen Abend vielleicht ein wenig zu viel erzählt? „Ja“, sagte er knapp.

„Wann genau wird der Vertrag denn unterzeichnet?“, fragte Mario schon weiter.

Aufmerksam sah Patricio ihn an. Warum wollte der Bursche das so genau wissen? Er forschte in Marios Gesicht, das gutmütig, aber bisweilen auch etwas einfältig wirkte. Irgendwie kam ihm das neuerliche Interesse seines Skippers an seinen Geschäften seltsam vor. „Bald“, antwortete er deshalb nur.

Dann schwiegen sie eine Weile, während die Wellen träge gegen den Bug plätscherten.

„Und wie läuft’s mit der Wette?“, nahm Mario die Unterhaltung wieder auf.

„Ganz gut“, sagte Patricio, obwohl er Mario deswegen wohl besser verfluchen sollte. Denn nun geisterte Justine ständig in seinem Kopf herum, und es fiel ihm schwer, sich auf andere Dinge zu konzentrieren.

„Was heißt das genau?“

„Ich war gestern den ganzen Tag mit der Engländerin zusammen, wie du vielleicht weißt“, sagte Patricio.

„Klar, Chef, ist mir nicht entgangen. Mir ist aber auch nicht entgangen, dass du abends wieder hier warst. Und zwar allein. Übrigens, falls du sie doch mal hierherbringen solltest und ich zufällig da bin, dann kannst du mich als deinen Chef ausgeben.“ Er grinste und fügte beschwichtigend hinzu. „Dann verziehe ich mich natürlich auch ganz schnell.“

Langsam rührte Patricio in seiner Tasse. Leichter Missmut stieg in ihm auf.

„Du hast deine Wissenschaftlerin eben noch nicht rumgekriegt, was?“, setzte Mario nach. „Ist ja auch schwierig ohne das nötige Kleingeld. Wusste ich’s doch!“

Patricio sah ihn beherrscht an, während er an den Abschied am Abend vorher dachte. „Vielen Dank für den wunderschönen Ausflug“, hatte Justine gesagt. „Aber dabei soll es nun bleiben. Wir werden uns nicht wiedersehen …“ Doch als sie dies sagte, hatte sie ihn so angesehen, als sehnte sie sich geradezu danach, von ihm geküsst und umarmt zu werden. Ja, er kannte diesen Blick bei den Frauen. Sie sagten Nein und meinten Ja …

„Da liegst du falsch“, konterte er. „Schließlich geht es bei der Wette darum, ihr Herz zu erobern und nicht nur um einen One-Night-Stand, oder war die Absprache anders?“ Seine Stimme war nun fast ein wenig zu scharf dafür, dass er vor Mario bereits den entspannten Gewinner geben wollte. Aber was er sagte, entsprach auch seinen Prinzipien: In den seltensten Fällen ging er gleich beim ersten Rendezvous aufs Ganze, insbesondere dann nicht, wenn eine Frau ihm gefiel. Aber ein Kuss! Ein Kuss wäre das Mindeste gewesen. Doch Justine hatte sich während des ganzen Ausflugs als auch beim Abschied immer wieder entzogen.

„Ist ja gut“, wehrte Mario ab. „Ich wollte nur wissen, wie meine Chancen stehen, unsere Wette zu gewinnen.“

„Sie sind gleich null“, sagte Patricio, auch wenn er sich im Moment nicht mehr ganz so sicher war. Wenigstens hatte er noch erreicht, dass Justine ihm – zwar widerstrebend, aber dennoch – ihre Telefonnummer gegeben hatte.

Trotzdem behagte ihm die Sache immer weniger: Einer Frau vorsätzlich das Herz zu stehlen, ohne ernste Absichten zu haben, das war nicht sein Stil! Es war idiotisch, was Mario da vorgeschlagen hatte, aber wenn Patricio ehrlich war, ging es ihm auch längst nicht mehr um die Wette. Die Engländerin übte von sich aus eine besondere Anziehungskraft auf ihn aus. Seit Monica war ihm das nicht mehr passiert, seine letzten Affären waren wahllos und ohne großen Reiz gewesen. Doch das hier war eine andere Sache.

„Wie du meinst“, sagte Mario wenig überzeugt und erhob sich. „Wir sehen uns später.“

Patricio nickte nur, während sein Skipper wieder verschwand. Immer noch missmutig blickte er ihm hinterher, dann streckte er sich. Die Sonne stand nun hell am Himmel, und er würde gleich in seinen privaten Fitnessraum unter Deck gehen, um hoffentlich auf andere Gedanken kommen.

Doch aus irgendeinem Grund verwünschte er Marios Wette nicht. Schließlich war ein lang vermisstes Gefühl zurückgekehrt: Er begehrte eine Frau, und er wollte mehr von ihr bekommen als nur eine Nacht, koste es, was es wolle – außer viel Geld. Diese Komponente war tatsächlich reizvoll. Und so war die Wette eben doch der Motor des schönen Spiels.

Es war Louise gewesen, die Justine dazu gebracht hatte, sich von Patricios Samtstimme am Telefon hypnotisieren zu lassen. Natürlich immer noch, ohne zu wissen, dass Patricio eigentlich ein Skipper war, hatte ihre Freundin arglos gesagt: „Jetzt triff dich doch mit diesem Geschäftsmann, wenn er so charmant und attraktiv ist. Ein kleiner Flirt tut dir gut. Seit Pablo dir das Herz gebrochen hat, lebst du fast wie eine Nonne, hast dich nur um dein Studium gekümmert. Du solltest auch mal wieder Spaß haben!“

Wie recht Louise damit hatte. Dann aber hatte Justine sie daran erinnert, dass es ja auch noch Matthew gab. Schließlich schätzte sie ihren alten Studienkollegen sehr, und sie wollte diese tolle Stelle bei der Stiftung bekommen, wo sie nach Herzenslust forschen konnte.

Aber auch diesen Einwand hatte Louise vom Tisch gewischt: „Du und Matthew, ihr seid doch noch gar kein richtiges Liebespaar, das steht noch völlig in den Sternen. Deswegen geht es ihn gar nichts an, mit wem du dich amüsierst. Aber wenn du erst einmal in festen Händen bist, ist das alles für immer vorbei. Also nutze deine Chance! Mach dir einen schönen Tag. Ich komme heute zurecht …“

Also hatte sich Justine keine paar Tage nach dem wunderbaren Nachmittag in Garachico zu einem weiteren Rendezvous in dem kleinen Hafencafé hinreißen lassen.

Ihr Herz klopfte. Patricio wartete schon an einem sonnenbeschienenen Tisch auf sie, und mit jedem Schritt, den sie näher kam, wurde sein Blick eindringlicher. Es war, als ob seine meerblauen Augen sie am ganzen Körper streicheln würden … Mein Gott, war es nicht viel zu eindeutig, was er von ihr wollte? Doch sie konnte sich seinem Bann einfach nicht entziehen.

„Da bist du ja.“ Er stand auf und kam ihr entgegen. Als er sich zu ihr beugte und ihre Wangen küsste, roch sie sein aufregendes Aftershave und spürte seine Bartstoppeln über ihre Haut streifen. Ganz sicher wusste er, wie umwerfend er mit dem Dreitagebart aussah. Wie viele Frauen aber hatte er mit seiner Charme-Offensive schon verführt? Wollte sie wirklich eine von ihnen sein?

Patricio beobachtete Justines Reaktionen genau. Diese feine Röte in ihrem Gesicht, der flackernde Blick, als er sie so lange ansah. Diesmal konnte sie ihm nicht erzählen, dass sie sich nicht auf ihn einlassen wollte. Denn dazu sah sie viel zu sexy aus. Heute würde er bestimmt nicht zurückhaltend sein.

Wieder trug sie ihre langen, glänzenden Haare offen. Auf ihren Lippen schimmerte ein dezentes Rosarot, und die hellbraunen Augen wirkten geschminkt noch verführerischer. Aber am besten gefiel ihm, wie selbstbewusst sie ihren aufregenden Körper in Szene setzte: Ein eng geschnittenes Kleid betonte ihre sexy Rundungen, und sie trug eine taillierte, kurze Jacke. Obwohl sie Schuhe mit hohen Absätzen anhatte, war sie fast einen Kopf kleiner als er. Das war genau die richtige Größe, um eng umschlungen nebeneinanderzugehen …

„Ja, hier bin ich“, sagte sie nur und ließ es geschehen, dass er sie ein Stück enger umfasste. Mit seinen Lippen berührte er sanft ihren Hals und konnte spüren, wie elektrisierend dies auf sie wirkte. Dann gab er sie wieder frei. Auf keinen Fall wollte er sie überrumpeln. Er kannte den Reiz der Langsamkeit, und er wusste um die Kunst, mit Nähe und Distanz zu spielen. Verführung war ein ausgeklügeltes System. Er beherrschte es perfekt.

„Nun erkunden wir wie versprochen ein wenig die Stadt“, sagte er und legte ein paar Münzen auf den Tisch. Ein romantischer Spaziergang war der ideale Start für eine lange Liebesnacht.

Als sie losgingen, setzte er seine dunkle Sonnenbrille und die Seemannskappe auf. Schließlich wollte er nicht auf den ersten Blick erkannt werden. Dann nahm er Justines Hand. Er würde es nicht dulden, dass sie sich ihm auch nur einen Augenblick entzog.

Abermals war Justine beeindruckt davon, wie selbstbewusst und elegant Patricio auftrat. Er wirkte wie ein Mann von Welt. Bei Pablo hingegen war es ihr immer ein wenig seltsam vorgekommen, wenn er mit „seiner“ Jacht prahlte. Kein Wunder, denn er hatte sich aus diesem Rollenspiel ja auch nur einen Spaß gemacht! Doch das alles hatte Justine erst erfahren, als er schon viele Meilen entfernt gewesen war. Nein, diesen Schock hatte sie immer noch nicht verdaut …

Immer wieder blickte sie nun zur Seite. Patricio sah mit der schicken Kappe und der Sonnenbrille unnahbar und fantastisch zugleich aus. Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen und an ihn gedacht. Und dann an Matthew. Und dann an Patricio. Dann an Pablo. Und wieder an Matthew …

Louise hatte recht. Sie lebte wie eine Nonne, dabei war sie eine junge, attraktive Frau. Und alles nur, weil Pablo sie damals so verletzt hatte. Doch damit war jetzt Schluss. Ein paar romantische Stunden waren das Mindeste, was sie sich gönnen sollte – und gleichzeitig auch das Höchste.

Schließlich wusste sie genau: Sie würde nach London zurückkehren, den Geistern der Vergangenheit endgültig den Rücken kehren, und Patricio würde dem Ruf seines Kapitäns folgen. Keinesfalls durfte sie sich verlieben. Das war zwar einfach gesagt, aber immerhin waren Illusionen schon jetzt ausgeschlossen. Alle Karten lagen diesmal offen auf dem Tisch.

„Kennst du dich denn in Santa Cruz gut aus?“, fragte sie.

„Ein wenig“, antwortete er lächelnd. „Ab und zu lagen wir hier schon vor Anker, und auch dieses Mal sind wir wieder ein paar Tage hier.“

Ein paar Tage! Sie nickte. Nein, hier bestand keine Gefahr, dass sie sich in eine unmögliche Liebesgeschichte verrennen würde. „Der Jachtbesitzer, dein Chef sozusagen … ist also auch hier auf der Insel?“, fragte sie.

„Ja, meistens“, sagte Patricio. „Heute allerdings bin ich auf dem Schiff allein.“

Kaum hörbar sog sie die Luft ein. Hoffentlich kam Patricio nicht auf die Idee, ihr später die Jacht zeigen zu wollen! Das würde sie nun wirklich zu sehr an die Vergangenheit erinnern …

Dann nahm die Schönheit der Stadt sie gefangen. Natürlich war sie schon öfter hier gewesen, denn Louise wohnte mit ihrer Familie am Rande der City. Doch mit Patricio an der Seite, Hand in Hand wie ein Liebespaar, entfaltete dieser südländische Ort einen ganz eigenen Reiz.

Da war die Rambla, die zentrale Flaniermeile, wo Palmen, Lorbeer- und Tulpenbäume wuchsen. Auch der wundervoll angelegte Stadtpark mit seinen breiten Treppen und Wegen war voll tropischer Pflanzen und hübsch arrangierten Beeten. Es gab dort auch einen imposanten Springbrunnen und einige interessante Skulpturen zu bewundern, denn die Inselhauptstadt war nicht nur für ihre Architektur, sondern auch für die Kunst berühmt.

Doch Justine interessierte sich gerade nicht besonders für diese Dinge, sondern wartete schon fast fieberhaft darauf, dass Patricio stehen bleiben und sie in den Arm nehmen würde. Denn dass sie sich deswegen und nicht wegen einer Stadtführung mit ihm getroffen hatte, war sonnenklar. Aber er hielt nur mit sanftem Druck ihre Hand, was dazu führte, dass sie immer ungeduldiger wurde. Auch wenn es mehr als unvernünftig war, wenigstens einmal wollte sie seine Lippen auf ihren spüren.

Patricio bemerkte genau, wie Justine mit jeder Minute nervöser wurde. In der Callejón del Combate, der Schlemmermeile, in der es viele schöne Lokale und Cafés gab, machten sie Rast.

Als sie miteinander anstießen, sah er ihr tief in die Augen und war zufrieden, denn alles lief nach Plan. Ihre hellbraunen Augen flirteten unverhohlen mit ihm, ihre feingliedrigen Hände spielten auf dem Tisch ungeduldig mit dem Besteck, bis das Essen, ein einfacher Imbiss, kam. Abermals begannen sie unverbindlich über die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu plaudern, während es immer mehr zwischen ihnen knisterte. Und gleich würde er zum wichtigsten Teil ihrer Begegnung übergehen …

„Also“, sagte er in einem tiefen, ruhigen Ton, als er die lächerlich niedrige Rechnung bezahlt hatte. „Es gibt nun zwei Möglichkeiten, Justine. Entweder wir schlendern noch herum …“

Sie runzelte die Stirn.

„… oder wir gehen auf die Jacht. Dort haben wir etwas mehr Ruhe.“

Ihre Augen weiteten sich.

„Ein Hotelzimmer kann ich mir leider nicht leisten“, fügte er leise hinzu, damit auch einwandfrei klar war, was er von ihr wollte. Zwar würde er auf der Jacht mit Marios Kabine vorliebnehmen müssen, doch selbst diese konnte sich sehen lassen, verfügte über ausreichend Platz und ein kleines Badezimmer.

„Auf die Jacht …?“

„Ja. Dort sind wir allein.“ Mario würde erst am nächsten Tag wiederkommen, das hatte er so befohlen. Und jetzt würde er kein Nein dulden.

„Patricio …“

Er nahm ihre Hand in seine und führte sie langsam an seine Lippen. „Justine“, murmelte er dabei. „Warum lässt du nicht einfach geschehen, was geschehen soll?“

Die Jacht war eindrucksvoll, aber nicht protzig. Ein zweistöckiges weißes Schiff, das geschmackvoll eingerichtet war. Es gab einen Salon mit elegant geschwungenen Designermöbeln sowie eine kleine, einladende Bar. Auf dem oberen Deck standen ein großer Tisch sowie bequeme Liegestühle unter einem Sonnendach. Patricio zeigte ihr auch den gut ausgestatteten Fitnessraum, in dem er trainieren durfte. Deswegen wirkte er also so athletisch.

Die Kapitänskabine sowie das Büro des Jachtbesitzers, eines Mannes, den Patricio nur Mario nannte, blieben ihr verschlossen. Zum Glück, denn sie musste unweigerlich daran denken, wie Pablo sie damals in der luxuriösen Kabine des Jachtbesitzers das erste Mal verführt hatte – obwohl ihm der Zutritt dazu ja eigentlich verboten gewesen war.

Immer wieder durchzuckten sie die Erinnerungen, doch dann kehrte sie schnell wieder in die Gegenwart zurück: Die Geschichte hier und heute war schließlich eine andere Sache. Bei Patricio gab es keine Lügen, keine Täuschungen, er spielte ihr nichts vor. Er wollte sie – und sie ihn. Und es war auch nur eine rein körperliche Begegnung …

Endlich standen sie vor der Skipper-Kabine. Justines Herz schlug bis zum Hals. Patricio legte eine Hand auf die Klinke, die andere um ihre Taille. Beugte sich zu ihr, strich mit seinem rauen Kinn sanft über ihre Wange. Ein wohliger Schauer durchlief sie.

„Nun machen wir noch eine ganz andere Entdeckungstour“, raunte er in ihr Ohr, und, ja, sie war bereit, verdrängte alle anderen Gedanken. Sie wollte nur noch, dass er sie endlich küsste.

Zu ihrer Überraschung aber machte er sich sanft von ihr los. „Wir gehen zuerst an die Bar.“ Innerlich stöhnte sie auf. Wie lange wollte er ihre Ungeduld noch anheizen? Darin war er wirklich meisterhaft. Fast widerwillig folgte sie ihm. Vor dem großen silbernen Kühlschrank blieb er stehen und zögerte.

„Was ist?“, fragte sie.

Ein wenig schuldbewusst sah er sie an. „Ich würde dir gerne den besten Champagner anbieten, den wir an Bord haben, aber er gehört nicht mir …“

„Muss doch nicht sein“, unterbrach sie ihn und setzte sich auf einen der lederbezogenen Barhocker. „Gib mir irgendetwas!“

Schließlich reichte er ihr ein Glas gut gekühlten Weißwein, und sie trank einen großen Schluck. Nun schlug ihr Herz erwartungsvoll in ihrer Brust. Dann nahm Paricio ihr das Glas aus den Händen und stellte es auf den Tresen. Schließlich, endlich, legte er seine starken Arme um sie.

Zuerst berührten seine Lippen ihre nur flüchtig. Justine seufzte leise und legte eine Hand in seinen Nacken. Sofort wurden seine Lippen fordernder, und ihre Zungen begannen ein erotisches Spiel. Immer leidenschaftlicher wurden ihre Küsse, und dabei umarmte er sie plötzlich so fest, dass ihr Rücken hart gegen die Bar gedrückt wurde. Doch das war ein köstlicher kleiner Schmerz. Sie ließ ihre Hände über seine kräftigen Schultern gleiten, spürte seine harten Muskeln.

Jetzt löste er sich von ihr, legte ihr die Hand unter das Kinn, und sie hatte das Gefühl, im tiefen Blau seiner Augen zu ertrinken. „Vom ersten Augenblick an, als ich dich in der Marina gesehen habe, habe ich dich begehrt“, flüsterte er rau und fuhr mit der Fingerspitze über ihre Lippen, die von den heißen Küssen prickelten.

Zart strich er über ihre Brüste und den flachen Bauch, und unwillkürlich öffnete sie ein wenig die Beine. Als er begann, ihre Schenkel zu streicheln, erbebte Justine. Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie sehr sie sich danach gesehnt hatte, von einem Mann berührt zu werden. Es war so lange her! Sie war wie ausgehungert, konnte ihren Herzschlag im ganzen Körper spüren.

Er schob ihr Kleid ein Stück höher. Es kam ihr so vor, als ob sich das Nylon ihrer Strümpfe unter Patricios geschmeidigen Händen – denen gar nicht anzumerken war, dass sie wahrscheinlich harte Arbeit verrichten mussten – elektrisch auflud. Denn seine Berührungen waren wie kleine Blitze auf ihrer Haut. Als er mit der anderen Hand begann, die Knöpfe an ihrem Kleid zu öffnen, spielten sich wilde Fantasien vor ihrem inneren Auge ab. Vielleicht würde er sie gleich hier an der Bar lieben, hier auf dem Hocker, sie musste ihm nur ein bisschen entgegenkommen …

Er hatte wohl ähnliche Gedanken, denn nun streifte er ihr Kleid über die Schultern und zog ihr gleichzeitig geschickt den BH aus. Halbnackt saß sie vor ihm, nur ihr langes Haar bedeckte noch ihre Brüste. Er strich es langsam zur Seite und berührte ihre festen, hoch aufgerichteten Brustwarzen, rieb sie sanft. Justine stöhnte auf und schloss die Augen.

„Du bist wunderschön“, raunte er und drängte sich an sie. Sie schlang ihre Beine fest um seine Hüften. Da hob er sie mühelos hoch, als wäre sie eine Feder. Sicheren Schrittes trug er sie zu der großen Couch und ließ sie dort nieder. Als ihr nackter Rücken das kühle weiße Leder berührte, erschauerte sie erregt.

Fasziniert sah sie dabei zu, wie Patricio nun ebenso begann, sich auszuziehen. Sein Oberkörper war sonnengebräunt und muskulös, sein Bauch fest und flach. Auf der rechten Schulter entdeckte sie eine längliche Narbe. Ein Unfall …? Sie streckte die Hand nach ihm aus, wollte, dass er zu ihr kam. Sie brannte jetzt schier vor Verlangen – noch nie hatte sie ein Mann innerhalb von so kurzer Zeit an diesen Punkt gebracht: Alle Bedenken waren wie ausgelöscht.

Er kniete nieder, ließ langsam seine Hände an ihren Beinen hinaufgleiten. Sie hob ihre Hüfte ein wenig an, sodass er leicht ihr Kleid ausziehen konnte. Es blieben ihr noch ihre Nylonstrümpfe und der schmale Slip aus schwarzer Spitze … Doch auch von diesen Kleidungsstücken befreite er sie schnell.

Patricios Augen funkelten. „Du bist unwiderstehlich“, flüsterte er und ließ seine Hand langsam über ihren Körper wandern. Als seine Finger dann zu ihrer empfindlichsten Stelle glitten, bäumte sie sich auf.

„Patricio …“ Sie schluckte schwer, denn es war das erste Mal, dass sie einen Mann so direkt aufforderte: „Komm zu mir.“

Nun ließ er sich nicht mehr bitten. Er stand auf und zog sich ganz aus, stand einen Augenblick aufrecht und in seiner ganzen Kraft und Größe vor ihr. Beide atmeten sie nun schwer. Dann kam er zu ihr auf das weiße, glatte Leder, umschlang sie fest und begann sie zu küssen, überall. Und obwohl es im Inneren der Jacht eher kühl war, trat Justine der Schweiß aus den Poren. Tief sog sie Patricios männlichen Duft ein und hielt sich an seinen starken Schultern fest, als er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich sanft ihre Beine auseinanderschob und zu ihr kam.

Dann war es, als hob er sie in den Himmel. Oder als fuhren sie auf dem Meer, auf erst sanften und dann auf immer heftigeren Wellen. Sie hörte sich schreien. Justine und ihr Seemann ertranken im Ozean der Lust.

4. KAPITEL

„Justine!“ Patricio klang ungewollt atemlos, als er ans Telefon ging. Obwohl der Anrufer auf dem Display als anonym angezeigt wurde, musste sie es einfach sein! Es gab nicht viele Personen, die diese private Nummer hatten.

„Justine? So heißt also deine neue Flamme“, entgegnete jedoch eine ganz andere Stimme. „Nein, hier ist Monica. Hallo, Patricio!“

„Monica! Was willst du von mir?“ Patricio konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Seit Tagen, seit der fantastischen Liebesbegegnung auf der Jacht, wartete er auf einen Anruf von seiner sexy Wissenschaftlerin. Justine hatte ihm danach jedoch nur noch eine einzige SMS geschickt: Es war wunderschön. Ich danke dir. Ich werde es nie vergessen, leb wohl, Justine. Seitdem tat sie so, als existiere sie nicht mehr.

Dafür aber hatte Monica ihm schon mehrere Kurzmitteilungen geschickt und versucht, ihn zu erreichen – und er hatte dasselbe getan, was Justine mit ihm tat: Er hatte sich tot gestellt. Doch nun hatte Monica ihn mit diesem einfachen Trick erwischt, ihre Nummer zu unterdrücken oder von einem anderen Telefon aus anzurufen.

„Patricio, ich muss mich doch sehr wundern. Ist das dein neuer Stil, dass du dich einfach verleugnest und meine Anrufe ignorierst? Und glaubst du, du kannst dich hier auf der Insel vor mir verstecken?“

„Natürlich nicht, Monica – Superstar!“, antwortete Patricio bissig.

„Danke für die Blumen. Über deine neue Freundin ist übrigens nicht viel bekannt. Niemand hat dich bisher mit ihr gesehen“, stichelte Monica zurück. „Aber nun weiß ich ja immerhin ihren Namen: Justine. Wie hübsch!“

„Bist du neuerdings Detektivin?“ Er würde sich keinesfalls provozieren lassen, obwohl es mehr als unverschämt war, wie Monica sich wieder in sein Leben einmischte.

„Patricio“, begann sie nun mit ihrer Schmeichelstimme, die sie so gut einzusetzen wusste, „wann können wir uns in Ruhe treffen? Ich will etwas wiedergutmachen.“

„Vergiss es.“

„Bitte!“

„Nein.“

„So leicht lasse ich nicht locker, das weißt du.“

Er lachte hart auf. „Was willst du tun? Mich entführen?“

„Keine schlechte Idee“, entgegnete Monica aalglatt. „Justine hin oder her, ich möchte jedenfalls eine zweite Chance. Und interessiert es dich denn nicht, was Ramón so für Geschäfte macht?“

Kurz blieb ihm die Luft weg. „Das ist nicht dein Ernst!“, fand er schließlich die Sprache wieder. Monica wechselte die Seiten, wie es ihr gerade gefiel. Einst hatte sie ihn wegen Ramón eiskalt verlassen, und heute würde sie ihm gegenüber Details über die Geschäfte seines Rivalen ausplaudern. Es war nicht zu fassen! „Meinst du nicht, du hast schon genug zerstört in unseren Leben?“

„Ich? Ihr habt mir doch damals wie die Verrückten nachgestellt! Habe ich euch darum gebeten? Nein! Und jetzt lasse ich mich nicht so einfach abschütteln.“

Damit hatte Monica leider nicht ganz unrecht. Zu jener Zeit, von der sie sprach, hatte er mit Ramón gerade seine größten geschäftlichen Erfolge gefeiert. Mit viel Glück und ein paar Beziehungen hatten sie in Barcelona eine wirklich sensationell erfolgreiche Firma aufgebaut, die teure Immobilien vermittelte. Ramón hatte zu Beginn das Firmenkapital eingebracht und er selbst eine Menge Geschick.

Als sich das Konto zunehmend füllte, gab Patricio den Plan auf, eine ähnlich solide Beamtenlaufbahn einzuschlagen wie sein Vater. Die Anziehungskraft des Geldes war groß, und er war mit Anfang dreißig äußerst empfänglich dafür. Teure Autos, eine Jacht, exklusive Partys – er und Ramón nahmen alles mit, feierten das ausschweifende Leben der Neureichen.

Als sie dann auf einem Luxusevent die bildhübsche Erbin Monica kennenlernten, ersannen sie sich aus purem Übermut eine idiotische Wette. Derjenige, dem Monica ihre Gunst schenkte, würde auch ein Jahr lang alle Prozente in der Firma kassieren. Hand drauf! Sie begossen diesen Pakt mit einer Flasche des teuersten Champagners und fühlten sich unheimlich gut dabei. Dabei hatten sie in diesem Moment das Ende ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit besiegelt …

„Ihr wolltet mich unbedingt als Trophäe besitzen, und ihr habt euch diese zerstörerische Wette selbst ausgedacht“, wärmte Monica nun die Erinnerung weiter auf.

„Das ist alles Vergangenheit“, sagte Patricio kalt. „Du hast mich verlassen, als ich kein Geld mehr hatte. Und nun hast du Ramón verlassen … Etwa aus dem gleichen Grund?“ Nun konnte er sich die Nachfrage doch nicht verkneifen.

„Ich erzähle dir alles, wenn wir uns sehen“, sagte Monica.

„Ach, vergiss es. Ramón interessiert mich nicht mehr“, wehrte er ab. Dabei stimmte das so nicht. Er wollte, dass sich sein Rivale über das lukrative Geschäft in Barcelona schwarzärgerte! Aber das ging nur ihn allein etwas an. „Ich mache nur noch meine eigenen Geschäfte. Und die mache ich gut.“

Auch damals hatte er alles bestens gemeistert. Er hatte sich als überaus geschickter Makler erwiesen, weitaus erfolgreicher als Ramón. Wie durch Zauberhand schaffte er es, Häuser weit über ihrem Marktwert zu verkaufen, trotz allgemeiner Wirtschaftskrise. Doch da Ramón bei der Firmengründung in Vorleistung getreten war, rechnete Patricio den Gewinn nicht so genau auf. Eine Hand wäscht die andere. Schließlich waren sie ja gute Freunde, nicht wahr?

Immer noch zog sich etwas in seinem Inneren zusammen, wenn er an diese bittere Enttäuschung dachte. Oh ja, er hatte sein Lehrgeld bezahlt: Wenn Freundschaft und geschäftliche Interessen sich vermischten, konnte daraus ein tödlicher Cocktail entstehen!

Denn er war es gewesen, für den Monica sich schließlich entschieden hatte. Wette gewonnen! Doch nicht im Traum hätte er daran gedacht, dass Ramón ein derart schlechter Verlierer war und ihm seinen Erfolg nicht gönnte.

Während Patricio sich ganz und gar in die Erbin verliebte und ihr die Welt zu Füßen legte, arrangierte Ramón die Dinge so, dass Patricio alle Rechte an der Firma verlor. Kein Cent ging mehr auf seinem Konto ein, dabei war die Abmachung genau andersherum gewesen.

Doch wo gab es ein Gericht, vor dem man per Handschlag beschlossene Wetten einklagen konnte? Ein Gericht, das eine aus blindem Vertrauen nicht beachtete Klausel im Gründungsvertrag für nichtig erklärte? Nein, Patricio hätte keine Chance gehabt. Er hatte sich mit Ramón am Schluss sogar fast geschlagen und war dabei schlimm gestürzt. Die Narbe auf der Schulter war eine lebenslange Erinnerung an diese schmerzhafte Geschichte.

„Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen“, beharrte Monica. „Aber dafür möchte ich dich persönlich treffen.“

Patricio schloss für einen Moment die Augen. Diese Stimme hatte ihn einst um den Verstand gebracht. Er hatte Monica wirklich sehr geliebt! Er hätte sie sogar geheiratet, seinen Verlobungsring hatte sie schon angenommen. Und eiskalt abgestreift, als er ihr mitteilte, dass sein Konto leer war. Einige Wochen später hatte er dann erfahren, dass sie nun mit Ramón um die Welt jettete …

„Was immer es ist, ich will es nicht wissen.“

„Wirklich nicht?“ Sie lachte spitz auf. „Ich glaube, das könntest du bereuen.“

„Wenn ich etwas bereue, dann, dich je begehrt zu haben“, sagte Patricio und legte endlich auf. Noch lange starrte er auf das Telefon in seiner Hand. Was hatte Monica im Sinn, was wollte sie ihm erzählen? Und warum tauchte sie gerade jetzt auf, wo er Justine kennengelernt hatte, die erste Frau seit Langem, die ihn wieder faszinieren konnte?

Die Begegnung mit der bildhübschen Meeresbiologin war so erfrischend, so erregend, so … neu. Denn tatsächlich hatten sie sich bisher nicht ein einziges Mal über materielle Dinge unterhalten. Doch darum war es in den vergangenen Jahren seines Lebens immer gegangen – um Geld, Luxus, Prestige, Erfolg. Er spürte, wie überdrüssig er dessen geworden war. Doch bei Justine spielte all dies keine Rolle, und genau das gefiel ihm sehr.

Nun allerdings war sie seit Tagen wie vom Erdboden verschluckt. Natürlich wusste er, wie sehr sie die Nacht mit ihm genossen hatte, das war nicht der Punkt. Aus irgendwelchen Gründen schien sie auch Angst vor ihm zu haben. Angst, sich zu verlieben? Eben genau so, wie es die Wette mit Mario vorsah …

Plötzlich kam ihm eine Idee. Wieso tat er nicht einfach dasselbe, was Monica getan hatte? Nämlich Justine anzurufen, ohne dass sein Name angezeigt wurde …

Justine verspürte einen Stich der Enttäuschung, als sie auf ihrem Handy sah, dass ein unbekannter Teilnehmer sie zu erreichen versuchte. Immer, wenn in den vergangenen Tagen Patricios Name dort zu lesen gewesen war, hatte ihr Herz einen kleinen Sprung gemacht. Verrückt. Denn eigentlich wollte sie ihn nicht mehr sprechen, nie mehr sehen …

Wie sehr sie sich andererseits danach sehnte, sich von seiner samtigen Stimme streicheln zu lassen und von ihm in die Arme genommen zu werden! Ja, Patricio hatte sie auf der Jacht in vollkommener Weise geliebt, sie auf die höchsten Gipfel der Lust geführt.

Er hatte all ihre Erwartungen übertroffen, er war kein zweiter Pablo – er war besser, viel besser. Und er war kein Lügner. Jetzt war sie eben doch dabei, sich zu verlieben, aber wohin sollte das führen? Es gab keine Zukunft mit einem Mann auf dem Meer, das war ganz und gar ausgeschlossen. Gleichzeitig drängte Matthew in London darauf, dass sie bald zurückkam … Matthew. Hatte er nicht eine neue Büronummer, die er ihr hatte mitteilen wollen? Wahrscheinlich war er der anonyme Anrufer.

„Hallo?“, meldete sie sich.

„Justine.“

Eine warme Welle durchfuhr sie, als sie Patricios Stimme hörte. Ihr Herz schlug schneller.

„Warum gehst du nicht ans Telefon?“

„Ich habe dir eine SMS geschrieben.“

„Und du denkst, damit ist unsere Geschichte vorbei?“

„Ja.“

„Nein. Ich möchte dich noch mal treffen. Ich akzeptiere kein Nein. Nicht nach allem, was zwischen uns passiert ist. Es war wunderschön.“

Sie musste sich setzen. Ihre Knie wurden jetzt schon weich, wenn sie daran dachte, dass Patricio sie abermals langsam ausziehen, küssen und mit seinen geschickten Händen verwöhnen könnte. An allen nur erdenklichen Stellen des Körpers … Sofort wurde ihr heiß. Wie konnte sie sich diesem erotischen Sog entziehen?

„Also. Wann sehen wir uns wieder? ...

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