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ROMANA EXTRA BAND 15

SARAH LEIGH CHASE

In den Armen des griechischen Playboys

Kylie ist bloß auf die griechische Insel Leros gekommen, um sich einen Millionär wie ihn zu angeln! Davon ist Timon Vangelis überzeugt. Warum nur zieht sie ihn trotzdem wie magisch an?

CAROLE MORTIMER

Tanz diesen Tango nur mit mir

Ob ihre küssenswerten Lippen wohl so köstlich schmecken wie ihre Mousse au Chocolat? Die schöne Köchin Grace weckt Cesar Navarros sinnlichen Appetit. Aber als seine Angestellte ist sie tabu für ihn!

BARBARA WALLACE

Sobald es Nacht wird in New York

Eine Unverschämtheit! Wie kann der vornehme New Yorker Staranwalt Mike Templeton sie nur für eine Betrügerin halten? Roxy ist empört – und spürt doch ungewollt heißes Verlangen in Mikes Nähe …

CAROL MARINELLI

Wem gehört dein Herz?

Um die Gerüchte über seine Affären zu beenden, heiratet der begehrte Junggeselle Luca Santanno spontan die schöne Felicity. Dass er ihr damit das Herz bricht, ahnt er nicht …

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In den Armen des griechischen Playboys

PROLOG

Kylie Richardson seufzte und sah sich in ihrem Buchladen um. Mit fünfundzwanzig Jahren war sie am Ziel ihrer Träume angelangt. Aber wo blieb die große Freude? Warum klopfte ihr Herz nicht wie verrückt vor Glück? Kylie fühlte nur eine drückende Leere.

Seit Jahren hatte sie Opfer gebracht, um eines Tages ihre eigene Chefin zu sein. Neben und nach ihrem Literaturstudium hatte sie in einer großen Buchhandlung gearbeitet und Doppelschichten eingelegt, sooft es ging. Jeden Cent hatte sie zur Seite gelegt, anstatt ihr Geld für Reisen, Schmuck oder hübsche Kleidung auszugeben.

Zum Glück fielen Kylies goldblonde Locken auch ohne teure Frisur weich um das herzförmige Gesicht, und an ihrer zierlichen Figur wirkten selbst Jeans und T-Shirt so schick wie teure Designerkleidung.

Vor drei Monaten war es endlich so weit gewesen: Zusammen mit ihrem Verlobten Matthew hatte Kylie den Kaufvertrag für ihren gemeinsamen Buchladen im aufstrebenden Londoner Stadtteil Hackney unterschreiben können. Und in den darauffolgenden Wochen hatten sie mit harter Arbeit aus einem heruntergekommenen ehemaligen Pub ein kleines Paradies gezaubert.

Kylie betrachtete die riesigen blitzsauberen Fenster, vor denen sie bequeme alte Ledersofas und niedrige Holztischchen platziert hatte. An den Wänden standen prall gefüllte Bücherregale, und der alte Holzboden glänzte frisch poliert. Alles war bereit für die Eröffnung.

Doch zuerst kam die Hochzeit.

Bei dem Gedanken wurde Kylies Herz noch schwerer. In fünf Tagen würde sie mit Matthew vor den Altar treten. Das weiße Kleid und der Schleier hingen in ihrem Schrank, die Einladungen waren verschickt, die Blumen bestellt. Seit ihrer gemeinsamen Zeit auf der Universität war er der Mann ihres Lebens. Mit ihm teilte Kylie die Liebe zu Büchern, außerdem war er genauso fleißig, ehrgeizig und sparsam wie sie. Und das Wichtigste war: Er liebte sie.

Warum also hätte sie sich am liebsten auf einem der Sofas zusammengerollt und geweint, anstatt vor Glück zu jubeln?

Ich weiß es nicht, dachte sie unglücklich und biss sich auf die volle Unterlippe.

Irgendetwas fühlte sich nicht richtig an. Seit Tagen, vielleicht schon seit Wochen, lauerte unter der Oberfläche diese seltsame Traurigkeit.

Wann haben Matthew und ich das letzte Mal zusammen gelacht? überlegte Kylie. Wann hatten sie das letzte Mal über etwas anderes als Wandfarbe oder die Auswahl der Bücher geredet?

Lag es nur an der vielen Arbeit, oder hatte Matthew sich in den letzten Wochen wirklich von ihr zurückgezogen? Ihr fiel auf, dass sie nicht einmal wusste, wo er gerade steckte. Vor zwei Stunden hatte er sich mit einer gemurmelten Bemerkung von ihr verabschiedet, die sie nicht verstanden hatte. Aber sie war viel zu beschäftigt gewesen mit dem Aufhängen der cremefarbenen Leinenvorhänge, um nachzufragen.

Kylie seufzte tief. In ihrem Kopf drehte sich alles. Was sollte sie tun? Mit ihm reden? Oder waren diese Zweifel vor der Hochzeit ganz normal? Vielleicht musste sie sie einfach nur hartnäckig genug ignorieren, und dann würden sie von selbst wieder verschwinden.

Für einen Moment sehnte sie sich heftig nach ihrer Zwillingsschwester, aber Megan lebte seit Jahren als Tauchlehrerin auf der kleinen griechischen Insel Leros.

Plötzlich vermisste Kylie den warmen Sonnenschein auf ihrer Haut und das Rauschen des Meeres. Für einen Moment glaubte sie fast, den so unverwechselbaren Duft wilder Kräuter zu riechen.

Kylie zog ihr Telefon aus der Tasche und wählte Megans Nummer, doch es meldete sich nur der Anrufbeantworter. In zwei Tagen würde ihre Schwester zur Hochzeit kommen, aber so lange konnte Kylie nicht warten. Sie musste jetzt mit jemandem reden, sonst würde sie platzen.

Nervös zerrte Kylie an ihrem Rollkragen. Ihr war, als würde sie ersticken. Rasch kämpfte sie das Gefühl nieder.

Sie war genau dort, wo sie sein wollte. Dafür habe ich sehr hart gekämpft, sagte sie sich ärgerlich. Woher kam jetzt plötzlich das Bedürfnis, sich einfach umzudrehen und wegzulaufen?

Heftig schüttelte sie den Kopf und versuchte, über ihre dummen Zweifel zu lachen. Alles war in bester Ordnung. Diese Zeit war einfach sehr anstrengend und stellte einen Wendepunkt in ihrem Leben dar. Wahrscheinlich bildete sie sich nur ein, dass Matthew in der letzten Zeit so angespannt und distanziert war.

Sie stand auf, ging zur Tür hinaus und schloss sorgfältig hinter sich ab. Dann winkte sie ein Taxi heran, um nach Hause zu fahren, doch aus einem Impuls heraus nannte sie dem Fahrer die Adresse ihrer besten Freundin Bella.

Als sie schließlich vor Bellas Haus ausstieg, verspürte sie einen Anflug von schlechtem Gewissen. Die Freundin hatte ihr gesagt, dass sie heute Abend Klassenarbeiten ihrer Schüler korrigieren musste.

Aber sie muss auch essen, dachte Kylie, und sie wusste genau, wie sehr ihre Freundin das Essen aus dem benachbarten chinesischen Take-away liebte.

Als Bella eine Viertelstunde später die Haustür öffnete, war Kylie nicht überrascht, dass die Freundin sie nicht gerade erfreut anschaute.

„Kylie …“, murmelte Bella gedehnt.

Sie war barfuß. Ein weich fallendes Strickkleid reichte bis zur Hälfte der wohlgeformten Oberschenkel und betonte ihre üppigen Kurven. Die kurzen schwarzen Locken waren zerzaust, als käme sie gerade aus dem Bett.

„Ich weiß, du musst arbeiten“, sagte Kylie entschuldigend. Sie hob die Tüte mit den chinesischen Gerichten, aus der es verführerisch duftete. „Aber ich habe Essen mitgebracht, und ich werde dich nicht lange stören. Wenn wir gegessen haben, verschwinde ich wieder, fest versprochen. Aber ich muss einfach mit jemandem reden, sonst drehe ich noch durch.“

„Also gut, Kylie“, sagte Bella laut. „Komm rein.“ Sie wirkte immer noch nicht begeistert, aber schließlich trat sie zögernd zur Seite.

Kylie ging an ihrer Freundin vorbei in die Wohnung. Bella folgte ihr langsam.

„Was ist los?“ Sie legte Kylie einen Arm um die Schulter.

Sofort fühlte Kylie sich ein wenig getröstet. Wie oft haben wir uns schon gegenseitig diese Frage gestellt? überlegte sie und ein leises Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Seitdem Megan auf Leros lebte, war Bella zum wichtigsten Menschen in ihrem Leben geworden.

Abgesehen von Matthew natürlich, korrigierte sie sich rasch.

Bella hatte die beiden einander vorgestellt. Kylie erinnerte sich noch daran, wie sie anfangs geglaubt hatte, die Freundin wäre in den gut aussehenden Jungen verliebt, aber Bella hatte ihre Frage mit einem Lachen abgetan. „Ach was! Wir sind nur gute Freunde. Außerdem ist es doch ganz offensichtlich, dass er sich auf den ersten Blick in dich verknallt hat.“

„Wenn ich bloß wüsste, was los ist“, jammerte Kylie jetzt. Sie ließ sich auf Bellas weiches Samtsofa fallen. „Ich sollte überglücklich sein. Stattdessen würde ich mich am liebsten im Bett verkriechen, die Decke über den Kopf ziehen und in Tränen ausbrechen.“

„Du bist bestimmt nur nervös wegen der Hochzeit. Außerdem steht eure Eröffnung bevor. Du hast seit Wochen kaum geschlafen und nur gearbeitet. Kein Wunder, dass du mit den Nerven am Ende bist.“ Bella verteilte die Pappschachteln mit dem chinesischen Essen auf dem Tisch, legte die Holzstäbchen dazu. Dann setzte sie sich in einen Sessel und zog die Füße auf das Polster. „Aber bald gehen all deine Träume in Erfüllung, und du wirst die glücklichste Frau der Welt sein.“

Für einen Moment glaubte Kylie, einen seltsamen Unterton in Bellas Stimme zu hören, fast etwas wie Feindseligkeit, aber als sie Bella anschaute, sah die Freundin sie lächelnd an.

Kylie schüttelte den Kopf. Langsam verlor sie offenbar den Verstand. „Das sage ich mir selbst schon die ganze Zeit, aber ich weiß nicht …“, erwiderte sie leise. „Ich fühle mich kein bisschen glücklich. Nur traurig und ängstlich und unsicher. Und Matthew …“

Bella räusperte sich. „Was ist mit ihm? Habt ihr euch gestritten?“

„Nein … nein, natürlich nicht. Wir streiten uns nie. Du weißt doch, wie er ist.“

„Ja.“ Bella rutschte in ihrem Sessel hin und her, als sei sie nervös. „Aber irgendetwas beunruhigt dich doch.“

„Nein. Das heißt … manchmal frage ich mich …“ Kylie lachte nervös auf. „Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich gelesen habe, in denen von der großen, alles verschlingenden Liebe erzählt wird. Mit Matthew … ich meine, wir teilen unsere Interessen miteinander, er ist alles, was ich mir je von einem Mann gewünscht habe. Er ist einfach perfekt. Aber rasende Leidenschaft …“ Sie seufzte. „Ich meine … vielleicht kommt das ja noch nach der Hochzeit. Du weißt ja, dass wir mit dem Sex bis zur Hochzeitsnacht warten wollten. Aber ich weiß nicht … vielleicht war das ein Fehler?“ Kylie schüttelte den Kopf. „Manchmal frage ich mich sogar, ob wir überhaupt hätten warten können, wenn wir uns richtig begehren würden. In Büchern und Filmen gibt es immer Herzrasen und weiche Knie, der Verstand setzt aus, nur noch wilde Lust existiert … Ich weiß natürlich, dass das alles nur Geschichten sind, nicht die Wirklichkeit. Aber trotzdem …“

Sie machte eine kurze Pause und holte tief Luft, bevor sie weitersprach: „Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann wir uns zum letzten Mal richtig geküsst haben.“ Sie lachte nervös. „Wahrscheinlich ist diese ganze Sache von glühender Leidenschaft und Verlangen nur eine Erfindung der Liebesromanautorinnen, damit sich ihre Bücher gut verkaufen, aber …“

„Du hast zu viel Fantasie, Liebes“, murmelte Bella. „Das Leben ist kein Buch, es gibt keinen perfekten Helden. Und falls man doch einen findet …“ Sie unterbrach sich abrupt und biss sich auf die Lippen.

Überrascht musterte Kylie die Freundin. Es klang beinahe so, als sei Bella unglücklich. „Hast du etwa jemanden kennengelernt?“

„Nein, nein, ich habe niemanden kennengelernt.“ Bella lachte bitter auf. „Aber wenn du ein Problem mit Matthew hast, solltest du nicht mit mir darüber reden, sondern mit ihm. Immerhin wird er in fünf Tagen dein Ehemann.“

Diesmal war Kylie sich sicher, dass die Freundin schnippisch klang. „Bella …?“

„Entschuldige, Kylie, aber lass uns ein andermal reden, ja? Ich muss heute Abend noch ein Projekt für morgen vorbereiten.“

„Ein Projekt? Ich dachte, du müsstest Klassenarbeiten korrigieren.“ Kylie stand auf. Ihr Blick fiel auf den leeren Schreibtisch.

Bella schüttelte den Kopf. „Das hast du bestimmt falsch verstanden. Was hältst du davon, wenn wir morgen nach der Arbeit einen Kaffee trinken? Dann können wir in Ruhe über alles reden.“

„Ja, ist gut. Dann lasse ich dich jetzt endlich in Ruhe weiterarbeiten.“ Kylie öffnete ihre Handtasche und suchte nach ihrem Telefon. „Du hast recht. Ich sollte mit Matthew reden. In den letzten Wochen haben wir viel zu wenig Zeit miteinander verbracht. Ich werde ihn direkt anrufen.“ Sie tippte seine Nummer ein.

„Nein!“, rief Bella laut aus.

Kylie zuckte zusammen. Sie ließ das Handy sinken und sah ihre Freundin erstaunt an. „Was?“

„Ich meine, äh… bleib doch noch ein bisschen! Du … du hast gesagt, du hättest Zweifel. Was genau meinst du damit?“

Kylie schüttelte verwirrt den Kopf. „Aber du musst doch arbeiten.“

„Nein … Das heißt, natürlich muss ich arbeiten, aber so dringend ist es nun auch wieder nicht, dass ich mir nicht noch ein bisschen Zeit für meine beste Freundin nehmen könnte. Außerdem haben wir noch gar nichts von den ganzen Köstlichkeiten gegessen.“ Bella öffnete die Pappschachteln, und der Duft von Knoblauch, gebratenen Zwiebeln und süßsaurer Soße erfüllte das Wohnzimmer.

„Was ist los, Bella? Geht es dir nicht gut?“

„Natürlich geht es mir gut!“ Bella lachte nervös auf. „Was hältst du von einem schönen Glas Rotwein?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stand sie auf und verschwand in der Küche.

Irgendetwas stimmte mit Bella nicht. So durcheinander und verwirrt hatte Kylie die Freundin noch nie erlebt.

Aber Bella hatte recht. Anstatt mit ihrer Freundin, sollte sie mit Matthew über ihre Gefühle sprechen. Auch sie hatte in den vergangenen Wochen kaum Zeit für ihn gehabt. Sie dachte daran, wie oft sie seinen Liebkosungen ausgewichen war, weil immer etwas anderes gerade wichtiger gewesen war. Vielleicht fühlte er sich ja genauso vernachlässigt von ihr wie sie sich von ihm.

Sie musste ihn sehen, heute Abend noch.

Kylie wählte seine Nummer.

Leise ertönte die Titelmelodie von Matthews Lieblingsfilm Star Wars. Der Klingelton war Kylie so vertraut, dass es einen Moment dauerte, bis sie begriff, dass sie ihn wirklich hier in diesem Zimmer hörte.

„Kylie …“, drang Bellas Stimme wie von fern an ihr Ohr.

Sie sah auf. Weiß wie die Wand stand Bella mit zwei gefüllten Weingläsern im Türrahmen.

„Matthews Telefon klingelt … irgendwo hier …“, murmelte Kylie benommen. „Wie kann das sein?“ Sie betete, dass ihre Freundin eine logische Erklärung hatte.

Stattdessen wich Bella ihrem Blick aus. Auf ihren rundlichen Wangen brannten rote Flecken. „Ich … ich habe nicht die geringste Ahnung“, stammelte sie. „Vielleicht habe ich gestern aus Versehen sein Telefon eingesteckt … als ich … als ich bei euch im Laden war.“ Ihre Stimme wurde immer leiser.

„Er hat heute Nachmittag noch damit telefoniert.“ Jedes Wort brannte in Kylies Kehle.

„Bitte … du verstehst nicht …“

„Das stimmt.“ Kylie ging an Bella vorbei ins Schlafzimmer. Es kam ihr vor, als würde sie sich plötzlich in Zeitlupe bewegen.

Das Bett war zerwühlt, aber leer. Auf dem Nachttisch lag eine Uhr. Matthews Uhr, Kylies Weihnachtsgeschenk.

„Matthew?“ Sie ging weiter zum Bad.

Bella griff nach ihrem Arm. „Kylie, nicht“, sagte sie tonlos. „Lass mich erklären …“

Kylie schüttelte Bellas Hand ab und öffnete die Tür. Auf den ersten Blick wirkte der Raum leer. Mit einem Ruck zog sie den Duschvorhang zur Seite.

Mit weit aufgerissenen Augen sah Matthew sie an. Er trug nur seine schwarzen Boxershorts. Noch ein Geschenk von Kylie.

„Du elender Lügner! Du wolltest warten bis zur Hochzeitsnacht … und während der ganzen Zeit gehst du mit meiner Freundin ins Bett?“, flüsterte Kylie heiser. Sie drehte sich um. „Ich dachte, du wärest meine beste Freundin, Bella! Ich habe dir vertraut. Euch beiden habe ich bedingungslos vertraut! Wie konntet ihr mir die ganze Zeit ins Gesicht lügen?“

„Ich liebe ihn!“ Bellas Stimme war tränenerstickt. „Vom ersten Tag an. Aber er wollte dich. Genau wie alle anderen, dich, immer nur dich!“

„Und warum ist er dann hier? Irgendwann muss sich das wohl geändert haben.“ Sie wandte sich wieder zu Matthew um. „Wir wollten in fünf Tagen heiraten! Das Hochzeitskleid hängt in meinem Schrank …“ Ihre Stimme versagte, aber sie wollte auf keinen Fall vor den beiden in Tränen ausbrechen.

Er wich ihrem Blick aus. „Ich wollte es dir ja sagen. Aber was wäre dann aus dem Geschäft geworden? Wir haben doch alles zusammen aufgebaut …“

„Ging es dir nur ums Geld?“ Kylies Stimme klang plötzlich eiskalt. „Ich wollte mein Leben mit dir verbringen.“

Sie sah Bella an, dann Matthew, wie er mit gesenktem Blick in der Dusche stand. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging.

Kylie wusste nicht, wie lange sie ziellos durch die dunklen Straßen Londons gelaufen war. Irgendwann stand sie vor ihrer eigenen Haustür. Als sie daran dachte, nun ganz allein in die Wohnung gehen zu müssen, liefen ihr wieder Tränen über die Wangen.

Waren Matthew und Bella in diesem Moment zusammen? Hielt er sie in den Armen? Liebten sie sich gerade? Lachten sie vielleicht über die naive, gutgläubige Kylie?

Mit zitternden Fingern steckte sie den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Sie wusste nicht, was mehr wehtat – der bittere Verrat der beiden Menschen, denen sie bedingungslos vertraut hatte, oder vor den Trümmern all ihrer Träume zu stehen.

Jahrelang hatte Kylie auf alles verzichtet und jeden Cent in ihre Buchhandlung gesteckt. Jetzt besaß sie nichts mehr. Alles gehörte Matthew und ihr gemeinsam. Sie hatte an ein gemeinsames Leben geglaubt und keinen Gedanken daran verschwendet, ihren Anteil am Geschäft vertraglich abzusichern. Außerdem wusste sie selbst am besten, dass Matthew nach der Renovierung kein Geld mehr besaß, um sie auszuzahlen.

Gerade, als sie ihren Mantel aufknöpfte, klingelte das Telefon. Kylie erstarrte und ließ den Mantel fallen. Bestimmt riefen Bella oder Matthew an, um mit ihr zu reden. Aber sie wollte die beiden nie wieder sehen, nie wieder ihre Stimmen hören!

Nach dem vierten Klingeln sprang der Anrufbeantworter an. „Kylie, wo bist du? Ich rufe schon zum …“

Kylie hatte die Hände gehoben, um sie auf die Ohren zu pressen, als sie die Stimme ihrer Schwester erkannte. Sie stürzte zum Telefon und hob ab. „Oh, Megan! Ein Glück, dass du anrufst!“

Megan bemerkte offenbar nicht, dass Kylies Stimme zitterte. „Leider habe ich schlechte Nachrichten für dich, Liebes. Ich muss arbeiten und kann nicht zur Hochzeit kommen.“

Kylie schleuderte die Schuhe von den Füßen und rollte sich mit dem Hörer in der Hand in dem großen Ohrensessel vor dem Kamin zusammen.

„Es gibt keine Hochzeit!“, schluchzte sie. Immer wieder von Heulkrämpfen unterbrochen, erzählte sie, was passiert war.

„Ich habe nicht einmal mehr ein Zuhause“, beendete sie ihren Bericht kläglich. „In zwei Wochen muss ich aus meiner Wohnung ausziehen. Ich habe gekündigt, weil wir nach der Heirat in Matthews Haus leben wollten.“

Für einen Moment hörte sie nur das Rauschen in der Leitung. „Oh mein Gott!“, flüsterte Megan schließlich. „Matthew wirkte immer so vernünftig und verlässlich.“

„Das habe ich auch gedacht.“ Kylie lachte bitter. „Wie konnten die beiden mir die ganze Zeit so schamlos ins Gesicht lügen? In fünf Tagen wollten wir heiraten, Bella sollte meine Brautjungfer sein! Warum haben sie mir nicht gesagt, dass sie sich ineinander verliebt haben?“

„Wer sagt denn, dass es etwas mit Liebe zu tun hat?“, fragte Megan. „Vielleicht war es nur eine einmalige Sache. Vielleicht liebt er dich ja wirklich, und es war nur ein bedeutungsloser Moment wilder Leidenschaft …“

„Ha!“, rief Kylie. „Wenn er mich lieben würde, könnte er mich nicht so anlügen. Außerdem … Matthew und wilde Leidenschaft …“ Sie stutzte und runzelte die Stirn.

Plötzlich kam ihr in den Sinn, wie oft sie sich aus seiner Umarmung gelöst hatte, wenn seine zärtlichen Küsse stürmischer wurden. Ich bin nun mal kein leidenschaftlicher Mensch, dachte Kylie mit einem Anflug von Trotz.

Matthew hatte sich nie beklagt, dass ihm in ihrer Beziehung etwas fehlte, und sie hatte immer geglaubt, dass auch ihm Freundschaft, Sicherheit und gemeinsame Ziele wichtiger waren als wilder Sex.

Ganz offensichtlich war das ein Irrtum gewesen.

Heiß schoss ihr das Blut in die Wangen, als sie sich daran erinnerte, wie sie Bella von der fehlenden Leidenschaft in ihrer Beziehung erzählt hatte.

„Wenn ich jetzt meinen Anteil verlange, müssen wir das Geschäft verkaufen. Wir bekommen niemals zurück, was wir reingesteckt haben“, sagte sie laut. „Aber ich kann auch nicht zusammen mit ihm im Laden stehen. Ich sehe einfach keinen Ausweg.“

„Wahrscheinlich hat er dir darum nicht die Wahrheit gesagt“, vermutete Megan logisch.

„Aber … so kann man doch kein gemeinsames Leben aufbauen.“ Wieder liefen Tränen über Kylies Wangen. „Was soll ich denn jetzt bloß machen?“

„Pack deine Koffer und komm her!“

„Aber … meine ganzen Sachen!“

„Stell alles in einem Lagerraum unter, und bleib hier auf der Insel, bis du weißt, was du mit deinem Leben anfangen willst.“

„Bist du sicher? Wahrscheinlich werde ich dir von morgens bis abends die Ohren mit meinem Liebeskummer volljammern.“

„Dazu wirst du keine Gelegenheit haben“, erwiderte Megan trocken. „In den nächsten zwei Wochen werde ich mit Kunden auf einem Tauchausflug unterwegs sein. Du kannst dich von deinem Kummer mit Arbeit ablenken und mich in der Zeit in der Tauchschule vertreten. Ich würde ja absagen, um bei dir zu sein, aber ich kann mir nicht leisten, auf das Geld zu verzichten. In den letzten Monaten ist das Geschäft nicht gut gelaufen. Wenn ich wieder zurück bin“, fuhr sie mit sanfter Stimme fort, „kannst du an meiner Schulter so viel jammern und weinen wie du willst, Liebes. Dazu sind Zwillingsschwestern schließlich da.“

1. KAPITEL

Die Sonne stand schon tief über dem Meer, als drei Tage später die große Fähre in den Hafen von Leros einfuhr.

Es war Anfang Juni und die Hauptsaison hatte gerade erst begonnen. Auf der kleinen griechischen Insel herrschte nicht so viel Trubel wie auf den bekannteren Inseln der Ägäis, doch pünktlich zur Ankunft der Fähre drängten sich Urlauber und Einheimische auf der hell erleuchteten Promenade.

Zusammen mit den anderen Touristen stand Kylie an der Reling und sah beim Anlegen zu. Alles war noch genau so, wie sie es von ihrem letzten Besuch vor zwei Jahren in Erinnerung hatte.

Niedrige Häuser, die aussahen wie strahlend weiße Würfel, säumten die Hügel. Hoch über der Ortschaft thronte eindrucksvoll die mittelalterliche Festung. Obwohl die Sonne noch über dem Horizont schwebte, war schon eine blasse Mondsichel am wolkenlosen Himmel zu sehen.

Als der warme Wind liebkosend über ihre Haut strich, schloss Kylie für einen Moment die Augen, dann löste sie ihre Haarspange. Wie ein goldener Wasserfall fielen ihr die langen Locken über die Schultern.

Sie hatte sich immer gewünscht, Matthew die Insel zu zeigen, doch sie hatten nie die Zeit für einen gemeinsamen Urlaub gefunden. Jetzt war sie froh, dass es hier keine Erinnerungen an ihn gab.

Hastig schob sie die Gedanken an Matthew beiseite und atmete tief die salzige Meeresluft ein.

Kylie zuckte zusammen, als in ihrer Tasche das Handy piepte. Der Alarm, der sie an die Einnahme ihres Verhütungsmittels erinnerte. Rechtzeitig für die Hochzeitsnacht hatte sie sich die Pille verschreiben lassen.

Sie zog die Schachtel aus der Tasche und schluckte eine kleine Tablette. Damit ihre Hormone nicht verrücktspielten, musste sie das Medikament noch einige Wochen lang jeden Tag pünktlich einnehmen. Sie lächelte bitter. Jeden Tag eine Erinnerung daran, dass Matthew das Bett nun mit einer anderen Frau teilte.

Einige Meter unter Kylie öffneten sich jetzt die Tore der Fähre, und die ersten Urlauber strömten an Land. Kylie nahm ihre Reisetasche, ging zur nächstgelegenen Treppe und folgte der Masse. Sie bemerkte nicht die vielen bewundernden Blicke, die ihrer hochgewachsenen schlanken Gestalt folgten.

Vor dem Anleger drängten sich Taxifahrer und Hotelbesitzer auf der Suche nach Fahrgästen. Manche hielten große Schilder mit Namen von Urlaubern hoch. Doch Kylie hielt nur Ausschau nach einem dunklen Haarschopf.

Megan war genauso groß wie Kylie, doch da hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Schon als Kinder hatte ihnen kaum jemand geglaubt, dass sie Zwillinge waren. Megan war so dunkel, wie Kylie hell. Während Kylies Augen blau leuchteten wie das Meer der Ägäis, schimmerten Megans in einem dunklen Grün. Ihre Haare trug sie in einer kurzen Ponyfrisur.

„Kylie!“, übertönte ein heller Ruf das Stimmengewirr.

Sie entdeckte Megan zwischen den Wartenden. Die Schwester stand hinter den Taxifahrern auf Zehenspitzen und winkte wild mit beiden Armen. Kylie schob sich durch das Gedränge und fiel in Megans weit geöffnete Arme. Die beiden hielten sich fest und lachten und weinten gleichzeitig.

Schließlich löste sich Megan, nahm Kylies Reisetasche und warf sie über die Schulter. Zusammen gingen sie am Kai entlang zum Parkplatz. „Ich hätte mir einen schöneren Anlass für deinen Besuch gewünscht, aber ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du hier bist“, sagte Megan leise.

Kylie warf ihrer Schwester einen raschen Seitenblick zu. Es war gar nicht Megans Art, sentimental zu sein. Schimmerten etwa Tränen in den grünen Augen? „Ist bei dir alles in Ordnung?“

Ihre Schwester lachte auf, aber es klang ein wenig gezwungen. „Natürlich … Na ja, ich habe dir ja schon erzählt, dass die Tauchschule nicht so gut läuft. Aber jetzt steht die Hauptsaison bevor … und außerdem wird der private Tauchausflug sehr gut bezahlt.“

„Wann fährst du los?“

„Morgen in aller Frühe.“

„Morgen schon!“ Kylie schnappte nach Luft. „Aber … du musst mir doch noch alles mit der Tauchschule genau erklären. Außerdem war ich seit zwei Jahren nicht mehr unter Wasser …“

„Ach was, du warst schon immer die bessere Taucherin von uns beiden. Mum und Dad haben immer erzählt, dass du eher tauchen als laufen konntest.“

Kylie nickte und schluckte den Kloß in ihrer Kehle herunter. Ihre Eltern waren bekannte Meeresbiologen gewesen. Für Forschungsaufträge waren sie mit ihren Töchtern durch die Welt gereist, bis sie sich schließlich auf dieser kleinen griechischen Insel niedergelassen hatten. Bei der Erinnerung an die glücklichen Sommer ihrer Jugend lächelte Kylie unwillkürlich. Doch sofort wurde sie wieder ernst.

Megan und Kylie hatten in London studiert, als ihre Eltern bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen waren. Nach der Beerdigung hatte Megan ihrer Schwester mitgeteilt, dass sie nicht nach London zurückkehren würde. Sie wollte auf Leros bleiben und im Haus der Eltern eine Tauchschule eröffnen.

Kylie hatte lange gehofft, dass dies nur eine Reaktion auf den viel zu frühen Tod der Eltern gewesen war und Megan nach der ersten Trauer wieder nach London kommen und ihr Studium beenden würde. Doch inzwischen lebte ihre Schwester seit fünf Jahren in Griechenland und schien dort sehr glücklich zu sein.

Anfangs verbrachte Kylie so viel Zeit wie möglich bei ihr auf Leros, doch in den letzten zwei Jahren war keine Zeit für einen Besuch geblieben. Dennoch war der Kontakt zwischen den beiden Schwestern nie abgerissen. Sie hatten sich lange E-Mails geschrieben und fast täglich miteinander telefoniert.

Erst jetzt fiel Kylie auf, dass sie in den vergangenen Wochen kaum etwas von Megan gehört hatte. Doch sie war so mit den Hochzeitsvorbereitungen und der Eröffnung beschäftigt gewesen, dass sie es gar nicht bemerkt hatte.

„Was willst du jetzt tun?“, unterbrach Megan ihre Gedanken. „Wie ich dich kenne, hast du bestimmt nicht vor, dich mit Matthew zu versöhnen. Aber der Laden war dein Traum. Willst du es allein versuchen?“

Kylie lachte bitter auf. „Von welchem Geld?“, fragte sie. „Es wird Jahre dauern, bis Matthew mich auszahlen kann. Alles, was ich hatte, steckt in dem Laden.“

Für einen Moment betrachtete sie die weiß schimmernde Luxusjacht, die am Kai vertäut lag. Die Leute auf diesem Schiff mussten sich bestimmt keine Gedanken darüber machen, wie sie die nächste Miete aufbringen sollten. Sie seufzte tief.

„Dir bleibt nur eins: Du musst dir einen reichen Ehemann suchen!“ Megan kicherte.

Kylie lächelte schwach. „Ein ausgezeichneter Plan“, ging sie auf den Scherz ihrer Schwester ein. „Ich werde alles geben, mir einen Millionär zu angeln.“

Plötzlich schien die Haut in ihrem Nacken zu prickeln und sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie wandte den Kopf und sah sich suchend um. Als ihr Blick auf ein Paar dunkle Augen traf, zuckte sie zusammen. An der Reling der großen Jacht stand ein Mann und schaute auf sie herunter. Sein Anblick ließ ihren Atem stocken.

Irgendetwas an seiner Erscheinung ließ sie unwillkürlich an Gefahr denken. Etwas Dunkles, Faszinierendes, das ihren Blick anzog wie ein Magnet. Kylie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Ihr Herz klopfte plötzlich schneller.

Der Fremde sah aus wie ein griechischer Gott. Seine tief gebräunte Haut schimmerte golden in der Abendsonne. Sein weißes Leinenhemd war geöffnet und enthüllte die muskulöse Brust. Doch Kylie konnte den Blick nicht von seinem Gesicht mit der kühn geschwungenen Nase und den gleichzeitig harten und sinnlichen Lippen lösen.

Seine schwarzen Augen schienen sie zu durchbohren. Warum sah er sie so finster an? Hatte sie ihn zu offensichtlich angestarrt?

Sie fühlte sich ertappt und wandte hastig den Blick ab.

„So, da sind wir.“ Megan hatte offensichtlich nichts von dem kleinen Intermezzo mitbekommen. Sie warf die Reisetasche in ihren verbeulten Wagen und stieg ein. Sobald Kylie auf den Beifahrersitz geklettert war, fuhr Megan los.

Kylie erschauerte. Ihr war, als könnte sie noch immer den finsteren Blick auf sich spüren. Noch einmal sah sie zur Jacht zurück, aber von dem dunklen Fremden war nichts mehr zu sehen. Hatte sie sich das Ganze vielleicht nur eingebildet? Doch ihr Herzklopfen ließ etwas anderes vermuten.

Wieso dachte sie überhaupt darüber nach? Jedenfalls bestimmt nicht wegen seines guten Aussehens! Arrogante Playboys waren ganz und gar nicht ihr Typ. Außerdem sah er für ihren Geschmack viel zu rau und wild aus. Sie bevorzugte empfindsame und intellektuelle Männer. So wie Matthew. Für einen Moment hatte sie wieder ihre letzte Begegnung in Bellas Badezimmer vor Augen. Die Erinnerung ließ sie erschaudern.

Doch der bitterböse Blick des Fremden schob sich vor Matthews Gesicht.

Wahrscheinlich ist er wegen einer ganz anderen Sache verärgert gewesen, sagte sie sich. Vielleicht hatte er sich gerade mit seiner Freundin gestritten – bestimmt ein Filmstar oder ein Topmodel – und Kylie nicht einmal wahrgenommen. Sie sah aus dem Fenster und versuchte, sich auf die Aussicht zu konzentrieren.

Schnell hatten sie die kleine Hauptstadt der Insel hinter sich gelassen. Die Straße wurde schmaler und schlängelte sich durch einen grünen Kiefernwald hinauf in die Berge. Hin und wieder fuhren sie durch ein kleines, ruhiges Dörfchen. Wie seit eh und je saßen die Männer auf Bänken im Schatten und rauchten Zigaretten, während Frauen plaudernd zusammenstanden oder vor ihren Häusern Gemüse putzten.

„Als wäre die Zeit stehen geblieben“, murmelte Kylie. „Hier ändert sich wohl nie etwas.“

„Schön wäre es!“, platzte Megan heraus. Sie biss sich auf die Lippe, als wollte sie ihre Worte zurücknehmen.

„Irgendetwas stimmt doch nicht, Megan.“ Kylie betrachtete ihre Schwester prüfend. „Was ist los?“

„Nichts, wirklich nicht. Außerdem bist du diejenige, die Trost braucht.“

Ein kleines Lächeln zuckte um Kylies volle Lippen. „Jetzt, wo ich hier bin, geht es mir gleich schon viel besser. Ich wusste gar nicht, wie sehr mir die Insel gefehlt hat. Und du.“

„Es tut mir leid, dass ich direkt schon wieder wegmuss, aber ich kann die Fahrt wirklich nicht absagen.“

„Das macht doch nichts. Die Arbeit in der Tauchschule wird mir guttun und mich ablenken …“ In diesem Moment fuhren sie um eine Kurve und verließen den Wald.

Wie gigantische Finger ragten drei Landzungen in einer weit gestreckten Bucht ins saphirblaue Meer. Am Ende der ersten, nur wenige Meter vom Wasser entfernt, stand ihr Haus. Die Eltern hatten es selbst aus den Steinen der Insel gebaut, und jetzt in der Dämmerung war es kaum von den Felsen zu unterscheiden.

„Ich kann verstehen, dass du geblieben bist“, flüsterte Kylie. „Ich habe damals geglaubt, es wäre ein Fehler gewesen, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht bin ich diejenige, die einen Fehler gemacht hat.“

„So etwas darfst du nicht einmal denken. Glaub mir, es gibt nichts, was du bereuen musst“, erwiderte Megan ernst. Sie hielt den Blick fest auf die Straße gerichtet. „Sei froh, dass du nicht geblieben bist.“

Jetzt war Kylie sicher, dass Megan etwas bedrückte. Aber ganz offensichtlich wollte sie nicht darüber sprechen. Kylie öffnete schon den Mund, um nachzufragen, aber dann beschloss sie, ihre Schwester nicht weiter zu bedrängen.

Wenn Megan von dem Tauchausflug zurück ist, können wir in Ruhe über alles reden, dachte Kylie, dann haben wir alle Zeit der Welt.

„Das arme Kind.“ Eleni seufzte und wischte sich die rundlichen Hände an der Schürze ab. „Eva hat keinen Bissen vom Abendbrot angerührt.“ Ein weiterer tiefer Seufzer war zu hören. „Wie furchtbar, so jung den Vater zu verlieren.“ Sie sah ihren Arbeitgeber an. „Oder den Bruder. Es ist gut, dass Sie nach Hause gekommen sind.“

Timon Vangelis zwang sich zu einem Lächeln. Er wusste, dass die Haushälterin es nur gut meinte. Sie hatte schon für seine Eltern gearbeitet, und wahrscheinlich nahm sie sogar wirklich Anteil an Antonis Tod.

Aber er wollte nur seine Ruhe haben. Doch das konnte er Eleni nicht sagen, ohne sie zu kränken. Vielleicht war es ein Fehler gewesen herzukommen, überlegte er nicht zum ersten Mal seit seiner Ankunft.

Anscheinend wussten alle hier über ihn Bescheid. Nicht weiter erstaunlich. Soweit er wusste, war er der einzige Multimillionär, der von der Insel stammte.

Außerdem zierte er regelmäßig die Titelbilder der Hochglanzmagazine, sodass jeder sein Leben mühelos nachverfolgen konnte. Offenbar gab es niemanden auf der ganzen Insel, der nicht vom Tod seines älteren Bruders vor drei Monaten wusste.

Antoni hatte nicht geraucht, kaum Alkohol getrunken und nie auch nur einen Schnupfen gehabt. Einen Tag vor seinem Tod hatte er noch in seinem Club in Athen ein Tennisturnier gewonnen. Am nächsten Tag fand seine Frau ihn morgens tot im Badezimmer.

„Aneurysma“, hatte der Pathologe festgestellt. „So etwas kommt selbst bei jungen, scheinbar kerngesunden Menschen vor.“

Am schlimmsten hatte Antonis Tod seine dreizehnjährige Tochter getroffen. Eva war erschreckend abgemagert, sie lachte nicht mehr, sprach kaum noch, und jedes Mal, wenn Timon seine Nichte besuchte, saß sie allein in ihrem Zimmer.

Vor zwei Wochen hatte Timon sie zu einer Kinopremiere eingeladen, doch sie hatte abgelehnt, obwohl ihr Lieblingsschauspieler Johnny Kerr zur Vorstellung nach Athen kommen wollte.

„Ich habe zwei Karten für die Party nach dem Film“, hatte Timon versucht, sie zu locken. „Johnny kommt auch zur Party. Du könntest ihn persönlich kennenlernen.“

Eva hatte nicht einmal aufgeschaut und nur den Kopf geschüttelt. „Keine Lust.“

„Morgen werde ich einen Kuchen für Eva backen“, unterbrach Eleni seine Gedanken. „Was möchten Sie zum Abendbrot, Kýrios Vangelis? Vielleicht ein schönes …“

„Das ist mir ganz egal, Eleni. Ich bin sicher, es wird köstlich sein.“ Timon legte der Haushälterin den Arm um die Schultern und führte sie sanft, aber bestimmt zur Tür. „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Bis morgen.“

„Gute Nacht, Kýrios Vangelis. Schön, dass Sie wieder zu Hause sind“, rief Eleni noch einmal, bevor er die Tür hinter ihr schloss.

Zu Hause, wiederholte Timon. Er schüttelte den Kopf.

Auch wenn er auf Leros groß geworden war, fühlte er sich hier wie ein Fremder. Seit er vor fünfzehn Jahren nach Athen gegangen war, war er nicht ein einziges Mal zurückgekommen. Nach dem Studium hatte er aus einer Idee einen internationalen Softwarekonzern aufgebaut und damit Millionen verdient.

Seine Eltern lebten inzwischen ebenfalls in Athen, doch das Haus auf Leros hatten sie als Ferienhaus behalten. Aber Urlaub war für Timon undenkbar. Sein Leben spielte sich zwischen Athen, London und New York ab.

Wenn er sich doch einmal ein freies Wochenende gönnte, kam er nicht nach Leros, sondern flog in seinem Privatjet auf die Seychellen oder die Bahamas – meist in Begleitung eines wunderschönen Models oder einer attraktiven Schauspielerin.

Er hatte vergessen, wie ruhig und einfach das Haus war. Und wie klein, verglichen mit seiner Wohnung in Athen. Das riesige luxuriöse Penthouse mit Blick über die Dächer der Altstadt wurde regelmäßig in internationalen Architekturzeitschriften erwähnt.

Was mache ich überhaupt hier? fragte sich Timon und fuhr mit den Fingern durch seine dichten blauschwarzen Locken.

Ich wollte noch einmal an den Ort zurückzukehren, an dem ich mit Antoni meine Kindheit und Jugend verbracht habe, gestand er sich jetzt ein. Vielleicht hatte er insgeheim gehofft, seinem Bruder auf Leros ein letztes Mal nahezukommen.

Könnte er nur die Uhr zurückdrehen, ihm sagen, dass er ihm verziehen hatte!

Stattdessen redete jetzt ständig eine geschwätzige Haushälterin auf ihn ein, und jeder auf der Insel schien seine Kamera zu zücken, sobald er auftauchte. Außerdem musste er sich auch noch um Eva kümmern.

Er liebte seine Nichte wie eine eigene Tochter, aber er hatte nicht die geringste Idee, was er mit einer trauernden Dreizehnjährigen anstellen sollte.

Unwillkürlich sah er sich nach dem Mädchen um. Mit geschlossenen Augen lag Eva in einem der Liegestühle auf der Terrasse. Ihre Ohren wurden von großen Kopfhörern bedeckt, und ihre Lippen bewegen sich lautlos.

Immerhin ein Lebenszeichen, dachte Timon ironisch. Seit ihrer Ankunft hatte sie noch keine zehn Worte zu ihm gesagt.

Für einen Moment bereute er fast, dass er zugestimmt hatte, Eva mitzunehmen nach Leros. Nicht, weil er nicht gern mit ihr zusammen war, auch wenn seine fröhliche Nichte, die er seit ihrer Geburt geliebt und verwöhnt hatte, sich in einen verschlossenen, unglücklichen Teenager verwandelt hatte.

Aber wie sollte er ihr helfen, wenn er selbst nicht nur mit Trauer, sondern auch mit Schuldgefühlen zu kämpfen hatte?

Fünfzehn Jahre lang hatte er Antoni nicht verzeihen können, dass er ihm die Freundin ausgespannt hatte – und zwar auf ihrer Verlobungsfeier. Die Initiative war von Christina ausgegangen.

Es war nicht die Trennung von ihr, die Timon das Herz brach. Vielmehr erkannte er durch ihren Treuebruch nicht nur ihren wahren Charakter, sondern auch dass seine Gefühle für sie nur ein Strohfeuer gewesen waren.

Das Herz gebrochen hatte ihm der Verrat des Bruders. Auch als er schon bald nach der Hochzeit sah, wie unglücklich Antoni an Christinas Seite war, ließ sein verletzter Stolz nicht zu, dass er seinem Bruder vergeben konnte.

Jetzt, nach Antonis Tod, kam ihm der Verrat plötzlich bedeutungslos vor.

Timon seufzte. Alles, was er jetzt noch für seinen Bruder tun konnte, war, sich um dessen Tochter zu kümmern. Langsam ging Timon zu Eva hinüber und berührte sanft ihren Ellbogen. Sie zuckte zusammen, sah ihn kurz an, dann wandte sie den Kopf ab und schloss wieder die Augen.

Er dachte an die Zeit, als sie ihm zur Begrüßung immer jauchzend um den Hals gefallen war. Er unterdrückte ein Seufzen. „Es ist schon spät. Willst du nicht ins Haus kommen?“

Eva reagierte nicht.

„Eva! Es wird langsam Zeit, schlafen zu gehen“, wiederholte er lauter.

Sie nahm die Kopfhörer ab. „Ich bin nicht müde.“

„Ich habe deiner Mutter versprochen …“

Eva wandte den Blick ab und sah aufs Meer hinaus. „Ihr ist es völlig egal, wann ich ins Bett gehe. Sie ist nur froh, dass sie mich los ist.“

„Das ist nicht wahr, Eva!“

Seine Nichte schnaubte verächtlich. „Du brauchst mir nichts vorzumachen. Ich habe euch gehört. Sie hat gesagt, dass es ihr zu viel wird, sich um mich zu kümmern. Nur darum hast du mich mitgenommen – weil du keine andere Wahl hattest.“ Sie sah ihn trotzig an, aber er hörte, wie ihre Stimme zitterte.

Timon wollte den Arm um seine Nichte legen, aber dann überlegte er es sich anders und tätschelte nur ihre Schulter. „Ich habe immer eine Wahl. Und glaubst du wirklich, deine Mutter könnte mich zu etwas zwingen, was ich nicht selbst wollte?“ Er sah, dass Eva ein Lächeln unterdrückte. „Außerdem liegt es nicht an dir. Deine Mutter … die letzten Monate waren nicht leicht für sie.“

Weil Christina es nicht gewohnt ist, für sich selbst zu sorgen, dachte Timon zynisch. Antoni hatte seiner schönen Frau alles abgenommen und sie wie eine Königin verwöhnt. Dafür hatte sie ihn mit dem Golflehrer oder dem Fitnesstrainer betrogen und sein Herz gebrochen.

„Für mich war es auch nicht gerade leicht“, entgegnete Eva bitter. „Und im Gegensatz zu mamá habe ich babás sogar geliebt.“ Bevor Timon ihr widersprechen konnte, ergänzte sie leise: „Er fehlt mir so sehr.“

Timon räusperte sich. „Mir fehlt er auch, Kleines.“

… Bis bald! Kuss, Megan.

Kylie ließ die Hand mit dem Brief sinken.

Weil sie sich von Megan verabschieden wollte, hatte sie den Wecker auf halb sechs gestellt. Im Bademantel war sie auf nackten Füßen eilig in die Küche getappt. Aber der schwache Duft nach Kaffee und ein Zettel auf dem großen hölzernen Küchentisch waren alles gewesen, was sie von ihrer Schwester vorgefunden hatte.

Wieso war Megan früher abgereist als besprochen und hatte sie nicht geweckt? Kylie hatte das seltsame Gefühl, dass Megan sich aus dem Haus geschlichen hatte, um ihr nicht zu begegnen.

Was für ein Unsinn! Warum sollte Megan das tun? Und doch … ein bisschen merkwürdig war diese Abreise in aller Stille schon.

Kylie seufzte und nahm den Brief wieder auf. In Megans ausdrucksvoller Schrift war säuberlich alles notiert, was ihre Schwester zu tun hatte. Sie fand das Passwort für den Computer, vier Buchungen für Tauchkurse, Namen und Telefonnummer eines Mechanikers, Anweisungen, wie oft sie die Blumen in den Kübeln zu gießen hatte, und sogar einen ausführlichen Putzplan. Allerdings keine Angaben, wo genau Megan sich aufhielt oder wie Kylie sie im Notfall erreichen konnte.

Kylie schüttelte das ungute Gefühl ab und setzte Kaffeewasser auf. Es gab keinen Grund zur Beunruhigung. Zwei Wochen gingen schnell vorbei. Und außerdem passierte auf Leros sowieso nie etwas Aufregendes.

2. KAPITEL

Drei Stunden später ging sie draußen vor der Küste vor Anker. Für heute waren keine Touren gebucht, und Kylie hatte beschlossen, zuerst ihre Tauchkünste aufzufrischen, bevor sie neue Kunden annahm.

Sie kniete gerade auf dem Boden des sanft schaukelnden Motorboots und versuchte, eine Flosse zu erreichen, die unter den Sitz gerutscht war, als sie einen Schrei zu hören glaubte.

Kylie setzte sich auf und lauschte. Eine Möwe? Alles blieb still. Sie war allein auf dem Wasser, nur in der Ferne waren einige weiße Segel am Horizont zu sehen. Sie zuckte mit den Schultern und ließ ihren Blick über das Meer schweifen. Bei dem Gedanken, in die kristallblaue Tiefe einzutauchen, spürte sie die vertraute Mischung aus Freude und Aufregung.

Gerade als sie sich nach den Flossen bückte, hörte sie erneut einen hellen Schrei. Sie schirmte die Augen mit der Hand gegen die Sonne ab und sah sich um.

Dort! Einige hundert Meter entfernt bewegte sich etwas in den Wellen. War es ein Arm? Ein Delfin? Sie holte den Anker ein, startete das Boot, fuhr in die Richtung und warf den Anker wieder aus.

Ausgerechnet jetzt musste der Wind auffrischen. Etwas Dunkles bewegte sich unter der aufgewühlten Oberfläche, tauchte kurz auf und verschwand wieder. Ein Kopf oder nur ein Algenbüschel? Ihr Instinkt sagte Kylie, dass es keine Algen waren.

Wahrscheinlich ein Urlauber, der von der starken Strömung überrascht worden ist, dachte sie. Hastig legte sie Flossen und Taucherbrille an, füllte ihre Lungen mit Luft und sprang ins Wasser. Im ersten Moment sah sie nur einen kleinen Schwarm blau glitzernder Fische, der vor ihr durch das Meer glitt.

Sie drehte sich um. Wenige Meter entfernt entdeckte sie einen großen Schatten. Langes schwarzes Haar trieb wie Seetang um einen schmalen Körper. Jetzt bewegte sich die Gestalt. Mit einem Schwimmstoß zog sie sich an die Oberfläche, doch sofort versank sie wieder.

Kylie tauchte auf, holte Luft und tauchte wieder ab. Sie erreichte das Mädchen gerade, als es prustend und spuckend wieder an die Oberfläche kam. Doch es war zu schwach, um sich oben zu halten, und versank wieder.

Hoffentlich wehrt sie sich nicht, flehte Kylie still. Sie schlang ihre Arme fest um den zarten Körper und kämpfte sich an die Oberfläche. Dort hielt sie das Mädchen fest mit einem Arm und zog es hinter sich her, während sie seitwärts zum Boot schwamm und gleichzeitig den Kopf des Mädchens über Wasser hielt. Mit letzter Kraft schob sie es endlich halb über den Bootsrand, zog sich selbst hinein, dann hievte sie den reglosen Körper an Bord.

Sofort begann sie, die schmale Brust zu massieren, nur unterbrochen von Mund-zu-Mund-Beatmung. Sie wusste nicht, wie lange sie so weitermachte, aber sie konnte nicht aufgeben. Immer wieder zwang sie Atemluft in die stillen Lungen, während Schweiß über ihr Gesicht strömte. War es schon zu spät?

„Komm schon, atme! Atme!“, flüsterte sie heiser und drückte rhythmisch zu.

Endlich hörte sie ein leises Ächzen, ein Zittern lief durch den eiskalten Körper. Dann strömte mit einem Gurgeln ein Schwall Wasser aus dem Mund des Mädchens, und es schnappte nach Luft. Kylie wickelte das Kind fest in eine Decke, startete das Boot und fuhr so schnell sie konnte zurück zur Küste.

Als sie den Bootssteg erreichte, war ein wenig Farbe in die Wangen des Mädchens zurückgekehrt. Es hatte die Augen geschlossen und lehnte mit dem Rücken an der Bootswand.

Kylie sprang aus dem Boot und befestigte die Leine, um es zu vertäuen. Dann half sie der Kleinen beim Aussteigen. „Kannst du laufen?“, fragte sie auf Englisch.

Als das Mädchen sie verständnislos anschaute, wiederholte sie ihre Frage auf Griechisch. Da sie große Teile ihrer Kindheit und Jugend auf Leros verbracht hatte, beherrschte sie Griechisch wie ihre Muttersprache.

„Du musst sofort ins Krankenhaus“, fuhr Kylie fort. „Am besten rufe ich sofort einen Krankenwagen. Und deine Eltern …“

„Nein!“ Das Mädchen legte eine Hand auf Kylies Arm. „Ich brauche keinen Arzt. Es geht mir schon wieder gut.“

„Auf gar keinen Fall! Ich weiß nicht, wie lange du bewusstlos warst. Du musst gründlich durchgecheckt werden. Wie heißt du? Ich muss deinen Eltern Bescheid sagen …“

„Bitte nicht! Ich bin nicht mit meinen Eltern hier, sondern mit meinem Onkel. Er würde durchdrehen, wenn er erfährt, was ich gemacht habe. Es geht mir wirklich gut. Mir ist nur kalt.“

„Ich weiß nicht …“, murmelte Kylie zweifelnd.

„Bitte!“ Das Mädchen sah sie flehentlich aus großen schwarzen Augen an. „Er darf es nicht erfahren.“

Der Onkel muss ein furchtbarer Kerl sein, wenn seine Nichte so große Angst vor ihm hat, dachte Kylie. „Aber ich fahre dich nach Hause“, sagte sie entschlossen. „Auf keinen Fall lasse ich dich einfach allein gehen.“

„Gut, aber bitte erzählen Sie Onkel Timon nicht, was passiert ist.“ Sie sah an sich hinunter. „Meine Sachen liegen noch am Strand.“

„Wir können sie auf dem Weg einsammeln. Ich ziehe mir nur rasch etwas über. Du kannst in der Zeit heiß duschen, und ich lege dir ein paar Sachen zum Anziehen von mir raus. Ich bin übrigens Kylie Richardson.“

„Eva Vangelis.“ Beeindruckt sah sie sich um. „Das Haus ist cool!“ Sie las das große Schild mit einem blauen Delfin über der Eingangstür. „Eine Tauchschule! Gehört das alles Ihnen oder machen Sie hier nur Urlaub, Miss Richardson?“

„Kylie.“ Sie lächelte das Mädchen an. „Ein bisschen von beidem.“

Kylie parkte vor einem flachen, langgestreckten Haus. Die getünchten Mauern schimmerten blendend weiß vor dem wolkenlosen Himmel. Über die Wände rankte eine üppige, leuchtend rote Bougainvillea bis hinauf zum Dach und bildete einen hübschen Kontrast zu den himmelblauen Türen und Fensterläden.

Wieder legte Eva ihrer Retterin eine Hand auf den Arm. „Und Sie erzählen Onkel Timon wirklich nichts?“

Kylie zögerte, dann nickte sie. „Also gut. Aber nur, wenn du mir versprichst, nicht noch einmal alleine schwimmen zu gehen. Auf dieser Seite der Insel gibt es sehr gefährliche Strömungen. Das nächste Mal, wenn du schwimmen möchtest, komm vorher bei mir vorbei. Wenn du magst, können wir auch zusammen zum Schnorcheln rausfahren.“

„Im Ernst? Cool!“ Eva riss die Augen auf. „Haben Sie vielleicht noch Lust, etwas mit mir zu essen? Eleni hat einen Kuchen gebacken und bestimmt auch Eistee gemacht.“

Kylie merkte erst jetzt, wie ausgehungert sie war. Seit einer trockenen Scheibe Toast heute Morgen hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Außerdem war ihr nicht wohl bei dem Gedanken, Eva einfach vor dem Haus abzusetzen und direkt wieder zu fahren.

Sie nickte. „Gern.“

Das Mädchen führte Kylie um das Haus herum auf eine große Terrasse mit Blick über das Meer.

„Wo ist denn dein Onkel?“

„Er arbeitet. Das tut er fast immer. Ich hatte ihm gesagt, dass ich zum Strand gehe. Zum Glück hat er mich wohl noch nicht vermisst“, erklärte Eva. „Wollen Sie hier warten, während ich uns Kuchen und Tee hole? Oder möchten Sie vielleicht etwas anderes?“, setzte sie nach kurzem Zögern hinzu. „Ich kann auch Kaffee kochen.“

Kylie lächelte. „Kuchen und Eistee sind perfekt. Genau das, worauf ich jetzt Lust habe.“

Eva nickte zufrieden und ging ins Haus. Mit den himmelblauen Fensterläden und Türen sah es aus wie ein Postkartenmotiv. Einen Moment lang bewunderte Kylie das Gebäude, dann wandte sie sich um und setzte sich an den großen runden Holztisch, der unter einem breiten Bambusdach stand.

Auf dem Tisch lagen Stifte und ein Skizzenblock. Neugierig schlug sie ihn auf und blätterte durch die Seiten. Immer wieder tauchte ein schmales, ernstes Männergesicht auf.

„Das ist mein Vater“, sagte Eva hinter ihr mit leiser Stimme.

Kylie zuckte zusammen und sah das Mädchen schuldbewusst an. „Entschuldige. Ich wollte nicht neugierig sein.“

Eva stellte ein vollbeladenes Tablett auf den Tisch. Auf einem Teller hatte sie dicke Stücke Gewürzkuchen verteilt, und in einer großen Kanne mit Tee klirrten Eiswürfel. „Kein Problem.“

„Die Bilder sind sehr gut“, stellte Kylie fest. „Du musst deinen Vater sehr lieben.“

Eva schwieg einen Moment. Ihre großen Augen schimmerten plötzlich feucht. „Er ist … vor drei Monaten gestorben“, flüsterte sie kaum hörbar.

„Oh. Das tut mir leid“, murmelte Kylie. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als zwei uniformierte Polizisten an der Tür geklingelt und sie über den Unfall ihrer Eltern unterrichtet hatten. Für einen Moment schloss sie die Augen. „Und deine Mutter … ist sie auch hier?“

Ein harter, ganz unkindlicher Blick trat in Evas dunkle Augen. „Oh nein! Dazu hat sie keine Zeit. Sie ist damit beschäftigt, sich den nächsten – reichen – Ehemann zu suchen.“

Kylie biss sich auf die Lippen. „Ich …“ Vergeblich suchte sie nach Worten. Sie beugte sich vor, um den Block auf den Tisch zurückzulegen, dabei ließ sie ihn versehentlich fallen.

Einige lose Blätter fielen heraus und verteilten sich auf dem Boden. Verdutzt betrachtete Kylie einheitlich blau bemaltes Papier.

„Eine Hausaufgabe für den Kunstunterricht“, erklärte Eva. „Wir sollten das Meer zeichnen.“

Kylie stand auf, sammelte die Blätter ein und legte sie auf den Tisch. Offenbar hatte Eva sich der Hausaufgabe mit weitaus weniger Liebe gewidmet als den Bildern ihres Vaters. „Nicht schlecht“, sagte Kylie trocken. „Eine Nahaufnahme.“

„Sehr nah.“ Evas Mundwinkel zuckten.

Wie auf ein Stichwort fingen sie an zu kichern.

„Was haben Sie hier zu suchen?“, unterbrach eine barsche, leicht heisere Männerstimme ihr fröhliches Gelächter.

Kylie zuckte zusammen und fuhr herum. Fassungslos riss sie die Augen auf. Vor ihr stand der attraktive Fremde von der weißen Jacht und starrte sie böse an. Seine schwarzen Augen schienen sie zu durchbohren.

Offensichtlich hatte er sie auch erkannt. Sein Blick wurde noch feindseliger. Er verschränkte die muskulösen Arme vor der breiten Brust. „Wie kommen Sie in mein Haus?“, fragte er kalt.

Er war barfuß. Das kurzärmlige weiße T-Shirt enthüllte die goldene Haut seiner Arme. Er sieht wirklich aus wie ein griechischer Gott, schoss es Kylie noch einmal durch den Kopf. Für einen Moment verlor sie sich in der Betrachtung seiner wie gemeißelt wirkenden Züge.

Als hätte ihn ein Künstler aus Bronze gegossen, dachte sie versonnen. Dann rief sie sich zur Ordnung. Wie aus einem Traum erwachend schüttelte sie den Kopf. Warum sah er sie schon wieder so wütend an?

Er trat einen Schritt auf Kylie zu. „Verschwinden Sie auf der Stelle aus meinem Haus, und wagen Sie sich ja nie wieder in die Nähe meiner Nichte!“

Unwillkürlich wich sie zurück, bis sie mit der Hüfte gegen die steinerne Brüstung der Terrasse stieß.

„Onkel Timon! Was soll denn das? Warum bist du so unfreundlich?“ Eva sah ihren Onkel erschrocken an. „Ich habe Kylie eingeladen. Sie hat mich … wir haben uns am Strand kennengelernt, und sie war so nett, mich nach Hause zu fahren.“

„Ich bin sicher, das hat sie sehr gern getan. Nachdem ihr euch zufällig kennengelernt habt“, erwiderte Timon mit einem zynischen Lächeln. Als er seine Nichte anschaute, wurde sein Blick sanfter. „Aber es ist nicht deine Schuld, dass du auf sie hereingefallen bist, Eva. Du hast keine Erfahrung mit solchen Leuten.“

„Solchen Leuten?“ Kylies Schrecken wurde von Zorn verdrängt. Was bildete dieser arrogante Kerl sich ein? „Was ist Ihr Problem? Ihre Nichte war … sie hatte wohl etwas zu viel Sonne abbekommen. Es ging ihr nicht gut, und ich habe ihr geholfen. Das ist alles. Als die viel gerühmte griechische Gastfreundschaft verteilt wurde, waren Sie offenbar nicht in der Nähe.“

„Ich kenne Frauen wie Sie! Und nicht nur, weil ich am Hafen Ihre Pläne mitanhören musste. Ich hätte Sie auch so auf den ersten Blick durchschaut! Wie abgebrüht und skrupellos müssen Sie sein, sich sogar an ein unschuldiges Mädchen heranzumachen, um mich kennenzulernen!“

Sie kennenlernen?“ Kylie schüttelte verständnislos den Kopf. „Wieso in aller Welt sollte ich das denn wollen? Selbst wenn Sie der einzige Mensch auf dieser Insel wären, würde ich Sie nicht kennenlernen wollen.“

Am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht geschleudert, dass sie seine Nichte wohl kaum in die gefährliche Strömung geworfen hatte. Dank seiner mangelnden Aufsichtspflicht wäre Eva ohne ihre Hilfe vermutlich ertrunken. Aber sie konnte das Mädchen nicht verraten. Das hatte sie versprochen. Und nachdem sie ihn kennengelernt hatte, verstand sie jetzt auch, warum Eva so große Angst vor ihrem Onkel hatte. Wer weiß, was dieser Kerl mit ihr anstellen würde?

Aus seinen schwarzen Augen sah er Kylie abfällig an. Offensichtlich glaubte er ihr kein Wort. Kylie hatte noch nie so lange Wimpern bei einem Mann gesehen.

„Gleich behaupten Sie wahrscheinlich noch, Sie wüssten gar nicht, wer ich bin“, sagte er verächtlich.

Kylie stemmte die Arme in die schmale Taille. „Ich habe nicht die geringste Ahnung! Und glauben Sie mir, nichts könnte mich weniger interessieren.“ Wütend richtete sie sich auf und wollte gerade davonstolzieren, als sie über einen der alten Pflastersteine stolperte, mit denen die Terrasse ausgelegt war.

Um ein Haar wäre sie gefallen, doch blitzschnell streckte er eine Hand aus und umfasste ihren Oberarm. Für einen Augenblick hielten nur seine starken Finger sie aufrecht, aber er schien ihr Gewicht nicht einmal zu bemerken. Langsam ließ er seinen Blick an ihrem Körper auf und ab gleiten.

Diese Fremde verkörperte alles, was er an Frauen verabscheute. Sie war berechnend und unehrlich, und sie versuchte, ihre Lügen hinter einem bescheidenen, unschuldigen Äußeren zu verstecken. Eine weniger raffinierte Frau hätte versucht, ihn durch eine aufreizende Aufmachung zu beeindrucken.

Er betrachtete ihre schlichte Jeans und das verwaschene T-Shirt. Ihr Gesicht war ungeschminkt. Aber auch ohne Make-up war sie atemberaubend schön. Nur mit Mühe konnte er den Blick von ihren vollen sinnlichen Lippen losreißen. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie weich sich diese Lippen bei einem Kuss anfühlen würden. Für einen Moment kämpfte er gegen den Impuls, sie enger an sich zu ziehen.

Der V-Ausschnitt ihres T-Shirts ließ ein wenig von ihrer blassen, makellosen Haut sehen, und sein Körper reagierte mit ganz unangemessenem Verlangen. Er schluckte hart, während er sich über seinen Mangel an Selbstbeherrschung ärgerte. Auch wenn er sie verabscheute, zog diese Fremde ihn mehr an als irgendeine andere Frau seit langer Zeit.

Dieser Mann ist gefährlich! dachte Kylie. Offensichtlich war er es gewohnt, zu bekommen, was er wollte. Kein Wunder. Seiner Jacht nach zu urteilen, musste er steinreich sein. Sie war überrascht, dass jemand wie er nicht in einer der neuen Luxusvillen mit Swimmingpool auf der anderen Seite der Insel wohnte.

Kylie holte tief Luft, um ihren heftig pochenden Puls wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dabei stieg ihr sein frischer, herber Duft in die Nase. Für einen Moment wurde ihr schwindelig.

Ihr Herz raste, als wollte es ihr aus der Brust springen. Ob er sich auch im Bett von einer Frau nimmt, was er haben will? ging ihr durch den Kopf. Tief in ihrem Inneren verspürte sie urplötzlich wildes Verlangen, ein ganz unvertrautes Gefühl. Am liebsten hätte sie sich in seine starken Arme geschmiegt. Noch nie hatte sie einen Mann so bewusst wahrgenommen.

Wie ist das möglich? fragte sie sich ungläubig. Wie konnte ihr Körper reagieren, als ob … als ob sie diesen unverschämten Fremden begehrte? Einen Mann, der sie ganz offen verabscheute und beleidigte! Vor Scham schoss ihr das Blut heiß in die Wangen. Hoffentlich lief sie nicht gerade knallrot an. Na, wenigstens konnte er keine Gedanken lesen.

Wahrscheinlich stand sie noch unter Schock von der Rettungsaktion. Erst in diesem Moment fiel ihr Eva wieder ein. Das Mädchen beobachtete Kylie und ihren Onkel mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund, als könnte es nicht glauben, was gerade geschah.

Kylies Knie zitterten, aber vor diesem Mann würde sie keine Schwäche zeigen! „Lassen Sie mich auf der Stelle los!“, rief sie wütend.

Mit einem Ruck löste sie ihren Arm aus seinem Griff, aber noch immer konnte sie seine Finger auf ihrer nackten Haut spüren. Bei seiner Berührung, vielleicht schon beim ersten Klang seiner tiefen Stimme, waren mit einem Schlag all ihre Sinne erwacht.

Stolz richtete sie sich auf. Trotzdem reichte sie ihm nur bis ans Kinn.

Die letzten Tage waren einfach zu viel für mich, versuchte sie, sich zu beruhigen. Kein Wunder, dass ihre Nerven bloßlagen. Ihre Reaktion auf den atemberaubenden Fremden hatte nicht das Geringste mit seiner überwältigenden Männlichkeit zu tun.

Timon war es nicht gewohnt, dass eine Frau verlangte, er solle sie loslassen.

Sie stand noch immer so dicht vor ihm, dass er ihren Duft nach Salzwasser und Kokosnusssonnenöl wahrnehmen konnte. Irritiert bemerkte er, wie heftig sein Körper auf sie reagierte. Am liebsten hätte er die Hand nach ihr ausgestreckt und sie wieder an sich gezogen. Die Fremde mochte ein berechnendes Luder sein, aber er konnte nicht übersehen, wie attraktiv sie war.

Goldblonde Locken ringelten sich feucht über ihre Schultern und fielen bis auf die kleinen, doch festen und wohlgerundeten Brüste. Mit ihren langen schlanken Beinen, dem grazilen Körper und dem fein gezeichneten Gesicht mit hohen Wangenknochen könnte sie jeden Laufsteg der Welt erobern.

Er wollte ihr Kinn anheben, um noch einmal das unglaubliche Blau ihrer Augen zu sehen. Sein Herz klopfte schneller.

Hastig trat er einen Schritt zurück. Er hatte schon unzählige schöne Frauen gesehen – und in seinem Bett gehabt –, aber es war sehr lange her, dass sein Herz wegen einer Frau schneller geschlagen hatte.

Ich bin nur wütend auf sie, weil sie Eva benutzt hat, um sich in mein Haus einzuschleichen, sagte er sich. Das ist alles!

„Du bist sehr unhöflich, Onkel Timon“, unterbrach Evas vorwurfsvolle Stimme seine Gedanken.

Erst jetzt bemerkte er, dass er die Fremde die ganze Zeit angestarrt hatte.

„Ich weiß nicht, warum du so wütend auf Kylie bist, aber du irrst dich jedenfalls“, fuhr Eva mit zitternder Stimme fort, „Kylie hätte mich nie angesprochen, wenn ich nicht … wenn ich nicht Hilfe gebraucht hätte. Ich habe sie zum Dank eingeladen, und jetzt schäme ich mich entsetzlich.“ In ihren großen Augen schimmerten Tränen.

„Sei nicht traurig, Eva“, sagte Kylie sanft. „Du hast überhaupt keinen Grund, dich zu schämen. Vielen Dank für den Kuchen und den Tee.“ Sie wandte sich um und ging hocherhobenen Hauptes zum Gartentor. Sie hoffte nur, dass ihre zitternden Knie nicht unter ihr nachgeben würden.

Eva lief ihr nach und nahm ihre Hand. „Es tut mir so leid, Kylie. Ich weiß nicht, was in Onkel Timon gefahren ist. So habe ich ihn noch nie erlebt. Normalerweise ist er …“ Sie suchte vergeblich nach Worten. „… ganz anders.“

3. KAPITEL

Kylies letzte Kunden an diesem Tag waren ein englisches Paar in den Flitterwochen. Nach ihrem Tauchgang schwärmten sie von den Fischen und dem kristallklaren Wasser, aber selbst unter Wasser hatten die beiden nur Augen füreinander gehabt.

Mit einem schmerzhaften Stich im Magen sah Kylie zu, wie das Paar eng umschlungen zu seinem Auto ging. Zum ersten Mal an diesem Tag dachte sie an Matthew.

Heute wäre unsere Hochzeit gewesen! fiel ihr plötzlich ein.

Doch erneut schob sich ein dunkles, grimmiges Gesicht vor Matthews vertraute Züge.

Ärgerlich verdrängte Kylie die Erinnerung an die muskulösen gebräunten Arme und die breite Brust. Wie war es möglich, dass sie fast den Tag ihrer Hochzeit vergessen hätte, aber immer wieder an den unsympathischen Fremden denken musste?

Um sich abzulenken, spülte sie die Neoprenanzüge gründlich aus, verstaute die Leihausrüstung, füllte die Gasflaschen auf und staubte sogar die Geschenkartikel in den Regalen ab.

Doch die Gedanken an den Fremden ließen sie nicht los.

Erst als er an diesem Morgen Evas ausgelassenes Lachen gehört hatte, war Timon wirklich klar geworden, wie sehr sie sich in den vergangenen Wochen verändert hatte. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wann sie vorher das letzte Mal gelacht hatte.

Aber sie war nicht nur traurig. Seit dem Tod ihres Vaters waren ihre Schulleistungen rapide abgesackt, und um in die nächste Klasse versetzt zu werden, musste sie nach den Ferien eine Nachprüfung bestehen.

Normalerweise wäre er froh gewesen, dass wieder ein winziges Stückchen von seiner einst so fröhlichen Nichte aufgeblitzt war. Aber hätte nicht jemand anderer sie zum Lachen bringen können als ausgerechnet diese unmögliche Person?

Für einen Moment sah er wieder die unglaublich blauen Augen und den atemberaubenden Körper vor sich. Ärgerlich schob er den Gedanken beiseite und betrachtete besorgt seine Nichte. Seit Stunden lag sie jetzt schon mit geschlossenen Augen und Kopfhörern auf den Ohren auf einer Liege im Schatten und rührte sich nicht.

Offenbar hatte Eva seinen Blick bemerkt. Sie setzte sich auf, sah ihn an und nahm die Kopfhörer ab. „Kann ich einen Tauchkurs machen, Onkel Timon?“

„Auf keinen Fall“, erwiderte er spontan. „Zum Tauchen bist du noch viel zu jung.“

„Bin ich nicht!“ Sie zog einen Schmollmund und machte Anstalten, den Kopfhörer wieder über die Ohren zu stülpen.

„Was hältst du davon, wenn wir stattdessen schnorcheln gehen?“, fragte Timon rasch.

„Ich will einen Schnorchelkurs in der Tauchschule machen.“

„Wozu brauchst du einen Kurs? Ich habe ein Boot, und ich kenne die Gewässer. Ich habe hier schon geschnorchelt, bevor ich laufen konnte.“

„Ja, ja, und getaucht“, murmelte Eva. Dann fuhr sie lauter fort: „Ich will aber bei Kylie schnorcheln lernen. Von mir aus könntest du mitkommen“, ergänzte sie großzügig, „aber du magst sie ja nicht. Und nach heute Morgen würde Kylie dich bestimmt auch gar nicht mitnehmen.“

„Kylie?“, wiederholte Timon gedehnt. „Diese … Frau ist Tauchlehrerin auf Leros?“ Irritiert schüttelte er den Kopf. Offenbar war sie also nicht seinetwegen auf die Insel gekommen.

„Wollen Sie einen Tauchkurs machen?“, mischte sich Eleni ins Gespräch. Die Haushälterin war aus der Küche gekommen und verteilte klappernd Teller und Besteck auf dem Terrassentisch. „Ich tauche zwar nicht selbst, aber ich habe gehört, dass die Kurse dort sehr gut sein sollen.“

„Oh ja, Onkel Timon, bitte, bitte, wenigstens schnorcheln!“ Erfreut über die unerwartete Unterstützung klatschte Eva wie ein kleines Kind aufgeregt in die Hände.

Timon seufzte. Er brachte es nicht übers Herz, das so selten gewordene Leuchten aus den Augen seiner Nichte zu vertreiben.

„Kennen Sie die Tauchlehrerin?“, fragte er Eleni.

„Megan? Ja, natürlich. Jeder kennt sie. Sie ist hier aufgewachsen. Tragische Geschichte. Die Eltern sind vor ein paar Jahren mit dem Boot verunglückt. Danach hat sie hier ihr Geschäft eröffnet. Eigentlich müssten Sie sich noch an sie erinnern können.“ Sie betrachtete Timon nachdenklich. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, wahrscheinlich sind Sie schon zu alt. Als Sie nach der Schule nach Athen gegangen sind, waren Sie achtzehn und die Mädchen gerade mal elf.“

„Megan?“, fragte er verwirrt. „Ich dachte, ihr Name sei Kylie.“

Eleni nickte. „Kylie ist Megans Zwillingsschwester. Auch ein sehr liebes Mädchen. Sie hilft im Moment in der Tauchschule. Ich habe gehört, dass Megan mit ein paar Touristen auf einer längeren Tour ist.“

Timon runzelte die Stirn. War es möglich, dass er sich geirrt hatte? Hatte sie Eva vielleicht wirklich geholfen und das Mädchen nicht benutzt, um sich an ihn heranzumachen?

Aber das ändert nichts daran, dass sie auf einen reichen Ehemann aus ist, versicherte er sich. Schließlich hatte er im Hafen ihr Gespräch mit angehört.

„Siehst du, Onkel Timon? Du hast Kylie Unrecht getan!“, rief Eva triumphierend. „Erlaubst du jetzt, dass ich mit ihr schnorcheln gehe?“

„Also gut“, stimmte er schließlich widerstrebend zu. „Aber nur unter einer Bedingung: Ich komme mit.“

Tagsüber war die einsame Lage des Hauses auf der Landzunge wundervoll. Selbst in der Hauptsaison blieb es hier ruhig. Nur draußen auf dem Meer zogen Surfer ihre Bahnen, und weiße Boote tüpfelten das azurblaue Wasser.

Doch als jetzt die Schatten länger wurden und die Boote in ihre Häfen zurückkehrten, wurde Kylie die Einsamkeit bewusst. Sie lauschte dem Plätschern der Wellen. Hin und wieder schrie eine Möwe, sonst war alles ganz ruhig.

Keine Stimmen, keine Autos, nicht einmal das Bellen eines Hundes war zu hören. Bei dem Gedanken, dass weit und breit keine anderen Menschen lebten, erschauerte sie unwillkürlich und wickelte sich enger in ihre Strickjacke.

Um die Stille zu durchbrechen, schaltete sie das Radio ein und lauschte eine Weile der leisen, beruhigenden Stimme des Moderators. Dann kuschelte sie sich mit einem Buch in einen Lehnstuhl auf der Terrasse.

Die Sonne war gerade im Meer versunken, als sie das Motorengeräusch eines Autos hörte, dann knirschten Reifen auf dem Kies vor dem Haus. Kurz darauf näherten sich Schritte. Kylie schnappte nach Luft, als sie ihren breitschultrigen Besucher erkannte.

Ihr Herz raste, und ihr Atem ging schneller. Warum war er gekommen? Sie stand auf. Unwillkürlich fuhr sie mit beiden Händen glättend über ihre zerzausten blonden Haare.

„Entschuldigen Sie die Störung.“ Beim Klang der dunklen Stimme stellten sich die feinen Haare in ihrem Nacken auf. „Ich dachte, der Shop wäre noch geöffnet.“

„Der Shop ist auf der anderen Seite des Hauses“, entgegnete sie kühl, obwohl ihre Knie zitterten. „Das Schild ist nicht zu übersehen.“

„Ja, ich weiß, aber nachdem ich schon einmal hier war …“ Er nickte ihr kühl zu. „Ich habe mich heute Morgen nicht vorgestellt. Mein Name ist Timon Vangelis.“

„Und warum erzählen Sie mir das? Ich dachte, Sie wären davon überzeugt, dass ich genau weiß, wer Sie sind. Angeblich bin ich doch nur Ihretwegen hier auf der Insel.“

„Das war offenbar ein Irrtum.“ Timon räusperte sich. „Bitte entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit. Ich bin es gewohnt, dass Frauen mit den unglaublichsten Tricks versuchen, meine Bekanntschaft zu machen.“

Kylie konnte sehen, dass er es allerdings nicht gewohnt war, sich zu entschuldigen. „Sie haben mein tiefes Mitgefühl“, erwiderte sie ironisch. „Es muss wirklich entsetzlich sein, ständig von Frauen belästigt zu werden. Kein Wunder, dass Sie einen Gast Ihrer Nichte beleidigen und aus dem Haus werfen.“

„Wie gesagt, ich hatte mich wohl geirrt.“ Damit war das Thema für ihn offensichtlich erledigt. „Ich bin gekommen, um einen Schnorchelkurs bei Ihnen zu buchen.“

Kylie starrte ihn sprachlos an. „Meinen Sie das ernst?“

Er sah sie finster an. „Ich finde die Idee genauso lächerlich wie Sie. Aber meine Nichte besteht darauf, mit Ihnen schnorcheln zu gehen. Und natürlich lasse ich Eva nicht allein mit Ihnen hier ins Wasser, bevor ich mich nicht selbst von Ihren Fähigkeiten überzeugt habe. Also, wann können wir anfangen?“

Kylie ballte die Hände zu Fäusten. Das war der arroganteste Mensch, der ihr je begegnet war! Was würde er wohl dazu sagen, dass seine Nichte heute Morgen ohne Kylie fast ertrunken wäre?

„Ich kann es nicht glauben!“ Sie stemmte die Fäuste in die schmale Taille. „Sie beleidigen mich und werfen mich aus Ihren Haus, nachdem ich nichts Schlimmeres getan habe, als Ihrer Nichte zu helfen, und alles, was Sie dazu zu sagen haben, ist: ‚Ich habe mich wohl geirrt‘?“

Seine Mundwinkel zuckten, als würde er sich über sie amüsieren. „Falls Sie es schon vergessen haben, ich hatte mich entschuldigt“, erwiderte er ungerührt.

Dieser Mann machte Kylie so wütend wie noch niemand vor ihm. Am liebsten hätte sie ihm an den Kopf geworfen, was sie von ihm hielt, und ihn dann von ihrem Grundstück verwiesen. Auf einen Kunden wie ihn konnte die Tauchschule gut verzichten.

Doch dann dachte sie an Evas Skizzenblock voller Bilder von ihrem toten Vater und an die Traurigkeit in ihren großen dunklen Augen. Kylie erinnerte sich noch genau, wie verzweifelt und verlassen sie sich damals nach dem Tod der Eltern gefühlt hatte. Aber sie hatte wenigstens Megan gehabt. Sie biss sich auf die Lippen.

„Morgen früh um zehn“, erwiderte sie knapp.

„Zehn Uhr“, wiederholte Timon. Er nickte ihr zum Abschied zu, drehte sich um und ging.

Vor seinem Wagen blieb Timon stehen und schaute sich um. Inzwischen war es dunkel geworden. Im Haus gingen die Lichter an, aber dadurch wirkte die Dunkelheit noch undurchdringlicher.

Die Tauchschule lag ganz allein auf der schmalen Halbinsel. Der nächste Nachbar musste kilometerweit entfernt sein. Auf einer kleinen Insel wie Leros war Kriminalität normalerweise kein Problem, aber die Touristensaison zog alle möglichen Leute von außerhalb an.

Für einen Moment überlegte Timon, ob Kylie sich hier wohlfühlte so ganz allein.

Was geht es mich an, wie sie sich fühlt? rief er sich sofort zur Ordnung. Wieso dachte er überhaupt noch über sie nach?

Energisch stieg er in seinen Landrover und schlug die Tür zu. Rechts und links spritzte der Kies auf, als er mit quietschenden Reifen losfuhr. Auch wenn sie vielleicht nicht seinetwegen nach Leros gekommen war, war sie doch nur eine skrupellose Glücksjägerin auf der Suche nach einem reichen Ehemann.

Aber er würde ihr deutlich zeigen, dass sie bei ihm keine Chance hatte!

Er musste nur morgen den lästigen Schnorchelausflug hinter sich bringen. Danach würde er sie niemals wiedersehen.

Kylie wälzte sich schlaflos im Bett hin und her. Wo steckte Megan? Warum meldete sie sich nicht?

Bestimmt ist alles in bester Ordnung, versuchte sie, sich zu beruhigen. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Wenn irgendetwas passiert wäre, hätte ich schon längst etwas von der Küstenwache gehört.

Und doch – sie konnte ein dumpfes Unbehagen nicht abschütteln. Sie zuckte zusammen, als sie ein Klappern hörte.

„Nur ein Fensterladen“, sagte sie laut in die Dunkelheit, um sich Mut zu machen.

An der Brandung konnte sie hören, dass der Wind aufgefrischt hatte. Sicher hatte der Sturm irgendwo einen Fensterladen losgerissen. Wieder klapperte es draußen, dann klirrte etwas. Das Geräusch schien von der anderen Seite des Hauses zu kommen.

Für einen Moment überlegte sie, ob sie einfach die Decke über den Kopf ziehen sollte. Doch die Geräusche würden sie nur die ganze Nacht lang wach halten. Sie seufzte, knipste die Nachttischlampe an, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf.

Bei dem Gedanken, durch die Dunkelheit zu stolpern, erschauderte sie. Sei nicht albern! Sie war in diesem Haus aufgewachsen, hier hatte sie noch nie zuvor Angst gehabt. Es gab überhaupt keinen Grund, sich zu fürchten!

Entschlossen zog sie ihre Strickjacke an und ging zur Haustür. Sobald sie öffnete, empfing sie undurchdringliche Dunkelheit. Der Wind zerzauste ihre Haare, es roch nach Regen und Meer. Gerade, als sie eine Taschenlampe holen wollte, kam der Mond hinter den dicken schwarzen Wolken hervor.

Kylie atmete noch einmal tief durch, dann lief sie ums Haus herum zum Tauchshop. Auf den ersten Blick sah es so aus, als wären alle Fensterläden verschlossen. Sie rüttelte am ersten, doch er hielt. Neben der Tür lag ein zerbrochener Blumentopf.

„Das war also das Klirren“, murmelte sie und rüttelte an den anderen Fensterläden. Aber auch diese hielten.

Kylie schüttelte den Kopf. Woher war bloß das Klappern gekommen? Sie lauschte in die Dunkelheit, doch sie hörte nur das Brausen der Brandung. Sie zuckte mit den Schultern und eilte zurück ins Haus.

Es war schon spät, in wenigen Stunden würde die Sonne aufgehen, doch Kylie war zu aufgewühlt, um sich wieder ins Bett zu legen. In der Küche goss sie Milch in einen Topf und stellte den Herd an. Sobald die Milch heiß war, rührte sie Kakaopulver hinein, füllte eine Tasse mit dem duftenden Getränk und setzte sich mit hochgezogenen Beinen in einen der Korbsessel am Küchentisch.

Sie erstarrte. Durch das Rauschen des Meeres hörte sie nun ein leises Motorengeräusch. Aber die Straße war zu weit weg. Vielleicht trägt der starke Wind die Geräusche bis hierher, sagte sie sich.

Wie hielt Megan es hier nur ganz allein aus? Seltsam, dachte Kylie, früher fand ich es hier nie unheimlich. Und jetzt bin ich plötzlich so schreckhaft wie ein Mäuschen.

Sie stellte die leere Tasse auf den Tisch, stand auf, löschte die Lichter und legt sich wieder ins Bett.

Nach der unruhigen Nacht erwachte Kylie schon im Morgengrauen und freute sich auf ein ausgiebiges Frühstück. Diesen Morgen würde sie so verbringen, wie sie es am liebsten tat – im Bett, mit einer Tasse Kaffee, Spiegeleiern auf Toast und einem spannenden Buch.

Doch heute schmeckte das Toastbrot wie Pappkarton, und sie las dieselbe Seite schon zum vierten Mal. Immer wieder musste sie an den vor ihr liegenden Tag denken.

Sie sah auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis zum Termin mit Timon Vangelis und seiner Nichte! Schon bei dem Gedanken an ihn klopfte ihr Herz vor Ärger schneller, und ihre Handflächen wurden feucht.

Gestern Abend nach seinem Besuch hatte sie seinen Namen im Internet eingegeben und unzählige Fotos und Artikel über ihn gefunden. Fast konnte sie sogar verstehen, dass er so misstrauisch war. Jung, attraktiv, unverheiratet und unvorstellbar reich – Scharen von Frauen mussten auf der Jagd nach ihm und seinem Vermögen sein.

Aber das entschuldigte noch lange nicht, dass er sie beleidigt und aus seinem Haus geworfen hatte. Bei der Erinnerung stieg ihr das Blut in die Wangen.

Normalerweise war Timon Vangelis allerdings ganz und gar kein Frauenfeind. Im Gegenteil – er schien seine Beliebtheit beim anderen Geschlecht sehr zu genießen. Fast jedes Foto zeigte ihn mit einer anderen atemberaubenden Schönheit am Arm.

Kylie zwang sich, nicht länger über ihn nachzugrübeln. Eva zuliebe würde sie seine Anwesenheit mit professioneller Höflichkeit ertragen. Danach musste sie ihn hoffentlich nur noch aus der Ferne sehen.

Sie zuckte zusammen, als ihr Handy klingelte. Megan! dachte sie. Endlich! Das wurde aber auch Zeit!

Kylie sprang auf, lief zum Tisch und nahm das Telefon auf. Doch auf dem Display sah sie Matthews Namen. Sie ließ das Handy fallen, als hätte sie sich verbrannt. Sofort hob sie es wieder auf und schaltete es aus. Sie wollte seine Stimme nicht hören, nicht einmal auf der Mailbox. Sie wollte keine Erklärungen hören, keine Entschuldigungen. Keine Bitten, das Geschäft nicht zu ruinieren.

Langsam legte sie das Telefon zurück auf den Tisch. Verblüfft merkte sie, dass sie nicht traurig war, sondern vor allem wütend. Warum hat er nicht mit mir geredet? fragte sie sich. Warum hat er mich so schamlos belogen? Nicht nur er, sondern auch meine beste Freundin!

Sie hätte ihm verzeihen können, dass er sich in Bella verliebt hatte. Sogar, wenn er sie kurz vor der Hochzeit verlassen hätte.

Aber seine Lügen konnte sie ihm nicht verzeihen. Ohne zu zögern, hätte sie Bella und Matthew ihr Leben anvertraut, doch die beiden hatten sie gemeinsam hinter ihrem Rücken betrogen. Bei diesem Gedanken krampfte sich Kylies Herz zusammen. Nicht, weil Matthew die Liebe ihres Lebens war, das begriff sie in diesem Augenblick, sondern weil die beiden ihr Vertrauen missbraucht hatten.

Aber ich werde darüber hinwegkommen, dachte sie und wischte energisch die Tränen fort.

4. KAPITEL

Pünktlich um zehn Uhr hielt der weiße Landrover vor dem Haus. Durch die geöffnete Tür des Tauchshops sah Kylie Timon und Eva entgegen. Auf in den Kampf! sagte sie sich und holte noch einmal tief Luft.

Timon trug kakifarbene Bermudashorts und ein weißes kurzärmliges Hemd, das lose über den Hosenbund fiel. Eine dunkle Sonnenbrille verbarg seine Augen. Er wirkte kühl, selbstbewusst und trotz der lässigen Kleidung irgendwie mächtig und weltgewandt.

„Guten Morgen“, grüßte er Kylie knapp, während Eva sie gleich umarmte.

Kylie war überrascht, wie sehr sie sich freute, das Mädchen wiederzusehen. Wie schön wäre es, jetzt allein mit Eva schnorcheln zu gehen!

Sie unterdrückte ein Seufzen und nickte Timon knapp zu, dann deutete sie auf die Neoprenanzüge, die auf einem langen Kleiderständer hingen. „Stellen wir erst einmal Ihre Ausrüstung zusammen. Welche Größe brauchen Sie?“ Sie betrachtete ihn abschätzend.

Wahrscheinlich haben wir gar keinen Anzug, der groß genug ist für ihn, schoss ihr beim Anblick seiner langen, athletischen Beine und der muskulösen Brust durch den Kopf. Hastig wandte sie den Blick von den seidigen schwarzen Härchen in seinem Ausschnitt ab.

Um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie wahllos einen Anzug vom Bügel. Als sie merkte, dass sie ein Exemplar für Damen erwischt hatte, hängte sie ihn rasch wieder zurück.

Timon schaute sich langsam im Laden um. Ohne sie anzusehen, erwiderte er: „Danke, wir haben unsere eigene Ausrüstung im Wagen.“

Er hatte gehofft, im letzten Moment noch einen Grund zu finden, den Ausflug abzusagen, aber gegen seinen Willen war er positiv überrascht. Auf den ersten Blick wirkte alles in der Tauchschule sehr gepflegt und sauber. Die Wand hinter der Kasse war mit Fotos von offenbar zufriedenen Kunden und bunten Postkarten mit Grüßen aus aller Welt bedeckt.

„Ausgezeichnet. Dann holen Sie am besten Ihre Sachen aus dem Auto und ziehen sich um, damit wir losfahren können.“ Kylie hörte selbst, wie streng ihre Stimme klang. Deshalb bemühte sie sich um ein freundliches Lächeln. Als sie Eva anschaute, hellte sich ihre Miene von ganz allein auf. „Ich habe uns für heute eine besonders schöne Ecke ausgesucht. Dort bin ich früher als Kind selbst oft tauchen gewesen.“ Mit meinen Eltern, ergänzte sie im Stillen.

„Wie alt warst du, als du mit dem Tauchen angefangen hast?“, fragte Eva.

Kylie schmunzelte und zuckte mit den Schultern. „Das kann ich gar nicht sagen. Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir so vor, als wäre ich im Wasser aufgewachsen.“

„Siehst du, Onkel Timon?“, rief Eva aufgeregt. „Ich bin überhaupt nicht zu jung. Kylie war viel jünger, als sie tauchen gelernt hat!“

Bevor Timon antworten konnte, schüttelte Kylie rasch den Kopf. „Das kannst du nicht vergleichen. Meine Schwester und ich sind auf einem Boot im Indischen Ozean großgeworden. Meine Eltern waren Meeresbiologen“, setzte sie erklärend hinzu.

„Auf einem Boot! Cool!“, staunte Eva. „Wie seid ihr denn zur Schule gegangen?“

„Anfangs haben uns unsere Eltern selbst unterrichtet, später sind wir dann hierher nach Leros gezogen“, antwortete sie.

Auch wenn die Sonnenbrille Timons Augen verbarg, konnte sie spüren, dass er sie beobachtete. Plötzlich kam ihr der große Raum erstickend eng vor. Hastig wechselte sie das Thema. „Hast du denn schon mal geschnorchelt?“, fragte sie Eva.

Das Mädchen nickte. „Schon öfter.“

Kylie lächelte. „Du wirst heute eine Menge Spaß haben. Wir werden viele Fische sehen, das verspreche ich dir. Vielleicht haben wir sogar Glück und treffen auf Delfine.“

Timon war gegen seinen Willen dankbar, wie mühelos Kylie die Situation gerettet hatte, bevor es zu einer Auseinandersetzung gekommen war. Überrascht stellte er plötzlich fest, dass er gern mehr über sie erfahren hätte.

Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Er wusste alles, was es über diese Frau zu wissen gab! Von ihrer Sorte war eine wie die andere.

„Mein Schiff liegt im Hafen bereit“, sagte er kühl. „Wir fahren zum großen Riff vor der Westküste.“

Wie eine Stichflamme schoss Wut durch Kylies Körper. Sie presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch, bevor sie antwortete. „Das ist auf jeden Fall ein sehr schöner Platz zum Schnorcheln“, erwiderte sie freundlich. „Aber ich habe für heute geplant, zum Liapades-Riff zu fahren. Dort gibt es kaum Strömungen, und in der geschützten Bucht ist das Wasser etwas wärmer. Wir nehmen mein Boot und starten direkt von hier aus.“ Obwohl sie vor Ärger über seine Arroganz zitterte, klang ihre Stimme beherrscht.

Timon hob die Brauen, als wäre er über ihren Widerspruch eher überrascht als ärgerlich. „Über den Tauchplatz können wir reden, aber wir fahren mit meinem Boot“, erklärte er, als wäre die Sache damit erledigt.

Kylie schüttelte den Kopf. Dieser Mann war es offensichtlich gewohnt, seine Wünsche durchzusetzen, aber sie würde sich von ihm nicht einschüchtern lassen!

„Sie haben bei mir gebucht, und ich organisiere diese Tour. Falls Sie damit nicht einverstanden sind, können Sie jederzeit gern von der Buchung zurücktreten.“

„Onkel Timon!“ Eva stieß ihn leicht in die Rippen. „Ich habe mich schon so gefreut!“

Seine Lippen wurden schmal. Für einen Moment sah er aus, als wollte er Kylies Angebot annehmen, doch dann nickte er knapp. „Ich hole unsere Ausrüstung.“

Kaum hatte er den Shop verlassen, zwinkerte Eva Kylie zu. „Siehst du? Er meint es gar nicht so.“

Das bezweifelte Kylie sehr, aber sie lächelte nur unverbindlich.

Das stille Meer glitzerte in der Morgensonne. Nur wenige schneeweiße Wölkchen zogen über den blauen Himmel.

„Das Wetter ist perfekt zum Schnorcheln“, erklärte Kylie, als sie in das kleine Boot stiegen.

Selbstbewusst löste Timon die Leinen, dann sprang er geschmeidig an Bord. Kylie spürte, wie bei dem Anblick ihr Magen hüpfte. Sie versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu ignorieren und wandte den Blick schnell ab.

Männer wie Timon Vangelis waren eigentlich ganz und gar nicht ihr Typ, aber zum ersten Mal konnte sie verstehen, worauf ihre Anziehungskraft beruhte. Fasziniert nahm sie die Aura männlicher Kraft wahr, die er aus jeder Pore verströmte.

Sie musste zugeben, dass seine düstere Attraktivität umwerfend war. Er hatte den federnden Gang eines Athleten, sein Kinn zierte ein dunkler Dreitagebart, das schwarze Haar war zerzaust. Doch Kylie kannte diesen Typ. Um Timon einschätzen zu können, hätte sie gar nicht die Artikel im Internet über ihn lesen müssen.

Erheitert schmunzelte sie in sich hinein, als sie daran dachte, wie viele Frauen alles dafür geben würden, jetzt an ihrer Stelle zu sein. Sie dagegen wünschte sich nur, diesen Tag endlich hinter sich zu bringen.

Sie startete das Boot, und mit einem leichten Stottern sprang der Motor an. Kylie brauchte weder Karte noch Kompass. Die Gewässer um die Insel herum hätte sie mit geschlossenen Augen durchfahren können.

Sie fuhren weiter hinaus, und das Wasser unter ihnen wurde dunkler und undurchdringlich. Tief atmete Kylie die salzige Luft ein. Sie wunderte sich, wie sehr zu Hause sie sich hier fühlte, so als wäre sie niemals fort gewesen.

Von Zeit zu Zeit machte sie Eva auf etwas Interessantes aufmerksam, auf einen Schwarm fliegender Fische, eine kleine unbewohnte Insel, oder sie erzählte eine alte Legende, die sie als Kind von den Fischern gehört hatte.

Timon schwieg während der ganzen Fahrt, aber sie konnte den sengenden Blick seiner schwarzen Augen auf sich spüren.

Schließlich fuhr sie langsamer und steuerte das Ufer an, bis sie mit einer eleganten Wendung in einer kleinen halbrunden Bucht hielt, den Motor ausschaltete und den Anker warf. In den Dünen stand das nackte Betongerüst einer verlassenen Hotelruine, ansonsten war der Strand verlassen.

Das Wasser war so klar, dass der Schatten des Bootes auf dem Grund zu sehen war, doch einige Meter hinter ihnen fiel der Meeresboden am Riff steil ab und verschwand in unendlicher blauer Dunkelheit.

„Wir sind da!“, verkündete Kylie.

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